Kitabı oxu: «Die vorderen Hände»

Şrift:


MARTIN ZELS

Die vorderen Hände

ROMAN


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1. Auflage 2021

© 2021 by Braumüller GmbH

Servitengasse 5, A-1090 Wien

www.braumueller.at

Lektorat: Johann Auer

Coverbild: shutterstock / © R-Tvist

ISBN 978-3-99200-295-5

eISBN 978-3-99200-296-2

Ich kann meine Träume nicht fristlos entlassen …

Ich schulde ihnen noch mein Leben.

F. Frey

Für Gretl. Das ist meine Mama.

Gesegnet seien ihre Hände!

Inhalt

Davor

Karla und der Klang der Nacht

Darius, seine Maschine und die Bobo Jager

Anton, roxane & freunde

Professor Kramers bester Student

Eine Idee Blau

Die Bobo Jager und der alte Kaiser

Karla, Anton und ein später Gast

Versuch zu dritt

Drei Träume

Rendezvous im Kaffeehaus

Nächtliches Ungemach

Nachts, die Träume, das Unsagbare

Programmänderung

Karla, Anton, Wien allein. Darius auf dem Weg.

Nasse Nacht, erster Bezirk

Anton träumt

Telefone. Ohne Ferdinand.

Die arme Sau

Zwei Vergeblichkeiten, ein Konzert

Parallelverschiebungen im roxane & freunde

Darius und Anton unter dem goldenen Spiegel

Sie hören: Karla Manhardt, Wien

Anton träumt nicht mehr. Anton brüllt. Alles andere läuft.

Cyrano auf sommerblauem Donauflimmern

Sturmtief Karla

Karla, Wien und das Wasser von Roxane

Pultleuchten

Donauflimmern

Der erste Tag und Karlas letzter Walzer

Danach

DANKE

Davor

Es war ja noch immer Sommer.

Noch immer Sommer in einer Zeit, in der kein Mensch mehr wusste, ob alles morgen noch so sein würde wie heute. Selbst in Wien, wo fast alles heute schon wieder so war wie gestern. Und das seit einer halben Ewigkeit.

Die Hitze war gerade noch hinnehmbar. Wenngleich man kein Meteorologe sein musste, um feststellen zu können, dass die Stadt in einem der kommenden Sommer endgültig unerträglich werden würde. Was sollten nur die Straßenmusiker dazu sagen? Oder die Würstlstand-Steher? Und was erst die Köche?

Es war ein Sommer, in dem es kaum zwei gleiche Meinungen gab, obwohl in der Öffentlichkeit nur noch eine galt. Noch war Widerspruch nicht verboten. Aber es kam schon vor, dass Journalisten plötzlich verschwanden oder Schreihälse tragisch verunglückten. Die Dichter ließ man noch in Ruhe.

In einer Stadt, in der die wenigen Reichen alle unglücklich waren, weil sie niemand mochte. Und die unendlich vielen anderen waren unglücklich, weil sie nicht zu den Reichen gehörten. Wer, um Himmels willen, sollte das alles noch verstehen? In einer Zeit, in der es keinerlei Bedeutung mehr hatte, ob irgendjemand etwas verstanden hatte. Was konnte ein Mensch ausrichten? Oder tausend?

Alle warteten. Einige sogar sehnsüchtig. Auf den, der als Erster die Hand heben würde. Auf die, die endlich vorangehen wollte. Und dann!

Darius schrieb auf seiner alten Schreibmaschine dazu:

wWien war wirklich schön,

doch schön amEnde

Ach, alles war ein hitziges Geschrei!

Und doch

Da wartete ein ganzes Heer,

so sehr, auf seinen Einsatz

Auf Jubeln, Trommeln, Pfeiferei

Und auf den zärtlich klaren Griff

der vorderen Hände …

Karla und der Klang der Nacht

„Kannst du mich nicht ein bissel öfter auch anschauen, wenn wir miteinander im Bett sind?“

Sie klappte seinen Arm unter ihren Kopf, legte sich rauchend neben ihn. Er sagte länger nichts, rauchte ihre Zigarette mit und vollführte dann einen seiner üblichen Rösselsprünge.

„Geh, Karla! Ich schau die Welt nicht an. Ich schmecke die Welt! Und du! Schmeckst wunderbar.“

Sie küsste seine Hand, legte sie beiseite, wie eine alte Zeitung, und schwang sich mit einem Satz aus dem Spiel. Und auf die Beine. Zuerst zog sie ihr Cordhemd an, das petrolfarbene. Dann beide Socken. Ging auf seine Seite des Bettes zu, und stand so, halbnackt, vor ihm. Sein Blick war lauernd ihrem Gang gefolgt.

„Anton, komm, küss mich auch!“

„Aber gern, Madame!“

Schwerfällig hob er seinen massigen Oberkörper, nur so weit wie nötig, fasste mit einer Hand den nackten, schmalen Hintern der jungen Frau und drückte sein Gesicht in ihren Schoß. So tief, wie er es eben vermochte, so fest, wie sie es gerade noch gernhatte. Ungelenk, wie er war. Und so müde auch.

Er schmatzte. Sie störte sich nicht daran, drehte sich aber bald kichernd aus seinem Griff. Er schnalzte mit der Zunge, tschlak, hustete, und ließ sich wieder fallen. Sie dachte an ein altes Schiff.

Ihr dunkler Pagenschnitt fiel ins Gesicht, als sie in die karierten Boxershorts stieg. Vielleicht ein wenig wie Jugendstil, hatte sie vor dem Schneiden zum Friseur gesagt.

„Sehen wir uns?“

Dann ihre weiten Jeans, die Knöpfe zu, er ließ sie nicht aus den Augen.

„Ich weiß nicht. Musst du sagen. Ist dir das nicht zu spät, immer erst nach meiner Küche?“

Nach meiner Küche. Vor meiner Küche. In meiner Küche. Durch meine Küche. Neben meiner Küche. Es ist aber nicht mehr seine Küche.

Dachte sie.

„Ist mir egal. Am Vormittag geh ich eh schon länger nimmer an die Hochschule.“

Sagte sie.

„Du kommst einfach wieder vorbei, wenn du Lust hast, oder?“

Sagte er. Und dachte nichts.

Sie ließ den halb wachen Mann liegen und die Tür halb offenstehen. Man musste sie ohnehin hinter ihr schließen. Sie klemmte. Karlas Schuhe waren nicht zu hören. Und das nächtliche Pfeifen im Treppenhaus, das war wohl jemand anderer.

Dam dam dam dam – Bumm bumm – Dam dam dam dam – Bumm bumm – Dam dam dam daaam daaam, tam tam! Bumm bumm …

Auf dem Weg nach Hause pulsierte in ihr nicht die beinahe vergangene, viel zu warme Nacht, schon gar nicht der längst wieder schnarchende Koch und sein schwerfälliges Fleisch. Nein, Anton, ich kann dir nicht sagen, was ich von dir will, ich kann ja nicht einmal sagen, was ich gerade brauche. In ihr pulsierte jetzt auch nicht ihre Hingezogenheit zu sehr verschiedenen Männern, Darius zum Beispiel, oder einer von den Sängern an der Hochschule, Paul, nein, ich glaube, er heißt gar nicht Paul. Ich will bloß nicht so allein sein, versteht ihr das? Doch, er heißt Paul.

Töne pulsierten in ihr. Wunderbare Töne.

Dam dam dam dam, da-da-da da-da-da, dam dam dam dam!

Und die so versöhnliche, gleichmäßige Ruhe der sonst taghellen, hochmütigen Wienerischkeit. Die alten Straßen und Gassen stimmten sie hinüber nach Moll. Langsam, und schwer, dieser Kontrapunkt. Hier, die ewig alte Traurigkeit dieser Stadt, verbannt in U-Bahnschächte, Tagträume und auf Stehbalkone. Und dort, der unstillbare Lebenshunger, der nachts aus jedem Haus sickerte und jeden halbtrunkenen Suchenden ansprang.

Darius. Du tust mir leid. Was für ein niederschmetterndes Gefühl für mich, dass du mir leidtust. Ich weiß nicht einmal, warum. Und noch viel niederschmetternder muss es doch für dich sein; ich hoffe, du bemerkst es gar nicht. Ich mag einfach nicht aufhören mit dir. Deine Monologe, diese rätselhaften Ausflüge. Dich dabei anschauen, ja, ich höre oft gar nicht hin. Auch deine Gedichte! Die feine Art, wie du sie liest. Egal, ob sie gut sind oder nicht. Sie sprudeln immer so lebhaft aus dir heraus, Darius, sie lassen uns alle leben. Das allein ist wunderbar!

Und doch. Und doch. Und doch.

Keiner dieser Bildersätze, keiner dieser munter fließenden Gedanken konnte Karla in eine so sprühende Lebendigkeit versetzen, wie die Musik das konnte. Auch die herrliche Unruhe und der unerklärliche Übermut, die nachts in den Gassen Wiens herumlungerten, vermochten nicht, was die Musik vermochte.

Heute waren es ausgerechnet ihre zwei Lieblingssätze aus Carl Orffs „Carmina Burana“.

Erst Moll. Der Anfang. O Fortuna!

Dann Dur. Uf dem anger!

Unermüdlich jubelte und polterte die altmodische, zutiefst bayerische Orchestergewalt in ihr dahin, O Fortuna! Daran angepasst, ihr rascher Gang. Rhythmisch tummelten die Beine sich zwischen den stampfenden Pauken, wie ein Hund, der ungeduldig auf sein Stöckchen wartet.

Sie liebte ihren Stock.

Sie liebte ihn viel mehr als ihre eigenen Hände, langsam erhoben sie sich schon, und mitten hinein in die Nacht wollten sie. Ihre Hände. Die bald vor ihr tanzten, elegisch erst, dann zunehmend forscher. Die ein ganzes Orchester herumkommandierten. Ihres. Das sofort reagierte, links und rechts, das in ihr drin gierig umsetzte, was die junge Dirigentin forderte, und sei es noch so kühn oder ungewöhnlich. Auch da hinten, das Blech: O Fortuna! Kleinste Bewegungen im Zeigefinger konnten in einem Handumdrehen ganze Klangwolken zersetzen oder neu entstehen lassen, ganz wie sie wollte, einfach nur, weil sie es wollte.

Wenn das nur in echt auch so ginge!

All diese Orchesterleichen an der Hochschule, dachte sie, obwohl sie noch so jung sind, schon tot. Und ihr entfuhr ein leises „Oida!“ Wenn nur diese eine Wendung hier je so funktionieren würde, wie ich sie jetzt höre!

Sie war längst stehengeblieben, hatte die Augen zu. Auch ihre Beine waren geschlossen, ihr Körper, in Spannung, ganz aufrecht, der Schwerpunkt leicht nach vorn, so wie es sein musste. Im Geist führte sie ihren weißen Stock in der linken Hand. Daumen und Zeigefinger hielten ihn, ruhig, aber doch mit etwas Druck.

O Fortuna! Velut Luna statu variabilis, semper crescis aut decrescis – Schicksal! Wie der Mond dort oben, so veränderlich bist Du, wächst Du immer oder schwindest …

Mit ihrem rechten Arm hielt sie den Raum. Lächelnd. Wie eine alte Hirtin. Vorne an der Straße bimmelte die erste Tram des Tages. Auf der anderen Seite der Gasse stand ein alter, rauchender Mann und schüttelte unaufhörlich den müden Kopf. Sein verträumt vor sich hin urinierender Rauhaardackel zwang ihn schon seit einer gefühlten Ewigkeit dazu, Karlas nächtliches Publikum zu verkörpern.

Oder zog ihn noch etwas anderes magisch an?

Er war sich auf einmal nicht mehr sicher.

Diese wild atmende, junge Frau, die da mit hoch erhobenem, witterndem Kopf unter einer Laterne auf dem Trottoir stand. Sie dirigierte doch etwas offensichtlich Großes – und es war dem müden Alten plötzlich nicht mehr klar, ob er einfach nur zuhören sollte oder bereits im nächsten Augenblick diensteifrig einsetzen? Fortissimo!

Schon atmete er rhythmisch mit, schon erhellte sich sein Blick, richtete sein gebeugter Körper sich auf, und –

Schließlich war es der Hund, der jäh den unmittelbar bevorstehenden Einsatz des Chores verhinderte. Nach seinem frühmorgendlichen Geschäft im Geist wieder auf die Gasse zurückgekehrt, stand da plötzlich diese böse fuchtelnde Frau. Und da hatte er sofort zu bellen. Selbstverständlich, jawoll!

Karla zuckte zusammen, öffnete die Augen und ging sofort weiter. Erwischt, stumm, plötzlich fröstelnd.

Der Alte sank in sich ein. Um ein Haar hätte er laut losgesungen.

„Entschuldigen vielmals.“

Er sagte es leise, mehr zu sich selber, warf den glimmenden Zigarettenstummel in die glitzernde Urinlache und zog ungnädig an der Leine. „Gemma!“

Der Hund kläffte kurz. Das Herrchen nickte.

Das Schloss klemmte. Jedes Mal wieder. Fast so wie das bei Anton. Erst mit diesem immer gleichen, kurzen Ruck zum Bauch hin ließ sich die Tür leise öffnen. Nichts in diesem kleinen Hinterhofpavillon war so gebaut, dass es genau das tat, was es sollte.

Könnte noch aus der Kaiserzeit stammen, der kleine Bau. Ein einziger, doch recht großer Raum, verwinkelt, in dem alles Platz hatte, was eine junge Wiener Dirigierstudentin brauchte.

Aber was war der früher einmal gewesen? Wirklich eine Art Depot für die Kutsche, mit kleinem Stall für zwei Pferde, wie sie immer dachte?

Karla warf den Rucksack auf die alte Chaiselongue. Weinrot, dunkles Holz, die Beine wackelten, der dicke Koch hätte schon nicht mehr drauf gedurft. Es war zu warm hier, wie immer im Sommer. Aber sie traute sich nie, die Fenster zu kippen, wenn sie aus dem Haus ging. Und wenn sie sie jetzt aufmachte und Licht anknipste? Dann wäre das wegen der Gelsen verheerend. Ihre Nerven, später, das leise Surren! Ausgeschlossen.

Ein letztes Glas Roten, Fenster auf, und Licht blieb aus.

