Kitabı oxu: «Schematherapie»
Der Autor Matias Valente

Psychologiestudium (1997–2002) an der Universidad del Salvador (Buenos Aires), Promotion zum Doktor der Humanwissenschaften (Dr. sc. hum.) an der Medizinischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (2009–2015). Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten am SZVT Stuttgart, Fachrichtung Verhaltenstherapie bei Erwachsenen und in Gruppen (2004–2009). Approbation 2010. Ausbildung in Schematherapie am IST-Frankfurt (2007–2011). 2011 Zertifizierung als Trainer und Supervisor für Schematherapie, 2017 Zertifizierung als Trainer und Supervisor für Schematherapie mit Paaren (Internationale Gesellschaft für Schematherapie ISST). Dozent und Supervisor für Verhaltenstherapie (Landespsychotherapeutenkammer BaWü). Weiterbildungen in Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT), Akzeptanz- & Commitment-Therapie (ACT), Imagery Rescripting and Reprocessing Therapy (IRRT).
Von 2005 bis 2019 in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Klinikums am Weissenhof in Weinsberg tätig, darunter langjährig als leitender Psychologe. Aufbau des dortigen Schematherapie-Behandlungsprograms für Patienten mit Persönlichkeitsstörungen. Seit 2010 in eigener Praxis für Verhaltenstherapie niedergelassen (seit 2019 im vollen Umfang mit Kassenzulassung).
Seit 2014 Co-Leitung des Instituts für Schematherapie Stuttgart gemeinsam mit Yvonne Reusch. 2020 Co-Gründung der ersten Deutschen Online-Akademie für Schematherapie.
Zahlreiche Publikationen zu Persönlichkeitsstörungen und Schematherapie.
Matias Valente
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-038740-9
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-038741-6
epub: ISBN 978-3-17-038742-3
Geleitworte
Eckhard Roediger, Präsident (2014–2016) der Internationalen Gesellschaft für Schematherapie (ISST)
Zugegeben: Es gibt schon eine ganze Reihe von Büchern zur Schematherapie. Was soll ich jetzt noch in ein Geleitwort für ein weiteres Buch zu diesem Thema schreiben? Zumal es sich noch nicht einmal mit einer bestimmten Thematik bzw. einem speziellen Störungsbild befasst! Und – Hand aufs Herz: Auch in diesen Büchern steht mehr oder weniger immer dasselbe drin, nicht wahr?
Bei einer genaueren Betrachtung ist das aber keine Überraschung, sondern liegt in der Natur der Sache, denn die Schematherapie ist konzipiert als ein Diagnosenübergreifender Ansatz. Entsprechend erfolgt die Anwendung des Modells und der Beziehungsgestaltung immer in ähnlicher Weise, wobei die Techniken den jeweiligen Symptomen angepasst werden. Die eigentlichen störungsspezifischen Interventionen sind und bleiben die Domäne der Verhaltenstherapie. Wir verstehen die Schematherapie in diesem Sinne als eine Erweiterung der Verhaltenstherapie, um schwierigen interaktionellen Verhaltensmustern der Behandelten besser begegnen zu können. Die Interaktion im Therapieraum ist dabei gewissermaßen die Blaupause für die Interaktionsmuster der Behandelten in anderen Kontexten. Das ist ja gerade die Idee der Schemata, dass diese sich sozusagen in alle aktuellen Interaktionen unerkannt »hineinschieben«. Diese maladaptiven Interaktionsmuster sollen sich in der Therapie inszenieren können und dadurch bearbeitbar werden.
Ein Schwerpunkt des Buchs, das Sie gerade in der Hand halten (oder auf Ihrem Bildschirm sehen) sind daher eine große Anzahl von Übungen, mit deren Hilfe ein Verständnis der Interaktionsmuster gewonnen und dasselbe dann ggf. modifiziert werden kann, damit die Behandelten eine »korrigierende emotionale Erfahrung« in der Therapie machen können. Auch in Schematherapien wird noch zu viel »über die Dinge geredet«. Mit den 50 Übungen, die in diesem Praxisbuch enthalten sind, können Sie das ändern! Die Stärke der Schematherapie liegt gerade in diesen erlebnisaktivierenden Übungen. Diese verbinden die Erlebenstiefe der Gestalttherapie mit einem Orientierung gebenden (Störungs-)Modell, wie wir es aus der Verhaltenstherapie kennen. Gerade diese Verbindung macht die Stärke der Schematherapie aus! In diesem Buch finden Sie die Übungen dazu.
Neben der Emotionsfokussierung erweitert das Buch den Blickwinkel der Therapierenden in Richtung auf eine kontextuelle Perspektive. Man kann die Funktion des gesunden Erwachsenenmodus eigentlich nur differenziert verstehen, wenn man sich mit den funktionalen Prozessen der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) vertraut gemacht hat – ob die nun so expliziert werden oder nicht. Der Autor ist in dieser Methode ausgebildet und sie fließt organisch in dieses Buch ein. Und das ist wirklich neu – zumindest in dieser Intensität und Praxisnähe. Hier zeigt sich das kreative und integrative Potenzial der Schematherapie, die einen hervorragenden Bezugsrahmen zur konzeptuellen Integration sehr verschiedener Techniken und Perspektiven schafft. In der Sprache der Computerwelt ist sie sozusagen das »Linux« der Betriebssysteme: Sie ist transparent, vom Grundkonzept her leicht zugänglich und verständlich und so offen, dass sie mühelos anschlussfähig ist an andere Konzepte und Techniken. Dadurch kann das grundlegende Modell der Schematherapie immer besser an die verschiedenen Erscheinungsformen von sogenannten Persönlichkeitsstörungen und deren unterschiedliche symptomatische Ausdrucksformen angepasst werden.
Dabei bleibt das Modell aber immer übersichtlich. Denn auch das ist ein besonderes Merkmal dieses Buchs: Es baut nicht auf einer zunehmend kleinteiliger werdenden Systematik aller möglicher Modi auf, sondern es arbeitet mit einem grundlegenden dimensionalen Modell. Damit greift es bereits den immer populärer werdenden Ansatz des »alternativen Modells« des DSM-5 auf. Auch das in der Schematherapiewelt nicht selbstverständlich, sondern innovativ.
Und noch etwas ist wichtig: Die Integration der Akzeptanz- und Commitment-Therapieperspektive beschränkt sich nicht nur auf die Einbeziehung der funktionalen Prozesse. Auch die Akzeptanz-orientierte Grundhaltung wird integriert. Sie ist – besonders in der zweiten Hälfte der Therapie – ein wichtiger Ausgleich der veränderungsorientierten Nachbeelterungshaltung und stellt eine sanfte Art der empathischen Konfrontation dar. Bekanntlich neigen Schematherapierende stark zur Nachbeelterung. Aber bei vielen Behandelten sind (aus inneren oder äußeren Gründen) die Ressourcen zur Veränderung begrenzt. Dieser Begrenzung müssen wir wohlwollend begegnen können. Dabei ist Akzeptanz und die Einnahme einer Haltung der sogenannten »kreativen Hoffnungslosigkeit« eine wichtige Erweiterung unseres therapeutischen Repertoires im Sinne von Marsha Linehans Modell der dialektischen Wippe zwischen Veränderung und Akzeptanz. Damit wird Schematherapie zu einer wirklichen Therapie der sogenannten »dritten Welle« der Verhaltenstherapie, ohne ihre Emotionsfokussierung zu verlieren. Die therapeutische Beziehungsgestaltung wird nur noch flexibler und »breiter« in der Anwendung, gerade bei den »schwierigen Fällen«. Viele dieser Chronifizierten haben über die Jahre einen »Therapieroutine-Modus« entwickelt, in den sie sich in der Therapie zurückziehen. Um mit diesen Menschen auch in Phasen der Stagnation effektiv weiter arbeiten zu können, bietet der Fundus der in diesem Buch enthaltenen Übungen ein schier unerschöpfliches Repertoire.
Sie sehen, es gibt doch einige gute Gründe, warum dieses Buch geschrieben wurde – und ich habe gerne dieses Geleitwort beigesteuert. Nun wünsche ich Ihnen viel Freude beim Lesen. Vielleicht überträgt sich die Begeisterung des Autors etwas auf Sie. Und vor allem: Probieren Sie die Übungen wirklich aus! Mit den konkreten Anleitungen in diesem Buch ist das gar nicht so schwer. Außerdem gibt es ja auch noch die Videos dazu, auf die der Autor im Laufe des Buches immer wieder hinweist. Viel Erfolg dabei!
| Eckhard Roediger | Frankfurt, im Juni 2021 |
Wendy T. Behary, Präsidentin (2010–2014) der Internationalen Gesellschaft für Schematherapie (ISST)
Als mein Kollege und Freund Dr. Matias Valente mir über sein Buchprojekt »Schematherapie: Ein Leitfaden für die Praxis« erzählte, freute ich mich sehr. Daraus resultierte ein ausführliches Werk, das auf wunderschöner und sehr praktischer Art und Weise die Anwendung der evidenzbasierten Schematherapie nach Dr. Jeffrey Young für die Arbeit mit sehr komplexen und herausfordernden Patienten in der Psychotherapie darstellt.
Dr. Valente führt den Leser sehr bedacht in Richtung eines tiefen Verständnisses der Schematheorie und zeigt die konkrete Anwendung diagnostischer Instrumente und strategischer Interventionen. Er vermittelt uns systematisch eine sorgfältige Betrachtung des Narrativen des Patienten unter Berücksichtigung von dessen unbefriedigten emotionalen Grundbedürfnissen, Beziehungstraumata und lebenslangen Lebensfallen, welche vor uns im Behandlungszimmer ans Licht kommen. Dem Autor gelingt es, zahlreiche Techniken und Strategien sehr lebendig in die Schematherapie zu integrieren, und zeigt dem Leser die Wichtigkeit eines integrativen Vorgehens, um sehr früh erworbene dysfunktionale Erlebnismuster unserer Patienten effektiv zu korrigieren, neu zu organisieren und letztendlich zu heilen.
Das vorliegende Buch bietet dem Behandler einen sehr anwenderfreundlichen und gut zugänglichen Wegweiser für die Arbeit mit Persönlichkeitsstörungen und anhaltenden destabilisierenden klinischen Symptomen. Dr. Valente ist nicht nur ein sehr talentierter Kliniker und Psychotherapeut, sondern auch ein Experte der Schematherapie und ein erfahrener Trainer und Supervisor. Er zeigt uns, wie effektiv die Kombination aus einer sicheren nachbeelternden Beziehung, einer gut formulierten Fallkonzeptualisierung mit entsprechenden Veränderungszielen sowie der strategisch-zielgerichteten Anwendung zahlreicher Techniken zur Reduktion dysfunktionaler Schemaaktivierungen, intensiver Emotionsregulationsstörungen und verinnerlichter selbstkritischer »Botschaften« führen kann. Pathologische kognitiv-emotionale Muster und Bewältigungsreaktionen werden dann allmählich durch gesunde und adaptivere ersetzt.
Ich fühle mich geehrt und möchte meine Unterstützung und meine Begeisterung für dieses Buch zum Ausdruck bringen, das eine Bereicherung für jeden klinisch Tätigen darstellt.
| Wendy T. Behary | New York, im Mai 2021 |
Inhalt
1 Geleitworte
2 Bevor wir beginnen …
3 Der Kampf der Titanen
4 Das SORK-Schema als Rückkoppelungsmodell der Verhaltenssteuerung
5 Interpersonelle Rückkoppelungskreise: »SORK im Kontext«
6 Warum Schematherapie?
7 Der Aufbau dieses Buches und die praktische Anwendung
8 Teil I: Theoretische Grundlagen
9 1 Emotionale Grundbedürfnisse
10 1.1 Die dimensionale Perspektive: Bindung und Selbstbehauptung
11 1.1.1 Wieso eine dimensionale Perspektive?
12 1.1.2 Wie interagieren Bindung und Selbstbehauptung?
13 1.2 Emotionale Grundbedürfnisse sind keine konkreten Wünsche
14 1.3 Fazit
15 2 Emotionsgeneration und -regulation
16 2.1 Basisemotionen
17 2.2 Neurobiologische Grundlagen
18 2.2.1 Komplexe neuronale Netzwerke (»large scale brain networks«)
19 2.3 Akzeptanz als Emotionsregulationsstrategie
20 3 Das Schemakonzept
21 3.1 Die Lerntheorie der Schemaentstehung
22 3.2 Frühe maladaptive Schemata
23 3.2.1 Emotionale Entbehrung
24 3.2.2 Verlassenheit und Instabilität
25 3.2.3 Misstrauen und Missbrauch
26 3.2.4 Unzulänglichkeit und Scham
27 3.2.5 Soziale Isolation und Entfremdung
28 3.2.6 Abhängigkeit und Inkompetenz
29 3.2.7 Verletzbarkeit
30 3.2.8 Verstrickung und Unentwickeltes Selbst
31 3.2.9 Versagen/Erfolglosigkeit
32 3.2.10 Anspruchshaltung/Grandiosität
33 3.2.11 Unzureichende Selbstkontrolle
34 3.2.12 Unterordnung/Unterwerfung
35 3.2.13 Selbstaufopferung
36 3.2.14 Streben nach Zustimmung und Anerkennung
37 3.2.15 Emotionale Gehemmtheit
38 3.2.16 Überhöhte Standards
39 3.2.17 Negatives Hervorheben
40 3.2.18 Strafneigung
41 3.3 Schemata als »O-Variable« in der SORK-Analyse
42 3.4 Unkonditionale und konditionale Schemata
43 3.5 Schema-Bewältigungsoperationen
44 3.5.1 Das Problem mit dem Konzept von Bewältigungsstilen
45 3.6 Relevanz des Schemamodells in der klinischen Praxis
46 4 Das Modusmodell
47 4.1 Das Modusmodell in der »gesunden Persönlichkeit«
48 4.2 Kindmodi
49 4.2.1 Verletzbares Kind
50 4.2.2 Ärgerliches/wütendes Kind
51 4.2.3 Undiszipliniertes und impulsives Kind
52 4.2.4 Glückliches Kind
53 4.3 Kritische Modi (früher »Elternmodi«)
54 4.3.1 Reale Eltern und die Entstehung kritischer Modi
55 4.3.2 Fordernder Modus (»Antreiber«, früher »Fordernder Elternmodus«)
56 4.3.3 Strafender Modus (»Kritiker/Bestrafer«, früher »Strafender Elternmodus«)
57 4.4 Bewältigungsmodi
58 4.4.1 Unterwerfung (Folgen)
59 4.4.2 Vermeidung (Erstarren, passive Vermeidung und aktive Flucht)
60 4.4.3 Überkompensation (Kämpfen/Dominieren)
61 4.5 Der integrative Modus des gesunden Erwachsenen
62 4.5.1 Der Erwachsenenmodus als Beobachter
63 4.5.2 Die aktive Rolle des Erwachsenenmodus
64 5 Kontextuelle Schematherapie und die 3. Welle der Verhaltenstherapie
65 5.1 Schemamodi in der SORK-Analyse
66 5.2 Das dimensionale Verständnis des Modusmodells
67 5.2.1 Internalisierende Dynamik
68 5.2.2 Externalisierende Dynamiken
69 5.3 Das Modell der Acceptance and Commitment Therapy (ACT)
70 5.4 Der Erwachsenenmodus aus einer kontextuellen Perspektive
71 Teil II: Behandlungsgrundlagen und spezifische Techniken
72 6 Behandlungsziele
73 6.1 Allgemeine Behandlungsziele entlang der SORK-Analyse
74 6.1.1 Stimulus
75 6.1.2 Organismus
76 6.1.3 Emotionale Reaktion
77 6.1.4 Kognitive Reaktion
78 6.1.5 Sichtbare Handlungen
79 6.1.6 Konsequenzen
80 6.2 Das Behandlungsrational der Schematherapie
81 6.3 Störungsspezifizität und prozessorientiert-transdiagnostisches Vorgehen
82 6.4 Grundsätzliche »modusbezogene« Therapieziele
83 6.4.1 Reduktion dysfunktionaler Bewältigung
84 6.4.2 Entmachtung kritischer Modi
85 6.4.3 Selbstfürsorglicher Umgang mit Kindmodi
86 6.4.4 Stärkung des gesunden Erwachsenen
87 7 Therapeutische Beziehung
88 7.1 Begrenzte elterliche Fürsorge
89 7.2 Empathische Konfrontation
90 7.3 Die Balance zwischen Bindung und Selbstbehauptung in der therapeutischen Beziehung
91 8 Übungen in der Schematherapie
92 8.1 Interventionsspektrum
93 9 Imaginationstechniken
94 9.1 Praktische Empfehlungen
95 9.1.1 Die besondere Sprache der Imagination
96 9.1.2 Sitzposition
97 9.1.3 Perspektiven in der Imaginationsarbeit
98 9.2 Gezielte emotionale Aktivierung
99 9.3 Stabilisierung und Ressourcenaktivierung
100 9.4 Imaginatives Überschreiben (imagery rescripting)
101 9.5 Imaginative Modus-Arbeit und Training des GE-Modus
102 10 Übungen mit Stühlen
103 10.1 Ziele der Arbeit mit Stühlen
104 10.2 Praktische Empfehlungen
105 10.2.1 Die besondere Sprache der Modus-Dialoge
106 10.2.2 Emotionale Validierung: »Ich verstehe dich« vs. »Ich sehe dich«
107 10.2.3 Arbeit mit Symbolen, Modus-Karten und echten Fotos
108 10.3 Zwei-Stühle-Technik
109 10.4 Komplexe Übungen mit drei und mehr Stühlen
110 11 ACT-Strategien und das Training des Erwachsenenmodus
111 11.1 Der Erwachsenenmodus als Beobachter
112 11.1.1 Achtsamkeit für das Hier und Jetzt: Gegenwärtigkeit
113 11.1.2 Die Metaebene: Selbst-als-Kontext
114 11.2 Der Erwachsenenmodus und die Freiheit von innerer aversiver Kontrolle
115 11.2.1 Emotionale Akzeptanz
116 11.2.2 Kognitive Defusion
117 11.3 Der Erwachsenenmodus und tatkräftiges Handeln
118 11.3.1 Übungen zu Werteklärung
119 11.3.2 Engagiertes Handeln und Commitment
120 12 Verwendung von Arbeitsblättern, kognitive Interventionen und behaviouristische Techniken
121 12.1 Selbstbeobachtungsprotokolle
122 12.2 Spezifische Arbeitsblätter
123 12.3 Klassische kognitive Umstrukturierungstechniken
124 12.4 Verhaltensbezogene Interventionen
125 Teil III: Leitfaden für die Praxis
126 13 Behandlungsstruktur
127 13.1 Ist eine Stabilisierungsphase notwendig?
