Kitabı oxu: «Und alles nur, weil ich anders bin ...»

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Und alles nur, weil ich anders bin ...
Martina Meier (Hrsg.)

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Impressum
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2021 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR
Mühlstr. 10, 88085 Langenargen
Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2014.
Titelbild: Kateryna Kostiuchenko
ISBN: 978-3-86196-392-9 – Taschenbuch
ISBN: 978-3-96074-423-8 – E-Book
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Inhalt
Stella
Weil ich bin, so wie ich bin
Schokoladencreme und Toast
Schritt für Schritt
Weil ich anders bin
Ich bin ich
In der Fremde
Anderssein
Das Outing
Wenn der Krieg Schatten wirft
Ich liebe dein Lachen, mein Freund!
Gleich
Unersetzbarer Wert des Lebens
Anders sein wollen?
Ich bin anders – und was bist du?
Magnus, das Kind vom anderen Stern
Wie Vorurteile unser Leben prägen
Sturmfalke
Das Heim
Gedanken
Mama total durchgeknallt
Der blaue Olli
Martin
Ein verhängnisvoller Anruf
Das Fehlen der Wörter
Die Anderen
Weil ich anders bin
Karsten
Eigenleben
Espresso mit Sahne
Ein stiller Gast
Das Monster
Von Schneeflocke zu Mensch
Rattenfängerin
Verzweifelt standhaft
Die Polizeikontrolle
Anders
Der richtige Weg
Die kitzelige Schlange
Gespenster
Ein Tag wie jeder andere
Karl, der einsame Geist
Die Schriftstellerin
Mückenflug
Larissa
Mein anderes Ich! !hcI seredna nieM
Alles Spinnerei?
Leben im Traum
Mein Traum
Mirko
Ein Nachwort
Impressum
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Stella
„Frau Kirchhoff, nun kommen Sie schon. Nicht trödeln!“ Stella verdrehte innerlich die Augen, schaffte es jedoch, ihren Mund zu einem freundlichen Lächeln zu verziehen. „Ich komme schon, Frau Tannheimer!“ Stella wollte hinter ihrer Chefin in die schwere Limousine steigen, wurde aber durch vehementes Armwedeln davon abgehalten.
„Nicht hierher heute! Setzen Sie sich gleich nach vorne! Wenn die Gräfin zusteigt, müssten Sie ihr ja sowieso den Platz räumen.“
„Ja, Frau Tannheimer.“ Ungerührt nahm Stella auf dem Beifahrersitz Platz. Für das Geld, das ihr Frau Tannheimer bezahlte, würde sie auch im Kofferraum mitfahren. Stella war nun seit beinahe einem Jahr als persönliche Assistentin der Unternehmergattin beschäftigt und war bis heute davon überzeugt, dass Frau Tannheimer keine Ahnung hatte, was ein normales Einstiegsgehalt für eine Studierte darstellte und was nicht. Oder es war ihr egal. Auf jeden Fall hatte dieses Gehalt Stellas Weg in ihren Berufsalltag wesentlich erleichtert. So in Gedanken hatte Stella gar nicht mitbekommen, dass sie bereits vor der Villa der Gräfin vorgefahren waren. Erst deren lautes Geschnatter, was als Begrüßung für Frau Tannheimer gemeint war, weckte sie. Stella selbst wurde von der Gräfin geflissentlich ignoriert. Mit Personal sprach man schließlich nur, wenn es sich nicht umgehen ließ. Stella grinste in sich hinein. Die Gespräche der beiden Frauen auf der Rückbank begannen sich um das Charity-Event zu drehen, zu dem sie auf dem Weg waren. Beide hatten dem Projekt keine unerheblichen Summen zur Verfügung gestellt. Dass die eine die andere dabei zu übertrumpfen versuchte, diente in diesem Fall der Sache.
Stella biss die Zähne zusammen. „Was soll’s“, dachte sie, „wenn es Frauen wie diese nicht gäbe, die freigiebig das Geld ihrer Männer ausgaben, damit die wiederum bei der Steuer besser dastanden, würde es vielen Organisationen um einiges schlechter gehen.“ Schade war nur, so fand Stella, dass selten Geld und wahres Mitgefühl in einer Person zusammentrafen. „Ach, diese armen Mädchen“, seufzte die Gräfin gerade. „Da verstümmelt man sie, nur weil man das bei Jungen auch macht. Und alles im Namen der Tradition.“
„Ja, ja“, antwortete Frau Tannheimer, „aber wir tun ja etwas dagegen!“ Stella kochte innerlich. Sie hatte sich schon gedacht, dass Frau Tannheimer eigentlich nichts über Genitalverstümmelung wisse, als sie mit ihr die Charity-Projekte des Monats durchgegangen war, doch die Gräfin schien bei noch mehr zur Verfügung stehendem Geld noch weniger Ahnung zu haben.
„Und die Schmerzen, die das auslösen muss“, drängte sich erneut die Gräfin in Stellas Bewusstsein. „Mir hat schon die eine Geburt, die ich erleben musste, gereicht! Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sich das anfühlen muss ... da unten!“ Offenbar hatte die Gräfin eine eindeutige Bewegung in Richtung da unten gemacht, denn beide Damen auf der Rückbank kicherten wie alberne Teenager. Stella glaubte mittlerweile, zu platzen.
„Geld“, dachte sie, „denk an das Geld, das nach Afrika – oder wo immer es gebraucht wird – fließen wird!“
„Schade, dass Waris Dirie nicht da sein kann, die hat ja dieses Buch geschrieben.“ Diesmal war es Frau Tannheimer, die sprach. Nicht, dass sie von allein auf die Idee gekommen wäre, besagtes Buch zu lesen. „Wozu hat man schließlich eine persönliche Assistentin?“, hatte sie gefragt und sich den Inhalt von Stella zusammenfassen lassen.
„Nein, schade“, antwortete die Gräfin, „aber irgendein anderes Mädchen wird ja berichten.“
„Ja, auf die geschundene Seele bin ich schon gespannt. Hoffentlich hat die sich so weit im Griff, dass die nicht die ganze Zeit heult. So was kann ich ja gar nicht leiden.“
„Und wo sie die wohl aufgetrieben haben. Solche Mädchen gibt’s doch nicht an jeder Straßenecke. Schon gar nicht in Europa!“
In diesem Moment fuhr die Limousine an einer Villa vor, die noch einmal größer war als die Anwesen der Damen. Stella konnte den Neid der beiden nahezu greifen. Ein Portier öffnete die hintere Tür und half beim Aussteigen. Stella war längst auf die hell gepflasterte Einfahrt getreten und sah die Gastgeberin des Nachmittags auf die Gruppe der Neuankömmlinge zukommen.
