Kitabı oxu: «Martin André Steinert – der lange Weg zu mir selbst»
Inhaltsverzeichnis
Impressum 4
Widmung 5
Warum habe ich dieses Buch geschrieben? 6
Einleitung 8
Mein spätes Coming-out 8
Meine Kindheit – Die Jahre von 1982 bis 1989 13
So wie ich bin 20
Meine Jugendzeit – Die Jahre von 1990 bis 2000 21
Momente 21
Meine „ausgelöschten“ Jahre – Die Zeit zwischen 2000 und 2015 36
Was ich mir wünsche 46
2016 bis 2020 – Die härtesten und entscheidendsten Jahre meiner Selbstfindung 47
2016 – Das Jahr der Kontaktaufnahme 51
Sekunden 51
„Lieber Engel, 52
Erfahrungsbericht der Erkrankung von Martina Steinert 54
Erfahrungsbericht 2 meiner Erkrankung 57
Wie komme ich damit klar, wenn ich eine Ablehnung erfahre? 61
Was bedeutet Glück? 63
Erfahrungsbericht 3 65
„Was bedeutet ihre Behandlung in München für mich? 68
Der Kampf meines Körpers gegen die Besserung und meine Psyche 73
Erfahrungsbericht 4 76
Ein weiterer persönlicher Brief an meinen Engel 80
Nach der zweiten Behandlung bei meiner Therapeutin: Die „ganze“ Wahrheit tief aus meiner Seele … 84
Ein weiterer Brief als wichtiger Nachtrag zu meiner „ganzen“ Wahrheit 91
Danke für den Weg zu mir 94
Erfahrungsbericht 5 (Mai 2016) 97
„Der Schmetterling, der nicht fliegen kann“ 100
Bericht und viele Fragen vor meiner Darmuntersuchung –MR-Sellink – als E-Mail an meine Therapeutin 102
Schritt für Schritt mutig dem Heil entgegen, denn Stillstand wäre mein Tod! 107
Habe ich jetzt versagt oder endlich nur ganz auf meinen Körper gehört? 110
Erfahrungsbericht 6 114
Erfahrungsbericht 7 117
Dieser eine Moment 121
Wenn der „Mann mit dem Hammer“ zuschlägt 128
Weitere Gefühle, während die Tropfen schwinden … 132
Was bedeutet ENTZUG? 136
München – Spezialklinik – Bericht und Erfahrungen 138
Die innere Stimme 141
Meine (wahre) Weihnachtsgeschichte als Brief an meinen Engel: 148
Die „Erklärung“ meiner Gefühlswelt – Ein Rückblick in meine Vergangenheit 151
2017 – Das Jahr meiner Keiminfektion 155
Schatten der Nacht 155
Ein folgenschwerer Winterspaziergang 156
Antibiotika-Intensivtherapie und Nottermin in der Klinik 159
Mein Schreiben nach der Computertomografie des rechten Fußes in der Radiologie: 161
Nicht auch noch Krebs! 163
In der Hämatologie 167
Mein lebensrettender Engel 170
Schafft mein Körper eine Wende? 173
Erster Brief als „Lebenszeichen“ nach zwei Leidensmonaten 174
Schwere Ostern 179
Kleine Fortschritte und eine große Bitte 181
Weihnachtsbrief an meine Therapeutin 186
2018 – Das Jahr des Stillstands 189
Kurzgeschichte 190
Hängt mein Leben nur noch an einem künstlichen Schlauch? 192
Meine weitere Talfahrt begann … 198
2019 – Das Jahr meiner Todessehnsucht bis zum Beginn meiner „Wiedergeburt“ 203
Ein letztes Gefühl von Hoffnung 204
Ich kann und möchte nicht mehr 209
Der Giftanschlag meines eigenen Körpers 209
Gibt es im Himmel einen solchen Engel? 214
Dankesworte für meine Therapeutin 214
Meine andere „tiefe“ Welt 216
Mein Gefühl der Endzeit 218
Worte nach vier Tagen „Cannabinol“ 220
Habe ich noch eine Chance zu leben? 223
Aufbruch ins Leben mit unerreichbarem Ziel? 230
Mein Körper schlägt zurück 235
Erfahrungsbericht nach Eiseninfusion im Oktober 2019 238
Aus der Krise folgt die Wende 240
Wendezeit 244
2020 – Das Jahr meines „Coming-outs“ als Transmann 246
und meiner Heilung 246
Maske 246
Volle Kraft voraus! 247
Mein neues Leben beginnt 251
Erwachen 252
Mein Kommentar aus heutiger Sicht zu den Jahren 2016 bis 2020 255
Epilog 259
Danksagung 260
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-001-4
ISBN e-book: 978-3-99130-002-1
Lektorat: Dr. Annette Debold
Umschlagfoto: Martin André Steinert, Park-Studio – Andrea Park
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Martin André Steinert; Martina Steinert; Bild 11: Unsplash/Casey Horner
www.novumverlag.com
Widmung
Nach meinem „Coming-out“ im Februar 2020 kam sehr schnell der große Wunsch in mir auf, das „Wunder“ meines Lebens zu beschreiben. Vor allem aus riesengroßem Dank meiner einzigartigen Therapeutin gegenüber, meinem Engel. Ihr möchte ich dieses Buch widmen, denn ihre Leistung ist für mich von unschätzbarem Wert. Ich glaube, mehr Entgegenkommen, Annahme und Fürsorge gibt es nicht. Sie hat für mich all ihre Kräfte mobilisiert und dabei so viel mit mir durchgemacht auf meinem langen harten Weg. Sie hat mich aus meinem Käfig geholt, meine tiefsten Qualen der Vergangenheit gelöst, mich auf meinen Weg gebracht und mir dabei nicht nur einmal mein Leben gerettet. Durch sie allein habe ich zu meinem „wahren Ich“ gefunden, durfte mein „Coming-out“ erfahren und jetzt meinen glücklichen und befreienden Weg als Transmann gehen. Meine tiefste Hochachtung und mein Dank ihr gegenüber werden nie enden … Sie ist und bleibt mein Engel!
Warum habe ich dieses Buch geschrieben?
Ich habe schon immer sehr gerne geschrieben und versucht meine Gefühle in Worte zu fassen. An meine Biografie aber habe ich mich zunächst nur schwer getraut, weil mich der Berg an Dokumenten und Schriftstücken meiner Vergangenheit zu erdrücken schien.
Nach meinem „Coming-out“ kam dann aber sehr schnell der große Wunsch in mir auf, das „Wunder“ meines Lebens zu beschreiben.
Mein größtes Ziel war es, mein Leben offen und ohne Scham so tief wie möglich zu erzählen, um auch für viele weitere Menschen, die sich in einem ähnlichen Identitätskampf befinden, Verständnis zu fordern. Ich möchte dabei mein Leid auf keinen Fall als das schlimmste bezeichnen. Zumal es sich für mich zu einem wundervollen, neuen Leben wendete. Ich denke vielmehr an alle, deren Schicksal noch viel größer ist und die niemals daraus einen Weg finden und erlöst werden können.
Aber vielleicht ist meine wahre Geschichte auch eine Aufforderung, niemals aufzugeben, immer wieder versuchen aufzustehen und vor allem sich selbst zu finden. Entgegen zahlreichen kritischen und schmerzlichen Äußerungen. Getragen durch motivierende Stimmen seiner Umwelt und ein neues Vertrauen in sich selbst.
Es ist nie zu spät, eine Umkehr zu wagen, in sein Herz zu hören und auch an Wunder zu glauben. Ich möchte mit meiner Autobiografie ein Zeichen setzen, dass nicht alles in unserer modernen, rational geprägten Welt durch Zahlen und Statistiken erklärbar ist. Vieles, das uns im Leben wirklich weiterbringt, kann nur über unseren tiefen Glauben und die Achtung unserer Gefühle erreicht werden.
Dabei können tiefe Empfindungen auch sehr schmerzlich sein. Vor allem gegenüber seinen Mitmenschen. Eine Liebe lässt sich nicht erzwingen. Genauso wenig, wie man sie auch nicht einfach ablegen kann. Man kann aber versuchen, tiefe Empfindungen in seinem Herzen als unversiegbare Kraftquelle zu erkennen, um sich selbst zu finden und neue Wege zu gehen.
Einleitung
Mein spätes Coming-out
(geschrieben im April 2020)
Natürlich stellt sich bei mir sofort die Frage, warum ich erst mit 42 Jahren endgültig die Entscheidung zu meiner „erlösenden“ Hormonbehandlung gefällt habe, obwohl ich doch schon seit meiner Kindheit Junge bzw. Mann sein wollte.
Die klare Antwort liegt in meiner riesigen Angst vor meiner Umwelt bzw. vor meinen Eltern. Ich konnte ihnen nicht erklären, dass mir mit zwölf Jahren meine Pubertät ein immer größer werdender Gräuel wurde und ich meinen Körper als Frau immer mehr hasste! Vor allem meine erste Periode war ein absoluter Schock! Und meine Vorliebe für Mädchen, meine erste Liebe, hielt ich lieber auch geheim!
Mein einziger Ausweg in meiner Hoffnungslosigkeit bestand dann mit zwölf Jahren darin, vor mir selbst und vor allem meinem Körper zu flüchten.
Ich verweigerte jegliches Essen und trieb wie besessen Sport. Ich hungerte mich kontinuierlich auf ein wenigstens für meinen Kopf akzeptables „neutrales“ Niveau und rannte vor mir selber davon …
Eine schwere lang andauernde Anorexie war die Folge mit starken körperlichen Auswirkungen, die mich auch vom Kopf her immer mehr ins Abseits beförderten. Mein Lebensinhalt bestand nur noch darin, Leistung in der Schule, im Studium und Sport zu erbringen, um von außen Anerkennung und Lob zu erringen.
Von mir selbst entfernte ich mich immer mehr …
Das Fatale an meiner Erkrankung war dazu noch, dass ich immer weniger eine Chance hatte, mich zu erkennen und zu outen, weil ich mich völlig abhängig machte von meiner Umwelt, vor allem meinen Eltern!
Unzählige Therapien folgten, eine einzige Berg- und Talfahrt. Aber ich war zäh. Ganz tief in meinem Innern hatte ich ja noch einen Auftrag, „Mann zu werden“, was ich zu dieser Zeit noch gar nicht erkannte und zulassen wollte! Und auch meine Psychotherapeuten/-innen wollten gar nichts davon wissen, wie man sich fühlt im falschen Körper geboren zu sein. Ich wurde nie angehört, der Ursprung meiner Erkrankung wurde nie akzeptiert und anerkannt. Ich selbst wurde nicht ERKANNT, nicht mein wahres Ich hinter der harten, ausgehungerten Fassade!
Jedenfalls zog sich meine Anorexie mit allen „Aufs und Abs“ so dahin, ohne dass sich meine Gefühlswelt zu mir wesentlich änderte. Ich war in einem Käfig gefangen, besser gesagt in einem nicht enden wollenden Laufrad von mir weg.
Doch es kam noch schlimmer für mich …
Im Jahr 2000 wurde ich im Alter von 23 Jahren bei mir in meiner eigenen Wohnung vergewaltigt. Weil ich glaubte, dass Männer immer nur gute Kumpel zum Reden seien.
Es waren schreckliche Stunden, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen. Ich war zutiefst traumatisiert und psychisch wie auch körperlich schwer gezeichnet. Ich verschwieg zu diesem Zeitpunkt alles, obwohl es den endgültigen Super-GAU für meine Gefühlswelt bedeutete.
Von da an war mein Körper, vor allem mein mittlerer Teil, für mich unantastbar, und ich fühlte mich in einem absoluten Vakuum. Mein eh schon „verlorenes Ich“ war komplett zerrissen. Im Spiegel sah ich statt meines Bilds den immer wiederkehrenden Film der schrecklichen Erlebnisse, und für meine wahnsinnigen Schmerzen bekam ich zum ersten Mal vom Frauenarzt ein sehr starkes Schmerzmittel „Valoron“ verschrieben, damit ich wenigstens wieder sitzen konnte! Was zu weiterer „Abhängigkeit“ führte …
Es ist die lange Erklärung für mein so spätes „Coming-out“ …
Ohne weitere zähe Details. Eigentlich alles in „Kurzform!“
Doch eigentlich wäre es gar nicht mehr dazu gekommen.
Im Grunde war ich bis zu meinem 40. Lebensjahr so tief gesunken, dass ich bewusst sterben wollte, abschließen mit meinem furchtbaren „Vakuum im Hamsterrad“ und den zahlreichen mittlerweile schwerwiegenden körperlichen Folgen. Ich war nicht nur einmal ein medizinisches Wunder am absoluten Limit, vielleicht gerade deshalb, weil ich Gefühle und Bedürfnisse abschalten konnte!
