Kitabı oxu: «Münchner Gsindl»
Martin Arz
Münchner Gsindl
Pfeffers 7. Fall

Hirschkäfer Verlag
Martin Arz schrieb zunächst als freier Autor für zahlreiche Magazine. Dann arbeitete er mehrere Jahre lang als PR-Berater, bevor er sich ganz den Künsten widmete: der Malerei und dem Schreiben. Seine Gemälde waren bereits auf vielen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen. Arz ist Autor von zahlreichen Sachbüchern, Krimis und historischen Romanen.
Max-Pfeffer-Krimis im Hirschkäfer Verlag:
· Das geschenkte Mädchen – Pfeffers 1. Fall
· Reine Nervensache – Pfeffers 2. Fall
· Die Knochennäherin – Pfeffers 3. Fall
· Pechwinkel – Pfeffers 4. Fall
· Westend 17 – Pfeffers 5. Fall
· Geldsack – Pfeffers 6. Fall
· Münchner Gsindl – Pfeffers 7. Fall
Handlung und Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen oder Personen wäre rein zufällig.
ein E-Book aus dem Hirschkäfer Verlag, 2020
Cover und grafische Gestaltung von Hirschkäfer Design/Coriander P.
© Hirschkäfer Verlag, München 2020
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Verarbeitung in elektronischen Systemen.
E-Book-ISBN 978-3-940839-72-5
Besuchen Sie uns im Internet:
www.hirschkaefer-verlag.de
Mit Liebe gemacht.
1
Pulsbereich zwei. 164 Schläge in der Minute.
Zu viel. Er hatte es gespürt. Er musste Tempo reduzieren. Ein bisschen. Zurück in Pulsbereich eins. Das war die Strecke für einen wirklich langen Lauf. Ein paar Minuten, und er war wieder unter 150. Das spürte er einfach. Zur Sicherheit schielte Max Pfeffer nach zwei Minuten auf die Uhr mit dem Pulsmesser: 148. Ein Weihnachtsgeschenk seines älteren Sohns. »Voll uncool, Dad«, hatte Cosmo seinen Vater kritisiert, nachdem der sich geoutet hatte, dass er nach Gefühl lief und nicht streng geräteüberwacht. »Gerade in deinem Alter solltest du nicht mehr einfach nach Gefühl laufen.«
»In meinem Alter?«
»Du weißt, was ich meine.«
Pfeffer wusste es nicht. Natürlich hatte er sich zunächst geweigert, die Uhr zu tragen, dann aber doch einem Testmonat zugestimmt, damit er seine Ruhe hatte. Cosmo konnte echt anstrengend sein – und verdammt hartnäckig, ganz der Vater. Also lief Max Pfeffer seine morgendliche Joggingrunde in diesem Mai mit Pulsmesser und Uhr. Heute hatte er die lange Route bis hinter den Tierpark Hellabrunn gewählt. Auslaufen, den Kopf freibekommen. Aufhören zu denken. Einfach laufen. Utz-Utz-Musik in seinem Kopfhörer gab den Takt vor. Utz-Utz-Musik – Cosmo würde ihm was husten, wenn er das zu ihm sagen würde. Immerhin hatte dj Cosmo seinem Vater mehrere Tracks zusammengestellt, je nach Pulsbereich, für langsam bis Sprint. Und weil Cosmo wusste, dass sein Vater coolen Jazz, exotische Weltmusik und Electronic Beats liebte, hatte er jeweils ein paar Elemente hineingemixt. Es funktionierte. Der Beat war jedes Mal eine Nuance anders, sodass Pfeffer danach im jeweiligen Pulsbereich laufen konnte. Viel nützlicher als dieser blöde Pulsmesser.
Die Sonne ging gerade auf. Kurz vor sechs. Es war frühlingshaft warm. Pfeffer war bisher nur zwei oder drei frühen Läufern begegnet. Er war schon eine halbe Stunde unterwegs. Rechts gurgelte die Isar, der Flaucher lag hinter ihm, bald kam rechts der Zoo in Sicht. Man konnte ihn riechen, bevor man ihn sah. Animalisches lag in der Luft. Pfeffer gab einer Eingebung nach und machte spontan zwanzig Liegestütze auf dem Weg, bevor er weitertrabte. Erste Hundegassiführer tauchten auf den Wegen auf, die aus dem dichten Grün der Isarauen zum Fluss führten. Die meisten ließen ihre Hunde ohne Leine laufen.
Bis zur Marienklause, beschloss Pfeffer, dann den steilen Weg hinauf nach Harlaching und oben am Hang den Weg zurück nach Giesing. Dann würde er insgesamt zwar mehr als eine Stunde brauchen, aber ihm war danach. Er hatte Energie.
