Kitabı oxu: «Der Tyrannenkinder-Erziehungsplan»

Şrift:

Martina Leibovici-Mühlberger

Martina Leibovici-Mühlberger:

Der Tyrannenkinder-Erziehungsplan

Alle Rechte vorbehalten

© 2018 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover: JaeHee Lee

Gestaltung: Lucas Reisigl

ISBN 978-3-99001-271-0

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

INHALT

WARUM WIR EIN NEUES MENSCHENBILD BRAUCHEN UND WESWEGEN ES IN REICHWEITE IST

DER TYRANNENKINDER ERZIEHUNGSPLAN

Eine Mutter mit Sohn ist mir angekündigt. »Es sei wirklich äußerst dringend«, setzt meine für Erstkontakte und Terminplanung zuständige Assistentin hinzu und zieht dabei ihre Augenbrauen zur Unterstreichung hoch. Susanne ist extrem erfahren und wenn sie so tut, ist es immer dringend. Diese Klientin ist bereit, grundsätzlich jeden angebotenen Termin zu akzeptieren, nur bald, möglichst sofort, solle es sein. Und das, obwohl sie und ihr Sohn aus der Gegend zwischen Graz und Klagenfurt anreisen.

Zwei Tage später öffne ich um 20.30 Uhr die Eingangstür meiner Praxis. Eine zierliche Frau knapp über 45 steht mir gegenüber. In ihrem Blick liegt jene dauerhafte Erschöpfung, die nur jahrelange, kontinuierliche Alltagsüberlastung einem Gesicht einzumeißeln vermag.

Hinter ihr ragt ein Menschengebirge auf.

Auf meine einladende Geste hin tritt sie durch den einen vergleichsweise schmalen, geöffneten Flügel der Altwiener Doppeltür herein.

Ihr Sohn muss sich mit Anstrengung hindurch winden, um endlich in meinem Vorzimmer zu landen.

Ich beobachte dieses ungleiche Paar, wie es sich durch mein langes Vorzimmer auf meinen Praxisraum zubewegt: die raschen, wie eine Nähmaschine trippelnden Schritte der zielstrebigen Mutter und den in ihrem Schlepptau weit seitlich ausschwankenden, sich wiegend und rollend dahinschiebenden Sohn, der kaum eine Chance hat, mit ihr Schritt zu halten. An meiner Praxistür wiederholt sich dasselbe Schauspiel wie vorhin an meiner Eingangstür. Die Mutter flitzt durch, während der Sohn mit Seitwärtsdrehung und schraubender Bewegung, deutlicher körperlicher wie logistischer Anstrengung nachfolgt. Er nimmt dann auch gleich den richtigen Platz auf meiner Couch ein. Seiner Mutter überlässt er einen der beiden dunkelgrünen Lederfauteuils, in dem sie zu verschwinden droht. Ich nehme den anderen, der ihrem gegenübersteht. Wie viele, die unter hohem Druck stehen, braucht auch sie als Einladung nicht mehr als einen offenen Blick meinerseits. Daraufhin bricht die Geschichte jahrelangen Leidens hervor, als wäre ihr endlich die Erlaubnis erteilt, alle Kraftanstrengungen eines Niederkämpfens fallen zu lassen. Auf eine kurze Vorstellung oder auch nur Nennung ihres Namens verschwendet sie keine Zeit. Sie liebe ihren Sohn über alles, ist es ihr wichtig eingangs klarzustellen, so als könnte dies in Frage stehen. Markus ist ein absolutes Wunschkind von ihr gewesen. Aber jetzt weiß sie einfach nicht mehr weiter. Sie kann vor Panik kaum noch schlafen. Die letzte Aussage des Internisten, der Markus seit mehreren Jahren wegen seines Bluthochdrucks und seiner prädiabetischen Stoffwechsellage kontinuierlich betreut, hat ihr den Rest zur schon bestehenden Misere mit seiner sozialen Isolation gegeben. Wenn es so weitergehe mit Markus, werde er seinen dreißigsten Geburtstag nicht mehr feiern können, hat der Internist in Aussicht gestellt, nachdem Markus wieder an Gewicht zugelegt hatte. Der Herr Professor ist äußerst ungehalten gewesen. Seine Ablehnung und sein Unverständnis, dass sie es als Familie so weit haben kommen lassen, ist deutlich spürbar gewesen. Sie als Mutter hat sich unter seinem abschätzigen Blick wie eine Versagerin gefühlt. Markus hat vor lauter Scham gleich seinen flammenroten Ausschlag bekommen. In ihr ist dieses Gefühl von Ohnmacht und auch von ungerechter Behandlung aufgestiegen, denn sie haben beide alles Mögliche versucht, soweit es in ihrer Macht stand. Sie hat Markus zu allen Programmen und Therapien überredet und ihn immer ermuntert durchzuhalten.

Innerlich seufze ich. Geht es hier um eine Opfergeschichte? Unsensible Ärzte, die nur Laborwerte in den »grünen Bereich« geschoben haben wollen und diese Mutter samt ihrem Sohn traumatisiert hätten. Ich spüre, wie ich mich versteife. Wäre nicht das erste Mal, dass mich jemand für einen absurden Schadenersatzprozess zu instrumentalisieren trachtet. Heute ist einfach alles möglich und Eigenverantwortung wird zunehmend zu einem Fremdwort. Mein Blick streift Markus. Während seine Mutter die Krankengeschichte ausrollt, nickt er angedeutet. An ihm erscheint sonst alles verhalten, gedämpft und dabei überdimensional. Auf der breiten, ausladenden Couch mit ihrem lila Samtbezug wirkt er wie ein trauriger, gestrandeter Seeelefant. Er nimmt so viel Platz ein, dass neben ihm links und rechts höchstens noch zwei filigrane Dreijährige Platz hätten. Ein beständiges nervöses Wippen durchläuft seinen rechten Oberschenkel, dessen Dimensionen dem Körperumfang seiner Mutter gleichkommen. Und ich denke mir gerade ohne jeden Anflug von unangebrachtem Humor, dass es wohl keine schlechte Idee sein wird, den Hausarbeiter meines Instituts zu bitten, nach diesem schwerwiegenden Besuch die Gelenkverbindungen der Beine der Couch zu überprüfen, um vor zukünftigen unliebsamen Überraschungen gefeit zu sein. Die ganze Veranstaltung hier ist Markus offenbar extrem unangenehm. Dass er überhaupt hier ist, beruht wahrscheinlich auf einem Machtwort seiner Mutter. Gegenwärtig betet er ganz sicher um ein Unsichtbarkeitscape, wie es ein unbekannter Gönner Harry Potter zukommen ließ.

Zwischenzeitlich bauen sich die Verzweiflungskaskaden seiner Mutter zum großen Wasserfall begründeter Angst um ihres Sohnes Existenz auf. Wenn ein Staudamm bricht, kann man sich nicht entgegenstellen. Unter heftigem Weinen beschreibt sie die bereits bestehende Befundlage ihres Sohnes: Plattfüße, degenerative Schäden an der Wirbelsäule, namhafte Anzeichen von Gelenksabnützungen in beiden Sprung- und Kniegelenken, stark erhöhter Blutdruck mit zeitweise beängstigenden Spitzenwerten, eine Herzvergrößerung, immer wieder, besonders in der warmen Jahresperiode aufflammende nässende Entzündungen irgendwo in einer der Falten in der Fettschürze seines Bauchs oder auch im Schrittbereich, ausgedehnte Krampfadern an beiden Beinen, Atemnot bereits bei geringer körperlicher Anstrengung; nicht zu vergessen ist noch, dass eine manifeste Blutzuckererkrankung sprungbereit hinter der nächsten Ecke lauert und dass ihr Sohn einen Gefäßstatus hat, der, wie es der Internist nach der Ultraschalluntersuchung der großen Gefäße genannt hat, bei einem schweren Raucher jenseits der sechzig zu erwarten wäre. Einen Schlaganfall oder Herzinfarkt hat der Herr Professor ihrem Sohn binnen der nächsten zehn Jahre als mehr als wahrscheinlich in Aussicht gestellt, wenn eine drastische Umkehr nicht sofort erfolgt. Stattdessen hat sein Gewicht bei der letzten Untersuchung die Sturmmarke von 170 Kilogramm überschritten. Jetzt muss einfach wirklich Schluss sein! Markus ist seit zwei Wochen für eine Magenbandoperation angemeldet.

Während seine Mutter referiert, bohrt Markus seinen Blick so vollkommen starr ins Muster des knapp vor seinen Füßen endenden Perserteppichs, als müsste er es später aus dem Gedächtnis zeichnen können. Auch sein Oberschenkel wippt nicht mehr. Nur als sie sein Gewicht nennt, geht ein merkliches Zucken durch seine riesige Gestalt, so als würde er damit nicht nur entblößt, sondern gleichzeitig gezwungen, einer vor sich selbst verschleierten Realität ins Auge zu blicken.

Verdammt, der Junge tut mir echt leid! Wie kann ein 19-Jähriger nur in eine solche Situation geraten? Gleichzeitig wird mir immer unklarer, was Markus’ Mutter mit diesem Besuch gemeinsam mit ihrem Sohn eigentlich bezweckt. Was soll hier abgehen? Was will diese verzweifelte Mutter von mir? Ich bin zwar auch Ärztin und vermag das Puzzle seiner verschiedenen Befunde zu einem schlüssigen Bild zusammenzusetzen. Doch bewegt sich alles, was seine Mutter berichtet hat, außerhalb meiner medizinischen Fachgebiete. Meine Ausbildung als praktische Ärztin liegt lange zurück und im fachärztlichen Bereich bin ich in erster Linie Gynäkologin und nicht Internistin. Außerdem ist das hier eine psychotherapeutische Praxis. Warum eröffnet sie gerade mir das alles?

Noch bevor ich zu einer entsprechenden Rückfrage komme, wird sie dahingehend konkreter. »Das mit dem Magenband klingt ja jetzt wie eine Lösung!«, meint sie, doch ihr Tonfall hat etwas kämpferisch Herausforderndes, so als würde sie die zuvor getätigte Ansage nun in Frage stellen wollen. »Ich habe mich genau erkundigt. Es ist kein unbedingt kleiner Eingriff, aber, wie es scheint, trotz der Nebeneffekte unvermeidbar. Und natürlich nehmen dann auch alle, die so etwas bekommen, drastisch ab. Wobei auch Fälle beschrieben sind, bei denen es nur vorübergehend zu einer Gewichtsabnahme kommt.« Ihr Blick sucht jetzt den meinen, um für das, was jetzt kommen wird, Bestätigung zu finden. »Wissen Sie«, setzt sie im Unterschied zu ihrer vorigen sehr emotionalen Beschreibung der Situation ihres Sohnes nun bedeutend gefasster fort, »Markus’ Gewichtsproblem ist in Wirklichkeit nur die Spitze des Eisbergs, die Gestaltwerdung einer schwer beeinträchtigenden Entwicklungsproblematik.« Sie hält inne. Kurz ist es seltsam ruhig im Raum. Ein Moment gespannter Konzentration entsteht ganz unvermittelt, jene situative Einfrierung des Kommunikationsflusses, die wie ein Anhalten des Atems andeutet, dass das Folgende besondere Aufmerksamkeit verdient.

WARUM WIR EIN NEUES MENSCHENBILD BRAUCHEN UND WESWEGEN ES IN REICHWEITE IST

Eindeutig die beste aller Welten und dennoch ist die Kacke am Dampfen. Wir nehmen lieber gleich volle Fahrt auf …

»Sie sind also Kulturpessimistin.« Diesem Satz, zwar mit fragendem Unterton gestellt, aber als Festlegung gemeint, habe ich mich nach Erscheinen meines letzten Buches bei zahlreichen Gelegenheiten und Interviews stellen müssen. Damals habe ich es am Ende sozusagen als Ausblick geschrieben. Jetzt will ich es als Einleitung und damit als Leitidee für alles Folgende nochmals verdeutlichen: Wir leben in der besten aller Welten, die wir bisher schaffen konnten. Und wir dürfen stolz auf den zurückgelegten Weg sein. Also nicht einmal ein Hauch von Kulturpessimismus!

Machen wir einfach einen hemmungslosen Kassasturz unserer praktischen alltäglichen Lebenssituation und der Basiswerte unserer Kulturkonzeption als postmoderne Technologiegesellschaft am Beginn des dritten Jahrtausends. Nehmen wir einen Notizblock, zücken wir einen spitzen Bleistift und ziehen wir nur das Offensichtliche heran, um den vielen Zweiflern mit Überzeugung begegnen zu können. Wie sieht es mit all jenen Bedrohungen aus, die für alle bisherigen Generationen den Stoff für nachtschwarze Albträume und vernichtende Tragödien bereitgehalten haben?

Als Nummer eins betritt da der Hunger als zuverlässiger Begleiter während unserer gesamten Menschwerdung die Bühne. Und wir können feststellen, dass es so richtig bösen Hunger, den, der Eiweißmangelödeme hervorbringt und damit die berühmten Wasserbäuche der Biafra Kinder, die mir von Schwarzweißfotos meiner Kindheit in Erinnerung sind, Gott sei Dank zumindest zurzeit kaum mehr gibt, auch wenn 815 Millionen Menschen in manchen Zonen unseres Globus nach wie vor schwer mangelernährt und die sozial schlecht Gestellten in unseren Breiten vorwiegend fehlernährt sind. Mein Großvater, der als Zwölfjähriger als ältester der damals für bäuerliche Familien üblichen Schar von Kindern zu einem Bäcker in die Lehre gegeben wurde, hat mir noch erzählt, wie seine jüngeren Geschwister auf der Schwelle des Kleinsiedlerhäuschens seiner Eltern mit dem gestampften Lehmboden hungrig und mit großen erwartungsvollen Augen seiner geharrt hatten, da er manchmal die angebrannten Semmeln heimnehmen durfte. Diese wie alle anderen Szenen hohlwangigen Hungers sind im Dorf meines Großvaters mit seinen schmucken, heute trockenen und mit viel Fleiß und Krediten der Landesregierung sanierten Bauernhäusern mit ihren alten Arkadengängen ganz sicher nicht mehr zu finden. Stattdessen fahren alle in den nächsten größeren Ort, um dort je nach ihrer Börse zwar unterschiedliche Qualität, sicher aber ausreichend Kalorien einzukaufen. Es mag zynisch klingen, aber es sterben heute weitaus mehr Menschen an den Folgeerkrankungen von Übergewicht als an Hunger.

Als Nächstes können wir festhalten, dass wir jene große Geißel der Menschheit mit Namen Krankheit den unterschiedlichsten schrecklichen Peinigern der Vergangenheit bereits so erfolgreich aus der Hand genommen haben, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in unseren Breiten aus heutiger Perspektive durchwegs ein geruhsames Altern in der achten Lebensdekade erwarten lässt, ohne dass man damit gleich zur Rarität wird. Vor etwas mehr als 150 Jahren hat unter anderem die Arbeit des genauso großartigen wie bemitleidenswerten Dr. Ignaz Semmelweis für diesen Fortschritt den Grundstein gelegt. Semmelweis hat die Macht des damaligen Medizin-Establishments herausgefordert, das sich nicht die Hände waschen wollte. Er ist zwar an der Ignoranz seiner Kollegenschaft seelisch zerbrochen und wahrscheinlich sogar über den Umweg der Psychiatrie aktiv zu Tode gebracht worden, doch seine Erkenntnisse über Hygiene haben sich durchgesetzt und sind heute nahezu allen Menschen auf diesem Globus in ihrer Bedeutung nachvollziehbar, eine fixe Grundbastion jeder Krankheitsabwendung. Unsere unstillbare Neugier hat Antibiotika und Hochtechnologiemedizin hervorgebracht. Der damit verbundene Forscherelan hat uns in Einsichtsebenen zu den Zusammenhängen von Krankheiten, ihrer Entstehung und Bekämpfung katapultiert, die noch vor wenigen Generationen schlichtweg Science-Fiction gewesen wären. Das, was noch kommen wird, könnte zwar bedingt durch die Bruchlinie ökonomischer Potenz nur Eliten zugänglich werden, ist aber für jeden aus der heute erwachsenen Generation vom Prinzip und den Möglichkeiten her sogar noch weit mehr als Science-Fiction.

