Kitabı oxu: «Provence forever»
Provence forever
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Geld, Erfolg, Macht – wer träumt nicht auch davon, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, sich alle Wünsche erfüllen zu können und zur besseren Gesellschaft zugehören?
Doch diese Sonnenseite hat ihre Schatten, wie Massimo Ceresos Chronik bedrückend zeigt. Sein Leben zeichnet das Bild eines Menschen, welcher der Verführung von Geld und Erfolg immer wieder erliegt und dabei oft zerstört, was er zuvor mühsam aufgebaut hat.
Doch es reflektiert auch die Lebensdynamik eines Mannes, der endlich in der französischen Provence zur Ruhe gekommen ist.
Inhalt
Lubéron
1. Der Zustand des Leidens
2. Ankunft im Lubéron
Teil 1 Sturm und Drang
3. Grundstein
4. Sabrina
5. Anuschka
6. Die zweite Firma
7. Die Haftstrafe
8. Die Gefahren des Wachstums
9. Luxus
10. Das Unternehmen
11. Abstieg
12. Treue und Untreue
13. Neue Möglichkeiten
14. Claudia
Teil 2 Michéle
15. Michèle
16. Psychischer Terror
17. Michéles Geschichte
18. Trennung von Anuschka
19. Reise nach Südafrika
20. Claudias Rache
21. Das Schweben
22. Trennung von Michéle
Teil 3 Claudette
23. Claudette und der Lubéron
24. Kein Leben ohne Claudette mehr
25. Ein neues Leben
26. Ein neuer Alltag
27. Die neue Familie
28. Eifersucht
29. Aufregender Alltag
30. Der Geburtstag, eine Rückschau
31. Herbst
32. Weihnacht
33. Zweiundzwanzig Jahre Liebe und Partnerschaft
Anhang
Provence und Lubéron
Wir denken selten an das, was wir haben,
aber immer an das, was uns fehlt
Arthur Schopenhauer (1788–1860)
Lubéron
Viele Menschen, darunter auch viele Künstler und Maler wie Paul Cézanne, Vincent van Gogh, Marc Chagall oder Pablo Picasso, haben alles hinter sich gelassen, um für immer in diesem Paradies des Lichtes und der intensiven Farben zu bleiben – denn wer einmal die Schönheit der Provence kennen gelernt hat, kann sich nur schwer wieder trennen.


Region Vaucluse Lubéron Provence
1
Der Zustand des Leidens
Nun bin ich wieder alleine in meinem Paradies, die Fenster meines Arbeitszimmers sind weit geöffnet, der beeindruckende Blick in diese einmalige und nicht mit Worte zu beschreibende Landschaft gibt mir Trost und Kraft, um mein Schicksal zu akzeptieren.
Ein heißer Sommertag geht zu Ende, das Konzert der Singzikaden mit Begleitung quakender Frösche beginnt, der Mond ist am Horizont des Lubéron aufgegangen und erleuchtet unter einem Sternenhimmel die kontrastreichen Hügel und die Hochebene der Vaucluse.
Eine unheimliche Unruhe, die meinen Schlaf in dieser Nacht begleitet, lässt mich die Augen öffnen. Das Licht und die Morgensonne der Provence bringen mich zurück in die Vergangenheit. Meine Gedanken kreisen um die letzten sieben Jahre mit Michéle.

Michèle ist nicht hier, das letzte Telefongespräch von vor zwei Tagen liegt unendlich lange zurück. Die Vorstellung, ohne Michèle diesen Tag zu leben, lähmt mich. Ein Blick aus dem Fenster unseres Schlafzimmers, hinter dem sich das Paradies der Provence erstreckt, bringt mir den Schlaf zurück; ich sehe, wie Michèle als eine weiße Möwe aus unserem Paradies entflieht und, getragen vom stürmischen Mistral, am Horizont des Lubéron entschwindet. Mit aller Kraft wehre ich mich gegen das Loslassen, doch Michèles Kräfte, unterstützt vom heftigen Mistral, lassen mir keine Möglichkeit, sie festzuhalten. Mein Arm wird weggerissen, mein Leben löst sich auf, ich zerfalle zu Asche.
Die teuflischen Schreie meiner beiden geliebten Enkelkinder, die in Begleitung meiner Tochter seit einigen Tagen bei mir sind, beenden diesen Traum. Schweißgebadet und in totaler Erschöpfung beginne ich diesen Tag. Noch drei Tage muss ich sie erdulden, diese Schreihälse, die unser schönes und durch Michèle liebevoll eingerichtetes Haus strapazieren. Dieses Paradies erleidet furchtbare Qualen, alle Einrichtungsgegenstände sind bereits gekennzeichnet. Diese überdrehten Monsterkinder erschrecken Blumen, Wiesen, Felder, und stören die vollendete Ruhe der provenzalischen Natur. Ich habe erkannt, dass diese Menschen aus den nördlichen Industrieländern leider gezwungen sind, in einer Welt des Grauens zu leben, denn sie wohnen und hausen in Beton, müssen verpestete Luft einatmen und arbeiten wie die Ameisen, damit sie sich ihre Ameisenbehausungen und ihre so genannte Lebensqualität bezahlen können. Diese überdrehten, noch jungen Menschen besuchen in Begleitung ihrer Eltern jedes Jahr im Sommer für einige Wochen die Ruhe und den vollendeten Frieden der Provence, um hier die Ausgeglichenheit zu finden, die die Einheimischen infolge der landschaftlichen Schönheit das ganze Jahr über haben.
In unmittelbarer Nähe unseres Hauses befindet sich das kleine Schulhaus unseres Dorfes, dort habe ich festgestellt, dass die Kinder aus der Provence von der Schönheit dieses Landstriches geprägt und deshalb vollkommen ausgeglichen sind.
Trotz allem versuche ich, den heutigen Tag in Angriff zu nehmen. Meine Enkelkinder haben wegen einiger harmloser und friedlicher Bienen ihr geplantes Frühstück von dem Vorplatz, der unter unserem Schlafzimmer liegt und den Blick freigibt auf die Weite und die Schönheit der Provence, in das Innere unseres Hauses verlegt. Da meine Enkelkinder in der Zwischenzeit von dem provenzalischen Essen, das mit den allerfeinsten Provencekräutern unter Beimischung von Knoblauch und Olivenöl zubereitet ist, mit zusätzlichen Magenschmerzen belastet sind und einen Sonnenbrand auf ihren sterilen Schneehaut erleiden müssen, habe ich demnächst die Möglichkeit, mein Frühstück alleine, in aller Ruhe und auf meinem geliebten Vorplatz im Garten zu genießen.
Während ich meinen Gedanken nachhänge, ist eine weitere Stunde vergangen und meine Tochter hat es sich in der Zwischenzeit mit ihren beiden Kindern, die mir in meinem Leben trotzdem sehr viel bedeuten, am Swimmingpool gemütlich gemacht. Jetzt ist die Zeit für mich gekommen, mein Frühstück ungestört einzunehmen. Glücklicherweise bin ich durch Pflanzen, Bäume und Sträucher vor dem Geplapper und dem Geschrei geschützt. Dennoch würde es mich nicht wundern, wenn meine Blumen, Pflanzen und Büsche diesen Stress bis zur Abreise meines Besuches nicht überstehen würden. Nun sitze ich in unserem Garten, mit meinen Gedanken ganz alleine und still bei Michèle, die mir alles auf dieser Welt bedeutet. Nichts ist wichtiger als Michèle, ich bin infolge dieser Liebe in einer totalen Abhängigkeit, wie ein Drogensüchtiger in seinem allerletzten Lebensabschnitt, kurz vor dem Tod. Mein früheres Leben war nur Leben; nie habe ich an den Tod gedacht, habe mich für unsterblich gehalten. Niemals hätte ich mir vorstellen können, ein alter Mensch zu werden, niemals, keine Freunde mehr zu haben.
Ich glaubte, immer ein Leben nach meinen Vorstellungen leben zu können, ohne Rücksicht auf meine Mitmenschen. Ich fühlte mich stark, Tränen oder andere Gefühle, die mein Inneres bewegten, waren mir vollkommen fremd. Ich war ich, nur ich selbst bestimmte mein Leben, eine andere Umwelt interessierte mich nicht. Geld, Macht, Erfolg und eine krankhafte Geltungssucht bestimmten meine Gefühle.
Dreißig Jahre lang habe ich nicht erkannt, wie wertvoll das Leben mit meiner früheren Familie war. Heute ist mein Leben eine unerträgliche Qual, die ich gerne beenden würde; am besten wäre, mich würde auf der Stelle der erlösende Schlag treffen, denn das morgendliche Erwachen, jeden Tag aufs Neue, ist eine echte Hölle und die ganze Welt ist ein Jammertal. Wenn ich nicht so feige wäre, würde ich einen Suizid vollziehen, damit ich endlich von diesem Leben am Abgrund erlöst wäre.
Michèle ist schon fast einen Monat abwesend; für mich sind das Jahre. Noch vier Tage muss ich mich gedulden, dann wird Michèle wieder hier sein. Sie ist derzeit für einen Monat bei einer sogenannten Freundin aus der feinen Gesellschaft, die in Portugal ein Anwesen besitzt und von vielen Angestellten, Dienern und Hausmädchen bedient wird. Diese alte, hinterlistige und berechnende Hexe, die aus sehr bescheidenen Verhältnissen stammt und erst durch die Heirat mit einem Großindustriellen zu einem großen Vermögen gekommen ist, weidet sich daran, ihre Angestellten täglich auf die brutalste Art und Weise zu schikanieren.
