Kitabı oxu: «Wünsch dich in Wunder-Weihnachtsland Band 11»

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Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland

Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Advents- und Weihnachtszeit

Band 11

Martina Meier (Hrsg.)


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Impressum

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2018.

Titelbild: © Heike Georgi

Lektorat: Melanie Wittmann

Herstellung und Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-86196-781-1 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-334-7 - E-Book

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Inhalt

Die Wundertüte

Familienweihnachten

Die kleine Schneeflocke

Der nächtliche Ausflug

Die Sehnsucht nach der Weihnacht

Herr Billabong

Im Kaufhaus

Ein Winternachmittag mit Felix

Rettung für das Weihnachtsfest

Himmelsschätze

Fridolin backt Weihnachtsplätzchen

Heiligabend im Winterwald

Die Nacht davor

Wo ist Papa?

Was für ein Geschenk!

Weihnachtsküche

Vom kleinen Stern, der sein Licht verlor

Der verliebte Schneemann

Alle Jahre wieder

Weihnachtsstimmung

Snowbert büxt aus!

Die Weihnachtselfe

Der Weihnachtsmann

Das arme Christkind

Weihnachtsbote auf vier Pfoten

Der Weihnachtsmann und die Islandpferde

Weihnachten im August?

Zwergenweihnacht

Ein Mäuseweihnachtsschmaus

Franziskas Herzenswunsch

Die Nacht der Kerzen

Kalle Karpfen

Die schlimmste Frage im Jahr

Der Wunschengel

Krakenweihnachten

Weihnachtswunsch eines Hundes

Omas Geheimnis

Das letzte Türchen

Die magische Schneekugel

Pustelzwergwildschwein Wanka

Brauni im Weihnachtsdorf

Oh, Tannenbaum

Noël

Weihnachtswunsch

Das schweigende Geschenk

Weihnachten im Kongo

Der Engelbengel und die Pfefferkuchenmänner

Winterschön

Ein Schneeball mitten ins Herz

Das Fest der Liebe

Weihnachtszeit

Wie ich meine Geschichte fand

Angelika

Ein fröhliches Weihnachtsfest

Aus vollem Herzen lachen

Oma Mias Gummibärchen

Der magische Wunschzettel

Lenis stürmische Weihnachten

Weihnachten mit einem Eichhörnchen

Einmal Weihnachten zum Mitnehmen, bitte!

Besuch in der Weihnachtswerkstatt

Der Weihnachtsschlitten

Die Marionette

Das Weihnachtsmuffelchen

Das Nachbarsmädchen

Bob

Ein besonderer Wunsch

Eine Weihnachtsgeschichte

Weihnachten auf dem Christkindlmarkt

Die Geschichte vom kleinen Weihnachtsengel

Wie Weihnachten ins Weltall kommt

Die kleine Maus und der Stern

Der Countdown läuft ...

Wie der Graue Klaus einem kleinen Rentier-Kind half

Die Geschichte der Weihnachtsmöbel

Festtagsstimmung

Mein schönstes Weihnachtsgeschenk

Hasenweihnacht

Wünsch dir was

Jakobs Zimmer

Wenn die Schneekönigin tanzt

Ein einziger Wunsch

Heißer als Glühwein

Ein Kindheitstraum wird wahr

Wer sucht, der findet

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Die Wundertüte

Es war einmal ein kleines Mädchen. Seine Eltern waren arm. Der Vater hatte einen Unfall erlitten, sodass er seinen erlernten Beruf als Schreiner nicht mehr ausüben konnte. Von der Erwerbsunfähigkeitsrente konnte die kleine Familie nur mehr schlecht als recht leben.

Der Advent hatte begonnen. Es ging mit Riesenschritten auf Weihnachten zu. Die Mutter hatte für den ersten Adventssonntag schon Weihnachtsplätzchen gebacken, die allen wunderbar schmeckten. Immer näher rückte der Heilige Abend und damit auch das Nachdenken, was sie ihren Lieben schenken konnte. Für große Geschenke reichte das Geld nicht.

Eines Tages kam der Frau ein gute Idee. Sie hatte Wollreste in einer Schachtel auf dem Speicher aufbewahrt. Diese wollte sie holen, weil man aus ihnen sicher etwas zaubern konnte. Ihr Mann brauchte dringend warme Wollsocken für die Winterstiefel. Und auch für ihre kleine Tochter fiel ihr etwas ein. Sie erinnerte sich, dass sie selbst einst in der vierten Klasse der Grundschule in Handarbeit einen kleinen Teddybären zu stricken gelernt hatte, den sie lange als kleinen Freund mit sich herumgetragen hatte. Ein solcher würde bestimmt auch ihrem Kind Freude machen. So ein Bärchen konnte man in jeder beliebigen Größe stricken. Man musste die Strickteile zum Schluss nur noch ordentlich zusammennähen, den kleinen Kerl ausstopfen und ihm ein Gesicht geben.

Gesagt, getan!

Schnurstracks lief sie auf den Speicher und kramte in der Schachtel nach passenden Wollresten. Von der blauen Wolle hatte sie genügend, aber ein blauer Teddy ... das ging gar nicht!

Sie fand schließlich doch noch eine schöne braune Wolle, die nach ihrem Gefühl für den Bären ausreichen würde, und beschloss, diese zu verwenden. Aus der blauen Wolle sollte das Bärchen eine Hose mit Hosenträgern gestrickt oder gehäkelt bekommen.

Tagsüber war es der Mutter nicht möglich, das Strickzeug in die Hand zu nehmen, denn sonst hätte ihr Kind gefragt, was das werden würde. Sobald ihr kleines Mädchen jedoch im Bett war, fing die Mutter an, eifrig an den Teilen für das Bärchen zu stricken. Sie musste sich ranhalten, damit es bis zum Heiligen Abend fertig sein würde.

Zunächst hatte sie sich aus Packpapier Schablonen zurechtgeschnitten, damit der Bär gleich lange Arme und Beine bekam. Sie notierte jeweils die Maschenzahl, die sie anschlug, damit ja nichts schiefging.

Ihr Mann sah ihr interessiert zu. Er wusste von dem Plan.

Schließlich waren alle sechs für den Bären notwendigen Strickteile fertiggestellt. Körper, Arme und Beine wurden jeweils sorgfältig zusammengenäht. Doch eine schmale Stelle musste vorerst noch offen bleiben. Die Teile brauchten noch ihr Innenleben, das aus weichem Füllmaterial bestand, mit dem sie nach und nach sorgfältig ausgestopft wurden. Dann wurden die noch offenen Nahtstellen geschlossen und Kopf, Arme und Beine nacheinander am Körperteil angenäht.

Man sah schon, dass es ein Bärchen werden würde, selbst wenn es noch einen viereckigen Kopf ohne Ohren, Nase, Mund und Augen hatte. Es war gesichtslos und konnte so nicht bleiben.

Die Ohren waren schnell herzustellen. Man musste dafür nur die beiden oberen Ecken schräg abnähen. Danach suchte die Mutter in ihrer Schatulle zwei glasfarbene, kleine Knöpfe für die Augen heraus. Mund und Nase wurden mit einem schwarzen kräftigen Garn gestickt. Mit seinem lustigen Gesicht schaute der Bär seine Schöpferin an.

In den nächsten Tagen häkelte die Mutter aus der blauen Wolle eine kurze Hose mit Hosenträgern, die sie mit zwei gelben, kleinen Knöpfen vorne befestigte. Sie war zufrieden, dass ihr der kleine Bär so gut gelungen war. Vorerst versteckte sie ihr fertiges Werk im Kleiderschrank ihres Schlafzimmers.

Der Heilige Abend rückte näher und das Spielzeug musste fürs Christkind schön verpackt werden. Der Mutter fiel ein, dass die Schultüte von der Einschulung ihrer Tochter auf deren Kleiderschrank lag. Da würde der Bär gerade hineinpassen.

Aber wie sollte sie ihrer Tochter das Verschwinden der Schultüte erklären? Vielleicht würde sie es gar nicht bemerken.

Doch dem war leider nicht so. Olivia bemerkte sehr wohl, dass ihre Schultüte plötzlich verschwunden war, und kam aufgeregt zu ihrer Mutter gerannt.

Als ihr diese sagte, dass das Christkind eine Verpackung für ihr Weihnachtsgeschenk benötigt und die Schultüte als etwas ganz Besonderes, nämlich als eine richtige Wundertüte angesehen hätte, war das Kind glücklich und wartete sehnsüchtig auf den Heiligen Abend.

Und endlich war er da. Das Mädchen entdeckte unter dem Christbaum seine Schultüte, die mit einer großen roten Schleife zugebunden war.

Als Olivia diese aufzog, kam der braune Bär zum Vorschein, der sie mit seinen Knopfaugen anschaute. Sie war überglücklich über den kleinen Teddy mit seiner blauen Hose und die Mutter war es auch.

Sieglinde Seiler wurde 1950 in Wolframs-Eschenbach geboren. Sie ist Dipl. Verwaltungswirt (FH) und lebt mit ihrem Ehemann in Crailsheim Seit ihrer Jugend schreibt sie Gedichte. Später kamen Aphorismen, Märchen und Prosatexte hinzu. Ferner fotografiert sie gerne. Bislang hat sie bereits über 200 Gedichte im Internet und in diversen Anthologien veröffentlicht.

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Familienweihnachten

Tannenduft und Kerzenschein,

bald wirdʼs wieder Weihnachten sein!

Geschenke kaufen

und verpacken,

unendlich viele Kekse backen!

Baum aufstellen,

Lieder singen.

Was wohl die Verwandten bringen?

Onkel schenkt ʼne Eisenbahn,

Oma einen Jahresplan.

Kerzenhalter für die Mutter,

Hund bekommt heut sehr viel Futter.

Vater wieder neue Socken,

Tochter will heut nichts verbocken.

Oma erzählt, wieʼs früher war.

Tochter kämmt ihr langes Haar.

Alle schauen glücklich drein,

nur nicht das kleine Brüderlein,

hat wohl viel zu viel gefuttert,

wird jetzt schnell ganz lieb bemuttert.

Weihnachten macht allen Spaß

denn es gibt für jeden was!

Dörte Müller (*1967) wohnt mit ihrer Familie in den Niederlanden. Sie schreibt Kinderbücher, die sie selbst illustriert, und arbeitet als Lehrerin.

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Die kleine Schneeflocke

Vor langer Zeit einmal, es ist wirklich schon sehr lange her, da flog eine kleine Schneeflocke munter im Winter durch das Winterwunderland.

Im Winterwunderland gab es viele Leckereien, die von den Tannenbäumen hingen. Lutscher, Zuckerstangen und Kugeln in allen möglichen Farben. Es gab Rehe, Hasen, Füchse und viele andere wilde Tiere. Außerdem gab es Wichtel im Winterwunderland. Kleine, verspielte, niedliche Wichtel. Sie tanzten mit den Schneeflocken über die Höhen, Wiesen und Felder im Winterwunderland.

Und es gab da diese kleine Schneeflocke. Lachend und übermütig flog sie umher. Sie schillerte in den schönsten Silbertönen. Hell war sie, die kleine Schneeflocke, leuchtend am Himmel, und alle mochten die kleine Schneeflocke so gerne. Sie setzte sich mal auf die eine Tanne, mal auf die andere und lachte überglücklich. Heiterkeit war in der kleinen Schneeflocke und Herr Wichtel mochte sie unsagbar gerne. Da setzte sie sich auf die Stirn von Herrn Wichtel und er lachte ausgelassen mit ihr.

Ein kleines Füchslein kam des Wegs und fragte die Schneeflocke, warum sie so heiter wäre.

Darauf antwortete sie: „Es ist schön, so frei umherzufliegen, durch die Lüfte, durch die Zeit und durch meine kleine Winterwelt. Es ist Winter, wir sind im Winterwunderland, wo der Schnee liegt, es das Glück gibt und die Harmonie zwischen allen so stark ist. In unserem Winterwunderland, da nehmen wir uns an der Hand, damit im Winter ein jedes Kind und ein jeder Erwachsener voller Harmonie und glücklich ist. Wir tanzen, wir singen und bringen vielen, vielen Menschen Freude in die Herzen.“ Das waren die Worte der kleinen Schneeflocke.

Dann war es an der Zeit für die Schneeflocken – auch für unsere Freundin –, das Winterwunderland zu verlassen und zu den Menschen zurückzukehren. So schneite es kurz vor Heiligabend überall. Es herrschten Heiterkeit und Freude allüberall.

Wie jedes Jahr lachte eine kleine Schneeflocke heiter und ausgelassen – sie tanzte am Himmel. Um Zufriedenheit, Harmonie und Glück zu bringen.

Die Schneeflocke, unsere kleine Schneeflocke, lachte und mit ihr lachten die vielen anderen Schneeflocken. Sie waren glücklich, weil sie Glück schenken konnten.

Dani Karl-Lorenz, geboren in einer Kleinstadt in der Oberpfalz (Bayern). Autorin aus Leidenschaft. Malt mit Hingabe. Veröffentlichungen erfolgten in verschiedenen Anthologien unterschiedlicher Verlage und auf ihrer Homepage: www.danilyrik.de.

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Der nächtliche Ausflug

„Nein“, sagte Mama Pinguin mit Nachdruck. Sie hatte die Flügel in die Hüften gestemmt und stampfte mit ihrem Fuß auf. „Wir sind Pinguine. Pinguine feiern kein Weihnachten.“

„Aber ...“, versuchte Pitsch seiner Mutter zu widersprechen, doch sie unterbrach ihn sofort.

„Da gibt es kein Aber. Da gibt es keine Diskussion. Wir feiern auch dieses Jahr nicht. Und jetzt ab ins Bett mit dir! Morgen wird ein langer Tag.“

„Ein langer Tag“, dachte Pitsch, als er traurig davonwatschelte. Es war doch jeder Tag gleich. Sie saßen auf einer Eisscholle, schwammen ein paar Runden und bekamen Fische gebracht. Dabei wurden sie von unzähligen Augen beobachtet. Augen, die zu Kindern gehörten, die in den letzten Tagen nur ein Thema kannten: Weihnachten.

Während er sich unter seine Decke kuschelte, dachte Pitsch über Weihnachten nach. Was das wohl war? Er wusste, dass es mit Lichtern zu tun hatte, und auch das Wort Geschenke hatte er einige Male aufgeschnappt. Er wollte so gerne erleben, was Weihnachten bedeutete.

In der Nacht wurde Pitsch wach. Das Schnarchen des alten Eisbären aus dem Nebengehege hatte ihn geweckt. Vorsichtig schielte er zu seinen Eltern. Sie schliefen tief und fest. Er setzte sich auf und atmete tief ein. Ihm ging Weihnachten nicht aus dem Kopf. Er musste der Sache auf den Grund gehen.