Auch wenn Ebola oder Vogelgrippe in uns planetare Endzeitvisionen hervorrufen, die uns kurz erschauern lassen: Die erfolgreiche Bekämpfung von Epidemien haben wir in der Hand, um nicht zu sagen im kleinen Finger. Und das trotz noch nie dagewesenem globalen Massentourismus. Man braucht das zum Beweis nur mit der großen Grippewelle um die Jahrhundertwende zu vergleichen. Diese soll immerhin noch bis zu hundert Millionen Menschen das Leben gekostet haben.

Große Naturkatastrophen, also Erdbeben, Sturmwinde oder Tsunamis, Zeiten, in denen der Globus sich streckt und uns zeigt, wer wirklich Herr im Haus ist, versuchen wir zumindest vorherzusagen. Im Wiederaufräumen und damit der Schadens- und Leidensbegrenzung sind wir unbestritten ebenfalls die beste aller bisherigen Menschheitsgenerationen.

Wenn wir dann etwas tiefer hinein in den weicheren Schichten unseres kollektiven Seelenlebens schürfen und zu Tage fördern, wie wir unser soziales Leben als Gemeinschaft organisieren, so zeigt sich hierbei ebenfalls Erfreuliches. In der Entwicklung des gesetzlichen Regelwerks als Träger der gesellschaftlichen Werte, also im Umgang miteinander, ist uns grundsätzlich zu attestieren, dass wir einen Weg hin zu Milde und Respekt, zumindest dem menschlichen Leben gegenüber, gemacht haben. Nehmen wir nur die Zeit Maria Theresias her. Sie würde heute gerade mal ihren 300. Geburtstag feiern. Die zu ihrer Zeit durchwegs angestrebte »hohe Pein« wurde aufgehoben. Von Maria Theresia wird berichtet, dass sie angeblich mit ihrer Kutsche an einem Richtplatz vorbeigefahren und von dem dort herrschenden Grauen und dem Gestank derart berührt gewesen sein soll, dass sie eine entsprechende Strafreform anregte, die größere Milde vorsah. Das hieß natürlich nicht, dass eine beherzte Neustrukturierung des Rechtssystems beheizte Gefängnisse hervorgebracht hätte oder die Todesstrafe aus dem damals geltenden Recht verschwunden wäre. Aber immerhin wurde in der Folge zumindest nicht mehr im Gesicht oder auf der Stirn gebrandmarkt. Übrigens: Bevor Maria Theresia intervenierte, hat man auch in unserer Gegend noch gerne aufs Rad geflochten. Um dies tun zu können, musste man zuvor systematisch alle großen Knochen brechen. Unglaublich aus heutiger Sicht, aber vor ein paar Generationen waren wir hierzulande nicht wirklich zart besaitet. Das gilt nebenbei gesagt für ganz Europa.

Und wenn wir uns dann aufmachen und noch weiter, ganz tief hinab ins Untergebälk unseres gemeinschaftlichen Selbstverständnisses steigen und mit unserer Fackel jenen letzten Raum ausleuchten, wo unsere intimsten Grundwerte im sicheren Tresorraum des uns steuernden kollektiven Unbewussten gelagert werden, so finden wir zu unserer großen Freude und vor ein paar Generationen noch genauso unvorstellbar ebenda die Grundtrias von Frieden, Freiheit und Selbstverwirklichung für jeden als Ecksteine unserer gemeinsamen heutigen Identitätskonstruktion. Beflügelnderweise ist uns dies nicht nur mit der Feder des erhobenen Zeigefingers ins schöngeistige kollektive Stammbuch geschrieben, um gleichzeitig unerreichbares Ideal zu bleiben. Vielmehr sind wir mit aufgekrempelten Hemdsärmeln und der uns als Spezies eigenen Begeisterungsfähigkeit auch am Umsetzen unserer Grundüberzeugungen dran. Auch da dürfen wir ruhig etwas genauer hinschauen.

Zum Thema Frieden liest sich die Erfolgsstory der postmodernen Technologiegesellschaft, zumindest was unser Territorium betrifft, wirklich beeindruckend. Dass jedem Menschen dieser Gesellschaft Friede heute grundsätzlich als hohes Gut gilt, ist sonnenklar, ja selbstverständlich. Selbst die scharfzüngigsten Ideologen würden grobe Schwierigkeiten haben, uns davon abzubringen. Wir haben den Frieden einfach als Topkriterium im Organigramm unserer Wertepyramide aufgehängt, als einen der drei Engerln auf der Spitze des Christbaums. Den durchschnittlichen Österreicher lassen heute Religionsfragen oder politische Ideologien, wenn deren Durchsetzung den Frieden bedrohen würde, völlig kalt. Und Gott sei Dank auch die meisten anderen Europäer, zumindest die, die das Sagen haben. Sollte die katholische Kirche zum Beispiel den Zölibat abschaffen wollen oder zu einem handfesten Kreuzzug sagen wir mal nach Syrien aufrufen, fast niemand wäre bereit, dafür auch nur ins kalte Wasser zu springen, geschweige denn in den Krieg zu ziehen. Und auch abseits von Religion, in handfesten politischen, nationalen Streitigkeiten sind wir nicht so weit zu erregen, dass Tschechows Annahme »Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, wird es bis zum letzten Akt abgeschossen!« noch gelten würde. Wir setzen heute auf eine andere Methodik: die der Verhandlung. Wer heute versuchen würde, ernsthaft und glaubwürdig zu versichern, dass bereits untrügliche Zeichen an der Wand stünden, dass Italien mobilmachen wolle, um Österreich oder gar Deutschland den Krieg zu erklären, müsste damit rechnen, nicht als politischer Prophet, sondern als eine im Freigang befindliche Person aus einer psychiatrischen Abteilung angesehen zu werden.

So selbstverständlich dies heute klingt, so sehr war Frieden als Zustand der Gesellschaften in Mittel- und Westeuropa vor weniger als hundert Jahren noch mehr als eine Unterbrechung von Kriegen anzusehen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und dem NS-Regime ist der Frieden hierzulande eine Grunderwartung geworden, auf der man Pläne für die Zukunft zuverlässig gründen kann. Bei den bewaffneten Auseinandersetzungen anderswo sehen diverse Studien in den letzten Jahren eine gleichbleibende Tendenz. Europa sticht als die friedlichste Region weltweit heraus. Der Weg, den wir bis hierher, zu unserer heutigen, allgemein gegebenen Grunderwartung von Frieden, zurückgelegt haben, ist einfach unleugbar großartig. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und verdanken dies großartigen Denkern und Architekten des Friedenskonzepts. Es handelt sich um einen echten Erfolg, einen echten Fortschritt. Unsere Kinder haben nun sogar die Chance, sich zunehmend, durchgehend und grundsätzlich als Europäer und sogar globale Bürger der Weltgemeinschaft mit Weltmitverantwortung zu empfinden. Und hier sind eben nicht nur die Kinder von intellektuellen Eliten in ihren Elfenbeintürmchen gemeint, sondern alle Kinder. Wenn wir es richtig machen! Das soll hier gleich angemerkt werden. Denn genau um dieses Richtigmachen geht es in diesem Buch. Dieses Buch soll das Bewusstsein für den richtigen Weg und das entsprechende Handeln schärfen. Für die gerade heranwachsende Generation wollen wir ein gelungenes Leben in einer Gesellschaft ermöglichen, in der Frieden, Freiheit und Selbstverwirklichung ganz oben stehen und für alle gelten. Das geht jeden an: Eltern und Großeltern, Pädagogen, Politiker und jeden, der sich als aktiver, am Leben teilnehmender Mensch, also als Bürger erlebt.

Doch was sich in meiner Praxis abspielt, bereitet schweres Kopfzerbrechen …

In die gespannte Stille hinein knarzt mein Sofa ganz leise, als würde es stöhnen. Dabei bewegt sich der Riese auf ihm nicht ein bisschen. Er sitzt da, die Hände auf den Knien, wie ein überdimensionierter Buddha und zeigt nicht die geringste Regung.

»Alles hat vollkommen fein begonnen«, beginnt seine Mutter zu erzählen und fügt noch spöttisch hinzu: »Man könnte sogar sagen, es war nahezu ideal, wenn man das gängige, uns aufgeprägte Ideal romantischer Liebe heranzieht.« Die ersten Takte ihrer persönlichen Schicksalssymphonie klingen dann auch tatsächlich nach einer großen klassischen Melodie, die jedem Ohr zu schmeicheln vermag. Durch Fleiß und Intelligenz fällt sie bereits früh auf und schafft den Sprung nach Wien an die Universität aus ihrem kleinen Dorf, das eingemauert zwischen den umgebenden steilen Bergwänden einer beeindruckenden Landschaft liegt, aber sonst für Frauen nur schlecht bezahlte Jobs im saisonalen Gastronomie- und Hotelbetrieb als Übergang bis zur Heirat anzubieten hat. Als Laune des Schicksals könnte man es bezeichnen, dass sie nach Jahren letztendlich wieder in dieses Dorf zurückgekehrt ist. Ausgerüstet mit einem etwas rebellischen Wesen erscheint ihr nach der fünfjährigen Frauenoberschule samt Matura die soziologische Fakultät in Wien mit ihrer bunten Studentenschar und den diskussionsbereiten Professoren als aufklärerischer Tempel gegenüber der engstirnigen Zwangsgesellschaft ihres Heimatorts. Wir bewegen uns am Ende der achtziger Jahre. Das alte politische Gleichgewicht des Schreckens zwischen Ost und West löst sich zu jener Zeit gerade auf, Gender rangiert ganz oben auf der intellektuellen Speisekarte und »grün« wird als Hauptwort großgeschrieben. An der Uni trifft sie Georg, Spättrotzkist, aber bekehrungsbereit, weich, alternativ und allen alten Männlichkeitsentwürfen bereitwillig abschwörend, fast zwei Meter groß, ohne wesentlichen Muskelansatz, dafür mit philosophischem Wallebart und allgemein anerkanntem wortgewaltigen Auftreten. Außerdem gilt er an der Fakultät als Exot. Georg ist gelernter Koch-Kellner und stammt wie Brigitte, Markus’ Mutter, die mir an dieser Stelle erstmals ihren Vornamen verrät, ursprünglich aus einem kleinen Dorf, nur liegt seines in Oberösterreich, nicht in der Steiermark. Die soziale Herkunft verbindet mehr, als man wahrhaben möchte. Im harten zweiten Bildungsweg hat er es bis hierher an die Fakultät geschafft. Damit spannt er einen Bogen zu den sogenannten täglich Werktätigen, der ihn fast in die Nähe jener gerade vom kommunistischen Regime befreiten Werktätigen des ehemaligen Ostblocks rückt. Auf jeden Fall zählt sein Wort in allen Diskussionsforen zur zukünftigen Entwicklung des ehemaligen Ostens besonders und lässt ihn nahezu charismatisch wirken. Auch so kann man historischer Gewinner werden. Als in seiner tabulosen WG ein Zimmer frei wird, zieht sie dort ein, stellt sich den soziologischen Selbstversuchen der Hinterfragung von Verpaarung und erliegt letztendlich Georgs verhaltenem Charme in einer dauerhaften Beziehung. Das senkt zuerst einmal die Kosten und fühlt sich dann auch endlich wieder normal und angekommen an in dieser so neuen, verwirrenden Welt. Die beiden studieren und diskutieren noch viel heftiger, engagieren sich mannigfach politisch im Speziellen und weltanschaulich ganz allgemein. Sie jobben, um sich über Wasser zu halten. Ein Soziologiestudent, der in Mindestzeit studiert, würde sein Fach verraten. Brigittes Eltern werden zunehmend nervös. Sie hätten ihre Tochter sowieso lieber in einem Lehramtsstudium gesehen. Knapp nach ihrem siebenundzwanzigsten Geburtstag hat sie dann endlich einen positiven Diplomabschluss und einen ebensolchen Schwangerschaftstest in der Tasche. Georg reagiert auf die bevorstehenden Vaterfreuden in erster Linie berührt, um nicht zu sagen rührselig und auch Brigitte verbindet mit dem Thema Kinderkriegen zuallererst romantische Vorstellungen. In der aufblühenden, von Wiedervereinigung geprägten gesellschaftlichen Stimmung der neunziger Jahre werden als Leitwerte guter Kindererziehung die Freiheit und Potenzialentwicklung des zukünftigen Erdenbürgers ganz großgeschrieben. Mit dieser neuen Erziehungshaltung als Königspfad sollen sich quasi über die Hintertreppe auch die vorderen Plätze der Lebensbühne, jene der großen Erfolgreichen, sicher betreten lassen. Das leuchtet ein. Denn wer, wenn nicht der, der das tut, was er wirklich will und wirklich gut kann, wäre prädestinierter, ganz vorne mitzuspielen. Das wollen schließlich alle für ihre Kinder in deren zukünftigem Erwachsenenleben. Zumal damals bei aller Freude über die Demontage autokratischer Systeme schon ansatzweise spürbar ist, dass es knapp werden könnte im Rattenrennen um die besten Plätze. Eine von immer rascheren technologischen Fortschritten durchwachsene Zeit mit von allen Seiten pausenlos nachdrängenden vielen Menschen führt zu dieser Zukunftssorge irgendwo in der unbewussten Hochrechnung, die alle Eltern als gefühlte Vorausschau in sich tragen. Die resultierende Zielsetzung der Eltern ist nicht ganz neu. Bei genauerer Betrachtung ist dieses »fit for life« sogar ein ziemlich verschlissener alter, aber bewährter Hut. Neu ist nur die Erziehungsmechanik, die verspricht, angeblich genau dorthin, zu den besten Plätzen, führen zu können. Nicht antiautoritär soll Erziehung jetzt geschehen, also nicht als schnöder Gegenentwurf zum früheren autoritären Erziehungsmodell, das immer noch in einzelnen traditionell strengen pädagogischen Enklaven oder in eigenen biographischen Bruchstücken als schmerzhafte Erinnerung haust. Vielmehr soll sich Erziehung gleichsam von selbst im Vertrauen auf die Selbstentwicklung, mit dem Kind als Taktgeber, ergeben. Das Kind wird als eine Art »emerging theory« begriffen. Eltern übernehmen die Rolle von beobachtenden, aufmunternden und benötigte Mittel zur Verfügung stellenden Begleitfahrzeugen, die Ausrüstung und Nachschub für die Reise liefern. Die Gesellschaft fungiert als eine Art Warner Brothers oder Paramount Pictures Studio für die Inszenierung des Drehbuchs der Selbstentdeckung. Klingt irgendwie sehr gut, sehr frei und sehr schmeichelhaft. Vor allem, dass jeder Mensch ein ganz besonderes, unwiederbringliches, einzigartiges Geschöpf ist, kommt damals ganz groß in Mode. Das gefällt natürlich Eltern, die durchschnittlich nur mehr knapp unter 1,5 Kinder produzieren. Da muss einfach jedes ein Besonderes sein. Brigitte liegt im Trend der Zeit. Und wer, der sich als ernsthafter Mensch im Spiegel wiedererkennen möchte, könnte sich auch so einfach über das gefühlte gesellschaftliche Grundverständnis in dieser Frage von richtiger Erziehung hinwegsetzen, während der eigene Bauch schon Melonenform annimmt. Ein paar Alte vielleicht, wie Brigittes Großmutter, die die Bekanntgabe der Schwangerschaft mit einem trockenen »Zeit war’s und g’heirat g’hört« kommentiert, um sich dann wieder Wichtigerem, eben dem Holzmachen, zuzuwenden. Brigitte will nichts falsch machen. Sie liest jede Menge Schwangerschaftsratgeber und erste Erziehungshandbücher und findet viel heraus. Zum Beispiel über die natürliche Weisheit von Kindern, die sie laut Beobachtungen bei Naturvölkern sogar schon im Krabbelalter davor schützt, in einen Abgrund zu stürzen. Ebenso ermutigend klingt, dass jedes Kind über ein zuverlässiges, inneres Selbstregulationssystem verfügt, das so ziemlich für jede Lebenslage richtigen Rat wüsste. Da ist also ein zuverlässiger Taktgeber, so man ihn nicht zerstört, indem man dem Kind Rhythmus und Zeitabläufe von außen aufdrängt. Das beeindruckt, klingt plausibel und legt gleich auch einen Vergleichsmaßstab für gute Elternschaft fest, den nur mehr Unsensible missachten können. Sorgsame Beobachtung des einem anvertrauten und durch einen selber geschaffenen Wunders liegt als Idealkurs nahe, auch deswegen, um rasch bei der Hand zu sein, um dem Keim eines an die Oberfläche brechenden Talents oder zumindest einer potenziellen Neigung möglichst frühzeitig zum Durchbruch verhelfen zu können. Alles ist bereits im Kind angelegt, muss nur zum Vorschein kommen, sich entpuppen dürfen. Brigitte und Georg ist rasch klar, dass das Ganze vom Start her richtig aufgesetzt werden muss. Natürlich machen sie gemeinsam die Geburtsvorbereitung, lernen richtig atmen und hadern damit, ob sie sich für die sanfte Geburt in einem Geburtshaus oder eine richtige Hausgeburt entscheiden sollen. Es kommt dann alles ganz anders, als Brigitte in der 34. Schwangerschaftswoche plötzlich Fruchtwasser verliert und im Spital aufgenommen werden muss. Ein Nabelschnurvorfall bringt die Seifenblase romantischer Geburtsphantasien zum Platzen. Stephan, Markus’ älterer Bruder, wird per Notkaiserschnitt in einem chromglänzenden, sterilen Operationssaal unter grellem Scheinwerferlicht geboren. Gott sei Dank, wie sich später herausstellt, gesund, wenngleich sehr zart, wird er dem bangenden Georg für kurze Momente in die Arme gelegt, bevor ihn der Neonatologe kassiert und unter seine Fittiche nimmt.

