Kitabı oxu: «Das Rütli - ein Denkmal für eine Nation?»
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In der Reihe «Geschichtsdidaktik heute» werden Arbeiten veröffentlicht, die sich mit innovativen Ansätzen und methodischer Klarheit der empirischen Erforschung theoretischer Konzepte sowie der Rückbindung empirischer Befunde an die Theoriebildung im Feld der Geschichtsdidaktik widmen.
Herausgeberschaft der Reihe «Geschichtsdidaktik heute»
im hep verlag
Prof. em. Dr. Béatrice Ziegler
Politische Bildung und Geschichtsdidaktik, Pädagogische Hochschule
FHNW am ZDA Aarau
Prof. Dr. Marko Demantowsky
Professor für Neuere/Neuste Geschichte und Didaktik,
Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, Windisch
Prof. Dr. Markus Furrer
Professor für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der
Pädagogischen Hochschule Luzern PHLU, Luzern
Stephan Hediger
Bereichsleiter Geografie, Geschichte, Religion und Kultur,
Pädagogische Hochschule Zürich PHZH, Zürich
Dr. Nadine Ritzer
Dozentin am Institut Sekundarstufe I, Pädagogische Hochschule
Bern (PHBern), Bern

Reihe «Geschichtsdidaktik heute», Band 9
Die vorliegende Arbeit wurde vom Institut für Bildungswissenschaften der Universität Basel im Frühjahrssemester 2017 auf Antrag von Prof. Dr. Béatrice Ziegler, Prof. Dr. Walter Leimgruber und Prof. Dr. Markus Furrer als Dissertation angenommen.
Martin Schaub
Das Rütli – ein Denkmal für eine Nation?
Zur Dynamik des kollektiven und individuellen Umgangs mit dem Rütli als Denkmal, Mythos und Ritual seit der Bundesstaatsgründung
ISBN Print: 978-3-0355-1131-4
ISBN E-Book: 978-3-0355-1266-3
Titelbild: Rütliwiese nach 1913 (Ausschnitt; Fotograf unbekannt; Bild 34 im Bilderverzeichnis)
1. Auflage 2018
Alle Rechte vorbehalten
© 2018 hep verlag ag, Bern
www.hep-verlag.ch
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Inhalt
Dank
Anfahrt
1 Theoretische Rahmung, Forschungsstand und Fragestellungen
1.1 Theoretische Rahmung I: Hettlings Konzept des «Erlebnisraums»
1.2 Theoretische Rahmung II: Gebrauchsgeschichte und Mythen
1.3 Theoretische Rahmung III: Geschichtskultur und Geschichtsbewusstsein
1.4 Theoretische Rahmung IV: Denkmäler und ihr Gebrauch
1.5 Theoretische Rahmung V: Ritual
1.6 Forschungsstand I: Denkmäler und ihr Gebrauch
1.7 Forschungsstand II: Geschichtliche Vorstellungen zu den rütlibezogenen Mythen
1.8 Forschungsstand III: Geschichte und Mythos des Rütlis
1.8.1 Literatur
1.8.2 Das erzählte Rütli im Überblick
1.9 Forschungsstand IV: Das Rütli als Besuchsziel und als Ort von Gedenkfeiern
1.10 Fragestellungen
2 Methodisches Instrumentarium, Quellenbestände und Darstellungsgang
2.1 Quellenkritische Hermeneutik schriftlicher und audiovisueller Medien
2.1.1 Allgemeine Quellen zum Denkmal und dessen Gebrauch
2.1.2 Schulberichte
2.1.3 Geschichtslehrmittel
2.1.4 Schulische Lesebücher
2.1.5 Reiseführer und andere touristische Medien
2.1.6 Bezeichnungen von Transportmitteln, Strassen und Plätzen
2.2 Interpretation von Bildern
2.2.1 Bilder als Untersuchungsgegenstände
2.2.2 Postkarten
2.2.3 Andere touristische Fotografien
2.2.4 Wertträger und Poststempel
2.2.5 Flickr
2.2.6 Rütli-Führer der SGG
2.2.7 Kommerzielle Darstellungen
2.2.8 Pressefotografie und übrige Bilder
2.2.9 Auswertung
2.3 Methoden empirischer Sozialforschung
2.3.1 Qualitativ empirisch
2.3.1.1 Kurzinterviews
2.3.1.1.1 Vorstudie: Instrument und Erhebung
2.3.1.1.2 Hauptstudie: Instrument, Stichprobe und Erhebung
2.3.2 Quantitative Inhaltsanalyse serieller Textbestände
2.3.2.1 Massenmedien
2.3.2.2 Rütli-Gästebücher
2.3.3 Quantitativ empirisch
2.3.3.1 Kurzfragebogen
2.3.3.1.1 Instrument
2.3.3.1.2 Stichprobe und Erhebung
2.3.4 Experteninterviews
2.3.4.1 Instrument
2.3.4.2 Stichprobe und Erhebung
2.3.5 Nichtteilnehmende Beobachtung
2.3.5.1 Instrument
2.3.5.2 Stichprobe und Erhebung
2.4 Darstellungsgang
3 Gegenstandsanalyse
3.1 Das Rütli im Überblick
3.1.1 Lage und Anlage
3.1.2 Von den Ursprüngen zum Landschaftsentwicklungskonzept
3.2 Schiffstation
3.2.1 Schiffstation vor-ikonografisch (synchron)
3.2.2 Schiffstation vor-ikonografisch (diachron)
3.2.3 Schiffstation ikonografisch/ikonologisch
3.3 Schwurplatz
3.3.1 Schwurplatz vor-ikonografisch (synchron)
3.3.2 Schwurplatz vor-ikonografisch (diachron)
3.3.3 Schwurplatz ikonografisch/ikonologisch
3.4 Rütlihaus
3.4.1 Rütlihaus vor-ikonografisch (synchron)
3.4.2 Rütlihaus vor-ikonografisch (diachron)
3.4.3 Rütlihaus ikonografisch/ikonologisch
3.5 Rütliwiese
3.5.1 Rütliwiese vor-ikonografisch (synchron)
3.5.2 Rütliwiese vor-ikonografisch (diachron)
3.5.3 Rütliwiese ikonografisch/ikonologisch
3.6 Picknickplatz
3.6.1 Picknickplatz vor-ikonografisch (synchron)
3.6.2 Picknickplatz vor-ikonografisch (diachron)
3.6.3 Picknickplatz ikonografisch/ikonologisch
3.7 Weitere Bauten und landwirtschaftliche Nutzung
3.7.1 Weitere Bauten vor-ikonografisch (synchron und diachron)
3.7.2 Weitere Bauten ikonografisch/ikonologisch
3.8 Gesamtanlage: Wegsystem, Wald und Umgebung
3.8.1 Gesamtanlage vor-ikonografisch (synchron)
3.8.2 Gesamtanlage vor-ikonografisch (diachron)
3.8.3 Gesamtanlage ikonografisch/ikonologisch
3.9 Theoriegestützte Interpretation der Rütli-Gestaltung und seiner Elemente
3.9.1 Symbolgehalt und Symbolgestalt des Rütlis
3.9.2 Das Rütli als Ausdruck nationaler Identitätskonstruktion
3.9.3 Das Rütli als hyperrealistischer Ort
3.10 Synthese: Gestaltung und Deutung
4 Gebrauchsanalyse kollektiv: Darstellung, Gedenkfeiern und Gruppenbesuche
4.1 Mythos und Denkmal als Text
4.1.1 Beschreibungen vor 1850
4.1.2 Touristische Medien
4.1.3 Geschichtslehrmittel
4.1.4 Lesebücher
4.1.4.1 Erste Generation: Lesebücher bis zum Ersten Weltkrieg
4.1.4.2 Zweite Generation: 1920–1960
4.1.4.3 Dritte Generation: 1960–1990
4.1.5 Bezeichnungen von Transportmitteln, Strassen und Plätzen
4.1.6 Synthese
4.2 Mythos und Denkmal als Bild
4.2.1 Ikonische Abbildungen von Stückelberg und Jauslin
4.2.2 Postkarten
4.2.3 Touristische Darstellungen und Inszenierungen
4.2.4 Titelseiten der Rütli-Broschüren
4.2.5 Wertträger und Poststempel
4.2.6 Fernsehbilder
4.2.7 Inserate
4.2.8 Synthese
4.3 Praxis I: Gedenkfeiern
4.3.1 Jubiläumsfeiern zum Gründungsmythos
4.3.2 Bundesfeiern
4.3.3 Rütli-Schiessen (300 Meter, 50 Meter)
4.3.4 Gedenkfeiern des Rütli-Rapports
4.3.5 Berichterstattung in Zeitungen und Fernsehen
4.3.6 Synthese
4.4 Praxis II: Gruppenbesuche
4.4.1 Politische Gruppierungen
4.4.2 Religiöse Gemeinschaften
4.4.3 Vereine und Verbände
4.4.4 Regierungen und deren Vertreter
4.4.5 Unternehmen
4.4.6 Militärische Nutzungen
4.4.7 Zahl der Führungen
4.4.8 Synthese
4.5 Praxis III: Schulreisen
4.5.1 Rütlifahrten von Deutschweizer Schulen
4.5.2 Rütlifahrten von Westschweizer und Tessiner Schulen
4.5.3 Rütlifahrten von Innerschweizer Schulen
4.5.4 Synthese
5 Gebrauchsanalyse individuell: Vorstellungen und Wahrnehmung
5.1 Mythos: individuelle Vorstellungen
5.1.1 Kurzinterview-Auswertung
5.1.1.1 1291
5.1.1.2 Rütli und Tell
5.1.1.3 1940
5.1.1.4 19. Jahrhundert
5.1.1.5 1991
5.1.1.6 Herkunft des Wissens über den Gründungsmythos
5.1.2 Ergebnisse aus den Kurzfragebogen
5.1.3 Rütli-Assoziationen aus den Kurzinterviews
5.1.4 Theoriegestützte Interpretation der geschichtlichen Vorstellungen
5.1.5 Synthese
5.2 Denkmal: Wahrnehmung und Deutung der Anlage
5.2.1 Fotografische Wahrnehmung
5.2.2 Verbalisierte Wahrnehmung und Deutung
5.2.2.1 Kurzfragebogen
5.2.2.2 Kurzinterviews
5.2.3 Ein Denkmal auf dem Rütli?
5.2.4 Synthese
6 Gebrauchsanalyse: kollektive und individuelle Interaktion
6.1 Praxis I: Gesamtzahl und Soziodemografie der Rütli-Besucherinnen und -Besucher
6.1.1 Gesamtzahl
6.1.2 Geografische und soziale Herkunft
6.1.2.1 Befunde
6.1.2.2 Westschweizer Besucherinnen und Besucher
6.1.2.3 Deutsche Besucherinnen und Besucher
6.1.3 Geschlecht
6.1.4 Altersstruktur
6.1.5 Soziodemografie der Teilnehmenden an Führungen
6.1.6 Synthese
6.2 Praxis II: Interaktion Besucher-Ort (diachron)
6.2.1 Schifffahrt
6.2.2 Schwurplatz
6.2.3 Rütlihaus
6.2.4 Rütliwiese
6.2.5 Krauer-Greith-Denkmal
6.2.6 Ganzes Gelände
6.2.7 Postkarten schreiben
6.2.8 Synthese
6.3 Praxis III: Interaktion Besucher-Ort (synchron)
6.3.1 Beobachtbare Interaktion
6.3.1.1 Schiffstation
6.3.1.2 Schwurplatz
6.3.1.3 Rütliwiese
6.3.2 Verbalisierte Interaktion
6.3.2.1 Individualreisende
6.3.2.2 Schulklassen
6.3.3 Synthese
6.4 Praxis IV: Motive und Emotionen von Individualreisenden
6.4.1 Motive (diachron)
6.4.2 Motive (synchron)
6.4.3 Emotionen auf dem Rütli
6.4.4 Resümierende Eindrücke der Besucherinnen und Besucher
6.4.5 Synthese
7 Synthese
7.1 Synthese I: Geschichtliche Vorstellungen
7.2 Synthese II: Denkmal und Praxis
7.2.1 1875: Nationale Identität als rekonstruierte Landschaft
7.2.2 1905: Touristische Hochkonjunktur vor dem Schweizerkreuz
7.2.3 1935: Totalitäre Bedrohung und Deutungswettstreit im Brennpunkt
7.2.4 1965: Starre Fronten und durchdringende Konformität mit Fragezeichen
7.2.5 1995: Von geopolitischer Dynamik zu Identifikations- und Unterhaltungsangeboten
7.3 Synthese III: Thesen zum «Erlebnisraum» Rütli
7.4 Theorie-/Methodenreflexion und weiterführende Fragen
8 Abkürzungsverzeichnis
9 Literaturverzeichnis
9.1 Quellen
9.1.1 Archivalische Quellen
9.1.2 Periodika, Monografien, Editionen und weitere Quellen
9.1.3 Reiseführer
9.2 Sekundärliteratur
10 Anhänge
10.1 Verzeichnis der gedruckten Anhänge
10.2 Verzeichnis der online verfügbaren Anhänge (Website des hep verlags)
11 Bildverzeichnis
12 Bilder
Dank
Im Verlauf des mehrjährigen Projektes haben mich zahlreiche Personen unterstützt und damit zu seiner erfolgreichen Realisation beigetragen. Dazu zählt an erster Stelle Prof. Dr. Marko Demantowsky, dessen Forschungsschwerpunkt Denkmalanalyse mit meinem Interesse an Architektur und ausserschulischen Lernorten zusammenfiel. Daraus kristallisierte sich sehr rasch die Idee heraus, nach dem Umgang mit jenem schweizerischen Denkmal zu fragen, das über eine nationale Strahlkraft verfügt: dem Rütli. Mein Dank geht ebenfalls und vor allem an ehem. Prof. Dr. Béatrice Ziegler und Prof. Dr. Walter Leimgruber, welche das Forschungsvorhaben in der anspruchsvollen Endphase konstruktiv-kritisch und inspirierend begleiteten.
Ein grosser Dank für die finanzielle Unterstützung sei an drei Institutionen gerichtet. Sowohl die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) als auch die Urner Dätwyler Stiftung sprachen grössere finanzielle Beiträge. Die Pädagogische Hochschule FHNW ihrerseits beförderte den Projektfortschritt, indem sie mir grosszügige zeitliche Ressourcen zur Verfügung stellte.
Ein lebhafter Dank geht an die vielen Rütlibesucherinnen und -besucher, die sich auch bei bestem Freizeit- und Wanderwetter Zeit nahmen, Rede und Antwort zu stehen. Dies gilt genauso für die Interviewpartner, mit denen ich längere Expertengespräche führen konnte, wie für die drei Transkriptorinnen, Denise Probst, Märta Tschudin und Simone Dietrich, die wesentlichen Teile des umfangreichen Interviewmaterials verschriftlichten.
Ein kollegialer Dank gebührt den Mitgliedern des Doktorandenkolloquiums von Prof. Dr. Marko Demantowsky, welche die Arbeit vor allem im Rahmen der alljährlichen Kolloquien begleiteten. Auch den zwei Teammitgliedern der Professur, Gaby Sutter und Jan Hodel, sei für ihre Beiträge zum Gelingen der Arbeit gedankt.
Ein institutioneller und persönlicher Dank gebührt meinem viel zu früh verstorbenen, ehemaligen Vorgesetzten Prof. Dr. Viktor Abt, Leiter des Instituts Sekundarstufe I und II der Pädagogischen Hochschule FHNW, sowie seinem Nachfolger, Prof. Dr. Christian Reintjes. Sie waren dem Projekt stets wohlgesinnt und unterstützten mich darin in vielerlei Hinsicht.
Ein herzlicher Dank geht schliesslich an zahlreiche Freunde, deren vielfältiges Interesse für, aber auch distanziert-pragmatische Sicht auf das Projekt zu dessen Gelingen beitrugen.
Zu guter Letzt: Die vorliegende Dissertation ist O. gewidmet – mit gutem Grund.
Anfahrt
Da stand ich nun am Schiffsteg und blickte in Richtung Süden, in Richtung des fjordartigen Urnerseebeckens. Ein erhebendes Panorama. Dort drüben musste das Rütli sein, irgendwo am westlichen Steilufer. Ich bestieg einen historischen Raddampfer, der Kurs nahm auf die steile Bergflanke. Schon bald zog der Schillerstein an mir vorbei, ein eigentümlicher Monolith, den ich von alten Postkarten kannte und dessen Gestalt durch die ebenso reduzierten wie gegensätzlichen Materialien von Stein und Gold fast modern erschien. Gleichzeitig zeichnete sich in südlicher Richtung eine erhöht über dem Seeufer gelegene Waldlichtung ab. Mit Schweizerfahne. Der Dampfer näherte sich dem Ufer und gab die Sicht frei auf eine altertümliche Schiffstation und auf ein weiter oben gelegenes Chalet. Wenige Passagiere stiegen aus. Alles wirkte tadellos: perfekte gehauene Natursteinmauern und eine dazu passende Granitpflästerung, seeseitig begrenzt durch ein massives Geländer aus roh behauenen, dünnen Baumstämmen. Eine metallene Tafel orientierte über das Wegnetz und bezeichnete einige Orte auf dem Gelände. Langsam den Hang hinaufsteigend, versuchte ich mich in eine verhalten feierliche Stimmung zu versetzen. Oder nahm ich eher die dicht gestaltete Natürlichkeit wahr? Oder doch einfach die bilderbuchartig harmonische Landschaft? Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Rütli lediglich im Fernsehen und in der Zeitung gesehen: Die Wiese mit der Fahne, am See, umgeben von hohen Bergen, verbunden mit einem Patriotismus, der sich nicht mit meinem eigenen deckte. Da stand ich also nun – auf dieser Wiese, die zum Hauptgegenstand meines Projektes werden sollte.
Der sorgfältig hergerichtete, neuwertige Zustand des Denkmals erwies sich als das Resultat einer umfassenden und kostspieligen Sanierung der gesamten Anlage in den Jahren 2008 bis 2012. Offensichtlich mass – und misst – der Bundesrat als Eigentümer dem Rütli grosse Bedeutung bei als politischem Gedenkort. Diese Bedeutung unterstrich am 1. August 2009 auch Peter von Matt, Germanistik-Professor und Schriftsteller, in seiner Rütli-Rede, in der er der Anlage eine «zeichenhafte Wirklichkeit»[1] zuschrieb. Der gleiche Peter von Matt hatte wenige Jahre zuvor – nicht zuletzt unter dem Eindruck der von rechtsextremen Gruppierungen wiederholt geprägten Bundesfeier auf dem Rütli – das Denkmal und seine Tradition in der Phase eines Endspiels gesehen[2], eine Einschätzung, welche auch die Rütlikommission, die Verwalterin des Denkmals, in ihrem Bericht von 1994 und unter anderen Vorzeichen vorgenommen hatte, als sie festhielt, dass der Ort nicht mehr als patriotisches Sanktuarium, sondern mit «profanen Augen» als Ausflugsziel betrachtet werde.[3] Diese wenigen Schlaglichter verdeutlichen die geschichtskulturelle Veränderbarkeit, die nicht nur das Rütli zu prägen scheint, sondern Denkmäler allgemein, eine Prägung, die sowohl die Denkmalgestalt und die Gestaltungsintentionen umfasst als auch die Art und Weise, wie sie begangen, wahrgenommen, verstanden, benutzt, inszeniert, instrumentalisiert werden.
Statt also nach der Entstehungsgeschichte des Denkmals zu fragen, rückt das vorliegende Projekt vielmehr dessen Gestaltung und Gebrauch, aber auch dessen Wirkung ins Zentrum, und zwar sowohl im diachronen Längsschnitt als auch im aktuellen, synchronen Querschnitt. Dabei fokussiert die Arbeit auf Individualbesuchende, berücksichtigt partiell auch den Besuch von Gruppen und Schulklassen. Für dieses Erkenntnisinteresse hat sich das Rütli in dreifacher Hinsicht als ideal erwiesen. Es hat erstens den Stellenwert eines Nationaldenkmals mit grosser politisch-ideologischer Strahlkraft – dank dem damit verbundenen Gründungsmythos. Zweitens bieten seine abgeschiedene Lage und die kanalisierte Zugänglichkeit günstige Rahmenbedingungen für eine empirische Untersuchung. Denn im Gegensatz zu Denkmälern, die an stark frequentierten Orten im urbanen Raum stehen, kommen die Besucherinnen und Besucher hier nicht zufällig vorbei, sondern suchen den Ort in der Regel absichtlich auf. Drittens fehlt zwar ein Denkmalkörper im engeren Sinne, also ein Objekt auf beschriftetem Sockel, dafür ist das Rütli als Landschaftsdenkmal begehbar, ja erlebbar. Es zeichnet sich durch eine abwechslungsreiche symbolische Gestaltung aus, die sich an mehreren Punkten auf dem Gelände verdichtet und deshalb den idealen Rahmen bietet, um die Benutzung eines Gedenkorts zu erforschen.
Besucherforschung im Denkmalbereich ist immer noch verhältnismässig selten. Zu Wissensbeständen, Motiven oder Erwartungen von Besucherinnen und Besuchern ist nur wenig bekannt – deshalb dominieren normativ und politisch geprägte Vorstellungen zur Wahrnehmung eines Denkmals sowie zu dessen geschichtskulturellem Stellenwert. Gerade aus geschichtsdidaktischer Sicht bieten sich deshalb empirische Gebrauchsanalysen von Denkmälern an, die zu den ausserschulischen Lernorten resp. Orten des informellen Geschichtserlebens und -lernens zu zählen sind. Zur individuellen historischen Konstruktion tragen, wie neuere Forschungen zeigen, sowohl tendenziell wissenschaftlich basiertes historisches Wissen als auch sogenannte subjektive Theorien oder Alltagswissen bei.[4] Während Ersteres idealerweise in formalisierten Settings, beispielsweise im Geschichtsunterricht, vermittelt wird, werden Alltagstheorien in der Regel ausserhalb erworben.[5] Für die Analyse solchen Geschichtserlebens an einem Denkmal hat Manfred Hettling Ende der 1990er-Jahre ein theoretisches, kulturanthropologisch ausgerichtetes Konzept vorgelegt, das bisher kaum rezipiert worden ist. Er fokussiert dabei auf den sogenannten «Erlebnisraum», der aus einem Denkmal, aus dem damit verbundenen politischen Mythos und seinem Gebrauch in Form des Festes oder des Rituals besteht – ein Rahmen, der Gestaltung, Wirkung und Gebrauch eines Denkmals zu untersuchen erlaubt.
Die im Schnittfeld von Geschichtsdidaktik und Kulturanthropologie liegende Fragestellung verlangt nach einer entsprechenden Methodenauswahl, inspiriert von der vielfältigen kulturanthropologischen Forschung und ihren Mixed-Methods-Ansätzen. Dazu gehört die quellenkritische Auswertung von heterogenen und teilweise seriellen Archivmaterialien, wie Reiseführer, Fernseh- und Zeitungsbeiträge oder die bisher kaum ausgewerteten Gästebücher des Rütlihauses, deren früheste Exemplare aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammen und als Serie lückenlos erhalten sind. Bildinterpretatorische und sozialwissenschaftliche Analysen basieren ihrerseits unter anderem auf Kurzinterviews, die der Verfasser auf der Rütliwiese führte, auf Kurzfragebogen, die ebenfalls in situ zum Einsatz kamen, oder Postkarten und privaten Bildserien von Flickr, einer populären Online-Fotocommunity. Letztlich zielt das Projekt darauf ab, empirisch gestützte Erkenntnisse zu generieren, auf deren Grundlage sich in einem nächsten Schritt die bisher fehlende Besucherführung adressatengerecht erarbeiten liesse, die dem Landschaftsdenkmal als einem Ort der Information, des Andenkens, der Reflexion und der Auseinandersetzung entspräche.
1 Theoretische Rahmung, Forschungsstand und Fragestellungen
1.1 Theoretische Rahmung I: Hettlings Konzept des «Erlebnisraums»
Bilder und Vorstellungen der eigenen Gesellschaft formen und verändern sich durch das Zusammenspiel von Gedächtnis, Identität und sozialer Wirklichkeit.[6] Gerade bei Denkmalanalysen spielen diese Dimensionen eine wichtige Rolle: Nicht nur das Denkmal als solches bildet den Untersuchungsgegenstand, sondern vielmehr der Umgang der Besuchenden damit und ihr Wissen darüber. Als theoretischer Rahmen für solche Analysen bietet sich die zentrale Kategorie des «Erlebnisraums» an, den Hettling vorschlägt in Anlehnung an Wilhelm Diltheys Erlebnisbegriff und an die kulturanthropologischen Ritualtheorien von Mary Douglas und Victor Turner. Demnach beinhaltet menschliches Verhalten stets eine soziale und eine symbolische Dimension. Der sozialgeschichtlichen resp. soziodemografischen Perspektive steht die Frage nach symbolischen Zeichen und Strukturen gegenüber. Hettling plädiert dafür, dass gerade die Letzteren bei der Analyse menschlicher Handlungen mitberücksichtigt würden, sei es in Form symbolischer Visualisierungen (zum Beispiel Fahnen, Rituale) oder in Form diskursiven Gedenkens (zum Beispiel Reden); denn solche Symbolsysteme bildeten wichtige Orientierungs- und Ausdrucksschemata innerhalb einer Gesellschaft. Dies führt zu der für den «Erlebnisraum» konstitutiven Trias von Denkmal, Mythos und Fest, die Hettling deduktiv am Beispiel eines konkreten Denkmals entwickelt.[7] In diesem Raum kann ein Mensch gedeutete Vergangenheit selbst erfahren, Vergangenheit nachspielen oder nachgespielt sehen: Das erzeugt Emotionen und ermöglicht Erinnerung resp. Gedenken, in Kurzform: Ohne Emotion keine Tradition. Um ein solches «Erlebnis» im historischen Längsschnitt zu analysieren, schlägt Hettling dementsprechend drei untereinander verbundene, kulturanthropologisch fundierte Analysedimensionen vor: a) das Ritual, also die symbolische Praxis und ihre Akteure, die dramatische Inszenierung, die verbal, begrifflich oder auch handelnd erfolgen kann, b) politische Emotionen, evoziert durch Sentimentalisierung oder Poesie mit dem Ziel affektueller Bindungen zum Staat, und c) die individuelle historische Erinnerung resp. das historische Gedenken von Akteuren und deren Weitergabe von Wissen, befördert durch den emotionalen Gehalt.[8] Dieses Erlebnis ist überdies, wie erwähnt, an einen bestimmten Raum gebunden, der nicht original sein, aber über die Aura der Authentizität – verstärkt etwa durch die Präsenz eines Denkmals – verfügen muss.
Die Überprüfung resp. Fruchtbarmachung von Hettlings Konzept ist bis heute weitgehend ein wissenschaftliches Desiderat geblieben. Einzig Demantowsky hat es aufgenommen und für die Geschichtsdidaktik anschlussfähig gemacht, indem er das «Erlebnis» mit dem lernpsychologischen Begriff des kognitiven Bruchs in Verbindung bringt.[9] Diese für das geschichtsdidaktische Konzept des historischen Lernorts grundlegende Wendung setzt er jedoch nicht um, wenn er Hettlings Trias von Mythos, Denkmal und Ritus – also Hettlings Fest – exemplarisch am österreichischen Kleinwetzerdorfer Heldenberg durchspielt. Inwiefern dieser historische Lernort Lernen bewirken kann, bleibt offen – eine Lücke, die auch die vorliegende Arbeit kaum zu füllen vermag.
Um ein empirisch operationalisierbares Analysegerüst für die vorliegende Untersuchung zu entwickeln, gilt es, Hettlings fundierende Trias und seine drei vorgeschlagenen Dimensionen Mythos, Denkmal und Ritual durch weitere Theoriebezüge zu differenzieren und zu konkretisieren.
1.2 Theoretische Rahmung II: Gebrauchsgeschichte und Mythen
Im Kontext des 700-Jahr-Jubiläums der Eidgenossenschaft von 1991 beschäftigte sich die Schweizer Geschichtswissenschaft intensiv mit Repräsentationsformen der Nation. Daraus entstand eine ganze Reihe von Studien, welche Ideologien und Leitbilder sowie deren visuelle und textuelle Repräsentation beschreiben und analysieren. Diese sind für das vorliegende Projekt von besonderem Interesse.[10] Als bedeutsam hervorzuheben sind zwei Beiträge. Guy P. Marchal und Aram Mattioli unterstreichen, dass einerseits die für die Selbstdarstellung und -vergewisserung inszenierten Bilder der Vergangenheit häufig nicht identisch seien mit der geschichtswissenschaftlich fundierten Darstellung; andererseits erwiesen sich die Repräsentationen stets als orts- und zeitgebunden.[11] Marchal richtete sein Augenmerk in einem weiteren Schritt auf die beobachtbaren Mechanismen, wie Wissen und Vorstellungen über die Nation und ihre Geschichte verwendet werden.[12] Mit dem Begriff der Gebrauchsgeschichte rückte er statt der «Geschichte», der Inhalte, nunmehr deren «Gebrauch», also deren Produktions- und Verwendungs-, ja Instrumentalisierungsprozesse in den Vordergrund. Er definiert seinen Leitbegriff als Geschichte, «die der nationalen Identität dient, sei es als Nationalgeschichtsschreibung, die dem Staat eine zielgerichtete Entwicklungsgeschichte hin zum aktuellen Zustand verpasst, um diesen historisch zu begründen; sei es in Form allgemeiner historischer Vorstellungen und im Bewusstsein lebendiger Geschichtsbilder, die das Selbstwertgefühl, das Bewusstsein einer nationalen Identität stützen und fördern».[13] Gebrauchsgeschichte hat also dienenden Charakter, sie wird zur Identitätskonstruktion eingesetzt, sei es in Form ganzer nationaler Epen, sei es als identitätsstiftende Geschichtsbilder. Gebrauchsgeschichte wird von mannigfachen Akteuren verwendet, verändert, instrumentalisiert und ist daher einer permanenten Umformung unterworfen. Um die Wirkungsweise der Gebrauchsgeschichte zu verdeutlichen, führt Marchal den Begriff der Geschichtsbilder ein, geschichtliche Vorstellungen, die er auch als «imaginaire historique» bezeichnet.[14] Er versteht darunter «die im Selbstverständnis oder Nationalbewusstsein einer staatlichen Gemeinschaft eingelagerten und darin weiterlebenden Geschichtsbilder».[15] Diese Bilder stimmten oft nicht mit dem geschichtswissenschaftlichen Kenntnisstand überein, vielmehr sind es geradezu Historiengemälde im Kopf, die einen gewünschten Erkennungseffekt ermöglichen, Gefühle ansprechen, Assoziationen auslösen – und sind geprägt durch die jeweils aktuelle, soziale, kulturelle und politische Verfasstheit der Gesellschaft.
Marchal verortet seine Gebrauchsgeschichte also nicht im Kontrast zur wissenschaftlich gestützten Geschichtsschreibung, sondern untersucht deren Eigenschaften, Funktionsweisen und Wirkungen. Dabei stellt er nicht nur Parallelen mit dem Konzept der Geschichtskultur fest, sondern auch mit demjenigen der Erinnerungsorte: Die Frage nach dem Gebrauch scheidet tatsächliche Erinnerungs- und Gedenkorte von den bloss geschichtswissenschaftlich bestimmten.[16]
Eine paradigmatische Ausprägung von Marchals Gebrauchsgeschichte stellen politische Mythen dar. Deren grundlegende Merkmale beschreiben Etienne François und Hagen Schulze, indem sie die europäischen und amerikanischen Erzählungen vergleichen.[17] Demnach ist der politische Mythos in der Totalität der Zeit verortet, indem er in einer unbestimmten Vergangenheit spielt, auf die Gegenwart und Zukunft übertragbar ist und auf diese Weise eine grosse Kontinuität der dargestellten Nation widerspiegelt. Weiter wird die mythische Erzählung als eigentliche Geschichte verstanden, welche die Nation mit der Idee von Unabhängigkeit und Souveränität begründet und in einem christlichen Kontext entstehen lässt. Schliesslich, und diese Eigenschaft ist besonders bedeutsam, wird die Gemeinschaft, also die Nation, als einzigartige Schicksalsgemeinschaft geschildert, die sich von allen anderen Gemeinschaften wesentlich und positiv abhebt – ein «Wir» lässt sich damit von einem «Sie» abgrenzen.
Herfried Münkler seinerseits fokussiert in seiner grundlegenden Studie zu den deutschen Mythen auf die Wirkungsweise, den Gebrauchsaspekt der politischen Ursprungs- und Bewährungserzählungen.[18] Sie bilden die symbolische Grundlage eines Gemeinwesens und wirken auf das identitätsstiftende kollektive Gedächtnis ein – und umgekehrt: Politische Entwicklungen können dazu führen, dass sich Narrative verändern. Solche Prozesse manifestieren sich in drei verschiedenen Formen, der erzählten Form, also der Narration, der architektonischen, dem Denkmal, sowie der ritualisierten, dem Fest, eine Trias, die derjenigen von Hettlings «Erlebnisraum» entspricht.[19] Grundsätzlich stellt Münkler fest, dass ein Mythos seine Kraft nur zu entfalten vermöge, wenn er in allen drei Formen seinen Ausdruck erhalte. Greifen nun politische Akteure die bestehende Ordnung an, erringen die Macht oder scheitern an der etablierten, kann sich dies darin niederschlagen, dass Denkmäler gestürzt oder umgestaltet, Rituale neu geformt, mythische Narrationen neu erzählt werden. Dabei kommt Letzteren eine zentrale Funktion zu. Ihnen fehlen feste Konturen, weshalb sie in Form und Bedeutung wandelbar, also narrativ variabel sind.[20] Es ist genau diese Veränderbarkeit, so die Hypothese Münklers, durch welche die Narrative eher Veränderungen befördern resp. nachzeichnen, während Bilder und Denkmäler sowie die mit dem Mythos verbundenen Feste einen überwiegend bewahrenden Charakter haben. Umgekehrt vermögen gerade in einem demokratischen Staatswesen führende politische Schichten eher die ikonische Verdichtung und rituelle Inszenierung zu beeinflussen als die Erzählungen, deren Verfügbarkeit nicht eingeschränkt werden darf. Wenn die erzählten Mythen hingegen ihre Kraft verlieren – solche Prozesse können zäsurartig rasch oder erodierend langsam verlaufen –, büssen der Ort und auch die praktizierten Rituale ihre Bedeutung ein. Diese von Münkler beschriebenen Mechanismen sind direkt anschlussfähig an Hettlings Konzept des «Erlebnisraums» und dienen ebenfalls als theoretisches Raster für die Denkmalanalyse.
1.3 Theoretische Rahmung III: Geschichtskultur und Geschichtsbewusstsein
Die erwähnte Geschichtskultur stellt die dritte theoretische Erweiterung dar. Geschichtskultur bezeichnet die Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit Vergangenheit und Geschichte umgeht.[21] Definitorisch prägend ist Rüsen, der an der Deutungsfunktion von Kultur in modernen Gesellschaften anknüpft.[22] Schönemann nimmt das Modell von Rüsen auf, kritisiert daran jedoch die anthropologische Verengung sowie die fehlende Historisierung der Dimensionen und gibt dem Modell in zweifacher Hinsicht eine wesentlich neue Richtung. Erstens definiert er vier geschichtskulturelle Dimensionen mit kommunikationstheoretischem Fokus, um das Konzept operationalisierbar zu machen.[23] Er unterscheidet die institutionelle Dimension (Rahmen geschichtskultureller Praxis wie Schulen, Archive, Museen etc.), die professionelle Dimension (spezifische Akteure wie Lehrpersonen, Wissenschaftler, Künstler etc.), die mediale Dimension (Vermittlungsformen wie Buch, Film, Lied etc.) sowie die adressatenspezifische Dimension (Adressaten geschichtskultureller Phänomen wie Schichten, Ethnien, Berufe etc.). Demantowsky nimmt diese Differenzierung auf, plädiert jedoch gleichzeitig dafür, dass die institutionelle Dimension den anderen heuristisch übergeordnet sei: die Institutionalität der Geschichtskultur sei ihr eigentliches, ihr empirisch evidentes Dasein.[24] Die vorliegende Studie läuft dieser Hierarchisierung entgegen, indem sie auch nach empirischer Evidenz im Diskurs fragt sowohl in der medialen als auch in der adressatenspezifischen Dimension.
In einem zweiten Schritt grenzt Schönemann die Kategorie der Geschichtskultur, die «Aussenseite des gesellschaftlichen Geschichtsbewusstseins», ab von derjenigen des individuellen Geschichtsbewusstseins, unterscheidet also ein kollektives Konstrukt von einem individuellen.[25] Mehrere Modelle liegen vor, welche die Eigenschaften des Geschichtsbewusstseins generell beschreiben, insbesondere die strukturanalytischen Modelle von Jeismann und Pandel, das genetische Modell von Borries’ sowie der funktionstypologische Ansatz von Rüsen.[26] Pandel strukturiert das als mentale Struktur bezeichnete Geschichtsbewusstsein in sieben Doppelkategorien, Doppelkategorien deshalb, weil er jede Kategorie antagonistisch auffächert. Den drei Basiskategorien Temporalbewusstsein (gestern – heute – morgen), dem Wirklichkeitsbewusstsein (real – fiktiv) und dem Historizitätsbewusstsein (statisch – veränderlich) stehen die fünf sozialen Kategorien gegenüber mit Identitätsbewusstsein (wir – sie), politischem Bewusstein (oben – unten), ökonomischem Bewusstsein (arm – reich) sowie moralischem Bewusstsein (richtig – falsch).[27] Rüsen seinerseits zielt darauf ab, manifestiertes Geschichtsbewusstsein in Form erzählter Geschichten funktionstypologisch zu ordnen. Dabei unterscheidet er vier Typen des historischen Erzählens, den traditionalen, den exemplarischen, den genetischen und den kritischen, mit je unterschiedlichen Erinnerungsleistungen, Kontinuitätsvorstellungen, Kommunikationsformen, Identitätskonstruktionen und Sinnbildungsmustern.[28] Von Borries visualisiert Rüsens Sinnbildungstypen in Form eines Spiralmodells, das die Typen in eine Entwicklungslogik stellt, entlang der Faktoren der Flexibilisierung und Individualisierung historischen Denkens.[29] Das Modell führt vom traditionalen über das exemplarische hin zum genetischen Erzählen, jeweils in einer affirmativen und einer kritischen Ausprägung, und entspricht damit der von Rüsen selbst angeführten Sonderstellung der kritischen Sinnbildung.[30] Im vorliegenden Projekt folgt die Analyse der geschichtlichen Vorstellungen der Rütli-Besuchenden einerseits dem funktionstypologischen Modell von Rüsen und andererseits dem strukturanalytischen nach Pandel.