Ihre finanzielle Macht ermöglicht es ihr, ihre Mitmenschen zu tyrannisieren, zu erniedrigen und zu beleidigen. Außerdem versucht diese Person, Michèle zu veranlassen, unsere Beziehung zu beenden. Ich werde niemals verstehen können, dass Michèle einen Monat ihres Lebens verschleudert, um mit diesem Satansweib dreißig Tage und Nächte zu verbringen. Bestimmt steckt eine gewisse Berechnung dahinter, nämlich die, dass die geizige Alte meine Michèle in ihrem Testament berücksichtigt und ihr nach ihrem Ableben etwas von ihrem Millionenvermögen hinterlässt.
Nichts liebt Michèle auf dieser Welt mehr als Geld; Geld und finanzielle Sicherheit bedeuten für sie vollständige Freiheit und Unabhängigkeit. Für diese Liebe habe ich mein früheres Leben nach dreißig Ehejahren aufgegeben und meine Firma, die mir ein überdurchschnittliches Einkommen garantierte, für einige hunderttausend Franken verschleudert. Dieses Geld habe ich in den vergangenen Jahren aufgewendet, diese Liebe aufrechtzuerhalten. Heute habe ich nichts mehr und bin gezwungen, eine neue Existenz aufzubauen, denn außer meiner großen Liebe kann ich Michèle nicht mehr viel bieten. Ich suche nach Möglichkeiten, noch irgendetwas zu veräußern; ja, ich wäre auch sofort bereit, einen Teil meiner Leber, meine Niere oder was sonst auch immer für wenig Geld anzubieten. Vierzehn schöne Tage, die ich mit Michèle verbringen kann, sind für mich das Leben. Ich denke dann auch nicht daran, dass in vierzehn Tagen alles vorbei ist.
Am fünfzehnten Tag beginnt jedoch die Hölle von neuem; es wird immer schlimmer und ich weiß nicht mehr, wie alles weitergehen soll. Ich kaufe mir keine Lebensmittel mehr, sondern spiele mit meinem letzten Geld Lotto und hoffe jedes Mal auf einen Gewinn, der jedoch – wie könnte es anders sein – immer ausbleibt. Doch der Gedanke an und die Hoffnung auf ein schönes Leben mit Michèle sind mein letztes Geld wert. Ich gehe in die Kirche und bete zu Gott, dass er mich mit Michèle glücklich und in Frieden leben lässt. Sonst will ich für mich nichts mehr; das Einzige, was ich will, ist Michèle.
Meine Flugzeuge von früher, Jaguars und Porsches und die edelsten Motorboote sind nicht mehr wichtig. Ich kann mich erinnern, dass ich auch das letzte meiner Luxusgüter, meine goldene Rolex-Uhr, für diese Liebe verhökert habe. Ich entwickle übermenschliche Kräfte, um diese Liebe am Leben zu erhalten; es gibt nichts, das ich nicht unternehme, um erneut Geld zu verdienen. Ich verkaufe diverse Industriegüter und möchte meine Produkte, die ich in der Zwischenzeit entwickelt habe, ebenfalls erfolgreich verkaufen. Meine finanziellen Mittel sind zur Zeit erschöpft, deshalb bitte ich jeden Freund oder Bekannten um ein Darlehen, diesen sogenannten Freunden habe ich in früheren Zeiten ohne großes, »Wenn und Aber« in Ihrer Not geholfen und entsprechend Darlehen erteilt, jedoch selbst bekomme ich von diesen fragwürdigen »Freunden« keine Darlehen. Trotzdem muss dieses Vorhaben gelingen. Wenn es heute keinen Weg gibt, wird bestimmt morgen ein Weg kommen, oder übermorgen, es muss einfach so sein, eine andere Möglichkeit ist ausgeschlossen.
Ich stelle mir immer die Frage, aus welchem Grunde ich ein solches Leben erdulden muss, warum es mir nicht möglich ist, ein Leben zu führen wie das vieler meiner Freunde, ohne große Aufregungen, bescheiden und mit einer harmonischen Familie, die mir in meinem täglichen Dasein viel bedeutet.
Michèle ist nicht da, doch dieses Haus ist da.
Michèle, ihr menschliches Wesen ist nicht sichtbar und trotzdem ist sie hier, ihre Augen sind das Licht der Provence, ihre Seele, ihr Geruch, ihr Atem werden immer in diesem Haus bleiben.
Wo immer ich im Lubéron auf meinen langen Wanderungen unterwegs bin, niemals bin ich alleine, Michèle, die Sonnenblume der Provence, ist in meinem Herzen. Und sollte mein Wunsch nicht in Erfüllung gehen, meine letzten Jahre im Lubéron verbringen zu können, dann bleibt mir zumindest die Gewissheit, dass nach meinem Tode meine letzte Ruhestätte hier sein wird; niemals werde ich gezwungen sein, das Land im Garten Eden der Provence, das mir ewige Ruhe vermittelt, wieder zu verlassen, und der Mistral wird meine Asche in meine geliebten Dörfer, Täler, Felder und Wälder tragen.

2
Ankunft im Lubéron
Ich habe wieder eine geschäftlichen Tätigkeit aufgenommen. Ich verkaufe spezielle Produkte, Olivenöle, Lavendelhonig, Gewürz und Kräutermischungen, Lavendelprodkte, und kosmetische Produkte jeder Art aus der Provence an einen früheren Freund und Eigentümer einer großen Drogeriekette in der Schweiz. Meine Lieferanten sind kleinere Familienbetriebe und Produzenten aus dem Lubéron. Diese Menschen, die ich nun schon seit längerer Zeit in den Dörfern und Märkten besucht habe sind inzwischen Freunde geworden. Der Einkauf Ihrer Erzeugnisse ist immer ein neues Erlebnis und dauert Stunden, mit privaten Familienessen im Zuhause des Produzenten. Die provenzalische Küche im Lubéron besteht aus einfachen Speisen mit buntem Gemüse, Fleisch, Olivenöl und vielen Kräutern.


Parc Naturel: Vaucluse, Lubéron, Provence
Sie sind jedesmal ein Erlebnis, auch die Eintopfgerichte sind Götterspeisen. Mein größter Lieferant ist ein Lavendelbauer in Sault, alljährlich kaufe ich die getrockneten Lavendelblüten bester Qualität von seinen Lavendelfeldern. Die anschließenden Festlichkeiten dauern zwei Tage und sind ein spezielles Ereignis, nach diesem Erntedankfest brauche ich eine mehrtägige Erholung.
Nach der endgültigen Trennung von meiner großen Liebe Michelé und dem Alleinsein über zwei Jahre, habe ich endlich ein Weg gefunden, meine Gedanken zu ordnen und habe mir in der Zwischenzeit wieder eine Existenz erarbeitet. Mit meiner heutigen Geschäftstätigkeit verdiene ich nicht mehr Millionenbeträge, ich kann jedoch mit dem Verkauf und Export meiner Provenceprodukte meinen inzwischen wieder etwas angehobenen Lebensaufwand finanzieren.
Infolge meiner endgültigen Übersiedlung nach Frankreich habe ich von meiner Pensionskasse per Saldo aller Ansprüche, mehrere hunderttausend Schweizerfranken erhalten, deshalb hatte ich genügend Eigenkapital, damit ich mein Geschäft nun ohne Bankkredite erfolgreich tätigen kann. Das Volumen der eingehenden Aufträge ist recht beträchtlich, ich habe deshalb wieder eine Firma gegründet, meine Geschäftsräume Büro und Lager in Avignon sind äußerst bescheiden, zudem habe ich einen zusätzlichen Mitarbeiter eingestellt, der die täglichen Aufträge erledigt und an meine Exportkunden versendet. Niemals möchte ich wieder selbst vollen Arbeitseinsatz leisten, meine zusätzliche administrative Büroarbeit in Avignon beansprucht höchstens fünfzigprozentige Aktivität, die restliche Zeit möchte ich sinnvoll in der Provence und vor allem im Naturpark Lubéron verbringen.
Meine Asche ist innerhalb der letzten zwei Jahre, die ich inzwischen in der Provence verbracht habe, noch immer nicht vom Mistral in meine geliebten Dörfer verweht worden. Ich lebe noch. Diese Dörfer und die faszinierende Landschaft im Lubéron haben mein menschliches Wesen infolge meiner langen Wanderungen und Begegnungen mit den provenzalischen Menschen verändert. Mein früheres Leben mit meiner Vorstellung vom Erfolg als Macht, finanziellem Reichtum und von Luxusbesitz aller Art sowie gesellschaftlicher Bewunderung bedeuten mir nichts mehr. Mein kleines provenzalisches Haus in Lacoste ist das Paradies im Naturpark im Herzen der Provence. Es gibt nichts mehr auf dieser Welt, das ich zusätzlich wünschen würde, hier habe ich mein Glück und die vollkommene Zufriedenheit gefunden. Ich habe gelernt mit der Natur zu leben, hier leben zu dürfen ist die vollkommene Erfüllung, jeder Tag ist von einem neuen Erlebnis geprägt, die entsprechend Jahreszeiten sind immer wieder faszinierend. Die Freiheit, Pinienduft, Rotwein unter Platanen, und lange Sommernächte sind wie das Märchen aus tausendundeiner Nacht. Der Frühling beginnt oft schon früh im Jahr und bringt überall im Lubéron zahlreiche Blüten hervor, es blühen die Obst- und Mandelbäume sowie viele Wildblumen.
Der Sommer ist auch die Zeit der Lavendelblüte. Die Blütezeit des Lavendels in der Provence beginnt je nach Region ab Mitte bis Ende Juni, in einigen Lagen aber auch erst im Juli. Sie reicht dann bis in den August, bzw. manchmal findet man ein paar Blüten noch bis Anfang September. Im Herbst färben sich die Weinstöcke nach der Weinlese farbenfroh. Im Winter kommt der Mistral, ein kalte Wind aus Norden bläst teilweise tagelang mit hohen Geschwindigkeiten von bis zu 120 km/h, sorgt dann allerdings auch für strahlend blauen Himmel.

