Kitabı oxu: «Zukunft?»
Mary Specter
Zukunft?
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Inhaltsverzeichnis
Titel
„DIE GOLDENE LIGA“
Im Kristallsaal der „GOLDENEN LIGA“
Es ist November
Zur gleichen Zeit in Chemnitz
Helene ist Profi
In Dresden
Erich Reuter sitzt
Dienstbeginn im Städtischen Krankenhaus in Chemnitz – Frühschicht
Es sind viele bewaffnet mit Knüppeln und Steinen
Sparen, sparen
Die Kommissarin Irina Krupska
Jane wacht auf
Nele Kurfürst
„Verdammte Scheiße!“
Das Findelkind ist schweigsam
19 . Dezember zehn Minuten vor Mitternacht
Auf dem Marktplatz
Es ist mir eine Ehre
„Jetzt mach nicht so ein Geschrei, Konrad!“
Irina Krupska
Verdammt, ich habe
Der kleine Ofen von Willi und Erhardt
Frustrierende Ermittlungen
Resignation
Nele Kurfürst
Willi erzählt
„Stammzellen, Frischzellen …
Am Anfang
Der Winter
Der kommende Tag
„Kein Holz, nichts Brauchbares?“
Das schlechte Gewissen,
Jane hat viel und lange
Hass verändert unser Leben
Helene ist vorsichtig,
„Wir müssen die genetische
Bruno Bär
Ein Schneesturm tobt über Dresdens Altstadt
„Verdammt, wo bleiben die Blutkonserven?“
Allein mit ihr
Willi und Jane haben Glück
„Bitte nicht!“
„Psst, mein Freund, hier haben die Wände Ohren.“
Es ist wahr geworden:
„Um Karriere zu machen
Helene sitzt mit ihrem Mörder auf einem Bündel Stroh
Irina Krupska
Trotz heftiger Kopfschmerzen
Alles was an Einsatzkräften
Blutige Haufen
Willi geht der Anblick
Nele Kurfürst
Wieder erwacht
22. November 2049
Nele Kurfürst
Willi öffnet seine Augen
Nachdem Nele
Nele ist Anfeindungen gewöhnt
Irina Krupska
Man kann es fast eine kleine Revolution
Helene hat keine Ahnung,
Lisa ist die ganze Nacht wach
Helene spürt etwas
Willi ist heiser
Der Heilige Abend ist vorbei
Ein Gewitter braut sich zusammen
Impressum neobooks
„DIE GOLDENE LIGA“
Mary Specter
Zukunft?
Wir berauben uns selbst unserer Zukunft. Wir müssen uns bemühen diesen Prozess aufzuhalten. Denn es wird nicht möglich sein ihn rückgängig zu machen.
Danksagung
Mein Dank gilt zuerst meiner Familie.
Wann immer ich in den letzten schweren Jahren das Bedürfnis hatte zu jammern oder zu schimpfen, waren mein Mann und meine Kinder für mich da.
Danke auch an meine allerbesten Freunde, meine Schwester und meine Eltern,
die oft in aussichtslosen Situationen halfen.
Dank auch an alle Leser.
Der Vollmond spiegelt sich über leicht gefrorenen Pfützen des schmalen Weges, der zur Gartenanlage führt, in welcher der alte Konrad seit einem halben Jahr lebt. Er ist stolz darauf, aus eigener Kraft mit dem Trinken aufgehört zu haben.
Seit er dieses winzige Haus am Feldrand gefunden hat, gehört ihm wieder etwas. Das Haus ist von einem Zaun umgeben, den er nach und nach aufgebaut und sogar grün gestrichen hat. Ein verschlissenes Sofa, ein Schrank, ein Fass zum Auffangen des Regenwassers und ein grauweißes Kätzchen, das bei ihm bleibt, wenn die Nacht kommt.
Es ist ein ganz neues Leben, ein besseres Leben. Seit Jahren hat er sich nicht mehr so gut gefühlt. Er pfeift ein Lied und schwenkt den Stoffbeutel mit den Konserven, die er von seinem Freund Willi bekommen hat. Konrad bleibt stehen, er hört etwas rascheln. Er lauscht angestrengt.
Mitternacht ist längst vorbei, und auf dem ganzen Weg hat er nicht eine Menschenseele getroffen. Da! Wieder! Etwas raschelt!
In der Dunkelheit etwas zu erkennen, ist recht schwierig. Vor ihm windet sich der schmale Weg, begrenzt von wildwachsenden Sträuchern, die mit dürren, schmalen Fingern nach ihm greifen.
Am Ende des Weges, dort wo das Feld beginnt, erkennt er zunächst als Silhouette, etwas Großes, Schwarzes. Ein Tier bewegt sich langsam in seine Richtung. Das Gebilde wird deutlicher. Im fahlen Mondlicht glänzt das Fell. Den Kopf gesenkt, mit geschmeidigen Bewegungen kommt es näher. Wie gebannt starrt Konrad auf den Wolf.
Schon einmal ist er ihm begegnet.
Mit fletschenden Zähnen hat er ihn verfolgt. Damals ist er nur davon gekommen, weil Willi ihn in das alte Kaufhaus gestoßen und die Tür verriegelt hat. Nun ist er also hier! Hier, in seinem schönen Zuhause!
Konrad lässt seinen Beutel mit dem Proviant fallen und rennt so schnell er kann.
Nur wenige Meter vor dem Gartentor trifft ihn die Wucht des Wolfskörpers und reißt ihn zu Boden.
„Oh Gott! Nein! Nicht!“
Er spürt den heißen Atem des Tieres in seinem Nacken, glaubt sich schon verloren, als der Schwarze von ihm ablässt.
Er bleibt noch eine Weile mit geschlossenen Augen liegen. Als er aufzustehen wagt, weiß er nicht wie viel Zeit vergangen ist.
„Kitti, Kitti“, lockt er, immer noch am ganzen Leib zitternd.
Schnurrend kommt das Kätzchen unter dem Sofa hervor.
Konrad nimmt das zarte Tier und setzt sich. Er streichelt es und Tränen rinnen über seine runzligen Wangen.
„Ich habe unser Essen verloren!“, mein Schatz.
