Kitabı oxu: «Diagnose: Mingle»

Martina Leibovici-Mühlberger
Diagnose: Mingle
Alle Rechte vorbehalten
© 2014 edition a, Wien
www.edition-a.at
Lektorat: Anatol Vitouch
Cover: Kyungmi Park
Gestaltung: Hidsch
Gesetzt in der Premiéra
Gedruckt in Europa
1 2 3 4 5 — 17 16 15 14
Print-ISBN: 978-3-99001-099-0
eBook-ISBN 978-3-99001-145-4
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
If God is a DJ
Life is a dance floor
Love is the rhythm
You are the music
You get what you’re given
It’s all how you use it
Liedtext »If God is a DJ« – PINK
Inhalt
Einleitung
Warum wir nicht mehr fühlen können – Ein böser Verdacht
Wenn man sich für Motorräder interessiert …
Ein Brathuhn zum Verlieben
Warum wir lieben
Das losgelöste ICH
Die alte Geschichte von Narziss
Die bewährten Schergen der narzisstischen Gesellschaft im Alltagsleben
Eine unglückliche Liaison und wo wir damit gelandet sind
Ich liebe dich – von der Begriffsbestimmung der »Liebe« in einer narzisstischen Gesellschaft
Liebe, Sex und …?
Die Reaktionsbildungen der kollektiven Fühltaubheit der narzisstischen Gesellschaft
Die depressive Einbunkerung
Die aggressive Instrumentalisierung
Wie wir wieder lebendig werden
Der Ausweg aus der Misere – der selbstmächtige Mensch
Ansätze zu lebendigem Leben – die Liebe entdecken Die Geschichte vom konstruierten EGO oder vom Verlust des wahren ICH – bekannt als die story von der »Erbsünde«
Die Entthronung des EGOs als Voraussetzung für die Heimkehr zum ICH
Die Quellen meiner ICH-Sättigung und meinen Dienst erkennen lernen
Die Suche nach dem »bestätigenden Blick« – unsere grundsätzliche Liebesfähigkeit und mich zur Grundkraft des »Lieben-Wollens« bekennen – ICH liebe DICH
Anna und Paul
Eines der schwierigsten Kapitel: die eigene Sexualität in Besitz nehmen
Die Angst vor Abhängigkeit und der Mythos von Unabhängigkeit, der immer böse Abhängigkeit erzeugt. Warum nur wechselseitige Abhängigkeit wirklich Freiheit zu schenken vermag
Hingabe statt Angabe – Mut zum Bekenntnis statt Taktieren und Machtausübung
Schmerz akzeptieren und konstruktiv überwinden, statt Fixierung in Wehleidigkeit, Opferstatus und Leiden
Sich dem Leben anvertrauen, um dem Tod freudvoll entgegenzuwachsen
Epilog
Einleitung
Die größten Abenteuer sind im Kopf und werden durch das Herz begründet. Jene Interaktionen zwischen Denken und Fühlen, die in Menschen zu Überzeugungen und inneren Wirklichkeitskonstruktionen führen, bilden die Grundlage, auf Basis derer sie dann ihre äußere Realität schaffen. Wer davon überzeugt ist, dass die Welt ein gefährlicher, vertrauensloser Ort ist, schafft es auf magische Weise immer wieder, in Situationen zu kommen, die ihm dies beweisen. Wer mit Kraft und Grundvertrauen durch die Szenerie seines Lebens marschiert, dem erscheinen die härtesten Stolpersteine, die ihm das Leben in den Weg legt, wie kleine Herausforderungen. WIE Menschen diese, ihre Wirklichkeit erschaffen, das hat mich immer fasziniert. Als Kind in der Uniformität eines Gemeindebaus aufgewachsen, in der so ziemlich alle gleich viel hatten und mit den gleichen sozialen Problemen des Aufsteigen-Wollens kämpften, waren die so unterschiedlichen Formen »gücklichen und unglücklichen« Lebens, die sich in den zahllosen Boxwohnungen dieses Labors abspielten, für mich Gegenstand intensiver Beobachtung und Fragestellung. Später, noch als Studentin der Medizin, habe ich zu einem Zeitpunkt, als Psychotherapie noch psychologische Beratung hieß und mit einem am Magistrat formlos zu lösenden Gewerbeschein möglich war, mich in noch viel intensiverer Weise mit dem Innenleben von Menschen auseinanderzusetzen begonnen.
Heute überblicke ich als Psychotherapeutin einen langen Zeitraum und bin alarmiert. Die Menschen scheinen sich in den letzten Jahren rasant in ihrem innersten Kern verändert zu haben. Früher hat das Zusammenspiel zwischen Herz und Hirn, geschaffen aus den frühen Erfahrungen des betroffenen Menschen, eine mehr oder weniger zuversichtliche oder leidensbereite Wirklichkeitskonstruktion und Lebensrealität geschaffen. Die Übereinkunft, »einen Partner lieben zu wollen«, erfuhr eine korrespondierend mehr oder weniger geglückte oder leidvolle Umsetzung.
In den letzten Jahren aber erscheint es mir so, als lebten wir zunehmend in einer Welt, in der die »Hardware« Herz beschädigt ist, nicht mehr ihren Dienst und Beitrag zu leisten vermag. Irgendetwas, ein ganzes Bündel an Ursachen, vergiftet unser Herz immer mehr, lässt es klamm, steif und auch hart werden. Das Fühlen-Können und damit unsere Liebesfähigkeit sind in dieser Gesellschaft im Absterben begriffen, mit allen schrecklichen Konsequenzen und Facetten von Unabhängigkeitswahn bis Bindungsflucht. Denn was ist das für eine Gesellschaft, in der nicht mehr Herz und Hirn die Wirklichkeit bestimmen, sondern nur mehr der nüchternen Ratio mit ihrer Maximierungswut der rote Teppich kluger Gültigkeit ausgerollt wird? Unsere Welt, die Welt der reichen Technologiegesellschaften, mit ihren ausgefeilten Sicherheits- und Kontrollsystemen, in der nicht einmal der privateste Raum unausgeleuchtet bleibt, ist kalt geworden. Gefühlt wird anderswo. In Holly- und Bollywood oder in den gierig verschlungenen TV-Serien. Wir lassen fühlen und bleiben, sehnsuchtsvoll oder resigniert, im Zuschauersessel. Für jene, die Unverbindlichkeit in der Beziehung zelebrieren, gibt es das Wort »Mingles«, von »mixed Singles«. Mingles gibt es in allen Generationen. Während der Begriff ein Modewort ist, der die jüngeren Generationen zu charakterisieren scheint, ist die Unverbindlichkeit in den Beziehungen altersunabhängig geworden. Selber zu fühlen, sich auszusetzen, sich einzulassen auf sein Herz, mutet immer mehr Menschen als zu gefährlich und risikoreich an. Die »Fühltaubheit«, wie ich diese Erkrankung nenne, geboren aus einem Zusammenwirken der gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 20 Jahre und einer nahezu jedem von uns inhärenten, primären narzisstischen Traumatisierung, breitet sich wie ein Flächenbrand als neues Betriebssystem eines neuen und sehr mutlos wirkenden menschlichen »Miteinanders« aus. Doch damit stirbt die Liebe und mit ihr die Lebendigkeit, denn Liebe und die ihr innewohnende Bindungskraft hält buchstäblich alles zusammen und am Leben.
Eine Bilanz der Reduktion auf das Materielle ist ernüchternd. Selbst die Masse unserer eigenen physischen Existenz, jene unseres Kohlenwasserstoff-Organismus, passt in sich zusammenfallend auf eine Stecknadelspitze. Was uns zusammenhält und Form gibt, sind alleine die Bindungskräfte zwischen den Atomen, die den vielen leeren Raum mit Sinn zu füllen vermögen. Es ist also die Bindungskraft, die »Liebe« zwischen den Atomen, die unsichtbar und dennoch äußerst kraftvoll wirkt. Erst dieses »Nichts« verleiht uns Fülle, lässt uns zu dieser Gestalt werden, die wir unseren Körper nennen. Und erst unsere Fähigkeit zu fühlen und zu lieben und dabei durchaus auch durch Schmerz und Irrtum zu gehen, macht uns zum Menschen. Die Fühltaubheit entmenscht uns, sie tötet unsere Lebendigkeit sukzessive ab und reduziert uns damit auf das kleine, kalte Massepaket, das auf die Nadelspitze passt.
In dieser grauen, ängstlichen, von Kälte geprägten Welt, in der ich Gefühle nur auf einem Flachbildschirm betrachten oder aus zweiter Hand in einer mit maximalen Reizen versehenen Eventkultur konsumiere, will ich nicht leben. Mir graut vor dem Mingle-Dasein. Ich will bereit sein, dann, wenn das Leben mich unvermutet und außer meiner Kontrolle ruft, mein eigenes Herz wild in meiner Brust schlagen zu fühlen. Ich will das Zittern meiner eigenen Knie wahrnehmen, wenn es die Situation erfordert, will den Mut finden, das, was ich fühle zu bekennen, und will auch den mir auf diesem Weg gegebenen Schmerz ohne Wehleidigkeit ertragen und als den Boten eines für mich notwendigen Lernschritts erkennen lernen. Ich will diesen Weg des fühlenden, vom Lebensstrom und nicht am Designerschreibtisch eines Programmierers geschriebenen Lebens, diesen Weg einer neuen, freien, aus der eigenen Person begründeten Liebe, die der Lebendigkeit verpflichtet ist. Ich will ihn für mich und meine Kinder, für ihre und unser aller Zukunft. Und ich wünsche mir, dass viele den Mut finden, ihn mitzugehen. Denn dieser Text soll eine Liebeserklärung an die Lebendigkeit sein.
Warum wir nicht mehr fühlen können – Ein böser Verdacht
Eigentlich nahmen alle Überlegungen für mich damit ihren Anfang, dass ich begann, mit dem ICD-10 auf Kriegsfuß zu stehen. Der ICD-10 ist, entgegen seinem Namen, kein Schnellzug, sondern das Diagnosemanual für uns Mediziner. Eine Art Bibel, mit der wir die Erkrankungen jedes Fachbereichs, also auch psychische, in einen vierstelligen Nummerncode pressen können. Eine tolle Sache in einer Gesellschaft, der Einrasterung und Klassifizierung sakrosankt ist. Eine Leitlinie, die Objektivität und Realität abzubilden vermag, die eine Krankheitswertigkeit festlegt und somit Orientierung zwischen krank und gesund anzubieten vermag. Damit tritt sich dann auch eine ganze Lawine von handlungsanweisenden Leitlinien für die Behandlung los, und alle sind glücklich. Die behandelnden Ärzte und Therapeuten, die wissen, was sie nun lege artis zu tun haben, und auch die Patienten, die endlich ein fassbares Etikett für ihre Probleme bekommen. In früheren Jahren meiner Tätigkeit hatte ich das befriedigende Gefühl, punktgenau ins Schwarze zu treffen, wenn ich zum Beispiel das F 34.0 nach Zusammenschau und Abwägung aller Anamnesedetails eines Patienten auf den Diagnosebogen malte. In den letzten Jahren überwog mehr das Gefühl, gerade einmal die Zielscheibe getroffen zu haben.
Immer mehr befiel mich der Eindruck, dass bei vielen Patienten ein wesentlicher, ja fundamentaler Aspekt ihres Leidens in der gängigen Diagnostik keine Abbildung findet. Bei vielen meiner Patienten war eine eindeutige Verflachung ihres Gefühlsspektrums, eine deutliche Abnahme der Intensität der Gefühlsqualität, die zwischenmenschliche Prozesse auszulösen vermochten, ja sogar eine Art Fühltaubheit zu bemerken. Diese Schwäche des Gefühls bezog sich eindeutig auf den Bereich der Bindungsprozesse zu anderen Menschen, im Speziellen auf das, was man im allgemeinen Sprachgebrauch als Liebesbeziehungen bezeichnet. Es schien mir, als würde es zu einem zunehmenden Abzug von Bindungsenergie und Bindungsqualität gegenüber anderen Menschen kommen. Stattdessen konnte ich eine Verlagerung der emotionalen Besetzung auf andere, stark »selbstzentrierte« Bereiche und Objekte bemerken. So sehr, dass andere Menschen zu »Selbstobjekten« instrumentalisiert wurden. Gleichzeitig schien diese Strategie von wenig Erfolg im Sinne einer beglückenden Konzeption des persönlichen Lebens gekrönt zu sein. In vielfacher Weise war sie mitverursachend für jene Leiden, die mir die Patienten in der Sprechstunde zur Therapie anboten. Immer häufiger befiel mich das Gefühl, dass hier etwas grundsätzlich und allgemein faul sein müsse, wenn immer mehr Menschen keine Bindungsbesetzung für andere Menschen aufzubringen vermochten und sich, bewusst oder unbewusst, der ständig wachsenden Schar der Mingles anschlossen. Immer mehr bekam ich den Eindruck, hier zwar noch vor einer Nebelwand zu stehen. Aber ich spürte die Gewissheit, dass sich hinter diesem zunehmenden Phänomen weit mehr als das erklärbare persönliche Lebensdisaster von ein paar Individuen verbarg. Die Fühltaubheit oder pragmatische Beziehungsführung schien mir zu etwas wie einem gesellschaftlichen Grundphänomen geworden zu sein. Die Entsorgung der Liebe und damit all dessen, was uns erst Tiefe und Fülle, ja Sinn für jene kurze Zeit zu verleihen vermag, in der wir als flüchtige und verletzbare Kohlenwasserstoffverbindung diesen Planeten bevölkern.
Wurde hier, in dieser Besetzungsverschiebung, die letztendlich das höchste Liebesobjekt immer wieder nur in sich selbst erblickt, die Entkulturalisierung unserer Menschlichkeit eingeläutet? Zahlreiche Fälle aus meiner Praxis gaben dazu beredtes Zeugnis ab. Auch von den damit verbundenen, jedoch in ihrem Zusammenhang oft nicht erkannten Konsequenzen.
Ralf sucht mich zum Beispiel wegen hartnäckiger Schlafstörungen auf. Diese quälen ihn nun schon seit Jahren, allerdings hat das Ganze die Tendenz, immer bedrängender und häufiger zu werden und geht mit einem sich ewig wiederholenden Albtraum einher. Dabei steht mit Ralfs Leben eigentlich alles zum Besten. Er ist einer, der es wirklich geschafft hat, wie man so sagt. Als junger Doktor der Technik hat er vor knapp 30 Jahren eine kleine, aber bemerkenswerte Neuerung in einem Spezialzweig industrieller Fertigung geschaffen und mit dem damit verbundenen Patent Millionen gemacht. Als einer, der gerade von der besseren in die schlechtere Hälfte des Jahrzehnts zwischen 50 und 60 gewechselt hat, könnte er sich behaglich zurücklehnen und sein Leben in vollen Zügen und mit beträchtlichem Wohlstand genießen. Ist ihm das Wetter in Wien zu trüb, so fliegt er für eine Woche zum Golfen nach Thailand oder in sein Haus nach Fort Lauderdale. Doch leider fliegen seine Schlafstörungen und der mit ihnen verbundene Albtraum immer mit, egal an welchem Jet-Set-Point des Globus er sich befindet. Jetzt ist er bereit, tiefer zu graben. In seinem Albtraum fährt er auf einem Motorrad auf einer langen, sonnenbeschienenen Straße. Plötzlich beginnt sich das Wetter zu ändern, und die Straße, die zuerst perfekt glatte Asphaltierung zeigt, bricht an immer mehr Stellen auf, so als würde im Untergrund ein großes Tier wüten. Ralf vermag unvermutet auftauchenden Schlaglöchern und Querrillen nur mit großer Mühe und in letzter Sekunde auszuweichen. Gleichzeitig beschleunigt das Motorrad ganz von alleine. Auftauchender Nebel behindert die Sicht zunehmend. Siedende Angstgefühle durchfluten Ralf und stehen in scharfem Kontrast zu der immer schneidenderen Kälte des Fahrtwinds. Am Ende taucht eine graue Granitwand vor Ralf auf. Der Zusammenstoß ist unvermeidbar, und schweißgebadet wacht er an dieser Stelle des Traums auf. »Jedesmal bin ich dann vollkommen erschöpft und total fertig, brauche eine gute Stunde, um mich wieder emotional zu orientieren und dieses Todesgefühl abschütteln zu können«, berichtet er. In den meisten Nächten, in denen dieser Albtraum auftritt, ist danach an weiteren Schlaf nicht mehr zu denken. Ich sehe ihn mir genauer an. Eine elegante Erscheinung, sportlich, dynamisch, natürlich gebräunt und strahlendes Lächeln, nackte Füße in Wildledermokasins der teuersten Sorte, genauso wie das restliche Outfit, in dem ein gut trainierter und sorgfältig gepflegter Body steckt. In der Bewegung wirkt er etwas steif, manieriert könnte ich es mit weniger Gutmütigkeit, geckenhaft mit Spottlust nennen. In seinem Tagesablauf ist er gut durchbeschäftigt. Die zwei Stunden Bodybuilden habe ich ihm schon vorweg angesehen, sonst Zeitungen und News zur Orientierung, ein wenig tägliche Verfolgung von Aktienkursen, Mittagessen mit dem einen oder anderen Freund oder manchmal mit seinem Sohn. Ausstellungen, Einladungen Folge leisten oder selber in kleiner Runde einladen, sonstige Veranstaltungen, eine Aufsichtsratssache, seine Hobbys und nicht zu vergessen die »Hasenjagd«. Attraktiv, jung und unkompliziert müssen sie sein, um in Ralfs Beuteschema zu passen. Er ist großzügig aber lässt sich auf nichts wirklich Festes mehr ein, wie er mit seiner sehr wohlklingenden Stimme ausführt. Seinen Panzer wird keine mehr zu durchdringen vermögen. Auch das stellt er sogleich klar. Das Lehrgeld seiner Ehe war ein bitterer Nachgeschmack. »Zwei Jahre Glück habe ich mit nachfolgend 20 Jahren Verfolgung und dem Verlust meiner Kinder bezahlt«, beschreibt er mir seine Lebenserfahrung zum Thema Liebesbeziehungen. Seine Bemühungen um die Kinder waren fruchtlos und teuer. Das zu einer Zeit, wo er das Geld dringend in der Firma gebraucht hätte. Als Ergebnis vermag er heute nur eine emotional sehr distanzierte Beziehung zu seinem Sohn vorzuweisen, seine Tochter verweigere, von der Mutter indoktriniert, nach wie vor jede Kontaktnahme. Eine zweite tiefere Beziehung, ein paar Jahre nach der ersten Scheidung, ist an den parallel laufenden Kämpfen mit der Ex-Frau gescheitert. Leidenschaft lässt er seit Jahren nur mehr bei seinen Hobbys zu. Golfen, Old-Timer sammeln und Rennen fahren. Er hat sich dazu auch eine eigene Werkstatt eingerichtet, in der er stundenlang herumschraubt, poliert, adjustiert oder Teile erneuert. Früher waren es auch Motorräder, aber mit denen hat er wegen des Albtraums aufgehört.