Frühjahrsblüte im Lubéron, Mandelbaum, Ginster
In dieser Zeit erledige ich die erforderlichen Renovierungsarbeiten an meinem Haus und geniesse am Abend das Kaminfeuer und der Geruch meiner frisch gespalteten Weinstöcke und freue mich auf das Nachtessen in Begleitung provenzalischer Weine. Dort, wo die Sonne die Landschaft verwöhnt, gedeihen auch Spitzenweine. Der Fokus des Weinbaus im Lubéron sind leichte Roséweine, gefolgt von Rot- und Weissweinen. Mit dieser Faszination der Pinienduft, Rotwein unter Platanen, lange Sommernächte und immer wiederkehrenden Jahreszeiten habe ich noch nie einen Tag in der Einsamkeit verbracht.
Ich freue ich mich immer wieder auf den Besuch meiner Familienangehörigen und Enkelkinder, die Ihre Ferien bei mir in der Provence verbringen. Trotzdem wir diese Tage mit viel Freude, Lachen und Zufriedenheit sowie Besuche in kleine Dörfer und zusätzlich Avignon, Arles, Nimes, Aix en Provence und Wochenmärkte besuchen, ist der jeweilige Abschied wiederum eine Entlastung, die Aperitive sowie die Boule Spiele mit den provenzalischen Freunden in meinem Dorf Café sind nun ohne Zeitlimiten möglich.
Meine Wanderungen durch die Zedern und Eichenwälder des Lubéron in Verbindung mit dem Besuch der wunderschönen Bergdörfer in der eindrucksvollen Natur in einer abwechslungsreichen Kulturlandschaft sind nun die vollkommene Erfüllung in meinem Leben.
Die Gedanken an meine große Liebe, an Michelé sind noch immer vorhanden, niemals kann ich, auch nach dieser langen Zeit unserer endgültigen Trennung, dieses Liebesglück aus meinem Gedankengut entfernen, die Zeit heilt Wunden und andere Perspektiven bestimmen das weitere Leben, trotzdem gibt es noch immer Tage in tiefer Trauer die ich mit einem unheimlichen Schmerz und Verlagen nach Michele verbringen muss.

Blumengeschmückte Hauseingänge in der Provence
Teil 1 Sturm und Drang
3
Grundstein
Den Grundstein für mein heutiges, chaotisches Leben haben bestimmt meine Eltern in vollkommener Unwissenheit gelegt. Als einziger Sohn (geboren 1935) bin ich mit zwei Schwestern in einer höchst angesehenen Fabrikantenfamilie aufgewachsen.
Meine Jugend war das Paradies auf Erden; alles, was ich mir jemals gewünscht habe, ist eingetroffen, alle Probleme und kleinere Schwierigkeiten wurden unverzüglich aus dem Wege geräumt. Niemals wurde ich für ein Versagen zur Verantwortung gezogen. Mein Vater war – im Gegensatz zu mir – grundehrlich; seine obersten Gesetze waren moralische und ethische Grundsätze. Trotz einer großen Villa auf einem ansehnlichen Grundstück mit Park und einem kleinen Wald, wo meine Schwestern und ich unsere schöne Jugendzeit verbringen durften, blieb mein Vater immer äußerst bescheiden, obwohl er andererseits auch eine Respektsperson war, die sich außerdem bei allen Freunden, Bekannten und Nachbarn großer Beliebtheit erfreute. Leider hat mein Vater immer versucht, mich zu schützen, um das Ansehen seiner Familie nicht in Gefahr zu bringen. Für keinen meiner Jugendstreiche habe ich jemals Prügel bezogen oder sonstige Bestrafungen erhalten, bis auf ein einziges Mal, als ich aus Bequemlichkeit meine Jugendfreundin beauftragt hatte, für meinen Vater, der leidenschaftlicher Fischer war, in unserem Garten Würmer zu suchen; die dafür erhaltene Ohrfeige schmerzt mich noch heute.
Außerdem durfte ich auf unserem Privatgrund keine Autos mehr bewegen, obwohl ich im Alter von zehn Jahren in Begleitung meines Vaters auf den Feldwegen entlang seines dreißig Kilometer langen Forellenbaches das Autofahren gelernt hatte. Dieser Unterricht hatte nämlich auch dazu geführt, dass ich bei entsprechenden Gelegenheiten und in Abwesenheit meiner Eltern eines der Autos, die in unserer Fabrik jederzeit fahrbereit herumstanden, benutzte, um in atemberaubender Geschwindigkeit Ausflüge durch unsere Wohngegend und in die nähere Umgebung zu unternehmen. Dabei bin ich mehrmals dem Dorfpolizisten begegnet, der auf seinem Motorrad von einer Lokalität zur nächsten unterwegs war, um seinen enormen Durst zu löschen.
Auch mein Vater, der ein geselliger Mensch war und deshalb mehrmals in der Woche in unserem Dorf seinem geliebten Kartenspiel frönte, begegnete bei diesen Gelegenheiten dem Polizisten. Zwar hatte ihm dieser jedes Mal über meine verbotenen Ausflüge berichtet, doch er hatte nie den Mut, Strafanzeige gegen mich oder meine Familie zu stellen; schon allein deshalb nicht, weil mein Vater seine nicht unerheblichen Weinzechen bei seinem Besuch im Gasthaus meistens bezahlte. So hatte der Polizist allen Grund, sich mit der Situation abzufinden.
Dieses sorglose Leben ohne Verantwortung und Konsequenzen hat meinen Charakter entsprechend geprägt. Ich bin an und für sich ein intelligentes und schlaues Wesen, das immer auf seinen Vorteil bedacht ist. Umgekehrt habe ich aber nicht gelernt, für begangene Fehler selbst die Verantwortung zu übernehmen, denn die Konsequenzen meiner Fehler haben immer meine Eltern getragen. Als damals mein Schullehrer, der übrigens ein Freund der Familie war, wollte, dass ich die dritte Grundschulklasse wiederholte, hatte meine Familie für dieses Anliegen meines Lehrers kein Verständnis; selbstverständlich besuchte ich daraufhin die vierte Klasse der Grundschule. Daraus sind allerdings große schulische Probleme erwachsen. Doch da meine Familie nicht akzeptieren konnte, dass ihr Sohn eine Grundschulklasse wiederholte, wurde ich in einem Privatinternat, das viel von einem Vier-Sterne-Hotel hatte, untergebracht. In dieser Schule absolvierte ich zwei Schuljahre ohne Wiederholung einer Klasse und trat anschließend wieder in die sechste Klasse der Grundschule meiner Heimatgemeinde ein. Natürlich stellte sich bereits nach kurzer Zeit heraus, dass meine Qualifikation für die Oberschule nicht ausreichte, also wurde ich erneut in einem privaten Internat untergebracht. Auf diese Weise konnte ich zur großen Freude meiner Eltern sowohl die Grund- als auch die Oberschule ohne Schande und ohne Wiederholung einer Klasse hinter mich bringen.
Nach der Schule musste ich, obwohl ich mein ausschließliches Interesse für Automobil- und Flugzeugtechnik bekundet hatte, im Lebensmittelunternehmen meines Vaters eine praktische Lehre mit einer zusätzlichen kaufmännischen Ausbildung absolvieren. In jenen Jahren meiner Ausbildung verbrachte ich aber jede freie Minute in der Autogarage eines Freundes meiner Eltern oder, infolge meiner Begeisterung für die Fliegerei, auf diversen Flugplätzen.
Obgleich ich jeden Bestandteil eines Autos kannte und umfangreiche Kenntnisse der Flugzeugtechnik besaß, schloss ich zur großen Freude meiner Eltern meine Ausbildung mit Erfolg ab und erhielt auch sofort danach das mir versprochene MG Sportauto. Da ich nun nicht mehr täglich in unserem Fabrikationsbetrieb arbeiten musste, durfte ich, nach einer längeren Einführungszeit durch unsere Verkaufsabteilung, selbstständig unsere Kunden besuchen. Trotz meiner großen Verkaufserfolge wurden mir die mir in Aussicht gestellten Kommissionen nicht ausbezahlt, mit der Begründung, dass unsere Fabrik in einigen Jahren an mich übertragen werde. Obwohl ich genügend Taschengeld für ein gutes Leben hatte und auch alles andere bezahlt wurde, schwand danach mein Ehrgeiz, ein erfolgreicher Verkäufer zu sein, spürbar.
Da ich mich niemals für das Unternehmen meines Vaters begeistern konnte, hatte ich mich entschlossen, ohne das Wissen meiner Eltern das Fliegen zu lernen. Wie ich dieses Vorhaben jemals finanzieren sollte, war mir dabei vollkommen gleichgültig. Tatsächlich hat mein Vater später die entsprechenden Rechnungen, die ich natürlich nicht bezahlen konnte, mit einer unvorstellbaren Wut beglichen. In kurzer Zeit konnte ich die erste Stufe meiner Pilotenausbildung mit Erfolg erlangen. Als mein Vater mir dann auch noch in aller Deutlichkeit mitteilte, dass mein zukünftiger Arbeitsplatz in seinem Unternehmen zu sein habe und dass er nicht mehr gewillt sei, für meine Fliegerei auch nur einen Franken zu bezahlen, entschloss ich mich, niemals in seinem Unternehmen zu arbeiten.
