Kitabı oxu: «Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland Band 6»

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Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland
Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Advents- und Weihnachtszeit
Band 6
Martina Meier (Hrsg.)

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Impressum:
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR
Mühlstr. 10, 88085 Langenargen
Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchausgabe erschienen 2013.
Titelbild: Heike Georgi
Lektorat und Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM
ISBN: 978-3-86196-268-7 - Taschenbuch
ISBN: 978-3-96074-327-9 - E-Book
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Inhalt
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Das Puppenhaus
Verträumt saß Klara am Frühstückstisch. Die Tafel war reichlich gedeckt mit Marmelade, Honig, Spiegeleiern, Milch, Cornflakes, Obstsalat und Brötchen. Der Kieferntisch war über hundert Jahre. Fast so alt wie Großmama, die mit ihr speiste. Diese lebte mit ihrer Haushälterin in dem riesigen Haus. Sechs Wochen durfte Klara auf diesem wundervollen Anwesen die Ferienzeit verbringen. Es war ein herrlicher Sommertag. Durch die Fenster strahlten die ersten funkelnden Sonnenstrahlen.
„Klara, mein Liebes. Was gedenkst du heute zu unternehmen?“
„Ich dachte mir – der Dachboden. Dort oben liegen wunderbare Schätze und …“
„Dann wünsche ich dir gutes Gelingen. Zur Mittagszeit speisen wir im Saal. Ich bitte dich pünktlich zu erscheinen“, bemerkte die betagte Dame, stand auf und ließ Klara allein.
Das Mädchen schob hastig den Stuhl zurück und eilte hinaus in den Flur. Flott rannte sie die Treppenstufen, die mit einem roten Läufer belegt waren, hinauf. Ihre braunen Locken tanzten bei jedem Schritt im Takt auf und ab. Da war sie. Die rote Tür mit dem goldenen Rand aus Rebenblättern. Behutsam drückte sie den Griff und der Eingang öffnete sich. Klara schaltete die verstaubte Lampe an. Überall standen Omas Schätze. Sie waren mit weißen Bettlaken zugedeckt. Es gab Hunderte davon. Ihre Schritte hinterließen auf dem Holzfußboden staubige Abdrücke. Klara fühlte sich wie in eine andere Zeit zurückversetzt. Gespannt lief sie durch die Bühne und hob vereinzelt Laken an. Sie sah ein altes Klavier, ein Dreirad, ein rotes Sofa, einen braunen Schrank und eine Truhe. Vergnügt tanzte sie zwischen den weißen Stoffen im Kreis umher. Wie eine Prinzessin fühlte sie sich. „La, la, laa, la, la, la, laa ...“, sang sie glücklich.
In ihrer Ausgelassenheit verhakte sich ihr Schuh und sie stolperte über ein Laken. Klara plumpste auf den Popo. „Aua!“ Das würde einen blauen Fleck geben.
Den Stoff riss sie beim Aufstehen von einem wunderschönen Puppenhaus herunter. Klaras Augen strahlten. Das Dach war gedeckt mit roten Dachschindeln. Die blaue Holzbretterverkleidung umzierte das Bauwerk. Edle weiße Fenster schmückten die Schönheit. Nur die Farbe war an einigen Stellen abgeblättert. Klara beugte sich hinab und blickte mit ihren blauen Augen in das Innere.
„Oh“, sagte sie. Das hatte sie sich schon immer gewünscht. Eine Ballerina stand im unteren Zimmer auf einem weißen Podest. Die eine Hand elegant in die Höhe gestreckt. Die andere zeigte hinab auf die Erde. Ein rosa Rüschenkleid umspielte ihren zierlichen Körper. Vorsichtig tastete sie nach der Öffnung. Unbedingt wollte sie die Spieluhr aufziehen und die Ballerina tanzen sehen. Eine kleine Einkerbung war hinter der losen Schindel zu spüren. Klara schob sie ein bisschen weiter zur Fensterscheibe und entdeckte einen alten verrosteten Schalter. Angespannt drückte sie den Knopf.
Plötzlich knarzte und knatterte das Haus. Die Wände bewegten sich zur Seite und gaben den Blick auf die Tänzerin frei. Musik ertönte und die Figur tanzte im Gleichklang im Kreis. Unerwartet zerfloss der Raum und wurde immer größer und höher. Die weißen Bettlaken wirkten riesig, wie ein Gletscher. Die Fußbodenritzen wurden tief und breit. Staubflocken sahen aus wie riesengroße Schneegebilde. Klara musste husten und Tränen schossen ihr aus dem Augenwinkel.
„Hierher.“
„Wer ist da?“, fragte sie ängstlich, aber was ihr mehr Furcht bereitete, war die Tatsache, dass sie offenbar geschrumpft war! Sie fühlte sich winzig wie eine Fliege.
„Hierher.“
Klara traute ihren Augen nicht. Die Ballerina stand am Rand des Häuschens und winkte sie zu sich. „Du kannst sprechen? Was ist mit mir passiert?“
Langsam lief sie durch die Staubwolken auf das hölzerne Puppenhaus zu. Die Tänzerin reichte ihr die Hand und half ihr über die Schwelle. „Willkommen in meiner Welt. Ich bin Iana.“ Sie umarmte sie herzlich. Alles war normal groß – die Möbel, Wände und Türen.
„Danke. Ich bin Klara. Wie ist das möglich?“ Und in Gedanken fragte sie sich: „Bin ich etwa auf den Kopf gefallen und träume das nur?“
„Magie. Komm ich zeige dir mein Haus.“ Iana schnappte sich ihre Finger und die Mädchen sprangen aufgeregt durch die Wohnung. Es war alles schlicht und einfach eingerichtet. Ein Wohnzimmer mit einem lila Sofa. Die Esszimmereinrichtung bestand aus einem Tisch und vier Stühlen. Im Obergeschoss gab es ein blaues Badezimmer und ein großes Schlafzimmer. Ein richtiges Mädchenzimmer – ganz in Rosa.
„Es ist traumhaft. Wohnst du allein?“ Klara ließ sich auf das Bett fallen.
Iana grinste. „Ja und nein. Du bist doch jetzt hier.“
Klara grübelte. „Ist es nicht langweilig, den ganzen Tag auf einem Podest zu stehen und zu tanzen.“
Die Ballerina lachte. „Nein, es ist herrlich“, sagte sie und zerrte Klara vom Bett. Die Mädchen tanzten vergnügt im Kreis herum, bis es ihnen schwindelig war. Sie kicherten.
„Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?“, fragte Iana. Klara nickte. „Schließe die Augen.“
Klara vertraute ihr und schloss die Lider. Die Ballerina nahm ihre Hand und führte sie. Sie hörte ein Gemurmel und es klopfte drei Mal. Schritt für Schritt zog Iana sie weiter. Plötzlich war es sehr kalt – richtig eisig.
„Kann ich die Augen öffnen?“, bat sie aufgeregt.
„Jetzt darfst du.“
Was sie sah, konnte sie kaum glauben. Die Mädchen standen mitten im Schnee. Es war Winter. Die Bäume waren schneebedeckt. Strahlend weiße Flocken fielen vom milchigen Himmel. Ein eisig kalter Wind strich ihr um die Nase. Klara lachte wie ein kleines Kind.
„Es … es ist unbeschreiblich schön. Wo sind wir?“
„Im Schneemannland. Hinter den Hügeln, gleich hier vorne, kannst du das Dorf der Schneemänner sehen. Aber sie dürfen uns nicht bemerken.“
„Warum?“
„Das Geheimnis muss behütet bleiben. Niemand darf erfahren, wo sie im Sommer wohnen.“
Klara war neugierig und stapfte durch den knirschenden Schnee. Iana lief ihr hinterher. Es war ein anstrengender Weg nach oben. Langsam fror sie in ihrem roten Sommerkleid. Vorsichtig legte sie sich am Hügelkopf auf den Bauch und spähte hinunter. Nur einen kurzen Blick. Sie sah Hunderte Schneemänner, große, kleine, dicke, dünne …
„Wir sollten zurück“, ermahnte Iana sie und zog an ihrem Rock. Klara drehte sich strahlend um, stand auf und folgte ihr. Am Ausgangspunkt angekommen, schaute sie sich um. Wo war die Tür?
„Augen schließen“, sagte Iana. Wieder schloss Klara ihre Lider. Ein Gemurmel, drei Mal klopfen und sie waren im Schlafzimmer des Puppenhauses.
„Besuchst du mich morgen?“, fragte die Ballerina mit einer Schneeflocke im blonden Haar.
„Ja! Aber wie komme ich nach Hause?“
„Du musst nur über die Schwelle.“
Die Mädchen umarmten sich und liefen die Treppe hinunter. Ein letzter Blick auf Iana und Klara ging hinaus aus der Tür in ihre Welt. Wie von Geisterhand verschwamm alles um sie herum und wurde immer kleiner. Sie wuchs und stand vor dem verzauberten Puppenhaus. Die Ballerina war verstummt und stand regungslos auf dem Podest.
„KLARA-DENISE RICHARDSON.“
Wie spät war es? Großmutter rief nach ihr. Eilig sprang sie an den zugehüllten Gegenständen vorbei, die Treppe hinab in den Saal.
„Großmama, ich …“
„Fräulein Richardson. Die Mittagszeit ist seit dreißig Minuten um. Wo treibst du dich rum?“ Oma reichte ihr die Hände.
„Ich war im Schn…“, stockte Klara und blickte sie verträumt an.
„Du hast eisig kalte Finger“, dann stockte sie. „Aber … das Schn…“, grinste Großmutter nun verschwörerisch.
Von jenem Tag an besuchte Klara die Ballerina und verbrachte wundervolle Stunden im Schneemannland.
Nicole Schmieder ist staatlich examinierte Krankenschwester und wurde 1979 in Bayern geboren. Heute lebt die Autorin mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Nähe von Stuttgart. Schon als Kind liebte sie Geschichten und las mit den Jahren sehr viele Bücher. Dies inspirierte sie, ihre Leidenschaft umzusetzen, und fortan widmete sie sich einer Schreibausbildung. Gegenwärtig sind ihre Kurzgeschichten in diversen Anthologien zu finden und sie betätigte sich als Rezensentin für verschiedene Buchverlage.
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Der ist echt!
