Kitabı oxu: «Ein tödliches Komplott»

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Ein tödliches Komplott

Michael Korn & Liz Croll Band 4

Ein Thriller von

Matthias Boden

Copyright © 2022

Alle Rechte bei Matthias Boden

Werrestraße 107b

32049 Herford

E-Mail: MatthiasBoden8@gmail.com

9783986476311

Eine angebliche Bundesbehörde benutzt einfache Bürger als Kuriere in den gesamten Vereinigten Staaten. Eine junge Angestellte versucht dem ganzen auf den Grund zu gehen und gerät in Lebensgefahr. Das FBI kommt bei den Ermittlungen nicht weiter und fragt zähneknirschend bei Interpol um Hilfe. Rhonda Miller entsendet das Team unter der Leitung von Liz Croll in die USA. Die Agenten stoßen auf unerwartete Probleme als Leonie Korn von einer FBI Angestellten erkannt wird. Die FBI Agentin nutzt die Daten des Teams um Leonie zu überführen und bringt damit Liz Ehemann und die Kinder des Teams in Gefahr. Das Team muss erfinderisch werden um den Fall zu lösen und sich der Agentin des FBI entledigen bevor sie alle zur Zielscheibe werden.

Für Karin,

und ihre unvergleichliche Hilfe über all die Jahre.

Inhalt

  Prolog Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  1. Kapitel Bahamas, Nassau

  2. Kapitel Vereinigte Staaten, Washington D.C. (WA)

  3. Kapitel Vereinigte Staaten, Cleveland (OH) Bahamas, Nassau

  4. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  5. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV)

  6. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  7. Kapitel Bahamas, Nassau

  8. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  9. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV) Vereinigte Staaten, Dallas (TX) Vereinigte Staaten, Cleveland (OH)

  10. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  11. Kapitel Bahamas, Nassau

  12. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR) Vereinigte Staaten, Cleveland (OH) Bahamas, Nassau

  13. Kapitel Bahamas, Nassau

  14. Kapitel Vereinigte Staaten, Dallas (TX)

  15. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  16. Kapitel Vereinigte Staaten, Dallas (TX) Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  17. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  18. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  19. Kapitel Vereinigte Staaten, Cleveland (OH)

  20. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  21. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  22. Kapitel Vereinigte Staaten, Cleveland (OH)

  23. Kapitel Vereinigte Staaten,Portland (OR)

  24. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV) Bahamas, Nassau

  25. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  26. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR) Nassau, Bahamas

  27. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  28. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  29. Kapitel Bahamas, Nassau

  30. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  31. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV)

  32. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  33. Kapitel Bahamas, Nassau

  34. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV)

  35. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  36. Kapitel Bahamas, Nassau

  37. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV)

  38. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  39. Kapitel Bahamas, Nassau

  40. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  41. Kapitel Vereinigte Staaten, Los Angeles (CA) Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  42. Kapitel Bahamas, Nassau

  43. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  44. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR) Bahamas, Nassau

  45. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  46. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV) Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  47. Kapitel Bahamas, Nassau Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  48. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV) Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  49. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  50. Kapitel Bahamas, Nassau Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  51. Kapitel Bahamas, Nassau

  52. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  53. Kapitel Bahamas, Nassau Vereinigte Staaten, Portland (OR)

  54. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR) Bahamas, Nassau

  55. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR) Bahamas, Nassau

  Epilog Bahamas, Nassau 60. Kapitel

  Danksagung Die Reihe um Liz Croll und Michael Korn:

Prolog
Vereinigte Staaten, Portland (OR)

Schwa­ches Licht ei­ner wind­schie­fen Stra­ßen­la­ter­ne er­hell­te die Sze­ne­rie an ei­ner Um­ge­hungs­stra­ße. In ir­gend­ei­nem die­ser Fahr­zeu­ge soll­te ih­re Ziel­per­son sit­zen und war­ten. Schon seit ei­ni­gen Stun­den hat­te Vi­vi­an Bur­ge­ss die Stra­ße nicht aus den Au­gen ge­las­sen. Von ih­rem Kon­takt im Haupt­quar­tier hat­te sie er­fah­ren, dass die Über­ga­be ex­akt hier und heu­te über die Büh­ne ge­hen soll­te. Im­mer wie­der konn­te sie se­hen, dass Beu­tel aus Zel­lo­phan und Brief­um­schlä­ge so­wie Bar­geld den Be­sit­zer wech­sel­te. Das war hier nach Son­nen­un­ter­gang be­reits nor­mal, aber ihr Kon­takt sprach von ei­ner Men­ge, die nicht in ei­ne Tü­te pas­sen konn­te. Er hat­te ihr den Wert von über zehn Ki­lo­gramm ge­nannt, die heu­te den Be­sit­zer wech­seln wür­den.