Im Dunkeln saß sie vor ihrem Klavier, auf Opas alter, grüner Holzkiste, müde die Elfenbeintasten anstarrend, die im fahlen Halbdunkel immerzu auf sie warteten. Den ganzen Tag, jeden Tag. In der linken Hand das Glas, in der rechten die Zigarette. Es machte nichts, dass jetzt ein paar Tränen kamen, sie machte auch keinerlei Anstalten, sie von der Wange zu wischen. Es war eben Sommer. Und es war eben Nacht. Und wenn man da so sitzt, und wenn alles dabeisitzt, was man immer wieder und wieder mit sich klären muss, und zu bedenken hat, jeden Tag – genau, dann sind ein paar Tränen vollkommen in Ordnung.

„Komm, mach den Orff noch ein bissel an!“

Es kam aus dem Klavier.

Für Karla war es nichts Besonderes mehr, dass da jemand sprach, mit ihr, aus dem Klavier. Aber sie war dennoch jedes Mal zu Tode erschrocken. Natürlich war sie das. Nicht mit jedem Menschen sprach jemand aus einem Klavier! Einfach so.

Bald war sie aber mit dieser angenehm tiefen Stimme übereingekommen, dass man hier auch gut zu zweit leben konnte. Wenn man unter sich war. Also war ihr Mann im Klavier entsprechend diskret. Er meldete sich nicht, wenn jemand zu Besuch war, und er achtete auch sonst sehr darauf, dass Karla in der richtigen Stimmung für ein paar Worte war.

„Ja, vielleicht hast du recht. Ich geh lieber mit dir und dem Orff ins Bett.“

„Als mit?“

Seine Stimme ließ sie plötzlich hell lächeln.

„Vergiss es.“

„Gut. Ich habe es schon vergessen.“

Er hatte Manieren. Schon seine Sprache. Zu Karlas großem Bedauern war er aber selten bereit, etwas von sich preiszugeben, schon gar nicht, wenn es um persönliche Dinge ging.

„Du kannst einschalten, ich mache später aus, wenn du schläfst.“

„Das ist lieb von dir. Danke.“

„So gern, Karla.“

Sie drückte die Zigarette aus, fuhr mit dem Finger ein paar Mal über den Rand des halbvollen Glases, bis es etwas müde einen hohen Streicherton von sich gab, ließ es dann auf dem Klavier stehen. Und ging ohne Zähneputzen hinüber zum Bett.

Cis.

War heute nichts los

Nur ein kätzchen ging baden

Stand bis zu den Waden schon imSee

Und drehte um

Frag nicht warum

Hier weiß es auch keiner.

Darius, seine Maschine und die Bobo Jager

Es war erstaunlich. Darius fand das heutige Gedicht selber schön! Dabei war es an Seichtheit kaum zu überbieten.

Nichts, was er sich herzuzeigen getraut hätte.

Lag es an der Hitze, die allmählich geeignet war, Wien zur erweiterten ungarischen Tiefebene zu machen? Oder waren es die vielen tief- oder schwachsinnigen Nachtgespräche mit den „Bobo Jagern“, die in letzter Zeit fast ein wenig überhandnahmen?

„Darius, Süßer, wenn du zu lange in der Theorie verweilst, geht die Praxis leise scheißen.“

Irgendwann einmal hatten sie gefunden, zu fünft – sie waren sonst wohl insgesamt zehn, manchmal dreizehn, auch schon mal sechzehn, je nachdem –, es mag wohl um halb drei Uhr morgens vor dem Café Alt Wien gewesen sein, vielleicht aber auch an einem verregneten Samstagvormittag im Café Jelinek, da hatten sie also gefunden, „Bobo Jager“, das sei doch ein guter Name für sie! Eine herrlich doppeldeutige Umschreibung für echte Künstler sei das! Und auch für echte Möchtegernkünstler, kühne Dönerstandphilosophen, Hexen, täglich betrunkene Rationalisten, Endzeitspirituelle. Kurz: ein guter Name für Leute, die sich ständig wegen Sachen stritten, die normale Menschen in der Regel nicht interessierten. Und auch gar nicht verstanden.

Vielleicht doch einfach wegschmeißen, das heutige Gedicht?

Oder wenigstens in den Stapel ganz unten?

Darius betrachtete das eingespannte Papier mit einer Mischung aus übermütigem Trotz und sehr kindlicher, echter Freude. Und gleich darauf kam sie wieder hoch. Schon wieder. Er hasste sie. Er wollte nicht mehr damit leben müssen! Und war aber dann doch ein wenig zu ehrlich, immer schon, um sie einfach vor sich selber zu verstecken: seine Scham. Und die Angst auch. Seine übergroße Angst.

Die Bobo Jager.

Schätzten und überschätzten sich mit Hingabe. Jüngere bis mittelalte Zeitgenossen, meist männlich, die sich im Laufe ihrer zusammen durchwachten Jahre ganz langsam zu so etwas wie Scheinexistenzen entwickelt hatten, unbrauchbar für den großen Rest. Der freie Markt duldete sie ja noch, am Rand, als Kleinkonsumenten. Und doch: Dem alles beherrschenden, weltbürgerlichen Zeitgeist, diesem Kraken, der inzwischen auch Studenten, Geringverdiener und Existenzgründer mit sich riss, wollten sie sich einfach nicht überlassen. Besonders, wie sie waren.

Natürlich konnte es sein, dass es jemand von den anderen aus dem Stapel zog, das heutige Gedicht. So wie sie es oft taten, und dann lasen sie laut vor, viel zu laut, was sie in ihren Händen hielten, nachts, wenn sie mal wieder in seinem Zimmer gelandet waren. Was ihn manchmal ehrte, meistens aber heillos überforderte. Weil er nicht so weit war, einfach klar und deutlich „Nein“ zu sagen.

Mit lautem Ratschen zog er das Blatt aus der Maschine. Und legte es hinten im Regal ganz oben auf den Stapel.

Die Bobo Jager.

Man brauchte solche Leute in der heutigen Zeit nicht. Leute, die sich in Unterschieden wohl fühlten. Leute, die selten waren, störten nun. Mehr als sie wirken konnten.

Nur, wie wurde man die los?

Man konnte sie ja schlecht aus der Stadt jagen. Schon gar nicht aus einer Stadt wie Wien! Früher hatte es sogar zum guten Ton gehört, den einen oder anderen Künstler, die eine oder andere Zeitgeistabtrünnige persönlich zu kennen! Und sei es nur, um sich abgrenzen zu können, genüsslich, von denen. Wenn man vom Nachbartisch her auf ihre palavernden Runden schielte. Im Kaffeehaus. Beim Wirt. Im Foyer.

Seine Maschine.

Er schrieb schon seit Jahren die verschiedensten Formate. Gedichte. Kurzgeschichten. Kleine Erzählungen. Auch ein Theaterstück gab es inzwischen. Aber noch nicht: den Roman! Irgendwann würde er kommen. Irgendwann musste er ja kommen. Irgendwann – war es vorletzten Herbst gewesen? – war er mittags aufgewacht und hatte auf seinem Dachbodenabteil fieberhaft nach der alten Schreibmaschine gesucht. Die seine Mutter auf dem Flohmarkt gekauft hatte. Weil sie zu billig gewesen war. Seine Mutter hatte ein Auge für gute, alte Dinge, besonders wenn sie zu billig waren. Und diese Maschine hatte er ihr weggenommen. Manche Söhne dürfen so etwas. Er hatte sie mitgenommen. Für –

Wer wollte schon wissen, wofür?

Er hatte sie erst nicht halb so sehr geschätzt, wie seine Mutter gehofft hatte. Hatte sie deshalb gelangweilt oben auf seinem Dachboden verstaut, wieder zurück in Wien.

Aber an einem Mittwochmorgen wollte er plötzlich seine Gedichte nur noch mit einer Maschine schreiben. Mit genau dieser Maschine. Man konnte ein Gedicht nicht am Computer schreiben! Nie mehr, ab jetzt.

Er forderte, dass man sich künftig vorher überlege, was man zu sagen habe, er wollte, dass schon das fehlerhafte Schriftbild, die noch nicht fertige Form, den Lesern sofort zeige, dass das Momentaufnahmen waren! Nicht mühselig verdichtetes Material. Nicht schwächelnde, tausendmal neu formatierte Gewächse!

Er wollte jeden Tag eines schreiben.

Was ihm in guten Zeiten auch gelang.

Und schon nach kurzer Zeit sah man, dass seine Gedichte jetzt unmittelbarer wirkten, viel lebendiger sprachen als noch vor seiner Schreibmaschinenepoche. Als zeitgenössischer Dichter hatte Darius Pettrich daraufhin natürlich sofort das „neue mechanische Zeitalter“ ausgerufen, hatte sich unter den Bobo Jagern viele Nachahmer erhofft. Stattdessen aber jedes Mal Gelächter geerntet, wenn er davon erzählte. Weshalb er das Ausrufen wieder bleiben ließ.

Nur ab und zu, wenn sie alle wieder einmal in seinem Zimmer gelandet waren, entdeckte natürlich immer einer die alte Schreibmaschine. Im obersten Fach des schäbigen Regals. Und daneben den Stapel mit seinen Tagesgedichten.

„Geh bitte, wofür brauch ich um die Zeit noch eure vollkommen depperten Meldungen?“

Natürlich saß man heutzutage viel mehr draußen. Erst recht im Sommer. Die Weinkanister in den Parks, die mitgebrachten Flaschenbiere in den drahtseilgesicherten Schanigärten. Nach Sperrstunde. Bis irgendwo immer ein Fenster aufging.

„Könnts ihr jetzt einmal die Bappm halten, da drunten!“

„Bittä, bittä, Porca Madonna! Bambini nixe schlafe, immär, immär dumme spreche und singe, halte sie bittä, bittä die Goschn, subito! Stupide! Porca Madonna!“

Er zog das vorhergehende Gedicht aus dem Stapel. Es war schon drei Tage alt. Und er verstand noch immer kein Wort davon.

Wieder zurückgedacht,

sich wieder eingefunden

Alles bezahlt, viel ausgegeben, soweit

Zurück, er hat sich wieder eingefunden

Jetzt ist Unten, hier ist Tief,

dort ist Oben

Schon ganz zu sehen, alle Blicke,

alle Weite, jetzt

Unten bleibt eins, und bleibt jetzt,

dort ist oben

Wieder und wieder, weiter,

und weg, nach weiter

Kann da eine stille Weile,

kann alles sein, soweit

Dort bleibt aber Oben,

und alles will als ich

Nach weiter!

Ja, das war ganz … nun, wie war es denn? Sinnlos?

Gut möglich.

Und wenn schon! Das muss doch möglich sein! Dass man jeden Tag anders schreibt. Dass man jeden Tag anders ist. Und anders lebt, anders geht, anders denkt, alles! Anders.

Ja, bien sur, Jeanne d’Austria!

Du hast ganz große Augen.

Und really aufregend dein MUnd!

Am Abend suchst Du Deinen Teint

Verloren, gestern, what a morning…

Und ach,Du bist zuviel? Zwei Pfund?

Du findst Dich nicht im Spiegelchen?

Hör! Auf den Strassen

weht ein dusty wind

Allez, Enfants, kommt,

schenkt Uns eure Hände!

Anton, roxane & freunde

Antons Lust hielt sich heute sehr in Grenzen. Inzwischen tat sie das öfter.

Dafür war die Wut wieder einmal schwer hinter den Gattern zu halten. Seine übergroße Wut. Es war ein kleines Wunder, dass die Gäste nicht manchmal krank wurden von der Wut in seinem Essen. Dass sie nicht über Nacht zu Käfern wurden. Oder einfach lautlos vergingen! Einfach, weil er ihr Essen mit solchem Grimm im Bauch komponiert hatte.

Stattdessen ließen sie ihm frech weiter Grüße zukommen – wenn es denn welche waren, die ihn noch von vorher kannten. Als sein Laden noch „Roxane“ geheißen hatte. Oder sie erzählten Gitti munter, wie außerordentlich und bemerkenswert und überraschend und wohltuend doch die Küche hier sei!

Seine Küche.

Über dem großen Herd hing bis heute der gleiche, goldene Spiegel. In dem er sich bis heute anschauen musste: Anton, der meisterhafte Koch von damals! Und heute? Der Totalversager. Ein Feigling.

Schon bei der ersten größeren Krise hatte er das Handtuch geschmissen. Hatte sich von seinem eigenen Personal einschüchtern lassen. Hatte ihnen geglaubt, dass sie ihn weiter regieren lassen würden, in seiner Küche.

In seiner Küche!

Und dann hatte er ihnen alles übergeben. Nur, damit der verdammte Laden nicht zumachte. Und hatte sich von ihnen in seinem eigenen Lokal anstellen lassen, als Koch.

Dieselben Idioten, angeblich waren sie einmal seine Freunde gewesen, hatten ihn vor Urzeiten sogar gedrängt, auf Knien angefleht, dass er sich doch endlich selbstständig machen solle, dass er sein Leben, seine Karriere, seine Küche in die eigene Hand nehmen solle, endlich, es sei doch verdammt nochmal höchste Zeit, dass er, der Anton, es allen zeige!

Und dann hatte er es allen gezeigt.

Seine Freunde hatte er natürlich mit hereingenommen, so wie sie es sich gewünscht hatten: bei ihrem Freund, beim Anton, im Dienst, im Roxane! Als einfaches Personal. Buchhaltung. Kellnerin. Chef de Partie. Alle zusammen hatten sie bei ihm lernen wollen, wie man so ein Lokal führt. Wie man es regiert. Regieren, ja! Hatte er schon immer so gesagt, denn er war ein König. Er war der König der Köche in Wien.

Und heute, zwei Jahre später? Hatte er seinen Stern längst abgegeben. Und sein Lokal auch. Abgegeben an das eigene Personal, an seine früheren Freunde. An genau die Leute, die sehr gut aufgepasst hatten, die gut bei ihm gelernt hatten, wie man regiert, und die er wegen Betruges verklagen würde, wenn er nur die Mittel dazu hätte.

roxane & freunde.