Jeismann hatte bereits Ende der 1970er-Jahre als Erster ein strukturanalytisches Modell von Geschichtsbewusstsein entworfen, das auf drei unterscheidbaren Dimensionen der Erkenntnisleistung basiert, auf Analyse, Sachurteil und Wertung.[31] Dieses Konzept erweiterte er in der Folge und definierte Geschichtsbewusstsein als Reifegrad, der sich ganz wesentlich durch Reflexivität auszeichne.[32] Defizitäre historische Vorstellungen, welche diesen Grad nicht erreichen, bezeichnete er als «Geschichtsverlangen», «Geschichtsbild» und rein vergangenheitsbezogenes «historisches Verstehen». Das «Geschichtsbild», also eine im Vergleich zu geschichtswissenschaftlichen Darstellungen und Konzeptionen defizitäre Vorstellung, hat er an anderer Stelle definiert als eine individuelle und kollektive, gefestigte Gesamtvorstellung von Sinn, Wesen, Verlauf und Ziel der Geschichte.[33] Im Kontrast zu geschichtswissenschaftlichen Narrativen seien diese Vorstellungen, so Rolf Schörken, einerseits faktenarm und selektiv, andererseits urteilend, deutend, emotional.[34] Damit deckt sich auch Demantowskys Definition, die zusätzlich auf die narrative Abrufbarkeit hinweist, die gerade im vorliegenden Projekt von besonderer Bedeutung ist.[35] Vergleichbare Eigenschaften geschichtlicher Vorstellungen hat auch die Conceptual-Change-Forschung festgestellt. Als besonders wirkmächtig haben sich geschichtsbezogene implizite Theorien resp. Alltagstheorien erwiesen.[36] Diese lebensweltlich geformten Konzepte weisen typische Merkmale auf, die sie von wissenschaftsförmigen Inhalten unterscheiden, so beispielsweise die Personalisierung von Kollektiva und Strukturen (grosse Männer und Frauen) resp. Reduktion historischer Sachverhalte auf grosse Personen, monokausale Erklärungen, linear-eindimensionales Denken, die Personifizierung abstrakter Kategorien, die Stereotypisierung sozialer Ordnungsschemata, ein dominierender Gegenwartsbezug, der sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft prägt, sowie die Verkürzung der Vergangenheit auf ein allgemeines «früher». Solche Merkmale impliziter Theorien dürften auch in den geschichtlichen Vorstellungen nachweisbar sein, wie sie im vorliegenden Projekt erhoben werden. Im Fall des Rütlis beziehen sich diese Vorstellungen auf die mit dem Ort zusammenhängenden Mythen. Für die Analyse zu berücksichtigen ist daher der Umstand, dass sich die Merkmale mythischer Narrative und subjektiver Theorien teilweise überschneiden, wie beispielsweise der generalisierende Vergangenheitsbezug oder die stereotypisierenden, sozialen Konstellationen.[37]
Dass geschichtskulturelle Institutionen, Professionen, Medien und Publika das individuelle Geschichtsbewusstsein beeinflussen durch spezifische Basisnarrative, scheint offensichtlich, gerade auch im Bereich der nationalen historischen Sinnbildung, in dem das vorliegende Rütli-Projekt zu verorten ist. Demantowsky sieht in den Basisnarrativen erzählerische, nicht einem konkreten Autor zuordenbare Grundmuster geschichtskulturellen Zeitgeistes, der sich wahrscheinlich besonders gut anhand schulischer Geschichtslehrwerke analysieren lasse.[38] Davon unterscheidet er Meisterzählungen, die sich durch «wirkmächtige, aber gleichwohl auktoriale Erzählmuster» auszeichneten.[39] Beide gelte es, «in ihrer jeweiligen Genese, Morphologie, Funktionalisierung und Wechselwirkung» zu analysieren. Was Demantowsky mit diesen Analysekategorien andeutet, verdeutlicht und präzisiert Béatrice Ziegler, indem sie den Umgang mit Geschichte grundsätzlich als machtdurchdrungenen Prozess versteht, der interessengebundene Deutungen hervorbringt.[40] An die Stelle des Zeitgeistes setzt sie wirkungsmächtige Akteure, allen voran den Nationalstaat und seine Repräsentierenden, die Narrative zu prägen und durchzusetzen vermögen. Dies trifft besonders auf individuelle Vorstellungen zu, ja sogar auf persönliche Erinnerungen. Denn sogar solche Erinnerungen zeugten, so Ziegler, nicht von der vermeintlich selbst erfahrenen Vergangenheit, sondern vielmehr von deren Wirkung und der Verarbeitung, unter den Bedingungen der gesellschaftlich vermittelten kommunikativen Situation und den gesellschaftlich mächtigen Diskursen. Dazu trete die ebenfalls sozial bedingte und gerichtete Aufforderung an Individuen, sich zu erinnern – eine Aufforderung, die formal und inhaltlich wirke, das heisst Regeln des Erzählens und Grenzen des Aussprechbaren miteinschliesse. Dieses zwar sozial geprägte, aber dennoch individuelle Erinnern unterscheidet Ziegler vom Gedenken, das sie als kollektiven, machtbestimmten Umgang mit Vergangenheit bezeichnet.
Diese begriffliche Unterscheidung ist von zentraler Bedeutung – wie die gesellschaftlich mächtigen Diskurse die individuellen Erinnerungen und Vorstellungen prägen, bleibt empirisch schwierig zu fassen. So ist die Wirksamkeit schulischer oder medialer Wissensvermittlung, die auf Derivaten wissenschaftlicher Erkenntnis basiert, mehrfach in Frage gestellt worden.[41] Empirische Nachweise, wie implizite Theorien entstehen resp. wie sie durch geschichtskulturelle Akteure, Institutionen oder Medien geschaffen und beeinflusst werden, stehen noch aus. Diese Lücke zu füllen, kann nicht das Erkenntnisziel des vorliegenden Projekts sein, der Nachweis solcher Abhängigkeiten wäre viel zu komplex und konzeptionell-methodisch kaum zu bewältigen. Vielmehr geht das vorliegende Projekt von Schönemanns Kategorisierung von individueller und kollektiver Vorstellung aus und fächert beide Kategorien möglichst breit auf. Auf diese Weise lassen sich zwar keine Interdependenzen nachweisen, jedoch parallele und konstrastierende Eigenschaften und Tendenzen sichtbar machen.
1.4 Theoretische Rahmung IV: Denkmäler und ihr Gebrauch
Denkmäler als Untersuchungsobjekte haben in der Geschichtswissenschaft – im Gegensatz zur Kunstgeschichte[42] – eine eher junge Tradition.[43] Erst Nipperdeys klassischer Aufsatz zu den deutschen Nationaldenkmälern als Ausprägung des Nationalbewusstseins eröffnete die Reihe ideengeschichtlicher Arbeiten zu diesen geschichtskulturellen Objektivation. Gut ein Jahrzehnt später richtete Koselleck sein Interesse auf Kriegerdenkmäler, die er als identitätsstiftend für die Überlebenden interpretierte.[44] Einen eigentlichen Meilenstein setzte sodann Pierre Nora, als er 1986 sein monumentales Werk «Les Lieux de mémoire» herausgab. Darin bezieht er sich explizit auf das Konzept der «mémoire collective» des französischen Soziologen Maurice Halbwachs, das die individuell abrufbaren und zugleich innerhalb einer Gesellschaft geteilten Erinnerungen und Erinnerungsorte beschreibt.[45] Als Erinnerungsort kann nicht nur ein geografischer Ort, sondern ebenso ein Kunstwerk, ein Ereignis, ja eine mythische Gestalt oder sogar eine Idee dienen, denen als historisch-soziale Bezugspunkte identitätsstiftende Funktionen zukommen. Vor dem Hintergrund der kulturgeschichtlichen Wende ab den 1990er-Jahren setzte eine intensive Forschungstätigkeit ein, die auf Entstehungsgeschichte, Sinnstiftungs- und Deutungsmuster, Symbole und Rituale fokussierte. Dazu lässt sich das mehrbändige Werk zu den deutschen Erinnerungsorten zählen, das François und Schulze in Noras Tradition herausgaben.[46] Für die Schweizer Denkmallandschaft liegen die beiden handbuchartigen Denkmaltopographien von Georg Kreis vor. Diese Gesamtdarstellungen verzeichnen und typologisieren die verschiedenen Ausprägungen der «lieux de mémoire».[47] Als «lieu de mémoire» können in der Regel auch – geschichtsdidaktisch gewendet – ausserschulische historische Lernorte angesprochen werden. Demantowsky definiert sie als Raum, der «geschichtsbezogene Erlebnisse einerseits ermöglichen, dessen Potential darüber hinaus aber andererseits auch tatsächlich abgerufen bzw. realisiert» wird.[48] In seiner vorgeschlagenen Typologie unterscheidet er unter anderem authentische von konstruierten Lernorten, je nachdem ob ein Ort mit einem Gründungsmythos verbunden ist oder durch den Ort erst gestiftet werden soll.[49] Zu ersteren zählen in der Regel «historic sites», Orte also, die mit nationalgeschichtlich bedeutsamen Ereignissen oder Persönlichkeiten verbunden sind; als Untergruppe dazu können Gedenkstätten für Opfer politischer Gewaltherrschaft gesehen werden. Dabei komme ihnen, wie Bert Pampel ausführt, nicht nur die Aufgabe zu, Geschichtswissen zu vermitteln, sondern auch nationale Identität zu stiften und staatsbürgerliches Bewusstsein zu fördern.[50]
Damit eng verbunden, oft sogar identisch, sowohl begrifflich als auch inhaltlich, ist das Denkmal, dessen Objektcharakter sich von der allgemeineren Kategorie der historischen Stätten unterscheidet. Damit ist weniger die Begriffsdefinition im weiteren Sinne gemeint, welche die schützenswerten, alten Baudenkmäler bezeichnet, die sich zu verdichteten und idealisierten Vergangenheitsrepräsentaten entwickeln.[51] Vielmehr trifft hier die enger gefasste, als klassisch geltende kunstgeschichtliche Definition von Hans Ernst Mittig zu. Demnach wird das Denkmal als «ein in der Öffentlichkeit errichtetes und für die Dauer bestimmtes materielles, vor allem plastisches, möglicherweise mit Inschriften ausgestattetes (Kunst-)Werk verstanden, das an Personen oder Ereignisse erinnern und aus dieser Erinnerung einen Anspruch seiner Urheber, eine Lehre oder einen Appell an die Gesellschaft ableiten und historisch begründen soll».[52] Zum einen umfasst diese Definition die Wirkung, die das Denkmal durch seine Prägnanz auf die Betrachtenden haben soll, eine Wirkung, die auf einer «Idee der Autorität», ja der Herrschaft basiere.[53] Zum anderen weist sie bereits auf die geschichtsdidaktischen Funktionen eines Denkmals hin, die im von Jeismann dargestellten «Zusammenhang von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive»[54] verknüpft werden und darin stark an Marchals Gebrauchsgeschichte erinnern. Diese nicht zuletzt geschichtsdidaktisch eminenten Funktionen greift nicht nur Winfried Speitkamp auf, dessen kulturwissenschaftliches Analyseraster für Denkmäler als Gegenstandstheorie in Kapitel 3.9.1 aufgenommen wird, sondern auch Brückner, indem er verschiedene Trägerschaften von Denkmälern und Formen des Gedenkens aufzeigt.[55] Mit seinem «Erlebnisraum»-Konzept, das diesem Projekt zugrunde liegt, stellte Hettling 1997 ein Modell zur Verfügung, mit dem sich die Funktionsfähigkeit von Denkmälern untersuchen lässt – ein Zugang, der sich von den zahlreichen geschichtsdidaktischen Beiträgen zu Denkmälern als ausserschulischen Lernorten unterscheiden, die in ihrer Stossrichtung tendenziell in der kunstgeschichtlich-deskriptiven Tradition stehen.[56]
1.5 Theoretische Rahmung V: Ritual
Die Definitionen von Ritualen sind heterogen. Das liegt daran, dass der Begriff des Rituals von einer Vielzahl wissenschaftlicher Disziplinen verwendet wird. Das liegt aber auch daran, dass er, insbesondere aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive betrachtet, definitionsbedürftig ist: In den untersuchten Quellen taucht er nicht auf, er dient vielmehr als Analyseinstrument. Für die vorliegende Untersuchung soll die für geschichtswissenschaftliche Fragestellungen vorgeschlagene Ritualdefinition von Barbara Stollberg-Rilinger zur Anwendung kommen.[57] Diese Beschreibung ist zum einen transdisziplinär breit gefasst, zum anderen enger als der alltägliche Sprachgebrauch. Demnach benennt das Ritual eine menschliche Handlungsabfolge, die erstens durch Standardisierung und Wiederholung der äusseren Form gekennzeichnet ist. Sie ist deshalb erwartbar und wiedererkennbar, jedoch ebenso, wenn auch nur in einem gewissen Masse, veränderbar. Zweitens hebt es sich durch seinen demonstrativen, öffentlichen Aufführungscharakter zeitlich, räumlich und sozial vom alltäglichen Handlungsfluss ab mittels verschiedenartiger akustischer, visueller und sprachlicher Symbolik. Ein Ritual geschieht also nicht zufällig oder unbewusst, sondern wird absichtsvoll inszeniert. Als drittes Merkmal gilt seine Symbolizität, die auf eine spezifische Bedeutung, auf einen grösseren sozialen Ordnungszusammenhang verweist – darin unterscheidet es sich von Routinen. Dabei ist es nicht erforderlich, dass die Beteiligten bezüglich dieser Bedeutung übereinstimmen, der gemeinsame Vollzug und damit der Glaube an einen gemeinsamen Sinnbezug reichen bereits. Viertens üben Rituale eine Wirkung aus. Ihre Performativität kann soziale Wirklichkeit schaffen, Gefühle der Zusammengehörigkeit erzeugen, ja eine Verpflichtung stiften, sich an das zu halten, was im Ritual gemeinsam darstellt wurde. Letzteres nachzuweisen fällt unter Umständen schwer, entscheidend ist vielmehr die durch das Ritual veränderte Erwartungshaltung. Fünftens schliesslich weist es zeitlich in doppelter Weise über die Gegenwart hinaus: Es erinnert an Vergangenes und verpflichtet zu zukünftigem Handeln. Durch seine elementare, sozial strukturbildende Wirkung verbindet es Individuum und Gesellschaft, Dauer und Wandel. Für Handlungen indessen, die wesentliche rituelle Merkmale nicht aufweisen, insbesondere die herausgehobene Feierlichkeit, schlägt Stollberg-Rilinger den Begriff der Ritualisierung vor. Ritualisierungen bezeichnen ein Verhalten, dass sich in seiner äusseren Form regelmässig wiederholt und in der Regel kommunikativer Natur ist. Die so gefasste Ritualdefinition vereingt die drei Dimensionen von Hettlings «Erlebnisraum» in sich. Für den alltäglichen Rütli-Besuch von Individuen und Gruppen ergibt sich daraus das folgende Analyseraster (Darstellung 1), mit dem der Umgang resp. die Interaktion der Besuchenden mit dem Denkmal – also den Erlebnischarakter und damit die rituelle Intensität – untersucht werden soll.
| Analyseraster für die rituelle Interaktion von Einzelbesuchern und Gruppen | |
|---|---|
| Ritual/Erlebnis Die Handlungsabfolge … | Ritualisierung Die Handlungsabfolge ist … |
| … ist formal standardisiert, repetitiv | … formal wiederholbar |
| … ist absichtsvoll inszeniert und vom Alltag herausgehoben | … kommunikativ |
| … ist ortsbezogen symbolisch | |
| … intendiert politische Emotionen, Haltungen zu wirken | |
| … intendiert Gedenken und Tradierung zu wirken |
Darstellung 1
Dem entsprechenden Analyseraster für Gedenkfeiern (Darstellung 2) liegen neben Stollberg-Rilingers Ritualdefinition die theoretischen Überlegungen von Bizeul zu politischen Mythen und Ritualen sowie jene von Müller zu historischen Jubiläen und Gedenktagen zugrunde.[58] Diese theoretische Erweiterung vermag der kollektiven Interaktion gerecht zu werden.
| Analyseraster für die Gedenkfeiern auf dem Rütli |
|---|
| Ritual der Gedenkfeier/Erlebnis Die Handlungsabfolge … |
| … ist formal standardisiert, repetitiv |
| … ist absichtsvoll inszeniert und vom Alltag herausgehoben |
| … ist ortsbezogen symbolisch |
| … intendiert Sinnstiftung durch Stabilisierung und Strukturierung des Gedenkens, der Tradition und der gegenwärtigen Wirklichkeit |
| … intendiert identitätsstiftende Wirkung durch partizipative und emotionale «Wir-Inszenierung» |
| … legitimiert bestehende Machtverhältnisse und soziale Unterschiede |
Darstellung 2
Ein histoisches Jubiläum wird nicht selten geradezu als natürlich gegeben wahrgenommen, in der Tat ist es als geschichtlich bedingtes Ereignis unter der sozialen Zeitkategorie zu subsummieren. Das Gedenken in bestimmten Zeitintervallen dient nämlich als politisches Instrument dazu, Traditionen zu erfinden und zu formen.[59] Solche Gedenkfeiern entsprechen politischen Ritualen, denen Bizeul drei Funktionen zuweist.
Eine erste Funktion erkennt Bizeul in der stabilisierenden Sinnstiftung.[60] Analog zum politischen Mythos strukturiert auch das Ritual die Wirklichkeit, vereinfacht es, stellt ein Koordinationssystem zur Verfügung. Dieses Koordinationsystem enthält die die Gruppe auszeichnenden Werte, Normen und Vorstellungen. Müller vertieft diesen Aspekt, indem er im regelmässig wiederkehrenden Jubiläum einen Verweis auf Tradition und Stabilität sieht; vergangene Stabilität kann die Zukunftserwartung im Sinn einer Selbstversicherung beeinflussen. Gemäss der zweiten Funktion, die Bizeul dem Ritual zuweist, integriert es gemeinschaftsbildende Sinngebungen, wie sie sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart verfügbar sind, und verknüpfen sie identitätsstiftend.[61] Eine solche «Wir-Identität» entsteht durch die Reduktion von Komplexität oder die Exklusion anderer; nur so lässt sich eine «politische Vergemeinschaftung» (Max Weber) erreichen. Die scheinbar einheitliche, konsensual entstehende «Wir-Identität» wird indessen durch die dritte, die legitimierende Funktion eines politischen Rituals relativiert. Denn häufig dient es der Legitimation sozialer Unterschiede und politischer Herrschaft.[62] Generell, so Müller, werde im Jubiläum «Geschichte nicht nur einfach bewahrt, sondern geformt oder – je nach Standpunkt des Betrachters – verformt»[63]. Gesellschaftliche und politische Akteure formen und gestalten nämlich Jubiläen, indem sie absichtsvoll gewählte Elemente der Vergangenheit inszenieren und instrumentalisieren, um ihren politischen und sozialen Einfluss in der Gegenwart zu vergrössern oder ihre Macht zu legitimieren. Dementsprechend erscheint solchermassen «geformte» Gedenkleistung antagonistischen Akteuren als «verformt» sowohl in Form als auch in Inhalt. Damit hängt auch das emanzipatorische Potenzial zusammen, in dem Bizeul die vierte Funktion erkennt.[64] Politische Rituale können nämlich nicht nur der integrierenden Sicherung bestehender Machtverhältnisse dienen, sondern auch der Formung und Prägung antagonistischer, ja reformorientierter Bestrebungen. Aus diesen vergleichenden Betrachtungen resultiert das folgende Raster, das der Analyse der Gedenkfeiern auf dem Rütli dienen soll.
1.6 Forschungsstand I: Denkmäler und ihr Gebrauch
Im Gegensatz zu kunst- und geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen zu Entstehung und Gestaltung von Denkmälern sind Gebrauchsanalysen seltener, sowohl was die geschichtskulturelle Prägung und Ausstrahlung als auch was die individuelle Nutzung von Gedenkstätten, historischen Stätten und Denkmälern angeht.[65] Zu beiden Bereichen liegen Untersuchungen vor, von denen nachfolgend wesentliche Ergebnisse diskutiert werden.
Der kollektive Umgang mit und die geschichtspolitische Funktionalisierung von Denkmälern steht im Zentrum dreier neuerer Studien. So fokussiert Sandra Petermann auf zwei historische Räume, die Region um Verdun und die Normandie als alliierte Landestelle 1944. Aus der Analyse von Gedenkorten, Akteursgruppen und Zeremonien und ihren Wandlungsprozessen resultieren mehrere idealtypische Phasen wechselnder Gedenkmotivation: das trauernd-erinnernde, das national-patriotische, das versöhnend-vereinigende und das historisch-pädagogische Gedenken.[66] Marco Zerwas seinerseits zeichnet minutiös die geschichtskulturelle Dynamik des Deutschen Ecks in Koblenz am Rhein nach. Dazu untersucht er nicht nur die Gestaltung des Denkmals, sondern auch die jeweils zeitgenössische Wahrnehmung sowie immer wieder aktualisierte Deutungsmuster samt damit verknüpften mythischen Narrativen.[67] Die neueste Einzelstudie im schweizerischen Kontext legte Konrad Kuhn vor, der Entstehung und geschichtskulturelle Nutzung des Forchdenkmals bei Zürich aufzeigt.[68] Er sieht darin «ein paternalistisch-pädagogisches Lehrprojekt»[69], das durch geschichtspolitische Funktionalisierung die Erinnerungen der Schweizer Bevölkerung an den Ersten Weltkrieg formen sollten. Insgesamt zeigen die Ergebnisse der drei Arbeiten, dass sich Denkmäler und deren kollektive Nutzung in Gestalt und Gebrauch im diachronen Längsschnitt verändern – insbesondere auch relativ zum zeitlichen Abstand zum Referenzereignis – und gleichzeitig von politischen und gesellschaftlichen Akteuren funktionalisiert werden.
Auf den individuellen Umgang mit Denkmälern und Gedenkstätten fokussiert die Besucherforschung, deren neuere, wesentliche Erkenntnisse im Hinblick auf das vorliegende Rütli-Projekt dargestellt werden. Generell ist ein Mangel an Studien festzustellen, die sich Aneignungs- und Erinnerungsformen erwachsener Gedenkstätten-Besuchenden widmen.[70] Christian Gudehus geht in seiner Studie der Funktionsweise von mehreren deutschen Gedenkstätten nach.[71] Dabei stehen die Führungen im Zentrum, die an vier ausgewählten Orten angeboten wurden.[72] In teilnehmender Beobachtung begleitete er mehrere Führungen, um die Narrationen über die Vergangenheit und über dessen Repräsentation sowie die Reaktion der Besuchenden darauf zu analysieren. Er stellt kritisch fest, dass die institutionalisierten Begehungen nicht so sehr auf ein verbessertes Verständnis des vergangenen Geschehens abzielten; vielmehr wirkten die Führungen moralisierend und emotionalisierend und wollten auf diese Weise normative Leitlinien für das eigene, individuelle Denken und Handeln vermitteln, ein Umstand, der letztlich und grundsätzlich nach den Aufgaben von Gedenkstätten als Bildungseinrichtungen fragen lasse.[73] Hier schliesst Bert Pampels Studie zu subjektiven Erfahrungen und Deutungen erwachsener Individualbesuchender an, die er in drei sächsischen Gedenkstätten durchführte.[74] Vergleichbare Resultate konnte Maik Zülsdorf-Kersting in seiner Einzelfallstudie zu Schulbesuchen in einem Konzentrationslager beibringen. Der Besuch, das heisst die direkte Konfrontation, wirke zweifach auf Schülerinnen und Schüler: als emotionale Verstärkung moralischer Überzeugungen und als partielle Infragestellung von vorhandenen Vorstellungen.[75] Die Untersuchung vermag jedoch aufgrund ihres methodischen Settings nicht zu beantworten, inwiefern und ob überhaupt solche punktuellen Auseinandersetzungen mit spezifischen ausserschulischen Lernorten geschichtliche Vorstellungen nachhaltig beeinflussen, ja verändern könnten. Solche Nachweise sind bisher von keiner empirischen Studie erbracht worden.[76]
Wenig später untersuchte Marion Klein den Umgang von Schülerinnen und Schülern mit dem «Denkmal für die ermordeten Juden Europas» in Berlin.[77] Ein bemerkenswertes Resultat ist für sie das Dilemma der Jugendlichen, einerseits dem normativen und intentionalen Anspruch, Trauer zu empfinden, zu genügen, andererseits über keine gemeinsame milieu- bzw. generationenspezifische Erfahrungsbasis mit den Opfern zu verfügen, was Voraussetzung für Trauer wäre. Sie versuchen deshalb mit verschiedenen Strategien, das Denkmal «zu authentisieren», das heisst anschlussfähig zu machen zur eigenen Gefühls- und Erfahrungswelt.[78] Diese Anschlussfähigkeit thematisiert auch Gaynor Bagnall in ihrer Interview-Studie zu zwei englischen «heritage sites», zwei aufbereiteten Industrieanlagen des 19. Jahrhunderts.[79] Hier werden die dargebotenen Informationen bereitwillig aufgenommen, eine kritische Haltung entsteht nur, so Bagnall, wenn die mitgebrachten Vorstellungen nicht dem an Ort Dargebotenen entsprechen. Das bedeutet, dass es sich weniger um einen adaptiven als vielmehr um einen bestätigenden Rezeptionsprozess handelt, der überdies stark emotional und von individuellen Dispositionen geformt wird. Diese Befunde können für amerikanische «historic sites» bestätigt werden.[80] Diese Orte oszillieren zwischen Gedenkstätten und «living history», einem Konzept, das mittels kostümierter Schauspieler Geschichte in Inszenierungen und Führungen wiederaufleben lassen will. Diese Unterschiedlichkeit ist auch im Hinblick auf das Rezeptionsverhalten der Besuchenden zu bedenken. Von den von Conny C. Gratt publizierten Besucherstudien seien hier jene Ergebnisse angeführt, die sich nicht explizit auf die besonderen Inszenierungen beziehen.[81] An erster Stelle steht der Wunsch, durch Erlebnisse zu lernen und durch anschauliche Art in eine andere Zeit zurückversetzt zu werden. Als zweiten Aspekt führt Gratt an, dass die Besuchenden die Vergangenheit aus dem Blickwinkel eigener Erlebnisse wahrnehmen, und drittens wird die solcherart inszenierte Vergangenheit gerne partnerschaftlich als soziales Erlebnis entdeckt.
Für das deutsche Museumsdorf Cloppenburg liegen die Erkenntnisse der quantitativen Fragebogenuntersuchung von Holger Höge vor.[82] Demnach begründeten die Befragten ihren Besuch mit dem Wunsch, historischen Alltag zu erleben und Wissen zu erwerben. Der Rundgang durch die Anlage ermöglichte einer Mehrheit der Besucherinnen und Besucher solche empathischen, sensorischen und kognitiven Erfahrungen. Dass praktische alle angeben, etwas gelernt zu haben – unklar bleibt, was genau –, erstaunt daher wenig. Hingegen scheinen der Besuch individuelle Einstellungen und Vorstellungen sowie die Bereitschaft, diese zu verändern, kaum zu tangieren.
Weitet man schliesslich den ausserschulischen Einflusshorizont von punktuellen Besuchen auf das allgemein ausserschulische Erleben aus, lassen sich zwei Faktoren nachweisen, nämlich Geschlecht und Alter, die eine Rolle zu spielen scheinen. Carlos Kölbl stellt in seinen empirisch gestützten Untersuchungen fest, dass ausserschulische Einflüsse auf das Geschichtswissen und das historische Interesse besonders im Primarbereich bedeutsam seien.[83] Weiter scheint zu gelten, dass Knaben Mädchen übertreffen bezüglich dieser beiden Aspekte, wohingegen sich die Struktur des Wissens, der Methodenkenntnisse und des historischen Denkens im Verlauf des Kindes- und Jugendalters verändert.
Auch wenn die Resultate insbesondere für Gedenkstätten nationalsozialistischer Verbrechen nur begrenzt auf historischen Stätten und Denkmäler mit geschichtspolitischer Intentionalität übertragbar sind, lassen sich dennoch einige grundsätzliche Erkenntnisse festhalten. Zum einen tendiert das vor Ort bestehende Informationsangebot – moralisierend und emotionalisierend – zu einem normativen Anspruch. Zum anderen erfolgt die individuelle Rezeption vor allem emotional, kaum kognitiv, jedoch abhängig vom pädagogisch-didaktischen Setting der Anlage. Sie beeinflusst deshalb emotional-moralische Überzeugungen, nicht jedoch geschichtliche Vorstellungen, die sich kaum verändern resp. die eher bestätigt werden wollen als hinterfragt. Normativ-gesellschaftliche Ansprüche sowie der mitgebrachte Erfahrungshorizont prägen das Erleben, wo Letzteres zu einer spezifischen Authentifizierung führen kann.
1.7 Forschungsstand II: Geschichtliche Vorstellungen zu den rütlibezogenen Mythen
Empirische Untersuchungen über Vorstellungen zu Gründungsmythos und Rütli sind rar. Markus Kübler geht der Dichotomie von Geschichte und Mythos nach, und zwar mit geschichtskulturellem Blick auf Materialien zur Gründungsgeschichte der Eidgenossenschaft, die Grundschullehrkräften zur Vorbereitung und Durchführung von Unterricht zur Verfügung stehen.[84] Er stellt fest, dass gerade diejenigen Materialien, die als Zielpublikum die Schülerinnen und Schüler aufwiesen, noch stark dem mythisch-identitätsbildenden Paradigma verpflichtet seien und die fachwissenschaftlich modernen Sichtweisen kaum miteinbezögen. Breiter angelegt ist Markus Furrers Studie, in der er die Leitbilder der Schweizer Nationalgeschichte in Schweizer Geschichtslehrmitteln der Nachkriegszeit und Gegenwart untersucht.[85] Dabei zeigt er anhand des gesetzten Rahmens auf, wie Geschichtsbilder zu Meistererzählungen zusammengesetzt werden und wie sich die Schulbuchdarstellungen entwickeln im Kontext der europäischen und der Schweizer Geschichte. Die kanonisierte Form der Gründungserzählung sieht er Ende des 19. Jahrhunderts entstehen und in überraschend unveränderter Form bis in die 1970er-Jahre weiterbestehen. Die darauffolgende Erschütterung des traditionellen Geschichtsbildes habe, gemäss Furrer, dazu geführt, dass die nationale Geschichte als Ganzes in den Lehrmitteln fast verschwunden sei, um in einem weltgeschichtlichen Fokus aufzugehen. Diese Entwicklung negiere die Notwendigkeit, Mythen im Sinne von Marchals Gebrauchsgeschichte im schulischen Kontext zu thematisieren, denn nur auf diese Weise lasse sich eine kritische und kontrollierte Identitätsbildung anstossen. Dass eine detailliertere Darstellung seiner Ergebnisse – zusammen mit denjenigen einer Studie zu Schweizer Lesebüchern – erst in den Kapiteln 4.1.3 und 4.1.4 folgt, also im Analyseteil des vorliegenden Projekts, hat seine Gründe darin, dass die Ergebnisse Furrers mit eigenen Recherchen ergänzt werden und die rütlispezifische Diskussion seiner Resultate direkter in das Zwischenfazit der kollektiven Gebrauchsanalyse einfliessen kann.
Zu individuellen, rütlibezogenen Vorstellungen wiederum sind ebenfalls einige empirische Untersuchungen greifbar. Die frühesten Daten liefern die regelmässig durchgeführten Rekrutenbefragungen, die mit der Einführung öffentlicher Bildungssysteme in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einhergingen.[86] 1874 beschloss der Bundesrat, die Prüfungen jeweils bundesweit durchzuführen und die Resultate, unter anderem zur Vaterlandskunde, zu publizieren – ein Vorgehen, das bis 1915 stattfand.[87] Die in den kantonalen Staatsarchiven aufbewahrten Unterlagen konnten im Rahmen dieses Projektes jedoch nicht aufgearbeitet werden.[88] Einzig die zusammenfassenden Berichte der Bundesbehörden enthalten allgemeine Hinweise zum jeweils erhobenen Zustand geschichtlichen Wissens. Demnach lag das Bildungsniveau in protestantischen Kantonen im Vergleich zu den katholischen wesentlich höher. In Bezug auf die abgefragte Vaterlandskunde holten letztere jedoch – aufgrund spezifischer Schulungsmassnahmen – bis zum Ersten Weltkrieg auf.[89] Im Zuge der «Geistigen Landesverteidigung» nahmen die Behörden die Rekrutenprüfungen wieder auf. Von diesen Erhebungen sind nun rütlispezifische Daten greifbar. So gaben in den Rekrutenbefragungen von 1953 87 Prozent, 1965 84 Prozent der Teilnehmer das Jahr 1291 als Gründungsjahr der Eidgenossenschaft an.[90] Von denjenigen, die Inhalte aus dem Bundesbrief anführen konnten (gut 40 Prozent), zitierte die Hälfte ganz oder auszugsweise den Rütlischwur aus Schillers «Wilhelm Tell».[91] Sowohl diese eindeutigen Werte als auch die weiter oben angeführten Erkenntnisse von Kübler und Furrer spiegeln sich teilweise wider in den Resultaten der repräsentativen Umfrage einer Schweizer Zeitschrift aus dem Jahr 2004, dem Jubiläumsjahr von Schillers «Tell». Sie ergab, dass 75 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer noch immer der Ansicht sind, die heutige Schweiz sei vor 700 Jahren auf dem Rütli entstanden; 51 Prozent glauben, dass Tell die Schweiz tatsächlich von Habsburger Vögten befreit habe.[92] Eng mit dem Festhalten an der mittelalterlichen Geschichte verbunden ist die grosse Emotionalität, mit der einige Personen reagieren, wenn diesbezügliche und als gültig empfundene Vorstellungen in Frage gestellt werden.[93]
Der mit dem Rütli-Rapport eng verbundene General Guisan erfreute sich gemäss der Rekrutenbefragung von 1972 grösserer Bekanntheit, denn nur gerade knapp drei Prozent der Befragten hatten seinen Namen noch nie gehört.[94] In einem gewissen Gegensatz dazu steht das Resultat einer Umfrage, die eine Schweizer Zeitung 2008 durchführte.[95] Bei der Frage nach den «bedeutendsten Schweizern» lag Guisan erst an 16. Stelle.
Weitet sich der Untersuchungshorizont vom Gründungs- und Unabhängigkeitsmythos hin zum nationalen Selbstbild, rückt die Studie von Meier-Dallbach, Rosenmund und Ritschard aus dem Jahr 1979 in den Vordergrund. Eine grössere Sammlung von Pressetexten des Zeitraums von 1920 bis 1977 bildet die geschichtskulturelle Datengrundlage, um die Dynamik des Selbstbildes der Schweiz zu erforschen. Dabei unterscheiden sie ein Vorkriegs- von einem Nachkriegsgedächtnis. Ersteres operiere grundsätzlich bedeutend mehr mit Symbolvorräten, die essenzialistische Umweltdarstellungen ermöglichten und dadurch sakrale, metaphysische oder räumlich-identive Konnotationen aufwiesen, beispielsweise Vaterland oder Heimat. In den Nachkriegsgedächtnissen hingegen sinke die Bedeutung dieser Symbole markant und würde ersetzt durch analytischere, neutralere, womit der Abstraktionsgrad der Symbole in den Nachkriegsgedächtnissen zunehme. Fokussiert auf politische und nationale Identitätssysmbole stellen sie fest, dass diese im deutschschweizerischen Vorkriegsgedächtnis präsenter seien als im gleichzeitigen französischsprachigen und im deutschweizerischen des Nachkriegsgedächtnisses. Die Autoren sehen die Begründung dafür in der direkteren und stärkeren Exposition gegenüber Deutschland, einer Exposition, die eine stärkere Abgrenzung erforderlich gemacht habe.
Insgesamt also kanonisiert sich die Meistererzählung des Gründungsmythos Ende des 19. Jahrhunderts und hielt sich bis in die 1970er-Jahre stabil, um danach zwar dekonstruiert, jedoch nicht durch eine andere, wirksame Erzählung ersetzt zu werden. Die 1291-Gründung wird auch heute noch von einer grossen Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer für authentisch resp. historisch gehalten, Tell dagegen geniesst weniger Glaubwürdigkeit, Guisan weniger Bekanntheit. Im Hinblick auf das nationale Selbstbild wird eine Vielzahl sakraler und räumlicher Symbole nach dem Zweiten Weltkrieg abgelöst durch abstraktere Zeichen, denen zudem weniger Bedeutung zukam.
1.8 Forschungsstand III: Geschichte und Mythos des Rütlis
1.8.1 Literatur
Die aktuelle Forschungslage zu Geschichte und Mythos des Rütlis präsentiert sich als recht günstig. Aus der lokal verwurzelten Historiografie-Tradition heraus entstanden 1998 die Texte für das Rütli-Memo, die 1998 eingeweihte Ausstellung in situ.[96] Josef Wiget, der ehemalige Staatsarchivar von Schwyz, stellte darin, wie schon in seiner Rütli-Broschüre von 1986, den quellenmässig belegbaren Ereignissen die Mythengeschichte an die Seite. Letztere entfaltet er, indem er den langfristig wirkenden Gebrauchscharakter des Mythos betont, dessen Einzigartigkeit hinterfragt und die oft angeführte Zielorientiertheit des Ursprungs und der nachfolgenden Entwicklung in Frage stellt. Die Urner Kantonsgeschichte von Hans Stadler-Planzer enthält ebenfalls ein Kapitel zur «Befreiungsgeschichte», die neben dem Rütli vor allem auf die Tellgeschichte fokussiert.[97] Mit dem gleichen Kanton verbunden war auch die Kunsthistorikerin Helmi Gasser, die bereits 1986 die bau- und kunstgeschichtlich bis heute massgebliche Beschreibung des Erinnerungsortes vorlegte.[98]
Die Aufführung von Schillers «Wilhelm Tell» auf der Rütliwiese im Jahr 2004 aktivierte die Rütli-Forschung gleich zweifach. Denn in diesem Zusammenhang veröffentlichten Kreis und Barbara Piatti ihre Monographien.[99] Während Piatti die Entstehung und Wirkungsgeschichte von Schillers Theaterstück «Wilhelm Tell» nachzeichnet, unternimmt es Kreis – mit wesentlichen Beiträgen von Wiget –, Entstehung, Tradierung und Weiterentwicklung von Denkmal und Mythos auszuleuchten und dabei die politische Inanspruchnahme und Instrumentalisierung aufzuzeigen. Seine Arbeit stellt er explizit in die Reihe der kulturgeschichtlichen Studien der «Lieux-de-mémoire»-Forschung.[100] Kreis interpretiert diese Orte eher als Produkte intuitiven Ursprungs denn als Resultate bewusst gemeinschaftsbildender Absichten – ganz im Sinne der «imagologischen Bastelei» nach Marchal.[101] Kreis wie Marchal distanzieren sich von der dominierenden Definitionsmacht des geschichtswissenschaftlichen Diskurses, wo normativ-hermeneutisch Denkmäler registriert und analysiert werden – und man dabei Gefahr läuft, die national-patriotischen Ideen des 19. Jahrhunderts weiterzuführen anstatt nach alltagsgeschichtlichen Realitäten zu fragen.[102]
Letzteres unternimmt Kreis in der Folge und beschreibt aus mentalitäts- und kulturgeschichtlicher Perspektive den Gebrauch und die Bedeutung des Rütlis von den Anfängen bis in die Gegenwart. Dazu wertet er archivalisches Text- und Bildmaterials aus. Sowohl die konstruierten Bilder, die in das kollektive Bildgedächtnis aufgenommen wurden, als auch den alltäglichen, kollektiven Gebrauch teilt er in drei Dimensionen ein, in eine politische, sakrale und militärische.[103] Kreis legt anhand einer Sammlung von bildlichen Darstellungen dar, dass das Schwören – die metaphysische Verankerung des Staates – und das Rütli zu einer so starken Einheit verschmolzen, dass sich der Rütlischwur vom restlichen Teil der Gründungs- und Befreiungsgeschichte abtrennte und zu einer selbstständigen Bildchiffre geworden ist.[104] Dieses Bild stellt den ursprünglichen Kristallisationspunkt und Referenzpunkt der darauffolgenden Schweizer Geschichte dar.
2009 legte Roger Sablonier eine quellenkritische Interpretation des Bundesbriefs vor, indem er den Bundesbrief (und damit den vermeintlichen Rütlischwur) im Innerschweizer kultur- und sozialgeschichtlichen Kontext des 12. und 13. Jahrhunderts verortet.[105] Mit mediävistischer Sorgfalt differenziert er die in den 70er-Jahren von Marchi[106] eingeleitete Dekonstruktion des Mythos und weist den Bundesbrief als im 13. Jahrhundert gängigen Versuch aus, den Landfrieden zu sichern – konspirative, adelsfeindliche oder staatsbildende Facetten lassen sich darin nicht finden.
Historiografisch dicht bearbeitet ist auch Guisans Rütli-Rapport von 1940. Auf die kritische Würdigung Guisans im vierten und fünften Band von Edgar Bonjours monumentaler Geschichte der schweizerischen Neutralität von 1970 folgte das bis heute gültige Grundlagenwerk, die umfangreiche Guisan-Biografie von Gautschi aus dem Jahr 1989, die dem Rapport ein längeres Kapitel widmet.[107] Spätestens der Bergier-Bericht von 2002 dekonstruierte den Réduit-Mythos, weil er das komplexe Beziehungsgeflecht von Wirtschaft und Politik zwischen der Schweiz und den Achsenmächten aufzeigte.[108] In jüngster Zeit erschienen zwei weitere, kürzere Biografien, denen eine grundsätzlich apologetische Haltung eigen ist. Das gilt sowohl für die auf das 75-Jahr-Jubiläum des Rapports hin erschienene Publikation der emeritierten Rechtsprofessorin und Altnationalrätin Suzette Sandoz und des Historikers Pierre Streit als auch für den Beitrag von Markus Somm.[109] Dieser zeichnet zwar ein durchaus kritisches Bild des Generals, verklärt aber dessen Rolle sowie die Wirkung des Rapports, ohne sie wirklich zu untersuchen.
1.8.2 Das erzählte Rütli im Überblick
Es liegt nicht im Fokus dieser Arbeit, eine monografische Geschichte des Rütlis von den Ursprüngen bis zur Einrichtung des Denkmals ab 1860 darzustellen. Dennoch gibt dieses Kapitel einen orientierenden Überblick über die wesentlichen Stationen des Rütlis vor allem als ideellem Ort.[110] Ein erster Schwerpunkt liegt dabei auf dem Zeitraum, welcher der Einrichtung des Rütlis als Denkmal vorangeht. Ein zweiter kontextualisiert die Entstehung des Denkmals, gefolgt von einem dritten, der das Referenzereignis der zweiten mythischen Bedeutung des Rütlis, des Rütli-Rapports, darstellt. Eine weitergehende geschichtliche Kontextualisierung der Gestaltung und des Gebrauchs des Denkmals erfolgt situativ im Verlauf der Untersuchung.