Am Nikolaustag sammelt der Nikolaus bei den Kindern die Wunschzettel ein. Das ist der letzte Termin. Immerhin muss er zusammen mit seinen Helfern ja noch die Geschenke basteln. Und dann noch alle Geschenke auf den Wunschzetteln abhaken, damit nichts vergessen wird und auch alles richtig ausgeliefert werden kann. Anschließend wird alles in den jeweiligen Weihnachtssack verstaut und oben an dem Sack ein Schild mit dem Namen und der Anschrift der Familie befestigt.
Im letzten Jahr hatte ich die Gelegenheit, den Weihnachtsmann ein Stück des Weges am Heiligen Abend zu begleiten. Ich hatte die Aufgabe, ihm bei den Familien vor der Tür den richtigen Weihnachtssack auf die Schulter zu heben, bevor er klingelte oder an die Tür klopfte.
So war es auch bei der Familie Klapper.
Der Weihnachtsmann rückte seine Mütze gerade, strich sich den Bart und sagte dann, er könne nun den Sack auf den Rücken nehmen. Mit einem kräftigen „Hau ruck“ hob ich den Sack an. Mann oh Mann, war der schwer. „Da hat sich wohl einer aus der Familie Steine gewünscht“, stöhnte der Weihnachtsmann, als er mit beiden Händen über seine rechte Schulter griff und den oben zusammengebundenen Beutel zu fassen kriegte.
„Weihnachtsmann, sei mal bitte ganz still“, sagte ich. „Hörst du das auch?“
„Was soll ich hören? Drinnen bei Familie Klapper wird schon kräftig gesungen, das höre ich“, antwortete der Weihnachtsmann.
„Das meine ich nicht. Hörst du nicht das Ticken?“, hakte ich nach.
Der Weihnachtsmann lauschte. „Ja“, flüsterte er nach kurzer Zeit, „jetzt höre ich es auch. Was ist das?“
Uns beiden wurde es angst und bange. In einer Zeit, in der man leider viele unangenehme Dinge hört, kann man nicht wissen, ob da vielleicht etwas Gefährliches im Sack versteckt wurde. Der Weihnachtsmann bat mich, bei der Stelle anzurufen, die den Geschenkesack gepackt hatte. Ich tat es, aber leider ging um diese Zeit keiner mehr ans Telefon. Waren wohl alle selbst beim Feiern.
„Es hilft nichts“, sagte der Weihnachtsmann, „es ist spät und alle warten.“ Er klingelte bei Familie Klapper.
Es dauerte auch nicht lange, da wurde ihm geöffnet. Der Weihnachtsmann nahm auf dem Sessel Platz und hörte sich die Weihnachtslieder an, welche die Familie so fleißig geübt hatte. Der Weihnachtsmann hatte seine wahre Freude daran, wie schön die Familie singen konnte. Ein Weihnachtslied nach dem anderen wurde angestimmt. Der Weihnachtsmann sang fröhlich mit.
Währenddessen hatte ich mit meinem Handy bei der Polizei angerufen. Ich schilderte kurz, dass in einem Sack etwas merkwürdig tickte und dass ich um schnelle Hilfe bitten würde, da der Weihnachtsmann schon bei der Familie in der Wohnung sei. Der Polizist auf der Wache versprach, so schnell wie möglich zu kommen. Wir sollten nur nicht das Geschenk auspacken lassen und möglichst dort warten.
Ich klingelte bei Familie Klapper. Der Vater öffnete die Tür. Im Korridor bat ich ihn, dass er den Weihnachtsmann doch an die Tür holen solle.
Dies tat er auch. Ich flüsterte dem Weihnachtsmann leise ins Ohr, dass ich bei der Polizei angerufen und um schnelles Kommen gebeten habe. Er, der Weihnachtsmann, sollte darauf achten, dass das tickende Geschenk wenn möglich nicht verteilt und schon gar nicht ausgepackt werde. Der Weihnachtsmann versprach mir dies.
Wieder im Weihnachtszimmer angekommen, wollten die Kinder ihre Geschenke. Der Weihnachtsmann kam nun aber in Bedrängnis. Er musste irgendwie die Zeit überbrücken, bis die Polizei kam. Er erzählte, wie es heute bei den anderen Kindern zugegangen war, die er besucht hatte. Er erzählte ausschweifend von Familie Bremerich, die vier Kinder hat. Jedes einzelne Geschenk wurde erläutert.
Noch keine Polizei da.
Dann schilderte er seine Erlebnisse bei Familie Kummer. Und während er die Puppenkleider von Elsbeth Kummer beschrieb, klingelte es.
„Nanu“, sagte Vanessa, die kleine Tochter, „kommt da etwa noch ein Weihnachtsmann? Mir soll’s recht sein. Vielleicht packt der seinen Geschenkesack schneller aus. Ich mach mal auf.“ Sie sprang zur Tür, öffnete und erschrak. Kein Weihnachtsmann stand vor ihr, sondern ein Polizist.
„Wo ist der Weihnachtsmann, wo ist der Geschenkesack?“, stieß er hastig hervor.
Das hörte der Weihnachtsmann und kam sofort, den schweren Sack hinter sich her ziehend, in den Korridor. „Da ist er. Hören Sie nur.“
Der Polizist lauschte.
„Ja, Sie haben recht. Es tickt merkwürdig.“
Das Gespräch auf dem Korridor veranlasste nun auch den Rest der Familie, zur Tür zu kommen. Mein Gott, war das voll in dem kleinen Flur: Jeder wollte nach vorn, jeder wollte genau sehen, was sich dort im Sack tat.
Oma, die nicht ganz so stabil auf den Beinen war, fiel beinahe um und konnte nur mit aller Kraft von Opa aufgefangen werden, der dadurch selbst ins Straucheln kam und Halt am Telefonbord fand. Dabei löste sich das Brett aus der Wand. Knall, bumm landete das Telefonbord samt Telefon auf dem Boden. Die Mutter bückte sich, um Brett und Telefon wieder aufzuheben. Beim Aufrichten stieß sie allerdings mit dem Kopf an den Schreibblock des Polizisten, der gerade den Sachverhalt notieren wollte. Aus dem Wort „tickt“ wurde nur ein langer Strich quer über das Papier, sodass die fast voll beschriebene Seite des Protokolls nicht mehr zu verwenden war und der Polizist mit rotem Kopf das Blatt abriss und von vorn mit seinen Notizen anfangen musste.
„Ich setze mich am besten an einen Tisch“, sagte er mürrisch. Er versuchte, sich den Weg in die Küche zu bahnen. Dabei stieß er aus Versehen sehr heftig mit dem Weihnachtsmann zusammen. Dieser torkelte wie ein angeschlagener Boxer hin und her und drohte nun wie bei einem K.O. in sich zusammenzusacken. Der Vater streckte schon die Arme aus, um ihn aufzufangen. Der siebenjährige Sohn Chris aber fasste beherzt nach dem Bart des Weihnachtsmannes und zog ihn daran nach vorn.
Durch den Schmerz kam der Weihnachtsmann gleich wieder zu sich. Er schüttelte sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kam, schob seine Mütze zurecht und verlangte nach einem Stuhl. Dort erholte er sich ziemlich schnell.
Nachdem der Polizist in der Küche den Fall nochmals notiert hatte, griff er beherzt in den Sack, holte das tickende Päckchen heraus und las das anhängende Kärtchen. Dann sagte er zur Oma, dass sie leider das Geschenk nicht erhalten könne, da er es zum Revier mitnehmen müsse. Da war die Oma aber traurig. Er fügte noch hinzu, dass sie es ja nach den Feiertagen abholen könne, wenn es sich als ungefährlich entpuppt. Dann fuhr er mit dem Päckchen zurück zu seiner Polizeiwache.
Es wurde dann aber doch noch ein gemütlicher Weihnachtsabend. Und was konnten die Kinder am ersten Schultag nach den Weihnachtsferien alles in der Schule berichten! Stolz erklärte Chris der Lehrerin und allen Mitschülern: „Es gibt ihn doch, den Weihnachtsmann. Er war bei mir. Ich habe immer gedacht, der Vater meines besten Freundes spielt Weihnachten bei uns den Weihnachtsmann. Aber der hat keinen weißen Bart. Und wenn er es gewesen wäre, dann hätte doch der Bart abgehen müssen, als ich ihn daran festgehalten habe. Ging er aber nicht. Der war tatsächlich echt.“
Und dann erzählte er die ganze chaotische Begebenheit.
Charlie Hagist ist 66 Jahre alt. Er ist seit 44 Jahren verheiratet und hat ein 13-jähriges Enkelkind, für das er seit seiner Pensionierung gerne Geschichten schreibt. In seinen kleinen Geschichten versucht er immer, ein Thema kindgerecht zu verpacken
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Die Weihnachtssabotage
Schneeflocken fielen in der kalten Luft zu Boden. Mindestens ein Meter dieses Wintertraums überzog das Land. Die Wolken hingen an diesem Abend tief, nur ab und an rissen sie auf und zeigten den sternenübersäten Himmel. Diesen Blick in das Firmament bekam man einzig und allein, wenn man abgelegen von jeder Zivilisation war.
Trotzdem sah man hinter einem Hügel Rauchsäulen aufsteigen, die auf Leben hindeuteten. Oder?
Das Klingeln von Glöckchen unterbrach die Stille. Es kam von einem Schlitten, der von Schneefüchsen gezogen wurde und die Anhöhe hinaufpreschte. Der Rodelschlitten war beladen mit Holz und der Fahrer war kein Mensch. Eher ein Menschlein, klein wie ein Kind.
Nichtsdestotrotz erkannte man, das er ausgewachsen war, denn er trug ein Kinnbärtchen. Es handelte sich um einen Elf, ein dicker Wollmantel schützte ihn vor der Kälte, ebenso eine Mütze, welche ihm ins Gesicht hing. Sein Name war Buttercreme, und obwohl er ihn hasste, hörte er jederzeit darauf. Seine Laune war miserabel, da er hinausgeschickt wurde, um Holz zu holen. Das war eigentlich Arbeit für die Anfänger. Allerdings konnte der Weihnachtsmann sehr überzeugend sein.
Buttercreme spornte noch einmal die Füchse an. An der Kuppel des Hügels angekommen, blickte man hinab in ein kleines Tal. Darin stand ein Fachwerkhaus mit unzähligen Schornsteinen, aus denen es qualmte. Der Wind blies heute kräftig und wehte ihm ein Duft von Schokolade, Zimtwaffeln, Anisplätzchen und allem, was es an Weihnachten gab, entgegen. Dieser Geruch zauberte ein Lächeln in das grimmige Gesicht. Der Gedanke, dass er jetzt bald Feierabend hatte, machte ihn glücklicher.