Das Tierparkgelände endete. Pfeffer überquerte den Auer Mühlbach, der hier von der Isar abgeleitet wurde, und bog nach links zum Fußweg, der den Steilhang hinaufführte. Daneben lag die Marienklause. Man konnte die kleine Holzkapelle kaum erkennen, so dicht waren die Bäume bereits begrünt. Zwischen den steinernen Kreuzwegstelen führte ein ins Grün getrampelter Weg zur Kapelle und der in Stein gefassten kleinen Quelle. Ein Jogger kam auf dem Weg von der Kapelle her und lief dicht an Pfeffer vorbei. Eine ältere Frau mit einem überfetteten Kleinhund, dessen Rasse man bei dem Volumen nicht mehr erkennen konnte, trippelte vom Steilhang kommend Pfeffer entgegen.
Da sah er den Pfau. Direkt auf dem kleinen Kreuzweg, der zwischen den Büschen zur Marienklause führte, wo eben noch der Jogger langgelaufen war. Pfeffer blieb lächelnd stehen. Der Pfau starrte zurück. Dann schlug er ein Rad und fächerte seine Prunkfedern auf. Pfeffer hatte den Eindruck, dass der Vogel das ganz nonchalant, so nebenbei machte. »Ich bin der Prachtbursche! Noch Fragen?«, lag in dieser Bewegung.
Pfeffer nahm seine Ohrstöpsel heraus. »Na, du«, sagte er so sanft keuchend es ging, denn er war doch einigermaßen außer Puste und musste schnaufen. »Bist du aus dem Zoo ausgebrochen?« Der Pfau klappte sein Rad ein und stolzierte davon. Auch die Frau mit dem fetten Hund war stehen geblieben. Einer Laune heraus folgte Max Pfeffer dem Vogel auf dem Trampelpfad vorsichtig, um das Tier nicht zu verscheuchen. Der Pfau drehte sich noch einmal um und schlug erneut ein Rad.
»Ja, du bist schön, protzerter Stenz«, schmunzelte Pfeffer. »Balzt du mich jetzt an?« Der Pfau schritt elegant weiter zwischen den Kreuzwegstelen, schließlich scharrte er an einer Stelle.
»Mei, Putzi«, quiekte die alte Frau, zu ihrem Hund gebeugt, »hast du des gsehn? Ha? So a schöns Vogerl! So ein schönes Vogerl! Des is a Fasan, Putzi. A Fa-san. Gell, des kennst no gar ned.«
Der Hund kläffte verunsichert.
»Magst mal a bisserl spieln? Gell, du magst spieln, ha?« Sie löste die Leine vom Halsband. »Ja, wer mag da spieln?«
»Lassen Sie das«, sagte Pfeffer. »Der jagt den Pfau.«
»Ach, was. Der spielt nur. Und so schnell ist mein Putzi ja eh nimmer, gell, Putzi?«
»Nehmen Sie Ihren Hund wieder an die Leine.« Pfeffer legte mehr Autorität in die Stimme.
»Was ham denn Sie jetzt für ein Problem?«, fragte die ältere Frau. Nur wenig später sollte Pfeffer wissen, dass sie Sabine Lobmair hieß, siebenundfünfzig Jahre alt war, verwitwet und in der Harthauser Straße in Harlaching wohnte. »Mein Putzi macht niemandem was. Und so a Fasan kann ja wegfliegen, wenns ihm ned passt.«
Putzi war sich inzwischen in die Nähe des Pfaus gewalzt, sein Bauch schleifte beinahe am Boden. Dann blieb er stehen und kläffte. Der Pfau beendete sein Scharren, hob indigniert den Kopf und erhob sich mit eleganten Flügelschlägen kurz in die Luft. Nur wenige Meter weiter ließ er sich auf dem Dach der Marienklause wieder nieder. »Hui!«, machte die Alte. Putzi bellte und watschelte zu der Stelle, an der der Pfau gescharrt hatte.
»Mei«, rief die Alte. »Da hat wieder jemand seinen Müll hingeschmissen. Des seh ich doch von hier. So eine Schande! Des san Zeiten. Des hätts früher ned gem.«
»Früher hats offenbar gar nix gem«, sagte Pfeffer.
»Was? Was erlauben Sie sich. Komm her, Putzi, Geh weg da! Da holst du dir sonst noch was. Da, sengs des? Müll!«
Max Pfeffer ging den Kreuzweg hinauf zum Hund, der hinter einer Stele schnupperte und dann hinschiss. Neben der Stele lag tatsächlich ein blaues Bündel. Eine blaue Strickjacke, Jeans und darunter rote Turnschuhe. Der Hund zerrte knurrend an der Strickjacke und schleifte sie schließlich Richtung Frauchen, die »Pfui, Putzi! Pfui!« keifte.