Mit ih­rer Ka­me­ra und dem hoch­auf­lö­sen­den Ob­jek­tiv saß sie in si­che­rer Ent­fer­nung ver­steckt in ei­nem Jä­ger­un­ter­stand. So­gar ihr Ge­sicht hat­te sich vor­sorg­lich noch ein­mal ge­schwärzt, ob­wohl das ei­gent­lich nicht nö­tig ge­we­sen wä­re. Vi­vi­an war ein Misch­ling. Ih­re Mut­ter war ei­ne Afro­ame­ri­ka­ne­rin und ihr Va­ter ein Wei­ßer. Sie war des­we­gen eher so dun­kel­far­big wie ein Milch­kaf­fee und konn­te in die­ser Um­ge­bung bei den schlech­ten Licht­ver­hält­nis­sen nicht auf­fal­len. Selbst die Tie­re in­ter­es­sier­ten sich nicht für die ver­steck­te Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te, die hier war­te­te.

End­lich sah sie dort un­weit der La­ter­ne einen völ­lig in schwarz ge­klei­de­ten Mann. Der lan­ge Man­tel war deut­lich zu auf­fäl­lig für die Jah­res­zeit. Zu viel Co­lum­bo ge­se­hen ver­mut­lich, aber das war hier nicht Los An­ge­les, son­dern Port­land. Die­se Agen­ten konn­ten aber auch nie wirk­lich un­auf­fäl­lig sein. Ihr soll­te es recht sein. Je ein­fa­cher er zu er­ken­nen war, um­so leich­ter für sie und ih­re Ka­me­ra die Über­ga­be im Bild fest­zu­hal­ten. Im­mer­hin hing sie jetzt schon fast drei Wo­chen an die­sem Auf­trag fest, weil er im­mer wie­der ver­scho­ben wur­de.

An­ge­fan­gen hat­te al­les mit ei­nem ein­fa­chen Brief in ih­rer Post. Ei­ne mys­te­ri­öse Bun­des­be­hör­de mit den drei Buch­sta­ben SNB hat­te sie an­ge­wor­ben die­sen Job für ihr Land zu er­le­di­gen. Sie be­kam al­les, was sie da­für brauch­te ge­stellt und dach­te nicht wei­ter dar­über nach. Ihr ers­ter Auf­trag war ein­fach ge­we­sen. Sie soll­te ein­fach nur mit ei­nem Zug nach San Fran­cis­co in Ka­li­for­ni­en fah­ren, dort einen blau­en Klein­wa­gen auf ei­nem Park­platz ei­nes Su­per­mark­tes ab­ho­len und ihn nach Port­land brin­gen. Dort soll­te sie den klei­nen Wa­gen ein­fach in ei­ner Sei­ten­stra­ße ab­stel­len, den Schlüs­sel auf dem rech­ten Hin­ter­rad ab­le­gen und sich aus dem Staub ma­chen. Be­kom­men hat­te sie da­für ne­ben ei­ner Fahr­kar­te für den Zug auch noch ei­ne Ver­gü­tung von 2000 Dol­lar.

Für sie als Be­rufs­an­fän­ge­rin aus ei­ner eher un­ter­pri­vi­le­gier­ten Ar­bei­ter­fa­mi­lie an der West­küs­te war das ein net­tes Zu­brot, das sie ger­ne in An­spruch ge­nom­men hat­te. Das Geld be­kam sie wie­der per Post an ih­re Adres­se ge­lie­fert. Kur­ze Zeit spä­ter be­kam sie ei­ne neue Auf­ga­be an­ge­bo­ten. Sie soll­te ein­fach nur ein Pa­ket an­neh­men und es dann in ei­nem Re­stau­rant bei der Gar­de­ro­be lie­gen las­sen. Als sie nach dem Es­sen, das ihr eben­falls nach­träg­lich be­zahlt wur­de, ih­ren Man­tel ab­ge­holt hat­te war das Pa­ket ein­fach ver­schwun­den. Trotz­dem be­kam sie pünkt­lich das ver­spro­che­ne Geld, in­klu­si­ve der Kos­ten des Abendes­sens.

