Kitabı oxu: «Das Krähennest»

Şrift:

MARTINA

WIED

DAS KRÄHENNEST

ROMAN

BEGEBNISSE AUF VERSCHIEDENEN EBENEN

Herausgegeben und mit einem

Nachwort von Evelyne Polt-Heinzl


INHALT

I Die Flucht

II Das große Welttheater und

III … das kleine Haustheater

IV Der Knoten schürzt sich

V Irregang

VI Verräter

VII Die Stadt aus Glas

VIII Der Aufbruch

IX Das Attentat

X Scheiden vom Krähennest

Nachwort

Impressum

Begonnen am Weißen Sonntag 1944.

in Wincanton, Somerset, England.

Beendet am Gründonnerstag 1948

in Llandudno, North-Wales.

Dieses Buch, entstanden in den Jahren,

da wir beide voneinander getrennt waren,

ist meinem Sohn HANNO zugeeignet.

»Die Krähen schrein

Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

Bald wird es schnein –

Weh dem, der keine Heimat hat!«

Nietzsche

I

1

Niemand hatte sich vorgestellt, daß die Übersiedlung so große – so unabsehliche Folgen mit sich führen würde. Im ersten Augenblick, als Leontes die erlösende Nachricht brachte, er habe etwas Geeignetes gefunden, ein Landgut mittlerer Größe, wo die Wohngebäude zwar nicht Raum genug für alle Kostschüler, die Gründe aber ausgiebigen Platz zur Errichtung von Notstandsbauten und Baracken boten, und er habe diesen Besitz nicht etwa nur gepachtet, sondern käuflich erworben – da schallte ihm allgemeiner Jubel entgegen. Wie unbeliebt der Prinzipal auch bei der Mehrzahl seiner Zöglinge, von den Lehrern ganz zu schweigen, sein mochte, jetzt hätte ihn jeder und jede umarmen wollen; denn alle waren, wie verschieden auch sonst im Seelischen und Geistigen, an Charakter und Widerstandskraft, nur mehr von einem einzigen Gedanken besessen: Fort von hier! Fort von den pfeifenden, schmetternden, berstenden, erflammenden Bomben – den knisternden und krachenden, »sprechenden« Mauern, den zerspringenden, splitternden, zu Boden prasselnden Fensterscheiben, dem dumpfen Hummelsummen kreisender Schutzflugzeuge, dem Knattern der Abwehrgeschütze, den lichtlosen, luftlosen, schimmelfeuchten Kellern, wo sie nun seit Wochen bereits ihre angsttraumerfüllten Nächte verbrachten.

Am Anfang war auch alles wunderschön, nahezu vollkommen. Wem das Haupthaus unter dem zierlichen Balusterdach keine Unterkunft mehr bot, der fand sie in den ehemaligen Stallungen, und waren auch diese – Sattelraum, Pferdeschwemme und die darüber liegenden, unter dem vorigen Besitzer seinen Reitknechten zugewiesenen Zimmerchen – besetzt, dann verfiel Leontes auf den Ausweg, Karawanen teils zu kaufen, teils zu mieten. Er brüstete sich nicht wenig mit dieser Erwerbung, denn er war keineswegs als der einzige auf die farbigen Reisewagen erpicht: Benachteiligte, die kein Landhaus besaßen, oder eines in gefährdeter Gegend, richteten sich häuslich im Wohnwagen ein, ausgediente Automobile, die sich schamhaft in abgelegenen Garagen verbargen, wurden aufgestöbert, zu Phantasiepreisen angekauft, notdürftig repariert, mit neuen Reifen versehen und vor die Zigeunerheimstätten höherer Ordnung gespannt: »So, jetzt mögen sie kommen, wir fahren ihnen einfach davon!«

Langsam aber meldeten sich, die ursprüngliche Begeisterung übertönend und sie mählich verdrängend, Zweifel, Unbehagen, Überdruß: Die Landschaft war nüchtern und kunstlos, ohne überraschende Einfälle, ohne den Zauber des Abstand haltenden Großartigen – ohne den bescheidenen Reiz des nahen anschmiegsam Zierlichen, auf das eiligste und wohlfeilste zusammengestoppelt, gerade nur für bescheidene Ansprüche und unverwöhnte Augen, schlicht wie die Notstandsbauten des »Lavendelhofes«, dessen duftiger Name von den Tatsachen Lügen gestraft wurde.

Nicht alle Karawanen waren elektrisch beleuchtet, nicht alle Zimmer und Schlafsäle durch die offenen Feuerstellen genügend erwärmt, nicht jeden Tag waren die Mahlzeiten genießbar, nicht immer fanden sich die Zöglinge damit ab, in Brot und Milch, beides zum Überfluß vorhanden, ausreichenden Ersatz für den Mangel an sorgfältig zubereiteter warmer Kost zu sehen. Schüler und Lehrstab teilten sich fortan in zwei Gruppen: Nörgler und begeistert Zustimmende – und wie oft in den nächsten Jahren auch Zöglinge und Professoren wechselten –, diese beiden Gruppen blieben im gleichen Verhältnis und in nahezu derselben Anzahl dauernd bestehen.

Allerdings würde, wer immer unsichtbar ein Gespräch der Buben oder Mädel zu belauschen die Möglichkeit gehabt hätte, sich ein ganz falsches Bild von dem Eigentlichen ihrer Beschwerden und Klagen gemacht haben. Die rauchenden Petroleumlampen in mehreren der altmodischen Karawanen, die unzureichende Verdunkelungsmethode, welche Leontes nahezu allabendlich veranlaßte, in irgendeinem der Dormitorien die Birnen abzuschrauben und die Halbwüchsigen – Burschen wie Mädel – um neun Uhr schon, wie die ganz Kleinen, zur Dunkelhaft zu verurteilen, das lieblos zusammengehaute, unschmackhafte Essen, die Ödnis der Gründe, die doch früher einen wohlgepflegten, farbig aufgehellten Park getragen hatten –, dies alles waren nichts anderes als Vorwände, dahinter sich Tieferes verbarg. Die Télème-Abtei-Schule, jetzt auf dem Lavendelhof den Gefahren, die sie am Rande der Großstadt bedroht hatten, ausgewichen, beherbergte und betreute Schüler und Schülerinnen, deren geistige Ansprüche, nach Abstammung und Begabung, hoch über dem Durchschnitt zu suchen waren. Ihre Nerven waren es bloß, die nachgegeben hatten, ihre Geräuschempfindlichkeit konnte die lärmend verstörten Nächte nicht mehr ertragen; ihr eigentliches Wesen aber verlangte und suchte die Gefahr, sie war ihnen Ansporn, um Tapferkeit, Selbstbeherrschung, Geistesgegenwart zu beweisen, war ein spannendes Abenteuer, ergab die Möglichkeit, bisher unerlebte Situationen nach persönlichen Eigenheiten und seelischem Bedürfnis umzuleben, umzuformen, umzudichten; sie erteilte Erlaubnis, über die Grenzen des Gestatteten hinauszulangen in das Reich des Geheimnisvollen, des Verbotenen.

Auf dem Lavendelhof aber war alles überschaubar, offensichtlich, man lebte in einer Art von Glashaus, das zwar nicht klirrend zersplitterte, im gleichnishaften Sinn aber die jungen Seelen dessen beraubte, woran ihnen am meisten gelegen war: der Unberührbarkeit ihrer keuschen – wenn auch keineswegs vor dem Kühnen, ja nahezu Lasterhaften zurückschreckenden – Knospenseele. Nun ist die menschliche Natur aber so beschaffen, daß sie sich, was ihr von außen versagt und vorenthalten wird, aus eigenem zeugt. Auf dem Lavendelhof gab es keine Gefahr, das tägliche Dasein lief, bei aller Dürftigkeit, welche durch die Bewirtschaftung lebenswichtiger Nahrungs- und Genußmittel unumgänglich wurde, wie auf gutgeölten Rädern hin: gleichförmig, vorausberechenbar, tödlich langweilig. Dagegen empörte sich der Organismus der jungen Menschen, die sich zu einer noch nicht genau bestimmten und festumschriebenen – aber auf alle Fälle bedeutenden Leistung auserwählt fühlten; man durfte es ihnen, empfanden sie, nicht so leicht machen, mußte ihnen Bewährungsfristen, Kraftmesser bewilligen. Da dies von außen nicht mehr erreichbar war und sie von dem peinigenden Bewußtsein, daß sie in der ihnen zugeteilten Prüfung versagt hatten, schier aufgezehrt wurden, stellten sie ihren Körper auf eine harte, schmerzhafte und als Situation das Groteske und Tragikomische streifende Bewährungsprobe: Eine Seuche brach aus auf dem Lavendelhof, die alle Schüler und die meisten Lehrer – und nahezu im selben Augenblick – ergriff und seltsamerweise nur vor den Prinzipalen Halt machte.

Zum erstenmal, seit er seinen Besitz an dem nun zahnlückenhaft ausgebrochenen Rande der Hauptstadt gegen dieses abgelegene und verfallene Gut ausgetauscht hatte, fühlte Leontes sich unsicher, an seiner Verantwortlichkeit gepackt, gefährdet, aufgeregt. Er ließ, und zwar auf eigene Kosten, Chemiker aus den verläßlichsten Laboratorien der Residenz kommen, die alle Quellen und Brunnen auf dem Lavendelhof nach möglichen Viren analysierten. Die Quellen und Brunnen gaben in der üblichen Zusammensetzung, welche wir in der Ebene zu finden gewohnt sind, allerdings mit einem in solchen Lagen ungewöhnlichen Kalkreichtum, durchaus unverdächtiges, bekömmliches Wasser. Leontes, nahezu enttäuscht in seinem Bestreben, ein konkretes Gebrechen, dem man irgendwie beikommen könnte, für die Epidemie verantwortlich zu machen, dachte nun – nicht ohne den von ihm zu Rate gezogenen Fachleuten ein Lächeln zu entlocken – an die Erde, der das von den Kindern verzehrte Gemüse, oft als Rohkost genossen, entsprossen war: Eine gute, vielleicht von Kalidünger etwas überanstrengte Erde war es; schließlich ließ Leontes die in solchem Überfluß vorhandene Milch seiner acht mageren, hochblonden Kühe (die überdies vor dem Gebrauch noch pasteurisiert wurde) untersuchen: Es war eine nicht sehr fetthaltige, aber bazillenfreie Milch. Leontes stand vor einem Rätsel: Wenn Wasser, Erde, Milch gesund waren – warum sind dann die Kinder erkrankt? Wo verbarg sich das Gift, das ihren Organismus durchseuchte, woher strömte es in die jungen Körper über? Und wieso war er selbst – Leontes, war Hermione, seine Frau, und seine Tochter Miranda vor der Ansteckung gefeit? (Aber, das hätte ihm zu denken geben müssen, nicht Arthur, sein Sohn, der, im Gegenteil, einer der von der Seuche am schwersten, bis zur Lebensgefahr Ergriffenen war!)

Dysenterie ist keine Krankheit, die wen immer auf die Vermutung brächte, ihr Ursprung sei anderswo als im Körperlichen zu suchen; noch der verbissenste Psychoanalytiker hielte es für ausgeschlossen, daß man einen Ruhrkranken in seine Behandlung überstellen könnte. Nicht so die Zöglinge der Télème-Abtei-Schule: Sie nannten ihre Krankheit »die Pest«, es gesellte sich bei ihnen zu den höchst empfindlichen physischen Qualen jenes Grauen, jene übernatürliche Angst, die seit altersher einzig durch Aussatz und Pest, unter allen Seuchen, erweckt wird. Die Zöglinge der Schule auf dem Lavendelhof beurteilten einander gegenseitig danach, ob sie diese Prüfung mit Anstand, Würde, Tapferkeit – oder kläglich winselnd, jammernd und sich selbst bemitleidend hinnahmen; man konnte nicht mehr daran zweifeln, daß sie die Heimsuchung (obschon die Télème-Abtei ja den Religionsunterricht abgeschafft hatte und den sonntäglichen Kirchgang dem religiösen Bedürfnis des einzelnen anheimgab) als eine Art stellvertretenden Leidens ansahen, wodurch sie sich von der Feigheit, die in ihrer Flucht auf das Land verborgen war – jetzt nämlich nannten sie’s ohne jede Beschönigung so –, freikauften.

Als die Krankheit, wie man annehmen durfte, erloschen war (später erwies sich’s allerdings, daß die meisten der neu eintretenden Zöglinge und der hinzukommenden Lehrer sie nachholen mußten, ja sogar, daß viele, die gleich von der ersten Ansteckung betroffen worden waren, Rückfälle erlitten), merkte Leontes, daß unter seinen Schutzbefohlenen eine Seelenmüdigkeit überhandnahm, die ihre Auffassungsgabe, ihren freiwilligen Fleiß, die Gaben, die sie so hoch über die Gleichaltrigen in anderen Schulen hinausgehoben hatten, herabminderte. Man müsse die Kinder, riet Hermione ihm, zu zerstreuen trachten, wie wär’s mit einer Kinoanlage? »Falls du«, erwiderte Leontes mit jener Stimme, die, eine Mischung von Eis und Stahl, wenn er sich an seine Gattin wendete, so oft aus ihm hervorbrach, »die Kosten auf dein Konto übernehmen wolltest – bitte!«

Es wäre, überlegte er, nicht nur billiger, sondern auch weitaus erziehlicher, das junge Volk zu eigener Leistung anzuregen, wir sollten die auch anderwärts zum Trimesterende üblichen Theateraufführungen überdies zwischendurch, mit musikalischen Darbietungen abwechselnd, zu einer regelmäßigen Einrichtung machen, so zwar, daß alles – die Herstellung der Dekorationen wie die Regie, die Auswahl der Stücke – den Zöglingen überlassen bliebe; selbstverständlich aber dürfte über diesen Geistesübungen der Sport nicht vernachlässigt werden. Übrigens …; trotz der scharfen Ablehnung, die seine Gattin von ihm erfahren hatte, erwog Leontes dennoch die Anschaffung einer Tonfilmeinrichtung. Gefahr bestand nämlich, daß man eine Anzahl von Zöglingen an andere, inzwischen gleichfalls evakuierte Schulen, die unweit des Lavendelhofs elegantere, bequemere und – fügte Leontes mit einem innerlichen Seufzer hinzu – hygienisch ein wandfreiere Unterkommen gefunden hatten, verlöre: dem mußte mit allen Mitteln, auch wenn sie beträchtliche Auslagen erforderten, vorgebeugt werden.

Der Prinzipal berief eine Versammlung des Lehrstabes ein, mit der Tagesordnung: »Wie unterhalten wir unsere Buben und Mädel während des Wochenendes?« – Gut und schön, Samstag, das versteht sich, der übliche Fußballwettkampf, an dem ja, erstaunlicherweise, auch eine Anzahl der Schülerinnen großes Interesse nahm, aber immerhin bloß ein passives; die meisten wollten selber den ihnen gemäßen Sport betreiben, Hockey oder Netzball …, »à propos: Ich hörte soeben, eines der Netze sei zerrissen. Ist bereits Ersatz bestellt worden?«

Die Angelegenheit »Netzball« wird weitläufig erörtert, bis man zu anderer Erheiterung der weiblichen Jugend – die ja beim Netzball stärker beteiligt ist als die männliche – übergehen kann.

»Bei schlechtem Wetter aber? Pingpong? Wir haben zwei Tische und sechsundsiebzig Mädchen. Vier oder fünf darunter spielen Schach, überraschend genug nicht einmal schlecht, und zwei bis drei Dutzend Bridge – obschon ich Kartenspiele in meinem Hause nicht gern sehe. Auch nehmen bloß die Ungeistigen, und vor allem die Unmusikalischen, daran Interesse, denken wir jetzt an die Geistigen und Musikalischen: Die meisten Mädel und auch eine hübsche Anzahl Burschen spielen Klavier, wie viele, nebstbei? Dann haben wir sechzehn oder siebzehn Geiger und Geigerinnen, vier Cellisten. Ein halbes Dutzend ungefähr bläst Flöte: Daraus läßt sich schon ein brauchbares Hausorchester zusammenstellen.«

»Immerhin wäre das Arbeit, nicht Unterhaltung.«

»Für solche, die mit Feuereifer dabei sind, zumindest erziehliche Unterhaltung.«

»Und wie viele werden diesen Vorschlag mit verkniffenen Lippen aufnehmen? Das gehört in die Arbeitswoche, unsere Freizeit wollen wir anders zubringen, in der Stadt sind wir ins Kino gegangen, werden sie sagen …«

»Bravo, da haben wir’s ja: eine Kinoeinrichtung, machen wir uns selbständig.«

»Wissen Sie vielleicht, wenn auch nur annähernd, wieviel so etwas kostet, Antonius? Nun, ich weiß es, denn ich habe diese große Ausgabe bereits erwogen – und, wiewohl sie in gewissem Mißverhältnis zu dem, was Anstalten mit bedeutend höherem Schulgeld sich leisten, stünde, war ich bereit, dieses finanzielle Opfer zu bringen –, da kamen die Einschränkungen im Stromverbrauch: Wir können doch nicht gut an dunklen Wintermorgen in unerleuchteten Schulzimmern sitzen, oder übers Wochenende die Milch im Frigidaire sauer werden lassen – bloß um samstags Diana Durbin zwitschern zu hören und sonntags ›Phantasia‹ aufzuführen! Sie, als Philologe, Antonius, dürfen sich ja solche Phantasien leisten, ich aber, als Doktor der Politischen Ökonomie, besitze einen gewissen Sinn für Proportion, vielmehr, ich bin sogar dazu verpflichtet, ihn in Anwendung zu bringen …«

Nach dieser Stabsversammlung, der auch die beiden weiblichen Mitglieder der Lehrerschaft angewohnt hatten, nahm Leontes einige seiner jüngeren Professoren beiseite. Des Prinzipals gute Laune war von ihnen noch weit stärker gefürchtet als seine unvorhersehbaren Zornesausbrüche. Diese konnte man schweigend, gebeugten Nackens, wie ein Gewitter, über sich hinbrausen lassen, war er aber aufgeräumt, dann erwartete er lachende oder lächelnde Beistimmung zu seinen witzigen Bemerkungen: recht peinlich für die Zuhörer.

»Sie sind doch«, sagte Jacques ärgerlich und abschätzig, »ein rechter Streber, mein lieber Antonius. Wie bringen Sie’s nur fertig, zu solchen traurigen Späßen angeregt zu wiehern? Merken Sie denn nicht, daß der Alte sich an uns ganz einfach für künftige Parlamentsreden einübt? Mit interpolierten Klammern, versteht sich: ›Hört, Hört!‹«

»Wie? Parlamentsreden? Ich wußte gar nicht …«

»Ach so: dann sind Sie der einzige Unwissende hier: Leontes ist, als Gutsbesitzer des Kreises, für die kommenden Ersatzwahlen als Kandidat aufgestellt worden – und Sie, mit Ihrem erschütternden Bariton, stellen für ihn gleich die ganze Galerie dar. Nebstbei: welch unglaubliche Taktlosigkeit, sich um unsere erotischen Belange zu kümmern! Dazu hab’ ich ihm, nach oder vor den Wahlen, kein Mandat gegeben. Mein Hirn hab’ ich ihm vermietet, aber ›von der Taille abwärts‹ – um mit Gilbert und Sullivan zu reden – geh’ ich ihn nichts mehr an.«

»Witzig ausgedrückt: Aber freilich haben Sie, Jacques«, seufzte Antonius, »leicht reden. Wer vor so schönen Augen Gnade gefunden hat …«

»Und die Augen«, unterbrach, mit einem Anflug der Geckenhaftigkeit, Jacques seinen Kollegen, »sind nicht einmal das Allerschönste an ihr.«

»Nicht freundschaftlich von Ihnen, dergestalt den Neid der besitzlosen Klasse zu wecken …«

»Nun, Antonius, ich dachte doch, Ihre Askese – wenn es eine ist – sei freiwillig? Denn wenn ich mich auf Blicke verstehe, sieht Viola Sie mit höchst aufmunternden an. Warum spielen Sie also ständig den Spröden?«

»Ich spiele ihn gar nicht, ich bin’s. Diese liebenswürdige junge Dame ist mir denn doch allzu domestiziert. Und da das Halten von wilden Bestien in Privatwohnungen bei uns verboten ist, und ich an schmiegsamen Haustieren kein Wohlgefallen finde, muß ich mich – auch ohne besondere Ermutigung von Leontes dafür abgewartet zu haben – an einen der Zwinger halten, wo es für mich junge Löwinnen oder Pantherkatzen zur Gesellschaft gibt.«

»Oho, das ist nicht nur«, widersprach Jacques, »die einschlägigen Darbietungen angehend, eine übertriebene Erwartung – mir wenigstens ist in derartigen Etablissements noch nicht einmal eine Wildkatze untergekommen –, sondern auch eine Falschmeldung: Nach einem Löwenjäger sehen Sie mir nicht gerade aus, mein lieber Antonius. So weit ich Sie kenne, scheinen Sie mir doch eher sentimental …«

»Aber mein lieber Jacques, das Sentimentale ist doch anerkanntermaßen Ihr Reservat …«

»Soweit Sie mich kennen: aber kennen Sie mich überhaupt? Wer von uns kennt sich denn selbst? Kenne ich mich etwa?« Jacques summt halblaut einen Vers vor sich hin:

»Ich erkenn’ den Mönch an der Kutte,

An den Dienern, wie ihre Herren sich betragen,

Die Herkunft des Wamses erkenn’ ich am Spitzenkragen,

Den Rang eines Weins an der Butte.

Alles kenn’ ich, alles durchschau’ ich schon –

Bis auf mich selbst: Den Françis Villon …«

»Von wem ist denn das, Jacques?«

»Von einem ganz modernen Dichter, der nur zufälligerweise bereits vor – lassen Sie mich nachrechnen – ungefähr vierhundertachtzig Jahren gestorben ist.«

Die Andeutung, welche wir diesem Gespräch zwischen Antonius und Jacques entnehmen – die Namen tun übrigens nichts zur Sache, es werden immer wieder die gleichen Typen auf dem Lavendelhof auftauchen –, läßt uns erraten, wie es um die jungen Leute, Lehrer so gut wie die erwachsenen Schüler, bestellt war, die sich so blitzlich – so leichtsinnig, sagten später manche von ihnen – dem Bereich der großstädtischen Unterhaltungsmöglichkeiten entzogen hatten.