Heute muss ich gestehen, während ich meine Biografie schreibe, dass dies die größte Sinnwidrigkeit in meinem noch jungen Leben war. Hätte ich vor vierzig Jahren dem innigsten Wunsch meiner Eltern entsprochen, wäre mein Leben nicht in diesen chaotischen Zustand verlaufen. Mein Entscheid, dem Unternehmen meines Vaters für alle Zeiten den Rücken zu kehren ist der Irrtum meines bisherigen Lebens, denn es ist unmöglich, in einem einzigen Leben wieder ein gleichwertiges Unternehmen aufzubauen. Wenn ich damals die Geduld aufgebracht, noch einige Jahre zu arbeiten, wären bestimmt alle meine Wünsche auf andere Weise erfüllt worden und meine damaligen Vorhaben hätten sich zu einem späteren Zeitpunkt realisieren lassen. So lebte ich nach diesen Vorkommnissen nach wie vor in meinem schönen und vertrauten Zuhause. Und obwohl damals die Unkosten für mein Auto und weitere Auslagen von meinen Eltern bezahlt wurden und unsere langjährige Hausangestellte Berta gelegentlich kleinere Geldbeträge aus unserer Haushaltskasse für mich abzweigte, wollte ich in der kurzen Zeit bis zum Beginn der langen Militärzeit außerhalb des Unternehmens meines Vaters noch etwas Geld dazuverdienen. In meiner Heimatgemeinde hatte ich eine kurzfristige Anstellung in einer Auto-Werkstatt mit einem Stundenlohn von zwei Franken erhalten. Diese Arbeit habe ich sechs Wochen lang zur vollen Zufriedenheit meines Arbeitgebers ausgeführt und anschließend einen längeren Militärdienst absolviert.
Infolge meiner Pilotenlizenz habe ich nach Beendigung meiner Militärzeit zu meiner großen Überraschung eine Anstellung im Verkauf einer amerikanischen Firma, die Sportflugzeuge, Flugzeugbestandteile und Elektronik vertrieb erhalten. Die nächsten zwei Jahre waren für mich die vollkommene Erfüllung. Da jedoch die Marktchancen zu gering waren und der angestrebte Verkaufserfolg hinter den Erwartungen zurückblieb, wurde diese Niederlassung aufgelöst. Mein Vater hatte in der Zwischenzeit eingesehen, dass sein Sohn niemals zurückkommen würde, um das elterliche Unternehmen mit Erfolg weiterzuführen. Dann ergab sich die Möglichkeit, sein Aktienpaket an seinen Bruder und Geschäftspartner zu verkaufen. Zu jener Zeit war ich einfach nur glücklich, dass das Thema meiner Nachfolge in seiner Firma für alle Zeiten erledigt war. Hätte er jedoch damals gewusst, dass sein Sohn in den folgenden zwanzig Jahren sein komplettes Vermögen vernichten würde – die daraus resultierenden Sorgen trugen auch zu seinem frühzeitigen Tod bei – hätte er sein Unternehmen bestimmt niemals verkauft. Meine Mutter, die nach seinem Tod unvermögend weiterleben musste und durch dieses Schicksal schwer gezeichnet war, wurde bis an ihr Lebensende durch meine beiden Schwestern, die glücklich und erfolgreich verheiratet waren, in jeder Hinsicht unterstützt.
4
Sabrina
Nachdem mein Vater seine Firma verkauft hatte, erhielten meine beiden Schwestern und ich jeweils einen größeren Geldbetrag als vorgezogene Erbschaft. Mit diesem Startkapital eröffnete ich meine erste Firma und heiratete kurze Zeit später meine erste Frau. Ich investierte damals einen großen Teil meines Geldes in den Kauf eines amerikanischen Luxusautos und verwendete den Rest als Anzahlung für den Kauf von Warenautomaten. Der Inhalt dieser Automaten bestand aus Lebensmitteln, Süßwaren und Spielzeugen, die gegen Einwurf einer Geldmünze aus dem Automaten entnommen werden konnten. Alle diese Automaten wurden an verkehrsgünstigen Plätzen montiert und mussten mehrmals wöchentlich aufgefüllt und gewartet werden. Die Einnahmen dieses Geschäftes reichten allerdings nicht aus, um unsere überdurchschnittlich hohen Lebenshaltungskosten und die zusätzlichen Kreditrückzahlungen für die Automaten und Warenlieferungen abzudecken. Dies war der Beginn meiner lebenslangen Gratwanderung und es kam, wie es kommen musste. Als unbescholtener junger Unternehmer aus bester Familie wurden mir diverse Bankkredite gewährt und ich konnte meinen standesgemäßen Lebenswandel weiterhin finanzieren. In dem vollen Bewusstsein, dass in absehbarer Zeit ein Riesenknall mit einem jämmerlichen Ende bevorstand, wollte ich das Leben bis zu diesem Zeitpunkt einfach nur genießen. Meine langen Ferienreisen an die Côte d’Azur und in die Provence genoss ich mit meiner damaligen Ehefrau bis zum letzten Augenblick, denn ich wollte und konnte weder auf die Fliegerei, noch auf meine Maßanzüge, noch auf vieles andere mehr verzichten. Doch der Erfolg meiner Geschäfte blieb weit hinter meinen Erwartungen zurück und die finanzielle Lage wurde von Tag zu Tag unerträglicher. Als die ersten Zahlungsbefehle meiner Gläubiger und Androhungen zusätzlicher Strafklagen eintrafen, sah ich mich gezwungen, meine Eltern über diese aussichtslose Situation in Kenntnis zu setzen. Trotz größter Auseinandersetzungen und Vorhaltungen hätte meine Familie die Schande meines Bankrotts nicht ertragen und so liquidierte mein Vater den von mir hinterlassenen Scherbenhaufen und befriedigte sämtliche Gläubiger in vollem Umfang.
Ich begann ein neues Leben ohne Schulden und Sorgen. Als Angestellter einer amerikanischen Firma verkaufte ich in den folgenden zwei Jahren elektronische Kopiergeräte. Mein damaliges Gehalt musste ausreichen, um mich und meine Familie zu ernähren und so war ich gezwungen, ein bescheidenes Leben zu führen.
Doch dieses Leben wurde für mich mit der Zeit unerträglich und schließlich ging meine Ehe nach nur drei Jahren in die Brüche. Nach unserer Scheidung wurden unsere beiden Kinder von meinen Eltern, die in der Zwischenzeit in ein kleineres Haus in einer anderen Gemeinde gezogen waren, aufgenommen. In diesem neuen Zuhause, in dem auch ich einige Jahre verbrachte, wurden mein Sohn Christoph und meine Tochter Nicole fünf Jahre lang, bis zur Wiederverheiratung meiner geschiedenen Frau, liebevoll und aufopfernd von meinen Eltern betreut. Sabrina, meine große Jugendliebe und erste Ehefrau, bedeutete mir sehr viel, deshalb war diese Scheidung für mich eine wirkliche Tragödie, unter der ich noch viele Jahre lag litt. Ich hatte alles versucht, diese Scheidung zu verhindern, doch da ich zu jener Zeit kein geregeltes Einkommen hatte und deshalb außerhalb meines Elternhauses nicht in der Lage war, meiner Familie den nötigen finanziellen Rückhalt zu garantieren, wurde die Ehe geschieden.
Da Sabrina in der Zeit unserer Trennung eine neue Liebesbeziehung mit einem Tierarzt eingegangen war und weiterhin das unbesorgte Leben genießen konnte, das ich ihr in jener Zeit nicht mehr bieten konnte, waren meine Versuche, diese Liebe zu retten, aussichtslos. Durch den erlittenen Schmerz und das anschließende Verhalten von Sabrina begann sich eine enorme Wut in meinem Inneren aufzustauen, die schließlich dazu führte, dass ich mich weigerte, ihr die zugesprochenen Alimente zu bezahlen. Daraufhin stellte Sabrina Strafanzeige wegen Verweigerung der Unterhaltszahlungen.
Alle Aufforderungen und Vorladungen, die ich vom Gericht erhielt, um in dieser Angelegenheit Stellung zu nehmen, ignorierte ich und so wurde eines frühen Morgens die Polizei in meinem Elternhaus vorstellig. Meine Mutter öffnete die Haustüre und da ich zu jener frühen Stunde noch nicht «reisefertig» war, bat sie den Beamten, einen kurzen Augenblick in der Eingangshalle zu warten. Meine Mutter informierte mich über diesen frühen Besuch und ich entschloss mich, unser Haus fluchtartig durch einen anderen Ausgang zu verlassen, um diesem unsympathischen Umfeld mit meinem Auto auf dem schnellsten Wege zu entgehen. Da aber unsere Garage unmittelbar neben dem Eingang unseres Hauses war, erkannte mich der Polizeibeamte und wollte mein Auto, das schon in Bewegung war, in einer waghalsigen und lebensgefährlichen Aktion stoppen. Er brüllte wie ein Wahnsinniger und schrie: «Halt, halt!» Dann sprang er auf das Heck meines Wagens und wurde, da ich nicht augenblicklich anhielt und sich das Auto noch etwa zehn Meter weiterbewegte, entsprechend mitgeschleppt. Dieser Umstand hatte schwerwiegende Konsequenzen. Noch nachträglich wurde ich durch diesen Polizisten verhaftet und dem zuständigen Untersuchungsrichter vorgeführt; außerdem wurde mir der Führerschein für längere Zeit entzogen. Nach vollständiger Klärung der Straftatbestände wurde ich endlich nach drei Tagen aus dem Untersuchungsgefängnis entlassen. Das anschließende Gerichtsurteil brachte mir eine geringfügige Freiheitsstrafe ein, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde.
Meine Jugendliebe Sabrina war eine ausgesprochene Schönheit, um die mich alle beneideten. Während ihre Wünsche und Träume bis in unsere Ehe hinein stets in Erfüllung gegangen waren, hatte sie dieses Glück in ihrem späteren Leben nicht mehr. Zwar hatte Sabrina nach unserer Scheidung einen fünfzehn Jahre älteren Mann in bester, leitender Position geheiratet, doch glücklich wurde sie mit ihm nicht mehr und setzte schließlich ihrem Leben selbst ein Ende. Sabrina kam aus bescheidenen Verhältnissen und hatte eine sehr harte Jugend, in der sie sich alles selbst erkämpfen musste. Im Moment unserer Heirat verfügten ich und Sabrina über keinerlei Vermögenswerte; dies war auch einer der Gründe, weshalb meine Eltern unserer Vermählung, die nicht ihren Vorstellungen einer standesgemäßen Hochzeit entsprach, fernblieben. In meinem späteren Leben konnte ich immer wieder feststellen, dass Menschen aus bescheidenen Verhältnissen in ihrem späteren Leben die höchsten Ansprüche stellen, denn wenn sie einmal an einem guten Leben in Luxus und finanzieller Unabhängigkeit geschnuppert haben, wollen sie unter keinen Umständen in ihre bescheidenen Verhältnisse zurück, sondern klammern sich fest wie Ertrinkende und versuchen mit allen Mitteln, das Erreichte zu erhalten.