»Wir wollten es einfach wirklich richtig machen mit unserem Kind«, hält Brigitte Rückschau, »besonders nach dem unerwartet dramatischen Start. Stephan ist immer bei uns im Bett gelegen und entweder hatte Georg ihn im Tragetuch oder ich.«

Den unvermeidbaren Umstellungen für die Anforderungen des Lebens mit einem Säugling und den neu hinzukommenden Rollenanforderungen will das junge Elternpaar sehr offen und partnerschaftlich begegnen. Doch der ökonomische Druck belastet schwer und bricht immer wieder in Gestalt von unbezahlten Rechnungen in die familiäre Idylle ein. Letztendlich finden sich Georg und Brigitte, an der soziologischen Fakultät Speerspitzen zum Thema Gender, im pragmatischen Design traditioneller Rollenbilder wieder. Georg hat einen Job in seinem früheren Grundberuf angenommen und Brigitte bezieht Karenzgeld. Mit Sommerbeginn, Stephan ist jetzt gerade sieben Monate, wird dieses Lebenskonzept für beide zu eng. Eine Tour mit ihrem zum Wohnmobil umgebauten, alten VW-Studentenbus wird für beide mehr als nur eine Urlaubsreise. Es wird ein Ausbruch aus dem Würgegriff gesellschaftlicher Verhältnisse. »Wir waren naiv und wollten frei sein«, erläutert Brigitte, »frei für unser Kind. Das war uns vor allem im Hinblick auf Stephan und seine unbehinderte Entwicklung wichtig.« Georg hat von alten Studentenkontakten von einer Kolonie ähnlich denkender Menschen, die in den Pyrenäen in Tipis wie Indianer leben, gehört. Beide fahren mit ihrem Kind und viel Erwartung im Herzen dorthin. Doch als die Sommermonate in diesem wildromantischen Ambiente zu Ende gehen, der erste frühe Frost scharfe Zähne zeigt und Georg und Brigitte erkennen, dass die in dieser Gruppe etablierten tribalistischen Sozialstrukturen recht weit entfernt von den vorgegebenen demokratischen, gemeinschaftlichen Ideen wurzeln, ist für beide klar, dass eine Rückkehr in die beheizte Bürgerlichkeit vorzuziehen ist.

Manchmal kommt das Leben ganz unerwartet daher. Dann trifft einen die Erkenntnis der grundsätzlichen persönlichen Bedeutungslosigkeit im Gesamtkosmos derartig durchgreifend und niederschmetternd, dass ein Festhalten an der zuvor vermeinten Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz nahezu unmöglich erscheint. So muss es Brigitte und Georg gegangen sein, als sie das traf, was keine Mutter oder Vater zu Ende denken wagen: »Es war auf dem Rückweg«, hält sie sich an den Fakten fest. Ihre Stimme hat jenen tonlosen Klang, der andeutet, dass der Sprecher darum ringt, emotionale Distanz zum Erzählten zu halten. »Wir waren bereits in Italien und todmüde. Wir haben uns einen guten Platz zum Stehenbleiben und Übernachten auf einem beleuchteten Parkplatz gesucht. Ich habe Stephan gestillt und er ist an der Brust eingeschlafen. Er ist zwischen uns auf der Matratze gelegen. Am Morgen war er einfach tot.« Stephan ist neuneinhalb Monate, als er am plötzlichen Kindstod verstirbt. Georg und Brigitte bleiben starr und ohnmächtig zurück. Beide müssen durch eine strenge polizeiliche Untersuchung. Die Obduktion von Stephan wird angeordnet. Obwohl nach Wochen endlich die behördliche Bestätigung kommt, dass kein Fremdverschulden vorliegt, sehen sich Georg und Brigitte bei der Beisetzung ihres Kindes nicht nur Anteilnahme gegenüber. Vor allem von Georgs Familie kommen massive Vorwürfe wegen des Aufenthalts in den Pyrenäen. Besonders Brigitte wird wegen einer vermeintlichen Nichterfüllung ihrer Mutterpflichten angegriffen.

Fünf Monate später ist Brigitte wieder schwanger. Georg reagiert diesmal in seiner Freude gedämpft, er hat den Tod des Sohnes bei weitem noch nicht verkraftet. Doch Brigitte ist rasend in ihrem Kinderwunsch. »Obwohl mir klar war, dass ein totes Kind nie und nimmer durch ein neues ersetzt werden kann, war ich manisch von dem Gedanken erfasst, wieder Mutter werden zu müssen. Es war, als würde da ganz tief in mir und trotzdem außerhalb meiner Steuerung, abseits meiner Vernunft, ein Programm ablaufen, das auf nichts anderes ausgerichtet war, als ein Kind zu produzieren. Es war wie eine Fernsteuerung. Jeden Morgen bin ich schon mit diesem Gedanken aufgewacht. An keinem Kinderwagen konnte ich vorbei, ohne zu denken: Das will ich auch wieder. Das muss ich haben«, beschreibt sie ihre damalige Haltung freimütig. Diesmal bleibt nichts dem Zufall überlassen. Die Schwangerschaft unterliegt einer durchgerasterten, lückenlosen Überwachung und Markus wird vorsorglich per Terminkaiserschnitt »geholt«. Auch in den ersten beiden Lebensjahren ist Markus die Praxis seines Kinderarztes wegen zahlreicher rückversichernder Untersuchungstermine wesentlich vertrauter als anderen Kindern, die nur entlang der Leitlinie der vorgesehenen Impf- und Mutter-Kind-Pass-Termine dort aufkreuzen. Brigitte entwickelt sich zu einer Mustermutter, pädagogisch stets auf dem allerletzten Erkenntnisstand und in jedem das Thema Kind auch nur annähernd streifenden Lebensbereich grundsätzlich am Ball.

… und dennoch ist die Kacke am Dampfen

Die Kinder der postmodernen Globalisierungsgesellschaft wachsen so behütet wie noch keine Generation vor ihnen auf. Von der Empfängnis über Schwangerschaft bis zur Geburt bestimmen Planung, Überwachung und Optimierung ihr Werden. Und dann geht es erst richtig los. Wirklich bewusste Eltern haben schon längst und ausgiebig das Internet nach einem originellen Namen für ihr Kind durchforstet. Über dessen identitätsspendende Bedeutung wissen sie Bescheid. Und auch sonst wird viel und früh gefördert. Musisches Talent wird geweckt, wo es vielleicht noch schlummern wollen würde. Kreativkurse werden belegt, sobald das Babyschwimmen erfolgreich absolviert ist. Die neoliberale Gesellschaft spannt individuelle Förderung und maximale Wahlfreiheit als neue Paradigmen auf und bietet damit Schirmherrschaft für die neue Betriebsmechanik gelungener Elternschaft. Die neuen Paradigmen bieten massig Platz für wohlredende Experten und zwielichtige Geschäftemacherei, womit wiederum Eltern unter Druck geraten können. Lang schon lernen Kinder nicht mehr zwischen Wünschen und Bedürfnissen zu unterscheiden. Diese entscheidende Differenzierung den Kindern beizubringen, haben viele Eltern aufgegeben. Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Doch in einer Zeit, in der nichts mehr fix, alles möglich und der Ausgang ungewiss ist, werden Orientierung und Klarheit zur Mangelware. Eltern reagieren stark verunsichert.

Eltern sollten zuallererst Beziehungsexperten für ihr eigenes Kind werden und dabei eigenen Hausverstand, Herz und Hirn zu Rate ziehen. Stattdessen vertrauen sie zunehmend auf äußere Vorgaben und Erfüllungsnormen, die es zu absolvieren gilt. Für diese Vorgaben findet sich stets eine Fülle gefälliger Referenzen, so die entsprechenden Studien gut bezahlt wurden. Unter dem Deckmantel von Freiheit und individueller Förderung wird daraus ein übles Spiel. Eltern und Pädagogen wird der Platz des Steigbügelhalters zugewiesen, der dafür verantwortlich ist, ob dieses Kind einmal sicher im Sattel sitzen wird. Ein hoher Druck lastet auf allen Protagonisten. Jedes Kind muss ein »besonderes« sein, ein Prinz oder eine Prinzessin, ein Einstein oder Bernstein oder sonst eine Größe, die in ihm schlummert. Dass diese Größe vorhanden ist, steht vorderhand außer Zweifel. Alle Beteiligten wirken poliert und enthusiastisch, denn all der Aufwand und die Investitionen müssen aus sich selbst sinnbegründend sein. Platz für Verzweiflung ist erst nach Mitternacht, dann wenn unsere anonyme Online-Beratung seit fast einem Jahrzehnt traditionell die meisten Zuschriften erhält. Das Kind mutiert zum Geschäftsfall, der entsprechend der vorgegebenen Leitlinie korrekt abgehandelt wird und an dem so mancher Industriezweig gut verdient. Damit ist auch die Haftungsfrage wie schon auf TÜV-zertifizierten Spielplätzen, Gott sei gelobt, gleich mitbehandelt. Nur schade, dass diese wohldesignten Anlagen kein richtiges Kind wirklich hinter dem Ofen hervorzulocken vermögen.

Und auch die Institutionen geraten unter Druck. Nicht unbedingt nach entwicklungspsychologischer, aber dafür nach wirtschafts- und damit gesellschaftspolitischer Ansicht sollen Institutionen immer früher ins Leben unserer Kinder treten. Wirklich punkten kann eine frühkindpädagogische Einrichtung heute allerdings nur mehr mit Native Speaker zur frühestmöglichen Sprachförderung und extracurricularem Angebot, auch wenn diese Leistungen im neuen Dienstleistungsverständnis von Kinderentwicklung und Erziehung extra zu bezahlen sind. Das schafft natürlich weiteren Druck und Neid, vor allem bei jenen, die sich das ganze Karussell rund ums Kind nicht leisten können. Soll es auch. Und die öffentlichen Einrichtungen, da in ihrem Dunstkreis natürlich jede Menge Wahlvolk herumlungert, bemühen sich dann, ganz schnell nachzuziehen. So schnell, dass sie ihren eigentlichen Auftrag, jenen der ersten Sozialisation zu einer friedlichen Gemeinschaft, bei all der Portfolioarbeit und individuellen Förderung und Selbstbestimmung des Kindes gar nicht mehr reflektieren können. Dafür wird vorsorglich sensorisch integriert, motopädagogisch vorgestellt und zur Logopädie überwiesen, damit auch alles als bedacht erfasst ist. Die Kindergartenpädagoginnen sollen so lückenlos dokumentieren, dass sie gar keine Zeit mehr finden, all die Übungen und Anforderungen umzusetzen, selbstredend natürlich individuell und auf das einzelne Kind hin zugeschnitten.

Etwas später halten dann schlaue Pädagogen haufenweise Arbeitsblätter bereit und achten auf transparente Notengebung nach ausgefeiltem Punkteschema, um am Elternsprechtag vor den Angriffen von Eltern geschützt zu sein, die sich in Didaktik eingelesen haben. In ihrer kargen Freizeit träumen diese Pädagogen von durchgerasterten, zentralen Übungs- und Prüfungsvorgaben nicht nur zur Zentralmatura. Wer seine Burnout-Prophylaxe ernst nimmt, macht Dienst nach Vorschrift. Denn es könnte gefährlich werden, sich auf Schüler einzulassen, wenn es schiefläuft sogar bis zu parlamentarischen Anfragen führen. Wer will das schon durchstehen müssen. Da müsste man schon eher zum Revolutionär geboren sein und nicht zum Lehrer.

Noch dazu muten die Kinder heute rasch sehr widerspenstig und bereits sehr früh ganz seltsam erwachsen an, auch wenn sie es ganz im Gegenteil oft viel weniger sind als Gleichaltrige früherer Generationen. Manche vermögen sogar ihren Harndrang zu Schuleintritt noch nicht einmal über die unendliche Strecke einer gesamten Schulstunde zu regulieren und bestehen getreu dem Ideal der Selbstbestimmung fünfmal auf der Pipibox. Das Chaos fliegender Blätter und sich auflösender Unterlagen sowie unüberblickbarer Abgabetermine für Hausaufgaben beherrscht für viele den Schulalltag dann auch noch in Zeiten, in denen sie als Jugendliche bereits Ausgehmöglichkeiten verhandeln. Dafür verfällt der Gebrauch eines differenzierten Wortschatzes zunehmend, was allerdings in den wirklich wichtigen Lebensräumen der Social Media nicht auffällt und durch Emojis ausreichend ersetzbar erscheint. Und sinnerfassendes Lesen ist sowieso nur mehr etwas für Streber.

Betrachten wir das ganze Treiben rund ums Kinderkriegen und Kindererziehen unter den gängigen Gesichtspunkten von Nützlichkeit und Zielerreichung. Sieht so das Profil erfolgreicher Zukunftsgestalter aus? Oder betrügen wir unsere Kinder, indem wir das Konsumentenlied einer Spaßgesellschaft bereits an ihrem Kinderbettchen summen, wahnhaft meinen, einen besonderen Genius in ihnen finden zu müssen und das Training antiquierter Sekundärtugenden für verzichtbar erklären? Wenn sie dann schlecht vorbereitet in der harten Realität der hinter der Spaßgesellschaft auf sie wartenden Steigerungsgesellschaft aufschlagen, eröffnet sich in ihrer mangelnden Selbsterhaltungsfähigkeit die ganze Misere ihrer verbrauchten Kindheit. Dann enthüllt sich, dass unsere Gesellschaft wirkliche Achtung und echten Schutz der Lebensphase Kindheit über Bord geworfen hat und diese stattdessen verwaltet und als Industriezweig vielfach ausbeutet.

