Kitabı oxu: «Überrannt»
Inhalt
Prolog Beginn
Teil 1 Vorhut
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Teil 2 Ausnahmezustand
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Teil 3 Erwachen
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Teil 4 Schimäre
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Teil 5 Überleben
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Epilog Hoffnung
Nachwort
Weitere Atlantis-Titel


Eine Veröffentlichung des
Atlantis-Verlages, Stolberg
März 2022
Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin
Titelbild: Mark Freier
Lektorat und Satz: André Piotrowski
ISBN der Printausgabe: 978-3-86402-815-1
ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-828-1
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www.atlantis-verlag.de
Prolog
Beginn
Der Tag, den Vincent Degerlund mit Faulenzen nutzte, markierte das Ende der Menschheit. Die meisten Menschen verbrachten zu viel Zeit in der Vergangenheit. Im Gestern. Ihnen fehlte der Mut und die Zuversicht, nach vorn zu blicken. Dabei vergaßen sie oft, sich im Jetzt aufzuhalten und das zu tun, wozu sie auf Erden waren: zu leben.
Einfach zu leben. Den Tag zu genießen. Jedem Tag die Chance zu geben, der schönste zu werden. Das war Vincent Degerlunds Maxime und Devise. Er hatte oft genug miterlebt, was geschah, wenn man der Vergangenheit nachhing. Das Leben stagnierte. Statt zu sich weiterzuentwickeln, stapfte man auf der Stelle. Daraus ergab sich oft eine Unzufriedenheit mit sich selbst und dem Rest der Welt. Und diejenigen, die mit sich selbst im Argen lagen, zogen meist ihre Mitmenschen noch mit hinein. Tagein, tagaus hatten sie nichts Besseres zu tun, sich über alles zu beschweren, und gewannen noch Sympathien und Zustimmung für ihre Meinung.
Vincent Degerlund lächelte, als er daran dachte, dass er dies alles hinter sich gelassen hatte. Er konzentrierte sich auf das, was er erlebte und erleben wollte. Er lenkte seine Gedanken und Wünsche in die richtigen Bahnen und bekam dafür vom Leben das geschenkt, was er wollte: Glück und Freude.
Ja, er war ein glücklicher Mann geworden, seit er aufgehört hatte, in der Vergangenheit zu leben. Er hatte eine wunderschöne Frau, zwei prächtige Söhne, erfreute sich bester Gesundheit und war als freischaffender Berater von börsenorientierten Unternehmen finanziell unabhängig. Letzterer Punkt ermöglichte es ihm und seiner Familie, des Öfteren eine Auszeit zu nehmen. Wenn Geld keine große Rolle spielte, war man frei genug, einfach mal seine Sachen zu packen und übers Wochenende wegzufahren.
So wie an diesem verlängerten Osterwochenende. Sie hatten Glück mit dem Wetter. Die Temperaturen lagen zwar um die zehn Grad, doch der Himmel war wolkenlos und sonnig.
Die Jungs tollten am Ufer im Gras und warfen Steine ins Wasser, während Mia den Picknickkorb auspackte und Vincent immer wieder einen ihrer strahlenden Blicke zuwarf. Sie war genauso glücklich wie er. Das sah er. Er spürte es.
Es war perfekt.
Vincent war heute Morgen in aller Früh mit seiner Familie von Luleå nach Boden aufgebrochen und hatte einen schönen Platz am Ufer des Buddbyträsket gefunden, noch bevor andere Osterurlauber auf die gleiche Idee kamen. Am späten Vormittag begann sich das Grasufer zu füllen. Keine zwanzig Meter von ihrem Picknickplatz entfernt hatte sich eine Gruppe junger Leute niedergelassen, die Drachen steigen ließen.
»Ist dir nicht kalt?«, fragte Mia und riss Vincent aus den Gedanken.
Er sah sie an und wollte den Kopf schütteln, doch dann überlegte er, ob ein Vorwurf in ihrer Stimme lag. Immerhin rekelte er sich auf der ausgebreiteten Decke und faulenzte, während seine Frau die Arbeit machte.
»Möchtest du eine Jacke?« Er sah, wie Mia den Kragen ihrer Strickjacke hochgezogen hatte. Im Wagen hatten sie noch Windjacken. Vielleicht war es besser, sie zu holen.
»Du bist ein Schatz.« Mia beugte sich vor und gab ihm einen Kuss auf den Mund.
Als Vincent aufstand und zum Wagen ging, wehten die Klänge von Lenny Kravitz’ Stand zu ihm herüber. Er warf einen Blick zurück und sah, wie einige der jungen Leute tanzten und ausgelassen feierten. Sollten sie ihren Spaß haben, solange niemand im betrunkenen Zustand begann Stunk zu machen.
Vincent fischte die Jacken aus dem Wagen und hörte über die Musik hinweg plötzlich einen Laut, der jeden Vater sofort alarmierte: das Schreien seines Knirpses Casper. Er sah, wie der Kleine und sein jüngerer Bruder Linus auf Mia zurannten, die die beiden in ihre Arme schloss.
»Was ist denn los?«, fragte Vincent.
Linus begann zu weinen, während Casper in Richtung der jungen Leute zeigte. Eine Handvoll von ihnen hatte sich um einen Mann geschart, der offenbar neben der Picknickdecke auf dem Boden lag. Anscheinend war etwas passiert.
»Wartet, ich schau mal nach«, sagte Vincent. Doch bevor er Mia die Jacken reichen und gehen konnte, fiel einer der anderen Männer ohne Vorwarnung hin. Direkt aus dem Stand. Er knickte in den Knien ein und stürzte, als hätte man einer Marionette die Fäden durchgeschnitten.
Ehe einer der anderen überhaupt begriff, was geschah, fiel der Nächste.
Dann noch einer.
Eine Frau folgte. Zwei, drei Menschen sahen sich an, ehe sie einfach umkippten und nicht wieder aufstanden.
Casper brüllte wie am Spieß.
»Was geht da vor sich, Vincent?«, rief Mia verzweifelt. Ein hysterischer Unterton schwang in ihrer Stimme mit.
Vincent stand wie angewurzelt da. Er fühlte sich mit einem Mal überhaupt nicht mehr verpflichtet, nach dem Rechten zu sehen. Ihn beschlich das Gefühl, dass das, was die Jugendlichen heimsuchte, ihn selbst befallen konnte, wenn er nur in deren Nähe geriet.
Jetzt erwischte es auch die Leute, die vorher am Seeufer getanzt hatten. Wie die Fliegen fielen sie, einer nach dem anderen. Zwei Frauen kreischten und rannten davon. Eine kam keine zwei Meter weit, als sie hinfiel und sich nicht mehr rührte. Die andere schaffte es bis zu einem der Vans, mit dem sie hergekommen waren, doch kaum dass sie die Tür berührte, brach auch sie zusammen.
»Rasch, weg hier!« Vincent spürte Panik in sich aufsteigen. »Lasst alles stehen und liegen!«
»Mama!« Linus. »Was war das?«
Der Junge entglitt Mias Hand und sackte zu Boden.
Nein, nicht Linus!
Mias und Vincents Blicke trafen sich. Entsetzen stand in ihren Augen, gepaart mit tiefgründiger Furcht und der Gewissheit, dass es kein Entkommen gab.
Dann änderte sich Mias Ausdruck. Eine Falte entstand zwischen ihren Brauen. »Was … was war das?«
Im nächsten Moment klappte sie zusammen.
Casper hörte auf zu brüllen. Er sah Vincent an. Dieser wollte irgendetwas tun, seinen Jungen packen und rennen, doch das, was um ihn herum geschah, lähmte ihn. Nicht nur sein Körper war wie festgefroren, auch seine Gedanken schienen in einem Eisblock festzustecken.
»Papa?«
Casper sank vor seinen Augen zu Boden. Er verdrehte die Augen. Die Lider schlossen sich, dann fiel er in sich zusammen. Neben seinem Bruder und seiner Mutter.
Vincent verfolgte den Sturz wie in Zeitlupe. Er war nicht fähig, zu denken, zu fühlen oder zu begreifen. Er merkte nicht, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach, wie Übelkeit einen Würgereiz verursachte, ohne dass er in der Lage war, sich zu übergeben.
Fassungslos starrte er auf die leblosen Körper.
Dann jedoch erwachte für einen Sekundenbruchteil sein Verstand, als er etwas registrierte, das er nicht einordnen konnte: etwas Fremdes, nicht Greifbares.
Irritiert hob er die Brauen und sah sich um.
»Was war das?«, hörte er sich selbst sagen.
Nur einen Augenblick darauf wurde es dunkel um ihn.
Vincent war bereits in dem Moment tot, in dem seine Beine nachgaben.
Teil 1 Vorhut
Kapitel 1
Der Traum war intensiver als die Realität. Er kehrte in unregelmäßigen Abständen zurück und quälte die junge Frau im Bett aufs Neue. Ariane Hellenberg befand sich mit ihrer Freundin Sybille in New York und genoss den Hubschrauberrundflug über die Wolkenkratzer der Stadt. Das Wetter war ihnen wohlgesinnt. Sonnig, nicht zu warm, nicht zu kühl. Man konnte von hier oben bis zum Horizont sehen. Das One World Trade Center ragte imposant aus den Türmen der anderen Hochhäuser hervor. Doch an ein sprichwörtliches Kratzen an den Wolken war nicht zu denken, denn keine Cumulus-Gebilde trübten den Himmel. Hinter dem riesigen Gebäude war die Freiheitsstatue auf Liberty Island zu sehen.
»Wahnsinn!«, sagte Sybille Stobbe und lachte. »Wenn Rainer das wüsste, hätte er mich nie allein mit dir den Urlaub verbringen lassen.«
Ariane grinste. »Dein bescheuerter Freund hätte es uns nur vermasselt.«
Dafür fing sie sich einen Stoß in die Rippen ein und hätte aus einem Reflex heraus beinahe zurückgeboxt. Ariane machte keinen Hehl daraus, dass sie Sybilles Lebensabschnittsgefährten nicht mochte. Das hatte nichts mit Eifersucht zu tun, auch wenn sie und ihre Freundin mehr als einmal gemeinsam im Bett gelandet waren. Das war rein sexuell gewesen, hatte nichts mit Liebe zu tun und ihrer tiefen Freundschaft keinen Stein in Weg gelegt.
»Ich such mir ja einen neuen«, sagte Sybille nach einer Weile. »Aber erst … wenn mir Rainer zu langweilig wird. Er ist gut im Bett, weißt du?«
»Das sind andere auch. Und du kannst dich in Hannover aufs Messegelände stellen, mit den Armen wedeln und rufen: ›Ich bin Single.‹ Was glaubst du, wie viele Kerle sich plötzlich um dich scharen und um dich werben werden?«
»Als ob gutes Aussehen alles wäre. Übrigens trifft das auf dich noch mehr zu. Du bist doch viel hübscher als ich.«
»Quatsch! Erzähl nicht so einen Unfug.«
Sybille blickte aus dem Fenster. Sie überquerten gerade den Central Park.
»Rainer ist loyal. Und hilfsbereit.«
»Aber er ist dumm«, sagte Ariane. »Zumindest kann er dir nicht das Wasser reichen. Meine Mutter hat immer gesagt, du musst dir einen Mann angeln, der mindestens so intelligent ist wie du selbst.«
»Das sind doch alte Weisheiten, die heute nicht mehr gelten.« Sybille machte eine wegwerfende Handbewegung. »Alte Wertvorstellungen haben sich doch grundlegend geändert. Zu alt, zu jung, ob Mann mit Frau, Mann mit Mann, Frau mit Frau, eine Beziehung zu dritt oder ein offenes Verhältnis … das alles gab es zu Zeiten der weisen Worte deiner Mutter doch gar nicht.«
Natürlich hatte Sybille recht und Ariane wusste das. Das änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass sie Rainer nicht mochte. Dabei konnte sie noch nicht einmal sagen, warum. Sie blickte auf ihrer Seite aus dem Fenster des Hubschraubers.
»Wo sind wir eigentlich?«
»Das sollte jetzt New Jersey sein«, sagte Sybille. »Wir fragen mal den Pil… Was ist das denn?«
Der Tonfall in Sybilles Stimme alarmierte Ariane und sie folgte dem Blick der Freundin aus dem anderen Fenster. Von einem Moment auf den anderen hatte sich der Himmel verdunkelt, als würde gleich ein Gewittersturm losbrechen. Doch was da aus den pechschwarzen Wolken kam, waren keine Blitze, sondern lodernde Feuerbälle, die auf die Erde niederregneten.
»Ein Meteoritenhagel?«
Sie hatte noch nie einen miterlebt und wusste nicht, was da aus der Wolkenformation herabfiel. Die Objekte sahen aus wie ein halbes Dutzend brennender Medizinbälle, die, einen Feuerschweif hinter sich herziehend, auf die Erde fielen. Ariane hörte den Piloten fluchen. Er verriss das Steuer des Hubschraubers. Das Fluggefährt kippte zur Seite, die Turbinen heulten empört auf und der Rotor kämpfte gegen die plötzliche Überlastung an. Ariane wollte den Piloten anschreien, ob er noch ganz bei Trost wäre, doch dann erkannte sie, dass seine hektische Aktion ihnen das Leben gerettet hatte. Nur wenige Meter von ihrem Fenster entfernt fiel einer der Feuerbälle vorbei. Die Flammenbrunst, die ihm folgte, schlug durch den Fallwind peitschend um sich und erwischte den Rumpf des Helikopters. Ein Ruck ging durch die Maschine. Glas barst. Ariane und Sybille schrien gleichzeitig auf und wichen entsetzt von dem zersprungenen Fenster zurück auf die andere Seite. Der Hubschrauber geriet ins Trudeln und drehte sich in einer Schleife unaufhaltsam dem Boden entgegen. Der Pilot funkte Mayday, zerrte und riss an den Steuerelementen, während seine Füße die Pedale traten, doch der Flug wollte sich nicht mehr stabilisieren.
Der Hubschrauber sackte durch und stürzte ins Bodenlose.
Kurz vor dem Aufprall schreckte Ariane aus dem Albtraum auf. Schweißgebadet. Stoßweise atmend. Der Puls hämmerte hinter ihren Schläfen. Sie war die ersten Sekunden orientierungslos und fühlte sich erst wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt, als ihr Berner Sennenhund Rocky aufs Bett sprang und sich an sie kuschelte.
»Ein Traum …« Ihre Stimme war heiser. Der Mund fühlte sich so trocken an, dass sie nicht einmal genug Spucke sammeln konnte, um ihn zu befeuchten. Ariane schwang die Beine über die Bettkante und stand auf, nur um sich rasch an einer Kommode festzuhalten, ehe sie zu Boden stürzen konnte. Nicht nur, dass ihre Beine nachgaben und der Gleichgewichtssinn versagte, auch ein hämmernder Kopfschmerz schoss ihr durchs Gehirn und zwang sie in die Knie.
Rocky bellte, tanzte um sie herum, schleckte sie ab, winselte, als sie nicht reagierte.
Ariane brauchte ein paar Minuten, ehe sie auf die Beine kam und ins Bad gelangte. Sie drehte den Hahn am Waschbecken auf und spritzte sich eiskaltes Wasser ins Gesicht. Dann tauchte sie den ganzen Kopf unter den Hahn und nahm anschließend zwei, drei Schlucke vom Leitungswasser.
So schlimm war es nie gewesen. Ja, ihr Urlaub in New York vor drei Jahren war beinahe in eine Katastrophe ausgeartet, doch so wild, wie es der Traum ihr weismachen wollte, war es niemals zugegangen. Das Ereignis hatte so nicht stattgefunden, sondern ganz anders.
Sie waren auf einem Rundflug gewesen und ein einzelner Meteorit war aus dem Himmel auf die Erde gestürzt. Doch er hatte den Hubschrauber niemals in Gefahr gebracht. Der Pilot hatte den Rundflug abgebrochen und war notgelandet. Allerdings gab es einen Nachzügler des Meteoriten, der sie fast doch das Leben gekostet hätte. Er schlug unmittelbar neben der Landestelle des Helikopters ein und setzte Ariane und Sybille beim Aussteigen einer Strahlung aus. Den Rest ihres Urlaubs verbrachten sie in einem Strahlenzentrum in der Nähe von New York City. Die Ärzte waren besorgt über mögliche Mutationen und Bildung von Krebszellen, weshalb man ihnen eine Gentherapie anbot, die sie beide annahmen. Sie kehrten völlig genesen aus dem Urlaub zurück. Während Sybille keine Probleme mit dem Vorfall zu haben schien, wurde Ariane die nächsten drei Jahre von Albträumen verfolgt. Anfangs einmal wöchentlich, später reduzierten sie sich und traten nur noch alle paar Monate auf. Doch sie liefen immer ähnlich ab und machten aus dem Meteoritenfall ein Weltuntergangsszenario mit Feuerbällen und einem Absturz ihrer Maschine. Kopfschmerzen und Desorientierung waren nach dem Aufwachen die Folge, aber das verging nach ein paar Minuten wieder. Dieses Mal brauchte Ariane wesentlich länger und rief in der Redaktion an, dass sie sich heute um eine Stunde verspäten würde.
* * *
Die Kopfschmerzen waren wie weggeblasen, als Ariane Hellenberg die Wohnungstür hinter sich schloss und Rocky ihr förmlich in die Arme sprang. Der hüfthohe Berner Sennenhund stellte sich auf die Hinterläufe, streckte seine Pfoten aus und begann mit einer Schlabberorgie, die Ariane halb angewidert, halb erfreut über sich ergehen ließ.
»Ist ja schon gut, mein Dicker, ist ja schon gut.« Sie drückte den Hund von sich, kraulte ihm das Halsfell und gab ihm dann zu verstehen, dass sie in die Küche wollte.
Ariane wischte sich mit dem Handrücken über das feuchte Gesicht. Sie hatte sich heute schon früher aus der Redaktion verabschiedet, weil die Kopfschmerzen vom Morgen nicht nachlassen wollten. Doch kaum dass sie in Reichweite ihrer Wohnung war, ging es ihr wesentlich besser. Sie stellte ihre Laptoptasche auf dem Küchentisch ab, streifte die Stöckelschuhe von den Füßen und schlenderte barfuß zum Schrank. Rockys Napf war leer. Sie füllte ihn zur Hälfte mit Trockenfutter, erneuerte das Wasser in der zweiten Schale und schaltete anschließend ihre Nespresso-Maschine ein. Sie blätterte in dem Rondell mit Kaffeekapseln und entschied sich für einen Espresso Arpeggio.
Rocky machte sich über sein Futter her.
»Na, du hast noch was vom Leben. Jemanden, der für dich sorgt und dich den ganzen Tag über in Ruhe lässt.«
Sie ließ den Espresso durchlaufen, gab einen Schuss frische Milch hinzu und setzte sich auf einen Barhocker an den Esstresen, der sich neben dem Küchentisch befand. Zuerst überlegte sie, ob sie noch an dem Artikel weiterschreiben sollte, den sie in der Redaktion abgebrochen hatte, doch sie verspürte nicht die geringste Lust. Vielleicht später.
Stattdessen fischte sie das iPad aus ihrer Laptoptasche und schaltete es ein, um nach neuen E-Mails zu sehen, während sie ihren Espresso genoss.
Sie scrollte durch die Nachrichten. Zehn Mal Spam. Davon sieben gewollter. Newsletter diverser Onlineshops, Parfümerien und Nachrichtenmagazinen. Sie löschte sie alle und stolperte über eine Mail von Sybille.
Hi du,
wie ist es? Bleibt es bei morgen Abend im Moonshine Still? Ich hab zwei Karten. Crazy Comets spielen und ab halb acht ist Happy Hour. Ich zähl auf dich.
LG
Bille
PS: Was macht die Liebe?
Ariane nippte an dem Espresso und lächelte. Das Moonshine Still war ihre und Sybilles Stammkneipe in Hannover. Gute Musik, gute Drinks, gute Unterhaltung. Und an den Wochenenden gab es Live-Gigs von lokalen Bands. Klar, sie war dabei. Jedoch beschloss sie, die Frage im Nachtrag zu ignorieren. Sybille wusste, dass sich Ariane vor dem New-York-Urlaub von ihrem Ex nach sechs Jahren getrennt und von da an beschlossen hatte, das Single-Dasein zu genießen. Daran hielt sie fest. Und wenn sie einen schlechten Tag hatte und eine Schulter zum Anlehnen brauchte, war da immer noch Rocky. Sie hätte es vorher nie für möglich gehalten, aber ein Hund war tatsächlich der beste Freund des Menschen.
Zumindest mein bester Freund, dachte sie und nahm einen weiteren Schluck von dem Espresso. Sie strich sich eine braune Haarsträhne hinters Ohr und wischte über das Display zur nächsten Nachricht.
»Oh.« Das war seltsam. Ella Degerlund. Von ihr hatte sie schon seit Ewigkeiten nichts gehört. Eine Urlaubsbekanntschaft aus Schweden und Facebook-Freundin. Sie hatten sich im Jahr nach Arianes Trennung kennengelernt, als sie auf einem Skandinavientrip über ihren Liebeskummer hinwegkommen wollte. Nach dem Urlaub hatten sie öfter telefoniert, gemailt und gechattet, doch der Kontakt war irgendwann eingeschlafen und man grüßte nur noch sporadisch im Facebook-Profil zum Geburtstag oder zu Weihnachten.
Wie gewohnt war Ellas Nachricht in Englisch verfasst.
Hallo Ariane,
du wunderst dich sicher, dass ich mich nach langer Zeit mal wieder bei dir melde. Es tut mir leid, dass ich so selten etwas von mir hören lasse. Hoffe, es geht dir gut. Bei mir ist momentan leider alles beschissen. Mein Bruder Vincent, du kennst ihn noch von deinem Aufenthalt in Luleå, seine Frau Mia, die beiden Kinder Casper und Linus – sie sind tot, Ariane, tot. Alle!