Überall prangt dieser Schriftzug in protzigen Großbuchstaben. Es ist Samstag zehn Uhr morgens. Immer um diese Zeit liefern sich trainierte Senioren einen Wettstreit an Laufbändern und Kraftgeräten. Einige sitzen an der exklusiven Bar und trinken Eiweißshakes.
Ein etwa Siebzigjähriger mit vollem grauen Haar und ebensolchen Augen wischt sich den Schweiß von der Stirn. Unter seinem teuren Dress zeichnet sich seine drahtige Figur ab. Er setzt sich an den Tisch und bestellt einen Grapefruit-Saft.
Drei Damen stecken die Köpfe zusammen und kichern wie Teenager. „He, Erich!“
Ein Schlag auf die Schulter reißt den Grauhaarigen aus seinen Gedanken. Er dreht sich um und lächelt gequält.
„Hallo Armin, schon fertig mit deinem Programm?“
Schnaufend setzt sich Armin auf den Barhocker neben Erich. Er schnippt mit den Fingern.
Augenblicklich kommt ein Angestellter und fragt nach seinen Wünschen.
„Einen O-Saft bitte!“
Der Barkeeper gießt das Glas halbvoll. Armin leert es in großen Zügen.
„Hast du von der Sache am Todesstreifen gehört?“
Erich zieht die Augenbrauen zusammen.
„In den letzten zwei Jahren haben wir acht Frauen auf diese Weise verloren. Es ist eine Katastrophe!“
Er dreht das Glas zwischen den Fingern und starrt gedankenverloren in die milchig-gelbe Flüssigkeit.
„Schon wieder eine, die abhauen wollte und es nicht geschafft hat.
Alle Frauen waren gerade in einem fruchtbaren Stadium.
Etwas haben wir übersehen, aber was!?“
Erich Reuter, der Chef der Forschungsabteilung, ist ein ruhiger, ausgeglichener Mensch.
Armin, sein Mitarbeiter dagegen ein unruhiger Zeitgenosse. Sein kleiner dicklicher Körper scheint fortwährend zu zucken.
„Mein Freund, wir sind bereits in Bedrängnis, was den Zeitrahmen betrifft.“
Armins Gesicht wird bei dieser Bemerkung noch röter und dicker. Erich blickt ernst auf seinen Kollegen herab: „Wir können die Nebenwirkungen doch nicht einfach ignorieren!“
Armin zwinkert nervös. „Fragen wir die Chefin, was wir tun sollen, und ...!“
Eine Lautsprecher-Ansage unterbricht seinen Satz. „Alle Mitglieder der LIGA, welche über siebzig Jahre alt sind, bitte im Kristallsaal melden!“
Außerhalb des abgeschirmten Geländes ist die Situation in Dresden erbärmlich.
Müll und Dreck wohin man sieht. Ratten haben Straßen und Plätze in Besitz genommen.
„Verdammtes Vieh!“ Eine kleine magere Frau verjagt eines der Tiere von ihrem Platz.
Ihre Schlafstätte besteht aus einer zerfetzten Matratze, einer durchlöcherten Decke und zwei Kartons, in denen sie ihre Habseligkeiten verstaut. Lisa ist erst einundsechzig Jahre alt, aber Armut und Hunger haben ihre Spuren hinterlassen. Sie sieht mindestens fünfzehn Jahre älter aus.
„He, Lisa, schon wieder am Schimpfen?“
Der Mann, der seinen Stoffbeutel absetzt, heißt Willi. Um seine wachen gletscherblauen Augen bilden sich beim Lachen kleine Fältchen.
Sein immer noch markantes Gesicht strahlt Stärke und Gutmütigkeit aus.
„Ach Mensch Willi, du hast gut lachen. Immerhin hast du wenigstens ein Dach über dem Kopf!“
Willi zieht die Augenbrauen zusammen und setzt sich neben Lisa auf die Matratze. Er zieht ihr schmunzelnd die verrutschte selbst gestrickte Mütze zurecht: „Du hast Recht! Der Erhardt und ich, wir haben das Maximum aus der alten Ruine rausgeholt. Aber 60 Euro Miete sind kein Pappenstiel! Ich werde wohl auch bald hier sitzen. Wie du weißt, werde ich im nächsten Jahr fünfundsiebzig und dann ist Schluss mit dem Zuschuss.“
Nachdenklich faltet Willi seine Hände im Schoß. Seine schönen Augen blicken traurig. „Ich habe darüber nachgedacht, dem ganzen vielleicht doch ein Ende zu bereiten.“
Lisa springt auf: „Bist du verrückt, was sollen wir denn ohne dich machen?! Du und Erhardt, ihr seid doch die Einzigen, auf die man sich noch verlassen kann, vor allem auf die man hört. Die Stadt würde völlig im Chaos versinken ohne euch!“
Ihr Tonfall wird weinerlich. Sie holt tief Luft und setzt sich wieder. „Der sanfte Tod wäre reiner Egoismus mein Lieber!“
„Bist du fertig mit deiner Standpauke?“ Lisa schiebt die Unterlippe vor.
„Für den Moment bin ich fertig!“
Beim Lachen entblößt sie ein wahres Verhau an Zähnen. „Was hast du denn Schönes mitgebracht, mein Guter?“
Willi kramt in dem gelben Stoffbeutel herum.
„Wir haben bei Strobels etwas Mehl und Margarine ergattern können und wie du weißt, halten wir fünf Hühner. Glaub mir, altes Mädchen, das ist der beste Kuchen, den du in den letzten zwanzig Jahren gegessen hast!“ Er holt einen kleinen, wie einen Laib Brot aussehenden Kuchen hervor und reicht ihn der Frau. Lisa beißt hinein und schließt genüsslich schmatzend die Augen. „Oh, wie gut der ist! Noch eine Tasse Kaffee dazu der Himmel wäre das!“
Willi nickt und gießt aus einer verbeulten Thermoskanne heißen Kamillenblütentee in einen Becher.
Lisa lacht mit vollem Mund und klopft Willi auf die Schulter: „Danke mein Freund, dann eben fast wie im Himmel!“
„Ich muss weiter, noch ein paar Mäuler stopfen. Außerdem habe ich für Klara einen Schal aufgetrieben. Sie hat Halsschmerzen seit ein paar Tagen.“
Willi steht auf und geht zügig die Straße hinab.