Übergewichtig und essgestört, von vielerlei Verhaltensauffälligkeiten geplagt, von Schlafstörungen gezeichnet, leistungsverweigernd und dafür chillbewusst, sich von der Gesellschaft abwendend, noch bevor sie ihren eigenen Platz einnehmen konnten und vielfach nicht zu bändigen oder tyrannisch in ihrem Auftreten, so treten uns immer mehr Kinder und Jugendliche entgegen. Das Zustandsbild eines nicht unerheblichen Prozentsatzes unserer Kinder gibt zu denken. Es nützt nichts, dies zu verleugnen. In Kindergartengruppen und Schulklassen ist die Befundlage mehr als eindeutig. Wer es gerne wissenschaftlich verbrämt hat, braucht sich nur die gerade in die Fachöffentlichkeit entlassene, erste österreichweite epidemiologische Studie zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen in der Altersgruppe der 10- bis 18-Jährigen ansehen: Knapp 24 Prozent der Kinder und Jugendlichen dieser Altersgruppe leiden aktuell an einer psychischen Erkrankung. 36 Prozent geben sogar an, nach eigener Einschätzung schon einmal eine psychische Störung gehabt zu haben. Prost Mahlzeit! Unsere armen Kinder! Jedes einzelne dieser beeinträchtigten Kinder ist eines zu viel. Die postmoderne Technologiegesellschaft entfernt sich augenscheinlich immer weiter von »artgerechter Haltung und Aufzucht« ihrer Kinder.

Die Tyrannenkinder sind die lautesten, die uns die Misere mit ihrem Verhalten als großen Spiegel ins Gesicht drücken, damit wir als Gesellschaft unsere Fratze der Verantwortungslosigkeit erkennen. Den Kindern stehen Schutz, Geborgenheit und Leitung als Grundrechte zu. Die Tyrannenkinder stoßen uns vor den Kopf, damit wir wahrnehmen, wie wir sie in einem grausamen Disneyland alleine lassen. Sie sind die wahren Dissidenten dieser Gesellschaft, Propheten, die unsere erwachsene Generation zur Handlung aufrufen und dazu, endlich unsere Verantwortung zu übernehmen. Sensitiv, sensibel und wahrnehmungsstark, wie die meisten von ihnen sind, ausgerüstet mit einem starken Grundempfinden für Gerechtigkeit und Werte, jedes von ihnen Veteran einer persönlichen Geschichte des Im-Stich-gelassen-worden-Seins, steckt gerade in diesen Kindern ein Schatz: der starke, unabschüttelbare Aufruf, die Gesellschaft und deren Marschrichtung neu zu überdenken. In diesem ihrem Auftreten, dessen eigentliche Botschaft es zu dechiffrieren gilt, steckt der Code zum notwendigen neuen Menschenbild. Dass sie uns oft an den Rand der Verzweiflung und die Grenze unserer Belastbarkeit zu bringen vermögen, unterstreicht nur die Dringlichkeit. Denn jedes einzelne Kind kann für die Zukunft entscheidend sein.

Die Menschheit ist das extremste Phänomen auf diesem Globus. Unseren Ahnen war einst die Position irgendwo in der Mitte der Futterkette zugedacht. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit und für kein anderes Wesen auf diesem Planeten nachahmbar ist es dem Homo sapiens gelungen, sich in die oberste Spitzenposition zu katapultieren. Vergleichsweise in der Periode eines Wimpernschlags sind seit unseren Anfängen Bevölkerungszahl, Wirkmächtigkeit und Geschwindigkeit des Technologiefortschritts explodiert. In der Verschraubung dieser Wirkfaktoren hat der Mensch diesen Globus nicht nur zu einem einzigen Ökosystem zusammengeschweißt. Durch sein Wirken erscheinen auch alle Pufferkapazitäten der Natur nahezu ausgereizt. Wenn Agent Smith aus Matrix in der berühmten Szene des Verhörs von Morpheus den Menschen mit einem sich raubtierhaft ausbreitenden Virus vergleicht und als Krankheit, als Krebs der Erde und eine Plage beschreibt, scheint es, als hätte er recht. Doch er unterschätzt den Menschen, beschreibt damit nur den bis gerade eben von der Evolution favorisierten, weil bisher überlebenstüchtigen Homo sapiens bestialis. Dieser muss jetzt durch ein neues Menschenbild ersetzt werden, soll unsere Spezies weiter im Rennen bleiben. Denn weder Mauern noch Waffen vermögen das Ungleichgewicht auf unserem Planeten auf Dauer in Schach zu halten, noch eine drohende Erschöpfung der Natur aufzuhalten. Vieles weist darauf hin, dass nur das Mindset des Homo sapiens socialis, des integrierten, sozialen Menschen, dasjenige sein wird, das dem weiteren Bestehen unserer Art auf diesem Globus den Weg zu bereiten vermag. Und alleine die Gesetze der Evolution, die nur den tatsächlich Fittesten, der die wirklichen Anforderungen begreift, bevorzugen, haben das letzte Wort.

Ein Quantensprung, ein immer wieder in unserer Entwicklung als Menschheit aufgetretenes Phänomen, muss her, diesmal einer des Denkens. Auf den Schultern der kommenden Generation wird die gesamte Verantwortung dafür lasten und sie braucht Vorbereitung für ihre Aufgabe. Die Tyrannenkinder spüren den gravierenden Mangel an Vorbereitung, also Erziehung, am stärksten.

Dieser Text möchte ein Plädoyer für die Utopie der Entwicklung des Homo sapiens socialis sein. Dieser neue Mensch ist bei genauem Hinsehen bereits in vielen bewussten Menschen sichtbar: sowohl als Forderung als auch in gelebten Ansätzen eines respektvollen Grundumgangs mit sich selber, mit anderen und mit den Ressourcen der Natur.

Außerdem befasst sich dieser Text mit der praktischen Realität der Vorbereitung unserer Kinder, also mit dem Thema Erziehung im Zeitalter von Globalisierung und Hochtechnologie. Wie können wir mit der nächsten Generation vermehrt reflexive, kollaborativ agierende, kommunikationsgewandte Teamspieler hervorbringen, die ihre Hand stets am Puls von Natur und Gesellschaft haben? Wir werden Menschen benötigen, die es vermögen, ihr eigenes Kompetenzprofil angepasst an die jeweiligen neuen Anforderungen umzugruppieren. Die es verstehen, rangierend, je nach Inhalt, Führung und Position sinnvoll und mutig Aufgaben zu übernehmen und auch wieder an den Nächsten weiterzugeben, statt in konkurrenzorientierten Grabenkriegen ihre Energien zu vergeuden.

Wie müssen wir die Tyrannenkinder ansprechen, um ihnen den richtigen Wirkraum eröffnen zu können, der ihrem eigentlichen Potenzial entspricht? Was müssen wir tun, damit nicht noch mehr Kinder diesen steinigen Weg gehen müssen, statt leichtfüßig in die tatsächliche Kraft einer integrierten Persönlichkeit zu kommen?

Eltern und Familie, Institutionen und Politik, ja jeder, der Weltbürger sein möchte, muss die Verantwortung für unsere Kinder spüren und sie ernst nehmen. Das hoch interdependente, biosoziale Ökosystem Erde wird immer komplexer. In einigen Jahren wird nur mehr der Homo sapiens socialis im Zusammenwirken von Hand, Hirn und Herz in der Lage sein, die zum Wohle von Menschheit und Umwelt richtigen und notwendigen Entscheidungen zu treffen. Das ist meine Überzeugung!

Für alle jene, die davon ebenso überzeugt sind, habe ich diesen Text geschrieben und für alle jene, die bereit sind, darüber ernsthaft zu diskutieren.

Die Familie als potenzielles Schlachtfeld

»Ich möchte Ihnen unsere Geschichte schonungslos offen erzählen«, betont Brigitte. »Und danach sage ich Ihnen, was ich von Ihnen in Bezug auf meinen Sohn möchte.«

Ich habe es für heute endgültig aufgegeben, in dieser Begegnung mit Markus und seiner Mutter noch die Spielregeln einer Therapiesitzung realisieren zu wollen. Ich muss mir sogar meine Aufregung eingestehen, vielleicht anhand der Geschichte, wie sich Markus und seine Familie im Strom ihrer Biographie durch diese Gesellschaft bewegt haben, Einblicke in jenes verschraubte Übergangsfeld zu bekommen, in dem Gesellschaft und Individuum miteinander im Ringen liegen. Also lehne ich mich jetzt einfach zurück und folge dieser Einladung, ihren inneren Seziersaal zu betreten, um der anatomischen Freilegung der Misere beizuwohnen. Möge kommen, was da wolle. Wir haben noch knapp eine halbe Stunde Zeit.

Georg, der als Soziologe nicht wirklich adäquat Fuß fassen konnte, ist über die Rolle des Familienerhalters im Familienleben zunehmend in den Hintergrund getreten. Nicht ganz unfreiwillig, denn irgendwie gelingt es ihm nicht, sich auf das neue Kind so unbeschwert einzulassen wie auf das erste. Eine feine Bruchlinie zeichnet sich in der Beziehung zwischen Georg und Brigitte ab. Als Georg für sieben Monate auf einem Kreuzfahrtschiff anheuert, sieht Brigitte in erster Linie den positiven wirtschaftlichen Aspekt dieses Engagements. Nach Georgs Rückkehr ist aus der Bruchlinie in der Beziehung ein solider Graben geworden. Markus ist inzwischen dreieinhalb Jahre alt, ein aufgewecktes Kleinkind, gewohnt, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen und verwöhnt zu werden. Der Kindergartenbesuch steht vor der Tür. Die Eingewöhnung gestaltet sich als äußerst schwierig, weil Markus stark an seiner Mama hängt, der Kindergarten anderseits auf ein rasches Verabschiedungsritual drängt. Gott sei Dank bietet Graz diverse pädagogische Alternativen und nach zwei weiteren Versuchen findet sich nach einem turbulenten Jahr endlich eine feine, wenngleich teure, private Kindergarteninitiative. Markus steht einfach gern im Zentrum der Aufmerksamkeit, kann kaum zurückstehen und ist leicht gekränkt, wenn andere nicht so wollen wie er. Dann fällt es ihm schwer seine Enttäuschung zu kontrollieren. Er spuckt und beißt, was zwar nicht mehr seinem Lebensalter entspricht, aber ganz genau dazu passt, dass es ihm auch an jeglicher Ausdauer für Spiele fehlt; von den Anforderungen, die ein Puzzle an ihn stellt, ganz zu schweigen. Brigitte ist heilfroh und Georg bezahlt es zähneknirschend, dass in der endlich gefundenen Einrichtung alles »spielerisch« und vom Kind selbst reguliert abläuft.

»In Wirklichkeit war das eine Art Disneyland-Diktatur, die dort gelebt wurde. Die Pädagoginnen waren eher Ringrichterinnen, die in erster Linie darauf geachtet haben, dass nichts passiert und sonst einfach nur ›Angebote gesetzt haben‹, wie das so wunderschön geheißen hat. Die Kinder sollten alles frei wählen. Gemeinschaft, sich anpassen, das war ganz und gar kein Thema. Es ging nur um Kreativität und Selbstentwicklung«, zieht sie mit recht bitterem Ton das Resümee. »Das sind doch auch sehr gut klingende Worthülsen. Finden Sie nicht? Und ich bin da voll dahintergestanden. Das war für mich wirklich die ideale Umgebung für Markus. Im Vorschuljahr hat er dann seine Position gefestigt und ist auch wirklich gern dorthin gegangen.« Die Entspannung an der pädagogischen Front wird im familiären Feld allerdings von einer gegenteiligen Entwicklung konterkariert. Georg und Brigitte weichen einander schon seit geraumer Zeit immer mehr aus. Brigitte hat einen schlecht bezahlten Zwanzig-Stunden-Job als Schreibkraft bei einem Anwalt und versorgt den Haushalt. Georg arbeitet, um den Finanzbedarf der Familie decken zu können, mit steigenden Überstunden im Gastgewerbe. Ihr gemeinsamer Berührungspunkt ist Markus, den sie beide als emotionales Zentrum sehen. Doch die Wochenenden verbringt Brigitte zunehmend mit Markus bei ihren Eltern irgendwo zwischen der Pack und Wolfsberg. Georg besucht dann häufig seine Eltern in Oberösterreich. Wenn er Markus mitnehmen will, gibt es zumeist Streit. Die Trennung wird schließlich unabwendbar. Doch statt die gewünschte Entspannung herbeizuführen, verschärft sich die Situation dramatisch. Brigitte ist der Ansicht, dass ihr Sohn zuallererst zu ihr gehört, was ihr zu diesem Zeitpunkt auch niemand außer Georg ernsthaft streitig machen will. Wenn ihm sein Bekennen zum Sohn wirklich ernst ist, soll Georg doch die Familie wie bisher großzügig und nicht nur gesetzeskonform finanzieren. Hierin vertritt Georg eine eindeutig gegenläufige Meinung. Er will, wenn er den Sohn nicht ausreichend betreuen darf, nicht mehr als vom Pflegschaftsgericht festgelegt berappen, was ihm zu diesem Zeitpunkt wiederum niemand außer Brigitte ernsthaft streitig macht. Beide finden ausgezeichnete Sekundanten in Gestalt kampfbereiter juristischer Beistände und Markus mutiert unversehens vom bestgeförderten zum übelst umstrittenen Kind. Brigitte nutzt ihre Macht als beschneidender Zensor in Georgs Zugang zum Sohn. Georg wiederum dreht virtuos an der Stellschraube Geld. Dieses wird vor allem auch deswegen knapp, weil die vielen Anträge, Verhandlungstage, Vor- und Nachbesprechungen, die Telefonate mit den Rechtsanwälten, die zu erstellenden Gutachten und deren Erörterungen und all die anderen Rechtsmittel und Kosten von Nebenverfahren Unsummen verschlingen. Georgs Eltern, die in Brigitte ein purpurrotes Tuch sehen, unterstützen den Kampf ihres Sohnes gegen die entfremdende, böse Mutter, die sich um ihren ersten Enkel wohl nicht ausreichend gekümmert hat. Und auch Brigittes Familie verkauft schließlich, was an Wald und Wiese vorhanden ist, um ihrer Tochter und den Enkel vor dem Zugriff des feindlichen Vaters zu schützen. Brigitte arbeitet jetzt Vollzeit und immer noch schlecht bezahlt, was das Alltagsleben, mit allen als Alleinerzieherin auch allein zu bewältigenden Anforderungen, nicht erleichtert, sondern für gefühlten Dauerstress und Zeitdruck sorgt. »Es war wie ein jahrelanges Leben in einem schwarzen Tunnel«, beschreibt sie es. »Bei jedem Gang zum Postkasten diese Verkrampfung, ob wieder ein neues Anwalts- und Gerichtsschreiben gekommen ist. Bei jeder Kindesübergabe die innerliche Spannung, ob es wieder zu einer Feindseligkeit kommt. Es war einfach verrückt. Wirklich verrückt!« Und in all dem Wahnsinn war Markus genau dazwischen, eingeklemmt, wie zwischen zwei Mühlsteinen, die sich gegengleich bewegen. Niemand hat dem Einhalt geboten. Es ging immer ums Rechthaben, auch wenn sich das Verfahren über Jahre zog und von den realen Sachverhalten längst überholt wurde. »Und dieses viel zitierte Kindeswohl, das können Sie mir glauben, ist dabei vollkommen unter den Tisch gefallen. Dafür Abhilfe zu schaffen, was dieser ganze Wahnsinn für Markus und sein alltägliches Kinderleben bedeutete, hat sich kein Mittel gefunden.« Brigittes Bitterkeit ist auch heute, da Markus selber schon erwachsen ist, noch deutlich zu spüren.