Heute stand er in ihren Diensten. Und als Chef de Cuisine in ihrer Küche. Bert stand daneben, viel zu oft. Als Chef de Partie. Das war die offizielle Bezeichnung für einen leitenden Gesellen. Es brauchte ja weiter einen. Der in der Vorbereitung auf den Abend in der Küche mithalf. Wenngleich es auch ziemlich lächerlich war, sich selbst als einzelnem Kerl den Titel „Chef de Partie“ zu verleihen. Aber Bert liebte Titel. Und Anton nannte ihn einfach „Parteichef“.

Gitti servierte, hatte das sogar gelernt, einst. Angeblich. Edi, der Buchhalter, hielt weiter die Bücher. Statt den Mund. Und er, Anton, kochte nach ihren Vorgaben. Nur seine Rezepte, das freilich schon! Davon verstanden sie ja bis heute viel zu wenig. Das war gut so. Aber er musste ihre Karte kochen. Ihren mittelmäßigen. Kleingeistigen. Weg. Mitgehen.

roxane & freunde!

„Anton, ich will dir nicht zu nahe treten, aber die Ausgaben für die Ware müssen ein bissel runter.“

„Wie weit denn noch, ha?“

„Sag einmal, können wir nicht einen einzigen Großhändler nehmen, statt dass ich immer die ganzen Maxerln einzeln abfahre? Viel zu teuer, und meistens doch auch nicht besser, als wenn einer das en gros verkauft und in Einem liefert, meinst nicht auch?“

„Nein, meine ich nicht auch. Und, lieber, guter Bert, kannst du mir bitte aus dem Weg gehen? Siehst du das nicht, wenn du nichts arbeitest, stehst immer da, wo ich grade hinmuss!“

„Anton, du kommst mir nicht aus. Irgendwann musst du mit den Ausgaben runter! So oder so. Du kochst eine große Küche, aber wir leben beim Einkauf auf zu großem Fuß!“

„Das hier ist eine kleine Küche. Und du wirst immer dicker. Bert. Kein Platz hier, für noch einen wie mich, meinst nicht auch?“

Ihre miese Bezahlung musste er akzeptieren. Schließlich hatten sie ihm ja den Arsch gerettet, damals. Hatten sie selber gesagt. Genau so. Den Arsch. Immer wieder. Da half ihnen die falsche Freundlichkeit, die sie jeden Tag im Lokal herumtrugen, gar nichts. Er entlarvte ihre Süße.

roxane & freunde?

„Anton, Tisch 5. Der Kunde –“

„Der Gast.“

„Meinetwegen. Der Gast meint, dass die Sellerieschaumsuppe ein bissel zu heiß gewesen ist.“

„Muss man sie halt ein bissel weniger heiß servieren, meinst nicht, Gitti? Soll ich sie nach dem Eingießen vielleicht noch eine Zeit anblasen, oder was meinst?“

„Gib sie doch erst zum Servieren aus, wenn sie zwei Minuten gestanden hat!“

„Genau. Und dann meint dein Kunde vielleicht, dass sie ihm jetzt ein bissel zu kalt wäre? Nur weil du noch nicht fertiggeraucht hast? Geh bitte!“

„Ich habs dir jetzt gesagt. Und du wirst dich bitte danach richten.“

„Und wenn nicht? Willst mich entlassen? Sind wir schon so weit? Könnt ihr schon genug?“

„Geh, Anton, so war das nicht gemeint, das weißt du ganz genau.“

„So, Gitti? Weiß ich das?“

Er wusste ganz genau, was sie im Schilde führten. Aber er würde ihnen nicht auch noch dabei helfen. Er würde seine Kunst mit in sein Grab nehmen. Und es würde ein bayerisches Einzelgrab sein!

Fast täglich, seit zweieinhalb Jahren schon, landete Anton nun beim Kochen in diesem Grab, den großen Spiegel über dem Herd anstarrend, den er täglich putzte, als Letztes, wenn alles andere sauber war. In seinem goldenen Rahmen hing er dort. Schon seit damals. Als er begonnen hatte.

Er sah sich an. Dieses Bild.

Wie oft hatte er den Spiegel schon abnehmen wollen?

Und wie oft hatte er es auch getan! Heimlich.

Genauso heimlich hatte er ihn dann wieder hingehängt. Dahin, wo er gehangen hatte, als er hier der Maestro, der Chef von allen gewesen war, und niemand sonst. Genau da sollte er ruhig weiter hängen! Es mochte ja sein, dass es völlig lächerlich war. Aber er wollte, dass dieser Spiegel sein Zeuge war. Zeuge, dass Anton noch lebte, und dass er, der Meister, am Ende hocherhobenen Hauptes aus dieser Küche hinausgehen würde. Als Sieger! Das hatte er sich geschworen. Und er schwor es sich jeden Tag noch einmal. Er würde sie alle wieder aus dem Roxane hinausfegen! Und ganz neu beginnen. Eines Tages.

Er sah sich an. Da oben hing er also.

Und schon wollte er sich wieder abhängen. Als müsste dieses Spiel für immer und ewig genau so weitergehen.

Er atmete ein. Atmete aus. Und wusste, dass er jetzt nicht viel mehr tun konnte. Einfach weiter atmen, weiter kochen, weiter leben. Und dafür sorgen, dass er am Ende sein bayerisches Grab nicht verfehlte.

Das blinde Fell im sich wiegenden Korn

Für einen Moment lebt es wiederr

Kennt sein Wesen noch

Darüber ein Himmel in leisem Flirren

Er weiß von diesen Dingen nichts

Sieht alles immer neu

Und noch darüber klingt ein Lied an

Als keines Menschen Klang zu nehmen

Als wäre in der Höhe alles eins

Professor Kramers bester Student

„Herr Professor, ich habe da noch eine Frage zu diesem Taktwechsel hier, Abschnitt K, Takt 256.“

„Nur zu, Karla, fragen Sie, bitte, Sie können mich so lange fragen, bis ich den Löffel abgeb! Ist eh bald so weit.“

Sie schwieg ihn ausdruckslos an. Er fasste nach.

„Ich weiß doch gar nicht, was ich bald ohne Sie anfangen soll!“

Er zwinkerte ihr lächelnd zu, so halb schräg hinter seiner randlosen Brille und dem Flügel hervor. Sie stand gegenüber am Dirigierpult. Die Partitur war von vielen Händen abgegriffen, es roch bei jedem Umblättern erhaben, altes Papier. Sein Blick war gar nicht angekommen, auch wenn man nur unter dem steil aufgestellten Flügel hindurchschauen hätte müssen, um seinen müden Augen zu begegnen. Sie hatte aber gerade keine Lust auf Altherrencharme. Hatte sie ja meistens nicht. Sie wollte arbeiten. Öfter als er. Der gutmütige, ältere Herr überging dann aber den eigenen Schmäh genauso unspektakulär wie sie, und alles war gut. Er war da nicht so.

Umso dankbarer erhellte sich sein Blick, wenn Karla Manhardt ab und zu doch auf sein Angebot einging, ihn ein wenig hochnahm, sich bald naiv, bald autoritär unter, neben oder über ihn stellte und einer Plauderei freien Lauf ließ. Dies und das, und ach! Die Musik, und das Leben erst! Karla erlaubte sich das insgeheim nur, wenn sie nicht ausreichend vorbereitet zum Hauptfach erschienen war. Professor Bernhard Kramer, Dirigieren und Korrepetition.

Er durchschaute das, natürlich. Aber er war da eben nicht so. Sie war seine beste Studentin. Was er ihr in zwanglosen Gesprächen auch gerne sagte, wie zufällig. Auch, dass er stolz auf sie sei. Sie parierte dann, sofort. Immer.

Sie sei schließlich seine einzige Studentin. Unter acht jungen Männern aus aller Herren Länder.

Ach, sie wisse ganz genau, wie er es gemeint habe.

„Und gerade deshalb kann ich nicht verstehen, warum Sie mit Ihrer Begabung, Ihrem Ehrgeiz, Ihrer Ausdauer manchmal doch so schnell aus dem Gleichgewicht zu bringen sind!“

Es folgte, fast immer, der Kanon ihrer gereizten Erklärungen, und den begleitete er mit einem Lächeln.

Was es da zu lächeln gäbe?

Der Herr Professor könne sich eben nicht vorstellen, was es heißen würde, vor dem Orchester und neben den anderen Dirigenten zu bestehen, als Frau, und wie oft sie das Gefühl habe, sie stünde da vor einer großen Wand.

„Mit fetten, schwarzen Buchstaben drauf: DU NICHT!“

Der Herr Professor lächelte dann gerne noch ein wenig breiter.

„Ach, das bildest du dir ein, sagen sie, die Herren der Schöpfung. Jedes Mal, wenn ich es doch einmal anspreche, weil ich ihre geringschätzigen Blicke und das Gerede so heftig auf mir spüre, ständig! Die haben dann immer so eine Art, sowas nobel Brüderliches, vor allem die Russen, man möchte es ihnen echt glauben, echt, ich schäme mich immer, dass ich überhaupt was gesagt habe! Und dann merkst du es kurz danach schon wieder! Und noch stärker. Weil du ehrlich warst. Sie glauben es einfach nicht. Dass ich erfolgreich weitermachen werde, nach dem Studium. Auch als Frau. Vielleicht sogar noch eher als die? Ausgeschlossen! Und wissen Sie was? Ich glaube, dass das auch was mit Österreich zu tun hat. Und vor allem mit Wien. Erst ist sie eine Frau, und dann ist sie auch noch eine von hier! Was will ich als Wienerin denn in Wien erreichen? Oder in Österreich?“

„Aber Karla –“

„Herr Professor, ich weiß eh, was Sie sagen. Von wegen, die Asiaten, und die Russen, und die Deutschen genauso, dass die eher Respekt vor einer jungen Künstlerin haben, die obendrein auch noch in Wien aufgewachsen ist, in der –“

„In der Hauptstadt der Musik! Weltweit. Ja, das sage ich! Frei heraus, und gleich noch einmal! Weil Sie bitte nicht vergessen sollen, dass heut ein jeder junge Mensch, der auf ein Musikstudium zulebt, von nichts mehr träumt, als dass er in Wien studieren könnt!“

„Und trotzdem ist das für mich kein Vorteil, sondern im Alltag an der Hochschule eher der Geruch des Hängenbleibens! Die Karla, geh bitte! Die würd sich doch in einer anderen Stadt gar nicht bewerben, die würd halt dann was anderes machen, irgendwas, damit sie in Wien bleiben kann! Und weil wir einmal dabei sind: Wie oft ich mit Blicken ausgezogen werde, wie oft ich mich völlig nackt fühle, wenn ich da vor dem Hochschulorchester stehe, das bilde ich mir nicht ein. Und das können Sie als Mann sich gar nicht vorstellen!“

Der Herr Professor lächelte meistens noch kurz weiter. Und erklärte dann, abschließend, dass er fest davon überzeugt sei, dass sie ihren Weg schon machen werde. Schließlich hätten nicht wenige seiner Studenten einen erfolgreichen Weg eingeschlagen, auch international!

Dann ließ er sie etwas dirigieren, das ihr ohnehin besonders gut lag. Wobei er jeden Einsatz, den sie ihm gab, jeden Akzent, den sie forderte, mit strengster Genauigkeit und tiefer Hingabe ausführte. Beide vergaßen schnell, dass hier kein Orchester spielte, sondern ein älterer Herr, an einem mittelmäßig gestimmten Konzertflügel der Hochschule für Musik und darstellende Kunst, Wien.

Heute gab es so ein Gespräch nicht.

Sie wollte arbeiten. Hatte bald die Abschlussprüfung zu dirigieren. Viel zu bald. Und konnte es dennoch gar nicht erwarten. Proben mit dem Orchester. Die Pflicht. Und dann, am Ende, das große Konzert, im Wiener Konzerthaus, die Kür.

„Moment, bitte, Takt 256?“

„Ja, Herr Professor, Abschnitt –“

„K, ja. Hier, ich habs schon.“

Kurz ließ er das Notenbild in sich hinein.

Sie empfand Freude. Weil das alles dann vorbei sein würde. Vier Jahre Hauptstudium, zwei Jahre Meisterklasse. Genug der geringschätzigen Blicke, der ironischen Untertöne. Genug der Respektlosigkeit.

„Was kann denn an dieser Stelle für Sie schwierig sein, Karla? Das Mittel kommt doch in dem Satz laufend vor!“

„Ja, schon. Aber es ist hier das letzte Mal, und deshalb muss das mit einer anderen Energie kommen, das braucht einen eigenen, finalen Gestus, oder?“

„Ja, das mag sein. Da haben Sie vielleicht schon recht.“

„Wenn hier also die Celli mit ihrer Sololinie schon in den Achteln, also richtig mit Macht auf das neue Tempo zusteuern würden, richtig darauf drängen, auch deutlich schneller werden, und der Rest des Orchesters aber bis zum wirklichen Wechsel im Tempo stabil bleiben soll, müssten die Celli bis zum gemeinsamen Übergang nochmal etwas retardieren, oder? Das wär doch gescheit!“

„Eh klar. Wer davonläuft, muss am Ende auf die anderen warten.“

Er fand sich durchaus witzig. Ihr fehlte heute so ein Sinn.

„Und wie zeige ich den Celli das genau an? Das muss ja doch vollkommen homogen sein, damit es nicht wie Unsicherheit daherkommt, oder?“

„Also, das stimmt schon. Ja, ich weiß auch nicht. Das hat bisher keiner so gemacht. Ist aber eine gute Idee, ja, eigentlich könnte das da so sein!“

„Und wie schlage ich das?“

„Na, probieren!“

Karla richtete sich auf.

Der Einsatz, klar und autoritär. Sie ließ erst alles laufen, dann kam die Stelle in Sicht. Der Professor spielte, die Sololinie der Celli war immer klarer in seiner linken Hand zu hören, die rechte vertrat das Orchester. Karla ließ den Stock in der Linken ruhig pulsieren, stur zeichnete sie dem Orchester seinen Weg vor. Ihr rechter Arm hingegen kümmerte sich beschwörend um die Celli, die Hand forderte sie zum Alleingang, mehr und mehr – und bremste sie kurz vor dem schnell herankommenden Taktwechsel, und kurz auch vor dem gemeinsamen neuen Tempo, wieder herunter –

„Nein, so geht das nicht! Ich komm da ja völlig durcheinander! Das ist nicht klar geschlagen, Karla!“

Bernhard Kramer hatte jäh unterbrochen und schnaufte wie ein Gewichtheber.