Für die konkrete rechts- und baugeschichtliche Entwicklung des Grundstücks, die urkundlich im 14. Jahrhundert einsetzt, sei auf Kapitel 3 verwiesen. Der mythengeschichtliche Strang seinerseits beginnt im 15. Jahrhundert mit dem viel zitierten Eintrag im «Weissen Buch von Sarnen», verfasst um 1470/72. Hier wird das Rütli erstmals als Ort geheimer Zusammenkünfte Innerschweizer Verbündeter bezeichnet; die Schwurhandlung ist Teil der gesamten Gründungssage, deren wesentliche Elemente die Unterdrückung der Bauern, die Verschwörung, die Tell-Geschichte und der Burgenbruch bilden. Nachfolgende Chroniken nehmen den gründungsgeschichtlichen Kanon auf, variieren aber die zeitliche Einordnung. Dass die Historiografen gerade im 15. Jahrhundert begannen, die weit zurückliegenden Ereignisse zu erzählen, dürfte dem Bedürfnis nach Legitimation gegen aussen geschuldet sein. Impliziter Adressat war das Haus Habsburg, von dessen Zugriff sich die Innerschweizer mittels öffentlicher Bündnisse, die es auch andernorts gab, im Wesentlichen befreit hatten. Die Gründungssage kann so von Anfang an als «imagologische Bastelei» im Sinne von Marchals Gebrauchsgeschichte verstanden werden.[111] Besonders im Kanton Uri erfuhr sie im 16. Jahrhundert eine Blütezeit.[112] Einen kanonischen Meilenstein der Erzählung schuf der Glarner Magistrat und Chronist Ägidius Tschudi in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Tschudi war kein gutgläubiger Erzähler von Mythen, sondern dank seiner methodischen Qualifikation und der umfassenden Archivforschungen ein ernstzunehmender Historiker. Eine einschlägige Quelle zur Gründungszeit hingegen fand er nicht und kompensierte diese Lücke durch zwar gelehrte, aber beleglose Konstruktionen, indem er beispielsweise den Rütlischwur auf Mittwoch vor Martini datierte, also auf den 7. November 1307.[113] Auch Tschudi widerspiegelt Strömungen seiner Zeit insofern, als seine Erzählung einerseits der aufkeimenden humanistischen Nationalidee entsprach, andererseits dem anhaltenden Bedürfnis nach antihabsburgischer Legitimation. Die ersten historisch nachweisbaren Nutzungsabsichten des Rütlis fanden 1674 und 1704 statt, als Gefahr von aussen resp. Uneinigkeit unter den Eidgenossen drohte.[114] 1713 folgte eine eigentliche Innerschweizer Landsgemeinde als Reaktion auf den verlorenen Zweiten Villmergerkrieg; die gemeinsame Notlage führte zu einem symbolischen Zusammenstehen.
Im aufkommenden Aufklärungs- und Reformpatriotismus des 18. Jahrhunderts nahm das Rütli eine zentrale, politische Referenzfunktion ein für das neue, nationale Selbstbild.[115] Im Kontext des aufkommenden Tourismus und als Uminterpretation der «Tour d’Europe» entstand die «Schweizerreise» für die Schweizer selbst, die so eine politisch-staatsbürgerliche Bedeutung erhielt, welche die Idee einer nationalen Einheit erfahrbar machen sollte – und das Rütli als eine der häufigen Stationen enthielt. Insgesamt trat es aber geschichtskulturell als konkreter Ort zurück hinter das ideelle Schwurmotiv, ein imaginiertes «lieu de mémoire». In diese Zeit fallen nicht nur zwei Denkmalprojekte, sondern auch die Publikation der «Geschichten der Schweiz» von Johannes von Müller.[116] Beeinflusst vom aufklärerischen Patriotismus und Tschudi rezipierend, tradierte er den Gründungsmythos weiter. In den Revolutionsjahren um 1800 beriefen sich sowohl bewahrende als auch fortschrittliche Kräfte auf die drei schwörenden Eidgenossen: 1798 versuchten die Urner vergeblich, durch die Einberufung einer Innerschweizer Landsgemeinde das nahende Unheil abzuwenden, praktisch gleichzeitig pilgerten Vertreter der neuen helvetischen Regierung auf das Rütli, um den vermeintlichen Ursprüngen der Helvetik zu huldigen.
Die steigende Popularität des idyllischen Rütlimotivs in der Restaurations- und Regenerationszeit dürfte der nationalromantischen Strömung geschuldet sein, die ihren Ausdruck nicht nur in einer grösseren Zahl von Stichen und Gemälden fand, sondern auch im Rütlilied, das 1820 seine Uraufführung erlebte. Wie in der Revolutionszeit reklamierten die einander gegenüberstehenden politischen Kräfte den Schwur und seinen Ort für sich. Die Rütli-Bezugnahmen der schweizweit entstehenden Vereinsgründungen, die zum wichtigen Motor wurden für die nationale Idee, waren ebenso zahlreich wie die Indienstnahmen der Wiese durch konservative Kräfte, die sich auf diese Weise gegen liberale Bestrebungen wehrten. Noch nicht auf dem Rütli, aber in dessen Nähe entstanden aus diesem politischen Gegensatz zwei Denkmäler. Das glanzvolle «Aristokratenfest», in dessen Rahmen 1821 das aussergewöhnliche Löwendenkmal in Luzern, errichtet für die gefallenen Schweizer Söldner im revolutionären Paris 1792, enthüllt wurde, stellte «die machtvollste kulturpolitische Veranstaltung der Restauration in der Schweiz»[117] dar – mit dem Winkelrieddenkmal dagegen entstand in Stans in den Jahren 1853 bis 1865 nach einem national durchgeführten Wettbewerb das erste Nationaldenkmal des 1848 gegründeten liberalen Bundesstaats.[118] Das schweizerische Nationalbewusstsein wurde mit diesem Denkmal genauso befördert wie wenig später mit dem Rütli und weiteren Symbolträgern. Der Rückgriff auf das Mittelalter sollte historische Legitimation verschaffen und gleichzeitig als Versöhnungsgeste den 1847 im Sonderbundskrieg unterlegenen, mehrheitlich Innerschweizer Kantonen eine zentrale, wenn auch symbolische Funktion bei der Staatsbildung zuweisen.[119] Damit wurde die Schweiz gleichermassen vom «Mythisierungsschub des 19. Jahrhunderts»[120] erfasst wie die anderen europäischen Nationen.[121] Wie schon das Winkelried-Denkmal entsprang auch der Rütli-Kauf einer Zürcher Initiative. War es beim Ersteren der freisinnige Politiker Jakob Dubs, lancierte bei Letzterem die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft die Idee. Dieser 1810 in Zürich gegründete Verein verfolgte aufklärerisch-patriotische, gemeinnützige Ziele, indem er sich für die Förderung von Bildung und Erziehung sowie wirtschaftlichen Fortschritt engagierte. Er galt als Diskussionforum reformorientierter Eliten und wirkte dadurch national integrierend und staatstragend.[122]
Die Uraufführung von Schillers Tell-Drama 1804 in Weimar wurde in der Schweiz zunächst kaum rezipiert, dennoch markiert sie einen für die Mythenformung und -wirkung zentralen Schritt: Das Theaterstück verlieh dem sich formenden schweizerischen Nationalstaat eine literarisch gefasste Meistererzählung, die zum stärksten und wirkungsmächtigsten Multiplikator des Mythos wurde. Schillers Freiheitsdrama trug wesentlich bei zur mythischen Aufladung und Möblierung der Innerschweizer Landschaft mit Denkmälern (Bild 1), einer Landschaft, die zudem Kristallisationspunkt einer neuen Naturbegeisterung wurde in Kombination mit der Gründungsgeschichte, welche die Bewohner als einfaches, aber freies und glückliches Volk erscheinen liess.[123] Praktisch zum gleichen Zeitpunkt, wie die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft den Rütli-Kauf organisierte, weihten die Innerschweizer Kantone den Schillerstein ein, eine natürliche, beim Eingang zum Urnersee an markanter Lage stehende Steinpyramide, die in ein Denkmal zu Ehren Schillers umgestaltet worden war. Gut zwei Jahrzehnte später schuf der Historienmaler Ernst Stückelberg in der Tellskapelle einen neuen Freskenzyklus, der zentrale Szenen aus Schiller darstellte. Ursprünglich geplant als Beitrag des Kantons Uri zur 600-Jahr-Jubliäumsfeier der Eidgenossenschaft, konnte das Telldenkmal in Altdorf erst 1895 eingeweiht werden.[124] Durch diese Figurengruppe, die bald – genauso wie die Stückelberg-Fresken – zur nationalen Ikonografie zählte, erhielt die Urschweizer Befreiungstradition endgültig eine nationale Überhöhung und zugleich – durch ein Schiller-Verszitat am Sockel – eine weitere explizite Schiller-Reminiszenz. 1899 kam als weitere Attraktion das Altdorfer Tellspielhaus dazu, wo bis heute Schillers Drama regelmässig aufgeführt wird. Ab 1906 verkehrte auf dem Vierwaldstättersee das neue Dampfschiff «Schiller», und mit etwas Abstand folgte in den 1930er-Jahren die Restaurierung der sogenannten Hohlen Gasse; sie liegt indessen nicht am Urnersee, sondern in der Nähe des Küssnachter Beckens.[125]
Eine weitere, geradezu objektivierte Aufwertung des Gründungsmythos initiierte der Bundesrat 1889.[126] Angeregt durch die auf 1891 festgesetzte Berner 700-Jahr-Gründungsfeier, aber auch durch den seit 1890 von der Arbeiterschaft regelmässig begangenen 1. Mai liess er eine im 18. Jahrhundert entdeckte, aber seither wenig beachtete Urkunde, datiert auf 1291, wissenschaftlich untersuchen und deuten, und zwar vom radikal-liberalen Jurist Carl Hilty und Wilhelm Oechsli, Geschichtsprofessor der ETH Zürich. Die als neues Gründungsdokument uminterpretierte Urkunde von 1291, der sogenannte «Bundesbrief» und zugleich «Nationalreliquie»[127], ersetzte nicht nur das von Tschudi imaginierte Datum von 1307, sondern auch die Vorstellung einer Verschwörung, die der Nationswerdung zugrunde gelegen haben soll. Vielmehr schien sie auf einem schriftlich fixierten Rechtsdokument zu basieren, das indes weder Eigennamen von Beteiligten, ein Ereignis noch einen Ort enthielt, geschweige denn den Schwur, Tells Heldentat oder den Burgenbruch erwähnte. Diese wissenschaftlich überformte Verschmelzung, wonach der Schwur am 1.8.1291 auf dem Rütli stattgefunden und die Schweiz begründet habe, ist bis heute wirksam.[128] Abgesehen von der fälschlichen Gleichsetzung trifft auch die Begrifflichkeit der Gründung nicht zu. Denn die Urkunde, der «Bundesbrief», bildet nur eines von vielen Bündnissen, die in ihrer unvorhersehbaren und alles andere als linearen Entwicklung schliesslich zur Gründung des Bundesstaats führten.
Gerade in den 1930er-Jahren, im Kontext der «Geistigen Landesverteidigung», gewannen das Rütli und der Schwur erneut an Gewicht. Die frontistischen Bewegungen sahen in den drei Rütli-Verschworenen heilbringende Volksführer. Diesem frontistischen Verlangen nach Erneuerung wurde die generationsübergreifende Tradierung, wie sie in den drei Rütli-Eidgenossen verkörpert waren, entgegengehalten. Die Historiografie ihrerseits bemühte sich, die historische Authentizität der Gründung zu belegen. Als Höhepunkt der «Geistigen Landesverteidigung» kann neben der «Landi», der grossen Landesausstellung in Zürich von 1939, die 650-Jahr-Feier in Schwyz und auf dem Rütli (Bilder 60 und 61) und der Rütli-Rapport von 1940 (Bild 2) auf dem Rütli gelten. General Henri Guisan versuchte damit, das Offizierskorps der Armee auf Widerstandsbereitschaft einzuschwören, und knüpfte durch die Wahl des Ortes an dessen mythischem Symbolwert an in der Hoffnung, ein neues, identitätsstiftendes Bild zu kreieren. Die militärische Lage der Schweiz war nämlich zu Kriegsbeginn äusserst prekär. Nachdem Frankreich im Frühjahr 1940 wenige Wochen nach dem deutschen Angriff kapituliert hatte, fand sich die Schweiz nunmehr umgeben von den Achsenmächten und deren besetzten Gebieten. In dieser Lage höchster Unsicherheit und Bedrohung entschied sich Guisan, die bereits im Vorfeld des Kriegs beschlossene Verteidigungsstrategie weiterzuführen. Die Idee des Réduits beinhaltete, dass bei einem deutschen Angriff die militärische Abwehrkraft in den zentralen und wirksam zu verteidigenden Alpen konzentriert würde – bei gleichzeitiger Preisgabe der wirtschaftlich und kulturell essenziellen Gebiete im vorgelagerten Mittelland.[129] Mit der zu diesem Zeitpunkt fast ausschliesslich aus Infanterietruppen bestehenden Schweizer Armee schien diese dissuasive Strategie eine realistische Verteidigungsoption darzustellen. Ab Juli 1940 verschob die Armee erste Truppenteile, mit dem sogenannten Réduitbefehl kurz vor Ende des Monats verlagerte sich ein grosser Teil der Armee in den zentralen Alpenraum.[130]
Um den Kommandanten der Armee seine teilweise umstrittene Réduit-Strategie zu erläutern sowie die Notwendigkeit des Widerstands darzulegen, beorderte Guisan 650 höhere Offiziere auf den 25. Juli auf das Rütli.[131] Die Ortswahl begründete er im Nachhinein: «Ich hätte das ja in irgendeinem Lokal oder auf irgendeiner anderen Wiese tun können, bei Morgarten vielleicht oder bei Sempach – doch, nein, es musste hier geschehen, auf der Rütliwiese, an der Wiege unserer Unabhängigkeit, auf dem Boden, der jedem so vieles vor dem geistigen Auge heraufbeschwören musste. Ich war überzeugt, dass dort jeder mich besser als irgendwo anders verstehen würde.»[132] Verordneter Treffpunkt für die Teilnehmer war die Schifflände in Luzern, von wo aus das Dampfschiff «Luzern» gemäss Marschbefehl zum Rütli fuhr.[133] Auf der Wiese hielt der General eine Ansprache. Quellen zu diesem bedeutungsvoll gewordenen Ereignis sind rar. Aufnahmen der Rede Guisans gibt es keine, der Wortlaut seiner frei gehaltenen Rede deckte sich wohl nicht mit dem Armeebefehl, der aus der Feder von Bernard Barbey stammen dürfte, dem persönlichen Stabschef des Generals, und der als 26-seitiges Dokument den Teilnehmern nach dem Rapport ausgehändigt wurde.[134] Ansonsten erstaunt es, wie widersprüchlich und auch unsicher sich die Augenzeugenberichte präsentieren.[135] So ist bis heute umstritten, in welcher Sprache der General sprach, wie viele Teilnehmer effektiv dabei waren und wie das Wetter war. Hier hilft eine zweite Hauptquelle weiter, die den Rapport dokumentiert. Es sind die Fotografien, die der junge, aufstrebende Fotograf Theo Frey schoss. Auf ihrer Basis lässt sich rekonstruieren, dass es nicht strahlend sonniges Wetter war, sondern bedeckt, dass nicht 650 Offiziere auf der Wiese standen, wie Guisan – wohl in Anlehnung an den bevorstehenden 650. Jahrestag der eidgenössischen Gründung – selbst behauptete, sondern zwischen 420 und 485. Theo Frey lichtete die Versammlung auf der Wiese in verschiedenen Aufnahmen ab. Auf seinen Fotografien ist zum einen die aufgezogene Schweizerfahne auf der Rütliwiese gut erkennbar, zum anderen flankiert das Banner des Urner Bataillons 87 die Versammlung.[136] Weiter sind die Offiziere auf der Wiese so gruppiert, dass sie während der Ansprache des Generals auf den See und die am anderen Ufer verlaufende Gotthard-Eisenbahnstrecke sahen. Damit hatten sie insgesamt sowohl die Begründung als auch das Vorgehen für die Verteidigung stets vor Augen – eine symbolische Inszenierung der Réduit-Strategie.[137] Der Rapport liess sich so als Reminiszenz deuten, als Neuauflage des Befreiungsdramas, in dem Offiziere als Darsteller oder Statisten eines historischen Ereignisses fungierten.[138]
Wie wurde der Rapport von Zeitgenossen wahrgenommen? Rasch und vor allem negativ reagierten die diplomatischen Vertreter von Deutschland und Italien, so Streit, der deutsche Staatssekretär von Weizsäcker drohte mit ernsthaften Konsequenzen, der Aussenminister Ribbentrop richtete eine Protestnote an die Schweizer Regierung.[139] Fuhrer und vor allem auch Gautschi dagegen beurteilen die deutsche Reaktion als moderat.[140] Ein Indiz dafür sehen sie in den zwei Wochen, die Ribbentrop verstreichen liess, bis er dem Bundesrat die Protestnote überreichen liess.[141] Der Bundesrat reagierte beschwichtigend und zog einer schriftlichen eine mündliche Stellungnahme vor. Die britische und amerikanische Presse hingegen begrüsste die Positionierung Guisans. Der Nachhall in der Schweizer Bevölkerung war, gemäss Streit, gross gewesen sein, nachdem der Militärstab erst drei Tage später informiert hatte.[142] Diesem nur punktuell und individuell belegten Eindruck steht die nachweisbare mediale Publizität gegenüber, die Guisans Aktion ausgelöst hatte. Nur die Hälfte der grösseren Zeitungen berichteten auf der Titelseite über den Rapport, die NZZ, die Basler Nachrichten und die Gazette de Lausanne platzierten den entsprechenden Beitrag weiter hinten im Blatt.[143] Nach Streit war es vor allem die persönliche Weitergabe durch die Offiziere und deren Truppen, welche die Botschaft des Generals in die breite Bevölkerung trug – was wohl der Absicht des Generals entsprach. Aus Sicht der Meinungsforscher der Armee erwies sich diese Inszenierung Guisans als genauso wirkungsvoll wie seine Ansprache zum 1. August in Morgarten: «Ihre Wirkung auf Elite und Volk war ausserordentlich und tief. Das unbedingte Bekenntnis zur Landesverteidung hat eine neue Welle des Zutrauens und des Verteidigungswillens geschaffen. An Stelle von Unsicherheit ist wieder Sicherheit getreten.»[144] Unklar bleiben in diesem Bericht die Kriterien, anhand derer diese Wirkung hätte gemessen werden konnte.
Die Mythenbildung setzte kurz nach Ende des Kriegs ein. Denn dass die Schweiz praktisch ganz vom verlustreichen Kriegstreiben verschont geblieben war, bedurfte der Erklärung. Und diese Erklärung wurde im Bild des Réduits als «erfolgreichem Selbstbehauptungskonzept eines dauernd neutralen Staates» gefunden, eine Monokausalität, die dank ihrer Einfach- und Eindeutigkeit rasch geschichtskulturellen Niederschlag fand, beispielsweise in Geschichtslehrmitteln.[145] Komplexere Begründungszusammenhänge, die das Beziehungsgeflecht von Wirtschaft und Politik aufzeigten, blieben undiskutiert.[146] Speziell die Visualisierungen, die Aufnahmen von Theo Frey, wurden zu ikonischen Bildern dieser offiziellen Sicht auf die Zeit während dem Zweiten Weltkrieg. Während die unmittelbare Nachkriegszeit beide Mythen hochhielt, begann Ende der 1960er-Jahre deren Dekonstruktion. Die Infragestellung der mittelalterlichen Gründungsgeschichte hatte bereits im 18. Jahrhundert eingesetzt, verdeutlicht und präzisiert durch den Luzerner Historiker Eutych Kopp in dessen nach 1830 erschienenen Publikationen, die jedoch auf wenig Echo stiessen. Erst Otto Marchis «Schweizer Geschichte für Ketzer» von 1969 stiess Tell vom Sockel und kritisierte die idealisierte Demokratievorstellungen zum Rütlischwur, ohne dessen Historizität anzuzweifeln.[147] Ähnlich gewichtete auch Max Frisch seine Kritik in «Wilhelm Tell für die Schule», wo er den Nationalmythos ebenfalls von Tell aus dekonstruierte.[148] In der Wendezeit um 1990 sah sich die wohlstandsverwöhnte und deshalb auf Kontinuität bedachte Schweiz mit aussen- und innenpolitischen Altlasten des beendeten Kalten Kriegs konfrontiert.[149] Die Feierlichkeiten zum 700-Jahr-Jubiläum, eröffnet auf dem Rütli, fielen in diesem Kontext zweispältig aus. Gegen Ende des Jahrhunderts schliesslich prägten rechtsextreme Gruppierungen die Bundesfeier auf dem Rütli und prägten dessen kollektive Wahrnehmung stark.
Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass Ende des 15. Jahrhunderts die Überlieferung der Gründungs- und Befreiungssage einsetzte und im darauffolgenden Jahrhundert ihre kanonische Ausgestaltung erhielt. Von Beginn an fundierte die Gründungsgeschichte – der Ort hingegen kaum – die innenpolitische Legitimation und das Selbstverständnis bei gleichzeitiger aussenpolitischer Abgrenzung. Im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert führten aufklärerischer Patriotismus und nationalromantische Strömungen zu einer ideellen Aufladung des Rütli, auf das sich gleichermassen progressive und konservative Kräfte bezogen. Auch deshalb griff der neue, liberal geformte Bundesstaat von 1848 auf die mittelalterliche Gründungs- und Heldengeschichte zurück, ein Rückgriff, der als Legitimationsanspruch und Versöhnungsgeste dienen konnte. Eine weitere mythische Aufladung der Landschaft rund um den Vierwaldstättersee hatte bereits Schillers Theaterstück «Wilhelm Tell» besorgt, eine Wirkung, die durch die politische und touristische Entwicklung verstärkt und in mehreren Denkmälern objektiviert wurde. 1891 schliesslich erklärte der bürgerliche Bundesrat den 1. August 1291 zum Gründungsdatum der Schweiz, ein Datum, das sich rasch mit dem Schwur resp. dessen angeblichen Ort verband. In der Zwischenkriegszeit verstärkte sich die Bedeutung des Gründungsmythos, denn zentrale Ideen der von bürgerlicher Seite getragenen «Geistigen Landesverteidigung» bezogen sich auf die mittelalterliche Befreiungstradition, die aufgrund der äusseren Bedrohung als Unabhängigkeitstradition gedeutet wurde und im Rütli-Rapport ihren symbolträchtigen Ausdruck fand. Dessen Wirksamkeit entfaltete sich nach dem Zweiten Weltkrieg und stand emblematisch für die kollektive Überzeugung, dass die Schweiz dank ihrer militärischen Stärke vom Krieg verschont geblieben war – ein Mythos, den Historiker seit den 1960er dekonstruierten und der durch das Ende des Kalten Kriegs erst recht in Frage gestellt wurde. Seit Ende des Jahrhunderts prägten rechtsextreme Gruppierungen die Bundesfeier auf dem Rütli und damit wesentlich dessen kollektive Wahrnehmung.
1.9 Forschungsstand IV: Das Rütli als Besuchsziel und als Ort von Gedenkfeiern
Auf den individuellen und kollektiven Gebrauch des Denkmals Rütli zielt eine der zentralen Fragestellungen des Projekts. Dazu liegen nämlich bisher nur eher allgemein gehaltene Aussagen vor. Kreis widmet dem alltäglichen, individuellen Gebrauch des Rütlis sowie der Bewilligungspraxis der SGG für Gruppenbesuche ein Kapitel und stellt chronologisch die Nutzungen des Orts in Form von Feier- und Festanlässen vor.[150] Ebenso fächert er eine breite geschichtskulturelle Palette von Rütli-Bildern auf.[151] Die vorangegangene Literatur enthält in der Regel nur punktuelle Hinweise zum individuellen Besuch, unter anderem auch zu der offenbar sehr hohen Zahl von Besuchern.[152]
Der kollektive Besuch erweist sich gerade beim Rütli als besonders intensiv. Um diese zahlreichen Gedenkfeiern und -jubiläen zu kontextualisieren, sei deshalb in einem ersten Schritt ein chronologischer Blick auf schweizerische Gedenkfeiern geworfen, denen beim Aufbau eines modernen Nationalbewusstseins eine wichtige Rolle zukam.[153] Der zweite Schritt skizziert die Entstehungsumstände der rütlispezifischen Feiern – eine detailliertere Analyse dieser Umstände und der weiteren Entwicklung ist Gegenstand des Kapitels 4.3.
Im Fall der Schweiz gehen den Gedenkfeiern die alteidgenössischen Schlachtjahrzeiten voran.[154] Diese kirchlichen Gedenktage für die in Schlachten gefallenen Vorfahren setzten im Spätmittelalter ein und wurden mit lokaler Ausstrahlung teilweise bis in das 20. Jahrhundert begangen. Im Gegensatz zu den Schlachtenjahrzeiten bildeten die Gedenkfeiern von Anfang an nationale Anlässe, deren Teilnehmer den siegreichen Taten der Vorfahren gedachten, die von staatlicher Seite verantwortet wurden und formal dennoch sakral ausgestaltet waren. Diese Feiern kamen vor allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf, befördert durch die jungen liberalen Bewegungen, welche darauf abzielten, das nationale Bewusstsein zu fördern. Gleichzeitig können diese jährlich und auch «dezenar» durchgeführten Feiern erstanden werden als stabilisierendes Gegengewicht zum raschen und verunsichernden gesellschaftlichen Wandel des 19. Jahrhunderts. So setzten beispielsweise die Zentenarfeiern der Schlacht am Morgarten 1815 ein, jene in Laupen 1839, in St. Jakob bei Basel 1844, wo bereits seit 1822 ein jährliches St.-Jakobs-Fest stattfand. 1851 kam der neue Typus der Bundesbeitrittsfeier hinzu, als der Kanton Zürich das 500-Jahr-Jubiläum beging und so eine Tradition begründete, die schliesslich in die erste grosse Bundesfeier von 1891 mündete. Formal erweiterten die Gedenkfeiern die sakralen Elemente der traditionellen Schlachtjahrzeiten um weitere, zivile Komponenten: Festspiele, die das vergangene Geschehen theatralisierten, Festschriften, die das Geschehen zurückblickend schriftlich fassten, Denkmäler, die das erzählte Geschehen räumlich verorteten und auch Festschiessen, welche die partizipative Wiederherstellung von Vergangenem zeitgemäss und stark formalisiert ermöglichten. Auch die Schweiz geriet so in die «grosse Euphorie des Festwesens»[155] der bürgerlichen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein.[156] Am Ende des Jahrhunderts beklagten Zeitgenossen die rasant angewachsene Zahl solcher patriotischen und kulturellen Feiern – die SGG setzte gar einen Ausschuss ein mit dem Auftrag, nach Mitteln und Wegen zu suchen, um diesem Übel entgegenzutreten.[157]
Auf dem Rütli besteht eine besonders reichhaltige, aber relativ spät einsetzende Tradition von Gedenkfeiern. Dazu zählen nicht nur grosse Zentenar-Jubiläen, sondern auch die jährlich wiederkehrenden Feiern, die sich alle auf das mythische Gründungsdatum von 1291 beziehen. Überdies sind auch für das zweite Referenzereignis des Rütlis, den Rütli-Rapport von 1940, Gedenkfeiern entstanden. Die mit dem Gründungsmythos verbundenen Jubiläumsfeiern fanden jeweils mit grossem Aufwand statt. Die erste, die vor allem auch terminlich explizit auf die Gründung Bezug nahm, war jene von 1808, die an mehreren Orten begangen wurde, jedoch nicht auf dem Rütli.[158] Die Feier zum 100. Geburtstag von Schiller, der den Mythos in eine poetische Form gegossen habe, so die Einschätzung der Initiatoren der Veranstaltung, steht deshalb am Anfang der Jubiläumsreihe.[159] Denn die Veranstalter wollten mit dem Anlass zwar Schiller als Schriftsteller würdigen, aber vor allem auch des «552. Geburstags des Schweizerbundes» und des historischen und vor allem symbolischen Gehalts des Rütlis gedenken. Das nächste resp. erste explizite Gründungsjubiläum fand schliesslich 1891 statt, als 1291 zum offizielle Datum der Bundesgründung bestimmt wurde.[160] Dass diese Feier überhaupt stattfinden konnte, war keineswegs selbstverständlich. Nach dem Sonderbundskrieg 1847 war die liberale Bundesstaatsgründung des darauffolgenden Jahres nicht «darstellbar», da dies einer Provokation der unterlegenen, katholischen Kantone gleichgekommen wäre.[161] Trotzdem hielten die Innerschweizer Kantone am traditionellen Gründungjahr 1307 fest und organisierten deshalb 1907 eine 600-Jahr-Feier. Die wohl grösste Feier fand mitten im Zweiten Weltkrieg statt und ist im Kontext der «Geistigen Landesverteidigung» zu sehen. Die jüngste Zentenarfeier schliesslich beging die Schweiz 1991. Militärische Kreise organisierten erstmals 1960 einen grossen Anlass, um an den Rütli-Rapport zu erinnern. Damit initiierten sie eine Tradition, die bis in die jüngste Zeit fortdauert und gleichzeitig eine auffällige Unregelmässigkeit bei Rhythmus und Terminierung aufweist.
Neben den Jubiläen zählen auch jährlich wiederkehrende Feste zu den Gedenkfeiern.[162] Die Idee, auf dem Rütli regelmässig eine offizielle Feier einzurichten, um an das Referenzereignis von 1291 oder 1307 zu erinnern, wurde erstmals Ende des 18. Jahrhunderts formuliert, ohne dass sie umgesetzt worden wäre.[163] Auch die grosse Jubiläumsfeier von 1891 hätte dazu führen können, am Urnersee dem Schwur regelmässig zu gedenken. Aber erst der Druck von Auslandschweizerkolonien, die einen mit dem deutschen oder französischen vergleichbaren Nationalfeiertag wollten, führte 1899 dazu, dass der Bundesrat den Kantonen ein allgemeines Glockenläuten zum Gedenken an den 1. August empfahl, und setzte damit den Anfangspunkt des 1. Augusts als Feiertag.[164] Zwei Gründe dürften danach zur Etablierung dieses Festes beigetragen haben. Erstens erschien es, aus bürgerlicher Sicht, als einigendes Element über religiöse, kulturelle und politische Grenzen hinweg – in Abgrenzung zum 1. Mai, der klassenspezifisch definiert war.[165] Zweitens eigneten sich die Feiern als Attraktion für die Touristen – weshalb in den Bergen traditionelle Höhenfeuer allmählich auf diesen Tag gelegt wurden.
Auf dem Rütli signalisierte der Pächter Ulrich im Jahr 1900 den nunmehr offiziellen Nationalfeiertag, indem er am Rütlihaus die Schweizerflagge hisste.[166] Frühste Belege für eine zumindest halboffizielle Bundesfeier auf dem Rütli stammen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, als die Offiziersgesellschaft erste Feiern organisierte, bestimmt für Soldaten und in einfachem Rahmen gehalten.[167] Nach Kriegsende scheint diese Tradition in militärischen Kreisen nicht ganz erloschen zu sein, berichteten doch die Schaffhauser Nachrichten von einer Infanterie-Rekrutenschule in Luzern, die mit einer schlichten Feier am 1. August 1924 auf dem Rütli der Gründung des ersten Schweizerbundes gedenken wollte.[168] Nach der Anzahl der Einträge in den Gästebüchern des Rütlihauses zu urteilen – in den Zwischenkriegsjahren verzeichnen die Bücher am 1. August wenige bis sogar gar keine Einträge – fanden tatsächlich keine grösseren, weder offizielle noch inoffizielle Feiern statt. Diese Beobachtung wird durch die Ausnahme bestätigt, die für 1928 dokumentiert ist, als nämlich eine Musikformation von Auslandschweizern, die aus San Francisco angereist war, auf der Wiese aufspielte.[169] Eine regelmässige Feier scheint also unrealisiert geblieben zu sein, und dies, obwohl gemäss dem Rütlipächter der Wunsch danach vielfach artikuliert worden war.[170] Erst 1937 führte schliesslich der konservative Schweizerische Vaterländische Verband erstmals eine Bundesfeier auf der Rütliwiese durch, eine einsetzende Tradition, welche die SGG zehn Jahre später übernahm und weiterführte.
Ebenfalls als Gedenkfeier können die beiden Rütlischiessen verstanden werden. Ihre Entstehung und Entwicklung hat Wiget 2012 in einer fundiert recherchierten und reich bebilderten Monographie dargestellt. Die Entstehung des älteren der beiden Rütlischiessen, des 300-m-Schiessens, ist im Kontext des neu entstandenen schweizerischen Bundesstaates von 1848 zu sehen. Denn bereits zuvor, aber dann erst recht nach 1848 kam den grossen gesamtschweizerischen Schützen-, Turner- und Sängerfesten eine wichtige Funktion bei der nationalen Identitätsstifung zu – ein liberales Anliegen, das aber gleichzeitig im Fall der Schützen in konservativem Gewand eines Bürgersoldaten erschien und so dessen versöhnliche Akzeptanz in beiden politischen Lagern zu sichern vermochte.[171]
Seine Entstehung führen die Rütlischützen auf das Jahr 1859 zurück.[172] Zu diesem Zeitpunkt fand zwar gar keines statt, aber die Luzerner Feldschützen hatten einen Antrag aus den eigenen Reihen diskutiert, der in Anlehnung an die Schillerfeier im selben Jahr ein Schiessen auf dem Rütli vorschlug zusammen mit den Innerschweizer Schützen. Bereits an dieser Stelle zeigt sich die erinnerungspolitische Funktion, die dem Schiessen beigemessen wurde. Das erste tatsächlich durchgeführte Schiessen mit Luzerner und Schwyzer Schützen fand ein Jahr später statt, und zwar am Mittwoch vor Martini, dem Tag des Rütlischwurs, gemäss Johannes von Müllers Schweizer Geschichte. 1862 beschlossen die Luzerner Schützen im Rahmen ihrer ersten Rütli-Schützengemeinde, ein jährliches Schiessen durchzuführen.[173] Nach dem Rückzug der Luzerner als alleiniger Organisatoren gründeten die Innerschweizer Schützen 1875, nun gemeinsam mit den Luzernern, den «Rütli-Schützen-Verein», der das jährliche Rütlischiessen fortan verantwortete.[174] Nach einer Anfangsphase richtete jeweils eine der Innerschweizer Sektionen im Turnus das Schiessen aus.[175] Erst 1993 schliesslich erhielt das Schiessen einen übergeordneten rechtlichen und organisatorischen Rahmen, als nämlich die SGG mit den Rütlischützen einen Vertrag abschloss, der Rechte und Pflichten der Schützen erstmals schriftlich fasste.[176]
Pistolenschiessen auf kürzere Distanz fanden auf dem Rütli bereits im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts statt, ohne dass sich eine Tradition etablieren konnte, zumal die Rütlikommission nach erneuten Vorstössen ein zweites institutionalisiertes Schiessen auf dem Rütli ablehnte.[177] Es war dann 1936, als die Altdorfer Pistolenschützen das alljährliche Innerschweizer Freundschaftsschiessen auf dem Rütli durchführten aus vaterländischen Gründen – in der Hoffnung, damit den Startschuss für ein Rütlischiessen legen zu können, was auch gelang. Denn zum Abschluss des ersten durchgeführten Schiessens 1936 beschloss die Schützen-Landsgemeinde, das Schiessen von nun an jedes Jahr jeweils am zweiten oder dritten Sonntag im Oktober auszutragen. Als organisierende Rütli-Stammsektionen wurden eine Urner Sektion, eine Schwyzer, zwei Nidwaldner und eine Obwaldner bezeichnet sowie Zofingen als ständige Gastsektion. 1939 erhob die Rütlikommission auch das Pistolenschiessen zur ständigen Institution, die bis heute lebendig ist.
Damit lässt sich für Gedenkfeiern auf dem Rütli festhalten, dass sie im nationalen Vergleich relativ spät einsetzten; anderen mittelalterlichen Referenzereignissen wurde seit Beginn des 19. Jahrhunderts gedacht. Die erste grosse Feier, jene von 1891, markierte offiziell das festgelegte Gründungsdatum von 1291, ein Jubiläum, das 1941 und 1991 erneut begangen wurde. Als erstes jährliches Gedenken des Gründungsjahres auf dem Rütli kann das 300-m-Rütlischiessen gelten, getragen von Innerschweizer Schützenvereinen. Das 50-m-Schiessen seinerseits entstand in den innenpolitisch bewegten, von der «Geistigen Landesverteidigung» geprägten 1930er-Jahren. Ebenfalls 1938 organisierte der konservative Schweizerische Vaterländische Verband auf dem Rütli erstmals eine Bundesfeier, deren jährliche Durchführung zehn Jahre später an die SGG überging. Zum Andenken an den Rütli-Rapport begingen militärische Kreise erstmals 1960 eine Feier, der weitere folgten.
1.10 Fragestellungen
Als theoretischer Kern dient dem vorliegenden Projekt Hettlings «Erlebnisraum», ergänzt durch die in diesem Kapitel beigezogenen theoretischen Erweiterungen. Darstellung 3 visualisiert dieses Gerüst und verortet darin gleichzeitig die konzeptionelle Zweiteilung der Untersuchung. Im Zentrum – grau hinterlegt – befinden sich die drei Komponenten von Hettlings «Erlebnisraum» mit den von ihm vorgeschlagenen kulturanthropologischen Operationalisierungsdimensionen. Dazu zählen das historische Gedenken, das Ritual resp. die symbolische Praxis, die politischen Emotionen sowie der authentifizierende Ort. Wie beziehen sich nun die Komponenten auf die Dimensionen? Korrespondiert das Denkmal mit dem authentifizierenden Ort, der sich mithilfe der Denkmaldefinitionen von Mittig und Nora begrifflich fassen lässt, kann die Komponente des Fests analysiert werden in Form der symbolischen Praxis, gestützt auf die Ritualtheorie von Stollberg-Rilinger. Der Mythos wiederum verbindet sich mit dem historischen Gedenken, dessen Strukturen mit geschichtsdidaktischen Geschichtsbewusstseins-Konzepten zu fassen ist. Die politischen Emotionen schliesslich werden als Teilaspekte sowohl der symbolischen Praxis als auch des historischen Gedenkens verstanden, weshalb sie in der Darstellung als Unterkategorie aufgeführt sind.
Hettlings «Erlebnisraum» zusammen mit dem erweiterten Theoriegerüst finden in der übergeordneten Dimension von Marchals Gebrauchsgeschichte einen passenden Rahmen, der seinerseits in der geschichtsdidaktischen Zentralkategorie der Geschichtskultur aufgeht. Letztere definiert Schönemann als kollektive Aussenseite des Geschichtsbewusstseins, das sich vom individuellen unterscheidet, eine Differenzierung, welche Darstellung 3 nur ansatzweise wiederzugeben vermag. Denn das historische Gedenken weist hier diese beiden Perspektiven zwar aus, das individuelle und das kollektive Geschichtsbewusstsein sind jedoch auf unterschiedlichen Hierarchieebenen visualisiert. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass alle vier Operationalisierungsdimensionen nach Hettling sowohl aus individueller als auch aus kollektiver Perspektive gesehen werden müssen, zwei Perspektiven, die zwar in einem wirkungsrelevanten Zusammenhang stehen, der sich indes empirisch kaum ausdifferenzieren lässt.[178] So kann etwa der authentifizierende Ort aus der spezifischen Sicht eines Besuchers beschrieben werden oder anhand gesellschaftlich relevanter Abbildungen. Da das Denkmal als authentifizierender Ort den Rahmen des Erlebnisraums bildet, kommt seiner Gestaltung und Wirkungsabsicht besondere Bedeutung zu. Diesem ersten erkenntnisleitenden Bereich (Gegenstandsanalyse) steht der Umgang mit dem Denkmal gegenüber, dem zweiten erkenntnisleitenden Bereich, in der Darstellung 3 als Gebrauchsanalyse bezeichnet, dem sowohl eine individuelle als auch eine kollektive Sichtweise eigen ist. Für diese beiden Bereiche ergeben sich damit die in Darstellung 4 wiedergegebenen Haupt- und Unterfragestellungen.