»Nehmen Sie jetzt Ihren Hund an die Leine«, sagte Pfeffer. Die Frau überhörte ihn geflissentlich. Dann sah Max Pfeffer neben dem Häufchen Hundekot eine Hand. Sie schimmerte weiß aus dem Grün. Er schob das dichte Unkraut zur Seite. An die Rückseite der Stele gelehnt, saß eine junge Frau. Nackt und tot. Pfeffer berührte ihren Hals mit drei Fingern, noch warm. Er prüfte schnell die Vitalfunktionen. Nichts. Definitiv tot, wenn auch erst seit wenigen Minuten …
Der Jogger!
Pfeffer wirbelte herum, stolperte beinahe über Putzi, der nun die Hose in Richtung Frauchen wegzerrte.
Pfeffer sprang über den Hund und rannte zum Hauptweg. Keine Chance! Inzwischen war München erwacht und zahlreiche Jogger waren in Sichtweite, aber keiner schien auf der Flucht oder war so gekleidet, wie Pfeffer sich einbildete, es sich gemerkt zu haben. Der Läufer hätte in jede Richtung davonrennen können. Auch über die Brücke rüber nach Sendling.
»Fuck«, fluchte Pfeffer laut. Dann trabte er zurück, schnappte sich schnell ein Bein der Hose, die Putzi wegschleppte, und zog ruckartig daran. Der Hund ließ nicht los. Pfeffer riss die Hand in die Höhe, der Hund hing nun in die Hose verbissen in der Luft.
»Herrschaftszeiten, was machen Sie mit meinem Putzi, Sie Tierquäler!«, kreischte die Alte. »Polizei! Lassens meinen Putzi in Ruhe, Sie ausgschamter Mistkerl, Sie!«
»Rufen Sie jetzt sofort Ihren Hund zu sich!« Pfeffer trug die Jeans mit dem daran baumelnden Hund zum Hauptweg vor, er schüttelte die Hose, und als das nichts brachte, packte er den Hund im Genick, drückte ein wenig zu, bis das Tier locker ließ, auf den Boden plumpste und zu seinem Frauchen trabte.
»Polizei!«, schrie die Alte wieder. »Tierquäler!«
Max Pfeffer holte sein Smartphone aus der Halterung am Oberarm, stoppte die Playlist und rief seine Kollegen an.
2
»Scheiße!«, fluchte Hauptkommissarin Annabella Hemberger. Sie versuchte den Hundekot, in den sie eben hineingetappt war, im Gras vom Schuh zu wischen. »Beschissene Drecksköter!« Sie fuhr sich mit den Fingern durch ihre blonde Kurzhaarfrisur.
»Und ihre Frauchen«, stimmte die Rechtsmedizinerin Doktor Gerda Pettenkofer zu. Sie wies mit dem Kopf zu der älteren Frau, die hinter dem Absperrband stand – Sabine Lobmair, die ihren übergewichtigen Hund nun auf den Armen hielt und wütend herüberfunkelte, weil weder die Hauptkommissarin noch die Rechtsmedizinerin zu überhören waren.
»Mei«, rief die Alte, »des kann ja keiner ahnen, dass da ein totes Madl liegt! Gell? Woher soll ich des denn wissen?«
»Schon gut«, sagte Bella Hemberger halblaut und stellte sich neben ihren Chef, Kriminalrat Max Pfeffer. Für sie, wie für die meisten anderen Anwesenden von der Kripo, bot er einen eher ungewöhnlichen Anblick. Normalerweise war Pfeffer gut bis sehr gut, zumindest aber tadellos gekleidet. Er liebte italienische Anzüge. Nun stand er durchgeschwitzt in hautenger Funktionssportwäsche da, die jeden Muskel seines durchtrainierten Körpers betonte. Kurze schwarze Shorts, nachtblaues langärmliges Shirt und darüber ein leichtes schwarzes Hoodie, denn Pfeffer zog meist die Kapuze auf, wenn er lief, um nicht zu viel Körperwärme über den Kopf zu verlieren – außer im Hochsommer. »Hey, Sexy«, hatte ihn vorhin die Rechtsmedizinerin begrüßt, gemeint nicht als Adjektiv, sondern als Spitznamen und ihm unverhohlen auf seinen wirklich repräsentabel-knackigen Hintern geklopft, so dezent, dass es kein Klatschgeräusch gab und nur die Kollegen es mitbekamen, die zufällig hingeschaut hatten. Die Pettenkoferin durfte das. Das war bekannt. Sie durfte auch Pfeffer zuflüstern: »Du wirst mir bald zu mager, Maxl. Iss mal ein bisserl mehr, sonst ists Schluss mit dem Knackhintern.« Danach kicherte sie kleinmädchenhaft, wobei ihre enorme Leibesfülle wackelte und wogte. Vom Tierpark nebenan klangen Geräusche, die anzeigten, dass die meisten Tiere inzwischen wach waren. Vor allem die Ziegen im Streichelzoo machten sich bemerkbar.