Die wichtigsten Dinge sind für sie Geld und Wohlstand, und da sie in ihrer Jugend wie Tiere um das Überleben kämpfen mussten, benehmen sie sich auch wie Tiere. Ich möchte ausdrücklich festhalten, dass es hierbei hauptsächlich um weibliche Geschöpfe geht, die zufälligerweise durch ihre Heirat einen spürbaren sozialen Aufstieg erreicht haben. Menschen aus dem gleichen Milieu, die sich ihren späteren Erfolg und Wohlstand selbst erarbeitet haben, begegne ich dagegen mit tiefstem Respekt.
Kinder, die ihre Jugend in einer wohlhabenden Familie verbracht haben und nicht um das tägliche Überleben kämpfen mussten, lernen oft leider erst in späteren Jahren, dass ein zukünftiges Leben unter gleichen Bedingungen nicht selbstverständlich ist.
In meiner damaligen Situation ohne Führerschein und aufgrund der zusätzlichen Verpflichtung, entsprechende Unterhaltszahlungen an Sabrina zu leisten, war ich gezwungen, für einen Verlag Wochenzeitschriften im Jahresabonnement zu verkaufen. Meine Reisetätigkeit erledigte ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln und verkaufte diese Abonnements an zahlreiche Haushalte. Die Schilderung der dabei gesammelten Erfahrungen würde allerdings ein eigenes Kapitel in Anspruch nehmen und von Konfrontationen mit bissigen Hunden, über sexhungrige Frauen die unbedingt und sofort befriedigt werden wollten, homosexuelle Männer, bis hin zu alten Frauen, die mir unbedingt ihre langen Krankheitsgeschichten erzählen wollten, gehen. Alles in allem verdiente ich durch den Verkauf dieser Zeitschriften in jener Zeit überdurchschnittlich viel Geld; da ich aber auch mehrmals auf gewisse Wünsche des weiblichen Geschlechts eingegangen war, waren meine Provisionen letztendlich hart erarbeitetes Geld. Nach einem Jahr gab ich diese Tätigkeit wieder auf und zog es vor, die nächsten Jahre in verschiedenen Unternehmen im Außendienst zu verbringen.
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Anuschka
In der Zwischenzeit hatte ich mein achtundzwanzigstes Lebensjahr erreicht und war zum zweiten Mal verheiratet. Anuschka, mit der ich mein Leben in den folgenden neunundzwanzig Jahren teilen sollte, entsprach in jeder Beziehung meinen Vorstellungen. Noch weit entfernt von meinen Vorstellungen war in jenen Tagen allerdings mein beruflicher Erfolg, der sich noch immer nicht zu meiner Zufriedenheit eingestellt hatte. In jener Zeit hatte ich mich durch Fleiß bewährt und war in einem Pharmaunternehmen zum Verkaufsleiter befördert worden. Damit konnte ich sorglos einer geordneten Zukunft mit gesicherter Pension entgegensehen, doch dies war alles andere als meine Erfüllung. Ein Leben zu leben, wie es Millionen andere Menschen täglich leben und leben müssen, das war nicht mein Leben. Es musste etwas geschehen, meine innere Unruhe war nicht mehr zu ertragen, ich wollte unter allen Umständen eine selbstständige Tätigkeit ausführen. Also begann ich, neben meiner täglichen Arbeit als Angestellter, einige Industriemessen im In- und Ausland zu besuchen, um geeignete Industriegüter zu finden, die ich selbstständig verkaufen konnte. Anuschka, die nur sehr bescheidene Anforderungen an das Leben hatte und innere Werte über finanziellen Wohlstand stellte, war mit meinem Wunsch einverstanden, eine eigene Firma zu erarbeiten.
Wir hatten ein schönes Zuhause und waren sehr glücklich, meine frühere Ehe mit Sabrina belastete mich nun nicht mehr. Durch die zusätzlichen Ersparnisse, die Anuschka in unsere Ehe eingebracht hatte, war jede Grundlage für ein erfülltes Zusammenleben geschaffen. Meine Eltern dankten Gott, dass eine Frau wie Anuschka mit mir zusammen war und Anuschka wurde in meiner Familie wie ein eigenes Kind aufgenommen und in jeder Beziehung respektiert.
Anuschka war die Tochter eines Großgrundbesitzers und durfte im Kreise ihrer Familie eine schöne Jugend verbringen. Doch infolge politischer Machtverschiebungen und militärischer Auseinandersetzungen hatte die Familie ihr wunderschönes Anwesen in der damaligen Tschechoslowakei verloren, ein Schicksalsschlag, den ihr Vater nicht überlebte. Die Familie musste ihre angestammte Heimat verlassen und in einem fremden Land ein neues Leben beginnen. Diese Herausforderungen schweißten diese Familie zu einer untrennbaren Einheit zusammen und ihre damalige Umgebung inmitten von Natur und Tieren formte Anuschkas Charakter. Anuschkas Mutter war für den Vater immer eine Dame und aus diesen Gründen ist auch Anuschka eine Dame geworden. Ihre Erziehung war vollkommen, Ethik und Moral waren immer eine Selbstverständlichkeit und niemals während unserer neunundzwanzig Jahre des Zusammenseins hörte ich ein Wort des Fluches oder eine Lüge. Anuschka ist wirklich die einzige Dame, die ich in meinem bisherigen Leben kennen gelernt habe. Anuschkas vollendete Schönheit war nicht so sehr äußerlich, sondern vielmehr innerhalb ihrer Seele feststellbar. Ihre äußere Erscheinung entsprach einer rauen und faszinierenden Landschaft, ihre Augen waren blaue Kornblumen, ihr Körper war schlank und biegsam wie eine Ähre. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Anuschka ohne ihre Jugenderlebnisse das Leben mit mir so lange Zeit hätte ertragen können. Hinzu kam allerdings auch unsere Tochter Katja, die in jedem Fall ebenfalls ein Recht auf geordnete Familienverhältnisse in einem schönen Zuhause hatte.
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Die zweite Firma
Durch die Besuche bedeutender Industriemessen im Ausland fand ich wieder interessante Produkte, diesmal der Nahrungsmittelbranche, die ich in der Schweiz als selbstständiger Unternehmer an die Industrie verkaufen konnte. Das nötige Startkapital für meine zweite Firma bekam ich abermals von meinen Eltern, doch trotz unermüdlicher Arbeit und größtem persönlichen Einsatz war es äußerst schwierig, diese Produkte an die Industrie zu verkaufen; der Aufbau dieses neuen Geschäftes verschlang kontinuierlich zusätzliche Geldmittel, die ich als Kredite von verschiedenen Banken erhielt. Da mir in relativ kurzer Zeit viele kleinere Aufträge erteilt wurden, musste sich der gewünschte Erfolg langfristig einstellen, was dann auch geschah, nachdem ich entsprechende Aufträge erhalten hatte. Somit konnten nicht nur meine Kredite an die Banken in kurzer Zeit zurückbezahlt werden, sondern ich war auch in der glücklichen Situation, zusätzliche Vermögenswerte erarbeiten zu können. Die folgenden zwei Jahre waren von Erfolg gekrönt und mein privates Leben mit meiner Familie vom Glück gesegnet. Doch leider gibt es die Ewigkeit nur im Tode und so traf mich die Nachricht meines Herstellers, in der Schweiz eine eigene Tochtergesellschaft gründen zu wollen und deshalb unsere Lieferverträge bald nicht mehr erfüllen zu können, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich hatte diesen Markt mit Fleiß und großem finanziellen Risiko aufgebaut, nun sollten andere davon profitieren – ich gebe zu, dass ich dies nur schwer akzeptieren konnte.
Damals begriff ich, dass Rücksichtslosigkeit, Brutalität und amoralisches Handeln die Schlüssel zu einem umfassenden finanziellen Erfolg sind. Diese Ausbeuter, die sich als Menschen bezeichnen, kennen kein Maß und wollen zusätzlich noch mehr in ihren gierigen Rachen stecken; die Erfahrung zeigt leider, dass nur wenige an dieser unersättlichen Gier ersticken. Dies ist auch der Grund dafür, dass große Unternehmen und deren Vorstände und Aktionäre auf Kosten des Mittelstandes immer mächtiger werden. Zukunftsweisende Unternehmen, denen trotz harter Arbeit, einer entsprechenden Portion Pioniergeist und eines großen finanziellen Risikos aufgrund zu geringen Eigenkapitals der verdiente Erfolg nicht beschert ist, werden schließlich durch Großkonzerne und Banken übernommen oder maßgeblich kontrolliert.