Darstellung 3
| Fragestellungen | |
|---|---|
| Bereich 1: Gegenstandsanalyse | |
| Wie ist das Denkmal, also seine Elemente und das Gelände insgesamt, gestaltet? | |
| In welchem politischen und kulturellen Kontext entstand das Denkmal? Welche Grundideen prägten seine Gestaltung? Welche Gebrauchsvorstellungen waren damit verbunden? | |
| Wie hat sich die Gestalt des Rütlis im zeitlichen Längsschnitt verändert? Inwiefern können diese Veränderungen – und die nicht realisierten Veränderungen – als geschichtskulturelle Indizien dafür verstanden werden, wie die Denkmalverantwortlichen selbst, aber auch gesellschaftliche Gruppen das Gelände wahrnahmen und verstanden? | |
| Wie ist Entstehung, Gestaltung und Entwicklung des Rütlis vor dem Hintergrund denkmal-, mythen- und mentalitätstheoretischer Modelle zu deuten? | |
| Bereich 2: Gebrauchsanalyse kollektiv | |
| Wodurch zeichnen sich kollektive Darstellungen von Mythos, kollektive Repräsentationen des Denkmals und kollektive Praxen am Denkmal aus (synchron und diachron)? | |
| Wie werden Mythos und Denkmal – textlich und bildlich – in geschichtskulturellen Medien dargestellt? | |
| Wie entwickelten sich die Gedenkfeiern im Hinblick auf Frequenz, rituelle Gestaltung, beteiligte Akteure sowie öffentliche Wahrnehmung? | |
| Wie hoch ist die Zahl und welches ist die Herkunft der Schulklassen, die das Rütli besuchen? Worin bestehen die Interaktionen mit dem Denkmal? Welchen rituellen Gehalt weisen sie auf? | |
| Wie viele und welche Gruppen besuchen das Rütli? Worin bestehen die Interaktionen mit dem Denkmal? Welchen rituellen Gehalt weisen sie auf? | |
| Bereich 3: Gebrauchsanalyse individuell | |
| Wodurch zeichnen sich individuelle Vorstellungen von Mythos, individuelle Repräsentationen des Denkmals und individuelle Praxen am Denkmal aus (synchron und diachron)? | |
| Welche Vorstellungen zum ortsspezifischen Mythos und zur ortsspezifischen Geschichte sind bei den individuellen Besucherinnen und Besuchern vorhanden? | |
| Wie nehmen die Besucherinnen und Besucher das Gelände wahr? | |
| Wie viele Personen besuchen das Rütli und welches ist ihre soziodemografische Herkunft? | |
| Worin bestehen die Interaktionen mit dem Denkmal? Welchen rituellen Gehalt weisen sie auf? | |
| Warum wird das Denkmal besucht? Welche Emotionen löst der Besuch aus? | |
| Bereich 4: Zusammenführung | |
| Wie lässt sich der Gebrauch des Denkmals im jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontext verorten? | |
| Inwiefern ist das Rütli ein «Erlebnisraum» nach Hettling? Welche Variabilität weisen die entsprechenden Komponenten von Mythos, Denkmal und Fest/Ritual auf? | |
Darstellung 4
2 Methodisches Instrumentarium, Quellenbestände und Darstellungsgang
Pluralität kennzeichnet das Projekt sowohl hinsichtlich des verwendeten Methodeninstrumentariums als auch bezüglich der produzierten und recherchierten Datenbestände. Als strukturell-konzeptionelle Synopse stellt Darstellung 5 die Gebrauchsanalyse der Gegenstandsanalyse gegenüber, jeweils gegliedert nach Fragestellungsbereichen resp. Kapitel, Daten-/Quellenbestand und Methode.
Das Untersuchungsdesign ist methodenplural ausgerichtet. Dazu böte sowohl der Triangulations- als auch der Mixed-Methods-Ansatz eine methodologische Grundlage. Ersterer ist als Validierungskonzept entstanden im Rahmen quantitativer Forschung, deren Resultate durch eine zusätzliche qualitative Perspektive überprüft werden sollten.[179] Dieser Ansatz hat sich in der Folge flexibilisiert und weiterentwickelt und dadurch dem Mixed-Methods-Verfahren angenähert, dessen Kernidee darin besteht, qualitative und quantitative Methoden zu kombinieren und zu integrieren entsprechend der Komplexität der Fragestellungen.[180] Deshalb und aufgrund der vielgestaltigen Datenbasis des vorliegenden Projekts eignet sich dieser Ansatz besonders gut. Quantitativen Erhebungen (Kurzfragebogen, serielle Bildanalyse) steht eine grössere Zahl von qualitativen gegenüber (nicht teilnehmende Beobachtung, Kurzinterviews, qualitative Inhaltsanalyse, Bildinterpretationen), eine Gewichtung, wie sie für explorative Studien typisch ist.[181] Die einschlägigen Systematisierungen der Mixed-Methods-Designs unterscheiden mehrere Basis-Designs, von denen im vorliegenden Projekt das parallele Design zur Anwendung kommt.[182] Dabei führt der Forschende die verschiedenen methodischen Teilstudien durch, deren Ergebnisse im Anschluss daran im Sinne eines Mixings der Resultate aufeinander bezogen werden. Der wesentliche Vorteil dieser mehrperspektivischen Vorgehensweise besteht darin, dass mehrere Datenqualitäten mit spezifischen Perspektiven erhoben werden und sich in der Auswertung bestätigen oder ergänzen.
Der Mixed-Methods-Ansatz entspricht einem in der kulturanthroplogischen Forschung häufig angewandten Vorgehen, bei dem methodische Zugänge der jeweiligen forschungsrelevanten Situation den vorhandenen Daten und dem Gegenstand flexibel angepasst werden – was auch für die vorliegende Studie zutrifft. Die Darstellung und Begründung der Daten- und Methodenauswahl enthalten die folgenden Abschnitte 2.1, 2.2. und 2.3. Das abschliessende Teilkapitel 2.4 erläutert den Darstellungsgang im Sinne einer Wegleitung, die über den Aufbau der Untersuchung informiert.
| Synopse zu den pluralen Datenbeständen und Methoden | ||
|---|---|---|
| Fragestellungsbereiche/Kapitel | Daten-/Quellenbestand | Methode |
| Bereich 1/Kapitel 3: Gegenstandsanalyse | ||
| Beschreibung des Ortes und seiner Bestandteile | Div. schriftliche und bildliche Quellen | Quellenkritische Analyse, Bildinterpretation |
| Analyse der Intentionalität (potenzieller Deutungsgehalt) | Div. schriftliche und bildliche Quellen | Hermeneutische Interpretation |
| Bereich 2/Kapitel 4: Gebrauchsanalyse kollektiv – Darstellung, Gedenkfeier und Gruppenbesuche | ||
| Mythos und Denkmal als Text: Beschreibung und Interpretation textlicher Darstellungen | Historiografische Texte, Schulische Lesebücher, Geschichtslehrmittel, Massenmedien, Reiseführer, andere touristische Texte, Bezeichnungen im öffentlichen Raum | Quantifizierende und qualitative Inhaltsanalyse |
| Mythos und Denkmal als Bild: Beschreibung und Interpretation bildlicher Darstellungen | Ikonische Abbildungen, Postkarten, weitere touristische Abbildungen, Wertträger und Poststempel, Fernsehen, Rütliführer, Inserat | Quantifizierende und qualitative Bildinterpretation |
| Praxis I: Gedenkfeiern (Jubiläumsfeiern, Bundesfeiern, Rütlischiessen) | Div. Quellen, Massenmedien, Kurzinterviews, Experteninterviews | Quellenkritische Analyse, qualitative Inhaltsanalyse |
| Praxis II: Gruppenbesuche (Akteure und Frequenz) | Div. Quellen, Experteninterviews | Quellenkritische Analyse |
| Praxis III: Schulreisen (Anzahl und Herkunft) | Schulberichte, div. Quellen, Experteninterviews | Quantitativ-deskriptive Statistik, quellenkritische Analyse |
| Bereich 3/Kapitel 5: Gebrauchsanalyse individuell – Vorstellung und Wahrnehmung | ||
| Mythos: individuelle Vorstellungen | Kurzinterviews, Kurzfragebogen | Qualitative Inhaltsanalyse, quantitativ-deskriptive Statistik |
| Denkmal: Wahrnehmung und Deutung (fotografisch, verbalisiert) | Flickr-Fotoalben und andere Fotosequenzen; Kurzinterviews, Kurzfragebogen | Quantifizierende und qualitative Bildinterpretation, qualitative Inhaltsanalyse |
| Bereich 4/Kapitel 6: Gebrauchsanalyse – kollektive und individuelle Interaktion | ||
| Praxis I: Anzahl und Soziodemografie der Individualbesuchenden | Kurzfragebogen, Schifffahrtsfrequenzen, div. Quellen | Quantitativ-deskriptive Statistik |
| Praxis II und III: Interaktion Besucherinnen, Besucher – Ort (diachron und synchron) | Kurzinterviews, Beobachtung, Experteninterviews, div. Quellen | Qualitative Inhaltsanalyse, quantitativ-deskriptive Statistik |
| Praxis IV: Motive und Emotionen von Individualbesuchenden | Rütlibücher, Kurzinterviews | Qualitative Inhaltsanalyse |
Darstellung 5
2.1 Quellenkritische Hermeneutik schriftlicher und audiovisueller Medien
2.1.1 Allgemeine Quellen zum Denkmal und dessen Gebrauch
Den grundlegenden Quellenbestand zum Rütli stellt das Archiv der Verwalterin des Denkmals, der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG), dar.[183] Vor allem für die ersten Jahrzehnte nach dem Rütli-Kauf 1859 ergänzen nur wenige und zudem unsystematisch erhaltene Materialien die lückenlos erhaltenen Jahresberichte. Die Überlieferung der Protokolle der Rütlikommission setzt in den 1930er-Jahren ein. Sie ermöglichen einen detaillierten Einblick in die Tätigkeit des Gremiums, welche das Denkmal massgeblich prägte. Diese Überlieferungssituation hat zur Folge, dass textliche und bildliche Dokumente zu Einrichtung, Ausbau und Unterhalt der Anlage zwar vorliegen, wünschbar wären jedoch mehr Angaben zu Überlegungen, Absichten und Motivationen der Kommission. Als noch grössere Herausforderung erwies sich, die alltägliche, individuelle Rütlinutzung auf dieser archivalischen Grundlage zu rekonstruieren. Direkte schriftliche Spuren des Rütlibesuchs, Erfahrungsberichte, Briefe oder Ähnliches fanden sich nur sporadisch. Immerhin enthält das Archiv Dokumente, die im Hinblick auf den Besuch von Gruppen oder das Verhalten der Besuchenden beigezogen und ausgewertet werden konnten, insbesondere in Form der seit der Jahrtausendwende systematisch erfassten Bewilligungen für Gruppenbesuche, die gemäss Benutzungsreglement der SGG einzuholen sind. Weitere, für die Fragestellungen relevante und konsultierte Archivbestände befinden sich im Schweizerischen Bundesarchiv (Quellen zu Bundesfeiern) sowie in denjenigen Archiven, die in Kapitel 2.3.2 angeführt werden.
Vor allem im Archiv der SGG, aber auch im Bundesarchiv liegen die schriftlichen Fassungen einiger Reden, die anlässlich der Bundesfeier auf dem Rütli gehalten worden waren. Deren systematische, inhaltliche Analyse wäre denkbar gewesen. Dennoch wurde darauf verzichtet. Denn erstens sind nur wenige Reden aus chronologisch ungleich verteilten Jahren greifbar, ein analytischer und serieller Längsschnitt wäre kaum möglich gewesen. Zweitens machte ein kursorischer Durchgang deutlich, dass die Inhalte und die Mythendeutung – erwartungsgemäss – stark zeitgebunden sind. In diesem Projekt soll jedoch eine jeweils gegenwartsbezogene Sicht und Deutung des Rütlis auf der Grundlage anderer Quellenbestände erfolgen, wie beispielsweise anhand der Einträge in den Rütlibüchern. Die Bundesfeier hingegen ist bildlich zwar nicht lückenlos, aber dennoch regelmässig dokumentiert dank reichhaltigem Fotomaterial, das in Kapitel 2.2.8 erläutert wird.
2.1.2 Schulberichte
Teil der Gebrauchsanalyse bildet natürlich die Frage, ob tatsächlich jedes Schweizer Schulkind, entsprechend der landläufigen Meinung, im Rahmen einer Schulreise das Rütli besuchte. So einfach die Frage, so anspruchsvoll erwies sich deren Beantwortung. Die konsultierten Archivalien umfassten Akten, Protokolle und vor allem Jahresberichte verschiedener Schulstufen (Primarschule, Sekundarstufe I und II) in der Deutsch- und Westschweiz (Staats- und Stadtarchiv Zürich, Staatsarchiv Bern, Archives cantonales vaudoises, Archives de l’Etat de Fribourg).[184] Die Quellenlage erwies sich als problematisch, da die entsprechenden Unterlagen die Schulreise-Ziele entweder nicht systematisch ausweisen oder die Unterlagen an sich nicht systematisch archiviert wurden. Diesbezüglich hebt sich vor allem die Bildungsverwaltung der Stadt Zürich ab. Aufgrund der umfassend erhaltenen Angaben gelang es, längere, gesicherte Datenreihen zu den Schulreise-Zielen der Primar- und Sekundarschulen zu generieren. Die quantifizierende Auswertung in Form deskriptiver Statistik kann auf dieser Datengrundlage zwar keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben, aber zumindest Entwicklungstendenzen aufzeigen.
2.1.3 Geschichtslehrmittel
Die Geschichtslehrmittel, oft als die Leitmedien des Geschichtsunterrichts aufgefasst,[185] stellen geschichtskulturelle Medien dar, deren Intentionalitäten teilweise, dessen Wirkungsweisen hingegen kaum fassbar sind im historischen Rückblick.[186] Diese Medien drücken mit ihren Zielsetzungen und Inhalten jene geschichtlichen Vorstellungen aus, jenes «Geschichtsbewusstsein, das Kollektive oder ganze Gesellschaften an die nachwachsende Generation weitergeben wollten».[187] In der diachronen Rückschau ermöglichen Lehrmittel daher nicht, auf individuelle, sondern höchstens auf kollektiv und intendierte geschichtliche Vorstellungen zu schliessen. In Bezug auf die heutigen Lehrmittel steht sogar dieser Zusammenhang zur Disposition, muss doch davon ausgegangen werden, dass Lehrbuchinhalte längst nicht immer mit den Unterrichtszielen resp. dem praktischen Gebrauch der Schulbücher übereinstimmen.[188]
In seinem gross angelegten Schulbuchvergleich untersucht Markus Furrer die Geschichtsbilder zur Schweizer Geschichte, wie sie in Geschichtslehrmitteln enthalten sind.[189] Unter Bildern versteht er narrative Konstrukte, die die Vergangenheit nicht einfach abbilden, sondern organisieren – aus einer gegenwartsbezogenen Perspektive. Der im Untertitel seiner Studie verwendete Begriff der «Leitbilder» weist darauf hin, dass die Geschichte der Schweiz als Abfolge von Bildern verstanden werden kann, gleichzeitig die Lesenden beeinflusst werden und eine über das Schulzimmer hinausgehende Wirkung haben sollen. Umgekehrt stellen diese Medien auch ein Geschichtsbild dar, das für die jeweilige Entstehungszeit der Werke repräsentativ sein dürfte.
Dabei spannt Furrer ein Analysedreieck auf, indem er die Erkenntnisse aus dem schweizerischen Nationalisierungsprozess kombiniert mit den didaktischen Konzepten der Schulbücher und deren Inhaltsanalyse. Für Letztere verwendet er zwei Ansätze. Zum einen erstellt er Bildkategorien – das Bild verstanden als sprachliches Bild – und untersucht deren Bedeutung und Funktion für Geschichtsbilder.[190] Zum anderen analysiert er diachron die Darstellung der Nationalgeschichte, geht dabei deskriptiv-hermeneutisch vor und ordnet seine Untersuchung nach gewichtigen Merkmalen dieser Geschichtsbilder. Seine Materialgrundlage bilden Schweizer Schulbücher, die seit den 1940er-Jahren auf Primar- sowie auf den Sekundarstufen I und II Verwendung fanden und im Untersuchungskorpus ungefähr gleich stark vertreten sind; zusätzlich zog er noch ältere Werke der Zwischenkriegszeit bei, um Kontinuitäten aufzuzeigen.[191] Wenig überraschend konstatiert er die ähnlichen zeitlichen Abschnitte, wie sie Barbara Helbling für die Lesebücher eruiert hat.[192] Er fasst die Publikationen der Nachkriegszeit aufgrund der inhaltlich-konzeptionellen Verwandtschaft mit jenen der Zwischenkriegszeit zusammen. Dieser Generation folgen die neuen Schulbücher der 1970er-Jahre, deren Grundkonzept in vielen der nach 2000 verwendeten Geschichtsbüchern erkennbar ist. Die Schulbuch-Generation der 1990er-Jahre schliesslich bringt zwar neue Elemente, war aber zum Zeitpunkt von Furrers Untersuchung noch nicht sehr zahlreich. Diese Abfolge von Konzeptionsgenerationen verdeckt in gewissem Sinn den Umstand, dass Schweizer Geschichtslehrmittel sehr lange im Gebrauch waren und über Jahrzehnte in fast unveränderter Auflage erschienen.
2.1.4 Schulische Lesebücher
Ebenso wenig wie aus den Geschichtslehrmitteln lassen sich auch aus den obligatorischen Lesebüchern der Schweizer Volksschule Rückschlüsse auf das individuelle Geschichtsbewusstsein ziehen. Vielmehr stellen sie geschichtskulturelle Medien dar, die kollektive Vorstellungen abbilden. Für die kollektive Gebrauchsanalyse dieses Projekts sind sie deshalb, genauso wie die Geschichtslehrmittel, von grosser Bedeutung. Glücklicherweise liegt eine Arbeit vor, die zeigt, inwiefern und vor allem in welcher Form nationale Identität in diesen Lesebüchern ihren Ausdruck fand. Helbling hat dazu 200 Bücher der Schweizer Volksschule für die Mittelstufe, das heisst für das 4. bis 6. Schuljahr der Primarstufe, untersucht und dabei Bestände aus der deutsch- und französischsprachigen Schweiz miteinbezogen.[193] Für die italienischsprachige Schweiz liegt eine analoge Untersuchung von Doris Senn vor, die in vergleichbare Ergebnisse mündet wie jene von Helbling.[194] Gemäss Helbling wirkten in den von den kantonalen Erziehungsdirektionen ernannten Lesebuchkommissionen vor allem Lehrpersonen mit, aber auch Schulinspektoren, Literaten und Journalisten zeichneten als Herausgeber für die Auswahl der Texte verantwortlich. Die Lesebücher, die Anthologiecharakter aufweisen, enthalten Beiträge verschiedener Themenkreise, Autoren und Sprachniveaus, die der jeweilige Herausgeber übernahm und dabei oft auch frei anpasste und veränderte. Das Hauptkriterium für die Auswahl aus diesen drei Bereichen war die Verwendbarkeit im Unterricht; die inhaltliche Konzeption der Lesebücher variierte kantonal stark. Waren in den Lesebüchern katholischer Kantone kirchengeschichtliche Texte zu finden, enthielten andere Sachtexte, zum Beispiel aus der Geografie oder Geschichte. Entsprechend den Lehrplänen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts stand vor allem in der 6. Klasse Geografie und Geschichte der Schweiz im Fokus. Texte, die mit nationaler Identität in Verbindung gebracht werden können, finden sich sowohl im literarischen als auch realkundlichen Teil der Lesebücher. Die Untersuchung von Helbling ist methodisch quellenkritisch-hermeneutisch ausgerichtet. Quantitativ-repräsentative Aussagen sind deshalb nur sehr begrenzt möglich.
2.1.5 Reiseführer und andere touristische Medien
Als Analogon zum Medium des Lehrmittels steht im ausserschulischen Kontext, im Freizeitbereich, die Quellengattung der Reiseführer.[195] Auf ihrer Basis planen Touristen ihre Routen, lassen ihren Blick leiten und entwickeln Vorstellungen über bevorstehende Ziele und historische Informationen.[196] Zugleich sind Reiseführer auch geschichtskultureller Ausdruck von zeitgenössisch verankerten Geschichts- und Wertvorstellungen, und zwar derjenigen der Reiseführer-Autoren und deren Verlage. Für das Rütli resp. die Innerschweiz, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend touristisch erschlossen und bereist wurde, setzt die lange Reihe von Reiseführern 1844 ein, als Karl Baedeker die erste Ausgabe seines Führers zur Schweiz veröffentlichte.[197] Die Ausgabe von 1844 bildet gleichzeitig den ersten Eintrag in einer Liste von 84 Reiseführern, deren serielle Analyse Einblicke in die visuelle und textliche (Re-)Präsentation des Denkmals gibt.[198] Die Auswahl der Reiseführer entspricht dem in der Zentralbibliothek Zürich greifbaren Bestand an Schweiz- und Innerschweiz-Führern in verschiedenen Sprachen. Dieser Bestand erstreckt sich über die ganze Untersuchungszeit des Projekts, also von 1844 bis 2013. Ab der Jahrtausendwende um 1900 liegt mindestens alle fünf Jahre – mit Ausnahme des Ersten und Zweiten Weltkriegs – eine Publikation vor, sodass sich der Datenbestand regelmässig und dicht über den Zeitraum verteilt. Fast die Hälfte der Führer stammt aus dem Verlagshaus Baedeker, ein knappes Viertel ist in englischer Sprache verfasst, weniger als ein Zehntel in Französisch sowie drei Exemplare in italienischer Sprache.
Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring erbrachte in einem ersten Schritt induktiv, aus den Rütli-Einträgen der Führer gewonnene Kategorien.[199] Diese wurden nach Hettlings Dimensionen von Denkmal, Mythos und Fest geordnet. Im zweiten Schritt wurde die diachrone Entwicklung der drei genannten Dimensionen summarisch untersucht.
Diese diachrone Reiseführer-Analyse ergänzte die Auswertung weiterer, aktueller touristischer Medien. Die Materialgrundlage dazu bildeten Prospekte, die im Jahr 2013 in den Tourismusbüros in Brunnen und Altdorf, auf den Schiffen der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees und den Stationen der Treib-Seelisberg-Bahn erhältlich waren. Aufgrund der sehr ähnlich gehaltenen Präsentationen auf den entsprechenden Internetsites konzentrierte sich die Analyse online verfügbarer Informationen – exemplarisch für die touristische Darstellung im Internet – auf diejenige der nationalen Tourismus-Agentur.[200] Systematisch nicht ganz korrekt wird hier der Wikipedia-Eintrag zum Rütli zu dieser textlichen Kategorie gezählt. Diese Zuordnung liesse sich allenfalls dadurch rechtfertigen, dass Wikipedia-Einträge im Sinn einer Reisevorbereitung konsultiert werden. Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring[201] erstreckte sich auch auf diese Quellen, ergänzt durch eine Bildanalyse, die im nächsten Abschnitt beschrieben wird.
2.1.6 Bezeichnungen von Transportmitteln, Strassen und Plätzen
Die geschichtskulturelle Dynamik des Gedenkens lässt sich auch in dessen Präsenz in Form von Bezeichnungen im öffentlichen Raum ablesen.[202] Dabei dienen beispielsweise Strassennamen als Lesezeichen, die jedoch aufgrund ihrer Kürze lediglich auf das kollektive Gedächtnis verweisen, welches sowohl Referenzereignis als auch dessen symbolische Deutung speichert. Für Deutschland liegen Arbeiten vor, die aus mentalitäts- und politikgeschichtlicher Sicht die in den Bezeichnungen enthaltenen Erinnerungslandschaften aufzeigen.[203]
Diese geschichtskulturellen Lesezeichen unterliegen indessen der Entscheidungsbefugnis politischer Machträger. Am Beispiel Zürichs seien in aller Kürze die für Strassenbezeichnungen zuständigen Instanzen und die erkennbaren Tendenzen bei der Namensvergabe skizziert.[204] Ein seit 1875 und bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem Polizeivorstand und einer Fachkommission zusammengesetztes Gremium machte entweder selbst Namensvorschläge für Strassen oder nahm Anregungen von privater Seite auf. In dieser Fachkommission sassen neben dem Stadtbaumeister führende Geschichts- und Kunstgeschichtsprofessoren. Leitlinien für mögliche Bezeichnungen konnten besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts räumlicher resp. ortsspezifischer Bezug oder thematisch definierte Benennungsmuster für ganze Quartiere sein. Um die Jahrhundertwende, bedingt durch die grosse Eingemeindung von 1893, kamen vermehrt historische Persönlichkeiten, Helden der Nationalgeschichte und Personen von lokaler Bedeutung zum Zug. Seit 1907 schliesslich amtet die aus leitenden Beamten verschiedener Ämter zusammengesetzte Strassenbennungskommission, welche die Strassennamen nach vergleichbaren Kriterien vergibt.
2.2 Interpretation von Bildern
2.2.1 Bilder als Untersuchungsgegenstände
Nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch im gesellschaftlichen Kontext kommt dem Visuellen heute eine zwar viel grössere, gleichzeitig aber auch ambivalentere Bedeutung zu als zuvor: Realität bedarf der Abbildung, ja der objektivierbaren Abbildbarkeit, umgekehrt stellen die Manipulierbarkeit und die semantische Vieldeutigkeit ihre Objektivität in Frage.[205] So gelten Fotografien im medialen Alltag oft noch heute als realitätsgetreue Abbildungen der Wirklichkeit. Diese positivistische Sicht entstand mit der Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert, als man davon ausging, dass eine Kamera der Natur ermöglichte, «sich selbst abzubilden».[206] Diese Bildgläubigkeit wich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Bildskepsis: Einerseits ist die Fotografie als Existenzbeweis der Realität des Abgebildeten sowie des vergangenen Akts des Fotografierens durch die technischen (Manipulations-) Möglichkeiten der digitalen Fotografie grundsätzlich in Frage gestellt, andererseits interessieren nunmehr – über die Abbildhaftigkeit hinaus – die Produktions- und Distributionsinstanzen, die Wahrnehmungsmuster, die Deutungs- und Wirkungsweisen, die soziale und politische Wirklichkeiten zu prägen und sogar zu schaffen vermögen. Fotografien sind konstruierte Produkte geworden, konstruiert durch Erzeuger, Gegenstand und Rezipient und deren machtdurchdrungenen, gesellschaftlichen Kontext.
Seit den 1990er-Jahren entwickelte sich die Visualität zu einem Paradigma, das seinen Ausdruck im «pictorial turn» (Mitchell) resp. «iconic turn» (Boehm) fand.[207] Demnach kommt dem Bildlichen nicht nur bei Prozessen des Denkens und des Wissenserwerbs eine wesentliche Rolle zu, sondern auch bei deren Erforschung in den Geschichts- und Sozialwissenschaften sowie in der Kulturanthropologie. Genauso wie sich Letztere auf vermeintlich nebensächliche, alltägliche Bilder richtet, etwa in Form von Postkarten, Werbung oder Comics, fokussiert sich die geschichtsdidaktische Forschung auf geschichtskulturelle Fragestellungen, die eine grosse Palette von Bildgattungen miteinschliessen.[208]
Der folgende Überblick verortet die im vorliegenden Projekt analysierten Bildgattungen und -bestände als materielle Grundlage gesamtkonzeptionell in der Gegenstands- und Gebrauchsanalyse. Anschliessend werden die dabei angewandten Methoden erläutert und begründet.
2.2.2 Postkarten
Die Beforschung des visuellen Mediums der Bildpostkarte hat sich in den letzten Jahren in der Geschichts- und Kulturwissenschaft intensiviert. Der Fokus liegt dabei auf mediengeschichtlichen, kunst- und sozialgeschichtlichen Studien.[209] Untersuchungen zur Abbildungsgeschichte einzelner Objekte sind ebenso selten wie Analysen des touristischen Blicks: Die textorientierte Geschichtswissenschaft hat die dazu vorhandenen Quellenbestände der privaten Urlaubsfotografie und der Tourismusprospekte bisher nur wenig zur Kenntnis genommen.[210] In dieser konzeptionell-methodischen Lücke verortet sich das vorliegende, explorative Teilprojekt zu den Rütlipostkarten.
Nach der Erfindung der Fotografie um die Mitte des 19. Jahrhunderts ermöglichte erst die drucktechnische Weiterentwicklung in den 1880er-Jahren, Fotografien massenhaft zu reproduzieren – in bebilderten Tageszeitungen, aber auch in Form der neuartigen Ansichtspostkarte. Die Entwicklung von der literarischen hin zur ikonografischen Massenkultur war damit angestossen.[211] Nicht nur der geringe Preis, sondern auch das Format eines praktischen Kommunikationsmittels führten dazu, dass die – anfänglich noch unbebilderte – Postkarte zu einem äusserst präsenten alltags- und geschichtskulturellen Bildmedium wurde, das man nicht nur verschickte, sondern auch sammelte.[212] Aus diesen Gründen stellen sie eine wertvolle Quelle dar, wenn es darum geht, reproduzierte Bilder und Vorstellungen von Orten und Objekten zu untersuchen.
Postkartensammlungen mit Rütlikarten sind zahlreich. Für die Untersuchung wurden insgesamt vier Datenbestände berücksichtigt, zwei öffentliche und zwei private. Sowohl das Staatsarchiv Uri als auch die Schweizerische Nationalbibliothek besitzen umfangreiche Bestände, die zum grössten Teil aus nicht gelaufenen, also nicht verschickten Postkarten bestehen.[213] Im Rahmen des Experteninterviews mit dem langjährigen Rütliführer Fredy Zwyssig (Seelisberg) entstand auch eine rasche und summarische Aufnahme seiner Postkartenalben.[214] Die vom Verfasser der Studie angelegte private Sammlung von Rütli-Postkarten stammt aus mehreren Quellen: aus dem Erwerb aller aktuell im Rütlihaus und in Brunnen verfügbaren Postkarten, aus archivierten Karten aus den Beständen des führenden Postkartenherstellers Photoglob[215] sowie aus Internetrecherchen vor allem auf kommerziellen Auktionsplattformen. Hauptkriterium für diese private Sammlung war die Datierbarkeit der Karten, sei es, dass sie einen Poststempel resp. ein handschriftliches Datum trugen, sei es, dass der Hersteller Photoglob das Jahr des Erstdrucks vermitteln konnte. Für diese Ersteditionen – nicht jedoch für die Nachdrucke – ist überdies die Auflagengrösse bekannt.
Insgesamt kann diese heterogene Postkarten-Stichprobe keine Repräsentativität beanspruchen, mit der vorgenommenen quantitativen und qualitativen Analyse sollte aber der Versuch unternommen werden, Tendenzen und Entwicklungen der Repräsentation zu skizzieren, die Wirkungsmöglichkeiten offenzulegen und auf diese Weise die textlich basierte, kollektive Gebrauchsanalyse durch eine visuelle zu ergänzen. Eine Text-Bild-relationale Untersuchung schliesslich wäre konzeptionell als Elemente der individuellen Gebrauchsanalyse zu werten und deshalb in Kapitel 5 der vorliegenden Arbeit zu verorten. Aus forschungspraktischen und -theoretischen Gründen wurde darauf verzichtet.[216] Die vorgenommene Analyse war dreischrittig: Der erste Schritt fokussierte auf die Frequenz der verschiedenen Kartenmotive. Konzentrierte sich anschliessend der zweite auf die chronologische Analyse der Motivverwendung, wurden im dritten exemplarisch typische Postkartenmotive nach qualitativen Gesichtspunkten untersucht.
2.2.3 Andere touristische Fotografien
Da Bilder in touristischen Medien genauso gewichtig sind wie die dazu gehörigen Texte, werden sie hier als separate Bildgattung aufgeführt. Die Materialgrundlage deckte sich mit derjenigen, wie sie für die touristischen Texte beschrieben ist.[217] Explizit erwähnt seien lediglich die sieben Bilder, die auf der Internetsite von Schweiz Tourismus unter den Stichworten «Rütli – Rütliwiese» sowie «Weg der Schweiz: Schweizer Wilhelm-Tell-Route» zu finden sind.[218] Die Untersuchung auch dieser Abbildungen erfolgte in quantitativer und qualitativer Hinsicht, wobei zwei besonders häufige Fotografien – parallel zu den den häufigsten Postkarten-Motiven – ausführlicher interpretiert wurden.
2.2.4 Wertträger und Poststempel
Münzen, Banknoten, Briefmarken und Poststempel sind geschichtskulturelle Wert- und Bedeutungsträger, die durch ihre alltägliche Präsenz eine identitätsstiftende Tiefenwirkung zu entfalten vermögen.[219] Wegen dieser impliziten Bedeutsamkeit und des gleichzeitig kulturgeschichtlichen Abbildcharakters gehörten auch diese Wertträger resp. Medien[220] zum Materialkorpus und dienten zur Beantwortung der gebrauchsanalytischen Fragen, wann, wie oft und vor allem wie das Rütli als Ort oder der Gründungsschwur als damit verbundener Mythos dargestellt wurden.
Liegen zahlreiche philatelistische Arbeiten und Monografien zur Geschichte der Briefmarke vor, waren diese Postwertzeichen bisher nur selten Gegenstand geschichtskultureller und kommunikationswissenschaftlicher Forschung.[221] Für den Zeitraum von 1880 bis 1945 hat Alexis Schwarzenbach eine kulturwissenschaftliche Studie vorgelegt, in welcher er – unter anderem im Spiegel der Briefmarken – die nationalen Identitätskonstruktionen von Belgien und der Schweiz vergleicht. Quellengrundlage bilden die mehr als 400 Briefmarken, die in diesem Zeitraum erschienen sind.[222] Für die Periode nach 1945 wurde ein philatelistisch einschlägiges Verzeichnis konsultiert.[223]
2.2.5 Flickr
Stellen die obigen Bildgattungen Materialien dar, um die kollektive Repräsentation des Rütlis zu erforschen, zeigen die private Fotografien, welche die Besucherinnen und Besucher auf dem Gelände herstellen, den individuellen Umgang mit dem Denkmal. Mit diesem Fokus reiht sich diese Teilstudie in eine längere Forschungstradition ein, die unter anderem davon ausgeht, dass die private Reisefotografie auf der einen Seite Projektionen individueller Vorstellungen und Bedürfnisse ausdrückt, auf der anderen aber auch verinnerlichte, kollektive Normen und damit die soziale Determiniertheit des privaten Bilderkanons.[224] Ähnliche Fragen, wie sie für die nichtteilnehmende Beobachtung formuliert sind, stellten sich auch für diese Bildgattung: Wie nehmen die Besuchenden das Denkmal wahr? Inwiefern werden Auseinandersetzungen mit dem Ort sichtbar und welcher Art sind sie?[225]
Dank online gestellter, individuell produzierter fotografischer Serien ist es inzwischen möglich, das an Ort virtuell hergestellte Bildmaterial systematisch zu erschliessen und auszuwerten.[226] Als Datenquelle diente Flickr, die weltweit wohl bekannteste und umfangreichste Online-Plattform für Fotografie.[227] Einbezogen wurden alle im Jahr 2015 auf Flickr auffindbaren Fotoserien, die einen privaten Rütli-Besuch – individuell oder in kleiner Gruppe – dokumentierten.[228] Denn zentrales Merkmal des beabsichtigten methodischen Zugriffs war der serielle Charakter des Bildmaterials. Gemeint sind damit in erster Linie nicht Einzelaufnahmen, sondern vielmehr zusammenhängende Bildserien, eigentliche Reportagen oder Fotoalben.[229] Die erzielte Stichprobe umfasste 40 Fotoserien.[230] Sie dokumentierten einerseits den eigentlichen Besuch des Geländes – diese Serien wurden vollständig erfasst. Andererseits berücksichtigte die Stichprobe auch Serien, deren Bilder das Rütli lediglich von aussen, vom Schiff aus oder von Seelisberg herab zeigten. Die Fotoproduzenten waren also nicht auf dem Gelände, sondern fotografierten das Denkmal aus Distanz. Von diesen recht häufigen Alben sind lediglich einige typische Beispiele in die erhobene Stichprobe eingegangen. Schliesslich erlaubte ein archivalischer Zufallsfund – ein in Form einer Negativserie dokumentierte Privatbesuch aus dem Jahr 1989 – einen exemplarischen, kontrastiven Vergleich, der die Alben- und Einzelbild-Analyse ergänzte.[231]
2.2.6 Rütli-Führer der SGG
Die SGG hat im 20. Jahrhundert insgesamt vier Rütli-Broschüren herausgegeben, deren Autoren jeweils Mitglieder der Rütlikommission waren. Die erste Broschüre erschien anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Rütlikaufs.[232] Die von Melchior Schürmann, Aktuar der Rütlikommission, verfasste Schrift «Das Rütli als Nationaleigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft» wurde in einer Auflage von 26 000 Exemplaren produziert. Zum 75-Jahr-Jubiläum verfasste Martin Gamma 1935 eine neue Fassung: «Das Rütli: 75 Jahre Nationaleigentum».[233] Sie erschien sowohl in deutscher als auch in französischer Sprache. Die Rütlikommission setzte sich aktiv für den Absatz der neuen Broschüre in den Primar- und Sekundarschulen ein, konnte aber lediglich 18 000 Exemplare in deutscher Sprache und 2 400 in französischer Sprache absetzen – sehr wenig im Vergleich zu den rund 600 000 Schülerinnen und Schülern, welche die Kommission recherchiert hatte.[234] 1954 wiederum löste die Publikation «Rütli» von J. Hess Gammas Broschüre ab, auch Hess war Mitglied der Rütlikommission und zugleich Obwaldner Erziehungsdirektor.[235] Dieses Mal scheint die Absatzaktion deutlich erfolgreicher gewesen zu sein, da fast alle Kantone eine Bestellung für ihre Schulen getätigt hatten und in einem ersten Schritt eine Auflage von 170 000 deutschsprachigen Exemplaren gedruckt wurde; die vorgesehenen Auflagen in Französisch und Italienisch hingegen sind nicht nachweisbar. 1986 schliesslich legte Josef Wiget, Staatsarchivar und Kommissionsmitglied, eine Neufassung der Broschüre vor, die als Nachdruck noch heute in situ verfügbar ist. Die Analyse dieser vier Broschüren bezieht sich auf deren Titelseiten, eine Beschränkung, die weiter unten kommentiert wird.
Bereits kurz nach dem Jubiläumsjahr 1991 fielen die Besuchszahlen wieder auf das vorherige Niveau zurück, was die SGG dazu führte, über eine Belebung des Denkmals nachzudenken.[236] Der angefragte Verkehrsdirektor der Stadt Luzern legte drei Ideen vor. Erstens sollte das Rütli nicht verändert werden, aber mit zusätzlichen Fahnen festlicher gestaltet werden; zweitens riet er, die «geschichtlichen Ereignisse» mithilfe moderner Kommunikationsmittel zu präsentieren und, drittens, das Restaurationsangebot kreativ weiterzuentwickeln. Besonders der zweite Punkt schien der Rütlikommission eingeleuchtet zu haben, denn zwei Jahre später beschloss sie, ein Informationskonzept zu entwickeln.[237] Josef Wiget erhielt den Auftrag, im unteren Gaden eine kleine Ausstellung zu konzipieren. Das daraus entstandene «Rütlimemo», Herzstück der 1998 abgeschlossenen Erneuerung der Infrastruktur des Rütlis für fast CHF 3 Millionen, zeigte auf ca. 40 m2 nicht nur den aktuellen Forschungsstand zur Entstehung der Eidgenossenschaft, sondern zeichnete auch Entstehung und Wirkung des Rütlimythos nach. 2008, zu Beginn der letzten, umfassenden Sanierung des ganzen Geländes, liess der Bund die Ausstellungsmaterialien jedoch entfernen und im ersten Stock des oberen Gadens einen neuen Ausstellungs- und Präsentationsraum einrichten. Damit im Zusammenhang stand die Idee der SGG, ein neues Bespielungskonzept erarbeiten zu lassen.[238] Die eingereichten Vorschläge sahen neben einer neuen Internetseite vor allem auch interaktive Stationen auf dem Gelände vor, welche die Besucherinnen und Besucher auffordern sollten, sich aktiv mit dem Ort, dem Mythos und seinem Gebrauch auseinanderzusetzen. Letztlich umgesetzt wurde nur die Internetsite, die 2009 online geschaltet werden konnte und einige Jahre später vom derzeitigen Internetauftritt abgelöst worden ist.[239]
Sowohl die aktuelle Rütli-Broschüre von Wiget als auch der heutige Internetauftritt enthalten gleichermassen Text wie Bild. Die vorgenommene Analyse beschränkte sich auf die Titelseiten der Broschüren, eine Inhaltsanalyse der Texte entfiel. Zu diesem Entscheid trugen drei Überlegungen bei. Erstens bestehen diese Texte zu grossen Teilen aus sich wiederholenden Narrationen zur Rütli-Geschichte; einzig die Bedeutungszuschreibungen des Orts dürften sich unterscheiden, beeinflusst vom jeweiligen historischen Kontext. Zweitens umfasst die detaillierte Reiseführer-Analyse vergleichbares Datenmaterial, und drittens führten auch forschungspragmatische Überlegungen zeitlicher Art zu diesem Entscheid.