So leise, wie es seine Plattfüße auf dem Eis zuließen, schlich er sich zur Mauer, die seine Familie vor den neugierigen Kindern beschützte. Er sah sich ein letztes Mal um. Ein Gefühl der Traurigkeit überkam ihn. Schließlich hatte er seine Familie noch nie zuvor verlassen. Aber er musste es einfach tun.

„Hoffentlich verstehen sie es“, dachte er. Dann sprang er von Stein zu Stein, immer höher, bis er endlich auf der Mauer stand.

Der Zoo sah so groß aus von hier oben. Ob er den Weg finden würde? Bisher hatte er das Gehege noch nie verlassen. Er spazierte auf der Mauer entlang, bis er eine Stelle fand, an der er problemlos hinunterspringen konnte. Dann watschelte er über die Wege, die sonst nur den Menschen vorbehalten waren.

Die meisten Tiere schliefen. Sie lagen in ihren Betten und träumten von den schönsten Dingen. Am Eulenkäfig aber sprach ihn eine alte Schleiereule mit tiefer Stimme an. Er erschrak.

„Wo willst du denn hin, kleiner Pinguin?“, raunte sie aus dem Käfig.

„Ich will wissen, was Weihnachten ist“, antwortete er.

Die Eule lachte nur. „Ganz alleine? Hast du keine Angst? Es ist gefährlich da draußen“, sagte sie.

„Gefährlich?“, fragte Pitsch verängstigt.

Die Eule nickte. „Da draußen gibt es zum Beispiel Autos. Wenn du nicht aufpasst, dann kann es passieren, dass du einen Unfall hast.“

„Einen Unfall? Dann passe ich lieber auf. Danke für die Warnung“, versuchte sich Pitsch zu verabschieden. Er wollte keine Zeit am Eulenkäfig vertrödeln. Nicht, dass seine Eltern bemerkten, dass er weg war, bevor er in Erfahrung bringen konnte, was Weihnachten war.

„Geh nur bei Grün über die Straße. Bei Rot musst du stehen bleiben“, rief ihm die Eule mahnend hinterher.

Pitsch verließ den Zoo. Er sah sofort, warum die Eule ihn gewarnt hatte. Die sogenannten Autos schossen pfeilschnell an ihm vorbei. Auf keinen Fall würde er einfach die Straße betreten. Stattdessen hielt er Ausschau nach einem grünen Licht.

Nachdem er einige Minuten am Straßenrand entlanggewatschelt war, fand er eine Ampel, an der er die große Straße überqueren konnte. Auf der anderen Seite angekommen, vernahm er ein Gurren. Es kam von oben. Neugierig legte er den Kopf in den Nacken.

„Was macht denn ein Zootier hier?“, gurrte eine Taube von einem Fenstersims.

„Ich möchte wissen, was Weihnachten ist.“

„Weihnachten?“, fragte die Taube erstaunt. Sie breitete ihre Flügel aus und glitt zu Pitsch auf den Boden. „Weihnachten ist großartig!“, rief sie und lief aufgeregt hin und her. „Überall laufen die Menschen entlang. Immer haben sie etwas zu essen in der Hand. Zu Weihnachten ist die ganze Stadt voller Krümel. Leckereien, soweit das Auge reicht.“ Sie pickte auf den leeren Boden. Dann hielt sie inne und sah Pitsch an. „Ich kann es kaum erwarten“, strahlte sie.

Pitsch verabschiedete sich von der aufgekratzten Taube und setzte seinen Weg fort. Er kam in den Stadtpark und trat auf der grünen Wiese fast in einen Igel. „He, Vorsicht!“, rief der empört. Sofort entschuldigte sich der Pinguin bei dem stacheligen Fremden. „Was machst du überhaupt hier? Ich habe noch nie ein Tier mit so großen, komischen Füßen gesehen. Sehen aus wie Entenfüße. Aber irgendwie anders. Wer bist du?“, fragte der Igel.

„Ich bin Pitsch und ich bin ein Pinguin. Wer bist du?“, gab er die Frage zurück.

„Igor Igel“, räusperte sich der Fremde.

„Kennst du Weihnachten, Igor?“

Der Igel nickte. „Aber ich kann dir nicht viel darüber erzählen. Ich bin gerade auf der Suche nach einem Schlafplatz. Es wird langsam zu kalt für mich. Deswegen muss ich in ein warmes Bett. Darin verschlafe ich Weihnachten jedes Jahr.“

„Macht dich das nicht traurig?“, fragte Pitsch.

„Manchmal. Aber das macht nichts. Ich feiere einfach mit meiner Familie, wenn wir alle wieder wach sind.“

„Die Familie“, dachte Pitsch, „sie gehört also auch zu Weihnachten.“

Während er so nachdachte, sprach ihn eine Ente an. „Hast du mein Küken gesehen?“

Pitsch zuckte mit den Flügeln. „Leider nicht.“

„Es ist weggelaufen“, erzählte die Ente. „Es hat sich in den Kopf gesetzt, Weihnachten zu feiern. Hätte ich doch nur mit ihm über Weihnachten gesprochen. Hätte ich ihm erzählt, dass das Wichtigste an Weihnachten ist, dass die Familie zusammen ist und schöne Tage miteinander verbringt“, schluchzte die Ente unter Tränen.

Pitsch überkam eine tiefe Traurigkeit. Ob es seiner Mutter in diesem Moment auch so ging wie der Entenmutter? Sie machte sich bestimmt Sorgen. Außerdem vermisste er seine Familie.

„Ich helfe dir beim Suchen“, beruhigte er die Ente.

Etwa eine Stunde liefen sie durch den Park, ehe sie das Entenküken fanden. Pitsch rechnete damit, dass die Mutter schimpfen würde. Sie nahm ihr Küken aber nur in den Arm und drückte es fest an sich.

„Danke, kleiner Pinguin“, flüsterte die Entenmutter.

Pitsch nickte nur. Er nickte, weil er genau wusste, was er jetzt tun musste. Entschlossen trat er den Rückweg in den Zoo an. Er durchquerte den Stadtpark, wartete an der Ampel, dass es Grün wurde, lief am Eulenkäfig vorbei und ignorierte die Rufe der Eule, bis er endlich wieder am Pinguingehege stand. Er sprang auf die Mauer und suchte den Weg zurück in das Gehege. Dann kuschelte er sich in das Bett seiner Eltern, die noch tief und fest schliefen.

Weihnachten war wahrscheinlich das schönste Fest der Welt. Essen, Geschenke und vieles mehr. Aber ohne die Familie wäre es nicht Weihnachten.

Das hatte er gelernt. Er schätzte sich glücklich, seine Familie jeden Tag bei sich zu haben.

Mit diesen Gedanken schlief er ein. Unwissend, dass unter dem Bett seiner Eltern eine kleine Überraschung für ihn verstaut lag.

Oliver Bruskolini, geboren 1993 in Essen, wohnhaft in Essen, NRW. Er studiert an der Universität Duisburg-Essen Lehramt mit den Fächern Deutsch und Sozialwissenschaften. Veröffentlichung verschiedener Kurzgeschichten in Anthologien.

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Die Sehnsucht nach der Weihnacht

Die Sehnsucht nach dir ist groß.

So groß ist sie, dass ich die Stunden zähle.

Ich erwarte dich jedes Jahr und freue mich sehr.

Wenn sich die Bäume in ihren Tiefschlaf verabschieden

und das Laub verschwunden ist.

Dann bist du endlich da

und mein Warten auf dich hat ein Ende.

In meinen Gedanken trage ich dich das ganze Jahr bei mir.

Doch in meinem Herzen bist du immer bei mir.

Ich freue mich auf die Weihnachtszeit.

Der weiße Glanz auf den Straßen sieht sehr schön aus

und jedes Jahr erlebe ich die Weihnacht aufs Neue.

Es ist wie ein Märchen, das jedes Jahr ins Land zieht.

Verzaubert unsere Straßen

und zaubert uns ein Lachen ins Gesicht.

Die Sehnsucht hat ein Ende

– denn es ist endlich wieder Weihnachten.

Jürgen Heider wurde 1989 in Karaganda (Kasachstan) geboren und lebt heute mit seiner Familie in Freiburg im Breisgau. Da er von Geburt an eine Körperbehinderung hat, besuchte er die Staatliche Esther-Weber-Schule in Emmendingen-Wasser für körperbehinderte Kinder und Jugendliche, die er 2009 abschloss. Seitdem arbeitet er in der Werkstatt für Behinderte in Umkirch. Das Schreiben entdeckte Jürgen Heider mit 15 Jahren für sich und hat seitdem mehrere Geschichten in Anthologien veröffentlicht.

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Herr Billabong

„Halt, junger Mann!“ Erik spürte, wie sich von hinten eine Hand fest in seine Schulter krallte und ihn zurückhielt. „Stehen geblieben!“, donnerte die fremde Männerstimme.

Schon brauste ein Fahrzeug hupend mit tausend Sachen an dem seltsamen Paar vorbei und verspritzte graubraunes Regenwasser.

„Das ist ja gerade noch mal gut gegangen“, atmete der Mann erleichtert auf.

„Erik, um Himmels willen, Erik, was machst du denn da?“ Von hinten hetzte Eriks alleinerziehende Mutter Stefanie herbei, die mit Einkaufstaschen schwer beladen war. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, du möchtest an der Straße auf mich warten“, schimpfte sie keuchend und gleichzeitig besorgt. „Bevor du eine Straße überquerst, musst du immer stoppen, schaue erst nach links, dann nach rechts, und wenn kein Auto kommt, dann kannst du gehen“, erklärte sie nun mit etwas ruhigerer Stimme. „Wie kann ich Ihnen nur danken?“, fragte sie den Herrn, der Erik vor Schlimmerem bewahrt hatte.

„Ach, keine Ursache“, erwiderte der Mann. „Das ist doch selbstverständlich“, fügte er hinzu.

„Dass wir Ihnen solche Unannehmlichkeiten bereiten, tut mir sehr leid! Ihre Schuhe, Ihre Hose und Ihr Mantel sind ja von dem schmutzigen Pfützenwasser total verunreinigt. Darf ich Sie wenigstens zu einem Kaffee einladen?“, fragte Stefanie dankbar mit schuldbewusster Miene.

„Nein, vielen Dank, aber das ist wirklich nicht nötig.“ Der Mann zog lächelnd und wortlos den Hut, bevor er die Straßenseite wechselte.

„Gerne würde ich Ihnen eine kleine Aufmerksamkeit zukommen lassen, wo kann ich Sie erreichen?“, rief Eriks Mutter dem Fremden nach.

Als dieser den anderen Gehsteig erreichte, drehte er sich noch einmal kurz um und rief: „Ich wohne dahinten in der großen Villa, ganz oben.“ Dann setzte der Mann seinen Weg eilig fort. Offenbar wohnte der Unbekannte in dem vornehmsten Haus der Straße, in der auch Eriks Mutter eine Altbauwohnung gemietet hatte. „Das tust du nie wieder, Erik, versprich mir das bitte“, flehte Stefanie mit autoritärem Unterton.

„Nein, das mache ich nie wieder“, antwortete der Junge verschämt.

„So, und jetzt rasch nach Hause!“ Als die beiden die Wohnungstür öffneten, erwartete sie gespannt Isabel, Eriks ältere Schwester, die neugierig den Grund für seine schmutzigen Sachen erfahren wollte. Ein wenig Schadenfreude konnte die Fünfzehnjährige nicht unterdrücken, als sie hörte, was ihrem Bruder soeben widerfahren war, wenngleich auch die Freude darüber, dass nichts Ernsteres geschehen war, überwog.

Nachmittags schlich sich der kleine Wirbelwind trotz der „kalten Dusche“ noch mal aus der Wohnung, um wissbegierig nachzuschauen, wo der fremde Mann denn genau ganz oben wohnte. Erik lief also die Straße hinunter und lugte verstohlen auf das Klingelschild des mehrstöckigen Prachtbaus – dort las er ganz oben das Wort Billabong.

„So heißt der Mann also“, murmelte Erik vor sich hin.

Da er Neuigkeiten selten lange für sich behalten konnte, platzte es sofort aus ihm heraus, als er wieder zu Hause eingetroffen war. „Wisst ihr, wie er heißt?“, fragte er Mutter und Schwester.

„Wer?“, gaben die beiden einstimmig zurück.

„Na, der Mann von vorhin“, erläuterte der Junge und fuhr nach einer kurzen Pause fort: „Billabong!“

„Wie, er heißt Billabong? Das soll ein Name sein?“, spottete Isabel. „Da schaue ich gleich mal bei Google nach.“ Schon verschwand sie vorübergehend in ihrem Zimmer.

„Klingt irgendwie nach Ausland, aber so sah er mit seinen blonden Haaren und den blauen Augen gar nicht aus“, wunderte sich Stefanie.

„Billabong heißt in der Sprache der Aborigines Wasserloch, konnte ich herausfinden. Vielleicht stammt er aus Australien oder so“, überlegte Isabel.

„Mama, was ist ein Aborigine?“, wollte Erik wissen.

„Aborigines sind die Ureinwohner Australiens – ähnlich wie die Indianer Nordamerikas. Sie leben dicht an der Natur“, erklärte Stefanie.

Nachdenklich nahm Erik am Küchentisch Platz. „Herr Billabong, ein Australier und noch dazu ein Aborigine?“

Leicht amüsiert mutmaßte Isabel: „Vielleicht ist er ein Aborigine, der sich die Haare blondiert hat.“

„Jedenfalls hat der Mann ziemlich heftig nach frischem Heu oder Stall gerochen, das ist mir aufgefallen“, grübelte Erik laut vor sich hin.

„Sicher, der Mann wird ein Aborigine mit blond gefärbten Haaren sein, der mit seinem edlen Anzug draußen schläft und deshalb nach Heu riecht“, frotzelte Isabel.

„Vielleicht waren seine Vorfahren Aborigines. Dadurch blieb ihm der Name erhalten. Morgen werde ich für Herrn Billabong eine Schachtel Pralinen besorgen, die wir ihm zum Dank vorbeibringen und nun marsch, ab in eure Zimmer“, ordnete die Mutter an.

Am nächsten Tag standen Stefanie und Erik mit einem riesigen Kasten köstlichster Pralinen an der mächtigen Eingangstür der Villa und drückten vergeblich auf die Taste mit dem Namen Billabong. Es öffnete niemand.

Ein paar Wochen später, es musste in etwa Anfang Dezember sein, entdeckte Erik Herrn Billabong auf der anderen Straßenseite und grölte sofort: „Hallo, Herr Wasserloch!“

„Schatz, lass das sein, was soll das wieder?“, wies Stefanie den Siebenjährigen zurecht. „Guten Tag, Herr Billabong“, grüßte sie höflich, doch Herr Billabong reagierte nur mit einem etwas verhaltenen Lächeln.