Doch Ralf ist nicht mein einziger Patient, der diesen Weg der »Gefühlsvertaubung« gegenüber zwischenmenschlichen Liebesbeziehungen für sich als Lebensstrategie gewählt hat.
Da gibt es Klaus, der seine Frau während der Schwangerschaft, in der sie wegen vorzeitiger Wehen nicht mit ihm schlafen kann, damit konfrontiert, seinen Hormonspiegel mit Unterstützung einer früheren Freundin abbauen zu müssen. Und der meint, nur auf diese Weise über genügend Energie zu verfügen, um sich auf ihr gemeinsames Kind unbeeinträchtigt freuen zu können.
Oder auch die Volksschuldirektorin Elisabeth, die nun, am Ende ihrer 40er, endlich mit Hilfe von Internetforen und einer Freundinnenschar einen klaren Katalog all jener Bedürfnisse angelegt hat, die ihr zukünftiger Traumpartner befriedigen muss. Den kann sie heute im Schlaf und kompromisslos herunterbeten. Die durch entsprechende Plattformen herangeschafften Kandidaten werden rigoros, wenngleich in den letzten beiden Jahren ergebnislos, vermessen. Ein frustrierendes Unterfangen, das ihren abendlichen Alkoholkonsum immer mehr verstärkt hat.
Hartmuth, ein habilitierter Neurologe, in dessen Hände ich meinen Schädel mit blindem Vertrauen legen würde, hat es scheinbar viel besser gemacht. Jedenfalls hat er viele Neider wegen seiner 25 Jahre jüngeren Frau, die er von einer Urlaubsreise aus Rumänien mitgebracht hat. In äußerst bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, ist sie das sexuelle Haushaltspaket seiner mittleren und späteren Jahre. Sie verbindet den Vorzug von Unterlegenheit mit jenem mangelnder Sprachkenntnisse. Sogar einen kleinen Sohn hat er sich auf diese Weise noch anschaffen können, wie er es mir gegenüber nennt. Damit ist auch für die Beschäftigung der bildhübschen jungen Frau aus dem nordöstlichsten und ärmsten Teil von Rumänien gesorgt. Mehr ist da nicht, keine tieferen Gefühle, wehrt er meine Nachfrage fast entrüstet ab. Seine wirkliche Leidenschaft gilt seiner Karriere und Motorradtouren im wilden Gelände, die früher gut gegen seine Depressionen gewirkt haben.
Die erfolgreiche Versicherungsmaklerin Regina wiederum setzt auf die Lebensfreundschaftsbeziehung statt auf eine Liebesbeziehung zu einem Mann. Mit Karl, einem regionalen Immobilienmakler, den sie noch aus Jugendjahren kennt, hat sie den idealen Konterpart gefunden. Sie teilt viel an gemeinsamer Freizeitaktivität, beruflichem Austausch und wechselseitigem Beistand in den unterschiedlichsten Lebensanliegen mit ihm. Aber sicher nicht Sexualität und Liebe. Alles, was im Leben der 52-Jährigen über Freundschaft hinausgehen könnte, ist tabu. »Dafür bin ich einfach zu alt«, hat sie entschieden. Bei mir auf der Couch liegt sie wegen ihrer zwanghaften Hypochondrie.
Nun ließe sich an dieser Stelle sicher gut einwenden, dass es sich hier um ein altersgruppenspezifisches Phänomen handeln könnte. Die mittleren Lebensjahre eben, mit ihren Stromschnellen, die die schon viel weiter oben im Strömungsverlauf angelegten Schwierigkeiten zu Tage treten lassen. Eine Überlegung, die auch für mich beim ersten Hinsehen großen Charme ausstrahlte. Handelte es sich hier etwa nur um das Problem einer kleinen, speziellen Randgruppe von Patienten, die ihre Midlife-Crisis nicht erfolgreich zu überwinden gewusst hatte und so in das Mingle-Schema der totalen Unverbindlichkeit gerutscht war? Die schon aus der Kindheit mit schlechten Bewältigungsstrategien ausgerüstet und eventuell bereits traumatisiert nun psychisch oder psychosomatisch auffällig wurde? Und die als vielleicht neu zu beschreibendes »Gruppensymptom« die Fähigkeit von tiefer emotionaler Bezugsfähigkeit auf ein Partnergegenüber vermissen ließ? War es eventuell auch ein durch die Emanzipationsbewegung erklärbares Generationsproblem der heute 45 bis 60-Jährigen? Jener Frauen also, die schon mit dem vollständigen Konzept, was es bedeutet, eine emanzipierte Frau zu sein, in ihre jungen Frauen- und Beziehungsjahre gegangen waren, nur um auf jene weiterhin in Sachen Emanzipation verschlafen sozialisierten jungen Männer zu treffen, die sich im Zweifelsfall doch besser am patriarchalen Rollenmodell festhielten? Stand hier die Wiege des Mingle-Daseins? Da hatte es sicher genügend Möglichkeit gegeben, einander in Rollenunverträglichkeit ausgiebig an die Kehle zu gehen und Blessuren zu schlagen. Die zarter Besaiteten landeten dann eben auf der Couch und gaben in Sachen Liebe in der einen oder anderen Weise auf.
Wie sah es dagegen bei meinen jüngeren Patienten, also jenen »Millennials« aus, die allesamt ein Geburtsdatum jenseits von 1980 aufweisen? Welche Bedeutung und welchen Stellenwert in ihrer Selbstkonstruktion nahmen Beziehungen für sie ein? Diese Frage beschäftigte mich als nächstes.
Nina ist irgendwo im Umfeld von Linz aufgewachsen. Ihre Mutter ist Volksschuldirektorin, ihr Vater Jurist in einem großen Unternehmen. Nina besucht das lokale Gymnasium, genauso wie ihre zwei Jahre ältere Schwester. Die Beziehung der Eltern ist schwierig und konfliktreich. Der Vater unterhält über Jahre eine Beziehung mit einer Arbeitskollegin, die Familie weiß davon. Die Eltern können sich weder voneinander trennen, noch für den permanent schwelenden Konflikt eine Lösung finden. Irgendwann gibt es einen kleinen Halbbruder für Nina und ihre Schwester und eine Depression für die Mutter, doch an der Grundkonstellation ändert sich nichts. Nina empfindet für beide Eltern nur Verachtung. Als sie am Milleniumssilvester ihren 18. Geburtstag gefeiert und im darauffolgenden Jahr die Matura hinter sich gebracht hat, geht sie nach Wien und studiert Betriebswirtschaft. Ihre eigenen Beziehungen sind flüchtig, explorativ, situationsbezogen, wie sie es nennt. Ihr Studium ist ihr wichtig, und nach einem ersten Job bei einem Handynetzprovider winkt nach fünf Jahren ein Angebot in London, das sie begeistert annimmt. Dort wird ein Arbeitskollege aus Malaysia ihr ständiger Begleiter, mit dem sie, auch um die hohen Londoner Mietkosten teilen zu können, eine Beziehung eingeht. Doch das junge Glück ist von starken kulturellen Spannungen und Revierkämpfen überschattet. Und in der Karriere zurückstehen, um den Beziehungsraum gestalten zu können, will keiner wirklich. Nina leidet unter den Spannungen der sexuellen Wohngemeinschaft mehr als ihr Partner. Immer häufiger verschafft sie sich mit Shopping-Touren Stressabbau und Glücksmomente. Die Situation wird zunehmend unerträglich. Turbulenzen in der Firma führen letztendlich dazu, dass sie vor knapp einem Jahr zurück nach Österreich kommt. Jetzt lebt sie alleine und ist wegen ihrer Kaufsucht bei mir in Behandlung. Männer lässt sie aus Überzeugung nur mehr als One-Night-Stand in ihrem Leben zu.
Mark hat dagegen ein ganz anderes Problem. Er ist 31, gelernter Tontechniker und lebt bei seinen Eltern in deren Haus in Perchtoldsdorf. Der Vater ist ein pensionierter, cholerischer Forstrat, die Mutter eine verhärmte, depressive Hausfrau, wie Mark es beschreibt. Das ist ein feines Arrangement, zumindest aus seinem Blickwinkel, denn die Einliegerwohnung mit ihrem separaten Eingang bietet ihm genügend Privatsphäre, und gleichzeitig sind alle Infrastruktur- und Versorgungsthematiken über die Eltern mitabgehandelt. Er spart enorm Kosten und Energie, weil er sich um Gemeindeabgaben, Strom und Heizung nicht kümmern muss und die Wäsche von Mutters Zauberhand versorgt wird. Rebecca ist Marks Dauerfreundin, seit sechs Jahren, etwas Fixes würde man sagen. Es ist nett mit ihr, angenehm, so beschreibt er die bisherige Beziehung, doch im letzten Jahr hat sich nach Marks Einschätzung ein problematischer Unterton eingeschlichen, der die Leichtigkeit bedroht. Rebecca drängt ihn. Sie will mehr. Die netten Abende in ihrer Wohnung oder bei ihm, die gemeinsamen Urlaube, die Partys und zusammen absolvierten Kino- oder Veranstaltungsbesuche sind ihr zu wenig. Und das, obwohl er sich doch eindeutig dazu bekennt, mit ihr zusammen zu sein. Sie will eine richtige Beziehung, wie sie es nennt, und Mark entwickelt spürbar zunehmende Fluchttendenzen vor der geforderten Verbindlichkeit. Gemeinsam etwas aufbauen ist nicht sein Ding. Das klingt nach Mühe, täglicher Abstimmungsnotwendigkeit und eindeutiger Festlegung auf einen Menschen. Im schlimmsten Fall sogar nach einem gemeinsamen Kind. Wie soll ich wissen, ob ich das morgen noch will, kontert Mark und verschanzt sich hinter der pseudophilosophischen Worthülse, dass das Leben ein Fluss sei, dessen Lauf man sich eben frei anzupassen hätte. In Marks Fall muss man allerdings konstatieren: ohne das Risiko eingehen zu wollen, sich nass zu machen.
Birgit und Phillip scheinen da eindeutig weiter zu sein, denn unter Birgits braunem Schlauchrock wölbt sich bereits eine ansehnliche Schwangerschaft, die irgendwo zwischen dem fünften und sechsten Monat angesiedelt sein muss. Schließlich demonstrieren sie auch damit Ernsthaftigkeit, dass sie zur Auseinandersetzung und Beratung gemeinsam in meinem Sprechzimmer sitzen. Bei Phillip sind die Segel auf Familiengründung gesetzt. Der 32-Jährige, hoch aufgeschossene junge Mann mit einer Figur wie ein Cornetto, hat sich bereits sehr erfolgreich seine Sporen bei einem internationalen Personalentwickler verdient und möchte nun den Hafen Familie anlaufen. Aus Birgits Blickwinkel sieht die Sache jedoch gänzlich anders aus. Für Sie, gerade 30 geworden, passt der Zeitpunkt, um ein Kind, nämlich IHR Kind zu bekommen. Doch sich Phillip »ausliefern«, wie sie es nennt, möchte sie nicht. Sie hat ein klares Konzept vor Augen, wie sie ihre Mutterschaft als autonome und auch wirtschaftlich unabhängige Frau leben möchte, was sie ihrem Kind alles geben möchte. Mit Hinweis auf die »beschissene Ehe« und den jahrelangen nachfolgenden Rosenkrieg ihrer Eltern, von dem nahezu ihre gesamte Kindheit überschattet war, vertritt sie ihr Recht, dieses Risiko mit Mark gemeinsam nicht eingehen zu wollen. Pragmatische Verhältnisse sind ihr lieber. Klare Grenzen, klare Aufgabenverteilungen, kein Zusammenwohnen. Natürlich soll ihr Sohn, das Geschlecht ist schon per Ultraschall festgestellt worden, eine gute und intensive Beziehung zu seinem Vater aufbauen. Phillip soll sich also nicht nur als »Zahlvater« einbringen, aber bitte mit seperatem Lebensterrain. Wie es zwischen ihr und Phillip als Paar weitergehen soll? Das sieht sie gelassen. Mit dem zukünftigen Kind fühlt sich Birgit nun emotional vollkommen auf der sicheren Seite des Lebens angekommen. Denn ihren Sohn wird sie absolut und hingebungsvoll lieben, das spürt sie schon jetzt. »Das ist eine ganz andere, viel sicherere Ebene«, argumentiert sie mit großer Überzeugung, »denn ein Kind liebt einen absolut und enttäuscht sein Gegenüber darin nicht.« »Mit der anderen Ebene hast du recht«, denke ich mir. Doch genau darin liegt die Problematik. Eine schwierige, mit großen Erwartungen beladene Kindheit wartet auf diesen noch ungeborenen Sohn.
Auch die Reihe meiner jüngeren und jungen Patienten, bei denen diese seltsame, spezifische »Fühlschwäche«, diese grundsätzliche Abnahme der Wichtigkeit von Liebesbeziehungen, ja sogar Entwertung derselben, feststellbar ist, ließe sich beliebig fortsetzen. Alles lauwarm, alles cool ist die Devise. Ganz ohne Pulsbeschleunigung soll es sein und sich als taktischer Baustein in ein streng eigenorientiertes Lebenskonzept ohne Anpassungsbereitschaft fügen. Wenn dies allerdings nicht für beide involvierten Teile gilt, sprengt die Konfrontation mit dieser Haltung für den emotional involvierten Partner einen tiefen Krater in die derart geschundene Seele. »Schwangerschaftsberatungen« wie die von Phillip und Birgit sind heute in meiner Praxis keine Seltenheit mehr. Mal ist es der weibliche mal der männliche Teil, der sich für eine verbindliche Beziehung auf der Elternebene nicht wirklich bereit fühlt. Bisweilen wirkt es fast so, als ob vor dem Eintritt der Schwangerschaft in einer Art stillem Arrangement ein mit viel anderen Inhalten und persönlichen Zielen aufgepolstertes und abgelenktes Leben nebeneinander geführt wird. Die Schwangerschaft wird dann zum Offenbarungszeitpunkt, denn sie erfordert Bekenntnis und endgültige Klärung, ob man bereit und fähig ist, sich aufeinander einzulassen und für dieses Kind eine neue soziale Einheit als Basis zu schaffen. Liebesgefühle werden vielfach als bedrohlich erlebt, eine damit einhergehende »Auslieferung« assoziiert und diese als zu hohes Risiko bewertet. Konsumieren in Leichtigkeit, in einem abgesteckten Rahmen, der gleichzeitig Unverbindlichkeit garantiert oder zumindest Hintertüren offen hält, das suchen diese Patienten. Die Dämpfung des Fühlens repräsentiert eine neue Form des strategischen Beziehungsmanagements, das jedoch, wenn ich mich unter meinen Patienten so umblicke, gerade das nicht zu erfüllen scheint, was es anstrebt: nämlich, die Menschen glücklich zu machen.