»Es bleibt uns«, sagte der feine Horatio zu dem grobschlächtigen Autolykus, der etwas von dem Ungestüm und der gutmütigen Tölpelhaftigkeit eines jungen Rüden an sich hatte, »nichts anderes übrig: Wir müssen uns sublimieren …«

»Subli…, was müssen wir? Sublimat ist ein: Desinfektionsmittel, soviel ich weiß, das irgendwie mit Quecksilber zusammenhängt …«

»Richtig. So wie die aufgefangenen Dämpfe des erhitzten Quecksilbers den Niederschlag eines rötlichen Pulvers ergeben, müssen wir unsere aufgespeicherte Erotik verdampfen lassen, um sie im Niederschlag unsterblicher Verse verklärt aufzufangen.«

»Dir gelingt das vielleicht. Wenn man eine berühmte Dichterin zur Großmutter hat, kommt man leicht auf solch abwegige Ideen. Sublimier dich also, bitte, nach Herzenslust, Horatio, mir grobem Gesellen aber erlaub’, mich an Substantielleres zu halten …«

»Ist sogar in unserem Städtchen erreichbar, bei herabgesetzten Ansprüchen allerdings nur …«

»Du hast also, trotz angestrebter Sublimierung, dennoch herausbekommen, daß man sich in unserem biederen Provinznest bloß bei ›herabgesetzten Ansprüchen‹ erlustigen kann?«

»Nicht aus eigener Erfahrung, denn ich nehm’s«, wehrte Horatio ab, »mit der Sublimierung wirklich ernst, weiß ich das, sondern aus den zuverlässigen Berichten von Hal und Lancelot. Du kannst, wenn dir daran liegt, von ihnen Einläßlicheres darüber hören, denn sie sind Stammgäste bei Madame Adèle. Petruchio und Brutus hingegen, höher kultiviert und überdies mit Taschengeld reichlicher versehen, ziehen die Maison de Passe der Madame Paulina in unserem lieben Bäderstädtchen vor, die Chefin ist Portugiesin mit farbigem Einschlag, und beide, Petruchio sowohl wie Brutus, finden sie empfehlenswert, die Maison, versteht sich, nicht die Portugiesin …«

»Verzeih, was ist eine ›Maison de Passe‹? Nicht jeder hat wie du, Horatio, Französisch als zweite Muttersprache erlernt …«

»Der Gegensatz zu einer ›Maison close‹ – mehr kann ich dir nicht verraten, denn das Auskunftsbüro wird mittwochs um vier Uhr geschlossen – und«, Horatio blickte auf sein Handgelenk, »es ist bereits halb fünf – und ein Mittwoch …«

2

Kriegsjahre gingen über die Télème-Abtei-Schule auf dem Lavendelhof hin, ohne daß man sie dort anders verspürte als durch unwesentliche Einschränkungen in der Lebenshaltung, durch die immer häufiger und zahlreicher zu Häupten des Hofes kreisenden Flugzeuge – und durch Trauernachrichten über ehemalige Lehrer und Zöglinge: Antonius war in Libyen, Hal in Kreta, Jacques vor Dieppe gefallen; Petruchio war im Atlantischen, Horatio im Stillen Ozean untergegangen, Autolykus in Burma in seinem Flugzeug verbrannt.

Juli um Juli zogen sich Jünglinge und Mädchen in die Klausur der Prüfungszimmer zurück, wo sie die Fragen, die eine berühmte alte Universität ihnen stellte, nach bestem Vermögen beantworteten; September um September tauchten neue Gesichter, Stimmen, Haartrachten, Charaktere auf dem Lavendelhof auf; nicht viele von jenen, die sich an die ursprüngliche Situation der Télème-Abtei-Schule am Saum der Riesenstadt erinnerten, waren jetzt unter den Kandidaten in den Prüfungszimmern zu finden, noch hätte man jene Lehrer angetroffen, die einst mit den vor den Bomben Flüchtenden aufs Land gezogen waren, um sich dort mit stets neu hinzuwachsenden Schülergenerationen zu befreunden; diese vielmehr sahen ihre Meister immer häufiger ausgewechselt. Entweder, wen sie dem Militärdienst verfielen, oder, durch den wachsenden Lehrermangel im Werte steigend, an vornehmere öffentliche Schulen berufen wurden.

Wir sind nun im fünften Kriegsjahr und begleiten Madeleine de La Tour-Madrus auf ihrer Reise in den wilden Mittelwesten des Landes zur Télème-Abtei-Schule, die inzwischen allerdings, von den offiziellen Drucksorten abgesehen, ihren alten Namen eingebüßt, und von den Zöglingen, niemand wußte genau, wann und von wem, einen neuen, weniger pathetischen und rustikaleren, erhalten hat.

Madame de La Tour, in Paris als Tochter eines französischen Vaters und einer österreichischen Mutter zur Welt gekommen und erzogen, hat den Vorzug der Zweisprachigkeit, der sie in allen Lehreragenturen beliebt macht; danach befragt, sagt sie mit schöner Aufrichtigkeit, sie sei gar keine zünftige Schullehrerin: »Aber da ich nun fast zwei Jahre lang vergeblich auf ein Universitätslektorat für Kunstgeschichte gewartet habe und nicht länger Gastfreundschaft erleiden mochte, habe ich mich auf mein einstmals versehentlich erworbenes Brevet supérieur besonnen und eine Weile lehrend gelernt, wie man’s anstellen muß, um nicht geradezu als pädagogische Hochstaplerin – oder, sagte ich besser, Tiefstaplerin? – entlarvt zu werden: denn mit den eingeborenen legitimen Verwalterinnen eines Baccalaureats oder einer Magisterschaft für meine Vater- und Muttersprachekann ich’s selbstverständlich nicht aufnehmen!«

Dieser Stoßseufzer läßt vermuten, daß Madeleine (wir nennen sie wohl fortan besser bei ihrem Taufnamen) mit Prinzipalen und Kolleginnen keine durchweg angenehmen Erfahrungen gemacht hat. In ihrer Bescheidenheit gibt sie sich selbst die Schuld, findet es ganz natürlich, daß man sie als Eindringling und unwillkommenen Fremdkörper ansieht. Ausländer werden in einer geschlossenen, bodenständigen Gemeinschaft zwar mit äußerster Zuvorkommenheit aufgenommen, solange sie keinen Anspruch darauf machen, darin anderes als Gäste zu sein; haben sie aber den Ehrgeiz, ihr Wissen und Können als Mitstrebende und fachlich Gleichberechtigte zu verwerten, dann läßt man sie flugs ihre nationale Minderwertigkeit fühlen. Man liebt die Hausmannskost, zieht die heimische Aussprache des Französischen und der übrigen europäischen Sprachen der importierten bei weitem vor.

So unanfechtbar richtig Madeleines leidend erworbene Erkenntnis auch sein mag, täuscht sie sich dennoch, wenn sie darin die Auslegung für die Kurzfristigkeit ihrer Engagements und ihre Wanderhaftigkeit von Schule zu Schule erblickt. Zwar hat Madeleine praktisch die Seuche der Veränderungslust, welche die Prinzipale der meisten Privatschulen befallen hat, ausgeprobt, doch ohne zutreffende Würdigung der Ursache. Sie ist keineswegs auf romantische Abenteuersucht noch auf ein allzu labiles Nervensystem, das heute nicht mehr zu ertragen vermag, wonach es gestern noch lechzte – und am allerwenigsten auf den Hang zu psychologischen Experimenten zurückzuführen, sondern vielmehr aus ökonomischer Berechnung zu erklären. Neue Lehrkräfte sind billiger. Madeleine wird gelegentlich über den Grund ihrer erzwungenen Wanderhaftigkeit ein Licht aufgesteckt bekommen – aber noch nicht gleich …

Madeleine hat zu Weihnachten eine Reihe lockender Angebote aus allen Grafschaften des Landes zurückgewiesen und Leontes den Vorzug gegeben, nicht vielleicht, weil er unter allen Prinzipalen ihr das höchste Gehalt in Aussicht stellte (ja, sie hat sogar die Nachschrift, die – gleichsam schamhaft und bedauernd, daß man schließlich doch auch auf so meskine Tatsachen des wirtschaftlichen Lebens zu sprechen kommen müsse – den Betrag festsetzte, erst nach Erteilung ihrer Zusage gelesen). Was sie lockte, war der Name der Schule: »Télème-Abtei.«

Wie, fragte sie sich, wird man das »Tu, was du willst« des François Rabelais in dieser Télème-Abtei als Wirklichkeit durchführen? Aufmerksamer als den ihr angebotenen Vertrag las Madeleine den Prospekt, das Programm der Schule:

Koëdukation, die Möglichkeit freier Entwicklung, keine Strafen, kein Register, keine Hausarbeiten, ein etwaiges unbegründetes Ausbleiben der Zöglinge von den Lehrstunden wird nicht gerügt, nicht einmal zur Kenntnis genommen; taucht der Schüler wieder auf, dann ist es an ihm, das Versäumte nachzuholen. Einzig in Krankheitsfällen wird von den Lehrern erwartet, daß sie durch Nachhilfestunden den Genesenen das Mitkommen erleichtern.

Da Madeleine in ihrer vorigen Schule sich das Wohlwollen der Vorsteherin dadurch verscherzt hatte, daß sie die Kinder nicht zu bestrafen, sondern durch Erweckung ihres Interesses von dem naturgemäßen Widerstand gegen das Lernen abzulenken und zu kurieren pflegte, schienen ihr die Grundsätze der Télème-Abtei durchaus vernünftig und sympathisch. – Vielleicht – sagte sie sich – ist das endlich der Platz, wo ich hingehöre und nicht dazu verhalten werde, fortgesetzt gegen meine Überzeugung handeln zu müssen! –

Wie die Prinzipale es anstellten, ist nicht leicht errätlich, jedenfalls ist ihnen das Unwahrscheinliche gelungen, in einer Zeit allgemeinen Lehrermangels nicht nur für nahezu sämtliche Gegenstände männliche Lehrkräfte zu gewinnen – sie haben Ausnahmsnaturen um sich versammelt, ungewöhnlich begabte und kultivierte junge Leute, mit vorzüglichen Umgangsformen überdies, die sich für ihre Schüler schlechthin aufopfern. Da ist, zum Beispiel, Tristan, der Kunstmeister. Auch – wie Madeleine – kein zünftiger Schullehrer, sondern ein hervorragender Schwarzweißkünstler, der eines Tages, niemand außer den Prinzipalen kannte den Grund, bei seinen Freunden Leontes und Hermione auftauchte, anfangs die eben eingelangten ausgedienten Eisenbahnwaggons, die zu Wohnstätten umgewandelt werden sollten, innen und außen bemalte, in seiner Freizeit Elternbesuche empfing, die, von ihm bezaubert, eine hohe Meinung von dem Niveau der Télème-Abtei davontrugen – und schließlich für die üblichen Theatervorstellungen Kulissen und Figurinen nicht nur entwarf, sondern, soweit die Knappheit an Material es gestattete, auch ausführen half.

Dann, als der damalige Fachlehrer für Zeichnen und Malen zur schweren Artillerie einrücken mußte, hatte Hermione einen Geistesblitz. »Tristan, willst du mir«, sagte sie mit ernster Miene und ganz sachlich zu ihrem Jugendfreund, »nicht erklären, warum du dich mir noch nicht als Kunstlehrer angetragen hast? Für dich selber arbeitest du hier ja doch nichts …«

»Wie? Ein ganzes Buch, hundertsechzig Doppelseiten nach Art der chinesischen Blockbücher, das demnächst zum nicht unbescheidenen Preis von achtundzwanzig Talern erscheinen wird, heißt bei dir ›gar nichts‹?«

»Du mußt es im Schlaf gezeichnet haben, denn immer, wenn ich dich sehe, vertrödelst du deine Zeit – bitte, ich weiß schon, zu unseren Gunsten und unserem Vorteil, aber nicht dem deinen – mit Anstreichen, Lackieren und ein wenig Gartenarbeit. Gehört sich das für dich? Da wüßt’ ich dir doch eine sinnvollere Beschäftigung. Ich stelle eben das Schulprogramm für das nächste Jahr zusammen, hier, bitte, lies: ›Sprachen: Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Russisch, Latein, Griechisch werden, als deren Muttersprache, von hervorragenden Lehrkräften unterrichtet‹.«

»Ich wußte gar nicht«, entgegnete Tristan kühl, »daß du einen alten Römer ausgegraben, wiederbelebt und für Kriegsdauer als Lateinlehrer angestellt hast, noch, daß Tamino gebürtiger Athener ist.«

»Unsinn: Es soll doch selbstverständlich heißen ›die modernen Sprachen werden von ausländischen Lehrkräften, als deren Muttersprache, unterrichtet‹ …«

»Ach so …, ich habe Horaz nicht für einen Ausländer gehalten. Machst du unseren Landsmann zum entwurzelten Flüchtling?«

»Bitte, wenn du es besser zu stilisieren verstehst, überlass’ ich die Formulierung dir sehr gern.«

»Ich dachte, ich sei hierhergerufen worden, um mich dir auf irgendeine Art nützlich zu machen, und muß nun annehmen, du habest mich für den Posten deines Propagandaministers ausersehen …«

»Gibt es nicht etwas Näherliegendes, wofür du dich besser eignetest? Und möchtest du nicht, statt witzige Einwürfe zu äußern, lieber weiterlesen? Hier …« Hermione legte den langen rotlackierten Nagel ihres kleinen Fingers auf die nächste maschingeschriebene Zeile: »Besonders glücklich und stolz sind wir, für den Unterricht im Zeichnen und Malen, im Radieren und Kupferstechen und anderer Schwarzweißkunst, einen Meister hohen Ranges gewonnen zu haben, dessen Namen jedem Kunstverständigen längst geläufig ist, Herrn Tristan …«

»Jedem Kunstverständigen geläufig? Bin ich vielleicht Ansichtskartenerzeuger?«

»Nun ist’s genug, Tristan. Ich mein’s ganz ernst.«

»Und wenn ich nun, auch ganz ernst, mit einem schlichten Nein antworte?«

»Das wirst du nicht tun. Du willst doch hierbleiben, nicht wahr?«

»Es ist also, das hättest du mir gleich eingestehen sollen, ein Ultimatum?«

»O nein, durchaus nicht, ganz und gar nicht … Aber wir können doch unmöglich zugeben, daß du als Dank für genossene Gastfreundschaft weiterhin Latrinen anstreichst. Da wär’s doch wahrlich eine passendere Aufgabe für dich, begabte Burschen, wie Laërtes, Diego und Bassanio, im Malen zu unterweisen. Natürlich«, fuhr sie rasch, ehe Tristan sie durch einen neuen Zwischenruf von ihrem hartnäckig verfolgten Ziel ablenken konnte, fort, »wissen wir gut genug, daß wir unter normalen Umständen einen Tristan als Lehrer nicht erschwingen könnten. Wir haben hin und her gerechnet, aber wir können dir auch beim besten Willen nicht mehr bieten als unser übliches Gehalt, nur wollen wir bei dir insofern eine Ausnahme machen, als wir dir’s von Anfang an voll ausbezahlen …«

»Wie? Die anderen Lehrer bekommen das ihnen schlußbrieflich zugesicherte Gehalt nicht voll ausbezahlt?«

»Nicht im ersten Jahr. Wir bezahlen doch monatsweise. Es entfällt also ein Zwölftel des Ganzen auf den Monat, drei Zwölftel auf das Trimester …«

» Vier Zwölftel, ein Drittel des Ganzen, nach Fug und Recht …«

»Ein Viertel, sagte ich, für die tatsächlich geleistete Arbeit, nicht auch für die Ferialzeit. Im zweiten Jahr werden die Weihnachts- und Osterfeiertage voll ausbezahlt, das macht drei Viertel des vollen Gehalts, und einen Monat darüber …«

»Die Oster- und Weihnachtsferien dauern zwei Monate …«

»… im dritten Jahr werden alle Ferialzeiten, auch die großen Sommerferien, voll ausbezahlt, die ganzen achthundert Taler: Du erhältst sie von Anfang an.«

»Und jene Lehrer, die nicht mit dir befreundet, oder, wie Rosamund, mit dir verwandt sind, werden unter trüglichen Versprechungen hergelockt, und dann, wenn sie euch zulieb andere Angebote zurückgewiesen haben, so zwar, daß ihnen keine Wahl mehr bleibt, werden sie – um es vorsichtig auszudrücken – enttäuscht …«

»Vergiß nicht, daß die meisten Privatschulen niedrigere Gehälter festgesetzt haben als wir; die meisten bewilligen nicht mehr als sechshundert, höchstens sechshundertfünfzig Taler für das Schuljahr …«

»Ehrlich ausbezahlt macht das« – Tristan überschlägt die Summe im Kopf – »genau soviel wie eure vorgeblichen achthundert …«

»Im ersten und zweiten Jahr allerdings, später aber …«

»Wie viele Lehrer erleben bei euch dieses Später?«

»Doch einige: Horaz, Tamino, die Dorrits …«

»Allerdings. Schließlich muß doch für eine gewisse Stabilität des Stabes gesorgt sein, die Schule muß doch ein festes Rückgrat behalten, sonst löste sie sich in Rauch auf. Folglich …«

»Ich begreife dein Meckern nicht, ich sagte dir doch bereits, du bekommst die achthundert sofort, ohne Abzug, sogar die Versicherungssummen eingeschlossen, was willst du mehr?«

»Gerechtigkeit und Redlichkeit für alle, nicht nur für mich – weil ihr beide, zumal Leontes, recht gut wißt, daß ich aufs Unterrichten nicht angewiesen bin, für euch aber eine sogenannte Attraktion darstelle, die euch die kleine Mehrauslage zweifellos hereinbringen wird. Also seid ihr gegen mich nobel – den anderen Schulen gegenüber aber treibt ihr unlauteren Wettbewerb, und was die geprellten Lehrer angeht …«

»Nicht ich stelle die Gehaltslisten zusammen …«

»Nein. Du aber bist es, die an die in Aussicht genommenen prominenten Lehrkräfte Briefe mit schönen Versprechungen schreibt, die du nicht zu halten beabsichtigst …«

»Die ich nicht halten kann … Muß ich dir denn Leontes erst explizieren?«

»Danke schön, er ist mir bereits zur Genüge bekannt, so sehr, daß ich mir’s noch gut überlegen will, ob ich zu ihm in andere Beziehung als die des Gastes zum Gastfreund treten soll …«

»Das ist es doch eben. Seine Gastfreundschaft ist nicht unbeschränkt ausdehnbar. Als du aus deinem Hause ausgebombt warst, fand Leontes es ganz selbstverständlich, daß ich dich einlud, ja, er war womöglich noch eifriger darauf bedacht als ich. Jetzt aber macht er alle Augenblicke Anspielungen, die mir peinlich sind – und ich möchte dich doch nicht wieder verlieren, Tristan … Und zuletzt hast du hier doch mehr als nur ein bißchen spielerische Arbeit für achthundert Taler, du hast ein Heim.«

Tristan blieb und war bald die Seele der Schule. Viele unter den Zöglingen, die niemals einen Zeichenstift, einen Pinsel angerührt hatten, drängten sich nun zu seinen Lektionen, um dann auch an seinen Gesellschaftsabenden teilnehmen zu dürfen, zwanglosen Zusammenkünften, die sich, bei Tee und Marmeladebrot, bis Mitternacht ausdehnten, und, wie des Königs Wassail in »Hamlet«, die übrigen Hausgenossen wachhielten, denn Tristan lachte viel und dröhnend, mit ungewöhnlicher Resonanz; zwar gehörte nicht viel dazu, ihn zum Lachen zu bringen, der es versuchte aber kam sich, bei so schallendem Erfolg, äußerst witzig vor.

Tristan, von seinen Schülern zärtlich »Tristy« genannt, fand, daß er in der jungen Gesellschaft erst zu leben anfing, er zerriß sich schier für seine Buben und Mädel, nährte sie mit all seinem erlebten Wissen, seiner schwer erarbeiteten Meisterlichkeit; ja, er, dessen Eigenart darin lag, daß er alle farbigen Werte in Schwarzweiß auszudrücken verstand, ging an die Wiedererweckung seines koloristischen Sinns, um ihn dann seinen Schülern mitzuteilen, einzig der streng geschlossene Kontur erinnerte auch bei diesen an ihres Meisters vom Zeichnerischen herkommende Persönlichkeit.

Tristan nahm gerade den Tee in dem Bauernhaus, das Leontes – nicht ohne Tristans Beratung – mit Geschmack und Sparsamkeit zu einer behaglichen Wohnung umgewandelt hatte, als die neue Sprachlehrerin, Madame de La Tour-Madrus, durch die Sekretärin angemeldet und von ihr hereingeleitet wurde. Es erschien eine mittelgroße, schlanke Dame in dunklem Reiseanzug, deren Gesicht in einem Silberfuchskragen beinahe verschwand; sie sprach mit verschleierter Stimme, Nase und Augen waren von heftigem Schnupfen gerötet, trotz dieser Behinderung eignete ihrem Auftreten die selbstverständliche Sicherheit, wie sie einer Frau, die in der großen Welt gelebt oder in kleinem Kreise Autorität genossen hat – oder vielleicht beides, gemäß ist. Nach ein paar Schlucken Tee war die Ankömmlingin in ein Gespräch mit Tristan verwickelt, das, von der jüngsten französischen Malerei ausgehend – Dérain, Matisse, Braque, Rouault, Picasso – sich mühelos durch die Jahrhunderte bewegte. Hermione, gewohnt, daß neueintretende Lehrerinnen schüchtern auf dem Eckchen eines Sessels Platz nahmen, unruhig darauf hin und her rutschend und an sie gestellte Fragen verlegen und ungeschickt beantwortend, war über diese gesellschaftliche Routine ganz verblüfft. Für diese hier schien es Befangenheit nicht zu geben, sie plauderte mit Tristan, als hätte sie ihn von Kindheit an gekannt, und als wäre sie Malerin, Bildhauerin, Architektin, Radiererin in einer Person, war mit einer Fülle von Vergleichen, die unheimliche historische Kenntnisse und Erkenntnisse verrieten, flink bei der Hand; nicht einmal die fremde Sprache bedeutete für sie eine Hemmung, sie jonglierte mit allerlei technischen Bezeichnungen, die Hermione unbekannt waren.