Ihr drit­ter Auf­trag führ­te sie nach Salt La­ke Ci­ty, um einen Roll­kof­fer zu über­neh­men, den sie dann nach Eu­ge­ne in Ore­gon brin­gen soll­te. Da­zu muss­te sie ei­nes ih­rer Wo­che­n­en­den fast nur in Zü­gen ver­brin­gen, aber sie er­hielt da­für so­gar 5000 Dol­lar. Für das Geld ein Wo­che­n­en­de in ei­nem Zug zu ver­brin­gen war jetzt nicht ge­ra­de das schlech­tes­te, auch wenn das Schla­fen viel zu kurz kam. Trotz­dem lag das Geld für ih­re Diens­te wie­der voll­zäh­lig in ih­rem Brief­kas­ten. Was konn­te sie bes­se­res er­war­ten, als für klei­ne Trans­port­tä­tig­kei­ten schon ei­ni­ge tau­sen­de Dol­lar zu ver­die­nen? Vi­vi­an hat­te erst ih­re Aus­bil­dung ab­ge­schlos­sen und be­gann in ih­rem Be­ruf. Da konn­te man einen Ex­tra­ver­dienst schon gut ge­brau­chen.

Ihr jet­zi­ger Auf­trag war fast noch ein­fa­cher. Sie soll­te ein­fach nur mit der Ka­me­ra be­ob­ach­ten und auf kei­nen Fall ein­grei­fen, egal was auch pas­sier­te. Sie wuss­te, dass die Über­ga­be ir­gend­wann an die­sem Abend auf der Um­ge­hungs­stra­ße er­fol­gen muss­te. Man stell­te ihr die Ka­me­ra und ei­ne Spei­cher­kar­te zur Ver­fü­gung, die sie nach Er­le­di­gung auf ei­ner öf­fent­li­chen Toi­let­te im Stadt­zen­trum von Port­land de­po­nie­ren brauch­te. Jetzt saß sie schon seit mehr als zwei Stun­den in die­sem Busch und war­te­te. Es war nicht wirk­lich be­quem in die­sem Jä­ger­un­ter­stand und die Aus­sicht war auch nicht wirk­lich ei­ne Au­gen­wei­de, aber was soll­te sie bes­se­res ver­lan­gen.

End­lich pas­sier­te et­was wor­auf sie war­te­te. Der Mann in dem lan­gen Tren­ch­coat be­ob­ach­te­te die Fahr­zeu­ge und hielt sich eher in den dunklen Ecken der Stra­ße auf. Vi­via­ne hat­te ihn di­rekt auf dem klei­nen Bild­schirm ih­rer Ka­me­ra. Der jun­ge Typ sah gar nicht so übel aus. Er war un­ge­fähr in ih­rem Al­ter, hat­te ein schüch­ter­nes Auf­tre­ten, sah aber trotz­dem ziem­lich heiß aus. Hät­te er sie in ei­ner Bar an­ge­spro­chen wä­re sie nicht ab­ge­neigt ge­we­sen. So aber ge­hör­te er nur zu ei­nem Auf­trag und brach­te ihr Geld ein, wenn er denn end­lich das Pa­ket mit den 18 Ki­lo­gramm ab­ho­len wür­de.

Lang­sam trau­te er sich mal ein biss­chen mehr ins Licht was Vi­vi­an ver­an­lass­te mehr­fach den Aus­lö­ser ih­rer di­gi­ta­len Ka­me­ra mit dem Te­le­ob­jek­tiv zu drücken. Sie hat­te ihn ge­nau im Bild. Un­mög­lich ihn nicht ge­nau dar­auf zu er­ken­nen. Sei­ne kur­z­en schwar­zen Haa­re die in klei­nen Lo­cken an sei­nem Haupt kleb­ten wa­ren fast ex­akt zu er­ken­nen. Auch die klei­ne Nar­be un­ter sei­nem Kinn war deut­lich zu se­hen. Er hielt sich auf­fäl­lig im Schat­ten und blieb von den Men­schen fern, die dort an der Stra­ße stan­den. Scheu blick­te er sich um und be­weg­te sich dann vor­sich­tig im leich­ten Un­ter­holz des an­gren­zen­den Gra­bens die Stre­cke ent­lang. Er er­reich­te einen matt­schwar­zen Kom­bi und mach­te sich an der Heck­klap­pe zu schaf­fen. Das Ge­päck­fach schwang auf und er schnapp­te sich ein in dunkles Pa­pier ge­wi­ckel­tes Pa­ket. Sein Aus­druck ließ er­ken­nen, dass die­ses Päck­chen ziem­lich schwer war. Eng an sich ge­drückt mach­te der jun­ge Afro­ame­ri­ka­ner sich wie­der auf den Rück­weg. Vi­vi­an Bur­ge­ss hat­te al­les auf­ge­nom­men und woll­te be­reits wie­der ih­ren Beo­b­ach­tungs­pos­ten ver­las­sen als er von ei­nem Mann im An­zug auf­ge­hal­ten wur­de.