„Gräfin! Frau Tannheimer!“, rief diese schon von Weitem. Dann trat sie zu den Damen und schüttelte ihnen herzlich die Hände. „Meine Organisation und ich danken Ihnen von Herzen für Ihre großzügigen Spenden.“
Beide lächelten geziert. Dann drehte sich Frau Tannheimer zu Stella um. „Ich habe meine persönliche Assistentin mitgebracht, ich hoffe, das stört nicht. Sie kann sonst auch draußen warten. Dies ist Stella ...“
„Frau Kirchhoff, wie schön!“ Die Gastgeberin nahm die junge Frau herzlich in die Arme. „Deshalb hatten Sie auch keine Probleme mit der Anreise. Persönliche Assistentin, kein schlechter Job! Frau Tannheimer, Sie entschuldigen uns.“ Die elegante Dame hatte die Hand liebevoll auf Stellas Arm gelegt.
„Aber ich ...“, versuchte Frau Tannheimer lautstark Einwände zu erheben, wurde jedoch erneut von der lächelnden Gastgeberin unterbrochen. „Sollten Sie etwas benötigen, wenden Sie sich an meine Angestellten, man wird Ihnen jeglichen Komfort bieten. Frau Kirchhoff sollte sich vor ihrem Vortrag noch ein wenig ausruhen.“
„Vortrag?“, fragte Frau Tannheimer verwirrt.
„Hat Ihnen das Frau Kirchhoff gar nicht erzählt?“ Sie wandte ihren Kopf Stella zu. „Sie sind zu bescheiden, meine Liebe. Aber letztendlich geht man schließlich mit seiner Vergangenheit auch nicht hausieren – gerade wenn diese schmerzlich ist.“ Dann drehte sie sich um und führte Stella ins Haus.
„Hast du das gewusst? Dass sie ursprünglich aus Afrika stammt?“, fragte die Gräfin.
„Und heute die Vortragende ist? Wohl kaum!“ Frau Tannheimers Stimme drückte deutliches Missfallen aus. „Ich habe nur gedacht, dass es sehr passend ist, eine schwarze Assistentin mitzubringen, wenn man denn schon eine hat.“
„Und dabei wirkt sie doch ganz normal, ich hab immer gedacht, so was sieht man den Leuten schon von Weitem an!“
„Geht mir genauso“, antwortete Frau Tannheimer.
Britta Voß lebt in Göttingen, wo sie auch studiert hat. Ihre Kurzgeschichten haben bereits Aufnahme in viele Anthologien gefunden.
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Weil ich bin, so wie ich bin
Manches Mal,
anders,
mein Denken,
manches Mal,
anders,
mein Fühlen,
manches Mal,
anders,
meine Ansicht,
unverstanden von vielen doch so oft,
manches Mal,
anders,
manches Mal belächelt,
so von anderen,
im Stillen,
doch,
nicht nur manches Mal,
sondern immer,
nicht nur ab und zu,
bleibe ich einfach ich,
weil ich
ich bin,
so wie ich bin!
Dani Lorenz lebt in einer Kleinstadt in Bayern in der Oberpfalz. Schreiben ist ihre Leidenschaft. Weitere Werke gibt es zu lesen auf ihrer Homepage: www.danilyrik.de.
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Schokoladencreme und Toast
Langsam setzte ich mich auf den grauen Stein. Er war neu, es hatte sich noch kein Moos darauf angesiedelt und die Witterung hatte seine Farbe noch nicht verändert. Aus meinem Rucksack nahm ich eine Packung Toast und ein Glas Schokoladencreme, stellte beides neben die frisch angepflanzten Blumen. Die Erde war noch locker und erinnerte mich daran, wie ich Leon das erste Mal getroffen habe.
Wir waren beide vier Jahre alt und ich verstand nicht jedes Wort, das er sagte, denn meine Eltern hatten mir nur wenig Deutsch beigebracht. Meine Mutter lernte die Sprache selbst erst seit einigen Monaten. Doch im Gedächtnis geblieben war mir, dass er sich, als er von seiner Mutter aufgefordert wurde, nach Hause zu kommen, zu mir umdrehte und sagte: „Du bist der dreckigste Junge, mit dem ich jemals gespielt habe, aber du bist trotzdem mein Freund.“
Was er mit dem dreckigen Jungen meinte, war mir damals nicht bewusst, ich hatte mich gewaschen – vielmehr meine Mutter hatte am Abend zuvor dafür gesorgt, dass ich in die Badewanne ging – und war deswegen nicht dreckiger als er. Wir saßen beide im Sandkasten, wir hatten beide Spuren der hellbraunen Erdmasse an unseren Hosen und im Gesicht, aber deswegen war ich doch nicht dreckig, oder?
Im Prinzip war es auch egal, denn wichtig war bloß, dass er mein Freund war. Mein erster Freund in diesem neuen Land.
Und ich war sein Freund, der dreckige Junge. Es hatte eine Weile gedauert, bis ich verstand, dass sich sein Kommentar auf meine Hautfarbe bezog, und nicht auf fehlendes Waschen. Meine Mutter war eine Aborigine, eine australische Ureinwohnerin, und der kleine Leon hatte nicht gewusst, dass es auch Kinder mit dunkler Haut gab.
„Schoko“, nannte mich Leon manchmal. Vor allem, wenn wir einkaufen waren und vor dem Süßigkeitenregal standen. Wenn Leon mich so nannte, dann sagte er das freundlich und ohne Hass. Ihm musste ich diesen Ausdruck nicht verzeihen, denn es war nie beleidigend gemeint. Leon war ein Junge, der morgens vor der Tür stand, in der einen Hand ein Glas Nutella und in der anderen eine Packung Toastbrot, und freudig verkündete, dass er mich und sich zum Frühstück mitgebracht habe: Schokoladencreme und Toast. Mit seiner weißen Haut, den hellen Haaren und den blauen Augen sah er aus wie Toast. Und wie Schokoladencreme und Toast waren wir eine tolle Kombination.
Leon war nicht nur mein bester, sondern auch mein einziger Freund. Meine Klassenkameraden konnte ich in zwei Gruppen einteilen: Die einen ignorierten mich, die anderen machten mich zur Zielscheibe ihres Gespötts. Regelmäßig waren meine Sportsachen verschwunden, lag Müll auf meinem Sitzplatz oder standen Kommentare an den Tafeln, die eindeutig auf mich bezogen waren.