128 13.2 Flexibilität bei geringerem Störungsgrad
129 14 Kombinierte Behandlung von Persönlichkeits- und Achse-I-Störungen
130 15 Konkretes Vorgehen und Sitzungsaufbau
131 15.1 Inhalts- und Prozessebene
132 15.2 Emotionale Aktivierung und Toleranzfenster
133 15.2.1 Herunterregulation bei Übererregung
134 15.2.2 Aktivierung bei Untererregung
135 15.3 Komplementäre Beziehungsgestaltung
136 15.4 Audioaufnahmen während der Sitzungen
137 15.5 Kommunikation via E-Mail und SMS
138 16 Diagnostik und Fallkonzeption
139 16.1 Die therapeutische Haltung während der diagnostischen Phase
140 16.2 Psychoedukation und Vermittlung des Modells
141 16.2.1 Verschiedene Metaphern und das »2-Beine-Modell«
142 16.3 Anamnese, klinische Diagnostik und wichtigste Problembereiche (»Lebensfallen«)
143 16.4 Lebensgeschichte und prägende biografische Bilder
144 16.5 Prägende Beziehungserfahrungen
145 16.6 Arbeit mit spezifischen Fragebögen
146 16.6.1 Auswertung
147 16.6.2 Besprechung der Ergebnisse mit dem Patienten
148 16.7 Grafische Darstellung des Modusmodells
149 16.7.1 Deskriptive Modelle
150 16.7.2 Dynamische Modelle
151 16.8 Erstellung eines individualisierten Modusmodells mit dem Patienten
152 16.8.1 Fokus auf biografische Entwicklung: »Es war einmal ein kleines Kind…«
153 16.8.2 Fokus auf aktuelle Aktivierungen
154 16.9 Umgang mit Schemaaktivierungen während der diagnostischen Phase
155 16.10 Training spezifischer Fertigkeiten während der diagnostischen Phase
156 16.10.1 Aktivitätsaufbau bei reaktiver Depressivität und Rückzug
157 16.10.2 Stresstoleranz, Spannungsregulation und Aufmerksamkeitslenkung
158 16.10.3 Achtsamkeit und Akzeptanz
159 17 Die erste Therapiephase: Vergangenheitsbewältigung und Entwicklung von Modus-Bewusstsein
160 17.1 Die therapeutische Haltung während der ersten Therapiephase
161 18 Schemabehandlung durch Vergangenheitsbewältigung
162 18.1 Imaginatives Überschreiben (ImRs)
163 18.1.1 Sexueller Missbrauch
164 18.1.2 Körperliche Misshandlungen durch Familienangehörige
165 18.1.3 Unerbittliche Kritik und Mangel an emotionaler Unterstützung
166 18.1.4 Zu strenge Behandlung oder Bloßstellung durch Lehrer u. Ä.
167 18.1.5 Mobbing und Gewalt durch Gleichaltrige
168 18.1.6 Soziale Isolation und Ausschluss
169 18.1.7 Verlust wichtiger Menschen
170 18.2 Schwierige Situationen während ImRs
171 18.2.1 Beschützeraktivierung
172 18.2.2 Dissoziation
173 18.2.3 Schwierigkeiten bei der Konfrontation/Entmachtung
174 18.2.4 Schwierigkeiten bei der Tröstung
175 18.3 Historische Rollenspiele
176 18.4 Unterstützende Hausaufgaben
177 18.5 Abschied und Schuldgefühle
178 19 Klärende Modusarbeit im Hier und Jetzt und Training des GE-Modus während der ersten Therapiephase
179 19.1 Modusarbeit mittels Stühle-Übungen (Zwei-Stühle-Technik)
180 19.1.1 Stühle-Übungen mit Bewältigungsmodi
181 19.1.2 Stühle-Übungen mit kritischen Modi
182 19.1.3 Stühle-Übungen mit Kindmodi
183 19.2 Modusarbeit mittels Imaginationsübungen
184 19.2.1 Bewältigungsmodi imaginativ umgehen
185 19.2.2 Kritische Modi imaginativ entmachten
186 19.2.3 Kindmodi imaginativ wahrnehmen, ernstnehmen und trösten
187 19.3 Training des GE-Modus mittels ACT-Fertigkeiten
188 19.3.1 Kognitive Defusion bei Kritikersätzen
189 19.3.2 Akzeptanzübungen im Umgang mit Modusaktivierungen
190 19.3.3 Gezielte emotionale Akzeptanzübungen
191 19.4 Modusarbeit anhand von Arbeitsblättern
192 19.4.1 Selbstbeobachtungsprotokolle
193 19.4.2 Modus unter der Lupe
194 19.4.3 Schema-Memo
195 20 Training des GE-Modus im Hier und Jetzt
196 20.1 Therapeutische Haltung und Sitzungsgestaltung
197 20.2 Komplexe situationsbezogene Stühle-Übungen
198 20.2.1 Stühle-Übungen bei internalisierender Modusdynamik
199 20.2.2 Stühle-Übungen bei externalisierender Modusdynamik
200 20.2.3 Auflösung innerer Konflikte auf Stühlen
201 20.2.4 Stühle-Übung vor dem Ganzkörperspiegel
202 20.2.5 Förderung von Empathie bei Überkompensation
203 20.2.6 Training von Selbst-als-Kontext auf Stühlen
204 20.3 Schwierigkeiten bei komplexen Stühle-Übungen
205 20.3.1 Aktivierung von Bewältigungsmodi während der Arbeit auf der hinteren Bühne
206 20.3.2 Geringe emotionale Aktivierung auf Kindstühlen
207 20.3.3 Zu starke emotionale Aktivierung
208 20.4 Imaginationsübungen
209 20.4.1 ImRs während der 2. Therapiephase
210 20.4.2 Imaginatives GE-Training, Erprobung neuer Strategien und Modusarbeit
211 20.4.3 Positive Imaginationsübungen: Das Kind glücklich machen
212 20.4.4 Interpersonelle Balanceübungen in der Imagination
213 20.5 Modusarbeit während Expositionsübungen und Verhaltensexperimenten
214 20.6 Ermittlung von Werten und konkrete Umsetzung
215 20.7 Therapiethema: Partnerschaft, Sexualität und Intimität
216 20.7.1 Sexualität
217 20.7.2 Partnerlosigkeit
218 20.7.3 Promiskuität
219 20.7.4 Paargespräche
220 20.8 Therapiethema: Freundschaften und Familie
221 20.8.1 Zu wenige soziale Kontakte
222 20.8.2 Kontakt zur Ursprungsfamilie
223 20.9 Therapiethema: Freizeit, Hobbys und Selbstfürsorge
224 20.10 Therapiethema: Beruf
225 21 Behandlungsbeendigung: Von der Mikro- zurück zur Makroebene
226 21.1 Therapeutische Haltung während der letzten Therapiephase
227 21.2 Spezifische Techniken
228 22 Therapiephasenübergreifende schwierige Situationen
229 22.1 Konflikte in der therapeutischen Beziehung
230 22.2 Zu geringe Veränderungsmotivation
231 22.3 Aggressivität und Entwertungen
232 22.4 Suizidalität
233 22.5 Verliebtheit
234 22.6 Selbstfürsorge im Umgang mit schwierigen Patienten
235 Bevor wir zum Ende kommen…
236 Literatur
237 Stichwortregister
Liste der Übungsanleitungen



ÜbungTechnikSeite
Bevor wir beginnen …
Wenn Sie diese Zeilen lesen, dann haben Sie möglicherweise dieses Buch bereits erworben – wofür ich mich zunächst einmal von Herzen bedanken möchte! Oder vielleicht schauen Sie gerade rein, um herauszufinden, ob sich der Kauf lohnt. Dann hoffe ich, die Leseprobe gefällt Ihnen! In den nächsten Seiten möchte ich Ihnen zunächst etwas über meinen persönlichen Hintergrund, meine Erfahrungen mit Schematherapie und den Aufbau dieses Buches erzählen.
Der Kampf der Titanen
Die Rivalität zwischen verschiedenen Methoden und »Schulen« hat eine sehr lange Tradition in der Geschichte der Psychotherapie. Bereits in den 1910er Jahren zeigte sich die Rivalität zwischen US-amerikanischen behavioristischen Forschern, insbesondere J. Watson, und den europäischen tiefenpsychologischen und analytischen Therapien. Während wir uns in der Bundesrepublik Deutschland bei der Wahl des Verfahrens vor Beginn der Psychotherapie-Weiterbildung »nur« zwischen Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch-fundierter Psychotherapie und analytischer Psychotherapie sowie (seit 2020) Systemischer Psychotherapie entscheiden müssen, werden bspw. in Österreich oder in der Schweiz 23 Methoden im Rahmen der GKV-Leistungen anerkannt. Und auch wenn die altbekannte, fast dogmatische und rigide »Rivalität« zwischen Vertretern verschiedener Therapiemethoden in den letzten Jahren und v.a. innerhalb der jüngeren Generationen von Psychotherapeuten1 mehr und mehr überwunden werden konnte, begegnet uns im Alltag – spätestens im Rahmen von Tagungen und Kongressen – immer wieder diese alte »Feindseligkeit« zwischen den unterschiedlichen Verfahren.
Lassen Sie mich kurz etwas »Selbstöffnung« üben – übrigens eine Technik, die Sie in diesem Buch später finden werden: Ich habe sehr wohl solche Kämpfe und dogmatischen Diskussionen geführt. Und das Lustige dabei? Nicht immer spielte ich bei solchen Kämpfen für die gleiche Mannschaft! Zu Beginn meines Werdeganges und insbesondere im Rahmen meines Psychologiestudiums in Buenos Aires dominierten die Psychoanalyse und verschiedene tiefenpsychologische Entwicklungen mein psychotherapeutisches Verständnis. Und ich war immer gerne an der Diskussionsfront, um Abstand zu nehmen von den »oberflächlichen, mechanistischen, extrem reduktionistischen Verhaltenstherapeuten«. Ich ließ mich vielleicht auf Gespräche mit Systemikern ein, aber auch das war nicht immer leicht, denn dabei musste ich immer wieder gewisse »Schuldgefühle« in mir spüren, als würde ich »fremdgehen« und meine Ideale missachten. Etwas später im Leben kam die große Wendung: Ich begann die Weiterbildung zum Psychotherapeuten und stellte auf einmal fest, dass man diese Kämpfe auch mit einem anderen »Trikot« führen kann. Kämpfen ist sicherlich schön und unterhaltsam, aber auf Dauer auch ermüdend.
Bereits in den 1990er Jahren beschäftigte sich Klaus Grawe (Grawe et al 1994) mit der Notwendigkeit einer »Allgemeinen Psychotherapie« und der Überwindung dogmatischen Denkens zugunsten einer evidenzbasierten Indikation und Anwendung psychotherapeutischer Verfahren, Methoden und Techniken. Was ist der gemeinsame Nenner an der Arbeit eines Psychoanalytikers und eines Verhaltenstherapeuten? Die Patienten! Es handelt sich um menschliche Wesen, und sowohl der »psychische Apparat« von Sigmund Freud als auch die »lernende Blackbox« von John Watson sind nichts anders als verschiedene Betrachtungsweisen derselben menschlichen Phänomene. Und wenn dies der Fall ist, dann können wir zumindest versuchen, ein theoretisches Verständnis menschlicher Verhaltenssteuerung und seelischen Leidens zu entwickeln, auf das wir empirisch belegte Techniken und Methoden theoretisch zurückführen können. Je besser wir in der Lage sind, neurobiologische Prinzipien hinter kognitiven Funktionen, Emotionsgenerations- und regulationsprozessen sowie der Entstehung und Steuerung motorischer Reaktionen zu verstehen, desto leichter dürfte uns diese Aufgaben gelingen.
Das SORK-Schema als Rückkoppelungsmodell der Verhaltenssteuerung
An dieser Stelle vielleicht eine kleine Anmerkung vorab: Ich versuche hiermit nicht, die gesamte Geschichte der Psychotherapie mit zwei schönen Grafiken und einer kleinen Anleitung zu erklären! Als Praktiker brauchen wir aber ein Instrument oder Modell als orientierende Hilfe, mit dem wir verschiedene Einflüsse/Techniken miteinander kompatibel machen und sinnvoll anwenden. In meiner persönlichen Erfahrung bieten sich die SORK-Kategorien sehr gut dafür an.
Wenn Sie verhaltenstherapeutisch ausgebildet sind, dann dürfte Ihnen das SORK-Modell bestens bekannt sein. In den allermeisten Abbildungen wird das SORK-Schema für die Mikroanalyse eines Problemverhaltens in linearer Form dargestellt, was sich im Bericht an den Gutachter bei einem Psychotherapieantrag in aller Regel wiederfindet. Schauen wir uns das Beispiel einer typischen SORK-Analyse zum Verständnis agoraphobischer Vermeidung an: Unser Patient hat sich vorgenommen, heute alleine zum Supermarkt zu gehen und steht vor der Wohnungstür (S), vor dem Hintergrund ängstlicher Persönlichkeitszüge und einer erhöhten Fokussierung auf körperlicher Veränderungen (O) denkt er »Ich schaffe es nicht, es wird etwas Schlimmes passieren … mir ist es zuviel« (R-kog), er nimmt dabei Herzrasen und starke Unruhe wahr (R-phys) und fühlt Angst bis Panik (R-emot), sodass er sich umdreht und wieder im Wohnzimmer hinsetzt (R-mot), wobei er eine schnelle Reduktion von Unruhe, Herzrasen und Angst erlebt (K-kf: Ꞓ), sein negatives Selbstbild, seine dysfunktionalen Überzegungen und sein Vermeidungsverhalten werden aber langfristig gefestigt (C-). Diese lineare Darstellung S
O
R
K suggeriert ein sehr mechanistisch-reduktionistisches Verständnis von Verhaltenssteuerung.
Unser Nervensystem ist jedoch nicht als lineare Maschine, sondern als hoch anpassungsfähiges System mit ständigen Rückkoppelungsschleifen konzipiert, welches eine möglichst effektive Interaktion mit der Umwelt ermöglichen soll.
Wie würde dann eine Mikroanalyse aussehen, wenn wir das SORK-Schema nicht als Kette, sondern als ständigen Kreis darstellen würden? Der Patient steht vor der Tür (S), die für ihn bereits ein Hinweisstimulus für aversive Erlebnisse geworden ist (O), sodass sein Körper sofort mit leichter Unruhe reagiert (R-phys), woraufhin er denkt »Ich gehe nur einkaufen, was kann da schon passieren?« (R-kog) und kurz durchatmet (R-mot), was seine Unruhe für einen sehr kurzen Augenblick bremst (K-Kf), sodass er erneut die Tür anschaut (K-Lf und neuer S). Er nimmt immer noch eine leichte Unruhe wahr (R-phys), er denkt an den letzten Versuch vor einem Tag, der nicht gut endete (R-kog) und spürt leichte Angst (R-emot), woraufhin er sich selbst sagt »Ich muss das heute schaffen« (R-kog) und einen Schritt in Richtung Tür macht (R-mot), woraufhin er die Tür näherkommen sieht (K und neuer S), wobei er etwas mehr Angst und Unruhe wahrnimmt (K der Handlung und zugleich R-phys und emot)… Ich könnte vermutlich noch fünf Seiten schreiben, bis wir zu seiner Entscheidung kommen, heute nicht einkaufen zu gehen. Anschließend könnten wir aber gleich die nächste Mikroanalyse beginnen, denn nach seiner Entscheidung werden erst recht seine massiven Selbstvorwürfe und seine reaktive Depressivität bemerkbar.

Abb. 0.1: Das SORK-Modell
Das klingt zunächst sehr kompliziert. Man könnte es sogar sicherlich noch komplizierter machen, denn diese Rückkoppelungskreise sind sehr schnell und ergeben häufig eine Art Spirale (
Abb. 0.1), die am Beispiel der Agoraphobie manchmal zur Vermeidung, manchmal zum Verlassen des Hauses führt, jedoch während des Prozesses immer wieder fluktuiert. Es ist in der Tat für die Psychoedukation des Patienten völlig ausreichend, eine deutlich einfachere und lineare Darstellung seiner Symptomatik zu verwenden. Beim »geleiteten Entdecken« oder auch beim Hyperventilationstest leiten wir jedoch in aller Regel unsere Patienten vielmehr im Sinne der Feedbackschleife an und befragen sie zu ihren unmittelbaren Beobachtungen, denn während der praktischen Arbeit – anders als beim Verfassen eines Therapieantrags – wird uns bewusst, dass die lineare Darstellung der Mikroanalyse der Realität einfach nicht gerecht wird.
Das SORK-Modell ist zugegebenermaßen ein traditioneller verhaltenstherapeutischer Ansatz, sodass analytisch oder tiefenpsychologisch arbeitende genauso wie systemisch sozialisierte Kollegen zunächst etwas irritiert schauen dürften, wenn ich die SORK-Kategorien im Sinne eines Instruments zum allgemeinen psychotherapeutischen Verständnis verwende. Und das ist verständlich! Ich bitte Sie – wenn dies der Fall ist – dem Ganzen noch eine Chance zu geben. Das SORK-Modell als Darstellung ständiger Feedbackschleifen setzt keine besonderen Schwerpunkte, es wertet nicht das sichtbare Verhalten höher als die emotionalen oder die kognitiven Reaktionen. Die Wertung erfolgt innerhalb der einzelnen Theorien: Kognitive Therapeuten legen den Schwerpunkt auf kognitive Prozesse und deren Einfluss auf emotionale Reaktionen und das sichtbare Verhalten, klassische Verhaltenstherapeuten auf das sichtbare Verhalten, tiefenpsychologisch-analytische Kollegen auf die emotionalen Reaktionsanteile, Systemiker auf die Interaktionsmuster, welche in Beziehungen, Familien und Gruppen entstehen. Die Organismus-Variable spielt eine wesentliche Rolle, wenn wir die Rolle biologischer Prädispositionen und Lernerfahrungen konzeptualisieren möchten. Dort können wir unbewusste Prozesse, Triebe und Instinkte sowie assoziative Reizbeziehungen, dysfunktionale Grundannahmen oder auch regelgesteuert gelernte Bezugsrahmen einordnen. Und natürlich auch Schemata im Sinne der Schematherapie.
Interpersonelle Rückkoppelungskreise: »SORK im Kontext«
Wie weit kommen wir aber mit den SORK-Kategorien, wenn wir bspw. das Verhalten eines Menschen verstehen möchten, der anderen gegenüber sehr arrogant-entwertend oder sehr unterwürfig auftritt? Wie können wir versuchen, paar-, gruppen- und familientherapeutische Prozesse zu konzeptualisieren? Oder auch die Interaktion zwischen uns als Therapeuten und unseren Patienten? Das wird deutlich schwieriger, denn ein Interaktionspartner ist kein statischer Gegenstand, wie die Wohnungstür im vorherigen Beispiel!

Abb. 0.2: Das interpersonelle SORK-Modell
Sehen Sie sich Abb. 0.2 an (
Abb. 0.2): Aus dem Kreis im Sinne einer ständigen Schleife wird im Prinzip eine »8« mit zwei Kreisen, welche in einem ständigen Fluss miteinander interagieren! Hier entfällt aus praktischen Gründen das Kästchen »Konsequenz«, denn die wesentliche Konsequenz des eigenen Verhaltens ist die Reaktion des Gegenübers. Selbstverständlich ist die Lernerfahrung im Sinne einer Feedbackschleife in die »O-Variable« auch relevant, aber nicht das Zentrale, wenn wir eine interpersonelle Perspektive einnehmen.
Wieso ist die interpersonelle Perspektive so wichtig? Persönlichkeitsstörungen (PS) sind primär Interaktionsstörungen (Fiedler 1995). Und genau das macht die Behandlung von PS zu einer Herausforderung: man kann mit dieser Patientengruppe nicht arbeiten, ohne selbst in irgendeiner Form persönlich und emotional involviert zu sein. Man kann natürlich einen Schritt weiter gehen und ohne diagnosebezogene Einschränkung sagen, dass man insgesamt keine Psychotherapie machen kann, ohne persönlich und emotional involviert zu sein, denn unser »Therapeuten-Dasein« und unser »Mensch-Dasein« sind nur begrenzt trennbar. Während der Arbeit mit Patienten mit PS wird das besonders deutlich, denn als Psychotherapeuten werden wir im Laufe der Behandlung zu einer wichtigen Bezugsperson für unsere Patienten und nehmen dadurch ganz anders an seiner Symptomatik teil als im Falle einer Angststörung oder Depression.
Warum Schematherapie?
Was macht Schematherapie besonders? Die Schematherapie ist an sich ja keine wirklich neue Therapieform, sondern ein integratives, fast eklektisches Behandlungskonzept, welches explizit für die komplexe Arbeit mit Patienten mit PS konzipiert wurde. Vielleicht ist das das »Besondere«: ein sehr breites Spektrum an erlebnisorientierten Techniken, kognitiven Interventionen sowie Strategien zur Verhaltensmodifikation wird unter dem Mantel eines nicht nur neurobiologisch und lerntheoretisch fundierten, sondern auch für Patienten sehr gut verständlichen Erklärungsmodells kombiniert und zielgerichtet angewendet.