Es geschah vor einer Woche am Osterwochenende. Vincent war mit seiner Familie in der Nähe von Boden auf einem Ausflug. Er ist von dort nicht mehr lebend zurückgekehrt. Die Verwaltung von Boden sprach von einem Unfall. Angeblich sind sie in ein Sturmtief geraten, das das Ufer des Buddbyträsket überschwemmt hat. Merkwürdig ist nur, dass es für das Osterwochenende keine Unwetterwarnungen gab. Außer Vincent und seiner Familie befanden sich noch andere Leute am Ufer, die ebenfalls gestorben sind. Die Leichen werden unter Verschluss gehalten, sie wurden für Angehörige nicht freigegeben und das Gebiet rund um den Buddbyträsket ist von Polizei und Militär hermetisch abgeriegelt worden. Die Presse wurde mundtot gemacht. Niemand berichtet mehr über den Vorfall, als hätte er sich nie zugetragen.
Ich weiß nicht mehr weiter, Ariane. Ich bin verzweifelt.
Du arbeitest doch als Journalistin. Kannst du vielleicht irgendetwas herausbekommen? Ich will doch nur meine Familie sehen und wissen, was geschehen ist.
Wenn du Zeit hast, können wir heute Abend vielleicht skypen?
Deine Ella
Ariane merkte, wie ihre Augen beim Lesen feucht wurden. Sie griff nach einem Kleenex am Rande des Tresens und schnäuzte hinein. Das iPad wurde ihr plötzlich zu schwer. Sie legte es aus der Hand und schluckte. Rocky spürte ihre Traurigkeit und kam zu ihr herüber. Er legte sich vor ihre Füße auf den Boden und winselte leise vor sich hin.
Ariane las die E-Mail noch einmal. Sie berührte den Antworten-Button und tippte über die Bildschirmtastatur eine kurze Nachricht zurück, dass sie heute Abend Skype einschaltete und auf Ellas Anruf wartete. Sie wollte ihr Beileid ausdrücken, fand jedoch nicht die richtigen Worte und drückte grußlos auf Senden. Dann wechselte sie von der Mail-App zum Browser und rief die Google-Seite auf. Sie tippte Boden und Katastrophe Buddbyträsket in das Eingabefeld und wählte anschließend die Nachrichtensektion von Google. Dann grenzte sie die Suche nach Meldungen innerhalb der letzten Woche ein.
Nichts.
Sie tippte nur Boden ein.
Zurück am Boden. Lärm am Boden. Auf dem Boden der Tatsachen. Zu Boden geschlagen. In Grund und Boden. Doppelter Boden.
Keine Nachrichten zum schwedischen Ort Boden. Ariane trank den Rest des Espressos und merkte, dass er mittlerweile kalt war. Sie verzog das Gesicht, drückte zweimal die Home-Taste des iPads und wechselte zurück in das Mailprogramm, um sich Ellas Nachricht durchzulesen. Sie hatte sich nicht verlesen. Der Ort stimmte. Als sie anschließend Google Maps startete und den Ort suchte, fand sie ihn auf Anhieb, ebenso wie den besagten See.
Ella hatte erwähnt, dass die Presse mundtot gemacht worden war und niemand darüber berichtete. Das konnte doch nicht sein.
Ariane legte das Pad auf den Tisch und sah zu Rocky. Als der Berner Sennenhund ihren Blick bemerkte, sprang er hoch und legte seine Vorderläufe auf ihren Schoß, damit sie ihn im Nacken kraulen konnte.
»Das Ganze ist reichlich merkwürdig, mein Dicker. Was denkst du, sagt Ella die Wahrheit oder fantasiert sie sich was zusammen?« Sie kannte die Schwedin nicht gut genug, um jederzeit die Hand für sie ins Feuer zu legen. Momentan stand ihr Wort gegen eine fehlende Berichterstattung. Aber selbst wenn die Presse nichts berichtete, musste doch wenigstens feststellbar sein, dass ihr Bruder und seine Familie verstorben waren.
Ariane zog einen Zettel von einem Notizblock und schrieb einige Stichworte auf. Sie würde eine E-Mail nach New York schicken. Einer ihrer Bekannten war Arzt bei der Gesundheitsbehörde. Wenn Ella recht hatte und man das Gebiet um den See abgeriegelt hatte, musste mehr geschehen sein als nur ein Unwetter. Vielleicht eine Virusepidemie, die man eingrenzen wollte?
Morgan-Thorne schrieb sie auf den Zettel. Sie hatte ihn bei einem Symposium kennengelernt und stand in lockerem Kontakt zu ihm.
O’Connell war der nächste Name auf dem Zettel. Liam O’Connell, ein Brite, Inspektor bei Scotland Yard – vielleicht konnte er über seine Interpol-Verbindungen etwas herausfinden. Immerhin war er ihr noch einen Gefallen schuldig.
In Schweden würde sie selbst anrufen. Sie hatte noch Redaktionskontakte. Auch wenn die keine Auskunft über einen Vorfall am Buddbyträsket geben konnten, ließ sich vielleicht über sie herausfinden, ob Vincent Degerlund und seine Familie verstorben war.
So viel zum freien Nachmittag, dachte Ariane und beschloss, sich noch einen zweiten Kaffee zu machen.
Kapitel 2
Sterbe ich oder sterbe ich nicht?
Die Chancen für Tod oder Leben standen nach Albin Nielsens Einschätzung fünfzig-fünfzig. Der Tod konnte sehr überraschend kommen, doch in diesem Fall war er auf ihn vorbereitet.
Er sah in die Runde und fühlte sich in einen Science-Fiction-Film versetzt. In seiner Gesellschaft befanden sich fünfzehn Männer und Frauen, die in futuristische Ganzkörperpanzeranzüge gehüllt waren, die direkt einem Space-Marine-Szenario entstammen konnten. Die Tyr-Rüstung, benannt nach dem nordischen Gott des Kampfes und des Sieges, war ein hermetisch abgeriegeltes und autark arbeitendes Hightechsystem, das vor allen erdenklichen Gefahren Schutz bieten sollte: vergiftete Luft, verstrahlte Areale, Hitzewände, Kugelfeuer und Explosionsdruckwellen. Mit einer Tyr-Rüstung war ein Überleben unter Wasser bis zu 200 Metern möglich, ebenso konnte man damit Mondspaziergänge unternehmen. Das Innenleben der Anzüge strotzte vor hochtechnologischem Equipment und verfügte über eine ausgezeichnete Sensorik, um die Umgebung wahrzunehmen und Messergebnisse an den im Helm integrierten Computer weiterzuleiten. Strahlungswerte, biologische Erreger, Feinstaubbelastungen, Windgeschwindigkeiten, Temperaturen, Gaskonzentration in der Umgebungsluft: All das war nur ein Bruchteil dessen, was die Messfühler aufnehmen konnten.
Darüber hinaus war jedes Teammitglied mit einer persönlichen Ausrüstung entsprechend seinem jeweiligen Fachgebiet ausgestattet. Bewaffnet waren sie jedoch alle mit dem gleichen Gewehr: einem Lokipuls-Sturmkarabiner. Trotz der nordischen Anlehnung war die Waffe nicht in Schweden entwickelt worden, sondern eine Koproduktion des deutschen Waffenherstellers Heckler & Koch und der belgischen Firma Fabrique Nationale d’Armes de Guerre. Das Gewehr war bisher nicht in Serienproduktion gegangen, sondern existierte in einigen Prototypvarianten, von denen das schwedische Militär welche zu Testzwecken im Einsatz hatte. Das Lokipuls, wie es die Soldaten kurz nannten, verschoss in Munitionsstreifen gelagerte hülsenlose Projektile, die elektromagnetisch beschleunigt wurden. Der ausbleibende Rückstoß war ein Vorteil für die Mitglieder von Nielsens Gruppe, die nicht jeden Tag mit Waffentraining unter Gefechtsbedingungen beschäftigt waren. Außerdem erzeugten die beschleunigten Geschosse einen Reibungsstreifen in der Luft, der dem Glühen von Leuchtspurmunition gleichkam und somit beim Zielen half.
Trotz der hervorragenden Ausstattung, die den 16-Mann-Trupp gut und gerne einen Krieg gewinnen lassen könnte, war Nielsen skeptisch, was ihre Erfolgschancen betraf. Er atmete tief durch und schaltete auf die Helmlautsprecher um.
Die sechzehn futuristischen Ritter standen auf einer Anhöhe, etwa einen Kilometer vom Südufer des Buddbyträsket entfernt. Hinter ihnen befand sich der Ort Boden. Nielsen eingerechnet bestand die Gruppe aus zehn Elitesoldaten der schwedischen Spezialeinheit Särskilda Syddsgruppen – SSG. Die anderen Mitglieder waren Wissenschaftler mit militärischer Ausbildung oder vorzugsweise beim Militär beschäftigt: zwei Mediziner, Mikro- und Molekularbiologen, Virologen, Strahlungsexperten.
»Meine Damen und Herren, wenn ich jetzt um Ihre Aufmerksamkeit bitten darf.« Auf der Innenseite von Nielsens Visier wurden die Vitalfunktionen jedes Teammitglieds projiziert und an das Einsatzcamp, das sich im Süden Bodens befand, übertragen. Sie waren mit zwei Großraumhelikoptern hergebracht worden, die nach dem Absetzen der Gruppe sofort wieder zur Basis zurückgeflogen waren.
»Jeder Einzelne von ihnen gehört zu den Besten Schwedens auf seinem Fachgebiet, zumindest zu den Besten, die das Militär aufbieten kann. Dennoch können wir uns nicht allein auf unsere Ausbildung und Ausrüstung verlassen, wenn wir dem Unbekannten gegenübertreten. Hier noch einmal die Lage: Vor einer Woche sind am Ufer des Buddbyträsket siebenundzwanzig Menschen umgekommen. Die Ursache ist bisher unklar. Ein Rettungsteam, das nach Überlebenden suchen und die Leichen bergen sollte, starb ebenfalls direkt vor Ort. Es konnte einen Notruf absetzen, aus dem nur hervorging, dass die Teammitglieder der Reihe nach und ohne sichtlichen Grund starben.
Daraufhin wurde das Militär hinzugezogen und die Gegend um den See in einem Umkreis von fünf Kilometern unter Quarantäne gestellt und abgeriegelt. Ein Ärzteteam der Seuchenbehörde betrat das Areal unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Niemand von ihnen ist je zurückgekehrt. Es gab noch zwei Zwischenfälle, bei denen die Quarantänemauer durchbrochen wurde. Ein paar Jugendliche fanden ein Schlupfloch und kamen bis auf fünfhundert Meter an das Seeufer heran, ehe sie von einem Bewachungstrupp gestellt wurden. Bevor man die Jugendlichen zurückbringen konnte, suchte sie und auch die Soldaten das gleiche Schicksal heim wie alle anderen, die vorher am See verstarben. Der zweite Vorfall bestand in dem Vorhaben eines Reporterteams, mit einem Hubschrauber das Quarantänegebiet zu überfliegen und Aufnahmen zu machen.«
Nielsen streckte den gepanzerten Arm aus und deutete nach Norden. »Das Wrack des Hubschraubers befindet am Westufer des Buddbyträsket.«
Allgemeines Gemurmel erhob sich in den Helmlautsprechern. Alle hatten die Berichte gelesen und wussten, worauf sie sich bei dieser Mission einließen – oder besser gesagt, sie wussten es nicht. Dennoch war es eine Sache, in Notizen zu lesen, jedoch eine gänzlich andere, noch einmal eine Zusammenfassung nahe am Ort des Geschehens zu hören. Nielsen konnte es den anderen nicht verübeln.
»Wir können eine Virusepidemie wohl ausschließen«, sagte jemand. Im Display seines Helmes wurde der Name Dr. Eggström eingeblendet.
»Woraus schließen Sie das?« Das war Dr. Hanna Agren aus der Forschungsabteilung für biologische Kampfstoffe. Nielsen hatte sie erst gar nicht mitnehmen wollen, da sie Betroffene war. Soweit er wusste, war sie mit der Schwester eines Mannes eng befreundet, der mit seiner Familie am Osterwochenende hier gestorben war.
»Nun, wenn bereits ein Seuchenbekämpfungsteam unter strengsten Quarantänevorschriften hier war, ist doch davon auszugehen, dass keine Viren für das plötzliche Sterben verantwortlich sind. Oder glauben Sie, die Leute haben sich gegenseitig ihre biologischen Schutzanzüge aufgeschnitten?«
»Mit Verlaub«, sagte jemand anderes. »Aber wir wissen doch gar nicht, womit wir es hier zu tun haben. Vielleicht handelt es sich um bisher unbekannte Virenstämme, die in der Lage sind, sich …«
»… durch Bioschutzanzüge zu fressen?« Die Stimme Eggströms troff vor Hohn. »Machen Sie sich nicht lächerlich! Wie soll das denn gehen?«
»Säure produzierende Viren?«, hakte Hanna ein.
Ein Lachen klang aus Eggströms Mikrofon. Bevor die anderen damit beginnen konnten, wild zu diskutieren, unterbrach Major Albin Nielsen die Unterhaltung.
»Herrschaften, es gibt sicherlich noch genug Gesprächsstoff. Bevor wir uns jetzt in Mutmaßungen ergehen, sollten wir die Lage vor Ort erkunden. Unsere Tyr-Rüstung ist gegen biologische Erreger gleich welcher Form immun. Selbst wenn es so etwas wie Säure erzeugende Viren oder Bakterien geben …«
»Es gibt Säure produzierende Bakterien …«
Nielsen ließ sich nicht beirren, erhob seine Stimme und sprach einfach weiter: »… geben sollte, wird der Schutz unserer Außenummantelung ausreichen. Die Tyr-Rüstung wurde in Salz- und Schwefelsäurebädern getestet. Sie ist raum- und seetauglich und strahlungsresistent. Was immer das Seuchenteam hingerafft hat, wird uns kein Haar krümmen.«
Er fand, dass seine Worte ziemlich überzeugend herüberkamen, und hätte sich fast selbst geglaubt. Doch die Skepsis und Zweifel blieben.
»Also schön, wir gehen in zwei Gruppen zu je acht Mann. Löjtnant Larsen, Sie nehmen Dr. Eggströms Gruppe. Dr. Agren, folgen Sie mir bitte.«
Der federgesteuerte Antrieb der Tyr-Rüstung unterstützte die Gehbewegung der Muskeln, sodass der schwere Schutzpanzer kaum zu spüren war. Über das Gelände zu marschieren, fühlte sich fast wie ein Spaziergang im Park an. Tatsächlich lud das Grün des Areals zum Wandern ein. Die beiden Gruppen stapften über einen unbefestigten Weg mitten durch einen Mischwald. Sie näherten sich parallel zum See dem Nordufer, das nicht bewohnt war.
Nielsen rief sich eine Übersichtskarte der Umgebung auf das Helmdisplay und studierte das Südufer. Am Rand in Seenähe gab es mehrere Gebäude auf weiträumigen Parzellen. Den Daten nach einige Ferienhäuser und -siedlungen sowie Wanderhütten, dazu ein paar Gutshöfe. Das Gebiet war bis zu der Stadtgrenze der Gemeinde Boden evakuiert worden, auch wenn sich die Vorfälle bisher auf den nördlichen Bereich des Sees beschränkten.
Nielsens Aufgabe bestand nicht nur darin, die Leichen zu bergen, sondern auch festzustellen, ob eine Evakuierung Bodens notwendig war. Die Stadt hatte fast 20 000 Einwohner. So etwas ließ sich nicht mehr vor der Presse und der Öffentlichkeit verheimlichen.
»Noch knapp hundert Meter bis zur Sperrzone«, meldete sich Löjtnant Larsen über den Helmfunk.
Die Zone befand sich im angeblich sicheren Territorium. Erst knapp hundert Meter hinter ihr waren die ersten Todesfälle aufgekommen.
»Weiter. Wir halten an der Grenze.«
Nielsen stellte auf den privaten Kanal um und wählte direkt Hanna Agrens Tyr-Rüstung an. »Ist alles in Ordnung, Doc?«
Die Frau klang überrascht. »Warum fragen Sie?«
»Ich meine nur … wegen …«
»Schon gut, Major. Ich habe die Familie nur vom Sehen her gekannt. Es ist nichts, was mich in meiner Arbeit behindern würde.«
Nielsen nickte, auch wenn Hanna die Geste nicht sehen konnte. »Tut mir leid, dass ich gefragt habe.«
»Keine Ursache. Beten wir, dass unsere Ritterrüstungen wirklich einen Schutz gegen das darstellen, was das Massaker angerichtet hat.«
Der Wald lichtete sich und gab den Blick auf eine große Lichtung frei, die direkt in das Seeufer mündete. Ein paar Baumgruppen versperrten die Sicht auf den Buddbyträsket, doch es gab auch offene Stellen weiter nördlich. Zu jeder anderen Zeit wäre die Aussicht fantastisch gewesen, doch was die Mitglieder von Nielsens Team zu Gesicht bekamen, war der reinste Horror.
Die Lichtung und das Ufer waren gesäumt von Leichen. Sie lagen kreuz und quer verteilt auf dem Rasen und im Moos. Einige trugen Freizeitkleidung, andere die Westen von Rettungssanitätern und wieder andere lagen in Bioschutzanzügen dort. Manche befanden sich am Ufer des Sees. Etliche waren um eine riesige Picknickdecke verstreut. Eine Frau lag neben einem Wagen, der neben mehreren anderen am Rand der Lichtung geparkt war.
Nielsens Blick schweifte zu der Familie, die sich nur knapp zwanzig Schritt von ihnen entfernt befand. Das mussten die Degerlunds sein, die Familie, die Dr. Agren über die Schwester des Verstorbenen kannte.
»Mein Gott, haben wir die Zone bereits überschritten?«, rief jemand über Funk.
Tatsächlich befanden sie sich bereits innerhalb des Gefahrenperimeters. Nielsen sandte ein Signal an seinen Leutnant, doch Larsen reagierte nicht. Er ging auf den privaten Kanal.
»Isak, was ist los?«
»Major, wir haben ein Problem. Die Sensoren hätten uns anzeigen müssen, an welcher Stelle die Warnbojen platziert waren. Da war nichts. Wir sind in ein offenes Messer gelaufen. Ich hab es nicht über den offenen Kanal gesendet, um unsere Weißkittel nicht in Panik zu versetzen.«
»Verstanden, Löjtnant.« Nielsen wechselte auf die allgemeine Frequenz. »Äußerste Vorsicht. Wir befinden uns bereits im kontaminierten Bereich. Sobald irgendjemand irgendetwas Außergewöhnliches bemerkt, körperliche Symptome wie Schwindel, Übelkeit, Schmerzen oder Ähnliches, geben Sie sofort Bescheid und wir brechen die Mission ab. Volle Konzentration auf die Anzugsensoren. Dr. Agren, Viren und Bakterien. Dr. Eggström, atmosphärische Bedingungen. Dr. Emgren, Strahlungswerte. Soldaten, Verteidigungsring bilden!«
Sie teilten sich in zwei Gruppen. Nielsen lenkte seine absichtlich zu den Leichen des Seuchenteams, damit der Anblick von Degerlunds Familie keine unvorhersehbaren Reaktionen bei Dr. Agren auslöste.
Zwei Mediziner beugten sich über die Leichen in den Bioschutzanzügen und begannen mit einer Sichtuntersuchung.
»Keine äußeren Verletzungen«, sagte der eine.
»Das System ist intakt, wenn auch mittlerweile der Sauerstoff verbraucht ist.« Der zweite Arzt hob den behelmten Kopf und sah Nielsen an. »Wir werden erst bei einer Autopsie die Todesursache klären können.«
Der Major bezweifelte das. Siebenundzwanzig Menschen fielen nicht einfach ohne ersichtlichen Grund tot um, schon gar nicht, wenn sie in luft- und bakteriologisch dichten Anzügen steckten.
Nielsen blickte sich aufmerksam um. Die Gegend wirkte ruhig und friedlich auf ihn. Zu friedlich. Keine Vögel am Himmel oder den nahen Bäumen. Keine Tiere in der Nähe der Leichen. Nicht einmal Fliegen.
»Major?« Jemand aus dem anderen Team winkte Nielsen zu. »Das sollten Sie sich ansehen.«
»Bleiben sie hier, Dr. Agren, und bereiten Sie das Team für einen Abtransport vor.«
»Wie wollen Sie die Leichen von hier fortschaffen?«, fragte Hanna.
Nielsen deutete auf den Einsatzwagen des Seuchenteams und die beiden Rettungswagen, die hinter den anderen Fahrzeugen am Lichtungsrand parkten. »Wir nehmen die da. Schon eine Idee, wohin Sie sie bringen wollen?«
»Normalerweise ins EU-Seuchenzentrum nach Stockholm, aber solange wir nicht wissen, was hier geschehen ist, sollten wir vorsichtig sein und eine Untersuchungsbasis vor Ort einrichten.«
»Gut. Bereiten Sie alles vor.« Nielsen ging zu der anderen Gruppe, die sich um die Jugendlichen geschart hatte.
Dr. Eggström erhob sich. »Das ist merkwürdig, Major. Die Leute sind seit gut einer Woche tot. Es gibt keine Anzeichen von Leichenflecken, die spätestens dreißig Minuten nach Eintritt des Todes auftreten müssten. Der Verwesungsgrad ist minimal bis gar nicht vorhanden. Alle Leichen wirken konserviert.«
»Wie Mumien?«, fragte Löjtnant Larsen.