Weihnachten nahte und Erik wünschte sich einen Besuch im Stadtzoo, da dieser Heiligabend vormittags noch geöffnet hatte. Dort angekommen geschah es im Australienhaus, das Erik zielsicher angesteuert hatte, dass die kleine Familie dem Weihnachtsmann begegnete, der an ein paar wenige Kinder Geschenke aus einem großen Jutesack verteilte.

Viele Besucher waren nicht mehr zugegen, als Erik, Isabel und Stefanie auf den Weihnachtsmann zutraten.

Da flüsterte Erik seiner Mutter zu: „Ich glaube, das ist Herr Billabong. Der Weihnachtsmann riecht genauso nach Heu wie er.“

„Ach, Erik, du musst nicht überall und in allem Herrn Billabong sehen, begreife das endlich“, gab Stefanie zu bedenken.

So kam, was kommen musste: Als der Weihnachtsmann einen Elefanten aus Schokolade, ein Büchlein über Kängurus und eine Familienfreikarte für einen Zoobesuch aus seinem Jutesack an den Jungen weiterreichte, prustete Erik los: „Du bist nicht der Weihnachtsmann – du bist Herr Wasserloch!“

„Bitte entschuldigen Sie, mein Sohn scheint eine blühende Fantasie zu besitzen. Vielen Dank und frohe Weihnachten“, warb Stefanie um Verständnis.

Da lüftete der Weihnachtsmann seine weißhaarige Perücke, als gerade keine anderen Besucher mehr anwesend waren. Tatsächlich kamen darunter die blonden Haare von Herrn Billabong zum Vorschein. „Ich heiße gar nicht Billabong“, enthüllte der Mann.

„Natürlich heißt du Billabong, und du schläfst bei den Kängurus, deswegen stinkst du auch nach Heu und kommst aus Australien wie die Aborigines“, posaunte Erik aus.

„Ihr Sohn ist ein aufgeweckter Bursche! Ich schlafe zwar nicht bei den Kängurus, aber ich füttere sie gelegentlich mit frischem Heu. Gestatten, mein Name ist Breitkauz, Albert Breitkauz, und ich bin hier der Zoodirektor. Heute wollte ich mir die Freude nicht nehmen lassen und schlüpfte selbst in das Weihnachtsmannkostüm, aber so ein Sohn wie Ihrer scheint zu helle für meine Maskerade zu sein“, schmunzelte der Direktor.

Mutter und Schwester waren ein wenig sprachlos wegen Eriks Entlarvung.

Herr Breitkauz äußerte schließlich die Vermutung: „Billabong, so lautet wohl das Fabrikat des Klingelblocks.“

Nun mussten alle herzhaft lachen. Weihnachten wurde diesmal ein ganz besonders.

Maren Rehder lebt in Kiel und studierte Kunst, Kunstgeschichte, Evangelische Theologie, Pädagogik und Soziologie. Schon als Kind dachte sie sich gerne Geschichten aus.

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Im Kaufhaus

Vorige Woche war ich in einem großen Kaufhaus der Stadt. Du meine Güte, war da was los. Ein Gewühle und Gedränge. Die Menschen schoben sich durch die Abteilungen. Immer wenn ein Kunde etwas in einem Regal genauer ansehen wollte, musste die ganze Menschenmenge hinter ihm stehen bleiben. Und warm war es da. Also, in der Sauna kann es auch nicht heißer sein. Nur ist man da leicht oder besser gesagt gar nicht bekleidet. Dort aber rann mir das Wasser aus allen Poren, denn ich hatte über meinem Hemd noch einen Pullover und eine Winterjacke an.

Immer wieder hörte man eine Stimme aus dem Lautsprecher mit den Ansagen: „Nummer zwölf bitte zum Ausgang zwei.“ Oder: „Der kleine dunkelhaarige Matthias, vier Jahre alt, bekleidet mit einer dunklen Hose und einem blauen Anorak sucht seine Mutti, die er in der Spielwarenabteilung verloren hat. Liebe Mutti, bitte melden Sie sich an der Sammelkasse im dritten Stock.“

Und dann waren auch die Durchsagen zu hören: „Nummer vierundzwanzig bitte zu den Spielwaren.“ Oder: „Nummer vierundzwanzig zu den Gardinen.“ Oder: „Nummer vierundzwanzig zu den Fernsehern.“

„Eigenartig“, dachte ich mir. „Wer ist denn Nummer vierundzwanzig?“

Gregor und Leontine, meine Kinder, die ich mitgenommen hatte, meinten, dass Nummer vierundzwanzig nicht überall gleichzeitig sein könne. „Wer kann denn Nummer vierundzwanzig nur sein, dass er oder sie so wichtig ist, dass er überall gebraucht wird?“, fragten sie mich.

Ich erklärte ihnen, dass man im Kaufhaus nicht ausrufen konnte: „Die Putzfrau möchte bitte mit Eimer und Lappen in die Lebensmittelabteilung zum Getränkeregal kommen, weil dort einem Kunden eine Flasche zu Boden gefallen und zerschellt ist.“ Deswegen hätte man sich darauf geeinigt, dass einfach nur gerufen wurde: „Nummer zwölf bitte in die Lebensmittelabteilung.“ Nummer zwölf war nämlich die Putzfrau.

Aber warum nur andauernd die Nummer vierundzwanzig?

„Weißt du was?“, sagte Leontine. „Wenn das nächste Mal wieder die Nummer vierundzwanzig gerufen wird, gehen wir auch dahin, wohin die Nummer vierundzwanzig kommen soll.“

Gregor nickte stumm. Einerseits war er ebenso neugierig wie Leontine, andererseits aber war ihm etwas mulmig im Magen, wenn er dahin sollte, wohin die Nummer vierundzwanzig andauernd gerufen wurde.

„Vielleicht“, dachte er sich, „vielleicht ist es der Arzt, und immer wenn er gerufen wird, ist jemand umgefallen, weil ihm im Gewühle schlecht geworden ist. Oder jemand hat zwischendurch Hunger oder Durst bekommen, konnte aber nicht in seine Manteltasche greifen, um sich ein Brot, einen Keks oder ein Getränk herauszuholen, und nun ist er einfach umgekippt.“

Nein, das wollte er lieber nicht sehen. Nicht jetzt in der Weihnachtszeit.

Schon wieder diese Durchsage! „Nummer vierundzwanzig bitte in die Spielwarenabteilung zu den Holzeisenbahnen.“

„Jetzt aber los!“, rief Leontine und zog an meiner Hand. „Da müssen wir hin. Eine Etage höher!“

Sie zog an meiner Hand und ich zog gleichzeitig an der Hand von Gregor. Wir erreichten nach einigem Schieben die Rolltreppe. Hier war es richtig bequem. Mehr als zwei Personen passen auf keine Stufe und so konnte man einmal tief durchatmen. Leider ist so eine Fahrt mit der Rolltreppe nicht sehr lange. In der dritten Etage angekommen, blickte ich mich einmal kurz um, entdeckte den Tisch mit den Holzeisenbahnen und steuerte darauf zu.

Die Menschenmenge – und ganz besonders die Menge an Kindern – schwoll immer mehr an. Leontine und Gregor wurden zwischen Anoraks, Mänteln und Tüten eingekeilt. Sie konnten nichts sehen. Kurzerhand setzte ich Gregor auf meine Schultern und nahm Leontine auf den Arm.

Gregor wurde plötzlich ganz aufgeregt. Er wuselte mit seinen Händen derart wild auf meinem Kopf und in meinem Gesicht herum, dass er meine Brille so verschob, dass ich nichts, aber auch rein gar nichts mehr sehen konnte. Ein Brillenbügel war an meinem Hals und der andere rutschte an den Haaren immer höher. Gleich würde sie den Kopf verlassen, an meiner Jacke, zwischen Gregors Füßen, dann zwischen Leontines Mantel und meinem Anorak hinuntergleiten, auf dem Boden landen und ... zertreten werden. Ich hatte aber auch keine Hand frei, sie aufzufangen, denn ich hielt ja Leontine.

Es blieb mir nur noch übrig zu rufen: „Hilfe, meine Brille macht sich auf den Weg!“

In diesem Augenblick fassten von der Seite fünf in einem weißen Handschuh steckende Finger in mein Gesicht und griffen doch tatsächlich nach meiner Brille. „Keine Bange, junger Mann, die Brille ist gerettet“, sagte eine tiefe Stimme seitlich neben mir.

Ach, war ich froh. „Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn die Brille auf dem Kaufhausboden zertrampelt worden wäre. Ich hätte nichts mehr gesehen. Wir hätten nicht nach Hause fahren können, sondern die ganze Strecke laufen müssen. Ohne Brille kann ich nicht Auto fahren“, sagte ich zu den Kindern und drehte mich während des Sprechens zu der tiefen Stimme um.

Und wer stand da neben mir und hatte mir geholfen? Der Weihnachtsmann. Der leibhaftige Weihnachtsmann. Mit rotem Mantel, Kapuze, Handschuhen, Weihnachtssack und Rute.

Leontine auf meinem Arm war auf gleicher Augenhöhe mit ihm. „Hallo Weihnachtsmann“, sagte sie zu ihm und streckte ihm ihre kleine Hand entgegen, die der Weihnachtsmann erfasste und schüttelte. Und schon sagte sie ein Weihnachtsgedicht auf. So hatte sie es im Kindergarten gelernt: Wenn man dem Weihnachtsmann gegenübersteht, muss man ein Gedicht aufsagen.

Der Weihnachtsmann und auch die umstehenden Kaufhausbesucher machten ein frohes Gesicht. Als Leontine fertig war, holte der Weihnachtsmann aus dem Weihnachtssack ein kleines Päckchen und gab es ihr. Sie bedankte sich und gab ihr Päckchen nicht mehr her.

Dann ertönte wieder die Stimme aus dem Lautsprecher an der Decke: „Nummer vierundzwanzig bitte ins Erdgeschoss zu den Herrensocken.“

„Ich werde schon wieder gerufen.“ Der Weihnachtsmann fügte noch kurz hinzu: „Frohe Weihnachten“, drehte sich um und verschwand in der Menge ebenso schnell, wie er aufgetaucht war.

Nun war das Rätsel also gelöst.

„Die Nummer vierundzwanzig ist der Weihnachtsmann, weil Heiligabend am vierundzwanzigsten Dezember ist und sie nicht immer wieder rufen wollen‚ dass der Weihnachtsmann irgendwohin kommen soll“, erkannte Leontine erstaunt.

„Ja, Leontine, du hast recht. Überall wird der Weihnachtsmann gebraucht. Wir sind doch auch froh, dass wir ihn getroffen haben. Du hast nun ein Weihnachtsgeschenk aus der Hand des Weihnachtsmannes und ich habe meine unbeschädigte Brille. Na, und für Gregor wird er bestimmt auch noch etwas im Sack haben. Morgen kommen wir wieder her. Jetzt wissen wir ja, wer mit Nummer vierundzwanzig gemeint ist.“

Und wir alle drei riefen ihm noch nach, obwohl er gar nicht mehr zu sehen war: „Danke, lieber Weihnachtsmann!“

Charlie Hagist ist 71 Jahre alt, verheiratet und hat ein 19-jähriges Enkelkind. Inzwischen sind in mehr als 18 Anthologien seine Geschichten erschienen.

*

Ein Winternachmittag mit Felix

Der kleine Mäusejunge Felix darf nach der Schule seine beste Freundin Florina besuchen. Sie ist seine Sitznachbarin und sie haben schon im Unterricht ausgemacht, dass sie am Nachmittag gemeinsam rodeln gehen.

Florina wohnt bei der großen Buche unter der dicken Wurzel, dort haben ihre Eltern ein gemütliches Nest für ihre Kinder gebaut.

Felix stapft durch den verschneiten Winterwald, und als er bei der großen Buche ankommt, ist niemand zu sehen. Er klopft an die Haustür, da öffnet ihm Florinas Bruder Benjamin und bittet ihn hinein. Ihre Mutter bedauert, Florina könne nicht rodeln gehen, sie liege mit einer Erkältung im Bett, jammere wegen Bauchschmerzen und müsse immerzu niesen und husten.

Ach, wie schade, dabei hatte er sich schon so gefreut, doch jetzt liegt seine Freundin da, dass es zum Bedauern ist, sie tut ihm so leid. Am liebsten hätte er ihr geholfen, aber er hat keine Ahnung, wie.

Florinas Mutter bemerkt das und weiß auf Anhieb Rat. Spontan bittet sie Felix, er solle doch Benjamin helfen, einige Kräuter aus dem Wald zu holen, um für Florina guten Tee zu machen.

Das macht er natürlich gerne, er tapst mit Benjamin durch den tiefen Schnee. Von einer Tanne brauchen sie die äußersten Zweigspitzen, die sind für den Husten. Sie müssen dazu auf eine größere Tanne und die Äste entlang, ganz weit raus, sodass sich die Triebe schon fast wieder auf den Boden runterbiegen. Dort knabbern sie einige der Spitzen ab und lassen sie zu Boden fallen. Die Äste schwingen wie eine Schaukel auf und ab. Das ist ein herrliches Gefühl, die beiden haben großen Spaß daran.

Als sie fast fertig sind, rutscht Benjamin ab und fällt in den tiefen Schnee, sodass die Flöckchen nur so davonwirbeln.

Felix muss lachen, er knabbert weiter, doch dann rutscht auch er ab und purzelt kopfüber in einen Schneehaufen. Er schüttelt sich. Dieses Mal lacht Benjamin, denn Felix sieht aus wie ein lebendiger Schneemann. Zum Glück haben sich beide nicht wehgetan, so können sie die kleinen Zweigspitzen rasch aufsammeln und in die Tasche stecken.

Die Mutter hat ihnen aufgetragen, auch noch Nüsse mit nach Hause zu bringen, dazu müssen sie zu den Eichhörnchen gehen, die haben im Winter immer welche auf Vorrat.

Bei der Eichhörnchenfamilie wohnt wiederum Benjamins bester Freund Toni. Mit ihm bauen sie noch einen Schneemann, wo doch der Schnee so schön zum Bauen ist. Dabei vergessen sie fast die Zeit.

Als sie zufällig einmal auf die Uhr sehen, erschrecken sie beinahe. „Oh je, so spät ist es schon!“

Sie sind froh, dass der Schneemann bereits fertig ist, darum machen sie sich kurzerhand auf den Weg zu Benjamins Zuhause.

Als sie den Wegrand entlangtrippeln, sieht Felix hinter einem großen Felsen bei den Heidelbeerstauden einige vertrocknete Früchte hängen. Es kommt ihm seltsam vor. Um diese Jahreszeit noch Heidelbeeren, wie kann das sein?

Er erinnert sich an die Worte, die seine Großmutter immer sagte, dass Heidelbeeren gut für den Bauch seien.