Die Punktprävalenz von Persönlicheitsstörungen unter psychiatrischen-psychotherapeutischen Patientenpopulationen scheint mit 40–60 % sehr hoch zu sein (Oldham et al. 1992; Herpertz et al. 1994; Kröger et al. 2010).
In anderen Worten: Jedem psychotherapeutisch tätigen Menschen begegnet täglich die Herausforderung, mit Patienten mit Persönlichkeitsstörungen zu arbeiten – sogar, wenn diese Diagnose nicht gestellt wurde.
Wie häufig kommen wir an unsere Grenzen z. B. bei der Anwendung von standardisierten Verfahren zur Behandlung von Achse-I-Störungen, wie etwa Konfrontationstechniken bei Angst- oder Zwangsstörungen, der Besprechung von Selbstbeobachtungsprotokollen und der stufenweisen Veränderung von Ernährungsgewohnheiten bei Essstörungen oder auch dem stufenweisen Aktivitätsaufbau bei Depressionen? Die Komorbidität mit PS ist bei all den o. g. Störungsbildern nicht gering, und das könnte eine mögliche Erklärung für den Auftritt von »Widerstand« während der Behandlung oder für negative therapeutische Reaktionen liefern. Und wenn wir noch einmal die hohe Prävalenz unter klinischen Populationen betrachten, dann sind wir als Psychotherapeuten im Grunde genommen darauf angewiesen, einen Pool an effektiven Techniken und einen konzeptuellen Rahmen für die Arbeit mit interaktionellen Problemen und PS zu haben.
Wenn Sie dieses Buch in der Hand halten und mit dem Lesen schon so weit gekommen sind, dann muss ich vermutlich nicht mehr versuchen, Sie von der Wirksamkeit und der klinischen Relevanz der Schematherapie (ST) zu überzeugen. Deswegen erspare ich uns jetzt die Aufzählung von Wirksamkeitsbelegen und Studienergebnissen und möchte mit Ihnen stattdessen meine persönlichen Gründe teilen, nach inzwischen fast 15 Jahren Schematherapieerfahrung weiterhin von ihr so begeistert zu sein:
• ST bietet uns ein sehr konkretes Instrumentarium für den Umgang mit den größten Herausforderungen in der Arbeit mit PS: Beziehungsaufbau und Umgang mit Konflikten in der Therapie, Stabilität der Therapiemotivation, Zielklärung, Arbeit mit emotionalen und kognitiven Mustern und Verhaltensmodifikation.
• ST ist auch ein Instrument zur systematischen Selbsterfahrung, denn mit dem Modusmodell lässt sich nicht nur das Verhalten eines persönlichkeitsgestörten Patienten erklären. Einerseits können wir bei der Bearbeitung interaktioneller Probleme zwischen uns und unseren Patienten »die gleiche Sprache« und die gleichen Techniken anwenden, um seine und unsere emotionalen, kognitiven und motorischen Reaktionen zu erklären sowie um den Konflikt zwischen uns zu begreifen. Andererseits bietet es sich natürlich an, auch im Kontext reiner Selbsterfahrung mit dem Modell zu arbeiten und diese Prinzipien auf uns und unsere eigenen Probleme anzuwenden.
• ST ist aufgrund ihrer transdiagnostischen, neurobiologischen und verhaltensanalytischen Fundamente hoch kompatibel mit zahlreichen anderen, nicht nur verhaltens-, sondern im Allgemeinen psychotherapeutischen Techniken und modernen Methoden.
• ST macht Spaß! Die Arbeit mit erlebnisorientierten Techniken wie z. B. Übungen mit mehreren Stühlen stellt eine hervorragende Möglichkeit dar, in verhältnismäßig wenig Zeit einem Menschen zu helfen, eigene Muster besser zu verstehen sowie mit unserer Hilfe aktiv zu intervenieren, um neue Möglichkeiten des Umgangs mit eigenen Gefühlen, Gedanken und Handlungstendezen auszuprobieren. Nicht nur ermöglichen solche Übungen sehr gezielt emotionale Aktivierung, Distanzierung und schaffen Raum für neue Interventionen, sie sind auch sehr lebendig und häufig »spielerisch-erfrischend«, was Patienten und Therapeuten motiviert. Auch das ist eine wichtige persönliche Antwort auf die Frage »Wieso Schematherapie?«: Weil sie Spaß macht! Und ganz nebenbei gesagt: Kinder lernen viel besser und effektiver, wenn sie in einer spielerischen Atmosphäre Spaß haben – wieso soll es bei uns Erwachsenen anders sein?
Der Aufbau dieses Buches und die praktische Anwendung
Dies Buch wurde als praktischer Leitfaden für die psychotherapeutische Praxis konzipiert, »von der Diagnostik und Probatorik bis zur Rückfallprophylaxe«.
Teil I beschäftigt sich in Kompaktform mit den wesentlichen theoretischen Grundlagen. Neben den drei »Säulen« der Schematheorie (Emotionale Grundbedürfnisse, Schemata und Schema-Modi) finden Sie dort die Grundlagen der interpersonellen und kontextuellen Perspektive in der Schematherapie.
Im Teil II finden Sie technische Grundlagen mit einem Überblick aller wichtigen Techniken sowie allgemeine praktische Empfehlungen.
Teil III zeigt Ihnen mit sehr vielen Übungsanleitungen die konkrete Umsetzung vom Erstgespräch bis zur Rückfallprophylaxe.
Sie können das Buch natürlich in der chronologischen Reihenfolge durchlesen. Sie können aber auch gezielt nach bestimmten Techniken im Umgang mit spezifischen Situationen suchen und es als »Nachschlagewerk« verwenden.
1 Zugunsten einer lesefreundlichen Darstellung wird in der Regel die neutrale bzw. männliche Form verwendet. Diese gilt für alle Geschlechtsformen (weiblich, männlich, divers).
Teil I: Theoretische Grundlagen
1 Emotionale Grundbedürfnisse
Eine wichtige Annahme der Schematherapie (und möglicherweise der Psychotherapie im Allgemeinen) besteht im Postulat universeller emotionaler Grundbedürfnisse. Universell bedeutet, dass diese so tiefgreifend sind, dass sie in jedem Menschen zu finden sind. Dies schließt natürlich nicht aus, dass von Individuum zu Individuum Unterschiede in der Intensität oder sogar der Priorisierung festgestellt werden können.
Vielleicht stellen Sie sich jetzt die Frage: »Wieso soll man sich mit emotionalen und insbesondere kindhaften Bedürfnissen beschäftigen, wenn man mit erwachsenen Patienten arbeitet?« Weil sich erst durch das mitfühlende Erleben des frustrierten Kindes in seiner damaligen Lebensumwelt die nachfolgend entwickelten Bewältigungsreaktionen verstehen lassen, die sich jetzt in der Interaktion mit dem Therapeuten und anderen Personen im jetzigen Leben wieder zeigen. Das Wissen, dass sich diese Person im Inneren gerade sehr verletzbar fühlt, sich schämt oder sogar panische Angst hat, erneut entwertet oder misshandelt zu werden, kann uns helfen, mit dem vordergründig gezeigten Verhalten effektiver umzugehen und dieses weniger persönlich zu nehmen. Dies kann in der unmittelbaren Arbeit sehr hilfreich sein, z. B. wenn ein narzisstischer Patient uns entwertet oder eine emotional instabile Patientin dissoziiert. Im zweiten Schritt hilft die konkrete Frage »Was hätte dieser Mensch anstelle dessen eigentlich gebraucht«, die aktivierten Bedürfnisse jetzt in der Therapie im Sinne einer korrigierenden emotionalen Erfahrung zu befriedigen. So erleben Patienten, dass es eine Alternative gibt zu ihren automatisierten, dysfunktionalen Bewältigungsreaktionen, und können im Erwachsenenmodus lernen, heute durch funktionales Verhalten ihre ja unverändert vorhandenen Grundbedürfnisse besser zu befriedigen.
In der deutschsprachigen schematherapeutischen Literatur werden Sie vor allem zwei Systematiken finden (
Tab. 1.1):
Tab. 1.1: Emotionale Grundbedürfnisse nach Young (2005) und Grawe (1998)

Grundbedürfnisse nach J. YoungGrundbedürfnisse nach K. Grawe
Das Modell von Young ist vor allem phänomenologisch-deskriptiv und beschreibt emotionale Grundbedürfnisse aus der Perspektive eines Kindes. Grawes Modell beschreibt emotionale Grundbedürfnisse aus erwachsener Sicht, weswegen ein Bedürfnis nach realistischen Grenzen hier kein direktes Korrelat findet. Dieses fehlende Bedürfnis nach realistischen Grenzen in Grawes Modell kann als »Kontrolle und Orientierung nach innen« (d. h. im Sinne von Impulskontrolle) verstanden werden (Roediger 2016). So lassen sich diese zwei Systematiken gut aufeinander beziehen.
Grundbedürfnisse aus einer biologischen Perspektive
Youngs und Grawes Systematiken sind v.a. psychologische Modelle. Emotionale Grundbedürfnisse haben jedoch ein tiefes biologisches Substrat und sind nicht nur menschliche Phänomene. Ich möchte Sie auf die Arbeit von Panksepp (2011) aufmerksam machen: Er unterscheidet auf einer physiologischen Ebene sieben fundamentale neurobiologische Motivationssysteme: Seeking (Neugier-System), Rage (Selbstbehauptungssystem), Fear (sicherheitsorientiertes Selbstschutzsystem), Lust (lustorientiertes System), Care (Versorgungssystem), Panic (Verlassenheitssystem) und Play (Spielsystem). Nach Panksepps Forschung (2011) ist bei drei Systemen das Hormon Oxytocin involviert: Care, Play und Lust (wobei das Verlassenheitssystem Panic eines Kindes mit dem Versorgungssystem auf Bezugspersonenseite interagiert). Oxytocin gilt bekanntlich als »Bindungshormon« und bildet eine biologische Grundlage von Vertrauen und bindungsbezogenem Verhalten (Kosfeld et al. 2005, Strathearn et al. 2009, Buchheim et al. 2009). Die Systeme Seeking, Rage und Fear weisen einen ganz anderen Charakter auf und zeigen eine grundsätzliche Selbstbehauptungstendenz.
1.1 Die dimensionale Perspektive: Bindung und Selbstbehauptung
Einerseits im Sinne einer maximalen Komplexitätsreduktion, andererseits aber auch aufgrund der klinischen Erfahrung in der Umsetzung schematherapeutischer Konzepte wird in diesem Buch mit den zwei vermutlich fundamentalsten, phylogenetisch bedingten Grundtendenzen gearbeitet: Bindung (d. h. liebevoll-entspannte Hinwendung zu anderen im Sinne pro-sozialen Verhaltens) und Selbstbehauptung (d. h. angespannt selbstbezogen-kontrollorientiertes Verhalten).
Bindung
Die sichere Bindung zu anderen Menschen ist nicht nur aus emotionaler Sicht von hoher Bedeutung, sondern stellt auch eine Bedingung für das Überleben eines Neugeborenen dar: Im Vergleich zu anderen Tierarten werden wir Menschen sehr unreif geboren und benötigen mehrere Jahre bis zur Erreichung der notwendigen Reife, um selbstständig zu überleben. In fMRT-Studien konnte gezeigt werden, dass bei Menschen das Erleben von Isolation und Ausgrenzung zu fast den gleichen Aktivierungen in der Inselregion des Kortex führt wie das Erleben von körperlichem Schmerz (Eisenberger et al. 2003). Das Bindungsbedürfnis sorgt dafür, dass Menschen Gruppen bilden und miteinander sozialisieren und kooperieren.
Der Wunsch nach sozialer Zugehörigkeit und nach Kontakt zu anderen Artgenossen ist nicht nur bei Menschen basal: Säugetiere könnten im Allgemeinen ohne eine starke Bindung zwischen Mutter und Kind nicht existieren. Wie verhält es sich jedoch mit ausgewachsenen Säugetieren? Harlow wies bereits 1958 nach, dass auch bei Rhesusaffen das Bindungsbedürfnis stärker ist als das Bedürfnis nach konstanter Nahrungsaufnahme. Auch Cairns postulierte 1966 eine allgemeine bindungsorientierte Verhaltenstendenz bei Säugetieren und konnte verschiedene Faktoren herausarbeiten, die den Bindungsaufbau verschiedener Tierarten beeinflussen. Aber auch ohne eine ausführliche Literaturrecherche begegnet uns das Bindungsbedürfnis anderer Tierarten alltäglich: Wie reagiert bspw. ein Hund, wenn sein Herrchen nach vielen Stunden Abwesenheit wieder da ist?
Selbstbehauptung
Der Wunsch nach autonomen Handlungen ist ebenfalls nicht nur bei Menschen zu beobachten, sondern ebenso eine Regung, die Ihnen auch alltäglich begegnen wird, wenn Sie Haustierbesitzer sind – besonders wenn Ihr tierischer Mitbewohner eine Katze ist. Selbstbehauptung stellt die andere Seite dieser Polarität dar und beinhaltet alloplastisch-externalisierende Tendenzen des Organismus, die auch im physiologischen Sinne zur Aktivierung führen und einerseits selbstwirksames und zielgerichtetes, andererseits in sozialen Situationen dominantes Verhalten ermöglichen.
1.1.1 Wieso eine dimensionale Perspektive?
Aus theoretischer Sicht hat solch ein dimensionales Verständnis mit zwei Grundpolaritäten als fundamentaler Beschreibungsebene sozialer Beziehungstendenzen eine historische Tradition und findet in zahlreichen Denkmodellen seinen Niederschlag: Der Philosoph David Bakan (1976) unterscheidet bspw. zwischen »Communio« und »Actio« und Sigmund Freud (1920) stellt im Rahmen seiner Strukturtheorie die Hypothese einer ebenso dichotomischen Zuordnung von Trieben in »Eros« (bindungsorientierte Tendenz oder »Lebenstriebe«) und »Thanatos« (selbstbehauptungs- und Individualisierungsorientierte Tendenz oder »Todestriebe«).
Das »2-Polaritäten-Prinzip« finden Sie aber auch in unserem vegetativen Nervensystem: Sympathikus (Aktivität und Energieverausgabung) und Parasympathikus (Passivität und Erholung) bilden eine solche Dimension. Die folgende Tabelle zeigt einen Überblick solcher Polaritäten entlang der übergeordneten Dimension Bindung 
Sebstbehauptung (
Tab. 1.2).
Tab. 1.2: Die Polarität von Bindung und Selbstbehauptung im Überblick
BindungSelbstbehauptung
1.1.2 Wie interagieren Bindung und Selbstbehauptung?
Die Polyvagale Theorie von Porges (2011) liefert dabei eine mögliche Antwort. Mit dem Begriff der »Neurozeption« beschreibt er einen vegetativen (unbewussten) Prozess, der nach der Wahrnehmung von Umweltreizen in der aktuell erlebten Situation (wie z. B. bei der Begegnung mit einem fremden Menschen auf der Straße) eine Einstufung dieser Situation in die Kategorien »sicher«, »gefährlich« oder »lebensbedrohlich« ermöglicht. Porges postuliert eine zentrale Funktion des Vagusnervs sowie drei Subsysteme des autonomen polyvagalen Nervensystems, wobei er von einer Hierarchisierung ausgeht. Der Organismus wählt zuerst den neuesten Komplex (ventrovagal) und greift auf den jeweiligen älteren zurück, wenn der neuere nicht funktioniert.
Das ventrovagale (parasympathische) System. Der ventrovagale Zweig des Vagusnerves ist phylogenetisch jünger, myelenisiert und kommt nur in Säugetieren vor. Dieser Zweig steht in Verbindung mit Herz, Lunge und Verdauungssystem und ist in der Lage, sympathische Aktivierungen zu hemmen (die sogenannte »Vagus-Bremse«), da diese in einer sicheren Umgebung nicht notwendig sind und soziale Interaktionen stören. Durch die Regulation sympathischer Reaktionen werden in sozialen Interaktionen Ärger und Angst reguliert und die Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Stressachse) gesenkt. Dieses System ermöglicht eine prosoziale Selbstberuhigung, bewusstes Atmen, sorgfältige Wortwahl und insgesamt bindungsbezogene Annäherung. Darüber hinaus reguliert der Vagusnerv teilweise unsere Gesichtsmuskulatur sowie Muskeln im Mittelohr und in Augenliedern sowie Muskeln beteiligt in der Bewegung des Kopfes. Durch diese Regulation von Mimik ist das ventrovagale System auch in der Lage, nicht nur sich selbst sondern auch anderen Menschen in unsere Umgebung ein Gefühl von Sicherheit und Beruhigung zu vermitteln.
Der Sympathikus aktiviert den Körper und mobilisiert ihn zu den körperlichen Reaktionen Flucht oder Kampf. Der Sympatikus ist ebenfalls myelenisiert, was schnelle Informationsübertragungen ermöglicht.
Das dorsovagale System ist ein Überlebenssystem. Der dorsale Anteil des Vagus ist nicht myelenisiert und interagiert mit dem Hirnstamm, der genetisch »programmiert« ist. Unter Lebensgefahr schaltet der dorsale Vagus unsere phylogenetisch jüngeren Hirnstrukturen über das Hormonsystem aus. Das explizite Gedächtnis wird vom Entscheidungsprozess ausgeschlossen, dadurch wird die Reaktionszeit verkürzt. Unter Lebensgefahr schaltet der dorsale Zweig des Vagusnerves Herz, Atmung und Verdauung auf Minimalbetrieb: Puls und Blutdruck sinken dabei dramatisch, man atmet kaum noch und die Stoffwechselaktivität wird praktisch eingestellt. Dies führt zu Immobilität (Freezing oder Totstellreflex).
1.2 Emotionale Grundbedürfnisse sind keine konkreten Wünsche
Wir unterscheiden sehr gezielt zwischen konkreten Wünschen und Grundbedürfnissen. Unter »konkretem Wunsch« verstehen wir ein von außen gut sichtbares Geschehen im Sinne einer Szene oder einer bestimmten Handlung, wie etwa »Bitte nimm mich in den Arm« oder »Ich möchte, dass Du heute den Müll runterbringst.« Wünsche sind im Kontext dieser Unterscheidung in der Regel situationsabhängig, eher wenig flexibel und als »Du-Formulierungen« gut darstellbar. Grundbedürfnisse dahingegen sind nicht situations- oder personenabhängig und vor allem als »Ich-Formulierungen« darstellbar. Vielleicht können wir dazu eine kurze Selbsterfahrungsübung machen, einverstanden?
Selbsterfahrungsübung
Wir werden eine kleine Imaginationsübung versuchen. Falls Sie bereits Erfahrung mit Imaginationstechniken haben (oder sogar an einem Seminar an unserem Institut zu diesem Thema teilgenommen haben), dann wissen Sie natürlich schon, dass es durchaus empfehlenswert ist, sich zwar bequem hinzusetzen aber sich nicht ganz in den Stuhl »fallen zu lassen«, insbesondere wenn man müde ist. Und Sie wissen auch, dass Imaginationsübungen häufig besser funktionieren, wenn der Übende mit beiden Füßen auf den Boden sitzt und dabei die Augen entweder zumacht oder – wenn dies nicht möglich ist – den Blick auf den Boden richtet. Dann können wir jetzt mit der Übung beginnen!
Teil 1
Zuerst werde ich Sie bitten, sich diese Frage zu stellen: Was müsste heute Abend konkret passieren, so dass ich mich freue und glücklich fühle? Ich meine tatsächlich eine konkrete Beschreibung eines Erlebnisses. Sie könnten z. B. sagen, Sie wünschen sich vor allem, dass wenn Sie von der Arbeit nach Hause kommen, Ihre Kinder oder Ihr(e) Partner(in) auf Sie warten und Ihnen sagen, wie sehr sie sich freuen, weil Sie wieder da sind. Vielleicht wünschen Sie, dass jemand für Sie ein spezielles Gericht zubereitet. Oder Sie wünschen sich einen Überraschungsbesuch durch einen engen Freund. Es gibt sehr viele Möglichkeiten. Versuchen Sie, sich für ein Bild zu entscheiden. Anschließend werden Sie versuchen, möglichst mit geschlossenen Augen, sich auf die Situation gedanklich einzulassen und diese so lebhaft wie möglich zu erleben. Vor dem inneren Auge sollte sich das Ganze wie ein Film abspielen, wobei Sie sich auf Ihr emotionales Erleben und Ihre Körperempfindungen konzentrieren werden.