Durch diesen Verlust war ich gezwungen, unverzüglich ein Ersatzprodukt zu finden, um meine Kunden weiterhin beliefern zu können, doch trotz größter Bemühungen konnte ich keinen Fabrikanten finden, der genau jene Erzeugnisse herstellte. Damals habe ich erkannt, dass Diversifikation durch verschiedene Erzeugnisse notwendig ist, damit ein Unternehmen solche Rückschläge überleben kann. Um jedoch solche Vorhaben zu realisieren, war einmal mehr das notwendige Kapital unerlässlich. Ich habe alles Mögliche und Unmögliche versucht, meine kleine Handelsfirma vor dem Schlimmsten zu bewahren, doch ich war erneut gezwungen, Bankkredite in Anspruch zu nehmen. Diese erhielt ich auch auf Basis des vorangegangenen Erfolges und damit unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, und somit hatte ich betrügerische Handlungen begangen. Der Zusammenbruch meiner Firma war schließlich die Folge, mein Zuhause, das ich so sehr geliebt hatte, wurde aufgelöst und der gesamte Hausrat zwangsrechtlich versteigert; meine Frau Anuschka verlor ihren ererbten Schmuck und ihre gesamten Ersparnisse. Obwohl mir auch meine Eltern wieder zur Seite standen und die enorme Summe des restlichen Schadens beglichen, konnten die vorangegangenen Strafanzeigen der betroffenen Banken nicht mehr zurückgezogen werden. Das in diesem Verfahren gefällte Gerichtsurteil brachte mir infolge der früheren Strafe, die ich bereits ausführlich erwähnt habe, sieben Monate Gefängnis ein.
In dieser schweren Zeit ist Anuschka immer zu mir gestanden, Streitigkeiten und Vorhaltungen sind ausgeblieben, alle Schmach und Erniedrigung hat sie über sich ergehen lassen. Während der Zeit, in der meine Straftaten untersucht wurden und es noch kein rechtskräftiges Urteil gab, bewarb ich mich um eine gehobene Anstellung in einer Schweizer Firma, die für ihre Niederlassung in Deutschland einen Geschäftsführer suchte. Da ich meine in Aussicht gestellte Gefängnisstrafe um jeden Preis umgehen wollte, ergriff ich alle mir zur Verfügung stehenden Maßnahmen, um diese Anstellung zu erhalten. In den diversen Vorstellungsgesprächen präsentierte ich mich und meine Person durch eine äußerst gepflegte Erscheinung und perfekte Manieren, die bei allen Menschen einen unerschütterlichen Eindruck von Seriosität hinterlassen, so gut, dass ich mit meinem Auftritt sicher einen Film-Oskar gewonnen hätte. Unbestritten ist natürlich, dass ich nicht mit legalen Mitteln, die der Wahrheit entsprachen, operierte und die geforderten Qualifikationen schlichtweg nicht besaß. Doch obwohl ich die für diese neue Tätigkeit gewünschten Branchenkenntnisse nicht oder nur sehr unzureichend hatte und auch andere Bewerber im Gespräch waren, erhielt ich diese Anstellung. Nach einer längeren Einführungs- und Ausbildungszeit in der Schweiz, die ich zu meiner eigenen Überraschung ohne größere Probleme absolvierte, konnte ich meine neue Aufgabe in Stuttgart übernehmen. Ein überdurchschnittliches Gehalt und das mir zur Verfügung gestellte Wohnhaus in einer gepflegten Umgebung waren die Grundpfeiler eines Neubeginns meiner bis zu jenem Moment gescheiterten Existenz. Meine Frau Anuschka und ich waren überaus glücklich, in einem fremden Land ohne Vergangenheit leben zu können.
Die neue Tätigkeit war für mich eine vollkommene Herausforderung, meine Arbeitstage bestanden aus fünfzehn und mehr Stunden, einige Wochenenden verbrachte ich sogar vollständig in meinem Büro. Alle meine Vorhaben und Ideen konnten ohne finanzielle Belastungen durchgeführt werden, was längerfristig, wenn es sich denn um ein gutes Projekt handelte, den gewünschten Erfolg bringen musste. So konnte ich denn auch alle Erwartungen und Ziele meines Arbeitgebers mehr als erfüllen und die Verkaufszahlen unserer Erzeugnisse überdurchschnittlich steigern. Meine Eltern, die uns regelmäßig besuchten, waren sehr stolz auf ihren Sohn, der, so schien es, endlich den richtigen Weg gefunden hatte. So zumindest hofften sie, doch leider fand dieses Leben in Frieden und Erfolg nach zwei Jahren ein tragisches Ende.
Aufgrund der gegen mich verhängten Gefängnisstrafe wurde ich quasi aus heiterem Himmel von der Polizei verhaftet. Genau diese Gefängnisstrafe hatte ich ja um jeden Preis umgehen wollen; nach der Übersiedelung nach Deutschland hatte ich auch gar nicht damit gerechnet, dass ich im Ausland jemals wieder mit dieser Angelegenheit konfrontiert werden würde. Doch nun saß ich in Auslieferungshaft. Nach einer Woche Gefängnis wurde ich bis zum Entscheid über das Auslieferungsgesuch mit der Auflage entlassen, mich täglich bei der Polizeiwache meines Wohnortes zu melden. Die folgenden Gespräche mit meinem vollkommen schockierten Arbeitgeber über die Weiterführung des Arbeitsverhältnisses waren erfolglos und mein Anstellungsvertrag wurde mit sofortiger Wirkung aufgelöst.
Trotz einer größeren Abfindungssumme bedeutete der Verlust dieser Arbeit für mich das Ende, außerdem teilte mir mein Rechtsanwalt mit, dass dem anstehenden Auslieferungsgesuch mit größter Wahrscheinlichkeit entsprochen werden würde. Meine Ehefrau Anuschka, die nach wie vor zu mir stand und auch diese Pleite über sich ergehen ließ, bat mich, meine Gefängnisstrafe in der Schweiz zu verbüßen; solange diese Angelegenheit nicht aus der Welt geschafft sei, war an eine Fortführung eines normalen Familienlebens nicht zu denken. Nach der Auflösung unseres Haushaltes und dem Verkauf aller Möbel kehrten wir in die Schweiz zurück. Trotz Ausweiskontrolle an der Schweizer Grenze wurde ich dort entgegen aller Erwartungen nicht sofort verhaftet; ich stellte mich jedoch anschließend in Begleitung meines Rechtsanwaltes den Behörden «zur Verfügung». Währenddessen fanden meine Frau und unsere Tochter ein vorübergehendes Zuhause bei meinen Eltern.
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Die Haftstrafe
Die Haftstrafe verbüßte ich in der freien Natur, in einem Gefängnis, das kein Gefängnis im herkömmlichen Sinne war, sondern ein der Vollzugsanstalt angegliederter Landwirtschaftsbetrieb. Meine Strafe musste ich von März bis Oktober verbüßen und die tägliche Arbeit in der Landwirtschaft und der Umgang mit den Tieren festigten meine Beziehung zur Natur. Ich konnte beobachten, wie das Leben im Frühling erwachte und im späten Herbst wieder einschlief; lernte, dass alles, was angepflanzt wurde, verantwortungsbewusst und mit viel Liebe und Sorgfalt gepflegt werden musste, damit eine erfolgreiche Ernte erfolgen konnte.
Damit vergleichbar ist das sinnvolle und erfüllte Leben eines menschlichen Wesens, doch leider ist die Gebrauchsanweisung für solch ein erfülltes Leben in keiner Bibliothek erhältlich, sondern kann nur im Leben selbst erlernt werden. Würde jeder Mensch sein Leben gestalten wie es die Natur vormacht, wäre das Paradies auf Erden garantiert und alle Verbrechen, Kriege und sonstiges Elend wären ausgeschlossen. Das Eindringen des Menschen in die Natur ist deshalb nicht ohne Folgen geblieben. Die Gier der Menschen nach Macht und Geld ist jedoch grenzenlos, auch wenn oder gerade weil fast alle Güter, die auf dieser Welt produziert werden, im Grunde sinnlos sind und nur der Vermehrung von Macht und Geld dienen. Würde das Geld nicht existieren, wäre eine Ausbeutung von Mensch und Natur durch den Menschen nicht möglich.
Die Zeit meiner Strafverbüßung öffnete mir, was die Menschen betrifft, zusätzlich die Augen, denn bei einem der monatlichen Besuche meiner Frau, der unter Aufsicht eines Pfarrers stattfand, hatte Anuschka einen geeigneten Moment abgewartet, um mir verbotenerweise zwei Packungen Zigaretten in meine Hosentasche zu stecken. Leider bemerkte dies der heilige Gottesvater und brach den Besuch ab. Anuschka musste daraufhin unter schwersten Strafandrohungen die Stätte ihres schwerwiegenden Verbrechens verlassen. In dieser Zeit machte ich die Erfahrung, dass alle Pfarrer auf dieser Welt nicht besser waren als andere Menschen; im Gegenteil, sie trugen auf ihrem hoch erhobenen Haupt einen trügerischen Heiligenschein und waren nur zu einer Gegenleistung bereit, wenn diese zu ihrem eigenen Vorteil war. Das Geschäft der Kirche beherrschen sie in absoluter Perfektion, denn sie lassen sich jedes gute und tröstende Wort honorieren. Ohne Skrupel und ohne Moral betreiben sie auf Kosten der Gläubigen ein perfektes und erfolgreiches Industrieunternehmen. Diese Domherren führen mit wenigen Ausnahmen ein genussvolles Leben und sind wie die Mastgänse vollgestopft mit den köstlichsten Speisen und edelsten Weine der allerbesten Klasse. Mit wenigen Ausnahmen sind diese Heuchler aus Bequemlichkeit und aus Angst vor dem täglichen Überlebenskampf nicht fähig, ein so genanntes normales Leben zu führen. Ihre Behauptung, ein Gottesdiener zu sein und auf alle schönen Lebensgenüsse zu verzichten, entspricht nicht der Wahrheit. Ihre Behauptung, nach dem Tode als Belohnung für ihre Aufopferung im Paradies leben zu können, ist eine Selbsttäuschung; ich bin überzeugt, dass die Mehrheit in der so genannten Hölle schmoren wird.