Hallo, hier könnte – man mußte Tristan nur ansehen, mit welcher Aufmerksamkeit er der Fremden lauschte – ein Interesse entstehen, eine Bindung, die Hermione in die Quere käme – nichts da! Dazu kommen die gesellschaftlichen Allüren, ein gewisser Schick, den die Pariserin vor allen anderen Frauen voraus hat, und eine zweifelsohne recht solide Bildung. (Hermione versucht sich auf Madames Curriculum zu besinnen, richtig, sie war doch Dozentin an der Sorbonne, für Kunstgeschichte, irre ich mich nicht: Warum hat sie diese ehrenvolle Stellung aufgegeben? Auch hinausgebombt? Oder war vielleicht mit ihren Dokumenten irgendetwas nicht in Ordnung? Gleichviel, jetzt ist sie hier, eine Lehrerin wie jede andere, wir werden ihr keine Ausnahmsstellung einräumen. Ihre Kunstgeschichte brauchen wir nicht, das ist Tristans Enklave, hoffentlich reichen ihre Kenntnisse im Französischen und Deutschen für Stipendiats- und Immatrikulierungsprüfungen aus, mehr brauchen wir nicht von ihr, für ein Trimester wird es auf alle Fälle langen, sie wird bei mir nicht alt werden: Viel zu damenhaft ist sie mir, zu selbständig, zu überlegen; niemand, den man zurechtweisen und auf seinen Platz stellen könnte – und überhaupt … Was für ein ironisches Lächeln sie nur eben aufgesetzt hat, obschon das Verziehen des Mundes bei solchem Schnupfen eigentlich weh tun müßte. Auch finde ich’s ungehörig, wenn man als Bazillenträgerin Besuch macht. Alles in allem, sie steht mir nicht zu Gesicht. Nach Ostern ist Rosamund ohnehin frei und kann sie ersetzen. Bis dahin muß man trachten, sie von Zeit zu Zeit zu ducken. –)

Die verschnupfte Pariserin hat, anscheinend einzig mit französischer Malerei und Tristan befaßt, kein Auge von ihrer neuen Dienstgeberin gelassen, es war ihr Trick, die Leute, während sie sich unbeobachtet glauben durften, zu studieren. Mühelos las sie von Hermionens Antlitz ab, was sich hinter ihrer Stirn regte: nicht artikuliert, versteht sich, nur in den allgemein gehaltenen Empfindungen des Mißtrauens und der Ablehnung: – Sie hat es nicht gern – denkt Madeleine –, wenn man sich mit dem Maler, oder was er sein mag, viel abgibt, offenbar ist er ihr Reservat, es wäre also unklung von mir, wenn ich in dieser Unterhaltung fortführe, zumindest darf ich’s nicht in ihrer Gegenwart tun. Bedauerlich: Es ist lange her, seit mir ein solches Gespräch vergönnt war. – –

Eben will Madeleine, um ihrer guten oder vielmehr vorsichtigen Überlegung zu folgen, sich von Tristan fort- und ihrer Prinzipalin zuwenden, da tritt diese ihr, um fünfundzwanzig Jahre, beiläufig, verjüngt, entgegen – Wenn das nicht Magie ist! – sagt sich Madeleine.

»Meine Tochter Miranda, die sich leider weigert, ihre Universitätsprüfung in Sprachen abzulegen, sie hat sich für Mathematik und Naturwissenschaften entschieden, also bleibt ihr wirklich keine Zeit für etwas anderes übrig, das tut mir leid, denn nichts erscheint mir wünschenswerter, als sich in einem fremden Idiom so fließend auszudrücken wie Sie, Madame, und gar mit allen Fachausdrücken, die unsereins nicht einmal in seiner Muttersprache kennt …«

Madeleine vergißt, den Hieb zu parieren, sie fühlt sich auf den Mund geschlagen: was für eine lächerliche Ähnlichkeit! Nein, nicht lächerlich – unheimlich! Da war nun dieselbe Person zwiefach vorhanden, in verschiedenen Stadien ihrer Existenz: das gleiche, gekreppte, bronzebraune Haar, die gleiche Schattierung der Haut, mit natürlichem Rot auf den Wangen bei der jüngeren – mit der Nachhilfe von etwas Rouge bei der älteren Ausgabe; die gleichen rehbraunen Augen mit dem gleichen Ausdruck, der zwischen Verschmitztheit und dem Wunsch, treuherzig zu erscheinen, ungefähr die Mitte hielt, mit gleich geschwungenen, nur verschieden dichten Brauen, und ungleich lang bewimpert; die gleiche Anlage der Gestalt, bei der Mutter voll ausgebildet, mit geschwungeneren, gewölbteren Linien, die aber auch bei dem jungen Mädchen bereits erkennbar angedeutet waren. Ja, sie hatten sogar, höchstens um ein Intervall an Lage verschieden, die gleichen Stimmen, verausgabten die gleiche affektiert-konventionelle, geschäftstüchtige Liebenswürdigkeit. Beide hatten ihre Redensarten fix und fertig zu Gebot stehen, peinlich müßte es für sie sein, in eine Situation zu geraten, wofür ihr Vorrat nicht ausreichte – oder wo er überhaupt fehl am Ort wäre. Mit katzenhafter Geschmeidigkeit werden sie aber solchen Möglichkeiten auszuweichen trachten.

Wie kommt nun der Maler hierher? Er ist doch soweit ich mich auf Physiognomien verstehe, von ganz anderer Art: ein Mensch! Und, täusch’ ich mich nicht, kaum bloß als Lehrer hiehergekommen. Eine Herzensangelegenheit? Sie nennen ihn Tristan … Ist sie seine nachgedunkelte Isolde? Wie verhält sich König Marke zu dieser Bindung? Ist er ein Weißbart? Nach seiner Stimme am Telephon – allerdings verändert das Telephon, und gar bei größerer Entfernung, die Stimmen – gäbe ich ihm einen schwarzen Henriquatre, eine zu auffällige Krawatte, ein ungeduldiges Temperament, einen rechthaberischen, unduldsamen, jähzornigen Charakter. Der Maler scheint just das Gegenteil all dieser Eigenschaften darzustellen. Nachgiebig, entgegenkommend, gefällig. Wie schaut er eigentlich aus? Etwas wechselbalgmäßig: ein ursprünglich schön angelegtes Gesicht, aber vorzeitig zerknittert, die Stirn zu früh gefurcht, die Mundwinkel gekräuselt, ohne daß sie spöttisch wirkten. Ein Antlitz wie ein Palimpsest; es müßte der Mühe wert sein, die übereinanderliegenden Schichten zu sondern und zu entziffern. Schade …

Madeleine denkt dieses »Schade« nicht zu Ende, es mag mancherlei Bedeutung haben. Noch ehe die Pariserin mit Miranda recht ins Gespräch gekommen war, ging die Türe abermals auf für ein drittes Familienmitglied, einen jungen Menschen, sechzehn- oder siebzehnjährig, ein bißchen größer als Tristan, mit den blühenden Farben eines zarten Mädchens – Milch und Blut – unter flammendem Schopf. Seitlich betrachtet, zeigte er das bronzebraune Krepphaar von Mutter und Schwester.

»Mein Sohn Arthur – Madame Madrus, unsere neue Sprachlehrerin …«

Der neue Titel tönt Madeleine sonderbar erheiternd ins Ohr, die Comtesse da la Tour ist es nicht gewohnt, mit ihrem Mädchennamen angesprochen zu werden; den Namen und Titel, den sie jetzt seit ungefähr zweiundzwanzig Jahren führt, hat sie bereits in mancherlei Zusammensetzungen gehört, in dieser noch nicht. Sprachlehrerin! Bon, wer auf das Gehalt angewiesen ist, muß auch den Titel mit in Kauf nehmen und die schlechten Lebensformen der Leute, in deren Dienst man sich begeben hat. Dem jungen Menschen, der solches Vorbild vor Augen gehabt hat, darf man’s demnach nicht verübeln, wenn er der Dame, die er begrüßen will, zuerst die Hand entgegenstreckt; eine seltsam weiche, leblose, unerwidernde Hand. lmmerhin läßt sein Gesichtsausdruck darauf schließen, daß er wieder die Bosheit noch die peinliche Routine mit Mutter und Schwester gemein hat, seine linkische, noch ganz knabenhafte Art fällt hier aus dem Rahmen, vielleicht ist das jemand – Madeleine hat sich, seit sie »Sprachlehrerin« ist, aufs Menschenfischen verlegt –, auf den man Einfluß nehmen, auf den man einwirken könnte?

Vorläufig bleibt die Begrüßungsformel das einzige, was Madeleine von Arthur zu hören bekommt, die Fragen seiner Mutter beantwortet er, hinter zusammengebissenen Zähnen hervor, mit dumpfem, unverständlichem Gemurmel, sein Gesicht hat sich, im Augenblick, da er sich seiner Mutter zuwandte, blitzlich verwandelt, es hat das Blühende eingebüßt und einen verkniffenen, verdrossenen Ausdruck angenommen. Ist es vielleicht Tristan, dessen Gegenwart ihn stört, fühlt er sich, stellvertretend, in König Marke beleidigt? Kaum. Denn gleich darauf, als der Maler eine Frage an ihn richtet, hellt sich sein Gesicht auf, es hat, auch durch Magie, das mädchenhaft Blühende zurückgewonnen. Vermutlich ist’s also die Mutter, die ihn bedrückt, gegen die er sich innerlich auflehnt. Das spricht für ihn. Werde ich ihn, fragt sich Madeleine, zu unterrichten haben? Oder zieht er, gleich seiner Schwester, Mathematik und Naturwissenschaften den Humanorien vor?

Eine Gesprächspause entsteht, die Fremde fängt ein Hin und Her der Blicke zwischen Hermione und Tristan auf, dieser legt die Rechte auf Arthurs Schulter und verläßt mit ihm wortlos, abschiedslos, das Zimmer. Miranda, auf ein Brauenzucken der Mutter hin, folgt den beiden.

»Und nun, Madame Madrus, können wir von Ihrem Stundenplan – hier ist er bereits ausgeschrieben – und Ihren sonstigen Obliegenheiten zu sprechen beginnen …«

3

Madeleine bekommt ein Zimmer in den ehemaligen Stallungen angewiesen, im Erdgeschoß, schräg unter ihrem Klassenzimmer. Sie ist nicht wenig erstaunt, zu hören, daß hier nicht wie in anderen Schulen jede Klasse den ihr gehörigen Raum für alle Lehrstunden – Kunst und körperliche Übungen ausgenommen – zugeteilt hat, sondern daß die Schulzimmer nach den Gegenständen benannt sind. Folglich wanderten hier nicht, wie es allgemein üblich ist, die Lehrer nach ihrem Stundenplan von Klasse zu Klasse, es würde sich vielmehr eine Schar von Zöglingen – die »Senioren« mit Mappen und Kassetten, die »Mittelschüler« mit ihren Schubladen voller Bücher, Hefte, Tintenfläschchen, Federn und Bleistifte, atemlos von einem Haus ins andere stürzen, und es wird bei dem verschiedenen persönlichen Rhythmus dieser Wanderschaft, fünf oder zehn Minuten dauern, bis die ganze Klasse bereit ist, des Lehrers Wort aufzunehmen. Welcher Zeitverlust! Madeleine kann den Nutzen dieser Neuerung nicht recht einsehen, sie wird aber ein Trimester lang siebenmal täglich darunter zu leiden haben.

Der erste Schultag verläuft ganz angenehm. Madeleine hat die Aufenthaltsbewilligung für ein »militärisch geschütztes Gebiet« in der Hauptstadt abwarten und dadurch vier Schultage versäumen müssen, die Schüler sind also gespannt, neugierig – und zufrieden, daß es überhaupt wieder eine französische Lehrerin als Nachfolgerin Mademoiselle Telliers gibt, die zu ihren Eltern nach den Vereinigten Staaten übersiedelt ist. Die ursprünglich in Aussicht genommene – geht es gerüchtweise in der Télème-Abtei um – habe im letzten Augenblick abgesagt, und Hermione, mit ihrem vielgerühmten Geschick im Menschen- oder Lehrerfang, hat im allerletzten eine treffliche Kraft gefunden: einen französischen Flüchtling wie Mademoiselle Tellier – und so etwas wie eine wissenschaftliche Berühmtheit. Wird sie sich nun den ungewöhnlichen Verhältnissen der Télème-Abtei anzupassen verstehen? Kommt sie vom Montmartre, vom Montparnasse, aus dem Quartier Latin, oder, Gott behüte, aus einem der eleganten Viertel nächst den Champs Elysées oder rings um den Parc Monceau herum? Wie wird sie sich mit der geringen Anzahl an Badezimmern, dem Mangel an Kleiderschränken, an Spiegeln und Teppichen abfinden?

Badezimmer, versichert Beatrice, die mehrere Sommer in der Bretagne verbracht hat, seien in französischen Privatwohnungen eine Seltenheit, überhaupt sei Reinlichkeit, seien sanitäre Anlagen den Galliern unbekannt, statt einer ordentlichen Dusche genügt eine Flasche mit Gummiball und ein Parfümschauer …

»Unter Louis XIV. – aber doch nicht heutzutage? …«

»Heute wie damals und fast überall, nur gibt es nicht überall ein Parfümfläschchen.«

»Es ist etwas daran«, mischt sich Juliet ein, »meine Tante Marjorie hat sich knapp vor dem Krieg nach Paris verheiratet. Ihr Bräutigam hat sie, aus besonderer Aufmerksamkeit, vor die Wahl gestellt: Salon oder Badezimmer? Natürlich könnten sie sich beides leisten, aber die Franzosen sind, scheint es, sehr sparsam, und die Wohnungen sehr teuer. ›Badezimmer, selbstverständlich‹, sagte die Tante Marjorie. Das hat bei ihrer neuen Familie scharfe Kritik herausgefordert. Man ist es sich schuldig, einen Salon zu haben, wo, wann – wie oft man badet, geht hingegen niemanden etwas an, gleich um die Ecke rechts, in der Rue Cardinet, ist eine öffentliche Badeanstalt, dorthin geht man einmal im Monat, das genügt.«

Juliets Zuhörerinnen schütteln sich vor Lachen. Sie haben ganz vergessen, daß nicht viele in der Télème-Abtei öfter als einmal im Monat zu einem ordentlichen heißen Bad kommen, man behilft sich, wie man kann. Im übrigen, wird entschieden, ist es nicht unsere Sorge, wie Madame sich in die hiesigen Verhältnisse schickt, sondern wie wir uns mit ihr abfinden.

Madeleines Zimmer in den Stallungen hat einen roten Fliesenfußboden, weißgestrichene Wände, gebräuntes Gebälk als Decke. Es ist erfreulich kahl, als Wandschmuck dienen dicke Heizröhren, die an zwei Seiten der Decke sowohl wie dem Fußboden entlang laufen, und eine Siedetemperatur verbreiten. Man muß hier das Fenster Tag und Nacht offenhalten, tröstet sich Madeleine, die im vergangenen Trimester in einem feuchtkalten Kloster, wo alles schimmelte, rostete oder Grünspan ansetzte, nicht wenig gefroren hat.

»Und wo«, fragt sie die Sekretärin, die sie eingeführt hat, »bring’ ich meine Sachen unter?«

– Eine schöne Person; sie erinnert mich – denkt Madeleine, – an den Lionardo in der Wiener Liechtensteingalerie. Das Haar trägt sie aufgesteckt, wie die Kaiserin Elisabeth es trug, ist das jetzt hier Mode? Und gar in Verbindung mit Männerhosen? Die Frauenzimmer hier scheinen alle zweigeschlechtlich zu sein, vom Fuß bis zur Mitte männlich, von da ab aber können sie sich nicht genug tun an Weiblichkeit: Busen, Hüften, Zöpfe, Locken, komplizierte Frisuren oder langes offenes Haar. Haben sie keine Empfindung für das Zwitterhafte ihrer Erscheinung, oder taugt es ihnen, bedienen sie sich seiner zweckhaft? –

»Ihre Sachen?«, antwortet mit einer Gegenfrage die Sekretärin, »hinter dem Vorhang dort, oder hier, in dem grünen Wandschränkchen.«

Das Wandschränkchen erweist sich als mit vielerlei männlichem Kleinkram angefüllt; hinter dem Vorhang gibt es rohe und rauhe Holzgestelle, worauf man, ohne sie zu beschädigen, weder Bücher noch Toilettegegenstände unterbringen dürfte.

»Vielleicht«, fragt die Ankömmlingin schüchtern, »könnten die Bretter fortgenommen und ein paar große Nägel in die Wand darüber eingeschlagen werden? Dann möchte ich meine Kleider und Mäntel an meinen mitgebrachten Haken dort aufhängen. Es fehlt auch ein Spiegel: Aus Aberglauben nehme ich auf Reisen keinen mehr mit, seit mir einmal unterwegs einer zerbrochen wurde, ich habe dann wirklich sieben Jahre Unglück gehabt. Jetzt ist die Zahl meiner Unglücksjahre schon so angewachsen, daß ich keine weiteren riskieren kann.«

»Abergläubisch?«, fragt die Sekretärin wohlwollend, als ob sie zu einem Kinde spräche, »das finde ich ja ganz reizend, um so mehr«, fährt sie mit schiefgelegtem Kopf fort, »als es eigentlich nicht zu Ihnen paßt, Sie machen doch sonst einen so überlegenen Eindruck. Es hat mich ordentlich gefreut, wie Sie der Frau Hermione gleich klargemacht haben, was Sie als Ihre Position ansehen und daß die Gute – oder vielmehr gar nicht Gute – mit Ihnen nicht so umspringen darf, wie mit uns anderen: Es war sozusagen ein Lehrstück – ich hoffe nur, sie wird sich die Lehre merken.«

»Glauben Sie? Nun, es war gewiß nicht meine Absicht, hier, und gleich bei der ersten Begegnung, mich, wie man in Wien sagen würde, ›auf die Hinterfüße zu stellen‹, ich habe mich ganz einfach uneingeschüchtert so verhalten, wie es meine Art ist. Die Wahrheit zu sagen, geht es mir auf die Nerven, wenn ich sehe, daß die Flüchtlinge, besonders die belgischen, deutschen und österreichischen, vor unseren Wirten oder Gastfreunden kriecherisch und würdelos vergessen, was ihnen zukommt, oder, und das ist noch schlimmer, so tun, als ob sie daheim in Palästen gewohnt und von Silber gespeist hätten, auch wenn man ihren Allüren anmerkt, daß sie sich erst gestern das Messer in den Mund zu stecken abgewöhnt haben. Wenn die Dame Hermione es mit solchen zu tun hatte, kann man ihre Arroganz – obschon sie sich nicht rechtfertigen läßt – doch verstehen …«

»Ach nein, die ist ihr schon angeboren, sie hat es hier fast immer mit einer Elite von Lehrkräften zu tun, gerade deshalb freut es sie, solche, die im kleinen Finger mehr wissen und können als die ganze Hermione, ihre wirtschaftliche Überlegenheit fühlen zu lassen. Ihnen hätte man selbstverständlich ein besseres Zimmer als dieses anweisen müssen und können, es steckt schon Absicht dahinter, wenn Sie so primitiv untergebracht werden, es mangelt doch hier am Nötigsten …«

»Wenn man«, sagt Madeleine vorsichtig – man kann nicht wissen, ob diese scharmante junge Sekretärin ihre Kritik an der Prinzipalin nicht als Fangfrage aufgestellt hat, mit der Absicht, Madeleines allfällige Klagen ehestens höheren Ortes zu melden – »ein wenig mehr als vierzig Jahre in einigem Komfort zugebracht hat, merkt man nicht gleich, ob, was man selbst für ein Minimum nimmt, woanders vielleicht schon als Maximum gilt. Finden Sie meine Ansprüche sehr unbescheiden?«

»Gar nicht unbescheiden, bloß«, sagt gedehnt in ihrem slawischen Tonfall die Sekretärin, »vielleicht unerfüllbar. Soviel an mir liegt, möchte ich gewiß alles tun, um Sie zufriedenzustellen. Wenn es nicht geht, sollen Sie wenigstens wissen, daß ich mich redlich darum bemüht habe, nur fehlt es mir leider an Autorität. Ich bin erst seit ungefähr einem Jahr hier, und man muß schon eingesessen sein, um etwas zu erreichen.«

»Wann ist man hier ›eingesessen‹?«

»Im dritten Jahr fängt es an, aber die wenigsten bringen es so weit.«

»Vielen Dank übrigens dafür, daß Sie mich nicht daran erinnert haben, es gebe Krieg. Man kann jetzt selten irgendwo irgendwas verlangen – sei’s in einem Hotel, einem Restaurant, einem Kaufladen – ohne diese Zurechtweisung zu hören.«

»Das ist schon richtig. Die handlichste Entschuldigung für jede Art von Nachlässigkeit, Faulheit, Ungefälligkeit – und zuweilen der Vorwand für eine Art Erpressung; denn die meisten der offiziell verweigerten Dinge sind schon da und unter dem Ladentisch, oder, im Gasthaus, unter einem Chinasilbersturz, gegen ein gutes Trinkgeld zu haben, man muß sich nur auskennen. Ich werde also trachten, obwohl es Krieg gibt, Sie mit den unentbehrlichsten Ihrer Notwendigkeiten zu versehen, was brauchen Sie denn am dringendsten, Madame?«

»Waschgerät, denk’ ich, denn ich kann mich nicht gut an die Ausgußmuschel in der Küche nebenan halten, da die Türe weder Schloß noch Riegel besitzt …«

»… und die Burschen, die im Hause wohnen – Sie sind, nebstbei, die einzige Frau in den Stallungen –, sich dort zu waschen und zu rasieren pflegen, dann wär’s für Sie noch bequemer, Waschbecken und Krug auf den Hocker zu stellen.«

»In Wien würde man Stockerl sagen, wo ist denn eines?«

»Hinter dem Vorhang. Den Spiegel müßte man – falls ich einen auftreiben kann – dort drüben an die Wand hängen …«

»Und, womöglich, möcht’ ich auch einen Wasserkrug brauchen, denn man hat mir schon gesagt, ich sollte das Trinkwasser von der Quelle am Eingang zu dem Ehrenhof, der uns umschließt, holen, und nicht von der Wasserleitung …«