Wenn Sie die Situation gewählt haben und bereit sind, dann suchen Sie jetzt die passende Sitzhaltung und machen Sie wenn möglich die Augen zu, um sich möglichst intensiv mit dem »Wunschbild« zu beschäftigen. Nehmen Sie sich dafür 3–4 Minuten Zeit und lesen Sie unten erst weiter, wenn Sie mit Teil 1 fertig sind!
Teil 2
Wenn Sie ein passendes Bild gewählt hatten, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie gerade Freude erlebten und ein angenehmes, warmes Gefühl ums Herz wahrgenommen haben. Ich muss Sie leider warnen: Mit der nächsten Aufgabe werden wir dieses schöne Gefühl leider wieder verschwinden lassen. Ich werde Sie bitten, wieder ca. 3–4 Minuten die Augen zu schließen und sich vorzustellen, dass heute Abend genau das Gegenteil dessen eintritt, was Sie sich vorhin vorgestellt haben. Auch hier versuchen Sie bitte, diese Situation möglichst konkret und lebhaft zu erleben und achten Sie erneut v.a. auf Ihr emotionales Erleben und Ihre körperlichen Reaktionen. Bereit? Dann machen Sie bitte erneut die Augen zu und lesen Sie erst weiter, wenn Sie mit Teil 2 fertig sind.
Teil 3
Welches Bild kam Ihnen in den Sinn? Die Aufgabe, sich »das Gegenteil« vorzustellen, kann ja verschiedene Alternativbilder ergeben haben. Aber bevor wir wieder in die »Erklärung« gehen, möchte ich Ihnen noch diese Frage stellen: Was vermissen Sie bei der zweiten Vorstellung? Was kommt zu kurz? Was brauchen Sie wirklich? Was fehlt Ihnen? Versuchen Sie, eine Antwort darauf zu finden, bevor Sie weiterlesen!
Emotionale Grundbedürfnisse sind tiefere »Grundtendenzen«, wobei deren Umsetzung je nach Situation sehr unterschiedlich aussehen kann. Konkrete Wünsche können also als mögliche Realisierungen dieser Grundbedürfnisse angesehen werden. Und in den meisten Fällen lassen sich Alternativen finden. Deswegen ist diese Unterscheidung so wichtig!
Wieso ist also diese Unterscheidung so wichtig? Das Festhalten an konkreten Wünschen ist im Prinzip die Einladung zur Aktivierung eines Bewältigungsmodus. Und Bewältigungsmodi sind wiederum die Einladung zu Konflikten und psychopathologischen Symptomen.
Fallbeispiel: Emotionale Grundbedürfnisse
Eine 24-jährige Patientin mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) wurde während der Behandlung von ihrem Freund verlassen. Ihre Ursprungsfamilie lebte weit weg in einem anderen Bundesland, und als ihr Freund sie bat, aus dessen Wohnung bald auszuziehen, versuchte die Patientin zunächst ihren Vater zu kontaktieren. Ihr Vater hatte die Familie verlassen, als sie noch ein Kind war, und war in den ganzen Jahren kaum präsent gewesen, sodass auch dieses Mal keine wirklich positive Reaktion seinerseits zu erwarten war. Und in der Tat reagierte er ablehnend und desinteressiert, was die Patientin sehr verletzte und auch wütend machte. Während der Arbeit mit mehreren Stühlen wurde klar, dass sie sich nach Bindung und Nähe sehnte, gleichzeitig aber den sehr konkreten Wunsch hatte, diese endlich von ihrem Vater zu bekommen. Dieser Wunsch war sehr unflexibel und sie zeigte große Schwierigkeiten, von diesem loszulassen. Erst im Verlauf der Übung konnte sie Kontakt mit ihrer Traurigkeit und Einsamkeit aufnehmen und feststellen, dass sie einfach Nähe und Wärme brauchte. Und dass sie diese von Freunden vor Ort und auch von ihrer Mutter sowie deren Partner bekommen konnte.
Ein weiterer »strategischer« Grund für die Unterscheidung zwischen Wünschen und Grundbedürfnissen ist auch die Erfahrung, dass sich beim Fokus auf Grundbedürfnisse viel schneller Basisemotionen erkennen und aktivieren lassen, die sich wiederum entsprechend den Kindmodi »hinter den Kulissen« zuordnen lassen. Aber das sind Konzepte, die ich Ihnen noch nicht erklärt habe. Lassen Sie uns gleich zum nächsten Kapitel gehen und weitermachen!
1.3 Fazit
Es gibt zahlreiche psychologisch-deskriptive Modelle zur Konzeptualisierung emotionaler Grundbedürfnisse, wobei Youngs und Grawes Systematiken in der schematherapeutischen Literatur am Bekanntesten sind. Die Arbeit mit den Grundpolaritäten Bindung und Selbstbehauptung ersetzt keinesfalls diese Systematiken! Ihnen vertraute Modelle sowie die bereits erwähnten Systematiken lassen sich sehr gut entlang dieser Dimension platzieren und ich kann Sie nur ermutigen, dies zu versuchen, falls Sie gerne mit einem anderen Modell arbeiten. Der praktische Gewinn in der direkten Arbeit mit Patienten ist sehr groß: Es vereinfacht enorm die Psychoedukation und es ermöglicht uns eine sehr flexible/lebendige Anwendung des Modells, denn Basisemotionen, Schemata und insbesondere Modi lassen sich sehr gut entlang dieser Dimension einordnen. Die zwei Polaritäten bilden darüber hinaus die Basis für die Unterscheidung zwischen »internalisierenden und externalisierenden« Modusdynamiken (
Kap. 5). Aber so weit sind wir noch nicht. Lassen Sie uns als Nächstes mit dem Schemakonzept weitermachen.
2 Emotionsgeneration und -regulation
2.1 Basisemotionen
Emotionen haben aus einer biologischen und evolutionspsychologischen Perspektive einen Signalcharakter, sowohl für einen selbst als auch für die Umwelt. Einerseits liefern emotionale Reaktionen sehr wichtige »intrapsychische Informationen« für einen selbst und weisen einen darauf hin, dass Grundbedürfnisse in der aktuellen Interaktion mit der Umwelt befriedigt bzw. frustriert werden. Andererseits signalisieren emotionale Reaktionen eines Individuums und insbesondere deren Ausdruck in Mimik und Gestik der Außenwelt, wie es demjenigen geht und was er gerade braucht, vermisst oder nicht ausreichend bekommt. Darüber hinaus haben Emotionen eine verhaltensregulative Funktion, denn sie beinhalten Handlungstendenzen und beeinflussen somit unsere Verhaltensweisen und sichtbaren Handlungen.
Paul Ekman (2003) beschreibt vor dem Hintergrund der Forschung kulturunabhängiger emotionaler Ausdrücke (insbesondere Mimik) fünf Basisemotionen: Angst, Traurigkeit, Ekel, Ärger und Freude. Diese fünf Grundemotionen bilden nicht nur die Essenz zwischenmenschlicher emotionaler Reaktionen sehr gut ab, sondern ermöglichen in unserer Erfahrung eine sehr gute Differenzierung in der Psychoedukation und in der direkten Arbeit mit Patienten. Während die ersten vier Basisemotionen als »Alarmzeichen« für die Frustration emotionaler Grundbedürfnisse angesehen werden können und in engem Zusammenhang mit den anschließenden Reaktionen auf der Handlungsebene stehen, stellt die 5. Basisemotion Freude ein Zeichen der »Entwarnung« bzw. der Befriedigung emotionaler Grundbedürfnisse dar.
2.2 Neurobiologische Grundlagen
Es gibt mehrere kortikale und subkortikale Strukturen, die in der affektiven Verarbeitung von Stimuli und der Emotionsgeneration und -regulation involviert sind. Aktuelle Forschungsergebnisse weisen bzgl. der Emotionsgeneration insbesondere auf die zentrale Rolle von vier Regionen hin (Ochsner et al. 2012; Paus 2001; Pessoa und Adolphs 2010): die Amygdala, der Hippocampus, das ventrale Striatum und der ventromediale präfrontale Kortex (VMPFC), der die emotionale »Bedeutsamkeit« der in den ersten drei Strukturen »bottom-up« generierten emotionalen Stimuli beobachtet und bewertet. Die Amygdala ist nicht nur bei Angstreaktionen aktiv (wie früher angenommen), sondern vermutlich in komplexer Weise an der gesamten Arousalmodulation und der sozial-emotionalen Einschätzung von Stimuli beteiligt. Also auch bei belohnungsversprechenden sozialen Situationen (Damasio et al. 2000).
Insbesondere Regionen des lateralen präfrontalen Kortex (LPFC) scheinen eine zentrale Funktion bei der »top-down« Modulation der o. g. Strukturen und somit bei der Regulation emotionaler Reaktionen zu spielen: der ventrolaterale präfrontale Kortex (VLPFC) und der dorsolaterale präfrontale Kortex (DLPFC; Ochsner et al. 2012). Der VMPFC scheint nicht nur bei der Emotionsgeneration eine wesentliche Rolle zu spielen, sondern auch zwischen DLPFC und der Amygdala während der emotionalen »Bewertung« externer Stimuli zu vermitteln und somit eine Schlüsselrolle auch in der Emotionsregulation zu spielen. Banks et al. (2007) konnten z. B. nachweisen, dass die Interaktion zwischen Amygdala (Emotionsgeneration) und diesen beiden Strukturen bei Menschen mit besserer Affektregulation signifikant höher ist.
2.2.1 Komplexe neuronale Netzwerke (»large scale brain networks«)
Komplexe Prozesse im Gehirn werden in der modernen neurobiologischen Forschung weniger als Aufgabe einzelner Strukturen, sondern als das Ergebnis der funktionalen Zusammenarbeit verschiedener Strukturen verstanden. Eine Gruppe von synchron aktiven Hirnregionen wird in diesem Kontext als Netzwerk bezeichnet.
In rs-fMRI (resting state functional MRI)-Studien konnten zwei antikorrelierte Netzwerke identifiziert werden (Seeley et al. 2007), welche in Bezug auf Emotionsgeneration und -regulation von hoher Relevanz zu sein scheinen: das Ruhezustandsnetzwerk (default mode network DMN) und das exekutive Kontrollnetzwerk (executive control network ECN). Das Salienznetzwerk (salience network SN) scheint eine entscheidende Rolle beim »Wechseln« zwischen DMN und ECN zu spielen (Menon und Uddin 2010; Menon 2015).
Default Mode Network (DMN)
Das Ruhezustandsnetzwerk (DMN), auch Standardnetzwerk genannt, aktiviert sich, wenn der Fokus der Aufmerksamkeit nicht nach außen, sondern nach innen gerichtet wird und der Mensch sich in einer Art Ruhezustand befindet, in dem er selbstreflektiert in Kontakt mit eigenen Gedanken, Emotionen, Motivationen und autobiografischen Erinnerungen kommt sowie seine Zukunft plant und verschiedene Perspektiven visualisieren kann (Raichle und Snyder 2007; Buckner et al. 2008). Der VMPFC gilt als wesentlicher Kern des DMN, wobei auch die Amygdala und der Hippocampus damit in Verbindung gebracht werden. Auch zum DMN gehören der dorsomediale präfrontale Kortex (DMPFC), der perigenuale anteriore cinguläre Kortex (pACC) und der posteriore cinguläre Kortex (PCC), der inferiore Parietallappen (IPL) und der laterale temporale Kortex (LTC).
Executive control network (ECN)
Exekutive Kontrollnetzwerke sind aktiv während Tätigkeiten und kognitiv anspruchsvollen Aufgaben, welche nach Außen gerichtete Aufmerksamkeit benötigen (Seeley et al. 2007; Fox et al. 2005; Uddin et al. 2009). Die ECN-Aktivierung ermöglicht im Gegenteil zum DMN eine zielgerichtete Aufmerksamkeitsfokussierung und spielt somit eine entscheidende Rolle bei der Entstehung lösungsorientierten außengerichteten Verhaltens. Der DLPFC gilt als der wesentliche Kern des ECN, zusammen mit dem ventrolateralen präfrontalen Kortex (VLPFC) und dem superioren Parietallappen (SPL). DMN und ECN sind wie bereits erwähnt antikorrelierend: ECN-Aktivierung führt zur Hemmung vom DMN.
Salience network (SN)
Dieses Netzwerk scheint nicht nur eine wichtige Rolle bei der Identifikation und Integration bedeutsamer emotionaler und sensorischer Stimuli zu spielen, sondern beeinflusst auch die Fokussierung der Aufmerksamkeit und die Verwaltung von Ressourcen des Arbeitsgedächtnisses (Menon 2015). Das Salienznetzwerk könnte dabei also eine wesentliche Rolle beim gerichteten »Wechsel« zwischen DMN und ECN spielen. Die wesentlichen Kerne des SN sind die anteriore Inselrinde oder Insula (AI) und der dorsoanteriore cinguläre Kortex (dACC). Zum SN zählen aber auch subkortikale/limbische Strukturen: Amygdala, Ventrales Striatum und Substantia nigra. Dieses Netzwerk scheint aufgrund seiner dynamischen »Mediationsrolle« zwischen DMN und ECN bei zahlreichen komplexen Funktionen beteiligt zu sein, unter anderem beim sozialen Verhalten und der zwischenmenschlichen Kommunikation (Craig 2009; Menon und Uddin 2010; Menon 2015).

Abb. 2.1: Neurobiologische Grundlagen (Smesny 2018, S. 2; Abdruck mit freundlicher Genehmigung)
Psychotherapeutische Techniken unterbrechen automatisierte außenfokussierte Bewältigungsreaktionen (ECN) und versetzen den Patienten gezielt in selbstreflexive Zustände (DMN), bei denen der Fokus der Aufmerksamkeit auf sich und die eigene »Innenwelt« gerichtet wird. Anschließend wird in der Psychotherapie das Erlernen bewusster Kontrollfertigkeiten mittels konkreter Übungen angestrebt, bei denen der Patient seine Aufmerksamkeit wieder nach außen orientiert und neue adaptivere Bewältigungsstrategien ausübt (ECN).
2.3 Akzeptanz als Emotionsregulationsstrategie
Psychologische Modelle zum Verständnis von Emotionsregulation können prinzipiell in zwei Gruppen kategorisiert werden: Modelle mit Fokus auf Veränderungsstrategien und Modelle mit Fokus auf Akzeptanz. Akzeptanzorientierte Modelle sind verhältnismäßig neue Entwicklungen. In diesem Fall erfolgt Emotionsregulation nicht durch direkte Veränderung, sondern »indirekt« im Rahmen des Erlernens von Strategien zur emotionalen Akzeptanz, welche sich in Verfahren der 3. Welle der Verhaltenstherapie wie DBT oder ACT wiederfinden. Patienten werden dabei angeleitet, Bewältigungsversuche im Sinne einer aktiven Emotionsregulation zu unterlassen und stattdessen angehalten, Emotionen wahrzunehmen und aus einer funktionellen inneren Distanz zu beschreiben und zu akzeptieren, ohne gegen sie anzukämpfen.
Während Behandlungsstrategien in der Schematherapie ursprünglich entsprechend der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Tradition stark zu einem veränderungsorientierten Denken im Umgang mit emotionalen Aktivierungen tendierte, nähern sich Weiterentwicklungen innerhalb der modernen Schematherapie deutlich den Verfahren der 3. Welle an und integrieren sowohl veränderungsorientierte als auch akzeptanzbasierte Strategien der Emotionsregulation.
3 Das Schemakonzept
3.1 Die Lerntheorie der Schemaentstehung
Wenn emotionale Grundbedürfnisse eines Kindes unmittelbar frustriert werden, dann kommt es zunächst zu einer emotionalen Reaktion. Es kann angenommen werden, dass die Intensität dieser Reaktion im Zusammenhang mit der Intensität der Frustration steht. Abhängig davon, ob eher das Bindungs- oder das Selbstbehauptungsbedürfnis frustriert ist, erlebt das Kind Angst, Trauer, Ekel (genervt sein) oder Ärger, mit entsprechenden physiologischen Reaktionen. Als Möglichkeiten der Bewältigung stehen dem Kind vier prototypische Strategien zur Verfügung: Folgen (prosoziales Verhalten), Erstarren (über sich ergehen lassen), in die Flucht gehen und Kämpfen. Die Wahl der Reaktion wird möglicherweise durch das Temperament beeinflusst, v. a. jedoch durch die bisherige Lerngeschichte. Denn die sichtbare Handlung des Kindes führt zu einer Reaktion des Umfelds. Insbesondere die sich wiederholenden Reaktionen wichtiger Erziehungspersonen beeinflussen im Sinne eines operanten Lernens das künftige Verhalten des Kindes. Nicht nur die sichtbaren Handlungstendenzen des Kindes werden im Hinblick auf deren »Effektivität« im Umgang mit anderen Menschen im Rahmen dieses Lernprozesses erlernt, sondern auch die emotionalen und physiologischen Reaktionsanteile. Dadurch entstehen komplexe emotionale Erlebnis- bzw. unbewusste Bewertungsmuster. Dazu gehören auch die Hinweisstimuli im Sinne der klassischen Konditionierung. Kognitive Regeln werden extrahiert und Aussagen/Denkmuster der wichtigen Erziehungsfiguren internalisiert, was zur Entstehung von Grundüberzeugungen führt. Der komplexe Niederschlag solcher sich wiederholenden Erfahrungen bestehend aus erlernten Hinweisstimuli, emotionalen und physiologischen Reaktionen sowie kognitiven (später versprachlichten) Grundüberzeugungen stellt Erlebnismuster dar und wird im Kontext der ST im theoretischen Konstrukt eines »Schemas« zusammengefasst (
Abb. 3.1).
Abb. 3.1: Die Lerntheorie der Schemaentstehung
3.2 Frühe maladaptive Schemata
Frühe maladaptive Schemata können primär als Erlebnismuster verstanden werden, die vor dem Hintergrund genetischer Prädispositionen als Ergebnis toxischer Beziehungserfahrungen in der Kindheit entstehen und im Erwachsenenalter die Art und Weise beeinflussen, wie wir uns, andere und unsere Umwelt im Kontext einer aktuellen Situation emotional wahrnehmen und interpretieren.
Young postulierte vier Kategorien von Lebenserfahrungen, die zu Frustration von Grundbedürfnissen und zur Entstehung dysfunktionaler Schemata führen: Fehlen positiver Erlebnisse (z. B. zu wenig Stabilität oder Zuwendung), Übermaß an bestimmten Erlebnissen (z. B. zu viel Nähe, Verstrickung, zu strenge Grenzen), Misshandlung/Traumatisierung und die Identifikation mit wichtigen Personen und selektive Internalisierung von deren Emotionen/Ansichten/Haltungen.
Der Begriff »Schema« ist im psychotherapeutischen Kontext nicht neu: A. Beck verwendete den Begriff bereits in den 1960ern, verstand Schemata jedoch primär als kognitive Komplexe von Grundannahmen. In der ST sind Schemaaktivierungen jedoch essenziell emotionaler/physiologischer Natur und können im lerntheoretischen Sinne in aller Regel auf eine sehr frühe, oft vorsprachliche Zeit im Leben eines Menschen zurückgeführt werden. Formulierungen wie etwa »Ich werde immer…« oder »Wenn… dann«-Sätze sind für die Definition von Schemata und die Kommunikation sowohl zwischen Kollegen als auch zwischen Therapeuten und Patienten unumgänglich. Das Schema Verlassenheit wird z. B. häufig mit Sätzen wie »Ich werde immer verlassen« oder »Ich kann mich auf niemanden verlassen« erklärt. Der Fokus des Schemakonzeptes besteht jedoch im emotionalen Erleben. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zur Verwendung des Begriffs »Schema« im Rahmen der kognitiven Therapie.