Dass das Kindeswohl hier irgendwie gröblich, und zwar in grundsätzlicher, weit über die Trennung der Eltern hinausreichender Form beeinträchtigt sein muss, ist auch Markus’ Klassenlehrerin klar. Markus fehlt es an Konzentration und Aufmerksamkeit. Noch in der zweiten Klasse gelingt es ihm nicht, den Drang, auf die Toilette zu gehen, über die Dauer einer Schulstunde hinweg sicher zu regulieren. Selbstbeherrschung ist überhaupt keine an ihm hervorstechende Eigenschaft. Wenn er etwas mitzuteilen hat, tut er es ungefragt und reagiert auf jede Begrenzung beleidigt oder wütend. Auch fehlt es ihm an der notwendigen Ausdauer, um ein Arbeitsblatt wirklich zu Ende zu bringen, was sich nicht mit dem reklamierten erhöhten Bewegungsdrang erklären lässt. Auch die ihm erteilte Erlaubnis, in der Klasse herumzugehen, bewirkt keine Veränderung zum Positiven. Es sieht so aus, als könne er die ganzen in ihm aufkeimenden Bedürfnisse und Impulse selber nicht wirklich unter Kontrolle halten. Mit viel Nachsicht und pädagogischer Bemühung kommt Markus dank seiner augenscheinlich hohen intellektuellen Kapazität noch erfolgreich durch die Volksschule.

Eine neue Chance und Aussicht auf eine völlig veränderte Lebenssituation ergibt sich, als Brigitte das Haus ihrer Großmutter in ihrem Heimatort erbt und ihr eine ehemalige Schulfreundin beim Maturatreffen eine Vertrauensposition anbietet: im Speditionsbetrieb, den sie gerade gemeinsam mit ihrem Bruder vom Vater übernommen hat. Brigitte ist in Aufbruchsstimmung. Das neue Szenario verlangt zwar großen zukünftigen Einsatz, verspricht jedoch gleichzeitig, viele Probleme zu lösen. Der neue Wohnort rückt sie und Markus gute weitere achtzig Kilometer aus dem Umkreis von Georg weg. Zwar bedeutet der Arbeitsplatzwechsel an den Klagenfurt vorgelagerten Unternehmensstandort fast sechzig Kilometer täglicher Fahrtstrecke in eine Richtung. Doch erscheint das Leben im eigenen Haus und in unmittelbarer Nähe zu ihren sie unterstützenden Eltern im Vergleich zur Enge der Grazer Wohnung paradiesisch. Und Markus würde in das fünfzehn Kilometer entfernt liegende Gymnasium gehen können, in dem ein Cousin von Brigitte gerade einen Posten als Lateinlehrer übernommen hat. Das Leben würde mit diesem Schritt sicher besser werden und Markus könnte durch die Naturnähe des Wohnorts vielleicht von selbst zu mehr Sportlichkeit finden und abnehmen. Denn Gewicht beginnt hier an der Schwelle zur Pubertät bereits ein am Horizont aufleuchtendes Thema zu werden. Markus hat entdeckt, dass Essen beruhigt, und zwar wirklich zuverlässig, wenn man nur genug und möglichst kontinuierlich isst. Stress hat er im Umfeld des Elternstreits und der mannigfachen Schulanforderungen von Einfügung, Leistungserbringung und ungewohnter Selbstbeschränkung genug. An Süßes oder vollmundige Snacks durchgehend heranzukommen, ist für ihn kein wirkliches Problem.

Georg schäumt. Wie nicht anders zu erwarten, fasst er die Verlegung des Lebensmittelpunkts von Brigitte und Markus als gezielten Schlag gegen ihn und seine Bemühungen auf, seine Vaterschaft zu leben. Von den Gerichten ist er als Vater ebenfalls schwer enttäuscht, fühlt sich benachteiligt und unter ungerechtfertigtem Beweiszwang, während Brigitte Mutterbonus kassiert. Gerade jetzt erscheint es ihm wichtig, für den heranwachsenden Buben als Vater ausreichend in Erscheinung treten zu können. Die beiden Wochenenden, die ihm zugestanden sind, vergehen jedes Mal rasend schnell. In der Verzweiflung des ungerechtfertigt Weggesperrten spielt er die männlich kameradschaftliche Allianzkarte etwas zu laut, indem er Markus darin bestärkt, bereits selbständig zu sein, und seinen Wünschen großzügig nachkommt. Beim Vater ist High Life vom Feinsten angesagt: Kino oder Erlebnisparks, aufbleiben, so lange es Spaß macht und gemeinsames Videospielen bis die Fingergelenke krachen. Essen darf Markus beim Vater natürlich auch, was er will. Wenn so wenig Zeit zur Verfügung steht, muss einfach alles hineingepackt werden, was Spaß macht. Das ist eigentlich auch verständlich. Genauso, dass die kostbaren Wochenenden durch Schularbeitsvorbereitungen oder Referatsrecherchen nicht beeinträchtigt werden dürfen. Dieser Teil bleibt Brigitte. Ebenso die vielen vergeblichen Versuche auf Markus einzuwirken, endlich mehr Sorgfalt auf seine Selbstorganisation aufzuwenden. Er ist zwar nach Meinung seiner Lehrer ein kognitiv durchwegs sehr begabtes Kind. Doch seine Mängel in den Bereichen Selbstmanagement, Aufgabenorganisation, Ausdauer, Aufmerksamkeit und Konzentration sind echte Dämpfer und nicht dazu angetan, ihn im Lehrkörper Beliebtheitsmedaillen gewinnen zu lassen. In der Klassengemeinschaft gilt er als Kasperl und Riesenbaby, wird in der Unterstufe geduldet und ist zu einem sozialen Kleeblatt mit zwei anderen Jungs verbunden. Als beide Burschen in der Oberstufe in weiterführende technische Schulen wechseln, findet sich Markus in der fünften Klasse unversehens in einer Außenseiterposition wieder. Sein Herumhampeln kommt unter den Gleichaltrigen nicht mehr an. Die weiteren zehn Kilogramm, die er während der Sommerferien zugelegt hat, zementieren ihn in der Klassenchronik endgültig als »Fettsack«. Wer will schon dauernd »Fettsack« genannt werden, noch dazu in allen Kanälen der Social Networks, die das Schulleben so bietet. Und wer will in einer Zeit, in der das andere Geschlecht zum ersten Mal interessant wird, sich mit einem »Fettsack« sehen lassen. Der Ton in der Peergroup ist äußerst rau, die Umgangsregeln nicht unbedingt dem Humanismus abgeschaut. Während der nächsten Jahre wird jeder Wachstumsschub, der Markus schließlich Ende der siebenten Klasse bereits seinen Vater einholen lässt, von einem mindestens gleichwertigen Breitenwachstum ausgeglichen. Die Ernährungspyramide kennt er nicht nur aus dem Biologieunterricht auswendig. Dennoch vergeht keine Pause, in der er sich nicht aus dem Süßigkeiten- oder Getränkeautomaten bedienen würde. In den höheren Klassen holt Markus, wenn die Wartezeit auf den ersten Frustdöner nach der Schule zu lange erscheint, in den umliegenden Bäckereien nach, was er morgens im Vorbeigehen vergessen hat. Schrittweise gibt Markus auf. Er beginnt, sich zurückzuziehen. Längst hat er sich auf kluge Absenzen-Planung verlegt, um die soziale Ächtung erträglich zu halten. Das Thema Gesundheit steht jetzt bereits mit Leuchtschrift als Warnsignal an der Wand. Häufige offizielle Untersuchungstermine, Brigitte, die ihm die Stange hält, und ihr Cousin, der im Lehrkörper um Verständnis für die Situation von Markus wirbt, erzeugen eine Balance, die es Markus ermöglicht, in allen Fächern den Abschluss zu schaffen. Mehr will er zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr, eher weniger, am besten in Ruhe gelassen werden. Am wohlsten fühlt er sich in seinem Zimmer an seinem PC. Da kann er in Spielewelten abtauchen und sich mit anderen vernetzen. Da sieht ihn keiner und jeder respektiert ihn, denn er hat Meisterschaft in all den virtuellen Welten erlangt. Auf den verschiedenen Levels versteht er es, sich leichtfüßig zu bewegen. Brigitte ihrerseits hat lange Arbeitstage, verdient jetzt aber um vieles besser, ja hat sogar Karriere gemacht, was natürlich »All In«, also keine extra Überstundenabgeltung bedeutet, doch zumindest vieles ermöglicht. Wie den letztendlich unergiebigen Gitarre-Unterricht, das nachfolgende Schlagzeug und auch ein glänzendes Saxophon. Allesamt Versuche aus einem vagen Interesse ein Talent heranzuziehen. Aber Üben war noch nie Markus’ starke Seite. Das aufkeimende Gefühl von Anstrengung gemischt mit Langeweile hat schließlich allen Versuchen, musisches Talent in solide Instrumentenbeherrschung zu transformieren, das Genick gebrochen. Einfach zu wenig Reiz! Da ist eben das Spielen am PC, der Spielkonsole, dem Handy oder wo auch immer ganz anders geschnitzt. Selbstversorgung ist für Markus kein Problem, solange nur genügend Tiefkühlpizza, Lasagne oder andere Mikrowellenfertiggerichte zu Hause gebunkert sind. Im schlimmsten Fall lässt er sich etwas liefern. Eigentlich ist ihm sogar lieber, wenn Brigitte spät heimkommt. Und seinen Vater, der ihm nun auch immer wieder ins Gewissen zu reden versucht, meidet er inzwischen auch ziemlich konsequent. Das früher so harmonische und geeinte Gefüge zwischen Mutter und Sohn kommt zunehmend unter Druck. Brigitte versucht, Markus’ Internetsucht zu begrenzen und erleidet in dieser Konfrontation eine Niederlage. Markus ist bereit, in diesem Fall zum Äußersten zu gehen. Im heftigen Streit kommt es sogar zu einem körperlichen Übergriff. Beide sind erschüttert, aber ratlos. Brigitte zieht es vor wegzusehen. Der unausgesprochene Deal bleibt, dass Markus seine Spielsucht so weit kontrolliert, dass er ausreichend für die Matura lernt. Diese schafft er mit Mühe, was die Gesamtsituation jedoch keineswegs bessert. Markus verweigert jegliche eigenständige Lebens- und Zukunftsplanung. Er fühlt sich bereits angekommen. Für alles Weitere fehlen ihm Antrieb und Vision. Er bleibt einfach zu Hause. Weder für einen weiteren Bildungsgang noch für die Aufnahme irgendeiner Tätigkeit ist er zu begeistern. Meistens spielt er die ganze Nacht, geht gegen fünf oder sechs Uhr morgens, knapp bevor seine Mutter aufsteht, zu Bett und beginnt am mittleren Nachmittag wieder zu spielen. Brigitte ist verzweifelt. Georg, zu dem sie nun zum ersten Mal wieder außergerichtlichen Kontakt aufgenommen hat, ebenso. Jetzt, nach Jahren und unter dem Druck der Bedrohlichkeit der Situation für ihr Kind, beginnen Georg und Brigitte eine gemeinsame Familientherapie. Damit gelingt es ihnen, zumindest als Eltern geeint aufzutreten. Markus kommt geringfügig in Bewegung und aus seinem Bau heraus. Er stimmt der Magenbandoperation zu. »Er würde schon gerne ein anderes Leben haben, nur wisse er nicht wie«, fasst Brigitte die Ergebnisse der vorbereitenden Gespräche mit dem Chirurgen zusammen. Der hat sie darauf hingewiesen, dass Markus seinen Beitrag leisten müsse, um aus dieser Chance eine dauerhafte positive Lebensveränderung zu machen.

Während der letzten Worte seiner Mutter löst Markus seinen Blick endlich vom Teppichmuster, das sich nun wohl schon in sein Gehirn eingebrannt hat, und schaut mich fragend an.

Ich spüre einen soliden Kloß im Magen.

Die spürbare Verunsicherung

Trotz aller zu bescheinigender Großartigkeit des Erreichten beschleichen viele Menschen zunehmend kummervolle Nachdenklichkeit und ernsthafte Bedenken bezüglich der Zukunft. Wie gemunkelt wird, lauert die nächste Weltwirtschaftskrise bereits hinter der nächsten Ecke. Daraus resultiert ein seltsamer Anachronismus. Wir befinden uns gleichsam in einer beständig um sich selber kreisenden und sich selbst bespiegelnden, feiernden Salongesellschaft, die ihre Schöngeistigkeit wie ihren üppigen Lebensstil hinter gut verschlossenen Türen und abgehoben vom Rest der Welt zelebriert, während draußen die Pferde der apokalyptischen Reiter immer lauter und nervöser mit ihren Hufen scharren. Wenn murmelnde Besorgnis die Feststimmung zu trüben droht, findet sich immer wieder jemand, der den Musikern Geld zusteckt, damit sie lauter spielen. Auf gefälligen Nebenschauplätzen lassen sich dann zur Ablenkung heftige Diskussionen führen, erregte Stellungnahmen verfassen und Kommissionen einberufen, die dann wiederum allgemeine Befragungen des Volkes oder zumindest die von Anrainern als demokratische Referenz empfehlen, zu so wesentlichen Themen wie der Ausweitung von Fußgängerzonen. Und wer dann noch das Bedürfnis hat, sich an wesentlichen Inhalten der Gesellschaftsentwicklung zu beteiligen, kann als Meinungsbildner in gesamtnationalen, über angeblich politische Medienformate geleitete Diskussionen und Abstimmungen versuchen, zur Lösung von so wesentlichen Fragestellungen beizutragen, wie jener, ob ein veganes Hochzeitsbuffet der Feier zuträglich sei oder ob man einem in flagranti erwischten Partner noch eine Chance geben solle. So sind dann alle mit sich selber beschäftigt: Jene, die drinnen im Salon der postmodernen Technologiegesellschaft sitzen, mit der Hochdrehung ihrer Selbstoptimierung. Und jene, die draußen die zunehmende Verwüstung des Globus durch Naturkatastrophen, Verpestung von Wasser und Luft und soziale Ungleichheit erleben, immer mehr mit blankem Überleben.