»Nein, eher wie für die Beisetzung aufgebahrte Tote.«
»Das ist möglich?«
»Nicht ohne Weiteres. Dazu hätten die Leichname präpariert werden müssen. Das Blut muss durch eine verwesungshemmende Lösung ersetzt werden, aber … wer sollte das hier getan haben? Wir werden erst Weiteres herausfinden, wenn wir …«
»Eine Autopsie durchgeführt haben«, vollendete Nielsen Eggströms Erläuterung. Er behielt die Messwerte seiner Anzugsensoren im Auge. Bisher war nichts Ungewöhnliches registriert worden. Zehn Grad Celsius Temperatur, schwacher Wind. Keine Form radioaktiver Strahlung. Keine Erreger, die die Sensoren erkennen konnten.
»Ich will nicht länger als nötig hier bleiben. Alle Leichen werden in die Fahrzeuge da drüben verfrachtet. Ich weiß, dass wir nicht genug Platz haben, also müssen wir sie stapeln. Wir werden sie zum Basiscamp hinter Boden bringen, das als Seuchenstation eingerichtet wird. Ich will maximal in einer Stunde von hier verschwunden sein.«
Die Teamleiter bestätigten und begannen mit der Arbeit. Währenddessen sah sich Nielsen weiter am Ufer um. Tatsächlich konnte er nirgendwo eine intakte Fauna erkennen. Kein Wild in der Nähe, keine Insekten. Normalerweise sah man im Buddbyträsket Fische, doch auch hier Fehlanzeige.
Von Tieren fehlte jede Spur.
Von ihren Leichen auch.
Albin Nielsen ließ seinen Blick in die Runde schweifen. Er sah die Soldaten, die Wissenschaftler, die Toten. Das Gefühl, von jetzt auf gleich der Nächste sein zu können, saß ihm im Nacken. Er ließ eine Uhrzeit im Innendisplay seines Helmvisiers projizieren. Sie waren bereits seit gut vierzig Minuten hier. Das Seuchenteam war zu diesem Zeitpunkt schon fünfunddreißig Minuten tot gewesen. Es hatte sie innerhalb der ersten fünf Minuten ihrer Ankunft erwischt.
Hielten die Tyr-Rüstungen, was sie versprachen? Konnte, was immer dort draußen lauerte, nicht oder nur schwerlich durch den Schutzpanzer dringen? Oder war das, was diese Leute dahingerafft hatte, gar nicht mehr hier?
Nielsen sog die Luft ein und schmeckte den leicht scharfen Geschmack des Luftgemisches aus seinen Sauerstoffflaschen. Für einen winzigen Moment dachte er daran, es zu riskieren: das Visier zu öffnen und die Außenluft einzuatmen, um zu sehen, was geschah. Er lachte leise und schüttelte im Helm den Kopf. Es war nicht die Zeit für Heldentaten. Dass er und die anderen noch lebten, hatte etwas zu bedeuten. Er musste herausfinden, was. Je eher, sie von hier fortkamen und die Leichen obduzieren konnten, desto besser.
Kapitel 3
Das Streichholz rieb am Zündblättchen und flammte auf. Wie gewöhnlich wartete Liam O’Connell damit, sich die Zigarette anzuzünden, und zögerte den Moment so lange hinaus, bis die Flamme fast die Haut seiner Fingerkuppen verbrannte. Er beobachtete fasziniert, wie sich die Energie durch das Holz fraß und sich Daumen und Zeigefinger näherte, während er in der anderen Hand die Benson & Hedges hielt. Viel zu teuer, um sie in drei oder vier Minuten zu inhalieren und dabei zuzusehen, wie der erlesene Tabak in Qualm aufging. In jeder ruhigen Minute wie dieser spielte O’Connell mit dem Gedanken, mit dem Rauchen aufzuhören.
In jeder ruhigen Minute wie dieser verlor er den Kampf.
Die Flamme berührte den Tabak und das Zigarettenblättchen. Würziges Aroma stieg auf. O’Connell nahm einen Zug und blies das Streichholz aus, ehe seine Fingerkuppen Brandblasen warfen. Er stieß den Rauch aus, schnippte das heruntergebrannte Streichholz in den Aschenbecher auf seinem Tisch und stützte sein Kinn in die freie Hand. Er sah auf den Bildschirm vor sich und klickte sich durch ein paar Google-Seiten im Internet. Eigentlich wäre er heute gar nicht im Büro gewesen, sondern würde jetzt in einem Flieger nach Hongkong sitzen, um an einer Übergabe von Dokumenten teilzunehmen. Das Treffen war in letzter Minute abgesagt worden. Der Flug wurde storniert und O’Connells Gepäck befand sich noch auf dem Weg vom Flughafen zu seiner Wohnung in London. So etwas passierte hin und wieder. Doch dann gab es unerträgliche Leerläufe, die in Langeweile gipfelten. Er überlegte, ob er einige Berichte aufarbeiten sollte, befand jedoch, dass er nach der Zigarette für den Rest des Tages freinehmen würde, um sich zu Hause auf der Couch zu entspannen. Den tausendseitigen Neal-Stephenson-Wälzer Reamde hatte er zum Glück im Handgepäck. Er würde ein paar Kapitel lesen, Scotch dabei schlürfen und am Abend eine Blu-Ray einwerfen. Irgendwie ließ sich ein geplatzter Auftrag schon kompensieren. Zumindest heute. Morgen sah die Welt ganz anders aus.
O’Connell wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als die Tür aufflog und Noah Zabot seinen wirren Blondschopf durch den Rahmen streckte.
»Ah, du bist noch da.«
»Ich hau auch nicht ab.«
Zabot trat ein, hielt aber die Türklinke fest, als wolle er jeden Moment wieder gehen. »Hongkong?«
O’Connell schüttelte den Kopf.
»Autsch! Na, hast du dir schon einen Alternativplan überlegt?«
»Ich geh mit Stephenson auf die Couch.« O’Connell nahm einen weiteren Zug aus der Zigarette und lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück.
»Ist Stephenson dein Hund oder deine Flamme?«
Statt zu antworten, beugte sich O’Connell vor, griff in seine Reisetasche und zog den Schmöker hervor. Er knallte das Buch auf den Tisch.
»Verstehe.« Zabot grinste. »Falls du nichts Besseres zu tun haben solltest, als deine Nase in einen Science-Fiction-Roman zu stecken, könntest du dich der Realität widmen. Da hat jemand für dich angerufen.«
O’Connell runzelte die Stirn, als der Kollege nicht weitersprach. »Und? Verrätst du auch, wer, oder muss ich dafür einen Vokal kaufen?«
»Eine Frau. Sie kam über die Rufumleitung deiner alten Scotland-Yard-Nummer.«
Scotland Yard. Es war schon drei Jahre her, dass er beim Metropolitan Police Service London als Detective Inspector gearbeitet hatte. Danach gab er ein Gastspiel bei der Royal Navy, als er während des Afghanistan-Konflikts als Reservist einberufen und abkommandiert wurde. Sein Vorgesetzter bei der Polizei war alles andere als begeistert, doch die Navy brauchte einige Soldaten, die in verdeckten Operationen ausgebildet waren. O’Connell begrüßte die Abwechslung zunächst. Sein Wechsel zum britischen Auslandsnachrichtendienst, der Military Intelligence, Sektion 6 – kurz MI6 –, war abrupt gekommen. Dabei half ihm seine militärische Laufbahn und ein heldenhafter Einsatz in Afghanistan, bei dem er eine Gruppe Zivilisten vor einem Anschlag der Taliban rettete. Die Rekrutierungsoffiziere des Secret Service arbeiteten schnell und zuverlässig. Sie warben ihn von New Scotland Yard direkt nach Vauxhall Cross ab, beförderten ihn vom Sub-Lieutenant der Royal Navy zum Lieutenant im Feldeinsatz Ihrer Majestät.
Es gab zwei, drei Übergabeszenarien und Infiltrationsaufträge, doch die meiste Zeit saß Liam O’Connell tatsächlich am Schreibtisch und wertete Satellitenaufnahmen, Telefonmitschnitte und E-Mails aus, besprach sich mit anderen Sicherheitsbehörden und fand das Geheimagentenleben alles andere als spannend. Bei der Kriminalpolizei war zumindest etwas los gewesen.
»Du sagst deinen Frauen immer noch, dass du bei der Polizei beschäftigt bist?«, stichelte Zabot mit breitem Grinsen, das O’Connell dem anderen am liebsten aus dem Gesicht geschlagen hätte.
Noah Zabot war sein Verbindungsoffizier während der Auslandseinsätze gewesen. Er war kein gebürtiger Brite. Sein Vater stammte aus Algerien, die Mutter aus Frankreich. Die Großeltern mütterlicherseits kamen allerdings aus London. Zabot lebte nach eigenen Angaben seit über fünfzehn Jahren wieder in England, hatte die britische Staatsbürgerschaft erworben und war nach seiner Militärzeit zunächst zum MI5, dem Inlandsnachrichtendienst, und später dann zum MI6 gekommen. Trotz O’Connells Bemühungen, mehr über Zabots Privatleben bei einem Bier nach Feierabend zu erfahren, blockte der Kollege stets ab. Dabei war er selbst äußerst neugierig, alles über O’Connell zu erfahren. Seine Sticheleien und taktischen Fragen widerten O’Connell mittlerweile an.
»Vergiss es einfach, Zabot. Wer hat angerufen?«
Zabot blickte auf einen Zettel. »Ihr Name ist Ariane Hellenberg. Deutsche Rufnummer.« Er trat an O’Connells Tisch heran und legte ihm den Zettel mit krakelig geschriebenem Namen und Nummer auf die Computertastatur.
»Sie sagte, es gehe um einen Vorfall in Schweden, den die Regierung vertuschen würde, und ob du über Interpol etwas herausbekommen könntest.«
O’Connell runzelte die Stirn. »Das hat sie dir erzählt?«
»Na klar, ich bin doch dein bester Kollege bei Scotland Yard.«
»Arschloch!« O’Connell machte eine Handbewegung, um den anderen zu verscheuchen, und griff nach dem Hörer. Von Ariane hatte er schon seit über einem Jahr nichts gehört.
»Woher kennst du sie?«, fragte Zabot auf dem Weg zur Tür.
»Pass mal auf, Franzose, das geht dich überhaupt nichts an.«
»Ganz wie du meinst, Ire, aber ich denke, wir werden noch darüber reden.« Zabot verließ das Bürozimmer, ließ die Tür aber offen.
O’Connell seufzte. Die alte Leier zwischen ihnen. Wenn er wütend auf Noah war, nannte er ihn einen Franzosen, und der hatte nichts Besseres zu tun, als ihn wegen seines Namens als Iren zu beschimpfen. Natürlich hatte er irische Wurzeln, aber die lagen wesentlich weiter zurück als Zabots französisch-algerische.
Während er die Nummer wählte, rief sich O’Connell Arianes Gesicht in Erinnerung. Sie waren sich durch Zufall in London begegnet. Ariane war auf Urlaubsreise gewesen und sie hatten sich ein Taxi von Heathrow in die Innenstadt geteilt. Anschließend waren sie in der Lounge des Hotels, in dem Ariane ein Zimmer gebucht hatte, hängen geblieben und hatten über vier Stunden bei Tee und Latte macchiato über Gott und die Welt gequatscht. O’Connell war sich sicher, dass er sie rumgekriegt und sie ihn mit auf ihr Zimmer genommen hätte, aber er wahrte An- und Abstand. Sie hielten losen Kontakt per E-Mail und einmal hatte er sie angerufen, weil sie für ihn in ihrer Journalistenfunktion eine Recherche betreiben sollte. Er schuldete ihr etwas dafür, denn dank ihrer Hilfe musste er nicht den bürokratischen Weg wählen und offizielle Kanäle bemühen, was nur zu unzähligen Antragsformularen und dem Warten auf Genehmigungen geführt hätte. Selbstredend hatte er ihr gegenüber erwähnt, dass er für die Londoner Kriminalpolizei arbeitete. Im Umgangsjargon redeten alle von Scotland Yard, als ob es eine Behörde wäre, doch der New Scotland Yard war nur das Gebäude, in dem die Dienststellen des Metropolitan Police Service of London untergebracht waren.
»Hellenberg?«
O’Connell schrak auf. Er war ziemlich vertieft in Erinnerungen gewesen und hatte nicht damit gerechnet, dass jeden Moment jemand abheben konnte.
»Hallo!«, sagte er rasch. Seine Stimme klang heiser. Verflucht!
»Wer ist denn da? Liam?«
»Ja, entschuldige. Ich hatte gerade – wie sagt ihr? – einen Frosch im Hals …«
»… der keine Miete zahlt, ja.« Ariane lachte.
Er hatte ganz vergessen, wie schön ihre Stimme klang. Nicht zu dunkel und weit davon entfernt, schrill zu sein. Angenehm. Mit einem Mal wünschte er sich, er hätte sich nicht zu rasch von ihr verabschiedet, als sie hier gewesen war.
Reiß dich zusammen!
»Wie geht es dir?«, fragte er.
Sie prustete. »Eigentlich ganz gut, aber … ach, tut mir leid, wenn ich gleich zur Sache komme. Ich bin auf dem Sprung und hab einen Flug gebucht, den ich erwischen muss.«
Einen Flug? O’Connell merkte, wie sein Herz einen Satz bei dem Gedanken machte, sie könnte nach London kommen. Er atmete tief durch.
»Wohin geht es denn?«
»Schweden.«
O’Connell erinnerte sich an Zabots Worte, dass Ariane wegen Schweden angerufen hatte.
»Das ist alles nicht so einfach. Ich hab mittlerweile einen putzigen Hund, den ich bei jemandem unterbringen muss, aber Bille hat sich bereit erklärt, auf ihn aufzupassen, solange ich fort bin.«
Ein Hund. Bille. Er hatte keine Ahnung, wer Bille war, und ertappte sich dabei, dass er hoffte, es handele sich um einen weiblichen Kosenamen. Arianes Englisch war ausgezeichnet. Sie sprach akzentfrei, als käme sie direkt von der Oxford University.
»Aber darum geht es nicht. Ich habe in Schweden eine Freundin, na ja, eher eine Brief- und Internetfreundin, obwohl ich sie schon mal gesehen habe. Ihr Bruder und seine Familie sind vor etwa einer Woche plötzlich verstorben. Soweit Ella, das ist meine Freundin, also … soweit sie sagen kann, war ihr Bruder mit Frau und Kindern über Ostern an einem See in der Nähe von Boden.«
O’Connell notierte den Ort und tippte ihn gleich bei Google Maps ein. Eine Karte erschien auf dem Bildschirm, während Ariane weiterredete.
»Die Behörden haben sie vom Tod der ganzen Familie unterrichtet. Angeblich ein Unwetter, das zu Überschwemmung an einem Seeufer geführt hat. Als Ella die Leichen sehen wollte, wurde ihr das verwehrt, weil die Gerichtsmedizin sie noch nicht freigegeben hätte. Von Unwetterwarnungen war auf keinem Nachrichtensender die Rede. Ella meint, dass es noch weitere Todesfälle am See gibt.«
Ariane hielt inne.
»Nun, vielleicht ist die Todesursache noch nicht ganz klar, daher die fehlende Freigabe«, sagte O’Connell. »Glaubt deine Ella denn, dass es kein Unfall war?«
»Ich fürchte, sie hat sich das in den Kopf gesetzt. Wir haben gestern geskypt, sie war völlig aufgelöst und aufgebracht und sprach von einer Verschwörung.«
»Offenbar hat sie dich damit angesteckt, Ariane.«
»Wie meinst du das?«
»Du sprichst so schnell, wenn du dich aufregst oder erregt bist.«
»Oh!«
»Macht nichts. Aber wie komme ich ins Spiel?«
»Nun … ich weiß auch nicht, ich möchte nur etwas herausbekommen. Ich dachte mir, wenn es irgendetwas gibt, das die schwedische Regierung der Öffentlichkeit vorenthält, dann kann es doch nur ein Skandal oder ein Verbrechen sein. Und wenn es ein Verbrechen ist, vielleicht Brandstiftung, ein Chemieunfall, ein terroristischer Angriff oder irgendetwas, dann könntest … du … vielleicht …?«
Sie stockte bei den letzten Worten. O’Connell musste lächeln und zwang sich, nicht das Wort süß laut auszusprechen. Er schnalzte mit der Zunge und wollte erwidern, dass er das nicht für sie tun konnte, aber er wusste, dass sie ihm dann mit dem Gefallen kam, den er ihr schuldete. Zu dumm nur, dass sie damit recht hatte. Es konnte sicherlich nicht schaden, sich etwas umzuhören, nur um ihr den Gefallen zu tun. Wie viele Informationen er dann an sie weitergab, stand auf einem anderen Blatt.
»Ich kann mich mal umhören«, sagte O’Connell. »Versprechen kann ich natürlich nichts, aber unter uns, ich glaube nicht, dass etwas da dran ist. Ich kenne deine Ella nicht, aber vielleicht ist sie nur etwas hysterisch. Das kann ihr niemand angesichts ihres Verlusts verübeln. Du willst trotzdem ihretwegen nach Schweden?«
»Ich hab es ihr versprochen. Sie ist völlig aufgelöst und daneben.« Ein Seufzen drang aus dem Telefon. »Ich muss jetzt los, Liam. Mein Flieger landet um 18:30 Uhr in Stockholm. Kannst du mich anrufen?«
»Falls ich bis dahin was habe. Bleibst du in Stockholm?«
»Nein«, sagte Ariane. »Ich hab einen Anschlussflug nach Luleå und bin dann wieder nicht erreichbar. Falls mein Telefon ausgeschaltet ist, schick mir doch bitte eine Mail. Ich rufe sie ab, sobald ich gelandet bin.«
»Okay. Ich hoffe, ich kann dir helfen oder dich zumindest beruhigen, dass die Verschwörungstheorien deiner Freundin keinen realen Hintergrund haben. Schön, mal wieder was von dir zu hören, Ariane. Wir könnten vielleicht öfter mal reden.« Was sag ich da? »Nur wenn du magst«, beeilte er sich zu sagen.
Ein Lachen. »Klar. Mach’s gut, bis später, okay?«
»Bye!«
Die Verbindung wurde unterbrochen. O’Connell legte den Hörer zurück auf die Gabel, schürzte die Lippen und dachte nach. Schweden. Ausgerechnet Schweden.
Er schüttelte den Kopf, stand auf und ging ins Nebenbüro, wo Zabot sich durch einen Stapel Berichte kämpfte. Als O’Connell anklopfte, blickte der Blonde auf und zog fragend eine Braue hoch.
»Na? Wird’s ein Date?«
O’Connell legte den Kopf schief und funkelte sein Gegenüber an. »Das geht dich einen Scheißdreck an, Zabot. Sag mal, hattest du nicht Aktien in Schweden?«
Zabot hob abwehrend die Hände. »Schon gut, ich wollte dich nur aufziehen.«
»Das kenn ich ja von dir.« O’Connells Stimme glich dem tiefen Brummen eines Baggermotors.
»Schweden? Ja, ich hab da ein paar Kontakte aus einer alten Operation.«
»Irgendetwas Frisches dabei?«
»Russische Flottenbewegungen im Nordpolarmeer?«, fragte Zabot und grinste. »Die Zeiten sind eigentlich längst vorbei.«
»Eher Ostsee. Luleå.«
Zabot machte eine wegwerfende Geste. »Da tut sich nachrichtendienstlich so gut wie gar nichts. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Verlegung der Truppenstützpunkte ziemlich uninteressant geworden.«
»Kannst du deine Quellen anzapfen und hören, ob es irgendwelche Vorfälle in der letzten Woche gab, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind? Am Seeufer bei Boden?«
»Klar. Wenn du mir verrätst, was mit der Kleinen aus Deutschland ist?«
O’Connell verzog die Mundwinkel. »Noah Zabot, du bist und bleibst ein kleines Arschloch.«
Zabots Grinsen wurde breiter. »Ich weiß.«
O’Connell drehte sich um und hatte bereits die Hoffnung auf eine gute Zusammenarbeit mit Zabot aufgegeben, als dieser ihm hinterherrief: »Gib mir eine halbe Stunde, alter Schwede.«
* * *
Exakt neunundzwanzig Minuten und drei Benson & Hedges später läutete Liam O’Connells Telefon. Der Anrufton signalisierte ein internes Gespräch, das von irgendwo aus dem Gebäude kam. O’Connell kannte die Nummer nicht. Er hob ab.
»O’Connell.«
»Ich bin’s, Noah.«
»Von wo aus rufst du an?«
»Satellitenraum. Du solltest mal hier runterkommen. Aber beeil dich.«
Satellitenraum? »Ich komme.«
O’Connell legte auf. Der SAT-Raum befand sich drei Stockwerke unter der Erde. Um dorthin zu gelangen, brauchte er eine Freigabe der Stufe 1 und normalerweise eine zusätzliche Genehmigung durch seinen Vorgesetzten. Als O’Connell den Hauptkorridor nahm und dann im Aufzug das dritte Untergeschoss anwählte, wurde seine ID-Card anstandslos akzeptiert. Offenbar hatte sein Abteilungsleiter seinem Aufenthalt bereits zugestimmt.
Tatsächlich befand sich Colonel Gilbert Aidan Smythe gemeinsam mit zweien seiner Analysten und Noah Zabot im Satellitenraum, als O’Connell diesen betrat. Was zum Henker war hier los?
»O’Connell, woher haben Sie die Schweden-Information?« Smythe rauchte Zigarre, obwohl der Konsum von Nikotin und Speisen im SAT-Raum strengstens untersagt war. Der Mann hatte breite Schultern und war etwa 1,90 Meter groß. Sein Haar war voll, doch bereits so ergraut, dass er nicht mehr den Versuch unternahm, Stellen nachzufärben. Eine Narbe verunstaltete seine Nasenspitze. Das wenig rühmliche Andenken verdankte er keinen Kampfhandlungen, sondern einer Auseinandersetzung vor einigen Jahren mit der Katze seiner Tochter.