Der Schneefall hatte nachgelassen, als er an der Einfahrt zum Haus ankam. Mit großen Buchstaben war zu lesen:
Am Nordpol 1
„Hallo Buttercreme!“, begrüßte eine rothaarige Elfe ihn. Sie hatte eine gekringelte Strumpfhose und ein braunes Kleid an.
„Hallo Zuckerwatte“, sagte er zu ihr und im gleichen Moment fragte er sich in Gedanken, wer sich ihre Namen ausgedacht hatte.
„Und gibt es etwas Neues da draußen?“
„Was soll es da geben? Schnee, Schnee und nochmals Schnee.“ Buttercreme sprang vom Schlitten und zog die Mütze aus. Er hatte ebenfalls rotes Haar und Sommersprossen im Gesicht, obwohl er noch niemals einen Sommer erlebt hatte.
„Schnee ist doch gut, oder? Stell dir vor, es wäre keiner mehr da.“
Er hatte keine Lust zu reden, winkte Zuckerwatte ab und ging in sein Zimmer. Aber dazu musste er erst durchs Haus des Weihnachtsmanns, wo die anderen Elfen wohnten. Es war wie eine große Familie, allerdings hatte Buttercreme die Nase voll. Nicht von den Elfen, aber von der Arbeit. „Ständig diese Spielzeuge machen, die von den Kindern auf der Welt nicht respektiert werden!“, dachte er wütend. „Meist werden die Sachen schon innerhalb von einem Tag mutwillig kaputt gemacht.“ Dies sah er nicht mehr ein. „Es kostete viel Mühe, die Spielsachen herzustellen und die Bälger zerstören alles. Der Weihnachtsmann äußert sich dazu in keinster Weise. Warum auch, er stellt die Spielwaren ja nicht her. Er hat nur einmal ihm Jahr Stress und wir, die Elfen?“ Schleunigst ging er durch den Flur und ignorierte die gut gelaunten Arbeitskollegen.
Erleichtert kam er in seinem Zimmer an und schloss fix die Tür hinter sich. Er atmete tief durch und kickte seine Schuhe in die Ecke. Anschließend machte er es sich in dem Sessel bequem und schaltete den Fernseher an. Eine Dokumentation erweckte sein Interesse. Es ging darum, warum Kinder keinen Bezug mehr zu ihren Sachen hatten und warum sie so aufgedreht waren. Forscher behaupteten, dass ihre Umwelt daran schuld war. Soviel geschah jeden Tag um die Kinder herum, sodass ihre Sinne die ganze Zeit über beansprucht waren. Dadurch wären sie überfordert – und das zeigte sich in ihrem übermütigen Verhalten.
Aber Buttercreme wusste den wahren Grund. „Die Bälger sind zu verwöhnt“, grummelte er vor sich hin. Ärger packte ihn erneut. Was konnte er bloß dagegen unternehmen? In zwei Tagen war Weihnachten. Ein schrecklicher Plan entstand in seinem Kopf.
Als er am nächsten Morgen zum Weckruf „Stille Nacht“ die Augen aufschlug, waren diese zwar rot unterlaufen, aber das Grinsen ließ nichts Gutes erahnen. Er stand auf und machte sich auf den Weg in die Werkstatt. Noch bevor er ankam, hörte er aufgeregte Schreie von den Elfen.
Er trat in die Arbeitsräume und erblickte sofort den Weihnachtsmann. Dieser trug eine normale Jeans und ein Holzfällerhemd, bloß der Bart und das Haar waren voll wie eh und je. „Was ist denn hier los, meine Freunde?“
„Weihnachtsmann, unsere Arbeit wurde sabotiert!“, sagte eine aufgebrachte Elfe.
„Inwiefern?“
„Holzspielzeug ist angesägt worden, Schrauben entfernt und ganz viele andere Sachen!“
„Was bedeutete das für uns?“, wollte er wissen.
„Das heißt, dass die ganze Arbeit umsonst war. Wir bekommen dies alles nicht mehr bis morgen repariert.“
„Das wäre ja schrecklich“, sagte er und blickte nachdenklich in den Raum. Dann fiel sein Blick auf den sommersprossigen Elf. „Buttercreme!“
Der Elf zuckte zusammen, als wäre er auf frische Tat ertappt worden. „Ja, Chef?“
„Komm mit mir. Du bist der Erfahrenste hier. Wir müssen eine Lösung finden.“
Er folgte dem Weihnachtsmann ins Büro. Dieser setzte sich an den Schreibtisch, der am Ende des Raumes stand. „Setzt dich, mein Freund“, sagte er zu dem Elfen.
Unbehaglich nahm dieser Platz und legte sofort los. „Also, Weihnachtsmann, das ist keinesfalls zu schaffen.“
„Uns bleibt keine Wahl. Wir müssen! Ich wäre der erste Weihnachtsmann, bei dem Weihnachten ausfällt, und glaub mir, das möchte ich nicht in meiner Chronik stehen haben. Es muss eine Möglichkeit geben!“ Er blickte gedankenversunken auf den Schreibtisch, in den ein Bildschirm eingelassen war, und Buttercreme rutschte unwohl auf dem Stuhl hin und her. Der Weihnachtsmann hob kurz den Blick und schaute auf den Elfen. „Schau dir das an“, sagte er schließlich. Buttercreme musste sich strecken, um zu sehen, was der Weihnachtsmann meinte. Beide schauten jetzt auf den Bildschirm.
„Was ist das?“, fragte der Elf.
„Hier beobachte ich die Kinder.“
Buttercreme sah einen Raum voller Kinder, in dessen Mitte ein Weihnachtsbaum stand. Zehn Kinder sangen fröhlich ein Lied – bis auf ein Mädchen, das sich Abseits aufhielt und traurig drein schaute.
„Was ist mit diesem Kind?“, fragte Buttercreme.
„Das ist Anna. Sie ist noch nicht lange in dem Kinderheim. Vor drei Monaten hat sie ihre Eltern bei einem Autounfall verloren. Jetzt hat sie niemand, der sich um sie kümmert.«
„Das ist ja furchtbar“, sagte der Elf betroffen.
„Ja, dieses Schicksal ist schrecklich und jetzt habe ich noch nicht einmal ein Geschenk für Anna, das sie ablenken könnte.“
Buttercreme war völlig elend zumute. An so etwas hatte er nicht gedacht. Er hatte stets nur ein Bild von Kindern, die keinen Respekt zeigten, im Kopf. Aber Anna ging ihm nicht aus dem Sinn. Er brach in Tränen aus. „Es tut mir so leid. Ich war es, der alles sabotiert hat. Ich dachte, die Kinder respektieren unsere Arbeit nicht. Ich wollte doch niemals ...“
Der Weihnachtsmann unterbrach ihn. „Schon gut, Buttercreme. Ich sehe, dass du es bereust und es dir leidtut.“
„Aber was ist mit den Geschenken?“, fragte der Elf und wischte sich die Tränen weg.
„Ich wäre doch nicht der Weihnachtsmann, wenn ich dieses Problem nicht in den Griff bekommen könnte.“ Der weiße Bart verzog sich zu einem Lächeln.
Im gleichen Moment riss eine Elfe die Tür auf. „Es ist alles repariert! Wie von Geisterhand!“
Der Weihnachtsmann zwinkerte Buttercreme zu. „Dann soll morgen Weihnachten stattfinden und Buttercreme begleitet mich.“ Der Elf war überrascht, dass er mitgenommen werden sollte.
Am nächsten Tag machte er sich mit dem Weihnachtsmann auf den Weg, um viele Kinder glücklich zu machen. Denn es gab nichts Schöneres.
Oliver Lehnert ist 34 Jahre alt und wohnt im Saarland. Zu seinen Hobbys zählen, neben dem Schreiben und Lesen, Fußball und Laufen. Bisher hat er einige Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht sowie auf seiner Facebook-Seite „Lesefelder“, auf der die User per Wahlverfahren die Themen der nächsten Kurzgeschichte mitbestimmen können. Oliver Lehnert arbeitet derzeit an seinem vierten Roman.
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Anakin
Als Anakin an einem Dezembermorgen die Augen öffnete …
„Ach wie ... schön.“ Er schaute mit leicht geöffneten Augen aus seinem Fenster, das umhangen war mit weißen Gardinen und blauen Pünktchen. Sein großer Teddy Charlie starrte auf ihn. „Hurra, Hurra!“ Stolpernd sprang Anakin aus seinem Bett, schmiss seine hellblaue Bettdecke auf den Boden und rief staunend: „Es schneit, es schneit.“
Er schnappte sich Charlie an seinem braunen Teddyarm und huschte fröhlich die Treppen runter. „Mama, es schneit.“
Seine Mutter, die zwei Tage vor Weihnachten noch einmal an Plätzchennachschub in der Küche hantierte, nahm Anakin in den Arm, streichelte ihm über sein blondes Haar und schaute ihm in seine strahlend blauen Augen „Ja, mein Schatz. Heute Mittag bauen wir einen großen Schneemann.“
Anakin konnte es kaum erwarten. Zwei Tage waren nun vergangen und heute war der Tag, auf den der kleine Anakin schon das ganz Jahr wartete. Heute war Weihnachten. Heute stand Anakin besonders früh auf. Eigentlich hatte er sich aber vorgenommen, ganz lange zu schlafen, damit es nicht so lange dauerte, bis er seine Geschenke bekommen würde. „UAAAAH …“ Mit einem großen Gähnen setzte er sich auf und zog verschlafen seine hellblauen flauschigen Pantoffeln an. „Endlich! Endlich! Charlie, heute ist Weihnachten.“
Mama und Papa hatten schon gemeinsam den Tisch gedeckt. Es roch nach frischen Brötchen und durch die Nase krabbelte ein süßer Zimtgeruch, der vom Tee kam. Liebevoll frühstückten sie zusammen und auch Charlie bekam seinen Stuhl – so wie jeden Morgen. Am Mittag dann ging es zum Schlittenfahren. Danach wurde ein zweiter lustiger Schneemann gebaut, damit der andere nicht so alleine stand. Das war sogar eine Schneedame mit einem roten Damenhut und einer pinken Schürze mit Herzchen darauf. Am Abend wurde ein riesiger Tannenbaum aufgestellt, der bis zur Decke reichte.