Der Spielplan der reichen Technologiegesellschaften führt zu einer immer schärferen Polarisation der Welt, die noch dazu über das Internet live in jede noch so entlegene Jurte, windschiefe Plattenbausiedlung oder mondänes Chalet übertragen wird. Die Musik im Festsaal lauter zu drehen, kann nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass sich immer mehr schrille Untertöne und Missklänge beimischen. Die Tänzer wirken zunehmend bemüht und eckig, längst haben die Pirouetten, mit denen sie die Zuschauer beeindrucken wollen, ihre Eleganz verloren, sind zu lächerlichen Gesten einer morbiden Grundstimmung geworden. Angst vor der Zukunft, die mit lauter, poltriger Festtagstimmung in Schach gehalten werden soll, ja das blanke Entsetzen dessen, der keine Alternative kennt, als am weiteren Untergang mitzubauen, ist in den überschminkten Augen zu lesen. Die Weltwirtschaftskrise als einmaligen bedauerlichen Fauxpas der globalen Finanzmärkte zu deuten, gelingt nicht einmal dem chronisch Naiven. Und die Behauptung, dass es Lehman Schwestern besser gemacht hätten als Lehman Brothers, steht auf dünnen Beinen. Zu sehr stehen die beiden Geschlechter bei aller sonstigen Ungleichheit im engen Schulterschluss ihrer psychischen Struktur, wenn es um Gier und Macht geht. Es wird gemurmelt, dass es der jetzt bereits im jungen Erwachsenenalter angekommenen, nächsten Generation als erster seit dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich schlechter gehen wird als ihrer Elterngeneration. Angesichts der Mietkosten für Wohnraum und sonstiger Grundkosten in Relation zu Einstiegsgehältern wird klar, dass es zum seltenen Luxus geworden ist, ein wirtschaftlich selbständiges Leben mit der früher üblichen Aufstiegsperspektive zu führen. Glücklich kann sich schätzen, wer seinen Standard zu halten vermag. Der verdeckte Abstieg eines Mittelstandes, der die Anreizperspektive verloren hat, scheint gerade stattzufinden, wie hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wird. Junge Akademiker, natürlich mit Auslandssemester und einer Palette von Zusatzqualifikationen, bleiben am besten gleich in ihrem Wohngemeinschaftszimmer und stellen sich auf Praktikantenstatus bis zumindest Anfang dreißig ein. Irgendwie scheinen viel zu viele Menschen für viel zu viele falsche oder bereits überholte Berufsbilder ausgebildet zu werden und müssen diese Passungsdifferenz mit eigenem Lebensleistungsverlust und mühseliger Nachschulung bezahlen. Als neuer Selbständiger kann man ganz in der Manie des amerikanischen Traums sein Glück versuchen, sollte dabei allerdings mitbedenken, dass man im Gegensatz zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten unter europäischen Verhältnissen ein üppiges, beschränkendes Regelwerk im Tornister mitschleppt. Auf einem immer weiter schrumpfenden Markt mit vormals sicheren Jobs wird heute sogar dort mit der Etikette »sei Dein eigener Unternehmer« geworben, wo früher gesunde Identifikation mit dem Arbeitsplatz als Angestellter gereicht hat. Dass die ganzen Vorteile des »freien Unternehmertums« auch gehörig lahmende Pferdefüße gerade für jene bereithalten, die nicht unbedingt als schillernde, risikobereite Entrepreneur-Persönlichkeit geboren wurden, erleben dann viele auf ihrem steinigen Weg. Tatsächliche existentielle Sorgen muss man sich um einen nicht unbedeutenden Teil der gerade heranwachsenden Kinder machen, die als verhaltensoriginell oder auch emotional variabel, lange hochgehalten und als eventuell verkappte Genies der Zukunft uminterpretiert werden; wenn man hochrechnet und ihre Defizite im Bereich von Grundkompetenzen schonungslos anspricht, sogar ernsthafte Sorgen, und zwar durchgehend, nicht nur in rasch weggedrängten Stunden tiefer Erschöpfung. Das alles schafft Frustration, bei zunehmend vielen Menschen sogar zunehmend tiefe. Also haben wir zur Ablenkung diese Spaßgesellschaft erfunden. Die hat für jeden etwas bereit, womit sich Begehrlichkeiten erzeugen und Unterhaltung erzielen lassen. Und ganz nebenbei hat sich unter diesem Titel eine Drift in Richtung »leichter Leben« ergeben. Denn seit es um Spaß geht, wirkt der auf Hingabe, Verfeinerung und ausdauernde Beschäftigung gründende und sich nur auf diese Weise einstellende Genuss wie eine altmodische, mühevolle Verwandte, die den Anschluss an die neue Zeit verpasst hat. Und weil es sich auf diesem Vereinfachungsfahrwasser, auch wenn es flach ist, so fein segeln lässt, geht es heute auch nicht mehr um Leistung in dieser Steigerungsgesellschaft, die »immer höher, immer größer und immer mehr« als allein selig machende Zielsetzung suggeriert, sondern stattdessen um Erfolg. Das scheint zugegebenermaßen ein feiner, fast haarspaltender Unterschied zu sein, ist jedoch genauso fundamental, wie ein zarter Riss in einem Raumanzug. Denn wenn alleine der Erfolg gesehen wird, und nicht mehr auf welche Weise er erzielt wird, öffnet dies der dunklen Seite hemmungsloser Konkurrenz und bösartigem Aus-dem-Feld-Schlagen jede Tür. »Schau, dass du immer vorne bist und gesehen wirst«, sagen wir schon unseren Vorschulkindern, um sie richtig in die Wertekultur der Erwachsenen einzuführen. Und statt uns mit dem sperrigen und mühevollen Erwerb von Wissen zu belasten, setzen wir auf Infotainment, Aufbereitung von Themen in kleinen, gefälligen Informationsbruchstücken in aufregender und unterhaltsamer Verpackung, möglichst linear in der Darstellung. Nur bitte nichts Komplexes, denn das könnte mühevoll und damit sogar fad werden und unsere immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen überfordern, wenn da nicht am besten alle paar Sekunden ein Knaller, der uns einen Kick vermittelt, mitverpackt ist. Dass wir uns damit nur mehr sehr oberflächlich mit den uns umgebenden Dingen, auch jenen, die unser Leben bestimmen, auseinandersetzen, tut nichts zur Sache und ist vielleicht auch nicht ganz unerwünscht. Wer will schon Tiefe? Und wer will denn dafür noch Zeit aufwenden? Den mündigen Bürger verankern wir lieber per Werbespot im gesellschaftlichen Bewusstsein, auch wenn er nur eine Pappfigur ist.

Nur den Kindern, die noch ganz frisch auf dieser Welt sind und ihre Spielregeln verstehen wollen, fällt das ganze widersprüchliche Treiben auf. Gerade die sensiblen und stark spürenden, jene, die zukünftig zu den Besten zählen könnten, werden unruhig und schließlich laut. Denn sie fühlen sich nicht aufgehoben, sondern im Stich gelassen. Sie merken, dass sie der ganze Gesellschaftsbetrug dann, wenn sie einmal ihre Kinderstuben verlassen haben werden, mit voller Härte treffen wird. Man muss augenscheinlich ein Kind sein, um zu spüren, dass hier etwas bereits gefährlich grob aus der Balance gerutscht sein muss, wenn die reichsten zweiundsechzig Personen auf diesem Erdball heute zusammen bereits über mehr Ressourcen verfügen, als dreieinhalb Milliarden Menschen gemeinsam besitzen.

Bei meinen Vorträgen landauf und landab habe ich reiche Erfahrung damit gemacht, was es bedeutet, einerseits davon zu sprechen, dass dies angeblich die beste aller Welten sein soll, und anderseits die Misere unserer Kinder als Krise unserer Gesellschaft aufzuzeigen, durchwegs belegbar mit Zahlen, aber noch viel wichtiger mit realen Referenzerfahrungen jedes Einzelnen im Saal. Der erste Punkt führt für sich genommen zu Widerspruch bei vielen, die dann nur stirnrunzelnd auf das Nord-Süd-Gefälle unserer Welt und seine Sprengkraft verweisen, der zweite Punkt hingegen zeitigt konsensuelle Betroffenheit und Empörung.

Auf Ersterem beharre ich trotzdem, denn es sind eindeutig wesentlich schlimmere Alternativen vorstellbar. Und gerade der Common Sense des offiziell angestrebten Wertekanons unserer Gesellschaft weist ja als Entwicklungsweg, wie bereits beschrieben, in die richtige Richtung. Beim Zweiten teile und unterstütze ich die Empörung, verbitte mir jedoch jegliche Form von Defätismus mit Rückzug in die Schrebergartenidylle samt neuem Heimwerkerprojekt als beschäftigender Ablenkung. Hier möchte ich Tatkraft sehen und Handlung erleben!

Wir alle sind aufgerufen, unseren Wertekanon auch wirklich zu leben und an unsere Kinder weiterzuvermitteln. Dies gilt insbesondere für den Wert der Freiheit, der, wie mir scheint, im Verhältnis zwischen Eltern, Pädagogen und Kindern oft missverstanden wird.

Im Fall der Freiheit handelt es sich für unsere postmoderne westliche Technologiegesellschaft um einen unhinterfragbaren Grundwert, der in allen Menschen- und Kinderrechtskonventionen eine Basisforderung ist. Als freier Westen haben wir nach dem Fall der autokratischen Regime im Osten eine enorme historische Stärkung unseres kollektiven Selbstbewusstseins bezüglich des Werts der Freiheit erleben dürfen. Wir haben es immer gewusst, haben die Rohrstaberl-Mentalität und die lange Zeit nur leise hinterfragte g’sunde Watschen aus unserem Gesellschaftsleben verbannt und unsere Hoffnung in das Konzept des erhobenen Hauptes des freien Menschen gesetzt. Mit Recht, wie wir gesehen haben, als endlich die autoritären Schreckensregime hinter dem Eisernen Vorhang zerbröselten und wie Sandburgen im Gezeitenwechsel verschwanden. Und der ehemalige Osten hat ohne Atempause begonnen, sich unsere Seinsweise und Wertewelt als neues Kleid begierig überzustreifen. Gibt es eine größere Bestätigung als jene, wenn andere einem nacheifern und einen sogar imitieren wollen?

Auch in Sachen Selbstverwirklichung kann uns keiner nachsagen, dass wir dieses Thema nicht mit Nachdruck realisieren würden. Vielleicht geht sogar unsere Veranlagung zum Homo ludens mit vielen von uns durch, wenn wir meinen, wirklich alles unbedingt ausprobieren zu müssen, und wenn so mancher sich zur eigenen schillernden Selbstinstallation aufschwingt. Das dürfte einer Begriffskonfusion zwischen Ego und Selbst geschuldet sein. Doch sollten wir hierbei nicht allzu streng sein, denn als Spezies befinden wir uns ja auf einer ständigen Entwicklungs- und Anpassungsreise in unserer spezifischen Umwelt. Verirren und Verlaufen gehören eben auch dazu, selbst wenn die bedauerlichen Exemplare mit egomanem Selbstentwurf, der sie von tiefer Beziehungsfindung mit anderen Menschen ausschließt, nur Belustigung und Abschreckung produzieren. Man riecht ihnen eben bereits hundert Meter gegen den Wind an, dass es sich hierbei mehr um eine Sackgasse mit Ablaufdatum im persönlichen Ableben handelt, als um eine taugliche Variante mit erfolgversprechender Breitenwirkung für unsere Spezies. Dennoch sind Respekt und Achtung vor der eigenen Wahl auch für diese Form der freien Selbstverwirklichung aufzubringen, zumindest solange sie anderen nicht schadet.

Fassen wir es beherzt und klar zusammen: Es steht alles zum Besten! Das Projekt Menschheit lässt sich mit Blick auf das Datenblatt des Erreichten und vor der Blaupause der Pyramide unserer Grundbedürfnisse doch wohl als voller Erfolg verkaufen und ein etwaiger Erbauer des Weltenalls kann sich beruhigt in seinem Polstersessel zurücklehnen. Zucker und Fett sind erstmals gefährlicher als Schießpulver. Im Verhältnis zu Vorgenerationen mit ihrer Fähigkeit zu eruptiver kollektiver Heftigkeit bis hin zu Hexenjagd und Lynchjustiz wirken wir vielleicht als etwas gleichgültig oder auch als in der Fühltiefe im Spektrum eingeschränkt, sind dafür aber sanftmütig und zartbesaitet. Wir packen heute nicht mehr unseren Picknickkorb und unsere Kinder, um als sonntägliche Nachmittagsvergnügung einer Handvoll Verbrennungen auf dem Scheiterhaufen, ein paar Räderungen und den Enthauptungen der Verurteilten der letzten Woche in Jahrmarktstimmung auf der Blutwiese beizuwohnen. Als Relikt dieser Sensationslust haben sich ein paar von uns gerade noch die Angewohnheit erhalten, Unglücksfälle und Verletzte rasch mit ihrem gezückten Handy einzufangen.

Also nochmals explizit als Ansteckvignette zusammengefasst: Frei, selbstverwirklicht, sanft und chillig sind wir in dieser postmodernen Technologiegesellschaft heute unterwegs und auch immer zu gebotener Unterhaltung bereit. Mit einer Handvoll Happypillen für untertags und ein paar Rotweingläsern abends bügeln wir dann die dicke Daunendecke, die wir über all das andere gebreitet haben. Über das, was wir nicht sehen wollen, weil es uns Angst macht und weil wir nicht wissen, wie wir es anpacken sollen. Wenn da nur nicht diese Tyrannenkinder wären, die uns in unserer lässigen Gemütlichkeit aufstören und herausfordern, ja zwingen, unsere großen, dunklen Hollywood-Sonnenbrillen abzunehmen und endlich hinzuschauen.

Die Herausforderung

»Auch wenn es ganz anders gekommen ist und ich mein Soziologiestudium nie beruflich verwertet habe«, fährt Brigitte nun fort, »so hat es mich doch zu einem wachen Menschen gemacht.«

Nach dieser Einleitung bin ich echt gespannt, wenngleich auch grundlegend darüber verwirrt, was sich heute in dieser Sitzung in meinem Praxisraum ganz außerhalb der mir gewohnten Form abspielen soll.

»Die Prozesse von persönlicher Individualisierung im Spannungsfeld gesellschaftlicher Entwicklungen seit dem Mittelalter bis zu unserer postmodernen Technologiegesellschaft haben mich immer sehr interessiert«, setzt sie fort. »Dazu habe ich auch meine Abschlussarbeit vor mehr als zwanzig Jahren geschrieben, wobei der Stand der Forschung damals natürlich noch ein anderer war. Und ich bin seither auch am Ball geblieben, wenngleich nur für mich privat.«

Das habe ich nicht erwartet. Hier geht es ganz augenscheinlich nicht um einen Versuch, irgendeiner anderen Person Schuld an der bestehenden Misere zuzuschieben, wie das heute so modern und schlau ist, um daraus einen Opferstatus zu generieren. Hier geht es um Aufdeckung von Mechanismen, vielleicht sogar um schonungslose Analyse des eigenen Selbst im bestehenden Gesellschaftslabor. Ich spüre, wie mein Puls schneller wird und mich eine jagdhundartige Wachheit befällt.

»Die Situation meiner Familie, meines Sohns und mir, ist einfach nur ein Extrembeispiel«, illustriert sie mit bitterem Lächeln und selbstironischem Unterton, so als werfe sie sich vor, gerade als Soziologin die Entwicklungen nicht ausreichend vorhergesehen zu haben. Bemüht, jeden Zweifel sofort auszuräumen und ihre Verantwortung klarzustellen, schießt sie sogleich nochmals explizit nach: »Ich hoffe, Sie verstehen mich. Ich versuche ganz sicher nicht, meinen Beitrag an der bestehenden Situation abzuleugnen oder die Tatsache abzuwehren, dass es letztendlich alleine an Markus liegen wird, ob er die Möglichkeiten, sein Leben zu verändern, sehen und ergreifen wird können. Aber wir leben in einem komplexen gesellschaftlichen System, das viele von uns mit mannigfachen Alltagsmechanismen gängelt. DAS ist mir wichtig aufzuzeigen! Das muss endlich bewusst gemacht und angesprochen werden. Wir alle müssen begreifen, dass wir unter dem Druck von fragwürdigen Erfolgsnormen und einem Lebenstempo stehen, das jedes Nachdenken oder gar Nachspüren verhindert. Längst ist unser Wertesystem purem Utilitarismus, also Nützlichkeit, Konsum und Gewinn unterworfen, auch wenn wir uns als Gesellschaft ein dekoratives, ablenkendes Spitzenkleidchen von Humanismus, Helfersystemen und Minderheitenstreichelei angezogen haben, um so einer Demaskierung vorzubeugen. Das Ganze führt, sosehr es sich auch Freiheit und Individualität auf die Fahne geheftet hat, ganz im Gegenteil zu einem Verlust selbständiger Lebensgestaltung und macht in der ein oder anderen Weise krank.« Brigitte ist in ihrem Referat jetzt eindeutig in Fahrt gekommen. Markus stiert dagegen weiterhin konzentriert auf den Teppich vor sich und bevor ich noch einhacken kann, drängt es sie, fortzufahren. »Betrachten Sie andererseits die Entwicklungen des Systems Familie, so werden Sie feststellen, dass hier diese gesellschaftlichen Mechanismen in ganz besonders formender Weise auf die Alltagskultur und das Selbstverständnis Einfluss nehmen. Familie ist zu einem kleinen, löchrigen Kahn geworden, in vielerlei Weise leckgeschlagen und anfällig und steht ohne nennenswerte personelle Unterstützungskapazitäten aus der Stammfamilie da. Wo finden sich heute noch Familien mit einem halben Dutzend Geschwistern, die zum Beispiel im Falle eines Schicksalsschlags zusammenstehen können. Und ideologisch, was die Entwicklung des Wertefundaments der nächsten Generation betrifft, hat Familie als Instanz ebenfalls ausgedient. Moderne Medien haben im Leben unserer Kinder die Vormundschaft übernommen und die Peergroups der Gleichaltrigen geben in Sachen Orientierung den Ton an. Wirklich erschreckend an der ganzen Entwicklung finde ich, dass viele Kinder in diesem Gesellschaftsklima von Beginn an nur mehr als Konsumenten aufgesetzt werden. Mit Outlook und dem Besitz von Konsumgütern punktet man heute. Das ist doch bitte das falsche Betriebssystem, nach dem hier Menschen geformt werden. Und wenn Sie es heute als Mutter oder Vater richtig machen wollen, bekommen Sie mit bestem Wollen, größtem Einsatz und Selbstverzicht, genauso wie ich, den Platz als Schmiermittel dieses Räderwerks zugewiesen, das die Zukunftschancen vieler unserer Kinder zerreibt, bevor sie ihr vielgelobtes Potenzial überhaupt in Besitz nehmen können. Und dabei glauben Sie noch als Mutter oder Vater, dass Sie alles für Ihr Kind richtig machen, wenn Sie den ganzen Schrott kaufen. Bis Sie herausfinden, dass dem nicht so ist, ist dann schon viel falsch gelaufen. Die Kinder werden seltsam, auffällig, entwicklungsbeeinträchtigt und unselbständig. Wir rasen offenen Auges, mit einem Lächeln im Gesicht, mit besten Absichten und im Glauben, noch nie so frei und individualistisch das Leben gestaltet zu haben, gegen die Wand!«