»Eine Journalistin aus Deutschland rief mich an. Ihre Brieffreundin aus Schweden ist die Schwester eines Verstorbenen, dessen Tod und der seiner Familie angeblich von den schwedischen Behörden unter Verschluss gehalten werden. Worum geht es überhaupt?«
Smythe nickte in Zabots Richtung.
Der schluckte sichtlich und sah O’Connell an. »Ich hab ein bisschen telefoniert: Interpol, schwedischer Geheimdienst, Botschaft. Der Polizei lagen keine Informationen vor, auch die Botschaft hatte keine Kenntnis von irgendwelchen Vorfällen. Allerdings hat mein Kontaktmann beim Nachrichtendienst das Gespräch gleich abgewürgt und mich gewarnt, die Finger davonzulassen. Dass mich das erst recht neugierig gemacht hat, muss ich nicht unbedingt erwähnen. Da dies keine offizielle Operation ist, hab ich die Finger von Anträgen auf einen Satelliten gelassen, aber ich kenne jemanden bei der ESA, der mir für den Zeitraum der letzten Woche Aufnahmen eines europäischen Wettersatelliten zur Verfügung hat kommen lassen. Wenn die Schweden etwas vertuschen wollen, ist das ihr Bier, aber sie haben keine Kontrolle über die Wettersatelliten.«
Zabot wandte sich zum riesigen Plasmaschirm an der Wand und drückte eine Taste auf einer Fernbedienung, die aussah wie ein Smartphone. Vermutlich war es eines.
»Auf den ersten Blick ist nichts Ungewöhnliches zu erkennen, man muss wissen, wonach man sucht. Mein Anhaltspunkt war das Seeufer nahe der Stadt Boden. Hier!«
Er berührte den Touchscreen der Fernbedienung und zoomte die Satellitenaufnahme auf maximale Vergrößerung heran. Das Bild wurde körnig, doch anhand der Farben konnte man deutlich Grünflächen wie Wälder von den Brauntönen der Wiesen und dem Blaugrau des Wassers unterscheiden. Zwischen einem blauen Farbklecks und einem grünen befanden sich menschliche Silhouetten.
O’Connell wusste, was das bedeutete. Arianes Freundin aus Schweden hatte recht.
»Ich habe die Aufnahmen über mehrere Stunden verfolgt. Nicht einer von denen hat sich bewegt. Es ist später Vormittag am Ostersonntag. Auch am späten Nachmittag liegen sie alle noch genauso da. Für andere Zeiträume gibt es keine Aufnahmen mehr, da die Satellitenkameras auf andere Regionen ausgerichtet wurden. Wir könnten einen unserer skandinavischen Überwachungssatelliten in Parkposition über Luleå bringen, wenn wir das zu einer offiziellen Operation machen wollen.«
»Wir machen es zu einer«, sagte Smythe. »Aber unauffällig.« Er wandte sich O’Connell zu und blies den Zigarrenrauch aus. »Und Sie haben eine Reise nach Schweden gewonnen. Finden Sie heraus, was da vor sich geht. Wenn es sich um einen terroristischen Angriff handelt, werden wir Maßnahmen treffen. Entpuppt sich das Ganze nur als Amoklauf irgendeines Wahnsinnigen, brechen wir ab.«
»Halten Sie das denn wirklich für notwendig?«, fragte O’Connell. »Wir könnten die Schweden mit diesen Fotos konfrontieren und eine Erklärung verlangen.«
»Wenn die sich jetzt noch nicht an die EU-Kommission gewandt haben, dann werden die uns nur mit irgendwelchen Lügen abspeisen. Fliegen Sie nach Schweden. Ach, nur aus Neugier, hat Ihre Kontaktperson gesagt, was sie vermutet, wie diese Leute gestorben sind?«
O’Connell schürzte die Lippen. »Nein. Aber was immer es gewesen ist – wenn man sich die Fotos betrachtet, gibt es zumindest drei Kategorien von Opfern.«
Alle wandten sich dem Schirm zu, während O’Connell sich einen Laserpointer von Zabot ausborgte und mit dem Lichtpunkt Kreise um die Menschen auf der Satellitenaufnahme zog.
»Wir sehen hier ein paar parkende Wagen und eine Gruppierung von Leuten. Das dürften die Erstbetroffenen sein, Menschen, die bereits vor Ort waren, als es geschah. Dann haben wir hier Rettungsfahrzeuge.« Der Lichtpunkt verharrte auf dem Dach eines Fahrzeugs, das einen Rufcode für Luftfahrzeuge aufgedruckt hatte. Von dort wanderte er weiter zu drei Körpern, die sich in der Nähe des Fahrzeugs auf dem Boden befanden. Auch wenn das Bild unscharf und grob war, war anhand ihrer Kleidung deutlich zu erkennen, dass es sich um Rettungssanitäter handeln musste.
»Ich gehe davon aus, dass die erst später dazugekommen sind.«
Der Lichtpunkt vollführte einen Satz zu einem größeren Fahrzeug am Rand der Lichtung. Offenbar ein Lkw.
»Das hier dürfte ein Fahrzeug der Seuchenbehörde sein und hier«, der Laser erfasste einige leblose Körper vor dem Wagen, »haben wir die Wissenschaftler des Teams, sauber eingepackt in ihre Bioschutzanzüge und dennoch tot. Was immer sie erwischt hat, ist über einen längeren Zeitraum dort gewesen oder immer noch da. Es sieht fast so als, als hätte etwas oder jemand sie aus heiterem Himmel ins Jenseits befördert. Als wären sie einfach tot umgefallen.«
Smythe sog scharf die Luft ein.
Ein Röcheln kam aus Zabots Richtung. O’Connell blickte seinen Kollegen an und stellte fest, dass er kreidebleich geworden war.
»Alles in Ordnung?«, fragte er.
»Einfach tot umge…« Zabot sah zur Seite und begegnete O’Connells Blick. Er fasste sich. »Schon gut, alles in Ordnung. Ich werde einen Satelliten anzapfen und sehen, ob wir aktuelle Bilder bekommen.«
»Gentlemen.« Smythe blickte in die Runde. »Sie wissen, was Sie zu tun haben. An die Arbeit!«
Kapitel 4
Der Flug von Hannover nach Luleå war abenteuerlich gewesen. Ariane Hellenberg nahm sich vor, bei ihren zukünftigen Reiseplanungen keine exotischen Ziele mehr in Angriff zu nehmen. Die meisten ihrer Redaktionskollegen wussten nicht einmal, wo Luleå lag. So war sie besser beraten, ihnen mitzuteilen, dass sie einen Trip nach Stockholm machte.
Von Hannover ging es mit einem Inlandsflug nach Frankfurt. Ihr Gepäck war allerdings irrtümlich nach München verschickt worden. Um den Anschlussflug nach Stockholm nicht zu verpassen, nahm sie die geplante Maschine der Scandinavian Airlines. Man versprach, ihr den Koffer hinterherzuschicken. In Stockholm hatte die Maschine nach Luleå zwei Stunden Verspätung und bis dahin war ihr Gepäck noch immer nicht eingetroffen. Ariane sah sich die Nacht schon in der Wartehalle im Flughafen verbringen, als dann doch der Flug nach Luleå angekündigt wurde. Ihr Koffer kam auf den letzten Drücker mit einer Maschine aus Berlin nach Stockholm. Zweifelsohne hatte er jetzt jeden Winkel Deutschlands gesehen. Glücklicherweise befand er sich noch in demselben Zustand, in dem sie ihn in Hannover aufgegeben hatte.
Glück im Unglück, dachte Ariane während sie den Trolley durch den Ankunftsterminal hinter sich her zog. Es war früher Abend und Ariane spielte mit dem Gedanken, sich an einem Kiosk mit Magazinen einzudecken, doch noch bevor sie den nächsten Zeitschriftenstand ansteuern konnte, erinnerte sie sich daran, warum sie hier war. Dies war weder eine Urlaubsreise noch eine Recherche für eine normale Reportage. Ariane hatte sich immer auf den Bereich wissenschaftlicher Fachjournalismus konzentriert und nie daran gedacht, Krisen- oder Sensationsreporterin zu werden. Sie verschmähte die Kollegen, die sich wie die Aasgeier auf jedes Fitzelchen Information stürzten, nur um ein aktuelles Thema bis zur Neige auszuschöpfen.
Ich bin hier, um einer Freundin zu helfen, sagte sie sich, auch wenn sie den Begriff Freundschaft wohl neu definieren musste, denn Ella war im Grunde nicht mehr als eine Urlaubsbekanntschaft, zu der Ariane anschließend einen lockeren Kontakt gehalten hatte. Wie gut, dass sie freischaffend tätig war. Zwar ließen sich die Kosten für die Flüge nach Schweden und zurück nicht über die Redaktion absetzen, aber zumindest konnte sie sich sofort freinehmen, ohne Urlaubsansprüche geltend machen und sich mit ihren Kollegen abstimmen zu müssen.
Der Flughafen von Luleå war überschaubar und glich den kleinen Regionalflughäfen in Deutschland. So passierte Ariane rasch die Ankunftshalle und wehrte einen beflissenen Mann ab, der ihren Koffer zu einem Taxi tragen wollte. Sie hoffte, dass Ella Wort hielt und sie am Flughafen abholte.
Kurz vor dem Ausgang blieb Ariane stehen und strich sich eine Strähne ihres brünetten Haares hinter das Ohr. Sie griff in ihre Jackentasche nach dem iPhone, entsperrte den Bildschirm mit einem Daumenwischen und und rief das Einstellungsmenü auf, um den Flugmodus zu deaktivieren. Es dauerte eine halbe Minute, bis sich das Telefon ins schwedische Netz eingebucht hatte. Dann poppte auch schon ein Nachrichtenfenster auf. Sie hatte drei SMS erhalten.
Die erste kam vom schwedischen Mobilfunkanbieter und teilte ihr auf Schwedisch und Englisch mit, dass sie von günstigen Roamingkosten profitieren konnte. Die zweite Nachricht war von ihrer Freundin Sybille Stobbe.
Ari, das war das letzte Mal, dass ich deine olle Töle zu mir genommen habe. Er hat mir die ganze Wohnung vollgemacht. Du schuldest mir was. Komm rasch zurück. Bille.
Ariane schmunzelte. Sie wusste, dass Sybille ihr nicht wirklich böse war, denn sie war in Rocky vernarrt und hätte ihn am liebsten behalten. Jedes Mal, wenn Ariane den Hund abholte, lag Sybille ihr in den Ohren, dass sie ihn gar nicht wieder hergeben wollte.
Die zweite SMS stammte von Liam O’Connell. Ariane runzelte überrascht die Stirn. Sie hatte eigentlich nicht mit einer Antwort von ihm gerechnet. Umso erstaunter war sie, als sie den schlichten, sachlichen Text las.
Ariane, wir sehen uns in Luleå. Liam.
Er kommt hierher? Was bildet sich dieser Kerl eigentlich ein? Will er die Situation ausnutzen, um mich wiederzusehen?
»Das darf doch nicht wahr sein!« Ariane spürte, wie Wut in ihr aufstieg. So hatte sie sich das nicht vorgestellt, als sie Liam um Hilfe bat.
»Ariane?«
Zuerst hörte sie ihren Namen nicht, sondern nur das Blut, das in ihren Ohren zu rauschen begonnen hatte. Wenn sie den Mistkerl zwischen die Finger bekam … Lieber nicht. Besser war es, sie würden sich in Luleå erst gar nicht über den Weg laufen.
»Hey, Ariane!«
Sie blickte hoch und sah eine große, schlanke Blondine auf sich zulaufen. Blond war jedoch nicht ganz korrekt, denn Ella Degerlunds lange Haare waren so hell, dass sie je nach Lichteinfall beinahe weiß schimmerten. Sie war vermutlich der Inbegriff der Vorstellung einer Schwedin. Fast klischeehaft. Doch wenn Ariane sich im Flughafenterminal umblickte, sah sie, dass die meisten Frauen alle möglichen Haarfarben trugen und nur wenige wirklich blond waren.
Ella erreichte Ariane und fiel ihr in die Arme. Sie drückte sie so fest an sich, dass diese beinahe ihr iPhone fallen gelassen hätte. Sie erwiderte die Umarmung und strich Ella über den Rücken.
»Ich bin so froh, dich zu sehen.« Die Schwedin schluchzte.
Ariane widerstand der Versuchung, darauf hinzuweisen, dass sie sich so gut auch nicht kannten. Sie standen zwei Minuten einfach nur eng umschlungen da, bis es Ariane zu unangenehm wurde und sie die andere Frau mit sanftem Nachdruck von sich schob und auf Armeslänge an den Schultern festhielt.
»Ist alles in Ordnung?« Sie sah, wie Ella die Tränen die Wange hinunterliefen, und zog ein Taschentuch aus der Jacke.
»Danke. Es wird schon gehen.« Ella schnäuzte und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. »Und danke, dass du extra hergekommen bist. Ich … ich weiß gar nicht, wie ich das wiedergutmachen kann.«
Ariane wollte etwas einwenden, doch Ella unterbrach sie mit einer raschen Geste.
»Es geht nicht um Trost, auch wenn ich dir dafür dankbar bin, aber hier ist etwas ganz Großes im Gange, Ariane. Das spüre ich.«
Sie spürt es, na toll! Ohne Beweise werden wir da kaum etwas ändern können. Ariane dachte an Liams SMS. Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder war Ellas Gespür sehr gut und Liam hatte ebenfalls etwas herausgefunden, das seine Anwesenheit in Schweden erforderlich machte, oder Ariane bildete sich nicht einfach nur ein, dass der Brite die Lage ausnutzte, um sie wiederzusehen.
Ausgerechnet in Schweden, das hätte er auch einfacher haben können. Also, was soll das Ganze?
»In den Nachrichten sagen sie nichts«, sagte Ella und schob das Taschentuch in ihre Handtasche. »Aber die Leute reden bereits über den Vorfall. Irgendwie sickert immer etwas durch. Es heißt, dass eine Gruppe Jugendlicher auch betroffen und ein Kamerateam mit einem Hubschrauber abgestürzt sei. Das Militär ist jetzt oben am See und hat alles abgeriegelt.«
»Vielleicht wollen sie ein Virus eindämmen.« Ariane merkte, dass sich das nicht mal in ihren eigenen Ohren überzeugend anhörte. Wenn sich Liam extra die Mühe machte hierherzukommen, hatte das ganz sicherlich nicht mit einer Epidemie zu tun. Dafür schickte Scotland Yard keine Detectives los. »Hast du irgendeinen Verdacht?«
Ella schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Ich will doch nur Gewissheit haben, was geschehen ist, und ich will Vincent und seine Lieben noch einmal sehen, bevor sie bestattet werden.«
»Sie sind noch nicht bestattet worden?«
»Nein, die Gerichtsmedizin hat ihre … hat sie noch nicht freigegeben. Ich weiß nicht mehr, was ich noch …«
In diesem Moment klingelte ein Handy. Ella zuckte zusammen und griff in ihre Handtasche. Gleichzeitig gab auch Arianes iPhone einen Pieps von sich. Sie war noch im mobilen Datennetz eingebucht und hatte eine Pushnachricht von irgendeinem Anbieter erhalten. Da Ella ohnehin damit beschäftigt war, ans Telefon zu gehen, warf Ariane einen Blick auf ihr Gerät.
Eine Sofortnachricht ihrer Tagesschau-App.
Evakuierungsalarm in Nordschweden!
Ein heißer Schauer fuhr ihr über den Rücken. Was war das für ein böser Streich? Sie zögerte, den Daumen über das kleine Benachrichtigungsfenster zu legen. In dem Moment, indem sie die App aufrief, um die ganze Nachricht zu lesen, schnappte Ella nach Luft und stöhnte. Sie sagte etwas auf Schwedisch zu ihrem Gesprächspartner.
Ihre Stimme wurde dabei hektisch.
Schriller. Schneller.
Ariane sah das Tagesschau-Logo auf dem Display. Ein sich drehender Kreis zeigte an, dass die Daten geladen wurden.
Ella keuchte und griff nach Arianes Arm.
Die Nachricht erschien auf dem iPhone.
Ellas Finger krallten sich in Arianes Fleisch unter der Jacke, doch die Schmerzen waren nicht stark genug, um sie von der Nachricht auf dem Display des Telefons ablenken zu können.
Evakuierungsalarm in Nordschweden!
Die schwedischen Behörden haben für den Raum Luleå vorsorglich den Notstand ausgerufen. Genaue Ursache der Maßnahme ist bisher nicht bekannt gegeben worden. Experten berichten von Gerüchten einer Virusepidemie, die ihren Ursprung an den Ufern des etwa fünfzig Kilometer nordwestlich von Luleå gelegenen Sees Buddbyträsket haben soll. Betroffen ist derzeit die am südlichen Seeufer gelegene Stadt Boden, die momentan komplett evakuiert wird. Die Quarantänezone ist auf zwanzig Kilometer rund um Boden ausgeweitet worden. Bewohner über diese Grenze hinaus werden gebeten, bis auf Widerruf in ihren Häusern und Wohnungen zu bleiben und Türen und Fenster geschlossen zu halten. Kontakt zu Mitmenschen sollte prophylaktisch vermieden werden.
Ariane merkte, wie ihr schlecht wurde.
Ellas Griff wurde noch fester. Nur am Rande nahm Ariane wahr, wie die andere Frau sie mit sich zog. Wie gebannt starrte sie noch immer auf das Display ihres Telefons und bemühte sich zu begreifen, was geschehen war. Wo war sie da nur reingeschlittert?
Ihr erster Impuls bestand darin, sich loszureißen, den Koffer zu nehmen und zum nächsten Abflugschalter zu rennen, um wieder nach Hause zu fliegen, doch als Ariane ihren Blick endlich von der Eilmeldung löste, stand sie bereits vor einem goldmetallicfarbenen Volvo C30. Ein Zwitschern und das kurze Aufblitzen der Türblinker deuteten an, dass der Wagen geöffnet worden war.
»Rasch!«, rief Ella und klemmte sich bereits hinters Steuer.
Der Kofferraum sprang auf. Ariane stand unschlüssig da und sah zurück zum Flughafenterminal. Erstaunlich, sie befand sich etwa fünfhundert Meter davon entfernt auf einem Parkplatz. Sie hatte gar nicht mitbekommen, so weit gelaufen zu sein. Aus der Ferne schimmerte der runde Wellblechvorbau des Eingangs in Karmesinrot. Gegenüber auf der Straße stand eine Skulptur die von Weitem wie ein braungoldener Kaktus aussah.
»Ariane!«
Sie zuckte zusammen, als Ella sie durch das heruntergelassene Seitenfenster anbrüllte.
»Ich will zurück«, sagte sie.
Ella schüttelte den Kopf. Dabei blieben ihr einige Strähnen im Gesicht hängen. »Das geht nicht. Du kriegst jetzt keinen Flug. Und in einer Stunde ist hier die Hölle los, weil jeder fortwill. Dann ist es zu spät wegzufahren, weil die Straßen verstopft sein werden. Und du würdest noch immer keinen Flug bekommen. Jetzt steig endlich ein!«
Widerwillig hievte Ariane den Trolley über die Kofferraumkante und schlug den Deckel zu. Dann ließ sie sich in den Beifahrersitz fallen. Ella fuhr bereits los, ehe Ariane sich anschnallen konnte. Die Straße vor dem Flughafen rauschte an ihr vorbei. Dann verschwand auch der Parkplatz aus ihrem Blick und machte Baumgruppen Platz. Um die Gegend einen Wald zu nennen, waren die Bäume zu klein. Sie glichen eher künstlich angepflanzten Hainen, die errichtet wurden, nachdem die Baustelle Flughafen irgendwann geschlossen werden konnte.
Ella folgte der Straße kurz nach Norden, doch statt an der Abzweigung den Verkehrsschildern Richtung Luleå zu folgen, bog sie rechts ab. Nach fünfzig Metern kamen an Arianes Fensterseite wieder die Parkplätze des Flughafens in Sicht. Sie sah die parkenden Fahrzeuge durch die Bäume im Licht der untergehenden Herbstsonne schimmern.
»Wohin fahren wir?«, hörte sie sich leise fragen. Zuerst befürchtete sie, dass Ella sie nicht verstanden oder sie die Frage nur in Gedanken formuliert hatte, doch dann drehte die Schwedin den Kopf zur Seite.
»In der Stadt ist es nicht sicher. Da wird bald Chaos herrschen. Mein Bruder hat eine Hütte weiter im Norden. Ich muss einen Umweg fahren, damit ich den Hauptstraßen Luleås nicht zu nahe komme und wir nicht in einem Stau hängen bleiben.«
»Wie weit nach Norden?«
Sie ließen das Flughafengelände hinter sich. Die Bäume wurden weniger und machten einer hügeligen Graslandschaft Platz. Im Süden waren die Ufer der Ostsee zu sehen.
»Wir setzen über nach Sandon. Es gibt im Süden einen Fährdienst, keinen offiziellen, aber mein Vater hat den Eigner gekannt. So sind wir öfter zum Flughafen gekommen, statt uns durch die Stadt zu quälen. Die Fähre bringt uns hoch nach Bottenviken, von dort erreichen wir die Hütte.«
Ariane spürte, wie ihr Puls raste. Ihr fiel das Atmen schwer und sie fühlte einen Druck auf ihrer Brust. Angst. Panik. Sie merkte, dass sie noch immer ihr Handy umklammerte, und sah auf das Display. Ohne zu überlegen, tippte sie auf dem Touchscreen eine SMS an Liam O’Connell, die er hoffentlich noch las, bevor er in ein Flugzeug nach Luleå stieg.