Zu diesem Zeitpunkt meiner Beobachtungen bewegte ich mich mit meinen Überlegungen noch im Feld meiner Patienten. Ich war der Überzeugung, in dieser Fühltaubheit, dieser Reduzierung der affektiven Besetzung eines Gegenübers, einen Mechanismus zu erblicken, der Ausdruck eines pathologischen Grundgeschehens war. Menschen, die auf Basis unsicherer frühkindlicher Bindungsangebote und entsprechender Traumatisierungen einen »fehlerhaften« Zugang zu einer befriedigenden zwischenmenschlichen Beziehungsgestaltung entwickelt hatten, waren zwar nichts Neues. Ja, sie sind sogar die Grundmatrix der psychotherapeutischen und psychiatrischen sowie psychosomatischen Sprechzimmer. Doch schien es mir eindeutig, dass eine tektonische Verschiebung im Untergrund der Bewältigungsstrategien dieser schmerzhaften Lebenssituation der Einsamkeit und Isolation erfolgte. Denn die Liebesbeziehung als grundsätzliches emotionales Lebensziel war in den früheren Jahren nicht infrage gestellt worden. Mit einem unzureichend reifen Bindungs- und Beziehungsinstrumentarium ausgerüstet, hatten meine früheren Patienten durchaus ihr »Scheitern am Gegenüber oder an sich selber« in heißen Kämpfen, frustrierenden Rückzugsschlachten und zähen, letztendlich ergebnislos verlaufenden Verhandlungen erlebt. Doch am Grundprinzip, am Streben nach einer befriedigenden Partnerschaft, war nicht gerüttelt worden. Nach einer unterschiedlich langen Periode, die sie brauchten, um sich vom Boden zu erheben, Wunden verheilen zu lassen und den Staub der letzten Niederlage aus den Kleidern zu klopfen, waren sie, wie von einem inneren Uhrwerk angetrieben, ganz selbstverständlich wieder aufgestanden. So hatte sich jener starke, auf einen anderen Menschen gerichtete Wunsch nach Nähe und Bindung wieder ganz von selbst eingestellt. Wie Kinder, die beim Laufenlernen unermüdlich nach jedem Sturz wieder aufstehen und weitermachen. Das schien sich jedoch in den letzten 20 Jahren grundlegend geändert zu haben, gerade darin schien die Veränderung zu liegen. Die Menschen schienen aufzugeben. Einen anderen Menschen überhaupt noch tief und rückhaltlos lieben zu wollen, kam aus der Mode. Das war neu. Wo war die Kraft hingekommen? Es schien mir, als hätten meine heutigen Patienten im Gegensatz zu meinen früheren auf ihrem Weg den Glauben verloren, als würde die analoge Erfahrung aller Betroffenen: »Scheiße, das war nicht der/die Richtige, das tut verdammt weh!« nicht mehr zu einem »Okay, dann muss ich etwas ändern, dazulernen, verbessern, auf etwas beim nächsten Mal mehr aufpassen« führen, sondern zu einem bitteren Erkenntnisprozess. Zu einer Grundhaltung von: »Also Beziehungen sind grundsätzlich scheiße, ich mach jetzt gar nichts mehr und kümmere mich nur mehr um mich, der/die Nächste wird sich bei mir gehörig anstrengen müssen, aber ich lass keine/n mehr wirklich an mich ran.« Eine Rücknahme der Besetzungsenergie auf sich selber, ein überzogenes Ausmaß von Beschäftigung mit sich und im Untergrund ein Eisberg an Enttäuschung und Frustration schienen die Folge dieser Schwäche zu sein. Resignation des psychischen Apparats, ein Motivationssystem, das nicht mehr genügend motiviert, die Hand mit Mut nach dem Gegenüber auszustrecken, sondern rät, nur ganz bei sich zu Hause zu bleiben. Bei meinen jüngeren und jungen Patienten schien mir die Sache noch viel grundsätzlicher zu verlaufen. Es mutete an, als würden viele von ihnen bereits an der Basis mit diesem Mangel an Begeisterungsfähigkeit für ein Gegenüber ausgerüstet sein. Schon von Beginn an schienen sie so geprägt in das zwischenmenschliche Beziehungsfeld einsteigen, ganz so, als würde ein zentrales Dogma das sich offen gebende, vertrauensvolle Lieben als gefährlich, unsicher und daher als zu vermeiden entwerten. Ein für die zwischenmenschliche Begegnung bereits zu invalidisierter psychischer Apparat, dem die Brille des Egos aufgeschweißt ist. Aber es ging ihnen allen schlecht damit und, auch wenn dies das rationale Wachbewusstsein mit lautem Pathos abstritt, so hoffte doch jeder ganz im Geheimen, in der letzten tiefsten und von zahlreichen Schlössern abgesicherten Kammer irgendwann dem Traumprinzen oder der Prinzessin zu begegnen. Dem Menschen, der sie mit ihrer Liebe wie das Sterntalerkind überschütten würde. Allerdings frei nach dem Motto: »Geliebt werden will ich schon, aber lieben nicht!« Doch unsere Biologie ist nicht zu betrügen. Der Mensch, das aristotelische zoon politikon, ist als homöostatisches System, sprich als ausgeglichener, gesunder, befriedigter Mensch unter solchen Vorzeichen nicht lebensfähig. Es lebt dann in einem kalten, allein mit Spiegelwänden ausgekleideten Kosmos und verbraucht einen Großteil seiner Energie mit der beständigen Verleugnung und Ablenkung von seiner einsamen Situation. Leben kann so nicht aus seiner Lebendigkeit heraus gestaltet werden. In einem strengen Konzept der Selbstinszenierung, das nur jene Begegnungen und Abläufe zulässt, die diesem kleinen, verunsicherten »Ego« genügend Kontroll- und Steuerungsgefühl vermitteln, wird konsumiert. Güter, Beschäftigungen, Hobbys oder auch andere Menschen. Wenn die Grundgeborgenheit im Lieben aber nicht gegeben ist, können weder genug Kleingeld, skurrile Sammlerleidenschaften, rastlose Selbstbeschäftigung, noch endloses Fitnesstraining helfen. Und auch die sexuelle Trophäensammlung vermag keine ausreichende Wärme zu entwickeln, um die existentielle Einsamkeit nachhaltig zu überwinden.
Nun, hier bewegte ich mich immerhin beruhigenderweise noch im Fahrwasser des Patientenmodells. Es mochte sich also um einen Mechanismus handeln, dessen Erforschung möglicherweise durchaus interessant sein konnte, der allerdings nur auf Personen mit einer entsprechenden Zuordnung zu psychischer Beeinträchtigung zutraf. Zwar waren es immerhin stolze 38% der europäischen Bevölkerung, die irgendwann einmal eine klinisch relevante psychische Störung aufwiesen. Aber dennoch war das eine Minderheit, per definitionem eingerastert und abgesondert gegenüber der psychisch gesunden Normalbevölkerung.
Wenn man sich für Motorräder interessiert …
… dann sieht man sie plötzlich überall. Ist Ihnen dieser Mechanismus unserer selektiven Aufmerksamkeit schon einmal aufgefallen? Wenn wir uns für ein Ding oder eine Sache interessieren, dann fällt sie uns plötzlich viel stärker auf. Dies gilt für Motorräder, wenn wir gerade Motorrad fahren gelernt haben, genauso wie für Kinderwägen mit Babys, wenn wir vor wenigen Tagen einen positiven Schwangerschaftstest gemacht haben. Plötzlich ist die Welt voller Motorräder oder Kinderwägen mit schnuckeligen Babys. Natürlich nimmt weder die Zahl der Motorräder noch die der Babys in unserem Umfeld von einem magischen Mechanismus angetrieben auf einmal zu. Alles bleibt so, wie es das statistische Auftreten für Motorräder oder Babys in unserem Umkreis vorgibt. Was sich ändert, ist unsere Aufmerksamkeit dafür. Motorräder oder Babys werden durch den inneren Bezug, den wir zu ihnen entwickelt haben, einfach interessant und fallen uns deswegen mehr auf. Wir gehen nicht mehr achtlos an ihnen vorüber und vergessen sie sofort wieder, sondern sie treten sehr klar als Gegenstand der Auseinandersetzung in unser Bewusstsein. So in etwa begann es mir mit dem Phänomen der »Fühltaubheit« und der damit einhergehenden starken Rücknahme von Bindungsenergie gegenüber anderen Menschen zu gehen. Ich begann, den Beziehungskosmos, die Liebesbeziehungen der Menschen um mich herum, auf ihre Feinmechanik hin zu durchleuchten. Wie legten meine Freunde und Bekannten, wie Menschen, denen ich in Alltagskontexten und nicht im Therapiezimmer begegnete, ihr Lieben an? Welche Rolle spielte es in der Gesamtkonstruktion ihres Lebenskonzepts? Was waren ihre Schlüsse und Resümees zum Thema Liebe?
Mathilde lerne ich bei einem Galaabendessen kennen, der Auftaktveranstaltung für ein großes Frauenevent am nächsten Tag, zu dem ich als Podiumsdiskutantin geladen bin. Jede Menge Small Talk also, während wir Häppchen auf überdimensionalen Tellern nach dem Protokoll einer zwanghaft kreativen Speisekarte verzehren. Jeder Gang wird extra angekündigt und die Verlesung braucht ungefähr so lange, wie es dauert, sich das Kunstwerk einzuverleiben. Doch mit Mathilde wird es wirklich interessant. Eine dynamische, attraktive Frau, im Styling erste Sahne, gerade noch unter der 40er-Marke, über die hinaus erfolgreiche Frauen nicht altern dürfen. »Talkative« nennt man den Typ. Darum hat sie es in der Medienbranche auch weit gebracht. Bis nach dem »Gruß aus der Küche« und der »Kaltschalensuppe«, die mich irgendwie an den viel würzigeren Gurkensalat der Badeausflüge meiner Kindheit erinnert, haben wir ihren beträchtlichen Karriereweg durchgekaut. Die Branche ist hart, verlangt einem viel ab, da darf es kein Zaudern geben und permanenter Einsatz ist eine Grundvoraussetzung, aber noch lange nicht Garantie für Erfolg. Als das »Wolllämmchen in Kürbiskruste« auf einem exotischen Gemüse serviert wird, sind wir in den privaten Bereich vorgedrungen. Mit Kindern hat Mathilde nichts am Hut, viel zu aufwändig, viel zu unsicher als Zukunftsinvestition, also eine klare Behinderung. Als sie erfährt, dass ich vier Kinder habe, mutiere ich zur Bewohnerin einer anderen Galaxis. Das bringt uns dann zum Thema Beziehungen. Auch hier winkt Mathilde ab. Selbst in der besten Verpackung steckt ein fauler Inhalt, das ist ihr Resümee. Alltag, Interessenungleichheit, abschlaffender Sex, schlechte Angewohnheiten. Schmetterlinge im Bauch, die nach kurzer Zeit nur mehr fad herumknotzen statt heftig zu flattern. Zähe Verhandlungen über Zahnpastatuben und Haushaltsaufteilung haben sie eindeutig kuriert. Heute sind Männer nur mehr »Appetithäppchen« für sie, durchaus auch mal ein geregelteres »Sexualkombinat« für mehrere Monate, weil das Mühe spart. Aber nach klaren Spielregeln und ohne Herzflattern oder Verbindlichkeit. So richtig nahe lässt sie keinen Mann mehr ran. Und wenn grad keiner an der Hand ist, stört es sie auch nicht, wie sie mir über das bauchige Rotweinglas hinweg konspirativ erklärt, denn selbst ist die Frau. Ansonsten legt sie für ihre Altersvorsorge zurück, was sicher vernünftig ist und mir mit meinen vier Kindern so ziemlich verwehrt bleibt. Sie treibt rasend viel Sport, weil auch dies vorsorgend ist, und macht sich Sorgen ums Älterwerden. Ihre wirkliche Leidenschaft sind romantische Soaps. An Wochenenden bunkert sie sich manchmal ein und zieht sich ganze Staffeln mit Prosecco und Chips hinein. Was natürlich weniger gesund ist, aber irgendwie unvermeidbar, fast zwanghaft, wie sie bekennt. »Dann heul ich Rotz und Wasser«, gesteht sie mir beim vierten Rotweinglas. »So schön, so innig, aber leider alles nur im Kino!« Mathilde lehrt mich an diesem Abend einiges zum Thema »akzeptierte Desillusion als Lebenskonzept«. Doch ich lasse mich, ganz außer Dienst, über ein unspezifisches »Hm« hinweg dazu verführen, ihr heftig darin zu widersprechen, dass all das, was sie da sieht, nur Fiktion ist und mit realem Leben nichts zu tun hat. So fragt sie mich nach dem Dessert nach meiner Karte.
Ein paar Wochen später ergibt es sich, dass ich in meiner Praxisküche mit meiner ältesten Tochter sitze und Kaffee trinke. Ich habe gerade eine Arbeitspause eingeschoben, und sie wartet auf eine Freundin, die sie zum Sport abholen kommt. Ein feines Privileg, bereits eine so erwachsene Tochter zu haben, denke ich mir und freue mich auf eines dieser in seinem Verlauf ungeplanten, aber immer sehr persönlichen und innigen Gespräche, wenn alle anderen Geschwister noch in der Schule sind. Wir plaudern über ihr Studium in Berlin, ihre Firma und ihre nächsten Arbeitsprojekte. Plötzlich sagt sie dieses »Mutter«, mit seiner bedeutungsschweren Pause, bevor sie fortfährt. Das ist genau der Ton, der mir sagt, dass jetzt ein Anliegen kommen wird. Diesmal bezieht es sich auf Gigi, jene Freundin, die sie gleich abholen wird. »Die ist total fertig, völlig durch den Wind«, beschreibt sie mir. »Es hat sie gerade wieder ein Typ gedumpt, echt fies, wie der das gemacht hat, und das nach sechs Monaten.«
»Hm«, ich rutsche etwas unbequem auf meiner Küchenbank hin und her, »sowas kommt vor«, versuche ich mich rauszuwinden. Doch meine Tochter winkt ab. »Sie ist echt fertig, aus, game over, die macht jetzt völlig zu.« Dabei fährt sie zur Bekräftigung mit der flachen Hand wie mit einem Messer hart über die Tischplatte. »Verstehst du, Mutter, aus dem vollen Honeymoon heraus. Völlig ohne irgendwas davor, einfach so. Das ist nicht zu packen. Wie soll man da noch auf die eigenen Gefühle vertrauen können? Kannst du nicht ein wenig mit ihr reden?«
Wenig später sitzt Gigi, eine dampfende Kaffeetasse vor sich, bei uns am Tisch und zündet sich ihre erste Zigarette mit zitternden Fingern an. Es werden noch einige mehr werden. Es geht ihr tatsächlich miserabel, sie sieht schlimm aus. Eigentlich kenne ich sie als zielorientierte, arbeitsame, gut organisierte junge Frau, ein paar Jahre älter als meine eigene Tochter, so um die 27, die sich in der harten Filmbranche als versierte, zuverlässige Cutterin etabliert hat. Ein Kerl zum Pferdestehlen, eine Frau, die viel Einsatz für ihre Projekte zeigt und positives Klima in ein Team zu bringen weiß. Heute ist von ihrem Strahlen nichts zu bemerken. Sie hat sicher eben noch geweint. Tiefe Augenschatten zeugen von schlaflosen Nächten. Im Blick liegt jene gewisse Leere und Ferne, die Resignation in ein Gesicht malt. Das mit dem »Sport« war wohl ein »therapeutischer Vorschlag« meiner Tochter gewesen, um sie irgendwie rauszureißen.
Doch was sie erzählt macht auch mich etwas ratlos. Alles hatte super angefangen. Filipe war engagiert, keiner der mit seiner Faszination für Gigi hinter dem Berg hielt. Der Sex war traumhaft und immer passend, so als würde man mit einem geheimen Signalsystem aufeinander abgestimmt sein. Unzertrennlich waren sie die letzten Monate gewesen, zärtlich, romantisch und bis über beide Ohren verliebt. Schon nach drei Wochen war es selbstverständlich, dass sie gemeinsam entweder bei ihm oder bei Gigi die Nacht verbrachten. Diese Beziehungskiste hatte alle Insignien von echt und verbindlich gezeigt, und Filipe hatte dies gerade in intimen Momenten auch seinerseits und ohne Nachfrage oder Drängen von Gigi immer wieder thematisiert. Nun war er vor ein paar Tagen und ohne, dass der Idylle die geringste Erschütterung vorausgegangen wäre, damit gekommen, dass es nun genug sei. Ein emotionales Horrorszenario für Gigi. Der Moment, als er plötzlich vollkommen distanziert und verschlossen vor ihr gestanden war und gemeint hatte, dass es jetzt aus wäre, einfach weil es genug sei. Keine andere Frau, nichts was ihn störe, aber eben genug, lang genug, genug Zeit miteinander verbracht, genug Sex miteinander gehabt. Jetzt wolle er einfach wieder frei sein und schauen, was ihm das Leben so Neues bringt. Unter neu fällt Gigi nun mal nicht mehr.
»War das alles nur eine Show?«, fragt sie mich mit tiefer Verzweiflung in der Stimme. »Da war gar nichts, was mich hätte warnen können. Wenn er wenigstens eine andere hätte, könnte ich mich damit abfinden, aber so ohne Grund. Einfach, weil es genug ist und nicht mehr neu? Was war denn das, was so wie Liebe ausgesehen hat?«
Ich weiß auch nicht recht, welchen Trost ich ihr anbieten kann, außer, dass dieser junge Mann wohl ein schwerwiegendes Problem mit Nähe haben muss. Doch das hilft ihr nicht wirklich weiter, denn sie ist nachvollziehbarerweise tief in ihrem Werte- und Evaluierungssystem verunsichert und vermag ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr zu vertrauen. »Ich werde nie mehr jemanden an mich ran lassen, egal wie toll es sich anfühlt«, schließt sie ihre Erzählung, »das muss einfach vorbei sein.«
»Scheiße«, denke ich mir, »sie könnte nun zu einer ›coolen Jägerin‹ mehr auf der Bahn werden, die prompt jenen jungen Männern, die sie wirklich lieben werden, nur mehr mit Kälte entgegentreten kann.«
Wie gerne hätte ich Gigi damals als Lösung angeboten, dass es sich bei Filipe ganz sicher um einen bedauerlichen Einzelfall handelt, etwas, das ihr ganz sicher nie mehr im Leben würde passieren können. Doch es waren mir viel zu viele Fälle bekannt, in denen nach dem Abschwellen der ersten Verliebtheit einer der Partner, oder bisweilen sogar beide, in pragmatischer Akzeptanz auf Basis des nachlassenden »Kicks« beschlossen hatte/n, neue Wege zu gehen. Die Suche nach dem Neuen, Besseren schien in der Kriterienhierarchie zunehmend an Bedeutung zu gewinnen, ja sie bekam mehr und mehr den Charakter einer logischen Konsequenz. Psychodynamisch fragte ich mich, ob in all diesen Konstellationen überhaupt wirkliche Bindung gegeben war oder ob sie nur als Simulation existierte? Die Anziehung wurde ausgelebt, durchkonsumiert, ausgeschöpft, der narzisstische Gewinn der Selbstbestätigung eingefahren. Aber wenn es um tieferes Sich-Einlassen, den Aufbau von Gemeinsamkeit und die Abstimmung von Interessen ging, es also anstrengender, weniger spektakulär und unmittelbar befriedigend wurde, wenn die Notwendigkeit von eventueller Bedürfnisverschiebung oder gar ein Stück Selbstverzicht an der Reihe waren, dann zerbrach das Konstrukt, das als oberflächliches Sofortbelohnungssystem konzipiert war. Für jenen Partner, der über grundsätzliche Bindungsbereitschaft verfügte und zu emotionaler Investition fähig war, entwickelte diese Erfahrung eine desasteröse Dimension für seinen Selbstwert und sein Vertrauen in seine Einschätzungsfähigkeit emotionaler Prozesse eines Gegenübers. Jene Konstellationen, in denen beide Partner sich zu einem derartigen Strichcode eines Ablaufdatums bekannten, muteten mehr wie Geschäftsbeziehungen an. Die »Liebe« als klarer Deal. Man kauft Sex, kuscheln, gemeinsame Unternehmungen unter der Devise, dass es cool ist, und entsorgt das Ding, wenn es nicht mehr den Erwartungen entspricht, erste Abnützung zeigt oder man Lust auf etwas Neues hat.