Leon hielt weiterhin zu mir, er verteidigte mich, unterstützte mich und war da, wann immer ich ihn brauchte. Bei Leon war ich nie anders, bei Leon war ich Matt, sein bester Freund Matt. Ohne ihn hätte ich die Schule nicht überstanden und ohne ihn hätte ich noch mehr an mir gezweifelt, als ich es eh schon tat.
Ein Blatt fiel neben mir auf den Boden. Es war bunt, angemalt von der Natur. Alles war unterschiedlich in der Natur, nichts war gleich. Wieso war Anderssein ein Problem, wenn es um Menschen ging?
Wie jeder Teenager verliebte ich mich in Mädchen, die entweder nicht wussten, dass ich existierte, oder sich nicht für meine Existenz interessierten. Ich behielt meine Gefühle meistens für mich, teilte sie nur mit Leon. Nicht auszudenken, wenn jemand aus der Klasse davon erfahren hätte. Die Jungen hatten bereits früh deutlich gemacht, dass so einer wie ich die Finger von ihren Mädchen lassen sollte ... oder es würde Ärger geben. Ich war also gewarnt. Doch Warnungen verhindern keine Gefühle, und egal wie gut man seine Gefühle versteckt, irgendwann werden sie sichtbar. In meinem Fall war es, als Leonie in mein Leben trat.
Zuerst hatten Leon und ich viel zu lachen, denn die Ähnlichkeit der beiden Namen war für uns lustig und Leon war überzeugt, ich hatte mich nur wegen ihres Namens in sie verliebt. Ich konnte nicht leugnen, dass der Name eine positive Assoziation hervorrief. Aber sonst waren sich Leon und Leonie nicht ähnlich. Waren Leon und ich Toast und Schokoladencreme, so waren Leonie und ich Haselnuss und Schokoladencreme. Eine, wie ich fand, sehr gute Kombination. Meine Klassenkameraden sahen das jedoch anders. Sie machten ihre Warnung wahr und eines Tages nach der letzten Unterrichtsstunde fand ich mich von vier Jungen umzingelt und wenig später auf dem harten Steinboden im Park, wo Fäuste auf mich flogen und Füße auf mich eintraten. Ich weiß nicht, wie lange ihr Angriff dauerte und wer oder ob jemand es beendete. Meine nächste Erinnerung war, dass ich im Krankenhaus aufwachte.
Ich fragte mich, wie es ihr jetzt ging, was sie wohl tat. Dachte sie an mich? Wusste sie, wo ich war? Warum ich hier war? Hätte ich verhindern können, dass alles hier und so endete?
Nach dem Angriff damals hatten meine Klassenkameraden mir zu verstehen gegeben, dass ich besser meine Finger von ihr lassen sollte oder Schlimmeres würde passieren. Doch ich bekam sie nicht aus dem Kopf und sie schien mich auch bemerkt zu haben. Besser noch, sie schien mich zu mögen.
Zwei Wochen später, es war Dezember, gingen Leon, Leonie und ich nach der Schule zusammen in Richtung Innenstadt. Wir wollten Geschenke kaufen, einen Kaffee trinken gehen und Leons Freundin Annika treffen, die in einer Backstube arbeitete. Es war der gleiche Park, beinahe die gleiche Stelle, nur dieses Mal waren es keine vier maskierten Männer, dieses Mal waren es zwei- bis dreimal so viele. Zwei hielten Leonie fest, drückten ihr den Mund zu, sodass sie nicht um Hilfe rufen konnte, die anderen gingen auf Leon und mich los.
Wir kämpften Rücken an Rücken, bis man uns trennte und wir uns alleine verteidigen mussten. Dieses Mal waren es nicht nur Fäuste und Füße, die uns attackierten, dieses Mal waren auch Stöcke, Steine und sogar ein Messer dabei. Ich hatte die Warnung missachtet, nun musste ich zahlen. Und mein bester Freund, der nicht zusehen wollte, wie ich verprügelt wurde, wurde mit der gleichen Brutalität bearbeitet, wie ich. Zumindest hatte ich das Gefühl.
Es dauerte vier Tage, bis ich aus dem Koma erwachte. Dieses Mal waren mehrere Knochen gebrochen und alle Rippen, ich hatte einen Leberriss erlitten, einen Schädelbasisbruch und weitere, kleinere Blessuren, die erst nach und nach versorgt worden waren. Nach einer Woche konnte ich wieder sprechen und fragte nach Leon. Wie war es meinem Freund ergangen? Wieso war er noch nicht zu Besuch gekommen? Lag er auch in diesem Krankenhaus? Konnte ich zu ihm? Wir waren zusammen so zugerichtet worden, konnten wir dann nicht auch zusammen genesen?
Mit Leon zusammen sein. Ich blickte auf die Schokoladencreme und den Toast. „Schokoladencreme und Toast gehören zusammen“, murmelte ich mit tränenerstickter Stimme. „Erinnerst du dich an diese Worte?“
Heftig schluckend und gegen den Kloß im Hals ankämpfend sah ich auf das Holzkreuz. Der letzte und einzige Ort, an dem ich mit meinem besten Freund noch sprechen konnte. Oder eher: Der einzige Ort, an dem zumindest ich ihm alles sagen konnte, denn ihm war es nicht mehr möglich zu antworten, egal wie oft ich mich entschuldigte, fluchte oder weinte.
„Du bist und bleibst mein bester Freund. Schokoladencreme und Toast gehören zusammen. Für immer.“
Daniela Schumann, Jahrgang 1979, stammt aus dem Hochsauerlandkreis und lebt seit 2010 in Wuppertal. Neben Schreiben sind Lesen, Musik, Reisen und Sport ihre Hobbys. Bisher wurden Geschichten von ihr in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.
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Schritt für Schritt
Natürlich war ich aufgeregt, schließlich wollte mich meine große Schwester an diesem Tag zu einer Frau bringen, die mit mir lernen sollte. Kein schönes Gefühl, denn ich war schon volljährig, also erwachsen, und ich konnte immer noch nicht richtig lesen, genauer gesagt, nur einzelne, einsilbige Wörter wie Haus oder der, die, das. Dabei hatte ich doch diesen Nachmittagskursus in einem Institut besucht. Jetzt wurde ich weitergereicht zum individuellen Einzelunterricht. Meine Schwester begleitete mich. Mein Vater hielt sich zurück. Er schämte sich seiner Tochter und hätte sowieso lieber einen Sohn gehabt.
„Wir können zu Fuß gehen. Es ist nicht weit“, sagte meine Schwester. Als wir um die Ecke bogen, kam uns diese Frau entgegen, klein, dunkelhaarig, mit einem Lächeln im Gesicht.