»Das hatten wir auch noch nie«, sagte Bella Hemberger und nahm ihre Brille ab, um sie zu putzen. Sie trug eine dieser großen auffälligen Gestelle mit dickem schwarzem Rahmen, die zwar modern waren, aber die meisten Träger minderbemittelt aussehen ließen. Bella jedoch stand das Modell ausgesprochen gut.
»Was? Ein totes Mädchen?«, fragte Gerda Pettenkofer.
»Nein, dass einer von uns zufällig eine Leiche findet.«
»Stimmt. Klingt nach Fernsehkrimi.«
»Ist aber leider Realität«, sagte Pfeffer. Er hatte den Kollegen bereits zu Protokoll gegeben, was er angefasst hatte, wo er langgegangen war und was der Hund an Spuren möglicherweise zerstört hatte.
»Mein Putzi hat sie gefunden«, rief die ältere Frau herüber.
»Hat er nicht«, rief Pfeffer zurück. »Und ich habe Ihnen schon mehrfach gesagt, dass Sie nun bitte nach Hause gehen können. Wir haben Ihre Daten. Danke. Wiedersehen.« Er beugte sich hinunter und sah noch einmal dem toten Mädchen ins Gesicht. Durchschnittlich hübsch, zart. Die Augen halb geschlossen, der Mund leicht geöffnet. Fast wie wenn sie etwas genießen würde. Der Schmerz der brutalen Misshandlung, die es gegeben haben musste, denn davon sprach das violettrot getrocknete Blut an ihrem Unterleib, der Schrecken zu sterben – nichts davon spiegelte sich in ihrer Miene wider. Man hatte keine Hinweise auf die Identität der Toten gefunden. Bisher. Pfeffer richtete sich auf. Wenn er keine Liegestütze auf dem Weg gemacht hätte, ein paar Minuten früher hier vorbeigekommen wäre – wer weiß, dann könnte das Mädchen vielleicht noch leben!
»Bin ich auf Droge, oder sitzt da ernsthaft ein Pfau auf dem Dach von der Hütte?« Hauptkommissarin Hemberger kratzte sich am Kopf und deutete zu dem Tier hinauf, das schon eine Weile sein prächtiges Federrad zur Schau stellte.
»Pfau? Wo?« Die Pettenkoferin sah sich suchend um. »Also, ich seh nichts. Du, Maxl?«
»Ich auch nicht«, spielte Pfeffer mit.
»Ihr … also sagt mal …« Bella Hemberger stotterte verunsichert. »Da ist doch ein Pfau, Kollege?« Sie schnappte sich einen von der Spurensicherung, der ihr umgehend bestätigte, dass ein exotischer Vogel auf dem Dach der Marienklause saß.
»Sehr witzig«, zischte sie zur Rechtsmedizinerin und ihrem Chef, die beide wie Lausbuben kicherten. Bella Hemberger verdrehte die Augen. »Ich habe schon zwei Kinder und einen Künstler als Gatten, da brauch ich euch nicht auch noch …«
»Ich habe schon beim Zoo angerufen, während ich auf euch gewartet habe«, sagte Pfeffer. »Es war aber noch niemand da.«
Die drei bummelten langsam zum Absperrband und kletterten aus dem gesicherten Bereich. Doktor Pettenkofer holte Zigaretten hervor. »Maxl?«
»Ja, danke.« Seit Weihnachten rauchte er wieder. Er fand es selbst nicht gut.
»Ich habe absolut null auf den Jogger geachtet«, sagte Pfeffer zum wiederholten Male. »Er hatte ein Hoodie an …«
»Ein was?«, unterbrach die Rechtsmedizinerin.