2.2.7 Kommerzielle Darstellungen
Erst ist jüngerer Zeit ist Werbung als ökonomisch-kulturelle Praxis zum Gegenstand breiterer kulturgeschichtlicher Forschung geworden; nur wenige Studien haben auf ihren geschichtskulturellen Gehalt, ja auf die darin enthaltenen nationalen Identifikationsmuster fokussiert.[240]
Für den schweizerischen nationalmythologischen Kontext hat Kreis darauf hingewiesen, dass sich die politische und kommerzielle Werbung vor allem der Gestalt des Tells – aufgrund ihres höheren symbolischen Werts – bedient, nur selten jedoch der drei Ur-Eidgenossen, geschweige denn des Rütlis.[241] Die intensiven Recherchen in Zeitungsarchiven führten dennoch zu einem Zufallsfund, einer französischsprachigen Werbeanzeige von 1939.[242] Darin preist ein führendes Möbelhaus eine komplette Wohnunseinrichtung an, die den Namen «Rutli» trägt. Dieses Angebot exemplifiziert kulturgeschichtlich das Konzept der Gesamtausstattung (als Aussteuer), ein Angebot, das die untere gesellschaftliche Schicht, Arbeiterinnen und Arbeiter sowie kleine Angestellte, in der ersten Jahrhunderthälfte nachfragten.[243] Gleichzeitig kann die Namensgebung der Wohnungseinrichtung als Ausdruck der zeitgenössisch wirksamen «Geistigen Landesverteidigung» gelesen werden, die gerade auch den Wohnalltag durchdrang. Im Rahmen der «Landi», der grossen Landesausstellung von 1939, konnten die Besuchenden eine Reihe von Modellwohnungen und -zimmer besichtigen, die sich stilistisch an einer nationalisierten Moderne mit traditionsgebundenen Elementen und heimischen Rohstoffen orientierten.[244]
2.2.8 Pressefotografie und übrige Bilder
Wie bereits in Kapitel 2.1.1 kurz erwähnt, basiert die Untersuchung der Gedenkfeiern, einer Ausprägung der kollektiven Praxis, auf Bildern, insbesondere auf Pressebildern. Darunter sind Fotografien zu verstehen, die zum Zweck der Publikation in Zeitungen oder Zeitschriften hergestellt werden oder die in einem anderen Kontext, sei es für Kunst- oder Wissenschaftsprojekte, entstehen.[245] Als besonders ergiebige Quelle erwies sich das Archiv von Keystone, der grössten Schweizer Bildagentur. Weitere Bilder fanden sich in den Online-Archiven der systematisch analysierten Zeitungen gemäss Kapitel 2.3.2 sowie in den Archivbeständen der SGG in Form von Presse-Clippings. Die auf diese Weise zusammengetragene Stichprobe setzt in den 1930er-Jahren ein, wird in der Nachkriegszeit farbig und verdichtet sich gegen Ende des Jahrhunderts. Diese Kontinuität ermöglicht es, die Feiern unter ritualtheoretischem Fokus zu untersuchen und Aussagen zu der jeweiligen Ausgestaltung und Bedeutung der Feier zu generieren. Schliesslich halfen weitere Fotobestände, Zustand und Veränderung des Denkmals zu erkennen und nachzuzeichnen. Sie sind in verschiedenen Archiven verteilt, besonders interessante Aufnahmen liegen im Staatsarchiv des Kantons Uri sowie in verschiedenen Online-Archiven (ETH Zürich, Museum für Kommunikation, Schweizerisches Nationalmuseum).
2.2.9 Auswertung
Für die Bildanalyse existieren zahlreiche methodische Ansätze. Je nach Bildgattung und Fragestellung sind entsprechende Methoden resp. eine Methodenkombination angezeigt.[246] Die für das vorliegende Projekt hilfreichen Bildinterpretationsverfahren werden nachfolgend kurz vorgestellt und auf ihre projektspezifische Eignung hin fokussiert.
Es ist die Kunstgeschichte, die im Bereich der Bild- und Architekturinterpretation über eine lange Tradition verfügt. Bis heute grundlegend für praktisch alle Bildinterpretationen – im engeren Sinn – bleiben die Arbeiten von Erwin Panofsky.[247] Sie erfuhren wesentliche Erweiterungen, vor allem durch den ikonischen Ansatz Max Imdahls.[248] Diese Verfahren werden im folgenden Absatz ausgeführt und ergänzt durch ihre sozialwissenschaftliche Weiterentwicklung.[249]
Panofsky postuliert in seinem kulturanthropologischen Modell das Vorhandensein von drei Bedeutungsschichten in bildnerischen und architektonischen Kunstwerken und stellt zugleich ein methodisches Vorgehen bereit, um diese Schichten zu interpretieren.[250] In der «vor-ikonografischen Beschreibung» werden die primären Sujets, das heisst die natürlichen, reinen Formen beschrieben und in ihren gegenseitigen Beziehungen identifiziert. Die «ikonografische Analyse» fokussiert auf die sekundären Sujets, das heisst auf die Beschreibung und Identifizierung von Themen und Konzepten, denen eine konventionale Bedeutung zukommt. Diese Ebene ist methodisch insofern unsicherer, als sie beim Interpreten voraussetzt, dass er mit bestimmten Themen, Vorstellungen und Gegenständen vertraut ist und sein Verständnis einer Vermutung, ja einer Unterstellung gleichkommen kann. Als «ikonologische Interpretation» bezeichnet Panofsky schliesslich die eigentliche Bedeutungszuweisung. Die aus der «vor-ikonografischen Beschreibung» und der «ikonografischen Analyse» gewonnenen Formen, Motive etc. stellen jetzt «Manifestationen zugrundeliegender Prinzipien» dar: Kunstwerke können als symptomatisch für die Persönlichkeit des Künstlers, einer bestimmten religiösen Einstellung oder der zeitgenössischen Kultur verstanden werden.[251] Solche Deutungen basieren wesentlich auf dem interpretierenden Subjekt und dessen Wissen, Haltung und Disposition. Der so verstandene, implizite Deutungsgehalt – der dem Künstler selbst unbekannt sein kann – korrespondiert mit dem von Ralf Bohnsack postulierten Dokumentsinn resp. mit dem sich dokumentierenden Wesenssinn, nunmehr zu verstehen als Habitus des Bildproduzenten, des abbildenden und des abgebildeten Bildproduzenten.[252]
Imdahl seinerseits nimmt Panofskys Wesensinn auf, stellt nun aber die einzigartige Bedeutung des Bildes ins Zentrum, das heisst das singuläre Deutungspotenzial eines Bildes, «eines nach immanenten Gesetzen konstruierten und in seiner Eigengesetzlichkeit evidenten Systems».[253] Hier scheint Imdahls kategoriale Begriffsdefinition eines Bildes durch, das er als Darstellung kennzeichnet, dessen «Bestandteile eine integrale Komposition erzeugen».[254] Es ist diese zentrale Setzung, die Eigenlogik von Bildern, die auch in den Sozial- und Kulturwissenschaften als fundamental und erkenntnisleitend aufgefasst wird.[255] Sie meint die anschauliche Bilderfahrung, die über das Wiedererkennen und Wissen hinaus durch das «sehende Sehen»[256] neue Erkenntnishorizonte zu erschliessen vermag. Imdahl weist Formen und Kompositionen ein deutlich grösseres Gewicht bei, da sich deren Funktion nicht darin begrenzen soll, nur die Gegenständlichkeit und ihre ikonografische Narration darzustellen («wiedererkennendes Sehen»). Entscheidend ist das «sehende Sehen» resp. das «formale Sehen», das nicht von einzelnen Formen und Gegenständen ausgeht, sondern in einem ersten Schritt auf die Gesamtkomposition achtet. Schliesslich – wiederum im Unterschied zu Panofskys Ikonologie – rekurriert Imdahl mit seinem ikonischen Ansatz nicht auf textliches Vorwissen, sondern setzt direkt an jenem Punkt an, den Panofsky als vor-ikonografische Schicht bezeichnet, bei der formalen Komposition also.
Imdahl unterscheidet drei Dimensionen der Formalstruktur, der Bildsyntax.[257] Während die perspektivische Projektion Gegenstände und Personen in ihrer Räumlichkeit und Körperlichkeit identifiziert sowie die Sichtweise des abbildenden Bildproduzenten und seine Weltanschauung aufzeigt, beschreibt die planimetrische Ganzheitsstruktur die formale und allenfalls auch farbkompositorische Konstruktion in der Fläche. Die szenische Choreografie schliesslich konzentriert sich auf die sozialen Szenerien. Gerade hier kommt der Simultaneität, dem zeitlichen und räumlichen Nebeneinander in einem Bild, Bedeutung zu. Denn sie ist nicht zufällig: Der abbildende und abgebildete Bildproduzent wählt – wenn auch unbewusst – aus. Fotografieren beispielsweise hat also selektiven, konstruktiven Charakter. Dabei lässt sich dieser Interpretationszugang nicht nur auf soziale Interaktion, sondern auf jegliche Bildinhalte anwenden. Gerade die Offenheit und Breite prädestiniert dieses Schema dazu, als Analysefolie zu dienen für die fotografischen Rütli-Repräsentationen, Objektansichten und inszenierte Szenen.
Panofsky und Imdahl sind auch mit dem dritten methodischen Instrument, der seriellen Bildanalyse, verbunden. Dieses Vorgehen basiert auf grösseren Bildserien im diachronen Verlauf oder in einem synchronen Querschnitt und zielt darauf ab, darin enthaltene Erzählungen, Konstellationen etc. quantitativ und qualitativ zu beschreiben und zu deuten. Von Beginn an, das heisst seit den 1970er-Jahren, fokussierte das Verfahren auf alltagsgeschichtliche und massenmediale Bildwelten, wobei gerade das Massenmdium der Fotografie dafür besonders geeignete Datenbestände bietet.[258] Ulrike Pilarczyk und Ulrike Mietzner skizzieren für die serielle Fotoanalyse ein dreiteiliges Verfahren.[259] Als dessen Erweiterung schlägt Nora Mathys vor, die seriell-vergleichende Untersuchung grundsätzlich auf zwei Ebenen vorzunehmen, auf der Ebene der Serie resp. des Albums und auf der Ebene der Einzelbilder oder Schlüsselbilder.[260] Sie geht davon aus, dass Einzelbilder, die in seriellem Kontext vorhanden sind, gerade dadurch eine erweiterte Bedeutungszuschreibung erhalten. Diese beiden Untersuchungsebenen werden methodisch in drei Kontextkreise aufgefächert.[261] Im Kontextkreis der einzelnen Bilderserie erfolgen sowohl eine Alben- als auch eine Schlüsselbildanalyse. Zu ersterer gehört die Bestimmung des Albenautors, die Entstehungszeit, die Serienbeschriftung, die Art der visuellen Erzählung, das heisst die Erzählart, -dichte (Foto pro Anlass) und -struktur (zum Beispiel chronologisch) sowie die Situierung von Schlüsselbildern innerhalb der Serie. Im Kontextkreis der ausgewählten Schlüsselbilder interessieren zwar auch die Entstehungsumstände, vielmehr jedoch dargestellte Motive, Objekte und Personen, analysiert nach Panofsky oder Imdahl. Auf der dritten Ebene schliesslich kommen Bilderserien anderer Autorschaften hinzu, die einen seriell-vergleichenden Zugang ermöglichen (Darstellung 6). Die seriell vorhandenen Bildbestände zum Rütli, Postkarten und Flickr-Fotoalben der privaten Rütlibesuche, wurden in wesentlichen Zügen nach Mathys’ Verfahren untersucht.
| Adaptiertes Analyseschema für die serielle Bildanalyse | ||
|---|---|---|
| Schritt 1 | Auswahl der Untersuchungsbestände | Kriterial gestützt auf Fragestellung |
| Schritt 2 | Albenanalyse | •Autor (Herkunft, Geschlecht), Entstehungszeit, Titel, Erzähldichte der Alben •Induktive Motivanalyse, strukturierend-skalierend •Definition von Schlüsselbildern, gestützt auf Motivanalyse und Fragestellung •Diachrone Kontrastierung |
| Schritt 3 | Schlüsselbilder | •Bildanalyse nach Imdahl; allenfalls Kontextualisierung durch Autor, Entstehungszeit •Kontextualisierung der Schlüsselbilder und deren Dichte innerhalb der Alben |
| Schritt 4 | Geltungsprofilierung | •Vergleich mit anderen Datenbeständen zur Wahrnehmung des Rütlis durch Besuchende |
Darstellung 6
Die im Raster vorgesehene induktive Motivanalyse beinhaltet zwar eine Motivauszählung, sie erhebt jedoch keinen quantitativ-repräsentativen Anspruch. Vielmehr erfährt sie erst durch Schritt 4, also den Vergleich mit anderen Datenbeständen, eine Validierung.[262] Die für die Schlüsselbilder vorgesehene Bildanalyse nach Imdahl soll in diesem methodischen Zusammenhang dazu dienen, die im Schritt 2 erhaltenen Resultate zu verdeutlichen und zu profilieren.
Eine breitere kulturgeschichtliche Kontextualisierung der erwähnten Bildbestände – im Sinn der «Visual History» – ist nur punktuell beizubringen.[263] Denn das würde bedeuten, dass – über die Abbildungs- und Entstehungsrealität der Bilder hinaus, die sich methodisch mit Panofsky, Imdahl und Mathys fassen lässt – ihre Nutzungs- und Wirkungsrealität zu thematisieren wäre. Gerade diese beiden Aspekte liessen sich jedoch für die untersuchten Bilderserien kaum beschreiben und objektivieren.
2.3 Methoden empirischer Sozialforschung
2.3.1 Qualitativ empirisch
Qualitative Sozialforschung zielt grundsätzlich darauf ab, die Innensicht einer Kultur aus empirischen Fragmenten zu re-konstruieren.[264] Ihr liegen verschiedene Konzepte sozialer Strukturen und sozialer Prozesse zugrunde, die wiederum verschiedene Verfahren und Techniken der Datensammlung und -analyse bedingen und die im Hinblick auf die Generalisierung der Forschungsergebnisse differieren.[265] Da Handlung und Verhalten andere Qualitäten sichtbar zu machen vermögen als das Erzählen über ebendiese Handlung, bietet sich die Kombination von Befragung und Beobachtung an.[266] Dementsprechend bestand die Datenbasis des vorliegenden Projekts aus mehreren Instrumenten: Kurzinterviews, Kurzfragebogen, Experteninterviews sowie nichtteilnehmender Beobachtung, ergänzt durch die quantitative Inhaltsanalyse serieller Textbestände.
Philipp Mayring schlägt ein allgemeines qualitatives Verfahren vor, das die Konzeption und die Durchführung der Datenerhebung und -auswertung sowohl methodisch als auch forschungspraktisch beschreibt.[267] Für die Auswertung schlägt er grundsätzlich drei qualitative Techniken vor, die Zusammenfassung (Verdichtung auf inhaltliche Kerne), die Strukturierung (Ordnen nach formalen, inhaltlichen, typisierenden oder skalierenden Kriterien) und die Explikation (Erschliessung eines Ausschnitts durch textspezifische Kontextualisierung). Vergleichbares leistet auch die von Udo Kelle und Susann Kluge beschriebene systematische Kategorien- und Typenbildung, deren methodologische Fundierung und forschungspraktische Darstellung sich ebenfalls als dienlich erwiesen.[268] Sie besteht im Wesentlichen aus vier Auswertungsschritten: Kategorie- und Subkategoriebildung, zwei- oder mehrdimensionale Kreuztabellen durch Fallvergleiche und Fallkontrastierungen, Typenbildung durch typisierte Kombination von Handlungsmustern sowie abschliessende verstehende Analyse.
Denkbar wären auch andere Auswertungsverfahren gewesen. Die Stärke der Objektiven Hermeneutik nach Oevermann etwa liegt vor allem in der Bearbeitung längerer Texte, beispielsweise biografischer Interviews oder transkribierter Beobachtungen von sozial dichten Situationen – zwei Formate, die im vorliegenden Projekt nur teilweise entstanden. Die dokumentarische Methode nach Bohnsack hätte ein durchaus angemessenes Instrumentarium geboten, vor allem in Form der sinn- und formgenetischen Typenbildung. Sie sieht jedoch von Anfang an eine von Theorie oder Fragestellungen geleitete Textauswahl vor.[269] Gerade dieser Verfahrensschritt erschien jedoch für Datenmaterial, das insbesondere aus eher kurzen Interviewtexten zusammengesetzt war, als zu wenig zielführend.
2.3.1.1 Kurzinterviews
2.3.1.1.1 Vorstudie: Instrument und Erhebung
Um das individuelle Wahrnehmen, Erleben und Deuten des Denkmals zu erforschen, lag eine mündliche Befragung von Besuchenden an Ort auf der Hand. Längere Interviews oder längere Fragebogen wären forschungspraktisch kaum realisierbar gewesen, da der Besuch in einem freizeitlichen Kontext erfolgte, der längere und intensivere Interventionen kaum zuliess. Aus diesem Grund fiel die Wahl auf Kurzinterviews, methodisch gestützt auf das «problemzentrierte Interview» nach Witzel.[270] Denn erstens fokussierten die Interviews auf konkrete Frage- oder Problemstellungen, zweitens sollte das Befragungssetting flexibel an die Umstände adaptierbar sein und drittens beinhaltete das Gespräch – wenn auch in geringerem Mass – eine prozessorientierte Vorgehensweise, indem Themen mehrfach und sich entwickelnd angesprochen werden sollten. Nach Witzel begleiten überdies drei weitere Instrumente die Kurzinterviews: der soziodemografische Kurzfragebogen, im Projekt direkt in die Befragung integriert, die digitale Aufzeichnung sowie das Postscriptum, also die Postkommunikationsbeschreibung.[271]
Der Leitfaden enthielt insgesamt 16 Fragen zu den folgenden Bereichen, welche Hettlings «Erlebnisraum»-Konzept mit den Operationalisierungsdimensionen abdecken:[272]
a)Besuch: Frequenz, Gründe und Erwartungen
b)Fünf Begriffe zum Rütli; Wissen zum Ort, Mythos
c)Wahrnehmung und Bewertung der Denkmalelemente
d)Denkmal auf dem Rütli: Ideen, das Rütli in Deutschland/Frankreich, das Rütli in der Schweiz
e)Bedeutung der Anlage
f)Verlauf resp. Ertrag eines/des Besuchs
g)Zwei Eindrücke nach dem Besuch
h)Soziodemografische Angaben
Bereich a) knüpfte an beim individuell getroffenen Entscheid, die Reise aufs Rütli zu unternehmen. Im zweiten Schritt (b) wurde mittels einer offenen Frage das Wissen zum Rütli thematisiert. Auf Präzisierung abzielende Nachfragen waren möglich, häufig in Fällen, in denen die Antwort entweder sehr spärlich ausfiel oder der Rütli-Rapport nicht angesprochen wurde. Diesen Wissensfragen voran ging die Aufforderung, in freiem und spontanem Assoziieren fünf Begriffe zum Rütli zu nennen. Ziel dieser Assoziationsaufforderung war es, kondensierte und vor allem auch quantifizierbare Daten zum Rütlibild zu erhalten. In den Bereichen c) bis e) sollten die Befragten drei wesentliche Elemente des Denkmals (Rütlihaus, Schwurplatz, Rütliwiese) beschreiben und bewerten. Auf die Besonderheit des Landschaftsdenkmals, das keinen klassischen Denkmalkörper aufweist, zielte die Frage ab, ob auf dem Rütli ein Denkmal wünschenswert wäre und, wenn ja, in welcher Form. Um die für die Schweiz typischen Gestaltungselemente anzusprechen, wurden – im Sinn der Kontrastierung – die Befragten gebeten, das hypothetische Bild des Rütlis in einem anderen Land zu zeichnen. Daran schlossen sich markante, polarisierende Aussagen an, zu denen die Interviewten Stellung beziehen sollten. Diese Aussagen gaben vor, Meinungen anderer Interviewten wiederzugeben, dies in der Absicht, den Befragten eine Stellungnahme zu erleichtern. Inhaltlich betrafen diese Aussagen die Gestaltung und die Bedeutung des Ortes. Der Abfrage soziodemografischer Daten ging die Bewertung eines resp. des Rütlibesuchs voraus.
Insgesamt sollten also auf der Basis der verbalisierten Daten die Wahrnehmung des Denkmals, das direkte persönliche Erleben sowie eine gewisse Reflexionsleistung fass- und objektivierbar gemacht werden. Allenfalls zu erwarten war, dass insbesondere die erwünschte Reflexionsleistung – im Rahmen eines spontan geführten Gesprächs – eher oberflächlich ausfallen könnte.
Im Sommer 2013 fand als Vorstudie eine erste Erhebung auf dem Rütli statt und war zweiphasig geplant: Die Besucherinnen und Besucher sollten bei der Ankunft an der Schiffstation in ein kurzes Gespräch verwickelt werden, in dem sie gebeten wurden, ihre Erwartungen, ihre Vorstellungen, ihre Motivation zum Besuch kundzutun. Ein zweites Gespräch nach dem Rundgang bezog sich auf die Eindrücke des Besuchs und thematisierte weitere Aspekte. Auf diese Weise entstanden zwölf Gespräche von sehr unterschiedlicher Dauer und ohne im Voraus festgelegtem Stichprobenplan. Die Interviews wurden aufgezeichnet, transkribiert, kodiert und kategorial ausgewertet. Der Hauptzweck der Auswertung bestand darin, das Befragungsinstrument für die Hauptstudie so anzupassen, wie es im nächsten Kapitel beschrieben wird. In den Datenkorpus der Hauptuntersuchung flossen überdies fünf Interviews, die 2013 mit Schützen des 300-m- und des 50-m-Rütlischiessens geführt worden waren.[273] In diesen Gesprächen lag der Fokus auf schützenspezifischen Fragen, insbesondere in Bezug auf Besonderheiten des Rütlischiessens, den Grund für die Teilnahme sowie das Wissen über den Anlass.[274]
2.3.1.1.2 Hauptstudie: Instrument, Stichprobe und Erhebung
Die aus der Vorstudie gewonnenen Erkenntnisse dienten in erster Linie dazu, das Instrument in mehrfacher Hinsicht weiterzuentwickeln:
•Die in der Vorstudie erhaltenen Antworten erschienen oft kurz, eher allgemein gehalten und zu wenig substanziell. Dies dürfte nicht nur an dem spontanen, auf kurze Dauer ausgelegten Interview-Setting gelegen haben, sondern auch an den eher offenen und daher wenig präzisen Fragen. Aus diesem Grund wurde der Leitfaden überarbeitet unter Beibehaltung der inhaltlichen Grundstruktur, jedoch ausdifferenziert, wodurch sich die Interview-Dauer erhöhen und im Schnitt 20 Minuten erreichen sollte.[275] Erfahrungen aus der Vorstudie legten zudem nahe, dass die Interviews aufgrund der Fragenmenge, der beschränkt vorhandenen Interview-Zeit sowie des freizeitlichen Kontextes als halbstrukturierte Gespräche zu führen waren. Die konkrete Formulierung der Fragen sowie deren Reihenfolge sollten also variabel gehandhabt werden.
•Der im Leitfaden im Bereich d) vorgesehene Vergleich einer nationaltypischen Rütli-Gestaltung wurde auf Frankreich fokussiert. In der Vorstudie hatte sich Deutschland – im Gegensatz zu Frankreich – als problematisch erwiesen. Die Befragten wussten häufig nicht recht, in Bezug auf welche Phase der bewegten, von Verwerfungen und Brüchen geprägten deutschen Geschichte der Vergleich gezogen werden sollte.[276] Der Kontrast mit Frankreich hingegen erwies sich als funktional und produktiv: Die durchaus bewegte französische Geschichte zeichnet sich durch eine grössere politische und kulturelle Kontinuität aus, die überdies eine profilierte nationale Selbstdarstellung miteinschliesst.[277] Sowohl die Geschichte als auch die Selbstdarstellung unterscheiden sich zudem beträchtlich von der schweizerischen in politischer und kultureller Hinsicht.
•Für die Hauptuntersuchung galt es, einen qualitativen Stichprobenplan aufzustellen. Denn die Interview-Studie zielte nicht auf statistische Repräsentativität ab, sondern vielmehr auf relevante Heterogenität resp. Varianz des Untersuchungsfeldes. Überdies sollte sich die Sample-Grösse kontrollieren lassen. Der Stichprobenplan war dreidimensional:
–Lebensalter und Geschlecht: Studien weisen ein nach Lebensalter unterscheidbares Geschichtswissen, Interesse an Geschichte sowie Geschichtsbewusstsein nach. Männliche Jugendliche verfügen über ein höheres Wissen und Interesse als junge Frauen.[278] Erwachsenenspezifische Erkenntnisse zu diesen beiden Aspekten hingegen sind nicht greifbar.
–Ausbildungsniveau: Da die absolvierte Ausbildung relevant sein könnte, wurden drei Niveaus entsprechend dem höchsten Schulabschluss unterschieden.
–Nationalität, Sprache: Die anfängliche Idee, sich aus forschungspraktischen Gründen auf deutschsprachige Schweizerinnen und Schweizer zu konzentrieren, wurde fallen gelassen zugunsten eines heterogeneren Samples. Die Hauptuntersuchung berücksichtigte nämlich auch französisch- und englischsprachige Personen sowie solche, die nicht in der Schweiz aufgewachsen waren. Drei Gründe sprachen für diese Ausdehnung: Erstens war absehbar, aufgrund der Erfahrungen der Vorstudie, dass es sich nur um eine kleine Minderheit handeln würde. Zweitens liess sich so die qualitative Breite des Samples erweitern, und drittens schien es bei der Auswertung möglich, diese spezielle Gruppe, falls erforderlich, zu separieren.
Die Erfahrungen der Vorstudie führten zu einem örtlich veränderten und gleichwohl stabilen Interview-Setting der Hauptuntersuchung: Statt einer zweiphasigen Befragung vor und nach dem Besuch fand das Interview nunmehr stets als ein einziges, dafür aber längeres Gespräch statt, und zwar – mit wenigen Ausnahmen – auf der Rütliwiese, dem sowohl topografischen als auch szenografischen Höhepunkt des Denkmals. Zu diesem Verfahren hatten erstens ganz praktische Gründe geführt. Der Schiffsbetrieb an der Schiffstation beeinträchtigte akustisch die Aufnahmen und verunmöglichte so eine brauchbare Transkription. Aber auch aus einem zweiten Grund erwies sich die Schiffstation als ungeeignet für eine Datenerhebung. Personen, die an der Schiffstation Rütli ankamen, waren in diesem Moment der Ankunft eher gesprächsunwillig, da sie entweder einen geplanten Wandertag vor sich hatten oder aber zuerst das Gelände begehen wollten. Umgekehrt gelangten, drittens, die Besuchenden oft zu knapp an die Schiffstation, wodurch für ein komplettes Gespräch oft zu wenig Zeit verblieb. Viertens kehrten zahlreiche Personen gar nicht mehr zur Schiffstation zurück, sondern schlugen einen Wanderweg in Richtung Seelisberg ein, wodurch ein zweites Gespräch ebenfalls verunmöglicht wurde. Die Rütliwiese bot sich, fünftens, als Erhebungsort insofern an, als jene Personen, die das Rütli nur als Durchgangsstation und nicht als Teilziel betrachteten, nicht bis zur Rütliwiese hochwanderten, sondern das Gelände auf einem Wanderweg umgehend verliessen. Schliesslich hatten sich, sechstens, die Fragen nach Erwartungen und Vorstellungen vor dem Besuch als wenig ertragreich erwiesen.
Von Mai bis August 2014 fand die Hauptuntersuchung statt. Der Zeitpunkt der Gespräche wurde möglichst variabel gewählt, das heisst an verschiedenen Wochentagen (werktags und am Wochenende) und sowohl in der Ferien- als auch Nichtferienzeit. Die Teilnahmebereitschaft erwies sich als überraschend gut. Von den angegangenen Personen stimmten mindestens 75 Prozent einer Teilnahme zu, vom restlichen Viertel füllte ein Grossteil den Kurzfragebogen aus. Insgesamt entstanden dabei 62 Interviews, die zwischen 10 Minuten und 30 Minuten dauerten, im Schnitt ungefähr 20 Minuten. Ein Gespräch (B9) musste umstandsbedingt abgebrochen werden und konnte deshalb nur teilweise miteinbezogen werden. Die Besuchenden waren oft in Paarkonstellationen unterwegs, weshalb der Interviewer bemüht war, das Gespräch auf eine Person zu fokussieren. Das gelang in der Regel. In einigen Fällen jedoch ergab sich ein Doppelinterview, indem das Paar jeweils abwechselnd antwortete. Solche Gespräche galten bei der Auswertung als zwei Interviews. Dabei musste unberücksichtigt bleiben, welchen Einfluss die verdoppelte Gesprächssituation auf die individuellen Äusserungen gehabt haben könnte. Aufgrund des fortlaufend aktualisierten Stichprobenplans wurden im Verlauf der Erhebungsphase vermehrt Personen mittleren Alters sowie vor allem auch Frauen angesprochen. Die Erhebung wies am Schluss die in Darstellung 7 enthaltene Stichprobe auf, wie sie sich aus den Besuchendennummern zusammensetzt. Der Plan unterscheidet in der linken Spalte vier farblich markierte Altersgruppen, die jeweils nach Ausbildungsniveau differenziert sind, wobei (1) einen Abschluss der Sekundarstufe II (Berufslehre oder Matur) bedeutet, (2) einen Abschluss auf weiterführendem Niveau (speziell Fachhochschule, höhere Berufsabschlüsse) und (3) ein universitäres Studium. Steht die Besuchendennummer in Klammern, ist die geografische Zuordnung nicht eindeutig, sei es, weil es sich etwa um Auslandschweizerinnen oder -schweizer handelt oder um Deutsche, die seit Jahrzehnten in der Schweiz lebten, jedoch in Deutschland die gesamte Schul- und Ausbildungszeit verbracht hatten. Parallel zum Stichprobenplan entstand eine Erhebungsübersicht. Sie enthielt neben Datum, Alter und Herkunft der Interviewten auch das Postskriptum des Interviewers, das persönlich gehaltene Eindrücke des Gesprächs und damit die Entstehungssituation dokumentierte. Das aus den Kurzinterviews digital aufgezeichnete Datenmaterial wurde sinngetreu (nicht phonetisch) und regelgestützt transkribiert und mithilfe der Software MAXQDA ausgewertet.[279]
| Stichprobenplan der geführten Kurzinterviews | |||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Alter | Herkunft | Deutschschweiz | Romandie | Deutschland/Ausland | |||
| Bildung | Geschlecht | Mann | Frau | Mann | Frau | Mann | Frau |
| Jugendliche (< 19 J.) | B21 | B5 | |||||
| Erwachsene (1), –50 J. | B10, B11, B29, B42 | B28, B31, B32, B39, B45, B48 | B25 | B16 | |||
| Erwachsene (2), –50 J. | B20, B37, B33, B55, B61 | B58, B60 | B47 | ||||
| Erwachsene (3), –50 J. | B44 | B51 | B1, B17 | B38, B62 | B22, B56 | ||
| Erwachsene (1), –65 J. | B41 | B40, B43 | |||||
| Erwachsene (2), –65 J. | B23, B59, B57 | ||||||
| Erwachsene (3), –65 J. | B36, B35 | B34 | |||||
| Erwachsene (1), ab 66 J. | B30, B46, B52, B50 | B6, B7, B15, B18, B26 | B24 | (B49) | |||
| Erwachsene (2), ab 66 J. | B8, B12, B27 | ||||||
| Erwachsene (3), ab 66 J. | B19 | B2 | B3, B13, (B54) | B4, B14, (B53) | |||
| Total 1 (Interviewte) | 23 | 17 | 2 | 6 | 8 | 5 | |
| Total 2 (Herkunft) | 40 | 8 | 13 | ||||
| Total 3 (Geschlecht) | Männer | 33 | Frauen | 28 | |||
Darstellung 7
2.3.2 Quantitative Inhaltsanalyse serieller Textbestände
Nach der zwar grundlegenden, aber zugleich stark kritisierten Definition Berelsons geht es bei der quantitativen Inhaltsanalyse um eine objektive, systematische und quantitative Beschreibung von objektiv vorhandenen Kommunikationsinhalten.[280] Die lebhafte Kritik zielte vor allem auf die Beschränkung auf die objektiv vorhandenen Zeichen, denn dadurch würden weitere, der Kommunikation inhärenten Bedeutungsebenen ausgeblendet. Diese Einwände wiegen schwer, dennoch kommt im vorliegenden Projekt diese Art der Analyse – in Form der Frequenzanalyse – zur Anwendung: Sowohl die an die untersuchten Quellenbestände gestellten Fragen als auch die Art der Quellenbestände erlauben eine quantifizierende Oberflächensicht.
2.3.2.1 Massenmedien
Die zentrale Stellung der geschichtsdidaktischen Kategorie der Geschichtskultur auf der einen Seite sowie die kulturwissenschaftliche Wende innerhalb der Geschichtswissenschaften auf der anderen Seite verleihen den massenmedial vermittelten Realitäten neue Bedeutung. Nicht zuletzt diese Quellen, die das 20. Jahrhundert wesentlich mitgeprägt haben, erlauben es, zeitgenössische Wissens- und Deutungshorizonte zu rekonstruieren.[281] Gerade im Hinblick auf Schweizer Identität und Gedenktraditionen liegen Studien vor, die auf der Analyse massenmedialer Datenbestände basieren.[282] Im vorliegenden Projekt rückt die mediale Berichterstattungsintensität in den Vordergrund. Als Ausdruck eines kommunikativen und sozial bedingten Gedenkens beeinflusst sie die geschichtskulturelle Präsenz des Rütlis wesentlich, dementsprechend fokussiert die einfache deskriptiv-statistische Analyse auf die Berichterstattungsfrequenz. Diesem Fokus liegt die Vermutung zugrunde, dass eine erhöhte Frequenz dazu führt, dass der Gegenstand, hier also das Rütli, stärker ins Bewusstsein tritt.[283] Nicht geleistet werden kann deshalb eine Wirkungsanalyse der Beiträge oder eine zur Produktionsintentionalität.
Die explorativ unternommene Stichprobenanalyse musste aus forschungspragmatischen Gründen tendenziell unsystematisch und mit nur partiell repräsentativem Anspruch erfolgen. Aus der grossen Zahl sozial bedeutsamer und potenziell für Geschichtsbilder wirksamer Massenmedien wurden fünf Zeitungen und das Schweizer Fernsehen ausgewählt.[284] Besonders die Auswahl bei Ersteren verlangte eine kriteriengeleitete Begründung, präsentiert sich die Schweizer Printmedienlandschaft im Untersuchungszeitraum von 1860 bis heute doch überaus dicht, vielgestaltig und in starkem Wandel. Zu berücksichtigen galt es den Umstand, dass die Zeitungen in der Schweiz bis in die 1960er-Jahren als Parteipresse funktionierten, um sich erst danach zur Forumspressse weiterzuentwickeln.[285] Die Auswahl für das vorliegende Projekt deckt deshalb erstens drei wesentliche politische Ausrichtungen ab (liberal-reformiert, katholisch-konservativ, sozialdemokratisch), zweitens ist sie geografisch breit ausgerichtet. Drittens sollten sie eine längere Erscheinungsdauer aufweisen sowie – ein forschungspragmatisches Kriterium – idealerweise über ein internetgestütztes Portal verfügen, das eine effiziente Recherche erlaubt. Die genannten Kriterien führten zu einem Sample von fünf Schweizer Zeitungen:
•Le Nouvelliste, eine katholisch-konservative Zeitung des französisch sprechenden Teils des Kantons Wallis, herausgegeben seit 1903[286]
•24 heures, die liberal-reformiert ausgerichtete Zeitung im französischsprachigen Kanton Waadt, die mit Vorgängerblättern von 1762 bis 2001 erschien[287]
•Schaffhauser Nachrichten (bis 1939 Schaffhauser Intelligenzblatt), eine liberal-reformierte Zeitung des kleinen Kantons Schaffhausen, herausgegeben seit 1861[288]
•L’Impartial/L’Express, die beiden liberal-reformierten Tageszeitungen des ebenfalls französischsprachigen Kantons Neuenburg, die seit 1861 resp. 1738 erscheinen und seit 1996 kooperieren.[289]
•Volksrecht, eine führende sozialdemokratische Zeitung aus Zürich, jedoch mit nationaler Reichweite, herausgegeben seit 1898, ab 1970 als Zürcher AZ, ab 1976 als Volksrecht, ab 1992 als DAZ (bis 1997), danach in neuem Format als P.S.[290]
Zusätzlich und ergänzend liess sich die Berichterstattung des Schweizer Fernsehens miteinbeziehen. Denn dessen Videodatenbank FARO erlaubt den Zugriff auf sämtliche (deutschsprachigen) Beiträge nichtfiktionaler Art, die seit Beginn des Mediums ausgestrahlt worden sind.[291] Die Stichwortsuche ergab für das Rütli über 230 Treffer aus dem Zeitraum von 1941 bis 2014, die mehrheitlich Nachrichtenformate betreffen. Sie verteilten sich sehr ungleich auf der Zeitachse; die Jahre nach der Jahrtausendwende wiesen mit Abstand die höchste Dichte aus. Dieses unterschiedlich, aber diachron lückenlos verfügbare Material liess sich ebenfalls auf quantitative Fragestellungen hin untersuchen. Dabei erfolgte – als Vorgriff auf das im nächsten Kapitel thematisierte methodische Verfahren der Bildinterpretation – für den visualisierten Teil der ausgestrahlten Beiträge nicht ein wörtliche, sondern lediglich eine deskriptive, stichwortartige Transkription mit anschliessender inhaltsanalytischer Verdichtung.[292] Dieser methodisch qualitative Fokus ermöglichte Aussagen zur Repräsentation des Denkmals und bereicherte so die kollektive Gebrauchsanalyse um einen weiteren Blickwinkel. Hingegen wurde sowohl bei den Presseartikeln als auch bei den Fernsehbeiträgen auf deren inhaltliche Untersuchung verzichtet. Einerseits hätte das den zeitlichen Rahmen der Datensammlung gesprengt, andererseits ermöglichten bereits die quantitativen Erhebungen und die Bilderfassung wesentliche Erkenntnisse in dieser Hinsicht.
2.3.2.2 Rütli-Gästebücher
Die Rütli-Gästebücher stellen einen Quellenbestand dar, der bisher in der Forschung weder berücksichtigt noch ausgewertet worden ist.[293] In diese Gästebücher konnten sich die Besucherinnen und Besucher eintragen resp. ihren Besuch schriftlich bezeugen. Noch heute liegt ein solches Buch auf in der vorderen Rütlistube zu Füssen der hölzernen Tell-Statue (Bild 32). Die archivierten Bände setzen im Jahr 1814 ein, also lange vor dem Rütlikauf durch die SGG, und sind lückenlos erhalten.[294] Format und Rubriken der Bücher haben sich im Verlauf der Zeit verändert: Den listenartigen Bänden mit mehreren Rubriken (in der Regel Datum, Name, Vorname, Wohnort, Beruf, Bemerkungen) stehen die Bände der Nachkriegsjahre gegenüber, die lediglich aus rubrikenlosen, leeren Seiten bestehen.
Auf diesen besonderen Quellenbestand wurden quantifizierende, teils verbunden mit qualitativen Auswertungsfoki gerichtet. So ging es einerseits darum, die Anzahl der Einträge sowie Herkunft, Geschlecht der Personen sowie deren Beruf zu erfassen. Ein anderer methodischer Zugriff diente dazu, die freien Bemerkungen, welche die Besucherinnen und Besucher in den Gästebüchern hinterliessen, auszuwerten. Dies erfolgte in einem ersten Schritt, indem die Häufigkeit aller verwendeten Wörter erhoben wurde.[295] In einem zweiten, qualitativen Schritt wurden die am häufigsten Begriffe zu einer interpretativen Sinneinheit verschmolzen in Form eines Satzes – ein Vorgehen, das in einem gewissen Sinn die Skizzierung einer Concept Map umgekehrt, indem von assoziierten Begriffen auf ein Kernkonzept, eine Kernidee geschlossen wird und damit einer verstehenden Verdichtung entspricht.[296]
Erkenntnispraktische und arbeitsökonomische Gründe führten bei der Definition der Stichprobe dazu, nur die Einträge ausgewählter Jahre genauer zu untersuchen. Dazu dienten zum einen fünf Querschnitte im Abstand von 30 Jahren, welche die gesamte Zeitspanne von 150 Jahren, also vom Kauf des Rütlis bis heute, abdecken. Zum anderen wurde der Beginn des 30-Jahre-Rhythmus auf 1875 festgelegt. Diese Setzung bot sich an, weil das Rütlihaus als letztes und wesentliches Gestaltungselement der Neuanlage erst im Verlauf des Jahres 1870 fertiggestellt worden war und die Besuchsfrequenz in den Folgejahren zu steigen begann.[297] Die weiteren zeitlichen Meilensteine liegen ebenfalls günstig, da sie prägende national- und weltgeschichtliche Phasen berücksichtigen.[298] Das Jahr 1905 repräsentiert die für die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz essentzielle touristische Hochphase der «Belle Epoque». Das Jahr 1935 liegt in den sozial und politisch bewegten 1930er-Jahren und zugleich am Anfang der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland. Und während das Jahr 1965 mitten in der Nachkriegszeit situiert ist, geprägt von struktureller Stabilität und Regelvertrauen auf der einen, von einer sich anbahnenden gesellschaftlichen Orientierungskrise auf der anderen Seite, steht der Querschnitt 1995 für die Phase, in der der Kalte Krieg überwunden wurde und der Schweiz wirtschaftliche und kulturell-identifikatorische Herausforderungen erwuchsen.