Mama, Papa, Anakin und natürlich, wer durfte nicht fehlen? Charlie! Er musste auch dabei sein und schaute zu, wie die Familie den Baum schmückte. Weihnachtskugeln in allen Farben, Zuckerstangen, Bonbons, eine wunderschöne Lichterkette: Der Baum war der schönste, den Anakin sich vorstellen konnte. Aber wo waren die Geschenke? Keine in Sicht. Anakin rieb sich am Kopf und wunderte sich.
Ein bisschen Zeit verging, dann gab es ein leckeres Weihnachtsessen. Danach spielten Mama, Papa und Anakin Spiele.
Auf einmal klopfte es an der Türe. Papa öffnete sie langsam. Wer war das?
Ein Weihnachtsmann mit einem langen Bart stand in der Türe mit einem riesigen Sack voller Geschenke. „G...Geschenke!“, rief Anakin glücklich. Darauf hatte Anakin das ganze Jahr gewartet, auf ein wunderschönes Weihnachtsfest. Er umarmte Mama und Papa überglücklich und hatte sogar Charlie einen ganz, ganz kurzen Moment vergessen. Was gibt es Schöneres als glückliche Kinderaugen an Weihnachten.
Mari Schwarzer
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Eine Heilige Nacht
„Nun ist der Winter da“, ruft Mama Iris und schaut ins Kinderzimmer, wo ihre beiden Kinder friedlich spielen. „Schaut mal aus dem Fenster, es schneit!“ Lara und Henning springen auf und laufen ans Fenster. „Oh, sind das aber dicke Flocken, da können wir bald Schlitten fahren, oder Mama?“
„Ja, morgen werden wir den Schlitten vom Dachboden holen oder ich sage es gleich dem Papa und bitte ihn, heute Abend den Schlitten zu holen. Dann sind wir ganz sicher, dass wir ihn morgen früh nehmen können. Ich bringe euch dann mit dem Schlitten zum Kindergarten, ist das ein Angebot?“ Die Kinder jubeln und tanzen vor Freude.
„In zehn Minuten wird zu Abend gegessen, also räumt auf und wascht euch die Hände.“ Mama geht zurück in ihre Küche und deckt den Tisch.
Es klingelt. „Das wird der Papa sein“, ruft Mama und geht die Tür öffnen. Nein, es ist Frau Nachbarin. „Guten Abend Frau Ludwig! Wie geht es Ihnen?“
„Ich bin hier, um Ihnen etwas Wichtiges zu sagen. Wir ziehen schon in zwei Tagen um. Nicht wie geplant nach dem Weihnachtsfest. Unser Großvater ist erkrankt und braucht unsere Hilfe. Jetzt muss alles schnell gehen.“
„Ja, dann wünsche ich Ihnen, dass alles so wird, wie Sie es sich wünschen“, antwortet Mama Iris. „Schade, dass wir Weihnachten nicht zusammen feiern können. Es wäre in diesem Jahr das vierte Mal. Unsere Zwillinge waren alle ein Jahr alt, als wir unser erstes Weihnachtsfest zusammen feierten. Das war immer sehr schön!“
„Die Wohnung ist schon wieder vermietet“, antwortet Frau Ludwig. „Wir kommen noch, um Auf Wiedersehen zu sagen. Bis bald. Tschüss.“
Frau Ludwig ist gerade gegangen, da kommt Papa ins Haus.
„Wir können gleich essen“, ruft Mama Iris und füllt die Teller mit Gemüsesuppe.
Am Tisch wird dem Papa erzählt, was sich bei der Familie Ludwig ereignet hat und dass sie schon in zwei Tagen auszieht. Der Papa ist erstaunt und meint: „Dann bin ich gespannt, wer unser neuer Nachbar sein wird. Freuen wir uns mal darauf.“
„Papa, kannst du uns den Schlitten vom Dachboden holen. Mama bringt uns morgen damit zum Kindergarten.“
„Na, klar doch. Die ganze Nacht wird es noch schneien. Es wird eine weiße Weihnacht geben.“
Am anderen Morgen sind die Kinder schon früh aus den Betten. Sie ziehen sich ohne Murren an und frühstücken sogar ordentlich. Sie wollen früh los. „Mama, wo ist der Schlitten?“, ruft Lara.
„Vor dem Haus. Seid ihr auch warm angezogen?“
„Natürlich“, ruft Henning. Er setzt sich seine warme Mütze auf und Lara wickelt sich einen weichen Schal um den Hals. Dann laufen sie los. Als Mama kommt, sitzen sie schon auf dem Schlitten. Dann geht es mit Hurra-Rufen los.
So wird es nun jeden Tag bis zu den Weihnachtsferien gemacht. Inzwischen sind die neuen Nachbarn eingezogen. Aber gesehen hat sie noch niemand.
„Vielleicht gehen wir mal einen Abend zu ihnen“, rät Papa Andi seinen Lieben.
Und so machen sie es. Gespannt stehen sie vor der Tür. Nach zweimaligem Schellen öffnet ein Mann die Tür. Er grüßt sehr freundlich und ruft laut seiner Frau zu: „Biana, wir bekommen Besuch! Bitte kommen Sie doch herein. Sie sind unser erster Besuch hier im neuen Heim. Wir sind sehr erfreut.“ Da er Englisch spricht, verstehen ihn nur Mama und Papa. Die Kinder stehen staunend daneben.
Vater Andi stellt seine Familie vor und dann kommt auch schon die neue Nachbarin mit einem Kind auf dem Arm. Ein anderes Kind hat sie an der Hand. „Das ist meine Frau Biana und meine Kinder Sabia und Lucas. Wir kommen aus Namibia. Es war eine weite Reise hierher. Ich habe hier in Deutschland eine gute Arbeit gefunden als Ingenieur und meine Frau ist Lehrerin. Vielleicht kann sie demnächst hier in der Schule Englischunterricht geben. Wir müssen uns noch an Vieles gewöhnen. Alles ist neu für uns. Auch der Schnee und die Kälte.“
Die Kinder laufen gleich ins Kinderzimmer. Alle Spielsachen werden ausgiebig angeschaut. Sie verstehen sich auch ohne gemeinsame Sprache.
Die Erwachsenen gehen ins Wohnzimmer. „Ich heiße Sie als unsere neuen Nachbarn herzlich willkommen“, sagt Vater Andi. Sie geben sich freundschaftlich die Hände und lächeln dabei. Sie reden noch eine Weile zusammen, unter anderem auch über das bevorstehende Weihnachtsfest. Weil die Kinder ins Bett müssen, verabschieden sie sich bald.
Zu Hause angekommen meint der Vater: „Da haben wir nette Nachbarn bekommen, was meinst du, Iris?“
Nun mischen sich die Kinder ein: „Uns fragst du gar nicht. Wir haben schon Freundschaft geschlossen und ihnen versprochen, sie nach Weihnachten mit in den Kindergarten zu nehmen.“
„Ja, dann ist ja alles gut. Nun ab mit euch ins Bett, morgen reden wir weiter.“
Am anderen Morgen sitzen alle um den Frühstückstisch und beratschlagen, was noch zu tun ist, denn heute ist Heiligabend.
„Ich hole gleich den Tannenbaum und ihr helft mir beim Schmücken. Mama backt den Weihnachtskuchen und bereitet das Weihnachtsessen vor. Um fünf Uhr gehen wir alle in die Kirche. Was meint ihr zu meinem Vorschlag“, fragt der Papa.
„Ach, wir haben uns doch mit unseren neuen Freunden verabredet“, ruft Henning.
„Ja, du kannst ja rübergehen und sie fragen, ob sie mit uns in die Kirche gehen“, meint Mama Iris.
„Gute Idee“, ruft Papa und die Kinder laufen los.
Als sie zurück sind, strahlen sie und Mama sieht ihnen schon von Weitem an, dass sie Erfolg hatten.
Zwei Familien aus ganz verschiedenen Welten gehen zusammen in die Kirche. Sie verstehen sich gut und die Kinder hören den Vater sagen: „Wollen Sie nicht bei uns den Heiligen Abend verbringen? Das würde uns sehr freuen. Und die Kinder werden begeistert sein, wenn Sie Ja sagen.“
„Danke, wir nehmen Ihre Einladung gerne an“, antworten beide wie aus einem Mund. Und so feiern sie fröhlich den Heiligen Abend zusammen. Als die Lichter am Weihnachtsbaum angezündet werden, strahlen die Augen der Kinder. Sie sehen kleine Päckchen unter dem Baum liegen. Der Vater bückt sich und verteilt sie. Das ist für die Kinder der schönste Augenblick an Heiligabend. Danach werden viele Weihnachtslieder gesungen und Geschichten erzählt. Die neuen Nachbarn erzählen, wie man in Namibia Weihnachten feiert. „Bei uns ist es Weihnachten sehr heiß, wir haben oft 40 Grad im Schatten und die Kerzen müssen im Kühlschrank gelagert werden“.
„Oh, und wir ziehen dicke Pullover an und freuen uns, dass wir eine Heizung haben“, antwortet Vater Andi.
Alle sind glücklich, besonders die Kinder. Herzlich umarmen sich die beiden Familien und wünschen sich gegenseitig eine gesegnete Weihnacht. Gemeinsam singen sie, jeder in seiner Sprache: Stille Nacht, heilige Nacht.
Lore Buschjohann aus Gütersloh schreibt gerne Kindergeschichten. Einige dieser Geschichten wurden bereits in Anthologien veröffentlicht.
*
Weihnachtsbasar
Wenn es etwas gibt, worüber sich alle Kinder auf der Welt einig sind, dann bestimmt darüber, dass die Weihnachtstage zu den schönsten Tagen des Jahres gehören. Während jedes Kind an einem anderen Tag Geburtstag hat, so gibt es beim Weihnachtsfest einen Grund, sich gemeinsam zu freuen, Geschenke zu bekommen und selbst welche zu verschenken.
An diesen besonderen Tagen ist kaum ein trauriges Gesicht zu sehen. Es gibt mehr Kekse, als ein Kindermagen verträgt, funkelnde, selbst geschmückte Weihnachtsbäume und farbenfrohe Lichter, die jedes Fenster schmücken. Wer könnte auch nur daran denken, da Trübsal zu blasen?
„Wahrscheinlich bin ich im Moment das einzige traurige Kind auf der Welt“, dachte Kai missmutig, während er auf seinem Bett saß und aus dem Fenster hinaus in die Finsternis starrte.