„Es ist, ach, es fällt mir eh schon nicht leicht, Ihrem Stock zu folgen, wenn er in der linken Hand ist. Wieso wechseln Sie ihn denn auch noch, in letzter Zeit immer wieder? Oft sogar innerhalb eines Satzes!“

„Weil ich glaube, dass es einen großen Unterschied macht.“

„Das mag schon sein, aber glauben Sie nicht, dass Sie damit mehr Durcheinander anrichten als nötig? Was haben Sie denn davon?“

„Die Linke kann manches einfach klarer zeigen als die Rechte.“

„Ja, Ihre alte These. Aber hier verwirren Sie mich, und das mit beiden Händen! Also bitte, noch einmal.“

Der zweite Versuch misslang wieder, und auch der dritte.

Und weder konnte der Professor genau sagen, was an Karlas Dirigat nicht gut und klar genug gewesen wäre, noch, warum ihm die Stelle mit den Celli einfach so nicht gelingen wollte. Sie hingegen konnte nicht verstehen, warum er ihr diesmal einfach nicht folgte. Auch wurde sie zunehmend den Verdacht nicht los, dass er das pianistisch nicht bewältigte, es aber ihr in die Schuhe schob. Merkte er das vielleicht gar nicht?

Als es auch beim vierten Mal nicht ging, knallte Professor Bernhard Kramer den Deckel des Flügels so laut zu, dass Karla erstarrte. Er war puterrot angelaufen. Scham. Seine Augen aber waren angstgeweitet. Der Körper trieb ihn jäh vom Klavierhocker hoch.

„Nein, zum Teufel nochmal!“

Karla ließ endlich die Arme sinken, die sie ein paar Augenblicke lang aussehen hatten lassen wie eine Vogelscheuche. Langsam drehte sie sich weg. Gleichzeitig senkte ihr Professor den Kopf, und im selben Gestus setzte er sich wieder. Als ob er diese gemeinsame Choreographie unbedingt zu erfüllen hatte.

Stille besetzte den Raum. Nahm zwei hilflose Menschen in sich gefangen. Die jetzt auf unterschiedliche Weise, aber im gleichen Tempo, atmeten. Es sah aus, als ob sie beide einer sehr komplexen Musik folgten. Nur tief in ihrem Inneren zu hören.

Karla blieb ihm abgewandt, hob aber schon die Arme wieder, schloss die Augen, senkte leicht den Kopf. Die zitternden Hände ihres Lehrers lagen auf dem geschlossenen Deckel des Flügels. Zwei gestrandete Wale.

Sie wartete, wusste selbst nicht mehr wie lange. Bis eine fast sichtbare Konzentration aus der bleiernen Stille wuchs. Dann atmete sie ein, ließ den weißen Stock kurz und klar durch den Raum wandern, zusammen mit der anderen Hand stieg er hoch, genauso, wie es sein musste. Unweigerlich atmete auch der Mann hinter dem Flügel ein, hob den Kopf, und begann mit brüchiger Stimme die Solostelle der Celli zu singen, als der Stock mit sanfter Bestimmtheit zum Beginn des ersten Taktes hinabtauchte. Dort nahm er diese Töne an sich und überreichte sie der anderen, der freien Hand. Die packte sie und trieb sie beharrlich fordernd der vorher misslungenen Stelle entgegen. Der singende Bernhard Kramer stand auf, ging mit, und völlig mühelos schien er nun zu begreifen, was seine Studentin mit ihm vorhatte. Er überließ sich krächzend dem Höhepunkt ihrer Gesten, wurde dort gebremst, in einer Steilkurve hinübergeleitet in den Taktwechsel, in das neue Tempo, und wieder zurück in die alte Einheit, zurück zum Dirigierstock. In die linke Hand der jungen Frau. Endlich wieder zusammen mit dem Orchester, das sie nun beide hörten, klar und kraftvoll. In einer Schönheit, die sie noch eine kleine Weile still verharren ließ, nachdem Karla abgewunken hatte.

Der ältere Herr hinter dem Flügel setzte sich. Karla klappte leise die Partitur zu, nahm ihren Bleistift, den Rucksack auch, und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.

Bernhard Kramer blieb allein zurück. Still saß er da und stand doch noch immer in der anderen Welt! Lächelnd. Er war da so.

Am Abend war ihr nach Ruhe.

Sie ging zu Hause ein paar Stellen der Prüfungspartituren durch. Igor Strawinsky, Le sacre du printemps. Großes Orchester. Arvo Pärt, Lamentate. Chor und Orchester.

Und nur weil ich mich ab und zu aus der Ruhe bringen lasse, von Leuten, die eh genau nur das vorhaben, und nichts anderes, deswegen bin ich noch lange nicht schnell aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Seine Worte hatten sie im Griff. Kaum gelang ihr echte Konzentration. Wenn sie ehrlich war, starrte sie nur in die Noten, um in keine Leere zu schauen, und in der Leere in einen Abgrund.

Der Platz am Klavier. Ein wenig war das wie ihr Platz am Kamin. Die vergilbten und abgegriffenen Tasten beruhigten sie, führten sie in einen leeren Raum, aus dem heraus sie sich selber zuschauen konnte. Beim Ausder-Ruhe-sein. Beinahe war das die viel schönere Ruhe. Nicht selten waren sie in solchen Stimmungen schon auf grundlegende Wahrheiten gestoßen, sie und sie.

Ja, ich bin eine Frau. Ich bin hübsch, sagt man, und ich finde das auch, meistens. Und ich hasse es, wenn ich sogar in mir drin zuerst auf Äußerliches stoße. Es ist doch scheißegal, wie ich aussehe. Nein, ist es nicht. Aber das hat nichts zu tun mit meiner Qualität als Musikerin. Ganz ehrlich, den meisten Dirigenten hat es eher genützt, wenn sie gut ausgesehen haben. Und bei den Frauen ist es natürlich wieder ein Nachteil. Ich will diese blöden Geschlechterdinger nicht haben in der Kunst! Im Orchester haben sie es wenigstens halbwegs geschafft, gleichberechtigt nebeneinander zu spielen, Frauen und Männer; na ja, was man gleichberechtigt nennt. Sie lassen sich halt in Ruhe. Ist ja schon was. Aber vorne am Pult, eine Katastrophe! Ach, eine Frau dirigiert mir einfach nicht leidenschaftlich genug, der packende Zugriff fehlt doch da immer, bäbäbäh. Speiben könnt ich. Und dass ich trotzdem ein Kind haben will, oder zwei, irgendwann, was soll denn daran schlimm sein? Was kann ich denn danach nicht mehr machen? Keine Tourneen, so ein Witz! Brauchst halt einen g’scheiten Mann dazu. Hast halt nicht. Leck mich.

Sie las und blätterte in Igor Strawinsky herum, amüsierte sich über frühere technische Eintragungen, war stolz über ihre heutige Souveränität in diesem Werk, und verwarf sich wieder, weg will ich, in irgendein Eck. Und raus. Aus.

„Ich glaube, du wirst das wunderbar machen.“

„Ach, du.“

Die Stimme kam leise hervor, aus ihrer stillen Herberge, und flog aus, in den dunklen Raum. Hinten am Bett standen zwei Kerzen, und das schwache Pultlicht über den Noten tauchte Karla in einen schummrigen Kreis aus mühsamem Interesse. Der Rest: In Dunkelheit getauchte Wirklichkeit. Auch im Sommer war hier immer ein Ton Herbst. Ihr kleiner Pavillon im Hinterhof, diese steingewordene Mischung aus Exil und Stallwärme, ein Refugium für allerlei Wiener Absonderlichkeiten. Darin geborgen: Eine weibliche Dirigentin in Selbstzweifeln, und eine Stimme, die irgendwann, irgendwie, einem Körper entlaufen sein musste. Dem Klang nach ein schöner, stellte Karla sich öfter vor.

„Kannst du inzwischen Gedanken lesen oder meinst du die Noten hier?“

„Deine Gedanken sind, wie immer, gar nicht zu übersehen, du Schöne. In allen Winkeln haben sie sich zueinander gestellt wie Schatten.“

„Das klingt bedrohlich.“ Sie gähnte.

„Das sollte es nicht. Ich liebe den Schatten.“

„Ich liebe ihn auch.“

„Ich weiß, Karla.“

„Glaubst du, ich kann mit so vielen wirren Träumen im Kopf auch nur den Hauch einer Seligkeit im Leben finden?“

„Das glaube ich!“

Der Mann im Klavier klang oft, als ob er lächelte. Jetzt klang er ernster, auch tiefer als sonst.

„Ohne diese Träume wüssten die vielen Schatten doch gar nicht, dass sie hier zu Hause sind, Karla. Bei dir.“

„Weißt du. Der Mann, von dem ich träume, der hat vielleicht auch so eine Stimme wie du.“

„Ach. Und wie wäre er noch? Sein Gesicht, wie ist es?“

„Das weiß ich nicht. Ich kann ihn nicht sehen. Ich höre ihn eher. Und gar nicht so sehr seine Stimme. Sondern seine Musik.“

„Er ist Musiker? Wie du?“

„Nein, anders als ich. Er schreibt, er erfindet Musik. Ich dirigiere sie doch nur.“

„Was für Musik? Ich interessiere mich sehr für Musik.“

Karla lachte hell auf, ein kleiner Blitz im Dunkeln.

„Das glaub ich, dass du das tust! Du wohnst in einem Klavier, mein Lieber, in meinem Klavier!“

„Stand es nicht schon vor dir hier?“

„Ja, aber jetzt ist es meins?“

„Das ist wohl richtig.“

„…“

„Und du kannst die Musik hören, die Musik, die dieser Mann schreibt, dieser Mann, von dem du träumst, und den du vielleicht lieben wirst?“

Das Tempo seiner Worte war von einem solchen Ebenmaß, dass …

„Und wie ich den lieben werde! Er soll nur halt endlich kommen!“

Wieder ihr Lachen, ein leiseres jetzt. Kein Blitz, nur ein Glimmen. Und seine Stimme, jetzt fast greifbar, schwieg dazu.

„Ja, ich höre seine Musik. Schon seit ich ein Kind war, höre ich die! Immer wieder begegnet sie mir. Manchmal aus heiterem Himmel, manchmal nicht. Weißt, ich glaube, diese Musik ist sogar der Grund, warum ich das alles hier überhaupt angefangen hab.“

„Ist sie schön, diese Musik?“

„Sie ist vollendet. Sie ist alles! Sie ist so überirdisch und vollkommen wie nichts anderes. Aber es ist mir unmöglich, sie auch nur im Ansatz aufzuschreiben, sie irgendwie festzuhalten. Wie oft hab ich das versucht! Weißt du, ich bin so sicher, dass diese Musik von einem Mann kommt. Von genau diesem Mann! Und dass genau dieser Mann zu mir gehört, oder sogar ein Teil ist von mir. Von uns.“

„Das ist jetzt so schön gesagt worden. Danke dafür, Karla, so viele Male!“

„Geh, hör auf, es ist halt das, was es ist.“

„Ich glaube, du wirst das wunderbar machen.“

„Das hast du vorhin schon gesagt.“

„Das weiß ich.“

„Was meinst du denn genau damit?“

„…“

„Magst du mir nicht endlich einmal sagen, wie du heißt?“

„…“

„Gut, dann nenn ich dich halt ab jetzt Ferdinand. Ganz wienerisch. Wer weiß, ob du überhaupt von hier kommst? Hm, Ferdl?“

„…“

Bei meiner alten Hausverwalterin

ging das noch.

Jetzt nicht mehr, bei der neuen.

Kaum, dass sie mir das erste Mal

eiNEN BRief geschrieben hatte

Wusste ich, dass ich sie nicht mit

Liebe würde vertrösten können .

Eine Idee Blau

Die Beiried von der Kalbin lag schon auf dem Teller. Die reduzierte Madeira-Jus kochte kurz noch einmal im Kupfertopf auf, bevor sie erst als feine, sämige Spur am Rand des Tellers entlangwanderte, geschickt einmal um die drei Variationen vom Kohlrabi herumtanzte – roh, glasiert und als beinahe schaumiges Püree – und sich dann sachte an das Fleisch legte. Die dunklen Schalotten, in Rotwein, Lorbeer und Butter reduziert, bekamen als zwei gelöffelte Nocken ihr kleines Solo gegenüber. Eine Spur grünes Öl zwischen Püree und Schalotten. Die Pinzette nahm huschend die Zucchiniblüten auf, gruppierte sie auf den höchsten Punkten des Gerichts, Püree, Kalbin, dann steckte sie die Brunnenkresse an den Rand der Nocken. Schnell noch zwei eingelegte, dünne Radieschenscheiben an das Fleisch gelehnt, und schon zog sie sich tanzend wieder zurück in Antons Brusttasche. Seine Zunge schnalzte. Tschlak. Er konnte das einfach nicht abstellen! Karla hatte ihn erst neulich wieder ausgelacht. Wunderlicher alter, dicker Anton.

Gitti wartete schon.

Und nicht nur das. Warten hätte sie ja dürfen.

Aber dieser fixierte Blick auf jeden seiner Handgriffe! Studierte, registrierte, merkte sich, kalkulierte, verglich.

Anton sah hinauf zum Spiegel. Der Goldrahmen, seine heute fast noch ganz weiße Kochhaube darin, die lange Nase, die Backen. Unrasiert war er, gestern auch schon. Glänzende Stirn, die vollen, aufgeworfenen Lippen … früher hatte das alles sinnlicher ausgesehen.

„Eh wie sonst auch, Anton.“

Gitti lachte und streckte die Hände aus. Er atmete durch.

Über ihrem rechten Arm hing das Serviertuch, bei anderen, bei normalen Servierkellnern, hängt es links, logisch, aber bitte, die Gitti halt. Diese fordernden Arme. Er hätte einfach draufschlagen sollen. Aber er reichte Gitti stumm den Teller, den Kopf gesenkt, den Blick auf die nächsten Zettel werfend, vor sich an der Klemmleiste. Gittis Rücken stolzierte mit der Beiriedschnitte auf den letzten Tisch hinten rechts zu, Nummer 1.