Lisa beißt ein Stück vom Kuchen ab und schaut ihm kopfschüttelnd hinterher.
Im Kristallsaal der „GOLDENEN LIGA“
Im Kristallsaal der "Goldenen Liga" haben sich ungefähr achtzig Menschen versammelt. Der Name des Saales ist durchaus berechtigt. Man kommt sich vor wie in einer Tropfsteinhöhle. Gedrehte gläserne Säulen in der Form eines DNA-Stranges ragen als Eckpfeiler bis zur verspiegelten Decke. Der Boden scheint aus glattgewalzten Eiszapfen zu bestehen. Zur Krönung sind alle Möbel, auch die bis zum Boden reichenden Gardinen, schneeweiß.
Das Raunen im Saal verstummt augenblicklich, als hinter dem Rednerpult eine schlanke dunkelhaarige Frau im hellgrauen Kostüm auftaucht. Nele Kurfürst, Mitte Fünfzig, gutaussehend. Das halblange schwarze Haar glänzt wie ihre dunklen Augen.
„Ich bitte um Ruhe, meine Damen und Herren! Wie Sie alle wissen, steht der Kontencheck nächste Woche ins Haus. Wer also ausreichend solvent ist, das betrifft in erster Linie die Damen, kann sich nach Weihnachten für die erste Versuchsreihe melden.“
Die schöne Frau streicht eine vorwitzige Locke aus ihrem Gesicht. „Der Vorstand und ich sind der Meinung: Wir können das Experiment wagen!“
Ein kurzer Jubel erfüllt den Saal.
Nele Kurfürst strafft ihre Gestalt, ihr Blick wird ernst. „Jedem sollte klar sein, egal wie das Ergebnis ausfällt, dass die LIGA keinerlei Haftung übernimmt.“
Sie räuspert sich. „Leider gibt es eine nicht ganz so erfreuliche Nachricht: Es wird notwendig sein, einige von Ihnen in das neugebaute Lager außerhalb des Zwinger-Geländes umzusiedeln.“
Sofort werden die ersten empörten Stimmen laut. Nele hebt beschwichtigend die Hände: „Wir haben es geschafft, eine durchaus adäquate Bleibe für alle Betroffenen zu finden. Sicher haben sich schon einige gewundert, was für ein Neubau angrenzend entsteht. Dieser Block beinhaltet alle Annehmlichkeiten, die Sie von hier gewohnt sind: Hübsche Zweiraumwohnungen mit Balkon, ein Schwimmbad auf dem Dach und ein gemeinschaftlicher großer Wintergarten.“
Ein hagerer Mann mit Glatze steht auf: „Das ist eine Zumutung! Wir sollen unsere Appartements aufgeben und in kleinere ziehen!? Was wird mit unseren Sachen? Wie sieht es mit der Miete und den anderen Vergünstigungen aus? Was wird zum Beispiel mit der an die LIGA gebundenen medizinischen Betreuung?“
Nele nickt kurz. „Studio und Kino können Sie natürlich weiter kostenlos nutzen.
Allerdings müssen die Kosten für Medizin und ärztliche Behandlung ausschließlich von Ihnen selbst getragen werden.“
Immer mehr aufgebrachte Menschen schreien nun durcheinander. Nele ist gezwungen ebenfalls zu schreien: „Die Gesundheit sollte jedem von uns mehr wert sein, als Schönheit und Luxus!“
„Das sagt genau die Richtige!“, kommt es wütend zurück.
Die Menge ist inzwischen so aufgewühlt, dass zwei stämmige Leibwächter, die neben Nele stehen, diese jetzt hinter die Bühne zum Ausgang bringen müssen.
Die Sorge der gutbetuchten Bewohner der „GOLDENEN LIGA“ sind nur Bagatellen gegenüber den Problemen, mit denen sich die Bevölkerung außerhalb des Sperrgebietes herumschlagen muss.
Es ist November
Es ist November und die Nächte sind bereits grimmig kalt.
Überall in den Straßen brennen kleine Feuer. Was den Flammen nicht zum Opfer fällt, wird genutzt, um sich vor der Kälte zu schützen. Gardinen hängen wie Zeugen besserer Zeiten an blinden Fensterscheiben.
Zerknülltes Papier in Schuhe und Jacken gestopft, hält warm. Willi und Erhardt haben sich mit Lebensmitteln eingedeckt, die Matratzen mit ordentlich geflickten Bettlaken überzogen. Es gibt Decken und einen kleinen Ofen, der dem Raum wohlige Wärme spendet. Willi stellt einen Topf auf den Campingkocher. Er öffnet eine Dose mit dicken Bohnen. Während er mit einem langen Löffel die Bohnen umrührt, schweift sein Blick zum Fenster. Es stürmt und regnet in Strömen. Ein grauer Novembertag.
Erhardt beobachtet den Freund: „Was grübelst du schon wieder, alter Junge?“ Willi blickt seinen Kumpel an: „Ich habe jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn es Winter wird, weißt du! Wir haben es warm und wir haben genug zu essen. Aber sieh raus! Wie viele müssen in dieser Kälte ausharren, ohne Hoffnung, dass es jemals besser wird!“
Die Männer schweigen und sehen hinaus in den Regen.
Die Bohnen sind fertig und Erhardt holt zwei tiefe Teller aus dem selbst gezimmerten Schrank. Sie essen schweigend aus dampfenden Schüsseln.
Ein zaghaftes Klopfen reißt Willi aus seinen Gedanken. Er erhebt sich und geht zur Tür. Vor der Tür steht Lisa, in Begleitung eines erstaunlich schönen, jungen Mannes. Das mittelblonde Haar ist akkurat geschnitten. Stahlblaue Augen blicken aus einem markanten Gesicht prüfend auf die alten Männer. Er scheint zu frieren.
„Bitte, kommt herein!“
Willi tritt zur Seite, um Lisa und den Fremden vorbeizulassen.
„Mensch, gut, dass ihr da seid! Eine Schweinekälte ist das da draußen!“ Sie schnieft und aus ihrer Nase läuft eine gelbliche Flüssigkeit.