Vor Kurzem hatte es angefangen zu schneien. Bestimmt kamen ihn morgen früh seine Freunde besuchen, um ihn zur ersten Schneeballschlacht des Winters abzuholen. Sein Blick verfolgte die dicken weißen Flocken, die stetig zu Boden fielen. Nicht sehr spannend, aber immer noch besser, als das große pinke Ungetüm anzustarren, das auf der anderen Seite seines Bettes auf ihn wartete.
Vor wenigen Stunden noch, als er mit seiner Familie unten im Wohnzimmer saß und darauf wartete, dass die Bescherung endlich anfing, hatte er an nichts anderes denken können. Das riesige Paket, auf dem in fetten schwarzen Buchstaben sein Name stand, zog seine Blicke magisch an. Vielleicht hätte ihn das rosa Geschenkpapier mit den aufgedruckten Feen stutzig machen sollen. Doch er dachte, es handle sich nur um einen kleinen Scherz, den sich der Weihnachtsmann erlaubt hatte.
Ha! Von wegen!
Anstatt der coolen Playmobil-Ritterburg oder des knallroten ferngesteuerten Autos, das ganz oben auf seiner Wunschliste stand, hatte er ein Pony geschenkt bekommen. Ein pinkes Stofftier-Pony mit riesigen blauen Glupschaugen und goldener Mähne. Schnell hatte sich das erwartungsfreudige Grinsen in eine enttäuschte Grimasse verwandelt.
„Das ist das letzte Mal, dass wir dein Geschenk beim Weihnachtsmann bestellen“, versuchte sein Vater ihn zu trösten. „Nach den Feiertagen fahren wir in den Spielzeugladen und du darfst dir ein neues Geschenk aussuchen.“
Das nutzte Kai in der jetzigen Situation überhaupt nichts! Was war nur passiert? Er hatte sich so bemüht, den Wunschzettel ordentlich zu schreiben. Konnte der Weihnachtsmann etwa seine Schrift nicht lesen? Oder gab es eine Verwechslung? Vermutlich würde er es nie erfahren.
Während er dasaß und in seinen traurigen Gedanken versank, sah er aus seinen Augenwinkeln, wie auf einmal ein gleißendes Licht mitten in seinem Zimmer auftauchte. Erschrocken zuckte er zusammen, zwang sich jedoch, genau hinzusehen, was geschah. Eine kleine rundliche Gestalt trat aus dem Lichtkreis hervor, schnaubte mehrmals und blickte den Jungen aus großen waldgrünen Augen an. Sie trug eine spitze Zipfelmütze und ein grünes Jäckchen. An ihren Beinen ringelte sich eine weiß-rote Strumpfhose empor, die aus spitzen, nach oben gebogenen Schuhen entwuchs.
„Ein Weihnachtself!“, entfuhr es ihm, ehe er sich beherrschen konnte. Hastig schlug er sich eine Hand vor den Mund, um das fremdartige Wesen nicht aus Versehen zu verärgern. Doch der Elf lächelte nur und verbeugte sich vor ihm.
„Ganz recht. Ich bin ein Weihnachtself“, verkündete er mit heller Stimme. „Und ich bin zu dir geschickt worden, um mich im Namen des Weihnachtsmannes zu entschuldigen. Uns ist ein schlimmer Fehler bei der Zuteilung der Geschenke unterlaufen.“ Sein Blick fiel auf das pinke Pony. Er blinzelte. „Ein wirklich schrecklicher Fehler“, fügte er hinzu.
Kai rümpfte die Nase. „Ist auch egal. Jetzt ist es zu spät, um etwas daran zu ändern.“ Aber ihm tat es schon leid, dass irgendwo auf der Welt ein kleines Mädchen vergeblich auf sein Stofftier gewartet hatte.
„Keinesfalls!“, rief der nächtliche Besucher aus. „Du ahnst ja gar nicht, wie anstrengend unser Job ist! Wir müssen jedem Kind auf der Erde ein Geschenk bringen. Wir arbeiten hart daran, unser System zu verbessern, aber der Weihnachtsmann ist auch nicht mehr der Jüngste und Fehler passieren eben. Auch bei uns. Deswegen möchte ich dich herzlich auf den Weihnachtsbasar einladen!“
Der Weihnachtself deutete auf den leuchtenden Kreis, in dem Kai die Umrisse mehrerer Personen erkannte. Es musste sich um eine Art Portal handeln, das mitten in seinem Zimmer schwebte. Aufgeregt klopfte das Herz in seiner Brust. Was hatte das Ganze nur zu bedeuten?
„Irgendwo dort ist das Mädchen, dem das Geschenk gehört“, erklärte der Elf. „Es heißt auch Kai, genauso wie du. Deswegen ist uns diese Verwechslung passiert. Wenn ihr euch findet, könnt ihr die Geschenke tauschen.“
Das ließ sich Kai nicht zweimal sagen. Hastig sprang er von seinem Bett, umfasste den Hals des Ponys mit beiden Armen und folgte seinem Besucher auf den Weihnachtsbasar. Ein Kribbeln überlief seinen Körper, als er das Portal durchschritt.
Danach schallte ihm eine wahre Geräuschwelle entgegen. Hunderte Kinder aus aller Welt standen hier beisammen, unterhielten sich und lachten gemeinsam. Mit großen Augen spähte er hinter dem Stofftier hervor, beobachtete das Geschehen neugierig.
Selten hatte er außerhalb eines Spielzeuggeschäfts so viele Spielzeuge auf einmal gesehen. Von geschnitzten Holztieren über funkelnden Plastikschmuck bis hin zu Spielkonsolen war wirklich alles da. Zwischen den Kindern huschten zahllose Weihnachtselfen umher, verhinderten, dass Streit ausbrach, und übersetzten Gespräche, wenn die Basargäste einander nicht verstanden.
Plötzlich spürte er, wie jemand am Hemd seines Pyjamas zog. Überrascht drehte er sich um und blickte in die dunklen fragenden Augen eines etwa sechsjährigen Mädchens. Schwarze Locken hingen ihm ins Gesicht. Auf seinem gelben Schlafanzug tanzten rosa Einhörner mit grünen Waldfeen.
„Ich bin Kai“, sagte das Mädchen. Anklagend zeigte es auf das Stofftier in seinen Armen. „Und du hast mein Pony.“
„Ich bin auch Kai“, gab er zurück. „Wo hast du mein Geschenk?“
Das Mädchen deutete auf ein rotes ferngesteuertes Auto, das in einiger Entfernung auf dem Boden lag. Ruckartig wurde das pinke Ungetüm aus seinen Fingern gerissen. Mit tapsigen Schritten rannte das andere Kind davon.
„Gerne geschehen!“, rief er ihr hinterher, erhielt jedoch keine Antwort. „Dann eben nicht.“
Mit einem Schulterzucken sammelte er sein hübsches, rotes Auto ein und mischte sich unter die anderen Kinder. Bestimmt durfte er noch eine Weile hier bleiben. Die Weihnachtselfen würden ihm schon Bescheid sagen, wenn er nach Hause zurück musste.
Lily Beier (geb. 1989) schreibt bereits seit vielen Jahren Geschichten. Besonders kreativ wird sie nachts, deswegen kommt ihr die Arbeit als Krankenschwester im Nachtdienst sehr gelegen. Mehr aus Interesse als aus Ehrgeiz studiert sie Germanistik und Geschichte in Bochum. Im Moment schreibt sie vor allem Kurzgeschichten.
*
Was macht Marie zu Weihnachten?
„Wer bist du?“, fragte Marie den Unbekannten ganz aufgebracht. Er sah ziemlich merkwürdig aus, ein brauner Bär, der nicht höher als bis zu ihren Knien reichte, mit einer großen roten Schleife um den Hals gebunden und einer großen Kristallkugel in der Hand, die hellrosa leuchtete.
„Mein Name ist Sorgenlos und ich bin hier, um dir zu helfen.“
Die kleine Marie staunte: „Warum denn?“
„Weil du ungeduldig bist, denn ich habe gesehen, wie du dich aufgeregt hast, weil du noch keine Geschenke bekommen hast.“
Tatsächlich war dem so. Heute war Heiligabend, doch die Geschenke durfte sie erst dann bekommen, wenn ihre Großeltern und ihre Tanten und Onkel bei ihnen angekommen waren. „Aber ich möchte jetzt schon meine tollen Geschenke!“, jammerte Marie uneinsichtig.
Der Bär seufzte darauf nur. „Damit du siehst, wie viel das Christkind an diesem Tag zu tun hat, werde ich dich jetzt mit zu ihm nehmen!“
Noch bevor Marie etwas sagen konnte, erstrahlte die Kugel ganz hell und verschlang die beiden im Nu. Nur Sekunden später stand sie schon auf einer der großen Wolken, die den Nachthimmel bedeckten. Wenn man an Weihnachten und die Heimat vom Christkind dachte, verband man es sofort mit einer großen Stadt, umgeben von zahllosen Süßigkeiten – und erst das große Schloss, in dem es wohnen sollte! Doch nichts lag ferner als die Annahme, dass das Christkind eitel und von glitzernden Dingen umgeben sei. Das Gegenteil war der Fall, was Marie gleich erkannte, denn Bescheidenheit war seine Tugend.
Vor ihren Augen stand das Christkind in einem normalen Zimmer und war höchstpersönlich damit beschäftigt, die Liste mit den Kindern der ganzen Welt durchzugehen.
„Hallo, Marie, ich habe dich bereits erwartet.“ Der Engel guckte sie freundlich an, eine ähnliche Kristallkugel haltend wie der Bär. „Es freut mich, dass du hier bist. Du bist heute Abend aber ziemlich ungeduldig gewesen, nicht wahr?“
Marie war es auf einmal unangenehm, dass sie nicht warten konnte, aber sie wollte doch schon so gerne die tollen Geschenke haben!
„Nun, wie du siehst habe ich viel zu tun und kann nicht überall gleichzeitig sein, das verstehst du doch?“
Marie war ihr Benehmen plötzlich so peinlich, dass sie beschämt zu Boden sah.
„Weißt du, wie ich das mit den Geschenken mache?“ Neugierig blickte das Mädchen nun hoch. Mit einem kurzen „Ich zeige es dir!“ hob er vorsichtig die Kristallkugel in seiner Hand auf Maries Augenhöhe. Viele traurige Gesichter, voll Kummer und Sorgen, guckten ihr entgegen. „Diese Kinder, die du hier siehst, haben es sehr schwer in ihrem Leben, sie haben keine Eltern und auch kein eigenes Zuhause, sie leben in Heimen oder gar auf der Straße.“
Marie war den Tränen nahe, denn so hatte sie es noch nie gesehen, dass es anderen Menschen schlimmer ging als ihr.