Komm nicht! Hier herrscht Ausnahmezustand. Verfolg die Nachrichten! Ari
Dann schaltete sie das iPhone ab und begann zu weinen.
Kapitel 5
Eine Stunde zuvor
Der Kaffee schmeckte abgestanden und extrem bitter. Albin Nielsen verzog die Lippen und schüttete den Rest der schwarzen Suppe in den Ausguss. Er widmete sich wieder seiner Lieblingsbeschäftigung der letzten Stunden: Dr. Hanna Agren bei ihrer Arbeit zu beobachten. Er lächelte amüsiert, während er ihren Rücken und den Hintern musterte. Sie hatte zunächst versucht, die Obduktion mit Dr. Eggström in der Tyr-Rüstung durchzuführen, war aber schnell davon abgekommen. Die Körperpanzer waren für den persönlichen Schutz ausgelegt, nicht für feinfühlige Arbeiten wie eine Operation.
Während Eggström sich einen OP-Kittel und Haube mit Sichtschutz übergezogen hatte, begnügte sich Hanna mit einer Schürze, die hinten offen war und Nielsen einen hübschen Anblick auf ihren knackigen Po in einer engen Jeans bot. Hannas brünettes Haar war dicht und fiel ihr wie ein Samtvorhang weit über die Schultern auf den Rücken.
»Möchte noch jemand Kaffee?«, fragte Nielsen.
»Nein, danke.« Hanna schüttelte den Kopf und beugte sich über die dem Körper eines Jugendlichen entnommenen Organe.
Die beiden Ärzte beschäftigten sich mit zwei Leichen, die in einer Art gläsernem Sarg lagen. Mithilfe von computergesteuerten Roboterarmen schnitten sie die toten Körper auf und entnahmen ihnen die Organe, legten sie in Schalen, die über ein Fließband und durch eine Schleuse zu einem weiteren Plexiglaskasten transportiert wurden. Falls diese Menschen draußen am See durch irgendwelche Erreger gestorben waren, wollte man das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich halten. Deshalb benutzten die Ärzte und Wissenschaftlicher nicht den Labortruck, sondern hatten drei Zelte mit Schleusen rund um den Lkw errichtet und obduzierten zu sechst sechs Leichname gleichzeitig. Falls eines der Zelte kontaminiert wurde, wurden die anderen beiden sofort informiert, die Operation abzubrechen. In dem Fall hätte man die Stellung aufgegeben und die Zelte und alle Leichen mit Magnesiumfeuer abgefackelt.
»Für mich, bitte.« Eggström. Ganz fantastisch. Für Hanna Agren hätte Nielsen gerne einen Kaffee aufgesetzt, aber nicht für die eingebildete Laborratte aus Stockholm. Aber er hatte gefragt, also blieb ihm nichts anderes übrig, als zu gehen.
Nielsen drehte sich um, nicht ohne einen letzten Blick auf Hannas Hintern zu werfen. Er seufzte und passierte die Schleuse. Da die Leichen in steriler Umgebung in den Glaskästen untersucht wurden, verzichtete man auf Bioschutzanzüge, wohl wissend, dass diese ohnehin nicht schützen würden. Das Seuchenteam draußen am See hatte es trotz dieser Vorkehrungen erwischt.
In der Dekontaminationsschleuse ließ Nielsen eine Dampfwolke über sich ergehen. Trockene Entgiftung, die Erreger, gleich ob bakteriellen oder virologischen Ursprungs, abtöten sollte. Auch wenn Eggström mehrfach darauf hingewiesen hatte, dass man nicht töten konnte, was nicht lebte. Damit meinte er seine heiß geliebten Viren.
Nielsen war die wissenschaftliche Definition von Leben herzlich egal. Er atmete, also lebte er. Ob Viren das taten oder nicht, sie waren der Feind und mussten eliminiert werden.
Vor der Schleusentür sog er tief die Luft ein. Nach der künstlichen, wiederaufbereiteten Atmosphäre im Zelt war die frische Luft unter freiem Himmel mehr als willkommen.
»Und? Schon irgendwelche kleinen Biester entdeckt?« Larsen kam aus einem der anderen beiden Zelte und grinste seinen Vorgesetzten an.
»Bisher nicht. Vielleicht sollte ich mein Vorurteil, dass wir es hier mit einem Erreger zu tun haben, beiseiteschieben.«
»Was sollte es sonst sein?«, fragte Larsen. »Wir haben keine Strahlung gemessen, es gibt keine sichtbaren Verletzungen. Es bleibt doch nur was Kleines, Unsichtbares.«
Nielsen machte eine wegwerfende Handbewegung. »Oh, wenn ich militärisch denke, fallen mir da noch ein Dutzend anderer Möglichkeiten ein. Es gibt zahlreiche Waffen, die das Nervensystem eines Menschen kollabieren lassen können, ohne Spuren zu hinterlassen.«
»Elektromagnetische Felder oder elektrische Impulse? Aber auch das würde die Obduktion aufdecken, oder nicht?«
»Möglich.« Nielsen schürzte die Lippen. Er ging zum Kaffeeautomaten, den sie unter einem Vorzelt des Trucks errichtet hatten, zog zwei Becher und stellte sie unter die Düsen. Für sich wählte er einen normalen Kaffee, für Eggström einen extrastarken, mit extra viel Zucker. Nicht, dass der Virologe danach verlangt hätte.
»Jedenfalls hab ich ein Scheißgefühl bei der Sache«, sagte Larsen.
»Deswegen tragen Sie auch noch die Rüstung?« Nielsens Blick hing skeptisch an dem monströsen Schutzpanzer. Nur den Helm hatte Larsen abgelegt.
»Kommen Sie, Major, Sie wissen, wie schwer man aus dem Ding heraus und wieder hinein kommt. Die Erfinder hätten irgendeine Mechanik integrieren sollen, die ein vollautomatisches Ankleiden ermöglicht.«
Nielsen lachte. »Sie meinen wie bei Iron Man? Träumen Sie weiter. Sie werden schon Ihre Zofen brauchen, um sich aus dem Panzer zu schälen.«
Eine Vollautomatik hätte tatsächlich etwas für sich gehabt. Zwei Militärangehörige hatten fünfzehn Minuten gebraucht, um Nielsen von der Tyr-Rüstung zu befreien. Das Ankleiden dauerte sogar noch fünf Minuten länger, bis alles saß, verzurrt und angeschnallt und abgedichtet war. Er nahm sich vor, diesen Punkt in seiner Bewertung für den Bericht, den er schreiben musste, aufzunehmen. Ob er darin erwähnte, dass der Vorschlag eigentlich auf Larsens Mist gewachsen war, überlegte er sich noch.
»Haben Sie das im zweiten Film gesehen? Diesen roten Koffer, den er bei sich tragen konnte. Ein Knopfdruck und schwups, entblätterte sich die ganze Rüstung und legte sich um seinen Körper.« Larsen blickte in die Luft, als glaubte er, dort jemanden wie seinen Superhelden zu sehen. »Iron Man ist cool.«
»Wir sind cooler, Isak«, sagte Nielsen. »Wir haben außer der Tyr-Rüstung noch das Lokipuls. Das geht durch Starks Rüstung wie durch Butter.«
»Das müsste noch bewie…« Larsen sprach nicht zu Ende, da ein Funkspruch ihn unterbrach.
»Wir sind da auf etwas gestoßen!« Das war Dr. Agrens Stimme.
Nielsen nickte Larsen zu. Dieser beeilte sich, in Zelt Nummer zwei zurückzukehren, während er selbst mit den beiden Kaffee in der Hand zu der Schleuse ging, aus der er vor wenigen Minuten gekommen war.
Noch immer konnte er die Rückansicht von Dr. Agren bewundern, doch etwas hatte sich verändert. Die Ärztin hantierte hektisch an der Tastatur eines Computers, justierte über einen Touchscreen Bilder nach, während Schweißperlen auf Dr. Eggströms Stirn glänzten.
»Hat hier jemand Kaffee bestellt?«
Hanna fuhr herum, sah zu ihm auf und winkte ihm. »Kommen Sie, Sie müssen sich das ansehen.«
Nielsen trat an sie heran und reichte hinter ihrem Rücken den Becher an Eggström weiter. Der zog sich die Kappe vom Kopf, wischte sich damit den Schweiß von der Stirn und nahm dann einen großen Schluck. Angewidert verzog er das Gesicht und beherrschte sich mühsam, nicht den Inhalt seiner Mundhöhle mitten im Labor auszuspucken.
»Herrgott, der ist ja … widerlich!«
»Hat Automatenkaffee so an sich«, sagte Nielsen. Er war stolz auf sich, dass er dabei nicht mal mit den Mundwinkeln zuckte. Interessiert beugte er sich über den Schreibtisch und sah Hanna Agren über die Schulter. »Was haben wir?«
Eggström fluchte noch immer. »Major, was ist das?«
»Hm?« Nielsen blickte kurz auf und sah, wie der Virologe mit zusammengekniffenen Augen auf den Becher deutete und ihn dann in einen Ausguss schüttete.
»Zu stark?« Demonstrativ nippte Nielsen an seinem Kaffee und runzelte dann die Stirn. »Oh, scheint, als hätte ich Ihnen meinen gegeben. Na ja, nichts für ungut, Doc.«
Er ignorierte die empörte Bemerkung des anderen und wandte sich wieder Hanna zu.
»Sie können ganz schön gemein sein«, raunte sie ihm zu, während sie gleichzeitig auf das Display vor sich deutete.
»Er hat es verdient. – Was haben wir da?«
»Womit? Er hat Ihnen doch gar nichts getan.« Hanna sprach lauter: »Wir haben die Todesursache der Leute am See festgestellt. Chemische Spurenanalyse und die Untersuchung mit dem Elektronenrastermikroskop weisen darauf hin, dass sämtliche Zellen frei von ATP sind.«
»Er ist arrogant«, murmelte Nielsen. »ATP?«
Hanna nickte und streckte ihre Finger nach einem Schalter neben dem Bildschirm aus. »Ich lege uns auf die Kommunikation zu den beiden anderen Zelten, damit die Kollegen mithören können. ATP ist das Kürzel für Adenosintriphosphat, ein Nukleotid, das in einfacher Form ausgedrückt reine Zellenergie darstellt.«
»Und ich dachte immer, Dextrose wäre Sofortenergie.« Das war Larsens Stimme aus den Lautsprechern.
»Klappe halten, Löjtnant!«
Hanna lächelte. »Lassen Sie ihn ruhig. Er hat nicht ganz unrecht. Die Werbung verspricht uns Sofortenergie durch Traubenzucker. Was sie verschweigt, ist, dass auch dieser Zucker in den Zellen gespalten und verarbeitet werden muss, ehe reine und universell einsetzbare Zellenergie entsteht – ATP.«
»Wir haben eine biochemische Analyse des Zellgewebes vorgenommen, Dr. Agren«, meldete sich einer der anderen Militärwissenschaftler zu Wort. »Mit dem gleichen Ergebnis. Die verstorbenen Organismen weisen keine Spuren von ATP auf.«
»Die Aufnahmen des Elektronenmikroskops, die ich Ihnen gerade geschickt habe, zeigen, warum. Die Zellen besitzen keine Mitochondrien mehr.« Hanna sah zu Nielsen. »Das sind für Laien ausgedrückt mikroskopisch kleine Organe, sogenannte Organellen, die innerhalb von Zellen arbeiten und als eine Art Kraftwerk für Zellenergie fungieren.«
Nielsen fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Lassen Sie mich raten, diese Mitochondrien produzieren ATP.«
»Exakt.«
»Also hat irgendwer dafür gesorgt, dass alle Mitochondrien gleichzeitig ausfallen, keine Energie mehr produziert wird und die Menschen einfach in sich zusammengesackt sind. Aber es müssen doch noch Restspuren von ATP im Körper gewesen sein. Ich meine, wenn ich bei einem Radio den Stecker ziehe, geht es sofort aus, aber ein Mensch klappt doch nicht augenblicklich zusammen, weil …«
»Der menschliche Organismus ist wie der eines jeden anderen Säugetiers auch ein pausenlos arbeitendes System an Informationsweiterleitung, biochemischen Prozessen, Energiegewinnung und deren Verbrauch«, mischte sich Eggström ein, der das Kaffeeattentat offenbar überwunden hatte. »Wenn schlagartig alle Mitochondrien in jeder Zelle ihre Arbeit einstellen, erleidet der Betreffende multiples Organversagen. Die Restenergie, die ihn noch ein paar Sekunden aufrecht stehen lässt, verbraucht sich rasend schnell, bis dann nur noch ein Zusammenklappen bleibt. Der Tod tritt unmittelbar danach ein. Herzversagen, Atemstillstand, Sauerstoffunterversorgung des Gehirns, Exitus.«
Nielsen stieß die Luft aus und rieb mit einer Hand über sein Kinn.
»Also, wer könnte diese Mitochondrien zum Schweigen gebracht haben?«
»Nicht zum Schweigen«, sagte Eggström. »Ausgelöscht. Es sind de facto keine mehr da!«
Aus den Lautsprechern drang ein Schnappen, jemand hatte wohl erschrocken Luft geholt. Nielsen sah die beiden Wissenschaftler fragend an. Niemand antwortete. Auch in den anderen Zelten herrschte Ratlosigkeit.
Ein Knacken in der Funkverbindung brach das Schweigen.
»Major Nielsen? Wir haben einen Vorfall! Der Polizei- und Rettungsfunk berichtet von massiven Sterbefällen in Boden. Die Menschen brechen auf der Straße einfach zusammen!«
Alarmiert blickte Nielsen auf. »Was? Wiederholen Sie!«
»Die Berichte überschlagen sich und viele Meldungen sind abgehackt, weil sie abbrechen, bevor sie zu Ende gesendet wurden.« Der Sprecher holte tief Luft. »Boden wird angegriffen, Major!«
* * *
Angriff war etwas, womit Albin Nielsen umgehen konnte. Er war darauf trainiert und ausgebildet, einer Bedrohung von außen zu begegnen – solange sie sichtbar war. Viren und Bakterien waren die Feinde der Wissenschaftler, ihr Metier. Nielsen brauchte etwas, das er anvisieren und erschießen konnte. Er drehte sich um und griff nach dem Lokipuls, als er sich daran erinnerte, dass er außer seiner Uniform nichts trug. Ohne die Tyr-Rüstung kam er sich plötzlich nackt vor. Er fluchte und drückte eine Taste an seinem Funkgerät.
»Larsen? Sie stecken doch noch in ihrer Tyr. Helm auf und raus! Nehmen Sie alle verfügbaren Männer mit, die ebenfalls noch die Rüstung anhaben.«
»Verstanden, Major.«
»Und halten Sie mich auf dem Laufenden.«
Hanna und Eggström blickten Nielsen entgeistert an.
Er hob die Hände. »Würden Sie beide mir bitte dabei behilflich sein, meine Rüstung anzulegen?«
»Was hat das da draußen zu bedeuten?«, fragte Eggström.
»Das will ich herausfinden, aber dafür würde ich gerne …«
»Ein Angriff! Das ist doch Schwachsinn!«
»Ich stimme meinem Kollegen zu«, sagte Hanna. »Wer sollte Boden angreifen? Wir haben doch gerade herausgefunden, d…«
»Dass Zellnukleotide im menschlichen Körper vernichtet wurden«, fiel Nielsen ihr ins Wort. »Ganz recht. Was, glauben Sie, könnte das verursacht haben? Viren? Für mich klingt das eher nach einer Waffe.«
»Was für eine Waffe sollte das sein?« Eggström schüttelte den Kopf.
»Genau das …« Nielsen brach ab. Zeitverschwendung. Die beiden würden ewig weiterdiskutieren. Er drehte sich um, packte die Ausrüstungsteile und nahm sich vor, draußen jemanden zu suchen, der ihm half, in die Rüstung zu schlüpfen. Doch noch bevor er die Schleusentür erreicht hatte, knackte sein Funkgerät. Abrupt blieb er stehen.
»Major? Lundin hier. Befinde mich mit Eklund und Wallin am äußeren Perimeter.«
Das war schnell. Das Basislager seines Teams mit Truck, Geländewagen und den Quarantänezelten befand sich knapp zwei Kilometer südlich von Boden.
»Waren auf Patrouille, als wir die ersten Nachrichten über den Polizeifunk reinbekamen.«
»Seid ihr zu Fuß unterwegs?«
»Negativ. Im C03.«
Das war der Einsatz-Volvo. Ein kleines Truppenfahrzeug, das gerade noch genug Platz im Innenraum bot, um auch einen Soldaten in Tyr-Rüstung hinter dem Steuer aufzunehmen.
»Bleiben Sie im äußeren Perimeter. Nur beobachten. Keine Alleingänge. Löjtnant Larsen ist unterwegs zu Ihnen und wird das weitere Vorgehen koordinieren, bis ich dort bin.«
»Verstanden, Major.«
Nielsen nahm wieder Kontakt zu seinem Leutnant auf. »Larsen, haben Sie mitgehört?«
»Ja, in Ordnung. Wir nehmen den zweiten C03 und treffen uns am Rendezvouspunkt mit Lundins Kommando.«
Hanna trat an Nielsen heran und begann, ihm den Harnisch des Tyr-Panzers anzulegen. Sie blickte ihn besorgt an. »Was kann da los sein? Glauben Sie wirklich, dass irgendein militärischer Gegner eine Waffe zum Einsatz bringt?«
Nielsen zuckte die Achseln und ließ sich helfen, die Magnetverschlüsse zu justieren und zu schließen. »Möglich ist alles.«
»Aber wenn dem so wäre, warum ausgerechnet hier? Was hätte Schweden denn schon Besonderes zu bieten? Und dann auch noch in einer Kleinstadt wie Boden!«
Nielsen wollte erneut die Schultern heben, doch der Harnisch verhinderte dies. Bevor Hanna damit fortfahren konnte, ihm weitere Rüstungsteile anzulegen, knackte wieder das Funkgerät.
»Haben den C03 verlassen und warten auf Löjtnant Larsen. Befinden uns noch außerhalb des Gefahrenperimeters, allerdings kann ich nicht sagen, wie lange dem noch so ist.«
Nielsen schob Hanna sanft aber mit Nachdruck beiseite, um den Sender bedienen zu können. »Warum? Was ist da los?«
»Wir sehen Menschen. Sie laufen kreuz und quer durch die Straßen. Autos sind zusammengestoßen. Ein Hydrant sprengt eine Wasserfontäne in die Luft. Ich glaube, in der Innenstadt sind Feuer ausgebrochen. Rauchwolken steigen durch die Straßenzüge. Jetzt … warten Sie, Major. Die Menschen … sie … sie fallen einfach um. Mitten im Laufen. Einer nach dem anderen. Herrgott, das …«
Hanna warf Nielsen einen sorgenvollen Blick zu. Ihre Lippen teilten sich, doch kein Ton löste sich von ihnen.
»Was ist, Lundin? Können Sie mir ein Kamerabild liefern?«
»Warten Sie, Major. Wallin. Es hat Wallin erwischt. Er ist einfach umgefallen in seiner Rüstung!«
Ein Knacken in der Leitung.
»Was war das?« Das war eine andere Stimme. Offenbar Eklund, der sich bei Lundin befand.
»Was denn?« Lundin.
»Ach …« Eklunds Stimme brach abrupt ab. Dann dröhnte Lundins Aufschrei durch den Äther.
»Eklund ist ebenfalls zusammengebrochen. Verdammt, die Tyr-Rüstung schützt uns nicht! Haben Sie gehört, Major?«
Nielsen merkte, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach und eine Hitzewelle über seinen Rücken schoss.
»Kamerabild, Lundin!«
»Moment, ich … was … was war das?«
Die Verbindung brach ab.
»Lundin? Lundin, können Sie mich hören?« Nielsen wollte gerade nach seinem Helm greifen und sich im Innendisplay die Lebenszeichen Lundins anzeigen lassen, doch Larsen kam ihm zuvor. Der Leutnant meldete sich über Funk.
»Haben Lundins Kommando erreicht, Major. Lebenszeichen aller drei sind tot. Wiederhole, unsere Leute sind tot. Kein sichtbarer Gegner. Wir scannen alle Frequenzen des Spektrums. Es gibt einen Ausschlag im Pikometerbereich.«
Ein Stirnrunzeln bei Eggström. »Gammastrahlung?«
»Nein, Doktor«, sagte Larsen. »Unsere Scanner erfassen die Wellen nicht richtig. Es scheint jenseits davon zu liegen. Keine radioaktiven Messwerte. Als würde sich etwas im elektromagnetischen Spektrum bewegen, das nicht hierhergehört.«
»Bitte?«, hakte Hanna nach. Gammastrahlung besaß bereits hyperkurze Wellenlängen, die im atomaren Bereich lagen.
»Er fantasiert«, sagte Eggström. »Im Spektrum bewegen, das ist nicht …«
»Still!«, fuhr Nielsen dazwischen. Er griff zum Telefon und sah, wie Hanna gleichzeitig ihr Handy aus einer Tasche ihrer Schürze zog. »Nielsen hier. In Boden. Ich brauche sofort das Verteidigungsministerium.«
»Ella, ich bin es«, sagte Hanna ins Telefon. »Ja. Nein, wir sind noch bei den Untersuchungen. Hör mir zu, wo bist du? In Luleå am Flughafen? Willst du weg? Eine Freundin? Pass auf, ihr müsst sofort verschwinden. Fa…«
Nielsen winkte heftig, hielt die Sprechmuschel des Hörers zu und sagte: »Sagen Sie ihr nichts von einer Evakuierung.«
Hanna runzelte die Stirn. »Wir evakuieren nicht?«
Der Major hob eine Hand, als er jemanden in der Leitung hatte. »Ja, Herr Minister. Major Nielsen hier. Wir haben heftige Probleme in Boden. Die Stadt wird angegriffen. So wie es aussieht, ist ein Großteil der Bevölkerung davon betroffen. Lösen Sie umgehend Evakuierungsalarm für Boden aus. Ich schlage eine Quarantänezone von zwanzig Kilometern vor. Die Bewohner außerhalb dieser Zone sollen in ihren Häusern bleiben. Und wir brauchen Militär hier.«
»Grundgütiger!« Ein Japsen war am anderen Ende zu hören.