„Das passt ja gut“, denkt Felix, „die sind bestimmt für Florina übrig geblieben.“

Er klettert rasch den Felsen hinauf und steckt alle Beeren, die er kriegen kann, in seine Tasche.

Als sie Florinas Mutter das Gesammelte zeigen, ist sie sehr stolz auf die beiden und lobt sie. Sie bereitet Florina sogleich einen Tee und gibt auch einige der mitgebrachten Heidelbeeren dazu, die restlichen darf Florina sofort vernaschen.

Nun muss Felix aber wieder nach Hause zurück, doch – oh je – es wird schon ein wenig dunkel und er fürchtet sich davor, alleine zu gehen. Es hilft aber nichts, er muss nach Hause, darum nimmt er allen Mut zusammen und macht sich auf den Heimweg. Ängstlich sieht er sich nach allen Seiten um, die Bäume sehen aus wie unförmige Gespenster und in der Ferne kommt geradewegs ein enormer Schatten auf ihn zu. Zu allem Übel hört er noch eine Eule rufen und die fressen ja bekanntlich kleine Mäuse.

Felix bleibt erstarrt stehen, da fängt der Schatten an zu bellen. Dem erstarrten Mäusejungen fällt ein Stein vom Herzen, er erkennt Rolli. Rolli ist ein guter Junge, er ist der Hofhund, der wie Felix auf dem Bauernhof am Waldrand wohnt. Der Hund lässt Felix auf seinen Rücken klettern und bringt ihn sicher nach Hause.

Am Abend schläft er hundemüde, doch froh, dass er helfen konnte, damit es Florina bald besser geht, ein.

Nach drei Tagen ist Florina wieder vollkommen gesund und kann in die Schule gehen. Nach dem Unterricht wird natürlich gleich das nächste Treffen ausgemacht und der versäumte Nachmittag mit Rodeln und anderen Abenteuern nachgeholt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Eva Prinz wurde 1968 geboren. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Als abendliche Freizeitbeschäftigung lässt die Landwirtin ihrer Fantasie gern freien Lauf und bringt sie zu Papier.

*

Rettung für das Weihnachtsfest

Eine schwere Erkältung hatte den Weihnachtsmann ans Bett gefesselt. Mit viel heißem Tee hatten die Wichtel ihn gesund gepflegt, sodass er kurz vor dem bevorstehenden Weihnachtsfest wieder auf seinen Beinen stehen konnte. Sein Gesicht war immer noch sehr blass, aber er hatte sich vorgenommen, eine Probefahrt mit seinem Schlitten zu machen. Er wollte für den Heiligen Abend gut vorbereitet sein, damit jedes Geschenk rechtzeitig seinen Besitzer erreichte.

So stapfte der Weihnachtsmann durch den tiefen Schnee am Nordpol zu seinem Gefährt. Er schnäuzte sich ein letztes Mal seine gerötete Nase und kramte in der Tasche seines Mantels nach dem Zündschlüssel für den Schlitten. Doch sosehr er auch suchte, er konnte den Schlüssel nicht finden. Seine Finger tasteten jeden Winkel seiner Manteltaschen ab, aber der Schlüssel war nicht dort. Ihm brach der Schweiß aus und sein Herz schlug schnell in seiner Brust. Der Schlüssel musste doch in der Manteltasche sein!

Ratlos stapfte er zurück ins Haus und setzte sich erschöpft auf einen Stuhl. Er hatte keine Idee, wo der Schlüssel sein könnte.

„Du solltest dich wieder hinlegen und in Ruhe darüber nachdenken, dann fällt es dir bestimmt ein, wo du den Schlüssel hingetan hast“, riet ihm einer der Wichtel. „Ich bringe dir jetzt einen heißen Kakao, den kannst du im Bett trinken“, setzte er nach und schob den Weihnachtsmann vehement vom Stuhl in Richtung Bett.

„Ich hoffe, du hast recht“, stöhnte der Weihnachtsmann, während er sich erschöpft auf die weiche Matratze fallen ließ. „Falls du dich irrst, fällt Weihnachten dieses Jahr ins Wasser.“ Unmittelbar nach dem heißen Getränk fiel er in einen traumlosen Schlaf.

Als das regelmäßige Schnarchen des Weihnachtsmannes zu hören war und die Wichtel den Raum verlassen hatten, sah niemand, wie vier kleine Mäuse aus ihrem Versteck hervorkamen. Als Erstes Galois mit seinem grauweißen Fell und den wachen Augen, dann der hellbraune, immer etwas ängstliche DʼArtagnan, gefolgt vom schwarzen, meist glücklichen Felix und dem pummeligen, stets hungrigen Balu.

„Das ist eine ernste Angelegenheit. Niemand wird am Heiligen Abend seine Geschenke bekommen, wenn der Weihnachtsmann seinen Schlitten nicht fliegen kann“, analysierte Galois die Situation.

„Das stimmt, aber bevor wir überlegen, was wir tun, sollten wir sicher sein, dass der Weihnachtsmann auch wirklich schläft. Ich habe keine Lust, dass er seine Katze auf uns ansetzt“, erwiderte DʼArtagnan.

„Du Angsthase!“ Galois verdrehte die Augen. „Das Geräusch, das du hörst, ist kein Sägewerk, sondern der Weihnachtsmann im Land der Träume!“

Während Galois sprach, stemmte Felix seine Pfötchen in die Hüfte und setzte sich auf seine Hinterbeine. „Galois hat recht. Wir müssen dem Weihnachtsmann helfen, seinen Zündschlüssel wiederzufinden, sonst ist das Weihnachtsfest verloren. Nur wo fangen wir an zu suchen?“

Ratlos schauten sich DʼArtagnan, Galois und Felix an, während Balu alte Kekskrümel vom Boden verspeiste. Mit vollen Backen und genüsslich geschlossenen Augen nuschelte er: „Ich weiß vielleicht, wo der Schlüssel ist, aber ihr dürft nicht böse werden.“

Überrascht und erwartungsvoll sahen ihn seine drei Freunde an. Galois war der Erste, der seine Sprache wiederfand. „Wenn du weißt, wo der Zündschlüssel ist, dann musst du das sagen, sonst gibt es dieses Jahr kein Weihnachten.“ Seine Stimme klang streng.

Balu wurde verlegen, und wenn sein Fell nicht so tiefbraun und dicht gewesen wäre, hätte man meinen können, er errötete. „Als der Weihnachtsmann krank wurde und ihr deswegen so aufgeregt wart, bekam ich plötzlich Appetit auf Lebkuchen. Der Hunger wurde immer schlimmer und da fiel mir der Lebkuchenvorrat im Handschuhfach des Weihnachtsmannschlittens ein ...“

Felix und Galois entfuhr ein Stöhnen, denn sie ahnten die Fortsetzung der Geschichte. DʼArtagnan zuckte bei dem Geräusch zusammen und schaute ängstlich Balu an, während dieser fortfuhr.

„Ich bin also in die Manteltasche des Weihnachtsmannes geklettert, habe mir den Schlüssel geschnappt und mich an den Lebkuchen satt gegessen. Ich sage euch, sie waren köstlich, allerdings war mein Bauch nachher so voll, dass ich den Schlüssel nicht mehr tragen konnte, deshalb habe ich ihn unter der Wolldecke auf der Rückbank versteckt.“

DʼArtagnan schlug sich die Pfoten vor seine Nase. „Das war aber gefährlich, was du getan hast! Hattest du keine Angst, draußen im Schnee zu erfrieren?“

Galois und Felix stöhnten erneut auf und fast synchron erwiderten sie: „Das war nicht gefährlich, sondern sehr dumm, was Balu gemacht hat!“

Der sonst so friedliche Felix wurde richtig wütend, je länger er sprach. „Du hast nicht nur eigensüchtig gehandelt, sondern mit deinem Tun das ganze Weihnachtsfest in Gefahr gebracht. Du musst das wieder in Ordnung bringen!“

Balu schluckte den letzten Bissen der Kekskrümel hinunter und fuhr sich nachdenklich durch das Fell.

„Ich stimme Felix zu und du hast uns noch nicht mal einen Krümel mitgebracht. Halten Freunde, wie wir es sind, nicht zusammen?“ Galoisʼ Stimme hatte einen vorwurfsvollen Klang bekommen.

„Ja, einer für alle und alle für einen wie bei den vier Musketieren!“, rief der kleine DʼArtagnan in die Runde.

Felix und Galois schlugen sich mit der Pfote vor die Stirn. „Wir müssen jetzt nicht melodramatisch werden, DʼArtagnan“, sagte Galois und wandte sich dann Balu zu. „Lieber Freund, was gedenkst du jetzt zu tun?“

Balu trat von einer Pfote auf die andere. „Ich gebe zu, dass ich egoistisch und es nicht richtig war, das Weihnachtsfest zu gefährden. Allerdings muss ich noch mal betonen, wie groß mein Hunger war. Ich werde den Schlüssel zurückbringen. Und ich habe einen Lebkuchen für schlechte Zeiten versteckt, den möchte ich euch schenken, damit ihr nicht mehr böse auf mich seid.“

Felix musste bei den treuherzigen Worten seines Freundes lächeln und auch Galois konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Als Letztes entspannten sich die Gesichtszüge von DʼArtagnan.

So kam es, dass Felix, Galois und DʼArtagnan den letzten Lebkuchen mit Behagen verspeisten, während Balu durch den kalten Schnee lief und den Zündschlüssel ins Haus brachte. Die pummelige Maus brauchte einige Zeit, bis sie den Schlüssel auf das Bett des Weihnachtsmannes gehievt hatte. Die Platzierung auf dem Bauch des Weihnachtsmannes ging mithilfe seiner drei Freunde leichter. Als Balu den Schlüssel gerade losgelassen hatte, fing der Weihnachtsmann an sich zu bewegen.

Als der Weihnachtsmann aus seinem Tiefschlaf erwachte, fühlte er sich kräftiger und erholter. Beschwingt schwang er die Beine aus dem Bett. Jetzt würde er nach dem Zündschlüssel suchen. Es war seine Pflicht, das Weihnachtsfest zu retten, auch wenn er bislang keine Ahnung hatte, wie er das anstellen sollte. Da rutschte etwas von seiner Brust und fiel klirrend auf den Steinboden.

Verwirrt bückte er sich und hielt den Zündschlüssel seines Schlittens in der Hand. Ein überraschtes „Ho, ho, ho“ entsprang seinen Lippen und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Das Weihnachtsfest war gerettet.

Während die Wichtel feierten und der Weihnachtsmann eine weitere heiße Schokolade zur Stärkung trank, erhielt Balu von Galois unter dem Bett eine Kopfnuss. „Und das machst du nie wieder! Fast wäre wegen deines ständigen Hungers Weihnachten ausgefallen.“

Balu grinste und rieb sich sein Mäusebäuchlein. „Also, ein kleines bisschen Hunger habe ich gerade schon wieder.“

DʼArtagnan, Galois und Felix verdrehten die Augen.

Dr. med. Barbara Bellmann wurde 1984 in Hagen/Westfalen geboren. Nach dem Studium der Humanmedizin an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn begann sie in Aachen ihre Facharztausbildung zur Kardiologin am dortigen Universitätsklinikum. Seit August 2017 arbeitet sie als Kardiologin an der Universitätsklinik Köln. Sport und Literatur begeistern sie neben ihrer Tätigkeit als Ärztin.

*

Himmelsschätze

Viele schöne Himmelsschätze

Sind im Menschenkind versteckt

Fügen sich zu Sätzen

Wollen auf Erden ihren Platz

Haben sich unaufdringlich leise

Umgeformt in Erkenntnis Sicht Weisen

Um durch bekannte Sphären Klänge

Noch Unbekanntes zu bezeugen

Ingeborg Henrichs, gebürtige Paderbornerin, zu Hause in Ostwestfalen, verfasst bevorzugt kürzere Texte; einige Veröffentlichungen.

*

Fridolin backt Weihnachtsplätzchen

Über Nacht ist es Winter geworden. Dicke Schneeflocken fallen vom Himmel und hüllen den Wald in einen weißen Mantel. Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist das Zwergenland mit einer dichten Schneedecke überzogen. Ein eisiger Wind bläst Fridolin um die Nase, als er das Fenster öffnet. In einigen Tagen ist Weihnachten und es wird höchste Zeit, sich um die Weihnachtsbäckerei zu kümmern.

Der kleine Zwerg Fridolin ist heute schon sehr früh aufgestanden. Wie in jedem Jahr möchte er mit seinem Freund Kuno Weihnachtsplätzchen backen. Die beiden Zwerge naschen für ihr Leben gerne und freuen sich auf die süßen Weihnachtsleckereien. Schon gestern haben sie eine lange Einkaufsliste geschrieben. Mehl, Zucker, Butter ...

„Wir müssen unbedingt Schokolade kaufen“, sagt Kuno und setzt seine Mütze auf.

Fridolin lacht. „Backpulver und Eier müssen wir auch holen.“

Mit einem großen Korb machen sie sich gleich nach dem Frühstück auf den Weg zum Kaufmann.

„Guten Morgen, Herr Lehmann“, sagt Fridolin freundlich, als sie den Laden betreten.

Staunend betrachten die Zwerge die vielen leckeren Dinge, die in den Regalen stehen.

„Sieh mal, da ist unsere Schokolade“, ruft Kuno aufgeregt.

Herr Lehmann lacht und legt eine große Tafel Schokolade auf den Tresen.

Nach und nach wandern Mehl, Zucker, Eier, Butter und Backpulver in Fridolins Korb. Die Zwerge haben es eilig, denn es wartet noch eine Menge Arbeit auf sie. Rasch verabschieden sie sich von Herrn Lehmann und laufen durch den Schnee nach Hause.

Fridolin holt eine große Schüssel aus buntem Porzellan aus der Speisekammer und stellt sie auf den Tisch. Kuno bringt alle Zutaten für die Weihnachtsplätzchen in die Küche. Vorsichtig schlägt er nun ein Ei nach dem anderen in die Schüssel. Dann kommen feiner weißer Zucker und Butter dazu. Der kleine Zwerg schüttet zum Schluss Mehl und Backpulver in den Teig. Kuno hält die Schüssel mit beiden Händen fest, während Fridolin kräftig rührt.

„Halt!“, ruft Kuno plötzlich und sieht seinen Freund erschrocken an. „Wir haben die Schokolade vergessen.“

Fridolin greift in seine Jackentasche. „Was wären Schokoladenplätzchen ohne Schokolade?“, sagt er und lacht.

Die Zwerge brechen kleine Stückchen von der Schokolade ab und mischen sie unter den Teig.

„Ich kann nicht mehr, jetzt darfst du rühren“, sagt Fridolin erschöpft und reicht seinem Freund den Löffel.