„Diese kleinen Seelchen bekommen die Geschenke zuerst. Es ist wichtig, ihnen unsere Liebe zu zeigen“
Der Blick war sanft, als er Marie anschaute. „Ich bin mir sicher, dass du nicht mit Absicht so ungeduldig bist, trotzdem musst du eines verstehen: Jeder hat es verdient, etwas Besonderes zu Weihnachten zu bekommen, egal ob reich oder arm, ob groß oder klein.“ Tränen kullerten Maries Wangen hinunter.
„Tut mir leid!“ Sie sah ein, dass es sehr unfair von ihr gewesen war – sie war wichtig und sonst keiner. Das Kind war freudig überrascht, als das Christkind es liebevoll umarmte.
„Schön, dass du es jetzt verstehst, aber es ist spät geworden. Du musst nach Hause.“
Da kam dem Mädchen plötzlich eine grandiose Idee! „Ich möchte dir bitte helfen!“ Die Kleine wollte ihr Fehlverhalten wiedergutmachen. Die anderen Kinder auf der Welt sollten ein genauso schönes Weihnachten haben wie sie.
Nach kurzem Überlegen willigte das Christkind ein. „Gut, dann lege jetzt bitte deine Hand auf die Kristallkugel und schließe dabei ganz fest die Augen.“
Ohne groß darüber nachzudenken, tat es Marie und gleich darauf durchströmte sie eine wohlige Wärme, die sie nie zuvor verspürt hatte. Glück und Freiheit beherrschten sie stärker als zu Beginn ihrer großartigen Reise zum Christkind.
Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, in der sie leichtfüßig schwebte, doch in Wahrheit dauerte es keine zwei Sekunden. Sie spürte wieder festen Boden unter sich. Langsam und vorsichtig öffnete sie ihre Augen.
Das Zimmer hatte sich schlagartig verändert. Es stand kein Christkind mehr neben ihr, sondern ein bescheiden geschmückter Christbaum – wenn man das kleine, dürre und kahle Etwas denn einen Baum nennen konnte. Neugierig blickte sie umher und entdeckte, dass sie ein kleines Geschenk in den Händen hielt.
„So macht das Christkind das!“, staunte sie und schlich auf leisen Pfoten zum Baum, doch der Boden knarrte so laut, dass sie kurz innehielt und nach Geräuschen von den Hausbewohnern lauschte. Als jedoch nach gut einer Minute nichts Verdächtiges zu hören war, fuhr sie mit ihrem Auftrag fort. Sie kam nicht weit, da hörte sie jemanden hinter sich nach Luft schnappen.
„Wer bist du?“
Erschrocken fuhr Marie herum und sah in das verblüffte Gesicht eines kleinen Jungen. Er war kaum jünger als sie selbst.
„Ich bin nur ein Traum“, log sie schnell und vollführte einen Tanz, den sie für ein Theaterstück in der Schule einmal einstudiert hatte. Und das sollte ein Geistertanz sein? Sie glaubte selbst nicht mal daran und den Jungen schien es auch nicht zu überzeugen.
„Nein, du bist echt“, stutzte der Kleine, ehe er etwas zaghaft auf Marie zuging. „Du hilfst dem Christkind, oder?“ Seine kindliche, aufrichtige Neugier beeindruckte das Mädchen sehr, doch etwas in seinem Blick verriet auch seine Trauer.
Erst jetzt nahm Marie das Zimmer genauer unter die Lupe. Die Wände könnten neue Farbe gebrauchen, von dem abgenutzten Teppich mal ganz abgesehen. Der Vorhang war halb abgerissen und die Möbel standen zusammengewürfelt im Raum. Alles hier wirkte alt und ungeliebt.
Marie konnte die nächsten Worte kaum aussprechen, als sie in die großen und unschuldigen Augen des Jungen sah. „Ja, ich helfe, die Geschenke auszuteilen.“ Wenn sie schon dachte, dass die Sonne hell leuchten konnte, so war es nichts im Vergleich zu der strahlenden Freude des Jungen.
„Das ist ja toll!“ Marie war sich sicher, ihr würden heute noch Tränen die Wangen hinunterlaufen.
„Wie heißt du denn?“, fragte sie und kniete sich vor ihm hin. Er war etwas kleiner als sie, bemerkte das Mädchen.
„Leon“, sagte er freudig.
„Gut, du scheinst brav gewesen zu sein, also habe ich ein schönes Geschenk für dich.“
Der Junge freute sich riesig, als er vorsichtig das Paket öffnete und hineinblinzelte.
„Ein Fußball! So einen habe ich mir schon so lange gewünscht!“ Obwohl sich Marie nichts daraus machen konnte, schien es für Leon alles zu bedeuten. „Mein Papa wollte mir immer schon einmal zeigen, wie das Fußballspielen geht, doch er schaffte es leider nicht mehr.“ Sie erkannte, dass Leon nun Tränen in die Augen traten.
Marie wollte noch so viel fragen, sie wollte mehr von ihm wissen.
Warum war dieses einfache Geschenk so wichtig?
Und was war mit seinem Vater geschehen?
War er einer jener Kinder, die keine unbeschwerte Kindheit hatten?
Doch bevor sie sich richtig verabschieden konnte, wurde sie wieder von diesem warmen Licht umgeben und aus dem Raum gezogen. Marie würde sich noch lange an das Gesicht des Jungen erinnern und auch an all jene Erfahrungen, die sie beim Christkind erlebt und mit nach Hause genommen hatte.
Michaela Secklehner (26) aus Sankt Georgen an der Gusen stammend, wurde zu Weihnachten das Christkind als Glaubenssymbol gelehrt und in ihrem Heimatland Österreich ist es besonders geschätzt. Deshalb bekam dieser Engel eine große Rolle in ihrer Kurzgeschichte. Nicht nur Malen (mittels Leinwand und Acrylfarben) und Zeichnen (vor allem mit Bleistift und Kohle) gehören zu ihren Leidenschaften, in ihrer Freizeit widmet sie sich auch dem Theaterspielen sowie dem Schreiben von Kurzgeschichten. Einige von ihnen wurden schon in Anthologien veröffentlicht.“
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Der Schneeflockenwunsch
Emma saß an ihrem Fenster und schaute dem Treiben der Schneeflocken im kalten Winterwind zu. Es sah fast so aus, als würden sie tanzen und als würden es immer mehr kleine Tänzer werden, je weiter Emma nach oben in den Himmel schaute. Emma musste lachen, als plötzlich eine freche Schneeflocke direkt vor ihr auf der Scheibe landete und genau dort kleben blieb, wo Emma ihre Nase gegen das Glas gedrückt hatte. Doch dann erschrak Emma, als sie das Bimmeln der Glocke hörte, das sie und die anderen Kinder im Waisenheim daran erinnerte, dass es jetzt Zeit fürs Abendbrot war.
Emma ging aus ihrem Zimmer und kam auf dem Flur an dem Tannenbaum vorbei, den die Kinder erst gestern alle zusammen geschmückt hatten. Emma hatte dieses Jahr etwas ganz Besonderes an den Baum gehängt. Es war ein kleiner goldener Engel in einem weißen Kleid, das ganz besonders schön funkelte und über und über mit goldenem Glitzerpuder bedeckt war.
Der Engel war das letzte Geschenk gewesen, das Emma von ihrer Mutter bekommen hatte, und nun leuchtete er dort oben am Baum und Emma meinte, dass er viel hübscher war als all das Lametta und die Christbaumkugeln und die kleinen Weihnachtsmannfiguren zusammengenommen.
Emma ging weiter in den Speisesaal, wo sie ihre Nase erwartungsvoll in die Luft streckte. Emma hoffte, dass es nach frischen Plätzchen und leckerem Weihnachtsessen duften würde, denn heute war nicht einfach irgendein Abend, heute war einer der schönsten Abende im ganzen Jahr – heute war endlich Heiligabend.
Doch als sie auf den langen, gedeckten Tisch schaute, sah sie bloß einen Teller Suppe, die es jede Woche einmal im Waisenheim gab. Enttäuscht löffelte Emma ihre Suppe. Nach dem Essen sangen alle ein Weihnachtslied und es gab noch eine kleine Weihnachtsgeschichte.
Aber Emma konnte gar nicht mitsingen und auch von der Geschichte bekam sie nur die Hälfte mit. Sie war plötzlich sehr, sehr traurig und vermisste ihre Eltern so sehr. Sie musste an ihre Mutter denken, die an Heiligabend immer alle Hände voll damit zu tun gehabt hatte, Emmas Lieblingsgericht zu kochen, die Kerzen am Weihnachtsbaum anzuzünden, Vatis Krawatte ordentlich zurechtzurücken und die letzten Vorbereitungen für die Bescherung zu treffen.
Zur Weihnachtszeit roch es immer ganz besonders herrlich bei Emma zu Hause, nach frisch geschälten Mandarinen, süßen Plätzchen und warmem Weihnachtstee. Und an Weihnachten durfte Emma immer so lang aufbleiben, bis alle Geschenke ausgepackt, die letzten Plätzchen genascht und die letzten Kerzen ausgegangen waren und ihr vor Müdigkeit langsam die Augen zufielen. Hier im Waisenheim gab es keine Bescherung und alle Kinder wurden, nachdem die Weihnachtsgeschichte vorgelesen war, in ihre Betten geschickt.
Doch Emma konnte heute Abend nicht einschlafen. Sie spürte einen dicken Kloß im Hals und sie drehte sich hin und her, drückte die Augen ganz fest zu und zählte Schäfchen, aber nichts half. Um endlich an etwas anderes denken zu können, beschloss sie, noch einmal aufzustehen und raus auf den Flur zu gehen. Ganz dunkel war es da jetzt, bis auf einen kleinen leuchtend goldenen Punkt.
„Was ist denn das?“, dachte Emma und ging langsam auf das leuchtende Etwas zu. Da erkannte sie, dass es der kleine Engel war, den sie an den Weihnachtsbaum gehängt hatte. Sein Kleid funkelte noch mehr als vorhin und – Emma musste sich die Augen reiben – lächelte der Engel tatsächlich? Aber ja, ganz eindeutig und jetzt streckte er auch noch seine kleine Hand aus, schwebte auf Emma zu und legte seine kleine zarte Hand auf Emmas.