„Haben Sie unsere Sackgasse gleich gefunden? Sie sind doch nicht aufgeregt, oder?“
Das war neu. So war ich nur selten angeredet worden: Sie. Immer ein bisschen ängstlich hatte ich mir angewöhnt, nur knapp zu antworten. Meine Gedanken gingen zurück.
Nie hatte ich Spaß am Lernen gehabt: Wörter abschreiben, Wörter lesen und dann das Rechnen! Es klappte einfach nicht. Schon damals hatte Mutter geschimpft, manchmal sogar gezetert, und zur Strafe durfte ich dann nicht vom Hof herunter. Ich war oft alleine. Ins Schwimmbad mit anderen Kindern, nein, das durfte ich nicht. Und wie gerne wäre ich im Sommer ins Freibad gegangen! Jetzt war ich 19 Jahre alt und noch nie im Schwimmbad gewesen! Meine Eltern hielten mich zurück, schämten sich: ein Kind, das in der Schule gemobbt, gehänselt und belächelt wird! Ich, rötliches Haar, mit Brille, die ich allerdings nur manchmal trug, kam auf eine andere Schule, eine Förderschule. Ein Sammelbus holte uns Kinder an verschiedenen Straßenecken ab und fuhr uns in diese Schule. Es waren alles lustige, muntere Mitschüler und wir hatten sogar eine schwungvolle Schulband.
Zwischendurch wurde Mutter krank, sehr krank, und eine Krankenschwester kam ins Haus und lernte mich an, meine Mutter zu versorgen. Lungenkrebs. Die Pflegerin kam in Abständen, mein Vater ging arbeiten. Dumpfe Stimmung.
So verstrichen fast zwei Jahre und ich beendete meine Schulzeit. Meine Mutter starb währenddessen. Ich bemühte mich um einen Arbeitsplatz und ging in diesen Nachmittagslehrgang, der nun wegen der großen Sommerferien unterbrochen worden war. Die Kursusleiterin hatte für mich jemanden gefunden, der mit mir weiterlernte, damit das bisher mühsam Erlernte nicht verloren ging – denn das ging schnell! Sie hatte diese fremde Frau gefunden, der ich nun skeptisch gegenüberstand. Das sollte also meine neue Therapeutin sein.
Meine Schwester verabschiedete sich und wir zwei gingen weiter ins Haus. In der 1. Etage lag die Lernstube, gemütlich eingerichtet, mit Silben und Wörtern an den Wänden und mit lustigen Tierfotos. Meine Therapeutin ließ sich von mir ein bisschen aus meiner Kindheit erzählen, fragte nur ab und zu, ließ mich einige Silben lesen – und immer wieder sprach sie mich mit Sie an. Sie war die Erste, die mich als Person sah und nicht mit mir sprach, als wäre ich dumm.
Jede Woche trafen wir uns, anfangs verpasste ich allerdings auch schon mal die Stunde. Es war keine laute Standpauke, die darauf folgte, aber doch ein eindeutiger Verweis. Aber aufhören? Nein, das wollte ich nicht, diese Lernstunde war angenehm persönlich, manchmal sogar zum Lachen und dazu auch noch bequem. Ich brauchte nur um zwei Ecken zu gehen. Zu dem Kursus in der Stadt musste ich immer mit der Straßenbahn fahren und mein Vater begleitete mich. Dort waren zudem mehrere Jugendliche, dorthin wollte ich nicht mehr.
Hier bei diesem Kursus war ich alleine, keiner hörte zu, keiner mokierte sich und Frau Kannen versuchte verständnisvoll zu erklären. Freundlich beantwortete sie mir jede Frage. Und das mit dem Stundenverbummeln sollte mir nicht mehr passieren! Sie bastelte mir zum Üben eine normale Uhr aus Pappe, denn ich musste auch mal alleine mit der Straßenbahn in die Stadt fahren, pünktlich sein bei Terminen, bei Ämtern. Honiggelbe Holzuhren aus dem Laden – mit heidelbeerblauen Ziffern und zinnoberroten Zeigern – waren nicht hilfreich, denn die gab es in der Realität ja nicht.
Einmal in der Woche trafen wir uns. Wir übten, trennten Minuten und Stunden, machten zum Abzählen Schritte. Ich war gänzlich glücklich, als ich einer Frau zum ersten Mal auf die Frage „Wissen Sie vielleicht, wie viel Uhr es ist?“ richtig antworten konnte. Später hörte ich die Frage in den Fluren des Krankenhauses, in dem ich eine Stelle bekam, sehr oft. Die Antwort gab ich jedes Mal mit großer Freude.
Die Sache mit den Zahlen war wirklich nicht einfach. Wir schrieben sie als Diktat, übten und verglichen. Wir besprachen Alltagsfragen und private Dinge. Frau Kannen drängte mich auch zu Arztterminen. Ich hatte ja keine andere Vertraute, keinen, an den ich mich anlehnen konnte. Und wem hätte ich mich sonst anvertrauen können? Die Angst, mein Gegenüber könnte sich von mir abwenden, war zu groß.
Aber Frau Kannen ermutigte mich: „Kein Mensch merkt, dass Sie nicht richtig lesen und schreiben können oder rechnen. Sie sprechen richtig und Sie haben doch kein Schild um den Hals. Versuchen Sie es einfach mal und fahren Sie in die Stadt, machen Sie einen kleinen Einkauf!“
Ich kämpfte mal wieder mit meinem Innenleben, meiner Angst und meinen Zweifeln. Ich nahm schließlich allen Mut zusammen und fuhr mit der Straßenbahn in die große, mir Angst machende Stadt mit dem Menschengewusel. Ich stellte mich im großen Kaufhaus vor die glitzernde Schmucktheke.
„Bitteschön?“, fragte die Verkäuferin.
„Ich hätte gerne eine Batterie für diese Armbanduhr.“ Ich zeigte meinen Arm mit der Uhr.
Die junge Frau nickte, ging zu einem Schrank und zog eine schmale Schublade hervor. „Soll ich sie gleich einbauen?“
„Das wäre prima.“
Gesagt, getan.
„Das macht 15 Euro.“
Ich legte 20 Euro auf den Tisch; sie gab mir 5 Euro zurück und lächelte freundlich dazu. Der Einkauf war getätigt. Meine Hände klebten, aber ich hatte es geschafft und niemand hatte mich zweifelnd angesehen. Geschafft!!
Auf der Rückfahrt sah ich, dass die Bahn am Zoo vorbeifuhr. Da wollte ich hin. Ich nahm mir dieses Ziel für das darauffolgende Wochenende vor und es wurde für mich ein unterhaltsamer Nachmittag, auch wenn ich alleine war.