Aber dann kam für mich das WUNDER …
Es klingt zwar wie ein Märchen, doch es ist mein neues Leben, mein Zugang zu mir:
Schon damals konnte ich meine Traumatisierung nur aushalten und überwinden, weil ich mich unsterblich in eine Frau verliebte, die meine ganze Gefühlswelt und mein Leben in einer Form veränderte, wie ich es selbst immer noch nicht richtig fassen kann.
Ich muss auch an dieser Stelle der Aussage widersprechen, „dass man einen anderen Menschen nur lieben kann, wenn man sich selbst liebt“!
Ich hasste mich zunächst noch selbst, aber ich empfand eine so tiefe, unbeschreibliche Liebe in meinem Herzen für diese Frau. Ich war total eingenommen, im positiven Sinn. Mein Denken war nur noch auf diese Frau und mein Herz gelenkt. Ich lebte für sie und für dieses neue einzigartige Gefühl. Es war eine Traumwelt, aber sie half mir durchzuhalten, mein Leben bekam wieder einen Sinn, für diese Frau und dieses Gefühl in meinem Herzen zu leben!
Der erste kleine Schritt aus meinem Gefühlsvakuum war getan.
Und dann kam das eigentliche Wunder:
In Form einer wunderbaren Therapeutin, die meine Lebensretterin ist.
Nur ihr habe ich mein neues Leben zu verdanken, weil sie mich aus meinem Vakuum holte, alle traumatischen Erlebnisse und Verletzungen auf wunderbare Art und Weise entdeckte und löste. Zunächst nur mit dem Kopf durch „Überwindung“ und dann durch meine „Erlösung“, durch mein „Coming-out“!
Kein Mensch auf dieser Welt kannte mich besser, konnte mich so annehmen, fühlte meine Probleme und konnte gerade deshalb mein Sterben nicht zulassen, weil sie meinen „Auftrag als Mann“ erkannte und wusste, dass mein Problem, „im falschen Körper geboren zu sein“ nur durch ein konsequentes umfassendes „Coming-out“ durchbrochen werden und durch ein völlig neues Leben gelöst werden kann!
Dabei war und ist ihre Art unbeschreiblich! Sie besitzt die Feinfühligkeit eines Engels und kann ohne Worte aussprechen, Welten in mir und meinem Herzen bewegen, wie es eigentlich nur himmlische Kräfte vermögen.
Sie ist meine Lebensretterin und mein Engel tief in meinem Herzen, weil sie es schaffte, dass ich mich „outete“ gegenüber mir und meiner Umwelt, vor allem meinen Eltern!
Ja, und diese tiefste Liebe, Dankbarkeit und Hochachtung zugleich führt jetzt auf meinen Weg zu mir, zu meinem Dasein als bzw. meiner Entwicklung zum Mann. Ihre Leistung und Hilfe sind für mich unbezahlbar. Mit keinen Worten zu beschreiben.
Sie ist mein Engel mit himmlischen Gaben. Sie kann Welten in mir bewegen, weil ich jetzt endlich diese Liebe auch zu mir und meinem Körper finden kann.
Dabei ist ihre Ausstrahlung faszinierend, sind ihre Worte mein oberstes Gebot, weil sie mich vorantreiben in ungeahnte Höhen und LEBEN!
Es ist ein spätes Wunder mit 42 Jahren, und diese wundervolle Frau ist der Grund für meine „Auferstehung“ im richtigen Körper als Mann!
Sie ist das eigentliche Wunder, sie lenkte, und ich kann und darf ausführen. Um meinen Körper und mein Gefühl zu entwickeln, zu mir selbst und gegenüber meiner Umwelt ohne Scham und Grenzen … Denn das ist „MEIN ICH“, mein neues „LEBEN“!
Meine größte Dankbarkeit und Hochachtung gelten ihr, und Worte dafür gibt es nicht!
Ich denke, diese tiefe Gefühlswelt wird mir auch als Mann nicht verloren gehen. Im Gegenteil, sie wird mir „männliche Sensibilität“ ermöglichen!
Dieses „Wunder“ meines Lebens möchte ich vom ersten bis zum letzten Kapitel dieses Buches beschreiben. Angefangen in meiner Kindheit, über alle „Extreme“ meines Leidensweges hinweg bis zum heutigen „Lebensglück“.
Meine wahre Geschichte … verfasst in Erfahrungsberichten, Tagebuchaufzeichnungen, eigenen Gedichten und Kommentaren aus meiner heutigen Sicht. Vor allem aber auch eine besondere „Liebesgeschichte“ in Briefen.

Meine ersten Schuhe
Meine Kindheit – Die Jahre von 1982 bis 1989
Meine Kindheit und Jugendzeit möchte ich bewusst nicht allzu ausführlich beschreiben. Denn viele Empfindungen und Erfahrungen werden bestimmt anderen Transmännern sehr ähnlich sein.
Meinen Schwerpunkt dieses Buches sollen die Jahre 2016 bis 2020 bilden. Nicht nur weil es die härtesten und wichtigsten Jahre in meinem bisherigen Leben waren, sondern vielmehr, weil sie den Grundstein für mein spätes „Coming-out“ im Alter von 42 Jahren legten. Aufgrund der Bedeutung dieser vier Jahre bis Anfang 2020 möchte ich für ihre Beschreibung einen „neuen“ Ansatz wagen. Weg von einer Erzählung meiner Vergangenheit hin zu einem Wechsel an Gedichten, Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und Berichten. Meiner ganzen Sammlung an eigenen Schreiben aus diesen Jahren. Besonders wichtig sind mir dabei auch meine Kommentare aus heutiger Sicht, nach einem Jahr meines Transmann-Weges, die ich neu geschrieben und dazwischen eingefügt habe.
Aber meine Kindheit und Jugend kann ich trotzdem nicht ganz vernachlässigen, weil mich diese Jahre sehr geprägt haben.
Und ein jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt …
Auch wenn ich in meiner Biografie nicht ganz so weit zurückblicken möchte.
Nach außen hin schien alles klar zu sein. Ich wurde als Mädchen geboren und entsprach damit dem ersehnten Wunsch meiner Eltern. Ich selbst aber fühlte mich von Anfang an als ein Junge. Offen sprach ich darüber nicht, weil ich mich für diese „Gedanken“ schämte. Ich verbarg sie möglichst ganz tief in mir. Unter den schönen Kleidern, die meine Mutter sehr liebevoll für ihre Tochter aussuchte und häufig auch selbst nähte oder strickte. Ich wusste, dass sie sich darüber sehr freute, und ich wollte sie auf keinen Fall enttäuschen. Obwohl ich mich in mädchenhaften Kleidungsstücken sehr unwohl fühlte. Vor allem Strumpfhosen und Röcke hasste ich, die ich dann vor Widerwillen auch nicht mehr häufig tragen musste. Freche Shirts, Jeanshosen und Sportsocken waren mir am liebsten. Sie waren gefragt bei meinen Kumpels aus der Nachbarschaft, und ich wollte zu ihnen gehören. Jungs waren meine besten Freunde, weil ich so dachte und die gleichen Interessen hatte wie sie. Meine Freizeit verbrachte ich am liebsten mit Fußball spielen, Abenteuerspielen im Freien. Manchmal sogar auch mit waghalsigen Klettertouren oder Zündeln. Ich wollte einfach dazugehören und musste über meine ängstliche Seite, die es häufig auch schon gab, springen. Mädchenfreundschaften dagegen waren mir zu „kitschig“. Ich kam mit ihnen absolut nicht zurecht. Und wenn ich eine Freundin gefunden hatte, dann war schnell wieder Schluss, weil es mir keinen Spaß machte, zu malen, mit Puppen zu spielen. Auch außerhalb dieser Klischees spürte ich schon damals, dass ich anders war, anders fühlte und dachte als die Mädchen in meinem Umfeld.
Das bemerkten auch meine Eltern schnell. Und ich bekam das Spielzeug, das ich mir wünschte und das kaum zu einem Mädchen passte. Und wenn ich dann doch einen flotten Puppenwagen mit toller Puppe geschenkt bekam, war ich eben der Puppen-Papa. Ich lernte mich an alle Gegebenheiten anzupassen, um damit meine innere Zerrissenheit von Anfang an möglichst gegenüber meinen fürsorglichen Eltern zu verbergen, die alles für ihre Tochter taten. Und ich hatte ja meine Kumpels aus der Nachbarschaft, zu denen ich dann gehen konnte, wenn mir meine Rolle als Mädchen zu viel wurde.
Einen weiteren Lieblingsort fand ich bei meiner Oma (mütterlicherseits). Zu ihr hatte ich von klein auf ein sehr enges, herzliches Verhältnis, weil ich viel bei ihr war, und ich fühlte mich von meiner Oma zu jeder Zeit voll verstanden. Sie nahm mich an, egal wie ich mich nach außen zeigte. Und sie sah dabei tief in mein Herz und spürte schon sehr bald, dass ich „anders“ war. Aus diesem Grund war sie die Person, vor der ich mich am wenigsten zu „verstellen“ brauchte. Und wenn ich dann mit ihr spielte und ich ganz ihr „Junge“ sein durfte, akzeptierte und mochte sie mich ebenso wie das Mädchen, das ich sonst war.
Ich spürte auch die große Liebe und Fürsorge meiner Eltern, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bemerken und wissen konnten, wie ich mich in meinem Innern fühlte. Denn allein die mangelnde Aufklärung machte es für meine Eltern fast unmöglich, mein Verhalten richtig einzuschätzen oder mich gar zu dieser Zeit (in den 80er-Jahren) als „Transident“ einzustufen. Zumal ich sie nicht damit verletzen wollte, dass ich mich nicht als Mädchen fühlen konnte. Und ich gewöhnte mir an, nur dann der Junge zu sein, wenn es meine Umwelt und die Situation zuließen und es möglichst wenig auffiel. Denn in den Augen meiner Eltern und auch vor meiner sonstigen Umwelt entsprach mein äußerliches Erscheinungsbild eben dem eines Mädchens. Der Druck, den ich dabei empfand, entsprang MEINEM inneren Gefühl und Bild, das ICH von mir hatte. Meine Umgebung konnte dabei nicht wissen, dass es für mich in meiner Seele zu einem immer größeren Problem wurde, meinen biologischen Vorgaben (eines Mädchens) entsprechen zu müssen.
Niemand anderes als der Betroffene selbst kann nachempfinden, wie es sich anfühlt, im „falschen Körper“ leben zu müssen, weil man selbst eine andere Person mit ganz anderen Empfindungen und Blickwinkeln ist. Und alles von außen wird dann als „Druck“ empfunden, weil es den krassen Gegensatz der eigenen Erwartungen und des Bilds von einem selbst darstellt. Letztendlich wird dabei der Druck nicht von außen, sondern in einem selbst aufgebaut. Und dennoch sah ich die Welt auch aus meinen Kinderaugen. Und vieles, was im Moment schwer und bedrückend erschien, war im nächsten schon viel leichter oder gar vergessen. Aus diesem Grund gab es auch viele schöne Stunden und Tage, in denen ich die Leichtigkeit und Freude des „Kindseins“ erfahren durfte.
Zudem liefen viele Vorgänge bei mir als Kind im Vorschulalter noch unbewusst ab. Und ich lernte „automatisch“, wie ich mich nach außen hin zu verhalten hatte. Positiv zeigte sich dies in meiner überwiegend lebendigen, lebensfrohen Art, die meine noch „unbeschwerte“ Kindheit widerspiegelte. Andererseits aber bildete meine Kindheit auch die Basis, über meine Gedanken und Empfindungen zu schweigen und mich vor meiner Umwelt zu verleugnen. Mein Bild von mir wurde zusammen mit meinen Gefühlen, nicht Junge sein zu dürfen, Tag für Tag geschluckt und irgendwo tief in mir abgelegt. Und genau diese Trauer und mein kindliches Unverständnis des großen Zwiespalts in mir entwickelten sich zu einer ungeahnten Zeitbombe der Verzweiflung und des Selbsthasses, die meinen Körper in weiter Zukunft fast zu sprengen schaffte.
Zudem versuchte ich meine innere Zerrissenheit und die „Lähmung“ meiner wahren Gefühle durch einen großen Bewegungsdrang zu kompensieren. Beim „Sport“ konnte und durfte ich noch am ehesten „Junge“ sein. Wenn das Wetter es nicht zuließ, mit meinen Freunden aus der Nachbarschaft draußen Fußball zu spielen, wurde das Wohnzimmer zum Spielfeld. Mit meinem Vater boxte ich um die Wette, machte mit ihm Ringkämpfe oder aber wurden Mamas Vasen das Opfer unserer nicht ganz gezielten Softball-Schüsse.