»Ein Hoodie. Einen Kapuzenpulli oder eine Kapuzenjacke für euch jenseits der Fünfzig!«, sagte Pfeffer zur Pettenkoferin. »Ich glaube, der war grau. So ganz normaler hellgrauer Sweatstoff. Und eine schwarze lange Laufhose und die Schuhe mit weißen Sohlen. Keine Ahnung, welche Marke. Ich hab ihn mir nicht richtig angeschaut!«
»Mach dir keine Vorwürfe«, sagte Bella Hemberger. »Konntest es ja nicht ahnen. Die Alte mit dem Hund hat gar nichts gesehen, nicht mal, dass da ein Jogger war.«
Die schwergewichtige Medizinerin gab ihm Feuer, zog dann tief an ihrer Zigarette und sagte: »Also, wirklich noch nicht lange tot, unser armes Mädchen. Sie ist um die achtzehn, zwanzig, würde ich sagen. Woran sie genau gestorben ist, kann ich noch nicht schätzen. Es sieht so aus, als wäre sie wohl erdrosselt worden. Ich glaube, ich kann mich jetzt schon festlegen, dass sie nicht hier getötet wurde. Sie wurde nur abgelegt, beziehungsweise so hingesetzt. Quasi in Szene gesetzt.«
»Wie kommst du darauf?«, fragte Pfeffer.
»Du hast gesehen, was der oder die Täter mit ihrem Unterleib angestellt haben? Übel. Sie wurde regelrecht verstümmelt. Ich vermute, man hat sie mit einem Eisenstab, vielleicht auch Holz, da müssen wir die Ergebnisse abwarten, vaginal penetriert. Wahrscheinlich auch anal. Sieht zumindest so aus. Wenn das hier der Tatort wäre, müsste es hier deutlich mehr Blut geben.«
»Der Köter hat leider einiges durcheinandergebracht«, sagte Pfeffer.
»Polina Komarowa«, platzte Froggy dazwischen, der sich beinahe lautlos der kleinen Gruppe genähert hatte. Gerda Pettenkofer zuckte leicht zusammen. Froggy hieß eigentlich Erdal Zafer, aber weil ein älterer Kollege Erdal Yusufoglu hieß und sich fast alle duzten, nannte man den neuen Erdal nur Froggy. Froggy war schon in der Schule so genannt worden. Froggy, manchmal auch Fröschlein. Wegen Erdal, dem bekannten Schuhpflegemittel, dessen Logo ein Frosch ist. Anfangs hatte sich Erdal Zafer über den Spitznamen geärgert, dann hatte er aber herausgefunden, dass der Frosch im Erdal-Logo eine Krone trug. Damit konnte Froggy dann leben.
»Wie bitte?«, fragte Bella Hemberger spitz. Sie mochte Froggy nicht besonders und machte keinen Hehl daraus.
»Polina Komarowa«, wiederholte Froggy und hob einen Ausweis des Münchner Verkehrsverbunds hoch, der in einer Klarsichthülle der Spurensicherung steckte. »Wir haben doch noch einen Hinweis auf ihre Identität gefunden. Sofern es ihre IsarCard ist. Lag da bei den Sträuchern. Ist wohl aus der Hosentasche gefallen, als der Hund die Jeans weggezogen hat.«
Pfeffer nahm die Hülle mit dem Ausweis, Kommissar Erdal Zafer senkte den Blick. Er hatte noch nie Pfeffers Blick standhalten können. Pfeffer hätte gerne gewusst, warum. Er bekam meist Komplimente für seine Augen, er wusste, dass das rehbraune samtige Kuscheln für ihn arbeitete. Meistens jedenfalls. Frauen schmolzen für gewöhnlich dahin, wenn er es richtig einsetzte. Manche Männer auch. Aber manchmal machte es offenbar auch Angst wie bei Froggy. Wobei – wenn Pfeffer ehrlich zu sich selbst war, wusste er, warum Froggy so distanziert blieb.
»Neunzehn«, sagte Max Pfeffer. »Neunzehn Jahre alt. Polina Komarowa.« Er reichte Froggy den Ausweis zurück. »Dann finde mal heraus, ob unsere Kundin tatsächlich Polina Komarowa ist und wo sie gewohnt hat, Kollege. Ob es Angehörige gibt. Arbeitsstelle. Ausbildungsplatz et cetera. Danke.« Froggy nickte und trabte mit gesenktem Kopf davon. Pfeffer inhalierte den letzten Zug von seiner Zigarette, warf sie auf den Boden und trat sie aus.