„Was ist passiert?“ Erhardt ist ebenfalls aufgestanden.
„Entschuldigung, mein Name ist Bernd Richter. Ich bin gezwungen mich zu verstecken, und diese Dame, er zeigt dabei auf Lisa, hat mich quasi gerettet.“
Lisa macht große Augen und für einen Moment ist ihr zerfurchtes Gesicht geglättet. „Was für gute Manieren Sie haben, mein Junge!“
Willi bittet die beiden zu Tisch und holt noch zwei tiefe Teller. Dann setzt er sich zu ihnen.
Lisa isst hastig, während der junge Mann lustlos in dem dicken Brei herumstochert.
Erhardt, der bis jetzt stumm neben dem Freund sitzt, ergreift das Wort: „Wie alt sind Sie eigentlich und wer ist hinter Ihnen her?“ Er stellt die Frage mit einer gewissen Schärfe in der Stimme.
Der Fremde schaut auf. „Ich bin 38 Jahre alt und wurde geschickt, ein aus der geschützten Zone entlaufenes Mädchen zurückzuholen. Wenn die Schergen der Drachenlady es vor mir erwischen, ist es so gut wie tot.“
Lisa vergisst vor Staunen den Löffel abzulegen. Dicke Bohnen planschen auf die Tischdecke.
„Ein Mädchen? Wie alt?“
„Nun ich würde sagen: Mitte zwanzig.“
Jetzt sehen sie den Fremden an, als wäre er total verrückt geworden. Seit Ewigkeiten haben sie keine so junge Frau mehr zu Gesicht bekommen. Willi schüttelt den Kopf. „Wie ist das möglich? Züchtet ihr da drin etwa junge Leute?“
Erhardt lacht: „Künstliche Menschen! – würde mich nicht mal wundern!“
Bernd macht ein ernstes Gesicht. „Ich kenne keine Details, aber etwas sehr merkwürdiges geschieht in diesen Laboratorien und es ist nichts Natürliches. Wir müssen das Mädchen finden!“
Zur gleichen Zeit in Chemnitz
Graue Nebelschwaden legen sich wie Leichentücher über die geschundene Stadt. In einer Siedlung aus alten Wohnwagen, ausrangierten Bussen und Wellblechhütten bewegt sich die schwarze Gestalt im Schutz der Dunkelheit.
Aus einem kleinen weißen Wohnwagen dringt leise Musik. Der Anstrich kann den Rost nicht verbergen, der sich durch die Karosserie frisst.
„PROST auf mich!“ Mit einem Lächeln steht Helene vor dem einzigen Spiegel in der spärlichen Behausung. Sie ist heute 46! Noch jung und doch allein! Ihre ältere Schwester hat sich vor elf Jahren das Leben genommen.
Die Bank kündigt den Kredit und der Versicherungsvertreter erledigt den Rest. Falsche Beratung führt zum Ruin des kleinen Geschäftes.
Die Ehe musste an den Sorgen und Streitereien zerbrechen. Nur ein halbes Jahr später stirbt die Mutter. Wie es heißt: an gebrochenem Herzen. Durch die Revolten überall im Land verliert Helene ihren Vater aus den Augen. Er ist der warmherzigste Mensch, den sie kennt.
Helene hält sich also allein über Wasser. Im einzigen noch gebliebenen Städtischen Krankenhaus ist sie das Mädchen für alles. Von Putzen bis Sterbehilfe tut sie alles für einen Hungerlohn. Sie beschwert sich nie. Das Elend, welches sie täglich erlebt, macht ihr bewusst, wie gut sie es dennoch hat: Dach über dem Kopf, Essen, noch relativ jung – es ist viel, was sie in dieser schrecklichen Zeit noch besitzt.
Im Radio beginnen die Nachrichten.
Draußen nähert sich die schwarze Gestalt dem Wohnwagen. Die Stimmen und das Licht lassen sie vermuten, dass sich mehrere Personen im Wagen aufhalten. So nimmt sie die Wellblechhütte einige Meter weiter ins Visier. Die Tür ist mit einem Strick am Haken notdürftig verschlossen. Die Gestalt lächelt und löst den Strick mit wenigen Handgriffen.
Helene ist Profi
Helene ist Profi. Sie übersieht die Hektik auf der Stadion 4 des Städtischen Krankenhauses.
Sie geht ins Dienstzimmer und erkundigt sich bei der Oberschwester nach den bevorstehenden Aufgaben.
„Setz dich erst mal, Mädchen!“
Schwester Karin schiebt Helene zu einem der Stühle und macht sich dann an der altersschwachen Kaffeemaschine zu schaffen.
Helene setzt sich seufzend. Sie ist erstaunt über die Freundlichkeit der Vorgesetzten.
„Ist irgendetwas passiert?“
Die mit beträchtlicher Leibesfülle bedachte 68jährige Oberschwester setzt sich schwerfällig zu Helene: „Du hast es also noch nicht gehört!“
„Was?“, fragt Helene.
Karin macht große Augen: „Eine Tote ist gefunden worden, unmittelbar neben deiner Behausung und wie sie zugerichtet worden ist …!
Sie macht eine Pause. „Vergewaltigt und dann regelrecht ausgeweidet!“
Sie schüttelt sich und flüstert: „Es hätte dich treffen können!“
Helene wird blass: „Direkt neben mir, da wohnt Angela!“
Die Oberschwester nickt: „Wohnte. Sie war 53 Jahre alt und sah noch ziemlich gut aus. Ich kannte sie auch!“
Helene faltet die Hände und drückt dabei so fest zu, dass die Knöchel weiß hervortreten.
„Oh Gott, wäre sie doch zu mir gekommen, ich hatte sie eingeladen auf ein Bier, gestern Abend. Aber sie meinte, sie müsste noch die Einnahmen der letzten Woche abrechnen.“
Helene lächelt gequält. Angelas kleiner Trödel-Laden wirft so gut wie nichts mehr ab.
Die Oberschwester rückt ein Stück näher an sie heran. So riecht bei Helene den nach Zwiebel stinkenden Atem der alten Frau. Sie weicht ein Stück zurück.