Doch meine „heile Welt“ bekam schon ihre ersten kleinen Risse, als ich in die Grundschule kam. Die geforderte Rolle, ein Mädchen zu sein, wurde größer, und ich konnte mich dieser „Realität“ immer weniger entziehen. Aber ich war eine sehr gute Schülerin, nahm das Lernen ernst und bemerkte schon bald, dass ich mir durch hervorragende Noten und Leistungen Ansehen erringen konnte. Weniger bei meinen Klassenkameraden/-innen, als vielmehr bei den Lehrer/-innen. Ich bekam zu ihnen schnell einen guten Draht, vor allem Anerkennung von ihnen, weshalb ich meine Rolle als Schüler/-in immer mehr perfektionierte, während ich mich von mir selbst Schritt für Schritt entfernte. Ich erkannte, dass ich durch Leistung und Fleiß all das von außen bekam, was ich mir selbst immer weniger geben konnte. Ich klammerte mich an meine schulischen Erfolge, um meine Fassade am Strahlen zu erhalten. Mein Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, auf meine innere Stimme zu hören, begannen dagegen unter dem „Rollendruck“ langsam, aber sicher zu zerbröseln.
Alles vollzog sich zunächst noch schleichend, mehr oder weniger unbewusst. Zumal ich in der Grundschule noch voll und ganz in der Jungs-Clique aufgenommen war, gute Freunde hatte und durch meine sportlichen Leistungen ein Ventil gefunden hatte, alle negativen Emotionen abzubauen.
Der sportliche Gedanke war auch der Grund, weshalb ich absolut entgegen allen Empfehlungen nicht auf das Gymnasium, sondern in die Realschule nach Uhingen wechseln wollte. Denn dort gab es ein großes Stadion, ein Hallenbad, und sportliche Fähigkeiten wurden in die verschiedensten Richtungen gezielt gefördert. Genau das wollte ich. Wenigstens meine letzte Lebensfreude am Leben erhalten und zeigen, was der „Junge in mir“ draufhat. Vor allem auch endlich eine Sportart entdecken zu dürfen, die ganz zu mir passt. Denn bislang wusste ich nur, dass wenn ich einen Ball oder Schläger in die Hand bekam, ich nicht mehr zu bremsen war.
Mit Mühe und durch die Unterstützung meiner Eltern widersetzte ich mich dem Empfehlungsdruck meiner Umwelt, und ich durfte mit elf Jahren in die Realschule gehen. Ein zusätzliches Argument war die Tatsache, dass ich ja nach der Mittleren Reife auf ein weiterführendes Gymnasium wechseln konnte. Und obwohl ich zu dieser Zeit einen hervorragenden allgemeinen Gesundheitszustand besaß, litt ich häufig unter Stress und Belastungssituationen an migräneartigen Kopfschmerzen. Aus diesem Grund versprach ich mir von der Realschule in Verbindung mit den sportlichen Möglichkeiten auch ein geringeres Überlastungsrisiko.
Doch meine große Freude und die Hoffnung auf eine weitere „entspannte“ Schulzeit wurden sehr schnell von der bitteren Realität meines immer stärker werdenden „inneren Identitätskampfes“ eingeholt: Die Zeit der Pubertät war für mich eine äußerst niederschmetternde Phase. Meine Kumpels schlossen mich schon im Verlauf des ersten Jahres in der Realschule aus der „Jungs-Clique“ aus, weil ich nicht mehr zu ihnen passte und ich mich natürlich entgegengesetzt entwickelte. Freundinnen fand ich kaum, weil ich mich in ihren Kreisen absolut unwohl und nicht zugehörig fühlte. So kam es, dass ich mich immer mehr abkapselte und mich in meine „fremde“ Welt zurückzog. Einen letzten sozialen Halt bekam ich lediglich durch eine sehr gute Freundin, die zu mir hielt und mich vor allem auch dann akzeptierte, als sie bemerkte, dass ich nicht dem typischen Mädchenbild entsprach und immer wieder der „Junge“ bei mir durchschimmerte.
Ansonsten wurde meine eigene Pubertät zum Ausgangspunkt meiner schweren Erkrankung, die mich über Jahrzehnte hinweg nicht nur bis ans absolute Limit trieb, mir meine ganze Jugend und noch viele weitere Jahre zerstörte, sondern mehrmals fast mein Leben kosten sollte. Die Basis dafür bildete im Jahr 1989 mit zwölf Jahren eigentlich nur ein einziger Tag, an dem ich meine erste Periode bekam und der ein absolutes Schockerlebnis für mich war. Mein Selbstbild wurde mit einem Schlag komplett zerschmettert. Wie konnte ich weiterleben, wenn ich mich zu einer Frau entwickeln müsste? Dieser Körper musste verhindert werden, egal wie. Und meine Seele wütete in mir und schrie mich an: „Tu was, rette mich vor dem falschen Körper!“
Doch anstatt meine Seele, mein wahres Ich, zu retten, begann ich unaufhaltsam mit eisernem Willen, ihr „Zuhause“, meinen Körper auszuhungern. Mein Schritt in die Anorexie, Magersucht (ohne Bulimie), war meine Flucht davor, eine Frau zu werden. Indem ich versuchte, meinen Körper auf ein „neutrales Niveau“ auszuzehren, behielt ich die Kontrolle über ihn. Und die „weichen“ Formen wichen immer mehr einer stählernen Härte, die nicht nur die Fassade meiner verzweifelten Psyche bildete, sondern tief in mir das Gitter formte, in das ich meine Seele sperrte. Der Hass gegenüber meinem Körper wurde zu einem Selbsthass, der meine eigene Identität vollends begrub. Mein Schweigen mir selbst gegenüber war dabei der Fluchtmechanismus meiner Angst und Scham, der durch meine Anorexie noch verstärkt wurde. Denn umso stärker ich meinen Körper aushungerte, desto mehr verhungerte dabei auch meine Seele in mir.
Und noch bevor ich meine Kindheit richtig verabschieden konnte, verhinderte ich den Übergang in eine „normale“ Jugend. Meine Seele erstarrte irgendwo dazwischen. Ihre Wünsche verhallten an den Wänden des Käfigs, der sie in den Tiefen gefangen hielt und lediglich einen verzweifelten Blick in eine unendlich ferne, noch dunkle Zukunft freigab.
So wie ich bin
Ich träume davon,
dass jemand mich annähme,
einfach so wie ich bin,
mit meinen ungereimten Wünschen,
unfertigem Charakter
und alten Ängsten.
Ich träume davon, dass
jemand mich gelten lässt,
ohne mich zu erziehen, mit
mir übereinstimmt, ohne
sich anzustrengen.
Ich träume davon,
dass ich mich nicht
verteidigen muss, nicht
erklären und kämpfen muss,
dass einer mich liebt.
(Otti Pfeiffer)
Meine Jugendzeit – Die Jahre von 1990 bis 2000
Momente
Über mir
ein dichtes Dach aus rauschenden Blättern,
bunte Farben verströmen Wärme und
trennen mich vor der Kühle des Morgens.
Nur Sonnenstrahlen durchbrechen
das schwingende Leben,
dringen hell und strahlend
durch laue Lüfte,
um sich in glitzernden Pfützen
wiederzufinden.
Eine Sehnsucht nach ewiger Ruhe erwacht;
sie besiegt
das schleichende Gefühl von Einsamkeit,
von Bedeutungslosigkeit
inmitten überwältigender Natur,
deren zarte Kräfte die Momente bestimmen;
ich möchte bleiben,
doch es ist mein Weg zur Schule.
(geschrieben von Martina Steinert im Jahr 1996)
Durch meine Anorexie veränderte ich mich sehr. Nicht nur körperlich, indem ich immer dünner wurde. Auch mein Denken und Verhalten wurde von meinen Schulkameraden immer weniger verstanden. Ich zog mich komplett zurück, mied wenn möglich sämtliche Treffen und konzentrierte mich darauf, meine Leistungen erbringen zu können. Dieser enorme Fleiß, den ich mir aneignete, zusammen mit meinen sehr guten Noten in allen Fächern, wurde zu einem Dorn in den Augen meiner Klassenkameraden. Gerade die Jungs in meiner Klasse reagierten mit einem enormen „Mobbing“-Verhalten, das mich häufig bis an meine Belastungsgrenze trieb. Ich wurde noch stärker ausgegrenzt, vielfach beschimpft, niedergemacht, gehänselt („Was bist du eigentlich?!“), und manchmal wurden mir sogar noch meine Arbeiten vor der Benotung gestohlen. Mein einziger Ausweg, alles zu ertragen, war das sehr gute Verhältnis zu meinen Lehrern und Lehrerinnen, das ich mir erarbeitete. Doch dadurch wurde meine Stellung in der Klasse zu einem regelrechten Minenfeld für mich. Aber ich lernte immer mehr, über alles hinwegzusehen, weil ich den Blick fast nur noch auf mein akribisches Lernen gelenkt hatte. Fast, denn es gab ja noch meinen Sport.
Aufgrund meiner zunächst noch vorhandenen Kraft und guten körperlichen Konstitution (46 kg bei 1,57 m) entschied ich mich noch im Jahr 1988 beim Wechsel auf die Realschule für die Leichtathletik. Denn Ballsportarten wurden nicht so intensiv als AG mit Wettkampfziel gefördert. Obwohl ich schon Tennis und Tischtennis ausprobiert hatte, war mein Ziel, mich jetzt innerhalb der Leichtathletik auf Wurfdisziplinen zu konzentrieren. Noch im ersten Realschuljahr vor dem Beginn meiner Anorexie spezialisierte ich mich auf Schlagball-Weitwurf, der dann schnell von Speerwurf und Kugelstoßen abgelöst wurde. Ich trainierte voller Freude und Motivation als zunächst noch wichtigem Gegenpol zu meinem schulischen „Leistungskampf“. Vor allem im Speerwurf erzielte ich durch eine solide Technik schnell gute Leistungen. In der Sportgruppe ging ich voll auf und fand dort nette Kameraden/-innen, die mich auch ohne Neid akzeptierten. Für sie war ich zwar ein Mädchen, aber für mich selbst erschien beim Sport immer mein inneres Selbstbild als Junge vor meinen Augen. Nur in dieser Gruppe gönnte ich mir diesen Gedanken, eine andere Person zu sein. Denn bloß der Sport schenkte mir dazu zunächst noch die nötige Sicherheit, Freiheit und etwas mehr Selbstvertrauen.
Doch mit Beginn meiner Anorexie im Jahr 1989 änderte sich alles schlagartig. Auch meine Beziehung zum Sport. Dies bemerkte ich vor allem im Jahr 1990, nachdem ich mich auf „nur“ noch 40 kg innerhalb eines halben Jahres heruntergehungert hatte. Meine Kräfte, vor allem für den Speerwurf, schwanden von Tag zu Tag. Natürlich bemerkten auch meine Sportkameraden/-innen und mein Trainer, dass etwas nicht mit mir stimmen konnte. Sie schlugen Alarm, redeten auf mich ein. Ich wehrte ab, es sei nur eine Phase. Aber ich erkannte, in welch schrecklichem Dilemma ich steckte, da ich doch eigentlich meinen Sport so liebte, aber immer weniger Leistung erbringen konnte.
Doch die Magersucht hatte mich schon voll im Griff. Sie übernahm das Kommando über mein Handeln. Und ihre Signale waren eindeutig: Umso mehr ich an Gewicht abnehmen würde, desto weniger müsste ich eine Frau werden. Und nichts auf der Welt war mir wichtiger, als das zu verhindern! Meine Sucht wurde zum Mittel, meinem einzigen Ausweg, meine falsche Identität zu erdrücken, meinen Körper immer weiter aufzuzehren, die absolute Kontrolle über ihn zu bewahren. Ich hasste ihn, und er musste leiden, weil er mein Selbstbild immer weiter zerstören würde, wenn er sich frei entwickeln dürfte.
Fataler Weise konnte ich genau zu dem Zeitpunkt im Jahr 1990 im Speerwurf kaum noch gute Ergebnisse erbringen, als ich mit der Schulmannschaft bei „Jugend trainiert für Olympia“ in der Leichtathletik das Landesfinale gewann und wir nach Berlin zum Bundesfinale reisen durften! Doch mein Trainer wusste, was es für mich bedeuten würde, wenn auch „nur“ für meine Psyche. Und ich durfte mit. Allerdings bedeutete dieser Wettkampf und die Reise nach Berlin den absoluten Bruch für mich in dieser Disziplin.
Denn in meinen Gedanken existierte nur noch mein unkontrollierbarer „Wahn“ weiter abzunehmen und ich wusste auch schon wie. Indem ich in den Ausdauersport wechseln wollte.