»Max Pfeffer«, sagte die Rechtsmedizinerin streng. »Ich habe hier meinen kleinen mobilen Aschenbecher. Wie immer. Du alte Wutz musst nicht …«
»Jaja, schon gut.« Pfeffer bückte sich, hob den Stummel auf und legte ihn in den kleinen Aschenbecher, den ihm die Medizinerin hinhielt. »Ich gehe jetzt heim, duschen, und dann sehen wir uns im Büro.«
»Ach, Chef«, sagte Bella Hemberger, »du willst nach Giesing zurückjoggen? Ich fahr dich schnell heim. Und sag mal, was ist das denn hier überhaupt für eine verrückte Location?«
»Was? Die Marienklause? Kennst du die nicht? Warst du noch nie hier?«
»Nein, wir kommen selten weiter als bis zum Flaucher, wenn wir an der Isar sind, oder mal nach Großhesselohe. Halt immer auf der anderen Isarseite.«
»Die Marienklause hat mal ein Schleusenmeister selbst gebaut, soweit ich weiß«, erklärte Pfeffer. »Aus Dankbarkeit, dass ihn die Muttergottes zigmal vor dem Ertrinken gerettet hat, hat er die Kapelle und den Kreuzweg mit vierzehn Stationen errichtet. Das hier ist eine Stelle an der Isar, die saugefährlich ist wegen der Strömungen. Und früher sind hier wohl viele Flößer ertrunken. Die Legende sagt, besser gesagt, meine Oma hat uns das erzählt, dass hier die Isarnixe hockte und die Floßknechte betörte. Wer ihren Gesang hörte, musste bei der nächsten Floßfahrt sterben. Und bei Hochwasser hat sich die Isarnixe dann zusätzlich einen Spaß daraus gemacht, nächtliche Wanderer mit Irrlichtern zu foppen und in die reißenden Fluten zu locken. Da, siehst du, unter der kleinen Holzkapelle entspringt eine Quelle, die soll angeblich Heilkräfte haben.«
»Was du alles so weißt«, sagte Bella ganz unironisch.
»Solche Geschichten weiß ich jede Menge von meiner Oma. Die war die einzig erträgliche Person in meiner Familie und die Einzige, der man zuhören konnte.«
3
Becky öffnete die Balkontür. Sofort fluteten Lärm und Feinstaub die Küche. Die einzige Möglichkeit, in München eine bezahlbare Wohnung zu bekommen, bestand darin, Mängel zu ignorieren. Dass zum Beispiel der Mittlere Ring direkt vor der Tür lag, zwar mit Schalldämmung versehen, aber das brachte kaum etwas, außer hässliche Lamellen als Aussicht. Hinter dem Ring lag dann auch noch die Großbaustelle des ehemaligen Osram-Geländes. Wo früher Glühbirnen gefertigt wurden, dann einige Jahre eine Asylunterkunft existierte, wurden nun neue Wohnungen hochgezogen. »Living Isar« nannte sich das Projekt. Klang toll, klang teuer. Luxuswohnungen statt Fabrikhallen. So wie man das eben in München machte.
Becky konnte den Lärm inzwischen gut ausblenden, ebenso die nicht besonders frische Luft. Sie reckte ihr Gesicht zu den Sonnenstrahlen, die den Balkon bereits erreichten. Ihren Kaffeebecher hielt sie mit beiden Händen fest umklammert, um die Finger zu wärmen. Nur um an der Zigarette zu ziehen, ließ sie ab und an mit der linken Hand los. Sie überlegte, ob sie zum Bäcker am Candidplatz vorgehen sollte. Croissants wären jetzt lecker.
Becky hörte trotz des Lärmpegels, wie Lucky in die Küche schlurfte und sich schniefend Kaffee einschenkte. Sie ging in die Küche zurück und schloss die Balkontür.
»Moinsen«, brummte Lucky und schniefte erneut.
»Ach, Bussimausi.« Becky umarmte ihren Mitbewohner. »Immer noch unglücklich? Ich dachte, das hätten wir hinter uns. Das ist jetzt auch schon über eine Woche her …«
»Ich weiß«, antwortete Lucky weinerlich. »Hatte einen Flashback. Scheiß Kerle. Scheiß-fuck alte Säcke.«
»So ists recht«, bekräftigte Becky. »Und ich wiederhole mich ja gerne: Such dir endlich mal einen Kerl in deinem Alter, und nicht immer einen scheintoten Sugardaddy. Die wollen nur Frischfleisch. Die wollen nur ficken.«
»Das will ich doch auch«, schniefte Lucky.