Fallbeispiel – 25-jährige Patientin mit Borderline-Persönlichkeitsstörung
Eine 25-jährige Patientin mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) bekam während ihrer stationären Behandlung eine SMS von ihrem Freund: »Schatz, ich komme dich heute nicht besuchen, weil ich mit meinen Jungs was essen gehe.« Er besuchte sie ansonsten fast jeden Abend und zeigte sich bemüht und fürsorglich. Die Patientin reagierte für einen sehr kurzen Moment mit Angst und unmittelbar danach mit Ärger/Wut. Sie schrieb ihm zurück: »Du Idiot… ich hoffe du erstickst an deinem Essen«. Diese Patientin erlebte sehr früh in ihrem Leben Verlassenheit durch ihre Eltern: Ihr gewalttätiger Vater verließ die Familie, als sie zwei Jahre alt war, ihre Mutter arbeitete in einem Schichtsystem und war häufig bis abends außer Haus. Die SMS löst die Aktivierung des Schemas »Verlassenheit/Instabilität« aus, sie erlebt eine starke emotionale Aktivierung (»bottom-up«), welche jedoch im Sinne der O-Variable die Wahrnehmung der Situation und sogar der Beziehung zu ihrem Freund stark beeinflusst, ohne dass sie einen Bezug zu dieser Erinnerung herstellen kann. Es zeigen sich auch kognitive Reaktionsanteile wie etwa »Er hat bestimmt eine andere und wird mich verlassen.« Diese sind aber wahrscheinlich der emotionalen Reaktion nachgeordnet. Die Patientin reagiert emotional und zunächst unbewusst auf ihre früheren Erfahrungen. Die »alten Bilder« und die aktuelle Situation »überlappen sich«. In Unkenntnis dieser Überlappung wird die emotionale Reaktion ausschließlich auf ihren Partner übertragen, der sie natürlich nicht einordnen kann.
Die Schematheorie verfolgt primär das Ziel, die Psychopathologie von PS zu erklären. Aus diesem Grund findet sich in der Schematheorie keine Auflistung funktionaler, sondern nur maladaptiver Schemata. Die 18 Schemata unserer Schematheorie sollen nicht als vollständige Persönlichkeitstheorie verstanden werden, sondern als empirisch gewonnene und für die praktische Behandlung von PS sehr hilfreiche Ordnungsstruktur, welche die komplexe Pathologie dieser Patientenpopulationen besser verstehen lässt. Schemata werden abhängig vom frustrierten Grundbedürfnis in fünf Schemadomänen zusammengefasst:
Domäne I: Abgetrenntheit und Ablehnung (Bindung)
1. emotionale Entbehrung
2. Verlassenheit und Instabilität
3. Misstrauen/Missbrauch
4. Isolation
5. Unzulänglichkeit/Scham
Domäne II: Beeinträchtigung von Autonomie und Leistung (Autonomie)
1. Erfolglosigkeit/Versagen
2. Abhängigkeit und Inkompetenz
3. Verletzbarkeit
4. Verstrickung/Unentwickeltes Selbst
Domäne III: Beeinträchtigung im Umgang mit Grenzen (Grenzen)
1. Anspruchshaltung/Grandiosität
2. unzureichende Selbstkontrolle
Domäne IV: Übertriebene Außenorientierung und Fremdbezogenheit (Freiheit, Emotionen und Bedürfnisse zu äußern)
1. Unterordnung/Unterwerfung
2. Aufopferung
3. Streben nach Zustimmung
Domäne V: Übertriebene Wachsamkeit und Gehemmtheit (Spontaneität und Spaß)
1. emotionale Gehemmtheit
2. überhöhte Standards
3. negatives Hervorheben/Pessimismus
4. Bestrafungsneigung
3.2.1 Emotionale Entbehrung
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema entsteht häufig durch die Erfahrung, nicht ausreichend gesehen und emotional versorgt zu werden. Der Mangel an emotionaler Wärme und Geborgenheit führt zu Einsamkeit und »Haltlosigkeit«. In manchen Fällen handelt es sich um physisch abwesende, manchmal aber auch um körperlich anwesend jedoch emotional distanzierte Bezugspersonen. Auch in großen Familien kann es zu diesem Erlebnis kommen, wenn Geschwister z. B. die Erfahrung machen, »in der Masse unterzugehen«.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben andere als vernachlässigend und nicht ausreichend präsent. Sie haben den Eindruck, »zu kurz zu kommen« und nicht genügend gesehen zu werden oder wichtig und wertvoll zu sein. Die affektive Qualität ist v.a. traurig (»hoffnungslos«, »hilflos«, »haltlos«), sekundär ärgerlich.
Fallbeispiel – 30-jähriger Patient mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung
Ein Patient mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) wuchs als Jüngster von sechs Geschwistern bei seinen Eltern auf, die beruflich sehr absorbiert und tendenziell zu erschöpft waren, um sich ausreichend um die Kinder zu kümmern. Auch durch seine Geschwister erfuhr er wenig Unterstützung. Er wurde in der Schule stark gehänselt, unter anderem aufgrund dessen, dass er immer die alte getragene Kleidung seiner Brüder tragen musste. Auf der Suche nach Unterstützung erlebte er desinteressierte Antworten seiner Eltern (»Wir haben kein Geld für neue Klamotten, da musst du durch«). In der aktuellen Situation erlebt der 30-jährige Ingenieur insbesondere im Umgang mit seiner Ehefrau die Aktivierung dieses Schemas: Das Paar hat ein 2-jähriges Kind, sie ist schwanger im 4. Monat und ein 8-jähriges Kind aus einer früheren Beziehung seiner Frau lebt im Haus. Er fühlt sich mit seinen Problemen und Konflikten in der Arbeit von ihr nicht ausreichend unterstützt, etwa wenn er seiner Frau beim Abendessen über den Alltag im Büro erzählt und sie nicht nur ihm aufmerksam zuhört, sondern auch die Kinder am Tisch versorgt.
3.2.2 Verlassenheit und Instabilität
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema entsteht häufig durch die Erfahrung, von Bezugspersonen alleingelassen zu werden. Dies kann sowohl im Zuge des vollständigen Verlustes einer Bezugsperson (z. B. im Todesfall oder nach einer Trennung der Eltern) als auch im Rahmen temporärer Verlassenheitserfahrungen (z. B. durch beruflich bedingte häufige Abwesenheit) geschehen. Auch die emotionale Instabilität von Bezugspersonen kann zur Entstehung dieses Schemas führen. So entsteht ein tiefes Gefühl der Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit, so dass sich keine stabile emotionale Verbundenheit mit Bezugspersonen entwickeln kann.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben andere als unzuverlässig und kommen sich im Stich gelassen oder verlassen vor bzw. sind sehr von der subjektiv erlebten Gefahr beeinträchtigt, verlassen zu werden. Das löst in der Regel primär Angst, häufig jedoch auch einen sekundären Ärger aus.
Fallbeispiel – 25-jährige Patientin mit Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die o. g. 25-jährige Patientin erlebte sehr früh in Ihrem Leben Verlassenheitssituationen. Zunächst verließ ihr gewalttätiger Vater die Familie, als sie zwei Jahre alt war, anschließend musste ihre Mutter in einem Schichtsystem arbeiten, um sie zu ernähren, und war häufig bis abends außer Haus. Die Patientin wurde tagsüber von ihrer Großmutter betreut, wobei diese eher streng und emotional distanziert war. Dies führte dazu, dass die Patientin oft stundenlang weinte, wenn ihre Mutter sie vor der Arbeit zur Großmutter gefahren hatte. Die Großmutter tröstete sie nicht, sondern schickte sie ins Schlafzimmer. Aktuell wird sie häufig von Ängsten überflutet, (wieder) verlassen zu werden. Dies führt manchmal zu Eifersuchtsreaktionen bzgl. der Verabredungen ihres Freundes mit anderen Menschen, manchmal aber auch zu intensiven Reaktionen mit Wut und Impulsivität.
3.2.3 Misstrauen und Missbrauch
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema entsteht häufig durch die Erfahrung, von anderen Menschen misshandelt zu werden. Die Misshandlungen können sowohl emotionaler (belogen, ausgenutzt, betrogen, manipuliert werden) als auch körperlicher Natur sein. Besonders belastend ist natürlich der sexuelle Missbrauch, insbesondere intrafamiliär in Verbindung mit ambivalenten »Doppelbotschaften«. Dieses Schema entsteht auch z. B. in Bezug auf die Misshandlung durch Mitschüler und Gleichaltrige im Rahmen von Hänseleien und Mobbing.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben andere als manipulativ, lügnerisch und häufig auch gefährlich oder bedrohlich. Die Schemaaktivierung besteht im Grunde genommen aus zwei Komponenten: Der primären emotionalen Belastung durch die Missbrauchserfahrungen in der Vergangenheit mit v. a. Gefühlen von Trauer und Angst (sekundär auch Ärger) einerseits, und dem sekundären Misstrauen andererseits als Versuch, eine Wiederholung dieser sehr schmerzhaften Erlebnisse zu vermeiden.
Fallbeispiel – 45-jährige Patientin mit massiven Missbrauchserfahrungen in der Kindheit
Eine 45-jährige Patientin wurde von ihrem alkoholkranken und gewalttätigen Vater geschlagen, ihre Mutter war drogenabhängig und hielt sich aus diesen Konflikten weitestgehend aus. Mit sieben Jahren kam die Patientin in eine Pflegefamilie, in der sie anders als die »richtigen Kinder« nur Reste essen durfte und ständig des Klauens verdächtigt wurde. Ihre Pflegemutter hatte den Plan, sie und ein anderes Pflegekind für Kinderpornographie zu »verkaufen«, was jedoch rechtzeitig von dem zuständigen Jugendamt verhindert werden konnte. Sie wurde dann zwar aus dieser schrecklichen Familie »gerettet«, jedoch in ein Heim für »schwer erziehbare Kinder« geschickt, da ihr Verhalten inzwischen zunehmend auffällig geworden war. Im Erwachsenenalter zeigt sich die Aktivierung des Misstrauensschemas sehr häufig, z. B. wenn sie bestimmte Verhaltensweisen ihres Gegenübers nicht zuordnen kann und dessen Intentionen für sie nicht deutlich sind. Das passierte z. B. im Rahmen der Psychotherapie, als der Therapeut am Anfang einer Sitzung, zu der sie etwas verspätet kam, mitfühlend interessiert fragte, ob es auf der Autobahn wieder Stau gegeben hätte (was in der Gegend zu der Zeit sehr häufig der Fall war). Die Patientin reagierte mit sichtbarem Misstrauen (Veränderung der Mimik, ernster prüfender Blick, Abwehrhaltung) und fragte »Wieso möchten Sie das wissen?«
3.2.4 Unzulänglichkeit und Scham
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema entsteht häufig durch die Erfahrung, von Bezugspersonen kritisiert, entwertet, bloßgestellt oder auch abgelehnt zu werden. Ein Kind lernt durch solche Erfahrungen, sich selbst als minderwertig, defekt, schlecht und unerwünscht zu erleben und sich seiner selbst zu schämen. Häufig steht dieses Schamgefühl in Verbindung mit bestimmten Eigenschaften (sowohl körperlich als auch charakterlich) oder Verhaltensweisen.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene sind überempfindlich bezüglich Kritik und Zurückweisung, kommen sich schnell beschämt vor. Im Rahmen von Konflikten oder Auseinandersetzungen erleben Betroffene andere Personen so, als hätten diese die Absicht, sie zu entwerten oder bloßzustellen. Dies führt primär zu Schamreaktionen und Traurigkeit, häufig auch zur Angst vor (weiteren) Bloßstellungen und sekundär zu Ärger/Wut.
Fallbeispiel – 30-jähriger Patient mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung
Der bereits erwähnte 30-jährige Ingenieur wurde sehr oft von seinem Vater abgelehnt und zurückgewiesen. Als dieser bspw. samstags in seiner Hobbywerkstatt in der Garage arbeitete, versuchte der Patient immer wieder bei ihm zu sein und ihm zu helfen. Dabei reagierte sein Vater meistens sehr ablehnend und »genervt« mit Aussagen wie »Lass gut sein. Wenn du es machst, muss ich es zweimal machen. Geh lieber spielen oder so«. Daraufhin verließ der kleine 5-jährige Junge in aller Regel weinend die Garage, wobei er dies immer vor seinem Vater zu verstecken versuchte, um weitere Ablehnung und Enttäuschungen zu vermeiden. Als er später von seinem Vater Geld wollte, um sich Kleidung zu kaufen und weitere Hänseleien in der Schule zu vermeiden, reagierte der Vater mit folgender Aussage: »Junge, mach die Augen zu: Das, was du jetzt siehst, das gehört dir. Alles andere musst du dir selbst irgendwann verdienen, ich habe kein Geld für Klamotten«. Auch die Hänseleien in der Schule unterstützten das Gefühl der Minderwertigkeit und der Scham sowie die Annahmen, mit ihm würde irgendetwas nicht stimmen. Im Erwachsenenalter fühlt sich der Patient sehr schnell kritisiert und bloßgestellt, z. B. in Konferenzen in der Firma. Dabei erlebt er für kurze Momente ein ähnliches Gefühl wie früher in der Garage seines Vaters, mit starker Hilfslosigkeit und Scham. Diese Scham wendet sich jedoch stark in Ärger, was seine »kämpferische Seite« weckt, die zur Selbstüberhöhung und narzisstischer Entwertung anderer führt.
3.2.5 Soziale Isolation und Entfremdung
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema entsteht häufig in der späteren Kindheit durch negative Erfahrungen im Umgang mit Gleichaltrigen. Insbesondere Ausgrenzung, Hänseleien und Ablehnung durch andere Kinder z. B. im Kindergarten oder in der Schule führen zur Entstehung dieses Schemas. So entsteht das Gefühl, »anders zu sein« und nicht dazuzugehören, was affektiv zu Einsamkeit/Traurigkeit und sekundär-reaktiv zu Ärger führt.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben andere als insgesamt ablehnend und erleben sich selbst als ausgeschlossen und nicht zu Gruppen zugehörig. Die Aktivierung dieses Schemas erfolgt in aller Regel im Umgang mit Gruppen, wie etwa Kommilitonen, Arbeitskollegen, Vereinsmitgliedern, etc. Aber auch das reine Beobachten von Gruppen unbekannter Menschen kann dieses Schema aktivieren, wie etwa im Restaurant, wenn man allein an einem kleinen Tisch sitzt und am Tisch nebenan eine große Gruppe feiert oder auch beim Besuch eines Straßenfestes.
Fallbeispiel – 28-jährige Patientin mit einer ängstlichen Persönlichkeitsstörung
Eine 28-jährige Patientin mit einer ängstlichen PS musste immer wieder bedingt durch Umzüge der Familie die Schule wechseln und hatte nie wirklich die Möglichkeit, stabile Freundschaften zu entwickeln. Sie wurde häufig nicht zu Geburtstagsfeiern eingeladen und beobachtete, wie sich andere Jugendliche nach der Schule verabredeten und etwas zusammen unternahmen, während sie häufig allein nach Hause lief. Auch in der Schule, z. B. bei Projektarbeiten, hatte sie häufig Schwierigkeiten, von einer Gruppe aufgenommen zu werden. Besonders in solchen Situationen bekam sie den Eindruck, »unpassend zu sein«, weil andere Kinder sich offensichtlich länger kannten und über gemeinsame Erlebnisse oder Themen sprachen, wobei sie sich an diesen Gesprächen kaum beteiligen konnte. Die Patientin absolvierte eine Ausbildung zur Industriekauffrau und nahm eine neue Stelle an. Die neuen Kollegen luden sie bereits am Freitag der ersten Arbeitswoche dazu ein, am gleichen Abend zu einem Treffen dazuzukommen. Als sie am Abend im vollen Restaurant ankam und zunächst keinen ihrer Arbeitskollegen entdecken konnte, reagierte sie mit Angst, Scham und starke Anspannung. Sie erlebte dabei ähnliche Gefühle wie in Schulsituationen (den sogenannten »alten Bildern«) und dachte, sie sei nicht erwünscht und Kollegen hätten ihr vielleicht mit Absicht eine falsche Adresse gegeben. Erst auf Nachfrage erfuhr sie, dass sich die ganze Gruppe in einem separaten Raum befand.
3.2.6 Abhängigkeit und Inkompetenz
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema entsteht häufig durch entweder überfürsorgliche Tendenzen oder eine zu dominante Haltung seitens der Bezugspersonen, sodass Kindern zu viele Entscheidungen abgenommen werden. Die Zuweisung dieser passiven Rolle führt dazu, dass sich Kinder als hilflos erleben bzw. als nicht überlebensfähig ohne Hilfe/Präsenz von anderen Personen. Dadurch entsteht die Annahme, den Alltag nicht bewältigen zu können und von anderen abhängig zu sein.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben sich selbst als unfähig, den Alltag allein zu überstehen, Aufgaben zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und für sich selbst zu sorgen. Die Vorstellung, Verantwortung zu übernehmen oder selbstständig handeln zu müssen, kann bei Betroffenen Angst und Hilflosigkeit auslösen.
Fallbeispiel – 35-jährige Patientin mit einer dependenten Persönlichkeitsstörung
Nach dem Tod ihrer Mutter im Alter von acht Jahren wurde eine heute 35-jährige Patientin mit einer dependenten PS von ihren Großeltern und ihrem Vater übertrieben umsorgt. Diese machten sich Sorgen, sie würde den Verlust nicht gut überstehen und gaben ihr häufig das Gefühl, man dürfe sie nicht allein lassen und müsse ständig auf sie aufpassen. Die Patientin wurde immer zur Schule gebracht und abgeholt, die Großeltern versuchten ihr täglich bei der Erledigung von Hausaufgaben behilflich zu sein. Sie entwickelte keinen Sinn für Autonomie, sondern den Eindruck, ohne Hilfe von der Familie hilflos und verloren zu sein. Sie blieb in der Heimatstadt und absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester, wobei sie eigentlich den Wunsch hatte, zu studieren. Die Familie hatte ihr dazu geraten, eine Ausbildung und kein Studium zu beginnen und unterstützten sie auch finanziell während der Ausbildung. Heute ist die Patientin weiterhin schnell überfordert, wenn sie eigenverantwortlich etwas erledigen soll, was sowohl im Beruf als auch im Privatleben häufig dazu führt, dass sie sich von Bekannten und Freundinnen Rat holt und nach Möglichkeit Entscheidungen abnehmen lässt. Die Vorstellung, ohne ihren Vater und die Familie leben zu müssen, versetzt sie in Angst und Panik.
3.2.7 Verletzbarkeit
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema entsteht häufig durch eine übermäßige ängstlich-überfürsorgliche Haltung von Bezugspersonen, wodurch das Kind den Eindruck gewinnt, die Welt sei grundsätzlich sehr gefährlich und voller Bedrohungen und man müsse immer in einer Art »Alarmbereitschaft« sein, um Katastrophen abzuwenden. Die Befürchtungen können sich auf alle möglichen Bereiche beziehen: Naturkatastrophen, Unglück und menschliches Versagen, Kriminalität, Gesundheitsrisiken.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben die Welt als gefährlich und sich selbst als schutzlos und ausgeliefert. Die übermäßige Angst kann sich auf sehr viele verschiedene Bereiche beziehen (s. o.). Die Aktivierung dieses Schemas führt zu Anspannung und Angst sowie zu übermäßiger Sorge und Vorsicht. Dieses Schema findet sich häufig auf Achse-I bei generalisierten Angsterkrankungen und Zwangsstörungen.