„Es heißt, sie sei fachmännisch ausgeweidet worden.“ Die Oberschwester nickt vielsagend.
„Organhandel!? Aber weswegen dann die Vergewaltigung?“ Helene schüttelt den Kopf.
Karin erhebt sich schnaufend.
„Sieh dich doch um … lauter alte Weiber. Wenn man dann noch jünger ist und auch noch gut aussieht, erübrigt sich die Frage!“
Sie dreht sich um, um zu gehen. Doch dann bleibt sie stehen, dreht den Kopf, als wollte sie etwas sagen und sieht Helene besorgt an: „Sieh dich vor, Mädchen!“
In Dresden
In Dresden sieht es nach den heftigen Schneefällen und den immer wieder tobenden Stürmen aus wie nach einem Krieg. Ruinen wohin man sieht.
Ein toter Stadtteil soll man meinen! Aber das ist nicht so! Im Schatten der Ruinen leben nicht nur Ratten, verwilderte Hunde. Ganz oben an der Nahrungskette ein Rudel Wölfe. Die Hunde sind zu klug, um sich irgendwo einzeln blicken zu lassen, die Ratten nicht nach dem Geschmack der Wölfe. Doch der Hunger treibt sie immer wieder in die Altstadt. Im Randgebiet, wo die Ärmsten der Armen hausen, merkt kaum jemand, wenn einer der verwahrlosten Einzelgänger fehlt. Unter Leitung der Alpha-Wölfin geht das zwölfköpfige Rudel durchaus strategisch vor. Die weiße Wölfin ist ausgesprochen klug.
Nur ein großes schwarzes Männchen kann ihr Paroli bieten.
Es bricht ebenfalls in das ungeschützte Armenviertel ein. Jedoch beschränkt es sich auf Hühner und andere Kleintiere. Aus irgendeinem Grund mag es die Menschen. Der Schwarze hat sich mit den Menschen arrangiert, während die weiße Jägerin mit ihrem Rudel üppige Beute in ihr Lager schleppt.
Wütend wirft Nele Kurfürst ihre Handtasche in einen der weißen Ledersessel. Während ihr Leibwächter mit gekreuzten Armen vor der Brust stehenbleibt, geht Nele zur gläsernen Theke am Anfang des in völligem Weiß gehaltenen Raumes. Sie gießt aus einer Karaffe Cognac in ein feingeschliffenes Glas. Während sie die goldene Flüssigkeit langsam schwenkt, zeigen sich tiefe Falten auf der sonst glatten Stirn.
„Was fällt den alten Säcken ein, mich vor allen Leuten so runterzuputzen!“
Sie nippt an ihrem Glas. „Man sollte sie rauswerfen zum Pöbel in den Dreck!“
Sie trinkt den Cognac in einem Zug aus und stellt das Glas hart auf dem Tresen ab.
„Allesamt Versager! Ich habe mit meinem Verstand und mit meinem Geld das alles hier geschaffen.“
Sie breitet die Arme aus und geht einige Schritte bis in die Mitte des großen Raumes. Dort bleibt sie stehen. Ihre schlanke Gestalt sackt in sich zusammen.
Bruno Bär, ihr Leibwächter, kann gerade noch verhindern, dass Nele auf den gläsernen Boden schlägt. Er legt sie sanft auf die ebenfalls weiße Ottomane. Der Schwächeanfall ist ebenso schnell vorbei, wie er gekommen ist.
„Danke Bruno!“
Die beiden hatten vor einiger Zeit ein Verhältnis. Nele hat es beendet, weil ihrer Meinung nach Bruno nicht standesgemäß ist.
Oft schon hat sie diese Entscheidung bereut. Er hat sich hervorragend verhalten. Keine Szene gemacht und weiter selbstverständlich für ihre Sicherheit gesorgt. Nie wird sie den traurigen Ausdruck in seinen Augen vergessen, als sie ihm mitteilte, dass es besser für ihre Karriere sei, wenn sie sich trennen. Als Tochter sehr reicher Eltern ist sie es gewohnt, Forderungen zu stellen und diese auch erfüllt zu bekommen. Um etwas zu bitten, ist ihr fremd. Oft hat sie die Liebe der Mutter vermisst. Später ist es ihr dann egal. Aber sie weiß schon zu schätzen, dass ihre Wünsche immer erfüllt werden.
Geld statt Liebe – ein schlechter Tausch!
Viel später erst wird ihr das bewusst.
Bruno ist in bürgerlichen Verhältnissen groß geworden. Er hat liebevolle Eltern und zwei Schwestern, die schon verstorben sind.
Sein Stolz lässt es niemals zu, Nele zu bitten, mehr als nur ihr Leibwächter sein zu dürfen.
Nele weiß, dass er sie noch liebt, aber sie wird den Anfang machen müssen.
Bruno steht auf, um Nele ein Glas Wasser zu holen.
„Bitte, bleib hier!“ Sie greift nach seiner Hand und gibt ihm zu verstehen, dass er sich neben sie setzen soll. Eine unendliche Sekunde lang schweigen beide.
„Ich bin dir sehr dankbar, Bruno und ich weiß …“
Die Finger des geliebten Mannes legen sich auf ihren Mund: „Du musst gar nichts sagen. Ich liebe dich und das wird sich nie ändern.“
Tränen rinnen über Neles Gesicht - gegen ihren Willen.
„Nimm mich in die Arme und halt mich ganz fest“, sagt sie mit zitternder Stimme.
Diesmal gehorcht Bruno gern.
Erich Reuter sitzt
Erich Reuter sitzt den Kopf auf die Hände gestützt, fast lethargisch vor seinem Schreibtisch. Um ihn herum türmen sich wissenschaftliche Berichte und Tabellen. Sie sehen aus, als hätten Außerirdische sie erschaffen. Der grauhaarige Mann ist ein Genie.
Aber sein Genius hilft ihm nicht weiter.
„Diese Frauen sterben einen grausamen Tod. Sie werden fast alle nach Abschluss der Zellerneuerung schwanger. Aber warum setzt dann so rasend schnell der Verfall der Zellen ein?“
Erich weiß nicht mehr, was er noch tun kann: Ich werde die Versuchsreihen absetzen, beschließt er für sich.