Es ent­wi­ckel­te sich ein lau­tes Wort­ge­fecht, was in ei­ner wil­den Schlä­ge­rei mün­de­te. Vi­vi­an soll­te auf kei­nen Fall ein­grei­fen, al­so hielt sie mit der Ka­me­ra drauf und knips­te Bil­der im Se­kun­den­takt. Das Pa­ket, was er in den Ar­men hat­te, fiel auf den Bo­den und gab einen Teil des In­halts frei. Es sah aus wie Mehl in ei­ner merk­wür­di­gen Kon­sis­tenz. Der leich­te Wind blies das Pul­ver in die Luft und trieb es die Stra­ße ent­lang. Vie­le an­de­re Men­schen wur­den dar­auf auf­merk­sam als plötz­lich ein wei­te­rer jun­ger Mann hin­zu­kam und schrei­end ges­ti­ku­lier­te. Dann er­tön­te ei­ne Si­re­ne und die Schwär­ze der Nacht wur­de durch blaue Blit­ze er­hellt. Mit quiet­schen­den Rei­fen hiel­ten meh­re­re Strei­fen­wa­gen di­rekt ne­ben den bei­den kämp­fen­den Män­nern. Vi­vi­an hielt den gan­zen Vor­gang mit ih­rer Ka­me­ra fest. Plötz­lich fiel ein lau­ter Schuss und der Pa­ket­bo­te brach blu­tend zu­sam­men.

Die Be­am­ten schnapp­ten sich die Res­te des Pa­kets, küm­mer­ten sich um den Ver­letz­ten und wo­gen das rest­li­che Pul­ver in ei­nem Strei­fen­wa­gen ab. Vi­vi­an hat­te ge­nug ge­se­hen. Den gan­zen Vor­gang hat­te sie mit ih­rer Ka­me­ra do­ku­men­tiert. Es war Zeit zu ver­schwin­den und die Ka­me­ra mit der Spei­cher­kar­te in der öf­fent­li­chen Toi­let­te zu hin­ter­le­gen. Sie ver­ließ ih­ren Jä­ger­un­ter­stand und mach­te sich auf den Rück­weg durch das klei­ne Wäld­chen. Wäh­rend sie die Ka­me­ra fest an sich ge­drückt durch den Wald quäl­te, mach­te sie sich Ge­dan­ken. Hat­te sie eben aus si­che­rer Ent­fer­nung einen Dro­gende­al be­ob­ach­tet der schief­ge­gan­gen war? Aber warum hat­ten die Be­am­ten auf den jun­gen Mann ge­schos­sen? Man konn­te doch den Wi­der­stand mit Hand­grif­fen bre­chen, oh­ne den Dea­ler so schwer zu ver­let­zen. Aber wenn das ein schief­ge­gan­ge­ner Dro­gende­al war, wes­halb hat­te ei­ne Bun­des­be­hör­de wie das SNB dar­an In­ter­es­se?

Vi­vi­an blieb im Wald ste­hen und dach­te dar­über nach, was sie mit den Be­wei­sen an­fan­gen soll­te. Ei­ne Si­che­rungs­ko­pie be­hal­ten oder ih­re Be­wei­se ab­lie­fern und nicht wei­ter dar­über nach­den­ken. Sie hat­te ihr Geld ja ver­dient, oh­ne ih­ren Auf­trag zu ge­fähr­den. Die Fra­ge war nur was sie mit der Si­cher­heits­ko­pie an­fan­gen soll­te, wenn sie denn ei­ne an­fer­tig­te. Sie hat­te ja nur ei­ne Po­li­zei­ak­ti­on mit Bil­dern fest­ge­hal­ten und ei­ne Ko­pie der Fo­tos brach­te ihr ja kei­ne Vor­tei­le. Vi­vi­an könn­te sie nur an ei­ne Ta­ges­zei­tung ver­kau­fen und da­mit noch ein paar Dol­lar ver­die­nen, aber in den USA pas­sier­ten je­den Tag tau­sen­de Ver­bre­chen, die nicht un­be­dingt in der Zei­tung stan­den. Sie ent­schied sich da­ge­gen. Ihr Job war er­le­digt und sie wür­de mit Si­cher­heit noch wei­te­re Auf­trä­ge er­hal­ten, mit de­nen sie ihr klei­nes Ge­halt auf­bes­sern konn­te.