Auch wenn ich versuche, nicht aus meiner therapeutischen Rolle zu fallen, muss ich mir eingestehen, dass vieles von dem, was Brigitte gerade erwähnt hat, eine Glocke in meinem Inneren anschlägt, von deren Klang ich mich nicht abzuwenden vermag. Ich habe sie beschrieben, die Tyrannenkinder, als lauteste Protagonisten des Leidens der Kinder in einer Gesellschaft, in der es Kindern so gut geht wie noch nie zuvor, in der sich Holzspielzeug aus zur richtigen Mondphase geschlägertem Werkstoff neben der letzten Generation teurer Elektronik in von Designern und Feng-Shui-Beratern eingerichteten Kinderzimmern wiederfindet. Alles, vom richtigen Empfängniszeitpunkt bis zum Hochschulabschluss, über Talente-Förderung bis zum Selbstwert-Boost, ist durchgerastert, geplant und mit der wohlmeinenden Intention der Optimierung versehen. Dieses System setzt Eltern unter Druck, dies alles zu leisten und zu bezahlen. Und wie sieht das Ergebnis dieser enormen Bemühung aus? Unsere Kinder sollten, bei all dem Aufwand des um sie Kreisens als ausgeglichene, wissenshungrige, neugierige Schulkinder vor Brillanz und Potenzialentwicklung nur so strahlen wie frischpolierte Pokale und dann im positiven Sinne selbstbewusst, schaffensfreudig, kreativ gestaltend und mit leistungsfreudig aufgekrempelten Hemds- und Blusenärmeln selbstverantwortlich weiter in ihr junges Erwachsenenalter voranschreiten, um mit dem Muskelvibrieren losstürmender Jagdhunde endlich die Zügel der Gesellschaftsgestaltung aufnehmen zu können. Stattdessen scheinen immer mehr Kinder auf der Strecke zu bleiben. Sie leiden an Schlafstörungen, Übergewicht, Verhaltensoriginalitäten, psychosomatischen Auffälligkeiten, Entwicklungsverzögerung, Leistungsverweigerung oder manifester Antisozialität und müssen zum Boxenstopp auf die Psycho-Couch, statt draußen herumzutollen und begreifbare Erfahrungen zu sammeln. Paradox bei all dem Einsatz! Dass heutige Eltern ihre Kinder weniger lieben als Vorgenerationen, können allenfalls jene unterstellen, die sich nicht einmal ansatzweise mit der entsprechenden Literatur auseinandergesetzt haben. Und dass Kinder heute weniger Möglichkeiten bekommen oder materiell geringerer Aufwand betrieben würde, lässt sich ganz sicher auch für den Durchschnitt nicht feststellen. Das Problem wird also immer unverständlicher. Mehr elterliche Investition im Rahmen der gesellschaftlich allgemein als wesentlich anerkannten Parameter führt zu weniger Ergebnis. Statt Erfüllung des Erziehungsauftrags »fit for life« durch Autonomie und selbständige, eigenverantwortete Lebensgestaltung steigt die Zahl junger Menschen, die als prolongierte Nesthocker mit Frühpensionsphilosophie zu bezeichnen sind. Noch in ihren späten Zwanzigern oder gar länger warten sie als Jo-Jo-Erwachsene, wie die Soziologie sie benennt, auf ihr Taschengeld von den Eltern oder die segensreiche Zuwendung von Oma. Auch Markus, der jetzt dazu übergegangen ist, seine Nervosität damit auszudrücken, dass er mit großer Intensität seine Hände abwechselnd knetet und verschraubt, wie dies unruhige, zappelige Fünfjährige tun, wenn ihre Mutter sich mit jemandem unterhalten möchte, wirkt ganz sicher nicht wie ein junger Mensch, der auf seinen zugegeben schwer belasteten eigenen Beinen stehen und sein Leben selbständig bestreiten könnte. Vielleicht lohnt es also, sich mit dem, was man gesellschaftliches Grundklima nennt, zu beschäftigen, mit dieser seltsamen Matrix von kollektiv geteilten und als selbstverständlich erlebten fixen Überzeugungen. Es geht dabei um dieses scheinbar Unhinterfragbare, um das, was uns im Alltagsleben gar nicht wirklich bewusst ist, worauf sich jedoch jeder mit dem Brustton unerschütterlicher Überzeugung in einer Diskussion als letzte Wahrheit beruft und den Rand der Erdscheibe erreicht zu haben meint, wenn er sagt: So ist das eben! So funktioniert das eben!

»Nehmen Sie meine Familie, sehen Sie sich an, was bei uns passiert ist und Sie werden exemplarisch verstehen, was ich meine.« Brigitte kommt zum Abschluss. »Das ist alles, das gesamte Puzzle aus Verführung, Eitelkeit, Rechthaberei gegenüber dem anderen Elternteil, Erfolgs- und Konsumdruck, dem Wunsch, als Mutter eine perfekte Note zu bekommen, einer Gesellschaft, in der Gemeinschaft kaum noch existiert und der Verkettung von Lebensumständen und nicht immer günstig verlaufenen lebensentscheidenden Momenten. Und hier auf Ihrer Couch sitzt das Ergebnis, mein Sohn, der die ganze Fehlleitung mit seinem Leben Gestalt werden lässt und das nicht ist, was er in allererster Linie als nächste Generation werden muss: nämlich selbständig.«

Es entsteht eine Pause, in der ich mir denke: Jetzt wird sie mir endlich sagen, was sie eigentlich von mir will. Und so kommt es auch.

»Ihnen geht es doch um den Menschen«, stellt sie mich explizit auf den Prüfstand. »Ich habe Ihr Buch über die Tyrannenkinder gelesen und Sie bei einem Ihrer Vorträge dazu gehört. Sie sprechen ein Gesellschaftssystem an, das unsere Kinder in ihrem natürlichen Aufwachsen stört und nicht den notwendigen Schutzraum für die Phase Kindheit bietet. Sie wollen damit aufrütteln. Ich glaube, dass Sie meinem Sohn weiterhelfen können. Und ich glaube, dass Sie den Menschen noch viel deutlicher in den Details zeigen müssen, was in dieser Gesellschaft passiert. Sie wollen doch mehr, als nur Bücher schreiben?«

Das ist es also. Darauf wollte sie die ganze Zeit hinaus. Soziologisches Fachwissen und persönliche Bedrängnis verdichten sich zu dieser Frage, die keine ist. Wie die Drohung einer Entlarvung bleibt sie im Raum hängen. Ich merke, wie mein Mund trocken wird. Diese Frau versteht es, mich in die Zange zu nehmen. Sie ist konfrontativ, ja herausfordernd, so als wolle sie die Lauterkeit meiner Person bis in ihre tiefste Schicht überprüfen. Gleichzeitig fühle ich diese appellierende Verzweiflung, die mich zu einer Art letzter Chance für ihren Sohn werden lässt. Von allen Möglichkeiten, eine Therapie zu beginnen, die schlechteste Einstiegssituation. So unbehaglich habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Ich spüre einen soliden Fluchtreflex in mir aufsteigen. Sogar irrationaler Ärger über meine unschuldige Assistentin, die diese Terminvereinbarung zu verantworten hat, flammt kurz auf. Ich blicke verstohlen zu Markus hinüber. Der studiert schon wieder völlig sinnbefreit mein Teppichmuster. Wahrscheinlich will er nur raus hier. Die nächste Bäckerei ist gleich gegenüber. Und dann schnell wieder im Zocken versinken. Die Szene hier geht mir gehörig gegen den Strich. Mein Anspruch an mich selbst macht die Sache nicht einfacher. Souverän bleiben muss ich in jedem Fall. Alles andere würde mir später leidtun. Aber deswegen muss ich diese Herausforderung noch lange nicht annehmen. Was ich für Markus, diese fleischgewordene, zementierte Ausweglosigkeit, tun können soll, ist mir schleierhaft. Der Junge ist ja nicht mal bereit, mit mir Augenkontakt aufzunehmen, hat längst resigniert, nur seine Mutter will das wohl nicht sehen.

Sie, die diese gesamte seltsame Sitzung gestaltet hat, bleibt auch jetzt initiativ. »Sie müssen das natürlich alles mit Markus alleine psychotherapeutisch angehen. Das ist mir klar. Ich habe deswegen, weil wir ja von auswärts kommen und ich das gut planen muss, mit Ihrer Assistentin bereits ein paar weitere Termine für die nächsten Wochen vereinbart.« Sie wirkt spürbar zufrieden, hat alle Fäden in der Hand.

Jetzt fühle ich mich echt überrollt, wie die sprichwörtliche Maus in der Falle. Susanne wird sich etwas von mir anhören dürfen. Einfach so weitere Termine vorab zu vereinbaren. Mein Ärger lodert genauso unprofessionell wie äußerlich unsichtbar in mir auf. Allerdings, wenn ich ehrlich bin, kann Susanne nichts dafür. Es gibt keine entsprechende Weisung an sie. Es ist einfach noch nie vorgekommen, dass jemand noch vor der ersten Sitzung gleich weitere vereinbart. Diese Frau muss sich sehr sicher sein, dass ich die Richtige für ihren Sohn bin. Oder sehr verzweifelt sein. Da Letzteres wahrscheinlicher ist, wäre es jetzt untragbar, sie in den verbleibenden zwei Minuten samt ihrem Riesenkind, das seltsam widerständig seine Resignation zu verteidigen trachtet, aus meiner Praxis zu jagen und die vereinbarten Termine wieder abzusagen.

Kurz darauf gehen die beiden. Der überdimensionale junge Mann ploppt durch die schmale Eingangstür. Noch nie ist mir so bewusst geworden, dass der Zugang zu Altwiener Bürgerwohnungen zwar optisch mit ausladender Breite besticht, aber für gewöhnlich doch recht schmal gehalten wird, weil nur ein Flügel öffnet.

Als auch seine Mutter draußen auf dem Gang steht, dreht sie sich nochmals zu mir um, fixiert durchdringend meinen Blick und reicht mir so, als würde sie mir ein Versprechen abnehmen wollen, erneut die Hand. »Überlegen Sie bitte«, meint sie mit ernster Stimme, »wie Sie etwas tun können, um deutlich zu machen, was in unserer Gesellschaft läuft. Die Feinmechanik dieses Systems, das uns zu Marionetten macht, muss den Menschen klar und bitte simpel aufgezeigt werden. Damit es für uns alle möglich wird, endlich selber diese elenden Fäden zu kappen. Wir sind das den Kindern schuldig!«

Mein Unbewusstes reagiert

Diese Nacht schlafe ich schlecht. Ein seltsamer Albtraum, über den ich in weiterer Folge viel nachdenke, verfolgt mich. Ich bin mit meinen vier Kindern auf einem Rummelplatz. Sie sind noch jung, die Jüngste lässt sich von mir tragen und quietscht vergnügt nach allen Seiten. Es ist ein Bild von seltener Familiarität und Festtagsstimmung, ja Entspanntheit. Die Fülle meiner Kinder ist um mich geschart, das Versprechen eines heiteren Nachmittags wartet auf uns zwischen all diesen farbenprächtigen Buden, Ringelspielen und Vergnügungsständen. Und trotzdem spüre ich in diesem Traum die dichte Gegenwärtigkeit von Gefahr um uns herum. Es ist viel los. Menschen drängen sich zwischen den Ständen, Karussells und verschiedenen Attraktionen. Wie das riesige Skelett eines prähistorischen Tieres aus Stahlstreben ragt eine atemberaubende, in lila und rosa Glitterfarbe gestrichene Hochschaubahn neben uns auf. Die Wägen sind mit johlenden Menschengruppen vollbesetzt. Am vorderen Ende sind sie mit dem Plastikrelief unterschiedlicher grimmig dreinblickender Dämonenfratzen versehen. Eben donnert ein derartiges Antlitz an mir vorbei. Ich erschrecke heftig. Das scharfe metallische Scheren der Räder in der Schienenführung und die Grausamkeit des Blicks verstören mich. Alle anderen um mich herum scheinen sich großartig zu amüsieren. Auch meine Kinder lachen ausgelassen, als der Wagen im Höllentempo vorbeischießt. Aber mir ist alles hier zuwider. Ich spüre, wie mir der Schweiß auf die Stirn tritt. Das Grelle und das Laute dieses riesigen, unüberschaubaren Rummelplatzes strengen mich an. Es fühlt sich so platt, primitiv und gewalttätig an. Verdammt, warum bin ich eigentlich hier? Naja. Vielleicht bin ich nur zu alt, in meinem Alltag zu gestresst, zu konservativ oder verkorkst, um die Heiterkeit und den Spaß hier genießen zu können. Warum kann ich nicht einfach abschalten, eintauchen, einen draufmachen und die einzelnen Angebote konsumieren? Ein fetter junger Mann aus einer Gruppe von sechs Jugendlichen balgt spielerisch mit einem der Mädchen seiner Clique herum. Ein eindeutig erotisch aufgeladenes Ritual. Es wirkt befremdlich auf mich, wie sie einander gegenseitig mit Knüffen und Schlägen aufreizen wollen und dabei immer heftiger werden. Verdammt, der Idiot stößt mich auch noch grob an, als er genau in dem Moment, in dem sie an uns vorbeigehen, zurückspringt, um einem ihrer Schläge grinsend auszuweichen.

»Hey, ich habe ein Kind im Arm!« Ich bin jetzt richtig wütend und fauche ihn an.

Doch dieser Zombie bleibt vollkommen ungerührt, murmelt ein lahmes »Sorry«, in dem nur Gleichgültigkeit und kein Hauch von echtem Bedauern spürbar ist und ein paar Meter weiter macht es den Anschein, als würden sie sich prächtig über die unchillige Alte amüsieren. Das ist die Höhe! Diese Verrohung bringt mein Blut in Wallung. Warum habe ich nur eingewilligt, hierher zu kommen?

Meine älteste Tochter schwenkt die Antwort triumphierend in ihrer Hand. In jenem Brustton tiefster Befriedigung, der angesichts des Gegenstands ihrer Freude nur für Teenager zulässig ist, teilt sie mir mit, dass mit diesem Spezialeinladungsticket »free ride«, das ich vor ein paar Tagen übermittelt bekommen habe, auch alle Fahrten auf der monströsen Hochschaubahn neben uns kostenfrei sind. Sie hat es gerade beim Kassenhäuschen gecheckt.