»Warte mal«, sagte Hanna in ihr Telefon.
Gleichzeitig meldete sich eine Stimme über Funk. Aber das war nicht Larsen, sondern einer der Männer, die mit ihm nach Boden hinausgefahren waren.
»Was war das, Löjtnant? Haben Sie das auch …?«
Die Stimme verstummte.
»Verdammt!« Larsen. »Major, es hat … was zum Henker …?«
Auch Larsen verstummte.
Major Albin Nielsen ließ die Schultern hängen. Gleichzeitig verkrampfte sich seine Hand dermaßen um den Hörer, dass das Plastik knarzte. »Herr Minister, wir haben soeben Boden verloren. Ich schlage vor, dass Sie davon noch nichts an die Öffentlichkeit dringen lassen, sondern es bei einem Evakuierungsalarm belassen.«
»Aber, um Gottes willen, was soll ich denn der Presse sagen?«
»Darüber sollten wir uns hinterher Gedanken machen. Wichtig ist jetzt zu handeln. Stimmt der General mit mir überein?«
Während Nielsen hörte, wie sich der Verteidigungsminister mit jemand anderem im Raum besprach, redete Hanna weiter mit ihrer Freundin.
»Fahrt nach Norden, Ella. Es wird Evakuierungsalarm für Boden gegeben und der Notstand für den Großraum Luleå ausgerufen. Hörst du, fahrt so weit wie möglich weg von Luleå.«
Hanna beendete das Gespräch.
Der Minister war wieder in Nielsens Leitung. »General Andersson und Admiral Holm teilen Ihre Meinung. Wir werden umgehend Evakuierungsalarm ausrufen. Notstandgesetze für Nordschweden treten ab sofort in Kraft. Truppenteile werden zu Ihnen in Bewegung gesetzt. Major?«
»Ja, Herr Minister?« Nielsen lockerte den Griff um den Hörer etwas. Er spürte Wut und Verzweiflung in sich aufkeimen. Er hatte seine ganze Truppe verloren. Und er wusste nicht einmal, an wen. Das versetzte ihm nicht nur einen Stich im Herzen, sondern drängte seinen Verstand an den Rand einer Ohnmacht. Er atmete tief durch und rief sich selbst zur Räson. Er musste handlungsfähig bleiben, außer ihm gab es vorerst niemand anderen hier vor Ort.
»Halten Sie uns auf dem Laufenden über den Gegner.«
Als das Gespräch beendet war, nickte Nielsen mit dem Kinn in Eggströms Richtung. »Haben wir Bilder von Larsen?«
Der Wissenschaftler schüttelte den Kopf. Er beugte sich über ein Pult und drückte die Sendetaste der Funkstation, um die anderen beiden Zelte zu rufen. Vielleicht hatten sie mehr Glück gehabt und Videomaterial von den Militärposten empfangen.
Zelt drei meldete sich nicht.
Doch aus dem zweiten kam eine Bestätigung. Einer der Ärzte im Team. »Wir haben eine Aufzeichnung, aber nur bruchstückhaft. Sie ist nicht von Larsen, sondern von einer Webcam. Mein Gott, mein Gott! Die ganzen Menschen. Sie … sie fallen einfach … Viklund, was ist mit Ihnen?«
Das war der andere Arzt, der sich ebenfalls im zweiten Zelt befand.
»Großer … Viklund! Mein Gott, es ist hier drinnen, es ist bei uns! Was … was war das?«
Nur noch Rauschen.
Dann Stille.
Eggström war kalkweiß geworden. Hanna zitterte.
»Ich … ich werde uns ein Bild von dieser Webcam …«
»Nein!«, schrie Nielsen und sprang vor. Er riss den Sicherungskasten auf und hieb auf den Notschalter. Von einem Lidschlag auf den nächsten wurde es stockdunkel im Zelt. Der Strom war weg. Alle Geräte und Lichter ausgegangen.
Nielsen wartete zusammen mit Hanna Agren und Dr. Eggström in der bedrückenden Finsternis des Zeltes auf den Tod.
Kapitel 6
Die Kälte kroch durch ihre Kleidung und ließ sie frösteln. Ariane zitterte und hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie sich befand. Sie hockte mit angezogenen Knien auf dem Rücksitz von Ellas Volvo C30 und spielte bereits das fünfte Mal mit dem Gedanken auszusteigen, um ihren Koffer aus dem Kofferraum zu holen, damit sie sich wärmere Sachen anziehen konnte. Ella schlief. Sie saß vornübergesunken auf dem Lenkrad und gab immer wieder einen Seufzer von sich. Hin und wieder schrie sie leise auf, ruckte hoch, ohne dabei aufzuwachen.
Ariane wischte mit dem Handrücken über das beschlagene Seitenfenster und bemühte sich, draußen in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Außer der Nacht sah sie nichts. Es war finster. Kein Stern am Himmel zu sehen. Keine Lichter in der Ferne. Sie fragte sich, ob der Fährmann überhaupt etwas erkennen konnte. Ariane drehte den Kopf und blickte in Richtung Leitstand des kleinen Bootes. Hinter den Fenstern sah sie nur schwache Schemen und das Glimmen einer Zigarette. Der Bekannte Ellas, der den Fährbetrieb führte, war ein alter Mann mit hagerem Gesicht, vollem Bart und wenig Haaren auf dem Kopf. Er wirkte wie der Henker aus einem Horrorfilm. Ariane konnte sich nur nicht mehr erinnern, an welchen. Zu allem Übel trug er noch einen dieser Ölmäntel, der in der Dunkelheit gruselig auf Ariane wirkte.
Mach dir nichts vor, sagte sie ich. Das einzig Gruselige, was momentan passiert, ist das, was in Boden und Luleå vor sich geht.
Ariane rieb sich über die Oberarme. Die Kälte war nicht mehr auszuhalten und so würde sie unmöglich schlafen können. Sie beugte sich zwischen den Sitzen nach vorne und nahm den Wagenschlüssel an sich, den Ella auf die Mittelkonsole vor der Handbremse gelegt hatte. Dann klappte sie den Beifahrersitz nach vorn, öffnete die Tür und zwängte sich aus dem Wagen. Mit eng umschlungenen Armen ging sie zum Kofferraum, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn. Es klemmte. Sie brauchte drei Anläufe und war froh, als sie ein vertrautes Klacken hörte. Die Haube schwang hoch. Ariane beugte sich über ihren Koffer, fischte einen Rolli heraus und eine Windjacke. Den Pullover zog sie sich über ihre Bluse und erwartete, sich gleich wärmer zu fühlen. Enttäuscht musste sie feststellen, dass die Wolle des Pullovers eiskalt war und sie nur noch umso mehr fror. Rasch streifte sie die Jacke über und zog den Reißverschluss bis zum Kinn hoch.
Sie schloss die Haube. Eigentlich wollte sie sofort wieder in den Wagen gehen, doch dann erstaunte sie sich selbst, indem sie den Weg Richtung Leitstand einschlug. Vor der Kabinentür blieb sie stehen und klopfte. Als keine Antwort kam, drehte sie den Knauf. Die Tür schwang nach innen auf. Warme, stickige Luft wehte ihr entgegen. Rasch trat Ariane ein und drückte die Tür wieder zu.
»Was wollen Sie?«
Die Stimme des Mannes war ein Brummen. Sein Englisch hatte einen deutlichen Akzent. So wie er da am Ruder stand, die Zigarette im Mundwinkel, den Blick starr geradeaus gerichtet, die Ärmel seines dicken Pullovers hochgekrempelt, sodass auf seinen Unterarmen schlangenhafte Tätowierungen sichtbar wurden, glaubte Ariane, er würde sich jeden Moment steif zu ihr umdrehen, eine Axt nehmen und ihr den Schädel damit spalten.
Unsinn!
»Ehrlich gesagt, ist mir kalt und ich kann nicht schlafen. Ich dachte mir, ich leiste Ihnen ein wenig Gesellschaft. Immerhin haben Sie es hier muckelig warm.« Arianes Blick wanderte zu der Ölheizung, die in der Ecke der Kabine stand. Sie war über ihr Netzkabel mit einer Steckdose verbunden, die wahrscheinlich Strom vom Generator im Bauch des Fährbootes erhielt.
»Hm«, machte der Skipper.
»Haben Sie ein Radio?«
Er drehte tatsächlich den Kopf, doch statt Ariane anzusehen, nickte er nur mit dem Kinn auf eine Stelle seitlich vom Armaturenbrett, auf dem ein altes Kofferradio stand.
»Haben Sie schon Nachrichten gehört?«
»Hm.«
Ariane deutete das als ein Nein und beugte sich vor, um das Radio einzuschalten. Es knackte. Dann war nur Rauschen zu hören. Ariane streckte die Hand nach dem Frequenzregler aus, da ließ die schneidende Stimme des Skippers sie zusammenzucken.
»Nicht anfassen! Der Sender ist eingestellt. Aber hier draußen haben wir keinen Empfang. Wir kommen in zwei, zweieinhalb Stunden in Ufer- und damit in Sendereichweite.«
»Haben Sie denn vorhin noch mal reingehört?«
»Hm.«
Ariane verdrehte die Augen. »Und?«
Jetzt sah er sie an. Sein Blick war trüb. Ariane glaubte, der Mann würde jeden Augenblick umkippen und nicht mehr aufstehen. Doch er stand wie ein Fels in der Brandung und umklammerte das Ruder, ohne vor oder zurück zu wanken.
»Die haben was von einer Virenepidemie gesagt.« Das Thema schien für ihn damit erledigt zu sein. Er wandte den Blick wieder nach vorn.
»Ganz toll.« Ariane verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Windjacke gab ein quietschendes Geräusch von sich. »Gibt es von dort, wo wir anlegen, eine Möglichkeit, weiterzureisen und zu einem Flughafen zu gelangen.«
»Hm.«
Ariane seufzte und wollte den Skipper gerade in den Stiefel stellen, als er wider Erwarten weiterredete.
»Sie kommen von dort aus auf die Autobahn. E4 und E10. Die E4 führt zur finnischen Grenze nach Tornio. Im Nordwesten gibt es einen kleinen Flughafen, über den Sie nach Helsinki kommen, wenn Ihnen das weiterhilft.«
Es lebe die EU!, dachte Ariane. Die Grenze zwischen Schweden und Finnland war offen. Sie brauchte kein Visum. Und Helsinki klang nicht übel, wenn sie somit dem ganzen Schlamassel entfliehen konnte. Doch was war mit Schweden? Was mit Ella? Und Liam? Der musste sich doch längst in der Luft auf dem Weg nach Luleå befinden. Möglicherweise bekam seine Maschine gar keine Landeerlaubnis und wurde umgeleitet.
»Danke«, sagte Ariane und wandte sich zum Gehen. »Ich werde die Augen ein wenig zutun. Können Sie mich wecken, wenn wir wieder in Sendereichweite sind?«
»Hm.«
Wie auch immer.
Ariane kehrte zum Auto zurück, setzte sich diesmal jedoch auf den Beifahrersitz und stellte ihn in eine halbe Liegeposition. Sie holte ihr iPhone aus der Tasche und drückte kurz die Home-Taste. Das Display erwachte zum Leben. Kein Netz. Und die Akkustandanzeige näherte sich bedenklich dem roten Bereich. Ariane wischte mit dem Finger über das Display, entsperrte es und wählte sofort das Einstellungenmenü, um den Flugmodus zu aktivieren. Damit unterband sie die ständige Suche nach einem verfügbaren Netz und würde etwas Akkuleistung sparen. Sie schob das Handy in die Jackentasche, verschränkte die Arme vor der Brust lehnte den Kopf an die Nackenstütze des Sitzes. Über den Gedanken, wie sie dem ganzen Mist, in den sie sich manövriert hatte, entfliehen konnte, schlief sie ein.
* * *
Das tiefe Brummen eines Nebelhorns holte Ariane Hellenberg aus dem Schlaf. Sie hob träge die Lider und glaubte zu träumen. Entschlossen, einfach weiterzuschlafen, fielen ihr wieder die Augen zu, doch der erneute Ton des Horns und ein Stups in ihre Seite ließen sie schlagartig wach werden. Verschlafen blinzelte sie und drehte den Kopf zur Seite, nur um festzustellen, dass ihr Nacken steif war. Ihre Beine taten weh, die Schultern waren verspannt. Sie verzog das Gesicht und drehte den Kopf etwas weiter.
»Guten Morgen!«, sagte Ella neben ihr. »Du schnarchst.«
Morgen? Erst jetzt fiel Ariane auf, dass es heller Tag war. Sie bewegte einen Arm, um auf ihre Uhr zu sehen.
»Neun.« Ella gab ein Brummen von sich, als wäre sie selbst nicht erbaut darüber, so lange geschlafen zu haben. »Dieser Mistkerl hat uns nicht geweckt, als er das Boot festgemacht hat.« Die Schwedin nickte in Richtung Ufer, während Ariane immer noch damit rang, ihre Gedanken zusammenzubekommen.
»Wo sind wir?«
»Sieht nach Sundom aus.« Ella schüttelte den Kopf. »Wir sind viel weiter nördlich als vereinbart.«
»Der Kapitän wollte mich wecken, wenn wir in Reichweite eines Radiosenders sind.«
»Na, wie du siehst, ist daraus nichts geworden. Ich bin ganz schön sauer.«
»Wo steckt der Kerl denn?«
»Ist an Land gegangen. Er will wohl die Konditionen für den Liegeplatz aushandeln.«
Ariane streckte sich und drückte die Beine unter Schmerzen durch. Dann beugte sie sich vor und drehte am Knopf in Ellas Autoradio.
»Oh, ich darf doch?«
»Sicher. Ich bin auch gerade erst wach geworden.«
»Du hast geschlafen wie ein Murmeltier.«
»Schwindel mich nicht an, Ariane, ich weiß, dass ich schlecht geträumt habe und mehrmals im Schlaf hochgeschreckt bin.«
Aus dem Radio kam zunächst ein Rauschen. Ariane probierte eine andere Sendetaste und bekam eine Station herein.
»… die Vorfälle in Boden sind noch immer nicht verifiziert. Nach Angaben der Behörden, vornehmlich des Gesundheitsministeriums, handelt es sich um eine Virusepidemie, die von einem Touristen eingeschleppt wurde. Derzeit befindet sich Boden in Evakuierung. Infizierte werden in Quarantäneauffangstationen untergebracht, während die bisher als gesund eingestuften Einwohner in ein Zwischenlager zur Beobachtung gebracht werden, um einen weiteren Ausbruch der Krankheit zu vermeiden. Aus ungesicherten Pressequellen berichten zwei Reporter von einer Vertuschung der Angelegenheit. Angeblich sei das Militär vor Ort und habe ein Experiment mit Biowaffen durchgeführt, dem die gesamte Bevölkerung Bodens zum Opfer gefallen sei. Diesen Berichten nach soll niemand mehr in Boden am Leben sein. Das würde bedeuten, dass mehr als 19 000 Bürger …«
Ella schaltete das Radio aus. Tränen liefen über ihre Wangen.
Ariane beugte sich zu ihr hinüber und nahm sie in den Arm.
»Es ist genauso wie am See. Wie bei meinem Bruder und seiner Familie. Niemand will etwas wissen. Alle reden nur von einem Unfall oder einer Epidemie. Keiner sagt die Wahrheit.«
»Es tut mir leid.« Ariane kam sich hilflos vor. Ihr kam eine Idee. Sie nahm ihr Telefon und schaltete es ein. Die Batterieanzeige war fast leer und rötlich eingefärbt. Vielleicht reichte es noch für einen Anruf. Sie schaltete den Flugzeugmodus ab und wartete, bis das Gerät ein Netz fand. Anschließend wählte sie Liams Nummer. Zu ihrer Überraschung bekam sie ein Freizeichen. Nach zweimaligem Klingeln wurde am anderen Ende abgenommen.
»Hallo, Ari!«
»Liam. Wo bist du?«
»Noch unterwegs in einem Passagierflieger nach von Stockholm nach Lule…«
»Hast du die Nachrichten gehört?«, unterbrach Ariane ihn.
»Ja, offenbar sind deine mysteriösen Todesfälle auf eine Virenepidemie zurückzuführen.«
»Das glaubst du doch selbst nicht, sonst wärst du nicht unterwegs hierher.«
»Ich weiß nicht, was ich glauben soll«, sagte Liam. »Man hat mich geschickt, um mir ein Bild von der Situation zu machen.«
»Man hat dich geschickt«, echote Ariane tonlos. Sie wollte gerade etwas einwenden, was sicherlich in eine Grundsatzdiskussion ausgeartet wäre. Aber dafür blieb ihr keine Zeit. Und auch nicht genug Akkustrom.
»Ich erkläre es dir, wenn wir uns sehen. Wo bist du?«
»Außerhalb von Luleå. Der Ort heißt Sundom. Ich weiß nicht, etwa zwanzig Kilometer nördlich. Wir sind mit einer Fähre hierhergekommen. Ella ist bei mir.«
»Gut, bleibt dort. Mein Flug sollte erst gecancelt werden, aber wir haben nicht mehr genug Sprit für einen Rückflug. Wir werden so oder so in Luleå oder, falls die Epidemie um sich greift, in Tornio landen.«
»Tornio klingt gut.« Ariane holte tief Luft. »Der Fährmann sagte, von dort gehen Flüge nach Helsinki. Wäre also ein Notanker.«
»Ich werde nach Sundom kommen und gebe dir Bescheid, sobald ich in Luleå gelandet bin.«
»In Ordnung. Mein Akku ist fast leer, ich hoffe, ich finde irgendwo eine Steckdose.«
»Okay. Bis später, Ari!«
»Ja.«
Sie drückte die Verbindung weg und schaltete rasch das Display aus.
Liam O’Connell arbeitete nicht für Scotland Yard. So viel war sicher. Die schickten keinen Kriminalermittler von England nach Schweden, um eine Virenepidemie zu untersuchen. Sie war jetzt schon auf seine Erklärung gespannt.
Das Öffnen der Fahrertür ließ Ariane zusammenzucken. Ella machte Anstalten auszusteigen.
»Wohin …?«
»Der Skipper kommt zurück.«
Ariane sah den Mann in seinem Ölmantel den Anlegesteg heraufhumpeln. Er zog das linke Bein nach. Hinter ihm schüttelte ein Mann an der Anlegestelle den Kopf und scheuchte mit einer Handbewegung eine Frau ins Haus zurück.
Ella rief etwas auf Schwedisch.
Anscheinend war der alte Skipper auch ihr gegenüber nicht gesprächiger. Er antwortete in der Ariane gewohnten Weise.
»Hm.«
»Was hat er gesagt?« Ariane biss sich auf die Zunge. Wie doof von mir.
Ella sah sie an, als zweifle sie an ihrem Verstand. Sie wiederholte die Frage, diesmal auf Englisch.
»Gibt es Probleme?«
Der alte Mann erreichte den Bootsrand und deutete mit dem Daumen nach hinten. »Sie wollen uns nicht. Die Anlegestelle sei wegen der Epidemiewarnung in Luleå gesperrt und müsse für Rettungskräfte freigehalten werden. Wir fahren weiter nach Norden. In Råneå gibt es noch eine Möglichkeit anzulegen. Von dort gelangt ihr genauso auf die Autobahn.«
Ella runzelte fragend die Stirn.
»Tornio«, sagte Ariane. »Er meinte, es wäre das Beste, wenn wir von dort aus nach Helsinki fliegen.«
»Hm.«
»Hm?«, hakte Ariane nach, schaffte es aber nicht, seinen brummenden Tonfall zu imitieren.
»So habe ich das nicht gesagt.«
»Egal, ich …«
Ella schrie auf und deutete den Steg entlang. Am Ufer stürzte jemand mitsamt seinem Fahrrad um. Ein Scheppern war zu hören, als ein kleiner Fiat in ein Haus neben dem Anlegesteg krachte. Weiter hinten in der Bucht sah Ariane zwei Menschen, die eben noch am Strandufer mit einem Hund spazieren gingen, einfach umkippen. Der Hund rannte, blieb plötzlich stehen, schnüffelte und fiel seitwärts zu Boden. Er rührte sich genauso wenig wie die Menschen.
Ariane spürte, wie ihr das Blut in den Adern zu gefrieren schien. Entsetzt sah sie mit an, wie der Mann am Anlegesteg zusammenbrach. Aus dem Haus war ein Klappern und Poltern zu hören.
»Mein Gott, es ist hier!«, rief Ella.
Der Skipper hob die Brauen und legte den Kopf schief. »Hm?«
Eine Sekunde darauf schlug er hart auf dem Deck seiner Fähre auf.
Tot.
Ariane wusste, was als Nächstes kam. Nur noch sie und Ella waren übrig. Mit einer Mischung aus Panik, Angst und der stillen Gewissheit, dass alles in den nächsten Augenblicken zu Ende sein würde, ergab sie sich ihrem Schicksal.
Ellas Kopf fuhr herum. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie Ariane an. »Was war das?«
Was war das?, dachte Ariane.
Ella fiel – wie in Zeitlupe.