Während Kuno nun kräftig mit dem Rührlöffel arbeitet, schleckt Fridolin von dem süßen Teig. „Hm, ist das köstlich, probier doch einmal.“

Das lässt Kuno sich nicht zweimal sagen. Die Zwerge naschen und schlecken so lange von dem leckeren Schokoladenteig, bis fast nichts mehr übrig ist.

Gemeinsam schieben sie schließlich das schwere Backblech in den Ofen und bald duftet es in der Zwergenküche herrlich nach goldgelben Weihnachtsplätzchen.

Wenn ihr, liebe Kinder, Appetit bekommen habt, hier ist das Rezept:

Schokoladenplätzchen

300 g Mehl

150 g Butter

100 g Zucker

2 Eier

1 P. Backpulver

125 g geriebene Schokolade

Alles zu einem Teig verarbeiten. Kleine Teighäufchen auf ein Backblech setzen und bei 180 Grad circa zehn Minuten backen.

Fröhliche Weihnachten!

Helga Licher wohnt in Bramsche.

*

Heiligabend im Winterwald

Es war am Heiligen Abend vor einigen Jahren. Das unfreundliche Wetter an diesem Tag konnte mich nicht davon abhalten, eine kurze Auszeit einzulegen, um mir Zeit zum Nachdenken zu nehmen, bevor ich entspannt dem Weihnachtsfest entgegensehen konnte. Es war ein unangenehmer, nasskalter Tag, als ich beschloss, einen Spaziergang mitten durch die Feldgemarkung zu unternehmen. Die Temperaturen bewegten sich entlang der Frostgrenze und der eisige Wind fegte die letzten farbigen Blätter von den Bäumen.

Ich hatte einen Weg eingeschlagen, der mich geradewegs zu einem nahen Waldrandgebiet führen würde. Die letzten Meter vor dem Eintauchen in den weitgehend vom Blattwerk befreiten Buchenwald musste ich entlang einiger kleinerer Wohnhäuser zurücklegen, die mit ihrem Erscheinungsbild keinen Zweifel daran ließen, dass das Weihnachtsfest vor der Tür stand. Überall waren glitzernde Girlanden in den Vorgärten zu sehen und einige stattliche Tannenbäume versuchten, mit ihrer Festbeleuchtung mit einzelnen Weihnachtsbäumchen zu konkurrieren, die zwischen den Vorhängen der anmutig verzierten Fenster hindurchblinzelten.

Ich hatte den Waldrand inzwischen erreicht und der Wind störte mich nicht mehr allzu sehr. Ich empfand die Ruhe um mich herum als angenehm und ausgesprochen wohltuend.

Nach etwa 500 Metern auf meiner weiteren Wanderung bemerkte ich zum ersten Mal dieses merkwürdige Rascheln im Unterholz, das mich offenbar zu begleiten schien. Ich konnte die Ursache nicht erkennen, aber meine Neugierde war jetzt geweckt. Und dann sah ich es. Ich hatte schon eine ganze Weile das Gefühl, beobachtet zu werden. Aber jetzt starrte mich ein Paar leuchtende Augen an, das ich sofort einer großen Katze zuordnen konnte, wenn nicht sogar einer Wildkatze.

Ich verlangsamte meinen Schritt und begann mich meinem Begleiter zu nähern. Verblüffenderweise lief das Tier nicht davon, sondern es ließ mich mit aller gebotenen Vorsicht langsam näher kommen. Mein Erstaunen hätte nicht größer sein können, als es seine Deckung vollständig verließ und wenige Meter vor mir mit einem geschmeidigen Satz auf dem Weg landete und danach keine Anstalten machte, die Flucht zu ergreifen.

Ich glaubte inzwischen nicht mehr daran, dass es sich um eine echte Wildkatze handelte, viel zu zutraulich erschien mir das Tier und dieser Eindruck bestätigte sich auch sehr schnell. Doch es sollte noch viel verwunderlicher werden.

Das Tier schien mich inzwischen auffordern zu wollen, ihm hinterherzulaufen. Es bewegte sich behutsam, aber zielstrebig von mir weg und achtete offensichtlich darauf, dass ich in seiner Nähe blieb. Gut 100 Meter kletterten wir gemeinsam eine leichte Anhöhe hinauf, als mir langsam klar wurde, dass das intelligente Kerlchen mir wahrscheinlich etwas sehr Wichtiges zeigen würde.

Aber noch bevor ich den Gedanken zu Ende bringen konnte, bahnte sich die Auflösung eines geradezu unglaublichen Erlebnisses für mich an. Lange bevor ich es sehen konnte, war es schon zu hören. Ein leises, unverkennbar von einer kleinen Katze stammendes Wimmern drang an mein Ohr.

Meine Begleiterin bewegte sich jetzt immer schneller und blieb urplötzlich vor einem gut versteckten Reisighaufen stehen, auf dem ein offenbar erst vor Kurzem herabgefallener Ast liegen geblieben war. Und das kleine Katzenbaby unter all diesen Ästen war nicht mehr in der Lage, sich alleine daraus zu befreien.

Ich hatte verstanden. Bevor ich nun damit begann, den großen Ast zur Seite zu räumen, warf ich noch einen Blick auf die Katzenmama, die ihren Kopf zur Seite neigte und mit einem weithin vernehmbaren Miauen ihre Zufriedenheit ausdrückte.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Kaum war die kleine Katze befreit, hüpfte sie zur Seite und die beiden entfernten sich schnell von mir. Aber sie liefen nicht einfach davon. Sie blieben noch einmal stehen und sahen sich nach mir um. In den Augen der Katzenmama glaubte ich, eine innige Dankbarkeit erkennen zu können.

Dann sprangen sie gemeinsam in das unübersichtliche Gebüsch und entzogen sich damit meinem Blickfeld.

Nachdem ich wieder zu Hause angekommen war, musste ich noch lange über diese seltsame Begebenheit nachdenken. Ich habe die Geschichte nie vergessen können und die damit verbundenen Weihnachtstage gehören bis heute zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens.

Gerhard P. Steil schreibt schon seit vielen Jahren Gedichte und Geschichten. Seine Sammlung ist inzwischen so groß geworden, dass er beschlossen hat, das eine oder andere in Buchform zu pressen. Den größten Spaß hat er jedoch daran, wenn er Weihnachtsgeschichten unter die Leute bringen kann.

*

Die Nacht davor

Morgen schon ist Heiligabend,

wie doch jetzt die Zeit verfliegt,

vieles, das zu tun noch wartet,

weil es mir am Herzen liegt.

Hab den Baum bereits im Zimmer,

er ist zauberhaft und schön,

geh mit ihm gleich auf die Reise,

werd das Land der Kindheit sehn.

Muss wohl heuer etwas sparen,

reiche trotzdem ungelenk,

aber freudig und von Herzen

meinen Liebsten ein Geschenk.

Für den Bruder, für die Schwester,

für mein Kind, für meinen Mann,

für die Eltern, deren Alter

man wohl Gnade nennen kann,

für die Freundin, die das Leben

manchmal so vergnüglich macht,

allen sei durch kleine Gesten

meine Liebe dargebracht.

Morgen wird das Christkind kommen

und ich fühle mich bereit,

manches werde ich nicht schaffen,

ist halt viel zu kurz, die Zeit.

Doch das Christkind wirdʼs nicht stören,

was im Haushalt ich versäumtʼ,

es erblickt wohl meine Seele

und mein Herz ist aufgeräumt.

Morgen wird ein Tag der Freude,

ich bin dankbar, ruhig und fromm

und es drängt mich, froh zu bitten:

„Liebstes Christkind, bitte, komm!“

Monika Krautgartner, Schriftstellerin, Kolumnistin, Illustratorin, geboren am Pfingstsonntag 1961, lebt und arbeitet in Tumeltsham. Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern ist gelernte Zahnarzthelferin und seit 1993 freischaffend künstlerisch tätig. Sie hat bereits über 50 Bücher veröffentlicht, ihr Schaffen wurde mehrfach mit Preisen und Anerkennungen ausgezeichnet, u.a. mit einem internationalen Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Schwanenstadt und 2008 mit der Kulturmedaille des Landes Oberösterreich. Die vielseitige Autorin begrüßt die Gäste auf ihrer Homepage mit dem Statement: „Ich schreibe, weil ich muss, aber auch, weil ich es kann.“

*

Wo ist Papa?

Jedes Jahr, wennʼs draußen schneit,

die Natur im weißen Kleid,

kommt der liebe Weihnachtsmann

mit dem großen Schlitten an.

Hat Geschenke mitgebracht,

viel zu tun damit die Nacht.

Er verteilt die Gaben dann.

So ist halt der Weihnachtsmann.

Ist der Gute endlich da,

frag ich: „Wo ist denn Papa?“

„Der nur kurz nach draußen ist“,

sagt die Mutter, „doch ihr wisst,

er kehrt wieder. Komm, fang an,

lieber guter Weihnachtsmann!“

Die Bescherung nun beginnt

und die Zeit ganz schnell verrinnt.

Endlich ist es dann geschehn,

auf dem Tisch Geschenke stehn.

Eingewickelt in Papier

liegen viele Dinge hier.

Spannung liegt jetzt in der Luft.

Weihnachtskerzen, Weihnachtsduft.

Und der Alte will hinaus,

sagt Ade, geht aus dem Haus.

Da kommt auch schon der Papa.

„Warum warst du denn nicht da?“,

frag ich Papa. Doch der lacht:

„Ich hab nur noch Holz gemacht

für den Ofen, denn der Frost

bringt uns kalte Winterkost.

War der Weihnachtsmann schon hier?

ʼs stand ʼn Schlitten vor der Tür.“

„Ja, der Alte ist schon fort,

muss noch weiter in dem Ort.

Schau mal die Geschenke an,

die gebracht der Weihnachtsmann!

Nur eins, das versteh ich nicht,

trotz der Larve im Gesicht

sah der Mann fast aus wie du!“

Mutti zwinkert drauf mir zu.

Ulli Lanin

*

Was für ein Geschenk!

Adil mochte Weihnachten nicht. Zu Hause hatte Weihnachten nie eine Rolle gespielt. Er verstand nicht, warum die anderen hier so ein Bohei darum machten. Aber nach den Weihnachtsferien kamen sie mit neuen Schuhen, neuen Pullovern, neuen Etuis, neuen Handys in die Schule. Manche hatten auch eine neue Frisur.

Adil hatte nichts Neues. Er würde auch nichts vom Weihnachtsbraten erzählen können. Er musste sich aus allen Gesprächen über Weihnachten heraushalten. Wer den höchsten Weihnachtsbaum hatte, die dicksten Kugeln, die meisten Geschenke, den meisten Besuch.

Adil und seine Mutter bekamen nie Besuch, die ganzen dreizehn Monate nicht, seitdem sie hier angekommen waren. Der Rest der Familie, auch Adils Vater, sein Bruder, seine Cousinen und Vettern, war immer noch unterwegs. Über das Mittelmeer oder die Balkanroute.

Adil wusste nicht, wie viele Weihnachten sie noch ohne Besuch bleiben mussten. Wenn sein Vater, sein großer Bruder und seine Onkel und Tanten kämen, sähe Weihnachten sicher ganz anders aus. Es gäbe Tee, Umarmungen, viel Gelächter und Lammbraten. Vielleicht endlich auch eine eigene Wohnung.

Solange das nicht so war, mochte Adil Weihnachten nicht. Niemand hatte etwas von der Familie gehört – trotz Handys. Nur ein früherer Nachbar hatte angerufen. Er saß irgendwo in einem Ankerzentrum fest. Also würde auch er nicht zu Besuch kommen.

Schön war, dass Adils Mutter bald aus dem Krankenhaus entlassen werden würde. „Am 24. Dezember bin ich wieder bei dir“, hatte sie gesagt, als sie die Krankenhaustasche gepackt hatte.

Jetzt war der 24. Dezember, also Weihnachten. Keine Mutter in Sicht, kein neuer Pullover, kein Etui, kein Lammbraten.

Adil malte alles auf ein Stück Papier. Sogar einen Weihnachtsbaum mit roten Kugeln. Der Pullover unter dem Baum war auch rot. Seine Mutter trug ein neues rotes Kleid und neue Schuhe. Adil malte auch Tiere, Hunde, Katzen und einen Vogel.

Adil sang beim Malen. Er sang sich Weihnachten schön. „Alles wird gut werden“, dachte er.

Kaum hatte er das gedacht, ging die Tür auf und Adils Mutter kam ins Zimmer. Sie lächelte und legte den Finger auf die Lippen. Pst!

Hinter ihr stand jemand. Es war Baschar, der große Bruder.

Gerade als Adil ihm entgegenstürzen wollte, um ihn zu umarmen, schüttelte Baschar den Kopf. „Hier, dein Weihnachtsgeschenk“, sagte er und stellte einen Karton auf den Tisch.

In dem Karton fiepte etwas. Adils Hand stieß auf etwas Weiches, Felliges.

„Die kleine Hündin lief mir auf Schritt und Tritt auf dem langen Weg über die Berge nach“, sagte Baschar. „Sie wollte zu dir. Sie heißt Inaaya.“

Und genauso sah Inaaya auch aus. Etwas struppig, eben ungekämmt, aber was für ein Geschenk!

Gudrun Güth hat Anglistik und Romanistik an der Ruhr-Universität Bochum und der University of Bristol/England studiert. Promotion mit der Dissertation „Typen des englischen Arbeiterromans“. Bis 2013 war sie als Fremdsprachenlehrerin an Gymnasien und einer Gesamtschule sowie an der Deutschen Schule Brüssel tätig. Fachleiterin für Englisch am Studienseminar Recklinghausen (Lehrerausbildung). Literarisches Schaffen in den Sparten Lyrik und Prosa: Veröffentlichungen in Zeitschriften, in Anthologien und im Rundfunk. Bücher: ein Kinderbuch, ein Krimi, zuletzt Spike Dickus & Co.

*

Weihnachtsküche

Oh, wie gut riecht es in unsʼrer Küche!

Weihnachtsplätzchen backen. Oh, wie fein!

Jedes Jahr zur Weihnacht die Gerüche

stimmen uns aufs Weihnachtsfest jetzt ein.

Weihnachtsplätzchen riechen gut,

Weihnachtspätzchen schmecken fein.

Wer nicht Weihnachtsplätzchen isst,

steckt der Weihnachtsmann,

steckt der Weihnachtsmann,

steckt der Weihnachtsmann

in den großen Sack hinein!

Oh, wie gut riecht es in unsʼrer Küche!

Weihnachtsstollen backen. Oh, wie fein!

Jedes Jahr zur Weihnacht die Gerüche

stimmen uns aufs Weihnachtsfest jetzt ein.

Weihnachtsstollen riecht so gut,

Weihnachtsstollen schmeckt so fein.