Das hat mir noch gefehlt! Dieses seltsame Geschenkticket, das die Kinder sofort magnetisiert und mich in die Position der Spielverderberin katapultiert hätte, wenn ich dieser Einladung nicht gefolgt wäre, weht wie ein Versprechen in ihrer Hand. Freie Nutzung aller Attraktionen dieses Vergnügungsareals zum heutigen Datum für spezielle, durch das Los ermittelte Gäste und ihre gesamte Familie. So stand es auf der auf festem Karton gedruckten, mit Regenbögen verzierten Einladungskarte. Mein Name war in altmodischer schnörkeliger Schrift, so als hätte sich jemand dafür persönlich die Mühe gemacht, in Goldbuchstaben darauf eingetragen. Ich hatte zwar sofort Widerwillen gespürt, doch mich den bettelnden Kindern nicht widersetzen wollen. Wer könnte so ein Angebot zwei Teenagern und einem Kind, das sich bereits als Teenager ausgeben möchte, abschlagen? Und die Kleine würde wohl auch viel zu Bestaunendes erleben und dann wahrscheinlich auf meinem Arm einschlafen. »Etwas später«, versuche ich noch eine Galgenfrist zu erwirken, bevor wir uns dem Höllenzug stellen werden. »Lasst uns noch rumgehen und ansehen, was es hier so alles gibt.« Wir lassen uns vom Menschenstrom mitziehen. Eine unsichtbare Kraft scheint uns alle zur Mitte des Geländes und damit zu einer besonderen Attraktion zu ziehen. Sternförmig führen alle Wege zwischen den Buden und lauten Karussells zu einem weiten, offenen Platz, der mit Kopfsteinpflaster ausgelegt ist. Eine ganz besondere Attraktion scheint hier auf ihre Besucher zu warten. Eine riesige, schwarze, vollkommen verspiegelte Halle, ein überdimensionaler Quader, ragt in der Mitte auf. »Megafun« verkündet ein giftig grellgelber Neonschriftzug. Laute metallisch klingende Musik mit peitschendem Rhythmus lädt die Stimmung auf. Alle drängen zum Eingang des Gebäudes. Die Spaßkathedrale, durchzuckt es mich in Gedanken. Wieder befällt mich dieses lächerliche Gefühl von Beängstigung, der Wunsch hier einfach wegzukommen. Doch Gott sei Dank scheint es sowieso nicht einfach zu sein, hier Zutritt zu erhalten. Der Vorplatz vor dem Zutrittstor ist mit einem Kordon abgesperrt.

Ein Clown regelt mit scharfem Blick auf die Einladungstickets, wem Zutritt gewährt wird und wem nicht.

Die Kinder ziehen mich in seine Richtung und in der lauten Heiterkeit der hinter uns nachdrängenden Menschen geht mein Einwand unter. Meine Älteste hält dem Clown bereits die Einladungskarte unter die Nase.

Dieser scheint innezuhalten, zu stutzen, ja zu erstarren, als er die Karte prüft.

Ich hasse Clowns. Sie sind mir unheimlich. Hinter der grotesken Bemalung sind keine menschlichen Züge zu erkennen. Man vermag in diesen in ewiger Heiterkeit erstarrten Fratzen nicht zu lesen.

Mit großem Pathos vollführt er nun eine übertriebene, höfische Verbeugung vor meiner Ältesten, löst das Absperrband und gibt den Zutritt zum Eingangstor frei. Dabei zaubert er aus seinem Ärmel plötzlich einen kleinen Plastikblumenstrauß, den er ihr wie ein Kavalier mit gebeugtem Knie entgegenhält. Als sie danach greifen will, fährt er mit der anderen Hand über die Blumenköpfe und das Bukett verwandelt sich in Sekundenbruchteilen in einen bunten Lolli, während er sich mit einer eleganten Pirouette von ihr wegdreht und die Süßigkeit meiner begeisterten Jüngsten in die Hand drückt. Alle rundum finden die Darbietung köstlich und klatschen begeistert. Die hochgestreckten Daumen und ermunternden Kommentare all jener, die sich hinter der Absperrung befinden und uns offensichtlich beneiden, signalisieren eindeutig, dass wir hier mit unserer Einladungskarte das große Los gezogen haben. Die letzten Meter vor dem grauschwarz verspiegelten Eingangsportal, in dem meine älteste Tochter gefolgt von ihrem Bruder bereits verschwindet, sind ganz stilsicher mit einem dicken roten Siegerteppich ausgelegt. Meine mittlere Tochter hält sich eng an mich und meine Jüngste ist hingebungsvoll mit diesem verdammten Lolli beschäftigt. Warum verfolgt mich nur bei all dieser aufgeräumten Stimmung um mich herum beständig dieses Gefühl von Unbehagen, ja, wenn ich ehrlich bin, sogar knochenharter Angst?

Als sich das Eingangstor mit einem schleifenden Geräusch hinter uns wieder schließt, finden wir uns in einer Art großer Vorhalle. Dort stehen zahlreiche Gruppen von Menschen an hohen Tischchen. Hostessen, die in enge Kleider aus einem metallisch glänzenden Goldstoff gehüllt sind, dirigieren die Szene. Eine davon streicht meiner Jüngsten auf meinem Arm über den Kopf und führt uns zu einem der zentralen Tische, während sie uns mit verschwörerischer Stimme erklärt, dass wir uns hier erst im Wartebereich vor der eigentlichen Megafun-Anlage befinden, in dem wir uns auf den wirklich atemberaubenden Spaß vorbereiten sollen. »Vergiss alles, was du bisher an Spaß erlebt hast«, meint sie zu mir gewandt mit nahezu religiösem Eifer, der mir angesichts des Themas vollkommen übertrieben vorkommt. Sie rückt eine Schale mit diesen teuren, neuen Chips zurecht und stellt von dem kleinen goldglänzenden Tablett in ihrer Hand vier Sektgläser vor die Kinder und mich hin. »Ist ja doch ein ganz spezieller Tag«, setzt sie mit entschuldigendem Grinsen in Richtung der Kinder hinzu. »Genießt es! Es wird euer Leben verändern«, meint sie noch, während sie sich mit einem fast neckischen Schwung von uns abwendet und Ausschau nach neu Ankommenden zu halten scheint. Dass sie den Sekt stehen zu lassen haben, mache ich den Kindern sogleich klar. Das ist unverhandelbar. Dafür wollen sie sich sofort über die Chips, die in allen Regenbogenfarben leuchten, hermachen. Kein Wunder. Die Dinger wurden erst vor wenigen Monaten eingeführt und haben bereits nahezu Kultstatus erlangt. Sie sind zu einer Eigenmarke für gesunde Ernährung mit gleichzeitigem Spaßfaktor geworden. »Die mit dem Knackeffekt«, war der Promotion-Slogan dieser fast handtellergroßen, gesunden Wunderchips gewesen. Je nach Färbung weisen sie die unterschiedlichsten den Gaumen kitzelnden Geschmacksrichtungen auf und stecken dabei voller Vitamine und notwendiger hochwertiger Spurenelemente, ohne die Kalorienbilanz stark zu beeinträchtigen. »Langsam!«, mahne ich die Kinder, eigentlich ohne Grund, mehr um unbeherrschtem Verhalten vorsorglich entgegenzuwirken. Ich bin wirklich eine Spielverderberin. An meinem Glas nippe ich nur. Was die Qualität des Getränks zumindest in meinem Glas betrifft, lässt man sich diesen Willkommenstrunk etwas kosten. Das ist kein billiger Fusel, aber ich habe keine Lust, am Nachmittag zu trinken, nur weil ein Glas vor mir steht. Ich blicke mich um. Natürlich herrscht auch hier eine ausgelassene, von Spaß elektrisierte Atmosphäre. Da erspähe ich einen Bekannten. PGF, wie ich ihn spaßhalber in Anlehnung an seine beiden Vor- und seinen Familiennamen nenne, steht wenige Tischchen weiter in einer Gruppe von ein paar Männern und Frauen und scheint sich königlich zu amüsieren. Irgendwie wirkt er in diesem Traum gut zehn Jahre jünger. Sieht ziemlich schlank, eigentlich richtig gut aus, dieser Mann. Ich schätze ihn wirklich sehr. Einer der wenigen Journalisten, die es geschafft haben, handwerkliche Virtuosität und Tiefe zu vereinen und bisher jedem Druck in Richtung Gefälligkeitsjournalismus zu widerstehen. Der Mann hat Charakter, Geist und Mut, und nicht nur Freunde.

Jetzt hat auch er mich entdeckt. Unsere Blicke kreuzen sich. Er nimmt sein Glas und bahnt sich seinen Weg zu uns.

Ich habe ihn seit unserer ersten Begegnung stets sehr anziehend gefunden, doch irgendetwas befremdet mich heute an ihm. Das Elegante seiner Erscheinung, diese Mischung aus gespannter, wacher Aufmerksamkeit und souveränem Überblick in jeder Situation, die mich üblicherweise so für ihn einnimmt, ist verschwunden.

Im Gegenteil, er wirkt fast plump, rüpelhaft, ja belästigend, als er jetzt sein hoch erhobenes Glas übertrieben schwungvoll zuprostend an meines schlägt. Ein heller, klirrender Ton, der mein Trommelfell schmerzhaft zu durchschneiden scheint. »Prost, meine Liebe, meine Herzensdame kritischer Pädagogik!«, begrüßt er mich.

Ich fühle mich äußerst unangenehm berührt.

»Ein echtes Teufelszeug, das sie uns da spendieren!«, setzt er fort. »Ein super Tropfen!«

Irre ich mich, oder hat der Mann einen Zungenschlag? »Vermutlich haben Sie recht«, gebe ich mich distanziert neutral. »Wer sind überhaupt unsere Gönner? Sie sind es doch gewohnt, hinter die Fassade zu schauen!«

»Mir doch egal«, antwortet er. »Wenn etwas so gut schmeckt und so viel Spaß angesagt ist, ist das doch egal. Die Regierung, die katholische Kirche, der Islamische Rat, oder vielleicht die Kinderschutzorganisation für Waisen, sonst wären wahrscheinlich Sie nicht eingeladen.«

Der Mann hält sich in seiner Pampigkeit wohl noch für geistreich. Jetzt steht mir klar vor Augen, dass er mehr als betrunken sein muss. Das ist nicht der PGF, den ich kenne, mit dem ich bei zahlreichen Gelegenheiten durchwegs spannenden Austausch hatte. Und jetzt schaut er mir auch noch ganz offensichtlich und im Beisein meiner halberwachsenen Kinder ins Dekolletee, an dem meine Jüngste, die in dieser Umgebung hier immer unruhiger wird, gerade herumnestelt.

»Genießen Sie die letzten Tage der Menschheit, bevor’s in die Würscht geht; wenn’s geht mit einem feschen Mann«, rät er mit einer weit ausholenden Geste, mit der er fast den Tisch leerfegt.

Jetzt reicht es mir. Der Mann ist ja nicht bei Trost. Die ganze Spaßorgie hier geht mir gehörig auf den Geist. Doch noch bevor ich zu einer Gegenrede ansetzen kann, schaltet sich eine der Hostessen ein, um uns nun zur eigentlichen Attraktion zu bringen, auf die hier alle warten.

»Sie haben uns schließlich Spaß, der den ganzen Menschen erfasst, versprochen«, schreit er mir noch nach.

So ein Trottel! Wir befinden uns nun in einem langen schwarzen Gang, der von Blaulicht in einem geheimnisvoll irisierenden Halbdunkel gehalten wird. Vor uns steht bereits eine Schlange von Menschen und hinter uns drängen weitere nach. Doch es geht zügig vorwärts. Unsere Zähne und alle weißen Kleidungsstücke und Gegenstände leuchten deutlich auf. Alle versuchen einen Blick auf das vor uns Liegende zu erhaschen. Und dann wird sie sichtbar. In einer surrealen Raumverlängerung liegt sie wie eine gigantische Grottenbahn vor uns. Der dunkle Schienenstrang einer Schwebebahn verbindet unterschiedliche Stationen miteinander, die in dem kilometerlangen Netzwerk wie kleine erhellte Fenster hervorleuchten. Das erste ist nah genug, um seinen Inhalt noch erkennen zu können. Das Thema der Station lautet Teigfabrik. Gerade sehe ich, wie eine Frau in einem wehenden Kleid, die mittels eines Brustgeschirrs an der Schwebebahn angedockt ist, in diese Station hineintaucht, um dann am ganzen Körper mit Kuchenteig überzogen auf der anderen Seite wieder herauszukommen. Sie scheint es großartig zu finden, genauso wie ein dicker Mann, der ein paar Meter vor ihr schwebt und den Kuchenteig von seinem Handgelenk zu lecken beginnt. Eine Familie, ähnlich wie wir, die in einer Art Familiengestell hängt, kommt als Nächstes dran. Sie lachen ausgelassen. Auch die Menschen vor uns scheinen von dem vor ihnen Liegenden total begeistert zu sein. Ganz in der Ferne leuchten in einer Station Umrisse eines Gebäudes auf, das ich wiederzuerkennen vermeine. Das ist doch ein Schlot mit einer Feuersäule, an der Spitze diese Kontur einer aufgestellten Zigarre. Und daneben findet sich der langgestreckte rostfarbene Quader des Hochofens, heruntergekommen und desolat. Genau so heben sich, wenn ich aus meinem Küchenfester in Italien blicke, die Umrisse der dreckigen alten, immer wieder vorübergehend stillgelegten Stahlfabrik in Piombino gegen den Nachthimmel ab. Nun fühle ich mich gänzlich verwirrt, nur dieses Gefühl von Angst verdichtet sich eindeutig, wenngleich ohne Anhaltspunkt, immer mehr. Was soll das alles? Was passiert hier eigentlich? Wieso sind alle so kritiklos heiter? Was ist hier so lustig? Wir haben uns nun in der Schlange bis ganz nach vorne durchgearbeitet. Unmittelbar vor uns liegt die Einstiegstelle. Ein Mann in der Verkleidung eines Henkers mit einer Lederkutte, die sein Gesicht verdeckt, hilft den an die Reihe Kommenden, in ihr Gestell zu schlüpfen und dieses am nächsten vorbeifahrenden Hacken der Schwebebahn zu montieren. Alle finden ihn zum Schießen lustig. Der Richtplatz, schießt es mir durch den Kopf und mir wird alles klar. Plötzlich scheint die Zeit einzufrieren, während sich die Erkenntnis formt. Die Teile des Puzzles fügen sich zu einem kompletten, wenngleich unerträglichen Bild. Wir werden hier sterben! Alle, die wir hier sind, sind verurteilt. Das Ganze ist eine Falle. Meine Angst war berechtigt. Die Getränke waren präpariert. Nur weil wir sie stehen gelassen haben, sind wir nicht, wie auch der arme PGF, in diese unkritische, läppische Stimmung verfallen, in der wir einfach alles großartig finden, während wir wie Herdenvieh der Schlachtbank zustreben. Das Ganze hier ist ein Schlachthaus, in dem sich das System in einem raffinierten Plan unliebsamer Personen entledigt. Eine unwiderstehliche Einladung führt einen in die Falle und mit den entsprechenden Drogen im Getränk wird man zum begeistert Mitwirkenden. Welcher Zynismus! Wir stellen uns entlang unserer Leitidee von der Spaßgesellschaft freiwillig in der Todesreihe an. Eruptiv spüre ich den starken Impuls, mich übergeben zu müssen. Die Teigstation, das Bild des Hochofens, alles fügt sich zusammen. Wir werden hier zu diesen Chips verarbeitet. Dass sich einige Personen, die dem System dieser geistlosen Spaßgesellschaft kritisch gegenüber eingestellt waren, Künstler, Intellektuelle, Journalisten, ein paar Wissenschaftler, in den letzten Monaten über Nacht zufällig entschlossen haben, auszuwandern, hatte für mich schon zuvor einen seltsamen, befremdenden Beigeschmack. Manche waren sogar Freunde gewesen. Wir müssen hier raus und zwar sofort. Ich spüre ein Gefühl von solider Panik in mir aufsteigen. Doch der Druck der Nachdrängenden verhindert jede andere Bewegung als die nach vorne. Nur mehr wenige sind vor uns an der Reihe.

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