Ihre Knie knickten weg. Sie sackte in sich zusammen, prallte auf die Planken neben dem Volvo. Sie war nicht sofort tot wie die anderen. Ihr Körper wand und verkrampfte sich in rasanten Zuckungen.
Dann nahm Ariane etwas am Rande ihres Bewusstseins wahr. Einen Reflex. Sie konnte ihn nicht genau zuordnen. War es ein Funke? Ein Geräusch? Ein Gefühl?
Was war das?, fragte sie sich und erinnerte sich an Ellas Worte und an das schlichte »Hm?« des Skippers, ehe er zusammenklappte und starb.
Ein Schwindelgefühl kam über sie. Sie sah doppelt, wankte, streckte eine Hand aus und hielt sich an der Dachkante des Volvos fest.
Komm schon, bring es zu Ende!
Ein schwarzes Tuch wurde über Ariane geworfen. Die plötzliche Dunkelheit wirkte beklemmend und riss die Journalistin in einen tiefen Schlund. Sie merkte nicht, wie sie fiel.
Und fiel.
Tiefer. Der Sturz dauerte scheinbar endlos, war haltlos, schnürte ihr die Kehle zu. Ihr gellender Schrei klang wie ein Tosen in ihren Ohren. Die Lungen brannten. Ihre Zunge wurde trocken. Die Augen tränten.
Dann war da nichts mehr.
* * *
Sie hatte diesen Song im Ohr. Eine engelsgleiche Stimme, die zu Gitarrenklängen sang. Ein Ohrwurm. Sie konnte sich noch gut an das Konzert der Band erinnern, die ihre eigene Interpretation von Mocheebas Enjoy the Ride zum Besten gab.
Colours and dreams, dachte sie und lächelte.
Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie zum Takt der Musik, die in ihren Gedanken so lebendig spielte, als würden Sängerin und Gitarrist direkt neben ihr stehen, mitgewippt.
With the moonlight to guide you
Feel the joy to be alive
The day that you stop running
Is the day that you arrive
And the night that you got locked in
Was the time to decide
Stop chasing shadows
Just enjoy the ride
Ariane Hellenberg konnte nicht wippen. Soweit es sie betraf, war sie gerade gestorben. Noch während sie darüber nachdachte, welchen Zeitraum das Wort gerade umfasste, sinnierte sie darüber nach, ob sich der Tod richtig anfühlte. Es war finster. Kalt. Sie hatte Schmerzen.
Du bist tot.
Stop chasing shadows.
Aber sie dachte. Sie atmete. Wenn das der Tod war, schien er nichts zu gleichen, wovon man unter den Lebenden berichtete. Keine Höllenhitze. Kein lichtes Paradies. Keine ewige Dunkelheit.
Ein Husten riss sie aus den Überlegungen. Es war ihr eigenes. Sie schmeckte Erbrochenes, gemischt mit Blut. Ariane wurde übel. Gedanklich schüttelte sie den Kopf.
Das war nicht der Tod.
Das war das beschissenste Leben, das sie sich vorstellen konnte.
Sie schlug die Lider auf und wünschte sich sofort, sie hätte es nicht getan. Der eiskalte Blick des Skippers starrte sie direkt an. Seine Zunge hing aus den Mundwinkeln. Die Pupillen waren trüb. Etwas seitwärts von ihm, direkt neben dem Wagen auf der Fährladefläche, lag Ella. Sie zuckte noch immer in Krämpfen. Ihr Körper bebte, bockte auf, schlug wieder auf den Boden. Der Kopf wand sich hin und her. Aus dem Mund spritzte unkontrolliert Speichel und die weißblonden Haare waren klatschnass.
Ariane hob leicht den Kopf. Ihre Wange löste sich aus einer Pfütze Erbrochenem. Angewidert strich sie sich über die Haut und das Haar und stellte fest, dass es völlig verklebt war. Sie würgte. Spätestens jetzt akzeptierte sie, dass sie noch lebte.
Sie und Ella. Als Einzige. Ariane blickte zum Ufer hinüber. Sundom war tot. Die gesamte Gemeinde war innerhalb weniger Sekunden gestorben. Aber was bedeutete es, dass sie überlebt hatte? War sie immun gegen das Virus? War es überhaupt ein Virus?
Vage erinnerte sie sich an die Wahrnehmung kurz vor ihrem Zusammenbruch. Aber sie konnte noch immer nicht einordnen, was sie überhaupt gespürt hatte. Ariane schloss die Augen und wollte begreifen, welches Gefühl sie vor ihrer Ohnmacht gehabt hatte.
Ein Funke. Es war ein Funke.
Aber den hatte sie nicht gesehen, sondern irgendwie wahrgenommen. Als würde er in ihr entstehen. In ihren Gedanken.
Ariane atmete tief durch und sog den Gestank der Kotze ein. Sie drückte sich vom Boden hoch, kam auf die Knie und rutschte auf allen vieren zu Ella hinüber. Sie nahm sie in die Arme, strich ihr über die Stirn und drückte sie an sich.
»Sch! Sch! Ruhig, alles wird gut.« Ariane merkte nicht einmal, wie hohl und unglaubwürdig ihre Worte klangen. Sie fand auch nicht die Kraft, sich an ihnen festzuklammern, um Hoffnung zu schöpfen. Alles, was sie sagen konnte, war, dass sie dankbar war, noch am Leben zu sein.
Tränen schossen ihr in die Augen. Sie schluchzte und weinte, bis selbst das zu anstrengend war. Apathisch starrte sie geradeaus, nichts um sie herum wahrnehmend und unentwegt durch Ellas Haar streichend.
»Alles wird gut. Alles wird gut.«
Ariane vermochte später nicht zu sagen, wie lange sie so dagesessen hatte. Ihr kam es wie Stunden vor, doch es hätten genauso gut Tage sein können. Irgendwann hörte Ella auf, zu zucken und sich zu winden. Ihr Körper zitterte noch. Die Lippen bebten und stießen immer wieder Zischlaute aus.
»Wir müssen fort«, sagte Ariane und löste sich von ihrer Freundin. Sie ging um den Wagen, öffnete die Beifahrertür, kehrte dann zu Ella zurück und packte die Schwedin unter den Schultern.
»Mein Gott, bist du schwer!« Sie schaffte es nur, den Oberkörper leicht anzuheben, und zog Ella schleifend über die Planken der Fähre. Mit einiger Mühe bugsierte sie sie auf den Beifahrersitz, schnallte sie an und drehte ihren Kopf so, dass er gegen die Fensterscheibe lehnte.
Ariane atmete tief durch. Sie suchte den Fahrstand der Fähre auf, fand einen Kanister mit Wasser und wusch sich notdürftig durch das Gesicht und die Haare. Den Gestank nach Erbrochenem wurde sie nicht los, aber zumindest konnte sie sich von den klebrigen Resten befreien. Sie zog Jacke und Pullover aus, warf beides achtlos fort und kehrte zum Volvo zurück. In ihrem Koffer fand sie einen zweiten Rolli und eine Strickjacke.
Sie setzte sich hinter das Steuer und dankte dem toten Skipper dafür, dass er bereits die Rampe heruntergelassen hatte. So startete sie den Motor und fuhr von Bord durch die leblosen Straßen Sundoms. Wo sie nur hinblickte, ob auf dem Asphalt, den Gehwegen, auf Rasen, Schaufenstern, an einer Tankstelle oder im Eingang eines Hofes – überall lagen Leichen. Die Menschen waren einfach zusammengeklappt und gestorben. Wie der Skipper. Und offenbar ging allen etwas voraus: eine Wahrnehmung und die verwirrte Frage, was das gewesen war.
Warum bin ich nicht gestorben?
Während Ariane den Wagen auf den Zubringer zur Autobahn lenkte, wandte sie den Kopf zur Seite und sah Ella an.
Warum Ella nicht?
Ihre schwedische Freundin schlief. Endlich hatte sie sich beruhigt und aufgehört zu zittern. Ihre Haut war schweißnass, das Haar verklebt. Das Blond hatte einen silberfarbenen Schimmer angenommen. Ellas Haar sah aus, als hätte sie es frisch gefärbt. Und sie redete im Schlaf. Doch beim besten Willen hörte Ariane nicht ein einziges schwedisches Wort heraus. Sie wusste nicht, in welcher Sprache Ella träumte.
Kapitel 7
»Sir, ich muss Sie bitten, sofort das Telefon auszuschalten.«
Liam O’Connell ignorierte die Flugbegleiterin. Er hatte sie vorhin beim Servieren der Getränke kurz angeschaut. Hochtoupiertes, angegrautes Haar. Das Gesicht von so viel tiefen Falten durchzogen, dass auch die Spachtelmasse Make-up kein Aufhübschen mehr hinbekam. Ihre Stimme klang viel zu hoch und tat ihm in den Ohren weh. Das Oxford-Englisch klang viel zu gestelzt und unnatürlich. Man merkte, dass sie Sprachkurse belegt hatte, sich aber nicht in Umgangssprache zurechtfand.
»Sie bekommen sowieso kein Netz«, fuhr die Dame der schwedischen Fluggesellschaft fort. »Hier oben in der Luft erreichen Sie keinen Sendemasten.«
Ah, eine ganz Schlaue, dachte O’Connell und tippte unbeirrbar weiter auf seinem Blackberry Touchscreen. Selbstverständlich bekam er ein Netz. Dafür sorgte das Iridium Satellitentelefon, das er aktiviert hatte und mit dem er eine kabellose Internetverbindung für das Blackberry Smartphone aufbaute, um sich mit den neuesten Nachrichten zu versorgen.
»Sir, bitte. Ich muss darauf insistieren.«
Oh bitte! O’Connell stand auf, drückte sich an der Frau vorbei und eilte den Gang entlang zu den Toiletten.
»Nun machen Sie schon das Telefon aus!«, rief jemand aus den Reihen. »Oder wollen Sie, dass wir abstürzen?«
»Das ist Schwachsinn!«, meldete sich ein anderer. »Es ist nicht bewiesen, dass je ein Mobiltelefon für einen Flugzeugabsturz verantwortlich gewesen ist. Es nutzt Funkwellen auf Frequenzen, die die Elektronik eines Flugzeugs nicht …«
Den Rest bekam O’Connell nicht mit. Er zog die Toilettentür hinter sich zu, lehnte gegen das Waschbecken und scrollte durch seine E-Mails. Die von Aidan Smythe weckte sein Interesse. Er berührte die Nachricht und öffnete sie. Es war eine Weiterleitung einer Depesche, die der MI6 durchgegeben hat.
Notstand für Nordschweden
Der Großraum Luleå ist unter Quarantäne gestellt worden. Inoffizielle Meldungen berichten von einem Angriff auf Luleå selbst. Es wird mit massiven Todesopfern gerechnet. Der Upload eines YouTube-Videos wurde unterbrochen. Unsere Experten versuchen die Teile des Videos, die übertragen wurden, zu extrahieren und zusammenzusetzen.
O’Connell verließ das Menü und rief eine Trackingapplikation auf. Er gab Ariane Hellenbergs Nummer ein und sah kurz darauf, wo sie sich in Schweden befand. Sundom. Allerdings bewegte sie sich nach Nordosten, statt wie vereinbart auf ihn zu warten. Er rief sie an. Nach einem Freizeichen bekam er ein Besetztzeichen und kurz darauf die Mitteilung, dass der Teilnehmer nicht erreichbar sei.
Verdammt!
Er musste mit dem Kapitän sprechen. Wenn Luleå unter Quarantäne stand, würde man das Flugzeug nicht landen lassen und wohl doch eher nach Tornio umleiten. Doch was sollte er in Tornio? Das lag über hundert Kilometer von Luleå entfernt.
Sein Telefon fiepte. Er sah aufs Display. Eine unbekannte Nummer mit schwedischer Mobilvorwahl.
»Hallo?«
»Liam, ich bin es, Ariane.« Sie klang gehetzt. Und näselte. Entweder war sie verschnupft oder hatte sich die Augen aus dem Kopf geweint. Er tippte auf Letzteres. Irgendetwas war seit ihrem letzten Telefonat geschehen.
»Was ist das für eine Nummer?«
»Die von Ella. Mein Akku ist leer. Ich … ich bin nicht mehr in Sundom. Es … ist etwas Schreckliches passiert. Alle sind tot, Liam, alle.«
»Beruhige dich.«
Es klopfte an der Toilettentür. Die Stimme der Flugbegleiterin war zu hören, die ihn wieder aufforderte, das Handy auszuschalten.
»Ich hab es mitangesehen. Liam, was immer es ist, es ist kein Virus. So etwas habe ich noch nie gesehen. Die Menschen sind einfach umgekippt. Reihenweise. Auch die Tiere. Es ist … es war schrecklich.« Sie schluchzte, schnäuzte und dann weinte sie.
O’Connell presste die Lippen zusammen. »Ari, wir sind im Landeanflug auf Luleå. Ich werde mir sofort einen Mietwagen nehmen und zu euch …«
»Nein!« Ariane fing sich wieder. »Du darfst nicht in Luleå landen. Ich weiß nicht, warum ich überlebt habe, aber alle Einwohner von Sundom und auch der Fährkapitän sind tot. Ich habe es gespürt, Liam. Es war bei mir, in mir. Eine Art … Funke, der von mir Besitz ergreifen wollte. Dann wurde ich ohnmächtig. Ich glaube, dass alle Menschen dies kurz vor ihrem Tod spüren. Sie fragen sich, was sie wahrgenommen haben. Achte auf ein Stichwort. Auf eine erstaunte Frage, irgendetwas in Richtung ›Was war das?‹ oder so. Das ist ein sicheres Zeichen, dass es sie gleich erwischt.«
»Ari.« Er unterbrach ihren Redefluss. »Was ist mit deiner Freundin? Mit Ella?«
Ein Schlucken klang aus dem Lautsprecher des Telefons.
»Ich weiß es nicht.«
»Was heißt das?«
»Es … hat sie auch erwischt. Wie mich. Sie schläft, aber … es ist bei ihr anders als bei mir. Sie scheint sich zu verändern.«
»Verän…?«
Es donnerte gegen die Tür.
»Hier ist der Kapitän! Sir, ich muss Sie auffordern, sofort aus der Toilette zu kommen und mir Ihr Telefon auszuhändigen.«
»Ari, ich muss auflegen, hier gibt es Probleme. Lass dieses Telefon eingeschaltet. Das ist wichtig. Darüber kann ich dich finden.«
»Du arbeitest nicht für die Polizei, oder?«
»Später. Fahrt weiter in Richtung finnische Grenze. Ich werde euch dort irgendwo aufgabeln.«
Er unterbrach die Verbindung, schob das Telefon in sein Sakko, richtete die Krawatte und öffnete die Toilettentür.
»Gibt’s irgendein Problem?«
Im Gang standen die Flugbegleiterin und der Pilot. Der Mann sah ungehalten aus. Er streckte fordernd eine Hand O’Connell entgegen.
»Ihr Telefon.«
O’Connell hob abwehrend die Hände. »Ich bitte Sie, ich habe doch gar kein …«
Irgendetwas zog die Aufmerksamkeit des Kapitäns auf sich. Sein Kopf ruckte plötzlich herum. Das Gesicht wurde bleich. Er sprang los und rannte durch den Gang nach vorne. Trotz des dick aufgetragenen Make-ups der Flugbegleiterin wurde auch ihre Haut merklich blasser. Ihr entsetzter Blick ließ ahnen, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste, doch sie blieb wie festgewachsen neben der Toilettentür stehen. O’Connell zwängte sich an ihr vorbei und sah das Unheil. Vorn in der Passagierkabine der ersten Klasse sackten die Menschen reihenweise in sich zusammen. Auf dem Boden lagen zwei der anderen Flugbegleiterinnen und rührten sich nicht mehr. Der Kapitän hatte die erste Frau noch nicht ganz erreicht, als er unvermittelt stehen blieb und irritiert den Kopf hob.
»Was zum …?«
O’Connells Augen weiteten sich alarmiert. Das Stichwort, das Ariane ihm genannt hatte, wenn auch abgewandelt. Nur eine Sekunde darauf stürzte der Pilot zwischen den Sitzen zu Boden und begrub den Körper der Flugbegleiterin unter sich.
Ein schriller Schrei schmerzte in O’Connells Ohren. Die Flugbegleiterin hinter ihm brüllte hysterisch und machte die anderen Fluggäste, vornehmlich die in der Economy Class, erst recht auf den Vorfall aufmerksam. O’Connell versetzte der Frau einen Schlag mit der flachen Hand ins Gesicht. Er unterschätzte seine Kraft. Ihr Kopf flog herum und stieß gegen die Wand der Toilettenkabine. Die Frau verdrehte die Augen. Ihre Lider flatterten, dann kippte sie kopfüber in den engen Raum und schlug nochmals mit dem Kopf auf der Kante des WCs auf.
Scheiße!
O’Connell nahm eine Silhouette im Übergang zur Economy Class wahr und sah hoch.
»Scheiße!« Diesmal sprach er es laut aus.
»Ich wusste nicht, dass du dich mit Frauen prügelst«, sagte Noah Zabot in einem Tonfall, als hätte er gerade eine interessante Neuigkeit erfahren und keinen krampfhaften Scherz gemacht.
»Noah, was zum Henker? Wie kommst du hierher?«
Zabots Blick fixierte eine Stelle hinter O’Connell. Seine Augen weiteten sich. Er sprang plötzlich vor, packte den Agenten am Arm und zog ihn mit sich in Richtung Economy Class.
»Los, beeil dich, wir haben nicht viel Zeit.«
O’Connell stemmte sich gegen den Kollegen und streifte seine Hand ab. Er blickte über die Schulter zurück und sah, dass die Passagiere noch immer zusammenklappten. Sie fielen der Reihe nach, als wenn eine Welle aus Richtung Cockpit durch das Flugzeug rollte und jeden, den sie berührte, mit sich riss. Aber eine Welle aus was?
»Sieh nicht hin!«, rief Zabot. »Komm schon, Liam!«
Wieder spürte er die Hand des Kollegen an seinem Ärmel. Er ließ sich mitziehen. Zumindest zwei Meter weit. Dann befreite er sich wieder vom Griff des anderen, packte ihn an den Schultern und starrte ihm direkt in die Augen.
»Was – ist – hier – los?«
Zabots Blick wirkte kalt, ohne Emotion. Jede Regung darin hätte O’Connells Widerstand vermutlich verstärkt, doch als Zabot sprach, wusste O’Connell, dass er jetzt die Entscheidung treffen musste, ob er leben oder sterben wollte. Es würde kein Später geben, um Fragen zu beantworten.
»Ich bin hier, um dich zu retten, Liam. Komm!«
Zabot drehte sich um und rannte den Gang entlang durch die Economy Class. Er schob Passagiere, die von ihren Sitzen aufgestanden waren, achtlos beiseite, drückte sie in die Sessel zurück oder schubste sie vor sich her.
O’Connell folgte ihm. Er spürte etwas Eisiges, Lauerndes in seinem Nacken. Etwas, das ihn wollte. Das um jeden Preis zu verhindern beabsichtigte, dass er ihm entkam. Neben ihm sackte eine Frau in sich zusammen, als wäre sie plötzlich eingeschlafen, doch ihre Muskeln erschlafften völlig, die Lider blieben offen, die Augen starrten zur Decke.
Tot.
O’Connell sprang über einen Mann hinweg, den Zabot niedergeschlagen hatte.
»Sie Mistkerl!«, rief der Passagier ihm hinterher. »Moment, was war das denn?«
Mein Gott, die Welle! Sie holt uns ein.
»Beeil dich, Liam, sie sind bereits hier!«, schrie Zabot.
»Wer?« O’Connell schämte sich dafür, als er einen Mann mit einem Fausthieb niederstreckte und ihn wieder in seinen Sessel zurückschickte. »Wer ist hier?«
»Renn!«
Gesprächsfetzen hallten durch seinen Verstand. Worte von Ariane. Ein ganzes Dorf. Ausgelöscht. Die Menschen fielen einfach um. Wie die Fliegen. Wie Marionetten, deren Fäden mit einem Mal gekappt wurden.
Sie befanden sich in einem Flugzeug. Was glaubte Zabot, wie er sie retten konnte?
Der andere MI6-Agent verschwand hinter dem Vorhang des nächsten Kabinenteilers. O’Connell setzte ihm nach. In der Passagierkabine schwoll Gebrüll und Gekreische an, als die Menschen endlich begriffen, dass etwas Unheimliches diese Maschine heimsuchte und es keinen Ort gab, an den sie fliehen konnten.
Atemlos erreichte O’Connell die hintere Toilette.
»Rein da!«, sagte Zabot.
»Was?«
»Rein da, wenn du leben willst.« Er drückte ihn in die Kabine und zwängte sich hinterher. Mit einem Klicken drückte er die Falttür ins Schloss.
Es war eng. Zu eng für zwei Personen.
»Noah, ich schwör dir, ich …«
»Halt die Klappe! Nenn mir einen Ort. Wohin?«
»Was?« O’Connell wollte sich umdrehen, doch der andere drückte ihn gegen die Wand.
Plötzlich spürte er Zabots Atem an seinen Ohr. Dann war seine Stimme ganz nah bei ihm.
»Einen Ort, Liam. Wohin?«
O’Connell presste die Lippen fest aufeinander. Er unterdrückte den Wunsch, dem Kollegen den Ellbogen ins Gesicht zu stoßen, griff stattdessen mit der Hand in seine Jackentasche und förderte das Smartphone zutage, das noch immer eine drahtlose LAN-Verbindung zum Satellitentelefon aufrechterhielt. Mit einem Brummen berührte er den Bildschirm und hielt Zabot das Telefon unter die Nase.