Sämtliche Einträge dieser fünf Jahre wurden transkribiert. Dabei liessen sich in nur knapp 50 Prozent der Fälle vollständige Angaben erfassen, sei es aufgrund mangelhafter oder fehlender Angaben, sei es aufgrund der erschwerten Lesbarkeit. Zumindest quantitativ hingegen wurde jeder Eintrag berücksichtigt. Familieneinträge («H. Huber mit Familie») erhielten dabei systematisch die Anzahl von fünf Personen zugewiesen, ohne Bezeichnung eines Geschlechts.[299] Gruppeneinträgen von Vereinen und Schulklassen wurde – falls jeweils keine expliziten quantitativen Angaben vorhanden waren – systematisch die Zahl von 28 Personen zugeordnet.[300] Die mithilfe von MAXQDA erfolgte Auswertung der freien Bemerkungen liess Angaben zur Gruppe (zum Beispiel «3. Klasse aus Zürich-Unterstrass») sowie Präzisierungen der Herkunft (zum Beispiel «Schlesien») unberücksichtigt. Überdies wurden fremdsprachige und mundartliche Einträge in deutsche Standardsprache übertragen, um Worthäufigkeiten erfassen zu können. Die sogenannte Stoppliste erlaubte es schliesslich, bei der Häufigkeitszählung gewisse, für die Untersuchung nicht relevante Wörter – also Artikel, Präpositionen oder Jahreszahlen – auszuklammern.
So ausserordentlich dieser Quellenbestand ist, so heikel jedoch ist seine Auswertung und Interpretation: mögliche Verzerrungen (Bias) sind mitzuberücksichtigen. Denn längst nicht alle Personen, die das Rütli besuchten, trugen sich auch in das Gästebuch ein – etwa, weil sie das Rütlihaus gar nicht betraten oder weil sie sich scheuten, sich schriftlich zu äussern? Nicht nur ein Vergleich mit den Passagierzahlen der Schifffahrtsgesellschaften legt dies nahe, sondern auch die neueren, deutlich weniger dichten Bände aus den Nachkriegsjahrzehnten. Quantifizierende Aussagen auf dieser nur scheinbar lückenlosen Grundlage waren deshalb mit der gebotenen Vorsicht zu formulieren.
2.3.3 Quantitativ empirisch
Quantitative Sozialforschung zielt grundsätzlich darauf, Zusammenhänge zu beschreiben und zu erklären.[301] Je nach Komplexität der Fragestellung und deren Bearbeitung lassen sich deskriptive und schliessende Statistik unterscheiden – beide gelangen im vorliegenden Projekt zur Anwendung.
Analog zur quantifizierenden Analyse von Texten geht es bei der Quantifizierung von Zahlenmaterial darum, Häufigkeiten sichtbar zu machen und zu interpretieren. Für die Benutzung des Rütlis liegen zahlreiche serielle Quellenbestände vor, so etwa statistische Aufzeichnungen des Postverkehrs der Poststelle Rütli im Archiv der Schweizerischen Post oder die Frequenzstatistiken der Schiffstation Rütli gemäss den Jahresberichten, die im Archiv der Vierwaldstättersee-Schifffahrtsgesellschaft verfügbar sind. Neben dieser deskriptiven Auswertung kam auch das schliessende statistische Verfahren zum Einsatz, das auf einer Kurzfragebogen-Erhebung beruhte.
2.3.3.1 Kurzfragebogen
2.3.3.1.1 Instrument
Nachdem die Kurzinterviews der Vorstudie ausgewertet worden waren, zeichnete sich ab, dass sich die geschichtlichen Vorstellungen zu Gründungsmythos und Gestaltung des Rütlis durchaus typisieren, jedoch – auch aufgrund der eingeschränkten Stichprobe – kaum quantifizieren liessen, zumal die Äusserungen – aus Sicht einer systematisierenden Analyse – als stark lückenhaft und oft mehrdeutig erschienen. Um quantifizierbares Datenmaterial zu erzeugen, entstand die Idee eines standardisierten Kurzfragebogens, ja eines Kürzestfragebogens. Denn auch hier bestand die forschungspraktische Prämisse, dass die zeitliche Beanspruchung der Besuchenden minimal gehalten musste, umso mehr, als eine deutlich grössere Zahl an Teilnehmenden zu erreichen war.
Der Fragebogen entstand in deutscher und französischer Sprache mit acht Items in Form dichotomer Behauptungen, welche die Befragten mithilfe einer dreistufigen Nominalskala («Ja», «Nein» oder «Unklar») beantworten sollten:[302]
1.Die heutige Schweiz wurde 1291 auf dem Rütli gegründet.
(1. La Suisse actuelle a été fondée sur le Grütli en 1291.)
2.Der Rütli-Rapport fand im Ersten Weltkrieg statt.
(2. Le rapport du Grütli a eu lieu durant la Première Guerre mondiale.)
3.Tell war beim Rütlischwur dabei.
(3. Tell a participé au serment du Grütli.)
4.1848 entsteht die heutige Schweiz.
(4. En 1848, la Suisse actuelle est née.)
5.Schiller hat den Rütlischwur mit der Geschichte von Tell kombiniert.
(5. Schiller a combiné le serment du Grütli avec l’histoire de Tell.)
6.Im Bundesbrief von 1291 steht: «Wir wollen sein ein einig (oder einzig) Volk von Brüdern».
(6. Dans le Pacte fédéral de 1291, on lit: «Nous voulons être un seul peuple de frères».)
7.General Guisan war zu Beginn des Zweiten Weltkriegs auf dem Rütli.
(7. Le général Guisan est venu sur le Grütli au début de la Deuxième Guerre mondiale.)
8.Die heutige Gestaltung des Rütlis (Schwurplatz, Rütlihaus, Rütliwiese) entspricht in etwa dem Zustand um 1300.
(8. La disposition actuelle du Grütli (lieu du serment, maison du Grütli, prairie du Grütli) correspond plus ou moins à l’état en 1300.)
Die inhaltliche Struktur des Fragebogens zielte also auf die Wissensbestände zum Gründungsmythos von 1291, zur Bundesstaatsgründung von 1848, zum Rütli-Rapport sowie zur Wahrnehmung des Ortes in seiner Historizität. Dabei hingen die Items 1 und 4 sowie die Items 2 und 7 im Sinne einer Überprüfung zusammen. Mit den Items 3, 5 und 6 sollte überdies das Wissen zu Schillers Theaterstück untersucht werden.
Die Teilnehmenden wurden am Ende des Fragebogens gebeten, soziodemografische Angaben zu Geschlecht, Alter, Wohnort sowie Ausbildung und Beruf zu machen. Ein letztes Feld bot die Möglichkeit, Bemerkungen anzubringen. Eine dem Fragebogen vorangestellte Information beschrieb die Befragung als Teil eines Forschungsprojekts, das mit Einverständnis der SGG, der Verwalterin des Rütlis, durchgeführt wurde.
2.3.3.1.2 Stichprobe und Erhebung
Gute Stichproben zeichnen sich dadurch aus, dass sich diese Teilgesamtheit hinsichtlich möglichst vieler Merkmale der Grundpopulation, im vorliegenden Fall der Gesamtheit aller Rütli-Besucherinnen und -besucher, gleichen, das heisst ein zwar verkleinertes, aber sonst wirklichkeitsgetreues Abbild der Gesamtheit darstellen und deshalb repräsentativ sind. Es galt also, Stichproben- und Messverzerrungen resp. systematischen Fehlern vorzubeugen.[303] Die Qualität der Zufallsstichprobe wurde in diesem Sinn durch fünf Faktoren sichergestellt. So wurde erstens im Rahmen eines kurzen Pretests die Verständlichkeit der Fragen überprüft.[304] Zweitens blieb der Erhebungsort konstant: Die Zufallsstichprobe wurde – wie die Kurzinterviews – zum grössten Teil auf der Rütliwiese erhoben, ein Punkt auf dem Gelände, der speziell besucht werden muss und beispielsweise von Wanderern ohne spezielles Interesse am Ort nicht angegangen wird. Drittens war der Zeitpunkt der Erhebung insofern variabel, als sie an verschiedenen Wochentagen (werktags und am Wochenende) und sowohl in der Ferien- als auch Nichtferienzeit stattfand. Im Hinblick auf die Teilnahmebereitschaft der Angesprochenen liessen sich viertens die folgenden Gruppen unterscheiden: a) Interviewte, die im Anschluss an ein Kurzinterview den Bogen ausfüllten (50 von 62 Interviewten), b) Besuchende, die kein Interview geben wollten, aber den Fragebogen ausfüllten (ca. 50 Prozent jener, die kein Interview geben wollten), c) Besuchende, die aus zeitlichen Gründen gebeten wurden, nur den Fragebogen auszufüllen (ca. 80 Prozent der Angefragten). Die Bereitschaft zur Teilnahme erwies sich also insgesamt als ausgesprochen hoch, noch höher als beim Kurzinterview. Um die Besuchenden zur Teilnahme zu bewegen, wurde explizit auf den äusserst geringen zeitlichen Aufwand hingewiesen. Schliesslich erfolgte – fünftens – im Vorfeld und während der Befragung bewusst keine Stratifizierung der Stichprobe, um die intendierte, breit gestreute Repräsentativität zu gewährleisten.
Die Erhebung fand von Mai bis August 2014 statt, parallel zu den Kurzinterviews. Die erzielte Stichprobe umfasst 331 Fragebogen, gut 20 Prozent wurden anlässlich der Bundesfeier am 1. August ausgefüllt. Die Auswertung erfolgte mit der Statistiksoftware SPSS.[305]
2.3.4 Experteninterviews
2.3.4.1 Instrument
Während die Kurzinterviews mit Besuchenden einen sozialwissenschaftlichen Charakter aufwiesen, stellten die geführten Experteninterviews eine Form der Oral History dar. Oral History, so die als klassisch geltende Definition von Starr, bezeichnet selbst erzeugte Primärquellen in Transkriptform.[306] Gerade diese Selbsterzeugung erfordert eine speziell hohe methodische Kontrolliertheit bezüglich Befragung, Quellenherstellung und Interpretation, da der hermeneutische Zirkel zu selbstreferenziell ausfallen könnte.[307] Zudem muss damit gerechnet werden, dass die Gespräche vor allem anekdotisches, triviales, ja weitschweifiges Material und Hintergrundinformationen liefern, gespiesen aus unzuverlässigen Erinnerungen.[308] Dennoch kann sich eine Expertenbefragung lohnen, da Wissen produziert werden kann, das in anderen Quellenbeständen so nicht zu finden wäre.
Zentral ist ganz zu Beginn die Frage, was unter «Experten» resp. einer «Expertin» überhaupt zu verstehen ist. Theoretisch werden drei Definitionen unterschieden.[309] Während der «voluntaristische Expertenbegriff» jeder Person ein spezifisches Wissen über das eigene Selbst zuweist und so biografisch orientiert ist, zeichnet den «wissenssoziologischen» Experten aus, dass er über wissenschaftlich gesichertes Wissen verfügt. Gemäss der dritten Definition, der «konstruktivistischen», zeichnet sich eine Expertin dadurch aus, dass sie über besonderes Wissen innerhalb einer bestimmten Forschungsperspektive verfügt und ihre Expertenschaft methodisch-relational bestimmt ist. Das vorliegende Projekt geht von der dritten Definition aus, also von Experten, die im Hinblick auf die Gestaltung und den Gebrauch des Rütlis über spezielles Wissen verfügen oder involviert sind. Im Vorfeld der Befragung galt es also, objekttheoretische Vorarbeit zu leisten und festzulegen, welche Informationen zu welchen Themenbereichen auf welcher theoretischen Grundlage erwartet werden konnten.[310] Theoretische Grundlage bildete auch für dieses Instrument das dem Projekt zugrundeliegende «Erlebnisraum»-Konzept nach Hettling. Dementsprechend bot der Leitfaden der Kurzinterviews auch für die Experteninterviews die Grundlage und umfasste Themenbereiche der eigenen Nutzung des Rütlis, des Wissens zu Mythos und Denkmal, dessen Wahrnehmung und Interpretation. Hinzu kamen expertenspezifische Fragen, um den jeweiligen Wissensbestand möglichst gewinnbringend erschliessen zu können.
2.3.4.2 Stichprobe und Erhebung
Gemäss dem «konstruktivistischen» Verständnis des Experten resp. der Expertin wurden Personen angefragt, die im Hinblick auf die Gestaltung und den Gebrauch des Rütlis über spezifisches Wissen verfügen. Dazu zählten als erste Gruppe Personen, deren berufliche Tätigkeit eng mit dem Rütli zusammenhing (Pächter, Führer, Tourismus-Fachpersonen), zu der zweiten Gruppe zählten Personen, die einen besonderen regionalen Bezug zum Rütli aufwiesen (lokale Medien, Tellspielgesellschaft Altdorf). Der Verfasser der neuen Geschichte des Kantons Uri bildete schliesslich die dritte Gruppe. Darstellung 8 führt die jeweiligen objekttheoretischen Vorüberlegungen auf.
Die Gespräche dauerten zwischen 45 und 120 Minuten und fanden nicht auf dem Rütli, sondern am Arbeits- oder Wohnort der Expertin oder des Experten statt. Die 2014 geführten Interviews wurden transkribiert und in MAXQDA eingelesen. Die partielle Kodierung verlief deduktiv entlang der durch die Kurzinterviews erhaltenen Codes; weitere wurden – bei Bedarf – induktiv gebildet.[311]
| Objekttheoretische Überlegungen zu den interviewten Expertinnen und Experten | ||
|---|---|---|
| Name | Tätigkeit/Bezug zu Rütli | Erwartete Informationen |
| Edi Truttmann | Rütlipächter von 1995 bis 2014 | Umgang der Besuchenden mit Rütli; Anekdoten/mündlich tradiertes Wissen |
| Dr. Herbert Ammann | Ehemaliger Geschäftsführer SGG (Verwalterin des Rütlis) | Bedeutung des Rütlis für die SGG, Gebrauch des Rütlis, Gestaltung des Denkmals |
| Fredy Zwyssig | Pensionierter SBB-Angestellter; langjähriger Rütli-Führer | Rütliführungen, deren Inhalte und Frequenz; die soziodemografische Zusammensetzung der Gruppen, deren Interesse; Anekdoten / mündlich tradiertes Wissen |
| Frieda Muff | Langjährige Rütli-Führerin (im Auftrag von Tourismus Brunnen) | Rütliführungen, deren Inhalte und Frequenz; die soziodemografische Zusammensetzung der Gruppen, deren Interesse; Anekdoten / mündlich tradiertes Wissen |
| Fabienne Vollenweider | Geschäftsleiterin Tourismus Brunnen | Touristische Bedeutung des Rütlis |
| Christoph Näpflin | Historiker, Geograf (lic.phi.); Geschäftsführer der Treib-Seelisberg-Bahn | Touristische Bedeutung des Rütlis im Urnersee-Kontext; Rütliführungen, deren Inhalte und Frequenz; die soziodemografische Zusammensetzung der Gruppen, deren Interesse; Anekdoten /mündlich tradiertes Wissen |
| Werner Lüönd | Leiter Marketing und Sales, Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersee SGV | Touristische Bedeutung des Rütlis aus Sicht der Schifffahrtsgesellschaft |
| Markus Zwyssig | Stv. Redaktionsleiter, Urner Zeitung, Altdorf | Bedeutung des Rütlis, der dortigen Bundesfeiern, Rolle SGG als Verwalterin |
| Dr. Josef Arnold | Ehem. Rektor des Kollegiums (Mittelschule) in Altdorf (UR), Mitglied Tellspielgesellschaft | Bedeutung Tellspiele, Bezug Tellspiele–Rütli, Bedeutung des Rütlis, der dortigen Bundesfeiern |
| Barbara Bär | Regierungsrätin des Kantons Uri, Mitglied Tellspielgesellschaft | Bedeutung Tellspiele, Bezug Tellspiele–Rütli, Bedeutung des Rütlis, der dortigen Bundesfeiern |
| Dr. Hans Stadler-Planzer | Freischaffender Historiker, Autor der «Geschichte des Landes Uri» (2015) | Bedeutung Tellspiele, Bezug Tellspiele–Rütli, Bedeutung des Rütlis, der dortigen Bundesfeiern |
Darstellung 8
2.3.5 Nichtteilnehmende Beobachtung
2.3.5.1 Instrument
Als weiteres qualitatives Instrument diente die Beobachtung, ein «methodisch kontrolliertes Fremdverstehen», das darauf abzielt, Handlungsabsichten, -gründe und -erklärungen von untersuchten Subjekten zu rekonstruieren.[312] Um dieses Ziel zu erreichen, ist der Forscher angehalten, gegensätzliche Ansprüche auszubalancieren. Er ist angehalten, sich von sich selbst, seiner Alltagswirklichkeit zu distanzieren, um sich mit dem Standpunkt der Beobachteten zu identifizieren. Umgekehrt muss er sich von den untersuchten Subjekten distanzieren und mit seinen Forschungsfragen identifizieren, um das Handeln beschreiben und verstehen zu können.[313] Die Methode der Beobachtung bot sich gerade für das vorliegende Projekt an, weil sie erlaubt, näher und anders an die gelebte Praxis der Besucherinnen und Besucher heranzugehen und auf diese Weise die Kurzinterviews zu ergänzen: Die Logik der Praxis kann sich von den erzählten subjektiven Theorien (der handelnden Subjekte) über ebendiese Praxis unterscheiden, die ihrerseits beeinflussbar ist durch das Moment der sozialen Erwünschtheit.[314]
Die Beobachtung erfolgte systematisch, unstrukturiert und strukturiert, mit geringem oder keinem Partizipationsgrad.[315] Besonders die Frage der Strukturierung ist bedeutsam: Sie läuft der für diesen qualitativen Zugang zentralen Haltung einer grossen, voraussetzungsfreien Offenheit entgegen, die nötig ist, um das untersuchte soziale Feld in seiner Eigenheit und in theorieentdeckendem Sinn zu erfassen. Dieser Anspruch einer möglichst detailreichen Wahrnehmung resp. Niederschrift der Praxis birgt jedoch die Gefahr in sich, vor lauter Details das für die Fragestellung Relevante zu übersehen. Demgegenüber würde ein vorab festgelegtes, detailliertes Kategoriensystem der methodischen Grundintention zuwiderlaufen. Deshalb wird empfohlen, vor der Feldarbeit allgemeine Richtlinien in Form grober Hauptkategorien als Beobachtungsrahmen zu formulieren, was Kelle/Kluge als «theoretische Sensiblisierung» bezeichnen.[316] Vor diesem Hintergrund entstanden – wiederum auf der Basis von Hettlings «Erlebnisraum»-Konzept – zwei Beobachtungsfokusse, die den Forschungsprozess kanalisierten: Wie nehmen die Besuchenden das Denkmal wahr? Inwiefern werden Auseinandersetzungen mit dem Ort sichtbar und welcher Art sind sie?
Neben der Frage der Strukturierung stellte sich bei der systematischen Beobachtung auch diejenige der Partizipation. An sich wäre eine Teilnahme des Forschenden an individuellen Rütlibesuchen denkbar gewesen, dennoch sprachen im Wesentlichen zwei Gründe dagegen. Zum einen war es nicht erforderlich, grundsätzliches Wissen über das beforschte soziale Feld zu generieren.[317] Zum anderen, auch wenn eine partizipative Begehung praktisch möglich gewesen wäre, hätte sie wohl den in der Regel wortlosen, privaten und auch politisch grundierten Besuch gestört. Deshalb erfolgte die Beobachtung ohne Interaktion mit dem Feld und ohne dessen Wissen, beobachtet zu werden. Gleichzeitig ergab sich daraus eine statische – anstelle einer dynamischen – Vorgehensweise. Ein Rütli-Rundgang führt zu mehreren inszenierten Stellen, die sich aufgrund der Besuchsfrequenz als Beobachtungsposten eignen: die Schiffstation, der Schwurplatz und die Rütliwiese. Um die schriftliche Fixierung der Beobachtungen zu erleichtern, entstand im Verlauf der Vorstudie ein Beobachtungsplan, welcher die drei Beobachtungsposten mit Verhaltenstypologien (Anschauen, Verstehen, sonstiges Handeln), verhaltensbezogenen Objekten (Info-Tafel, Reiseführer etc.) sowie Zeitdauer kombinierte. Bereits die ersten Versuche zeigten, dass die verfügbare Beobachtungszeit nicht reichte, um die Eindrücke kriterial vollständig zu verschriftlichen. Für die Hauptuntersuchung wurde deshalb der Plan auf zwei Ebenen reduziert: auf die quantitative Erfassung allgemeiner Verhaltensweisen sowie auf offene, detaillierte Beobachtungen (Feld «Notizen»; Darstellung 9).

Darstellung 9
In der Hauptuntersuchung blieben der Beobachtungsort und das statische Vorgehen unverändert, wobei sich die Schiffstation in der Vorstudie als am wenigsten ergiebig erwiesen hatte. Der Beobachtungsplan wiederum fand nur beschränkten Einsatz, die darin explizierten Fokusse dienten jedoch auch weiterhin als implizite Leitplanken, als Sensibilisierungsraster. Die Verschriftlichung erfolgte nunmehr in freier Form – aus zwei Gründen: Die Beobachtung sollte, wie erwähnt, möglichst diskret, also von den Besuchenden unbemerkt, erfolgen, da ansonsten die Präsenz des Forschenden das Verhalten seiner Untersuchungspersonen hätte beeinflussen können. Ein grösseres elektronisches Schreibgerät oder ein physisch sichtbarer Notizblock schied deshalb, nicht zuletzt aufgrund der kleinräumigen Verhältnisse auf dem Rütli, aus. Geeignet erwies sich deshalb das Mobiltelefon, das als Notizblock diente.[318] Der zweite Grund bestand darin, dass sich auch im vereinfachten Raster die Beobachtungen nicht genügend rasch in die vorgegebenen Rubriken eintragen liessen oder das Beobachtete andere Eigenschaften aufwies.
2.3.5.2 Stichprobe und Erhebung
Die nichtteilnehmende Beobachtung erfolgte sowohl in der Vor- als auch in der Hauptstudie. Die Vorstudie von 2013 ergab zwei halbtätige Beobachtungsphasen Mitte Juli (unter der Woche) und Mitte August (Sonntag), beide Male bei hochsommerlichem Wetter. Zusätzliche Beobachtungsnotizen entstanden anlässlich der Bundesfeier am 1.8. sowie des Rütlischiessens am 6.11.
Die Hauptuntersuchung von 2014 gestaltete sich umfangreicher. Um die verschiedenen Erhebungen in situ arbeitsmässig bewältigen zu können, fand die Beobachtung oft abwechselnd mit den Kurzinterviews und den Kurzfragebogen statt. Wie bei den Kurzinterviews wurde darauf geachtet, dass sowohl der Wochentag als auch die Tageszeit variierten und die Beobachtungsphasen unterschiedlich lang dauerten. Unter diesen Prämissen entstanden 11 Beobachtungssequenzen, die sich von einer Stunde bis zu mehr als einem halben Tag erstreckten. Die in Echtzeit angefertigen Notizen wurden am Abend redigiert und abgelegt. MAXQDA diente anschliessend dazu, die verschriftlichten Beobachtungen auszuwerten, gemäss dem Vorgehen, wie es für die Kurzinterviews in Kapitel 2.3.1.1 beschrieben wird.[319]
2.4 Darstellungsgang
Gemäss der konzeptionellen Zweiteilung der Untersuchung, wie sie das visualisierte Theoriegerüst und die Fragestellungen ausweisen (Darstellungen 3 und 4, Kapitel 1.10), geht der Analyse des Denkmalgebrauchs die Untersuchung des Denkmals als Gegenstand voraus. Das auf ersten Blick vertraute und natürliche Erscheinungsbild der Denkmalanlage bedarf einer minutiösen Beschreibung – erst der zweite Blick zeigt, wie dicht und intensiv das Gelände gestaltet und wie facettenreich dessen Deutung ist. Methodisch führt dies zu einem zweistufigen Verfahren (Kapitel 3.1 bis 3.8). Die detaillierte Beschreibung der Denkmalelemente knüpft an Panofskys Bildinterpretationsschema an, genauer an die vor-ikonografische Beschreibung. Dieser Schritt erfährt eine Historisierung, indem eine vor-ikonografisch synchrone von einer vor-ikonografisch diachronen Perspektive unterschieden wird. Dieser Längsschnitt ermöglicht es, auch die geschichtskulturelle Dynamik zu fassen. Der zweite Analyseschritt kombiniert aus darstellungspraktischen Gründen Panofskys ikonografische Analyse mit ersten Ansätzen ikonologischer Interpretation. Deren weitere Vertiefung erfolgt anhand mehrerer gegenstandsbezogener Theorien, deren Auswahl durch die dem Projekt zugrundeliegenden Konzeption bedingt ist (Kapitel 3.9).[320] Dazu gehört Speitkamps kulturwissenschaftliches Analyseraster, das eine hilfreiche Grundlage bietet, um die öffentliche Wirkung eines Denkmals zu untersuchen. Nipperdeys Typologie der Nationaldenkmäler ihrerseits verallgemeinert die analytische Perspektive weiter, indem sie vom Nationaldenkmal als Ausprägung des Nationalbewusstseins ausgeht. Abschliessend soll das Rütli mit zentralen Elementen der schweizerischen Identitätskonstruktion in Verbindung gebracht werden, mit denen sich insbesondere Marchal intensiv auseinandergesetzt hat.
Die folgenden Hauptkapitel 4, 5 und 6 fokussieren auf den Gebrauch der Anlage. Entlang von Schönemanns Unterscheidung von kollektivem und individuellem Geschichtsbewusstsein – sie ist im theoretischen Gerüst für alle Operationalisierungsdimensionen nach Hettling übernommen worden –,[321] widmen sich in einem ersten Schritt und aus kollektiver Perspektive mehrere Teilstudien den textlichen, danach den bildlichen Darstellungen des Denkmals und des Gründungsmythos. Damit soll aufgezeigt werden, welche Narrative und narrativen Chiffren Behörden (Regierung, Verwaltung), Medien und andere gesellschaftliche Akteure (Wissenschaft, Kunst, Tourismusorganisationen) hervorbrachten. Die textlichen Rütlidarstellungen (Kapitel 4.1) setzen mit jenen Beschreibungen ein, die Chronisten, Historiker und Literaten vor dem Kauf des Geländes 1858 angefertigt hatten. Dazu zählen die traditionsbildenden Texte, welche den Mythos seit Ende des 15. Jahrhunderts geformt haben, genauso wie die wirkungsmächtigste Bearbeitung, die Schiller mit seinem Drama «Wilhelm Tell» vorlegte. Ausschnitte daraus fanden sich sogar in den Reiseführern. Die diachron angelegte Teilstudie zu diesem Gebrauchsmedium spannt den Bogen von der ersten Ausgabe des Baedeker-Führers zur Schweiz von 1841 bis zu aktuellen Publikationen. Entschieden pädagogisch ausgerichtet sind die Lesebücher und die Geschichtsbücher, die unter behördlicher Obhut für den Schulunterricht entwickelt wurden. Die in diesen Unterrichtsmaterialien enthaltenen Rütli-Narrative veränderten sich im Verlauf des Untersuchungszeitraums stark. Sowohl Behörden als auch Private nahmen schliesslich Einfluss auf Strassen- und Schiffsbezeichnungen, deren geschichtskulturelle Präsenz mit derjenigen von Wertzeichen und Münzen vergleichbar ist.
Für die visuelle Repräsentation des Denkmals fiel die Wahl naheliegenderweise auf geschichtskulturelle Medien, die für das Rütli von besonderer Bedeutung sind (Kapitel 4.2). An erster Stelle stehen Stückelbergs Tellskapellen-Fresken, die zur ikonischen Darstellung des Rütli-Schwurs wurden, wie ein Blick auf Postkartenbestände zeigt. Gerade das Verschicken von Postkarten, versehen mit einem ortsspezifischen Stempel, entsprach einer langjährigen Tradition. Damit stehen Abbildungen in touristischen Materialien in Zusammenhang, welche die Innerschweizer Tourismusbüros heute auslegen oder die im Untersuchungszeitraum dreidimensional inszeniert worden waren. Eine pädagogische Absicht ist den Rütlibroschüren eigen, von welchen die SGG im Verlauf des letzten Jahrhunderts vier Fassungen herausgab. Geschichtskultureller Abbildcharakter kommt wegen ihrer alltäglichen Präsenz auch Münzen, Banknoten, Briefmarken und Poststempel zu. Mit diesen Visualisierungen konnten staatliche Behörden für die alltägliche Präsenz von Motiven sorgen – ähnlich dem im Alltag zunehmend präsenten Fernsehen, dessen Rütli-Bilder im diachronen Längsschnitt analysiert werden. Das Beispiel einer kommerziellen Nutzung in Inserateform rundet die Analyse der Visualisierungen ab.
Zu diesen kollektiv produzierten und eingesetzten Narrativen zu Mythos und Denkmal tritt die nach Hettling dritte Komponente, jene des Festes resp. der symbolischen Praxis hinzu. Im Rahmen des vierten Kapitels werden jene Aspekte diskutiert, die sich ausschliesslich auf die kollektive Praxis beziehen. Dazu zählen erstens Frequenz, Umfang und Ausgestaltung der institutionalisierten Gedenkfeiern (Kapitel 4.3), das heisst der staatlich und von privater Seite organisierten Anlässe zum Gedenken an 1291 und an den Rütli-Rapport, sei es in Form grosser Jubiläen, sei es in Form jährlich stattfindender Veranstaltungen, die in ihrer Frequenz und Inszenierung untersucht werden. Eine Teilstudie erlaubt zudem qualitative und quantitative Aussagen zur massenmedialen Berichterstattung über diese Gedenkfeiern im Speziellen und, im Vergleich, zum Rütli allgemein. Kapitel 4.4 wiederum fächert die verschiedenen Kategorien von Gruppen auf, die das Rütli besuchen, und zeichnet die quantitative Entwicklung dieser Besuche nach. Als besondere Gruppenkategorie gelten die Schulklassen – vor allem wegen der oft zitierten Schulreisetradition –, deren quantitative Entwicklung sich anhand verschiedener Quellenbestände skizzieren lässt (Kapitel 4.5). Weitere Facetten der kollektiven Praxis werden in Kapitel 6 zusammen mit denjenigen der individuellen Praxis dargestellt. Diese zweigliedrige Strukturierung ergibt sich sowohl aus inhaltlichen als auch aus erkenntnispraktischen Überlegungen.
Die vielperspektivische Betrachtung des kollektiven Gebrauchs der Anlage wird ergänzt durch die detaillierte Analyse des individuellen Umgangs mit dem Denkmal. Auch sie folgt strukturell den vier Operationalisierungsdimensionen Hettlings. In einem ersten Schritt werden die individuellen geschichtlichen Vorstellungen heutiger Besucherinnen und Besucher besprochen, basierend auf den Kurzinterviews und dem Kurzfragebogen (Kapitel 5.1). Der zweite Schritt fokussiert darauf, wie die Besuchenden den Ort, also das Denkmal wahrnehmen, verbal-beschreibend oder fotografierend (Kapitel 5.2). Mit der Wahrnehmung des Denkmals hängt auch die Frage zusammen, wie sich die Besuchenden gegenüber dem Phänomen positionieren, dass auf dem Rütli kaum ein Denkmalkörper im engeren Sinn zu sehen ist.
Im sechsten Hauptkapitel werden gleichzeitig die individuelle und die kollektive Interaktion zwischen Besuchenden und Denkmal untersucht. So enthält das erste Unterkapitel 6.1 eine quantitative Schätzung der Besuchsfrequenz seit Beginn des 20. Jahrhunderts, begleitet von der Diskussion soziodemografischer und herkunftsspezifischer Merkmale – die Datenbasis umfasst sowohl den Einzel- als auch den Gruppenbesuch. Ein diachroner Längsschnitt und ein synchroner Querschnitt der Kapitel 6.2 und 6.3 zeigen anhand von Quellenmaterial, von Kurzinterviews und Beobachtungsnotizen, wie sich die Interaktion von Individual- und Kollektivbesuchenden mit dem Denkmal gestaltet. Diese Gesamtschau erfolgt aus erkenntnispraktischen Gründen und ist in der Hauptsache nach räumlichen Gesichtspunkten strukturiert. Dem handlungsorientierten Fokus folgen Überlegungen zu Besuchsmotiven, erneut aus diachroner und synchroner Perspektive, ermöglicht durch eine qualitativ-quantifizierende Analyse der Rütli-Gästebücher sowie durch die Kurzinterviews (Kapitel 6.4). Daran schliesst der Versuch an, neben Interaktion und Motivation auch Emotionen zu beschreiben, die ein Besuch des Denkmals zu evozieren vermag.
Kapitel 7 stellt den Gegenstand und seinen Gebrauch gegenüber. Die Ergebnisse der Teilstudien werden hier resümierend und integrierend zusammengeführt, verglichen, kontrastiert, verbunden und dann thesenartig verdichtet. Eine Reflexion des heterogenen Theorie- und Methodensettings beschliesst die Arbeit.
3 Gegenstandsanalyse
Das vermeintlich vertraute und natürliche Erscheinungsbild der Denkmalanlage verrät erst auf den zweiten Blick, wie dicht und intensiv das Gelände gestaltet ist. Deshalb bedarf es zuerst einer minutiösen Beschreibung seines heutigen Zustands und seiner diachronen Entwicklung sowie daran anschliessend einer facettenreichen Deutung. Methodisch führt dies zu einem zweistufigen Verfahren (Kapitel 3.1 bis 3.8). Die detaillierte Beschreibung der einzelnen Denkmalelemente knüpft an Panofskys Bildinterpretationsschema an, genauer an die vor-ikonografische Beschreibung. Dieser Schritt erfährt eine Historisierung, indem eine vor-ikonografisch synchrone von einer vor-ikonografisch diachronen Perspektive unterschieden wird. Dieser Längsschnitt ermöglicht es, auch die geschichtskulturelle Dynamik zu fassen. Der zweite Analyseschritt kombiniert aus darstellungspraktischen Gründen Panofskys ikonografische Analyse mit ersten Ansätzen ikonologischer Interpretation. Deren weitere Vertiefung erfolgt anhand mehrerer gegenstandsbezogener Theorien, deren Auswahl durch die dem Projekt zugrundeliegende Konzeption bedingt ist (Kapitel 3.9).
3.1 Das Rütli im Überblick
3.1.1 Lage und Anlage
Das Rütli bezeichnet ein Gelände, das an der westlichen Uferflanke des Urnersees liegt, eines Beckens des Vierwaldstättersees (Bilder 3 und 4). Geologisch als Schwemmkegel zu deuten, erhebt sich die mit Wald umgebene Wiese über einer steilen Uferböschung. Das heute als Rütli bezeichnete und dem Bund gehörende Grundstück umfasst 62 230 m2.[322] Von Seelisberg wird das Gelände von einer befahrbaren Strasse und zwei Wanderwegen erschlossen, vom gegenüberliegenden Brunnen her besteht eine Schiffsverbindung. Die Übersichtstafel auf dem Gelände (Bild 5) zeigt die einzelnen Elemente: die Schiffstation, von der ein steiler Weg in mehreren Kurven vorbei an der kleinen unteren Scheune vorbeiführt zum Schwurplatz, dann weiter zum Rütlihaus mit angebauter Pergola. Der Rundgang führt weiter zur oberen Scheune, die am Rand der Rütliwiese mit Schweizerfahne steht. Nach einem weiteren kleineren Gebäude biegt der Weg gegen den See, quert den Picknickplatz und führt am Steilufer entlang wieder zum Schwurplatz oder zur Schiffstation.
3.1.2 Von den Ursprüngen zum Landschaftsentwicklungskonzept
Das heutige Rütli umfasst das Gebiet, auf dem sich im Mittelalter ursprünglich drei Rodungshöfe, die Rüti, das Rütli und die Schützenrüti, befanden und die allmählich, um die Nutzfläche zu vergrössern, zu einer Freifläche zusammenwuchsen.[323] Das «Weisse Buch von Sarnen», verfasst um 1470/72, lokalisiert die Wiese erstmals als Ort geheimer Zusammenkünfte Innerschweizer Verbündeter.[324] Die nachfolgenden Schweizer Chroniken und Beschreibungen des Vierwaldstättersees weisen darauf als Stätte des Bundesschwurs hin. Seit Beginn des Spätmittelalters war das von Seelisberg her erschlossene Grundstück landwirtschaftlich genutzt und besass eine kleine Hafenanlage.
Von 1703 bis 1711 ist der Eremit Lorentz Bösch urkundlich nachweisbar.[325] Er hatte die Erlaubnis erhalten, auf dem bisher unbewohnten Rütli ein kleines Wohnhaus zu erbauen; der Bau einer kleinen Kapelle wurde ihm jedoch verwehrt. Im Zuge mehrerer Handänderungen gestalteten die jeweiligen Besitzer die Gebäude um und erstellten über den Quellen ein Waschhaus. Anfang des 19. Jahrhunderts gelangte der Besitz an die Familie Truttmann, deren Vertreter das vorhandene Haus ausbauten, bewohnten und das Rütli bewirtschafteten.[326] Unterdessen waren die ersten Abbildungen entstanden, die ein realistisches Bild des Orts vermitteln. Zu verdanken sind sie dem seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts gesteigerten Interesse, als das Rütli – auch stellvertretend für die Eidgenossenschaft – zum Hort der Freiheit, ja der aufklärerischen Ideale insgesamt stilisiert wurde.[327] Als älteste Darstellung mit dokumentarischem Wert kann das Ölgemälde von Caspar Wolf, 1778 entstanden, gelten, das den Titel «Rütli» trägt (Bild 6). Topographisch nahe an der Realität, zeigt das Gemälde im Zentrum den Vorgängerbau des heutigen Rütlihauses mit steinernem Sockelgeschoss und Holzaufbau. Es liegt auf der von den Landschaftselementen stark betonten Bildachse von oben links nach unten rechts. Seine Fassade ist hell, genau wie der links im Vordergrund liegende kleine Platz mit hölzernem Brunnentrog, seinerseits umgeben von Felsen. Die leuchtende Stelle kontrastiert mit der umgebenden Natur, speziell auch mit dem Holzhäuschen, da am Rand des Platzes steht. Am unteren Rand rechts, am Ufer oberhalb der heutigen Landungsstelle, ist eine imaginierte Schwurgruppe von drei Personen zu erkennen.
Der Tourismus in der Innerschweiz erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen grossen Aufschwung, Seelisberg wurde zum vielbesuchten Kurort.[328] Das Grandhotel Sonnenberg zog eine internationale Gästeschar an. Dies dürfte den damaligen Rütli-Besitzer, Michael Truttmann, motiviert haben, auf seinem Rütli-Grundstück ebenfalls ein Hotelprojekt zu lancieren. 1858 standen bereits Grundmauern.
Am 23. September dieses Jahres fuhren die Teilnehmer der Jahrestagung der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG), die in Schwyz stattfand, mit dem Schiff von Brunnen nach Flüelen, um die von der Gesellschaft finanzierte Reusskorrektion zu besichtigen.[329] Die Aufmerksamkeit stieg, als das Schiff das Rütli passierte – nur drei Jahre zuvor nämlich, 1855, waren die Mitglieder im Anschluss an ihre Jahrestagung in Luzern auf dem Rütli von der Urner Regierung empfangen worden.[330] Dieses Mal jedoch sah man Fundamente eines offensichtlich in Bau befindlichen Hauses. Nach Rücksprache mit der Urner Regierung beschloss der Vorstand der SGG gleichentags, dass die SGG das Rütli mithilfe einer zu lancierenden Nationalsubskription aufkaufen solle.[331]
Es bleibt unklar, ob der damalige Besitzer, Michael Truttmann, tatsächlich einen Hotelbau geplant hatte, wie es in den SGG-Berichten angeführt wird.[332] Auffällig ist zudem, wie negativ die Person des Verkäufers dargestellt wird. Das mit den Verkaufsverhandlungen beauftragte SGG-Mitglied Amédée-Pierre Pictet de Sergy verteidigte gegenüber der Zentralkommission der SGG in einer Stellungnahme die Höhe des Kaufpreises und dürfte allenfalls ein nuancierteres Bild der Umstände zeichnen, als es die offiziellen Darstellungen der SGG taten.[333] Er konstatierte drei Fehleinschätzungen der SGG-Vertreter, als diese die Grundmauern bemerkten. Sie hätten nämlich vermutet, dass es sich um einen landesfremden Unternehmer handeln müsse, da ein Schweizer aus patriotischen Gründen nie ein solches Projekt realisieren würde. Die Idee, dass ein Hotel gebaut werden sollte, schien ebenfalls nicht zuzutreffen, da der Eigentümer für sich und seine Familie neben dem alten ein neueres Haus errichten wollte, das auch Platz für gelegentliche Gäste bieten sollte. Und schliesslich basierte eine erste, spontane Schätzung des Kaufpreises auf einer angenommenen Grundstückfläche, die lediglich ca. 5 Prozent der effektiven Fläche betrug. Da die zwischen Verkäufer und Präsident der SGG geführten Verhandlungen ins Stocken gerieten, wurde Pictet de Sergy mit deren Wiederaufnahme beauftragt. Der Vermittlungserfolg bestand darin, dass der Verkauf erfolgte, und zwar zu einem um 15 Prozent tieferen Preis, als es das Ehepaar Truttmann verlangt hatte.