Meine Überraschung war vor etwas mehr als eineinhalb Jahren noch recht groß gewesen, als ich in Alpbach gemeinsam mit einer deutschen Soziologin zum Thema »Beziehungen der Zukunft« ein Planspiel mit einer Schar junger »High Potentials« durchführte, in dem es um die Entscheidungsfindung betreffend eines interessanten Jobangebots in Übersee ging. Einbeziehen eines Beziehungspartners in die Entscheidung rangierte ganz unten, genau genommen hatten nur zwei der einen ziemlich großen Saal füllenden TeilnehmerInnen dieses Kriterium überhaupt in Betracht gezogen. Auf meine Nachfrage hin wurde mir nahezu entrüstet geantwortet, dass Beziehungen ja grundsätzlich unberechenbar und unsicher und außerdem ja wieder ersetzbar seien, das große Jobangebot aber von bleibendem Wert, da es der eigenen Selbstentwicklung und Karriere diene. Es klang zwar logisch, ja im Sinne einer strategischen, auf materielle Werte und Sicherheit ausgerichteten Lebensführung bestechend sinnvoll, doch spürte ich gleichzeitig, wie ich Gänsehaut bekam. Wie wird es all diesen »High Potentials« in zehn Jahren gehen, wenn sie in ihren mittleren oder sogar oberen Führungspositionen sitzen werden, wenn sie abends in ihre leeren Designerwohnungen an irgendeinem der Top-Wirtschaftsstandorte in Asien oder Südamerika kommen oder einen rasch abgeschleppten, vorübergehenden Sexualproviant hinter sich herschleifen? Irgendwann ist auch der längste und produktivste Arbeitstag zu Ende. Wo werden sie das Gefühl von Geborgenheit finden? Wie werden sie es anstellen, die auf sie wartende Stille nicht als Leere zu empfinden? Skypen, endlos in Bars abhängen, bis sich die notwendige Bettschwere einstellt, hundert Programme durchzappen, Fotos auf Facebook hochladen und sich über das Einsammeln von »Likes« Community vorspiegeln? Werden sie sich »irgendetwas Gutes gönnen«, viele Gläser Rotwein als Schlaftrunk oder auch härteren Stoff? All diese Lösungsstrategien waren mir bereits heute von meinen Patienten bekannt und standen letztendlich nicht wirklich für eine befriedigende, ausgeglichene Lebenskonzeption, auch wenn sie »trendy« waren und als »cooles Leben« etikettiert wurden.
Meine nächsten Monate verliefen als heroische Feldforschung, im Zuge derer ich so ziemlich jeden mit meiner ewigen Einstiegsfrage: »Welche Bedeutung haben Liebesbeziehungen für dich?« verfolgte. Ich erhielt sehr unterschiedliche Antworten. Oft entwickelten sich erstaunliche und umfassende Gespräche, nicht immer ohne Kontroverse. Mehr und mehr kam ich zur Einsicht, hier einen sehr heiklen Punkt zu treffen, den Finger in eine schwelende Wunde zu legen, eine Wunde, an deren Heilung viel nicht mehr so recht glaubten. Eine Wunde auch, für die gerade die unterschiedlichsten palliativen Behandlungsmethoden in Erprobung waren, bis hin zu einer Vogel-Strauß-Politik ihrer Verleugnung.
Da war Maria, meine ehemalige Studienkollegin und gut positionierte praktische Ärztin, die sich auch hervorragend auf Homöopathie verstand. Wir sind seit Studienzeiten miteinander bekannt und halten unseren jeweiligen Lebensweg aus dem Augenwinkel in Observanz. Aus ihrer zehnjährigen Ehe waren ihr zwei Kinder und ein großer Sack Frustration geblieben, nachdem sie feststellen musste, dass ihr Ehemann durch seine geheime Spielleidenschaft eine Menge Schulden angehäuft hatte. Die hatte sie zu einem großen Teil bei der Scheidung auch mitübernehmen müssen und jahrelang die ersten beiden Arbeitswochen des Monats mit bitterem Unterton als »dem Andenken meines Ex gewidmet« bezeichnet. Ihre Antwort auf meine neue Standardfrage mutete für mich fast mathematisch an: »In meinen frühen Jahren als junge Frau habe ich einfach keinen Mann getroffen, der sich als genügend attraktiv für eine Lebensbeziehung erwiesen hat. Ich war zu unerfahren und wusste auch nicht, wie Beziehungen zu führen sind. Nach der ersten Verliebtheit ist das Gefühl einfach immer abgeschwollen, und das Ganze hat sich irgendwie verlaufen. Dann kam Felix, und da hat es mich echt und richtig umgehauen. Zwei Jahre total in den Wolken, dann die Heirat und die Kinder und im Anschluss zehn zähe Jahre, in denen wir mehr und mehr auseinandergedriftet sind. Dann noch zehn Jahre mühseliges Ackern, um die Kinder alleine aufzuziehen, die Praxis sicher zu etablieren und die Schulden abzuzahlen. Ehrlich gesagt hatte ich nie mehr den Mut, einen Mann nochmals so nah an mich heran zu lassen. Fazit: Zwei Jahre meines Lebens habe ich gemeint, die wirklich große Liebe zu spüren. Das wiegt sich mit einem Gegengewicht von gut 20 Jahren ziemlicher Bitterkeit auf. Ich liebe meine Kinder, meinen Hund, den Moment, wenn ich die Praxistür am Abend hinter mir schließen kann, meine Hobbys und Reisen. Das ist mir heute genug. Mit romantischer Liebe bleib mir bitte vom Hals, davon will ich in diesem Leben ganz sicher nichts mehr wissen.«
Klaus und Brigitte, ein befreundetes Paar, wirken hingegen wie ein wirklich feines Ehepaar. Gemeinsam mit ihren zwei Kindern, der gerade fünfzehnjährigen Luise und ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Thomas, machen sie sogar den Eindruck einer harmonischen Bilderbuchfamilie. Doch der Schein trügt, denn unter der mit Spitzendeckchen ausgelegten Idylle herrscht eisiges Schweigen. Klaus hat Brigitte knapp nach der Geburt von Thomas betrogen. Der daraus resultierende Konflikt wurde, auch nachdem er das Verhältnis eingestellt hatte, nie von dem Ehepaar aufgearbeitet. Seit dem fatalen Seitensprung von Klaus existiert kein gemeinsames eheliches Bett mehr. Klaus treibt exzessiv Sport, weil ihn dies fit hält, er damit viele Stunden außer Haus sein kann und sich gemeinsame Abende vermeiden lassen. Brigitte hat sich zu einer virtuosen Köchin entwickelt, weil sie gerne isst, sie dies beruhigt und Klaus ihre beständige Gewichtszunahme auf den Geist geht. Ein pragmatisches, von zahlreichen Sticheleien durchsetztes Familienmanagement ist die Lebensroutine. Liebe, Zärtlichkeit oder tiefe Anteilnahme aneinander sind für beide so weit von ihrem Leben weg, wie der Planet Venus von der Erde.
Norberts und Monas Beziehung dagegen verursacht nahezu beständig einen im beachtlichen Dezibelbereich liegenden Geräuschpegel. Mona habe ich bei der Geburt ihrer Tochter kennengelernt, als ich ebenfalls gerade mein erstes Kind bekam. Ihre heute knapp 23-jährige Tochter Safira, ein hochgewachsenes, elfenhaft anmutendes Geschöpf, siedelt nach klassischen Kriterien eindeutig im Bereich der Anorexie, wird aber von ihrer Facebook-Community wegen ihres ultracoolen Bodys gefeiert. Sie vermeidet nichts mehr, als eine auf Kontinuität ausgerichtete Beziehung. Die Liste der Bewerber wäre lang, denn neben ihrem unwiderstehlichen Flair von eroberungswürdiger Zerbrechlichkeit, lauert hinter langen Wimpern ein erotisches Kraftwerk. Manchmal wünsche sie sich einen Mann, mit dem sie wirklich alles teilen könnte, gibt sie mir gegenüber zu. Einen, dem sie vertrauen und auch zeigen könnte, dass sie hinter ihrer ewig perfekten und beneideten Fassade auch Momente von Schwäche verborgen hält. Doch das Risiko einer Enttäuschung erscheint ihr viel zu hoch. Die kontinuierlichen Machtkämpfe, Abwertungsduelle, Tage, in denen die wechselseitige Verachtung der Eltern füreinander die Grundatmosphäre des Familienlebens bestimmt hat, haben ihr eindeutig die zu erwartende Beziehungsrealität von klein auf vor Augen geführt. Selbst wenn sie ihre Eltern als Extrembeispiel sähe, hätten sich die Ehen der Eltern ja bei den allermeisten ihrer Freundinnen genauso entwickelt. Von liebevoller Verbundenheit zwischen den Partnern sei nichts zu spüren gewesen. Und ihre eigenen ersten Beziehungserfahrungen mit Männern, die sie letztendlich immer hatten besitzen wollen, hätten sie auch gleich eines Besseren belehrt. Also lieber nicht. Ich kenne Safira, seit sie ein Baby war, und habe den wechselhaften, aber immer lauten Werdegang der Beziehung ihrer Eltern aus nächster Nähe verfolgen können. Auf meine Frage nach der Liebe meint meine Freundin Mona, dass es seit vielen Jahren der Hass und die enge wirtschaftliche Verflechtung des gemeinsamen Unternehmens wären, die sie und Norbert noch zusammenhielten. In diesem Punkt zumindest herrscht Einigkeit zwischen den beiden.
Robert wiederum, ein Arztkollege, der am Beginn seiner 40er steht, hat lieber den Weg nach draußen gewählt, als in einer mühseligen, konfliktreichen Ehe zu verbleiben. »Sie ist mir einfach nie so nahe gestanden«, beschreibt er die emotionale Ebene seiner Ehe, »um die Energie aufbringen zu wollen, mich ernsthaft auseinanderzusetzen. Heute glaube ich, dass ich sie einfach deswegen geheiratet habe, weil sie gut aussah und ich ›Heiraten‹ zu diesem Zeitpunkt irgendwie auf meiner Lebenserledigungsliste hatte. Ausbildung fertig, etablierte Praxis, da gehört dann auch noch eine Ehefrau ins Bild, du verstehst«, beschreibt er mir seine Gefühlslage.
Seit seiner nicht ganz billigen Scheidung beschränkt sich Robert auf Affären mit Ablaufdatum. Das ist bequem, gibt Kick, ist ein bisschen aufregend und möbelt den Praxistrott auf.
»So ein wenig Jäger«, meint er mit einem Zwinkern. »Das eigentlich Bedeutende an all diesen Frauen ist, dass sie unbedeutend bleiben.«
Gerade das gibt ihm ein Machtgefühl, denn seine Gefühlskälte, die hinter seiner galanten und intelligenten Fassade sowie seinem intensiven Werbungsspiel liegt, versetzt ihn immer in die stärkere Position und ermöglicht ihm im Finale den Triumph, die betreffende Frau zu kränken.
Meine Freundin Judith wohnt seit dem Auszug ihrer Tochter, die sie nach einer »blutigen Scheidung« seit ihrem vierten Lebensjahr unter permanenter Ausgrenzung des Kindesvaters alleine aufgezogen hat, mit ihren fünf Katzen, ihrem Fernsehgerät und dem Kochtopf, den sie immer gut zu füllen weiß, in stiller Symbiose. Für einen Mann würde sie nicht mal den kleinen Finger mehr krumm machen, erklärt sie mir verbissen. Obwohl sie andererseits bereit ist, wöchentlich Tonnen von Futterdosen und Katzenstreu in ihr Appartement zu schleppen. Ihre Gewichtszunahme hat bereits medizinisch bedenkliche Formen angenommen.
Thomas lebt dagegen in einer kalten Ehe, in der es seit 14 Jahren keinerlei Sexualität, dafür ausgeprägte Revierkämpfe gibt. Seine Liebe gilt der Aquaristik. Er züchtet bunte Guppys, deren strahlende, gigantisch überdimensionierte, regenbogenfarbene Schwanzflossen er stundenlang verträumt beobachtet. Als er Lisa, die selber in einer unglücklichen, berührungsarmen Ehe lebt, kennenlernt und, wie er es beschreibt, ein Gefühl ungewohnter Wärme in seine Brust einzuziehen droht, wird die Angst so stark, dass sein rationaler, Gregor Mendel verpflichteter Verstand das Risiko als zu hoch einschätzt und er die ersten zarten Beziehungsfäden zu Lisa wieder durchtrennt.
Irgendwann am Ende dieser Monate sitze ich mit meiner Freundin Laura, die selber eine »distanzierte Seelenfreundschaft mit Sexualoption ohne Vermischung der Lebenssphären« unterhält und in ihrem Brotberuf eine wohldotierte Managerin ist, gemeinsam in der Sauna. Während der Saunaofen zischt, nerve ich auch sie mit meiner schon mantrisch anmutenden Fragestellung nach ihrem Verhältnis zur Liebe. Vielleicht war der Moment schlecht gewählt, vielleicht hatte die Wärme es auch vermocht, die Tagespanzerung erfolgreicher Frauen abzuschmelzen. Jedenfalls bewirkte die Frage eine für mich unerwartete Reaktion. Sie, die mir gerade eben mit wohldurchdachten Formulierungen und in so sachlichem Tonfall die Vorteile und die damit verbundene Ehrlichkeit ihres »losen Beziehungsverhältnisses« referiert hatte, rastete plötzlich und unvermutet nahezu aus. Eine starke innere Kraft schien sie förmlich von der Liege zu reißen, und sie begann mich anzuschreien: »Was fragst du all den Scheiß? Davon will doch keiner reden. Schau dich doch um, wie wir alle leben! Wir rennen in einem Wahnsinnstempo durch einen rein auf Konkurrenz ausgerichteten Alltag. Jeder und zwar absolut jeder sieht nur mehr sich und seinen Vorteil. Und die wenigen, die es anders tun, können sich sowieso nicht durchsetzen. Die Hälfte aller Ehen wird wieder geschieden und dabei heiraten schon viel weniger als früher. Heute musst du ›es‹, was immer das bedeutet, in einer Beziehung bringen, sonst wirst du entsorgt. Du musst immer gut drauf sein, gut aussehen, deine Sache beim Sex gut machen, super Job haben, gut zuhören können oder tolle Köchin oder Super-Mami oder spritzige Partybegleiterin sein. Oder was der Teufel sich der andere halt gerade wünscht. Und Frauen machen es mit Männern genauso. Wir haben in unserer Gesellschaft einen Reglementierungs- und Zertifizierungswahn im Namen von Qualitätssicherung entwickelt. Und heute sind wir sogar da angekommen, dass wir unser Gegenüber in der Beziehung eigentlich beständig evaluieren. Wenn es die ›Benchmark‹ in den vorgegebenen Kontrollsegmenten nicht mehr erreicht, kommt die Abberufung. Ganz logisch, ganz cool und ganz unpersönlich. Trotzdem ist es wie eine beständige leise Drohung. Die ganze Beziehungskiste gleicht mehr einer Auktion als einem Gefühlsprozess zwischen zwei Menschen, der Verlässlichkeit oder Kontinuität im Grundabkommen einschließt. Das, was du da zu ›Bindung und Beziehung‹ wissen willst, das ist gänzlich out. Das kann sich keiner mehr leisten! Das ist zu gefährlich, denn das Fallbeil für die Beziehung kann überall auf dich warten und ganz besonders dann, wenn du es am wenigsten brauchst. Anja, eine Assistentin von mir, du hast sie vor einem Jahr bei einer Veranstaltung kennengelernt, hat vor einem halben Jahr ihre Brustkrebsdiagnose bekommen, 45 Jahre, Peng, Untersuchungen, Operation, Chemotherapie, eben die ganze Latte, die dann über einen hereinbricht. Ihrem neuen Partner, den sie seit ihrer Scheidung vor fünf Jahren seit zwei Jahren kennt, ist jetzt bereits die Luft ausgegangen. Das Ganze ist ihm zu belastend. ER packt es nicht. Muss, wie er begründet hat, auf sich schauen, da er ja auch noch zwei Kinder aus einer früheren Ehe zu versorgen hat, wie er offiziell sagt. Und viele geben ihm in seiner Argumentation Recht, können es gut nachvollziehen. In Wirklichkeit ist ihm das viel zu anstrengend mit Anja, mit der er jetzt kein super Freizeitleben inszenieren kann, weil sie einfach fertig ist und Angst hat. Und sie weiß es, und es geht ihr deswegen noch schlechter.«
Langsam schien Laura, die während ihres Auftritts durch das Glühen der Kohlen des hinter ihr stehenden Saunaofens und ihr wildes Gestikulieren wie eine Rachegöttin vor mir gestanden war, wieder zur Ruhe zu kommen. Ich fühlte mich sehr betroffen, durch das, was ich mit meiner Nachfrage bei ihr bewirkt hatte. Ihre Reaktion hatte mich vollkommen überrascht. Sie setzte sich wieder auf die mir gegenüber liegende Saunabank und schien in sich zusammenzusinken.
»Laura, entschuldige«, setzte ich an, »ich wollte dir nicht zu nahe treten …«
Sie hob das Gesicht, und im rötlichen Halbdunkel sah ich die Tränen, die über ihre Wangen hinunterliefen.