Vi­vi­an setz­te ih­ren Weg in die In­nen­stadt von Port­land fort, oh­ne einen wei­te­ren Ge­dan­ken an den Vor­fall zu ver­schwen­den. Hin­ter dem Wäld­chen hat­te sie ih­ren Klein­wa­gen ge­parkt, den sie sich durch den zu­sätz­li­chen Ver­dienst ih­rer Ne­ben­tä­tig­keit leis­ten konn­te. Sie klemm­te sich hin­ter das Steu­er und fuhr in die Stadt. Vor ihr tauch­ten die ho­hen leuch­ten­den Ge­bäu­de von Port­land wie aus dem Nichts auf und be­leuch­te­ten ih­ren Weg zum Über­ga­be­ort. Dort an­ge­kom­men park­te sie ih­ren Wa­gen in der Nä­he ei­ner Piz­ze­ria und be­gab sich auf die Da­men­toi­let­te. Wie vor­her­ge­sagt fand sie dort an der Wand den Au­to­ma­ten für Da­men­hy­gie­ne­ar­ti­kel. Die Klap­pe ließ sich ganz ein­fach öff­nen und sie de­po­nier­te dort die Ka­me­ra. Dann schloss sie die Klap­pe wie­der und setz­te sich in den Au­ßen­be­reich des Lo­kals.

Sie hat­te einen gu­ten Blick auf den Ein­gang. Der Kell­ner nahm ih­re Be­stel­lung auf und kehr­te kurz dar­auf mit ih­rem Er­fri­schungs­ge­tränk zu­rück. Vi­vi­an be­hielt den Zu­gang der Toi­let­te die gan­ze Zeit im Blick. Nach den gan­zen er­folg­rei­chen Auf­trä­gen woll­te sie nun end­lich wis­sen, wer ei­gent­lich hin­ter den Auf­trä­gen steck­te. Ir­gend­je­mand muss­te die Ka­me­ra ja am Über­ga­be­ort ab­ho­len und zur Bun­des­be­hör­de SNB brin­gen. Der Kell­ner brach­te ihr die be­stell­te Piz­za. Er war et­was ver­wirrt, weil Vi­vi­an dar­auf be­stand so­fort zu be­zah­len. Wenn schon je­mand die Ka­me­ra ab­ho­len wür­de woll­te sie kei­ne Zeit ver­lie­ren, um der Agen­tin zu fol­gen.

Es dau­er­te gut ei­ne gan­ze Stun­de bis end­lich ei­ne adrett ge­klei­de­te jun­ge Frau die Toi­let­te be­trat und kurz dar­auf mit ei­ner Ta­sche wie­der in der Tür er­schi­en. Die Aus­ma­ße der Ta­sche wa­ren groß ge­nug um die Ka­me­ra dar­in zu ver­ber­gen. Vi­vi­an be­schloss ihr in si­che­rem Ab­stand zu fol­gen. Wäh­rend sie ihr in ei­ni­gem Ab­stand durch die Stra­ßen folg­te, schätz­te sie die schlan­ke Frau ab. Ihr Bu­si­ness­ko­stüm in dem dunklen Blau pass­te zu ei­ner Bun­de­s­agen­tin im Dienst des SNB, aber warum trug sie kei­ne Waf­fe oder an­de­res Ma­te­ri­al zur Ver­tei­di­gung bei sich. Nichts deu­te­te dar­auf hin, dass sie in der La­ge war sich zu ver­tei­di­gen. Die Blon­di­ne war schlank, deut­lich klei­ner als Vi­vi­an mit ih­ren 1,75 m und be­weg­te sich eher wie ei­ne nor­ma­le Passan­tin.