Der Aufruf für die «freiwillige Nationalsteuer», unterstützt durch Lehrerschaft und Behörden, richtete sich an erster Stelle an die Schuljugend, aber auch an alle Erwachsenen.[334] Der nationalen Sammlung war ein grosser Erfolg beschieden, kamen doch CHF 95 199 zusammen, die den Kaufpreis von CHF 55 000 fast um das Doppelte überstieg und längst nicht nur von Kindern und Jugendlichen beigebracht worden war.[335] Die notariell beglaubigte Eigentumsübertragung erfolgte am 11.11.1858, dem Geburtstag von Friedrich Schiller. Die SGG schenkte dem Bundesrat per 2.7.1860 die Wiese, deren Verwaltung sie sich von der Bundesregierung im Gegenzug übertragen liess.[336] Zum Dank erhielt die Schuljugend, die sich an der Sammlung beteiligt hatten, ein Rütli-Bild – insgesamt wurden 268 573 Exemplare verteilt (Bild 58).[337]
Als konzeptionelle Grundlage für die Gestaltung kann ein Auszug aus dem Jahresbericht der SGG von 1860 gelten. Demnach muss das Rütli «möglichst in seinem ursprünglichen Zustande erhalten, beziehungsweise wieder in denselben hergestellt, es darf nicht modernisiert werden. Konservierung und Restaurierung der historischen Stätte sind das erste Erfordernis.»[338] Dieses Vorgehen ist zum einen ganz dem Historismus verpflichtet, indem hier das Gedenken materialisiert werden sollte. Dank dieser Materialisierung liess sich Vergangenes, auch vergangene Werte, wiederherstellen. Zum anderen beschreibt die SGG in gleichsam operationalisierter Form den Prozess, den Hobsbawm «Invention of Tradition»[339] genannt hat. Da sich die Gesellschafter «der Kritik des ganzen Schweizervolkes ausgesetzt» sahen, bemühten sie sich in der Folge, für die beabsichtigte Einrichtung der Anlage «die tüchtigsten Fachmänner als unsere Experten» beizuziehen.[340] Für die eigentliche Projektbegleitung setzte die Zentralkommission der Gesellschaft eine vorübergehende, dreiköpfige Spezialkommission ein.[341] Ein Jahr später wurde die Rütlikommission gegründet, die aus Behördenmitgliedern der Urkantone sowie des Kantons Luzern bestand, später des Kantons Zürich und eines Vertreters des Bundes. 2008 wurde sie durch die Rütlidelegation abgelöst.[342]
Auf der Basis der Wiederherstellungsidee erfuhr das Rütli in den darauffolgenden Jahren eine landschaftsarchitektonische Inszenierung mit aufgeforstetem Waldbestand und mehrheitlich neu angelegtem Wegnetz, neu gestaltetem Schwurplatz, neu gebautem Rütlihaus und zwei Scheunen sowie die Schiffstation (erst 1913). Ein Plan, nach 1884 entstanden, gibt schematisiert die Gestaltung wieder, auf die in den folgenden Kapiteln näher eingegangen wird.[343] Die Gestaltungselemente wie Schiffstation, Rütlihaus, Schwurplatz und Picknickplatz, als Ort des Krauer-Greith-Denkmals eingetragen, prägen bis heute das Erscheinungsbild der Anlage. Aussehen, Entwicklung und Deutung dieser Elemente werden in den folgenden Kapiteln ausgeführt.
Die Anlage wurde mehrere Male renoviert, die letzte umfassende Erneuerung (mit Landschaftsentwicklungsmassnahmen) dauerte von 2010 bis 2012 und basierte auf einem jurierten Konzept eines der führenden Landschaftsarchitekturbüros des Landes.[344] Dabei fallen zwei Aspekte besonders ins Gewicht: die regelmässigen und steigenden Investitionen sowie die Geldgeber. Abgesehen von regelmässigen Instandhaltungsarbeiten fanden wiederholt grössere Renovationen statt, teils kombiniert mit neuen Anlagen, und zwar 1941[345], in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre[346], 1989 bis 1991[347], 1998[348] und schliesslich 2008 bis 2012[349]. Die zeitliche Koinzidenz mit Jubiläen springt genauso ins Auge wie die zunehmende Frequenz der Investitionen, die 1998 und 2008/2012 jeweils mehrere Millionen Franken erreichten. Parallel dazu veränderte sich die Bauherrschaft. War es die SGG, welche ab 1860 die Einrichtung der Anlage zahlte, ist 1934 erstmals ein finanzieller Beitrag belegt, den der Bund an Umbaukosten beisteuerte, aber noch die aufwändigen Arbeiten für das Jubiläumsjahr 1941 trug die SGG mehrheitlich selbst.[350] Gemäss SGG-Jahresbericht von 1947 waren dann aber der Bund und die Rütlikommission gemeinsam für den Unterhalt der Anlage zuständig, was vier Jahre später auch personell seinen Ausdruck fand: 1951 wurde ein Vertreter des Bauinspektorates des Bundes Mitglied der Rütlikommission, 1996 dann ein Vertreter des Finanzdepartements.[351] In der Rütlidelegation, seit 2008 Nachfolgegremium der aufgelösten Rütlikommission, ist der Bund zwar nicht mehr vertreten, die Entscheidungsbefugnisse für Infrastruktur- und Gestaltungsfragen liegen aber klar bei ihm.[352]
3.2 Schiffstation
3.2.1 Schiffstation vor-ikonografisch (synchron)
Trotz der etwas geschützten Lage als Föhnhafen ist die Schiffstation vom See her sehr gut sichtbar. (Bild 8). Sie ist zweiteilig. Auf der rechten Seite überspannen drei zum See hin offene Arkaden mit abgeeckten Korbbogen die Wartehalle mit umlaufender Bank im Innern, aussen gedeckt mit einem Krüppelwalmdach. Nach Norden hin füllt eine kleinteilige Befensterung eine ebenfalls mit Korbbogen abgeschlossene Fläche und schliesst den Raum ab. Die zu dieser Wartehalle quer gestellte Schiffsbrücke öffnet sich ebenfalls gegen den See, ruht auf markanten Eckpfeilern, die aus einem hohen steinernen Sockel, einer vierkantigen, wulstigen Holzsäule mit aufwändiger Kapitelzone bestehen. Sie korrespondieren mit den Arkaden-Säulen der Wartehalle und sind zugleich massiver und prägnanter ausgestaltet. Hinter der nördlichen Säule hängt eine Schiffsglocke, welche mit «1902 BVG» bezeichnet ist. Die mit Lorbeer umkreisten, holzgeschnitzten Wappen der Urkantone zieren das Giebelfeld. An der inneren Rückwand der Schiffshalle auf der Höhe der Kapitellzone steht in geschnitzter Schrift: EIN AM RHYN . MICH . ERDENKET . HETT ./SEPP . BLASER . MICH . GEBUWEN ./ES . BHUOT MIN . SCHÄRM DER FRYHEIT . STETT ./UND . MICH . MIN . GOTTVERTRUWEN ./+ 19 + 13 + . Markant ist der Dachaufsatz, der den Stationsnamen «Rütli» in grossen, altertümlichen Lettern zeigt. Insgesamt bekrönen drei Firstspitzen die Dachzinne am Eckpunkt sowie an den beiden Endpunkten; diejenige auf dem östlichen Zinnenende ist plastisch ausgestaltet mit einer farbigen Schwurgruppe als Wetterfahne. An der nordwestlichen Ecke der Anlegestelle steht, von weitem gut sichtbar, eine Schweizerfahne. Dahinter liegt nordwärts ein Hafen für kleine Boote.
Die umfassende Renovation der Anlage von 2008/2012 prägt das Aussehen der unmittelbaren Umgebung. Pflästerung und geschwungene, tiefe Stützmauern sind aus lokalem Granit gefertigt, die Geländer der beiden Wegeinstiege aus roh behauenen, dünnen Baumstämmen.[353]
3.2.2 Schiffstation vor-ikonografisch (diachron)
Die ursprüngliche Anlegestelle, die zum Zeitpunkt des Kaufs aus einem niedrigen, einfachen Schopf bestand, befand sich zwischen der heutigen Kläranlage und der Schiffstation (Bild 7). 1861 wurde der Landeplatz neu angelegt an jener Stelle, wo sich bis heute die Schiffstation befindet.[354] 1867 liess die Kommission die bestehende Schiffshütte ersetzen.[355] Ob der 1869 in Betrieb genommene kleine Schraubendampfer «Rütli» diesen Steg anfuhr, bleibt unklar.[356] Auf jeden Fall konnten Dampfschiffe nun anlegen, doch in der Regel brachten weiterhin Privatboote und Nauen die Reisenden von Brunnen aus über den Urnersee zum Rütli (Bild 9).[357] 15 Jahren später konnte der Hafen erweitert werden dank Absprengungen der Felswand. 1881 schliesslich kam ein Schiffsschopf hinzu.[358]
Die stark zunehmende Nachfrage nach einer günstigen Transportmöglichkeit – nicht zuletzt durch Schulklassen – bewog die Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees, ab 1884 ein- bis zweimal pro Tag am Rütli anzulegen – anfänglich gegen den Widerstand der Rütlikommission und des Schwyzer Lehrerverbandes, die eine «Profanation» und damit eine Beeinträchtigung der Würde und Stille des Geländes befürchteten.[359] Die Argumente der Schifffahrtsgesellschaft, wonach die Tellskapelle im Sommer bereits zehn bis zwölf Mal täglich angefahren werde und sich zudem längst nicht alle die Transportpreise der Schiffer leisten könnten, dürften – wenn auch mit einiger Verzögerung – dazu geführt haben, dass die Kursschiffe ab 1901 mehrmals und regelmässig am Rütli hielten.[360] Der erhöhten Frequenz entsprechend liess die Schifffahrtsgesellschaft schliesslich 1913 die Wartehalle errichten, entworfen vom Luzerner Architekten August am Rhyn (Bild 10). Das Projekt war fachlich von Josef Zemp, zu diesem Zeitpunkt Professor der ETH und der Universität Zürich, und von Robert Durrer, Nidwaldner Staatsarchivar und zugleich Pionier der Schweizer Kunstdenkmalforschung, begleitet worden.[361] Die Pläne einer nicht realisierten Variante des gleichen Architekts zeigen eine vergleichbare Disposition, jedoch eine abweichende Gestaltung der Bauformen und der Bauornamentik.[362] Auffällig ist die unterschiedliche Darstellung des Schwurs. Hier wird das Giebelfeld von einer Schwurszene in Gebirgslandschaft dominiert.
1956 liess die Rütlikommission die Fahnenstange mit Schweizer Flagge aufstellen.[363] Sie wies den Pächter 1982 an, die Fahne mindestens am 1. August, beim Rütlischiessen, am Bettag und an schönen Sommertagen wehen zu lassen.[364] 2008/2012 wird die Windfahne mit Rütlischwur «anhand historischer Fotos rekonstruiert».[365] Tatsächlich enthalten die Originalpläne des Architekten eine solche Windfahne, die jedoch auf keiner historischen Aufnahme zu sehen ist.[366] Möglicherweise ziert deshalb die Schwurgruppe erstmals überhaupt das Dach der Schiffstation.
Ursprünglich ruhte die Wartehalle auf einem vom See her sichtbaren Steinsockel. Dieser wurde 1991 aus bauphysischen Gründen mit einer Stahlbetonplatte mit Natursteinbelag bedeckt.[367] Zum gleichen Zeitpunkt könnte die umlaufende, schlichte Holzbank im Innern der Wartehalle installiert worden sein. 2008/2012 schliesslich folgte eine erneute Sicherung des Fundaments, das nunmehr von einer schützenden Holzlamellenkonstruktion abgedeckt wird.
Auf einer kleinen Anhöhe oberhalb der Schiffstation entstand in den 1870er-Jahren ein weiterer Ruheplatz, der jedoch in der Zwischenkriegszeit bereits aufgegeben wurde. Heute sind noch die Reste der beiden steinernen Ruhebänke sichtbar (Bild 12).[368]
3.2.3 Schiffstation ikonografisch/ikonologisch
Die Rütlikommission beschrieb 1913 die neu erstellte Wartehalle als «praktisch, solid, stilgerecht und schön».[369] Diese vier Eigenschaften beschreiben die Gestalt des Gebäudes treffend. Eine behäbige und dennoch durch historische Stilformen geprägte Eleganz ist kombiniert mit der Funktionalität einer Schiffstation. Der Eindruck der Stilgerechtigkeit soll anhand dreier Elemente diskutiert werden, des Schriftzugs «Rütli», der Inszenierung der Schwurgruppe sowie der architektonischen Stilgebung des Gebäudes.
Der Schriftzug «Rütli» identifiziert den Ort. Auf Fotostreams fotografierender Schiffspassagiere erscheint er immer wieder, isoliert oder in Kombination mit der ganzen Schiffstation.[370] Schrifttypologisch lässt sich der Schriftzug der in der Vorkriegszeit aufgekommenen, schnörkellosen und von der Renaissance ausgehenden Buchtypografie, der Fraktur, zuordnen – eine historische Reminiszenz also, wenn auch eine ausgesprochen spätmittelalterliche.[371] Die Inszenierung der Schwurgruppe ist von besonderem Interesse, nicht zuletzt im Vergleich mit dem im obigen Kapitel erwähnten nicht ausgeführten Projektentwurf. Dieser schlug, sehr gut sichtbar und postkartenähnlich, eine Schwurszene in der realistisch skizzierten Urnersee-Landschaft vor. Während die drei Eidgenossen das schliesslich ausgeführte Giebelfeld nicht zieren, erscheinen sie als farbig ausgeführte Wetterfahnen-Schwurgruppe – eine zwar bekrönende, aber deutlich weniger gut wahrnehmbare Positionierung (Bild 8). Im Giebelfeld der Wartehalle prangen stattdessen die geschnitzten, barock aufgeblähten und lorbeerumrankten Wappen der drei Urkantone. Architekturgeschichtlich enthält das Giebelfeld in der Regel figürliche und ornamentale Darstellungen, die Besitz, Widmung oder Funktion realistisch oder allegorisch zeigen. Im Fall der Schiffstation dürfte es sich am ehesten um eine Widmung handeln, und zwar, bezeichnenderweise, eben nicht für den Rütlischwur im engeren Sinne, sondern für die daran beteiligten Innerschweizer Gebiete. Aber auch diese Widmung ist durch die monochrome, holzfarbene Farbgebung zurückgenommen. Wie und mit welchen Argumenten die Entscheidung der Bauherrschaft zugunsten dieser Ausführung fiel, ist nicht eruierbar.
Die Schiffstation ist ein typisches Beispiel des Heimatstils. Die aktuelle architekturgeschichtliche Forschung definiert ihn als nationale Reformarchitektur, die auf lokalen und regionalen Bautraditionen wurzelt und zugleich die internationalen Stile des Historismus, des Schweizers Holzstils und des Jugendstils überwindet.[372] Seine Inspirationsquellen bilden das ländliche Bauernhaus (Bauernhausstil), das städtische, spätmittelalterliche Bürgerhaus (Bürgerhausstil) sowie – und dies ist für die Schiffstation bedeutsam – die spätbarocke Landsitzarchitektur «um 1800» (Landhausstil). Als epochaler Zeitstil lässt man ihn 1896 (erste Landesausstellung in Genf mit einem «Village suisse») einsetzen und 1914 enden (zweite Landesausstellung in Bern, ebenfalls mit einem Schweizer Dorf). Anknüpfungspunkte findet die architektonische Ausdrucksform des Heimatstils also im Ancien Régime und nicht im Historismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er begleitete und symbolisierte die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die für viele Menschen ein neues, vor allem auch städtisches Lebensumfeld mit sich brachte. Verstärkt durch wirtschaftliche Internationalisierungstendenzen führten Gefühle des Entfremdetseins dazu, dass die Erinnerung an «le bon vieux temps» an Attraktionskraft gewann. Die architektonische Rückbesinnung und Neuinterpretation auf die Stile vor 1800 zeugen von dieser Sehnsucht nach lokaler und regionaler Verankerung, sowohl geografisch als auch emotional.
Der Luzerner August am Rhyn, der Architekt der Station, setzte in Form, Konstruktion und Baumaterial die Ideen des Heimatstils in beispielhafter Weise um.[373] Der Bau der Schiffstation fällt in diesen Zeitraum und weist charakteristische Elemente des Landeshausstils, also spätbarocker Architektur, auf: So ruht das Krüppelwalmdach auf breit ausladenden Korbbögen, die ländlich-massive, bauchige Holzsäulen überspannen. Auch die im Giebelfeld angebrachten Wappen und Ornamente lassen sich derselben Referenzzeit zuordnen. Regional verankert sind besonders die verwendeten Materialien (Holz und Stein). Aber auch architektonische Elemente aus der Referenzzeit des 18. Jahrhunderts sind in lokaler Umgebung nachweisbar. Korbbögen, die leicht bis stark bauchige Holzsäulen auf Steinsockel überspannen und loggiaartige Unterstände bilden, zieren mehrere Gebäude in Altdorf (Kanton Uri).[374]
Die Station für sich erfüllt zwar einen praktischen Zweck, empfängt aber die Besuchenden als Ort, der mehrfach als historische Stätte markiert wird, in soliden, einfachen, etwas schwerfälligen Formen und natürlichen, ortstypischen Materialien. Wie das Rütlihaus bezieht sich die Station in der architektonischen Formensprache auf die Region und auf eine vergangene Zeit: Sie soll Ursprung, Vergangenheit, Tradition ausdrücken. Dieses Moment – das muss einschränkend gesagt werden – dürfte zur Entstehungszeit 1913 wohl weniger historisch verstanden worden sein als heute. Dennoch: Hier, mit diesem inszenierten Nutzbau, soll wichtige Vergangenheit signalisiert werden, durch Gestalt von Architektur und Schrift, Erstere bewusst regional geprägt und verweisend auf die drei Urkantone, die im Giebelfeld zitiert werden. Heute jedoch markanter, flattert seit den 1950er-Jahren die Schweizerfahne neben der Station und verdeutlicht so prominent sowohl den nationalen als auch den thematischen Bezug. Die kürzlich restaurierte Windfahne mit der Schwurgruppe sowie die neue, aufwändige Umgebungsgestaltung deuten darauf hin, dass der Ort historisierend, restaurierend, identitätsstiftend geformt wird.
3.3 Schwurplatz
3.3.1 Schwurplatz vor-ikonografisch (synchron)
Von der Schiffstation aus gelangt man nach kurzem, aber steilem Anstieg zum schattigen Schwurplatz. Er liegt wenige Meter unterhalb des Rütlihauses (Bild 22). Der kreisrunde Platz ist hangseitig von einer zwei Meter hohen Kalkstein-Felsformation umgeben und wird von einem Eibenhain gerahmt. Drei dünne Wasserläufe laufen durch die schrattenartigen, unregelmässigen Kanäle hinunter und verschwinden in Abläufen. Die Kalksteinfelsen münden auf beiden Seiten in schwere Steinbänke. Seeseitig stehen drei Ahornbäume, darunter ein junger, nachgepflanzter, flankiert von Gebüsch, was die Sicht auf den See teilweise verstellt. Zwischen den Ahornbäumen stehen zwei weitere Steinbänke, die sich aufgrund ihrer Formensprache von den anderen unterscheiden, sowie das fünfsprachige Schild, welches den Ort als Schwurplatz bezeichnet (Bild 14). Der Eibenhain ist hangseitig von einem rohen Holzzaun in Kreuzform abgegrenzt. Vom Rand des Schwurplatzes öffnet sich ein grosszügiges Panorama in Richtung Nordosten in das Untere Urnerseebecken mit den beiden markanten Mythen (Bild 15).
3.3.2 Schwurplatz vor-ikonografisch (diachron)
Ein vergrösserter Ausschnitt einer auf ca. 1830 zu datierenden Grafik (Bild 16) sowie eine wohl zeitgleiche Stereoskopie (Bild 16a) zeigen eine der ältesten realistischen Darstellungen des heutigen Schwurplatzes. Darauf sind das Rütlihaus und ein weiteres Holzhaus in steilem Gelände zu sehen. Letzteres steht auf einem ebenen Vorplatz. Mehrere Personen gruppieren sich um den Brunnentrog, in den drei Quellen hineinfliessen. Die damit übereinstimmende Beschreibung liefert der Präsident des helvetischen Grossen Rates, als er 1798 den Besuch des Ortes schildert: «Einsam, beschattet von einigen Bäumen, steht am Abhang des Berges eine steinerne Hütte, aus ihr sprudelt in einen holzernen Brunntrog eine Quelle des reinsten Wassers, welches sich rechts und links über eine kleine Rasenfläche verbreitet, die kaum gross genug war uns alle zu fassen. Hier an diesem engen Plätzchen schwuren, auf Gott und ihre gute Sache vertrauend, die drei edlen Männer, Werner von Stauffacher, Arnold von Melchthal, und Walther Fürst von Uri, den ersten Eid der Freiheit.» [375] Bemerkenswerterweise identifiziert er diese durch das Wasser markierte Stelle als Schwurplatz, eine Identifizierung, die der Genfer Historiker Amédée-Pierre-Jules Pictet de Sergy gut 50 Jahre später nicht eindeutig machen kann, wenn er schreibt, dass es auf dem Gelände zwei Orte gebe, die für die Situierung der Schwurhandlung in Frage kämen.[376] In den Darstellungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind die drei Quellen jeweils gut sichtbar, und ihre Bedeutung wird ebenfalls fassbar.[377] Der erste Baedeker-Reiseführer für die Schweiz von 1844 erwähnt die drei Quellen, die gemäss einer Sage auf der Stelle, wo die drei Männer den Schwur geleistet hätten, entsprungen seien.[378] Diese Idee nimmt später unter anderem Karl Jauslin auf, der eine seiner populären Illustrationen zu der Broschüre zum 600-Jahr-Jubiläum der Gründung der Eidgenossenschaft beisteuerte.[379] Der erste schriftliche Beleg dieser zuvor mündlich tradierten Sage stammt von 1808.[380] Aufgrund der zeittypischen Kombination von Gründungs- und Quellmythos verortet Kreis die Entstehung um 1800, einer nicht belegten Quelle zufolge soll bereits 1789 beschlossen worden sein, die drei frisch gefundenen Quellen zu fassen.[381]
Die nunmehr von der SGG eingesetzte Rütlikommission mass der Inszenierung der drei Quellen, «diesem von der Natur hergestellten Monumente» und damit der Gestaltung des Schwurplatzes grosse Bedeutung bei.[382] Ziel war es, das Waschhäuschen abzureissen und durch einfache künstlerische Gestaltung dem Ort monumentalen Charakter zu verleihen. In einem ersten Schritt bat sie den Innerschweizer Architekten Johann Meyer um einen Vorschlag.[383] Dessen Idee, einen einfachen Holzbau zu erstellen, missfiel der Rütlikommission jedoch, da er bautypologisch zu sehr an ein Stationshäuschen oder an eine Bahnhofshalle erinnerte. Diese Ansicht teilte der Zürcher Architekt und ETH-Professor Ferdinand Stadler, der nun seinerseits in einem von der Kommission gewünschten Gutachten die Erstellung einer steinernen Halle empfahl. An der Rückwand im Innern der Halle sah er über den Quellen eine Nische vor mit der Darstellung der Schwurgruppe.[384] Da diese Lösung zu kostenintensiv und monumental erschien, lancierte die Rütlikommission die Idee einer künstlichen, die Natur imitierenden Grotte, in der die Quellen entspringen sollten. Der zu Rate gezogene Stadler stand diesem Vorschlag positiv gegenüber, prognostizierte jedoch, dass auch bei einer solchen Gestaltung sich die Frage der Überdachung und damit des Schutzes der Besuchenden früher oder später stellen würde. Die interne Uneinigkeit führte die Kommission dazu, beim kürzlich berufenen und international geschätzen ETH-Professor Gottfried Semper erneut ein Gutachten einzuholen.[385] Semper unterbreitete zwei Entwürfe in klassisch gehaltenen Formen: eine Variante mit kleinem Rundtempel (Bild 18), eine zweite als flächige Brunnenanlage mit flankierenden Sitzbänken (Bild 19). Diese Pläne lösten eine polemische, nicht zuletzt auf die Person Semper zielende Zeitungskontroverse aus, worauf dieser seine Ideen zurückzog.[386]
In der Folge beschloss die Rütlikommission in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein, unter dessen Mitgliedern einen Wettbewerb auszuschreiben.[387] Die Projekteingaben sollte mehrere Bedingungen erfüllen: Platz für 200 Personen, Verbindung der Quellen mit dem Platz, Sitzmöglichkeiten sowie Aussicht auf den See, einfache Gestaltungsformen, Budget von CHF 5 000. Sowohl die Anzahl als auch die Qualität der Wettbewerbseingaben lagen jedoch unter den Erwartungen. Da in der Wettbewerbsausschreibung die Preisvergabe angekündigt worden war, sah sich das Gremium gezwungen, drei Preise zu verleihen. Die beiden ersten Preise gingen an architektonische Projekte, die ein im Renaissancestil gehaltenes Gebäude resp. eine Quellenhalle vorsahen. Beide hielt die SGG für nicht realisierbar. Das drittplatzierte Projekt des Kunstmalers Anton Bütler aus Luzern, kam ohne architektonische Elemente aus, nahm im Entwurf wenig Bezug zum konkreten Ort, sondern beinhaltete eine naturhafte Inszenierung mit einem zentralen Felsen (Bild 20). Dessen Inschrift «Rütli MCCCVII» identifizierte den Ort, aus ihm entsprangen Quellen, die in einen Teich flossen, flankiert von zwei grottenartigen Unterständen mit Sitzbänken.
Da die gekührten Projekte gemäss Ausschreibung «aus dem ziemlich resultatlosen Konkurs»[388] Eigentum der SGG geworden waren, entschied die Rütlikommission, die Idee Bütlers aufzunehmen und dessen Grundidee mithilfe des bekannten Zürcher Gartenarchitekten Theodor Fröbel umzusetzen.[389] Dabei liess man hügelseitig eine gekrümmte Wand anlegen, die aus rohen Steinblöcken bestand, und bepflanzte sie mit Gesträuch und Alpenblumen. Kurz vor der Fertigstellung liess die Kommission dann aber die Ausführungspläne von Fröbel abändern, ein Bassin anlegen und die Ruhebänke aus Granit ausführen. Die Einweihung fand am 9.11.1865 statt.[390] Mit dieser Umsetzung bemühte sich die Rütlikommission, den gefassten Grundsatz, wonach die Neugestaltung möglichst natürlich und ursprünglich erscheinen solle, zu befolgen. Die Fotografie (vor 1879; Bild 22) zeigt den dann hergestellten Zustand. Die Kommission betrachtete indes die realisierte Lösung lediglich als Herstellung eines Platzes und behielt sich, mittelfristig, die Möglichkeit vor, doch noch eine architektonische Inszenierung zu realisieren. 1878 zog die Rütlikommission einen offenbar bekannten Gartenarchitekten bei, dessen Umgestaltungsvorschlag jedoch als zu künstlich und zu kostspielig verworfen wurde.[391] Stattdessen liess ein Jahr später ein Italiener grössere Stücke von Schrattenkalkstein in Ingenbohl (Kanton Schwyz) absprengen und auf dem Schwurplatz aufrichten; die drei separaten Quellen ergossen sich auch nicht mehr in das davorliegende Bassin, das die Rütlikommission als zu wenig natürlich einschätzte, sondern in künstlich gestaltete Abflüsse.[392] Damit war das Aussehen, wie es heute erhalten ist, geschaffen.
Nicht dokumentiert ist die den Ort stark prägende Bepflanzung mit einem Eibenhain. Ihr Alter ist schwierig zu schätzen und dürfte sicher 100 Jahre betragen.[393] Es ist wahrscheinlich, dass dieser Hain bei der Neugestaltung in den 1870er-Jahren entstanden ist, jedoch nicht ausschliesslich mit Eiben bestückt war wie heute, sondern mit Laub- und anderen Nadelbäumen gemischt (Bilder 21 und 22). Gemäss dem Landschaftsentwicklungskonzept von 2007 soll sich der Eibenbestand mit etlichen Nachpflanzungen sowohl oberhalb der Kalkstein-Felswand als auch an der seeseitigen Böschung und in der nördlichen Weggabelung hinter der separaten alten Sitzbank verdichten.
Der Quellenanlage gegenüber stehen drei Ahornbäume, deren Dreizahl bereits in den ältesten Plänen (Bild 14) eingezeichnet ist. Dazwischen liessen die Landschaftsarchitekten nun zwei massive, schlichte Granitbänke aufstellen, um die Möblierung aufzuwerten und attraktiver zu gestalten.[394]
3.3.3 Schwurplatz ikonografisch/ikonologisch
Die Quellanlage ist ein landschaftsarchitektonisch dicht gestalteter Ort. Wirkte die 1865 eingeweihte Inszenierung wie ein Brunnen mit Röhren an flacher, steiler Rückwand, die sich deshalb deutlich von der naturhaften Umgebung abhob, will die bis heute erhaltene Konstruktion natürlich erscheinen. Wie in der gartentheoretischen Literatur des 19. Jahrhunderts empfohlen, verwendete man nunmehr Felsen, ja ganz Felsenpartien in unbehauenem, natürlichem Zustand. Natürliche Landschaft wurde abgebaut in Ingenbohl und auf dem Rütli rekonstruiert: Damit erreichte man die maximale Imitation der Natur.[395] Im gleichen Sinn zeugten die schrattenartigen Kalkfelsen von der Erosion, wie sie von den drei Quellen vermeintlich verursacht worden war, ganz so, wie es in der Gartengestaltung der Zeit beabsichtigt war.[396] Noch heute sorgen die Quellen des Schwurplatzes für diskrete akustische Sinnesreize, indem das Wasser durch die scheinbar natürlichen Erosionsrinnen geleitet wird, ein sinnliches Gestaltungselement, das die landschaftsarchitektonische Literatur hervorhebt als für die Gartengestaltung besonders effektvoll.[397]
Landschaftsarchitektonisch sind die jüngsten Massnahmen darauf angelegt, die bestehenden Elemente des romantischen Landschaftsparks fortzuführen und zu verstärken.[398] Die beiden neuen, minimalistischen Sitzbänke nehmen Materialität und Schwere der romantisch-historisierenden Steinsofas auf, zeigen aber eine moderne Formensprache. Die zusätzlich gepflanzten Eiben betonen die Dramatik des Ortes, indem der helle, lichte Weg von der Wiese in eine dunkle, schattige Stelle mündet, die eine atmosphärisch dichte Situation schafft. Hangseitig liess man zudem den Hain mit Kreuzzäunen – wie auf dem gesamten Gelände – umgrenzen, wie sie in romantischen Landschaftsgärten üblich waren. Diese landschaftsarchitektonischen Facetten kontextualisiert Kapitel 3.8.3 in der Gestaltung der Gesamtanlage.
Die Verbindung von Schwur und Quellen und die Gestaltung des Schwurplatzes auf dem Rütli evozieren verschiedene kulturgeschichtliche Traditionen. Besonders fliessendes Wasser gilt seit der Antike als lebensspendend, heil- und segenbringend.[399] Im mittelalterlichen Wallfahrtswesen bestand eine häufige Verbindung von Heiligengrab, Kultobjekt und heiliger Quelle.[400] Dem Wasser wurde eine übernatürliche Kraft zugeschrieben – was für das Quellwasser im Gegensatz zum üblichen, oft unreinen Gebrauchswasser schon nur aus rein hygienischen Gründen verständlich ist. Während die kirchlichen Autoritäten in Quell-, Baum- und Steinkulten heidnische Traditionen erkannten und sie deshalb mit Verboten belegten, gehörten der Quellenkult an Wallfahrtsorten und die damit zusammenhängende Verwendung des Wassers als Mittel der seelischen und körperlichen Reinigung und Heil(ig)ung zu den theologisch gerechtfertigten und lithurgisch legitimierten Handlungen.
Eng mit dem metaphysischen Charakter der Quelle hängt die Frage zusammen, ob sich der Schwurplatz als «locus amoenus» interpretieren lässt. Ernst Robert Curtius skizziert in seiner klassisch gewordenen Definition den «locus amoenus» als schönen, beschatteten Naturausschnitt, der minimal aus einem oder mehreren Bäumen, einer Wiese und einem Quell oder Bach besteht.[401] Er ist als Topos das Hauptmotiv aller rhetorisch-poetischen Naturschilderung von der römischen Kaiserzeit bis zum 16. Jahrhundert. So verbindet die antike Literatur das in dieser Ideallandschaft fliessende Wasser mit der Vorstellung von Erfrischung, Kühle, Reinheit, Heiligkeit und Fülle – die Nähe von Bäumen und deren Schattenwurf verstärken diese Wirkung.[402] Neben mehreren offensichtlichen Parallelen zum Schwurplatz lässt sich einzig das zentrale Element der Wiese nicht ohne Weiteres mit dem mineralisch gehaltenen Rund des Schwurplatzes identifizieren.
Ein weiterer Interpretationsansatz rückt den Platz in die Nähe eines germanischen Thingplatzes oder, allgemeiner betrachtet, eines vorneuzeitlichen Versammlungsorts.[403] Ein solcher Platz befand sich in der Regel unter grossen Eichen (einzelnen oder häufig drei oder sieben), Linden, an Felsformationen und grösseren Steinen, Flüssen oder Seen, auf Wiesen oder auf erhöht liegenden Hügeln, die Sicht ins tiefer liegende Land ermöglichten.[404] Während der Richter auf einem speziellen Stuhl, Symbol der richterlichen Macht, sass, nahmen die Schöffen auf einer Bank Platz, die oft aus dicken Steinplatten zusammengesetzt waren.[405] Für die Abhaltung von Gerichten waren heilige Orte wichtig, an denen Opfer gebracht und Gottesurteile gesprochen werden konnten.[406] Von besonderem Interesse für den Schwurplatz ist die altgermanische Esche Yggdrasill, bei der Thor und die anderen Götter Gericht halten, flankiert von den drei urteilenden Nornen; unter ihren drei Wurzeln entspringt jeweils eine Quelle.[407] Das Motiv der im Moment des Schwurs aus dem Fels entspringenden Quellen liesse sich aber auch auf biblischen Ursprung zurückführen: Moses verfügt über die Fähigkeit, Wasser aus dem Felsgestein sprudeln zu lassen.[408] Diese Fähigkeit wurde im Mittelalter auf Missionare und Heilige übertragen, wodurch eine Vielzahl von Quellenheiligtümern und damit auch Pilgerzielen entstand.[409] Als Pilgerandenken dienten jeweils Ampullen mit darin abgefülltem Quellwasser. Auch diesbezüglich sind solche Parallelen, also solche Andenken für das Rütli nachweisbar in Form von abgefüllter Rütli-Erde, belegt für 1948, 1959 und 1991.[410] Umgekehrt diente die Quelle als Metapher für die Bedeutung des Rütlis, so 1798 als «Urquell der ersten Freiheit» in aufklärerischer Lesart.[411] Unklar muss bleiben, wann und unter welchen Umständen das Motiv der Rütliquellen und die Verbindung mit dem Schwur entstanden sind. Die dargestellten, kulturgeschichtlichen Traditionen lassen eine wie auch immer geartete Verwandtschaft vermuten und finden in der Gestaltung des Platzes ihren Ausdruck, sei es durch die Inszenierung der Quellen, die Felswand, die schattenspendende Baumgruppe oder die schweren Steinbänke. Gleichzeitig weisen sie auf offensichtliche zivilreligiöse Facetten hin, die der Schwurplatz aufweist, die auch im Rütlihaus stark zum Ausdruck kommen. Insgesamt ist der Schwurplatz zwar ein scheinbar diskret gestalteter Ort, der aber mit seiner Vielfalt an Facetten und Anspielungen auf seine besondere Funktion und Bedeutung hinweist. Die Wirkung seiner Gestalt in synchroner und diachroner Perspektive entfaltet sich in dreifacher Hinsicht. Entsprechend den transzendenten Bezügen des Schwuraktes weist die Gestalt der Anlage zivilreligiöse Züge auf (Dreizahl, Quellen). Besonders die Ruhebänke, die Schatten spendenden, immergrünen Eiben und der runde Platz evozieren kulturgeschichtliche Bezüge und verweisen auf den literarischen Topos des «locus amoenus» oder einen altgeschichtlichen Gerichtsplatz. Landschaftsarchitektonisch schliesslich ist der Schwurplatz dicht gestaltet, indem hier das dramatische szenografische Spiel von hell und dunkel besonders deutlich wird resp. neuerdings und zukünftig akzentuiert wird.
3.4 Rütlihaus
3.4.1 Rütlihaus vor-ikonografisch (synchron)
Der zweigeschossige Blockbau mit seitlichen Lauben auf beiden Geschossen liegt über einem aus Bruchsteinen gemauerten Steinsockel (Bild 21).[412] Das flache Satteldach ist von Beginn an mit Holzschindeln gedeckt, die mit Steinen und langen Rundhölzern beschwert sind. Zu den für barocke Innerschweizer Holzbauten typischen Dekorelementen gehören die mit Rauten geschmückten Zug- und Schiebeläden, die geschweiften Seitenbärte der Fenster und die Würfelfriese. Zwei Tätschdächer gliedern die Ostfassade. Der Eingang befindet sich auf der Südseite, erreichbar über ein paar Treppenstufen und die Laube. Darüber, auf der Laubenbrüstung, hängt ein Schweizerkreuz, umfasst von einer Schriftrolle mit der Aufschrift «Eidgenossen/Gott zum Gruss» (Bild 24). Neben dem Eingang ins Haus hängt ein gelber Briefkasten. Schliesslich liegt wenige Meter südöstlich des Hauses ein kleiner, eingezäunter Ziergarten, südwestlich, das heisst hangseitig ein terrassenartig erhöhter Sitzplatz mit Bänken und Tischen. Ein Fussweg führt seeseitig um das Haus herum zur Nordseite des Hauses. Sie wird von einem modernen, verandaartigen Anbau aus Holz geprägt, der indessen keine Motive oder architektonischen Strukturen des Rütlihauses aufzunehmen scheint. Getragen wird diese Erweiterung von einer hoch aufgemauerten und in Natursteinen ausgeführten Terrasse, die hangseitig infrastrukturelle Anlagen enthält.
Im Innern des Hauses erschliesst ein zentraler, vollständig mit Holz ausgekleideter Korridor links und rechts je zwei Räume. Die Räume westlich (Schifferstube, Küche) dienen dem Restaurationsbetrieb und sind nicht öffentlich zugänglich. Im Gang liegen Postkarten, Broschüren und Souvenirs auf, an den Wänden hängen verschiedene Objekte, die im nächsten Kapitel beschrieben werden. Nach Osten hin öffnen sich die beiden Rütlistuben (Stübli und Stube). Im Gegensatz zum barockisierenden Äussern wirkt das Innere gotisch. Durch einen neogotischen, vielfach profilierten Türrahmen betritt man die beiden Räume, die Buffets, Tisch- und Stuhlgruppen, Objekte, Bilder, Lampen, Glasmalereien und das Rütli-Gästebuch enthalten. Alle weiteren Räume sind nicht öffentlich zugänglich.
3.4.2 Rütlihaus vor-ikonografisch (diachron)
Bereits kurz nachdem die SGG dem Bund die Rütliwiese geschenkt hatte, nahm die SGG die Planung der Gestaltungsarbeiten in Angriff. Für die vorgesehenen Bauten liess sie sich durch den Architekten Johann Meier beraten, der auch für den Schwurplatz einen Gestaltungsvorschlag eingereicht hatte.[413] Unerwähnt bleibt in den SGG-Akten, dass gleichzeitig Ernst Gladbach, ETH-Professor für Baukonstruktion, zweimal an den Vierwaldstättersee reiste, um vom vorhandenen Pächterhaus Skizzen von Grundrissen, Fassaden und Innenräumen anzufertigen und sie zu vermessen.[414] Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dies als Gutachten im Auftrag der SGG erfolgte, ähnlich wie die Gesellschaft auch die Expertise anderer Professoren der wenige Jahre zuvor gegründeten Hochschule in Anspruch nahm resp. nehmen sollte.[415] Auf dieser Basis entwarf Gladbach anschliessend einen Projektvorschlag, der weniger einer Neuerfindung als vielmehr einer Erweiterung des inventarisierten Baubestandes entsprach, ergänzt mit regionalen Architekturelementen, die er bereits auf früheren Reisen in der Innerschweiz gesehen und dokumentiert hatte. Ein Vergleich mit den Ausführungsplänen des Nidwaldner Ingenieurs und Landammanns Businger zeigt, dass das realisierte Projekt in wesentlichen Zügen Gladbachs Entwurf entspricht – die Autorschaft Gladbachs erscheint jedoch in den SGG-Jahresberichten und im projektbezogenen Briefverkehr nicht mehr.[416] Warum Gladbach im Gegensatz zu den anderen von der SGG zugezogenen ETH-Experten in den Jahresberichten der Rütlikommission nicht erwähnt wird, bleibt unklar. Allenfalls denkbar wäre ein Zusammenhang mit dem medialen Wirbel, den einige Jahre zuvor Sempers Entwürfe für den Schwurplatz entfacht hatten. Denn mit Gladbach hätte ein weiterer deutscher Professor einen Entwurf für die nationale «Wiege» geliefert – ein Umstand, den die Rütlikommission – so die Hypothese – diskret behandeln wollte, um ähnlichen Diskussionen vorzubeugen.