»Dorthin.«
Der andere sog scharf die Luft ein. »Selbst wenn es da unten im Moment sicher ist, wird es das nicht für l…«
»Ich denke, du hast gesagt, wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Zabot nickte. »Du hast recht. Halt dich an mir fest. Es wird jetzt etwas … ah, du wirst schon sehen.«
O’Connell sah, wie Zabot an seine Gürtelschnalle griff. »Noah, ich schwöre dir, ich …« Noch ehe er den Satz vollenden konnte, begann der Höllenritt.
Ein Ruck ging durch seinen Körper. O’Connell hatte das Gefühl, als würde sein Leib in alle möglichen Richtungen gleichzeitig gerissen. Sein Kopf flog nach oben, die Arme und Beine seitwärts fort. Der Torso drehte sich in einer irren Spiralbewegung in die Tiefe. Sein Gehirn.
Ja, wo war eigentlich sein Gehirn?
Wenn er hätte kotzen können, hätte er es getan. Aber er wusste nicht, wie er das ohne Magen tun sollte. Gefühlsmäßig war ihm dieser in die Kehle geschossen, doch er fühlte ihn irgendwo bei den Zehen.
Grelles Licht blendete ihn.
Er schrie und kniff die Augen zusammen.
Eine Feuerwoge fegte über ihn hinweg. O’Connell glaubte, seine Haut würde auf den Knochen zerschmelzen und anschließend wieder erkalten und mit ihnen verwachsen.
Er brauchte eine Weile, bis er begriff, dass das Tosen in seinen Ohren, sein eigener Schrei war.
Eine Weile, bis er erkannte, dass aus der sengenden Hitze eine bittere Kälte geworden war, die seinen Körper zittern ließ.
Eine Weile, ehe er begriff, dass er sich nicht mehr an Bord des Flugzeugs befand und der unheimlichen Welle entkommen war.
Liam O’Connell schlug die Augen auf. Ehe sich das Bild scharf stellte, würgte er und übergab sich. Er fühlte, wie es zwischen seinen Beinen feucht wurde, doch in diesem Moment war es ihm völlig egal, ob er sich wie ein kleines Kind benahm und in die Hosen pinkelte.
Er lebte. Das zählte.
»Wo zur Hölle bin ich?« Seine Stimme hörte sich fürchterlich an. Rau. Kratzend. Beinahe ohne Klang. Er sah sich um. Ein Straßenrand. Hinter ihm die Küste der Ostsee. Auf der anderen Seite der Fahrbahn eine Grasebene. O’Connell hörte das Brummen eines Motors und wandte den Kopf nach links. Ein Volvo fuhr die einsame Straße entlang. Instinktiv wusste er, dass Ariane darin saß. Sein Blick wanderte zu Zabot. Der Kerl stand selbstgefällig da, die Arme vor der Brust verschränkt. Doch statt zu grinsen, wie O’Connell es erwartet hätte, blickte er besorgt drein.
»Wenn du auch nur ansatzweise wüsstest, wie sehr du recht behältst.«
O’Connell hustete und spuckte Speisereste aus. »Was faselst du da? Wie kamst du so plötzlich in das Flugzeug? Und wie zum Teufel hast du uns hergebracht?«
Noah Zabot ging neben ihm in die Hocke. Er deutete mit einem Arm über die Ebene. »Sie haben uns gefunden. Ich weiß nicht, wie. Eigentlich hielt ich die Erde für ziemlich sicher. Aber ziemlich ist auch nur so ein Wort eurer Sprache, auf das kein Verlass ist. Sie kommen, Liam. Das ist ihre Vorhut. Bald werden sie in Scharen hier einfallen. Und das, mein Lieber, ist dann wirklich die Hölle und der letzte Ort im Universum, an dem man sein will.«
O’Connell richtete sich auf. »Du bist ja völlig irre.«
»Ich wünschte, es wäre so.« Zabot senkte den Blick und holte tief Luft. Seine Hand näherte sich erneut der Gürtelschnalle.
O’Connell sah zu dem sich nähernden Wagen, dann zu Zabot. Doch der war plötzlich fort, als wäre er nie hier gewesen.
Teil 2 Ausnahmezustand
Kapitel 8
Der Ausdruck stockfinster traf Albin Nielsens Situation nicht einmal annähernd, denn in dem sogenannten Stockhaus, dem alten Wort für Gefängnis, war es niemals so dunkel, dass man rein gar nichts sehen konnte. Sosehr sich Nielsen jedoch anstrengte, es war nicht das kleinste Lichtteilchen da, das eine Reaktion auf seiner Netzhaut hervorrufen konnte, ganz gleich wie weit seine Pupillen geöffnet waren. Selbst wenn er einen Restlichtverstärker gehabt hätte, wäre dieser nicht in der Lage gewesen, überhaupt ein Bild zu erzeugen.
Es gab kein Restlicht.
Das Quarantänezelt war absolut dicht und ließ nichts herein und nichts hinaus. Und dennoch war es den anderen Wissenschaftlern zum Verhängnis geworden. Nielsen glaubte nicht, dass noch jemand von ihnen lebte. Etwas hatte sie erwischt und er war der festen Überzeugung, dass nur seine Tat, sämtlichen Strom abzuschalten, ihn, Hanna und Dr. Eggström gerettet hatte.
Seither saßen sie in der undurchdringlichen Dunkelheit und warteten. Die erste halbe Stunde hatte Nielsen geschätzt. Danach hatte er an seiner Armbanduhr einen Timer eingeschaltet, der zu jeder vollen Stunde ein Piepsen von sich gab. Aus einem unbestimmten Grund hatte er es vermieden, die Beleuchtung der Uhr einzuschalten. Solange er nicht wusste, was die anderen getötet hatte, musste er von allem Möglichen ausgehen. Er glaubte, dass es irgendeine Art von Signal war. Aus dem Funkverkehr zu seinen gefallenen Männern und den Worten der toten Wissenschaftler schloss er, dass sie kurz vor ihrem Tod etwas bemerkt hatten. Leider konnte er niemanden mehr fragen, was es war. Ein Geräusch? Ein Gefühl? Einen Geruch oder etwas Sichtbares?
Als die Uhr das neunte Mal piepste, hörte Nielsen es nicht mehr. Irgendwann bemerkte er, dass Hannas Körper in seinen Armen zusammensank und ihr Atem regelmäßiger wurde. Sie schlief ein. Das musste kurz nach Mitternacht gewesen sein. Von Eggström hörte Nielsen gar keinen Laut. Er wagte aber auch nicht, den anderen Mann zu rufen. Zuletzt hatte er ihn vor den Überwachungsmonitoren gesehen. Möglicherweise war er ebenfalls tot.
Nielsen hielt zwei Stunden länger durch als Hanna und schlief dann gleichfalls ein. Er wurde von einem weiteren Piepsen geweckt, wusste aber nicht, das wievielte es gewesen sein mochte. Sein Schlaf war unruhig gewesen. Er glaubte, geträumt zu haben, konnte sich jedoch nicht mehr erinnern, was.
Neben ihm, in seinen Armen, seufzte Hanna und kuschelte sich an ihn. Vielleicht sollte er den Moment, der ihm noch blieb, einfach genießen. Das letzte Mal, dass er eine bildhübsche Frau in den Armen gehalten hatte, war schon ein Weilchen her. Und sie war eine Prostituierte gewesen.
»Wie spät mag es sein?« Das war Eggströms Stimme. Der Doktor lebte.
»Wo sind Sie?«, fragte Nielsen leise.
»Unter dem Board der Überwachungsmonitore. Warum haben Sie den Strom abgeschaltet?«
»Das wissen Sie doch«, sagte Nielsen. »Sie haben doch gehört, was mit den anderen passiert ist. Irgendetwas ist in ihre Zelte gedrungen. Und da wir noch leben, muss dies auf einem elektronischen Weg geschehen sein.«
Hanna rührte sich. »Hab ich geschlafen?«
»Schätze schon.«
Sie drückte sich von ihm weg und streifte seinen Arm von ihrer Schulter. »Danke. Was tun wir jetzt?«
Nielsen zuckte die Achseln. Dann erinnerte er sich daran, dass ihn niemand sehen konnte.
»Ich werde da rausgehen.«
»Sind Sie wahnsinnig?«, rief Eggström.
»Möglich. Aber wir können nicht ewig hier sitzen bleiben. Wenn mich mein Zeitempfinden nicht täuscht, bin ich vielleicht um drei Uhr nachts weggedöst. Es könnte jetzt acht oder neun am Morgen sein. Wenn wir einfach nur abwarten, sterben wir irgendwann an Sauerstoffmangel oder verdursten. Sie bleiben hier, ich gehe raus.«
»Das ist viel zu riskant.«
Nielsen spürte Hannas Hand auf seinem Arm.
»Ich weiß. Aber uns bleibt keine andere Wahl. Wenn es sicher ist, nehme ich Funkkontakt auf. Wir haben noch die Walkie-Talkies, die haben eine Reichweite von zehn Kilometern. Geben Sie mir eine halbe Stunde, danach schalten Sie eines der Geräte ein, auf Kanal zwei. Aber senden Sie nicht, warten Sie, bis ich Sie anfunke.«
Er hörte ein Schlucken. »In Ordnung.«
Albin Nielsen tastete sich an Hannas Arm entlang, fand ihre Schulter und klopfte ihr aufmunternd darauf. Anschließend erhob er sich und tastete sich im Dunkeln die Zeltbahn entlang, bis er die Schleuse fand.
»Soll ich Ihnen beim Anlegen der restlichen Rüstungsteile helfen?«, fragte Hanna.
»Die hat Larsen und den anderen auch nicht geholfen. Ich gehe so, wie ich bin.« Trotz dieser Worte griff Nielsen nach dem Lokipuls, schulterte den Karabiner und öffnete die Schleusentür.
»Viel Glück!«, rief Hanna ihm hinterher.
Er presste die Lippen zusammen und nickte nur, auch wenn niemand es sehen konnte.
* * *
Draußen war es mittlerweile hell. Nielsen lag mit seiner Vermutung richtig, dass es früher Vormittag sein musste. Nachdem er durch die Schleuse auf den Vorplatz der Quarantänezelte getreten war, riskierte er auch endlich einen Blick auf die Uhr. Die digitale Anzeige verriet ihm, dass es kurz nach acht war. Er blieb vor dem Zelt stehen und atmete tief durch. Nielsen zählte bis zehn, stieß die Luft aus und atmete erneut ein. Langsam. Durch den Bauch.
Er genoss jeden Atemzug und wartete dabei auf den Tod.
Der allerdings nicht kam.
Als er glaubte, so sicher zu sein wie an den Ufern des Buddbyträsket, entspannte er sich ein wenig. Er sah sich um. Zu seiner Überraschung flog am Himmel ein Vogelpärchen vorbei und irgendwo hörte er eine Fliege summen. Vor den Zelten und auf dem Platz waren nirgends Leichen zu sehen. Das bedeutete, dass das Virus oder die Angreifer, je nachdem, wie er es sehen wollte, nicht bis hierher gekommen waren. Trotzdem hatte es die Wissenschaftler in den anderen Zelten erwischt.
Nielsen rieb sich übers Kinn. Seine Bartstoppeln kratzten unter den Fingerkuppen. Alle wissenschaftlichen Mitglieder seines Teams waren in den Zelten mit der Obduktion beschäftigt gewesen. Seine Männer hatte er nach Boden geschickt. Hier draußen war niemand mehr gewesen, als Boden angegriffen wurde.
Er sah zu einem der anderen Zelte und überlegte, ob er eintreten sollte, um sich zu vergewissern, dass die Männer und Frauen darin tatsächlich tot waren. Er verwarf den Gedanken. Die Schreie waren eindeutig gewesen. Aber er brauchte Gewissheit. So schaltete er sein Funkgerät noch vor der vereinbarten Zeit ein.
»Hier ist Major Nielsen. Kann mich jemand hören?«
Es knackte. Kurz darauf war Eggströms Stimme zu hören.
»Hier. Ich dachte, Sie wollten sich später melden.«
Nielsen rümpfte die Nase und schluckte die scharfe Erwiderung, die ihm auf der Zunge lag, herunter. »Es ist draußen sicher, Doktor. Zumindest in unserem Umfeld. Keine Leichen, weder menschliche noch tierische. Das Virus – ich bleibe vorerst dabei, bis wir wissen, womit wir es zu tun haben – hat sich offenbar auf elektronischem Weg fortgepflanzt und Ihre Kollegen in den anderen Zelten getötet. Erinnern Sie sich an die Fragen der Soldaten?«
»Sie meinen das ›Was war das?‹?« Hanna Agren mischte sich in das Gespräch ein.
»Ganz genau. Ich nehme an, dass sie vor ihrem Tod irgendetwas wahrgenommen haben. Ein akustisches oder optisches Signal oder einen Reflex. Was immer es war, es muss das Trägersignal gewesen sein, das die Mitochondrien in ihren Körpern vernichtet hat.«
Eggström keuchte ins Funkgerät. »Das … das ist … das wäre unglaublich.«
»Wir kommen raus«, sagte Hanna.
»Nein!« Nielsen überraschte sich selbst, wie scharf das Wort in seinen Ohren klang. Er nahm einen Atemzug, ehe er weiterredete. »Ich halte das für keine gute Idee. Das, was Boden angegriffen hat, kann immer noch auf dem Weg hierher sein. Wir haben keine Garantie, dass es wirklich fort ist. Ich gehe jetzt in die Stadt und sehe mich dort ein wenig um. Bis dahin halten wir Funkstille. Ich melde mich in dreißig Minuten wieder. Nielsen, over and out.«
Er schaltete das Funkgerät ab, ehe einer der beiden anderen antworten konnte. Ein paar Augenblicke wartete er noch und verfolgte die Flugbahn einer Gruppe Möwen, die von Süden kam. Wenn sie ihren Kurs nicht änderte, flog sie genau auf Boden zu. Nielsen beschloss, sie im Auge zu behalten. Sollte sich der Angreifer noch in der Stadt aufhalten, würde es die Möwen zuerst erwischen.
Schweigend und mit einem Gefühl, das ihn nur selten beschlich, setzte er sich in Bewegung.
Das Gefühl war nackte Angst.
* * *
Boden war tot. So tot, wie eine Stadt nur sein konnte. Wo Albin Nielsen auch hinsah, entdeckte er Leichen. Tote Menschen auf den Straßen, den Gehwegen, in den Parkanlagen. Tote in Fahrzeugen. Hinter den Fenstern ihrer Wohnungen, auf den Balkons. Die meisten sahen aus, als wären sie einfach umgefallen, was sie angesichts der bisherigen Beobachtungen wohl auch waren. Einige andere waren durch ihren Tod in Unfälle verwickelt worden: waren mit ihren Autos in andere gekracht, hatten Fußgänger und Radfahrer gerammt, Hauswände und Schaufensterscheiben durchbrochen. Ein Bus lag quer auf der Straße. Im Gegensatz zu den vielen anderen Opfern waren die Reisenden in keinem guten Zustand mehr, ihre Körper mit Blut überströmt, durchzogen von heftigen Schnittwunden, die sie sich beim Umkippen zugezogen hatten, und durch Glassplitter, die beim Aufprall wie tödliche Schrapnelle durch die Gegend geflogen waren.
Aus einigen Häuser qualmte es. Angebranntes Essen, in Brand geratenes Bratfett, vergessene Zigaretten oder Kerzen, die zündelten.
Nielsen kam an einer Tankstelle vorbei. Zwei Wagen standen an den Zapfsäulen. Zum Glück hatten die Ventilstopps an den Hähnen funktioniert und keinen Treibstofftank zum Überlaufen gebracht. Die Besitzer der Fahrzeuge lagen tot daneben. Genau wie der Tankstellenpächter hinter den Fenstern des Verkaufsraumes.
Das in Boden stationierte Ausbildungsregiment hatte es ebenso ohne Vorwarnung überrannt und ausgelöscht wie den Rest der Bevölkerung. Nielsen bezweifelte, dass es sinnvoll gewesen wäre, den Kommandanten vorab über eine mögliche Bedrohung in Kenntnis zu setzen. Wenn sie vorher gewusst hätten, was geschehen könnte, hätte die ganze Umgebung evakuiert werden müssen.
Niemand hatte jedoch das Ausmaß dieses Angriffs erahnen können. Nielsen schluckte hart und kämpfte mit den Tränen, während er durch die verlassenen Straßen ging. Wäre er durch die Obduktion der Leichen vom Buddbyträsket nicht schlauer gewesen, hätte er vermutet, dass irgendeine Supermacht oder eine Terrororganisation eine Neutronenbombe innerhalb des Stadtzentrums gezündet hätte. Keine Zerstörung, nur Tod.
Ein Virus schloss er mittlerweile ganz aus. Das hätte auch ihn infizieren müssen, doch was immer Boden heimgesucht hatte, war nach dem Morden an der Bevölkerung verschwunden.
Vielleicht nicht ganz.
Als Nielsen die nächste Kreuzung erreichte, starrte er schräg gegenüber direkt in die an den Medborgarplatsen angrenzende Fußgängerzone und sah sie.
Sie stand dort auf dem Kopfsteinpflaster zwischen all den Toten. Ihr silbernes, langes Haar wehte im aufkeimenden Wind. Von Weitem konnte Nielsen nur erkennen, dass sie einen Mantel trug und die Hände in die Seitentaschen vergraben hatte.
»Hey!«, rief er ihr zu.
Ihr Kopf ruckte in seine Richtung. Nielsen überquerte die Straße. Im Näherkommen sah er, dass er sich nicht geirrt hatte, ihr Haar war tatsächlich silbern und nicht etwa grau. Es schimmerte metallisch in der Morgensonne.
Als sie ihn sah, drehte sich die Fremde fort und ging in Richtung Fußgängerzone.
»Halt, warten Sie!« Das gibt’s doch nicht, die einzige Überlebende geht mir durch die Lappen.
Doch sie rannte nicht. Sie machte zwei Schritte vorwärts und blickte genau in dem Moment über ihre Schulter zurück, in dem Albin Nielsen einer inneren Eingebung nachgab und sein Mobiltelefon hob, um ein Foto der unbekannten Frau zu schießen.
Er drückte den Auslöser.
Nur den Bruchteil einer Sekunde darauf musste er geblendet die Augen schließen, denn genau dort, wo die Frau stand, explodierte eine Lichtkaskade in Tausenden von Funken, die wie ein Insektenschwarm in alle Himmelsrichtungen davonstoben.
Nielsen blinzelte. Flecken tanzten vor seinen Augen. Er brauchte einen Moment, bis er wieder einigermaßen sehen konnte.
Die Fremde war fort. Sie hatte sich gewissermaßen in Luft aufgelöst.
Nielsen blickte auf das Handy und wählte die Galerieansicht, um das Foto aufzurufen. Es war etwas überbelichtet, offenbar zündete die Lichtflut gerade. Die Frau war zu sehen, allerdings war ihr Bild körnig, unscharf und viel zu weit entfernt, als dass man Details hätte erkennen können. Aber das Foto war zumindest ein Beweis, dass er sich die Sichtung nicht eingebildet hatte. Er revidierte allerdings seine Vermutung, dass die Frau eine Überlebende war. So hatte sie sich ganz und gar nicht verhalten, sondern eher wie …
Nielsens Gedanken stockten. »Wie jemand, der nach einem Angriff sein Werk begutachtet.« Ihm wurde schwindelig bei der Eingebung. Er hatte soeben den Feind gesehen.
Und ihn laufen lassen.
* * *
Er zuckte zusammen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Rasch griff er in die Luft, wirbelte herum und hätte Hanna Agren beinahe direkt ins Gesicht geschlagen.
»Was zum …? Wie kommen Sie denn hierher?«
»Sind Sie noch bei Trost?« Dr. Eggström war bei ihr und starrte Nielsen entsetzt an. »Nehmen Sie gefälligst die Hand herunter.«
Nielsen gehorchte und ließ Hannas Arm los. »Entschuldigung. Ich habe Sie für jemand anderen gehalten.«
»Wer sollte denn noch hier sein?«, fragte die Wissenschaftlerin.
Als Antwort hob Nielsen sein Telefon, aktivierte das Display und hielt es Hanna unter die Augen. Mit fasziniertem Blick studierte sie seinen Schnappschuss.
»Wer ist das?«, fragte Eggström, der Hanna über die Schulter blickte.
Nielsen zuckte die Achseln. »Sie stand dort drüben. Dann verschwand sie in einer Lichtexplosion. So wie sie sich bewegte, vermute ich, dass Sie für den Angriff verantwortlich ist. Sie tat gerade so, als begutachte sie ihr Werk.« Er sah Hanna an. »Warum sind Sie nicht im Zelt?«
Die Ärztin legte den Kopf schief. »Sie sind seit über zwei Stunden hier draußen und haben sich nicht mehr gemeldet. Über Funk konnte ich Sie nicht erreichen. Wir haben uns Sorgen gemacht und sind ebenfalls hergekommen.«
»Beim nächsten Mal …« Nielsen machte eine Pause und hob den Finger. Er zeigte direkt auf Hanna, dann zu Eggström, »… hören Sie auf das, was ich sage. Hier ist es nicht sicher. Wenn diese Fremde tatsächlich den Angriff zu verantworten hat, kann sie jederzeit auch uns treffen. Ich hab nicht den blassesten Schimmer, warum wir überhaupt noch leben. Alle anderen sind tot.«
Ein Schreien strafte seine Worte Lügen. Nielsens Kopf ruckte hoch. Hanna zuckte zusammen. Eggström runzelte die Stirn.
Das war ein Kinderschreien.
Babygeschrei!
»Das kommt von dort drüben!« Dr. Eggström deutete auf ein Gebäude, das auf dieser Straßenseite schräg hinter dem Eingang zur Einkaufszone lag.
Pulsuz fraqment bitdi.