»Das war eine zeitgerechte Warnung. Wir haben hier nämlich Dysenterie endemisch, obschon ich bezweifle, daß sie von der Wasserleitung ihren Ausgang nimmt; zum Teewasser können Sie ruhig den Tscheinik von der Leitung anfüllen …«

»Tscheinik? Also Russin?«

»Das haben Sie wohl schon an meiner Aussprache gemerkt. Was den Krug angeht, wird es damit seine Schwierigkeiten haben. Sie möchten nicht glauben, was alles unsere Kinder hier an Geschirr zerbrechen, nichts können sie sorgsam hinstellen, alles wird geschmissen, dafür stört es sie nicht, Wasser – da alle Gläser kaputt sind – aus henkellosen Tassen zu trinken, sie scheinen alle am Unbehagen in der Kultur zu leiden …«

»Sie kennen Freud?«

»Eine Bekanntschaft, die ich aus praktischen Gründen zu machen hatte – ich habe mein und meines Mannes Geld an Analysen gewendet, die mir schließlich doch nichts geholfen haben …«

»Wenn Sie arbeiten können, wird’s doch mit Ihnen nicht so schlimm stehen?«

»Der Muß ist ein großer Herr. Und jetzt geht es mir ja entschieden besser. Es scheint hier die richtige Luft für mich zu wehen, kein Kirchgang, kein Zwang, keine Regel, nicht einmal feste Arbeitsstunden, ich kann sie mir nach Belieben einteilen, es kommt nur darauf an, daß die geforderte Leistung auch wirklich fertiggestellt wird, wann – bleibt mir überlassen, meistens arbeit’ ich nachts, denn vor zwei, drei Uhr morgens kann ich ja doch nicht schlafen. Richtig, das ist ein Stichwort: Sie haben hier, sehen Sie, zwei Bettgestelle – Betten kann man’s nicht gut nennen –, weil Cajus, einer unserer geschulten Arbeiter, über das Wochenende meist den Besuch seiner Frau zu erhalten pflegt. Jetzt können Sie beide Matratzen haben, auf das nackte Gestell kommt Ihr Gepäck, so …«

»Dann gehören die Dinge im grünen Schränkchen auch Herrn Cajus, darf man vermuten?«

»Ich glaub’ schon und werde ihn bitten, Platz für Sie zu machen, seine Übersiedlung erfolgte etwas plötzlich. Nun lauf’ ich schnell ins Haus hinüber, um Leintücher, Decken und Kissenbezüge zu holen, und alles übrige Zubehör. Vielleicht gibt mir Hero, die Chefköchin, einen Wasserkrug für Sie, weil sie nämlich Ihre halbe Landsmännin ist, in Nancy geboren, wenn auch hier aufgewachsen.«

»Vielen Dank für alles! Da fällt mir ein: Ich weiß ja Ihren Namen noch nicht, Sie nannten sich schriftlich und mündlich immer nur höchst unpersönlich ›die Sekretärin‹.«

»Tatjana heiß’ ich, hier nennt man mich Tatz. Wir haben jeder unseren Spitznamen, Sie werden auch einen bekommen.«

4

Als Madeleine nach den beiden ersten Lehrstunden, die ohne besonderen Unfall verlaufen sind, in ihr Zimmer hinunter will, wird sie durch einen Anruf aufgehalten. Ein schöner hochaufgeschossener Bursch, dem eine rotblonde Wotanslocke das rechte Auge verdeckt, sagt, indem er errötet: »Madame Madrus, Tristy – Herr Tristan mein’ ich«, verbessert er sich schnell, »läßt fragen, ob Sie nicht mit ihm eine Tasse Tee nehmen möchten?«

»Mit Vergnügen, wo denn?«

»Hier, gleich neben dem ›Französischen Zimmer‹.«

Über ein paar Stufen hinauf geleitet der Jüngling Madeleine in eine kleine Stube, deren Hauptwand von einem Kamin, einer Türe und einem Büchergestell beinahe ausgefüllt ist. Im Kamin flammt ein großes Feuer – sehr erwünscht, denn die Radiatoren im Französischen Zimmer geben, ungleich den Heizröhren in Madeleines Schlafzimmer, gar keine Wärme ab. Über dem Kamin hängt eine verkleinerte und etwas eingeschlagene Kopie des Wiener Giorgione, die anderen Wände tragen hausgemachten Bilderschmuck, von Tristans Schülern, läßt sich annehmen. Dem Giorgione gegenüber, der in solcher Umgebung beinahe akademisch wirkt, gibt es ein Nachtcafé mit hingelümmelten Gästen, die trübe Biesterfarbe drückt die Hoffnungslosigkeit der Situation überzeugend aus, die Formensprache ist von Daumier übernommen, aber eigenwüchsig verjüngt; daneben hängt etwas in schwärzlichem Absinthgrün, von roten und schwefelgelben Farbflecken aufgehellt, es ist – nicht gleich zu unterscheiden – ein Vorhang oder eine schimmlige Hauswand, an der zwei Nachtbummler niedergesunken sind, kaum körperlicher, als wären’s ihre leeren schwarzen Gewänder. Links davon ist etwas Solideres, etwas Altmodischeres, eine Schneelandschaft, die an den winterlichen Semmering erinnert, und dem Fenster gegenüber ein spanischer Hof, ein »patio«, mit grellem Granatbusch an der Mauer und grellblauem Himmel darüber, ein hübsches Bildchen, aber ganz ausgestochen und blind gemacht von seinem Nachbarn, einer Jahrmarktszene mit einem ockerfarbenen Zelt, einem Zirkuskomödianten auf hohen Stelzen und einem Ringelspiel im Hintergrund. Die Zeltwand auf der einen Seite – der Stelzengänger auf der anderen, neigen sich gegeneinander, so daß sie ein ausgespartes Rhomboid abgrenzen.

»Wie das«, sagt Madeleine zu Tristan, der eben mit einem Teebrett hereinkommt, »an Tiepolo erinnert! Nicht in den Farben –, Tiepolo gebrauchte weder Ocker noch gebrannte Terra di Siena, sein Blau ist heller, und sein eigentümliches Rosa fehlt hier –, aber der Form nach. Das hier gemahnt mich an eines der Passionsbilder in San Tommà in Venedig, wissen Sie, welches ich meine?«

»Ich bin leider niemals in Venedig gewesen und kenne Tiepolo nur in Auswahl; es kann aber sein, daß ich Benedict etwas von ihm gezeigt habe, das ihn nun beeinflußt hat.«

»Alles reine Erfindung, keine Naturstudien?«

»Nicht für diese Art Bilder. Ich halte einen Aktkurs, und einen Abendkurs, Kostüm mit lebendem Modell, leider kommen nicht alle zum Aktkurs, obzwar er doch so wichtig ist. Nehmen Sie Zucker, einen Löffel, zwei?«

»Zwei, wenn’s nicht zu unbescheiden ist.«

»Keineswegs, wir haben hier Zucker in Fülle, wir leben hauptsächlich von Milch und Tee, Brot, Butter und Jam, die übrige Kost heißt nicht viel, für Ihren französischen Gaumen wird sie vollends ungenießbar sein. Ich habe mir ja in Paris kein gutes Restaurant leisten können, aber in jeder Crêmerie speist man fürstlich, gegen unseren Schlangenfraß gehalten. Ich weiß nicht, warum wir so heruntergekommen sind, früher war’s recht gut, und die Köchin hat nicht gewechselt, bloß ihre Laune; noch sind wir in der Belieferung wesentlich schlechter dran, ich glaube, der wahre Grund ist Heros unglückliche Liebe.«

»Zu Spargel, Artischocken und Poulards, oder zu einem Lebewesen?«

»Schon eher das letztere.«

»Und ihr trauriges Geheimnis ist allgemeiner Besitz?«

»So ungefähr. Alle unsere kleinen Affären hier sind es. Man nimmt Herzensangelegenheiten ungemein natürlich in Télème und erkundigt sich nach ihrem Befinden, als wär’s ein Schnupfen. Wie geht es übrigens dem Ihrigen?«

»Danke, viel besser. Vielleicht sind sie dann – die Herzensangelegenheiten mein’ ich – nicht viel mehr als ein Schnupfen? Rhume au cœur. O weh, das ist die Glocke, ich muß ins Französische Zimmer hinüber. Wen hab’ ich nur jetzt?«

Madeleine blickt auf ihren Stundenplan. »Gruppe B. Das sagt mir nicht viel: Können Sie mir vielleicht verraten, was es bedeutet?«

»Gruppe B besteht aus Buben und Mädeln, die vom nächsten Juli in einem Jahr zur Prüfung kommen; A kommt heuer daran, C in zwei Jahren. B ist eine besonders erfreuliche Zusammenstellung, die Begabtesten der ganzen Schule, scheint mir. Sie haben Benedict darunter, der den Jahrmarkt gemalt hat, Diego, von dem der Patio herrührt, Beatrice, das gescheiteste Mädel der Télème-Abtei … Wissen Sie übrigens, wie Sie später ins Haupthaus und in die Speisesäle gelangen? Nein? Florizel!«

Hinter dem Vorhang, der das nächste Zimmer – die Werkstatt – abschließt, kommt ein schöner Bursch hervor, nicht der nämliche wie vorhin, wenn auch ihm eine Wotanslocke übers Auge hängt, diesem hier über das linke.

»Florizel, wollen Sie so gut sein und Madame den Weg zu den Fleischtöpfen zeigen, wenn’s soweit ist? Sie erwarten Madame um halb eins vor dem Französischen Zimmer.«

»Seheher ggegern, mit dem grogrögrösten Vergnügen, wirklich!«

Florizel, sehr vergnügt, weil er nun zu Ende gestottert und zwei ganze Worte tadellos herausgebracht hat, verneigt sich, Madeleine nickt Tristan zu und zieht sich in ihren Bereich zurück.

Nachdem sie Gruppe B und Gruppe A überstanden hat, findet sie richtig den Jüngling, ihrer wartend, auf der Schwelle. Draußen ist es kalt und neblig, die hohen Eschen tragen Wattefetzen an ihrem Gezweig, Krähen fliegen blauschwarz durch die feuchte Stille, ein Flugzeug zieht gedämpften Geräusches vorüber, es ist, als wäre man auf Meeresgrund und sähe nahe dem Spiegel die Schatten großer und kleiner Schiffe hingleiten.

»Wie gegegefällt es Ihihihnen dedenn im Krähehehennest, Madame Madrus?«

»Wo? Im Krähennest? Was ist das?«

»Ununsere Schuschule. Ein Spispitzname.«

»Ich dachte, sie heiße Télème-Abtei?«

»Offifiziell, auauf den Drucksorsorten schon, aaaber wiwiwir hahahaben sisie umumumgegetauft, haben Sie denn das Krähennest nicht gesehen?«

Florizel strahlt, er hat einen ganzen Satz fehlerlos herausgebracht.

»Eine ganze Menge Krähennester sogar, dort drüben …« Madeleine streckt die Rechte nach den hohen Eschen aus, worin, neben weißen Flocken Nebels, viele schwarze Nesterklumpen aufgehängt sind.

»Dadas sisind nicht diedie richrichtigtiggen. Bloße Nachahmung. Sie gehöhören gagar nicht uuuns. Dododort bebebeginnt schoon der Kirkirchenhohof.«

»Der Kirchhof ?«

»Der Kirchenhof, eiein Nanachbabargugut, ees heißt soso wewewegen deder Nähe deeer Kirchehe. Unununser Kräkräkrähennest ist einzig.«

»Und die Bedeutung? Ihr seht mir doch nicht gerade nach Krähen aus, seid eine zwar lärmende, aber doch eher bunte und vergnügte Volière.«

»Aaaber wiwiwir beibeiheißen eieinander wiewie diediedie dooort droooben.«

Aus dem Krähennest kommt kreischender Lärm. Zwei große schwarze Vögel trachten einander aus dem Nest zu werfen, sie schelten, schreien, krächzen einander an, kehren sich endlich den Rücken.

»Es wird, hoff’ ich«, sagt Madeleine, »zuletzt doch gut ausgehen, eine Krähe hackt, nach dem Sprichwort, der anderen kein Auge aus. Nur weiß ich freilich nicht, ob hier überlieferte Sprichwörter noch in Geltung stehen?«

»Sesehehen Sie, Madame Mamadrudrus, wir halten uns an diediedie Übüberlieferung, wenn sie uuns papaßt, in ananderen Fäfällen lelehlehnen wir uuuns dadadagegen auf. Aaber Sisie hahaben meine Frafrage nicht bebeantwowortet: wie es Ihihnen hier gefällt.«

»Das wär’ auch zu früh, ich kenn’ doch erst einen bescheidenen Teil – bescheiden soll sich natürlich nicht auf den Charakter, sondern nur auf die Anzahl meiner Schüler beziehen –, der jungen Krähen, und kenn’ mich in ihrem Nest noch so wenig aus, daß ich ohne Ihre Hilfe nicht einmal zur Krippe fände. Vielen Dank für die Führung, nur werden wir, fürcht’ ich, keinen Platz mehr bekommen.«

In der großen eichengetäfelten Halle sind drei lange Tische – einer vor dem Kamin, einer in der Nische des Treppenaufgangs, einer an der Querwand – dicht besetzt.

»Schauen wir weiter.«

Florizel öffnet eine Türe, aus der Helligkeit, Stimmengewirr und der flüchtige Blick heiterer Wandbilder kommt.

»Dededer grgroße Speispeisesasaal gegehört eieigentlich dededen Mimimittelschüschülern, wiwir nenennen ihn dedeshalb de Enenklave Dodorrit. Vivivielleicht ist im kleiikleinen nonoch etwas ffrrei.«

Florizel öffnet eine andere Tür, Madeleine erkennt zu Häupten des nächsten Tisches die Sekretärin; Tatjana winkt ihr zu.

»Ich habe einen Platz für Sie am unteren Tafelende vorbehalten, Madame Madrus. Sie, Florizel, werden vielleicht drüben bei Olivia ein Unterkommen finden.«

Madeleine findet auf dem ihr zugewiesenen Platz Gabel und Messer gekreuzt, das heißt, wird ihr bedeutet, daß dieser Platz reserviert ist. Der Tisch ist mit königsblauen Baumwolläufern von zweifelhafter Reinlichkeit umrandet und recht sorglos gedeckt, vor Tatjana steht ein Stoß dicker weißer Teller, es kommen zwei junge Mädchen mit einer riesigen Holztasse, von der sie an jedem Tisch zwei Schüsseln – Gemüse und Kartoffeln – abladen, eine dritte Schüssel steht bereits vor Tatjana, sie beginnt auszuteilen, ein hochgefüllter Teller wandert von Hand zu Hand abwärts, bis er vor Madeleine Halt macht, die es für ein Gesellschaftsspiel nimmt, und ihn weiterreichen will.

»Nein, Madame Madrus«, sagt ihr junger Nachbar, »das ist Ihr Teller.«

Madeleine begreift, daß, wer zu Häupten des Tisches sitzt, den ersten Gang austeilt, wer am Fußende sitzt, zuerst bedient wird. Mit dem Pudding geht es umgekehrt. Madeleine hat einen Stoß Dessertteller vor sich, später kommt die Reihe auszuteilen an sie.

Man erkennt zwar im Krähennest – denkt Madeleine – Überlieferungen nicht an, hat aber einige aus eigenem geschaffen, man kann offenbar ohne sie doch nicht ganz auskommen. Übrigens ist es schade, daß ich nicht von der Luft oder von Tabletten leben kann, ein voller Teller, Fleisch, Gemüse und Erdäpfel übereinandergehäuft und mit brauner Tunke begossen, dagegen kommt nicht einmal mein Luftveränderungshunger auf. Tristan hat recht: In jeder Pariser Crêmerie wird man appetitlicher bedient. –

Eine Schnitte Pain de luxe wäre mir lieber, aber freilich gibt es jetzt wohl kein Pain de luxe mehr in Paris, außer für den deutschen Generalstab, die deutsche Zivilverwaltung – und vielleicht noch für Ernest Mathieu. Für die anderen aber ist nun wohl jedes Stückchen Brot ein Luxus. Hat man hier übrigens keine festen Plätze, ist es nicht Sitte, daß jedem Tisch ein Lehrer vorsitzt? –

Sie muß das laut gedacht haben, denn ihre Nachbarin zur Linken, ein rotwangiges Mädchen mit aufgestülpter Nase, das geradewegs aus den Blättern des Struwelpeters ins Leben der Télème-Abtei getreten zu sein scheint, antwortet keck: »O nein, wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Früher, ja, da ist jedem Tisch ein Lehrer vorgesessen, aber wir haben das abgeschafft, außerhalb der Schulzimmer sind wir alle gleich, da braucht’s keine Aufsicht.«

– Frecher Fratz! – denkt Madeleine und blickt das Struwelpeter-Mädchen still an.

– O je – denkt dieses –, es ist vielleicht besser, man läßt sich mit der Neuen nicht ein. Mademoiselle Tellier war jünger und, wenn auch manchmal sehr sarkastisch, leichter zu behandeln. Schade, daß sie jetzt in Richmond, Virginia, Französisch unterrichtet! –

5

Es gibt in der Télème-Abtei eine Bibliothek, die kennenswerte Bücher enthält, und ein Lesezimmer mit mehreren Tageszeitungen und Zeitschriften, auch französischen. »Hier ist«, erläutert Florizel, der Madeleine zu seinem Schützling erkoren hat und dafür sorgen möchte, daß sie sich im »Krähennest« auskennen lernt, »›der neuneue Staatsmann‹, hier ›Zeizeizeit uund Gegezeizeiten‹, dort haben Sie den ›Zuzuschauer‹, hier den ›Ausblick‹, und dadada haben wiwir ja auch ›Lala France lilibre‹ und ›Fontaine‹; dadas wiwird Sie dodoch besonsonders ininteressissieren, Madame! Dada wiwill ich ninicht längerger stöören.«

Madeleine ist dem liebenswürdigen Stotterer dankbar dafür, daß er sie nun allein läßt. Sie hat nämlich, flüchtig das Titelblatt des »Ausblicks« streifend, dort einen Aufsatz angekündigt gefunden, dessen Überschrift peinliche Erwartungen in ihr erregt. »Die Lust am Verrat.« Auf wen geht das nun? Oh, gewiß dürfte man damit auf viele hinzielen, zumal, wenn es sich, das kann man vermuten, auf Frankreich bezieht. Ist denn in Madeleines Vaterland jetzt nicht Verrat von Staats wegen entschuldigt, ermutigt, gefördert, gebilligt? Ein schmerzhaftes Zusammenziehen des Herzmuskels aber hat ihr schon vorausgesagt, wer es wohl ist, der hier angegriffen wird. Der einzige nicht nur, mit dessen Gefolgschaft die Eroberer sich prahlerisch brüsten – der einzige auch, dessen Verlust ihre wertvollsten, ihre edelsten Widersacher schmerzt. Freilich, Madeleine ist von ihrem Vorgefühl nicht getäuscht worden, hier steht’s: Ernest Mathieu Le Sieutre.

Das ist freilich einer, der, wie so viele seiner Berufsgenossen, gleich nach dem Durchbruch bei Sedan in die Schweiz, nach England, nach Amerika hätte entweichen können, der heute in Algier an der Seite des Generals willkommen wäre. Er aber hat es vorgezogen, in Frankreich zu bleiben und den Feinden zu dienen. Nun ist er in aller Munde, sein Name ist in allen öffentlichen Reden, auf und zwischen den Zeilen aller Blätter, in hundert Anspielungen zu finden: eine Eroberung, ein Popanz, ein Beispiel – nachahmenswert oder abschreckend, je nachdem. Er ist, auf welcher Seite man auch stehen, wohin man sich kehren und wenden mag, ein Wahrzeichen, ein Wegweiser, ein Warnungssignal.

»Daß wir diesen bedeutenden Mann«, stand in einem Aufsatz der »Deutsch-Französischen Rundschau« – die auf ganz geheimnisvolle Art Madeleine in die Hände gespielt worden war –, »in unserer Mitte haben, gilt uns mehr als ein Dutzend erstürmter Festungen. Es ist ein moralischer Gewinn von kaum abzuschätzendem Wert. Wenn ein hoher Mensch, wie Le Sieutre, unsere neue Ordnung als gerecht und erstrebenswürdig anerkennt, wenn er sich willig – ja hingerissen bereit zeigt, uns sein Frankreich, worin er tiefer wurzelt als irgendeiner seiner ›confrères‹, nach Landschaft, Volkstum, Überlieferung und lebendig fortwirkenden Kräften, nach seiner staatlichen und persönlichen Eigenart genauer kennenzulehren, mehr, wenn er uns die geistigen – und die ungeistigen Voraussetzungen enthüllt, welche die politische Haltung seiner Volksgenossen hintergründen: jener Widerspenstigen sowohl, die jetzt im Busch und im Dschungel der Großstädte heimtückisch gegen uns wühlen, wie solcher, die sich stillschweigend von uns und ihren besonneneren Mitbürgern abgekehrt haben, weil ihre überlebte Denkungsart mit unserer frohen Botschaft nichts anzufangen weiß, der schwankenden auch, welchen Le Sieutres Beispiel zur Entscheidung verhelfen mag, und jener Willkommenen endlich, die weitblickend und großherzig, sich ihm und uns angeschlossen haben – ist das ein Erfolg, der kaum genug gewürdigt werden kann. Was der vielbewunderte Knut Hamsun, Freund und Weggenosse des edlen, schmählich verleumdeten Präsidenten Quisling, in Norwegen für uns geleistet hat, wird Le Sieutre für uns in Frankreich ausrichten und, seiner viel jüngeren Kraft und der größeren Bedeutung seines Landes und Volkes entsprechend, noch weit mehr. Wollte der Feindbund doch auch seinen Namen als Schimpf gebrauchen, damit wir ihn zum weithin hallenden Ehrennamen wandelten, als den des ersten, hervorragendsten und wertvollsten Vorkämpfers für die deutsch-französische Verständigung.«

Folgen Zitate aus Le Sieutres Schriften und seine ausführliche literarische Würdigung durch einen berühmten deutschen Romanisten, der auf einem wissenschaftlichen Kongreß in Rom Madeleines Tischnachbar war, und den sie jetzt weit eher in Buenos Aires, Rio de Janeiro oder Lissabon vermutet hätte als in Paris.