Ein Wechsel mit weitreichenden Folgen. Denn ab sofort war der Sport keine motivierende „Nebensache“ mehr. Er wurde zur absoluten Pflicht, zu einem täglichen „Muss“, einem MITTEL ZUM ZWECK.
Das Sprungbrett für meinen Wechsel zum Langstreckenlauf bildete dabei der Verein im benachbarten Ort der Realschule, dessen Trainer auch mein Sportlehrer war. Da er mich sehr gut kannte und wusste, wie wichtig mir der Sport war, organisierte er mir die zusätzlichen Trainingsstunden an zwei Abenden in der Woche. Doch die Entscheidung fiel ihm nicht leicht. Denn er verfolgte sehr besorgt meinen Gesundheitszustand, der nicht nur für ihn ein Warnsignal zum Handeln war.
Von meiner ganzen Umwelt wurde ich angesprochen, warum ich so abgenommen hätte, was mit mir los sei. Und dazwischen standen meine verzweifelten Eltern, deren Fragen an mich ebenso unbeantwortet blieben.
Ich spürte, wie der Druck erneut zunahm. Nur diesmal von zwei Seiten. Einerseits von außen, weil sich alle um mich sorgten und eine Therapie immer näher rückte. Andererseits wurde der Druck in mir selbst immer größer. Ich wollte unbedingt mit dem Laufen beginnen. Also musste ich mir noch ein paar Kraftreserven erhalten, meinen Motor nicht ganz abwürgen. Dabei fühlte ich mich aber immer noch viel zu dick. Und mein Wille, weitere Kilos abzunehmen, war fester als alle Bitten meiner Umwelt, umzukehren, bevor es zu spät sei.
Dabei fühlte ich mich zunächst von Tag zu Tag besser, und ich täuschte meinem Umfeld vor, dass es bestimmt wieder besser würde.
Und ich begann mit dem Laufen. Beflügelt, immer leichter, weiter und länger.
Und ich lernte schon nach einem Jahr mit meiner Erkrankung immer besser umzugehen, meine Reserven nicht zu stark zu überfordern. Ich aß zwar sehr wenig, aber nie nichts. Ich lief viel, aber ich wollte mich nicht zu Tode laufen. Und so stand meine Anorexie zu diesem Zeitpunkt nicht mit einer lebensbedrohenden kontinuierlichen Gewichtsabnahme in Zusammenhang, sondern vielmehr mit einer nicht zu durchschauenden Berg- und Talfahrt, deren Ende allerdings in „unendliche“ Ferne rückte.
Und die Jahre meiner Realschulzeit bildeten erst den Anfang meiner Leidenszeit, die mir noch bevorstehen sollte. Es waren die Jahre meiner Schulzeit, in denen ich mich unaufhörlich, mehr oder weniger unbewusst getrieben, in ein immer dunkleres, einsames Tal manövrierte. Zunächst noch im Wechselbad meiner Gefühle, zwischen Euphorie, Freude, Stolz, tiefster Trauer, Erschöpfung bis hin zu schwerer Depression. Aber der Leistungswille hielt mich auf meinem Weg, bei meinem Plan, auch wenn ich das Ziel noch nicht kannte.
Ein Ereignis allerdings wurde zu meinem absoluten Festtag im Jahr 1991. Einen Tag nach meiner Konfirmation durfte ich mir endlich meine langen Haare abschneiden lassen. Ich konnte sie von jeher nur deshalb ertragen, weil ich sie zu einem engen Zopf zusammenband, der die langen Haare für mich unsichtbar erschienen ließ. Denn mit offenen Haaren fühlte ich mich wie nackt, entblößt, meine falsche Identität nach außen zeigen zu müssen. So war der Tag meiner Konfirmation auch der einzige, an dem ich keinen Zopf hatte. Meine Bilder mit langen, offenen Haaren fand ich zwar schön. Aber das Mädchen auf dem Bild war nicht ich, sondern eine andere Person!
Obwohl meine Realschulzeit für mich keine leichte Zeit war, hielt ich mich tapfer „über Wasser“ und klammerte mich an die Anerkennung meiner schulischen Leistungen, die meine Anorexie immer wieder verschleiern konnten.
Ein Wechsel auf ein weiterführendes Gymnasium stand außer Debatte, da ich meine Mittlere Reife im Jahr 1994 mit 1,0 abschloss.
Ich wollte selbst unbedingt weiterlernen, da für mich der Erfolg damals sehr wichtig war, um mir, mehr oder weniger unbewusst, für meine Krankheit mehr Raum und Freiheit zu erkämpfen. Denn nicht alles Wissen kam mir entgegengeflogen. Manches musste ich mir mit viel akribischem Fleiß, einer immer größeren Verbissenheit und Präzision hart erarbeiten. Der Druck meiner Sucht, mir selbst gegenüber immer perfekter werden zu müssen, zeigte sich auch in meinem Leistungswillen.
Aufgrund meiner Lieblingsfächer Biologie und Chemie wechselte ich dann noch im Jahr 1994 auf das Ernährungswissenschaftliche Gymnasium (EG) in Göppingen.
Allerdings in einem gesundheitlich zunehmend bedenklichen Zustand. Nicht aus dem Grund, weil ich vielleicht noch keine richtige Behandlung für mein Suchtproblem gefunden hatte. Im Gegenteil!
Schon im selben Jahr mit dem Ausbruch meiner Anorexie im Alter von zwölf Jahren begann meine zusätzliche Therapie-Odyssee, die ich nur vereinfacht beschreiben kann. Natürlich schickten mich meine besorgten Ärzte und nach Hilfe flehenden Eltern in zahlreiche „spezialisierte“ Psychotherapien. Allerdings ohne großen Erfolg und mit stetigem Wechsel, weil nur meine Anorexie im Mittelpunkt stand.
Obwohl ich vor den ersten Therapien große Angst hatte, ging ich bereitwillig hin, weil ich mir tief in meinem Innern doch eine Hilfe versprach. Aber der Schein trügte.
Vielleicht hatte ich wirklich nur Pech. Oder die mangelnde Aufklärung meiner zahlreichen Psychotherapeuten (im ländlichen Raum) in den 90er-Jahren führte zu einer immer stärkeren Abwehr und Frustration bei mir. Von der ersten Therapie an versuchte ich verzweifelt über meine tiefsten Probleme zu reden. Ich wagte sogar den großen, schweren Schritt, mich etwas zu öffnen und meinen Identitätskampf zu erwähnen. Aber ich wurde nie angehört, dagegen vielfach belächelt und sogar als „Neutrum“ bezeichnet, welches seinen Fantasien durch den Suchtdruck freien Lauf ließe und nicht gesund werden wolle! Meine Identitäts„krise“ wäre nur eine Phase oder aber mein Vorwand, nicht essen zu „WOLLEN“. Ich solle einfach mit dem „Hungern“ aufhören, wieder zunehmen, dann würden all meine Probleme gelöst. Dabei waren meine Gefühle nicht in Worte zu fassen. Ich entwickelte von Therapie zu Therapie eine größere Abwehrreaktion, nochmals eine zu machen. Meine Trauer, Wut, Enttäuschung und totale Frustration trieben mich immer weiter in meine Sucht, anstatt mir zu helfen. Aber auf der Berg- und Talfahrt meiner Anorexie war es vielfach aus ärztlicher Sicht eine unumgängliche Notwendigkeit, erneut einen Versuch zu unternehmen. Und ich lernte in meiner Verzweiflung das „Spiel“ mitzuspielen.
Ich sagte zu allem Ja und willigte ein, alles anders zu machen. Daheim angekommen, ließ ich dann meinem Frust freien Lauf und versprach meiner Seele, dass ich sie nicht mehr weiter dem „Feind“ bloßstellen und meinen Körper weiter quälen würde. Ein Ritual meiner letzten Kontrolle, meines Schutzschildes, das von Therapie zu Therapie immer härter werden musste! Ich rannte nicht mehr nur vor mir selbst weg. Durch die meisten meiner Psychotherapeuten/-innen wurde ich in ein Labyrinth getrieben, in dem ich noch hilfloser umherirrte, als jemals die Chance zu erhalten, aus ihm herauszufinden, zu mir selbst; als einzig richtigem Ausgang!
Meine Therapeuten/-innen machten mir dagegen unmissverständlich klar, dass mein Identitätsproblem eine Folge meiner Sucht sei, und NICHT mein „Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein“ die Grundlage meiner Sucht! Diese Meinung traf mich am härtesten. Ich fühlte mich wie eine junge Schildkröte, die ihren Hals immer wieder vorsichtig und noch sehr ängstlich ausstreckte, um einen Blick in die fremde Umwelt zu riskieren. Dann aber bekam sie einen Schlag auf den anderen auf ihren Kopf, bis sie ihn wieder komplett eingezogen hatte und in ihrem Panzer verharrte, der im Verlauf der Zeit zunehmend größer und dicker wurde.
Im Ernährungswissenschaftlichen Gymnasium vollzog sich mein Lernen mit einem zunehmenden Tunnelblick. Ich programmierte mich auf „Leistungsausgabe“ wie eine Maschine. Alles um mich herum erschien wie „verschleiert“ und unwichtig. Dabei wurden von mir auch letzte soziale Kontakte weitestgehend abgebrochen, selbst die zu meinen Klassenkameraden/-innen. Das „Mobbing“ hörte zwar in diesen drei Jahren auf, aber verstanden werden konnte ich von meinen Mitschülern/-innen nicht mehr. Ich lebte in einer anderen, überwiegend dunklen Welt.
Ich verstand auch meine Umwelt immer weniger, weil meine eigene Identität für mich selbst die größte Frage war: Wer war ich, und welche Rolle hatte ich zu spielen? Ich wusste es nicht. Vor allem wollte ich nach außen hin Kraft, Stärke und Beständigkeit zeigen. Im Gegensatz zu meinem Erscheinungsbild, das sich immer mehr „ausdünnte“ und von dem eigenen Schatten überholt zu werden schien. Aber ich sah mich ja nicht selbst. Ich konnte ja nicht einmal einen Blick in den Spiegel werfen! Ich lebte auch nicht mehr für mich, sondern fast nur noch für meinen schulischen Erfolg. Und natürlich auch, um meinen Körper weiter zu quälen. Selbst mein geliebter Sport trat in dieser Zeit etwas in den Hintergrund, weil es auf diesem Gymnasium keine Möglichkeit der Sportförderung gab und ich überwiegend für mich alleine „trainierte“. Besser gesagt noch am Abend, nach vollbrachtem Lernpensum, mit letzten Kraftreserven meine Runden um den Ort lief.
Es war auch die Zeit zwischen meinem 17. bis 20. Lebensjahr, in der ich mich mit meiner Sucht immer mehr arrangierte. Ich nahm nicht kontinuierlich ab, um meiner Umgebung, vor allem meinen Eltern, phasenweise eine Besserung vorzutäuschen. Ich trickste mit dem Essen und manipulierte mein Gewicht, indem ich manchmal innerhalb kürzester Zeit literweise Wasser in mich hineinschüttete.
Und ich tat es nicht mit Fleiß. Es war meine schreckliche Krankheit, der unbeschreibliche innere Druck; meine panische Angst davor, eine Frau werden zu müssen. Doch ich konnte es nicht mehr aussprechen, nach all den schlimmen Erfahrungen, als ich versucht hatte, mich sogar etwas zu öffnen. Die Panik war in mir eingebrannt. Und ich konnte mich nur noch verleugnen und war in ständiger Flucht vor mir selbst. Und das Mittel dazu war mein Körper, der meine falsche Identität vor meinen Augen immer kleiner und ausgehungerter erscheinen ließ.
Allerdings ein Bild, das nie meiner Zufriedenheit entsprach, da es lediglich dem verzerrten „Leitbild“ meines Gefühls, immer noch zu dick zu sein, entsprach!
Obwohl ich nicht ungern lernte, wurden viele Tage zu einem regelrechten Martyrium. Von morgens bis abends konzentrierte ich mich auf meine schulischen Aufgaben und forderte mich, indem ich viele zusätzliche Bücher und Fachzeitschriften las, um mir möglichst in allen Fächern ein noch größeres Wissen anzueignen. Und fiel mir etwas schwer, dann wurde seitenweise auswendig gelernt. Andere Hobbys, bis auf mein Laufen, gab es nicht mehr. Ich traf mich auch mit niemandem, da ich dafür keine Zeit mehr hatte. Außerdem mied ich möglichst alle Orte, wo ich in der Öffentlichkeit etwas essen oder trinken musste.
Ich wurde immer einsamer und merkte es nicht, weil ich mich selbst schon lange verlassen hatte!