Fallbeispiel – 58-jähriger Patient mit einer anankastischen Persönlichkeitsstörung
Ein 58-jähriger Patient mit einer anankastischen PS erlebte mit drei Jahren einen großen Verlust: Nach einem häuslichen Unfall kamen er und sein Zwillingsbruder mit Verbrennungen ins Krankenhaus, er verlor dabei zwei Finger, sein Bruder starb jedoch. Ab diesem Tag wurden seine Eltern übervorsichtig und stark überbehütend. Der junge Patient übernahm zudem sehr häufig die Beschützerrolle gegenüber seiner jüngeren Schwester. In der Adoleszenz wurde er vom Sportunterricht grundsätzlich entschuldigt und durfte auch an keinen potenziell gefährlichen Freizeitaktivitäten teilnehmen. Seine Eltern sprachen dabei häufig den Satz »Diese Familie hat genug Verlust erfahren« bei der Begründung dieser übervorsichtigen Haltung. Der Patient zeigt heute in zahlreichen Situationen eine starke Angst, ihm könnte etwas geschehen.
3.2.8 Verstrickung und Unentwickeltes Selbst
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema entsteht häufig durch die Erfahrung einer übermäßigen Verbundenheit mit Bezugspersonen, was die Entwicklung einer eigenen Identität sowie die Wahrnehmung eigener Emotionen und Bedürfnisse sehr erschwert. Ein Kind erlernt dadurch eine Art symbiotische Haltung gegenüber diesen Personen, sodass z. B. eigene Zufriedenheit nur entsteht, wenn diese Personen auch zufrieden sind. Diese zu engen Beziehungen führen dazu, dass sich ein Kind ohne den direkten Kontakt zu diesen Personen leer oder orientierungslos fühlt.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben sich als unvollkommen und orientierungslos, wenn sie allein sind. Es fällt ihnen in der Regel sehr schwer, eigene Bedürfnisse getrennt von den Bedürfnissen anderer wahrzunehmen und tendieren dazu, sich nach anderen zu richten und gewissermaßen deren Bedürfnisse und emotionalen Zustände »zu übernehmen«.
Fallbeispiel – 42-jähriger Patient mit dependenter Persönlichkeitsstörung
Ein heute 42-jähriger Patient mit einer dependenten PS musste sich nach der Trennung seiner Eltern mit zehn Jahren entscheiden, bei welchem Elternteil er bleiben möchte. Sein Vater sagte häufig zu ihm, er sei der einzige Grund, wieso er noch am Leben sei und sich nicht umbringe. Der Patient entschied sich dafür, bei ihm zu bleiben und war sehr besorgt um ihn. Sein eigenes Glück hing immer davon ab, dass es seinem Vater ebenso gut ging. Sein Vater blieb ansonsten allein, ließ sich auf keine neue Beziehung ein und pflegte keine wesentlichen Hobbys, sodass der Patient und sein Vater die Freizeit überwiegend gemeinsam verbrachten. Er lernte, sich über seine Verbindung zu seinem Vater zu definieren und entwickelte keine eigenen Wünsche. Heute leidet der Patient sehr stark, wenn z. B. seine 14-jährige Tochter aus einer früheren Beziehung zu Besuch bei ihm und seiner Lebensgefährtin ist und zwischen den beiden keine harmonische Atmosphäre herrscht. Grundsätzlich kann er sich nur entspannen und freuen, wenn sich seine Tochter und Partnerin ebenso freuen und entspannt miteinander sprechen. Er übernimmt dann häufig die Verantwortung und möchte unbedingt, dass sich beide wohl fühlen, nur dann fühlt er sich ebenso wohl.
3.2.9 Versagen/Erfolglosigkeit
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema entsteht, wenn Bezugspersonen einem Kind zu häufig überkritische leistungsbezogene Rückmeldungen geben, sodass sich dieses Kind als Versager vorkommt, grundsätzlich an sich zweifelt und die Überzeugung entwickelt, nicht in der Lage zu sein, gute Leistungen zu erbringen.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben sich als leistungsunfähig (häufig im Vergleich mit Gleichaltrigen) und reagieren mit Angst und Selbstzweifel, insbesondere wenn ihnen Aufgaben gestellt werden, bei welchen die eigene Leistung gemessen wird (oder werden könnte). Die Aktivierung erfolgt häufig auch, wenn Betroffene sich mit anderen vergleichen (oder verglichen vorkommen). Automatisch wird v.a. die »Überlegenheit« anderer wahrgenommen als »Beweis« für die eigene Unfähigkeit.
Fallbeispiel – 22-jähriger Patient mit Versagensängsten
Ein 22-jähriger Patient mit einer ängstlichen Persönlichkeit erlebte sehr häufig in seiner Kindheit starke Entwertung und Entmutigung durch seine Eltern, die ihm z. B. sagten »Aus dir wir nie was werden«, »Du machst nur Probleme«. Er entwickelte zunächst starke Ängste vor der Schule und vor Klassenarbeiten, bis er irgendwann begann, die Schule zu schwänzen. Er bekam ein Ausgangszeugnis nach der 9. Klasse in der Hauptschule und suchte sich eine Arbeitsstelle in der Produktion, um möglich schnell von zuhause auszuziehen. Immer wieder bekam er das Angebot der Arbeitsagentur, Unterstützung bei der Suche einer Ausbildungsstelle zu bekommen, was er immer grundsätzlich ablehnte. Allein die Vorstellung, wieder in die Schule zu gehen und Prüfungen schreiben zu müssen, löst sehr viel Angst aus.
3.2.10 Anspruchshaltung/Grandiosität
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema kann einerseits entstehen, wenn Kinder häufig die Erfahrung machten, wichtiger als andere zu sein und eine besondere Behandlung z. B. im Vergleich zu anderen Geschwistern bekamen. Andererseits kann dieses Schema auch sekundär (»reaktiv«) entstehen, wenn eine starke Frustration des Bindungs- oder des Autonomiebedürfnisses stattfand und Kinder (häufig in der Pubertät) durch die Entstehung dieses Schemas und der damit verbundenen aufmerksamkeitssuchenden expansiven Handlungstendenzen diese Frustration kompensieren konnten.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben sich selbst und die eigenen Bedürfnisse als wichtiger und prioritärer als die Bedürfnisse anderer Menschen. Sie erwarten eine besondere Behandlung und nehmen intuitiv an, sie hätten auch das Recht darauf. Die Annahme, etwas Besonderes zu sein, löst einerseits positive Emotionen aus (Freude, Stolz), führt aber zu Kränkungen (sowohl Trauer als auch Ärger), wenn eine gegenteilige Erfahrung gemacht wird.
Fallbeispiel – 30-jähriger Patient mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung
Ein 30-jähriger Patient mit einer narzisstischen PS erlebte in seiner Kindheit als einziger Junge unter fünf Geschwistern, dass seine Wünsche wichtiger sind als die seiner Schwestern. Er wurde als »Prinz« in einem eher patriarchalischen System in Disputen mit seinen Schwestern immer favorisiert. Er hatte auch als einziges Kind der Familie ein eigenes Kinderzimmer. Während seiner stationären Behandlung kam er einmal 30 Minuten zu spät zu einem Einzelgesprächstermin, weil er eingeschlafen war und niemand ihn weckte. Er erwartete fast selbstverständlich von seinem Therapeuten, dass er den nächsten Patienten nach ihm einfach 30 Minuten warten lässt, sodass er seine ganze Sitzung haben kann, denn es sei nicht seine Schuld gewesen, er habe nicht mit Absicht verschlafen und der nächste Patient könne warten, man sei schließlich in der Klinik und habe Zeit. In seinen Augen war es zunächst schwer verständlich, dass sein Therapeut nach 20 Minuten das Gespräch beendete und den darauffolgenden Termin pünktlich beginnen wollte.
3.2.11 Unzureichende Selbstkontrolle
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema entsteht in vielen Fällen durch einen Mangel an Disziplin und angemessene Forderung und Anleitung, sodass ein Kind keine gute Impulskontrolle und keinen gesunden Umgang mit Frustrationen erlernen kann. Alternativ entwickelt sich dieses Schema aber auch als Kompensation des Kindes im Jugendalter von zu starken Begrenzungen durch Bezugspersonen und zu strenger Unterbindung spontanen Verhaltens in früheren Jahren.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben in der Regel große Schwierigkeiten, sich anzustrengen, Frustrationen zu tolerieren, Belohnungen aufzuschieben und mit anderen Menschen zu kooperieren bzw. sich einzuordnen. Insbesondere Situationen, in denen dies von ihnen erwartet wird, lösen die Aktivierung dieses Schemas aus, sodass Betroffene undiszipliniert und mit einer Tendenz zur Bequemlichkeit bis hin zu Schonverhalten und Vermeidung reagieren.
Fallbeispiel – 25-jähriger Patient mit geringer Impulskontrolle
Ein 25-jähriger Patient verbrachte die meiste Zeit unter der Woche bei seiner Großmutter, da seine Mutter tagsüber arbeitete. Nachdem sein Vater seine Mutter und die Familie verlassen hatte, machte sich seine Großmutter große Sorgen um ihn und erfüllte ihm fast jeden Wunsch. Sie unterstützte ihn nicht bei der Erledigung von Hausaufgaben und gab ihm häufig das Gefühl, diese seien auch nicht wichtig. Er durfte essen, wann immer und so viel er wollte und nahm schnell an Gewicht zu, dies führte jedoch zu keinen Konsequenzen. Nach dem Schulabschluss hatte der Patient größte Schwierigkeiten, eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle länger als ein halbes Jahr zu behalten. Nach dem gleichen Muster berichtete er immer, dass er nach einer ersten Phase der Euphorie das Interesse an der neuen Stelle verlor und ihm schwerfiel, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen und sich an Regeln zu halten. Er spielte lieber bis spät in der Nacht am PC und konnte morgens nicht rechtzeitig aufstehen.
3.2.12 Unterordnung/Unterwerfung
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema kann sich entwickeln, wenn Eltern systematisch die Bedürfnisse des Kindes übergehen, sodass diese lernen, eigene Emotionen und Wünsche zu unterdrücken und zurückzuhalten und sich eher nach außen zu orientieren und sich anzupassen.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben v. a. in der Interaktion mit anderen Menschen grundsätzlich die Tendenz, deren Bedürfnisse als wichtiger zu erachten und im Zweifelsfall sich danach zu richten und die eigenen Wünsche zurückzustellen. Das Schema wird besonders aktiv, wenn Betroffene die Diskrepanz zwischen eigenen Wünschen und denen des Gegenübers wahrnehmen, wobei in der Regel ein Anspannungsgefühl und vor allem der Drang entsteht, es dem anderen recht zu machen. Diese Aktivierung steht häufig im Zusammenhang mit Angst vor Ablehnung und Bindungsverlust, im Falle einer anhaltenden Unterdrückung eigener Wünsche führt es jedoch zur Entstehung und »Ansammlung« von Ärger, was auch zu gelegentlichen impulsiven Ausbrüchen führen kann.
Fallbeispiel – 58-jähriger Patient mit einer dependenten Persönlichkeitsstörung
Ein heute 58-jähriger Patient mit einer dependenten PS und wiederkehrenden depressiven Phasen wuchs als älterer Sohn bei einem sehr dominanten und leistungsfordernden Vater und einer Mutter auf, die sich dem Vater in den meisten Fällen unterwarf. Es gab sehr klare Regeln und in den meisten Fällen mussten die Kinder immer zum Vater gehen und ihn um Erlaubnis bitten, wenn sie bspw. im Garten spielen wollten. Seine Mutter traf auch keine eigenständigen Entscheidungen, sondern verwies immer auf ihren Ehemann. Der Patient lernte sowohl an ihrem Beispiel als auch in der direkten Interaktion mit seinem Vater, sich unterzuordnen. Sein Vater traf in den meisten Fällen auch für ihn Entscheidungen, wie z. B. welches Musikinstrument er lernen oder auch welches Fach er studieren sollte. Erst im Erwachsenenalter traute er sich, sich gegen die Dominanz seines Vaters zu wehren. Er brach das vom Vater für ihn ausgesuchte Medizinstudium ab und wurde gegen dessen Willen Lehrer, was zur großen Enttäuschung und vor allem zu einer heftigen Auseinandersetzung führte, sodass der Vater mehrere Jahre nicht mehr mit ihm sprach. Heute noch ist der Patient insgesamt sehr unterwürfig und gibt bei fast jedem Konflikt z. B. mit seiner Frau oder auch mit Arbeitskollegen in der Schule nach. Er sucht wenn immer möglich Harmonie und kann selten »nein« sagen.
3.2.13 Selbstaufopferung
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Häufig entwickelt sich dieses Schema, wenn ein Kind für andere sorgen und Verantwortung übernehmen muss. Das ist der Fall, wenn Kinder bei Eltern aufwachsen, die aufgrund eigener psychischer Störungen (z. B. Alkoholabhängigkeit) oder körperlicher Beeinträchtigungen (z. B. Gehbehinderungen) nicht nur die Elternrolle nicht erfüllen (können), sondern auch Schwierigkeiten haben, für sich selbst zu sorgen. Das passiert ebenfalls, wenn Kinder für jüngere Geschwister die Versorgung übernehmen (müssen). Ein Kind lernt dadurch grundsätzlich, dass es für das Wohlbefinden anderer Menschen zuständig ist und entwickelt die fast reflexartige Tendenz, proaktiv für andere zu sorgen, i. d. R. unter Vernachlässigung des eigenen Wohlbefindens.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben im Kontakt mit anderen Menschen die Neigung, sich emotional, körperlich oder finanziell zu verausgaben, um diese zufrieden zu stellen oder glücklich zu machen. Der Fokus verschiebt sich stark nach außen und die Unzufriedenheit des Gegenübers wirkt sich auf die Betroffenen im Grunde genommen als »Auslöser« für die Schemaaktivierung aus. Die Selbstfürsorge und die Vorstellung, sich für einen Augenblick als »wichtiger« zu betrachten, löst in diesen Menschen starke Schuldgefühle aus.
Fallbeispiel – 46-jährige Patientin mit dependenter Persönlichkeitsstörung
Eine 46-jährige Patientin wuchs als Einzelkind unter ärmeren Verhältnissen auf. Ihr Vater hatte eine schwere Kinderlähmung und war pflegebedürftig, sie übernahm nicht nur häufig pflegerische Aufgaben, sondern lernte auch, sich für ihn sehr verantwortlich zu fühlen. Ihre Mutter war alkoholkrank und schickte sie häufig am Wochenende in die Kneipe, um für sie Alkohol zu besorgen. Sie lernte, sich komplett nach außen zu orientieren und v.a. die Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen und proaktiv zu befriedigen. Die Patientin versorgt heute unter absoluter Vernachlässigung eigener Belastbarkeitsgrenzen ihre vier Söhne (zwischen 18 und 24 Jahre) und ihren Ehemann und übernimmt den Haushalt weitgehend allein, erlebt dies als ihre Verpflichtung und reagiert mit massiven Schuldgefühlen allein bei der Vorstellung, sie könnte am Wochenende etwas für sich planen.
3.2.14 Streben nach Zustimmung und Anerkennung
Begünstigende Kindheitserfahrungen
In vielen Fällen kommt es zur Entstehung dieses Schemas, wenn ein Kind Bindung und Anerkennung überwiegend nur dann bekommt, wenn es sich aktiv dafür bemüht und die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die konkreten Verhaltensweisen, welche verstärkt werden, können stark variieren, so dass dieses Schema mit anderen Schemata zusammenhängen und qualitativ entsprechende Unterschiede zeigen kann. Das Zentrale an dieser Erfahrung ist jedoch die Entwicklung einer starken Fokussierung darauf, wie andere auf das eigene Verhalten reagieren und ob man ausreichend wahrgenommen wird.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene tendieren dazu, im Kontakt zu anderen Menschen sich stark im Sinne derer Erwartungen zu verhalten, um gemocht und akzeptiert zu werden. Die eigene Selbstachtung hängt stark davon ab, wie sehr sie von anderen geschätzt werden.
Fallbeispiel – 28-jährige Patientin mit Borderline-Persönlichkeitsstörung
Eine 28-jährige Patientin mit einer BPS ist Berufssängerin. Sie wuchs in einer Familie auf, die sich sehr für Musik interessierte, auch wenn niemand in der Generation ihrer Eltern professioneller Musiker war. Sowohl sie (Einzelkind), als auch ihre zwei Cousinen nahmen bereits im Grundschulalter Gesangsunterricht. Bei jedem Familienfest sangen alle drei Kinder vor, wobei ihre Mutter sie anschließend häufig mit ihren Cousinen verglich und sehr kritisch und leistungsorientiert war. Sie lernte, sehr stark darauf zu achten, wie viel Aufmerksamkeit sie während des Vorsingens bekam und insbesondere die Reaktion des »Publikums« auf sie und ihre Cousinen zu vergleichen. Sie war nur zufrieden, wenn jeder im Publikum sie während der ganzen Zeit beachtete und auch anschließend applaudierte und fühlte sich immer sehr verletzt, wenn Menschen wegschauten oder sich für einen Moment miteinander unterhielten. Noch heute ist die Patientin sehr auf die Akzeptanz und auf die Bewunderung anderer bedacht, was sich nicht nur auf das Singen beschränkt. Insgesamt erwartet sie fast ständig die Aufmerksamkeit und die Bewunderung durch ihre Mitmenschen, sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich.
3.2.15 Emotionale Gehemmtheit
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema entsteht häufig durch negative Erfahrungen als Konsequenz vom Ausdruck von Gefühlen und Emotionalität. Wenn ein Kind grundsätzlich bestraft wird, wenn es Emotionen und Bedürfnisse äußert, dann lernt dieses Kind in aller Regel, den Ausdruck von Emotionalität als sehr bedrohlich zu erleben. In manchen Fällen wird die Entwicklung dieses Schemas auch am Modell erlernt, wenn Bezugspersonen sehr emotional gehemmt sind und diese Haltung dem Kind »vorleben«.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben Emotionen und insbesondere deren Ausdruck als bedrohlich oder existenzgefährdend, abhängig von der Erfahrung, die sie in der Kindheit damit machten. In moderateren Fällen aktiviert sich dieses Schema in Situationen, in denen Betroffene direkt aufgefordert oder erbeten werden, sich emotional zu äußern. In schweren Fällen aktiviert sich dieses Schema fast »präventiv« in jeglicher Form von Kontakt zu anderen Menschen. Bei einem aktivierten emotionalen Gehemmtheitsschema fällt es dem Betroffenen sehr schwer, eigene emotionale Reaktionen introspektiv wahrzunehmen und zuzuordnen und noch mehr, diese zu zeigen.
Fallbeispiel – 31-jährige Patientin mit Borderline-Persönlichkeitsstörung
Eine 31-jährige Patientin mit einer BPS wirkt immer sehr fassadär, lächelt ununterbrochen und trägt sehr viel Make-up, als wollte sie sich verstecken. Insbesondere wenn es ihr nicht gut geht, scheint sie sehr automatisiert zu lächeln und ihre Gefühle verstecken zu wollen. Bei Betrachtung ihrer Lebensgeschichte finden sich massive Traumata in der Kindheit und Jugend, sowohl mit emotionaler als auch mit körperlicher und sexueller Gewalt. Ihre alkoholkranken Eltern schlugen sie regelmäßig, wobei sie dafür immer nackt in der Badewanne stehen musste, sodass sie sich gleich waschen konnte, wenn sie während der Schläge einnässen würde. Die Patientin lernte, dass die Schläge schneller aufhören, wenn es ihr gelang, bis zum ersten Schlag mit dem Gürtel nicht zu weinen. Auch heute erlebt sie jegliche Form von emotionalem Ausdruck als potenzielle Bedrohung.