Wie seltsam ist es, einen, den man so tief – so innerlich kennt, nun äußerlich und oberflächlich von Fremden betrachtet zu finden! Jemanden, der von seinen Jünglingsjahren an in der Öffentlichkeit gestanden ist, bewundert, bemäkelt, angegriffen oder verteidigt, seit langem aber, ob freundlich, ob feindselig, stets aus ehrfürchtigem Abstand beurteilt, entweder aus innerer Verwandtschaft heraus, mit verständnisvollem Eingehen auf seine Eigenart, oder aus bloßem technischen Berufsgeschick – immer aber aus dem Wunsch, sich seines Wesens zu tieferer Erkenntnis zu bemächtigen. Einen solchen nun als Schmuckgegenstand und erwünschtes Beutestück dargestellt zu sehen –, welche Erschütterung! Wie erträgt er’s nur? Durchschaut er denn nicht, daß alle Bewunderung, alles Entgegenkommen, das ihm dargebracht wird, nicht seinem Wert, sondern seinem politischen Nutzwert gilt?

Wer kennt besser als Madeleine alle klugen und unklugen, alle würdigen und unwürdigen Beweggründe, die den Freund zur Abkehr von allem, was so lang ihrer beider ererbtes und aus eigenem anerkanntes Gebot war, antrieben?

»Nicht einer von jenen, die heute als Patrioten und Märtyrer gepriesen werden – nicht einer von ihnen«, hatte Ernest mit einer Miene, worin Entschuldigung, Herausforderung und knabenhafter Trotz zugleich lagen, gesagt, »hat für Frankreich geleistet, was ich werde leisten können. Es ist freilich leichter, sich in die Brust zu werfen: ›Ich will mich nicht beugen, will kein Jota von meiner persönlichen Unabhängigkeit preisgeben!‹, als offenen Auges den Verlust solcher Unabhängigkeit und überdies Verleumdung, Besudelung, üble Nachrede der abgefallenen alten und die mißtrauisch überwachende Oberhoheit der neuen Kameraden auf sich zu nehmen: um welches Zieles willen aber? Dünkt es dich so wenig, Unzählige vor dem Konzentrationslager, vor Gefängnis, wirtschaftlichem Zusammenbruch, ja vor Hinrichtung zu bewahren, und ist nicht nützlicher, wer zu solchem Zweck Macht zu gewinnen trachtet, als solche, die selbstsüchtig bloß die eigene Haut retten wollen? Ich mache mich auf die schmählichsten Angriffe gefaßt, geistige und tätliche, auf metaphorische Steine und höchst wirkliche Kotballen; ich weiß, man wird weder hier noch dort glimpflich mit mir verfahren, denn was die Deutschen angeht, die heute wahrlich mehr gewitzt als treuherzig sind, bedarf’s wohl größerer Schlauheit, bedarf’s einer ausgebildeteren Verstellungskunst, als der kümmerlichen, die mir zu Gebot steht, um nicht da und dort bei ihnen anzustoßen! Es sollte mich nicht wundern, wenn ich sogar, eine Bewährungsfrist lang, unter Aufsicht der Geheimen Staatspolizei gestellt würde, aber selbst das – das alles ist besser, als ein heimatloser Flüchtling zu sein und das entsittlichende Leben des Exils zu führen. Entwurzelt, ich, der doch nur wie eine unserer normannischen Eichen aus diesem Boden seine Kraft saugt! Losgelöst würde ich schnell eingehen, verdorren, nutzlos vergreisen.«

»Man kann auch«, hatte Madeleine widersprochen, »sein Vaterland verlieren, wenn man darin bleibt, und man kann es mit sich nehmen, überallhin.«

– Was – hatte Madeleine sich nach diesem Gespräch gefragt – steckt, außer dem Einbekannten, noch hinter seinem Entschluß? Stets hat er mir nur seine beleuchtete Hemisphäre zugekehrt, die auch anderen sichtbare, was aber geht auf der für alle dunklen vor sich? Etwas vollzieht sich dort, was er sogar vor mir, vor sich selbst vielleicht, verheimlicht, nie werde ich erfahren, was es ist, denn ich hüte mich, nachzuforschen: aus Achtung vor ihm, aus Angst für mich selbst. Wie, wenn es nicht bloß eine erhabene, überpersönliche Aufgabe wäre, nicht bloß Heimatliebe, was ihn zurückhält? Dunkle Gewalten sind da am Werk, anderes noch gibt’s für ihn. Ehrgeiz? Sicherlich, aber nicht von der gemeinen Art. Niemals hat er ihm die Bahn freigegeben, immer hat er ihn durch andere Kräfte gebändigt und gebunden: da war die Überlieferung seines Hauses, seine religiöse Überzeugung, sein Wille zur Demut (wenn auch nicht Demut selbst), seine philosophische Weltanschauung, sein Abscheu vor der Berührung mit rohem Wettstreit, und – die stärkste unter allen seinen Bindungen: Ich. Hat er mich nicht sein Gewissen genannt? Jetzt aber? Wie – wenn alle diese Hemmungen nun wegfielen? Wenn er, während des allgemeinen Aufruhrs, zeitweilig im Unsichtigen verschwinden dürfte? Wenn er nicht länger zu jeder Stunde, immer im Rampenlicht, eine ideale Stellung, und eine sehr wirkliche zugleich, seinen geistigen Rang, seine nationale Bedeutung und alles, wofür er sonst steht, verteidigen müßte? Da er nun nicht mehr unter dem wachsamen Blick der Freunde – und der-Feinde –, der ihm sich seine Blöße zu geben, nicht erlaubte – nicht mehr in der Nähe solcher lebt, die jede Linie in seinem Gesicht, jede seiner Gebärden, jeden Tonfall seine Stimme nur allzu genau kannten, vor denen sogar er – dessen Weg immer Umweg und Geheimnis ist – sich nicht völlig verbergen konnte? Den Fremden hingegen mag er sich darstellen als eine von ihm selbst erdichtete Gestalt, die auch unter ihrer Bewachung sich in Rauch auflösen – im Namenlosen sich verflüchtigen könnte.

Ah – wie einsam muß er sich jetzt, trotz allem, fühlen! Das »entsittlichende Leben des Exils« – ja, bist du denn nicht im Exil, wo der Fremde gebietet? Wenn er in deiner Stadt, deiner Straße, deinem Haus, deiner Stube allgegenwärtig ist, wenn er ungebeten, unangesagt zu jeder Tages- und Nachtstunde bei dir eintreten darf? »Die meisten Fehlgriffe und die meisten Verbrechen«, hast du gesagt, Ernest, »werden aus Mangel an Vorstellungskraft begangen.« Wie steht es nun um die deine? –

»Die Lust am Verrat …« Ach, Ernest, da fällt mir ein anderes deiner Worte ein: »Niemand«, hast du einmal hingeworfen, »vermag tiefer in uns einzudringen als unser Feind, seherisch vermag er die verstecktesten unserer Schwächen, die behütetsten unserer Geheimnisse, die gehegtesten unserer Leidenschaften, die verhülltesten unserer Laster aufzuspüren, durch ihn erst lernen wir in unsere Abgründe schauen.«

– Horch also jetzt auf die Stimme des Feindes: »Ah, welche Verfeinerung aller Gaben, aller Einfälle, aller Laster! Welche Vorurteilslosigkeit, die gestattet, alle Ideen gleichzeitig in sich aufzunehmen und gegeneinander abzuwägen, welche Intelligenz, die mit Glaubenssätzen jongliert, wie ein Zauberkünstler mit farbigen Kugeln! Und das alles – Ideen, Kunstformen, Religion, Vaterland –, das alles umarmt er, um der tieferen Wollust willen, es fragwürdig zu machen, es zu verraten. Das liegt ihm im Blut: Seine adeligen Vorfahren in der Provence waren ein Geschlecht von Verrätern, bei ihnen blieb’s im kleinen Maßstab, ein Mitkämpfer wurde hinterrücks erstochen, ein Mitbewerber in einen Hinterhalt gelockt und abgetan, eine Geliebte schmählich preisgegeben; aus dem Dienst eines Fürsten gingen sie warnungslos in den eines anderen über, sie verrieten ihre Herren, ihre Freunde, ihre Gegner, ihre Frauen: Dem späten Enkel blieb es vorbehalten, ein ganzes Land zu verraten.« Wo nun steckt hier die tiefere, die seherische Erkenntnis des Feindes? Erschuf er nicht hier eine Gestalt, die in allem und jedem der Gegensatz des echten Ernest Mathieu wäre? Macht dieser Feind nicht den Abgründigen oberflächlich, verwandelt er nicht einen, der wie kein anderer an absolute Werte glaubt, in einen haltlosen Relativisten, einen Eklektiker – stellt er nicht ihn, der keine Halbzeile geschrieben hat, worin nicht seine Überzeugung, seine geistige Entwicklung, seine Blutsverbundenheit mit seinem Volk, seiner Erde, seiner Überlieferung ganz enthalten ist, als seichten Alleskönner hin, dessen Geschicklichkeit über seinen Mangel an Charakter und Persönlichkeit hinwegtäuscht?

Trotzdem – und Ernest wäre wohl der erste, es zu erkennen, wenn auch nicht, es zuzugeben –, trotzdem steckt noch in dieser Verleumdung ein Körnchen Wahrheit. Es ist hier von Ernests »adeligen Vorfahren in der Provence« die Rede, obwohl dieser Feind wissen sollte, daß die Le Sieutres Normannen sind, und es ist doch wiederum richtig, daß Ernests Mutter aus Cahors stammte, von einem Geschlecht, das dort seit Jahrhunderten ansässig war. Genau so ist auch ein Fünkchen richtiger Erkenntnis in dem Satz enthalten: »Um der tieferen Wollust willen, es fragwürdig zu machen.« O ja, immer wieder kommt es bei Ernest zu einer Krisis, worin er unaufhaltsam angetrieben wird, alles, was ihm bislang gültig, ehrwürdig, unverletzlich war, in Zweifel zu ziehen, auf die Probe zu stellen. Nicht zufällig hat er das Griselda-Motiv umgedichtet: Hat er denn nicht auch mich geprüft, ob ich alles, was er von mir verlangte, erfüllen – alles, was er mir auflüde, tragen würde? Hab’ ich nicht oft genug im Gleichnis für ihn die Stiegen gewaschen, wenn eine andere mit ihm geschmückt bei Tische saß? Dieser Unglaube im Glauben, dieser Zweifel noch im Vertrauen, dieser unstillbare Hang, zu wissen, was dem Verstand doch niemals deutlich wird, diese übersinnliche Frag-Würdigkeit ist recht eigentlich die Keimzelle von Ernests Künstlerschaft. Das ist es, was ihn mit deutscher Dichtung und Musik verknüpft: es ist ein faustisches Element, etwas von Beethovens Himmelsaufruhr, eine Dürersche Melancholia, eine Ritter-Tod-und-Teufelschaft, ein Schubertsches Zwiegespräch des Lebens mit dem Tode in Ernests erhabensten Versen enthalten. Was aber geht das denn den Mann im »Ausblick« an, dessen politisches Geschäft von ihm verlangt, Ernest unehrlich zu machen?

Er selbst aber, Ernest, wie faßt er selber das auf?

»Was wir jetzt herzklopfend, erschüttert, in atemloser Spannung miterleben, ist ja nicht länger ein Kampf um Gebietszuwachs, um Reichtümer, um Rohstoffe, es ist ein Kampf um Ideen, ein Kampf zur Durchsetzung einer heroischen Lebenshaltung. Es ist, tiefer gesehen, nur eine Phase der großen Umwälzung – der gewaltigsten seit der Völkerwanderungsepoche –, worin wir jetzt mitten innen stehen. Beginge nun einer, der, seit er zu sich selbst gekommen ist, seinem Volk den Spiegel vorgehalten hat, der ihm seine Gier nach Besitz, seinen Geiz, seine tierische Entseelung der Liebe, seine Herzenshärte, seine Oberflächlichkeit vor Augen gebracht – der ihm immer wieder den Weg zu einer Erneuerung, einer Läuterung, einer Veredelung, einer Umkehr gewiesen hat, Verrat – wenn er die wesentlichsten seiner Forderungen bei einem Nachbarn auf dem Weg zur Erfüllung sieht und sich diesem nun als Reisekamerad anschließen möchte? War es mir etwa verboten, Beethoven, Goethe, Nietzsche zu lieben, weil sie Deutsche sind? Wir – meinesgleichen – sind zu jeder Epoche und in jeder Nation eine kleine Minderheit, und unsere wenigen Brüder leben über die ganze Erde verstreut. Wie Pascal mit Kierkegaard enger verwandt ist als mit irgendeinem seiner Volks- und Zeitgenossen – die in der Mehrzahl ja seine gehässigen Angreifer waren –, finde ich heute solche, die mir zur Gesellschaft taugen, jenseits des Rheins. War Hölderlin vielleicht ein Verräter, als er, am Vorabend von Lunéville, Napoleon anrief, mit dem demütigen Bekenntnis: ›An solchem Stoff wird zum Knaben der Meister‹? Der Genius ist überzeitlich, übernational, überirdisch, allumfassend, und im Flackerlicht des Aufruhrs erkennen die helldunklen Geister einander.«

Die Anspielung auf Hölderlin wurde wortwörtlich genommen, um Ernest seine »ärgerliche Anbetung des Führers« vorzuhalten. Anbetung ist wohl kaum das zu Ernest passende Wort, bewundernde Zustimmung ziemte hier eher. Er ist für Ernest, was Napoleon für Hölderlin war: eine mythische Gestalt, Symbol des dämonisch getriebenen, aus Eingebungen, Erleuchtungen, Überwältigungen heraus Handelnden. Solche aber, bei denen alles Berechnung ist – wie könnten sie verstehen, daß hinter Ernests Haltung anderes als Berechnung steckte?

– Da verteidige ich ihn – und weiß doch gar nicht, wie weit er heute bereits von jenem Ernest, den ich kenne, abgerückt ist, und was sich, seit ich fort bin, auf der verdunkelten Halbkugel seines Wesens vollzogen hat?

Die Feinde indessen haben vor seinem Eigenleben gar keine Ehrfurcht, stöbern frech und rücksichtslos darin: Ab, hier steht’s ja, darauf hab’ ich schon gewartet! Auf die Enthüllung nämlich, daß Ernest »in der Verbindung mit der Tochter eines mediatisierten Fürstenhauses, die für ihn zugleich das Bindeglied zum Führer ist, die Erfüllung seiner kühnsten, seiner ehrgeizigsten Hoffnungen voraussieht«. Warum so zurückhaltend gerade in diesem Punkt, warum nennen sie den Namen nicht, da er ihnen doch auf der Zunge liegt? Freilich wär’ das eine Eroberung, mit der er sich sehen lassen dürfte, eine schöne Person, und jung – und Ernest …

In diesem Augenblick hat Madeleine ihn vor sich: Daheim in ihrem Wohnzimmer in der Rue de Fleurus, am Kamin sitzend, den Kopf in die rechte Hand gestützt. Zuerst gewahrt sie sein in der Mitte gescheiteltes Haar, worin das glänzende Lackschwarz nun bereits von vielen weißen Fäden durchzogen ist, dann seine früh gebleichten Schläfen; nun steht er auf, viel größer als der Sitzende es hätte erwarten lassen, er blickt auf Madeleine mit jenem Lächeln herab, das er ihr so oft zugewendet hat, wie auf ein begabtes, kluges, aber in weltlichen Dingen völlig unerfahrenes Kind. Seine Stirn ist nun ein bißchen stärker gefurcht, nach einem Zug aus der Zigarette stößt er zweifarbigen Rauch – blaßblau und grau – durch seine leicht gebogene Nase, von deren schmalen Flügeln sich geschwungene Kerben zu den Mundwinkeln abwärts ziehen; Kerben, die von Ironie, Hochmut, Mißtrauen und Wollust eingegraben sind; das weiche Kinn ist von einem Grübchen geteilt, die hellen blaugrünen Augen in dem dunklen Gesicht – Normannenerbe in einem Antlitz, das von einer südländischen Mutter übernommen ist – blicken forschend, unbeteiligt, kühl, überlegend und überlegen in irgendeine, anderen verschlossene Ferne.

Niemals wird Madeleine ganz wissen, was hinter diesen Stirnbuckeln vor sich geht, niemals wird sie diesen Proteus völlig kennen, niemals erraten, welcher seiner Widersprüche jetzt den anderen überwunden hat; niemals – wohin einer dieser Widersprüche ihn abseits locken, wie weit er ihn führen könnte, und wie weit er gehen wird, sobald er nun seinen Weg frei sieht, die Hemmung, die Warnerin, das Gewissen fort – und die Verführung gegenwärtig.

Da man ihn im Feindeslager nach seiner Bedeutung zu schätzen weiß – und besser als unter seinen eifersüchtigen »confrères« – wird man, ihn zu halten, die äußersten Mittel anwenden, wird versuchen, einen, der mit seinem Verstand, seiner Weltanschauung, seinen geistigen Neigungen auf der einen – mit seinem Instinkt, seinem Unbewußten, seiner Religiosität, seiner Kultur, seinem Geschmack auf der anderen Seite steht, bei seinem Irrationalen zu packen, um ihn dergestalt völlig ins andere Lager zu ziehen. Ist dieses Irrationale nun in der Fürstin Mechthild Liewen verkörpert? –

In dem kahlen Zimmer mit den roten Fliesen, den weißgestrichenen Holzwänden, die jetzt, als einzigen Schmuck, einen Kupferstich des Jacques Bellange tragen – ein Noli me tangere –, der für Madeleine besondere Bedeutung besitzt und den sie überallhin mit sich führt –, unter dem gebräunten Gebälk, sitzt Madeleine an dem niederen Tischchen über einem Brief, der, fürchtet sie, ins Leere gesprochen ist:

»Mein Ernest, wie weiß ich denn, ob meine Stimme Dich erreichen wird, so wie, durch einen providentiellen Zufall, die Deine mich kürzlich erreicht hat? Ich war über Weihnachten bei Freunden – was man hier so Freunde nennt: der wirkliche Freund, mein früherer Beichtvater, ist jetzt Kriegsgefangener im Fernen Osten, und seine Familie hatte mich liebenswürdig für die Feiertage eingeladen –, ich war also in einem recht kleinbürgerlichen Haushalt, in einem Provinzstädtchen, das Du wohl kaum dem Namen nach kennst, zu Gast; am Stephanstag, allein geblieben, dreh’ ich, ganz aufs Geratewohl die Nadel des Empfangsapparats, und – meine Hand stockt, meine Hand erstarrt, ich habe gar keine Hand mehr, keinen Mund, kein Auge, keinen Körper, bin nur Ohr – denn ich höre Dich …, Deine Stimme, über einen Abgrund von Zeit und Leid, über ungeheuren Raum, über Trennung, Mißverständnis, Herzweh hinweg, kommt zu mir, und ich – mich auflehnend gegen jedes Wort, gegen den Sinn jedes Wortes, trinke doch das Wort in mich ein, jedes in dem vollkommensten Klang unserer Muttersprache – jedes mit einer Überzeugung gesagt, welche die meine verwundet, jedes zum Preis und Vorteil jener, vor denen ich geflohen bin, und gegen die ich – nicht nur aus trägem Beharren im Gewohnten, aus Anhänglichkeit an eine Standarte, einen Wahlspruch, eine Überlieferung –, nein, aus seherischem Wissen um das Vergebliche, das Frevlerische Deiner Bemühungen, mich zur Wehr setze! Weil ich aus jenseitiger Schau die Kluft, die unüberbrückbare Verschiedenheit zwischen jenen und uns erkannt habe.

Vielleicht wirfst Du mir nun vor, ich sei’s, die sich gegen eins ihrer Heimatländer, das Land ihrer Mutter, auflehnt: Ach nein – es ist ja nicht mehr meiner Mutter Land, Ernest, wovon ich mich abwende –, unfreiwillig, überrumpelt, durch Erpressung, Verrat, feige Preisgabe, wie nur unser gemeinsames Vaterland, ist es rücksichtslosen Siegern ohne Schuß, ohne Waffengebrauch, zugefallen und wird nun von ihnen gewürgt, gepeinigt, geplündert, ausgesaugt. Das, wogegen ich mich kehre, ist ja nicht Deutschland selbst, es ist ja nur ein Wirbel in dem breiten Strom, nur ein Strähn im Geflecht des deutschen Geistes, nur eine Erscheinungsform seiner Vielgestalt, die darin augenblicklich zur Vorherrschaft gelangt ist – und sie mißbraucht. Ich verkenne gewiß nicht, daß sehr edle und sehr bedeutende Menschen jenseits des Rheins mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen in diesem Lager sind: Sind sie es aber auch mit ihrer ganzen Urteilskraft? Machen sie sich nicht willentlich unfühlsam gegen die Leiden der Andersdenkenden und Überwundenen, nicht taub gegen das geknebelte Stöhnen, das aus den Gefängnissen, den Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern dringt, nicht blind vor den brennenden und blutigen Malen der Folter, den roten Striemen, blauen Wunden, schwarzen Frostbeulen? Sind sie denn nicht gehorsam verstummt – da sie doch schreien, brüllen, anklagen müßten?

O ja, ich weiß schon: Was jetzt – sagen sie, sagst Du – an notwendigen und vielleicht auch unnötigen Grausamkeiten verübt wird, gehört zu den Kinderkrankheiten der großen Erneuerung, seien wir nicht allzu wehleidig, bald genug werden sie überwunden sein!

Sie gehören dazu, vielleicht. Aber auch eine politische, eine religiöse Bewegung, ja, eine Nation, kann an ihren Masern, ihrem Scharlach, ihrer Diphtherie sterben, oder einen dauernden inneren Schaden davontragen. Sag nicht, das sei Empfindelei, gehöre zu dem, was wir beide die ›falschen Gefühle‹ zu nennen pflegen.