»In manchen Momenten fühle ich mich so total einsam«, brachte sie mit leiser Stimme langsam hervor, »ich hätte so gern jemanden, der ganz zu mir steht, auf den ich mich wirklich verlassen kann, einen Mann, mit dem ich mich sicher und geborgen fühle und dem ich das auch geben kann, die ganze kindische romantische Geschichte. Aber es klappt irgendwie nicht, das gibt es nicht mehr, es funktioniert einfach nicht, überall ist ein Haken. Alle sind vorsichtig, taktierend, können sich nicht mehr rückhaltlos einlassen, das ganze Fühlen wird durch Ängste und Überlegungen wie in Watte gepackt.« Eine gedankenschwere Pause, die nur vom wiederanspringenden Heizelement der Sauna unterbrochen wurde, füllte für einige Zeit den Raum zwischen uns. »Und ich«, setzte sie nun sehr leise und mit resignierter Stimme fort, »ich bin genauso … sag mir, warum es in unserer Gesellschaft so zugeht, du bist doch der Shrink!«
Ich erinnere mich an mein Gefühl von Hilflosigkeit, an das in mir aufsteigende Bild, auf einem Wrackteil eines Schiffs gekauert zu sein und mit diesem untauglichen Floß auf einem dunklen Ozean unterwegs sein zu müssen. Die Antwort auf Lauras Frage wusste ich damals nicht zu geben, aber ich fühlte eine immer stärker werdende Beunruhigung und zunehmende Verpflichtung, noch genauer hinsehen zu müssen. Und dann gab es da noch ein Brathuhn, das mir klar machte, dass ich mich diesem Thema der sterbenden Liebesfähigkeit nicht entziehen würde können. Ich musste ihm einfach auf den Grund gehen.
Ein Brathuhn zum Verlieben
Schon während der Teenagerjahre meiner ersten Tochter habe ich die Erfahrung gemacht, dass mein Grundberuf als Frauenärztin gemeinsam mit dem mir aufgeklebten Etikett »Psycho« dazu führt, dass die pubertierenden Freundinnen meiner Töchter informelle Sprechstunden in familiärer Atmosphäre suchen. Und zwar, um jenen neu zu erobernden Lebensbereich rund um Periode, Verhütung, die zulässige Vielgestaltigkeit möglicher vaginaler Ausflüsse in Abgrenzung zu den Besorgnis erregenden, Sex, Herz und Männer diskutieren oder auch gemeinsam reflektieren zu können. Gemeinsames Herumlungern auf dem großen Mädchenbett ist dafür ein gutes Ausgangsszenario. Oder auch ein Abendessen, zu dem man noch schnell ein oder zwei Teller dazustellt, weil das eine oder andere der Girls, das zum Aufgabenmachen oder »Chillen« rübergekommen ist, entschieden hat, noch ein wenig länger bleiben zu wollen. Diesmal war es ein Zitronenbrathuhn mit Reis, das in einer leicht suppenähnlichen Sauce friedlich vor sich hin schmorte, das zum Abendessen auf dem Programm stand. Gott sei Dank waren es eigentlich zwei davon, denn drei Freundinnen meiner mittleren Tochter, allesamt in der Hochblüte pubertätsbezogener Lebensthemen, hatten sich kurzfristig angesagt. Ich mag Kerzenlicht, es verleiht dem gemeinsamen Tisch mehr Wärme und eine Qualität von Langsamkeit, die Gespräche gut in Gang zu bringen vermag. So fanden wir uns allesamt über Brathuhnkeulen und -brüste hinweg rasch in einer angeregten Diskussion zum Thema Nummer eins. Dabei gilt es natürlich die vorgeschützte Erfahrenheit und den souveränen Wissensstand zu respektieren und nur sanft zu korrigieren, dass es zum Beispiel doch weniger vordringlich der Sex während der Menstruationsperiode ist, der zu Schwangerschaft führen kann, als jener in der restlichen Zykluszeit. Das Gespräch hatte dem üblichen Ritual zu Folge von allgemeinen Fragestellungen wie AIDS und Hausmittel für gesunde Scheidenflora bereits seinen Bogen zu den mehr persönlichen individuellen Fragestellungen genommen. Nun konnte es in jene Endstrecke höchsten Interesses und aufgeregter Brisanz einzumünden, in der ich dann auch meine »Psycho-Kompetenz« einbringen sollte: Jungs, Mädchen und Sex. Wie weit geht man als Mädchen mit einem Jungen? Und wie lange soll man warten, bis man es tut? Was darf man nicht tun, wenn man an einem Jungen ernsthaft interessiert ist? Sind Jungs einfach weniger treu als Mädchen? Soll man beim Sex alles tun, was der Junge will? Kann man einem Jungen sagen, wie er es tun soll? Wie geht man vor, wenn man sich in denselben Jungen verguckt wie die beste Freundin? Diese und ähnliche Fragestellungen jener Stromschnellenphase des Eintritts ins Beziehungsleben hatten wir bereits vor etwas mehr als sieben Jahren mit meiner ältesten Tochter und ihren Freundinnen ausgiebig diskutiert. Nun waren meine mittlere Tochter und ihre Freundinnen meiner Einschätzung nach ebenfalls an diesem Konjugationspunkt der Planetenbahnen von Mann und Frau angelangt. Sie befanden sich gerade in der Geburtsstunde der eigenen Beziehungs- und Sexualphilosophie ihrer Generation. Und dann sagte Gina, deren wogender, lasziver Gang in den letzten Monaten gerade seine letzte Unbewusstheit verloren hatte, jenen Satz, der mich seither schlichtweg nicht mehr losließ: »Get sex and stay detached!«, strahlte sie mir mit jener vollkommenen Treuherzigkeit entgegen, die nur wirkliche Überzeugung zu Wege bringt. Dabei warf sie ihre blonde Mähne mit einer eleganten Bewegung zurück. Die letzten Bissen meines Huhns würden an diesem Abend auf meinem Teller bleiben. Das wurde mir schlagartig bewusst, während ich mich in der Runde der Freundinnen umsah. Niemand machte Anstalten, einen Einwand formulieren zu wollen. Meine eigene Tochter schien mich, nach der allgemeinen, kurz aufgeflammten Heiterkeit, die kraftvolle Ansagen unter Jugendlichen zumeist nach sich ziehen, mit ihrem Blick zu fixieren und meine Reaktion abzuwarten. Die anderen Mädchen begannen bereits, die Vorteile dieses Zugangs zum Thema heftig zu diskutieren.
»Wie meinst du das, Gina?«, versuchte ich nachzuhaken. »Was soll das heißen? Get sex and stay detached!«, wiederholte ich.
»Genau das!« Ihr Tonfall war jetzt von großer Ernsthaftigkeit. »Sex ist einfach fun, fühlt sich super an und macht Spaß, aber wenn du dich dann an einen Typen hängst, wird alles immer total schwierig, und am Ende tut es weh. Es ist einfach viel besser, das gar nicht zu machen«, erklärte sie mir sehr sachlich.
»Okay, du meinst, wenn du irgendwie an einen Jungen gerätst und dann merkst, dass es nicht der richtige ist, dann ziehst du dich rasch von ihm zurück«, versuchte ich ihre Aussage ins für mich richtige Fahrwasser zu bringen. Doch Gina machte mir deutlich, dass es sich hier nicht um eine Notfallstrategie nach einer Fehleinschätzung in der Wahl eines Jungen, sondern um ein Grundkonzept handelte. »Ich mach das mit jedem so«, beharrte sie.
Ihre Freundinnen nickten. Ich bekam das Gefühl mit einer neuen Kulturnorm konfrontiert zu sein. »Aber entschuldige«, widersprach ich, »wie ist das mit dem Sich-Verlieben? Kommt das nicht vorher oder zumindest dann, wenn man miteinander geht?«
»Nein«, bekräftigte sie ihren Ansatz, »das lass ich gar nicht aufkommen.«
Ich schob meinen Teller endgültig von mir weg, zündete mir eine Zigarette an und dachte kurz nach. Gina kannte ich seit dem Kindergarten. Auch Anna und Zora, die jetzt ihrerseits dieses Konzept zu verteidigen begannen. Sex und Liebe hat schlichtweg nichts miteinander zu tun. Sex ist fun, Sex konsumiert man, das war die Aussage. Sie verabredeten sich bisweilen auch dazu, ganz cool und nüchtern, nachmittags nach der Schule. Natürlich wussten das die Eltern nicht, die kein Zitronenbrathuhn servierten. Zur Bekräftigung der Theorie erzählte Anna von einem »süßen Typen«, der einfach echt super aussah und den sie deswegen haben wollte. Sie hatte sich mit ihm ein Date abgemacht, das schon in seiner Planung ganz offen die Zielsetzung, miteinander zu schlafen enthielt. Genau genommen war sie nach der Schule zu ihm gekommen, sie hatten sich ausgezogen und es gemacht, und dann war sie wieder gegangen. Peng, das wars. Erledigt. Annas Beschreibung ihres Nachmittags und vor allem des Zugangsmodus schien hier am Tisch niemanden wirklich vom Sessel zu hauen. Ich sah mir die Mädchen so an, wie sie vor mir saßen. Ich kannte auch ihre Eltern, lauter »normale Familien«, wirtschaftlich zumeist etwas besser aufgestellt, engagierte Eltern, die für ihre Kinder immer das Beste wollten. Natürlich die üblichen Schwierigkeiten von einer geschiedenen Ehe hier oder dort, beide Eltern berufstätig, allesamt gefügte Persönlichkeiten und in ihrem Erziehungsverhalten diskussionsbereit und reflektierend. Sie hatten versucht, von klein auf der Persönlichkeit ihrer Kinder Entwicklungsspielraum zu geben.
»Aber WIE, Gina, wie um alles in der Welt schaffst du das?«, entschied ich mich, das Krisenfeld Anna vorerst beiseite zu lassen und mich Ginas Dogma zuzuwenden. Sicher wirkte ich ziemlich entgeistert. »Wenn ich mit einem Mann schlafe, dann passiert dabei mehr als nur Erregung, und im Idealfall schwingt mein Herz schon mit, wenn ich es das erste Mal mit ihm tue. Es ist für mich ein Ausdruck eines Prozesses zwischen mir und diesem Menschen. Auch wenn das keine lange Beziehung werden sollte, weil sich herausstellt, dass er oder ich Einwände haben oder wir etwas in Folge des ersten Überstrahlens durch die leidenschaftliche Anziehung übersehen haben, so ist da doch diese Grundintention nach Bindung und Beziehung.«
Jetzt wirkt Gina vollkommen entgeistert. »Ich will ganz sicher mit keinem Jungen fix gehen. Das tut nur weh, und du hast ihn die ganze Zeit in deinem Kopf. Ich will da nichts entwickeln, ich will einfach Spaß haben und das alles machen und erleben, was es gibt.«
Auch hier nickten Anna und Zora bekräftigend. Ich war verunsichert, ob es sein konnte, dass es meine Tochter jetzt vielleicht nur deswegen unterließ, ihre Akzeptanz dieser Haltung auszudrücken, weil ich am Tisch saß.
»Aber WIE machst du das?« fragte ich nochmals nach.
»Ich sag mir einfach immer sofort danach, dass es jetzt aus ist, dass es nur Sex war und ich nichts von dem Jungen wissen will. Ich rede kaum mit ihm, und wenn ich merke, dass er mir gefällt, schlaf ich einfach mit einem anderen, um ihn aus meinem Kopf zu bekommen. Es ist ja nur Sex, das heißt doch nichts.«
»Hm«, kapitulierte ich und schob noch etwas in der Art nach, dass ich mir das schlecht als längerfristig taugliches Modell vorstellen könne, um über diese Einführung einer Zeitachse mit meiner Seniorität wieder Oberhand zu gewinnen. Als ob ich sagen würde: »Wart mal, Kleines, bis du so alt bist wie ich.« Im Prinzip im Kern eine unfaire Ansage, da ich ihr damit die Gleichwertigkeit ihrer Meinung zu rauben versuchte. In Wirklichkeit fühlte ich mich hilflos. Es spürte sich an, als würden sich Eiskristalle auf mein Herz legen und meine Brust einfrieren. Sexualität und Bindung voneinander abzuspalten, so früh, so jung, ganz am Anfang beim Eintritt ins Beziehungsleben, sozusagen als Grundmodus oder allgemeine Kulturnorm einer Entemotionalisierung. Sexualität nicht mehr als tiefe und sehr persönliche Kommunikation mit einem speziellen Menschen sehen zu können, besorgte mich in dieser Konzeptform. Hier ging es nicht darum, dass jemand von Leidenschaft überrannt wurde oder das Gegenüber falsch eingeschätzt hatte. Oder dass jemand sich vielleicht einmal so fühlte, wie es der Volksmund als »notgeil« benennt, und sich in einer sexuellen Situation wiederfindet, die sich auf der Bindungsebene dann nicht als tragfähig erweist. Hier ging es darum, diese Bindungsebene gar nicht mehr anzustreben, aus Prinzip. Diese grundsätzliche Abspaltung der Sexualität von Intimität und emotionaler Öffnung und die damit verbundene Reduktion auf ein Konsumerlebnis, eine Jagdtrophäe, fühlte sich für mich sehr unbehaglich an. Wo würden denn die Bindungsbedürfnisse dieser jungen Mädchen gestillt werden, wenn sie über dieses Konzept nicht hinauswuchsen? Wie würden sie ihre Geborgenheit finden? Was wären die Konsequenzen, was der Preis, für diese dahinterliegende Wehleidigkeit, sich den möglichen Schmerz des Verlassenwerdens ersparen zu wollen? Würde Anna, deren Stofftiersammlung mir meine Tochter nach einem Besuch erst kürzlich beschrieben hatte, ewig mit ihren Kuscheltieren zu Bett gehen? Würden sie Karriere machen und wie Mathilde ihre Wochenenden dann mit ganzen Staffeln von Soaps zubringen? Oder würden sie ewige Anhängsel ihrer Familien bleiben, so wie Mark es heute schon in Perchtoldsdorf bei seinen Eltern war? Würden sie noch in zehn oder 15 Jahren als gewiefte Jägerinnen nach Dienstschluss durch die Bars und Nachtlokale auf der Suche nach dem nächsten Blattschuss ziehen, sich die aufkeimende Einsamkeit mit Schuh- oder Handtaschenkäufen wegblasen wollen? Oder würden sie diesen Betriebsfehler, der ihnen, weiß Gott wie, verpasst worden war, doch überwachsen können?
In dieser Nacht schlief ich schlecht, obwohl Hühnchen der Nimbus von Schonkost anhaftet. Das abendliche Gespräch mit den Girls ließ mich nicht los. Gegen zwei Uhr Früh fand ich mich dann in meiner Küche wieder und versuchte die Puzzleteile meiner bisherigen Ergebnisse und Einsichten zu ordnen.
Die Stille der Nacht und die mich umgebende ruhende Stadt bildeten einen wirksamen Hintergrund, um all die Erlebnisse und Gespräche der letzten Monate zu rekapitulieren und Patientenkarteien durchzugehen. Wie ließen sich die unterschiedlichen Teile in Bezug zu einander setzen? Wie stellte sich das Thema Lieb aus dem gesellschaftlichen Blickwinkel heute denn eigentlich dar? Bei Ralfs Lebensgeschichte oder auch der von anderen Patienten war jemand mit ungeübtem analytischem Blick doch eigentlich geneigt zu attestieren, dass seine tiefere emotionale Unerreichbarkeit eben die Auswirkung eines »blöd gelaufenen« Lebenskonflikts wäre. Dass aus der damit abzuleitenden emotionalen Enttäuschung und Erschöpfung ein solider Rückzug aus dem Gefahrenfeld tieferer Bindungen und möglicher Neuenttäuschungen resultierte, mutete aus der heutigen Perspektive eines rationalen, fest im Leben stehenden modernen Menschen doch fast nachvollziehbar, ja logisch an. Genauso wie die Tatsache, dass dieser Mann sich kurzweilig zu beschäftigen wusste, noch dazu auf Luxusniveau durch das entsprechende Kleingeld. Der ihn verfolgende Albtraum war vielleicht als ein bedauerlicher Kollateralschaden zu sehen, dem man am besten mit der Angebotspalette der Pharmazie beikommen konnte. Und auch für Elisabeth gab es eine anfeuernde Schar von Freundinnen, die es völlig in Ordnung fanden, den »Mann vom Reißbrett«, der es ganz nach ihren Erwartungen bringen musste, mit ihr zu designen, genauso wie Birgits »Dreierregel« in ihrem Umfeld auf durchgreifende Akzeptanz stieß. Da war kaum einer dabei, der ihr ins Gewissen redete, um ihr deutlich zu machen, dass ihre eigentlichen, tieferen Bedürfnisse nach Wärme und Geborgenheit mit dieser Strategie kaum realisierbar sein würden. Und gleichzeitig, so war mein Empfinden, offenbarte sich hier, an der Art und Weise, wie wir geneigt sind, Ralfs, Elisabeths oder Birgits Situation und die jeweilige Strategie als richtig, ja unvermeidlich zu akzeptieren, bereits ein haltungsmäßiger Drift hin zur Akzeptanz von Gefühlsdämpfung als Lebensmodell. Letztendlich ein erster Klang einer gesellschaftlichen Haltung der Resignation, was unseren kollektiven Glauben an Liebesbeziehungen betrifft.
Ist nicht der eigentliche Unterschied in Geschichten meiner Patienten, wie der von Ralf, von Elisabeth oder Birgit und den Lebenskonstruktionen meiner Freunde oder Bekannten nur der, dass bei den einen das Leiden an der Beziehungslosigkeit einen lauten, von Symptomen begleiteten Ton annimmt? Während es den anderen gelingt, zumindest unauffällig in ihrer Unzufriedenheit zu bleiben. Verbirgt sich in der Art, wie wir als Gesellschaft »Gefühlsschwäche im Lieben« einfach als normal hinnehmen, hier nicht eine allen gemeinsame Paradoxie? Sollte nicht der durch seine Lebensstürme gereifte Mensch, der gut in den mittleren Jahren angekommen ist, der seine wirtschaftliche Bewährung und seine soziale Position erfolgreich zu behaupten gewusst hat, gleichzeitig auch der sein, der begriffen hat, dass sein berühmtes letztes Hemd keine Taschen haben wird? Sollte nicht gerade der Mensch dieser Altersgruppe mit Mut und voller Kraft, mit entwickelter Großzügigkeit und beginnender Weisheit dem Lieben begegnen können, statt auf der Jagd nach seinem Handicap um den Globus zu touren und maximal »Frischfleisch« konsumieren zu wollen?