Wer nicht Weihnachtsstollen isst,

steckt der Weihnachtsmann,

steckt der Weihnachtsmann,

steckt der Weihnachtsmann

in den großen Sack hinein.

Oh, wie gut riecht es in unsʼrer Küche,

Weihnachtsgans gebraten. Oh, wie fein!

Jedes Jahr zur Weihnacht die Gerüche

stimmen uns aufs Weihnachtsfest jetzt ein.

Weihnachtsbraten riecht so gut,

Weihnachtsbraten schmeckt so fein.

Wer nicht Weihnachtsbraten isst,

steckt der Weihnachtsmann,

steckt der Weihnachtsmann,

steckt der Weihnachtsmann

in den großen Sack hinein.

Ulli Lanin

*

Vom kleinen Stern, der sein Licht verlor

Es war Weihnachtszeit. Der Schnee bedeckte Felder und Wiesen und versteckte Häuser und Bäume unter weißen Hauben.

Ivo, der große graue Mäuserich, hatte alle seine Freunde zu einer Weihnachtsfeier eingeladen. Zu diesem Zweck hatte er in der Scheune Unmengen von Strohsternen aufgehängt. An den Fenstern glitzerten Eisblumen und der Tisch war gedeckt mit knackigen Nüssen und getrockneten Äpfeln. Sogar Käse gab es. Wo Ivo den wohl stibitzt hatte?

Nun musste er nur noch die Kerzen am Christbaum anzünden – und die Gäste konnten kommen.

Schon klopfte es.

„Schöne Weihnachten!“, rief Emma, Ivos Nachbarmaus. Sie umarmte den Mäuserich, küsste ihn auf beide Wangen und überreichte ihm eine große Walnuss. „Die hab ich eigens für dich im Herbst gesucht“, erklärte sie.

Auch Emmas Mäusetochter Mia war mitgekommen. Heute Abend würde es zwar spät werden, aber welche noch so kleine Maus ging am Weihnachtsabend schon früh zu Bett?

Nach und nach trafen alle Mäusegäste ein. Sie begrüßten sich, wünschten sich schöne Weihnachten und setzten sich an den Tisch. Der Festschmaus konnte beginnen.

Zur gleichen Zeit stand oben, inmitten der Weite des Himmels, ein kleiner Stern und staunte. Die Erde unter ihm war heute Nacht über und über mit Lichtern bedeckt. Was für ein wunderschöner Anblick!

Der kleine Stern beugte sich weit vor, damit er alles ganz genau sehen konnte. Dörfer und Städte glänzten und glitzerten, sogar am Nordpol entdeckte er einen leuchtenden Schein. Der kleine Stern reckte und streckte sich und plötzlich – Hilfe! – verlor er das Gleichgewicht und purzelte kopfüber vom Himmel. Vor Schreck blieb ihm fast das Herz stehen. Wie eine Sternschnuppe sauste er durch die Nacht, bis er auf etwas Weichem landete.

Benommen richtete er sich auf und schnupperte. Dann rümpfte er die Nase. Oh nein! Ausgerechnet auf einen Misthaufen war er gefallen! Vorsichtig kletterte er von dem weichen, warmen Hügel herunter. Dann blickte er sich neugierig um. Gleich neben dem Misthaufen stand eine Scheune. Unter der Tür drang ein Lichtstreifen hindurch ins Freie. Dahinter hörte der kleine Stern Stimmen. Und wie gut es hier duftete!

Kurz entschlossen drückte er die Tür auf. Auf einen Schlag verstummten das Reden und das Lachen. Unzählige Mäuseaugen starrten auf den kleinen Stern.

„Wer bist denn du?“, fragte Ivo schließlich, nachdem ihm ein Käsestück beinahe im Hals stecken geblieben wäre.

„Ich bin ein Stern und gerade vom Himmel gefallen“, erklärte der kleine Stern.

„Mhm“, räusperte sich Ivo. „Ein Stern also ...“ Er begutachtete den Kleinen nachdenklich.

„Sterne sehen anders aus“, rief Elvira, die Kirchenmaus, vorlaut. „Und sie riechen auch nicht so wie du!“ Elvira kannte sich da ganz genau aus. Schließlich war die Kirche mit unzähligen Sternen geschmückt.

„Das ist kein Stern, das ist ein Dreckspatz“, sagte Emma, Ivos Nachbarmaus, mit wichtiger Stimme. Sie war sich ganz sicher, dass sie recht hatte. Ihre Mia sah nämlich genauso aus, wenn sie vom Spielen nach Hause kam. Über und über voll mit Schmutz.

„Aber ich bin ein Stern!“, rief jener ein wenig ärgerlich. Warum glaubte ihm niemand?

Doch die Mäuse am Weihnachtstisch hörten ihm schon nicht mehr zu. Sie sprachen gerade darüber, ob die kleine Mia wirklich so ein Dreckspatz war, wie ihre Mama behauptete. Und ob es vielleicht auch Mia gewesen war, die die frischen Bucheckern in der Vorratskammer der Kirchenmaus angeknabbert hatte. Elvira hatte da nämlich so kleine Fußspuren entdeckt ...

Niemand kümmerte sich mehr um den kleinen Stern. Die erwachsenen Mäuse hatten ihn glatt vergessen. Ein wenig verloren stand er an der Tür.

Da raschelte etwas neben ihm im Heu. „Willst du mit mir Fangen spielen?“, fragte Mia den kleinen Stern.

Ihr war es am Tisch der Großen langweilig geworden. Außerdem hatte sie ein schlechtes Gewissen. Was, wenn herauskam, dass tatsächlich sie von den leckeren Bucheckern genascht hatte?

Der kleine Stern strahlte. „Klar spiele ich mit dir!“

„Fang mich!“, rief Mia und schlüpfte durch die Tür hinaus. Der kleine Stern flitzte hinterher.

Mia war schnell. Geschickt umrundete sie den Misthaufen und sauste einen Schneehügel hinunter. Der kleine Stern rannte, so schnell er nur konnte. Er war ihr schon ganz nah. Gleich würde er sie erwischen!

Da trat er genau auf eine Eisplatte und rutschte aus. So ein Pech!

Mia sprang flink zur Seite und der kleine Stern schlitterte wie auf einer Rodelbahn den Hang hinunter.

„Hast du dir wehgetan?“, fragte Mia besorgt.

„Gar nicht!“, lachte der kleine Stern. „Das Rutschen war toll! Komm, wir rutschen gleich noch einmal!“

Gemeinsam kletterten sie den Hang hinauf und rutschten wieder hinunter. Und kletterten hinauf ... und rutschten hinunter. So lange, bis sie ganz außer Atem waren.

Plötzlich blieb Mia stehen und starrte den kleinen Stern an. „Was ist denn mit dir passiert?“, fragte sie erschrocken. „Du strahlst ja wie ein Stern!“

„Ich bin ein Stern!“, erklärte der kleine Stern. „Ich war nur voll Mist. Jetzt bin ich sauber. Und darum siehst du mein Licht.“

Vorsichtig berührte Mia den leuchtenden Stern. „Kommst du wirklich vom Himmel?“, fragte sie.

Der kleine Stern lachte. „Das hab ich doch gesagt. Und ich glitzere und glänze und funkle genauso wie all die anderen Sterne da oben am Himmel.“

Mia war beeindruckt. Ihr Spielkamerad war ein echter Stern und sie hatte das nicht bemerkt.

„Das zeigen wir meiner Mama“, rief sie begeistert und rannte voraus in die Scheune.

Die großen Mäuse starrten den kleinen Stern genauso entgeistert an wie zuvor Mia.

„Du bist wirklich ein Stern“, flüsterten sie.

„Ja, ich bin ein Stern“, lächelte dieser, glücklich darüber, dass die Mäuse ihn erkannt hatten.

Das Weihnachtsfest dauerte noch bis spät in die Nacht. Und es machte gar nichts, dass die Kerzen am Christbaum – eine nach der anderen – herunterbrannten und verloschen. Die Mäuse hatten ja einen kleinen Stern zu Gast, der ihr Weihnachtsfest mit seinem Licht erhellte

Waltraud Egitz ist Lehrerin an einer Mittelschule in Kufstein und unterrichtet Deutsch, Musik und Italienisch. Neben mehreren kleineren Veröffentlichungen wurden vier ihrer Texte in Form von Kinder- und Jugendbüchern herausgegeben: „Der Zottelbär“, „Der kleine Bär sucht das Glück“, „Ein Stern für alle“, „Absturzgefahr“.

*

Der verliebte Schneemann

Ein Schneemann hatte sich verliebt

in eine hübsche Schneefrau.

Die stand im Garten nebenan

ganz nah von ihm am Vorbau

des Hauses. Und er wolltʼ zu ihr,

doch störte ihn ein Zaun,

der zwischen den Verliebten hier.

Wer konntʼ nur so was bauʼn?

Der Schneemann sann nun etwas nach,

um diesʼ Problem zu lösen.

Er war gewiss ein Mann vom Fach

und schaute auf den Besen.

Da kam ihm plötzlich die Idee,

mit diesem hinzufliegen

zu seiner Braut, die auch aus Schnee.

Das müsstʼ er doch hinkriegen!

So stieg er auf den Besen dann,

doch der tat sich nicht regen,

weil halt ein Besen das nicht kann,

sich fliegend zu bewegen.

Der Schneemann schaute zum Balkon vom Haus,

sah eine Leiter.

Von dort gehtʼs übern Zaun hinaus,

doch wie, wusstʼ er nicht weiter.

Er stieg flugs zum Balkon hinan,

den Besen in der Linken.

Im Garten dort von nebenan

sah er die Schneefrau winken.

Das brachte ihn sofort in Fahrt,

er konntʼ es kaum erwarten,

zu fliegen so nach Schneemannsart

hin zu der Liebsten Garten.

Er nahm den Besen und flog los

und war dabei sehr munter.

Doch leider zog sein Schneemannschoß

ihn auf den Hof hinunter.

Dort lag er, war total zerstört,

aus war sein Liebesstreben.

Wer Besen nimmt als Fluggerät,

der holt den Tod sich eben.

Ulli Lanin

*

Alle Jahre wieder

An Neujahr habe ich einen wichtigen Vorsatz gefasst: In diesem Jahr lasse ich mich weder zu Weihnachten stressen noch in den als besinnlich titulierten Wochen, in denen die Zeit schneller als sonst im Jahr rennt. Soll sie doch rennen wie ein Wiesel – ich werde schlendern, ganz gemütlich.

Selbst im Kindergarten meiner Tochter gibt es für die Kleinsten ein Programm zur Entschleunigung in der Adventszeit. In diesem Jahr, habe ich beschlossen, entschleunige ich mit. Auch deshalb stürzen wir uns nicht wie Lemminge in die Massenwanderung Richtung Alpen, um dann wie zu Hause ohne Schnee zu feiern.

Die Zauberformel zur Entschleunigung heißt unnötigen Ballast abzuwerfen, Organisation und Aufgaben vorzuverlegen. Gleich nach den Sommerferien habe ich mich daher um die Weihnachtsgeschenke gekümmert (leider hatte niemand aus der Familie um diese Zeit Wünsche, ich musste also kreativ werden). Ich habe sechs Stollen zum Einfrieren im ungewöhnlich warmen, um nicht zu sagen, tropisch-heißen Altweibersommer im Trägerkleid gebacken und bei weit geöffnetem Fenster Weihnachtsmusik zur Einstimmung sehr zum Erstaunen des Postboten gehört, während mir die Schweißperlen die Wirbelsäule herunterrannen.

Ganz stressfrei lassen wir uns den Weihnachtsbaum in diesem Jahr nach Hause liefern. Alles, was andere Frauen sonst vor dem Fest der Feste beschäftigen könnte – ausgiebiges Shoppen, Wellnesswochenenden, Weihnachtsmärkte, Pediküre, Maniküre, ein paar überflüssige Kilos mit einem adretten Personal Trainer ab- und die seelische Verfassung gleichzeitig aufbauen, Detox, Botox ... Darauf verzichte ich freiwillig.

Gut, es bleibt dennoch ein wenig zu tun, stelle ich fest, als ich am Montag nach dem ersten Advent meine Liste begutachte.

Folgende Aufgaben stehen an: Geschenke verpacken (sechs bis zehn Stunden), sechzig Weihnachtskarten schreiben (macht vier pro Tag à fünfzehn Minuten, wenn sie rechtzeitig eintreffen sollen), mindestens fünf Chargen Plätzchen backen, allein schon, um Nikolausgeschenke zu haben (dafür brauche ich gefühlt drei Tage; apropos Nikolaus, da muss ich mir noch ein paar Gedanken machen), Weihnachtsgarderobe aussuchen (purer Luxus, ich weiß, trotzdem, den gönne ich mir. Stunden: ?), Festtagsmenü planen (klingt hochtrabend, aber erfordert eben ein bisschen mehr Sorgfalt als ein Nullachtfünfzehn-Braten zum Wochenende, zumal sich kurzfristig Familie angesagt hat, da sie mitbekommen hat, dass wir nicht verreisen). Und deutlich weihnachtlicher könnte unser Haus aussehen ...

Saisonal bedingt, alle Jahre wieder, kommen andere Extras hinzu: Meine Schulkinder schreiben Arbeiten bis zum Abwinken, wobei sie auch auf elterliche, sprich, mütterliche Unterstützung angewiesen sind. Und der Garten, nun ja, schön wäre es, wenn ich wenigstens den Rasen vor dem ersten Schnee (immerhin muss man diese Eventualität auch im Flachland in Betracht ziehen) vom Laub befreien könnte.

Tante Herta, die sich selbst bei uns eingeladen hat, bittet um Rückruf, da sie wissen möchte, welches Programm an Heiligabend bei uns stattfindet.

Nicht als Pflichten zähle ich die obligatorischen vorweihnachtlichen Treffen im Verwandtschafts- und Freundeskreis, denn das ist Eustress, alles ganz positiv und entspannend.

Meistens zumindest.

Nachdenklich starre ich am Montagmorgen nach dem zweiten Advent auf meine Liste. Organisation ist gut. Aber es gibt eben diese unvorhersehbaren Dinge – nennen wir sie Überraschungen des Lebens –, die sich als gnadenlose Zeiträuber entpuppen können.

Leider habe ich mir beim Genuss einer Weihnachtsprinte mein schönes Inlay herausgebissen (der Zahnarztbesuch war unabdingbar, ohne Termin drei Stunden Wartezeit!). Geschenkt, kann passieren. Ebenso wie der Rohrbruch im Keller, ein Geschirrspüler, der sich aus unerfindlichen Gründen weigert, das Geschirr zu waschen, und der Verdacht auf Gehirnerschütterung bei meiner Tochter, nachdem sie beim Lustig-lustig-tralala-Tanzen im Kindergarten mit einem anderen Kind zusammengestoßen ist.