Worauf es einzig ankommt, ist, sagst Du wohl, Rang und Wert im Geistigen, im Seelischen und in den Handlungen der Menschen richtig zu unterscheiden, immer zu wissen, was das Wichtigere, wer der Wichtigere ist. Jede neue Idee, jeder neue Glaube ist unter blutigen Wehen zur Welt gekommen. Hat nicht ein Marot, ein Ronsard, ein d’Aubigné den Schmerz um die Unterdrückten, die Verfolgten, die Vernichteten so brennend verspürt, wie nur Du und ich ihn jetzt spüren? Und hat nicht jeder von ihnen auf der einen oder anderen Seite dennoch auf seinem Kampf beharrt? –

Das haben sie. Aber es war ein anderer Kampf mit anderen Mitteln, und er wurde auf beiden Seiten mit Berechtigung, mit Überzeugung, mit Gewissen und – trotz allem – mit Liebe geführt, es war Ehre, auf der einen Seite zu stehen wie auf der anderen, vorausgesetzt, man stand aus reinen Beweggründen dort. Aber meinst Du vielleicht, Agrippa d’Aubigné, ein Sterbender fast, nahm’s als Ehre auf, daß sein Sohn die Pläne von La Rochelle dem Kardinal ausgeliefert hat? Sicherlich hatte auch d’Aubigné der Jüngere gute Gründe – nicht nur böse Gründe – für diese Handlung: Vielleicht sah er in dem mutmaßlich Überlegenen, dem er zum Sieg verhalf, die verläßlichere Bürgschaft für das Gedeihen unseres Landes – vielleicht regte sich in ihm das Blutserbe seiner katholischen Vorfahren; an seinen bisherigen Waffengefährten aber sah er jetzt plötzlich die enge Stirn, die verkniffenen Lippen, den starren Eigensinn und die knöcherne Unduldsamkeit; bei seinen früheren Gegnern aber fand er den weiteren Horizont, ein ihm gemäßeres Lebensgefühl, die beweglichere Geistigkeit, ein schöpferisches Element – es war ein tragischer Zwiespalt, und wie immer er sich entschied, war es tragische Entscheidung. Das ist es nun – und darin geb ich Dir recht, Ernest –, wir müssen, ehe wir uns anmaßen, über einen Charakter zu urteilen, zuerst sein spezifisches Gewicht kennen – das ist es nun, was von fast allen, die über unsere Vordergrundsfiguren sprechen, verabsäumt wird. Immer kommt es ihnen nur auf das ›Was‹ einer Handlung an, nie darauf ›wer‹ es ist, der sie begeht. Niedrige Motive, gemeiner Ehrgeiz, zynische Leichtfertigkeit – sind das denn Begriffe, die überhaupt mit Dir in Verbindung gebracht werden dürfen? Nur wer Dich gar nicht kennt, vermag Dir so etwas vorzuhalten, und ich, die Dich besser kennt als irgendein Lebender, besser vielleicht – wenn auch nicht so ganz vielseitig –, als Du Dich selbst kennst, ich sollte da nicht widersprechen?

Da ich doch ahne, da ich doch weiß, was Dich ergriffen hat: daß Du müde warst unserer Oberfläche, müde unserer geschlossenen starren Form, müde unserer seichten Lebensauffassung, unserer spielerischen Kunst, unserer törichten Übereinkunft, die einen Verstoß gegen Ehre und Ethos läßlich – und einen Verstoß gegen gesellschaftliche Formeln unverzeihlich fand; daß Du überdrüssig warst unserer verniedlichten, eleganten Gefühle, unserer beschnittenen Gärten, unserer Hahnreikomödien, unserer importierten Jazzkapellen und eingeführten Niggersteptänze, unserer entseelten, verdorbenen, verwesenden Zivilisation. Mit der Inbrunst eines Mystikers, der weiß: ›Uns rettet nur Gott‹, hast Du gesagt: ›Uns rettet nur der Krieg‹ …, stumm fortsetzend: ›Nur der verlorene Krieg‹, denn unser Volk hat sich noch jedesmal in der Niederlage groß bewährt. Ich kann auch verstehen, was Du am deutschen Wesen aufsuchst und liebst: den dunklen Urwald des Herzens, den Urgrund alles Menschlichen, den herben Klang einer Ursprache, die über alle fremden Einströmungen hinweg sie selbst geblieben ist, das Wort ›Ur‹ an sich, das in keiner anderen lebenden Sprache ein Äquivalent hat, und das die deutsche adelt. Noch das an ihnen, was man bei uns als Mängel ansieht, steht Dir hoch: das Fehlen aller gesellschaftlichen Überlieferung und damit alles gesellschaftlichen Zwanges, die freiwillige Armut – sind nicht alle großen deutschen Ideen aus unvorstellbar dürftigen Pfarren und Kleinbürgerwohnungen hervorgegangen? –, die seelische Freiheit noch unter Zwang und Bedrückung, die Selbstzucht, womit das Leiden hingenommen wird als eine Vorstufe zur Vollkommenheit.

Diese gerechte Bewunderung aber macht Dich oft ungerecht gegen Dein eigenes Volk: Du siehst nicht, wie anmutig sich seine leichte Art von der deutschen Schwerfälligkeit abhebt, wie vorteilhaft seine Genügsamkeit in Trank und Speise von der deutschen Gier, wie klar sein folgerichtiges Denken von der deutschen Verworrenheit, die oft Tiefe nur vortäuscht. Du anerkennst nicht die eingeborene Fähigkeit des Franzosen zur Form, da dem Deutschen alles unter den Händen ins Ungeheure anwächst – oder zerbricht.

Das alles verstehst Du nicht genug zu schätzen, weil es Dir selbst mehr als irgendeinem Deiner lebenden Landsleute eignet, es ist Dir selbstverständlich, es west in Deiner Dichtung und Deinem Alltag, in Deiner Kunstform und Deiner Lebensform. Du aber reichst über diese Begrenzungen weit hinaus, es ist das Ahnen um Abgründe, was Dich groß macht, kein anderer hebt wie Du, was aus Urtiefen stammt, als Gebild zur Oberfläche. Das ist es, was sie drüben an Dir wert halten, Du hast, was gestaltlos, unfaßbar, flutend in ihrem Unbewußten lebt, ihnen sichtbar gemacht.

Wenn irgendeiner, hast Du das Recht, als Ausnahme zu gelten und Ausnahmsgesetze für Dich zu beanspruchen. Nur vergiß nicht, wie viele Augen an Dir hängen, wie viele Lippen Dir nachbeten, wie viele sich nach Deinem Beispiel entscheiden: ›Was Le Sieutre tut, muß das Rechte sein, ich will ihm nachfolgen.‹

Das ergibt aber zugleich eine furchtbare Verantwortlichkeit, die mich erzittern macht. Wie – wenn er einmal, im guten Glauben, gewiß, mit unwiderleglichen irdischen Gründen dafür, aber dennoch – dennoch einmal das täte, was vor dem forum dei Unrecht ist?

Du weißt, Ernest, ich war immer bereit, mit einer unverwüstlichen Neigung bereit, Dir recht zu geben gegen mich. Immer war mir’s Bedürfnis, Deine Überlegenheit, Deinen schärferen Blick, Dein tieferes Verständnis für alle Lebensdinge anzuerkennen. Ich wußte, Du: überragtest mich so weit, daß Du notwendig über mich hinausblicken mußtest. Doch gerade, weil Du so hoch stehst, mag Deiner edlen metaphysischen Weitsichtigkeit manches Nahe, Kleine, Unscheinbare, Demütige entgangen sein, Du magst übersehen, welche Schönheit im geduldigen Ausharren, welche Kraft in der eigensinnigen Ablehnung alles Fremden, welcher heldische Wille in der stummen Unnachgiebigkeit, dem einsilbigen Widerstand gegen die Bedrücker, lebt.

Gewiß, Du hast mir versprochen, solche zu schonen, ja, ihren Schutz zu übernehmen, war einer der ersten und vornehmsten Gründe, die Dich zum Bleiben bewogen haben. Wie aber weiß ich, ob Du es jetzt nicht schon notwendig findest, sie vor sich selbst zu schützen, in einer Haft, welche die neuen Herren sehr doppelsinnig ›Schutzhaft‹ nennen? Ach, Ernest, wie erträgst Du denn diesen Zwiespalt, dieses Zwischen-den-Lagern-Stehen? Das unaufhörliche Hin-und-zurück-gerissen-Werden, das beständige Sowohl-als-Auch, Du, bei dem es doch immer Entweder-Oder geheißen hat?

Wer könnte Dir besser nachfühlen, was Zwischen-den-Lagern-Stehen bedeutet – als ich? Lang vor unserer Trennung hab’ ich’s durchgemacht: Weißt Du denn, wie wund, wie zerrissen ich mich gefühlt habe, von dem Tag an, als ich merkte, wohin es Dich zog, wo Du, nur mit einem Fuß gleichsam, zögernd, vorfühlend – aber dennoch bereits standest? Du freilich hast es anders gedeutet; da es Dir doch selbstverständlich schien, ich müßte Dir, wohin immer, Gefolgschaft leisten, hast Du mir meine Standhaftigkeit verargt – jene Standhaftigkeit, die mich zur Wanderhaften machte, während Du, der sich innerlich von mir, von allem, was uns Gesetz gewesen war, ja, von Dir selbst entferntest, äußerlich dort verbliebst, wo für mich nicht länger Heimat war.

Du hast mir meine Haltung übelgenommen, ja Du hast mir vorgeworfen, es wäre gar nicht meine Überzeugung, François habe in meiner Seele über Dich gesiegt, um meines Sohnes willen stünde ich im Begriffe, Dich im Stich zu lassen – da es sich doch umgekehrt verhielt, da François es war, der meine Haltung annahm und zur Tat machte! Ach, Ernest, es war, sprichst Du Dir auch alle diplomatische Eignung ab, immer Dein kühnster, Dein schlauester Schachzug, den anderen glauben zu machen, er tue, was Dir willkommen wäre, was Du ihm vielleicht wünschlich übertragen hattest, aus eigenem! Längst, ehe ich noch daran dachte, nahmst Du bereits mein Fortgehen für ausgemacht an, so zwar, daß Du mir’s als Fahnenflucht auslegen konntest.

Ich habe an dieser schweigenden Übereinkunft festgehalten, um Deine Empfindlichkeit zu schonen, nicht Du habest mir zu verstehen gegeben, mein Platz sei nicht länger an Deiner Seite – an mir liege es, wenn ich mich dort nicht mehr zurechtfand, ich sei’s, der es nicht mehr in unserer Gemeinschaft behagte: Du zeigtest Dich erbittert über meinen Entschluß fortzugehen! Aber wie sehr hätte ich Dich enttäuscht – wäre ich geblieben!

Ich sah ein, daß ich Dich nicht länger zur Verstellung, zur Verschleierung, zur Beschönigung zwingen durfte, ich mußte Dir den Weg freigeben, mußte es auf mich nehmen, daß es mein Eigensinn war, der eine Bindung zerstörte, die durch ihre Unverbindlichkeit stärker und dauerhafter gewesen war als jede gesetzliche. Nicht vergebens bin ich fünfzehn Jahre lang in Deine Schule gegangen, jetzt war’s an mir, zu zeigen, daß ich ausgelernt war und mein Gesellenstück zuwege bringen konnte.

Ich habe mir damit freilich den Lebensfaden abgeschnitten, bestehe nur mehr fort, wie ein Zahn, dem man den Nerv abgetötet hat: Eine Weile hält er, leblos, noch aus, dann wird er langsam abbröckeln oder plötzlich abbrechen.

Es könnte aber auch sein, daß mein Blick bloß an der Oberfläche haften blieb, daß ich nach dem Schein urteilte, daß es sich in Wirklichkeit doch anders verhielt: Denn wir waren doch, nicht wahr, ineinandergewachsen, zu einer Gemeinsamkeit, die sich nicht ohne Blut und Wunden trennen ließ, es muß doch auch in Dir ein Aufruhr stattgefunden haben, ein Ausbruch, eine Erschütterung, die Dich in einem Tumult, einer Ratlosigkeit, einem Chaos zurückließ, woraus sich nicht gleich am nächsten Morgen – dem Morgen meiner Abreise – etwas Neues gestalten konnte. Zuletzt ist es doch immer der Ausgleich zwischen dem chthonischen Element in uns und unserem Tag-Ich, was unser Wesen bestimmt. Gewiß, wir haben uns zu entscheiden, alle Sittlichkeit ist darin beschlossen, daß wir’s tun, aber nur ein Einfältig-Frommer könnte glauben, nur ein Heuchler vorgeben, es sei mit dieser einmaligen Entscheidung auch getan, wir seien nun mit einem Schritt über die Grenze hinweggesetzt und dürften uns nun mit allem unserem transzendenten Reisegepäck in dem neuen Seelenzustand häuslich niederlassen. O nein, so einfach ist es nicht! Immer gibt es Rückfälle, Remissionen; nicht einmal, zehnmal, hundertmal müssen wir unsere Entscheidung wiederholen, ehe sie gültig bleibt.

Du merkst wohl, daß ich aus Erfahrung spreche. Noch im Zuge – wie hatte ich mich zu beherrschen, um nicht an der nächsten Station hinauszuspringen –, auf der Schiffsbrücke noch, und ehe sie auf der anderen Seite niedergelassen wurde, immer gab es den gleichen verzweifelten Streit zwischen meinem bewußten – und meinem unbewußten Willen! Ach, Ernest, welches Fegefeuer könnte uns stärker versengen als solcher brennende Kampf? Oh, wie habe ich mit Dir gerungen, mit Dir, dem ich doch widerstandslos seine Freiheit zurückgegeben, den ich nicht mehr gerufen, von dem ich mich losgesagt hatte – mit welcher wilden Kraft habe ich mich in diesem Jenseits meiner früheren Existenz an Dich geklammert, wie habe ich Dich beschworen: Tu’s nicht! Bist Du meiner überdrüssig oder glaubst Du, Dein Neues ließe sich nicht mit Deinem Alten vereinbaren, dann geh von mir – aber geh doch nicht von Dir selbst fort! Verleugne Dich nicht, gib Dich nicht preis!

Dann erst, nach einer fürchterlichen Krise, wurde ich gewahr, daß Du nicht mehr zurückzuhalten, zurückzurufen seist, daß, während in mir noch alles Übergang und Widerruflichkeit war, Du bereits am anderen Ufer standest, unerreichbar für mich, verloren – ohne Wiederkehr.

Damit begann die zweite Phase meiner inneren Passion. Ich war nur mehr Verzweiflung, Haß, Vorwurf, Zerstörung, Untergang. Ich plünderte Dein Andenken von allem, was ich Dir zugeeignet – was Du selbst ihm schöpferisch gegeben hattest, nackt standest Du vor mir, ein Verunstalteter, ein Verkrüppelter, ein Aussätziger!

Dann, zögernd zuerst, lebhafter bald, entschiedener, wandelte Abscheu sich zum Mitleid, Verachtung in Trauer – und beides, Mitleid und Trauer, in den leidenschaftlichen Wunsch, stellvertretend die Buße auf mich zu nehmen, Dein Unrecht zu sühnen.

Ich begriff: Es konnte doch nicht mehrere ganz verschiedene Ernests geben, sind auch unserer viele zugleich in dem nämlichen Seelengehäus eingeschlossen, so lösen sie doch zeitlich einander nicht dergestalt ab, nicht so geht es zu, daß einer, der gestern edel, bedeutend, wichtig, beispielgebend war, heute ein wertloser Lump sein könnte! Nicht seine Substanz hat sich so verändert, wir nur erblicken, seinem gestrigen verglichen, heute in ihm ein anderes Phänomen …

Hier nun setzte meine Schwierigkeit, mein Versagen ein: Du, mit dem ich mich – wie kurz war es her! – eins gefühlt hatte, warst mir nun zum Rätsel geworden, alles, was ich begreifen konnte, war nur, daß ich zu urteilen, zu verurteilen kein Recht besaß, daß ich mich erst zu verstehen bemühen, daß ich abwarten mußte, wie sich diese unzusammenhängenden Bruchstücke Deines Wesens vor meinen Augen organisch verschmelzen und zusammenschließen würden. Und damit erkannte ich auch meine Aufgabe: Ein Akt der Zerstörung hatte stattgefunden, ein Meisterwerk war selbstvernichtet, untergegangen, ausgelöscht aus der Welt des Seienden, die Götter hatten ein Trugbild – wie jene Helena, die bald in Troja, bald in Ägypten auftauchte – an seine Stelle gerückt, die echte aber, die Urgestalt, die entrückte, mußte wiedergeboren werden, aus mir.

So, Ernest, hab’ ich nun jahrelang dahingelebt, ankämpfend gegen alles, was mir Deine Erscheinung entstellen und verzerren könnte, ringend um Dein echtes, Dein ewiges Antlitz. Dich, den Wiederzugebärenden, trug ich in mir, von einer Station meiner unaufhörlichen Wanderung zur nächsten.

Ermiß nun, welche Erschütterung, welche Verwundung, welche Gefahr ich unversehens, unschuldig auf mich lenkte, als ich mit einem Ruck der magischen Nadel Deine Stimme beschwor, und welche Verzweiflung mich daraus überstürzte! Was ich aus meinem Willen und aus Gnade gezeugt und ausgetragen, was ich mit meinem Blut genährt hatte, wurde nun abermals getötet, ging abermals unter, abermals triumphierte die Scheingestalt, und sie sprach mit Deiner echten Stimme – ach, wie überzeugend! – genau das, wovon ich mich nimmer überzeugen lassen darf!

Diese Begegnung brachte mir eine andere, neue Erkenntnis bei: daß es uns nämlich nicht verstattet ist, eigensinnig in der Welt der Ideen uns abzuschließen und daß jener Ernest Mathieu, der, unter der deutschen Herrschaft und ihr zustimmend, in Paris weiterlebt, vielleicht keine Scheingestalt – daß er wirklich sein möchte, viel wirklicher als mein platonisch erschaffener Ernest, der ihn ersetzte, und daß der Kampf zwischen beiden weitergehen muß, bis zum tragischen Ende: denn anders als tragisch darf es ja nicht ausgehen.

Ich frage mich nur, ob Du das denn fühlst, Ernest, ob, wie die hörbaren Wellen von Deinem Mund an mein Ohr – die unhörbaren Wellen aus meiner Seele an die Deine gelangen, ob Du ihre Wirkung verspürst, ob Du weißt, daß es zwischen uns niemals ganz zu Ende sein kann, solang eines von uns lebendig ist, und, wer weiß, noch darüber hinaus?

So kommt es, daß ich, die jahrelang jeder Nachricht über französische Tatsachen scheu ausgewichen ist, jetzt nach allem hungere, was Dich mir wieder sichtbar machen könnte. Nicht so, wie ich Dich in mir erweckt habe, nein, von mir abgelöst, dort, wo Du heute stehst, auf dem schmalsten Grat zwischen Mission und Selbstpreisgabe, Aufopferung – und Hinopferung anderer, zwischen Erfolg und Gefahr, gerechtfertigter Bewunderung – und erklärlichem Angriff.

Manches steht ja da und dort über Dich zu lesen, ist, ich weiß nicht wie, durch die atlantische Mauer gedrungen: unter anderem, daß Du mit einer Nachdichtung der ›Pandora‹ befaßt seist und im Athenée, mit den Spitzen der deutschen Behörden unter den Zuhörern, Bruchstücke daraus vorgelesen habest; daß im ›Odéon‹ eine Neuinszenierung Deines ›Roi Fou‹ – und im ›Théâtre Français‹ die Uraufführung Deiner Übertragung des ›Robert Guiscard’ zusammen mit jener des Demetrius-Fragments‹ vorbereitet werde.

Heißt das, Du stelltest Dich, bis zur Selbstverleugnung, vollständig in den Dienst der neuen Herren? Es gibt mir die Sorge ein, wie es denn um jene Deiner Pläne steht, die wir noch zusammen durchgesprochen haben, ob Du inzwischen etwas davon ausgeführt, ob Du alle fallengelassen hast? Drückt sich der Umschwung in Deiner äußeren Existenz vielleicht in einer Stilwandlung und in einem ganz neuen Inhalt aus? Es liegt mir viel daran, zu erfahren, wo nun Dein geistiger Mittelpunkt liegt, wohin neue Flutungen Dich getragen, fortgeschwemmt, mitgerissen haben, wie Dein dichterisches Ich auf solche Bewegung antwortet, wie Du Deine Aufgaben – selbstgestellte nämlich, nicht solche, welche die fremden Meister Dir setzen – bewältigst, und ob Du, der vor dem Exil zurückschauderte, in Dir selbst daheim geblieben bist?

Ach, Ernest, ich hätt’ es ja so gern beschwiegen, hätte mich gern weiter darüber hinweggetäuscht: Was hilft es mir, daß ich’s versuche, meine alte brennende irdische Liebe zu Dir ins kühlleuchtend Übersinnliche zu verklären? Immer wieder, bei Tag, bei Nacht hab’ ich Dich vor mir, wissend, es ist ja nur ein von mir erschaffener Schemen – und es ist doch Deine Wirklichkeit, nach der es mich verlangt, nach jedem Haar auf Deinem Haupt, jeder Wimper an Deinen Lidern, jeder Runzel unter Deinem Auge, nach jedem Lächeln und jeder Zornesfalte! Wie Du lebst, möcht’ ich wissen, irdisch lebst, schläfst, arbeitest, Dich kleidest, speist, Deinen Tag ausfüllst, Deine Nächte zubringst. Dich möchte ich sehen, wie Du jetzt bist, in Deiner augenblicklichen schwierigen Lage: denn, nicht wahr, sogar Dir, der doch immer meisterlich Haltung und Würde zu wahren wußte, muß es jetzt bisweilen hart ankommen, nicht die Fassung zu verlieren und zwischen überschwenglicher Huldigung, die doch vielleicht nicht so sehr Deiner Persönlichkeit, Deinem Genius, wie Deiner praktischen Verwendbarkeit gilt, und maßlosem Haß – der doch, wer weiß, enttäuschter, gekränkter Liebe entstammen mag, Dein Gleichgewicht zu behaupten.

Ernest, ich möchte mich, da doch äußerlich alles andere zwischen uns jetzt aufgehört hat, wie eine Mutter über Dich beugen, Deine Schläfen zwischen meine Hände nehmen, Deine Stirn streicheln und Dir ins Ohr sagen: ›Trotz allem: sorg’ Dich nicht um mich, ich halt’ mich schon aufrecht, es tut ja nicht so weh …‹

Weil aber zuletzt doch wenig Aussicht besteht, dieser Brief könnte Dir je unter die Augen geraten, weil ich keine Möglichkeit sehe, ihn Dir zukommen zu lassen, ohne daß es Dir schadete – darf ich Dir’s schließlich eingestehen: Ich hab’ nicht vorausgewußt, daß es so weh tun könnte.