Ich wurde als Kind streng katholisch erzogen und kann mich gut daran erinnern, dass mein Vater beim sonntäglichen Kirchgang bei der jeweiligen Opfersammlung und im Gegensatz zu den anderen Kirchgängern äußerst großzügig war. Jede Münze verursachte beim Einwerfen in die Opferbüchse ein dumpfes Geräusch, das zu meinem großen Entsetzen an besonderen Feiertagen ausblieb, da mein Vater dann noch großzügiger war und einen Geldschein in die Büchse steckte. Aus diesem und anderen Gründen hat uns damals unser Pfarrer regelmäßig zuhause besucht und das anschließende Nachtessen in Begleitung bester Weine hat immer mehrere Stunden gedauert. Abschließend hat sich unser Pfarrer mit einem zusätzlichen «Opferbatzen» für die Not leidende Menschheit und zusätzlichen Genussmitteln aus unserer Fabrik zu später Stunde mit Gottesdank und der Zusicherung, dass unsere Familie im Paradies einen guten Platz erhalten wird, verabschiedet.
Ich möchte mit aller Deutlichkeit festhalten, dass ich an einen Gott glaube und dieser deshalb ein wichtiger Beitrag meines Lebens ist; in der Annahme, dass unser Pfarrer nicht gelogen hat, kann ich nach Beendigung meines irdischen Daseins die Ewigkeit im Paradies verbringen. Zu jener Zeit war das Leben für mich jedoch alles andere als das Paradies. Trotz des Risikos, meine restliche Strafe doch noch hinter Gittern verbringen zu müssen, schrieb ich meiner Frau Anuschka einen Brief und vereinbarte mit ihr einen Treffpunkt unter freiem Himmel. Dieser Brief wurde durch einen Mitgefangenen nach dessen Entlassung an meine Frau weitergeleitet. Da ich auf dem Landwirtschaftsbetrieb selbstständig und unbeaufsichtigt verschiedene Arbeiten zu erledigen hatte, ergaben sich diverse Möglichkeiten, meine Anuschka in einem angrenzenden Waldstück zu treffen. Meine Frau hat mich jedes Mal und zu jeder gewünschten Zeit unter größtem Risiko besucht, und so hatte ich für den Rest meiner Haftzeit genügend Zigaretten und verfügte auch über andere kleine Annehmlichkeiten, die das Leben unter den gegebenen Umständen erträglich machten Die Zeit nach meiner Entlassung, geprägt durch die Rückkehr zu meinen Eltern, deren Haus für die nächste Zeit auch unser Zuhause wurde, war eine Erniedrigung, die ich niemals vergessen werde. Mein Vater konnte diese Schande nie verwinden und ohne das Wohlwollen meiner Mutter, die meinem Vater ein Höchstmaß an Verständnis abverlangt hatte, wäre eine Rückkehr zu meinen Eltern unmöglich gewesen. Meine Ehefrau Anuschka, die in der Zwischenzeit wieder als Büroangestellte berufstätig war, konnte das Zusammenleben in dieser Atmosphäre nicht mehr ertragen und mietete nach kurzer Zeit eine kleinere Wohnung. Dieses neue Zuhause war ein weiterer Neubeginn und der neuerliche Aufbau einer Existenz. Ich war inzwischen sechsunddreißig Jahre alt, mittellos und hatte einen äußerst bedenklichen Leumund einsame Zukunft.
Um aus dieser aussichtslosen Situation herauszukommen, mussten übermenschliche Kräfte mobilisiert werden. Die Unterstützung, das Verständnis und die Liebe von Anuschka gaben mir die Kraft, meine Zukunft positiv und erfolgreich zu gestalten. Infolge meiner früheren Geschäftsbeziehungen im Ausland konnte ich einen Geschäftsfreund und Inhaber eines bedeutenden Unternehmens überzeugen, die schon länger bestehenden Pläne für eine Zweigniederlassung in der Schweiz zu realisieren. Ohne von meiner Vergangenheit zu wissen, stellte er mich als Geschäftsführer mit einem fürstlichen Gehalt und zusätzlichen Erfolgsprovisionen ein. Nichts auf dieser Welt konnte mich zerstören. Für die meisten anderen Menschen, die das gleiche Schicksal erlitten hatten, hätte dies das sichere Ende einer erfolgreichen Existenz bedeutet. Nicht so für mich. Mein Gewissen, dem jede Ethik und jede Moral fremd waren, erlaubte ein Leben, das im Grunde nur Geistesgestörte führen konnten.
Ein Leben, das auf der Vorspiegelung falscher Tatsachen beruht oder unter Verheimlichung früherer Machenschaften geführt wird, ist ein vollendeter Selbstbetrug und führt deshalb immer in die sichere Katastrophe. Mein unersättlicher Geltungsdrang und das über allem stehende Bedürfnis, um jeden Preis und auch ohne Rücksicht auf Regeln und Gesetze Erfolg zu haben, veranlassten mich, sämtliche mir zur Verfügung stehenden Mittel, ob legal oder nicht, anzuwenden. Mir war zwar durchaus bewusst, welche Konsequenzen sich aus meinen Handlungen ergeben könnten, doch gleichzeitig war ich überzeugt davon, dass ich nie in die Situation kommen würde, tatsächlich die Verantwortung für mein Tun übernehmen zu müssen. Da ich immer positiv dachte und unter bestimmten Bedingungen von dem Gelingen eines Unternehmens überzeugt war, konnte ich mein verantwortungsloses Handeln nicht kontrollieren. Dieser grenzenlose Optimismus bewirkte denn auch, dass mein Leben zugleich Himmel und Hölle war, denn die unerträglichen Spannungen und Belastungen waren die vollendete Hölle.
Mein eiserner Wille und mein unermüdlicher Einsatz in den folgenden zwei Jahren führten schließlich dazu, dass sich dieses Unternehmen auch in der Schweiz erfolgreich entwickelte. Durch harte Arbeit hatte ich mir abermals eine zukunftsreiche Existenz gesichert, mein überdurchschnittliches Einkommen und die Harmonie in meiner Ehe mit Anuschka bildeten die Grundpfeiler für meinen weiteren Erfolg.
Durch die Teilnahme an diversen Messen, vor allem in Osteuropa, und weitere Auslandsbesuche bei Industrieunternehmen konnte ich meine Geschäftsbeziehungen erweitern. Trotz meiner Vergangenheit war der Gedanke an eine eigene Firma noch immer in meinem Kopf, denn dieses verborgene und vom Teufel besessene Gespenst gibt niemals Ruhe. Ein Leben als Angestellter war nie mein Leben, denn es schränkte meine Freiheit ein. Die Gestaltung eines erfüllten Lebens war für mich unmöglich, solange ich nur Diener war, auch wenn ich als solcher gut bezahlt wurde. Ich empfand die täglichen Befehle und Instruktionen Anderer, besonders der Vorgesetzten, als Erniedrigung; ich war weder Sklave noch Leibeigener und konnte diesen Zustand auf Dauer nicht ertragen. Täglich etwas zu tun, was ich nicht wollte, war wie eine Erpressung; Vorschriften und Bedingungen meiner Arbeitgeber akzeptieren zu müssen, eine Qual. So war auch meine innere Unruhe nicht mehr länger zu ertragen und ich musste meine Selbstachtung wiederherstellen.
8
Die Gefahren des Wachstums
Alle sich ergebenden Möglichkeiten, wieder eine selbstständige Tätigkeit auszuführen, verfolgte ich mit einem unbeschreiblichen Drang, damit ich mein Leben wieder vollkommen nach meinen Vorstellungen und in absoluter Unabhängigkeit gestalten konnte. In den Jahren der Hochkonjunktur hatte ich infolge meiner guten Geschäftsbeziehungen nach Osteuropa von einem größeren Schweizer Industrieunternehmen eine Anfrage bezüglich der Lieferung großer Mengen von Gussteilen aus Leichtmetall erhalten. In jener Zeit war es jedoch sehr aufwendig und zeitraubend, solche Projekte mit osteuropäischen Staaten zu realisieren, außerdem bestanden sehr große Diskrepanzen, was die Qualitätsansprüche betraf. Mein Arbeitgeber war aus diesen und anderen Gründen nicht weiter an dieser Angelegenheit interessiert und so begann ich, mich selbst nach Kräften um die Umsetzung dieses Geschäft zu bemühen. Nach langwierigen Verhandlungen unter Einbeziehung des Außenhandelsministeriums fand sich schließlich ein ungarisches Gießereiunternehmen, das sich in der Lage sah, die Aluminiumgussteile zu äußerst günstigen Preisen herzustellen. Ich hatte sofort erkannt, dass es sich dabei um ein Millionengeschäft handelte; diese Aluminium-Gussteile mussten unter allen Umständen und trotz der erschwerten Bedingungen hinter dem damals eisernen Vorhang hervorgeholt werden. Dieses Unternehmen musste gelingen, denn es bestand eine immens große Nachfrage nach solchen Gussteilen, die infolge größerer Lieferschwierigkeit der schweizerischen Aluminiumgiessereien nicht befriedigt werden konnte. Zudem verkauften die westlichen Gießerei-Unternehmen ihre Produkte zu unverschämt hohen Preisen an die Industrie. Was lag also näher, als zu versuchen, den Markt mit größeren Mengen günstigerer Produkte zu versorgen. Meine Geschäftsreisen nach Ungarn, von denen mein Arbeitgeber selbstverständlich nichts wusste, waren erfolgreich, denn die langen und höchst komplizierten Gespräche im Außenhandelsministerium und im Herstellerwerk konnten schließlich die Wege für die geplante Zusammenarbeit ebnen. Von diesem zukunftsreichen Vorhaben restlos überzeugt und gleichzeitig immer noch als Angestellter mit einem garantierten Einkommen tätig, gründete ich erneut eine eigene Handelsfirma.