Noch vier? Es ist doch schon viel zu spät! Haben sie wieder zwei Augen zugedrückt. Meine nämlich. Dieser Traum. Ich träum doch sonst nie. Ein Centurio? Ich versteh gar nichts mehr. Die Flusskrebse? Mensch, ich hab doch vorhin ausdrücklich dazugesagt, dass das die letzten waren!

Er schlug auf die Klingel und überflog die anderen drei Zettel.

Rehravioli mit einer Idee Blau? Karla ist da! Dann wird der grausliche Tag vielleicht noch eine schöne Nacht. Was war das, gestern? Ich mag nie wieder was träumen.

„Anton?“ Gitti war ungewöhnlich schnell zur Stelle. Wenigstens.

„Hab doch vorhin schon gesagt, die Flusskrebse sind aus!“

„Das ist nicht bei mir angekommen.“ Gitti bemühte sich um diskrete, leise Töne. Anton nicht.

„Kann ich auch nichts machen. Ich habs gesagt.“

„Ja, vielleicht zu dir selber. Aber nicht mir!“ Gitti wurde noch ein bisschen leiser. Anton nicht.

„Die Flusskrebse sind aus. Gehört?“

„Weißt du eh, dass du manchmal ein ziemliches Arschloch bist?“ Zisch.

„Merk dir einfach, was ich sag.“

Gitti öffnete schon wieder den Mund, aber Anton beugte seinen massigen Oberkörper derart unmissverständlich nach vorne, dass die Worte kehrtmachten. Stattdessen. Anbieten.

„Was kann ich dem Gast stattdessen anbieten?“

„Stell ihm einen Schnaps hin.“

„Und?“

„Ja, nix und! Die Karte gilt. Und es ist Küchenschluss, zum Kuckuck, und ich kann mich nicht zweiteilen!“

„Anton, du weißt genau, dass ich ihm dafür was anderes …“

„Die Flusskrebse sind aus!“ Anton hatte es jetzt so laut gesagt, dass es der freundliche, alleinsitzende Herr an Tisch 4 gehört haben musste.

„Sag ihm, ich hab sie selber aufgegessen, absichtlich! Ich bin schuld!“

„Wir müssen wirklich bald reden, Anton.“

Der lächelte nur kurz und künstlich, ließ Gitti stehen und betrachtete wieder die Zettel. Wenn Karla da war, musste immer etwas anderes her als die von ihr bestellten Rehravioli. Mit einer Idee Blau. Er schüttelte, nein, er zauberte dann schnell etwas aus dem Ärmel. Und es war jedes Mal ein kleines Meisterwerk. Viel teurer, viel ausgefuchster als das bestellte Gericht. Natürlich. Das war eine seiner zahlreichen, kleinen Unarten. Der Rösselsprung. Für die Kollegen. Für ihn selbst war es eine Königsgeste.

Das ist Werbung. Sagte Anton gern.

Die anderen hassten ihn sicher dafür. Weil: Das ist nicht Werbung! Geschäftsschädigung ist das! Und der jungen Dame sicher auch sehr unangenehm, so wie der dicke Koch sich da aufdrängt?

Nein.

Karla hätte jederzeit etwas anderes bestellen können, sich so setzen, dass Anton sie von der Küche her gar nicht sah, schon würde sie das bekommen, was sie sich ausgesucht hatte. Und den üblichen Preis dafür bezahlen. Sie dachte aber gar nicht dran. Und gar nichts war ihr daran unangenehm.

Dass sie immer die Rehravioli mit einer Idee Blau bestellte, war ihrer beider gemeinsames Ding. Sie liebte Überraschungen. Wenn sie nicht gerade die eigene Kunst betrafen. Karla hatte ein gespaltenes Verhältnis zu Überraschungen in der Kunst. Nur wenige wussten sie wirklich zu meistern, zu gestalten. Aber für Karla war Anton so einer. Ein Künstler, ein großer sogar! Rehravioli mit einer Idee Blau hieß also: mach mir irgendetwas, verzaubere mich oder enttäusche mich, wie du willst. Aber bitte keine Rehravioli, ich hasse sie.

Wenn Anton darüber nachdachte, war es wohl dieses Gespräch gewesen, das ihn endgültig für Karla eingenommen hatte. Sie hatte sein Können erkannt. Und war auch völlig im Bilde gewesen, welchen Ruf er sich schon im Roxane erkocht hatte. Ohnehin schien sie offensichtlich wild entschlossen, nie mehr in ihrem Leben schlecht zu essen. Nicht, wenn sie es irgendwie verhindern konnte. Wofür sie gerne ihren Preis bezahlte.

Er ging in die Kühlkammer, besah sich die Regale, und fing in sich wild zu jonglieren an.

Wozu den Geist aus der Flasche bemühen?

Es blieben doch genügend Irre

auf der Strasse liegen…

Und auch der alte Teufel aus

der Kiste, geschenkt!

Nein, niemand hält das Leben auf,

schon gar nicht Du.

Dafür hast Du einen Glauben

um Dich herum gestellt…

Wer wollte Dir den reinen

Wein je wiederr nehmen?

Am Abend halten unsere Beine

ihre Füße in den Wind

Wie eine Fahne, die ganz weiß

nach Schonung schielt

Und unsere Hände winken,wedeln,

wie zwei Halunken

Die Bobo Jager und der alte Kaiser

„Schau, Darius, Bruder. Ich will auch niemanden umbringen, niemand hier will irgendwen umbringen! Wie soll das gehen? Wir sind acht Millionen in Österreich –“

„Ich hab gehört, fast neun?“

„Wurscht. Jeder kennt hier jeden. Da ist die Hemmung viel zu groß. Aber man wird doch noch davon träumen dürfen, dass man einmal zu anderen Mitteln greift als immer nur zu dieser depperten Provokation!“

Fünf Gestalten, diesmal alle männlich. Im Wiener Burggarten, gleich hinter der neuen Hofburg, zu Füßen des gütigen, alten Kaisers Franz Joseph. Es war bereits dunkel. Seit dem späten Nachmittag tagten sie, und waren strengen Willens, weiter zu tagen und zu nachten. Bis zum frühen Morgen, bis zum immergleichen, trotzigen Ende des allerletzten Abers.

Man saß lose im Gras. Nur einer lag, und atmete gerade die Reste eines tiefen Marihuanazuges aus. Zwei waren einander näher, auch im echten Leben. Im fahlen Zwielicht des kleinen städtischen Parks fand jedes Wort sein Widerwort, und wäre der Kaiser als einziger Zeuge nicht schon in Bronze gegossen gewesen, er hätte inmitten dieser viel zu warmen Spätsommernacht das Zeitliche gesegnet. Aus reiner Verzweiflung. Über seine Kinder, sein Volk. Diese Menschen.

„Es kommt doch schlicht und ergreifend nur darauf an, was man erreichen will, nicht? Wir jedenfalls scheitern schon daran, dass wir das zwar gar nicht genau wissen, aber immerhin seit ungefähr hundertfünfzig Jahren darüber diskutieren!“

„Geh, Darius, so würd ich das jetzt nicht sagen.“

„Genau. Echt nicht.“

„Na gut, seit hundertvierzig. Hey, wir wollten doch als Bobo Jager erreichen, dass viele von diesen Irrgängern sich endlich wieder auf sich besinnen, sich mit uns zusammentun, und dass wir gemeinsam eine neue Gesellschaft entwickeln. Mit einem ganz anderen Bewusstsein als Grundlage.“

Da war zwei Minuten nicht viel darauf zu sagen.

„Das Problem sind die anderen. Der Rest.“

Sagte der eine der beiden, die sich näher waren.

„Ja, der Rest.“

Sagte der andere.

„Und der Rest, die normalen Alltagszombies, die werden nicht lange herumfackeln. Die werden doch mit Gewalt verhindern wollen, dass man ihnen ihre selige Einfalt infrage stellt oder sogar wegnimmt!“

Darius sprang auf und drehte sich wild gestikulierend um sich selbst.

„Aber genau da sind wir doch bei mindestens drei Fragen: Wollen wir die Bobos nur provozieren oder wollen wir sie ernsthaft auf etwas aufmerksam machen, nämlich darauf, dass eine andere Welt hermuss? Und dass sie die mit uns gemeinsam zusammenbauen müssen, weil wir die Ideen haben, und sie das Geld?“

„Und den Einfluss.“

„Und den Einfluss. Meinetwegen. Stimmt eh.“

„Und die Strukturen.“

„Ja, die Strukturen auch! Gegrüßet seist du, Maria! Und die nächste Frage ist: Was heißt denn eine ‚neue Welt‘ überhaupt? Heißt das, dass wir bloß eine neue österreichische Welt wollen, oder gar nur eine neue Wiener Welt? Oder muss es um die ganze Welt gehen? Das finde ich nämlich schon, sogar ganz gewaltig! Aber dass es eben hier in Österreich losgehen muss mit dem neuen Geist?“

„Das waren sechs Fragen.“

„Ich hab zwei gezählt. Vielleicht kommst du langsam auf die dritte, Darius.“

„Ihr regts mich dermaßen auf, dass ich auf der Stelle sterben möcht! Ich hab gemeint, dass noch nicht einmal ganz klar ist, wen wir meinen, was wir von denen wollen, und wie wir das erreichen wollen! Und dann ist ja auch noch einmal die Frage, was mit einem ‚neuen Geist‘ überhaupt gemeint ist!“

„Aber das haben wir doch auch schon geklärt. Letzte Woche irgendwann! Oder täusch ich mich?“

Fragte der eine der beiden, die sich näher waren.

„Ja, du hast einen Monolog gehalten, dem am Schluss keiner mehr widersprochen hat. Aus Erschöpfung. Das nennst du natürlich wieder ‚geklärt‘!“

Sagte der andere.

„Leut’, es geht wirklich darum, und zuerst einmal nur darum, was wir wollen!“

„Darüber reden wir doch schon seit Tagen, fast ununterbrochen!“

„Jetzt übertreib nicht dauernd.“

„Noch einmal.“ Darius kam langsam, aber sicher an seine Grenzen.

„Es war vorhin immerhin schon die Rede von Gewalt. Und nur darum geht es: Darf das, was wir wollen, irgendwann sogar mit Gewalt umgesetzt werden? Ja, weil es keine andere Wahl gibt, vielleicht? Und muss es genau deshalb sogar mit Gewalt umgesetzt werden?“

„Also durchgesetzt.“

„Was?“

„Deine Wortwahl legt ja schon nahe, dass hier nicht etwas umgesetzt werden soll, sondern durchgesetzt.“

„Ist doch vollkommen egal! Also dann von mir aus: durchgesetzt! Wo war ich jetzt?“

„Beim Durchsetzen.“

„Geh, kannst du jetzt bitte einfach einmal die Bappm halten und ein bissel Schmusen gehen?“

„Siehst, wie du schon drauf bist! Das wird eine feine neue Welt, na servus!“

„Oder?“

„Was, oder?“

„Du hast gesagt: Muss es mit Gewalt umgesetzt werden. Als Frage. Und dann kommt doch noch das Oder. Oder nicht?“

„Ja, oder eben nicht! Also keine Gewalt. Weil das, was wir umsetzen wollen, auf keinen Fall auf einer Gewalt, also auf Durchsetzung, beruhen kann. Das kann ja auch sein. Und das hängt auch stark davon ab, was einer überhaupt will. Oder was alle zusammen wollen! Falls das überhaupt je geklärt werden kann.“

„Darum geht es ja. Es ist doch schon in sich unmöglich, dass alle zusammen etwas wollen, zumindest das Gleiche. Das geht nicht. So ist der Mensch nicht. Und die nächste Frage ist ja auch: Ist das gut oder schlecht?“

„Ich kenn mich nimmer aus, Oida. Ich geh wirklich bald schmusen.“

„Und was ist Gewalt überhaupt? Die fängt ja bekanntlich schon sehr früh an.“

Darius drehte sich wirklich im Kreis.

Alle drehten sich im Kreis.

Nicht nur jedes ihrer Gespräche. Und sie merkten es, wussten aber nicht, was sie dagegen machen sollten. Wenn er allein war, schien die Sache überhaupt kein Problem zu sein. Es war doch völlig klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Mit allem. Und es war auch völlig klar, dass sich deshalb alles ändern musste. Jetzt ging es nur noch um die Frage, was genau sich ändern musste. Und wer es ändern musste. Und wie es sich ändern ließ.

Darius selbst hatte da ganz klare Vorstellungen: Es musste über Bewusstwerdung gehen! Denn daran war doch alles Bisherige gescheitert. Es war nicht diese besondere Bewusstheit da, mit der jede große Veränderung einherging.

Ein neues Bewusstsein musste also her, und zwar schnell! Jetzt war er aber auch nicht blöd. Er wusste doch ganz genau, dass so ein Bewusstsein nicht einfach von einem Tag auf den anderen entstand. Sondern nur durch beharrliches Arbeiten. Und das am besten nicht allein, sondern zusammen mit Gleichgesinnten! Er war sich nur nicht ganz sicher, ob diese Bobo Jager dafür die richtigen Gleichgesinnten waren.

Waren die denn an wirklicher Veränderung interessiert?

Diese immergleiche, träge, halbherzige Nachsicht mit sich! Und die kaltherzige Ungnädigkeit mit allen anderen. Dazwischen, nach außen geheuchelt, ein unerträglich beliebiges Verstehen von allem und jedem, das immer nur auf kindischen Gefühlen und Bedürfnissen beruhte, gnadenlos und auf allen Ebenen: Wenn ich dich verstehe, musst du aber mich auch verstehen! Und nicht einmal als offenes Geständnis. Sondern als bange, feige Erwartung an die Welt.

Dieser Zeitgeist ließ nicht viel Spielraum, da war sich Darius ganz sicher. Und das spürten vielleicht auch diese Bobo Jager. So wie es jeder andere Mensch da draußen spüren musste, wenn er nicht zu jung, zu alt oder vollkommen blöde war. Das Problem war allerdings, dass die meisten zu jung, zu alt oder vollkommen blöde waren.

Natürlich konnte man sagen, es sei viel zu schwer für den Künstler, in der Gesellschaft so einen Prozess anzustoßen. Erst recht in Wien. Auch wenn Dieter immer wieder meinte, gerade in Wien sei so etwas doch viel leichter zu machen!