„Komm mit“, sagte der Engel, „ich möchte dir etwas zeigen.“ Emma wusste nicht recht, wie ihr geschah, aber bald war sie mit dem Engel zusammen draußen zwischen den schön tanzenden Schneeflocken und der Engel, der ihr jetzt viel größer vorkam als vorhin, nahm sie bei der Hand und stieg hoch mit ihr in die Luft.
Emma sah alles von ganz weit oben und die Häuser sahen unter ihr aus wie kleine Spielzeughäuschen. Überall leuchteten kleine Lichter und die Bäume trugen alle eine dicke Mütze aus Schnee. Emma lachte vergnügt und konnte sich gar nicht sattsehen, bis der Engel zur Landung ansetzte. Sie landeten mitten auf einer kleinen Lichtung. Emma sah sich um. Um sie herum war dunkler Wald, aber auf der Lichtung war es hell und alles schimmerte in einem silbrigen Licht.
„Das ist ein Zauberort, liebe Emma“, sagte der Engel. „In der Weihnachtsnacht sind alle Schneeflocken verzaubert und du darfst dir heute Nacht eine Schneeflocke fangen und dir dann etwas wünschen. Es wird ganz sicher in Erfüllung gehen.“
Emma überlegte kurz, aber dann wusste sie sofort, was sie sich wünschte. Nun musste sie nur noch eine ganz besonders schöne Schneeflocke für ihren Wunsch fangen. Sie lief auf der Lichtung auf und ab und versuchte, sich eine Flocke auszusuchen, aber jede einzelne glitzerte wunderschön und sie waren alle viel zu schnell, sodass Emma schon fast aufgeben wollte, als plötzlich eine Schneeflocke direkt auf ihrer Nase landete.
Erleichtert schloss Emma ihre Augen und sprach leise ihren Wunsch aus: „Ich wünsche mir, dass mich der Engel von jetzt an jede Weihnachten besuchen kommt und ich dann nie mehr so traurig sein muss wie heute Abend.“ Sobald Emma das gesagt hatte, schmolz die Schneeflocke auf ihrer Nase und Emma wurde ganz leicht ums Herz, und obwohl es immer doller schneite, war ihr überhaupt nicht kalt.
Der Engel lächelte: „Das war ein guter Wunsch, liebe Emma, ich verspreche dir, er wird in Erfüllung gehen.“ Und mit diesen Worten nahm er sie wieder bei der Hand und sie flogen zurück ins Waisenheim, wo Emmas Bett schon auf sie wartete. Müde, aber glücklich kroch Emma unter die warme Decke und konnte nun endlich zufrieden einschlafen.
Lena Wrba ist zwanzig Jahre alt und angehende Geografiestudentin. Zurzeit wohne sie in Sulzbach am Taunus, also ganz in der Nähe von Frankfurt. Für ihr Studium wird sie allerdings nach Marburg ziehen. Sie schreibt unheimlich gern und ihr berufliches Ziel ist es deshalb auch, Journalistin zu werden. Veröffentlicht hat sie bisher nicht. Ansonsten fotografiert sie gerne, reist so viel, wie möglich, geht, mit ihrem Hund Gassi oder trifft sich mit Freunden. Und natürlich liebt sie Weihnachten mit allem Drum und Dran: Plätzchen, Weihnachtsmarkt, Geschenke und das Wichtigste – die Familie.
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Der heilige Stern
Mein Name ist Isalia. Ich bin ein Mensch, was wahrscheinlich kein Wunder ist, und lebe seit siebzehn Jahren auf der Erde. Meine Eltern haben mich schon lange verlassen, aber mein Leben ist in Ordnung. Naja, zumindest fast. Ich bin alleine. Denn ich bin anders. Meine Haare sind so hell, dass sie nahezu so weiß wie Schnee sind. Und nicht, dass ich falsch verstanden werde, ich finde sie schön. Aber ich steche eben heraus.
In der kleinen Stadt, in der ich lebe, kennt mich jeder. Es ist nicht wirklich schlimm für mich, wenn sie mich nicht beachten oder über mich reden, wenn ich sie nicht hören kann; nur, was mich verletzt, ist diese Einsamkeit. Gerade jetzt, wo doch in zwei Wochen die Heilige Nacht ist. Alle reden aufgeregt und haben Wünsche, sind bei ihren Familien und geliebten Menschen, kaufen und lachen. Sie haben Glück. Ich beneide sie seit einigen Jahren darum. Ich möchte diesen Tag vergessen. Das Fest der Liebe, der Zweisamkeit, der Freude und der Geschenke.
Mein langer, grauer Rock schleifte auf dem schneebedeckten Boden, bei jedem Schritt hörte ich meine Schuhe die Steine berühren, mein Tuch war eng um meinen Oberkörper gewickelt, doch fror ich trotzdem. Der Wind, mit dem der Schnee in großen tanzenden Flocken herbeigeweht kam, war kalt und unnachgiebig in dieser Nacht. Kein Mond, keine Sterne, der Himmel war schwarz wie Pech. Der Schnee fing an, immer dichter im Licht der Kerzen an den Häusern wunderschön wie kleine Feen zu fallen, und gleichzeitig wurde meine Sicht schlechter und schlechter. Es würde zu lange dauern, bis ich es zu meinem Haus geschafft hätte, das wusste ich, also suchte ich einen Unterstand. Doch auch als ich unter dem Laken Schutz gefunden hatte, das über einer Gasse gespannt worden war, zitterte ich weiter. Die Temperatur sank sicher schon wieder. Es war ein wirklich kalter Winter, der erste seit Jahren.
Auf einmal hörte ich eine Stimme hinter mir. Ich erschrak und fuhr herum.
„Junge Dame, es ist gefährlich für jemanden, wie Sie es sind, hier draußen bei Nacht“, sagte der Mann mit den braunen Haaren, eingehüllt in Tücher und einen Mantel.
„Ja. Ich habe wohl die Zeit vergessen“, antwortete ich, während er näher kam. Er hatte blaue Augen, die mich zauberhaft ansahen.
„Ihre Eltern machen sich sicherlich Sorgen um Sie. Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie zu Ihrem Haus“, bot er an. Er wirkte nett, aber gleichzeitig so anders. Doch er gefiel mir.
Ich nickte und er bot mir seinen Arm als Stütze an, während wir uns durch den Schneewind kämpften.
„Ich danke Ihnen“, sagte ich und lächelte, als er mich schweigend nach Hause gebracht hatte. Auch er lächelte, verabschiedete sich mit den Worten: „Für einen Engel auf Erden tu ich alles. Zur Weihnacht werden doch alle Engel gebraucht“, und ging.
Zum ersten Mal nannte mich jemand Engel. Ich war so glücklich. An diesem Tag hatte sich mein Wunsch für die Heilige Nacht verändert.
In den beiden nächsten Wochen sahen wir uns oft. Jeden Tag und jede Nacht. Er kam von weit weg und seine geheimnisvolle Art zog mich magisch an. Wir gingen durch die Stadt und sahen uns die Läden an, während wir die Menschen beim Kaufen beobachteten, selbst die schönen Dinge ansahen, redeten und redeten. Ich erzählte von meinen Eltern und er, dass er bald weg müsste. Nach Hause. Denn er kam nicht von hier. Nicht aus dieser Welt. Doch das war mir egal. Er war wie ein Wunder für mich.
Am Tag vor der Heiligen Nacht, an dem alle im Warmen saßen, mit lieben Menschen zusammen, waren er und ich draußen. Wir spazierten, ich in seinem Arm, über eine Wiese und sahen in den Himmel. Schon am Tag zuvor hatte es aufgehört zu schneien.
„Siehst du diesen Stern?“, fragte er.
„Den da?“ Ich zeigte in den klaren Himmel.
Er nickte. „Dort ist meine Welt. Ich werde sie dir zeigen. Sie wird dir sicher gefallen.“
Ich lächelte. Er war besonders und das sagte er auch über mich. Er war kein Mensch, er war besser.
„Ich habe noch nie einen Menschen so begehrt wie dich“, flüsterte er und küsste mich auf die Stirn. „Hast du einen Wunsch für die Heilige Nacht?“
„Ja. Ich will für immer bei dir bleiben“, sagte ich und sah in seine blauen Augen.
„Dann soll das mein Geschenk an dich sein. Wir werden auf ewig zusammenbleiben.“ Noch einmal küsste er mich auf die Stirn. „Du bist mein heiliger Stern. Du erleuchtest diese Heilige Nacht.“
Ich schloss die Augen. „Ich danke dir. Ich liebe dich.“ Schnee fiel und umtanzte uns. Wie magische Funken aus seiner Welt, Glitzer von strahlenden Blumen im Himmel.
In dieser Weihnachtsnacht erfüllte sich mein Herzenswunsch. Ich hatte jemanden gefunden, der bei mir bleiben würde. Und er hielt sein Versprechen. Sicher, wir hatten kein Wissen darüber, was alles passieren würde, was zwischen uns stehen würde.
Doch jedes Jahr zur Heiligen Nacht sahen wir in den Himmel. Viele Jahre nicht zusammen, doch Jahrtausende später standen wir das erste Mal wieder hier, Arm in Arm und küssten uns zur Heiligen Nacht unter dem Licht des heiligen Sterns. Es war unsere Nacht auf ewig. Das war unser Geschenk.
Katja Heckendorf ist 17 Jahre alt, besucht ein Gymnasium und kommt aus Delingsdorf. Ihre Hobbys sind Tanzen, Singen, ihre Tiere und Schreiben. Neben Gedichten für Anthologien schreibt sie Lieder und Geschichten. 2012 wurde ihr erstes Gedicht veröffentlicht.
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Weihnachtsabend
Ein dicker Mann mit weißem Bart, in rotem Gewand,
soeben blitzschnell durch unseren Kamin entschwand.
Er trug einen langen Mantel mit weißem Flauschsaum.
Sah es zwar selbst, aber glauben konnte ich es kaum.
Was wollte der Mann im festlich erleuchteten Raum?
Und was liegt da unterm bunt geschmückten Tannenbaum?
Hübsch verpackte Geschenke liegen dort in der Nacht.
Die hat wohl der heimliche Besucher mitgebracht?
Höre ein Rumpeldipumpel auf unserem Dach.
Frage mich noch, woher kommt nur dieser laute Krach?
Dann Getrippel, Getrappel, Getrippel, Getrappel.