Die Verkaufspreise, zu denen ich die Gussteile meinen späteren Großkunden anbieten konnte, lagen weit unter den damaligen Konkurrenzpreisen, obwohl sie ein Mehrfaches meines Einkaufspreises betrugen und mir auf diese Weise einen fast schon unverschämten Gewinn garantierten. Diese Preise und meine interessanten Lieferbedingungen bescherten mir einen ersten Probeauftrag in der Größenordnung von vierhunderttausend Franken, der mir bei einem abschließenden Verkaufsgespräch persönlich übergeben wurde. Ich erinnere mich, dass ich den zuständigen Einkaufsdirektor im Anschluss an diese Vertragsunterzeichnung zu einem fürstlichen Mittagessen eingeladen habe. Dieses Gespräch werde ich niemals vergessen, denn die Anschlussaufträge, die mir nach der perfekten Auslieferung meiner Aluminiumgussteile in der geforderten Qualität in Aussicht gestellt wurden, übertrafen alle meine Erwartungen und hätten mir den gewünschten beruflichen Erfolg gebracht. Ich war wie in Trance und konnte mein Glück kaum fassen. Auf dem Rückweg erlitt ich vor lauter Aufregung einen Schwächeanfall, sodass ich mit meinem Auto augenblicklich anhalten musste. Das sündhaft teure Mittagessen, das mich ein kleines Vermögen gekostet hatte, musste ich erbrechen. Ich legte mich abseits der Strasse in eine Wiese und verlor für einen kurzen Moment das Bewusstsein; als ich wieder zu mir kam, musste ich feststellen, dass auch der exzellente Bordeauxwein seinen Weg aus meinem Körper gefunden hatte und als Urin in meiner Hose gelandet war. Die Erfüllung all dessen, was ich mir bis zu jenem Zeitpunkt erträumt hatte, war Wirklichkeit geworden; die dadurch ausgelösten Emotionen hatten schließlich zu jenem Zusammenbruch geführt.
Als ich wieder zu mir gekommen war und mir diese neue Situation in allen Konsequenzen bewusst gemacht hatte, fuhr ich nicht besonders wohlriechend, dafür aber voller Tatendrang nach Hause. Trotz meines Zustandes, der meine Ehefrau Anuschka im ersten Moment nur das Schlimmste befürchten ließ, war Anuschka zunächst von dieser neuen Situation nicht sonderlich begeistert, denn meine damalige Anstellung, die für unsere Familie ein solides Fundament und damit Ruhe und Frieden in geordneten Verhältnissen bedeutete, war einmal mehr in größter Gefahr. Gegen den Willen meiner Frau und trotz energischer Proteste kündigte ich anschließend bei meinem Arbeitgeber meine aussichtsreiche Anstellung als Geschäftsführer und damit begann das große Abenteuer, als selbstständiger Unternehmer tätig zu sein, von neuem. Die Lieferverträge mit meinem ungarischen Geschäftspartner unterzeichnete ich anschließend persönlich in Budapest und mit der Anzahlung, die ich von meinem Kunden erhalten hatte, war es mir möglich, den gesamten Auftrag zu finanzieren. In Begleitung eines Gießereitechnikers, den ich speziell für dieses Projekt angestellt hatte, verbrachte ich in regelmäßigen Abständen jeweils mehrere Tage in Ungarn, um die Herstellung der Gussteile in der gewünschten Qualität sicherzustellen, denn die Qualität der ersten Ausfallmuster, die ich von meinem Hersteller erhielt, war erschreckend schlecht und entsprach in keiner Weise den gestellten Anforderungen.
Weitere Besuche in Ungarn wurden notwendig, doch erst durch eine spezielle technische Beratung und die zusätzliche Lieferung von spanabhebenden Werkzeugen, die im Osten damals nicht erhältlich waren, konnte endlich die verlangte Qualität erreicht werden. Anschließend konnte dieser erste Auftrag an meinen Kunden in der Schweiz zwar mit einer unbedeutenden Lieferverzögerung, dafür aber zur größten Zufriedenheit meines Auftraggebers ausgeliefert werden.
Der Grundstein für das Gelingen meines Unternehmens war somit geschaffen und ich erhielt mehrere Anschlussaufträge, die ebenfalls in einwandfreier Qualität an meinen Kunden ausgeliefert werden konnten. Noch immer war mein Büro in unsere Vierzimmerwohnung integriert und zusätzlich gemietete Autoboxen und Hobbyräume in unserer Nachbarschaft dienten als Lagerräume. Jede Woche kamen Gussteile in mehreren Güterwagen per Bahn; diese mussten entladen und anschließend in unserem Lager liefergerecht umgepackt werden. Meine Frau Anuschka und ich arbeiteten nächtelang durch, damit die Lieferungen an meinen Kunden termingerecht ausgeführt werden konnten. Jedes Gussteil wog etwa 200 Gramm; jeweils 500 Stück mussten einzeln in angelieferte Transportbehälter umgepackt werden. Da wir aber an jedem Stück zwei Franken verdienten, war diese Schwerstarbeit geradezu erfreulich und wohltuend, denn für diesen Gewinn wäre ich auch bereit gewesen, bis zum vollkommenen Zusammenbruch zu arbeiten. Müdigkeit, Rückenschmerzen und aufgescheuerte Hände bedeuteten mir nichts angesichts der Tatsache, alle zehn Sekunden zwei Franken zu verdienen; allein der Gedanke daran führte mich in eine vollkommene Ekstase.
Dann zwangen mich weitere Großaufträge, neue Geschäftsräume anzumieten, außerdem musste ich wegen Arbeitsüberlastung eine Büroangestellte und einen Mitarbeiter für das Lager und die Spedition anstellen. Meine Firma entwickelte sich durch zusätzliche Kunden aus der Industrie zu einem bedeutenden Unternehmen und ich hatte in der Zwischenzeit mit meinem ungarischen Partner einen mehrjährigen Vertrag als Generalvertreter für die Schweiz abgeschlossen. Damit bildeten meine bis dahin geleistete Arbeit und mein ganz individuelles unternehmerisches Denken ohne Wenn und Aber das Fundament für den Erfolg der nächsten zwanzig Jahre. Trotz des großen finanziellen Gewinnes aus meiner Geschäftstätigkeit blieb ich vorerst bescheiden und wir wohnten noch immer in unserer Vierzimmerwohnung in einem bürgerlichen und kinderreichen Stadtteil. Dann ersetzte ich jedoch mein Auto durch einen Jaguar und musste prompt feststellen, dass diese neue Errungenschaft, ebenso wie die dringend benötigte neue Wohnungseinrichtung, bei unseren Nachbarn Neid erweckte. Nach einem weiteren erfolgreichen Jahr war meine Frau Anuschka im Besitz eines weiteren Autos, zudem hatten wir uns ein kleines Motorboot gekauft. Unsere Garagenboxen, die wir anfänglich als Lagerräume meines Geschäftes verwendet hatten, wurden mit einem weiteren Porsche versehen. Meine Firma entwickelte sich innerhalb von nur drei Jahren zu einer wahren Goldgrube und mein Vermögen hatte die Millionengrenze bei weitem überschritten. In Anbetracht eines beruflichen Erfolges erweiterte sich mein Freundeskreis entsprechend und wir hatten deshalb auch gesellschaftliche Verpflichtungen zu erfüllen. Damals habe ich nicht erkannt, dass diese sogenannte gute Gesellschaft mit nur wenigen Ausnahmen aus der allerschlimmsten Menschenexemplaren dieser Erde besteht.
Es handelt sich hierbei fast ausschließlich um skrupellose, gierige Profiteure, die niemals echte Freunde werden, denn wenn der Erfolg zu Ende geht, verlassen diese Ratten das sinkende Schiff und zerreißen Dich in der Luft. Sie weiden sich am Schicksal Anderer und diese Genugtuung ist mit einem Orgasmus beim Liebesspiel zu vergleichen. Die übelste Facette dieser feinen Gesellschaft habe ich allerdings erst einige Jahre später als Mitglied in einem exklusiven Golfclub kennen gelernt.
In unserer damaligen Wohnung in einem Mehrfamilienhaus konnte ich meine gesellschaftlichen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen, außerdem wollte ich mein schlechtes Gewissen, das sich wegen meiner Luxusgüter und des gehobenen Lebensstandards gegenüber meinen Nachbarn entwickelt hatte, nicht mehr ertragen. Obwohl ich infolge der weiteren Expansion meines Unternehmens Mitbewohner aus unserer Nachbarschaft in meiner Firma angestellt hatte, musste ich zu meinem großen Bedauern feststellen, dass sich diese Menschen trotz der jahrelangen guten und freundschaftlichen Beziehungen entfremdeten.
Mein bester Mitarbeiter und späterer Geschäftsführer meines Unternehmens war mein damaliger Nachbar Peter; er stammte aus jener Nachbarschaft und ist bis zum heutigen Zeitpunkt, mein bester und einziger Freund. In Zeiten bitterster Not und Momenten vollkommener Verzweiflung haben Peter und seine Frau zu mir gehalten, mir stets ein Obdach oder eine Mahlzeit angeboten und mich durch lange, tröstende Gespräche und wertvolle Ratschläge bestimmt vor der endgültigen Verwahrlosung bewahrt. Mit meiner Frau Anuschka, mit der ich noch immer in einer glücklichen und harmonischen Ehe lebte, bezog ich unser neues Terrassenhaus in äußerst gepflegter Wohnlage. Alles, was ich mir jemals in meinem Leben gewünscht hatte, war nun in Erfüllung gegangen, doch meine unersättliche Gier nach Geld, Macht, Wohlstand und Erfolg ließ mich auch jetzt nicht zur Ruhe kommen. Meine Geschäftsbeziehungen erweiterten sich und da ich nun auch bereit war, so genannte «verbotene Kommissionen» für Großaufträge unter größter Diskretion zu entrichten, erreichte das Auftragsvolumen astronomische Höhen.
Obwohl meine Verkaufspreise noch immer weit unter denen der Konkurrenz lagen, waren solche Geschäfte mit sehr viel Risiko verbunden und verlangten strenge Vorsichtsmaßnahmen.
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