Wien war in jedem Fall eine Stadt der Kunst. Aber genau darin lag doch auch das Problem. Was war Kunst? Wozu diente sie? Und welche Kunst hätte Wien oder die Welt denn je verändert? Wo konnte Kunst denn überhaupt etwas ändern? Meistens war sie doch nur Ausdruck oder Ergebnis einer Veränderung! Also irgendwie doch nur hintendran?

Natürlich konnte man sagen, genau die Tatsache, dass Hitler kein besserer oder glücklicherer Postkartenmaler gewesen war, hatte leider dazu geführt, dass er sich eben etwas anderes ausgedacht hatte. Leider nicht zum Wohl der Welt.

Aber hätte eine bessere Kunst den Schrecken verhindern können?

Theresa hatte dazu meistens nur müde gemeint, dass dann eben ein anderer gekommen wäre. Und vielleicht hatte sie recht.

Trotzdem. Darius wusste, dass er gerade in Wien nicht am falschesten Platz war, wenn er als Künstler zusammen mit anderen Künstlern dafür sorgen wollte, dass von der Kunst eben nicht Faschismus, Völkermord und ein Weltkrieg ausgehen würden, sondern eine neue, friedliche und goldene Zeit! So gesehen fühlte er sich regelrecht verpflichtet, an der Welt wieder etwas gutzumachen. Gerade mit erfolglosen Künstlern zusammen! Gerade in Wien!

Eine neue Ordnung! Da wollte er dabei sein! Unbedingt.

Darius Pettrich war zutiefst davon überzeugt, dass jeder Schaffensprozess etwas zutiefst Kollektives in sich trug. Er glaubte fest daran, dass nicht Einzelne etwas aus sich heraus schöpften, sondern, dass große, entscheidende Gedanken einem bestimmten Menschen immer nur „zugedacht“ wurden, der just in diesem Moment anderen voranging. Der gerade aus irgendeinem guten Grund ganz vorne stand. Und was für eine Gnade, wenn dieser Mensch dann ein Bewusstsein dafür hatte, dass er nicht alleine war!

„Du musst dir das vorstellen wie einen Eimer Löschwasser, der durch viele Hände gereicht wird, bis ganz vorne jemand damit das Feuer löscht. Da kannst du auch nicht sagen, dieser eine Mensch hat das gelöscht, oder?“

„Und das soll jetzt heißen, dass der Beethoven seine Sinfonien gar nicht selber gelöscht hat?“

„Doch, ich glaube schon. Aber eben nicht alleine.“

Darius hatte gerade dem Kaiser Franz Joseph ans Bein gepinkelt, als er den anderen, unverhofft, nach nur dreizehnstündiger Diskussion, mitteilte, dass er nun müde im Kopf sei und jetzt ein wenig allein sein müsse. Wenn auch allein unter vielen anderen, in den Gassen, in der Innenstadt. Dort wollte er sich ein wenig die Beine vertreten, „ein paar frische Momente sammeln“.

Er liebte sich für solche Ausdrücke. Über alles.

Im grünen Dickicht kommen sie zusammen

Erst verhalten und Einzeln

Einzig schon in ihrer Art

Dann ein Raunen von immer mehr

Und da:Zischen von Lauten und Worten

Keines je gehört

Zum dritten Mal schon der Ruf

Kein Vernehmen, kein Ton in der Welt

Nur Signal und Aufbruch

Tore und Weiten stehen auf

Für den großen Tross der Eilenden

Die nehmen uns mit, uns mit,uns

So gehen viele und kommen wohl an

Kein Halten und Verharren mehr

Der Zeitenritt in vollem Gange

Karla, Anton und ein später Gast

Es war inzwischen schon ein Ritual: Sie kam spät, gegen zehn, gerade noch vor Küchenschluss, und bestellte Rehravioli mit einer Idee Blau. Die Gitti fragte nur noch der Form halber nach, wenn sie an ihren Tisch kam, vielleicht etwas widerwillig, aber immer höflich. Und Karla nickte. Lächelte. Auf diese Art, die viele bei ihr als hochnäsig erlebten. Oder undurchschaubar? Manche fanden sie auch einfach freundlich.

Dass der Wein erst dann kommen konnte, wenn sie wusste, was Anton ihr zubereitet hatte, war der Kellnerin klar. Aber das Seiterl vom Fass, das kleine Bier, das brachte sie inzwischen unaufgefordert, jedes Mal. Genauso wie das große Glas Leitungswasser. Karla trank es dazu, während sie geduldig auf das Essen wartete, ein wenig vor sich hinschaute, gelegentlich aber auch in Zeitungen oder Taschenpartituren blätterte. Gedankenverloren. Ohne etwas darin zu finden. Außer, vielleicht, eine Idee Karla.

Sie ließ sich stets Zeit beim Essen und blieb dabei am liebsten allein, meistens heilfroh, dass dieser eitle Koch sie nicht Beifall heischend beim Essen beobachtete. Üblicherweise hatte der nämlich erst die Küche aufzuräumen und picobello zu putzen, bevor er sich mit seinem Roten an Karlas Tisch setzen konnte.

Ab und an konnte sie freilich nicht verhindern, dass sich irgendein streunender Genießer näherte. Männlich, älter, vom Wein zu grotesker Selbstüberschätzung verführt. Sie blieb dann höflich, trotz ihres Ekels; im Moment wirklich keine Gesellschaft, tut mir leid, nein, später wird sich noch jemand einfinden, ein Herr, mit dem sie verabredet – natürlich. Schönen Abend. Und genoss weiter ihr kulinarisches Unikat.

Natürlich stimmte Anton die lästige Küchenputzerei an Karla-Abenden noch missmutiger als sonst, so sehr, dass er sich meist schon in der Küche einen eingoss, oder zwei. Und sich Aschenputtel oder Zwerg Nase nannte, während er Armaturen, Spülbecken, Arbeitsflächen und Gasherde schrubbte. Früher, als das alles hier noch ihm gehörte, hatte natürlich Bert sauber gemacht! Heutzutage geruhte der Parteichef am Nachmittag nur noch seine eigenen Arbeitsflächen zu reinigen und mit gnädigem Lächeln eine kleine Fuhre Gemüseabfall hinauszutragen. Fertig.

Heute war alles ein wenig anders. Die letzte Nacht hing dem Koch schwer in den Gliedern. Und er war auf so seltsame Art – nicht allein? Sein ganzer Tag war von dieser letzten Nacht gemacht worden, von ihren Bildern und Gerüchen. Viele unbekannte Gefühle. Oder nur unerwünschte? Es lag nicht am Alkohol, gar nicht. Am gestrigen Abend hatte er doch nur ein Glas beim Küchenputzen getrunken, war dann früh nach Hause und sofort ins Bett gegangen.

Und hatte wirklich geträumt!

Er träume nie, hätte er sonst gesagt. Aber natürlich träumte jeder Mensch. Jede Nacht, und das andauernd. Die Frage war nur: Was blieb? Was war so geträumt, dass es seinen Weg fand, zum Tages-Anton? So gesehen hatten ja die allermeisten Träumer keine großen Aussichten. Aber Anton hatte bisher gar keine gehabt.

Und doch. Er hatte geträumt! Und er erinnerte sich.

Wasser. Ganz viel Wasser. Und viel Geschrei. Ein Krieg, ein Kampf. Eine Schlacht war da im Gange gewesen. Eisige Kälte. Und das Wasser, in das seine Leute getrieben worden waren, sogar noch kälter – immer mehr von ihnen waren darin ersoffen und verblutet. Man hatte ihm im Kampf einen Finger abgehackt, wahrscheinlich schon einen Tag zuvor, den Schmerz spürte er aber gar nicht. Und dann, als er nur noch mit neun Fingern gekämpft hatte, da sah es nicht gut aus für ihn und seine Leute.

Centurio!

Er hörte jemanden hinter sich ganz laut schreien.

Centurio!

Dass man sich auch in Unterzahl mit seinen Feinden schlug, war ihm vertraut. Aber dass dieser Feind tatsächlich den Sieg erringen sollte? Mit einer ganz einfachen Finte? Diese Klippen! Ein kleiner, verschlagener Hinterhalt nur. Vor ihnen und rechts und überall. Klippen, wie Hochhäuser! Und links der einzige Ausgang aus diesem Irrweg: das kalte, salzige Nordmeer.

Dieses Meer war kein Ort des Lebens, war nicht umfangend, nicht zärtelnd wie zu Hause, im Süden. Sondern grausam und klar.

Er sah die rotgefärbten, kleinen Wellen, die gleichgültig seine Kameraden gefressen hatten, einen nach dem anderen. Mit dem Lederharnisch, dem weinroten Umhang und den Eisenbeschlägen viel zu schwer, um über Wasser zu bleiben. Jeder Einzelne. Hier war nichts zu machen gewesen, und er war verantwortlich. Schuld. Das würde bestraft werden. Er wusste, wie so etwas endete. Am Kreuz, ganz sicher, Centurio. Am Kreuz.

Dann die Schlussrunde. Es war stets der gleiche Tanz.

Der letzte Tisch zahlte, Gitti machte die Abrechnung, Anton übernahm gütig nickend den Sperrdienst, und endlich saßen er und Karla allein im roxane & freunde. Im Fenster hing „Geschlossen“.

Wie kindisch er es in diesen Augenblicken immer genoss, allein Hof zu halten! Seine Küche. Seine Eroberung. Alles seins. Weil absolut kein Zweifel daran bestehen konnte, wer hier die Fäden zusammenhielt, wer hier die Attraktion war. Anton. König der Köche in Wien!

Kerzenlicht reichte. Das Wesen des Raumes und seine beiden nächtlichen Genossen leuchteten dann, ganz leise, jeder für sich. Ob rot oder weiß, immer war es der gleiche Wein, den sie tranken. Anton liebte die beiden Sorten eben, fertig. Alles natürlich nicht zu knapp, und in letzter Zeit beinahe einmal die Woche! Karla hatte nicht genug Geld für sowas. Aber das war ja auch gar nicht nötig.

Anton war heute nicht ganz da. Die vergangene Nacht sendete einen Funkspruch nach dem anderen.

Centurio!

Hatte er denn fliegen können, im Traum? Oder sich einfach zweiteilen? Das war doch alles kaum zu begreifen! Und doch. Einer war er dort unten gewesen, am Rande des Meeres wie ein wilder Eber kämpfend, zusammen mit all seinen krepierenden, ersaufenden Männern. Aber dort oben, noch weit hinter den herandrängenden Horden von viehischen Dreinschlagern, war plötzlich ebenfalls er herangeritten, schreiend und mit vielen anderen! Und wie er so als gnadenloser Sturm über den Feind kam, dieser Centurio, mit all seinen Pferdemännern hinter ihm, da war Hoffnung! Da wurden all diese Barbaren zermalmt. Zwischen ihm und ihm. Centurio! So hatten sie also doch noch gesiegt, alle beide?

Und schon war alles vorbei gewesen. Das Wasser. Das Meer. Aqua …

„Das war wieder einmal der Hammer. Du kochst mich schwindlig.“

Karla saß Anton an Tisch 3 gegenüber. Sie waren inzwischen allein im Lokal, wie immer.

Schon am Anfang ihrer kurzen Zeit im roxane & freunde war Karla klar gewesen, dass sie Anton mochte. Nicht, dass er ihr wirklich von Herzen gefallen hätte. Aber sie erkannte etwas an seinem Wesen in sich selber wieder, etwas an ihm klang in ihr nach Nahesein, nach kleinen, hinnehmbaren Einheiten von „Warum nicht?“

Und ebenso schnell hatte sich herausgestellt, dass Anton die junge Musikstudentin nicht nur auch mochte, sondern ihr auf eine seltsam unsentimentale Weise sogar verfallen war. Nicht, dass er etwas Hübscheres nie mehr hätte haben können. Das nicht. Er stand, ungeachtet seines Alters, ungeachtet auch seines beträchtlichen körperlichen Umfangs, noch immer gut im Kurs. Weil er es wirklich draufhatte, Menschen schwindlig zu kochen. Wenn er es drauf anlegte. Und das tat er bei Karla.

„Das ist mir schon ganz recht, schöne Frau. Ich mag das, wenn ich später selber davon profitieren darf.“

Sie überhörte den Ton nicht, übersah nicht sein unverstelltes Grinsen. Aber sie war einverstanden.

„Was macht dich da so sicher?“

„Ach, bin ich ja gar nicht. Ich denk mir halt, dass du schwindlig weniger streng mit mir bist?“

„Musst dir halt ein bissel mehr Mühe geben.“

Sie hatte es ihm schon auch leicht gemacht. Gleich nach dem ersten Essen im Frühling hatte sie Gitti gefragt, ob sie nicht einmal kurz auf die Brücke dieses unglaublichen Raumschiffes blicken dürfe? Die Kellnerin war aber nicht recht im Stande gewesen, dieses Wortbild zu übersetzen, und hatte stattdessen reflexartig „ihr dämliches Eliza-Doolittle-Grinsen“ aufgesetzt, das Anton so sehr an ihr hasste, weil es „ihr vollkommenes Nichtverstehen!“ und „ihren unerträglich engen Kopf!“ auch noch neugierig und liebenswert aussehen ließ.

Also anders fragen. Ob sie den Koch kennenlernen dürfe?

Ja, selbstverständlich, natürlich.

Keine drei Minuten später war Anton das erste Mal an ihrem Tisch gesessen. War zuerst in ihre Augen eingefallen, dann in ihren Mund, und etwa drei Stunden später brach er schon ein in die ganze Frau.

Warum träumte der Mensch überhaupt? Anton war doch bis jetzt wunderbar ohne Träume ausgekommen! Und wenn man schon träumte, warum so ein Zeug? Was sollte denn das alles? Wollte er sich selber etwas mitteilen? Sich selber aus irgendeiner Not retten, wie dieser zweigeteilte Centurio? Und das mit den neun Fingern. Das war überhaupt das Letzte. Anton!

Er blinzelte, rieb sich die Augen.

Und schnalzte mit der Zunge. Tschlak!

Ist der verheißungsvolle Abendwein mit dieser wunderbaren Elfe nicht Traum genug? Was irrst du herum in deinen eigenen Rätseln?