Das Einzige, was mir in meiner schweren Depression im letzten Schuljahr 1996/1997 etwas half, war der Literaturkurs, den ich mir als Wahlfach auswählte.
Ein einziges Fach, indem ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen konnte und mir meine Verzweiflung von der Seele schrieb. Viele düstere Gedichte (in Prosaform) und Geschichten, die ich aufgrund ihrer „wundersamen“ Vorhersage und Doppeldeutigkeit im Kapitel „2016 bis 2020 – Die härtesten und entscheidendsten Jahre meiner Selbstfindung“ eingefügt habe.
Doch ein Trost in allem Leid war, dass sich mein Fleiß auszahlte, indem ich mir für meine schulischen Leistungen große Anerkennung erkämpft hatte: Meine Allgemeine Hochschulreife (Wahlfächer: Chemie mit Ernährungslehre und Biologie) schloss ich im Jahr 1997 mit der Note 1,1 ab und erhielt dazu den „Scheffelpreis“.
Ein trügerischer „Ruhm“. Meine mittlerweile chronische Erkrankung und vor allem meine tiefe innere Zerrissenheit erdrückten meine Freude, weil ich nicht wusste, für WEN ich mich freuen sollte!
Im Anschluss an meine Schulzeit stand ich nun vor der großen Frage, wie es weitergehen sollte. Einen Lehrberuf schloss ich schnellstens aus. Erstens weil ich nicht wusste, welcher der richtige für mich sein könnte. Zweitens weil ich riesige Angst davor hatte, von vornherein aufgrund meines Gesundheitszustandes abgelehnt zu werden. Nach schwerer Überlegung entschloss ich mich dann für ein Studium der Diplom-Agrarbiologie an der Universität Hohenheim, das ich noch im Jahr 1997 begann.
Allerdings war es absolut keine freie Entscheidung, da meine Auswahl nicht ganz meinem Wunsch entsprach und ich mich von äußeren Meinungen leiten ließ, weil ich so wenig Selbstvertrauen hatte und ich in meiner Erkrankung keine Verantwortung für mich selbst übernehmen konnte.
Vor allem bei großen Entscheidungen war ich wie gelähmt, weil ich mich nicht an einem konkreten Zukunftsziel orientieren konnte. Ich musste mich immer zuerst meinem „Suchtdruck“ beugen, der von mir verlangte, alles in meinem Leben so zu gestalten, dass ich nicht die Kontrolle über meinen Körper verlor. Folglich schied ein Studium fern meiner Heimat komplett aus, weil ich dann von zu Hause hätte ausziehen müssen. Das aber wäre für meine täglichen „Rituale“ und meine Sicherheit ein unmöglicher Gedanke gewesen. Genauso wie ich mir meine eigene Zukunft nicht vorstellen konnte. Ich stand absolut neben und fern von mir. Ich war eine andere Person, die ich nicht kannte und von der ich nicht wusste, was sie für Pläne hatte. Aus diesen Gründen wurde die so weitreichende Entscheidung für ein Studium zu einem „Mammutprojekt“, das ich selbst zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht stemmen konnte.
Mein innerer großer Wunsch aber wäre ein Studium der Ernährungswissenschaften gewesen, weil ich mich immer mehr für Ernährungsfragen, Human- und Sportmedizin interessierte. Allerdings war klar, dass ich trotzdem nach Hohenheim wollte, weil ich dann täglich mit dem Auto pendeln konnte und mein „sicheres“ Zuhause nicht ganz aufgeben musste. Aber schon bei der Beratung waren alle sprachlos, warum gerade ich mich mit meiner Anorexie für ein so „schädliches Terrain“ der Ernährungswissenschaften entscheiden wollte.
Und wieder war der zusätzliche Druck von außen zu groß. Also gab ich letztendlich schnell nach, ohne weiter auf meine innere Stimme zu hören. Ich war es gewohnt, meine Wünsche und Sehnsüchte nach innen zu verlagern, sie ganz tief in mir einzusperren und sie zum Schweigen zu bringen, indem ich meine Fassade noch härter gestaltete.
Mein Studium der Agrarbiologie konnte gar nicht anders verlaufen, als dass es zu einer regelrechten „wahnsinnigen“ Irrfahrt wurde. Ich studierte, um mir weiteres Wissen anzueignen, das ich dann in hervorragenden Prüfungen von mir warf, ohne genau zu wissen, für was und welche berufliche Zukunft ich studierte. Ich fühlte mich wie ein Hamster im Laufrad, der lief und lief, ohne das Ziel zu kennen, aber auch nicht einfach aussteigen konnte, weil er sonst hart auf die Nase fallen würde.
Das Studieren wurde zu einem täglichen Ritual, parallel zu meiner Sucht. Allerdings verliefen die ersten drei Jahre meines Grundstudiums bis ins Jahr 2000 noch relativ gut. Vor allem weil ich Gott sei Dank noch nicht erahnen konnte, was in späteren Jahren auf mich zukommen sollte! Die Fächer bis ins Hauptstudium entsprachen meinen Vorlieben und ähnelten denen der Ernährungswissenschaften sehr. So studierte ich relativ leicht und mit etwas mehr Freude als erwartet. Und durch diese „Sicherheit“ sorgte ich unbewusst dafür, dass ich mich trotz meines „Suchtdrucks“ in mir körperlich leistungsfähig hielt und phasenweise sogar erstaunlich stabilisierte. Vor allem nahm ich nicht weiter ab. Aber ich wollte auch kein Risiko eingehen. Die täglichen Fahrten nach Hohenheim und wieder zurück, das abendliche Laufen und Lernen forderten mich sehr. Und ich merkte, dass ich wenigstens morgens und abends etwas essen musste, um den Tag durchzuhalten. Dabei wurde mein Körper immer genügsamer, mit einem Minimum an Energie auszukommen und seine Folter anzunehmen. Und ich war zufrieden, wenn er als mein Instrument funktionierte, meine unglaubliche Stärke, Beständigkeit und Kraft meiner Umwelt zu beweisen. Ich wollte unbewusst allen zeigen, dass mein äußeres Erscheinungsbild nicht mit meinem eisernen Willen, meiner „wahren“ Identität übereinstimmte. Die wenigste Energie benötigte ich damals für mich selbst, mehr dafür, nach außen Signale zu senden, dass in meiner Hülle ein anderer starker Mensch steckte, den ich noch verleugnen musste, um ihn vor der Meinung meiner Umwelt zu schützen. Und zu zeigen, dass mich meine Umgebung weder einzuschätzen wusste noch richtig kannte.
Aber dadurch konnte ich in meiner Sucht überleben und immer größere Herausforderungen annehmen. Denn sterben wollte ich (noch) nicht!
Der beste Beweis für meinen Versuch, während meiner Anorexie immer wieder aus meinen Ritualen auszubrechen und dabei neue Grenzen zu überschreiten, waren meine geführten Wanderreisen, die ich mir ohne meine Eltern in zahlreichen Semesterferien zutraute. Sie führten immer in den Süden, hauptsächlich in die Schweiz und nach Italien, so z. B. in die Walliser Bergwelt, die Dolomiten, nach Zermatt und in die „Julier-Alpen“.
Die Bergwelt zog mich magisch an. Tiefe Täler hinter sich zu lassen, indem große Gipfel erklommen wurden, bedeutete für mich Freiheit und die Chance, wenigstens in der Ferne lähmende Rituale durchbrechen zu können. Ich wollte den Himmel sehen und dabei über alle Spitzen hinwegblicken, frei und unbefangen atmen, die Klarheit der Natur in großer Höhe auf mich wirken lassen.
Diese Erlebnisse waren die einzigen, die ich etwas bewusster aufnehmen konnte.
Ich sog aus ihnen viel Energie, hauptsächlich für meine Psyche. Mein Körper dagegen musste mit einem Minimum zurechtkommen. Und ich trieb ihn an, immer noch ein paar Kilometer mehr zu wandern als die Gruppe, indem ich vielfach den Weg vor und zurück lief. Dabei waren mir die „erstaunten“, häufig ungläubigen Blicke der Gruppenmitglieder ziemlich egal. Ich wollte und musste nach außen Stärke zeigen, damit mein zerbrechliches Erscheinungsbild in den Hintergrund trat.
Im Jahr 1999 trat auch der Sport wieder mehr in den Vordergrund. Ich suchte verzweifelt nach weiteren Möglichkeiten, um meinen Bewegungsdrang zu stillen und meinen eingefahrenen, eintönigen Studienalltag zu überwinden. An manchen Tagen wurde mir sogar meine Sucht zu viel. Ich musste dem riesigen Druck entfliehen, immer noch weniger essen zu dürfen. Deshalb war meine Strategie, länger durchzuhalten, die, mich lieber etwas intensiver mit ein paar Bissen mehr zu bewegen, als ohne Essen gar nichts mehr tun zu können.
Ich entschied mich zum Laufen, mit gezieltem Rennrad-Training zu beginnen und ins Fitnessstudio zu gehen. Alles für meinen Wunsch, irgendwann an einem Duathlon-Wettkampf teilzunehmen. Und ich hatte damit wenigstens ein sportliches Ziel vor Augen, das meine Psyche und vor allem mein Durchhaltevermögen stärkte. Dass es zu einer absoluten Flucht am Limit werden würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnen.
Allerdings musste ich erneut gegen die weitläufige Meinung meiner Umwelt ankämpfen, dass dieser Sport mich nur noch weiter kaputt machen würde.
Ich dagegen konnte in meinen Gedanken MICH nicht weiter zerstören, lediglich meinen Körper quälen, um psychisch zu überleben!
Am meisten litten meine Eltern an meiner mittlerweile chronischen Erkrankung. Sie hatten alles versucht, um meine Anorexie zu „heilen“. Aber sie merkten auch, dass ich mich vor ihnen weitgehend verschloss, ihnen ständig auswich oder aber eine Besserung versprach. Sie konnten mir nicht weiterhelfen, weil ich es selbst verhinderte. Und letztendlich waren sie auch gegen weitere Therapieversuche, weil sie mit ansehen mussten, dass ich dadurch noch kränker wurde und noch mehr Gewicht verlor.
Aus meiner heutigen Sicht möchte ich an dieser Stelle sehr betonen, dass meine Eltern absolut keine Schuld hatten, weder am Ausbruch meiner Anorexie noch an ihrem chronischen Krankheitsverlauf. Eine Sucht ist von außen kaum zu beeinflussen, wenn der Süchtige nicht selbst den Entschluss fassen kann, aus seiner Krankheit auszusteigen, absolut alle Kräfte dafür zu mobilisieren, die Sucht zu besiegen. Und ich selbst konnte damals noch nicht ausbrechen, weil der eigentliche Grund meiner Anorexie noch ganz tief als vernichtender Stachel in mir steckte. Ich war noch längst nicht so weit und bereit, mich meinen Eltern gegenüber zu öffnen. Aus zweierlei Gründen:
Das Verhältnis zu meiner Mutter wurde schon zu Beginn meines Studiums im Jahr 1997 immer herzlicher und intensiver. Ich fühlte mich von ihr in meinem Leid verstanden, weil sie alles versuchte, hinter meine harte Hülle in mein Herz zu blicken. Obwohl sie mit dem Verstand meine Krankheit nicht nachvollziehen konnte, waren ihr Mitgefühl und ihre Fürsorge die größte Stütze für mich, immer wieder aufzustehen und einen nächsten Schritt für eine Besserung zu wagen. Denn ich spürte, ich war nicht allein, und sie glaubte an mich und eine bessere Zukunft. Sie wusste damals genauso wenig wie ich den Weg zum Ziel. Aber sie sah ein Ziel, das Ziel der Gesundheit, das für mich noch lange im Dunkel lag. Und ging es zwischendurch bergauf, dann deshalb, weil ich mich für sie und zum Dank für ihre Liebe bemühte. Auch wenn es für mich selbst nicht weit nach oben gehen durfte, war sie der Grund, warum ich nicht aufgeben konnte und weiterkämpfte. Allerdings mit meiner Sucht und noch lange nicht gegen sie!
Doch dieses herzliche, tiefe Verhältnis zu meiner Mutter war auch der Grund, warum ich ihr nicht die Wahrheit sagen und mich ihr mit meinen tiefen Identitätsproblemen nicht öffnen konnte. Ich hatte zu große Angst, sie zu verletzen und ihr wehzutun, weil sie sich so sehnlichst ein Mädchen wünschte. Doch ihre großartige Hilfe, das unbeschreibliche Leid, das sie mit mir durchgemacht hat und ertragen musste, ohne daran selbst zu zerbrechen, sollte in ferner Zukunft noch belohnt werden!