»Nein, du willst die große Liebe mit Engelschören und Glitter und dem ganzen Trallala. Und dann auch noch ein bisschen Ficken. Wie viele alte Säcke habe ich jetzt schon mit dir mitgemacht? Zehn? Zwanzig?«
»Nie im Leben!«, rief Lucky scheinempört. »Viel mehr!« Er kicherte unter Tränen. »Ich dachte halt, dass Rudi anders ist. Dass er, ausgerechnet er, dann mit einem dahergelaufenen Stricher … Bin ich nicht genug? Bin ich so mies im Bett, dass man mich durch einen Stricher ersetzen muss?«
»Ach, Lucky-Bussimausi.« Becky drückte ihren Mitbewohner an ihre Brust. Lucky hieß eigentlich Luciano. Er hieß nicht nur wie ein echter Italiener, er sah auch so rassig aus. Auf Fotos wirkte er wie ein Italo-Popstar. Doch Lucky war klein. Sehr klein. Sein Gesicht verschwand zwischen Beckys Brüsten, weil er nur eins siebenundfünfzig groß war. So groß wie Salma Hayek oder Eva Longoria und nur einen Zentimeter kleiner als Madonna oder Prince. Und wie Prince hatte Lucky die zarte Figur eines Knaben. Um maskuliner zu wirken, und vor allem, um nicht in jeder Kneipe nach seinem Ausweis gefragt zu werden, trug er einen gepflegten kurzen Bart und häufig Hemden, die er so weit aufknöpfte, dass man seine Brustbehaarung sehen konnte. »Du bist halt ein süßer Bub, der leider auf diese Pädos anziehend wirkt.«
Luckys Smartphone machte »pling«.
»Echt jetzt?« Becky schob ihren Mitbewohner von sich weg und schüttelte den roten Lockenkopf. Ihr zartes porzellanenes Gesicht, das für gewöhnlich etwas geradezu Madonnenhaftes hatte, verdüsterte sich. Sie wusste, was das Pling bedeutete. Es war das Push-Benachrichtigungs-Pling von Luckys favorisierter Dating-App. »Dein Ernst? Du heulst mir hier die Ohren voll wegen diesem ollen Rudi, und dabei hast du schon längst wieder neue alte Säcke am Start?«
»Ja, mei.« Lucky griff sein Handy und wischte darauf herum. »Ich bin ja wieder auf dem Markt. Ach, der sieht eigentlich ganz nett aus …«
»Wie alt?«
»Laut Profil fünfundvierzig. Wahrscheinlich also fünfundfünfzig.«
»Könnte dein Vater sein«, stöhnte Becky.
»Mein Vater ist zweiundvierzig!«
»Und? Hat er Schwanzpics dabei?«
»Wer nicht.« Lucky schüttete sich Milch in ein Glas, häufte dann drei Löffel Kaba-Erdbeermilchpulver hinein und rührte um, bis die Milch gleichmäßig rosa gefärbt war. Mit einem Strohhalm nahm er den ersten großen Schluck. Er stand auf Erdbeermilch und schwor darauf, dass sie durch einen Strohhalm noch viel besser schmeckte. Lucky lümmelte sich auf die Eckbank in der Küche, während er durch die Bilder scrollte – abwechselnd Kaffee schlürfend oder Erdbeermilch saugend. »Nicht schlecht.«
»Zeig.« Becky nahm ihm das Handy weg. »Boah, warum seid ihr Kerle immer so schwanzfixiert?«
»Da sieht man gleich, was einen erwartet.«
»Das ist ja widerlich … Wobei … Der sieht ganz gut aus …«
»Was ist eigentlich mit Polly?«, fragte Lucky und pulte zwischen seinen Zehen. »Ich hab schon ein bisschen ein schlechtes Gewissen.«
»Ach was«, winkte Becky ab. »Die wird sich schon wieder einkriegen.«
»Wir hätten sie nicht einfach zurücklassen sollen.«
»Polly ist ein erwachsenes Mädchen. Die wird sich schon noch amüsiert haben. Außerdem hat sie ja so geheimnisvoll getan …« Es klingelte. Becky gab Lucky sein Telefon zurück und schielte zur Küchenuhr. Kurz nach zehn. »Um die Zeit?«
»Mach halt nicht auf«, brummelte Lucky, während er auf dem Display herumtippte.
»Wahrscheinlich der Paketbote.«
Als sie aufmachte, stürmte ein Mann an ihr vorbei in die Wohnung. Er war etwas zu jugendlich für sein Alter gekleidet, Sneaker, Designerjeans mit Löchern, knallgelbes Polohemd, Sommersakko; alles schrie »Marke«, »Maximilianstraße« und »teuer«. Seine schulterlangen Haare waren nach hinten gegelt.
»Wo ist Polina?« rief er. »Wo ist ihr Zimmer?«
»Das geht Sie wohl gar nichts an«, antwortete Becky und stellte sich ihm breitbeinig, mit in die Hüften gestemmten Händen in den Weg.