Es war nicht eben das, was Karla erfüllend genannt hätte, oder wenigstens aufregend. Und auch nicht eben das, was Anton als ausreichend wild oder zu ihm passend bezeichnet hätte. Aber irgendwie hatte sich an jenem ersten Abend eine tiefe, wenn auch banale Einsicht in diese so unterschiedlichen Zeitgenossen geschlichen. Er hatte ihr etwas zu geben. Und sie ihm auch. Karla liebte Antons Küche, aber sie verabscheute seinen Körper. Wenn sie ehrlich war. Anton liebte Karlas Körper, aber er war völlig überfordert von ihrem Wesen. Was ihn nicht weiter kümmerte.

Dass dennoch eine so eigenartig passend gestimmte Musik von den beiden ausging … vielleicht war es ein vorübergehendes Abkommen des Himmels mit der Hölle. Eine Gnade besonderer Art. Wenn auch auf eine Weise nur ein lächerlicher Aufschub.

In Wien. In einer Zeit wie dieser.

Inmitten von immer noch mehr Unordnung, inmitten von täglicher Vergängnis. Und außerhalb jeder Vorstellung, wie diese Stadt je wieder zu ihrem Gleichgewicht kommen sollte. Wer wusste schon, wann der erste Stein durch die Scheibe knallen würde? Jeder Mensch in Wien, der öffentlich sichtbar und genussvoll etwas viel Besseres aß, als die meisten Menschen sich hier je würden leisten können, musste doch inzwischen fast damit rechnen, dass man ihn genauso öffentlich sichtbar und genussvoll auch dafür bestrafen würde. Und Karla wäre nicht Karla gewesen, wenn sie sich nicht eingestanden hätte, dass es genau diese Lust war, die ihr einen Besuch im roxane & freunde so süß machte: die Lust an einem diffusen Schuldigsein bei gleichzeitig durchaus elitärem Trotz gegen jegliche breite Masse.

„Sagst mir, was ich da gegessen hab?“

„Gebratenen Oktopus?“

„Ja, das erkenn ich auch selber noch! Das andere, mein’ ich.“

„Fregola Sarda, Paprika, Taggiasca Olive, marinierter Fenchel.“

„Diese Kügelchen heißen Fregola Sarda?“

„Ja. Eine Art Pasta, aus Weizen.“

„Und aus Sardinien?“

„Genau.“

„Das war ein Gedicht! Eine Komposition, eine Fantasie aus Süden und Meer und Grün. Auch dieser Fenchel, unglaublich!“

„Keine Idee Blau?“

„Doch!“

Anton genoss ihre ungezügelte Freude über seine Kochkunst, sog Karlas Worte gierig auf. Konnte es ihr aber nicht zeigen. Er gehörte zu den Menschen, die alles taten, um bewundert zu werden, um dann jede Bewunderung bescheiden, wenn nicht gar brüsk von sich zu weisen. Wobei jeder mühelos sah, wie sehr da jemand rang. Mit sich. Im Grunde peinlich, als Darbietung. Aber so menschlich. Darum nahm Karla es gerne hin.

„Du bist heute irgendwie stiller als sonst. Hat dich jemand geärgert?“

„Mich ärgern immer alle. Wen genau meinst du?“

„Na, deine drei Chefs vielleicht?“

„Geh, hör auf, allein schon das Wort ‚Chef‘ macht mich völlig rotäugig.“

„Glühkohlen im Kopf!“

Anton musste lachen, Karla blieb ernst.

„Ja, so groß wie Stiereier! Heute war die Baba Yaga da.“

Karla verschluckte sich am Wein, prustete kurz, konnte aber das Schlimmste verhindern. Das Kerzenlicht flackerte. Der ganze Raum tanzte für ein paar Augenblicke.

„Die Hexe aus den russischen Märchen?“

Ein wunderbar geschmackvoller Raum! Hatte Karla von Anfang an gefunden. Etwa fünf Meter hoch, schätzte sie. Man kam nach der eisenbeschlagenen, alten Eichenholztüre durch den klassischen, weinroten Wollfilzvorhang herein, ein Windfang, zweigeteilt, auch schwer und alt, unten mit Leder abgesäumt, aufgehängt an Messingringen. Rechts daneben ein etwa drei Meter breites Fenster, unverhängt und von knapp über dem Boden bis etwa einen Meter unter die Decke durchgängig. Es gab einem das Gefühl, entweder selbst draußen zu sitzen, oder aber, dass die Hektik der Großstadt einem ungehindert über den Tisch lief. Und durch den Bauch. Ein Schild, alt. Geschlossen.

„Ja, die schlimmste Hex’, die in Wien herumläuft! Dass diese ganze Verwaltungsarmada in diesem Land immer blutrünstiger wird, ist das eine. Aber was diese Frau aufführt, ist nicht zu ertragen.“

„Du hast eine Rechnung mit ihr offen.“

Das Licht flackerte wieder.

„Sie ist im Marktamt die oberste Chefin der Abteilung Gastronomie.“

„Ui.“

Anton nahm einen übergroßen Schluck Wein und goss sich hektisch nach.

„Willst das wirklich wissen?“

„Erzähl ruhig. Wird dir auch guttun.“

„Das glaub ich weniger. Das mit der Baba Yaga hab ich halt so irgendwie erfunden, weil sie immer, wenn sie sich verabschiedet, so schrill wienerisch ‚Ba Ba!‘ schreit, so laut und hoch, dass dir das Blut in den Adern gefriert! Scheißfreundlich tut sie, und hintenrum sperrt sie dir deine Küche zu.“

„Ist das die, von der du schon erzählt hast? Die mit deinen Freunden gemeinsame Sache gemacht haben soll?“

„Genau die. Stauffacher. Adele. Diese Idiotin.“

„Und die war heute da?“

„Ständig kommt sie her, rein privat, selbstverständlich, und auch erst, seit es das ‚roxane & freunde‘ ist. Was für ein Zufall, oder? Mir hat sie damals die Hölle heiß gemacht, hat mir so horrende Nachbesserungen aufgebrummt, dass ich fast gespieben hätt. In der Küche hauptsächlich, von wegen Holzbrettln und Kühlregale und Hygiene, aber auch bei den Klos, obwohl das immer alles sauber war, Klimaanlage, und was weiß ich noch alles! Überall hat ihren Leuten was nicht gepasst. Ich hab so einen grandiosen Start hingelegt, zwei Jahre lang war meine Küche jeden Tag voll, verstehst? Und dann kommt die daher, schreibt eine Liste und ruiniert mit einem kleinen Wisch mein Lebenswerk. Und dann?“

„Weil du die Nachbesserungen nicht bezahlen hast können?“

„Das war doch ein Wahnsinn! Und dann hat sie so freundlich mit mir getan, dass ihr das auch leidtut, und dass sie überzeugt ist, dass ich ein großer Koch bin, vielleicht einer der besten in Wien, aber dass ihr da halt die Hände gebunden sind. Die falsche Sau. Dieses Geld. Ich hab dieses scheiß Geld so satt!“

Anton schmiss gerne mit Sachen. Zuerst flog heute die Tischblume. Quer durch den Gastraum.

Der Gastraum. Hoch. Unten ein zwei Meter hoher, weiß getünchter Sockel, rundherum. Unterbrochen von einem weiteren weinroten Vorhang, hinten: „Zu den Toiletten“, wunderschöne, alte Schrift, grüngrau. Und von der kleinen Theke zur Küche hin Messing. Oberhalb dieses weißen Sockels war alles bloß, war Zeugnis, stehengelassene Zeit, illustriert von unzähligen verschiedenen Anstrichen aus wenigstens zwei Jahrhunderten. Teils farbig, teils abgeblättert. Wasserflecken, Gasrohre. Alles von einer Patina überzogen, die nicht nur von Zigarrenrauch erzählte. In der Mitte ein quadratischer, hoher, mattschwarzer Kachelofen, modern, und durchgängig umlaufen von einer schwarzen Ledersitzbank. Fünf gleich große, quadratische Tische, ebenfalls schwarz, Eiche, schlicht.

„Aber deine Freunde haben die Sache –“

„Das sind nicht meine Freunde, merk dir das! Sie haben das Geld gehabt, ich hab es nicht gehabt. Ganz einfach. Das war halt mein Pech. Aus. Kann passieren! Ja, stimmt schon, das waren einmal Freunde, und sie haben mir das damals ja sogar eingeredet, dass ich unbedingt selbstständig sein soll und einen eigenen Laden brauche. Waren halt Fans von meiner Küche, und wahrscheinlich haben sie von Anfang an spekuliert auf die Nummer! Ich bin aber auch ein Depp! Ich hätte spätestens hellhörig werden müssen, als die bei mir als einfaches Dienstpersonal anfangen wollten.“

„Und wie ist das dann zugegangen?“

„Ganz einfach. Watscheneinfach! Die Baba Yaga hat nicht lockergelassen, da hab ich telefonieren können, oder selber hingehen, so oft ich wollt. Einen Zahlungsplan hat sie mir noch gemacht, und eine Frist gesetzt, und dann war Schluss. Ba Ba! Ciao. Und das haben halt die drei mitbekommen. Zumindest haben sie es mir so erzählt! Dann ist dieser Anruf gekommen. Dass ihnen das so leidtut und dass sie einen Vorschlag machen möchten. Bummsdi, war ich meine Selbstständigkeit wieder los.“

Ein alter Dielenboden, liebevoll restauriert. Und Stühle, alle verschieden. Keiner glich dem anderen, alles war vertreten, Biedermeier, Jugendstil, Fünfziger, alles. Nicht selten versuchten Stammgäste, immer auf demselben Stuhl zu sitzen. Verzeihen Sie, gnädige Frau, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Ihnen diesen wunderschönen Art-déco-Hocker überlasse, und mir dafür den ihren …? Nein, bitte nicht böse sein, ich häng sehr an dem Stuhl, und hab ihn mir grad vorhin erst selber eintauschen müssen!

„Also, sie haben dir das Geld geliehen?“

„Nein, das wollt ich nicht! Lieber hätt ich meine Küche zugemacht und wäre wieder zum Frondienst in irgendeinen besseren Laden gegangen, Jobprobleme hab ich ja nicht. Nein. Sie haben vorgeschlagen, dass sie das ‚Roxane‘ pachten, also übernehmen, alle Nachbesserungen einrichten, und es zu dritt führen. Der Bert weiter neben mir, als Hilfe in der Küche, und die Gitti im Service. Der Edi als Geschäftsführer, aber nur von Zuhause aus. Ich soll für ein festes Gehalt weiter kochen, zwei Ruhetage, ein bissel veränderte Küche, aber im Prinzip mein Ding, und sie haben so auch was davon.“

„Eigentlich nicht schlecht, die Idee.“

„Ja, das hab ich erst auch gedacht. Und dann hat es auf einmal ‚roxane & freunde‘ geheißen. Der Laden ist bombig weitergelaufen, und ich war einer von vier. Und zwar der Hinterste. Und wer ist seither immer wieder im Lokal? Sicher einmal im Monat?“

„Die Baba Yaga.“

„Bingo, Bummsdi! Kommt herein, lässt mich immer schön in der Küche grüßen und versteht sich mit der Gitti so prächtig, dass man sie fragen möcht, ob sie schon zusammenwohnen. Wie die miteinander tuscheln, und nachher immer schön noch zwei, drei Grappa! Da erzählt mir keiner, dass das nicht ein vollkommen abgekartetes Spiel war.“

„Was meinst genau?“

„Wenn du mich fragst, dann haben die das zu viert eingefädelt. Die drei sind irgendwann zu der ins Amt gegangen, haben ihr einen Hinweis gegeben, man könnt doch beim Anton Roggen mal ein paar Sachen finden, und was weiß ich, vielleicht haben sie die Hexe sogar beteiligt! Wenn sie nur dafür sorgt, dass ich den Löffel von der Roxane abgeb! Vielleicht speist sie seither umsonst, weiß ich das?“

Es klopfte an die Scheibe.

Draußen stand ein schmaler, eher hagerer Kerl, zeigte auf Karla, winkte, hüpfte von einem Bein auf das andere, und grinste.

„Den kenn ich. So, Bürscherl, jetzt wart einmal!“

Anton sprang auf. Sein Gewicht? Vergessen. Und war mit einem Satz schon vor dem roten Windfang.

„Anton, hör auf!“ Karla verstand erst jetzt, was vor sich ging.

„Ich kenn ihn auch, der ist meinetwegen da.“

Anton blieb genauso jäh stehen, wie er sich auf die Beine geschmissen hatte. Drehte sich um, und –

„Das ist der –“ Beide, gleichzeitig.

Jetzt Karla: „Darius, ein Freund von mir!“

Und Anton: „– der immer meine Kundschaft vertreiben will!“

Draußen hatte der Kerl auch innegehalten. Größere Augen jetzt als sonst. Aber schon hüpfte er wieder, grinste, winkte, klopfte.

„Sag mir einen Grund, warum ich den nicht auf der Stelle windelweich schlagen soll? Schnell!“

Schon war er wieder auf dem Weg. In diesem Moment fiel Anton ein, wer er jetzt in allererster Hinsicht war: ein Mann, der verdammt scharf auf Karla war. Sein Groll war nur noch halb so groß, ganz plötzlich.

Der Mann, draußen, schaute. Die Frau, drinnen, schaute. Der Mann, drinnen, fragte, atmete schwer. Kein Rösselsprung.

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist, den kleinen Stinker –“

„Anton, ich glaube, du bist ein Trottel. Komm, lass ihn kurz rein.“

„Hey, spinnst du?“

„Was soll das Gehabe?“

Der Mann, draußen, war noch kein Mann.

Da stand er einfach, der Kerl.

Und grinste.

Stumm.

Mit stierem Blick voran gesehen

Nicht nach vorne, nein,

wo denkst du hin?

Auch nicht nervös um sich

herum im kreis geglotzt

Nur voran, gesehen,

sogar voran gehört, und ja-

Vielleicht kommt dann ein Schritt.

Oder zwei.

Ach. Wär der Blick nur etwas offner!

Versuch zu dritt

Nur seine elektrisierenden Gedanken an mögliche Ereignisse der kommenden Nacht mit Karla konnten Anton jetzt von gröberen Gangarten abhalten. Mit verschränkten Armen und Beinen und einem vollen Glas Rotwein saß er auf dem im Quadrat laufenden, schwarzen Ledersofa. An den schlichten, kalten Kachelofen gelehnt, gähnte er oft und völlig unverhohlen.