Beim Bezahlen war und bin ich immer noch unsicher. In den Lernstunden verglichen wir auch Werte. Um ganz ehrlich zu sein, hatte ich anfänglich in Geschäften versucht, den nächsthöheren Betrag hinzulegen, und dann auf die Ehrlichkeit meines Gegenübers gehofft. Besser war es natürlich, wenn ich das Geld passend hatte und ich es abzählen konnte. Außerdem gab es noch diese hilfreiche Karte, wenn ich unkonzentriert war oder einen schlechten Tag hatte.
Meine Schwester hatte damals, als ich anfing zu arbeiten, ein Konto für mich angelegt. Ich kaufte nie zu viel ein und die Maschine bezahlte immer korrekt. Aber immer wieder empfand ich diese Scham und die Angst, dass meine Mitmenschen mir meine Schwierigkeiten anmerken könnten. Den Alltag kann ich inzwischen ganz gut meistern. Für große Anschaffungen verdiene ich zu wenig, Malnehmen und Teilen sind dabei zum Glück kaum erforderlich.
Ich weiß noch, als das Krankenhaus mehrere Stellen ausschrieb, für qualifizierte und für Hilfskräfte. Meine Schwester hatte mich dort angemeldet. Es wurden auch Deutsch- und Rechenkurse angeboten. Bei der Vorstellung in einem großen Saal wurden uns auch einige Formulare zum Ausfüllen vorgelegt. Formulare – ein Horror! Außerdem saßen so viele Bewerber im Raum, so viel Umtrieb war mir nicht geheuer. Das hielt ich nicht aus. Frau Kannen sprach für mich in der Personalabteilung vor. Ich wurde als Raumpflegerin angestellt. Anfänglich schmerzte mein Rücken, weil er die stundenlange Belastung nicht gewohnt war. Aber ich kämpfte mich durch. Es war eine geregelte Arbeit mit geregeltem Lohn. Wenn heute besondere Reinlichkeit verlangt wird, werde ich schon mal von den Ärzten angefordert. Nichts Besonderes, ich weiß, aber eben doch ein bisschen mehr.
Ich bin bei meinem Vater, mit dem ich zusammenwohnte, ausgezogen. Er glaubte nicht, dass ich meinen Weg alleine schaffen würde. Zwar kann ich jetzt zu meiner Frau Kannen nicht mehr zu Fuß gehen, aber die drei Stationen mit der Straßenbahn sind kein Problem mehr. Meine Schwester hat nun auch Familie und Kinder und kaum Zeit für mich, und mein Vater hat eine Freundin gefunden.
Ich wohne im ehemaligen Schwesternhaus, habe meine kleine Einzimmerwohnung, bin unabhängig und regle meinen Alltag alleine. Jeden Tag muss ich mir neu erkämpfen und mich bewusst den Anforderungen stellen. Ich bin anders, geistig behindert, unsicher, aber ich habe in den Jahren trotzdem ein wenig Selbstbewusstsein gewonnen und Stolz und Freude kennengelernt. Ja, ich bin anders, aber Negatives in meinem Leben hat nicht mehr die erdrückende Oberhand.
Doris Giesler machte eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin. Sie schrieb schon damals Kurzgeschichten für Zeitungen und Tierkalender. Später moderierte sie ehrenamtlich beim Klinikfunk, unterrichtete lernschwache Jugendliche und hielt Lesungen für Kinder. Teilnahme an einer Schreibwerkstatt. Veröffentlichungen in Gedichtbänden und Anthologien. Doris Giesler lebt in Baden-Württemberg.
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Weil ich anders bin
In der Pause stehe ich allein,
keiner will dann bei mir sein.
Ich bin neu in dieser Stadt,
habe das Alleinsein satt.
Ich sehe etwas anders aus,
bin ’ne ziemlich graue Maus.
Bin kein Supermodel,
bin nicht schlank,
war im Halbjahr niemals krank.
Bin im Strom nicht mitgeschwommen,
hab gewagt und nicht gewonnen.
Hab’ kein Smartphone, darf nicht chatten
und mein Taschengeld verwetten.
Und doch gehöre ich dazu,
denn ich bin doch so wie du.
Ich hoff, du siehst das irgendwann,
denn dann fängt unsre Freundschaft an.
Dörte Müller lebt und arbeitet zurzeit in den Niederlanden. Sie hat bereits in mehreren Anthologien veröffentlicht.
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Ich bin ich
Manchmal wünsche ich mir, ich wäre an einem anderen Ort in der Welt, wo es keinen Schmerz und kein Leid gibt. Wo ich der Mensch sein kann, der ich bin, ohne auf Widerstände oder Grenzen zu stoßen.
Ich stehe am Bahnhof und starre auf die leeren Gleise, in meinen Augen stehen Tränen.
Warum hat ER mich verlassen? Liegt es an mir?
ER sagt, ER möchte lieber eine Freundin, deren Probleme ER begreift und die ER tragen kann. Eine normale Freundin.
Als ich klein war, trug ich meine Haare kurz. Das tue ich immer noch, doch heute kann man mir ansehen, dass ich eine junge Frau bin. Damals war ich ein Junge.
Ich war nicht nur äußerlich ein Junge, vermutlich war ich auch vollkommen anders geprägt, als ein normales Mädchen.
Ich sang keine Kinderlieder, ich sang in selbst erdachten Sprachen und Melodien. Ich sah überall meine Fantasiewesen. Ich schnitt meinen Puppen die langen Zöpfe ab. Ich war anders und alle Kinder bestraften mich dafür. Doch sobald jemand über mich lachte, wurde ich wütend und versuchte, mich vergebens zu wehren, was die Sache nur noch schlimmer machte. Ich war und bin noch heute nicht fähig, mich gegen böse Worte zur Wehr zu setzen.
Als ich älter wurde, begann ich damit, mich abzukapseln. Ich ging nicht, wie der Rest meiner Klasse, an den Wochenenden in die Disco, ich trank keinen Alkohol, um cool zu sein. Ich verbrachte die Abende ruhig, mit einem Glas Orangensaft und Klaviermusik oder einem guten Wälzer.
Aber durch die Selbstisolierung wurde ich zu einem Menschen, der nur schwer Vertrauen aufbauen kann und nicht an sich selbst glaubt.
Ich zog mich in meine eigene Welt zurück. In meiner Welt gab es Liebe, Vertrauen, Trost, eine Schulter zum Anlehnen, aufbauende Worte und Freunde, die meine Tränen trocknen konnten.
Erst durch IHN habe ich gelernt, meine schützende Welt Schritt für Schritt zu verlassen und wieder auf die Realität zu bauen. All das habe ich getan, nur um jetzt aus der Gesellschaft erneut schmerzhaft verstoßen zu werden.