Das Verhältnis zu meinem Vater dagegen wurde mit meiner Anorexie sehr viel schwieriger. Er konnte meine Erkrankung noch viel weniger verstehen als meine Mutter. Vor allem fühlte ich mich von ihm nicht verstanden. Seine Fürsorge bestand hauptsächlich darin, mich mit materiellen Dingen überaus gut zu versorgen. Doch das war mir damals viel weniger wichtig. Was ich mir von ihm sehnlichst wünschte, konnte er mir kaum geben. Es fiel ihm sehr schwer, Gefühle zu zeigen, und er konnte sie vor allem nicht in Worte fassen! Teilweise fühlte ich mich ihm gegenüber schuldig, wenn er wieder einmal absolut nicht mit meiner Erkrankung zurechtkam und mir mein „Handeln“ vorhielt. Seine Sorge war vielfach seine Härte, die ich spürte und die mir wehtat. Zwischen uns prallten Gefühlswelten aufeinander, die zu Missverständnissen und einem sehr angespannten, schwierigen Verhältnis führten. Ging es mir allerdings an manchen Tagen sehr schlecht, dann wurde er weich, und er konnte seine Fürsorge zeigen, mit Gefühl, wie ich es mir viel öfter gewünscht hätte. Doch durch seine Art, die er genauso wenig ablegen konnte wie ich meine Magersucht, hätte ich mit ihm niemals über meine Probleme reden können.
Aber meine Eltern haben alles gegeben, was sie in ihrem großen Leid und ihrer Verzweiflung, mich vielleicht doch zu verlieren, geben konnten. Viele Tränen und Kräfte steckten in der jahrzehntelangen Begleitung ihres Kindes. Auch wenn es weiter schwieg und ein Ende seiner furchtbaren Erkrankung nicht zu erkennen war.
Aber ohne sie und ihre unbeschreibliche Unterstützung wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt sein darf.
Doch die allergrößte Herausforderung stand erst noch vor ihnen und vor mir.
Ein Kampf meiner „Extreme“, die mich in eine weitere unumgängliche Abhängigkeit von meinen Eltern führte, anstatt mich von ihnen langsam, aber sicher zu lösen.
Meine Jugend hatte ich mir selbst geraubt, und erwachsen konnte ich nicht werden …
Im Jahr 2000 folgte ein Ereignis, das mich mit einem Schlag für weitere 16 Jahre in die Finsternis katapultierte, in deren Dunkelheit sich die meisten Zeitabschnitte für immer aus meinem Gedächtnis verloren.
Meine „ausgelöschten“ Jahre – Die Zeit zwischen 2000 und 2015
In meiner stabilsten „Phase“ wurde ich im Jahr 2000 vergewaltigt.
Nüchterne, trockene Worte für ein Ereignis, dessen Folgen ich bis heute nur schwer in Worte fassen kann. An dieser Stelle soll das Geschehen von mir auch nicht weiter beschrieben werden. Es wird im Kapitel „2016 – Das Jahr der Kontaktaufnahme“ von mir zweimal intensiv aufgegriffen, weil ich es solange tief in den Trümmern meiner Seele geheim hielt. Ich möchte daher bewusst in diesem Kapitel darüber „schweigen“ und auf meine Briefe weiter hinten verweisen.
Die Folgen für mich waren immens. Ich war zutiefst geschockt, gelähmt und körperlich sowie psychisch schwer gezeichnet. Meine Gefühle waren wie zementiert, und alles in mir schien zerstört, zerfetzt in tausend Stücke. Ich war keine Person mehr, sondern ein „Nichts“. Die letzte leise Stimme meines „gefangenen Ichs“ wurde vollends erdrückt und verhallte in mir. Meine Gedanken verliefen sich in dunklem Nebel, der mich immer weiter in die Tiefe zu drücken schien. Alles unterhalb meiner Gürtellinie war wie taub, und ich befand mich in einem gefühlten „Vakuum“, das mich immer weiter zusammenzog. Meine Umwelt verschwand hinter dem grausamen Film vor meinen Augen, der keinen realen Blick mehr erlaubte. Und ich hatte riesige Angst. Eine Panik, die mich nicht nur zu absolutem Schweigen zwang, sondern mich in die Flucht trieb. Ein Lauf von mir weg ohne Ziel, angetrieben von unbeschreiblichem Selbsthass und einer neu entfachten Selbstzerstörungswut.
Meine einzige Beruhigung fand ich in einem starken Schmerzmittel, einem Betäubungsmittel „Valoron“, das mir der Frauenarzt in der Not verschrieb, weil er mich nicht einmal richtig untersuchen konnte.

Bericht 1 – Mitteilungsblatt vom 16.11.2000
Fortan rannte ich von mir weg, und das Mittel dazu war mein Sport. Das Training wurde zu einem mörderischen Plan gegen meinen Körper. Doch nicht um mich dabei umzubringen, sondern erneut um mir von außen Anerkennung zu erkämpfen.
Aus meiner heutigen Sicht rettete mir der Ausdauersport zu diesem Zeitpunkt mein Leben. So provokativ diese Aussage auch klingen mag. Aber ohne meine sportlichen Wettkämpfe hätte ich mir wahrscheinlich sogar aus Verzweiflung das Leben genommen.
Ich lernte durch den Sport mich immer mehr auf einem Grat zu bewegen, den ich noch so breit „ausbaute“, um dabei nicht ganz abzustürzen. Vor allem wollte ich unbedingt meine letzten Kraftreserven möglichst lang für meine Leistung und den Erfolg aufrechterhalten.
Dass sich mein Körper dann zu einem viel späteren Zeitpunkt, ab dem Jahr 2005, rächen würde, konnte ich, 2001, Gott sei Dank noch nicht erahnen!
So tragisch meine sportliche Karriere begann und so sehr die Erfolge auch im Schatten meiner Flucht sowie Anorexie standen: Ich wurde immer besser und mutete mir im Jahr 2000 und 2001 einen Wettkampf nach dem anderen zu, deren Resultate für sich sprachen. Wenn auch nur auf Kreis- und Landesebene.
An dieser Stelle möchte ich einen kleinen chronologischen Abriss der Höhepunkte meiner „kurzen“ sportlichen Laufbahn einfügen, weil sie für mich unbeschreiblich wertvoll waren. Sie schenkten mir ein letztes Gefühl von „Leben“, wenigstens für einen kurzen Moment zwischen meiner „Trainingsqual“ und meiner Flucht am Limit:

Baden-Marathon Karlsruhe (Halbmarathon), 17.09.2000, Zeit: 1:23:40 Std., WHK, Rang 1

Bericht 2 – Stuttgart-Halbmarathon vom 01.06.2001

Stuttgart-Halbmarathon vom 01.06.2001
Meine ersten Wettkämpfe absolvierte ich schon im Jahr 1999. Im Juni dieses Jahres lief ich meinen ersten Halbmarathon beim „Stuttgart-Lauf“ und belegte als guten Einstieg Rang 4 in der Klasse „Frauen W20“ in einer Zeit von 1:32:20 Std. über die Distanz von 21,1 km.
Das Jahr 2000 verlief für mich dann noch weitaus erfolgreicher. Ein Bericht aus dem Wochenjournal meines Heimatortes zum Ende dieses Jahres beschreibt am besten eine kurze Zusammenfassung meiner Wettkämpfe:
Mit einem besonderen Höhepunkt in diesem Jahr:
Dann allerdings folgte das Wettkampfjahr 2001 mit einem ganz anderen Hintergrund. Mein Kalender war vollgespickt von Wettkämpfen, ich gönnte mir keine Pausen mehr und versuchte wie in „Trance“ alles Leid hinter mir zu lassen:
Baden-Württembergische Crossmeisterschaften, Bad Liebenzell, 3.02.2001, Frauen, Mannschaft, 4 km, MEISTER (Tina Walter, Susanne Niemeyer, Martina Steinert), im Trikot der DJK Schwäbisch Gmünd
Baden-Württembergische Straßenlaufmeisterschaften, St. Leon-Rot, 11.03.2001, Frauen, Mannschaft, 10 km, MEISTER (Tina Walter, Susanne Niemeyer, Martina Steinert), Gesamtzeit: 1:50:21 Std.
Bezirks-Waldlaufmeisterschaften, Heroldstatt, 07.04.2001, 4650 m, Zeit: 00:18:43, Rang 2
Göppinger Berglauf, 29.04.2001, 8 km, Zeit: 00:36:55 Std., W20, Rang 1
Oberschwaben DUATHLON (7-km-Lauf/31 km, Rad/4-km-Lauf), Blitzenreute, 05.05.2001, Gesamtzeit: 1:42:05 Std., TW21, Rang 2
BW-DUATHLON-Meisterschaft (6 km/36 km/3 km), Aidlingen, 20.05.2001, Gesamtzeit: 1:54:16 Std., AK21, Rang 8
Trossinger Summertime-DUATHLON (12 km/50 km/5,5 km), 16.06.2001, Gesamtzeit: 2:51:52 Std., Frauen, Rang 3
Adelberger Klosterlauf, 22.06.2001, Zeit: 00:41:49 Std., Frauen, Rang 1
8. Stuttgart-Lauf (Halbmarathon), 01.07.2001, Zeit: 1:23:12 Std., W20, Rang 1, Frauen Gesamt, Rang 2, mein Höhepunkt:
Dieser größte Erfolg sollte zugleich auch mein letzter sein. Denn einen weiteren durfte ich nicht mehr feiern.
Meine sportliche Karriere endete, bevor sie eigentlich richtig beginnen durfte.
Mein Lauf fing im Sturm an und endete in einem Orkan, dem ich mich nicht mehr widersetzen konnte!
Im Hochsommer 2001 brach ich nach einem Lauf eines Teamwettkampfes zusammen und musste für kurze Zeit ins Krankenhaus.
Das Ende aller Wettkämpfe und einer Zeit, in der ich mich von meinem geliebten Sport endgültig trennen musste. Ein schwerer Schritt, der zwar notwendig war, aber die Dunkelheit und meine Verzweiflung noch verstärkte. Ein Abschied, der mich auch nicht heilen konnte. Lediglich die Momente blieben …
Denn meine sportlichen Ereignisse waren auch die einzigen, an die ich mich noch richtig erinnern konnte. Wahrscheinlich weil ich für diese Augenblicke des Erfolgs noch lebte, meinen Körper, zumindest meine Beine noch spüren konnte.
Sie verhalfen mir zu einem äußeren Lächeln, obwohl meine Seele in mir ungehört weinte. Doch ich musste mich nach außen so gut wie möglich verstellen, damit man nicht hinter meine schmale Maske sehen konnte …
Der Inhalt der anderen Erlebnisse meines Lebens zwischen dem Jahr 2001 und 2015 ist in meinem Kopf ausgelöscht. Ich kann mich an sie nur erinnern, wenn ich davon Fotos sehe, Berichte lese oder mir meine Eltern erzählen, was in welchem Jahr war. Aber mein eigenes Handeln, meine Gefühle in diesen Jahren sind für immer verloren. Ich weiß heute, dass der Grund dieser für mich bis heute schlimmen Erkenntnis meine posttraumatische Belastungsstörung war. Ein typisches Symptom, das nach einem Trauma, meiner Vergewaltigung, als Folge auftreten kann und einen psychologischen Schutzmechanismus darstellt, wobei das eigentliche „Erlebnis“ häufig wie eingebrannt erhalten bleibt.
Insbesondere wenn keine spezielle Psychotherapie auf den Vorfall folgt. Weil ich über alles schwieg und niemandem davon erzählen konnte, war eine Therapie natürlich auch nicht möglich. Im Gegenteil: Das schreckliche Erlebnis wurde von mir ganz tief in einen „unzugänglichen“ Raum eingesperrt. Doch seine Gewalt war so groß, dass es auch noch meine Seele, meine wahre Identität, vollends unter sich erdrückte.
Aus diesem Grund verstärkte sich meine Anorexie stark. Ein mittlerweile doppelter Hilfeschrei meiner Seele, den ich durch den Auftrag meiner körperlichen Selbstzerstörung als einzige Lösung zum Schweigen bringen wollte.
Mein einzig verbleibendes Gefühl für mich. Die Kontrolle über meinen Körper, dessen Identität ich nicht (mehr) kannte.
Ich bewegte mich wie in „Trance“ durch diese Jahre. Aus meinem Leben wurde ein „Dasein“. Ein Versuch, mich permanent an einem Limit zu halten. Meine neue Aufgabe, eine Gratwanderung zu beginnen, weil ich doch zunehmend die Kontrolle verlor und nach neuen Wegen suchen musste. Denn ab dem Jahr 2005 war es mein Körper, der zurückschlug, der sich rächte und nun das Kommando übernahm.