Darius war aufgekratzt genug, und obendrein an offene Geringschätzung gewöhnt. Also sah er gerne darüber hinweg. Karla tat sich mit sowas schwer. Vielleicht hasste sie es deshalb so sehr, vor ein Orchester zu treten.

„Und du bist hier wirklich öfter, Karla?“

Die hatte Skrupel, zuzugeben, wie viel ihr Antons Küche bedeutete. Darüber hinaus war ihr im Moment schleierhaft, warum sie Darius unbedingt hatte hereinlassen wollen. Es war leichter, eine afrikanische Blaskapelle in die Wiener Staatsoper zu bringen, als zwei solche Existenzen an einen Tisch.

„Na ja, was heißt ‚oft‘? Ab und zu halt. Wenn grad Zeit ist, und ein Tisch frei.“

Sie ging auf dünnem Eis. Anton merkte es. Darius runzelte die Stirn.

„Der Wein hier ist der Hammer. Ich mein’, ich versteh nicht viel von Wein, aber der hier ist der Hammer! Das geht schon ganz schön ans Geldbörsel, oder?“

„Du, sie bestellt immer das Gleiche. Rehravioli. Das ist das billigste Essen hier. Da brauchst dir also keine Sorgen machen, Dichter!“

Karla verengte ein wenig die Augen. War ihr Anton zur Seite oder fiel er ihr in den Rücken? Sie betrachtete erst oben die vergilbte Deckenstruktur und warf Darius dann mit gekonnter Kopfdrehung ein neues Thema ins Gesicht.

„Was machen denn grad die Bobo Jager?“

Es war leider nicht das richtige Thema. Eigentlich war es das falscheste überhaupt. Und eine Antwort war vorerst nicht zu erwarten. Als ob er nur darauf gewartet hätte, erhob Anton Roggen sich langsam, streifte die weiß-blau gestreifte Kochschürze glatt und blieb so stehen. Mit den zahlreichen Flecken darauf sah er aus wie ein Metzger.

„Die was?“

„Die Bobo Jager!“ Darius gab den jugendlichen Stürmer. Wenn auch auf dem Platz des Gegners.

„Meine Bürgerschreck-Bodentruppe. Du erinnerst dich.“

„Wenn ihr euch nochmal in diesen Laden traut, hau ich euch allen den Schädel ein, hast mich verstanden, Dichter?“

„Hey, Anton, entspann dich bitte. Ich glaub, du siehst nicht ganz, was wir eigentlich ausdrücken möchten. Hier gehts doch überhaupt nicht um dich persönlich!“

„Ich hab dich gefragt, ob du mich verstanden hast.“

Anton machte einen Schritt auf den Tisch zu.

Der hagere, junge Dichter sah zu Karla, die saß stumm auf rohen Eiern, auf Kohlen, wie auch immer. Dann nahm er Antons Angebot an.

„Ah ja! Ich hab dich schon verstanden. Und falls du auch noch irgendwas anderes kannst, als den potenten Patron raushängen lassen, würd ich dir gerne mal erzählen, was wir hier in Wien erreichen wollen.“

Anton war tatsächlich stehengeblieben und sah den jungen Mann ungläubig an, der sich jetzt von seinem Platz am Tisch erhob, und dabei ganz und gar nicht aussah, wie einer, der die Segel streichen wollte.

„Und wenn du ein Freund von Karla wärst, der ihr auch nur halbwegs das Wasser reichen kann, dann würdest du nämlich zustimmen! Dann würdest du dir das erst anhören, und am Ende würdest du nicht anders können.“

„Aha.“

„Ja, spiel ein bissel den erwachsenen Macker – ihr schaut uns alle von oben herab an. Aber du weißt genau, wenn du ehrlich bist, dass es so nicht mehr weitergeht! Hier in Wien nicht, und in Österreich und auf der ganzen Welt auch nicht.“

„Aha?“

Anton war mehr im Balzmodus als im Begriff echter Gegenwärtigkeit. Das war er ohnehin nur, wenn er kochte. Aber er stand da und hörte zu. Tatsächlich. Und Darius setzte sich wieder. Als hätte er vergessen, warum er aufgestanden war. Er trank von seinem Wein, lehnte sich zurück. Was genau hatte er sagen wollen? Es war nicht leicht, sich in diesem eigenartigen Terrain zu behaupten. Trotzdem wurde er den Eindruck nicht los, dass er hier jemandem begegnet war, der ihm am hilflosen Herzen lag. Es konnte gut sein, dass er irgendwann ein Gedicht darüber schrieb.

Er wechselte den Ton. Ruhiger jetzt, doch ohne jede Wärme.

„Ihr wisst das alle eh ganz genau. Dass ihr noch immer auf ein Pferd setzt, das schon lang lahm ist. Und dass ihr in einem Schiff sitzt, das ohne Orientierung herumtreibt, auf einem leblosen Meer. Und jeder kann den Orkan riechen, der jetzt im Anmarsch ist. Stimmts? Oder stimmts nicht? Euer kleines Paradies ist doch längst verkommen, bis hinein in die kleinsten Hütten. Lauter tote Winkel.“

Anton grinste, beinahe anerkennend.

„Jetzt reißt du dein Maul schon ein bissel weit auf, findst nicht?“

„Nein, find ich nicht. Schau dich um, wenn du dich traust: Heut geht diese Stadt selber auf den Strich, auf und ab stolziert sie und bietet sich an, rund um die Uhr, aufgedonnert, abgefuckt! Als eine einzige große Reue. Objekt neben Objekt, zum täglichen Verkauf verdammt, zu gnadenloser Werbung, zu allem, was gutes Geld bringt. Zu einer geschmacklos angepinselten, kaputten Hurenstadt haben sie Wien gemacht!“

Karla sah Darius an. Für solche Worte liebte sie ihn. Ein bisschen. Und nur dafür. Aber das reichte.

Es reichte seltsamerweise auch dafür, dass sie plötzlich eine ebenso unerklärliche wie unwiderstehliche Lust hatte, einfach aufzustehen und das Restaurant zu verlassen. Wortlos. Auf diese Weise, die nur sie beherrschte. Sich dann noch ein wenig treiben zu lassen, durch Wien, das verkommene Paradies, und später, allein, noch ein Glas mit Ferdinand zu trinken.

Erlösung.

Immer wieder dachte sie dieses Wort. Schon so lange.

Jetzt wieder. Erlösung.

Und nie wusste sie, warum sie dieses Wort dachte, und was es für sie bedeutete. Manchmal gab es in ihr solche Worte.

Vielschichtig. War auch so eins. Oder Siedepunkt.

Aber sie blieb sitzen.

„Und du sitzt nicht mit auf dem Schiff, oder was? Und dein Paradies ist nicht verkommen? Du bist ein zahnloser Löwe, ein schwanzloser Freier! Lass dir das von einem mittellosen Koch sagen.“

„Der anscheinend ein Meister ist. Nein, mich beleidigst du nicht, Anton. Ich sitze in dem gleichen Drecksdampfer wie du, ich hab den Bauch voll mit Dynamit, genauso wie du, und genauso wie alle anderen, die in diesem Scheinfrieden herumtorkeln, als ob es kein Morgen gäb. Aber ich tu wenigstens nicht so, als ob es nicht wahr wär! Und ich versuche, was zu machen, irgendwas da draus zu machen, damit es weitergehen kann auf der Welt!“

„Ja, eh. Versuch du, was du versuchen musst. Ich hab dir gesagt, dass ich deine Guerillatruppe hier nicht mehr sehen will. Fertig. Und ich geh jetzt so langsam nach Hause. Ein potenter Patron muss nämlich ziemlich hart arbeiten für sein Ticket auf diesem Drecksdampfer.“

Er sah nicht zu Karla hin, hatte gerade genug Feingefühl, sie jetzt nicht mit seinem Anspruch auf die kommende Nacht zu konfrontieren. Stattdessen trat er an den Tisch, kippte wie nebenbei die verwaiste, kleine Vase um. Sie war noch halb gefüllt mit Wasser. Wofür gab es Putzfrauen? Dann ergriff er die beinahe leere Weinflasche und nahm sie mit hinüber zur Lederbank, wo sein leeres Glas auf dem Boden wartete.

„Wer ist Roxane?“

Darius schickte ihm einfach eine Frage hinterher, in den Rücken, genau auf diese Art, der man nicht widerstehen konnte. Er konnte seinem Gegenüber eine Aufmerksamkeit schenken, die jedem sofort das Gefühl gab, etwas Besonderes, ja, tatsächlich von Interesse zu sein! Vielleicht hatte das damit zu tun, dass der hagere, junge Mann mühelos zwischen Vordergrund und Hintergrund wechseln konnte, wenn er mit jemandem sprach? Er kannte die lockernde Wirkung seiner Sprunghaftigkeit gut und setzte sie besonders dann ein, halb bewusst, halb naiv, wenn er sich unsicher fühlte.

„Das geht dich einen Scheißdreck an.“

„Anton, he, bitte!“ Karla wusste nicht mehr, was sie zwischen all den ungleichen Stühlen noch zu suchen hatte. „Mich interessiert das auch. Sag schon. Woher kommt der Name? Eine Frau, die du gekannt hast?“

„Nein. Ein Film. Eine Frau aus einem Film. Mit Gérard Depardieu.“

„Dieser Römerfilm, wo er als einfacher Centurio eine Rebellion anzettelt?“, fragte Darius. „Hab den Titel vergessen.“

Er sagte es so, wie es kam. Und in Anton bebte plötzlich ein winzig kleiner Riss. Darius wusste gar nicht, wer Gérard Depardieu war. In seinem Inneren mischten sich aber die verschiedensten Bildangebote. Robert de Niro, Kirk Douglas, Paul Simon, Jean Reno … lauter Althelden aus der Generation seiner Großväter.

„Depardieu hat nie einen Römerfilm gemacht. Schon gar nicht ‚Spartacus‘.“

Sagte Anton. Leise. Mit zitternder Stimme? Er fühlte sich so schlagartig in den Traum der letzten Nacht gezogen, dass er gar nicht genau hätte sagen können, wo er gerade wirklich war. Und wie kam der Flegel überhaupt dazu, diese Verbindung –? Meine Stimme. Sie sollte lauter sein.

„Der Film heißt ‚Cyrano‘!“

Ja, so war es besser.

„Stimmt! Spartacus hieß der Film.“

Darius stand auf und ging langsam mit seinem Weinglas hinüber zur Lederbank, zu dem dicken, blutverschmierten Schlächter dort.

„Und in Cyrano kommt also eine Roxane vor? Erzähl!“

Da saß er schon. Vielleicht zu nah.

„Schau ihn dir selber an, ich bin nicht gut im Erzählen.“

„Cyrano? Ist das nicht ein Theaterstück? Ich hab das mal als junge Frau gesehen.“

Anton grinste nur, trank, aber Darius lachte.

„Ja, das ist sicher ewig lang her!“

„Als ganz junge Frau, du Dodel. Das ist sicher sieben, acht Jahre her!“

Lachen und Gereiztheit rangen in Karla um die wenige Luft. Noch hielt sie sich.

„Mir hat das jedenfalls überhaupt nicht gefallen. Damals. Ich glaub, heut wär es anders.“

„Und? Kannst wenigstens du mir gnadenhalber sagen, worum es in diesem geheimnisvollen Stück geht? Cyrano! Oder muss ich das heut Nacht im Netz nachlesen?“

Darius gab sonst gerne den Leichten, den Fliegenden. Und meistens war er zufrieden mit dem Trugbild eines Ahnungslosen. Oder mit dem des faulen Wanja auf dem Ofen, der ungeliebte Junge, der es faustdick hinter den Ohren hatte. Der es später allen zeigen würde. Den aber niemand aus seinem Welpenschutz herausreißen durfte, auf keinen Fall, nicht vor der Zeit.

Aber hier ging es um Dichtung. Und Literatur!

Ausgerechnet jetzt wie ein völliger Anfänger auszusehen, war ihm wirklich unangenehm. Unpassend auch, fand er.

„Nein. Schau dir den Film an.“ Anton rülpste. „Da kann kein Theater mithalten.“

„Wieder diese alte Arroganz der Sofaglotzer, die in ihrem Leben vielleicht zweimal im Theater waren! Einmal mit der Schule und einmal im Weihnachtsmärchen. Ach, was red ich.“

Karla war nicht auf Diskussionen aus. Aber ganz ohne Widerspruch? Darius lächelte. Anton nicht.

„Hast du den Film gesehen, Karla?“

„Nein.“

„Also. Was regst du dich auf? Der Film ist der Hammer, und ich glaub halt, dass da nichts drüber kann. Basta! Schaut ihn euch an.“

Karla stand auf. Sie saß sowieso nur noch allein am Tisch. Es war genug, und sie war zu müde. Für alles. Auch für den späteren Anton. Und sie machte es wie immer. Fast.

„Ich muss ins Bett. Wir sehen uns sicher bald.“

Kurz deutete sie ein Winken an, hinüber zur Bank, zum Kachelofen, zu den beiden Herren. Einer in verschmierter, weißer Kochkluft, einer in beliebigem Sommeralltag. Einer dick, älter und finster großnasig, einer schmächtig, jung und auf den ersten Blick ohne besondere Merkmale.

Beide übrig. Jetzt, wo Karla sich ohne ein weiteres Wort durch den schweren, weinroten Vorhang schob, und nur das leise Beben der massiven Tür hinterließ. Beide mit dem gleichen Gedanken: Karla!

Beide ihn sofort verwerfend. Beide in stiller Beklemmung.

Der Andere?

„Du weißt auch, wo die Tür ist, oder? Nix für ungut.“

„Ja, sicher. Ich find vielleicht auch allein raus. Danke für den Wein.“

„Ist schon recht.“

„Anton?“

Keine Antwort.

„Ich dachte, der Name kommt aus dem Song von Sting.“

Anton blickte nicht auf.

„Welcher Name?“

„Roxane.“

„Ach so. Nein.“

„Ja. Schon klar.“

Und.

„Anton, ich würd dir das wirklich gern erklären.“

„Was?“

„Die Bobo Jager.“

„Heut nimmer.“

„Darius?“

„Ja?“

„Servus.“

„Servus, Anton.“

Pulsuz fraqment bitdi.

41,93 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
281 səh. 3 illustrasiyalar
ISBN:
9783992002962
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

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