Mit einer energischen Handbewegung fegt er die Tabellen und Berichte vom Tisch. Er erhebt sich mühsam.
Seit Tagen hat er stechende Schmerzen.
Sie einfach zu ignorieren, gelingt ihm nur mäßig. Er öffnet die Tür und hält erschrocken inne. „He, Erich!“
Im Gang steht im Neonlicht Armin mit hochrotem Kopf und einer dicken schwarzen Mappe unter dem Arm.
„Was willst du? Ich bin gerade im Begriff zu gehen!“
Armin überhört die Bemerkung und drängt fast rücksichtslos an Erich vorbei. Er setzt sich ohne Aufforderung auf dessen Stuhl. Er legt die Mappe vorsichtig auf den Schreibtisch und blickt irritiert in die Unordnung. Seine weichen Wangen zittern, als er zu Erich aufblickt: „Was ist mit dir? Du benimmst dich in letzter Zeit sehr unprofessionell.
Nicht nur ich muss das feststellen.“ Seine kleinen geröteten Augen fixieren den Kollegen.
Erich stützt sich mit beiden Händen auf der Schreibtischplatte ab.
Die schmale Distanz zwischen den beiden Männern bringt Armin aus der Fassung. Er schwitzt, seine Lider zucken.
„Sag was, Erich, du machst mir Angst!“
„Die sollten wir auch haben – Angst! Angst ist das elementarste Gefühl überhaupt!“
Erich steht jetzt kerzengerade. Seine blauen Augen leuchten im Licht der Deckenlampe fast unnatürlich auf: „Wir haben versucht Gott zu spielen und dabei die Hölle erschaffen! Wir hätten es besser wissen müssen! Wie viele vor uns haben schon versucht das Alter auszutricksen, aber keiner hat es jemals geschafft!
Wie können wir so naiv sein, Armin. Wir sind Wissenschaftler.“ Er starrt Armin an.
Erich, mein Freund, du kannst nicht die ganze Welt retten. Du und ich, wir haben zu gehorchen. Die Chefin will endlich Ergebnisse haben. Wir brauchen diese Babys. Die Frauen müssen solange durchhalten, bis sie entbunden haben … danach …“, er macht eine hilflose Handbewegung.
„Danach … können sie ruhig sterben …“, führt Erich seinen Satz zu Ende.
Armin nickt.
Der schmale grauhaarige Erich steht noch einige Zeit, wie zu einer Salzsäule erstarrt, da.
Dann knöpft er seinen weißen Kittel auf und wirft ihn auf den Schreibtisch. Er geht ohne ein weiteres Wort aus der Tür.
Dienstbeginn im Städtischen Krankenhaus in Chemnitz – Frühschicht
Dienstbeginn im Städtischen Krankenhaus in Chemnitz – Frühschicht. Schwester Britta, eine Mittfünfzigerin, hastet mit wehendem Haar über den frisch gewischten, noch feucht glänzenden Flur.
„Huch! gerade noch geschafft! Bitte entschuldige Karin, aber ich komme in der letzten Zeit so schwer aus dem Bett.“
Sie beugt sich lächelnd zu Karin hinab: „Ich habe einen Mann kennengelernt. Er ist sehr nett und sieht auch noch gut aus. Mal sehen wie sich alles entwickelt. Ich lasse es langsam angehen.“
„Sei aber vorsichtig Britta, du weißt, was in der Stadt zurzeit los ist. Die Frau, die den Angriff überlebt hat, ist auch liiert. Sie hat ihren Freundinnen von ihrer Eroberung berichtet und regelrecht geschwärmt. Jetzt liegt sie im Koma und fünf andere Frauen sind bereits tot!“
Britta verdreht die Augen: „Glaub mir, keiner ist ungefährlicher als ...“
Sie schlägt sich mit der flachen Hand auf den Mund: „Ich habe versprochen, keinem davon zu erzählen. Alle sollen es erst erfahren, wenn wir verlobt sind!“
Ihre Augen strahlen.
Britta sieht so glücklich aus, dass Karin nicht weiter bohren will. Das Mädchen hat etwas Glück verdient.
„Weißt du was, wir haben heute einen Zugang bekommen. Eine Frau, die aussieht wie fünfundzwanzig, aber laut Befunden mindestens siebzig Jahre alt sein müsste.“
Das Thema: „Verehrer“ ist damit abgeschlossen.
Ein weiteres interessantes Thema beginnt.
Es sind viele bewaffnet mit Knüppeln und Steinen
Er will ihnen nichts tun. Nur weg!
Sie haben einen Kreis gebildet und schlagen auf ihn ein. Er kann fliehen, aber er kommt nicht weit. Vor diesem Backsteinhaus mit dem kleinen Vorgarten bricht er zusammen. Aus der Ferne hört er die Menschen kommen. Sie wollen ihn töten. Der Schwarze schließt die Augen. Er ist zu schwach, um zu kämpfen. Da spürt er, wie ihm jemand über sein Fell streicht. Warme, zärtliche Hände! Er öffnet die Augen einen Spalt breit und sieht in das freundliche Gesicht eines alten Mannes.
„Hab keine Angst, mein Großer, ich werde nicht zulassen, dass sie dich tot prügeln.“
In einem Schuppen kommt der Wolf am nächsten Tag zu sich. Er liegt auf einer grauen Decke. Vor ihm steht ein Trog mit Wasser und einer gefüllt mit Fleisch. Er richtet sich auf und saugt den Duft des Fleisches genüsslich ein, bevor er sich darüber hermacht.
Immer wenn der alte Mann kommt, um nach ihm zu schauen, stellt er sich schlafend. Drei Tage und drei Nächte lang. Er prägt sich den Geruch des Mannes genau ein, auch wie er aussieht. Willi nennt ihn Rolf: Rolf, mein Wolf. Er streichelt sein Fell und spricht beruhigend auf das Tier ein. Eines Tages schleicht der Schwarze davon. Er hat sich erholt. Der Wolf weiß wie schwer es ist, Futter aufzutreiben. Das wird er jetzt selbst wieder erledigen.
Sparen, sparen
Britta kann es nicht mehr hören. Die Kälte im Park vor dem Städtischen Krankenhaus trifft sie wie ein Faustschlag. “Verdammter Winter!“
Sie zieht den Kragen ihres Mantels hoch.