»Hören Sie«, der Mann schloss die Augen und atmete tief ein. Als er sprach, öffnete er die Augen und sah Becky durchdringend an: »Ich bin Herbert Förster. Polina arbeitet für uns als Kindermädchen.«
»Ach, Sie sind das!« Becky war wirklich erfreut, ihr zartes Madonnengesicht leuchtete. »Schön. Lernen wir Sie auch mal …«
»Ich bin hier nicht, um jemanden kennenzulernen.« Er blickte in die Küche. Lucky hob lässig die Hand und sagte »Servus«. Herbert Förster zuckte irritiert mit dem Kopf. »Hören Sie. Heute ist Ihre, äh, Mitbewohnerin nicht aufgetaucht. Ich habe jetzt einen wichtigen Termin, eigentlich bin ich schon zu spät, alles wegen Ihrer Mitbewohnerin – und meine Frau hat in einer halben Stunde ein Interview. Die Kinder sind unbeaufsichtigt. Da kann Polina nicht einfach unentschuldigt fehlen. Also, wo ist sie?« Er sah sich gereizt im kleinen Flur um. »Ist das die Tür zu ihrem Zimmer?«
»Sie ist nicht da«, antwortete Becky. »Ist heute noch nicht aufgetaucht.«
»Ach«, machte Herbert Förster. Er riss die Tür auf. Es handelte sich tatsächlich um Polinas Zimmer. Das bemerkte selbst Förster, denn wenn es eins gab, was er über sein Kindermädchen wusste, dann dass sie Bollywoodfilme liebte. Ihr Zimmer war mit Original-Filmpostern und allerlei Tand aus Indien geschmückt. Über dem Bett hingen die Poster von ›Om Shanti Om‹ und ›Kuch Kuch Hota Hai‹. Dass die Bewohnerin des Zimmers ein besonderes Faible für die beiden Stars Salman Khan und Hrithik Roshan hatte – vor allem für den smarten, durchtrainierten Hrithik Roshan mit seinen magisch hellgrünen Augen –, ließ sich nicht übersehen. Försters Aggression verpuffte angesichts des bunten Kitschs.
»Gut, sie scheint nicht da zu sein«, sagte er missmutig. »Können Sie sie erreichen? Ich habe ein paar Mal versucht, sie auf dem Handy anzurufen, aber da kommt gleich ›The person you’ve called is temporarily not available‹.«
»Ich ruf sie mal an«, rief Lucky von der Küche aus und nach kurzer Zeit: »Nee, Mailbox.«
»Großartig«, schnaubte Förster. Dann musterte er Becky. »Was machen Sie eigentlich?«
»Wie? Was ich mache?«
»Ja, es ist nach zehn Uhr morgens, und Sie sind zu Hause …«
»Ich studiere und hab noch ein bisschen Zeit«, antwortete Becky gedehnt. »Lucky studiert auch.« Sie deutete auf ihren Mitbewohner, der bei den Worten leicht grinste. »Polly ist die Einzige, die einen festen Job hat, falls Sie …«
»Weniger Text! Haben Sie Zeit? Ach was, natürlich haben Sie Zeit.« Förster packte Becky am Oberarm. »Sie bekommen hundert Euro cash auf die Hand, wenn Sie sofort aufbrechen und heute die Kinder hüten.«
Überrumpelt gab Becky nur ein »Äh« von sich.
»Auf. Los!«, rief Förster.
»Darf ich mir vielleicht noch etwas Vernünftiges anziehen«, sagte Becky, die in bequemer Jogginghose und ausgeleiertem Schlafshirt dastand. »Und außerdem bitte Vorkasse! Weils pressiert: hundertfünfzig.«
Förster zückte wortlos seinen Geldbeutel und drückte Becky drei Fünfziger in die Hand. Dann nannte er die Adresse in Harlaching. »Zack. Los! Ich benachrichtige meine Frau, dass Sie kommen. Wenn Sie in einer halben Stunde nicht dort sind, dann ist unser Deal geplatzt. Verstanden?« Er stürmte aus der Wohnung.
»Schönen Tag noch«, rief Lucky hinterher.
»Wie geil ist das denn?« Becky stand mit den Geldscheinen in der Hand noch im Flur. »Ein paar Stunden mit den Schrazen spielen und dafür fett Kohle absahnen!«
»Werden schon rechte Horrorblagen sein«, sagte Lucky. »Wenn sie nach dem Vater kommen … Hat Polly nicht gesagt, dass der gelackte Gelkopf ein Busengrabscher ist?«
»Stimmt. Tittenförster. Aber die Polly findet die Kleinen doch recht erträglich.«
»Arschlochkinder, hat sie gesagt.« Lucky sog genüsslich Erdbeermilch durch den Strohhalm. »Und wo Arschlochkinder sind, sind meist auch Arschlocheltern. Quod erat demonstrandum.«
»Brauchst ned so gschert daherzureden.«