Nicht nur Fehlgriffe und Verbrechen, auch edelmütige Handlungen werden aus Mangel an Vorstellungskraft begangen, der Handelnde ist immer blind. Heute begreif’ ich’s gar nicht mehr, wie ich denn meinen Entschluß ausführen – wie ich’s über mich gewinnen konnte, mich von allem, was mein Leben ausmachte, zu scheiden und wie Alceste zu den Göttern ewiger Nacht hinabzusteigen. Aber es ist vollbracht – und alle meine Sorge dreht sich nur darum, wie ich denn mein Opfer sinnvoll zu machen vermöchte.

Niemand könnte einsamer sein, als ich es bin, keiner der alten Freunde – soweit sie noch erreichbar wären – kennt meinen Aufenthalt, und wer hier mit mir umgeht, weiß nicht, wer ich war, wer ich bin: eine Sprachlehrerin, die ihr Fach leidlich versteht. Auch wer mir hier Freundliches erweist, nimmt mit einer Gebrauchsausgabe der Madeleine vorlieb, wie ich mit einem Dasein, das, gegen mein früheres gehalten, unvergleichlich dürftig und unbequem ist. Mir bereitet es eher eine kleine Genugtuung, unter mir ein hartes Lager zu spüren, meinen Gaumen zu kasteien, meine Zunge zu züchtigen, meinem Auge und Ohr Fasten und Karenz aufzuerlegen, beinah’ genieße ich meine Entbehrungen.

Denn wie geringfügig sind sie zuletzt, an der einen großen, qualvollen Entbehrung gemessen: Es ist ein Antlitz, das ich nie mehr sehen werde, ein Auge, in das ich nie mehr meines versenken darf, eine Hand, die ich nie mehr festhalten, Lippen, die ich nie mehr berühren werde, es ist der Klang einer Stimme, einer einzigen Stimme, wonach mich so sehnlich verlangt, und hörte ich sie wieder wie neulich – sie zerrisse mir das Herz.«

6

»Können Sie mir vielleicht verraten, Horaz, warum Arthur meine Stunden geflissentlich schwänzt? In drei Wochen hab’ ich ihn nur dreimal im Französischen Zimmer gesehen, jedesmal Donnerstag zum Diktat, das er mir schließlich nicht einmal abgibt. Ich höre, er kommt im Juli zur Prüfung, das rührt an meine Verantwortlichkeit: Was fang’ ich nun mit ihm an?«

»Kein Grund, sich über Arthur aufzuregen, Madeleine. Er schwänzt Ihre Stunden nicht geflissentlich, sondern nur gewohnheitsmäßig, zu mir kommt er auch nicht. Die Prüfung wird er hinausschieben – und zuletzt gewiß nicht in Sprachen ablegen. Interessiert er sich überhaupt für etwas, dann noch am ehesten für Biologie und Chemie, weit stärker aber für Landwirtschaft; seine Lieblingsbeschäftigung ist, die Kühe zu melken. Alles andere langweilt ihn. Dazu kommt, daß er in seinem Liebeshandel – Sie wissen natürlich, wer es ist« (Madeleine weiß es nicht) »recht unglücklich ist, also mag ich ihn nicht auch noch quälen. Ja? Was gibt es denn, Lalage?«

Horaz beantwortet eine häusliche Frage seiner Frau, dann fährt er fort: »Schade, daß ein so, gesunder, natürlicher Bursch wie Arthur sich just dieses hysterische Mädel ausgesucht hat. Ja, ich weiß schon, Lalage, man kann in solchen Dingen nicht gut von ›Aussuchen‹ reden. Du hast recht, es hat ihn eben erwischt, und er ist nicht imstande, sich von ihr loszureißen. Eine fatale Anhänglichkeit, denn es gibt hier doch noch andere kleine Schönheiten mit einem unvergleichlich liebenswürdigeren Gemüt. Imogen aber benimmt sich wie eine ausgepichte Kokette und tut dann wiederum so unschuldig, als wüßte sie nicht, wie die Kinder zur Welt kommen.«

»Wie die Kinder nicht auf die Welt kommen, sagtest du wohl besser, Horaz, um die andere veraltete Frage kümmern sich unsere Buben und Mädel längst nicht mehr. Ich weiß nicht genau, wie weit hier so ein Gebändel zu gehen pflegt, gibt es hier aber einmal ein Malheur, dann gewiß nicht auf die übliche schlichte Art«, sagt Lalage im Verschwinden. Horaz der Jüngere hat nämlich eben sein Erwachen durch kräftiges Gebrüll angekündigt.

Madeleine ist ein für allemal nach Tisch zum Tee im Horazwagen eingeladen, der ist keine Karawane, sondern einer der ehemaligen Eisenbahnwaggons, die, erinnern wir uns, von Tristan bald nach seiner Ankunft innen und außen farbig angestrichen wurden und die später wohnungsmäßig eingerichtet worden sind.

Mit wie wenigem sich diese jungen Leute begnügen, wie bescheiden sie mit allem vorlieb nehmen, denkt Madeleine. Wie selbstverständlich besorgt Lalage jede Arbeit, die ihr durch die augenblicklichen Verhältnisse zugemutet wird! Auch Horaz läßt sich nämlich, wie Tristan, von seinen Schülern mit Haut und Haar verspeisen, auch er hat in seinem vorläufigen Daheim Abend für Abend die Mitbewohner der Wagen zu Gast, und Lalage, die doch tagsüber mit den Ansprüchen ihres lebhaften Söhnchens, seiner Fütterung, seinem Bad, seinen Säckchen, Spielhöschen und Jäckchen, weidlich beschäftigt ist, steht, sobald es acht Uhr geschlagen hat, in ihrer winzigen Küche, mit der Zubereitung belegter Brote und dem Aufgießen des Tees für ein hungriges Dutzend befaßt. Wann eigentlich findet sie Zeit für sich selbst, für Horaz?

Erstaunlich genug ist es, denkt Madeleine, daß diese jungen Menschen, die sich doch alle »agnostisch« nennen, Männer und Frauen, mit wortkarger, selbstverständlicher Mitmenschlichkeit in einer wahrhaft urchristlichen Gemeinschaft aufgehen, ohne sich auch nur den bescheidensten Rest persönlicher Abgeschlossenheit zu sichern.

Noch über etwas anderes wundert sich Madeleine: Wie kommt es denn, daß es mitten im Kriege in der Télème-Abtei eine solche Fülle junger, gutaussehender, hochgewachsener, anscheinend gesunder Lehrer gibt? Wie kommt’s, daß Horaz, sechs Fuß hoch, breitschultrig, brillenlos, wenn auch ungewöhnlich bleich von Antlitz, im »Krähennest« Latein, die Landessprache und Literaturgeschichte unterrichtet, statt in Italien oder Burma in Malariasümpfen zu kampieren? Gewiß aber ist diese Möglichkeit ihm jederzeit gegenwärtig und die Ursache, warum er einen ausgedienten Eisenbahnwagen als ihm gemäße Unterkunft ansieht. Sie ist der Grund, warum Lalage sich vor keiner Arbeit scheut und jede Unbequemlichkeit klaglos auf sich nimmt.

Wie nun ist er, wie sind die anderen – ›Tamino, der Flötenspieler und Griechischlehrer, Newton, der Physik und Chemie, Euklid, der Mathematik unterrichtet, Lysander, der, statt Archäologie zu treiben, kleinen Buben und Mädchen Holzschnitzen und Wachsfigurenkneten beibringt – wie sind sie alle, wie ist Tristan, dem Würgengel entgangen? Wahrscheinlich ist es ein gemeinsames Schicksal, ein gemeinsamer Glücksfall, der die Herzen hier so aufgelockert hat, daß in der Télème-Abtei jeder jedem gehört.

Da sie einander viermal täglich in den Speisesälen und unzählbar oft in den Höfen und auf den Gründen des Lavendelhofs begegnen, sollte man meinen, sie hätten bereits genug voneinander gesehen –» aber nein: Immer ist, wenn es halb neun schlägt, irgendwer bei irgendjemandem zu Gast. Einladungen können gar nicht früh genug festgesetzt werden, man müßte sich darauf vormerken, wie auf einen Theatersitz.

Vielleicht hängt diese ausgedehnte Geselligkeit damit zusammen, daß sie Vorwand ist, um einen Einzigen oder eine Einzige bei sich zu sehen, solange man nämlich einander noch nicht nah genug gekommen ist, um der anderen entraten zu können; eine Weile später wird jeder Vierte und Fünfte, der Dritte zumal, als Störung empfunden werden – und noch später wiederum sind die anderen nicht mehr bloßer Vorwand noch Störung, sie sind willkommen, man ist nun einander sicher, ist heimlich, zu ungesellschaftlicher Zeit, einander beigesellt, und nimmt zwischendurch wieder Interesse an anderem.

Madeleine kommt nach einiger Zeit darauf, daß es im »Krähennest« lauter Krähenpaare gibt, nicht nur unter den Schülern haben Florizel und Olivia, Fenton und Rosalind, Malcolm und die hüftenschwingende Jessica –, haben Bassanio und die liebliche Juliet, Benedikt und Beatrice, Arthur und Imogen zueinander gefunden, auch im Stab der Lehrer und Pflegerinnen, der Haus- und Landarbeiter, Köchinnen und Küchenmädchen ist man mehr und minder ernsthafte Bindungen eingegangen, wovon die meisten wohl binnen kurzem von anderen gleich ernsthaften abgelöst werden dürften, während einige sogar zur tragischen Folgerung der Ehe führen mögen.

Die Frage, die vor nicht ganz vier Jahren an der nämlichen Stelle von Jacques und Antonius auf etwas zynische Weise erwogen und erörtert wurde, hat jetzt die selbstverständlichste, die natürlichste Lösung gefunden. Auch jetzt gibt es im »Krähennest« einen ehrgeizigen jungen Lehrer, der schlechterdings mit nichts Geringerem als einer jungen Löwin zufriedenzustellen wäre – so hört es sich wenigstens an –, und doch leibt er bereits seit geraumer Zeit mit der leisesten, zurückhaltendsten, kühlsten und förmlichsten unter allen Krähennestlingen, mit Isabella, der Oberschwester, in stillschweigendem Einverständnis.

Die Befassung mit ihren heiteren, beglückenden und nur sehr selten, wie in Arthurs Fall, trübseligen und beunruhigenden Herzenssachen bindet die jungen Krähen an ihr Nest, sie wissen gut genug, nirgends ließe man ihnen ähnliche Freiheit, nirgendwo anders brächte man ihren Wünschen so viel Verständnis entgegen: Sie halten nämlich für Güte und Nachsicht, was bloß schlaue Berechnung ist!

»Solltest du nicht«, fragt Tristan mit verdächtiger Sanftmut seine Freundin Hermione, »in den neuen Prospekt die Ankündigung einfließen lassen: ›Für passende Liebschaften kann die Leitung zwar keine Gewähr übernehmen, doch leistet sie solchen, die sich in ihrem Wirkungskreis anspinnen, weitestgehenden Vorschub …‹?«

Hermione funkelt Tristan an: »Freilich paßt es dir nicht, daß Bassanio sich neuerdings so viel mit Juliet abgibt und daß Malcolm ganz überraschend der hüftenschwingenden Jessica nachläuft. Du möchtest eben deine Buben lieber für dich allein behalten, einzig«, fügt sie augenzwinkernd hinzu, »um sie in jener Askese zu bewahren, die allein der hohen Kunst gemäß ist.«

Tristan zuckt gleichmütig die Achseln, er ist an solche Eifersuchtsanwandlungen und Temperamentsausbrüche bei Hermione gewöhnt. Am besten ist es, sie gar nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Madeleine hätte in diesem nebelig-düsteren Land der triefenden Winter und der wässerig zerfließenden Sommersonne – im Lande der gotischen Kathedralen, der grauen Steinhecken und grauen Steindörfer mit den tief herabhängenden, pagodenartig geschwungenen Strohdächern, der schwelenden Laubscheiterhaufen und überhohen Schornsteine, deren Rauch von den tief niederwehenden Wolkenfederbüschen kaum mehr zu unterscheiden ist –, sie hätte in diesem Bereich der schweigsam-schwerfälligen Erwachsenen bei der Jugend nicht so viel unverbindliche Leichtherzigkeit erwartet, nicht solch ein Schmetterlingswesen in Liebesdingen.

In dem verwahrlosten Park, zwischen verfallenen Gutshäusern und eilig zusammengestoppelten Notstandsbaracken, längs der roh zusammengefügten Steinmauer, die da und dort von Efeu und gelb blühendem Winterjasmin freundlich übergrünt ist, kommen sie herabgeschritten, paarweis:

Die Jünglinge und Knaben grobbeschuht, in langen und weiten Hosen aus geripptem Samt, in allen Schattierungen des Laubes: von zartem Birkengrün zu dem schwärzlichen der Stechpalme, in allen Farben der Baumrinde, von Ahornsilber und Haselbraun zum Olivengrün der Eibe. Über dem farbigen Hemd, dessen zurückgeschlagener Kragen – einen zarten oder sehnigen Hals freigibt, tragen sie eine Holzfällerbluse aus Leder oder eine bunte Wolljacke, sie gehen barhaupt, die blonde oder braune Locke rechts oder links übers Auge fallend.

Die Mädchen sind alle nacktbeinig, viele auch bloßfüßig in luftigen Sandalen, manche tragen grobe Wollsocken zu derben, holzbesohlten Halbschuhen, ihre Röcke aus Baumwolle oder Cheviot sind kurz, die Wollschliefer oder Windjacken nachlässig übergeworfen, ihr lockiges oder straffes Haar fällt lang auf die Schultern hinab, bei wenigen nur ist es knabenhaft kurz gehalten; mehrere darunter sind lieblich, andere Teufelsschönheiten, einige jünglingshaft mager, andere vollbusig und wellenhüftig, jede aber ist mit einem bescheidenen Reiz ausgestattet, und zwar genau demjenigen, der Malcolm oder Lorenzo, Bassanio oder Laertes, Lancelot oder Hamlet, Florizel oder Benedikt – Herzklopfen verursacht.

Sie kommen über den lehmbraunen, überfluteten Weg, als gingen sie auf elysischen Gefilden, als berührten ihre Füße in dem groben Schuhwerk den schlammigen Boden kaum, und als wanderten sie jetzt nicht in ein abgenütztes, vernachlässigtes Haus mit ausgetretenen Holzstiegen, abbröckelndem Verputz, gesprungenen Wänden und rostigen Türschnallen hinüber, sondern als träten sie unter die hochgeschwungenen Schwibbogen ihres Luftschlosses ein, wo Puck und Ariel sie mit zarter Elfenkost bewirten.

Madeleine blickt ihnen nach, mit Rührung und heimlicher Trauer: bei solchem Anblick ist sie wieder siebzehnjährig – und zugleich durchtränkt, durchtränt von aller Erfahrung solcher, die immer mit ihrem Herzen gelebt haben. – Ihr beginnt zu früh – sagt sie sich –, Ihr verdammt euch dazu, vorzeitig, ehe Ihr euer Wesen kennt und für Bindungen reif seid, im engen Haushalt mit kleinlichem Pflichtenkreis eingefangen zu bleiben – oder Ihr kommt, gleichfalls vorzeitig, darauf, daß es nicht dauern kann, daß nichts dauern kann, gar nichts, und auch das ist schlimm, ist schlimmer, denn, wenn es beginnt, sollte man immer glauben, es könne nicht enden! Dann aber wird es für euch zum Gesellschaftsspiel, der Partner zu Tango und Foxtrott wird Liebespartner; er küßt, sobald die Musik abreißt, seiner Tänzerin die Innenfläche der linken Hand und fordert dann eine andere auf, wie auch sie sich einem anderen in die Arme gleiten läßt. Von einem zum anderen Mal wird es dünner, gewöhnlicher, reizloser, fadenscheiniger, man sollte nicht daran denken müssen, denn, trotz allem: Welch lieblicher Anblick! –

Nachzügler kommen, zwei, die nicht darnach aussehen, als schritten sie ihrem Luftschloß entgegen. Auf den ersten Blick dünken sie Madeleine ganz fremd, da sie näherkommen, erkennt sie in dem Burschen den jungen Arthur. So verwandelt sieht er aus, daß ihn zu verkennen begreiflich wird. Sonst blickt er gelangweilt, hochmütig und abwesend über jeden, der ihn anspricht, hinweg – oder durch ihn hindurch, jetzt sieht er zerknirscht und unglücklich drein, verbittert und gekränkt. Leise, unhörbar sogar auf die geringste Entfernung hin, sagt er etwas zu seiner Begleiterin, faßt mit seiner herabhängnden rechten Hand nach ihrer schlaff niederhängenden Linken, sie zuckt zurück, runzelt über ihren gewitterblauen Augen die braunen Brauen, ihr reizendes Gesicht ist verkniffen und verzerrt, noch leiser und zugleich zischend gibt sie ihm etwas Ununterscheidbares zur Antwort, da erblickt sie just Madeleine – und hat im Nu ihre Gesichtszüge geordnet und besänftigt, es ist jetzt ein außerordentlich hübsches, glattes Jungmädchenantlitz, das nämliche, welches Madeleine viermal wöchentlich im Französischen Zimmer vor sich hat.

Den Lehrern in der Télème-Abtei wird nicht das anderwärts übliche Klassenbuch mit Namensregister zur Verfügung gestellt, dadurch verlangsamt sich das Kennenlernen der Schüler, ohne solche sichtbare Beihilfe kann man in wenigen Wochen nicht gut hundertachtzig Namen auswendig behalten und mit den dazugehörigen Physiognomien bekleiden. Madeleine ist beinahe stolz darauf, daß sie Bassanio nicht länger mit seinem Doppelgänger Benedikt, Laertes nicht mehr mit Malcolm, und Romeo nicht mehr mit Florizel verwechselt, der Madeleines Gedächtnis übrigens durch sein Stottern freundlich unterstützt. Es wäre indessen solcher Irrtum verzeihlich, denn jedes Gesicht, jede Gestalt scheint im »Krähennest« zwiefach aufzutauchen: Nur die Kleine mit den schönen dunkelblauen Augen unter gewitternden Brauen – an deren Namen Madeleine sich nicht zu erinnern vermag – und Arthur mit dem aufrechtstehenden flammenden Schopf halten sich einsam abseits, einzig in ihrer Eigenart und unverwechselbar.

II

1

Madeleine sitzt zu Häupten eines langen Tisches im kleinen Speisesaal vor drei großen Schüsseln aus Emailblech, woraus sie zehn Teller der Reihe nach zu füllen hat, und gewahrt erstaunten Seitenblicks, daß auf dem Platz zu ihrer Linken, der durch ein gekreuztes Besteck bislang freigehalten wurde, verspätet wie immer, Arthur sich niederläßt. Als sie endlich ihre übernommene Hausfrauenpflicht abgeleistet hat und sich ihrem mittlerweile ausgekühlten eigenen Teller zuwenden darf, spürt sie Arthurs Blick auf sich ruhen. Er sieht heute durchaus nicht unnahbar und abweisend aus, eher so, als wäre er einem kleinen Gespräch nicht abgeneigt; da es Samstag ist, will Madeleine gerade nach den Aussichten des Fußballwettkampfes fragen, der am Nachmittag auf den Gründen des Lavendelhofs zwischen den Krähennestlern und den Gymnasiasten des Nachbarstädtchens ausgetragen werden soll, da beginnt Arthur ganz ohne besondere Aufforderung und Anregung aus eigenem zu reden.

Dürfte er sich bei Madame Madrus vielleicht ein wenig nach der französischen Landwirtschaft erkundigen? Sie ist der unsrigen in allen Stücken doch enorm überlegen, nicht wahr?

Madeleine ist nun durchaus nicht sachverständig in Ackerbau und Viehzucht, hat aber immerhin auf dem Besitz ihrer Schwiegereltern, La Tour im Calvados, von dem sie den Namen trägt, ein bißchen zugeschaut.

»Haben Sie dort Kühe gehabt?«

»Freilich, die ›grüne Normandie‹ ist Meierei für ganz Frankreich.«

»Wie viele?«

»Es hat gewechselt. Als ich knapp nach Ende des vorigen Krieges zum erstenmal hinkam, waren kaum vier Dutzend übrig, ein großer Teil war requiriert worden, viele mußten geschlachtet werden, späterhin wurden die Stallungen wieder aufgefüllt auf mehr als das Doppelte; zuletzt, als wir nach dem Tode meines Schwiegervaters das Gut verkauften, waren sie abermals auf die Hälfte ungefähr geschwunden. Wir konnten nicht genug Schweizer und Stallmägde bekommen.‹‹

»Was für Rasse denn?«

»Die heimische Normannische Rasse, braun oder schwarzweiß gescheckt, kurzhörnig.«

»Sie werden besser ausgesehen haben als die unseren. Waren Sie schon einmal im Kuhstall, Madame? Nun, er ist wahrhaftig keine Sehenswürdigkeit. Die Kühe gleichen den sieben mageren Jahren, um eines vermehrt. Es heißt, ihre Magerkeit sei Rasseeigentümlichkeit, wie das blonde Fell, aber warum sind dann Io und Iris ganz gepolstert? Ich glaube eher, der Papa hat sich beim Ankauf übers Ohr hauen lassen, was versteht auch so ein Doktor der Nationalökonomie von Ökonomie! Also muß ich jetzt dazu schauen. Am liebsten möchte ich Landwirtschaft in Frankreich studieren, in einer Schule sowohl wie praktisch. Es gibt doch in Paris eine Hochschule für Bodenkultur, nicht wahr?«

»Nicht bloß in Paris, auch in einer Reihe von anderen Städten, Montpellier zum Beispiel.«

Madeleine klaubt, was ihr von diesem Gegenstand geläufig ist, zusammen, um Arthurs Wißbegierde zu stillen; während sie trockene Namen und Zahlen, Betriebseigenarten und Fachausdrücke für landwirtschaftliche Maschinen aneinanderreiht, sieht sie, wovon sie abgezogen redet, lebendig vor sich:

Die Normandie mit ihren tiefgrünen saftigen Weiden und bunten Rindern, ihren Obstwäldern im rosigen Blütenschaum, mit den tropfenblitzenden Netzen, welche über den schwarzen Kielen der umgestülpten Fischerbarken in der Sonne trocknen. Die Bretagne mit grauen Klippen, grauen Dünen, grauen Steindörfern; die Kiefernwälder der Vendée; die zackigen Weinberge an der Garonne, die im August von tausenden Stanniolblättchen, als Vogelschreck ausgelegt, glitzern und gleißen. Die blonde Beauce, wogenden Weizenhaars; die Provence in dichten Wolken silbergrauen Öllaubs, das sich, von der Stachelpeitsche des Mistrals gezüchtigt, schweratmend hebt und senkt, wo knorriger Stamm den Panfuß zeigt und die schwarzen Sterne der Dryaden aus den staubigen Blättern äugen. Die spiegelnde Loire, welche in gewundenen Treppen und Türmen, mit Terrassen und Zinnen, Belfried und Wallgraben, kräuselnd die untergegangene Feudalzeit hinabschwemmt; die dunklen Maulbeerbaumgänge an der Rhône, die lange nach ihrem Zusammenfluß mit der trägen grauen Saône deutlich unterscheidbar ihre glasgrüne Strömung eigensinnig weiterrollt, so daß die beiden Flüsse sich noch weithin verfolgen lassen, wie im Antlitz eines Kindes die Züge der Mutter, die Wesensart des Vaters deutlich zu erkennen sind, zwiespältig, niemals ganz vereinigt.