Es ist sehr nebelig. Nach ein paar Metern überkommt sie das Gefühl, als ob im dichten Nebel etwas ist. Etwas Gefährliches, das auf sie wartet.
Sie spricht mit sich selbst: So ein Unsinn, seit Jahren gehe ich nun diesen Weg bei Nacht und Nebel, jeden Tag. Noch nie ist mir irgendetwas passiert. Reiß dich gefälligst zusammen!
Sie schüttelt den Kopf, ihre Schritte werden größer. Dann ist sie da, diese Gestalt, die sich größer werdend aus dem Nebel löst. Erst verschwommen, dann immer deutlicher. Noch ehe Britta recht bewusst wird, was geschieht, trifft sie nun wirklich eine Faust genau zwischen die Augen! Sie fällt und hat das Gefühl, jemand knipst das Licht in ihrem Kopf aus.
Die Sekunden der Bewusstlosigkeit sind zu kurz. Ein kleiner roter Punkt entsteht vor ihrem inneren Auge. Er wird immer heller. Der Punkt wird größer und das Rot darin verschwindet. Jetzt fühlt Britta den Schmerz, die Augen immer noch fest geschlossen, als würde sie etwas aufspießen, von innen verbrennen. Sie fühlt das Monster stoßweise in sich eindringen, ihren Körper auf den eisigen Boden drückend. Ein Röcheln dringt aus den leicht geöffneten Lippen. Eine warme süßliche Flüssigkeit läuft aus ihrem Mund – Blut.
„Gott, lass mich sterben“ flüstert Britta, ohne zu sehen, dass der Tod bereits das Messer zückt.
Die Kommissarin Irina Krupska
Die Kommissarin Irina Krupska fährt gedankenverloren durch die Nacht in Richtung Klinikum. Sie hat einen Notruf erhalten, der nichts Gutes ahnen lässt. Sie ist allein. Ihr Kollege hat Grippe und die anderen sind hoffnungslos überlastet. Die Gewalt hat in der Stadt längst die Oberhand. Banden haben sich gebildet. Es wird geplündert, vergewaltigt, gemordet. Aber wenigstens gibt es noch eine Polizei, eine notdürftige Verwaltung und das Krankenhaus. In anderen Städten fehlt sogar das! Ihre Eltern sind vor zwei Generationen aus Russland hierhergekommen, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Es gibt keine Zukunft mehr – nirgendwo!
Fast alle Kommunikationsmöglichkeiten sind vor Jahren zusammengebrochen.
Nur die Polizei hat wie in „guten alten Zeiten“ Walky-Talky.
Irina hat keine Illusion mehr. Sie tut alles mechanisch, wie ein Roboter.
Wo ist ihre Lebensfreude geblieben?!
Die Anhänger der Schwarzen Zunft sind ihr noch am liebsten. Sie sehen gefährlicher aus als sie sind. Während die, von denen man denkt, sie seien harmlos, oft abscheuliche Kinderschänder und Mörder sind.
Früher hatte sie das befriedigende Gefühl etwas Nützliches zu tun. Seit das Haus ihrer Eltern vor neunzehn Jahren von einem entsetzlichen Sturm hinweggefegt worden ist, hat auch sie den Halt verloren. Dieses Jagen nach etwas, was ihr Vater schlicht DAS BÖSE nennt, hat es einen Sinn? Man schlägt eine Schlange vom Haupt der Medusa und sie wächst sofort nach!
Enkel auf dem Schoß wiegen und Kartoffelsuppe kochen: das würde sie gern tun! Sie wechselt den Gang und biegt in die Seitenstraße, die zum Klinikum führt.
Jane wacht auf
Jane wacht auf. Ihr ist kalt. Das lange weiße Baumwollgewand ist nicht in der Lage, ihren Körper vor der schneidenden Winterluft zu schützen. Sie hockt zusammengekauert in einer Ruine, die so eingeschneit ist, dass man kaum hineingelangen kann.
Durch Zufall hat sie gestern ein Gespräch belauscht. Zwei Männer haben über die Zusammensetzung des Serums gesprochen, welches ihr seit einem halben Jahr täglich gespritzt wird.
Der Größere von beiden macht eine Bemerkung, die ihr das Blut in den Adern gefrieren lässt.
„Hat es geklappt mit der Schwangerschaft?“, hat der eine gefragt.
Der andere hat gelacht.
„Wenn es gelungen ist, hätten wir unser erstes Baby.“
„Ja“, meint der Größere, „oder sie wird zerfallen, wie all die anderen. Sie wird rapide altern und sterben.“
„Aber wenn sie durchhält, sagen wir bis zum fünften Monat, dann hätten wir unser erstes lebendes Kind.“
Jane schlingt die Arme noch fester um ihre Knie. Ihr gesamtes Vermögen hat sie für den Traum von ewiger Jugend hingegeben und es hat geklappt. Dass sie als Brutmaschine benutzt werden soll, hat ihr niemand gesagt.
Ein Baby! Sie schließt die Augen und stellt sich vor, wie es aussehen wird. Sie wird es lieben und großziehen. Sterben und es anderen überlassen: das will Jane nicht!
Aber welche Alternativen gibt es? Hier sitzen, erfrieren und verhungern oder von den Wölfen draußen in den dunklen Gassen getötet zu werden? Tolle Aussichten!
Als sie zu ihrem siebzigsten Geburtstag den Entschluss fasste, sich dem Experiment anzuschließen, war sie nur darauf erpicht, wie die anderen Frauen wieder jung und schön zu sein. Risiken waren nicht eingeplant. Blind hat sie Nele und ihren Helfern vertraut.
Es geht ihr gut unter der riesigen Kunststoffkuppel, in der es immer nach Blumen riecht. Jeder Wunsch wird ihr erfüllt, und ist er noch so exzentrisch. Einmal hat sie sich ein altmodisches Bett gewünscht, so eines wie es früher die Königinnen hatten. Am nächsten Tag hatte sie ihr Bett.
Verlassen darf sie ihren Goldenen Käfig nur, wenn sie zu den Untersuchungen muss.