Das Telefonat mit Tante Herta steht noch aus und mir bevor. Zur Ablenkung schaue ich zum Fenster hinaus: Heute schneit es. Ununterbrochen. Keineswegs besinnlich, sondern kräftig wie in den Bergen. Der Wetterbericht sagt Schneefälle auch für die kommenden Tage an. Die Freude der Kinder bedeutet für mich: Chaos auf den Straßen und ausgiebiges Schneeschippen.

Uff! Darauf trinke ich erst einmal einen Zeit-für-mich-Tee.

In der Ruhe liegt die Kraft.

Montag nach dem dritten Advent. Offen und ehrlich – irgendwie sieht meine Liste nicht so aus wie erwartet. Okay, Teile – Großteile – sind erledigt, aber es gibt leider immer noch Geschenke, die nicht verpackt, und mehrere Weihnachtskarten, die nicht geschrieben sind. Und woran liegt das? Ganz klar: an den außerordentlichen Ereignissen der letzten Woche.

Im Kindergarten suchten sie dringend Eltern zur Unterstützung beim Plätzchenbacken. Meine Tochter sah mich mit bittenden, flehenden, kurzum unwiderstehlichen Augen an. Warum suchen sie immer mich?

Auch mein Mann ist bisweilen für eine vorweihnachtliche Überraschung gut. Meist hängt es damit zusammen, dass Unvorhergesehenes auf der Arbeit passiert (wie sehr häufig) und ich sein Auffangbecken, groß wie ein Ozean, für seine unerledigten privaten Aufgaben werde. (Dass an der Weihnachtsfeier seiner Firma in diesem Jahr die Partner pflichterwünscht waren, war ihm hingegen „durchgerutscht“. Fünf Stunden habe ich abgezweigt von meinem Zeitkonto für seine Kollegen.)

UND: Warum muss sich der attraktive Personal Trainer ausgerechnet bei meiner Freundin so unprofessionell verhalten, dass sie zwar mit zehn Pfund weniger, dafür aber mit gebrochenem Herzen zurückbleibt und unser Telefon heißläuft?

„Da lobe ich mir die Funklöcher in den Bergen“, lautete der einzige Kommentar meines Mannes zum Leid meiner Freundin nach unserem mehrstündigen Telefonmarathon.

Immerhin sind Stunden der sozialen Kontakte die besten Stresskiller, lese ich immer wieder, quasi Entschleunigung pur. Ich sollte dankbar sein für mein weit gefächertes soziales Umfeld.

Apropos: Tante Herta!

Ein Tag vor Heiligabend, Montag nach dem vierten Advent. Alles geschafft! Auch dank zweier Nachtschichten. Musste sein, denn unseligerweise ist mir ein Magen-Darm-Virus (zwar nur ein vierundzwanzigstündiger, dafür gerecht auf alle Familienmitglieder verteilt) in der letzten Woche in die Quere gekommen. So mir nichts, dir nichts bin auch ich in den Genuss einer Radikalkur gekommen (Detoxing und Gewichtsabnahme kombiniert).

Sogar die Last-minute-Geschenke sind rechtzeitig eingetroffen. (Erst eine Woche vor Weihnachten fällt meiner Familie ein, welche dringenden Wünsche sie an den Weihnachtsmann hat.) Übernächtigt, mit Augenringen groß wie Untertassen, sitze ich vor meiner Liste, die nichts als durchgestrichene Posten enthält.

Bravo!

Daneben liegt – leider – die neue, nicht eben kurze Liste für morgen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Verwandtschaft anrücken, sich in unserem Haus verteilen: Tante Herta, die darauf wartet, dass das Programm endlich beginnt, Onkel Gerhard mit seinem laut piepsenden Hörgerät, Tante Brigitte, die ihren sabbernden Hund niemals alleine lässt ...

Bin ich gestresst? Hmm.

Einmal tief durchatmen, dazu ein mentales Schulterklopfen. Na also, geht doch!

Bis zur Eröffnung des Weihnachtsspektakels sind es genau siebzehn Stunden – und sechsunddreißig Minuten.

Das schaffe ich. Locker!

So wie ich es mir zu Beginn des Jahres vorgenommen habe.

Na ja ... also fast so.

Bettina Schneider, Jahrgang 1968, lebt in Berlin, verheiratet, zwei Kinder und ein Hund, Studium der Betriebswirtschaftslehre, im Anschluss zehn abwechslungsreiche Jahre im Rechnungswesen in der Privatwirtschaft, heute Freiraum für kreative Tätigkeit. Sie schreibt mit Begeisterung Kurzgeschichten und Erzählungen, einige davon sind veröffentlicht.

*

Weihnachtsstimmung

Jingle bells, jingle bells ... Die Melodie höre ich heute zum dreiundzwanzigsten Mal, doch ich summe noch immer gut gelaunt mit. Etwas anderes bleibt mir eigentlich auch nicht übrig, wenn ich nicht die nächsten drei Wochen griesgrämig sein will.

Ich freue mich auf Weihnachten, ehrlich, aber ein paar neue Lieder dürfte sich die Welt schon ausdenken. Im Grunde wird jedes Jahr das Gleiche gespielt. Überhaupt ist es doch sowieso jedes Jahr das Gleiche. Rote und goldene Kugeln an dem riesigen Baum in der Vorhalle, Lichterketten, die die Schaufenster verzieren, und immer die gleichen Lieder.

Aber ich sollte mich nicht beschweren, eigentlich mag ich das alles ja und eigentlich freue ich mich auch darauf, dass alles – oder zumindest fast alles – beim Alten bleibt. Die Menschen, die in Massen zum Einkaufen strömen und auf uns herumtrampeln, sind so viele, dass ich kaum sagen kann, wer im Vorjahr schon auf mir stand.

Das klingt seltsam, Verzeihung, ich hätte mich vorstellen sollen, wie unhöflich von mir. Mein Name ist FIX-7028-cf-49ZK, aber meine Freunde nennen mich einfach nur Fix.

Mein Beruf? Rolltreppe im Einkaufszentrum.

Was meinst du? Ja, natürlich kann ich reden. Können wir alle, ihr seid nur zu geschäftig, um uns zu hören.

Autsch! Ich fühle mich ja geschmeichelt, wenn Kinder mich mögen, aber müssen sie immer auf meinen Stufen herumspringen? Ich weiß, ich sollte mich nicht beklagen.

Warte mal, ich will kurz schauen, was die Dame da in ihrer Tüte hat. Nachts im Museum, von dem Film habe ich gehört, der soll gut sein.

Pff, Anfänger. Du müsstest mal erleben, was hier nachts abgeht, vor allem an Heiligabend. Es gibt immer Neue zu begrüßen, Sänger, Tänzer ...

Heute Abend haben wir Sänger ein Treffen. Psst, ich verrate dir ein Geheimnis. Meine Freunde wissen es noch nicht, aber ich werde das diesjährige Solo singen! Ich freu mich so! Auch wenn ich eigentlich etwas schüchtern bin. Aber Cory – die rote Kugel, die da an dem Zweig hängt, ja, genau die – meinte, ich solle es doch mal versuchen.

Ach, du musst weiter? Na ja, dann mach’s gut. Ich wünsch dir viel Erfolg bei der Geschenkesuche!

Weihnachtsfreude überall, tralala ...

Jerusha Präpst

*

Snowbert büxt aus!

„So ein schöner Schneemann ist das geworden“, sagte Mama zu Sven. „Das haben wir toll hingekriegt.“

Sven nickte eifrig mit dem Kopf, wobei sich der Bommel seiner Zipfelmütze wild hin und her bewegte. Er hatte ganz rote Backen, seine Fäustlinge waren nass und außen ganz weiß vom gefrorenen Schnee, der sich in der Wolle festhielt. Voll Freude betrachtete Sven das Kunstwerk.

Eine ganz große, eine mittlere und eine kleine Kugel hatten sie übereinandergesetzt. Das war Schwerarbeit gewesen. Am Bauch glänzten fünf schwarze Kohlesteine, am Kopf hatte Mama eine alte Skimütze festgemacht. Auch die Augen waren Kohlestücke und die Nase eine lange Karotte.

„Mama, kann der Schneemann weglaufen?“, fragte Sven, weil er seinen Schneemann ja gerne länger hätte.

Mama nahm ihren Sohn in die Arme und verneinte lachend. „Kann er nicht, er hat ja keine Beine.“

Da war Sven zufrieden.

Gerade wollte er ins Haus laufen, da fiel ihm ein, dass er dem Schneemann unbedingt einen Namen geben musste. Jetzt dachte er nach, wie sollte er ihn nennen, wenn er morgen nach dem Frühstück in den Garten laufen würde? Hm, er überlegte hin und her.

„Was hast du Sven?“, fragte Mama etwas besorgt.

„Ich möchte dem Schneemann einen Namen geben, aber welchen?“, antwortete Sven mit einem tiefen Seufzer.

Hans, Ben oder vielleicht Dagobert? Da hatte er eine Idee. Sein Lieblingsonkel hieß Herbert, deshalb würde er den Schneemann Snowbert nennen! Das gefiel ihm.

So lief Sven täglich gleich nach der Schule raus in den Garten und begrüßte seinen Freund. „Hallo Snowbert, wie geht es dir heute?“ Dann strich er ihm mit seinen Fäustlingen über die Rundungen, füllte Schnee nach, wo etwas weggebrochen war, und erzählte ihm, was er so alles erlebt hatte.

Eine Woche vor Weihnachten bekam Sven eine starke Erkältung mit Husten und Schnupfen. Er musste das Bett hüten. Am dritten Tag seiner Krankheit stand er auf und ging zum Fenster, um Snowbert zuzuwinken.

Als er in den Garten blickte, entfuhr ihm ein heiseres Krächzen und seine Augen wurden starr. „Mama, Mama, Snowbert ist weg!“, rief er aufgeregt.

Noch mal schrie er nach seiner Mama, die völlig außer Atem zu ihm lief, nachdem sie im Keller die Wäsche geholt hatte. „Was ist passiert, geht’s dir nicht gut?“ Ängstlich strich sie ihm über den Kopf.

Sven schüttelte den Kopf. „Nein, Mama, schau in den Garten, Snowbert ist nicht mehr da!“ Eine Träne lief ihm über seine noch immer gerötete Wange.

Mama sah durch das Fenster und tatsächlich, der Schneemann war verschwunden. „Das kann es doch gar nicht geben“, dachte sie, „hat den jemand gestohlen?“

Am Boden erkannte man noch den kreisrunden Abdruck. Wo war Snowbert nur hingekommen?

Letzte Nacht war es passiert. Der Schneekönig flog über das Land und hatte eine riesige Menge Schneeflocken mitgebracht. Im Garten von Sven sah er den schönen Schneemann, der etwas traurig aussah. Er blieb vor ihm stehen und hauchte ihm mit seinem eisigen Atem Leben ein. Dann erzählte ihm der Schneemann von dem Jungen, seinen Geschichten und dass er täglich zu ihm gekommen sei. Aber jetzt wäre er schon drei Tage nicht mehr da gewesen. Snowbert war langweilig und wollte weg. Da er aber keine Füße hatte, wusste er nicht, wie. Der Schneekönig zauberte ihm Füße und flog dann weiter.

Snowbert sah an seinem dicken Bauch hinunter und plötzlich spürte er ein komisches Kribbeln, so als würde sich bei ihm etwas teilen. Ui, das waren Füße! Und als er diese zu bewegen begann, stand er auch schon beim Gartentor. Das öffnete er und lief sogleich die Straße entlang, vorbei an den Häusern.

Aber dann gab es keine Häuser mehr, sondern ... ja, was war das? Dunkle, hohe Gestalten voll Schnee! Man konnte dazwischen durchlaufen. Vorsichtig näherte sich Snowbert diesen bedrohlich wirkenden Riesen. Er wusste nicht, dass es alte Tannenbäume waren. Mit ängstlichen Blicken rannte er durch dicke Schneehaufen.

Am Ende des Waldes stand er vor einem breiten Fluss. Das Mondlicht schimmerte auf der gefrorenen Wasserfläche und Snowbert betrachtete die glitzernde Fläche mit großen Augen. Langsam ging er zum Ufer, und als er sein Spiegelbild im Eis erkannte, erschrak er. Wer war das? Er blickte sich um, aber da war niemand. Dann sah er wieder aufs Eis. Das war er – er selbst! Mit einem Finger berührte er behutsam die Eisfläche. Das war komisch, aber angenehm kalt. Als er mit seinen Füßen auf das Eis stieg, rutschte er sofort aus und platsch lag er auf seinem Hinterteil, das sich gefährlich verformte. Mit großer Mühe erhob er sich wieder und rutschte auf dem Eis entlang. Bald machte ihm das Riesenspaß.

Als der Morgen dämmerte, stieg Snowbert auf der anderen Seite ans Ufer und wanderte am Fluss entlang gen Süden. Es schien ein schöner Wintertag zu werden. Der Schnee knirschte unter seinen Tritten. Als Snowbert zu einem Feld kam, schien die Sonne vom Himmel. Und das gefiel ihm überhaupt nicht. Er spürte den Schneeschweiß überall an seinem Körper herunterlaufen. Verzweifelt suchte Snowbert Schatten oder etwas Kaltes. Mit ängstlichen Augen blickte er sich um. Ziemlich weit weg erkannte er ein Gebäude, so wie das von Sven. Da musste er hin.

Mit größter Anstrengung machte er sich auf den Weg. Hinter ihm bildete sich eine Wasserfährte und er hatte das Gefühl, immer weniger zu werden. Als Snowbert endlich den Garten des Häuschens erreicht hatte und er unter einem riesigen Baum stand, lehnte er sich völlig fertig an dessen Stamm.

Wenige Minuten später lief ein kleines Mädchen aus dem Haus auf ihn zu. „Papa, schau, da steht ein Schneemann. Hast du den gebaut?“

Der Papa kam mit dicken Pelzstiefeln aus der Holzhütte und staunte nicht schlecht. „Äh, nein, den habe ich nicht gebaut. So was, wo kommt der denn her?“

Das Mädchen beäugte den Schneemann, der völlig abgemagert dastand. „Papa, sollen wir ihn etwas aufrichten? Er sieht ziemlich mager aus“, meinte das Mädchen und zupfte seinen Papa am Ärmel.

Er sah seine Tochter an und nickte ihr aufmunternd zu. Dann pappten sie Snowbert neuen Schnee auf alle seine Kugeln und bald schon sah er wieder rund und glücklich aus.

Weil sich das Wetter täglich von seiner sonnigsten Seite zeigte und die Temperaturen weiter anstiegen, war Snowbert bald wieder in Gefahr. Das Mädchen sah den traurigen Schneemann und lief zu seinem Vater. „Papa, er stirbt! Der Schneemann stirbt. Wir müssen etwas tun.“ Voll Angst sah die Kleine ihren Vater an. Der strich ihr über den Kopf, stand dann auf, ging zum Telefon und rief seinen Kumpel Moritz an.