Überall ging es letztendlich darum, das Fühlen für ein Gegenüber möglichst draußen zu lassen, sich möglichst wenig selber einzulassen und möglichst viel von einem Gegenüber zu bekommen. Denn der Wunsch danach, geliebt zu werden, war durchaus und oft mit pampigem Unterton spürbar. »Seltsam«, dachte ich mir damals in dieser Nacht zum ersten Mal, »ein infantiles, trotziges, wehleidiges Konzept als Umgangsform mit dem Thema Bindung, Beziehung und Liebe macht sich in unserer Gesellschaft als Routinenorm immer mehr breit und erfährt immer stärkere Zustimmung.« Und bei den jüngeren, jetzt in der Altersgruppe der klassischen Familienbildung stehenden Menschen schien der psychische Apparat erst gar nicht richtig in die Gänge zu kommen. Dort hatte es den Anschein, als würden jene reiferen Ich- funktionen, die ein langfristiges gemeinsames Beziehungsleben ermöglichen, gar nicht mehr ausreifen. Das korrelierte gut damit, dass wir die Grenze der Jugendlichkeit in Studien klammheimlich bereits auf 29 Jahre hinaufgesetzt hatten. Es passte auch dazu, dass die nackte, nüchterne Datenlage des National Institute of Health jenen heutigen jungen Erwachsenen in ihren 20ern eine dreimal so hohe Rate an narzisstischen Persönlichkeitsstörungen bescheinigte, wie den 65-Jährigen. Auch das Faktum, dass Millennials ihr Leben gern als das eines Hybriderwachsenen oder auch JoJo-Erwachsenen anlegen, der sich immer nur periodisch für die eigene Wirtschaftsleistung zuständig fühlt und in engeren Zeiten auf eine Grundversorgung durch die Altvorderen zurück greift, passte dazu. Erwachsensein auf Probe, mit Rückgabegarantie sozusagen. Nur keine Verantwortung und schon gar nicht in einer so unkontrollierten Sache wie den Liebesbeziehungen. Gigis Erfahrung mit Filipe entsprach ganz dieser Gangart.
Ebenso das Verhalten meines Patienten Mark, der sich durch die Forderung seiner Freundin nach mehr Verbindlichkeit und Bekenntnis nach sechs Jahren Kennenlernen zu sehr in der Idylle seines Rollenpluralismus zwischen Sohn und Beziehungspartner gestört und eingeschränkt fühlte. Und auch die vielen Beratungen rund um das Thema Schwangerschaft als »geforderten oder verweigerten Beziehungsimperativ« fügten sich durch das ihnen innewohnende Thema der GEMEINSAMEN Verantwortung hier nahtlos ein. Aus dem Blickwinkel eines unreifen psychischen Apparats, der es in seiner Ausrichtung nicht vermag, über sich hinauszuwachsen, machten auch die Überlegungen jener »High Potentials« aus Alpbach und vieler Studienfreunde meiner ältesten Tochter durchaus Sinn, nur den eigenen Karrierehorizont vor Augen zu haben und Beziehungen in der Wertigkeit nachzureihen. Beziehungsneoliberalismus und pragmatischer Beziehungsrealismus als logische und rational gut durchdachte Form von Beziehungsmanagement begann hier als Haltung seinen Platz laut zu beanspruchen. Und nun waren da noch die ganz Jungen, die am Weg waren, diesen Modus a priori zur Methode der Wahl zu erheben, um »emotional bereinigt« und damit ohne Verletzungsgefährdung scheinbar sicher durchs Leben zu kommen. Doch der Preis dafür ist unwahrscheinlich hoch, wie jeder weiß, der diese Flamme wirklichen freien Liebens in sich brennen gefühlt hat. Denn dieses Gefühl reicht weit darüber hinaus, leidenschaftliche Anziehung für einen anderen Menschen zu empfinden. Lieben beseelt, ist jene Kraft in uns, die uns über uns selber hinauswachsen lässt, um Positives in der Welt beitragen zu wollen und trägt als eine unverzichtbare Facette auch die Ausrichtung auf ein spezifisches Gegenüber in sich. Wer nicht grundsätzlich die Fähigkeit zur liebevollen Ausrichtung auf ein Gegenüber in sich trägt, vermag nichts Positives in die Welt zu tragen. Der eigene Mangel, die Verhaftung im eigenen kleinen Ich, das nicht bereit ist, mehr als sich selber anzuerkennen, überschattet alles Tun. Eine kalte, farblose Welt tat sich hier auf, eine Abwürgung von Lebendigkeit und eine gähnende Einsamkeit, die mannigfache Konsequenzen nach sich zieht.
Was war denn nur mit der Liebesfähigkeit in unserer Gesellschaft geschehen?
Warum wir lieben
Wenn sich Atome ineinander »verlieben«, so bilden sie mittels Bindungskräften Moleküle und somit komplexere Einheiten. Sogar auf subatomarer Ebene ist dieses Wirken der Bindungskräfte, jener Aspekt, der alles zusammenhält, das Entscheidende. Wir können uns zwar nicht sicher sein, ob ein Elektron gerade ein Masseteilchen oder eine Wahrscheinlichkeitswelle ist. Aber das, was dafür entscheidend ist, dass wir es, sei es als Welle oder Teilchen, irgendwo um einen Atomkern herum auf einer Wahrscheinlichkeitsbahn vermuten dürfen, sind die Bindungskräfte. Bindung begründet die kleinsten Bestandteile unseres Universums bis hin zur höchsten Akkumulation und Komplexität und ist als das universelle Prinzip alles Seienden anzusprechen. Bindung, Anziehung und, wenn wir diese Energie emotional konnotieren, Liebe, sind der universelle Antrieb der Lebendigkeit. Über die ersten Hochzeiten der Atome zu anorganischen Molekülverbindungen, weiter zu den organischen Verbindungen, die ersten Einzeller und dann die höhere Komplexität von Mehr- und Vielzellern mit ihrer bereits arbeitsteiligen Struktur, über wirbellose hin zu den Wirbeltieren, den Fischen, Amphibien, Vögeln, Säugetieren und letztendlich bis zu uns Menschen – überall ist, über vielschichtige Komplexitätsstufen und verschachtelte Steuerkreise Bindung der ursprüngliche, große Regisseur im Hintergrund, der Leben erst möglich gemacht hat. Umgekehrt steht Bindungslosigkeit oder der Prozess des Zerfalls von Bindungen für den Tod, so wie auch wir dereinst mit unserem Tod wieder zu Staub und Asche werden. Es ist also Bindung und in einem höheren Sinn Liebe, jene immaterielle Kraft, die die Materie erst lebendig werden lässt und beseelt. Liebe benennt im üblichen Sprachgebrauch ein Gefühl, eine Emotion, und ist damit, wenn wir von rudimentären, von Primatenforschern vermuteten Ansätzen absehen, ganz stark an unsere Spezies Mensch geknüpft. Warum hat uns die Evolution damit ausgestattet? Warum war es nötig, ab einer gewissen Komplexitätsstufe von »Sein« diese Emotion, die doch augenscheinlich so viele Beschwerden verursacht, zu erfinden? Wir können getrost davon ausgehen, dass die Natur nichts umsonst anlegt. Emotionen dürfen als komplexe Integrationseinheiten vieler zuvor gewonnener Sinneserfahrungen gesehen werden und dienen unserem Überleben. Letztendlich mit dem Ziel, uns rasch zu einer Evaluation einer Situation zu führen, um uns entscheidungsfähig zu machen. Wenn ich zum Beispiel allergisch auf Bienengift bin und eventuell bei einem Bienenstich einen anaphylaktischen Schock erleiden könnte, der die Potenz hätte, mich ins Jenseits zu befördern, so macht es durchaus Sinn, wenn ich genau in dem Moment, in dem sich ein derartiges Insekt auf der Suche nach einer Blume durch das offene Fenster in mein Zimmer verirrt, Furcht verspüre. So bin ich alarmiert, sofort etwas zu unternehmen. Emotionen sind also als Integrationseinheiten höherer Ordnung anzusehen, die aus vielen zuvor gewonnen, uns teilweise gar nicht bewussten Sinneseindrücken eine übergeordnete Evaluation einer Situation oder Anforderung ableiten.
Nun, wozu ist also die Liebe gut? Sie hat damit zu tun, dass wir als die Krone der Schöpfung anzusprechen sind, also die bisher höchste Komplexitätsstufe verkörpern, die die Evolution zumindest in unserem Sonnensystem hervorzubringen im Stande war. Das sollte uns allerdings nicht arrogant, sondern demütig sein lassen, denn es bedeutet einen großen Auftrag. Wir haben als Spezies eine derart komplexe Systemik entwickelt, dass wir Vorstellungsvermögen haben, uns also Dinge, Handlungsabläufe, Prozesse und ihre Konsequenzen und möglichen Ergebnisse im Trockendock unseres Geistes vorzustellen vermögen, ohne uns sprichwörtlich dabei die Hände schmutzig machen zu müssen. Und darüber hinaus haben wir es sogar zu einem reflexiven Bewusstsein gebracht. Wir können also über uns selber nachdenken. Mit diesem Selbst-Bewusstsein ist es uns als Privileg sogar eingeschrieben, dass wir das universelle Prinzip der Bindung und der Liebe als das treibende Prinzip der Evolution erkennen und wertschätzen können. Doch dafür, dass es so weit kommen konnte, war das Prinzip der Bindung und des Liebens auch gleichzeitig wieder die Voraussetzung. Das hat, wie könnte es anders sein, mit unserem Hirn zu tun. Wenn wir unsere Grundausrüstung als Menschen betrachten, so ist sie gar nicht unbedingt beeindruckend. Wir müssen sogar neidlos attestieren, dass die meisten Tierarten besser ausgerüstet sind als wir. Keine scharfen Krallen oder Reißzähne, mehr als durchschnittliche Läufer, eindeutig schlechte Schwimmer, ganz sicher keine Ausdauer beim Hangeln von Ast zu Ast, und vom Klettern gar nicht zu reden. Nicht einmal ein wirkungsvolles Tarnkleid haben wir, Flucht durch Fliegen können wir gleich abhaken, und im direkten Kampf Faust gegen Faust sind wir, wenn es nicht gerade um die eigene Spezies geht, so ziemlich jedem, der mehr als 50 Kilogramm und etwas Entschlossenheit mitbringt, unterlegen. Trotzdem dürfen wir uns als die überlegene Spezies sehen, jene, der es gelungen ist, so ziemlich jeden Lebensraum bis zum arktischen Wendekreis und in der anderen Richtung bis in die Sahara hinein zu besiedeln. Dass wir den Globus heute dominieren und alle anderen sukzessive, wenn auch mit unklarem Ausgang ausrotten, ist ein Faktum. Das, was uns so erfolgreich gemacht hat, ist nämlich gerade, dass der Mensch so wenig differenziert ist, so unspektakulär.
Der Mensch ist ein klassischer Generalist. Im Unterschied zu allen auf ihr jeweiliges Habitat genauestens angepassten, ja zugeschnittenen Organismen und Tieren ist der Mensch einfach so, wie er eben ist, simpler Durchschnitt. Ein bisschen von allem. Ein bisschen Laufen, ein bisschen Muskel, ein bisschen Klettern, ein bisschen Schwimmen, ein bisschen Springen, ein bisschen Regulationsmöglichkeit an Temperatur und unterschiedliche Luftdruckverhältnisse. Das Spezifische des Menschen, so könnte man sagen, ist, dass er unspezifisch ist, dass er sich aber extrem flexibel an die jeweiligen Anforderungen anpassen kann. Und dies wird ihm durch sein großes Hirn mit seinem überragenden Vorstellungsvermögen, das »Probehandeln ohne Risiko« ermöglicht, erschlossen. Dieses Hirn und seine großartige Möglichkeit, situationsangepasst zu reagieren, Werkzeuge zu erfinden, Feuer zu kultivieren und Lösungen für die jeweilige Anforderung der Umgebungssituation zu entwickeln, hat uns zum Erfolgsorganismus gemacht. Es hat uns ermöglicht, nahezu jeden Lebensraum zu besiedeln und uns damit gleichzeitig befähigt, über uns nachzudenken. Doch ein Hirn, das derartigen Anforderungen gewachsen sein soll, braucht eine gewisse Größe. Da reicht ein einfaches Affenhirn von, sagen wir, Schimpansengröße und 460 Gramm nicht aus, um Reflexivität in gehörigem, erfolgversprechendem Ausmaß entwickeln zu können. Wir bringen immerhin heute rund 1290 Gramm auf die Waage. Das stellte die Evolution vor eine ziemliche Aufgabe. Denn für das Unternehmen »zunehmende Komplexität« war auch der aufrechte Gang unerlässlich, weil dieser mehr Überblick und damit mehr Überlebenschancen im Busch und Savannenland versprach. Beim aufrechten Gang ist aus der Beckendynamik heraus der Beckendurchgangsöffnung ein Riegel vorgeschoben. Was man da durchbekommt, bei einer Geburt, ist an Hirngröße nicht allzu beachtlich. Damit ist kein Staat zu machen, zumindest im Sinne der Krone der Schöpfung, eines Organismus, der später einmal, wenn er erwachsen ist, innovative, neue Lösungen für komplexe Probleme finden soll. Mit so einem Hirn hätten wir weder die Dampfmaschine, noch die industrielle Revolution, Hip Hop, Quantenmechanik, Jazz, Hamlet oder die Relativitätstheorie erdenken können. Das heißt, dass es notwendig wurde, eine ziemlich lange postpartale also nachgeburtliche Periode einzuschieben, in der dieses Hirn in Ruhe wachsen und gleichzeitig optimal an die jeweiligen lokalen Gegebenheiten angepasst werden konnte. Doch die Lebensversorgung in Zeiten ohne Sozialversicherung, sozialem Wohnbau, Krankenversorgung, ausgebauten Helfersystemen, Karenzgeld und Mutterschutz, Supermärkten mit gefälligen Öffnungszeiten, Eltern-Kind-Treffpunkten und notfalls Kriseninterventionszentren waren schwer. So schwer, dass diese Bürde der Aufzucht bis zu einem realistischen Freisetzungs- und Selbstversorgungszeitpunkt für ein Weibchen alleine, beladen mit all den Versorgungs- und Nahrungsbeschaffungspflichten als Regelfall nicht realistisch bewältigbar erschien. Da musste der Erzeuger als im wahren Sinn des Wortes Nächstliegender und damit auch Engagiertester mit eingebunden werden. Und damit kam wieder der universelle Antrieb des Lebens, nämlich Bindung, ins Spiel. Es galt, in einer sozial komplexen Form Bindung einzuführen, das Lieben zu entwickeln, das zunehmend auch als solches bewusst werden und erkannt werden konnte. Von der strahlenden romantischen Hollywood-Liebe würde ich hier noch nicht sprechen wollen. Obwohl wir natürlich nicht wissen, ob jene fernen Vorfahren von uns auch schon damals unter dem glitzernden Sternenhimmel für einen Moment die Verschmelzung mit dem Universum erfahren haben, als sie einander in die Augen blickten, bevor sie neues Leben zeugten. Aber von Bindung und Zugehörigkeit in einer sehr klaren und pragmatischen Form, wenngleich vielleicht nicht einmal bewusst, kann hier ganz sicher die Rede sein.
Ich habe in einem Museum einmal die Ausgrabung einer Steinzeit-Familie gesehen, die allesamt an einer Vergiftung gestorben sein sollten, zeitgleich, im Schlaf. Hatten wohl die falschen Beeren zum Nachtisch erwischt. Die Anordnung der Skelette hat mich tief berührt. Da waren die Gebeine einer jungen Frau, die in ihren Armen im Tod wohl ein etwa eineinhalbjähriges Kind gehalten haben muss. Hinter ihr lag, sie umfangend, das Skelett eines Mannes. Etwas an der Seite fanden sich ein etwa siebenjähriger Junge und ein rund zehn- bis elfjähriges Mädchen. Und neben den beiden Kindern das Skelett einer älteren Frau. Eine Familie. Das habe ich mir damals, für einen Moment über die Jahrtausende mit ihnen verbunden, gedacht. Mann und Frau und das Kleinkind vereint, und daneben die schon autonomeren Familienmitglieder, die älteren Kinder und die Großmutter. Ob sie Liebe füreinander gefühlt haben, wie wir sie kennen, weiß ich nicht. Aber Bindung, Zusammengehörigkeit dürfen wir doch wohl als gesichert annehmen, allein aus der Gruppierung heraus. Es ist ein weiter und unausleuchtbarer Weg, von diesen Anfängen der Bindungs- oder auch Zugehörigkeitsgefühle bis zu dem, was wir heute unter Liebe verstehen. Ich bin der Überzeugung, dass er im Spannungsfeld der Individuation des Menschen, also der Wahrnehmung seines eigenen ICHS zu sehen ist.