3.2.16 Überhöhte Standards
Begünstigende Kindheitserfahrungen
In den meisten Fällen entsteht dieses Schema, wenn Kinder primär aufgrund ihrer Leistungen bewertet und nur bei guten Ergebnissen oder hohen Schulnoten belohnt werden. Dies führt dazu, dass Kinder den natürlichen Drang zu spielen und Spaß zu haben zugunsten der Leistungsorientiertheit »opfern«.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben i. d. R. jede Form von Aufgabe als möglichen Konkurrenzkampf, bei dem es gilt, der Beste zu sein. Leistungsbezogenheit etabliert sich wie ein übergeordnetes Lebensthema, sodass auch nicht primär mit Bewertungen assoziierte Tätigkeiten zu solchen gemacht werden. Der eigene Selbstwert und auch das Recht, gemocht zu werden, hängen in den Augen von Betroffenen maßgeblich von den eigenen Leistungen ab.
Fallbeispiel – 19-jährige Studentin mit depressiver Krise
Eine 19-jährige Patientin wurde schwer depressiv und erlitt eine suizidale Krise nachdem sich ihre Leistungen im Studium verschlechterten. Sie hatte sich in den Monaten zuvor erstmalig in ihrem Leben auf eine Liebesbeziehung eingelassen und war von ihrem Freund sehr enttäuscht worden, was sie emotional sehr belastete und vom Studium ablenkte. Insbesondere ihr Vater war in ihrer Kindheit massiv leistungsorientiert und zwang seine Kinder jeden Samstag dazu, die Kinderzimmer aufzuräumen bevor er eine Kontrollrunde machte, bei der er die Sauberkeit der jeweiligen Zimmer benotete. Eine schlechte Note wurde bereits in frühen Jahren ihres Lebens mit entwertenden und enttäuschten Blicken und Ignoranz bestraft. Ab der Schulzeit wurde sie immer angehalten, mindestens 2er zu bekommen, wobei eine 1 immer das Ziel sein sollte. Die Patientin definierte sich und ihren Selbstwert über ihre schulischen Leistungen und versuchte immer, Klassenbeste zu sein.
3.2.17 Negatives Hervorheben
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Dieses Schema entsteht häufig durch eine pessimistische Grundhaltung wichtiger Bezugspersonen, wenn diese z. B. selbst an depressiven Erkrankungen litten. So lernen Kinder am Modell dieser Personen, grundsätzlich vom Negativen auszugehen. In anderen Fällen erleben Kinder sehr viele Enttäuschungen und Deprivationen, sodass die Grunderwartung entsteht, dass es im Leben immer weitere Enttäuschungen und negative Erfahrungen geben wird.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene fokussieren sich stark auf negative Aspekte der unmittelbaren Situation, haben negative Erwartungen an andere und selektieren auch bei sich selbst grundsätzlich negative Eigenschaften. Diese pessimistische Grundhaltung führt häufig zur Aktivierung verletzlicher Emotionen (Angst/Trauer), häufig aber auch im Sinne des Selbstbehauptungsbedürfnisses zu Ärger. Insbesondere Freude wird als gefährlich erlebt, denn Betroffene machten in der Regel die Erfahrung, dass Freude nicht anhält und mit aversiven Erlebnissen sogar »bestraft« wird.
Fallbeispiel – 50-jähriger Software-Entwickler mit ängstlicher Persönlichkeitsstörung
Ein 50-jähriger Software-Entwickler mit einer ängstlichen PS wuchs als Einzelkind bei seiner Mutter auf, nachdem sein Vater diese noch vor seiner Geburt verlassen hatte und jeglichen Kontakt zu ihm ablehnte. Seine Mutter war selbst sehr pessimistisch und »vom Leben enttäuscht« und litt an wiederkehrenden depressiven Episoden. Er wurde in der Schule häufig gehänselt, wobei seine Mutter ihn nie unterstützte und ihm vielmehr vermittelte, »es bringt sowieso nichts, sich dagegen zu wehren oder die Schule zu wechseln, denn Kinder sind immer gemein«. Er lernte, sich von Schulkameraden möglichst fern zu halten und ließ sich auch auf keine engen Beziehungen ein, denn er ging immer davon aus, dass diese kein glückliches Ende nehmen können. Heute noch lebt der Patient allein in seiner Wohnung und pflegt das Lebensmotto »Man kann gerne aufs Beste hoffen, aber man muss immer mit dem Schlimmsten rechnen«.
3.2.18 Strafneigung
Begünstigende Kindheitserfahrungen
Vor allem häufige und intensive Bestrafungen durch Erziehungsfiguren bei unerwünschtem Verhalten oder Fehlern führen zur Entstehung dieses Schemas. Bestrafungsmaßnahmen können sehr unterschiedlich sein (Bindungsentzug und Ignoranz, Hausarrest, verbale Entwertungen, körperliche Bestrafung). Kinder lernen sowohl am eigenen Leibe als auch am Modell, dass Fehlverhalten immer negative Konsequenzen hat.
Auswirkung im Erwachsenenalter
Betroffene erleben Fehler und das nicht Erfüllen von Erwartungen als unentschuldbar. Durch die o. g. Erfahrungen in der Kindheit entwickeln viele Menschen sowohl starke Ängste vor Bestrafungen, was die eigene Leistungsfähigkeit negativ beeinflussen oder auch zu Rückzug und Vermeidung führen kann, als auch die Tendenz zu Scham- und Schuldgefühlen, wenn ihnen ein Fehler unterläuft. Gleichzeitig können Betroffene die Tendenz entwickeln, mit ähnlichen Maßstäben andere Menschen zu behandeln und genauso auf Fehler anderer sehr bestrafend zu reagieren.
Fallbeispiel – 19-jährige Patientin mit depressiver Krise
Bei der o. g. 19-jährigen Patientin mit einem stark ausgeprägten Schema »Überhöhten Standards« fand sich ebenso ein starkes Strafneigungsschema. Nach den erwähnten Kontrollrunden durch ihren Vater wurden »schlechte Noten« grundsätzlich bestraft, im Vorschulalter mit Aufmerksamkeitsentzug und entwertenden Blicken, später mit Kürzung von Taschengeld oder von Ausgangsrechten sowie mit verbalen Entwertungen. Die Patientin lernte, sich einerseits vor den Konsequenzen vermeintlichen »Fehlverhaltens« zu fürchten, andererseits sich sehr schuldig zu fühlen und sich zu schämen. Nach der Verschlechterung ihrer Leistungen im Studium kam es nicht nur zu einem starken Selbstwertverlust, sondern auch zu massiven Schuldgefühlen und zu der Überzeugung, ihre schlechten Leistungen müssen bestraft werden.
3.3 Schemata als »O-Variable« in der SORK-Analyse
Schemata können als eine Art »Erbe« unserer Lebenserfahrung im Sinne früh eingeprägter Erlebnismuster angesehen und somit der »Organismus-Variable« zugeordnet werden. Schemata beeinflussen stark die Art und Weise, wie wir aktuelle Situationen wahrnehmen und emotional bewerten. Sie werden im Prinzip von bestimmten »Hinweis-Stimuli« getriggert. Beim o. g. Beispiel der 45-jährigen Patientin mit einem starken Misstrauensschema ist der auslösende Stimulus die Frage des Therapeuten nach der Fahrt bis zur Praxis. Vor dem Hintergrund einer sehr belastenden Lebensgeschichte und massiv traumatischer Erfahrungen mit ihren Eltern und in Kinderheimen, aktiviert sich in der Patientin in Mikrosekunden dieses Schema als eine Art »Alarm«. Diese Schemaaktivierung beeinflusst sehr stark alle weiteren Reaktionen, sowohl die internalen emotional-physiologischen und kognitiven Reaktionen als auch die darauffolgenden sichtbaren Verhaltensweisen (
Abb. 3.2).

Abb. 3.2: Schemata in der SORK-Mikroanalyse
3.4 Unkonditionale und konditionale Schemata
Vor dem Hintergrund der Chronologie der Entstehung früher maladaptiver Schemata können diese in zwei Gruppen unterteilt werden. Insbesondere die Schemata der ersten und zweiten Domäne entstehen meistens in der frühen Kindheit und stehen in direkter Verbindung mit primären emotionalen Reaktionen auf frühe zwischenmenschliche Beziehungen und auf die direkte Frustration von Bindungs- und Selbstbehauptungsbedürfnissen. Die durch diese Deprivationen entstandenen Muster sind älter und liegen tiefer im Persönlichkeitsgerüst und werden deswegen »unkonditional« genannt. Dahingegen stellen Schemata der vierten und fünften Domäne eine Art sekundäre Reaktion auf die unkonditionalen Schemata der ersten zwei Domänen dar und sind gewissermaßen bereits ein Bewältigungsversuch, weswegen sie »konditional« genannt werden. So können z. B. die Schemata »Unterordnung« oder »Selbstaufopferung« (Domäne IV) in enger Verbindung mit den Schemata »Verlassenheit« oder »Emotionale Entbehrung« (Domäne I) stehen und eine Art Bewältigungsstrategie des Kindes darstellen. Genauso kann das Schema »Überhöhte Standards« z. B. mit dem Schema »Unzulänglichkeit/Scham« (Domäne I) oder »Erfolglosigkeit/Versagen« (Domäne II) stehen. Die Schemata der dritten Domäne können sowohl konditional als auch unkonditional sein.
3.5 Schema-Bewältigungsoperationen
Ein (frühes maladaptives) Schema ist primär ein Erlebnismuster, das die Wahrnehmung des Selbst, der Umwelt und insbesondere des Verhaltens anderer Menschen entscheidend beeinflusst und emotionale Reaktionen prägt. Schemaaktivierungen sind in aller Regel mit aversiven Emotionen assoziiert und beinhalten zwar im Ansatz manchmal Handlungstendenzen, jedoch kein sichtbares Verhalten. Um diese »Lücke zu schließen«, postulierte Young zunächst das Konzept von Schema-Bewältigungsoperationen (bzw. -reaktionen) als vermutete intrapsychische Dynamik im Sinne eines »Verbindungsgliedes« zwischen Schemaaktivierungen und sichtbarem Verhalten.
Schemabewältigung bezeichnet die intrapsychische Reaktion eines Menschen auf ein bestimmtes Schema und die damit assoziierten Emotionen. Es handelt sich um ein rein theoretisches Konstrukt.
Young (2005) formulierte drei wesentliche Schema-Bewältigungsoperationen:
• Schema-Erduldung: Schemaassoziierte Emotionen (sowie Kognitionen und Erwartungen) werden akzeptiert und unverändert wahrgenommen. Das sichtbare Verhalten erfolgt im Sinne des Schemas.
• Schema-Vermeidung: Diese Reaktion besteht im Wesentlichen in der Verhinderung der Aktivierung eines Schemas durch die Vermeidung von Situationen, welche zur Aktivierung führen könnten. Das sichtbare Verhalten dient also gewissermaßen »der Flucht« aus der Schemaaktivierung.
• Schema-Kompensation: Hierbei verfolgt die Reaktion das Ziel, schemaassoziierte Emotionen sowie das Schema an sich zu verändern, in dem man das Gegenteil dessen macht, was einem das Schema nahelegt.
Am Beispiel des Schemas »Verlassenheit und Instabilität« bedeutet Schema-Erduldung das bewusste Erleben von Angst und Eifersucht in Beziehungen. Schema-Vermeidung könnte sich z. B. in der grundsätzlichen Vermeidung von Beziehungen zeigen. Schema-Kompensation kann sich bspw. in einer Tendenz zu erhöhter Kontrolle in Beziehungen oder in dem aktiven Abbruch von Beziehungen, bevor man selbst verlassen werden kann, zeigen.
3.5.1 Das Problem mit dem Konzept von Bewältigungsstilen
Young (2005) postulierte auch die Hypothese, dass sich Bewältigungsreaktionen tendenziell situationsübergreifend zeigen, was zur Entstehung sogenannter »individueller Bewältigungsstile« führt. Dadurch ergibt sich fast unvermeidlich eine verwirrende und problematische Verwechslung zwischen der bei einem bestimmten Schema eingesetzten intrapsychischen Schemabewältigung in Form von »Schema-Erduldung, Schema-Vermeidung oder Schema-Kompensation« und den sichtbaren, interaktionellen Bewältigungsmodi »Unterwerfung, Vermeidung und Überkompensation« gegenüber anderen Menschen (
Kap. 4).
Schema-Bewältigungsoperationen und Bewältigungsmodi nicht verwechseln!
Schema-Operationen sind rein theoretische Konstrukte, die vor allem intrapsychische Dynamiken darstellen und nicht mit Bewältigungsmodi verwechselt werden sollten, welche v. a. situativ-sichtbares Erleben und interpersonelle Handlungsmuster beinhalten.
Zur Veranschaulichung als Beispiel das Schema »Grandiosität«: Dieses Schema in »erduldeter Form« zeigt sich in überheblichem oder arrogantem Verhalten, welches wir im Modusmodell als Überkompensation (z. B. im Sinne von Selbsterhöhung) einordnen. In »kompensierter Form« wird das Schema in sein Gegenteil verkehrt und zeigt sich bspw. in einer übertriebenen Bescheidenheit (wie der »Wolf, der Kreide gefressen hat«). Im Modusmodell wird dieses Verhalten in die Kategorie Unterwerfung eingeordnet.
Aktuell wird an einer Veränderung der Terminologie gearbeitet, um die beiden Konzepte deutlicher als getrennt erscheinen zu lassen. So schlägt Arnoud Arntz (2019) die Verwendung der Begriffe »Schema-Resignation«, »Schema-Ausweichung« und »Schema-Inversion« sowie die Distanzierung vom Konzept situationsübergreifender Bewältigungsstile vor.
3.6 Relevanz des Schemamodells in der klinischen Praxis
Schemata sind der Niederschlag unserer frühen Beziehungserfahrungen und stellen deswegen eine Art »Verbindungsglied« zwischen den »alten Bildern« und den aktuellen Problembereichen dar. Zwei Patienten können bspw. im Schema-Modus Inventar (SMI) hohe Werte beim verletzbaren Kindmodus erreicht haben. Bei Betrachtung der Ergebnisse der Schemafragebögen stellt man jedoch starke Unterschiede in den Schemata der ersten zwei Domänen fest. Patient 1 erreicht hohe Werte in den Schemata Verlassenheit, Unzulänglichkeit, Erfolglosigkeit und Verletzbarkeit. Patientin 2 erreicht dahingegen hohe Werte in den Schemata Emotionale Entbehrung, Verlassenheit, Misstrauen/Missbrauch, Unzulänglichkeit, Isolation und Verstrickung. Die »emotionale Qualität« des Modus des verletzbaren Kindes unterscheidet sich in diesen Fällen in der Tat sehr, was sich auf die sehr unterschiedlichen biografischen Entstehungskontexte zurückführen lässt und in den unterschiedlichen »dahinterliegenden Schemata« erkennen lässt: Der erste Patient wurde von seinen Eltern häufig alleingelassen, stand gleichzeitig unter hohem Leistungsdruck bzgl. seiner Schulnoten und wurde auch von ihnen stark kritisiert und streng erzogen. Die zweite Patientin wurde von ihrem Vater regelmäßig misshandelt und ab der Pubertät sexuell missbraucht. Aber auch die Schemaauslöser, welche den Modus des verletzbaren Kindes aktivieren, sind entsprechend unterschiedlich: Patient 1 reagiert v. a. stark auf Situationen, in denen eine andere Person ihm so nah kommen könnte, dass diese seine »Fehler« erkennen und ihn möglicherweise verlassen würde, wenn er keine perfekten Leistungen mehr erzielt. Patientin 2 reagiert v. a. auf Annäherungen von Menschen, die ihr Vertrauen missbrauchen und sogar ihre Existenz physisch gefährden könnten.
Darüber hinaus entscheidet der Umgang eines Patienten mit dem Schema (die sogenannte Schemabewältigung), in welchem Modus es später erscheint: Hinter einer starken Ausprägung des Modus des impulsiven/undisziplinierten Kindes können z. B. bei einem Patienten v. a. die Schemata Grandiosität und Ungenügende Selbstkontrolle in »erduldeter Form« stehen. Bei einem anderen Patienten können stattdessen z. B. die Schemata Verstrickung, Abhängigkeit und Verletzbarkeit in »kompensierter Form« erscheinen, d. h. in gegenteiliger Weise. Erst durch einen gezielten Blick auf die Lebensgeschichte, die Schemata und die jeweiligen Bewältigungsreaktionen kann in einer Schemaaktivierungssituation der sichtbare Modus und seine (historisch entstandene) Funktion verstanden werden.
4 Das Modusmodell
Schemata können als stabile Charakteristika (»traits«) verstanden werden, die nach der Entstehung in der Kindheit und Jugend stabil bleiben. Ein Schemamodus bezeichnet einen zu einem bestimmten Zeitpunkt aktivierten komplexen Zustand (»state«). Die Arbeit mit Schemamodi wurde entwickelt, als Young und sein Team versuchten, das Schemamodell bei der Behandlung von Patienten mit Borderline-Störung anzuwenden (Young et al. 2005). Borderline-Patienten können in Momenten starker emotionaler Aktivierung abrupt zwischen verschiedenen Zuständen wechseln.
Im folgenden Beispiel berichtet die Patientin mit der SMS ihres Freundes, er würde sie an dem Tag nicht besuchen kommen, dem Therapeuten über die Situation.
Fallbeispiel – 25-jährige Patientin mit Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die Patientin berichtet im ersten Moment sehr verärgert und sichtbar angespannt über den Vorfall mit der SMS: »Mein Freund ist so ein Idiot! Er hat mir gerade eben abgesagt, weil er heute wohl lieber mit seinen Kumpels was unternehmen möchte, als sich mit mir zu treffen … Ich bin ihm doch völlig egal, diesem Arsch! Denkt er etwa nicht an mich? Bin ich ihm wirklich so egal? Die können mich alle mal!« Im nächsten Moment sagt sie plötzlich selbstanklagend: »Aber ich kann ihm auch keinen Vorwurf machen. Schauen Sie mich an: Ich bin ein Wrack! Wer kann es mit mir überhaupt aushalten? Es wäre für jeden viel besser, wenn ich endlich verrecken würde!« Daraufhin wird die Patientin traurig und beginnt zu weinen.
Wenn wir das Schemamodell heranziehen, dann können wir in diesem Fall zwar ein gutes Verständnis für die Entstehung dieser Reaktionen auf einer theoretischen Ebene bekommen. Man kann annehmen, dass Schemata der Domänen 1 und 2 wie etwa Verlassenheit, Misstrauen oder Abhängigkeit und Verstrickung während dieser gesamten Sequenz aktiv sind. Unter Berücksichtigung weiterer Schemata aus anderen Domänen, wie z. B. Bestrafungsneigung, negatives Hervorheben oder Ungenügende Selbstkontrolle könnten wir verschiedene emotionale Nuancen herausarbeiten. Auch die Betrachtung möglicher Schema-Bewältigungsreaktionen wäre hilfreich. Diese Erklärungen wären jedoch abstrakt und sehr komplex und für die Patientin nicht unmittelbar nachvollziehbar. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Das Schemamodell ist ein theoretisches Konstrukt und stellt einen Versuch dar, beobachtbare Verhaltensweisen intrapsychisch zu erklären. Mit anderen Worten: Man kann Schemata nicht sehen, nur erschließen. Von daher kann man mit einem Schema auch nicht »reden«.