Auf jeden Fall beauftragte die Rütlikommission 1866 eine für die Vollendung der Anlagen eingesetzte Spezialkommission, die Planung eines neu zu errichtenden Pächterhauses in Angriff zu nehmen.[417] Als Architekt für das Rütlihaus findet sich Johann Meyer in den Akten.[418] Indem die Bauherrschaft das bestehende Haus (Bild 16a) hatte abreissen lassen, realisierte sie nun in gewisser Weise das, was sie wenige Jahre zuvor dem ehemaligen Besitzer Truttmann vorgeworfen hatte.[419] Die bewahrende Grundidee bestand hier weniger in der Konservierung als vielmehr in einer historisierenden Rekonstruktion. Das Rütlihaus, 1869 zusammen mit der oberen Scheune und den beiden Gaden fertiggestellt – Bild 16 zeigt zwei Vorgängerbauten –, war das neue Holzhaus der mit Abstand teuerste Teil bei der Neugestaltung des Geländes.[420] Die ersten Besucher zeigten sich des Lobes voll über das «funkelnagelneue» Haus.[421]
Das Gebäude diente seit Beginn vor allem als Wohnhaus des Pächters und zugleich als repräsentativer Ausstellungsraum. Die Transformation in ein Restaurant vollzog sich sehr langsam. Verwehrte es die Rütlikommission 1882 einem Maler, im Rütlihaus für einige Woche zu logieren, da es «kein Wirtshaus» sei,[422] erlaubt das 1898 erlassene Reglement dem Pächter, auf expliziten Wunsch hin Besuchenden «Erfrischungen» abzugeben.[423] Nachdem 1909 die Kommission das Verbot einer öffentlichen Wirtschaft erneut ausgesprochen hatte,[424] sah das neue Reglement von 1911 – und auch noch 1947 – vor, dass der Pächter zwar nur auf Verlangen einfache und kalte Speisen und Getränke abgeben, er aber besonders Schulklassen und andere Gruppen verpflegen helfen solle.[425] Wohl seit den 1970er-Jahren betreibt der jeweilige Pächter ein eigentliches Restaurant, das im Sommerhalbjahr geöffnet ist.[426] Dass diese Funktion des Rütlihauses als Restaurant nicht unumstritten war, zeigt die Drahtseilanlage, die die Kommission 1925 installieren liess und die ebenso absichtlich wie ausschliesslich im Wald verlief.[427] Damit sollte der Nachschub mit Getränken rationeller gestaltet und dem Rütlipächter ein rentablerer Betrieb ermöglicht werden. Heftiger Protest folgte umgehend, und zwar vor allem von Seiten von Lehrpersonen, die ihren Unmut in der Schweizerischen Lehrerzeitung kundtaten. Sie sahen in der Transportanlage und damit im Wirtschaftsbetrieb eine Entweihung und Verschandelung des Rütlis und verlangten, dass die Anlage abmontiert und die Getränkeausgabe verboten werde.[428] Die Seilbahn blieb, die Kommission unterstrich in ihrer Gegendarstellung die Unsichtbarkeit der Anlage sowie das passive Bewirtungskonzept, das dem Pächter dennoch Einnahmen generieren sollte. Heute ist die Anlage nicht mehr in Betrieb, die Versorgung erfolgt über die Zufahrtsstrasse von Seelisberg.[429]
Das Äussere des Gebäudes veränderte sich im Verlauf der Jahre nur wenig. In seinem Bestand in Frage gestellt wurde es 1938, als mehrere Schweizer Zeitungen berichteten, dass das Rütlihaus baufällig sei. Ringier ergriff die Initiative und erklärte sich bereit – ähnlich wie schon für die Hohle Gasse 1935 –, eine nationale Geldsammlung für einen Neubau zu organisieren und zufinanzieren.[430] Neben der angeblichen Baufälligkeit sah der in dieser Sache federführende Redaktor von Ringier, Emil Hess – mit Unterstützung des Bundesrats Philipp Etter –, auch eine stilistische Notwendigkeit für einen Neubau: Das bestehende Haus sei so gebaut, dass es «alt wirken» solle, das neue hingegen müsse im Kontext der «Erneuerungsbewegungen» den neuen «Rütligeist» darstellen und in solider, freundlicher Architektursprache realisiert werden. Die Rütlikommission hingegen hielt am bestehenden, schlichten Haus fest, das wegen aktueller Umstände nicht verändert werden sollte, sondern lediglich einiger Renovationen bedürfe.[431] Weitere Renovationen erfolgten in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre,[432] 1989 bis 1991,[433] 1998[434] und schliesslich 2008 bis 2012.[435] Letztere führte zu einem pergolaartigen Holzanbau auf der nördlichen Seite des Hauses.
Die patriotische Dekoration des Hauses besteht sowohl aus fix als auch aus vorübergehend angebrachten Elementen. Das heute über dem südlichen Eingang des Rütlihauses angebrachte Schweizerkreuz mit Schriftzug (Bild 24) dürfte 1941 auf die 650-Jahr-Feier hin angebracht worden sein.[436] Zuvor, wohl seit Beginn des 20. Jahrhunderts, prangte lediglich ein Schweizerkreuz mit geschwungenem Rand auf der Balkonbrüstung (Bild 25).[437] In den Jahrzehnten davor war die Stelle über dem Eingang leer (Bild 23).[438] Fahnenschmuck an der seeseitigen Fassade ist erstmals für den 1.8.1900 nachweisbar, als der Pächter zum Jahrestag der Bundesfeier die Schweizerfahne hisste.[439] Eine permanente Beflaggung des Hauses befand die SGG 1908 hingegen als unpassend, da dies zu sehr an ein Wirthaus erinnern würde.[440]
Südlich des Rütlihauses befand sich zuerst kein Sitzplatz. Wohl zu Beginn des 20. Jahrhunderts liess die Rütlikommission einen an den Hang angelehnten, auf einer aufgeschütteten Terrasse gelegenen und mit Holzgeländer eingefassten Sitzplatz mit Tischen einrichten.[441] Bauarbeiten, die die Rütlikommission 1934/35 ausführen liess, führten wohl dazu, dass der Platz vergrössert und mit einem Kreuzzaun umgeben wurde, wie er noch heute besteht.[442]
Seit 1899 besass das Rütli eine eigene Postablage, die jeweils von Juni bis September geöffnet war, ab 1921 war die Poststelle das ganze Jahr geöffnet und der Pächter wurde jeweils zum Postablagehalter ernannt.[443] Reichte in der Regel der beim Eingang angebrachte Briefkasten, wurde 1941 erstmals eine zusätzliche Sonderpoststelle auf der Laube des Rütlihauses eingerichtet (Bilder 24 und 27). Später, von 1965 bis 2004, stand sie jeweils am 1. August auf dem Schwurplatz (Bild 28).[444] Wurde das Sonderpost-Häuschen 1991 noch erneuert, brachte das Jahr 1992 das Ende der regulären Poststation. Es blieben noch das Schild, der Briefkasten-Service sowie der offizielle Stempel.[445] Die Postagentur wurde schliesslich im November 2007 geschlossen, der Rütli-Pächter darf aber den Stempel weiterhin verwenden.[446]
Die Innenausstattung der beiden Rütlistuben im Erdgeschoss umfasst zahlreiche Gegenstände, die chronologisch dokumentiert und im Bildteil mehrheitlich visualisiert sind (Bilder 26, 29 bis 32).[447]
3.4.3 Rütlihaus ikonografisch/ikonologisch
Der Rütlihaus gilt als eines der frühsten Beispiele des Heimatstils.[448] Grundriss und Ausgestaltung orientieren sich nicht nur am ehemaligen Pächterhaus, sondern generell am alten Urner Bauernhaus. Eine wesentliche Ausnahme bildet die gemauerte Rückwand des Hauses mit stichbogigen Öffnungen.[449] Trotz barockisierender Details wird das Äussere mehr von lokaler Bautradition geprägt als von einem eindeutigen historischen Stil. Monica Bilfinger betont in ihrer Studie zum Rütlihaus das allgemeine Schema des klassischen Chalets und sieht darin ein Paradebeispiel eines Schweizerhauses, wie sie Chalet-Fabriken später serienmässig herstellten.[450] Der Ursprung des erfolgreichen Schweizerchalets lasse sich ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen, als die aufgeklärte Elite die Schweiz als Wiege von politischer und landschaftlicher Unverdorbenheit entdeckte. Ausdruck dieser Landschaft sei das sogenannte Schweizerhaus in Chaletform geworden, das als ländlicher Bautypus gerade auch im Landschaftsgarten des späten 18. Jahrhunderts zur Verwendung kam.[451] Der in Deutschland entwickelte Haustyp wurde in der Schweiz erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts rezipiert, bildete aber sehr bald einen geradezu identitätsstiftenden Teil des Bühnenbildes, vor welchem sich die Schweiz in ein Tourismusunternehmen entwickelte: «Die Schweizer begannen sich selbst zu spielen».[452] Daniel Andreas Stockhammer differenziert diese Interpretation in zweifacher Weise.[453] Zum einen stelle das Rütli-Pächterhaus eines der frühesten Gegenbeispiele zum pittoresken und international rezipierten «Laubsägelistil» dar, also dem Schweizerhaus-Stil. Zum anderen sieht er im Rütlihaus ein Schweizer «Urhaus», das den Anfang eines ländlichen Nationalstils bilde, Ausdruck einer architektonischen Identitätsbildung des jungen Bundesstaats, basierend auf dem Wissen und den Arbeiten eines deutschen Experten. Zusätzlich zu Schiller also, dessen Theaterstück den Schweizer Nationalmythos in eine zugleich literarische wie populäre und massenwirksame Form übertrug, galt Gladbach als «altbewährter Meister und Vertreter unserer schweizerisch-nationalen Holzarchitektur», der mit der Konzeption des Rütlihaus ein prototypisches und stilbildendes nationales Haus geschaffen hatte.
Im Innern entsprechen die beiden Rütlistuben in ihren Dimensionen den üblichen, eher gedrungenen Innerschweizer Bauernstuben, fallen aber durch ihre vergleichsweise reiche Ausstattung auf.[454] Überdies erheben die beiden Glasgemäldezyklen die Stuben (Bild 29) in den Rang von Amtsstuben, wie sie in der Region nur in den Ratshäusern der Kantonshauptorte zu finden sind. Johann Rudolf Rahn, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Zürich und der ETH, begleitete als Experte die Herstellung des Glasscheibenzyklus von 1872/74.[455] Dieser Zyklus symbolisiert den föderalistischen Bundesstaat und entspricht einer typischen nationalen Repräsentationsform, die seit dem 19. Jahrhundert in vielfacher Gestalt Verwendung findet.[456] Rahn dürfte die Rütlikommission aber auch bei der Möblierung beraten haben.[457] In seiner «Kunstgeschichte der Schweiz» vertrat er die Ansicht, dass die eidgenössischen Orte im Spätmittelalter einen spezifisch schweizerischen Stil hervorgebracht hätten – und die Rütlistuben vereinigten alle von ihm als typisch beschriebenen Elemente.
Insgesamt drückt das Rütlihaus die nationale Selbstdarstellung gleich zweifach aus: Das teilweise spätgotische Interieur verweist auf die Wurzeln des 1848 gegründeten Bundesstaates, die bis ins Mittelalter zurückreichen, die äussere Hülle erscheint als Innerschweizer Bauernhaus oder allgemeiner als typisches Schweizerchalet.[458] In diesem Zusammenhang verdient besonderes Interesse, dass die Rütlikommission 1935 das «zur Styleinheit des Hauses nicht passende gothische Buffet» ersetzen liess durch ein angekauftes Urner Buffet aus dem 17. Jahrhundert.[459] Stilistisch entscheidend war nun offenbar weniger die spätmittelalterliche Ursprungszeit als vielmehr das barockisierende Äussere. Verstand die Kommission etwa die architektonischen Reminiszenzen des Buffets auf die spätmittelalterlichen Wurzeln nicht mehr? Bilfinger interpretiert diesen Entscheid, indem sie auf die seit Ende des 19. Jahrhunderts zu beobachtende Tendenz verweist, dass sich das typisch Schweizerische im charakteristischen Regionalen und Lokalen ausdrücke: Spätgotische Möbel galten demnach – im Gegensatz zu barocken – als regional unspezifisch und deshalb unschweizerisch.[460] 1989 liess die Rütlikommission die Buffets wieder austauschen: Das neugotische fand wieder seinen ursprüngliche Platz in der Stube (Bild 30), das barocke kam in der nicht öffentlich zugänglichen Schifferstube zu stehen.[461] War nunmehr die gotische Referenz bedeutsamer als der Verweis auf den als regionaltypisch nicht mehr verständlichen Stil?
Die sonstige Innenausstattung der Rütlistuben stammt zum überwiegenden Teil aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Während stilistisch das oben im Zusammenhang mit den Buffets Gesagte gilt, zeugen die in den beiden Räumen gezeigten Gegenstände von der Bedeutung und Funktion des Ortes: Objekte des Gründungsmythos (Bundesbriefe, Armbrust) und dessen Darstellung (Rütlischwur, Stiche, Tellstatue) und Symbolisierung (Glasmalerei-Zyklus). Einzig die unmittelbare Nachkriegszeit brachte noch zwei Bereicherungen mit dem Porträt von General Guisan und den drei neuen Standesscheiben. Letztere legen den Akzent auf die drei Innerschweizer Kantone – sie ersetzen eine Scheibe mit dem Schweizer Wappen – und entfernen die Darstellung des Rütlischwurs und der Schlacht von Sempach zugunsten von Tell, Morgarten und Niklaus von Flüe. Der präsentierte Kanon mythologischer Narrationen der Nachkriegszeit hat sich verändert: weg vom national fundierenden Rütlischwur, hin zu gemalten Abbreviaturen der Heldengeschichten.
In den in den beiden Stuben ausgestellten Objekten könnte man auch sakralisierte Gegenstände erkennen, Reliquien gleichsam, die vom Ursprungsereignis Zeugnis ablegen. Dabei ist das Ursprungsereignis referenziell diversifiziert: Gründungsschwur (Faksimilie des Bundesbriefs, Bild 30), Tell (Armbrust und Statue) und Rütli-Rapport (Guisan-Porträt, Bild 32). Die Inszenierung der Tellstatue, die zentriert auf einer Truhe mit Lesepult für das Gästesbuch thront, mag an einen Altar erinnern – ein Arrangement, das bis heute fortbesteht, jedoch zugunsten eines touristischen Angebots verschoben ist (Bilder 31 und 32). Diese dadurch visualisierte Funktionsverschiebung entspricht der ebenfalls touristsch ausgerichteten Nutzung des Hauses als Restaurant.
Bemerkenswert ist zudem die von der Rütlikommission nur sehr zögerlich zugelassene Funktionsveränderung des Hauses. Sollte es zu Beginn ein Raum patriotischer Einkehr sein und nur in Ausnahmefällen der Bewirtung dienen, liess die Kommission in den 1970er-Jahren die Küche ausbauen, um einen professionellen Restaurant-Betrieb gewährleisten zu können, ohne jedoch – bis heute – auf dem ganzen Gelände und aussen am Rütlihaus explizit auf den Wirtschaftsbetrieb hinzuweisen. Der allmähliche und optische Ausbau sowohl der südlichen – schon sehr früh – als auch der nördlichen Verenda ist ebenfalls ein Zeichen dieser Entwicklung. Inwiefern das Verhalten der Besuchenden dazu beigetragen hat, wird in Kapitel 6.2.3 zu zeigen sein.
Die Gestaltung des Hauseingangs erweist sich als bedeutungsvoll. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam das kennzeichnende Schweizerkreuz auf der Laubenbrüstung hinzu und kompensierte in gewisser Hinsicht und in diskreter Form die von der SGG abgelehnte Schweizerfahne. Als gegenständliche Ausprägung der «Geistigen Landesverteidigung» akzentuierte das formal strengere Schweizerkreuz wohl seit 1941 den patriotischen Charakter des Eingangs. Die darüber angebrachte Parole «Eidgenossen/Gott zum Gruss» verweist nicht nur auf die Ahnen in mittelalterlicher Zeit, sondern auch auf die göttliche Instanz, die dem politischen Bund transzendente Legitimation verleiht – eine durchaus konservative Betonung geschichtlicher Zustände.[462]
Insgesamt erweist sich die Intentionalität des Rütlihauses als vielgestaltig. Das Äussere des Rütlihauses zeigt ein traditionelles, spätbarockes Urner Bauernhaus und sieht – oberflächlicher betrachtet – aus wie ein typisches Schweizerchalet. Der Eingang erfuhr eine deutliche patriotische Aufladung durch die «Geistige Landesverteidigung». Die beiden Rütlistuben sind historisch, v. a. gotisch, gestaltet und verweisen dadurch und durch zahlreiche Gegenstände auf die mittelalterliche Gründungszeit und den Gründungmythos. Veränderungen in den 1930er und 1950er-Jahren deuten darauf hin, dass weniger das Spätmittelalter als vielmehr die Regionalität der Urschweiz an Profil gewann. Kam dem Rütlihaus bis zum Ersten Weltkrieg die Funktion eines Sanktuariums zu, das historistische Authentizität mithilfe von reliquienähnlichen Gegenständen erleben liess – ein letztes Mal ergänzt mit dem Guisan-Porträt –, könnte es sich im Kontext der «Geistigen Landesverteidigung» zur dreidimensionalen Metapher für die wehrhafte Schweiz entwickelt haben, um in der Nachkriegszeit zunehmend zu einem historisch dekorierten Restaurant zu werden.
3.5 Rütliwiese
3.5.1 Rütliwiese vor-ikonografisch (synchron)
Die Wiese bedeckt die höchst gelegene Zone der Anlage (Bilder 3 und 33). Den nördlichen Abschluss bildet die obere Scheune, den südlichen die mit Granitsteinen markierte Schusslinie. Seeseitig grenzt ein bewaldetes Steilbord die Wiese ein, hangseitig der Waldrand der steil ansteigenden Bergflanke. Nach der oberen Scheune verzweigt sich der Weg: Der eine geht geradeaus weiter zum höchsten Punkt, der andere dreht nach rechts. In dieser Weggabelung trägt eine Stange das Schild, das die Rütliwiese in den vier Landessprachen und in Englisch kennzeichnet; am Baum daneben weist ein Holzschild, Teil einer älteren Beschilderung, den Weg in Richtung Feuerstelle. Der Weg rechts teilt sich am höchsten Punkt erneut in zwei Fortsetzungen: Nach links führt er zur steinernen Sitzgruppe, geradeaus führt er einerseits hinunter zum neuen Stall, andererseits weiter auf dem alten Weg in den Wald hinein.
Auf dem höchsten Punkt der Wiese stehen drei schwere Granitsteinbänke – ähnlich denjenigen des Schwurplatzes – in einem Halbkreis, der Boden dazwischen ist mit dichtem Wurzelwerk bedeckt. Hinter den Bänken ragen drei, markant gekrümmte Föhren in den Himmel. Südlich davon zieht sich eine auffällige Granitsteinlinie der Hangkante entlang, die Schusslinie des historischen Rütlischiessens (Bild 33). Die Aussicht nach Osten ist durch die bewaldete Böschung verdeckt, nach Norden öffnet sich der Blick über den See in Richtung Brunnen und Mythen, nach Süden in Richtung Bristen und nach Nordwesten über den Wieshang mit den hölzernen Scheibenhalterungen des historischen Pistolenschiessens hinweg und hinauf zur goldenen Kuppel des ehemaligen Grandhotels Sonnenberg und dem danebenliegenden Schillerbalkon. Zwischen Bankgruppe und Scheibenhalterungen flattert die Schweizerfahne an einer hölzernen Stange, mitten auf der Wiese, von Weitem gut sichtbar.
Schweift der Blick nach Südwesten, trifft er in genau 300 Meter Entfernung auf ein steiles, gerodetes Waldstück. Dort befinden sich die Scheibenstandsvorrichtungen des 300-m-Rütlischiessens. In dieser Sichtachse, am Waldrand der Wiese, ist auf einem Stein eine kleine, beschriftete Bronzeplatte des Schweizerischen Schützenvereins angebracht (Bild 36).
3.5.2 Rütliwiese vor-ikonografisch (diachron)
Was 1860 für die Anlage insgesamt galt, war auch für die Wiese wichtig: Bäume sollten den Lichtungscharakter wiederherstellen, für satte Wiesen kam Dünger zum Einsatz.[463] Die einzige dokumentierte Zäsur erfuhr die Wiese, als sie nach dem intensivsten Besuchsjahr in der Geschichte des Rütlis überhaupt, am Ende des Jubiläumsjahrs 1941 derart beschädigt war, dass sie umgehackt und neu angesät werden musste.[464]
Wie der Plan der Anlage aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zeigt, wird die Stelle mit den drei Steinbänken, denen jeweils ein Baum zugeordnet ist, als Ruheplatz bezeichnet (Bild 7). Dieser Ruheplatz bildete den Höhepunkt des Rundweges über das Gelände und bot eine Aussichtsplattform auf See und Berge.[465] Daneben sollte er, wie bereits 1855, als Veranstaltungsort dienen für Feste grösserer Gruppen, für die der Schwurplatz nicht genügend Raum bot.[466] Zu diesem Zeitpunkt, also 1860, verstand die SGG unter der «Wiese» jenen Teil der Anlage, der sich unterhalb des Rütlihauses und des Quellplatzes erstreckte.[467] Die oben erwähnten Pläne wiederum verwenden den Begriff der Rütliwiese für das gesamte Gelände. Heute wird der ursprüngliche Ruheplatz als Rütliwiese bezeichnet. Diese Bedeutungsverschiebung dürfte schon sehr früh erfolgt sein, ein erster, eindeutiger Beleg fällt in das Jahr 1902.[468] Aber auch danach scheint eine Präzisierung immer wieder erforderlich gewesen zu sein, denn noch 1941 präzisierte die SGG in einer Medienmitteilung, dass die Jubiläumsfeier auf der «oberen Rütliwiese» stattfinde, verwendete aber an anderer Stelle einfach «Rütliwiese».[469]
Ältere Aufnahmen zeigen die Struktur der koordinierten Steinbank- und Baumgruppen noch an (Bild 34). Dadurch erscheint die Steinbank-Gruppe deutlich dichter mit Bäumen bestanden, als dies heute der Fall ist (Bild 33). Umgekehrt beeinträchtigte die Vegetation der abfallenden Böschung gegen Osten hin die Aussicht deutlich weniger als heute. Die Renovation 2008/2012 hat hier einerseits ursprüngliche Sichtachsen zumindest teilweise wiederhergestellt, andererseits den Baumbestand des zentralen Ruheplatzes auf drei Föhren konzentriert.[470]
Die heute so markante Schweizerfahne auf der Rütliwiese kam wohl erst im Jubiläumsjahr 1941 als Ausstattungselement hinzu.[471] Auch dann noch schien man Sorge zur neu gehissten Fahne tragen zu wollen und nahm sie bei schlechtem Wetter weg, worüber sich prompt ein Besucher beklagte.[472] Postkarten der Kriegs- und Nachkriegszeit zeigen die Wiese stets mit Fahne, ein Bild, das an Feiertagen und an schönen Sommerstagen sicherlich auch der Realität entsprach.[473] Doch auch vor 1941 wehte die Fahne ab und zu auf der Wiese: Sie wurde jeweils speziell für Feiern aufgestellt, so beispielsweise 1891 für die 600-Jahr-Feier,[474] 1938 und 1940 für die 1.-August-Feiern,[475] 1940 für den Rütli-Rapport.[476] Weitere Akzentuierungen erfolgten in der Nachkriegszeit. 1968 beschloss die Rütlikommission, dass auf der Wiese nur noch die Schweizerfahne gehisst werden dürfe,[477] 1982, dass die Fahne mindestens am 1.8., beim Rütlischiessen, am Bettag und an schönen Sommertagen wehen solle,[478] 1988 erhielt die Fahne eine Beleuchtung,[479] und 2012 schliesslich ersetzte eine Holzstange die bisherige aus Aluminium.[480]
Ursprünglich erschloss das Wegnetz die Rütliwiese von der oberen Scheune her direkt zu den Steinbänken und weiter nach Süden in Richtung der ehemaligen Baumschule (Bilder 7 und 34a). Erst seit den Arbeiten von 2008/2012 zweigt auf der Höhe der oberen Scheune der fahrbreit gehaltene Weg nach rechts ab, der die Wiese in weitem Bogen umfasst: Szenografisch wird so die Rütliwiese betont und zugleich, pragmatisch, die Zufahrt zum neuen Stall in der südlich gelegenen Senke sichergestellt.[481] Der alte, direkt zur Sitzgruppe führende Weg ist dennoch sicht- und begehbar geblieben. Ebenfalls im Rahmen der Arbeiten von 2008/2012 wurde die charakteristische Baumgruppe auf die drei Föhren reduziert, ein Laubbaum gefällt, die östlich gelegene Böschung gelichtet und die Schiesslinie neu mit Granitquadern gezogen.[482] Letztere dürfte nach 1891 entstanden sein, nachdem sich die Innerschweizer Sektionen des Rütli-Schützen-Vereins um dessen Anlegung bemüht hatten.[483] Die in 300 Metern Entfernung liegenden Anlagen des Rütlischiessens wurden im Verlauf der Zeit, bedingt durch die gewachsene Zahl der Schützen, wiederholt vergrössert und modernisiert.[484] Die jeweils am westlichen Hang der Wiese montierten Scheiben für den Pistolenschiessstand hatten durch die Jahrzehnte zu einer massiven Bleibelastung geführt, was im Jahr 2000 eine aufwändige Bodensanierung erforderte.[485]
Praktisch unsichtbar sind auf resp. unmittelbar neben der Rütliwiese zwei Denkmäler angebracht. 1960 jährte sich der Rütli-Rapport zum 20. Mal, der öffentliche Druck von verschiedenen Seiten, auf dem Rütli ein entsprechendes Gedenkzeichen zu errichten, erhöhte sich. Alt Bundesrat Etter beispielsweise schlug vor, eine Büste des Generals aufzustellen.[486] Die Kommission lehnte auch in diesem Fall sämtliche Vorschläge ab, stets mit dem wiederkehrenden Argument, wonach sie den Ort denkmalfrei halten und verhindern wolle, das Rütli in ein «Mausoleum» zu verwandeln.[487]
Die Weigerung der SGG führte ein Jahr später zum Plan des «Komittees für die Schaffung einer Gedenkstätte in Erinnerung an den Rütli-Rapport», einen schlichten Gedenkstein aufzustellen, und zwar oberhalb der Rütliwiese am Rand des steilen Fusswegs vom Rütli hoch zum ehemaligen Grandhotel Sonnenberg (Bild 35).[488] Diese randständige Positionierung war das Ergebnis eines Kompromisses: Der Gedenkstein gewährt einen direkten und nahen Blick auf den Ort des Rapports, liegt aber nicht auf dem Rütli-Grundstück, sondern unmittelbar an dessen Grenze auf Grund und Boden der Kooperation Uri (Bild 33).[489] Die Einweihung erfolgt 1967 am Jahrestag des Rütli-Rapports im Rahmen einer grossen Feier, an der unter anderem ein Bundesrat sowie der Präsident des Nationalrates eine Rede hielten.[490] Gygli, Generalstabschef der Armee, versuchte in seiner Ansprache, den abgelegenen Standort des Steins zu kompensieren, indem er die Bedeutung des symbolischen Ereignisses unterstrich. Die Fernsehbeiträge, die anlässlich der Einweihung ausgestrahlt wurden, verzichteten ironischerweise darauf, den Gedenkstein zu zeigen.[491] Die besondere Standortlösung mochte unbefriedigend erscheinen, insbesondere den Mitgliedern des Vereins «Dampferfreunde Vierwaldstättersee». Sie organisierten eine private Geldsammlung, in geringem Umfang auch durch die Öffentliche Hand unterstützt.[492] Am 40. Jahrestag konnten sie dann, unter dem Ehrenpatronat des Bundespräsidenten, in dessen Anwesenheit und derjenigen von Offizieren, ein Bronzerelief einweihen – sozusagen als schwimmendes Denkmal, da es sich im Vestibül des Dampfschiffes «Luzern» befindet, jenes Dampfers also, der den General 1940 auf das Rütli gebracht hatte.[493] Ein weiteres Bemühen um Gedenken darf darin gesehen werden, dass 1985 im Rütlihaus ein Porträt des Generals – zusammen mit einem Bild des Schöpfers des Rütlilieds – angebracht wurde (Bild 32).[494]
Der Schweizerische Schützenverein erhielt 1990 von der Rütlikommission die Erlaubnis, anlässlich der 700-Jahr-Feier der Schweiz auf dem Rütli ein sichtbares und bleibendes Zeichen zu setzen. Es sollte ein sogenannter Mutterstein mit Schrifttafel werden, platziert an einer für die Aussteigenden sichtbaren Stelle.[495] Vorausgegangen waren intensive Diskussionen, da die Kommission das selbst auferlegte Denkmalverbot auch in diesem Fall durchsetzen wollte. Zu Beginn wollten die Schützen einen anderthalb Meter hohen obeliskartigen Granitstein aufstellen. Diese prominente Zeichensetzung schien dem Verband angemessen, angesichts seines Gewichts mit seinen 500 000 Mitgliedern und der engen ideellen Verbundenheit mit dem Land: Die Schützen nahmen für sich in Anspruch, dass vor allem sie für das Vaterland und seine Verteidigung einstünden.[496] Diesen Argumenten begegnete die SGG durchaus positiv, zumal es nicht um die Ehrung einer Einzelperson ging und die Materialität sowohl dem Ort als auch der gewünschten Symbolik für Wehr- und Standhaftigkeit entsprach. Hingegen erkannten die Kommissionsmitglieder keinen Zusammenhang zwischen dem Verein und dem Rütli, und zudem befürchteten sie, dass Denkmäler weder zeitgemäss seien noch von den Besucherinnen und Besuchern akzeptiert würden. Daher bestand ein erster Kompromissvorschlag darin, dass ein in der Nähe der Schiffstation vorhandener Stein verwendet werden müsse. Es kam anders: Die ursprüngliche Idee, das Rütlidenkmal als Mutterstein zu setzen, scheiterte, denn die kantonalen Schützensektionen fanden sich nicht bereit, sogenannte Töchtersteine dezentral in den Kantonen zu platzieren. Daher beschlossen die Vertreter des Dachvereins, die intendierte Denkmalform auf eine Platte zu reduzieren.[497] Und diese kam, wie bereits erwähnt und auf Geheiss der SGG, auf einem Findling zu liegen, am Rand der Rütliwiese in der Schusslinie des 300-m-Schiessens (Bild 36).[498] Aus ursprünglich aufragenden, gut sichtbaren steinernen Zeichen war eine kaum sichtbare Metallplatte geworden.
3.5.3 Rütliwiese ikonografisch/ikonologisch
Die ursprünglich konzipierte Anlage zeugt zum einen von der intendierten touristischen Nutzung: Die Steinbänke wurden zu Beginn als Ruheplatz bezeichnet, die wunderschöne Aussichten auf die Mythen und den Bristen gewährten. Diese Funktion ist heute durch den östlich gelegenen Baumbestand teilweise eingeschränkt. Zum anderen könnte die halbkreisförmige Anordnung der schweren Steinbänke auch auf einen Versammlungsort hindeuten, der, wie schon der Schwurplatz, einem Thingplatz ähnlich sieht.[499]
Die Schweizerfahne auf der Wiese ist bedeutsam, vor allem weil sie seit 1941 nicht mehr nur für besondere Anlässe aufgestellt wird, sondern den Ort nun kontinuierlich und von Weitem gut sichtbar markiert. Noch 1908 hatte die Rütlikommission den Vorschlag abgelehnt, im Sommer eine das Rütli kennzeichnende Fahne aufzustellen, da ihr dies für eine Gaststätte typisch schien.[500] Allgemein gilt, dass nationale Flaggen bei praktisch keiner patriotischen Inszenierung im politischen Leben fehlen.[501] Sie kann beispielsweise nationalen Besitz resp. nationale Besitznahme oder staatliches Andenken markieren und entweder als motivisch-attributives Beiwerk oder als eigenständiger Ausdrucksträger erscheinen; stets ist sie jedoch Symbolträger ersten Grades nach Speitkamp.[502] Im Falle der Rütliwiese lässt sich eine Entwicklung vom Beiwerk zum eigenständigen Ausdrucksträger ausmachen: von der Dekoration bei speziellen Anlässen hin zu einer ständigen und selbstständigen Ausdrucksform staatlicher Präsenz, ja nationalen Andenkens. Ähnlich der Markierung von Berggipfeln verweist die Fahne auf den, im übertragenen Sinn, höchsten Ort des Rütlis und könnte so spätestens ab den 1940er-Jahren – allenfalls befördert durch den Rütli-Rapport und vor allem auch durch das 650-Jahr-Jubiläum der Eidgenossenschaft – vom Schwurplatz und dem Rütlihaus die Funktion als zentraler Punkt des Denkmalgeländes übernommen haben. In der Verbindung mit dem Rütli-Rapport kommt der Flagge zudem auch eine militärische Symbolik zu als Zeichen der Wehrhaftigkeit und -bereitschaft.
Ganz im Sinne dieser postulierten Zentrumsfunktion hat sich die Wiese von einem Aussichtspunkt mit historisierendem Mobiliar zu einem symbolträchtigen Ort entwickelt – ganz besonders durch die neueste Renovation 2008/2012: die Dreizahl der Föhren bei den Ruhebänken, die Fahnenstange aus rohem Holz, der neue Weg, der das Umschreiten der Wiese geradezu inszeniert. Zum Symbolwert tragen überdies zwei Denkmäler bei, die auf oder nahe der Rütliwiese liegen. Beide bestehen hauptsächlich aus einem grösseren Naturstein, sind praktisch unsichtbar und kommemorieren höchstens indirekt den Ursprungsmythos. Die beiden ersten Eigenschaften verhindern, dass die Naturhaftigkeit der einfachen Alpwiese gestört wird.
Insgesamt wirkt die Gestaltung in dreierlei Hinsicht. Die Rütliwiese hat sich von einem vor allem touristisch gedachten Aussichtspunkt mit historisierendem Mobiliar zu einem in mehreren Schichten symbolhaften Ort entwickelt. Die Schweizerfahne markiert sichtbar und für alle wiedererkennbar einen zentralen Ort, den Ort des Gründungsmythos. Die Naturhaftigkeit des Ortes schliesslich ist erhalten trotz der intensiven, aber sehr diskreten Gestaltung, die sogar zwei Denkmalkörper umfasst.
3.6 Picknickplatz
3.6.1 Picknickplatz vor-ikonografisch (synchron)
An der südöstlichen Ecke des Geländes, auf steil abfallendem Felsen über dem See, liegt – etwas überraschend – ein geräumiger Platz. Aus Beton gegossene, pflanzlich-organisch geformte Tische und Hocker markieren die Infrastruktur für Picknicks, die überdies zwei Feuerstellen und ein überdachtes Holzdepot umfasst (Bild 37). Ein aus Granitplatten gefertigter Brunnen, ein Geschenk des Rotary Clubs Uri, spendet Wasser. Der Platz ist umzäunt und bietet grosszügige Ausblicke in südöstliche und südliche Richtung.
3.6.2 Picknickplatz vor-ikonografisch (diachron)
Der Plan aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zeigt eine Möblierung des heutigen Picknickplatzes, die im Wesentlichen aus vier Elementen bestand (Bild 7). Am ältesten sind sicherlich Teile des den Platz beschreibenden Wegsystems, die 1864 fertiggestellt waren.[503] Der prägende Eingriff erfolgte mit der feierlichen Einweihung des Krauer-Greith-Denkmals im Mai 1884.[504] Initiiert durch den Gesangsverein des Kantons Luzern liess die Rütlikommission ein schlichtes Denkmal errichten zu Ehren der Schöpfer des Rütliliedes,[505] also des Dichters Krauer und des Komponisten Greith. Es bestand aus einem grossen Granitblock, der die beiden Porträtmedaillons sowie die folgenden Inschriften in Metall-Lettern trug:
DEN SÄNGERN DES RÜTLILIEDES. DICHTER / J. G. KRAUER / von Emmen Cant. Luzern / geb. 1792, gest. 1845 / COMPONIST / JOS. GREITH / Rapperswyl Ct. St. Gallen / geb. 1798, gest. 1868. <Zwischen beiden Medaillons> 1821 /Hier standen die Väter zusammen / Für Freiheit und heimisches Gut / Und schwuren beim heiligsten Namen / Zu stürzen die Zwingherrenbrut / Errichtet 1884.
Den nun angelegten Denkmalplatz durchzogen neue Wege, die ihrerseits mit dem bereits vorhandenen Weg verbunden wurden. Wohl zu diesem Zeitpunkt kamen die auf dem Plan erkennbaren, einen Halbkreis beschreibenden Steinbänke dazu (Bild 7). Ihre Ausrichtung nach Westen in Richtung Denkmal legt diese Vermutung nahe. Sie dienten also als funktionale Objekte dieses nunmehr dritten Ruheplatzes zur Kontemplation des Denkmals.[506] Die wohl ältesten Aufnahmen des nunmehr als Denkmalplatz bezeichneten Ortes dürfte, aufgrund des Postkarten-Layouts, aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammen (Bilder 38 und 39). Sie zeigen nicht nur die naturhafte Gestalt des Denkmals, sondern auch das sich verzweigende Wegsystem sowie die imposante Sichtachse auf den südlich gelegenen Bristen. Die Steinbänke bleiben unsichtbar – ob sie tatsächlich realisiert worden waren?
Die nächste wesentliche Umgestaltung erfolgte Ende der 1960er-Jahre, als die Rütlikommission das Denkmal wieder abtragen liess.[507] Dieser Denkmalsturz resultierte aus dem Entscheid der Kommission, die eigenen Prinzipien konsequent umzusetzen und das Rütli denkmalfrei zu halten. Als sich 1960 der Rütli-Rapport zum 20. Mal jährte und der öffentliche Druck, auf dem Rütli ein entsprechendes Gedenkzeichen zu errichten, massiv erhöhte, entschied sich die SGG kurzerhand, das einzige vorhandene Denkmal zu entfernen.[508] Zu diesem Zeitpunkt dürfte die Umbenennung zum Picknickplatz erfolgt sein.
Die Möblierung in den Jahren danach ist nicht dokumentiert, bis heute sichtbar bleibt einzig der 2005 eingeweihte Brunnen des Rotary Clubs Uri.[509] Zu seinem Jubiläum schenkte der Club dem Bund diesen Brunnen mit der Absicht, in jeder Urner Gemeinde entlang des Weges der Schweiz weitere Brunnen aufzustellen. Aufgrund der markanten und stelenartigen Gestalt behielt sich die SGG das Recht vor, den Brunnen nach zehn Jahren zurückzubauen. Von diesem Recht machte die SGG keinen Gebrauch, vielmehr wurden die beiden Granitstelen in das neue Erscheinungsbild integriert, das die umfassende Renovation von 2008/2012 geschaffen hat. Die Landschaftsarchitekten bezogen sich für das neue Mobiliar aus Tischen und Hockern auf den ursprünglichen Rodungscharakter des Ortes und liessen stilisierte Baumstrünke aus dem modernen Material des Betons giessen, um so Tradition und Zeitgemässes zu verbinden. Frei geschlagene Sichtachsen gewähren wieder – wie im 19. Jahrhundert – freie und weite Sicht in die umgebende Landschaft. Das Kreuzmuster des neuen Holzgeländers mit Kreuzmuster bezieht sich mit dieser Formensprache auf die bis in die Zwischenkriegszeit vorhandenen Geländer auf dem Rütli.
3.6.3 Picknickplatz ikonografisch/ikonologisch
Dieser Teil der Anlage veränderte seine Funktion während des Untersuchungszeitraums deutlich. Als südlichster und exponiert gelegenener Punkt war er zu Beginn als weiterer Ruheplatz gedacht auf dem Rundgang über das Rütli. 1884 gewann er einige Bedeutung als Ort des einzigen Denkmals auf dem ganzen Gelände, erhielt die Gestalt eines Platzes sowie eine entsprechende Bezeichnung. Nach Beseitigung des Krauer-Greith-Steins wurde der Denkmalort in einen Picknickplatz verwandelt, in einen freizeitbezogenen Ort. Inwiefern die Abtragung des Denkmals auf einen veränderten geschichtskulturellen Kontext verweist, wird in Kapitel 3.9.1 ausgeführt.
Insgesamt konzentriert sich die Gestaltungsabsicht dieses Ortes auf zwei wesentliche Elemente. Einerseits hat der Platz die ursprüngliche touristische Funktion wiedererlangt, indem das markante Denkmal abgetragen wurde und sich danach eine funktionale Bezeichnung des Ortes als Picknick-Platz etablieren konnte. Andererseits hat sich das Mobiliar dieses touristischen Ortes gut sichtbar – für das Rütli eine Ausnahme – der Zeit angepasst. Die erstaunlich moderne Möblierung nimmt keinen Bezug auf den Gründungsmythos, sondern knüpft an die natürlichen Ressourcen und Traditionen an.
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