Zum Zeitpunkt unserer Geburt existiert ein ICH-Bewusstsein noch nicht. Wir wissen also nicht, dass wir wir sind. Dieses ICH muss sich erst konstituieren, muss erst erbaut werden. Ein spannender Prozess, bei dem während der Schöpfung von materieller Struktur durch Wachstum des Hirns und Ausbildung von Synapsenschaltungen auch erst jenes Bewusstsein schrittweise entsteht, das jedes Kind irgendwann zum überwältigten Ausruf »ICH« befähigt, wenn es sein Spiegelbild zum ersten Mal als eben jenes ICH zu erkennen vermag. Zu Beginn unseres Lebens befinden wir uns in einem Raum-Zeit-Kontinuum und in enger, fast symbiotischer Vernetzung mit unseren nächsten Bezugspersonen und der uns umgebenden Umwelt. Wir sind getrieben von wechselnden Bedürfnissen und ihrer Erfüllung. Aber wir sind da – ganz eindeutig, wir gestalten diese Interaktion mit unserer Umgebung mit und treten in Austausch und Reaktion, so uns dies ermöglicht wird. Reziproke, ko-regulierte, affektive Kommunikation nennt man das in der Wissenschaft. So schrecklich diese Worthülse klingt, sie vermag doch eindeutig Wesentliches zu enthüllen. Zum einen, dass bereits Säuglinge, wie eindeutig erwiesen ist, nicht nur passiv auf Reize reagieren, sondern sehr wohl ihrerseits Impulse setzen und über einen wechselseitigen, wiederum bei der Bezugsperson eine Antwort provozierenden Ausdrucksmodus verfügen. Denn die schlaue Evolution hat vorgesorgt, damit die Kommunikation mit den Kindern auch für ihre Bezugspersonen spannend bleibt und diese sie nicht eventuell aus Langeweile einfach weglegen. Zum anderen handelt es sich hierbei nicht nur um reziproke, wechselseitig hin- und herlaufende Kommunikation. Also kein reines Vor- und Zurückschieben von Daten, sondern sie wird sowohl von der Betreuungsperson wie auch vom Säugling und Kleinkind ko-reguliert, das heißt aktiv aus der aktuellen Befindlichkeit heraus mitgestaltet. Um diesen Sachverhalt emotionaler Ko-regulation zu verdeutlichen, müssen wir uns nur in die Situation mit einem zahnenden, brüllenden Kleinkind hineinversetzen. Wenigen von uns gelingt es, im Grundton der eigenen Gefühlswelt während der Tröstungsversuche, ausgeglichen und entspannt zu bleiben, vor allem wenn es sich um längere Zeitsegmente handelt, die das Töchterchen oder der Sohnemann tobt. Unsere Kinder üben also einen Einfluss auf uns und unsere emotionale Befindlichkeit aus.
Was jedoch für unsere Fragestellung der ICH-Entwicklung als der wesentlichste Aspekt der Analyse früher Kommunikationsprozesse bezeichnet werden muss, ist die Tatsache, dass im Hintergrund all dieser von uns als Säugling und Kleinkind sowie heranwachsendem Kind gemachten Erfahrungen unser ICH geformt wird. Erst während wir zum ICH werden, beginnen wir auch die Fähigkeit zu entwickeln, dieses ICH zu bemerken und später dann darüber nachzudenken.
Klar wird hier allerdings auch die Tatsache, dass kein vom Kontext seiner Entstehung »losgelöstes« ICH existiert. Das ICH und sein Bewusstsein zu sich entsteht über das DU, das lebendige Gegenüber und jene Prozesse von Bezugnahme aufeinander. Wer das anzweifelt sei herzlich dazu eingeladen, in historischen Texten zu den ersten Findelhäusern nachzulesen oder deren Todesstatistiken zu studieren. Denn der Säugling, der zwar physisch ernährt wird, aber ohne Bezug(sperson) in einem kalten, seine verzweifelten Signale unbeantwortet lassenden Kosmos zu leben verurteilt ist, der verzweifelt als Organismus binnen kurzer Zeit. Er findet keinen Andockplatz für eine ICH-Entwicklung, vermag zu keinem ICH zu werden und gibt sein Leben auf. Das haben in jüngerer Zeit auch die schrecklichen Waisenhäuser des Ceauşescu-Regimes neuerlich bewiesen. Schon der Stauferkaiser Friedrich II (1194-1250), der wissen wollte, ob Aramäisch oder Latein die heilige Ursprache wäre und Ammen verbot, die ihnen anvertrauten Kinder zu herzen, ihnen vorzusingen, sie zu streicheln oder auch nur, sie beim Stillen anzusehen, erreichte damit nur den Tod der Kinder.
Ohne Bezug, ohne Bindung und Beziehung zu einem DU also kein ICH. Aber wenn wir diesen grundsätzlichen Entwicklungsweg der ICH-Werdung nun nachvollziehen können, erhebt sich natürlich als nächstes die Frage: WIE sieht denn dieses ICH aus? Aus welchen Bestandteilen setzt es sich zusammen? Was genau meinen wir, wenn wir »ICH« sagen? Wie erlebt sich also dieses ICH, das nicht nur in Abhängigkeit zum DU, sondern auch zum größeren DU einer ganzen Gesellschaft, ihren Werten und Grundüberzeugungen und den damit verbundenen Erfahrungen entsteht? Was also ist genau gemeint, wenn sich ein einzelnes ICH beschreibt, das als indisches Mädchen im untersten Kastensegment aufgewachsen ist, oder ein ICH, das in den Hamptons seine ersten prägenden Lebensjahre zugebracht hat? Und gibt es einen Unterschied in der ICH-Wahrnehmung über die Jahrhunderte hinweg?
Lassen wir die Stromschnellen kultureller Einflussfaktoren auf die ICH-Entwicklung beiseite und konzentrieren wir uns auf jene ICHs, die uns in unserem westlichen Lebensalltag bevorzugt entgegenkommen. Wen dürfen wir erwarten?
Wenn wir heute »ICH« sagen und unsere »Sozialisierungsadresse« in unserer reichen Konsumgesellschaft angeben können, so haben wir eine ziemlich klare und vor allem hochspezifische Vorstellung, wer dieses ICH ist. Dieses ICH ist zuerst einmal in klarer Weise eine eigenständige von allen anderen getrennt zu sehende biologische Einheit mit eindeutigen Körpergrenzen. Der körperlichen Ausdehnung und Oberflächenbeschaffenheit dieses ICHS ist heute gleich eine besonders herausragende Bedeutung zugeordnet. Viel Energie, Zeit und Geld wird dafür aufgewendet, um der Präsentation dieses Körpers im Spannungsfeld von Idealvorstellungen einen höchst persönlichen, eben individuellen Look zu geben. Das Ganze erfolgt unter der Zielsetzung, zu seiner eigenen »Marke« zu werden, sich als höchst persönliches Individuum von allen anderen abgrenzen zu können. Für diejenigen von uns, die weniger in der Öffentlichkeit stehen, gilt es dabei nur, in ihren unmittelbaren sozialen Bezugsgruppen »individuelles Gesehen-Werden« zu erzeugen und einen persönlichen »recall« zu provozieren. Jene mit sogenanntem Öffentlichkeitsauftrag müssen dann eben ihr ganzes Leben eventuell auch mit einem roten Käppchen auf dem Kopf in die Oper gehen oder sich sonstwie verkleiden. Aber neben der Möglichkeit, Körperlichkeit als ersten Signalgeber für Individualität zu nutzen, gilt es, eine höchst eigene, unverwechselbare Persönlichkeit zu präsentieren. Die Zielvorstellung unserer heutigen Zeit ist es, wenn möglich zu einem atemberaubenden Gesamtkunstwerk zu avancieren, die perfekte Selbstinstallation oder aber sein persönliches Denkmal zu Lebzeiten zu werden. Wer das schafft, dem sind die Blicke und die Aufmerksamkeit ja die Gefolgschaft der Twitter-Follower sicher. Persönlicher Kreativität und Selbstpersiflage im Dienste dieses Ziels sind keine Grenzen gesetzt. Denn wer will heute noch ernsthaft als Dutzendware gesehen werden oder hängt seine Identität hauptsächlich an seiner Berufsgruppenzugehörigkeit auf?
Dahinter steht ein langer Weg der Individualisierung des Menschen. Auch wenn uns dies heute nicht bewusst ist, wir uns die heutigen Verhältnisse zu dem, was es heißt, ein ICH zu sein, uns als ICH zu FÜHLEN, als normal, wahr, wirklich und gar nicht mehr anders möglich vorstellen.
Natürlich können wir davon ausgehen, dass sich auch schon der mittelalterliche Mensch als Individuum begriff, als ein Mensch mit bestimmtem Aussehen, wenngleich dazu im Durchschnitt der Bevölkerung nur eine so verschwommene Wahrnehmung existierte, wie es der nächstliegende Dorfweiher an einem windstillen Sommertag erahnen ließ. Denn Spiegel waren Mangelware und sicher nicht in jeder Köhlerhütte Standard. Die sozialpsychologische Konzeption des ICHS war in strikter Form an die jeweilige Gemeinschaft und das gemeinsame Überleben gebunden, das ICH durch die Zugehörigkeit zu einer definierten Bezugsgruppe und ihrem Regelwerk weitestgehend bereits definiert. Individualismus, der nur den Einzelnen ins Zentrum stellte, wurde nicht geduldet und unterlag der Ächtung. Das Individuum als unabhängige und von der Gemeinschaft zunehmend abgekoppelte Selbstkonzeption, nahm erst einen langen Weg durch die Einflüsse von Renaissance, Aufklärung und Industrialisierung bis in die Moderne. Die damit verbundenen Übergänge von der dörflichen zur urbanen Gesellschaft, vom Obrigkeitsstaat zu Demokratie, von der überlebensnotwendigen Wirtschaftseinheit einer Gemeinschaft hin zu staatlicher Kranken- und Pensionssicherung trugen ihren Teil dazu bei.
Wie hat sich das Verständnis von Lieben als »Kommunikationsund Organisationsform« von notwendiger Bindung und Beziehung, die uns ja wie besprochen evolutionär eingeschrieben ist, in Parallele dazu entwickelt? Liebe als Sinn stiftende Beziehungsvariable des Paars erweist sich bei genauerer Betrachtung als ein relativ junges Auswahlkriterium in der Partnerwahl. Zumindest dann, wenn wir sie in der Bedeutung eines romantischen emotionalen Affekts verstehen. Die Partnerwahl wurde auch bei uns lange Zeit nach wirtschaftlichen und sozialen Statusüberlegungen getroffen. Die Entwicklung von Zugehörigkeit, wechselseitiger Zuverlässigkeit in der Erfüllung der erwarteten Rolle und Kameradschaft war dabei ein ausreichendes emotionales Spektrum zwischen den Partnern. Liebe im Sinn einer heftigen leidenschaftlichen Affektion füreinander war im Standardkatalog der Kriterien für Paarbeziehungen nicht enthalten, ja vielfach gar nicht erwünscht. Das romantische Ideal, das Liebe als beziehungsbegründende Variable postulierte, gestaltete sich erst im 18. Jahrhundert aus und trat danach langsam seinen Siegeszug durch alle Bevölkerungsschichten an.
Man könnte also durchaus zur Annahme kommen, dass mit zunehmender Individualisation auch zunehmend Gestaltungsfreiheit eröffnet wurde, ein auf der eigenen Person und ihrer Spezifität begründetes »Lieben« zu entwickeln.
Interessant ist, dass »Liebe« als Sinn stiftendes Prinzip schon immer zentrales Motiv in Literatur und Kunst war. Angefangen bei Philemon und Baucis, die noch als altes Ehepaar durch ihre Liebe in Eintracht verbunden vor ihrer Hütte sitzen, über Romeo und Julia, bis zu »Love Story« reichend. So wird das »Lieben« immer wieder als die große positive Kraft beschworen. In unzähligen Varianten ist das Wesen der Liebe Thema der Auseinandersetzung.
In einer Gesellschaft, die ihren Mitgliedern einen hochpersönlichen individualisierten Lebensentwurf einräumt, ja diesen postuliert, sind wir nun dort angekommen, wo jeder von uns diese seine große erfüllende Liebe erleben will. Aber irgendetwas muss schiefgegangen sein.
Wie konnte das passieren? Noch nie haben wir derart intensiv über uns nachzudenken vermocht. Noch nie haben wir dank Arbeitszeitbegrenzung und Urlaubsregelung derart viel Zeit für die Gestaltung unserer Beziehungen zur Verfügung gehabt. Noch nie haben wir uns in derart gesicherten wirtschaftlichen Bedingungen und mit medizinischer Rundumversorgung auf höchstem Niveau vorgefunden. Noch nie stand uns also so viel Raum zur Selbstgestaltung eines glücklichen, liebenden Lebens zur Verfügung. Noch nie waren wir so knapp an der Tür zum Paradies und scheinen dennoch am weit geöffneten Tor laut lamentierend und unser Schicksal beklagend beständig vorbeizulaufen. Luzifer steht in der lässigen Verkleidung eines Geschäftsmanns mit einem frechen, kleinen Panamahut auf dem Kopf daneben und reibt sich angesichts der Tatsache die Hände, dass 38% der europäischen Bevölkerung eine klinisch relevante psychische Beeinträchtigung aufweisen, sprich unglücklich sind.
Wo sind wir in unserer ICH-Werdung falsch abgebogen und haben damit selber das Grundprinzip der Lebendigkeit, »das Lieben«, verraten?
Das losgelöste ICH
Nennen wir sie Katharina, denn sie ist eine in der Öffentlichkeit bekannte, bewunderte und beneidete Person. Ich kam anlässlich eines Sommerschulfests mit ihr ins Gespräch, bei dem sich Eltern etwas am Rande stehend zusammenrotten, während ihre Kinder beim Sackhüpfen konkurrieren. Der übliche Small Talk will abgespult sein, während man aus Plastikbechern Mineralwasser schlürft oder mit dem Fortschreiten der Veranstaltung dann zum selbstgemachten Kuchenbuffet mit Kaffee vordringt. Und wir redeten natürlich über die Kinder. Dass ich vier Kinder habe, schien sie bemerkenswert und hinterfragenswürdig zu finden. Als Trägerin des Emblems »reich und schön« hatte sie auch jene leicht fordernde, offensive Art an sich, mit der Vertreter dieser Spezies gerne ihre Machtposition demonstrieren. Mit anderen Worten, sie war taktlos. »Du hast sicher jede Menge Schwangerschaftsstreifen, nach vier Kindern«, meinte sie irgendwann in einem Tonfall, in dem sich kalte Forscherlust und konspirative Schwesternschaft im Widerstreit zu befinden schienen. Das »Du« reklamierte sie schlichtweg aus der Elterncommunity heraus als selbstverständlich.
»Nicht einen«, versetzte ich knapp und nahm einen Schluck aus meinem Becher. Meine so demonstrierte Coolness machte sie neugierig.
»Du bist Gynäkologin«, hakte sie nach.
»Auch«, gab ich zur Antwort, »aber das hat damit nichts zu tun. Einfach gutes Gewebe und nicht zu viel zugenommen.« Mein Ton war sachlich, deskriptiv, abgegrenzt, emotionslos, obwohl ich meine eigene Körperlichkeit beschrieb. Das schien ihr zu vermitteln, dass wir so was wie »Freundinnen« waren, und sie wurde plötzlich vertraulich: »Ich habe mir im siebenten Monat drüben in den Staaten einen Kaiserschnitt wegen möglicher Schwangerschaftsstreifen machen lassen. Die Kleine war dann noch ein paar Wochen im Brutkasten, aber alles top versorgt, und ich habe mich wenigstens wieder erholen und shapen können.« Während sie erzählte, schien sie mir durchaus mit ihrer Vorgehensweise im Reinen zu sein. »Alles im Griff,« strahlte sie mich zum Abschluss noch an, »als ich sie aus der Klinik bekommen habe, hatte ich schon fast wieder meine Figur.« Jetzt wirkte sie fast wie ein kleines Mädchen, das Zustimmung, wenn nicht sogar Lob von mir erwartete. Fehlte nur noch, dass sie sich vor mir im Kreis drehte, um mir ihren »Body« von allen Seiten als perfekt vorzuführen.
»Alles im Griff«, wiederholte ich, ließ meinen Blick zu unseren beiden Mädchen wandern, die gerade voller Enthusiasmus im Stafettenlauf ihres Teams einen Ball durch einen Parcours dribbelten und drehte mich dabei um. Mir war speiübel. Dies war kein Einstieg in eine intensive Freundschaft zwischen Katherina und mir.
Katharina ist zugegeben ein Extrembeispiel, der Prototyp des losgelösten ICHS, eines Menschen, der nur mehr sich und seine persönlichen Bedürfnisse wahrzunehmen versteht und dies sogar im Bezug auf sein eigenes Kind. Der losgelöste Mensch ist nach meiner Beobachtung jener, der sich nicht mehr in Einbettung und im Spannungsfeld der Gemeinschaft und eines anderen Gegenübers befindet, sondern einer, der in seiner Wahrnehmung ganz auf sich selbst fixiert ist.
Den historischen Ausgangspunkt dieser Abkehr vom Kollektiv oder auch das Misstrauen gegen Gemeinschaft als Einstieg in einen Individualisierungsprozess, der sich von einem Gegenüber loszulösen trachtet, sehe ich im Schrecken und der tiefen unbewussten Beschämung, die der zweite Weltkrieg hinterlassen hat. Als sich die Feuerstürme gelegt und Staub und Asche auf den Boden gesenkt hatten und als die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages das ganze Ausmaß der Verwüstung und des Wahnsinns menschlichen Zerstörungsvermögens beleuchtete, muss im kollektiven Unbewussten aller Überlebenden ein Grauen über die Macht, die kollektive Ideologien zu entwickeln im Stande sind, erwacht sein. Selbst wenn jeder Einzelne für sich eine plausible Rechtfertigung für seinen Part schnitzen konnte, selbst wenn keiner, der den Krieg überlebt hatte, sich erinnern konnte, beim Anschluss auf dem Heldenplatz gewesen zu sein, selbst wenn jeder Befragte zu allererst sich selber glaubwürdig vermitteln konnte, dass er, gerade er, nichts von der Existenz von Konzentrationslagern gewusst hatte: Es muss doch in dieser Nachkriegsgesellschaft und genauso bei jenen, die auf der anderen Seite gestanden sind, als Reaktionsbildung zu einem tiefen und in der Folge unaufgearbeiteten Vertrauensverlust in die positive Kraft von Gemeinschaft gekommen sein. Denn alle haben es gewusst, haben gewusst, dass es diese Vorkriegsgemeinschaft war, die die Weichen gestellt, die Feindbilder gepflegt und geeignete Protagonisten eingesetzt hat. Wer dazu ein sehr schonungsloses Zeugnis nachlesen möchte, blättere in Sebastian Haffners Werk »Die Geschichte eines Deutschen.« Und natürlich haben auch alle anderen Nationen und jene, die in Übersee saßen, ihren historischen Part im Weltkonfliktklima gespielt. Der nachfolgende Bildersturz von Tradition, die kollektive Weisungsverweigerung der 68er gegenüber der Vorgeneration, die Forderung nach Selbstbestimmung von Moral und Ethik tragen allesamt bereits als zentrales Credo das sich selbst ins Zentrum stellende, von den Zwängen und Vorgaben einer Gemeinschaft losgelöste ICH. Grundsätzlich keine schlechte Idee. Statt einer obrigkeitsorientierten Rudelgefolgschaft das freie, selbstbestimmte, selbstdefinierte Individuum entwickeln zu wollen, das sich, sein spezifisches Sein und seine Bedürfnisse realisiert und vertritt, scheint ein Selbstverantwortung stärkender Ansatz zu sein. Das klingt ausnehmend gut, nahezu prophylaktisch gegen bösartige Vermassungstendenz. Ja, das klingt nahezu ideologieresistent. Diese Veränderung des Menschenbilds wäre auch absolut begrüßenswert gewesen, wäre sie damals beginnend und bis heute weiter fortgesetzt, als ein Prozess erfolgt, in dem ein »ICH«, das sich in die Grundmatrix von gemeinsam lebender Gemeinschaft eingebettet versteht, seine Entwicklung in der individuellen Selbstentdeckung genommen hätte.