Mein Studium fiel mir zu diesem Zeitpunkt immer schwerer. Denn die Fächer des Hauptstudiums entsprachen immer weniger meinen Interessen. Ich versuchte zwar nach dem Grundstudium doch noch zu den Ernährungswissenschaften überzuwechseln. Aber es war unmöglich, weil ich wegen zahlreicher fehlender Praktika ins erste Semester zurückgestuft worden wäre. Dazu hätte ich keine Nerven mehr gehabt, vor allem aber schwanden zunehmend meine körperlichen Kräfte. Denn ab dem Jahr 2005 bekam ich Schmerzen im ganzen Körper, insbesondere jedoch immer stärkere Magen- und Darmbeschwerden. Mir wurde häufig nach nur einem Bissen übel, und die Anzahl an Durchfällen stieg von Woche zu Woche an. Es waren zunächst nur schleichende Anzeichen, doch ich konnte sie immer weniger ausblenden. Das Hunger- und Durstgefühl war mir schon länger abhandengekommen, was mich nicht sonderlich störte, da ich nur dann etwas trank und aß, wenn es unbedingt notwendig war.
Aber meine zahlreichen „Schwächeattacken“ und das Gefühl, immer weniger verdauen zu können, beunruhigten mich sehr. Ich bekam eine neue Angst dazu, die ich seither noch nicht kannte, und ich spürte, dass ich von Tag zu Tag immer mehr das Regiment über meinen Körper verlor und er zurückschlug, indem er begann, jetzt mich zu quälen. Ich musste nach einer Lösung suchen, wie ich meinen verzweifeltes „Dasein“ weiter erhalten konnte, ohne aber leiden zu müssen. Meine einzige Rettung sah ich darin, zu versuchen, meine schwere Erkrankung mit ihren spürbaren Folgen selbst zu analysieren.
Wie konnte ich mir noch weiterhelfen? Ich begann mich mit Fragen der Humanmedizin, Sportmedizin, vor allem aber der Ernährungsmedizin intensiv in einer Art Eigenstudium zu befassen. Während ich immer mehr Vorlesungen meines eigenen Studiengangs ausließ, besuchte ich zahlreiche der Ernährungswissenschaften. Aus diesem Grund zog sich mein Studium der Agrarbiologie bis ins Jahr 2005, in dem ich es trotz der Qualen mit der Note 1,6 erfolgreich abschließen konnte.
Doch so sehr ich mich auch bemühte, meinen weiteren Krankheitsverlauf in den Griff zu bekommen – der weitere organische „Zerfall“ in Form einer immer geringeren Funktionsfähigkeit meiner inneren Organe war nicht mehr aufzuhalten. Volle 16 Jahre hatten sie bislang meine Anorexie schon „schweigend“ ertragen. Jetzt sollte Schluss sein.
Mein „Dasein“ wurde zu einem täglichen Kampf am Abgrund. Ein jeder Schritt musste gezielt gesetzt werden, denn mein Grat, auf dem ich mich bewegte, wurde immer schmaler. Ich stürzte aber nur deshalb nicht ganz ab, weil mir meine eigene Sucht ab dem Jahr 2010 zu viel wurde. Der Kampf mit meinem Körper kostete mich zu viel Kräfte, die ich immer weniger aufbringen konnte. Also versuchte ich verzweifelt „auszusteigen“, indem ich meine Ernährung so anpasste, dass mein Magen-Darm-Trakt das Notwendigste verdauen konnte und immer etwas Energie für mich übrigblieb. Mein „Dasein“ ähnelte zu diesem Zeitpunkt dem eines Kolibris. Nach jedem kurzen Flug musste er wieder nachtanken, um zu überleben. Hätte er nur einmal nicht genug Nahrung aufgenommen, wäre er vor dem Erreichen seiner nächsten Energiequelle unweigerlich abgestürzt.
Doch aus meiner heutigen Sicht ist mir klar, dass der Versuch, von meiner Sucht loszukommen, damals noch nicht funktionieren konnte. Denn wenn ich es tatsächlich geschafft hätte, auch nur ein paar Kilo weiter zuzunehmen, hätte ich sofort wieder selbst die Notbremse gezogen, weil ich mich unter keinen Umständen weiter zu einer Frau entwickeln konnte. Das ungelöste Grundproblem war die eingebrannte, unüberwindbare Blockade!
Ich suche bis heute verzweifelt in meiner Erinnerung nach den Bildern, wie ich meinen Leidensweg, die schlimmen chronischen Folgen meiner Anorexie jeden Tag aufs Neue durchgehalten habe. Aber ich sehe nur Dunkel. Ich muss mich wie blind, schwankend auf meinem steinernen Pfad entlangbewegt haben. Vor allem haltlos ohne Ziel und Zukunft. Jeden Tag zu überstehen war schon viel.
Denn meine Talfahrt schritt ab dem Jahr 2010 unaufhörlich voran. Selbst die Ärzte hatten mich eigentlich schon aufgegeben, ich war im Grunde genommen austherapiert. Ende 2016 wog ich gerade noch 30 kg, und mein Körper glich einem einzigen organischen „Trümmerfeld“. Meine Psyche verlor sich in einer schwersten Depression. Die Kombination meiner Anorexie und posttraumatischen Belastungsstörung stellte die Grundlage für meine weitere Folgeerkrankung dar, die in kein medizinisches Muster mehr passte.
Erst im Jahr 2016 wagte ich einen neuen Versuch, meine Erkrankung in vielen Details zu erklären. Ich möchte daher an dieser Stelle auf meine „Erfahrungsberichte“ im Kapitel „2016 – Das Jahr meiner Kontaktaufnahme“ verweisen.
Mein beruflicher Werdegang wurde infolge meiner Erkrankung zu einem beruflichen „Suchgang“. Denn alle Versuche gingen nur so lange gut, wie es mein Körper und meine Psyche zuließen und meine Kräfte durchhielten.
Meine längste berufliche Phase war dabei meine halbe Stelle als chemisch-physikalische Laborantin der Qualitätssicherung bei einer Firma für Naturfarben in der Zeit zwischen 2007 und 2010.
Ein weiterer Versuch, meinem Wunschberuf näher zu kommen, bildete mein Fernstudium zur staatlich anerkannten „Lehrerin für Fitness“ ab dem Jahr 2010, das ich Ende 2011 sehr erfolgreich abschloss.
Aber mein Wunsch, meine Ausbildung in eine berufliche Karriere als qualifizierte „Personal Trainerin“ übergehen zu lassen, blieb ein unerfüllter Traum.
Zu groß war mein eigener Identitätskampf, der zudem komplett in den sichtbaren und unsichtbaren Folgen meiner schweren Erkrankung unterging.
Mein Körper und meine Psyche waren nicht mehr bereit, den Anforderungen meiner Außenwelt zu entsprechen.
Und meine „Welt“ war mittlerweile eine ganz andere. Eine unbeschreibliche, unfassbare, die mich immer weiter zu erdrücken schien. Nicht mehr nur meine Gedanken, die im Dunkel umherirrten …
Doch in meiner qualvollen Suche nach Erinnerungen sah ich plötzlich einen hellen Schein am finsteren Horizont erstrahlen, der mich in seinen Bann zog und von dem ich mich in meinen Gedanken nicht mehr lösen konnte. Ich war überzeugt davon, dass es das Licht meiner Rettung sein würde.
Doch mit dieser nicht fassbaren Erscheinung in meinem Kopf war mein Leidensweg noch immer lange nicht zu Ende.
Mein schmaler, enger Pfad drängte mich in einen „Raum der Extreme“, indem ich noch weitere 4 Jahre ausharren musste, bis ich endlich mit meinen letzten Kräften die Tür zu neuem Leben aufstoßen durfte.
Was ich mir wünsche
Ich wünsche mir einen Menschen, der mich gernhat,
der mir verzeiht und mich tröstet,
der mich versteht und zu mir hält,
der mit mir und nicht über mich spricht,
der mir zuhört und mit mir schweigt,
der mir die Wahrheit sagt,
der mich annimmt,
der mir Geborgenheit schenkt,
der Frieden stiftet.
Ich wünsche mir ein solcher Mensch zu sein.
(Quelle unbekannt)
2016 bis 2020 – Die härtesten und entscheidendsten Jahre meiner Selbstfindung
Die Zeit zwischen 2001 und 2016 war für mich eine Zeit, an die ich mich nur noch schemenhaft erinnern kann. Sie war geprägt von großem Leid mit kleinen Hochphasen, die gefühlsmäßig nur Momente waren, die mir wie Sand durch meine Finger rieselten und nicht festgehalten werden konnten.
Nach meiner Vergewaltigung im Jahr 2000 schien die Zeit manchmal in einem dunklen Tunnel ohne Ende stehen geblieben zu sein.
Ich suchte verzweifelt nach einem Halt, nach Zielen, vor allem aber suchte ich mich. Mein Körper war zwar da, aber gespalten in einzelne Bereiche, von denen ich eigentlich nur meine Beine zum Laufen und meinen Kopf zum Denken mochte und akzeptieren konnte. Alles andere meines Spiegelbilds, hasste ich zutiefst. Wer war dieses Kind, das als weibliche Person geboren wurde und, noch ganz tief verborgen in seinem Innern, so gern ein Junge sein wollte?
Ich flüchtete in meine Anorexie, um meinen Körper „voll“ unter Kontrolle zu halten. Alle weiblichen Formen wurden schon im Keim erstickt, indem ich nur das Notwendigste aß und dabei mein Training für den Ausdauersport immer mehr steigerte. Ich wollte mich bewusst an einem Limit halten, auf einem ganz schmalen Grad bewegen, aber (noch) nicht sterben. Ich wollte wie eine Maschine funktionieren, Leistung erbringen, um von meiner Umwelt Lob und Anerkennung zu erhalten. Nur durch diese äußere Kraft wurde ich, mein Körper zusammengehalten, während ich innerlich immer mehrzerfiel.
Wo blieben meine Gefühle? Sie verloren sich in meinen Blackouts, die durch meine Traumatisierung verursacht wurden.
Ich denke heute, es waren die Jahre zwischen 2000 und Anfang 2016, in denen ich mich vollends von mir selbst entfernte, besser zu entfernen versuchte.
Nur mit diesem Hintergrund ist das „Wunder“ zu erklären, das für mich ab dem Jahr 2016 begonnen hat, obwohl mein eigentlicher Lebenskampf bis zum absoluten Limit erst noch vor mir stehen sollte …
Im Jahr 2010 noch hatte ich mich unsterblich in eine Frau verliebt, die nicht nur mein Herz, sondern auch alle meine Sinne eingenommen hat. In einer Form, die für mich bis heute unbeschreiblich bleibt und den Anfang meines Wegs zu mir selbst und den Kernpunkt meiner Biografie darstellt.
Weder die Erzählung meiner Kindheit noch meiner Jugendzeit bis zu meinem 23. Lebensjahr ist für diese Biografie und für den Beginn meines neuen Lebens entscheidend. Es sind allein die Jahre von 2016 bis 2020, die wie ein Märchen klingen, die aber die wundervolle Realität darstellen und auch mit tausend Seiten nur schwer in Worte zu fassen sind.
Ich wage es trotzdem, obwohl ich das „Wunder“ nicht mit Verstand zu erklären versuche, sondern den „magischen Raum dahinter“, das „Unfassbare“ beschreiben möchte.
Meine Liebe im Jahr 2010 wurde durch tragische Weise, durch Schicksal, erdrückt. Einerseits wurde ich in meiner Gefühlswelt durch meine Vergewaltigung so tief bis in mein Herz verletzt, dass selbst diese Liebe lange Zeit nicht mehr von mir wahrgenommen werden konnte. Anderseits durfte und konnte diese Liebe nicht gelebt werden, weil die Realität es zu diesem Zeitpunkt anders wollte und sich unsere Wege trennen mussten.
Auch eine Aussprache meiner Gefühle änderte nichts an der harten Realität.
So verloren sich meine Gefühle lange Zeit in großem körperlichen Leid und psychisch totaler Leere.
Mein Zustand verschlechterte sich trotz psychotherapeutischer Hilfestellung von Tag zu Tag, weil zu dieser Zeit noch niemand auf meine Hauptproblematik ganz tief in mir kam. Jeder Versuch, den ich machte, über meine Probleme zu reden, sie überhaupt auszusprechen, wurde in allen, unzähligen Therapien seit meinem zwölften Lebensjahr niedergeschmettert. So gewöhnte ich mir immer mehr an, zu schweigen und mich letztendlich selber zu verleugnen.