Was passiert jedoch, wenn wir – anstatt aktivierter Schemata »im Hintergrund« zu definieren – die beobachtbaren Zustände unmittelbar beschreiben? Dann können wir feststellen, dass die Patientin zunächst sehr verärgert und impulsiv reagiert (etwa wie ein impulsives und wütendes Kind), im zweiten Moment sich sehr selbstkritisch und autoaggressiv äußert (in etwa wie ein sehr strenger und strafender Elternteil) und im dritten Moment sich verzweifelt und traurig fühlt und zeigt (etwa wie ein kleines hilfloses und verletzbares Kind). Bei Betrachtung ihrer Lebensgeschichte finden wir heraus, dass die Patientin in ihrer Kindheit sehr häufig verlassen und vernachlässigt wurde und sich hilflos und verletzbar fühlen musste. Wir erfahren auch, dass ihr Vater sehr gewalttätig war und ihre Mutter sehr selten präsent war. Ihre Großmutter hatte wenig Verständnis und bestrafte sie mit Zimmerarrest, wenn sie weinte. Ihre Mutter sagte später immer wieder zu ihr: »Weil ich mit dir schwanger wurde, konnte ich keinen Beruf lernen und jetzt sitze ich hier. Ich wünschte mir, ich hätte dich nie bekommen!«
Mit Hilfe dieser »biografischen Szenen« können wir die Entstehung aktueller Zustände viel besser nachvollziehen und auch in ihrer Funktionalität verstehen, denn die aktuellen Szenen sind gewissermaßen »Re-Inszenierungen« der alten Beziehungserfahrungen im Hier und Jetzt.
Ein Modus ist ein komplexer Zustand, der Wahrnehmung, kognitive Verarbeitung, emotionale Reaktionen sowie wesentliche Verhaltenstendenzen sehr stark beeinflusst oder sogar dominiert. Anders als Schemata sind Schemamodi unmittelbar (von Patient und Therapeut) beobachtbare Zustände.
4.1 Das Modusmodell in der »gesunden Persönlichkeit«
Das Modusmodell wurde ursprünglich konzipiert, um die problematischen Verhaltensweisen von Patienten mit Borderline-Störungen und narzisstischen PS besser konzeptualisieren und diese auf einer praktischen Ebene behandeln zu können. Das bedeutet natürlich nicht, dass das Konzept von Schemamodi sich ausschließlich auf die psychopathologischen Phänomene im Rahmen einer PS beschränkt. Bevor wir etwas tiefer in dieses Thema einsteigen, möchte ich Sie einladen, noch eine kleine Selbsterfahrungsübung mit mir zu machen.
Selbsterfahrungsübung
Sie brauchen dafür nicht viel! Nur ca. zehn Minuten Zeit und die Erinnerung an eine emotional belastende Situation, die Sie in den letzten Tagen oder Wochen erlebt haben. Besonders geeignet hierfür sind natürlich zwischenmenschliche Konflikte. Haben Sie bereits eine Situation gefunden? Wenn ja, dann können wir anfangen!
Teil 1
Die erste Hälfte der Übung besteht im Grunde darin, sich im Rahmen einer kleinen Imaginationsübung möglichst erlebnisnah und emotional in die belastende Situation hineinzuversetzen. Suchen Sie die passende Sitzhaltung und machen Sie wenn möglich die Augen zu, um sich möglichst intensiv mit dem »Erinnerungsbild« zu beschäftigen. Wir werden versuchen, aus diesem Bild eine kleine »Videosequenz« zu machen. Wir spielen dieses Video dann ab und können nach Bedarf vor- und zurückspulen bzw. an bestimmten Stellen pausieren. Noch eine kleine Ergänzung, bevor Sie die Übung beginnen: Versuchen Sie v.a. auf die Veränderungen und Reaktionen Ihres Körpers zu achten, denn diese sind in der Regel »die Brücke« zu unseren Emotionen, Wünschen und Bedürfnissen. Sie sollen in diesen fünf Minuten das Video »abspielen«, sich auf die Situation und auf die andere(n) Person(en) konzentrieren, auf gefallene Sätze und auch auf die Art und Weise, wie mit Ihnen umgegangen wird. Suchen Sie aktiv nach dem Augenblick, in dem Ihre emotionalen Reaktionen am stärksten sind und pausieren Sie dann das Video, um möglichst genau Ihre körperlichen Empfindungen, Ihre Gefühle und Ihre Gedanken in diesem Moment wahrzunehmen. Und dann stellen Sie sich bitte die Frage, was in der Situation passieren müsste, damit es Ihnen besser geht. Mit anderen Worten: Was wünschen Sie sich ganz konkret von der anderen Person und welches Bedürfnis versteckt sich dahinter? Sie kennen jetzt also die Aufgabe für die kommenden fünf Minuten! Dann starten Sie jetzt bitte die Übung und lesen bitte erst weiter, wenn Sie fertig sind!
Teil 2
Als nächstes möchte ich jetzt versuchen, verschiedene »Seiten« von Ihnen zu aktivieren, so wie wir das auch mit Hilfe von Stühlen in der Modi-Arbeit mit Patienten üblicherweise machen. Sie können hierzu gerne auch mehrere Stühle verwenden, um den Effekt noch zu intensivieren.
Bleiben Sie zunächst bei den Emotionen, die Sie bei sich wahrnehmen und »entdecken« konnten. Lassen Sie dieses Gefühl im Körper in den Vordergrund kommen und erlauben Sie dem Gefühl, möglichst viel »Raum« in Ihnen einzunehmen. Ist es möglicherweise ein Gefühl von Ärger oder sogar Wut, was Sie gerade wahrnehmen? Was ärgert Sie denn? Vielleicht werden Sie einfach sehr ungerecht behandelt in der Situation und finden es einfach »zum Kotzen«! Einfach unverschämt und völlig unverständlich. Und vielleicht verstehen Sie überhaupt nicht, wie die andere Person so reagieren konnte und was sie sich dabei dachte. Sie fühlen sich einfach nicht gesehen, nicht ausreichend gewürdigt oder wahrgenommen. Oder sogar nicht ernstgenommen. Schauen Sie jetzt bitte, wie Ihr Körper reagiert, wenn Sie sich auf dieses Gefühl mehr und mehr einlassen. Was passiert in Ihrer Brust? Was können Sie alles wahrnehmen? Bemerken Sie Ihren Herzschlag? Ihre Atmungsfrequenz? Ein Gefühl von Wärme oder gar Hitze in der Brust? Vielleicht Anspannung in den Schultern, in den Armen? Ok… Es kann aber auch sein, dass Sie überwiegend ein Gefühl von Traurigkeit und Wehmut erlebten. Und dass Sie einfach leiden und einen inneren Schmerz spüren, ein Gefühl von Schwere und eine Art Kloß im Hals. Vielleicht verhielt sich die Person in der Situation verletzend und gab Ihnen das Gefühl, nicht wichtig und nicht wertvoll zu sein. Wie reagiert dann Ihr Körper, wenn Sie sich auf diesen Schmerz und diese Verletzung konzentrieren? Wo bemerken Sie die Traurigkeit und die Verletzung? Im Bauch? Möglicherweise spüren Sie auch eine Art Sorge oder Angst, diese Bindung zu verlieren. Wie fühlt es sich an, wenn Sie sich vorstellen, allein zu sein? Von dieser Person verlassen zu werden? Wenn Ihnen Ihre eigene Verletzbarkeit bewusst wird?
Falls Sie einen weiteren Stuhl nehmen können, dann setzen Sie sich kurz um und stellen Sie sich vor, Sie können von außen sich selbst beobachten, wie Sie soeben auf dem anderen Stuhl diese verschiedenen Emotionen wahrgenommen haben. Lassen Sie für einen Moment die kritische Stimme in Ihnen laut werden. Wie alt waren Sie gerade, als Sie diese ganzen Gefühle gespürt haben? Vielleicht merken Sie, wie kindhaft – um nicht zu sagen »kindisch« – das Ganze in den Ohren dieser »kritischen Seite« klang. Was sagt diese Stimme zu Ihnen gerade? Vielleicht so was wie »Du bist doch kein Kind mehr… stell dich nicht so an!«. Oder wirft Ihnen diese Stimme sogar vor, was Sie alles getan haben, um diese Behandlung durch die andere Person zu verdienen? Hören Sie mal genau hin. Denn häufig kriegen wir nur das zurück, was wir verdienen. Und wenn wir schlecht behandelt werden, dann werden wir ja was dafür getan haben. Man kann nicht nur Schönes vom Leben erwarten, die lockere Zeit im Kindergarten ist vorbei, ein erwachsener Mensch muss in der Lage sein, sich zusammenzureißen und zu funktionieren. Wie fühlt sich es an, wenn Sie solche Dinge denken oder in diesem Moment lesen? Was passiert mit dem Gefühl auf dem anderen Stuhl? Sie können sich gerne wieder dorthin setzen und »spüren«, wie die emotionalere Seite von Ihnen reagiert.
Haben Sie noch einen Stuhl? Dann setzen Sie sich bitte auf diesen dritten Stuhl. Auf diesem Stuhl setzen wir jetzt die Seite von Ihnen, die eine schnelle Lösung dieses Konflikts finden möchte. Vielleicht ist es das Beste, das Buch schnell wieder zuzumachen und nicht weiter zu lesen. An was anderes zu denken, sich mit etwas abzulenken. Oder vielleicht sich mit Haushalt oder mit Schreibtisch-Aufgaben zu beschäftigen – das funktioniert in der Regel sehr gut, auch Bücher schreiben ist manchmal in diesem Sinne eine sehr hilfreiche Strategie. Es ist so schön, wenn man einfach wegschauen kann und sich wieder entspannt. Finden Sie nicht? Denken Sie bewusst an andere Strategien, die für Sie gut funktionieren? Wie schaffen Sie es, unangenehme Erinnerungen zu verdrängen oder auch aversive Emotionen wegzuschieben?
Im letzten Schritt werden wir Sie bitten, für einen Moment aufzustehen und einen Blick auf die drei Stühle, mit denen Sie bisher gearbeitet haben. Falls Sie keine extra Stühle verwendet haben, dann stehen Sie bitte trotzdem auf und schauen Sie den Stuhl an, auf dem jetzt abwechselnd verschiedene Seiten von Ihnen saßen. Denken Sie für einen Moment auch an das unangenehme Erlebnis, die Erinnerung, mit der Sie in der Imagination gearbeitet haben. Versuchen Sie, so als wären Sie Ihr eigener bester Freund, eine wohlwollende, verständnisvolle und mitfühlende Haltung einzunehmen. Als hätte Ihr bester Freund Ihnen soeben diese Geschichte erzählt und Ihnen auch seine verschiedenen Reaktionen beschrieben: Seine Gefühle, seine Wünsche, auch seine Gedanken und insbesondere seine selbstanklagenden und -kritischen Gedanken, und auch seine bisherigen Lösungsversuche. Versuchen Sie v.a. die emotionalen Reaktionen für einen Moment zu betrachten, als wäre Ihr bester Freund für einen Augenblick wieder ein Kind, das mit einer bestimmten Situation sehr überfordert ist und einfach Unterstützung braucht. Bemerken Sie eine weitere Veränderung in Ihrem Körper? In der Art und Weise, wie Sie jetzt über die Situation und die eigenen Bewältigungsversuche denken?
Vielen Dank, dass Sie sich auf diese Übung eingelassen haben! In der Tat ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie sehr unterschiedliche emotionale Qualitäten, kognitive Tendenzen und Muster und insgesamt verschiedene Zustände erleben konnten. Das liegt daran, dass sich Schemamodi im Kontext einer Persönlichkeitsstörung auf dem Fundament der »normalen« Funktionsweise unserer Psyche entwickeln und keine völlig neuen Entitäten oder Phänomene sind. Es handelt sich im Prinzip um die gleichen Kernmechanismen. Einseitige oder sogar rigide Zustände können prinzipiell bei jedem Menschen beobachtet werden, unabhängig vom »Gesundheitsgrad« seiner Persönlichkeit. Was unterscheidet dann Schemamodi in einer »ungestörten Persönlichkeit« und Schemamodi im Kontext einer PS?
Zum einen die Qualität, also die Rigidität und Intensität, die aktivierte Modi bei Patienten mit PS häufig aufweisen. Während die meisten Menschen z. B. gelegentlich überkritische Tendenzen aktivieren und etwas zu hart mit sich selbst ins Gericht zu gehen, sind sie in der Selbstreflexion aber auch schnell in der Lage, diese Strenge zu relativieren und wieder eine mitfühlendere oder gar liebe- und verständnisvollere Haltung einzunehmen. Wenn eine Patientin mit einer Borderline-Störung in ihrem »Kritikermodus« sich selbst entwertet und bestraft, dann ist es in aller Regel eine Herausforderung – um dies vorsichtig auszudrücken –, sie mit einer therapeutischen Intervention aus diesem Modus wieder herauszubewegen. Wenn die Patientin etwas sagt wie »Es ist ja ganz klar, dass mein Freund mich verlassen wird… schauen Sie mich an, schauen Sie, wie furchtbar ich bin! Meine Mutter hatte Recht, sie hätte mich einfach abtreiben sollen, dann hätte sie mir und der ganzen Menschheit vieles erspart«, dann wird die einfache Bitte, sich von diesen Gedanken zu distanzieren und die Haltung einer guten Freundin einzunehmen, die es gut mit ihr meint, mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern.
Zum anderen zeigt sich ein Unterschied in der Quantität, also der Häufigkeit, mit welcher Modi aktiviert werden. Während die meisten Menschen nur selten intensive Angst vor Verlassenheit spüren und sich wie ein ängstliches Kind fühlen, wird eine Patientin mit einer Borderline-Störung diesen Modus mehrmals am Tag intensiv erleben (und dazu oft in überflutender Weise). Es ist aufgrund der starken Ausprägung zahlreicher Schemata aus den ersten zwei Domänen gewissermaßen »leichter«, diesen Modus bei dieser Patientengruppe zu aktivieren und häufig scheint die Aktivierung sogar keinen besonderen situativen Auslöser zu benötigen.
4.2 Kindmodi
Jeder Mensch ist in der Lage, intensive Emotionen zu fühlen. Diese signalisieren, ob Grundbedürfnisse frustriert oder erfüllt werden. Je intensiver das emotionale Erleben, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich das in einem sichtbaren »Kindmodus« zeigt. Beim Verlust eines geliebten Menschen erleben wir im Normalfall ein intensives Gefühl von Traurigkeit und können auch wie Kinder weinen. Wenn man selbst oder ein geliebter Mensch in akuter Gefahr ist, dann werden wir häufig »überflutet« von Angst, sodass wir uns wie verängstigte Kinder fühlen oder reagieren. Auch bei intensivem Ärger oder auch Wut können wir impulsiv handeln und Dinge sagen oder auch tun, die wir in unserem normalen »Erwachsenenmodus« nicht tun würden, wie etwa laut schreien oder gar etwas an die Wand werfen. Wir können sogar die Fähigkeit zum Perspektivwechsel verlieren und eine sehr einseitige und egozentrische Sichtweise einnehmen, die wir nach Abklingen der emotionalen Reaktion teilweise selbst nicht mehr nachvollziehen können. Aber auch im positiven Sinne können uns glückliche Ereignisse mit Freude erfüllen, sodass wir lachen und uns geborgen und glücklich fühlen wie ein kleines Kind.
Ein Kindmodus ist ein Zustand, in dem vor allem die emotionale Aktivierung und das Erleben der unmittelbaren Konsequenzen der Frustration von Grundbedürfnissen (bzw. deren Erfüllung beim glücklichen Kindmodus) im Vordergrund stehen. Das bedeutet nicht, dass nicht auch kognitive Bewertungen oder Verhaltenstendenzen vorhanden sind. Emotionen sind jedoch das dominierende Element und führen dazu, dass man von ihnen geprägt nicht nur so fühlt wie ein Kind, sondern auch so denkt und handelt.
4.2.1 Verletzbares Kind
Im verletzbaren Kindmodus (VK) stehen vor allem Bindungsverlustängste und Traurigkeit im Vordergrund, sodass man sich wie ein verletzbares, ängstliches, einsames oder trauriges Kind fühlt und selbst erlebt. Vor allem die Aktivierung der Schemata aus der ersten und zweiten Domäne und das Wiedererleben alter biografischer Szenen prägen die emotionale Qualität. Neben den Basisemotionen Angst und Trauer können sich auch soziale Emotionen wie etwa Scham, Hilflosigkeit, Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit beimischen. Bedürfnisse nach Nähe, emotionaler Wärme und Geborgenheit (Bindung) stehen im Vordergrund. Das emotionale Erlebnis ist in der Regel gut von außen sichtbar.
In der Gegenübertragung des Therapeuten aktiviert das in aller Regel das bereits erwähnte »care system«: Man fühlt mit dem Patienten mit, dieser tut einem leid und man spürt den Wunsch oder fast den Drang, den Patienten emotional zu versorgen. Man wird wärmer, unter Umständen ruhiger und nimmt (häufig unbewusst) eine zugewandte oder beschützende Körperhaltung ein.
4.2.2 Ärgerliches/wütendes Kind
Im ärgerlichen oder wütenden Kindmodus (ÄK) erlebt man Ekel (genervt sein) sowie Ärger oder sogar nach Außen gerichtete Wut in sehr direkter Form. Die Frustration von Grundbedürfnissen und insbesondere die Aktivierung des Selbstbehauptungsbedürfnisses führt zum »Protest« gegen die aktuelle Situation (z. B. eine Zurücksetzung oder Kränkung). Ebenso wie beim VK kann die Aktivierung von Schemata aus der ersten und zweiten Domäne dabei eine wichtige Rolle spielen. Das Grundgefühl von Ärger führt zur Gesamtaktivierung (Sympathikotonie), verleiht Kraft und steht in direkter Verbindung mit dem Wunsch, respektiert, gesehen und gut behandelt zu werden. Neben den Autonomie- und Kontrollbedürfnissen (Selbstbehauptung) kann aber auch das Bedürfnis nach Sicherheit und Nähe hinter einem ärgerlichen oder wütenden Kindmodus stehen. Dann aber als sekundäre Emotion, die eine primäre Angst oder Trauer überdeckt. Das ist der Fall, wenn z. B. eine Borderline-Patientin am Anfang der Sitzung auf den Therapeuten sehr ärgerlich oder wütend ist und ihm vorwirft, sie im Stich gelassen zu haben: »Sie haben mir versprochen, dass ich mich auf Sie verlassen kann! Und Sie haben den letzten Termin einfach abgesagt, weil Sie irgendein Seminar geben wollten… das ist super für Sie, und was ist mit mir? Wissen Sie eigentlich, wie schlecht es mir ging? Und ich hätte Sie gebraucht, aber Sie waren einfach nicht da…«. Diese Patientin wirkt dabei den Tränen nahe, denn unmittelbar hinter ihrer Wut befindet sich ihre Angst vor dem Alleinsein und ihrer Traurigkeit. Ärgerliche/wütende und verletzbare Kindmodi können häufig als »zwei Seiten einer Medaille« angesehen werden, als zwei Reaktionen auf die gleiche Verletzung oder Kränkung.
Die zu erwartende Reaktion auf Therapeutenseite kann gemischt sein: Zunächst ein gewisses Unverständnis oder sogar Ärger über die unangemessenen Vorwürfe, aber auch Mitgefühl für die verletzbare Seite dahinter bis hin zu prosozialen Schuldgefühlen: Man spürt die Not eines Menschen, zu dem man eine Beziehung hat und das Bedürfnis zu helfen oder die Beziehung »zu reparieren«.
4.2.3 Undiszipliniertes und impulsives Kind
In diesem Modus steht das »Lustprinzip« im Vordergrund, sodass Grenzen missachtet werden und man sich wie ein impulsives Kind verhält. Im direkten Kontakt mit einem Patienten in diesem Modus kann in manchen Fällen v. a. der Mangel an Selbstdisziplin im Vordergrund stehen, in anderen Fällen jedoch eine eher »trotzig-oppositionelle« Haltung, die deutlich mehr Ärger und Aggressivität beinhaltet. In diesem Modus zeigen sich Autonomie- und Kontrollbedürfnisse noch deutlicher und in direkterer Form als im wütenden Kind. Gleichzeitig besteht im Hintergrund das Bedürfnis nach angemessenen bzw. haltgebenden Grenzen.
Im Therapeuten dominiert der Impuls (wie bei guten Eltern), den Patienten zwar zu begrenzen, aber die Beziehung (und damit die Bindung) zunächst aufrechtzuerhalten.
Pulsuz fraqment bitdi.