Burgund mit seinen Rebenhügeln, wo in der Kartause von Champmôle die Weinenden wie steinerne Trauerweiden sich über die marmorharten Häupter der furchtbaren Herzöge neigen; Flandern mit emsigen Webstühlen, rauchenden Schloten und den verzweifelt ausgestreckten Armen der schwarzen Windmühlen vor dem kalten nordischen Himmel – und Madeleines Heimat, die Insel Frankreichs, die ihr Königtum, ihre Sprache, ihr Gesetz, ihre Überlegenheit den anderen Provinzen mitgeteilt, aufgedrückt, aufgedrängt hat, sie, die kleinste, die unscheinbarste, die unfruchtbarste von allen: fruchtbar nur an Geist, an Mutterwitz, an Flinkheit des Worts, an durchdringendem Blick, an feinem Ohr, an aufbrausendem Temperament, an der Fähigkeit raschen Umschwungs, jener inneren Beweglichkeit, die vorgestern der weißen Schärpe der Armagnacs, gestern dem violetten burgundischen Hut mit dem Andreaskreuz – die heute der Bourbonischen Lilie – morgen der phrygischen Mütze – übermorgen dem Napoleonischen Adler folgte – die vor einem Augenblick die Trikolore gehißt hat – und im nächsten die schwarzweißrote Flagge mit dem Hakenkreuz.

– Man muß – denkt Madeleine – sein Vaterland verloren haben, um es zu lieben, wie ich es liebe, mit eines Kindes ehrfürchtigem Dank für alle Gaben, eines Kindes Demut unter züchtigenden Streichen – und mit der unauslöschlichen Zärtlichkeit einer Mutter, die sich über das Fiebernde beugt: Ach, was immer es angestellt, wie schwer es sich vergangen, wie bitter es sie enttäuscht hat, was macht es schon aus, vorausgesetzt, daß es sich erhole und lebe!

Ja, wüßte Madeleine genau, das Gesetz der Fremden wäre, wie Ernest es voraussetzt, ihrem Volke heilsam, es bedürfte des Zwangs, der starren Ordnung, der vorgekauten geistigen Speise, der festgefügten Gesellschaftsform, aufgebaut nicht nach einer geistigen und sittlichen Hierarchie, einem christlichen Ordo, sondern der vollkommensten Unterordnung, dem unverbrüchlichsten Gehorsam, der hingebungsvollsten Leistung für den vergotteten Begriff »Staat« gemäß – könnte sie glauben, es gereichte Frankreichs Kindern zum Segen, wenn sie nicht an der väterlichen Hand, nicht am Knie der Mutter aufwüchsen, sondern in einer riesigen, vielfach verschachtelten, zwanghaft gestaffelten, nur im Erotischen unbeaufsichtigten Gemeinschaft; dürfte sie annehmen, es gereichte den Jünglingen und Mädchen zum Vorteil, wenn sie nicht mehr die unvoreingenommene Lehre der Sorbonne und der anderen Universitäten, sondern die politisch bevormundete, beschnittene und zugestutzte Heilsbotschaft der nationalsozialistischen Hochschulen empfingen –, dächte sie, es förderte die Innigkeit des Ehelebens, wenn Gatte und Gattin nicht so sehr einander wie ihren Parteivorständen gehören; könnte sie zugestehen, daß ihre heimatliche Erde unter Kunstdünger und Traktor und den neuesten technischen Gewaltmitteln besser gediehe, daß der Bauer unter der neuen Ordnung bei größerer Schonung, geringerer Plage, geringeren Abgaben leichter atmen würde als in der aus Väterzeit überkommenen, langsam veränderten und verbesserten Arbeitsweise (aber nein, er ist ja einer neuen Fron und Robot, einer neuen Corvée untertan), müßte sie zugeben, daß ihr Vaterland, ausgesogen und herabgekommen, von Schädlingen geplündert, von eigensüchtig-eitlen Abgeordneten entsittlicht, von feigen Soldaten preisgegeben, von gekauften Generalen verraten und ausgeliefert – von seinen Besten beweint und verlassen – der harten Bestrafung, der strengsten Zucht, der unausgesetzten Aufsicht, der vollkommensten Freiheitsberaubung und Führung durch Fremde bedürfte – sie sagte sich, wie die Mutter vor dem Throne Salomos: Möge mein Kind der Fremden zugehören, an ihrer Brust ruhen, ihrer Stimme gehorchen, falls es nur lebt, atmet, wächst, gedeiht –, falls es nur dem Tode entrissen wird!

Gerne nähme Madeleine Verbannung, Armut, Abhängigkeit lebenslang auf sich, dürfte sie nur hoffen, daß die Jahre ihrer einsamen Ausgesetztheit ihrer Heimat Festigung, Eintracht, Erneuerung bescheren würden. Aber, unterbricht Madeleine sich schnell: wenn ich das bejahen dürfte, wäre ich dann hier? Hätte ich mich von allem abgetrennt, woran mein Herz hängt, wenn ich an so etwas glauben dürfte?

Madeleine, die Frage, welche sie längst durch die Tat beantwortet hat, noch hin und her erwägend, hat sich noch nicht völlig entschieden, da sagt, in einem Tonfall, der verrät, daß er noch nicht lange den Stimmwechsel überstanden hat, Arthur mitten in ihre Überlegung hinein:

»Ich halte überhaupt nichts von Politik, wie sie jetzt betrieben wird, hab’ mich auch nicht von unseren Pseudo-Parteien unserer Pseudo-Wahlbewegung als Pseudo-Kandidaten aufstellen lassen. Sie wissen doch, Madame, daß wir hier in der Schule einen Wahlkampf hatten? …«

Madeleine fährt auf. Sie hat den Knaben völlig vergessen, sollte sie indessen, während sie in ihre Heimat entrückt war, ihm Rede und Antwort gestanden haben? Sich zusammenraffend sagt sie: »Knapp vor meiner Ankunft, nicht wahr? Ich glaube noch die Überreste einiger Werbebilder und Schlagwörter an den Wänden gesehen zu haben, konnte aber den tieferen Sinn und die Absicht dieser Bemühung nicht recht herausfinden, da doch gleich nach dem Wahlgang alles fortgeblasen zu sein schien. Was also steckte dahinter?«

»Ein Experiment meines Vaters, der meint, man könnte nicht früh genug politisiert werden, und wenn man die Achtzehnjährigen ungefragt ins Heer, in die Bergwerke und Munitionsfabriken steckt, müßte man die Sechzehn- und Siebzehnjährigen darauf bringen, eine gefestigte politische Meinung zu bekommen. Er findet es gar nicht bedenklich, wenn man mit Schlagworten umgeht, ehe man weiß, wofür sie stehen, desto besser wird man, von keinerlei Sachkenntnis angekränkelt – wie Tristan sagt –, zur Abrichtung geeignet sein! Ich hatte mit dem Papa darüber eine etwas stürmische Auseinandersetzung, aber freilich versteh’ ich nichts davon (das ist just meine eigene Meinung, und deshalb hab’ ich nicht mitgetan) und sollte, wenn ich mich schon einmal weder von den Konservativen noch von den pazifistischen Sozialisten – von den Kommunisten nicht zu reden, die hab’ ich dem Golliwog überlassen – als Kandidaten aufstellen lassen wollte, mich doch wenigstens auf meine Universitätsprüfung vorbereiten. Für meine Eltern beginnt der Mensch nämlich erst bei einem akademischen Diplom. Wie denken Sie darüber, Madame?«

»Nicht ganz so wie Ihre Eltern, scheint mir; ich finde, es kommt in allem und jedem darauf an, was immer man tut, ordentlich und so gut wie möglich zu machen. lch ziehe gewiß einen tüchtigen Handwerker jemandem mit einer löcherigen Universitätsbildung vor, in Ihrem Fall aber, Arthur, liegt die Frage doch wohl so, daß Sie etwas Begonnenes auch zu Ende – oder zu einem Abschluß bringen sollten, was immer man angefangen hat, sollte man nicht als Stückwerk zurücklassen. Und da Sie die Reifeprüfung für fast jeden Beruf als Voraussetzung brauchen werden, möchte ich sie an Ihrer Stelle weder unnötig lang hinausschieben noch mit ungenügender Vorbereitung ablegen. Je früher Sie darüber hinwegkommen und je sicherer und beruhigter sie darangehen, desto angenehmer für Sie. Und wenn ich auf etwas Persönliches kommen darf: Ich sähe Sie gern öfter als bloß einmal wöchentlich im Französischen Zimmer. Haben Sie denn gar keine Zeit für mich? Geben Ihnen die Kühe wirklich so viel zu schaffen?«

»Die acht scheinen mir immerhin wichtiger als die vier Konjugationen, sie sind wenigstens etwas Lebendiges!«

»Auch eine Sprache ist, richtig begriffen, etwas Lebendiges, Arthur, doch darüber wollen wir uns jetzt nicht auseinandersetzen. Etwas anderes aber: Wollten Sie künftig wirklich nach Frankreich, um dort Landwirtschaft zu studieren, dann möchte ich Ihnen vorher einen Wink geben: Wir Franzosen sind in diesem Punkt sehr empfindlich. Kann einer mit uns in unserer Sprache umgehen, dann sehen wir das als eine uns persönlich erwiesene Aufmerksamkeit an, er hat von vornherein gewonnenes Spiel und darf unseres Entgegenkommens, unseres Beistandes gewiß, sein. Sie scheinen mir doch zu vernünftig, als daß Sie bloß aus Widerspruchsgeist und Eigensinn ihren eigenen Absichten und Wünschen im Wege stehen wollten. Also?«

»Ich will mir’s gesagt sein lassen, Madame.«

2

Madeleine fährt jäh aus dem Schlaf, geweckt durch ein ihr wohlbekanntes, eigentümliches und unverwechselbares Geräusch, das hervorgerufen wird durch hastiges Umwenden großer Zeitungsblätter. Wer raschelt denn da? Es muß noch sehr früh sein; ist es bereits eine heutige Zeitung, ist die Post schon gekommen? Schwerlich, noch fällt kein Lichtstrahl durch das brüchige Gewebe des schadhaften Rollvorhangs. Dann wendet sie den Blick der Richtung des Geräusches zu: dort, ihrem Bett gegenüber, vor dem Kamin, wo ein schüchternes Feuer vorsichtig zu flackern beginnt, steht ein mächtiger Lehnstuhl, mit Genueser Samt in einem verschossenen Erdbeerrot überzogen, darin, durch die hohe Lehne und die abstehenden Ohren des Sessels von der einen, durch ein großes Zeitungsblatt von der anderen Seite vor Madeleines Auge verborgen, bewegt sich jemand: leicht zu erraten, wer …

– Sonderbar – denkt sie –, daß ich diesen Kamin bis jetzt so völlig übersehen habe, er macht das kahle Zimmer gleich traulicher. Zwar heizen sie hierzulande auch offene Feuerstellen mit Kohle, aber jedes lebendige Feuer ist doch besser als das unsichtbare im Füllofen, der die Wärme durch tote Röhren weiterleitet. –

Im Lehnstuhl rührt es sich nun vernehmlicher, es kommt daraus zuerst ein Ellbogen, dann ein Arm im gesteppten schwarzen Seidenärmel eines Hausrocks, dann der klar umgrenzte Seitenriß eines Gesichts zum Vorschein – und nun kehrt Ernest ihr sein Antlitz voll zu, während er seine große Zeitung knisternd zusammenfaltet.

»Ernest«, bettelt Madeleine, »schau, ich bin noch so müde und möchte gerne weiterschlafen, kannst du denn das Rascheln nicht sein lassen? Du weißt doch, ich vertrag’s nicht. Aber …« Madeleine erschrickt, richtet sich, auf den rechten Arm gestützt, vollends in die Höhe, rufend: »Ernest, Ernest, wie kommst du denn her ins ›Krähennest‹? Raschle nur weiter, soviel du magst: daß du hier bist, ist wunderbar!«

»Das«, sagt Ernest Mathieu so spitzbübisch, daß alle Linien und Fältchen seines schönen gealterten Gesichts zu hüpfen und zu flackern beginnen, »wollte ich auch meinen.«

Madeleine will zu ihm hin, will aufspringen, findet sich aber durch den Gürtel ihres Pyjamas an die Bettstatt angeschlossen. »Hilf mir doch, Ernest!« ruft sie, ohne Antwort zu bekommen; mühsam (denn jetzt findet sie auch ihre Schultern festgebunden) wendet sie sich wieder dem Kamin zu: aber da ist keiner mehr, nur eine weißgestrichene Holzwand – kein samtener Lehnstuhl, nur ein grüner Rohrsessel, kein Ernest Mathieu –, nur gähnende, grinsende Einsamkeit und Ödnis.

Durch den grünen Wirbel eines tiefen Trichters wird sie von kreisenden weißen Schlingen ruckweis aufwärtsgerissen, an den ruhigen flachen Wasserspiegel wachen Bewußtseins. Wo ist sie gewesen? Welcher schrecklichen Gefangenschaft ist sie entronnen? War sie nicht angeschmiedet an einen feuchtkalten Nebelring des Purgatoriums, abgetrennt von Ernest …, ach, sie war ja augenlos in der Tretmühle mit den anderen Sklaven, pausenlos das unendliche Rad der vier Konjugationen drehend, pausenlos die Blätter des nämlichen Buches umwendend, pausenlos sagend: »Faites la liaison, mes enfants.« Wie ist es ihr denn gelungen, aus deren falschen Zirkel dieser Gefangenschaft auszubrechen, wer hat ihr dazu verholfen?

Gleichviel, sie ist zurück, ist daheim, sie geht mit Ernest durch die Straßen ihrer Vaterstadt. Zwar haben sie sich schauerlich verändert: Schmerzverkrümmt neigen sich die Gebäude mit vorspringenden gewölbten Fenstergittern, mit gewundenen Schornsteinen, die Füllhörnern gleichen (Pandorens Füllhorn mit dem gefährlichen Inhalt, dem fragwürdigen Bodensatz), taumelnden Dächern und aufspringenden Fenstern weit gegeneinander vor. Sie alle, Paläste wie Zinshäuser, haben Farbe gewechselt, aus dem überlieferten sanften heimischen Perlgrau sind sie in ein grelles, befehlshaberisches Lehmbraun umgeschlagen, das, an Juchtenstiefel, Lederüberschwung und Straßenkot erinnernd, dem Auge weh tut. Eine traurige Überraschung – aber was macht es schon aus? Ginge sie denn nicht durch Wasser und Feuer, Fegefeuer und Hölle, wenn sie Ernest an ihrer Seite weiß? Jetzt – sie sind im Begriff, die Straße zu überqueren – fühlt sie seine Hand stützend an ihrem Ellbogen: das ist Fürsorge, Geborgenheit, hier ist der Schweifenden Ziel, hier ihre Heimat, er ist ihre Erde, in ihm wurzelt sie, aus ihm saugt sie Saft und Kraft, für ihn gedeiht sie. Hinter ihr liegt – eine vage Erinnerung – der Trug der Trennung, die Marter des Exils, die Täuschung ewigen Abschieds. An seinem Arm, das Brückengeländer mit der Hand, mit den Füßen kaum den Boden streifend, schwerelos, schwebt sie über den Fluß, dort drüben sieht sie den Griechentempel, die Wohnstatt ihrer Schutzheiligen. Krümmen sich auch die Säulen, beugt sich der Triglyph, wellen sich die Treppen rauschend – es zieht sie hin: »Wir könnten«, sagt sie mit einem Aufblick zu Ernest, »noch schnell in die Madeleine, zum Segen …« Ernest aber schüttelt den Kopf, wortlos biegt er in eine breite Straße ein, wo sonst hinter breiten Spiegelscheiben das Köstlichste eines köstlichen Landes zur Schau gestellt war:

Die duftigsten Kleider, die gewagtesten Hüte, die flaumigsten Pelze, die strahlendsten Schmuckgegenstände, das Edelste an Hausrat, an Bildern, an Bronze- und Marmorstatuen, an Altertümern. Jetzt aber? Keine Zobelmäntel, keine auffallenden Hüte, keine blitzenden Armbänder und schimmernden Perlenketten, nicht Verdüren noch Vernis Martin, weder Sèvres noch Famille verte: Nichts anderes gibt es jetzt in diesen Schaufenstern als Modelle von Tanks, Torpedos, Schlachttürmen, Flugzeugen, Mörsern, Haubitzen, Kanonen, Maschinengewehren und Minenwerfern – ja, diese selbst in natürlich-unnatürlicher Größe. Nebenan, unter dem roten Hakenkreuz, sieht man die abschreckendsten Bilder von Wunden und Verstümmelungen – nein, es sind ja keine Bilder, es sind Wachsfiguren – oder sind es am Ende gar echte Verwundete, echte Krüppel? Fußlos, armlos, augenlos, einem ist die Wange abrasiert, dem anderen das Kinn fortgerissen, jenem der Schädel skalpiert.

– Ich muß trachten, Ernest von hier fortzubringen, alles Häßliche, Krankhafte, Ekelerregende muß von ihm ferngehalten werden, er verträgt solchen Anblick nicht. –

Sie berührt leicht seinen Ärmel. »Komm, Ernest, laß uns doch lieber zurückgehen, ins Luxembourg vielleicht, oder gleich nach Hause, in die Rue de Fleurus.« Da wird Ernest von einem deutschen Offizier festgehalten und angesprochen. Er trägt schwarze Uniform, an dem Husarentschako einen Totenkopf und gekreuzte Knochen; am goldenen Kragen silbernes Eichenlaub, eine Reihe Orden an der Brust, den »Pour le mérite« um den Hals, einen Reitstock in der behandschuhten Linken; der rechte Ärmel hängt schlaff herab; an seinen glänzenden schwarzen Stiefeln klirren, als er sie jetzt zusammenschlägt, die Sporen.

»Gestatten Sie, Herr Generaloberst«, sagt Ernest auf deutsch, »daß ich Sie mit meiner Frau bekanntmache. Madeleine, das ist Generaloberst von Totleben.«

»Sehr erfreut, gnädige Frau, habe schon so viel von Ihren berühmten Mittwochabenden gehört, ich machte Ihnen gerne meine Aufwartung, nur muß ich« – der Generaloberst weist mit seinem wehenden leeren Ärmel auf das rote Hakenkreuz – »zuerst dort hinein. Eben bin ich am Invalidenpalast vorbeigekommen, da knallt etwas, ein Luftzug fegt mir den Tschako vom Kopf, ich muß einen kleinen Schaden davongetragen haben, bitte, sehen Sie doch …« Der General nimmt seinen Tschako ab, einen kahlen Schädel entblößend, der wie eine Teekanne geformt ist, und wie von einer Teekanne den Deckel hebt er, seinen einzigen Arm aufreckend, die Schädelplatte ab; Dampf strömt heraus, Blutdampf kräuselt sich zum wehenden scharlachroten Federbusch, ganz bleich ist das Gesicht darunter, fleischlos, abgezehrt von Hyänen und Würmern, bleckende Zähne, mit kurzer aufgestülpter Nase: Wer – wer ist denn das?

»Ernest, Ernest, wie haben sie dich mir zugerichtet, Ernest, unkenntlich bist du – und dennoch hab’ ich dich erkannt, stirb mir nicht, Ernest, vergeh mir nicht, verwes’ mir nicht …«

Ernest nickt sehr feierlich mit seinem Totenkopf, der Federbusch auf seinem Elfenbeinschädel bäumt sich, bläht sich, weht auf, wolkig –, eine blutigrote Sonnenuntergangswolke, die Madeleine auf ihrem Rücken fortträgt und sie sanft hinabsenkt, tiefer, tiefer, ins Bodenlose …

Durch den schmalen grünen Trichter steigt sie abermals auf, von weißen Schlingen in die Höhe gerissen, diesmal ins Feurige. Blutiger Schein fällt, von den roten Ziegeln des Fußbodens zurückgeworfen, durch die Risse des Vorhanges. Traumbefangen steht Madeleine auf, mit schweren Gliedern, schweren Herzens, traumberauscht schiebt sie die Klappen, welche den Vorhang festhalten, zurück, rollt ihn auf: Feuchtkalte Luft weht ihr entgegen und weckt sie vollends. Eine lose Dornenranke peitscht mit dürrem Laub raschelnd und knisternd gegen die angelehnte Fensterscheibe; die Eschenreihe, welche den Besitz nach Nordosten abschließt, steht als Schattenriß schwarz und nackt gegen einen flammenden Vor-Sonnenaufgangs-Himmel; jenseits der Straßensenkung sticht die spitze Nadel des Kirchturms in das wunde Firmament. Das Feld dicht vor dem Fenster, gestern noch grüner Rasen, ist, zu einem Kartoffelacker bestimmt, am späten Nachmittag umgebrochen und umgepflügt worden, moderfeucht und bitterlich duften die Schollen; das Haus drüben liegt noch, abgeblendet, schwarz im Schlaf. Schwarz gleitet es über den Acker hin, in der höchsten Esche gibt es bereits aufgeregtes Krächzen und Kreischen und wildes Flügelschlagen:

Madeleine ist zurück im »Krähennest«.

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