Bis zu diesem Tag Anfang 2016, an dem ich eine „himmlische Eingebung“ bekam. Allerdings zunächst in Form eines unbeschreiblich tiefen Schmerzes in meinem Herzen. Plötzlich konnte ich in meinem Herzen wieder ein Gefühl verspüren von großer Liebe. Es war die Liebe zu dieser Frau vor sechs Jahren, meiner ehemaligen Therapeutin, weshalb sich unsere Wege damals trennen mussten … Doch in meinem jetzigen Zustand flammte dieses Gefühl wieder so stark und in einer für mich völlig anderen Dimension auf. Dabei muss ich vor allem betonen, dass diese Liebe fernab von körperlichen Bedürfnissen stand. Die „Magie“ dieser Liebe möchte ich mit keinen Worten zerstören und zu erklären versuchen. Aber dennoch muss ich an dieser Stelle betonen, dass ich zu diesem Zeitpunkt aus bis heute nicht vollständig geklärten Gründen fast ohne weibliche Hormone lebte, besser gesagt überlebte, was ich erst im Jahr 2020 erfahren sollte!
Aber ich war wie gefesselt, konnte an gar nichts anderes mehr denken als an diese „faszinierende Person“. Innerlich getrieben, von einer unbeschreiblichen Panik, sie nie mehr wiedersehen zu können, musste ich versuchen, sie unbedingt wieder aufzufinden. Meine Trauer und der Schmerz, sie für immer verloren zu haben, trieben mich voran. Verzweiflung, Trauer und meine eigenen Schmerzen wechselten sich ab. Ich war vielfach den Tränen nahe, meinte zu ersticken und wurde wie in einen Sog gezogen, fernab meiner Umwelt um mich herum. Ich sah nur noch ihr Bild vor meinen Augen, konnte mich nur noch auf dieses einzige wunderbare und doch so schmerzliche Gefühl konzentrieren.
Mein Körper rebellierte, und der Aufschrei meiner Psyche, der Schrei nach ihrer, meiner so tief gefühlten letzten Hilfe für mein Überleben wurde immer größer.
So groß, dass ich alles unternahm, sie zu finden. Ich recherchierte und fand sie als Therapeutin im Internet wieder. Also lebte sie! Und ich verspürte eine solch unbeschreibliche Kraft und war erfüllt von einer alles übertönenden Stimme in mir, dass sie mein letzter Rettungsanker ist!
Doch ich war auch von großen undefinierbaren Ängsten geplagt, wollte sie und meine Gefühle erstmals in Briefform niederschreiben. Und ich tat es. Obwohl mich meine damalige Psychotherapeutin von einer Kontaktaufnahme abbringen wollte, war der Schrei meines Körpers und meiner Psyche so stark, dass sie weitere gesundheitliche Gefahren für mich nur durch die Kontakteinleitung zu meinem Engel ausschließen konnte. Ich war am Ziel und bekam einen ersten Telefontermin, der erste Schritt in meine weitere wundervolle Heilung …
Die folgenden vier Jahre sollten zum „Schlüssel“ meines „wahren Ichs“ werden.
Doch vor allem stand mir ein harter steiniger Weg bevor, der bis heute härteste in meinem Leben. Die weitere Zusammenarbeit mit meinem Engel war ein Prozess, der mich bis zum „Limit“ fordern sollte und auch von meiner Therapeutin alles abverlangte. Mein Kopf und meine Psyche waren wie beflügelt, um den Kampf gegen meinen Körper, der sich schon nah am Abgrund befand, zu gewinnen.
Im Folgenden möchte ich diese vier Jahre erzählen, obwohl viele der Ereignisse, Eindrücke, Empfindungen und Erfahrungen nicht mit Worten beschrieben, sondern nur „gefühlt“ werden können.
Ich wollte möglichst jeden Tag schreiben, um mich immer mehr zu öffnen, den inneren Druck endlich zu lösen, den täglichen Kampf anzunehmen und vor allem um meine einmalige „wundervolle Gefühlswelt“ in riesiger Dankbarkeit meinem Engel gegenüber auszudrücken.
Was mir an dieser Stelle noch sehr wichtig ist: Das Pseudonym, das ich für meine Therapeutin gewählt habe, „mein Engel“, soll niemals als „besitzergreifend“ ausgelegt und verstanden werden! Es beschreibt lediglich meine gefühlte Verbundenheit zu ihr.
Liebe Leser/innen, beginnen wir die Reise. Folgen Sie dem größten Spiegel meiner Seele und meines Körpers im folgenden Wechsel meiner Erfahrungsberichte, Gedichte, Briefe und E-Mails an meine Therapeutin, die durch wichtige Kommentare aus meiner heutigen Sicht ergänzt werden:
2016 – Das Jahr der Kontaktaufnahme
Sekunden
Es waren nur Sekunden,
ein kurzer Blick,
eine flüchtige Entschuldigung.
Wir lächelten uns an.
Es waren nur Sekunden,
die meine Gefühle aufwühlten.
Sekunden,
die mich aus dem Gleichgewicht brachten.
Sekunden,
die mich verwirrten.
Sekunden,
die mein Herz schneller schlagen ließen.
Sekunden,
die ich nie vergessen werde.
(geschrieben von Martina Steinert im Jahr 1997)
Im März 2016
Mein erster Brief als E-Mail an meine Therapeutin, den ich noch vor einem ersten Telefontermin mit ihr und ihrer Entscheidung schrieb:
„Lieber Engel,
eigentlich weiß ich gar nicht, was ich schreiben soll, da Gefühle einfach schwer in Worte zu fassen sind. Vielleicht habe ich auch nur Angst, dass Dich diese Worte nie erreichen werden und Du den Brief überhaupt nicht lesen möchtest und ihn ablehnst.
Mittlerweile sind sechs Jahre vergangen. Äußerst schwere Jahre. Als wir uns zum letzten Mal gesehen hatten und ein „nettes“ Gespräch führten, war dies erst der Anfang meiner schweren Erkrankung. Dennoch war dieses letzte Treffen sehr wichtig für mich, wenn auch „schmerzhaft“. Als ich Dich nach einer gewissen Zeit noch mal angerufen habe, wollte ich dich absolut nicht belästigen und vor allem nicht verletzen! Ich habe eingesehen, dass Du eine andere Neigung hast, und ich kann das auch akzeptieren. Gerade weil Du mir so viel bedeutest, wünsche ich mir, dass Du glücklich bist. Allerdings habe ich gehofft, dass eine „normale“ Freundschaft nach einer bestimmten Zeit trotzdem möglich wäre.
Wenn ich jetzt diese Zeilen schreibe, dann sind schon viele, zu viele Jahre vergangen, in denen ich schwer krank bin und eine Marionette meiner Schmerzmittel. Ich kann nicht einfach rausgehen, mir nach Freundschaften suchen, weil ich eine Gefangene meiner Krankheit bin. Sie diktiert meinen Tagesablauf und bestimmt, wie ich zu fühlen habe. Ich bin eine Maschine, die funktioniert, um zu überleben. Echte Gefühle für einen Menschen habe ich nur für Dich.
Selbst mit „Valoron“ gibt es einen Menschen, für den ich empfinde wie für niemanden, und ich kann dies nicht in Worte fassen: Es ist Deine Art, Dein Aussehen, Dein Ambiente. Doch diese Gefühle wurden bislang durch das Schmerzmittel stark begraben und unterdrückt. Im Leid und den „Rest“-Schmerzen der Erkrankung wird man „hart“, umgeht Gefühle, auch seine eigenen. Dennoch habe ich immer wieder an Dich gedacht.
Nur jetzt, da ich dachte, endlich dieses Mittel absetzen zu können, merke ich, wie ich eigentlich fühle, und da warst wieder Du, ganz heftig in meinem Kopf. Ich musste mich nach Deinem Wohnort erkundigen. Im Internet habe ich Dich wiedergefunden, in München. Es war wie ein Schock! Irgendwie kommt es mir vor, ich hätte Dich für immer verloren. So verloren, wie schon so viele Freundschaften und berufliche Neuanfänge tragisch zu Ende gingen. Ich fühle mich unendlich einsam und verlassen. Hilflos meinen Gefühlen gegenüber und meiner Erkrankung. Dabei möchte ich doch vor allem verstanden werden!
Ich würde Dich heute nie mehr „belästigen“ wollen, weil Du mir so viel bedeutest. Aber ich würde alles dafür geben, Dich wiederzusehen, mit Dir (am Telefon) zu sprechen.
Obwohl eine Fahrt nach München aus gesundheitlichen Gründen für mich fast unmöglich ist, würde ich für Dich diesen Versuch gleich morgen wagen. Würde meine Trinknahrung mitnehmen, mich ins Auto mit einem Fahrer setzen. Es wäre mein schönster Tag!
Ich glaube, ich könnte dadurch meinen Schmerz überwinden, diese Trauer annehmen und vor allem diese Schuldgefühle loswerden, Dich verletzt zu haben.
In meinem jetzigen Leid wäre auch nur eine Freundschaft so unendlich wertvoll und das Gefühl, dass Du trotzdem da bist und Verständnis für mich hast, sodass weitere Gedanken für mich schon gar kein Thema mehr wären.
Ich glaube, dass ich für Dich sogar glücklich wäre, wenn Du einen lieben Partner gefunden hättest. Aber dieser tiefe Schmerz, Dich ganz verloren zu haben, bringt mich fast um!
Gib mir doch bitte die Chance und antworte mir. Es gibt doch ein Telefon oder zumindest E-Mail.“
Damit meine Therapeutin zusätzlich einen tiefen Einblick in meinen Krankheitsverlauf der vergangenen sechs Jahre und vor allem meine zu diesem Zeitpunkt sehr schlechte psychische als auch physische Verfassung bekam, fügte ich noch zwei Erfahrungsberichte hinzu:
Erfahrungsbericht der Erkrankung von Martina Steinert
„Meine chronische Darmerkrankung (Malassimilationssyndrom) begann vor gut 6 Jahren eher mit schleichenden Symptomen. Einer der Hauptgründe war höchstwahrscheinlich meine Anorexie, Magersucht, die schon seit meinem zwölften Lebensjahr bestand. Im Jahr 2010 spitzte sich mein Gesundheitszustand immer mehr zu. Damals befand ich mich in meiner Ausbildung zur Lehrerin für Fitness (BSA), hatte viel Stress, mehrere Impfungen, zwei schwere Magen-Darm-Grippen im selben Jahr … Jedenfalls versagte meine Verdauung fast komplett; hatte schwere Durchfälle, extreme Magen-Darm-Schmerzen und verlor innerhalb kurzer Zeit sehr viel Gewicht. Die Diagnose war ein extremer Verdauungsenzym-Mangel (Malassimilationssyndrom), dessen genaue Entstehung jedoch bis heute noch unvollständig geklärt ist. Bei dieser Symptomatik ist sowohl die Verdauung als auch die Aufnahme von Nährstoffen im Darm gestört. Ich versuchte ernährungstechnisch mit Einbeziehung von Medikamenten alles, da ich ja Diplom-Agrarbiologie studiert habe und in Eigenregie mein Studium durch Ernährungswissenschaft, Sporternährung sowie -medizin erweitert habe. Zu meinen schweren Verdauungsproblemen kamen noch Glieder- und Gelenkschmerzen (Polyneuropathie). Am Anfang ignorierte ich die immer wiederkehrenden Entzündungen durch unverdaute Nahrungsbestandteile, da ich diesen warmen, zehrenden Bauchschmerz noch nicht einordnen konnte. Zudem bin ich als ehemalige Ausdauer-Leistungssportlerin hart im Nehmen. Doch die ständigen Entzündungen führten natürlich zu vielen „Mikro“-Löchern im Darm, die die Darmschleimhaut weiter zerstörten, die Darmflora weiter ausdünnten und zu einer noch geringeren Enzymbildung führten. Außerdem bekam ich ein weiteres Problem: eine labortechnisch nachgewiesene Allergie vom Typ 3 (Allergie mit Spätreaktion gegen bestimmte Nahrungsmittel). Die Ursache waren die Darmlecks, die zu viele unverdaute Nahrungsbestandteile ins Blut übergehen und dadurch mein Immunsystem gegen sie Alarm schlagen ließen. Die Folge waren noch heftigere Schmerzen und Durchfälle und vor allem eine weitere Einschränkung der Lebensmittel, die ich noch essen konnte. Wegen der Malassimilation, also meiner Grunderkrankung, muss ich schon auf Fleisch, Fisch, Nudeln, Kartoffeln, Reis, Hülsenfrüchte, viele ballaststoffhaltige Obst- und Gemüsesorten sowie auf Fertiggerichte und zu viel Salz verzichten. Auch alles „Fettige“ mit gesättigten Fetten kann ich nicht essen. Seit der weiteren Folgeerkrankung, der Typ-3-Allergie, vertrage ich auch keine frische Kuhmilch, Eier, keinen Dinkel und Hafer mehr.
Pulsuz fraqment bitdi.