Wenig später fuhr der mit seinem riesigen Kühlwagen auf den Hof. Moritz holte einen großen Rodel, die beiden Männer hievten den Schneemann darauf und brachten ihn in das Innere des Lastwagens. Der war voll Eis und augenblicklich fühlte sich Snowbert wieder wie neugeboren.

Der Lkw fuhr in Richtung Norden, das Mädchen und sein Vater fuhren mit. Er fuhr über die Brücke des Flusses, durch den dunklen Tannenwald bis zum Dorf. Da blieb Moritz mit dem Lkw stehen und Snowbert war wieder zu Hause.

Dankbar winkte er dem Mädchen nach. Bald fand er auch die Straße, wo das Haus von Sven stand. Glücklich stellte er sich auf seinen alten Platz im Garten und schlief selig ein.

Sven war inzwischen wieder völlig gesund, aber sehr traurig, dass sein Snowbert weg war. Als er am Samstag nach dem Frühstück in den Garten lief, sah er plötzlich den Schneemann wieder. Überrascht und überglücklich umarmte er ihn. „Ach, Snowbert, wo bist du nur gewesen? Ich habe dich so vermisst.“

Jetzt konnte er wieder täglich im Garten mit ihm spielen. Snowbert war zufrieden. Und manchmal glaubte Sven, dass ihm sein eisiger Freund mit einem Auge zuzwinkerte.

Gabriele Grausgruber, geboren 1957, verheiratet, wohnhaft in Gurten/Oberösterreich, Schriftstellerin. Kinderbücher, Gedichte und Kurzgeschichten in Hochdeutsch wie auch in Mundart.

*

Die Weihnachtselfe

Sabrina war eine Elfe. Sie war in der Menschenwelt groß geworden und wollte nun ihre Aufgabe als Weihnachtselfe wahrnehmen. Denn jeder Elf und jede Elfe sollte sich auf den Weg zum Weihnachtsmann machen, um ihm zu helfen.

Der Weg war weit, aber sie war frohen Mutes. Er führte sie über Berge, Täler und Wälder. Sowie durch Städte und Dörfer. Schritt für Schritt, immer ein Auge auf die Uhr gerichtet, denn bald würde die Pforte geschlossen sein. Diese musste sie erreichen. Wenn sie das nicht schaffte, durfte sie dem Weihnachtsmann nicht helfen und würde zu einem Menschen werden.

Sabrina war gut in der Zeit, hatte schon das Schneereich erreicht, das in der Nähe des Durchgangs lag, als sie das Wimmern eines Babys hörte. Sie sah sich um und folgte dem Geräusch.

Sie fand das Kind hinter einem Baum, in Decken eingepackt. Niemand sonst war hier, niemand reagierte auf Sabrinas Rufe. Es führten keine Spuren im Schnee zu dem Kind, nur ihre eigenen waren deutlich zu sehen.

„Wie lange liegst du denn schon hier?“, fragte sie leise und hob das Baby hoch. „Was mache ich jetzt nur mit dir?“ Ihr Blick wanderte in Richtung des kleinen Dorfes, das sie vor ein paar Stunden hinter sich gelassen hatte. Sie sah auf die Uhr und machte sich auf den Weg.

Am Abend erreichte sie endlich das Dorf, aber dort war niemand. „Hallo?“, rief sie immer wieder. Inzwischen war das Baby in ihren Armen eingeschlafen.

Sabrina betrat ein Gasthaus. Hier rief sie wieder laut: „Hallo?“, aber als Antwort erhielt sie nichts als Stille.

Sie ging in die Küche und machte dem Baby Milch warm. Dann schürte sie das Feuer. Sie packte das kleine Bündel aus und machte ihm eine frische Windel. Zu ihrem Glück fand sie hier genug Tücher. Nachdem sie dem Kind die Flasche gegeben und es pappsatt gerülpst hatte, wickelte Sabrina es wieder ein. Ein Blick auf ihre Uhr ließ sie traurig seufzen, selbst wenn sie sofort losginge, würde sie nicht mehr rechtzeitig ankommen. Außerdem konnte sie schlecht das Kleine hier alleine lassen. Das brächte sie nicht über ihr Elfenherz. So blieb sie und spielte mit dem Baby.

Stunden verstrichen, bis plötzlich die Tür aufging. Mehrere Leute, dick eingepackt, kamen in den beheizten Raum.

„Nils!“, rief eine Frau erleichtert aus. Sofort streckte das Baby seine Hände nach ihr aus.

„Ich habe ihn im Wald gefunden.“ Sabrina war glücklich und traurig zugleich.

„Wie können wir Ihnen danken?“, fragte ein Mann.

„Dass Sie glücklich sind, ist alles, was ich brauche“, antwortete Sabrina und ging zur Tür. „Passen Sie auf ihn auf.“

Der Mann und die Frau drückten die Elfe, während beide vor Freude weinten.

Sabrina rannte los, so schnell war sie noch nie gelaufen. Sie sah die schimmernde Barriere, die immer kleiner wurde. Doch sie schaffte es nicht, traurig hämmerte sie dagegen. Tränen liefen ihr über die Wange.

„Warum weinst du?“, fragte ein Mann.

„Ich habe es nicht geschafft.“

„Aber du hast den Eltern ihr Kind zurückgebracht, es beschützt und aufgepasst, bis es vollkommen in Sicherheit war. Ist das nichts wert?“

„Sehr viel sogar, aber es war meine Aufgabe hierherzukommen und ...“ Es tat ihr weh, darum konnte sie nicht weiterreden.

„Aber ist nicht das, was du getan hast, deine Aufgabe?“ Sabrina hob überrascht ihren Kopf und erblickte den Weihnachtsmann. „Du hast mir geholfen, ein Weihnachtswunder zu ermöglichen.“

„Aber ich habe es nicht rechtzeitig geschafft.“

„Du hast deine eigenen Ziele für jemand anderen zurückgestellt, du brauchtest es nicht mehr zu schaffen.“ Der Weihnachtsmann streckte seine Hand aus und Zauberstaub bedeckte die Elfe. „Willkommen im Weihnachtsland.“

Wieder weinte Sabrina, aber dieses Mal vor Freude, sie streckte ihre Hand aus und konnte das Portal durchschreiten.

Und wenn du gut aufpasst, siehst du sie vielleicht in der Adventszeit, wie sie zu dir kommt und nach dir sieht. Also, sei immer schön brav, du weißt nie, wann du beobachtet wirst.

Luna Day wurde 1982 in Wertigen geboren und wuchs in Augsburg auf, wo sie immer noch lebt, mit ihrem Mann und ihren Zwei Kindern. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie durch Harry Potter und Roll-Play-Games schreiben in Foren. Sie tippt Kindergeschichten, aber auch Fantasy- und Liebesgeschichten. Hofft darauf, ihren ersten Fantayroman bald zu veröffentlichen.

*

Der Weihnachtsmann

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

wenn Kirchturmglocken so früh schon läuten?

Ich las es im Spiegel – oder war es im Stern? –,

dass Weihnachten ist gar nicht mehr so fern.

Da sitzt man im trauten Familienkreis,

erst gibtʼs Pastete, danach meistens Eis.

Dann wird ungewollt mehrstimmig gesungen manch Lied,

undʼs Kind, das die Geschenke unterm Tannenbaum sieht,

es schreit: „Ich will die Geschenke jetzt endlich sehʼn!“

Und ehe sich die Eltern noch versehʼn,

ist es um die Geschenke schon geschehʼn.

Ausgepackt sind sie so schnell wie der Wind

von dem vorlauten, ungeduldigen Kind.

Aber, aber, aber heute

seh ich nur erwachsene Leute.

Nur einer ist zum Kind mutiert

und bekennt es hier ganz ungeniert.

Ich binʼs, der liebe Weihnachtsmann,

der immer Geschenke brachte und nie welche bekam.

Ich schaue mich um – etwas verstohlen –,

will Geschenke heute nicht bringen, sondern holen.

Habt ihr jemals an mich,

den Weihnachtsmann, gedacht,

der nie was bekommen hat,

der immer nur hat was gebracht?

Ich habe ertragen euer furchtbares Singen,

euer Süßer die Glocken, die erklingen,

hatte schwer zu tragen an meinem Sack voller Geschenke,

kaputt davon sind inzwischen meine Gelenke.

So, nun packt die Geschenke auf meinen Wagen,

dann werd ich auch nie mehr kommen und klagen.

Aber eines will und muss ich noch sagen:

Es klingt vielleicht ein bisschen verrückt,

aber die Agenten von der Agentur für Arbeit

haben mich nicht geschickt.

Ich bin ein Weihnachtsmann mit viel Herz,

muss noch nicht leben von Hartz vier,

das ist kein Scherz.

Ich bin vermummt und autonom,

von Ratzinger, also dem Papst, bin ich der Sohn.

Ich soll sammeln Geschenke und die Kollekte

für die katholische Weihnachtsmännersekte.

So, nun verlasse ich dieses Haus

und geh zu meinem Freund, dem Nikolaus.

Christian Müller ist 66 Jahre alt und pensioniert. Davor war er einige Jahre als Rechtsanwalt, als Familienrichter sowie fast 30 Jahre lang als Professor an einer Fachhochschule für Soziale Arbeit tätig. Während seines Berufslebens hat er mehrere Fachbücher sowie zahlreiche Fachaufsätze geschrieben. Nach seiner Pensionierung veröffentlichte er einen Roman mit dem Titel „Wir schaffen das, aber nicht jeder ist Wir“. Zudem tritt er seit über 30 Jahren gelegentlich auf Kleinkunstbühnen auf.

*

Das arme Christkind

Man schrieb das Jahr 1945, in dem am 8. Mai endlich der schreckliche Krieg mit Millionen von Toten vorbei war.

Aber damit war noch lange nicht das Leid der Überlebenden vorbei, vielmehr fing es nun erst richtig an, da die Häuser und Wohnungen fast alle zerstört waren, wiederaufgebaut und renoviert werden mussten und Lebensmittel Mangelware waren.

Zu dieser Zeit lebte Mäxchen, fünf Jahre alt, mit Mama und Oma in zwei Zimmern, vielmehr Zimmerchen, denn ihre schöne große Wohnung hatte eine Bombe getroffen und alles war verbrannt, auch sein geliebter Bär. So hatte man sie in das Haus von Herrn Friedlich eingewiesen, dem es aber gar nicht passte, dass er Mäxchen, Mama und Oma hatte aufnehmen müssen, obwohl er so viele Zimmer und ein so tolles Anwesen hatte.

Er hieß zwar Herr Friedlich, war es aber nicht, denn er hatte immer etwas an Mäxchen auszusetzen. Mal war der Kleine zu laut, mal lief er zu schnell die Treppe hinunter, aber am meisten ärgerte ihn, wenn er Mäxchen dabei erwischte, wie dieser am Treppengeländer hinunterrutschte, um schneller unten zu sein. Dann schimpfte er wie ein Rohrspatz.

Für Mäxchen aber war das Schlimmste, dass sie schon seit Monaten nichts mehr von seinem geliebten Papa gehört hatten.

Es begann die Adventszeit, alle sprachen von Weihnachten und dass das Christkind kommen und den lieben Kindern schöne Geschenke bringen würde. Ob das Christkind auch an Mäxchen denken würde? Er sollte mal Mama fragen.

„Mama, kriege ich auch was vom Christkind? Ich bin doch immer brav.“

„Mäxchen, das mit dem immer bezweifele ich zwar, aber natürlich kommt das Christkind auch zu dir, doch ich fürchte, es wird dir nicht viel bringen können, es ist dieses Jahr sehr arm.“

„Wieso ist es denn arm?“

„Weil es so viele Kinder gibt, die es beschenken muss, und sicher auch nicht weiß, wo es all die Sachen herbekommen soll, die die Kinder sich wünschen.“

„Ich wünsche mir doch nur meinen Bären zurück.“

„Ach, Mäxchen, dein Bär ist verbrannt, den kannst du nicht wiederbekommen, und ob das Christkind dir einen neuen schenken kann, das weiß ich nicht. Sei also bitte nicht allzu traurig, wenn dein Wunsch nicht in Erfüllung geht.“

Dabei war die Mutter selbst ganz traurig, da sie schon überall vergebens nach einem neuen Bären Ausschau gehalten hatte, aber es gab nichts, die Leute waren hauptsächlich damit beschäftigt, nach Lebensmitteln Ausschau zu halten, denn die Hungersnot war groß.

Was sollte sie bloß Mäxchen zu Weihnachten schenken?

Aber da hatte die Oma eine Idee. „Hör mal, was hältst du davon, wenn ich ihm eine Puppe aus Lappen mache? Ich brauche dafür nur ein paar Stoffreste, die werden wir doch wohl auftreiben können. Du weißt ja, ich bin sehr geschickt, was Handarbeiten angeht, ich glaube, das kriege ich hin.“

Und tatsächlich zauberte die Oma eine wunderschöne Puppe aus bunten Stofflappen, die zu beschaffen allerdings nicht so ganz einfach gewesen war. So konnten Mutter und Oma getrost dem Fest entgegensehen.

Es kam der Heilige Abend, die Mutter hatte auch einen kleinen Tannenbaum mit richtigen Kerzen organisiert, und als alles schön geschmückt war, sah das bescheidene Zimmerchen wirklich gemütlich aus. Und unter dem Bäumchen lag die Lappenpuppe.

Mäxchen staunte nicht schlecht, als er ins Zimmer kam und den Baum sah, die Puppe fiel ihm gar nicht auf, denn in dem Moment klopfte es an der Tür.

„Das ist bestimmt das Christkind“, rief er aus und riss die Zimmertür auf.

Nein, es war nicht das Christkind, aber es war der Papa, den man aus der Gefangenschaft entlassen hatte.

Was war das für ein schönes Weihnachtsfest!

Und Mäxchen verkündete strahlend: „Ich habe zwar keinen Bären bekommen, aber dafür ist mein Papa wieder da, das ist viel, viel besser.“

Aber auch die Lappenpuppe gefiel ihm, er fand sie wunderschön und meinte zu seiner Mutter: „Du hast gesagt, dieses Jahr wäre das Christkind arm, aber nein, es ist nicht arm, es ist ganz reich, denn es hat mir nicht nur die tolle Puppe geschenkt, es hat mir auch meinen lieben Papa zurückgebracht.“

Renate Hemsen wurde 1940 in Köln geboren und lebt auch heute noch dort. Reisen, Lesen und Schreiben sind ihre Hobbys und so wurden ihre Beiträge auch schon in zahlreichen Anthologien veröffentlicht.

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Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
12 noyabr 2025
Həcm:
302 səh. 4 illustrasiyalar
ISBN:
9783960743347
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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