Vernehm ich auch schon ein schnelles Hufgetrappel.
Plötzlich ertönt Glöckchenklang hoch am Sternenhimmel.
Woher kommt bloß dieses melodiöse Gebimmel?
Ich lauf auf die verschneite Straße, so schnell ich kann.
Wen seh ich da im Rentierschlitten? Den Weihnachtsmann.
Susann Scherschel-Peters, 1975 geboren, ist Diplom-Pädagogin, ausgebildete Trauerbegleiterin und arbeitet hauptberuflich im Beratungsbereich. Als Autorin schreibt sie Kurzgeschichten, Märchen, Gedichte und Elfchen, die bereits in verschiedenen Anthologien veröffentlicht wurden. Zudem ist sie nebenberuflich als Dozentin (Themenschwerpunkt: Trauer um Haustiere) tätig. Ehrenamtlich begleitet sie eine Trauergruppe und liest in einem Seniorenheim Geschichten, Märchen und Gedichte vor. Zusammen mit ihrem Mann und ihrer Hundedame „Baby“ lebt sie in Frankfurt am Main.
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Elvira auf der Fensterbank
Vergnügt blickte die kleine Schneeflocke vom Himmel hinunter zur Erde. Endlich war die Weihnachtszeit gekommen und überall blinkten Lichter und ertönte festliche Musik. Das war nicht nur die schönste Zeit des Jahres für die Kinder, sondern auch für kleine Schneeflocken.
Elvira lehnte sich ein Stückchen weiter nach vorne, um auch den Sternenschmuck in den Fenstern sehen zu können. Die Wolke, auf der sie saß, kippelte ein bisschen, aber das störte die kleine Schneeflocke nicht. Die Welt da unten sah so schön aus, dass sie alles um sich herum vergaß und vor Begeisterung laut juchzte. Temperamentvoll wippte sie mit ihrem Körper noch ein klein wenig über den Wolkenrand und schon spürte sie dieses Kitzeln im Bauch, das sie immer hatte, wenn sie aus großer Höhe in die Tiefe fiel.
Der Mond schien mit sanftem Licht auf die Straßen der Stadt und blickte neugierig in die Zimmer der Kinder. Überall traf er auf Jungen und Mädchen, die sich nichts sehnlicher als den Heiligen Abend herbeisehnten.
In der Straße, in der Elvira auf einer Laterne gelandet war, gab es ein Fenster, das nicht so festlich geschmückt war wie alle anderen. Nichts deutete auf die Weihnachtszeit hin. Nur eine Nachttischlampe erhellte den Raum und machte Marie sichtbar, die am Fenster stand.
Plötzlich geschah etwas Unvorhersehbares: Das Mondlicht ließ einen silbernen Stern auf der Fensterscheibe aufblitzen.
Marie begann sofort, mit dem Fingernagel das Glitzerding abzukratzen. Letztes Jahr hatte sie viele Sterne gebastelt und gemalt. In jeder Ecke ihres Zimmers hatte es gefunkelt, doch davon war jetzt nichts zu sehen. Nur dieser eine schillernde Stern klebte hartnäckig am Fensterglas und wehrte sich gegen Maries Versuche, ihn zu entfernen.
„Was machst du da?“, rief eine empörte Stimme. „Lass ihn sofort in Ruhe.“
Elvira hatte ihren Platz auf der Laterne verlassen und war auf dem Fenstersims direkt vor Maries Nase gelandet. Das Mädchen stieß einen kurzen Schrei aus und trat einen Schritt zurück.
„Hallo, ist da jemand?“, fragte Marie, aber ihre Stimme war ganz leise. „Stern bist du das?“ Im nächsten Augenblick schüttelte sie jedoch den Kopf. Was war das für ein Unfug! „Ich spreche mit einem Weihnachtsstern“, lachte sie schließlich und wollte mit dem Finger wieder an der Sternenspitze kratzen.
„Wie kannst du nur so gemein sein“, schimpfte Elvira und klopfte mit ihrer kleinen Faust gegen die Fensterscheibe.
Marie erschrak und wusste nicht so recht, wie sie reagieren sollte, doch dann beugte sie sich so weit nach vorne, dass ihre Nase den Stern berührte. Erst sah sie hinaus auf die Straße, dann wanderte ihr Blick zu diesem weißen Fleck, der an der Scheibe klebte.
„Wie schön, dass du mich auch schon bemerkst.“ Elvira hatte ihre Fäuste in die Hüfte gestemmt und schwebte vor Maries Nase auf und ab. „Nun mach schon auf. Es ist sehr unhöflich, einen Gast einfach vor der Tür stehen zu lassen.“
Marie richtete sich auf und öffnete das Fenster. Sie starrte dieses weiße Wesen ungläubig an. „Ein Geist“, polterte sie los, „ich werde verrückt. Du hüpfst übrigens vor meinem Fenster herum und nicht vor der Tür.“
„Ich bin eine Schneeflocke“, verbesserte Elvira das Mädchen schnell, „und ich möchte, dass du aufhörst, diesen armen Weihnachtsstern zu quälen.“
Marie musste schlucken. Sie dachte daran, wie viel Mühe sie sich gegeben hatte, die silberne Farbe auf die Folie zu bringen. Ihre Freundin Lena hatte ihr dabei geholfen. Zusammen hatten sie diesen wundervollen Stern gemalt und ans Fenster geklebt.
„Das geht dich gar nichts an“, fauchte Marie, „weil ich nämlich machen kann, was ich will!“
„So, so.“ Elvira rümpfte ihre kugelrunde Nase. „Du denkst wohl, nur weil er ein Stern an einer Fensterscheibe ist, hätte er keine Gefühle!“
Marie schlug das Fenster zu und rief dabei: „Das ist mir echt zu blöd!“
Doch eine Schneeflocke wie Elvira lässt sich nicht so einfach abschütteln! Mit aller Kraft trommelten zwei kleine Fäuste gegen die Fensterscheibe. Wie ein weißer Wirbelwind huschte Elvira von links nach rechts und wieder zurück. Ihre feine Stimme wurde immer wütender und dabei auch immer lauter. „Lass mich rein! Und mach endlich dieses Fenster auf!“
Marie schüttelte mit dem Kopf. Schließlich seufzte sie, flüsterte kaum hörbar: „Okay“, und stand dann auf, um das Fenster zu öffnen. Elvira hüpfte sofort ins Zimmer, setzte sich auf die Fensterbank und sah mit großen blauen Augen auf das Mädchen, das verdutzt zurückblickte.
„Nicht zumachen!“, rief die Schneeflocke und deutete auf das geöffnete Fenster, durch das kalte Winterluft blies.
„So, nun erzähl mal.“ Elvira verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte freundlich.
„Da gibt es nichts zu erzählen“, schnaufte Marie. „Weihnachten ist blöd. Das ist alles!“
„Aha“, brummte die Schneeflocke, „und seit wann ist das so?“
„Wie meinst du das?“, entgegnete das Mädchen und zog die Brauen fragend nach oben.
„Na, es sieht so aus, als hättest du im letzten Jahr noch ein wunderbares Weihnachtsfest gefeiert“, kicherte Elvira. „Der Stern klebt ja noch immer am Fensterglas.“
Da wurde Marie traurig. Ihr Blick verfinsterte sich und sie senkte den Kopf. „Ich spreche nicht mit Schneeflocken“, flüsterte sie ganz leise, doch Elvira hatte jedes Wort verstanden.
„Doch“, lachte die Schneeflocke, „du bist ja gerade dabei.“
In diesem Moment flog ein erster Hauch von Weihnachtsstimmung durch das geöffnete Fenster. Ein bisschen Vanille- und ein bisschen Zimtgeruch kitzelten in Maries Nase. Er erinnerte sie an das letzte Weihnachtsfest, als sie mit Mama und Lena Plätzchen gebacken hatte. Es war genau der gleiche Duft, der sich jetzt in ihrem Zimmer breitmachte. „Lena ist weg“, brach es aus ihr heraus. „Sie musste in eine andere Stadt ziehen, weil ihr Vater dort eine neue Arbeit gefunden hat.“ Tränen flossen über ihre Wangen. Zum ersten Mal seit Lena weg war, weinte Marie. „Lena war meine beste Freundin!“
„War?“, staunte Elvira.
„Ja“, schluchzte Marie, „jetzt ist sie weg und ich bin allein.“
Die kleine Schneeflocke schwebte ein bisschen auf und ab. „Glaubst du, Freunde müssen immer in der gleichen Stadt wohnen?“, fragte Elvira. „Ich finde ja, dass echte Freunde nichts trennen kann. Schon gar nicht so ein paar Kilometer von Stadt zu Stadt oder Wolke zu Wolke. Also mein allerbester Freund wohnt auf einer Wolke über der Arktis …“
„Sei still!“, schrie Marie und starrte die Schneeflocke wütend an. „Nichts kann uns trennen. Wir sind die allerbesten Freundinnen und werden es auch bleiben.“
Der Stern an der Fensterscheibe begann zu blinken.
„Dann weißt du ja, was zu tun ist.“ Elvira flatterte auf das geöffnete Fenster zu. „Früher war die Post ja sehr lange unterwegs, aber heutzutage braucht ein Weihnachtsbrief nur zwei oder drei Tage.“ Die kleine Schneeflocke schwebte in die Dunkelheit, und als Marie das Fenster schloss, war sie schon nicht mehr zu sehen.
Zwei Wochen später duftete Maries Zimmer nach Tanne und Sandelholz und war festlich geschmückt.
„Sieh nur, es schneit, Mama“, rief das Mädchen und lief zum Fenster. Überall auf der Scheibe glitzerten Sterne, nur an einer Stelle war so viel Platz, dass man gut hinaussehen konnte. Da schwebte eine einzelne Schneeflocke vorbei, und es sah so aus, als würde sie winken.
„Glaubst du, dass Schneeflocken kleine Lebewesen sind?“, fragte Mama. Sie war ins Zimmer gekommen und hatte sich hinter Marie gestellt.
„Na klar, und manchmal winken sie sogar!“, juchzte das Mädchen und nahm den Weihnachtsbrief, den sie heute von ihrer allerbesten Freundin Lena bekommen hatte, in die Hand und winkte zurück.
Ramona Stolle schreibt Geschichten und Gedichte für kleine und große Leser. Sie hat bereits Beiträge in mehreren Anthologien veröffentlicht. Mehr unter ramonastolle.de.to
Pulsuz fraqment bitdi.