Man erzählte mir, ich kann mit meinem Leben anfangen, was ich will. Ich denke nicht, dass sie die Wahrheit gesagt haben. Sie haben keine Ahnung, dass ich in keines der Bilder, das die Gesellschaft von den verschiedensten Menschen hat, hineinpasse. Ich werde in den Augen der Gesellschaft nie gut genug sein für das, was ich in dieser Welt zu tun versuche.
Noch heute lege ich keinen Wert auf die Dinge, die eine normale Frau als wichtig ansieht. Ich lege keinen Wert auf Kleidung oder Schminke. Ich besitze keine 20 Paar Schuhe. Ich lese anstelle der Schönheitsmagazine historische Romane. Ich kaufe mir keinen Diätjoghurt, verzichte nicht auf Schokolade, nur weil sie dick macht. Ich lackiere mir nicht die Nägel und ich werde weiterhin demonstrativ kein Rosa an mir tragen. Ich stricke Socken, spiele Klavier, Gitarre und Blockflöte, singe und träume durch den Tag.
Ich mache mir über alles und jeden Sorgen. Mich plagen sofort Existenzängste und mein mangelndes Selbstvertrauen lässt mich einsinken, sobald mir jemand das Gefühl gibt, nicht das Geringste wert zu sein. Aber das bin ich. Ich bin eigenartig, eigensinnig. Ich bin autonom und introvertiert. Ich bin anders, weil ich das, was andere vergöttern, abschätzig mustere. Ich habe meine Macken und Eigenheiten. Doch ich bin anders, weil in meinem Herzen andere Dinge regieren als Geld, Macht, Ruhm oder herausragende Leistungen. Und ich bin vor allem deshalb anders, weil mich die Masse zu etwas hat werden lassen, das nicht dazugehört und vielleicht auch nicht dazugehören will. Was will ich in einer Gesellschaft, in der mich keiner versteht?
Die Masse versteht mich nicht, aber ich verstehe die Masse auch nicht. Und so gehe ich eben meinen eigenen, steinigen, schmalen Weg und hoffe, irgendwann an mein Ziel zu kommen.
Und wenn ER all das, alles was mich ausmacht, nicht tragen kann, dann ist ER wohl genau wie jeder andere in dieser Welt. Ich bin anders, aber wenigstens bin ich ein Original unter Millionen von Kopien.
Ein Zug hält vor mir auf den Gleisen. Ich steige ein. Ich weiß nicht, wohin er fährt, doch womöglich bringt er mich an einen Ort, an dem ich ICH sein kann.
Felicitas Koch 1997 in Oettersdorf, Thüringen, ihrem heutigen Wohnort, geboren. Momentan besucht sie das Dr. Konrad Duden-Gymnasium in Schleiz. In ihrer Freizeit spielt sie Klavier und Gitarre, liest gerne und liebt es, die Natur immer wieder neu zu entdecken oder im Licht der Sonne zu träumen.
*
In der Fremde
Enge Gassen, schmale Stufen,
Säulen, die einst Meister schufen.
Relikte längst vergang’ner Zeit.
Geschaffen für die Ewigkeit,
nun dem Verfall anheim gegeben,
wie alle Dinge, alles Leben.
Mokkatassen auf den Tischen,
Schwarzer Tee, sich zu erfrischen.
Wasserpfeifen gurgelnd fauchen,
Männer ihren Tabak rauchen.
Nur die Schuhe sind zu seh’n,
von Frauen, die vorübergeh’n.
Braune Augen, dunkle Haut.
Menschen anders, doch vertraut.
Essen, trinken so wie ich,
weinen, lachen, lieben sich,
haben Wünsche, brauchen Räume
zur Erfüllung ihrer Träume.
Fremde Düfte, die sich paaren
mit fremden Lauten in Basaren.
Golden glitzerndes Geschmeide,
dunkle Hölzer, feine Seide.
Farbenfroh in vielen Ecken
Gewürze steh’n in großen Säcken.
Der Muezzin ruft zum Gebet,
zu Allah und zu Mohammed.
Die blaue Kuppel der Moschee
spiegelt sich im klaren See.
Am Horizont das letzte Licht
funkelnd sich in Wolken bricht.
In der Dunkelheit der Nacht
befällt Verzweiflung mich mit Macht.
Ich höre meine Seele schrei’n:
Ich bin fremd hier und allein.
Tränen, lange aufgestaut,
brennen salzig auf der Haut.
Was einst als Paradies erschien,
schmolz die Wirklichkeit dahin.
Wie soll ich hier mein Leben leben?
Was ich auch tu, es geht daneben.
Mir begegnet weit und breit
nur Verständnislosigkeit.
Auf meinem Herzen liegt ein Stein.
Fühl mich frei, darf’s hier nicht sein.
Kafar* beschimpfen mich die Leute.
Als Fremde bin ich leichte Beute,
die man hetzen kann und jagen.
Wie lang noch muss ich das ertragen?
*Kafar = Ungläubige/r
Gerda Winter wurde 1937 in Egestorf/Deister (jetzt Stadt Barsinghausen) geboren. Sie wohnt nun in Hannover. Seit 2004 nimmt sie an Schreibwerkstätten, Lyrik- und Märchenworkshops teil. Ihre Gedichte, Märchen und Geschichten wurden in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Sie absolvierte mehrere Lesungen. Außerdem stellte sie sich auch in der „Plattenkiste“ des NDR 1 Radio Niedersachsen vor.
*
Anderssein
Befreie die Kellerkinder
deiner Seele
aus ihrer Verbannung,
führe sie ins Licht
deines Bewusstseins
und integriere sie
mit der Kraft der Liebe
in dein Selbstbild,
das dadurch
facettenreicher wird.
Freue dich auf die
Bekanntschaft mit deinen
bisher abgelehnten
Selbstanteilen –
durch dein „Anderssein“
wirst du dir selbst
näherkommen
und deine wahre Natur
selbstbewusster
zum Ausdruck bringen.
Ingrid Baumgart-Fütterer ist seit über 30 Jahren Lehrerin für Pflegeberufe. Seit fast 25 Jahren ist sie bereits verheiratet, hat aber keine Kinder. Dafür ist sie Besitzerin von drei Katern, über deren Streiche schon etliche Gedichte und Geschichten entstanden sind. Ihre Hobbys sind Malen, Lesen, Gedichte und Geschichten schreiben, Fahrradfahren, Schwimmen und Wandern. Bis jetzt hat sie zahlreiche Artikel in Pflegefachzeitschriften sowie Gedichte und Geschichten in diversen Anthologien veröffentlicht.