Manchmal ist ihr schlecht. Aber das hat man ihr vorhergesagt. Die Zellerneuerung ist schmerzhaft, lautet die Erklärung der Wissenschaftler.
Dort, wo man sie festhält, gibt es keine Spiegel. So kann sie nur ahnen, welche Veränderungen sie auch äußerlich durchmacht. Sie fühlt ihr Fleisch fester werden, ihr Gesicht straffer und doch hat sie keine Ahnung, welche Schönheit aus ihr geworden ist.
Sie schreckt hoch. Stimmen – ganz in ihrer Nähe. Jane steht auf und drückt sich in die hinterste Ecke des Mauerwerkes. Die Tür knarrt.
Der helle Kegel einer Taschenlampe zuckt unruhig durch den Raum. Einem leisen Schluchzen folgend, bleibt er in der Nische hängen, in die Jane sich gezwängt hat.
„Da ist jemand!“
„Hallo! Kommen Sie doch vor, es geschieht Ihnen nichts!“
Während der gelbliche Strahl die Wände absucht, herrscht absolute Stille. Jane überkommt plötzlich das warme Gefühl, in Sicherheit zu sein.
„Oh mein Gott!“
Wie aus einem Munde sprechen die Männer diese Worte. Dann schweigen sie wieder unendlich lange Sekunden aus Angst, dieses wundervolle Geistwesen könnte wieder verschwinden. In ein langes weißes Gewand gehüllt, das die weiblichen Formen nur erahnen lässt, steht ein Mädchen vor ihnen. Honigblondes Haar fällt in sanften Wellen über seine Schultern. Das ovale Gesicht, aus dem große blaue Augen ängstlich blicken, ist fast so weiß wie der Stoff, der das Mädchen verhüllt. Wie ein wunderschönes Gemälde steht es ganz still. Nur der sich leicht hebende und senkende Brustkorb verrät den Staunenden, dass es lebt.
Nele Kurfürst
Nele Kurfürst steht mit einem Glas Rotwein in der Hand hinter dem Panoramafenster ihrer Zweitwohnung der neu gebauten Seniorenresidenz.
Hier unter dem Dach ist sie allein. Keiner außer Bruno weiß von dieser Wohnung.
Während sie gedankenverloren in die schimmernde Flüssigkeit schaut, zucken ihre Mundwinkel. Warum kann sie nicht mehr weinen? Mit zunehmendem Alter wird ihr schmerzlich bewusst, dass ihr etwas Wesentliches fehlt.
Ohne ein Kind ist alles irgendwie leer und sinnlos. Sie will unbedingt eins.
Ihr Gesichtsausdruck wird verächtlich. Schließlich hat sie bisher immer alles bekommen, was sie wollte.
Vor einigen Jahren hat sie vorsorglich Eizellen einfrieren lassen. Der Spender der Spermien war ihr gleichgültig. Aber gesund sollte er sein! Das wurde ihr zugesichert und vertraglich festgelegt. Sie würde also nur noch eine Leihmutter brauchen.
Dieses Projekt ist ihre Chance! Sie weiß genau um die Risiken. Darum würde sie sich niemals selber die Spritze setzen lassen. Etwas soll von ihr übrig bleiben, wenn sie tot ist. Sterben muss nun mal jeder.
Der bittere Zug um ihren Mund vertieft sich.
Die Forscher machen zwar Fortschritte, aber es geht zu langsam. Sie schaut hinunter auf das Gelände, welches einst allen zugänglich gewesen ist, auf die Bauten, welche so wunderbare Schätze bergen.
Bereits vor vierzig Jahren hat der Verfall der Zivilisation begonnen. Anfangs schleichend.
Das Volk rebelliert wegen der ständig steigenden Preise. Armut trotz Arbeit macht die Menschen lustlos und bringt sie dazu, lieber zuhause zu bleiben und auf Staatskosten zu leben. Sie werden träge. Ohne Motivation keine Leistung. Immer weniger Kinder werden geboren und die jungen Leute wandern aus. Während in der Dritten Welt immer mehr Menschen auf engstem Raum leben und durch Seuchen wie die Fliegen sterben, werden Einzelne immer reicher. Auch Neles Eltern gehören zu dieser privilegierten Schicht.
Sie lächelt. Es kann auf die Dauer nicht gut gehen! Diese Ungleichheit führt zu Neid und Hass. Anstand, Fleiß, Mitgefühl, Stolz, diese Werte sind nun nicht mehr zeitgemäß. Der Raubbau an der Natur hat Naturkatastrophen von gigantischem Ausmaß zur Folge. Nein! die Menschen brauchen keinen Atomkrieg, um die Erde zu vernichten. Das haben sie durch Egoismus geschafft.
Nele nimmt einen großen Schluck Wein. Aber wenn es nun mal so ist, will sie wenigstens zu den Gewinnern gehören.
Sie weiß nicht, dass es dort, wo sie nie hinkommt, Menschen gibt, die nicht nur an ihr eigenes Wohl denken.
„Verdammte Scheiße!“
„Verdammte Scheiße!“ Fluchend legt die Kommissarin die schwarze Plane wieder auf die Frau oder das was von ihr übriggeblieben ist. Es schneit. Dicht fallen große Flocken auf den grausigen Schauplatz.
„Hat irgendjemand etwas gehört oder gesehen?“
Scharf schneidet die Stimme der Kommissarin durch die stumme Kälte. Etwa zwanzig Menschen haben sich inzwischen im Park vor dem Chemnitzer Krankenhaus eingefunden. Betroffene Blicke, Kopfschütteln, keiner sagt ein Wort.
„Dachte ich mir! Die Leiche kann in den Keller gebracht werden!“
Wozu eigentlich eine Obduktion? Sofort schämt sich die Kommissarin für ihre Gedanken. Ihr Enthusiasmus ist zwar verschüttet, aber nicht erloschen. Dass es in Chemnitz noch Ordnungshüter gibt, ist ein Privileg. In anderen Städten zählt längst das Gesetz des Stärkeren.
Sie geht in das Gebäude und fragt den Pförtner, wo man einen Kaffee bekommen kann. Der freundliche Mann nickt und verweist auf die Station im zweiten Stock.
Pulsuz fraqment bitdi.