Hat es aber nicht, so viel ist sicher, denn das hätte bedeutet, als tiefstes kollektives Fundament unserer inneren, unsere psychische Grundstruktur definierenden Überzeugungen, so etwas wie Verbindlichkeit zum Ausgang der Individualisation zu machen. Stattdessen haben wir Luzifers Verführung im aufkeimenden Wirtschaftswunder nicht zu widerstehen vermocht. Das »losgelöste ICH«, das auf sich selbst zentrierte ICH, sich bespiegelnde und für sich raffende ICH ist zum Prototypen geworden. Jenes, das eine vom anderen losgelöste eigennützige Selbstbestimmung zunehmend zum erklärten Ziel macht, koste es, was es wolle. Wir haben alle dabei mitgemacht, ich auch. Wir waren als die Erben der 68er unterwegs. Gerade in unseren studentischen Zirkeln, denen früher eine Zeit der Bildung, nicht nur Ausbildung, zugestanden wurde, war der Raum vorhanden, sich gesellschaftlichem Umdenken zur zentralen Bedeutung des Individuums im Spannungsfeld atmosphärischer und politischer Prozesse experimentell zu widmen. Das ICH und seine selbstzentrierte Entwicklung wurde zum Dogma. Die unterschiedlichsten, uns in ihrer Bedeutung damals gar nicht bewussten und aus heutiger Perspektive lächerlich anmutenden Blüten begleiteten diesen Prozess. Selbstuntersuchungsgruppen waren Anfang der 80er-Jahre zum Beispiel der große Renner, auch wenn wir sie heute alle in tiefen Winkeln unseres Gedächtnisses vergraben haben. Mit der damaligen Bibel »Getting Clear« ausgerüstet und mit Plastikspekulum und Spiegel bewaffnet, nahmen wir als junge, aufklärerischer Selbstbestimmung verpflichtete Frauen in kuscheliger Gruppenatmosphäre die Tiefen unserer Weiblichkeit in anatomischen Besitz. Wir setzten zugleich ein kämpferisches Signal gegen eine männlich-chauvinistisch besetzte Frauenheilkunde, diskutierten Masters und Johnsons Sexualreport und explorierten den technisch korrekten Zugang zu UNSEREM Orgasmus, der ganz alleine uns gehörte und den wir unseren Müttern als Vertreterinnen einer kollektiven, repressiven Sexualmoral gleich vorweg abgesprochen hatten.
Heute bin ich mir dabei allerdings gar nicht mehr sicher, ob es unsere Mütter unter ihren pludrigen Daunenbettdecken mit unseren Vätern nicht mindestens ebenso spannend hatten und dieses Gefühl der Befriedigung, woraus auch immer es sich zusammensetzt, genauso erlebten wie wir, ihre sich um demonstrative Selbstbestimmung abmühenden Töchter.
Auch die Gestaltpsychologie nahmen wir in unseren Dienst und interpretierten die berühmte Aussage »Ich bin nicht da, um deinen Erwartungen zu entsprechen und sie zu erfüllen und du nicht, um die meinen zu bedienen«, gleich dergestalt um, dass wir den ersten Teil als argumentatives Mantra vor uns hertrugen und der zweite Teil in der täglichen Beziehungsabwicklung elegant unter den Tisch rutschte. In Wirklichkeit war unser Verhalten der Vorbote eines Infantilisierungsprozesses, in dem das losgelöste ICH bekommen, aber nicht geben will und raffiniert alle zur Verfügung stehenden Register zieht. Aber damals spürte sich dieser kollektive EGO-Trip einer sich intellektuell wähnenden Speerspitzenschicht sozialpsychologischer Heroen großartig an. Wir knusprigen 20-Jährigen saßen mit 15 oder 20 Jahre älteren respektablen, die große Welt verkörpernden Männern und ein paar gleichaltrigen Burschen in unseren Gestaltgruppen, während die dazugehörigen Frauen, einem nach wie vor sehr traditionell aufgesetzten Rollenbild entsprechend, daheim die Aufzucht der Kinderschar ohne eigenes Einkommen besorgten. Wir arbeiteten fieberhaft am Herausdestillieren UNSERER Bedürfnisse. Naheliegend, dass wir ziemlich häufig auf die fast magisch geschmeidig anmutende Übereinstimmung unserer wechselseitigen Bedürfnisse und bereitwillige Kooperation in ihrer Erfüllung mit diesen Männern stießen. Wir schienen mit dieser freien Selbstbestimmung in Zeiten, in denen wir an AIDS noch vorbeisehen konnten und uns die Pille breitflächig zur Verfügung stand, eindeutig den Stein der Weisen gefunden zu haben, zumindest in unseren Selbsterfahrungsgruppen. Während den uneinsichtigen, reklamierenden Ehefrauen attestiert wurde, Zwang ausüben zu wollen und in ihrer ICH-Entwicklung eindeutig nicht mehr am Puls der Zeit zu stehen. Das hat eine Menge der heute 70,75 Jahre alten Frauen produziert, die damals unter dem Druck wirtschaftlicher Abhängigkeit und traditioneller Rollenbilder laut hörbar die Zähne zusammenbissen, um heute wenigstens ihre gesicherten Witwenpensionen beziehen zu können.
Unterstützt und, meinem Empfinden nach, im kollektiven Unbewussten weiter fest verankert wurde dieses »losgelöste, zunehmend nur mehr sich selbst wahrnehmende ICH« durch die Entwicklungen der Weltpolitik. Ein rundes Vierteljahrhundert ist es her, dass die großen Blöcke aufgelöst, der Kampf des Westens mit dem Osten zu Ende gegangen ist und die letzten autokratischen Regime in unserer Nachbarschaft zum Sturz gekommen sind. Wir haben es alle live mitverfolgt und diesen historischen Wendepunkt freudentaumelnd gefeiert. Berechtigt, denn der Westen stand für die große Freiheit des selbstbestimmten Individuums, der Osten für ein repressives, die Seele des einzelnen Menschen verkrüppelndes und staatlichen Zwängen unterwerfendes System, das Individualität unterband. Auch wenn bei differenzierter Betrachtung durchaus Bedenken zu dieser Generalinterpretation anzumelden sind. Der Westen verfügte vielleicht nur über diffizilere, unterschwellig manipulative Vermassungsmethoden. Und in autokratischen Systemen erfolgte in selbstgeschaffenen Enklaven in manchen Bevölkerungssegmenten auch sehr bewusste Individualisierung. Dennoch genießt diese schwarz-weiße Sichtweise den Status von Wahrheit. Ja, und – nicht zu vergessen –, wir und all jene sind die Gewinner, denen es gelungen ist, unsere Denke und die ihr zugrunde liegenden Überzeugungen und Glaubensgrundsätze raschestens zu übernehmen. Das sind jene, die heute zum Beispiel in Bukarest in ihren Hummer-Limousinen oder Porsche-Cabrios an dreckigen verkrüppelten Straßenkindern vorbeidüsen, die sich darum balgen, ihre Windschutzscheiben putzen zu dürfen.
Der Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus steht gleichzeitig für die Überlegenheit des Individuums über das Kollektiv und wurde somin eindrucksvoll demonstriert. Damit hat allerdings gleichzeitig die Ideenwelt eines banalen Materialismus den Siegespreis errungen. Unser kapitalistisches Glaubensbekenntnis, eingemeißelt in unser Hirn und uns aufgeschweißt als scheinbar zwingender Filter und als Organisationsprinzip unseres Erlebens, ist der Dreifaltigkeit von Konsum, Steigerung und Konkurrenz verpflichtet und unser wirkliches tägliches Nachtgebet. Ein echter historischer »Booster« für unser kollektives Unbewusstes. Die Botschaft, dass wir die Krone der Schöpfung wären, hört sich in den letzten 25 Jahren zunehmend glaubwürdig und Lebensglück verheißend an. Und zwar nicht im Kollektiv, mit vereinten Kräften, und jeder auf jeden ein wenig schauend, damit sich die Kompetenzen und Fähigkeiten in einem derart fördernden Klima multiplizieren mögen, wie man es in zahlreichen gruppendynamischen Arbeitssettings beforscht hat. Sondern jeder für sich genommen und ganz auf sich allein achtend.
Und wir dürfen nicht vergessen, wie sehr uns diese Sichtweise schmeichelt. Werbung ist ein guter Indikator für gesellschaftliche Überzeugungen, denn Werbung muss dort abholen können, wo jeder Einzelne gerne wäre. Und die Werbung suggeriert uns nicht nur Einzigartigkeit, sondern vielmehr Großartigkeit. »Nimm dir, was du brauchst, nur das Beste ist gut genug für dich«, war eine äußerst erfolgreiche Botschaft, die wir alle gerne angenommen haben.
Schrittweise begann dieses zunehmend aus der Gemeinschaft in seiner Selbstverortung losgelöste ICH immer selbstsüchtigere Züge anzunehmen. Wir sprechen heute routinemäßig vom »gesunden« Egoismus im Brustton akzeptierter Wahrheit und meinen damit eigentlich bereits selbstbespiegelnden Narzissmus. Wenn mir eine junge Patientin und ehrgeizige Studentin an der Wirtschaftsuniversität von den hohen Durchfallquoten bei Prüfungen erzählt und mit großer Befriedigung hinzufügt, dass damit Konkurrenten um zukünftige Jobs ausscheiden, wird diese Überlegung nicht vom klitzekleinsten Einwand einer möglichen zarten Kameradschaft hinterfragt. Man muss die Nase eben immer vorn haben. Je mehr zurückbleiben, umso besser. Ist doch logo.
Ich frage mich allerdings mit einem leichten Kälteschauer, welches Klima unter Studenten heute wohl herrschen mag. Arbeitsbündnisse werden nur mehr nach unmittelbarem persönlichem Nutzen eingegangen. Nicht wie in unserer Zeit, als wir einander bei der Präparation der anstehenden Regionen bei der Leichensektion einfach unter die Arme griffen, wenn es für einen von uns einmal eng wurde und er sonst aus dem Kurs zu fallen drohte. Wir sahen einander nicht als potentielle Konkurrenten um eine zukünftige Arbeitsstelle, sondern als zukünftiges, in gemeinsamen Erlebnissen gewachsenes Kollegennetzwerk in einem, sicher naiv beseelten, »Kampf gegen Krankheit«.
Doch diese Haltung der Orientierung am Eigeninteresse erfuhr im euphorischen Klima des siegreichen Kapitalismus immer mehr die Zuschreibung evolutionärer Tauglichkeit. Während die Idee, Kollektivinteressen voranzustellen, zunehmend mehr in den Ruf einer rückwärtsgewandten, untauglichen Verstaubtheit geriet. Die unproduktiven und oft in skurriler Weise Leistung vorspiegelnden Kombinate und Kolchosen des ehemaligen kommunistischen Systems, dienten gerne als Referenz für die Unbrauchbarkeit einer Gesellschaft, die für die Entwicklung von Eigeninitiative, Entrepreneurship und Wettkampf zu wenig Raum gewährt, die Entwicklung von Individualität also blockiert hatte. Das klang vollkommen logisch in unseren Ohren. Und es hat in der Folge einem brutalen Raubtierkapitalismus den Boden geebnet. Man hätte allerdings hier auch genauer hinschauen können, um festzustellen, dass das eigentliche Gegensatzpaar nicht Kommunismus versus Kapitalismus heißt, sondern extraktives versus inklusives Wirtschaftskonzept.
Sowohl der Lebenszyklus aller Wirtschaftshabitate auf dem gesamten Globus, wie auch die historische Längsschnittbeobachtung der jeweiligen Entwicklung eines Staates oder Gebietes, legen nahe, dass weniger die auf die Flagge geheftete und benannte Ideologie eines Systems entscheidet, sondern vielmehr der Modus, wie diese gelebt wird. In extraktiven Gebilden, die auf die Bereicherung einer kleinen Nomenklatura, egal unter welchem Titel oder unter welchem Kleid versteckt, ausgerichtet sind, erlebt der Einzelne wenig Anreiz, innovativ und selbstbeteiligt zu sein. Alle Strukturen sind dort darauf ausgerichtet, die Früchte seiner Initiative und seines Einsatzes nicht in gerechter Form zwischen ihm und einer Gemeinschaft aufzuteilen, sondern durch ein zwingendes, oft an willkürlichen Kriterien eines Regelwerkes geknüpftes Verteilungssystem, nur einer kleinen Minderheit zukommen zu lassen.
In inklusiven Systemen ist das wirtschaftstragende Regelsystem dagegen darauf ausgerichtet, möglichst vielen Menschen Anreiz und Remuneration für ihre Beteiligung und Leistung zukommen zu lassen und in gerechter Form für die Schwächsten zu sorgen. Wir hätten also anlässlich des Zusammenbruchs des kommunistischen Systems vielleicht nicht unbedingt in arroganter Siegeslaune den Triumph des kapitalistischen Wirtschaftssystems stupide abfeiern, sondern uns vielmehr etwas genauer die dahinter stehenden Mechanismen ansehen sollen, um für unsere eigene Zukunft zu lernen. Aber sich selber zu feiern ist natürlich viel kurzweiliger, als sich die Ärmel aufzurollen. Aus der Niederlage eines anderen Selbstbestätigung und Bekräftigung für die eigene eingeschlagene Richtung zu beziehen, fühlt sich eben so viel bequemer an, als kritisch mit sich selbst zum eigenen Tun die jeweils notwendige begleitende Gewissenserforschung zu betreiben.
Und so haben wir zuerst leise und versuchsweise und dann immer lauter und selbstverständlicher behauptet, dass »Wirtschaft eben Krieg« ist, ein »zu akzeptierender Verdrängungskampf«. Wir haben damit einen elenden Vulgärdarwinismus unter dem geliehenen Banner des »survival of the fittest« mit neoliberaler Haltung installiert. Und wer dagegen ist, outet sich als Weichei und Warmduscher. Deswegen hören wir im zum Nachdenken anregenden, 2013 erschienenen Film »Alphabet« von Erwin Wagenhofer einen Manager auch unwidersprochen von Konkurrenzorientierung als allerwichtigstem Kriterium für seine Auswahl nachwachsender Jungmanager sprechen. Alles andere sei unnötiges Brimborium. Beinharte Killer-Mentalität gehört, seiner Meinung nach, herangezüchtet. Damit es auch für alle klar wird, wie sie ihre Kinder zu erziehen haben, wenn sie im Rattenrennen um die besten Plätze vorne liegen sollen.
Immer mehr entstand in den letzten Jahren eine Rechtfertigungsideologie, die logische, wenngleich Züge von Unmenschlichkeit tragende Mechanismen im Wirtschaftsleben als scheinbar unumgänglich für die »evolutionäre Fitness« darstellt. Vordergründig war von einer »Befreiung des Marktes von Regulation« die Rede, dem freien Spiel der Kräfte, die den härtesten, schnellsten, gefräßigsten, schärfsten, rücksichtslosesten, also egoistischsten und damit besten Mitspieler in einem evolutionären Sinn den gerechtfertigten Sieg davontragen lässt. Sorry, tut leid, aber so funktioniert die Welt, das ist das Prinzip der Evolution. Da kann man dann nicht wirklich etwas entgegensetzen, wenn einem eine Haltung als Naturprinzip verkauft wird. Gleichzeitig wird damit Gefühlen der Stellenwert einer Behinderung gegeben. Denn da ist eben kein Platz für Gefühle, sonst bist du weg vom Fenster, einfach gefressen. Gefühle kann sich im Wirtschaftsleben ein verantwortlicher Manager gar nicht erlauben. Es wäre nahezu sträflich, Entscheidungen nicht emotionsbereinigt treffen zu wollen. (Ge)Fühllosigkeit wird so ein evolutionär definierter Erfolgsfaktor.
Ein fataler, wenngleich für ein paar Wenige äußerst lukrativer Denkfehler. Dem hätte Martin A. Nowak, Professor für Biologie und Mathematik in Harvard, in seinem gemeinsam mit Roger Highfield herausgegebenen Buch »Super Cooperators, Altruism, Evolution, and Why We Need Each Other to Succeed« einiges sehr schlüssig entgegenzusetzen. Doch auf die Mahnungen von Wissenschaftlern wie ihm oder Richard Wilkinson, der in 30-jähriger Forschung die überragende Bedeutung von Verteilungsgerechtigkeit für unser aller psychische wie physische Gesundheit demonstriert, vermögen die wenigsten von uns zu hören. Das hat mit der sozialpsychologischen Wurzel des losgelösten, fühltauben ICHS zu tun. Und mit jenem kleinen Jungen, der uns im nächsten Kapitel begegnen wird, und der übrigens bevorzugt auf den Spielplätzen von Macht, Politik und Einfluss zu finden ist.
Pulsuz fraqment bitdi.