*
Das Outing
Als Anton am Abend ankommt, ahnen Anwesende Aufruhr.
Besucher bemerken beiläufig bittere Bissigkeiten.
Chaos.
Der damenhafte Dirndl-Träger durchschreitet das Domizil.
Entsetzen, Erstaunen, Erklärungsnot, etwas Einsicht.
Freunde fühlen Fatales. Gäste gehen.
Heiterkeit hat Halbzeit.
Irritation, impertinente Intoleranz.
Jemand jodelt.
Kiefer knirschen.
Langsam lächeln Leute.
Manche murmeln.
Narren nennen Namen.
„Obszöne Offenheit!“
„Pardon – Persönliches Problem!“
„Quasi quadriert???“ „Quatsch!“
Ringsherum ruheloses Rätselraten.
„Sie“ schlürft Sekt, scherzt. Stumme Schadenfreude sendet
Selbstzufriedenheit.
Trotzdem - Taktvolles tafeln, trinken, tanzen. Teilweise Toleranz.
Unterdrückter Unmut und Unsicherheit.
Verwirrung, vages Verstehen, vorsichtiges Vergeben.
Wieso? Wofür? Wer will wertmaßen? Wir wissen:
X X-Chromosom
Y-Chromosom
Zwiesprache zwischen Zellkernen – Zweihäusiger Zynismus.
Irmgard Mizani, Jahrgang 1946, wohnt mit ihrem Mann am Ostsee-Strand und schreibt seit einigen Jahren meist leicht satirische Gedichte und Geschichten. Ihre Homepage: irmgard-mizani.npage.de.
*
Wenn der Krieg Schatten wirft
Der Himmel war grau und wolkenverhangen, als eine einsame Gestalt den steinigen Weg entlangkam; mit einem schlurfenden Gang, den Rücken gebeugt, als trüge die Person eine schwere Last; gewichtiger, als ein Mann seines Alters es sollte. Denn er war noch jung, 26 gerade einmal. Und doch hatte er bereits mehr gesehen, als ein Mensch je sehen sollte. Das Erlebte hatte seine Spuren hinterlassen; auf seinem Körper, in seiner Seele, ja selbst in seinen Augen war manchmal der Schrecken zu sehen. Als hätte er sich dort eingebrannt, unauslöschbar.
Und es war gar nicht so viel Zeit vergangen seit ...
Er seufzte. Tief aus seinem Inneren, seiner Seele.
Seit er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Wie lange war es her? Drei Jahre? Vier? Oder waren es nur Monate gewesen? Wochen, vielleicht gar nur Tage? Er wusste es nicht. Zeit hatte für ihn irgendwie an Bedeutung verloren. Ein Tag war wie der andere, dieselbe Leere ohne ihn. Derselbe Schmerz ... Sagte man nicht, dass die Zeit alle Wunden heilt? Es stimmte nicht; jedenfalls nicht seiner Erfahrung nach.
Im Gegenteil. Er hatte das Gefühl, dass der Schmerz Tag für Tag noch stärker wurde. Manchmal schien er nur aus Schmerz zu bestehen. Ein einziger, bis zum Himmel schreiender Schmerz. Aber niemand war da, der ihn hörte, niemand, der ihn heilte. Seine Füße trugen ihn über das grüne Gras, durch das Meer aus weißen Grabsteinen, bis er schließlich vor einem stehen blieb.
Patrick Timothy O’Hanlin
US Army
Medal of Honor
June 10 1946
August 19 1968
„Pat ...“, flüsterte er leise, seine Stimme gebrochen wie sein Herz. Er streckte zitternd die Rechte aus, legte sie auf den Grabstein; er war glatt unter seiner Hand. Und kalt. So kalt wie die Erde, in der Pat lag; oder besser das, was von ihm noch übrig war. Ein Schluchzen entrang sich seiner Kehle, brach sich Bahn, verhallte ungehört zwischen all den Toten.
So wie damals, an jenem Tag. Vor dem Schrei, der danach gekommen war. Voller Entsetzen und Ungläubigkeit, noch während das Blut auf ihn herabgeregnet war und sich mit dem Regen vermischt hatte, der niederfiel.
In seinen Träumen wurde aus dem Regen Napalm, heiß und brennend, der sich in seine Haut brannte; der sich fast bis auf seine Knochen fraß, doch nicht ganz so tief wie der Schmerz in seinem Herzen ... So, wie er es einmal gesehen hatte, als der Wind gedreht hatte, als sie plötzlich mitten im Abwurfgebiet waren und entsetzlich entstellte, wimmernde Menschen an ihm vorbei gelaufen waren.
John keuchte auf. Wieder einmal verschmolzen Realität und Erinnerungen. Wie so oft, wenn er in dem Zustand zwischen Wachen und Träumen war. Weder drüben noch hier ...
Er dachte an all das, was er gesehen hatte, was er erlebt hatte in den Monaten dort drüben; in der grünen Hölle. In dem Land, das sie hatten befreien sollen und das im Grunde sie gefangen hatte, für den Rest ihres Lebens.
Sie waren Gefangene ihrer Erinnerungen. Dazu verdammt, das Erlebte wieder und wieder zu durchleben, jede Nacht, in ihren Albträumen. Wie oft war er schreiend aufgewacht, mit dem Rattern der Maschinengewehre in den Ohren, mit den Schreien und dem Wimmern der Sterbenden, mit dem Betteln und Flehen der gefolterten Feinde ... Menschen, dahingeschlachtet wie Vieh. Im Namen der Gerechtigkeit. Vergewaltigte und geschlagene Frauen. Kinder, mit aufgeblähten Bäuchen, krank, halb verhungert. Sie hatten das Land befreien sollen, vom Vietcong, von Charlie ...
Doch sie hatten Tod und Verderben über die Menschen gebracht, hatten das Land unter Agent Orange, Napalm und Bombenteppichen begraben. Sie hatten so viel zerstört; nicht nur das Land, vor allem Leben. Deren Leben.
Ihre Leben ...
Es hatte geendet, bevor es angefangen hatte. Er konnte sich nicht mehr genau erinnern, wann aus Kameradschaft und Freundschaft mehr geworden war. Liebe, wo nur Tod und Verderben, nur Leid war. Etwas, das nicht hatte sein dürfen und doch gewesen war. Eine wie zufällig aussehende Berührung, wenn der eine dem anderen die Zigarette anzündete.
Ein freundschaftlicher Schlag auf die Schulter.
Ein Blick, der mehr sagte als tausend Worte.
Ein flüchtiger Kuss, wenn niemand hinsah.
Ein paar Zärtlichkeiten unter der Dusche, wenn sie die Letzten waren. Gestohlene Momente des Glücks und Friedens in einem Krieg, in dem sie eigentlich nicht sein sollten, in dem sie selbst Täter und Opfer zugleich waren.
„We don’t ask and you don’t tell ...“
Das war das Credo, nach dem sie gelebt hatten – hatten leben sollen; das ungeschriebene Gesetz der Armee.
„Das Militär fragt nicht – und ihr Männer erzählt nicht!“
Denn es war ihnen als Soldaten verboten gewesen, gleichgeschlechtliche Beziehungen romantischer oder sexueller Art in der Öffentlichkeit zu führen. Doch damit nicht genug. Es war sogar homosexuellen Soldaten untersagt, ihre sexuelle Orientierung preiszugeben oder während ihrer Dienstzeit über Themen der Homosexualität zu sprechen.
„Als ob das jemand getan hätte ...“, dachte er.
Nur einmal hatte er erlebt, wie ein Soldat es getan hatte; in einer Runde, in der er sich sicher geglaubt hatte. Und die Strafe dafür war fast sofort gefolgt. Nicht von seinen Vorgesetzten, oh nein, sondern von seinen eigenen sogenannten Kameraden. Zusammengeschlagen hatten sie ihn, mit nassen Handtüchern, des Nachts. Hatten in seinen Kaffee gepinkelt und seine Zahnbürste in die Scheiße gestopft. Und das war nur der Anfang gewesen. Sie hatten ihn terrorisiert. Mit einer schwulen Sau, mit einem Kameradenschwein hatten sie nichts zu tun haben wollen. Billy hatte um eine Versetzung gebeten, doch die Genehmigung hierfür kam zu spät. Nach einem unfreiwilligen Kopfbad in der Latrine hatte er sich das Leben genommen. Mit seiner Dienstpistole.
John und ein paar andere hatten sein Blut und seine Gehirnmasse von der grünen, nunmehr gesprenkelten Zeltwand gewischt.
„Wichser!“, hatte Alex gemurmelt.
John hatte nur geschluckt und weiter gemacht. Ja, er hatte weiter gemacht ... Irgendwie. Gegen alle Regeln, gegen den Verstand ... Geleitet von seinem Herzen. Den Schein wahrend, nach außen. Und doch dem Schicksal ein Schnippchen schlagend.
Eine gemeinsame Nacht in Saigon. In einem miefigen Zimmer. Parfümschwanger, dreckig, voller Mücken und Spinnen. Und doch alles, nein, das Beste, was sie je gehabt hatten – was sie je haben sollten. Stunden voller intensiver Nähe und Zärtlichkeit. Brennendes Verlangen, das endlich gestillt wurde, nach Monaten voller Sehnsucht, der Unnähe. Und danach wieder das alte Spiel. Ihre Gesichter und Gefühle versteckt hinter Masken, gemeißelt vom Grauen des Krieges und der Angst. Der Angst vor dem Tod und dem Entdecktwerden.
Er dachte an ihre letzte gemeinsame Nacht ...
Mitten im Dschungel.
Vor den Augen der anderen – und doch verborgen.
Es hatte geregnet. Seit Tagen. Mal wieder.
Die Erde war aufgeweicht, überall Schlamm.
Sie waren nass bis auf die Knochen gewesen.
Dreckig.
Müde.
Gefrustet.
Männer, die nichts mehr herbeisehnten, als das Ende ihrer Dienstzeit. Ihres Einsatzes hier. Des Tages. Oder zumindest dieses Marsches. Kurz vor Sonnenuntergang hatten sie ein verlassenes Dorf erreicht. Ein paar halb verfallene Hütten, die kaum Schutz boten gegen die Wassermassen von oben. Aber es war besser als gar nichts. Nach einem kargen Abendessen, diesen ekligen Thunfisch-C-Rationen, hatten sie sich zurückgezogen. Bobby Tucker war für die erste Wache eingeteilt gewesen. John hatte sich mit Pat eine Hütte geteilt ... Sie zogen sich die nassen Klamotten aus und hängten sie zum Trocknen auf. Sie wussten, dass ihnen nicht viel Zeit blieb, bis Bobby zu ihnen kommen würde. Sie waren leise, unterdrückten jedes Stöhnen, jedes verdächtige Geräusch. Zuckten erschrocken bei jedem draußen erklingenden Schritt zusammen und hielten inne. Zwei Körper, die sich nacheinander verzehrten, die sich heiß aneinander rieben, sehnsüchtig, gierig.
Als wüssten sie, dass es kein nächstes Mal geben würde. Als gäbe es kein Morgen. Doch der Morgen kam, drückend unter einer schweren Nebelbank. Sie marschierten weiter. Mitten durch ein Reisfeld. Der Regen setzte wieder ein, trommelte unaufhörlich auf ihre Helme. Schweiß lief ihnen unter den Schutzwesten den Rücken hinunter. Das Atmen wurde in der Mittagshitze zur Qual.
Patrick ging vor. John hinter ihm.
Jemand begann zu singen.
„First to fight for the right,
And to build the Nation’s might,
And The Army Goes Rolling Along.
Proud of all we have done,
Fighting till the battle’s won,
And the Army ...“
Die Stimme brach ab, ging unter in einem ohrenbetäubenden Lärm. Kein Marschieren mehr. Stattdessen schien die Zeit für einen winzigen Augenblick stillzustehen; wie in einem Film, den man angehalten hatte. Ihre Gruppe war stehen geblieben; abrupt, mitten im Schritt. Einige von ihnen hatten sich in den Matsch geworfen; fast zeitgleich mit der Detonation der Tretmine.
„NEIN!“ John schrie. Er spürte die Druckwelle. Dreck regnete auf ihn nieder. Ein Klumpen Innereien landete auf seiner Jacke. Blut spritzte in sein Gesicht und etwas anderes, von dem er nicht wissen wollte, was es war.
Pat ...
„For wher-e’er we go, You will always know
that the Army Goes Rolling Along ...“
John sank vor dem Grabstein auf die Knie. Tränen rannen seine Wangen hinab, fielen zusammen mit dem Regen herunter und tränkten die Erde, wie einstmals Pats Blut. Er kam jedes Jahr hierher, zwei Mal. An Patricks Todestag und am Memorial Day. Jeder dachte, er würde einen gefallenen Kameraden ehren.
Einen Freund.
Doch er tat mehr. Er trauerte um einen Geliebten ...
Melanie Brosowski wurde im Jahre 1979 in Uelzen geboren und lebt verheiratet in Lüneburg. Unter den Pseudonymen Shane McCoy und John Fate schreibt sie auch.
Pulsuz fraqment bitdi.