Die Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te folg­te ihr bis zu ei­nem Bü­ro­ge­bäu­de, das sie oh­ne Kon­trol­le be­trat. Sie war sich un­si­cher, ob sie ihr bis in das Ge­bäu­de fol­gen soll­te. Wenn das ein Bü­ro der SNB war, woll­te sie nicht im Ge­bäu­de auf­ge­grif­fen wer­den. Vi­vi­an lief an dem Ge­bäu­de vor­bei und ris­kier­te einen Blick ins In­ne­re. Ein Schild an der Tür des Bü­ro­ge­bäu­des ver­riet ihr, dass es ein Ver­wal­tungs­ge­bäu­de der staat­li­chen Was­ser­ver­sor­gung war. Ei­ne Bun­des­be­hör­de wie das SNB ver­steck­te sich al­so hin­ter ei­ner In­sti­tu­ti­on im Diens­te der Ein­woh­ner. Es war nichts Un­ge­wöhn­li­ches an dem Ge­bäu­de zu er­ken­nen. Die Schal­ter la­gen im Dun­keln und der hel­le Mar­mor wur­de nur durch leich­tes Licht der Not­be­leuch­tung er­hellt. Die Frau der Vi­vi­an ge­folgt war schi­en sich hier aus­zu­ken­nen, denn ihr Weg führ­te sie schnur­stracks zu ei­ner Tür am En­de des Gan­ges.

Nach­dem die Agen­tin hin­ter dem Ein­gang ver­schwun­den war, stell­te sich Vi­vi­an auf ei­ne wei­te­re War­te­zeit ein. Nach we­ni­ger als zwei Mi­nu­ten ver­ließ die Agen­tin das Bü­ro aber wie­der oh­ne die Ta­sche und trat auf die Stra­ße hin­aus. Sie be­schloss die Agen­tin wei­ter­zu­ver­fol­gen. Wie ein An­dro­id ging sie durch die ho­hen Ge­bäu­de­schluch­ten in Rich­tung ei­nes eher ru­hi­gen Vier­tels. Oh­ne sich um­zu­se­hen, bog sie um die nächs­te Stra­ßen­e­cke. Vi­vi­an folg­te ihr wei­ter. Als sie an der Stra­ßen­e­cke an­kam, war die jun­ge Agen­tin plötz­lich ver­schwun­den. Vi­vi­an schau­te sich um, ob die Agen­tin sich in ei­nes der klei­ne­ren Häu­ser zu­rück­ge­zo­gen hat­te, konn­te sie al­ler­dings nir­gend­wo ent­de­cken.

Mit ih­ren brau­nen Pu­pil­len blick­te sie su­chend in der Dun­kel­heit der Stra­ße und ach­te­te auf ei­ne Be­we­gung. Al­les, was sich be­weg­te, wa­ren ei­ni­ge Zwei­ge ei­nes Bu­sches die sich im leich­ten Wind wieg­ten, an­sons­ten war al­les still. Beo­b­ach­tend drang sie wei­ter in die Stra­ße vor bis sie an ei­ner klei­nen Mau­er­kan­te ei­nes Un­ter­stands von hin­ten ei­ne Hand an der Schul­ter nach hin­ten riss. Vi­vi­an fiel der Län­ge nach auf den Bo­den und nahm in­stink­tiv ei­ne Ab­wehr­hal­tung ein. Über ihr er­schi­en die blon­de Agen­tin. Sie press­te Vi­vi­an hart die Knie auf die Schul­ter und frag­te sau­er, »Wer sind sie und warum fol­gen sie mir schon die gan­ze Zeit?«

»Ich bin Vi­vi­an Bur­ge­ss«, ent­schul­dig­te sie sich, »Ich woll­te nur wis­sen, wer sich hin­ter den drei Buch­sta­ben SNB ver­steckt. Tut mir leid, aber sie wa­ren mei­ne ein­zi­ge Spur!«

Die Blon­di­ne blick­te sie bö­se an. »Ih­re Spur hat sie zu ei­ner Stu­den­tin ge­führt die sich ihr Stu­di­um mit klei­ne­ren Auf­trä­gen eben die­ser Ge­sell­schaft ver­dient!«

Vi­vi­an war ent­täuscht. Das war nicht die Art von Ant­wort die sie sich er­hoff­te. »Wür­den sie mich bit­te auf­ste­hen las­sen und die spit­zen Knie von mei­nen Schul­tern neh­men?«

Oh­ne ei­ne Ant­wort stand die jun­ge Frau wie­der auf. Müh­sam er­hob sich Vi­vi­an wie­der und klopf­te sich den Staub der Stra­ße aus den Kla­mot­ten. An­statt ei­ner Agen­tin zu fol­gen hat­te sie nur ei­ne wei­te­re Bo­tin, wie sie selbst, er­wi­scht die sich ihr Le­ben auf die­se Art fi­nan­zier­te.

»Ich bin Tia­na Niel­sen«, sag­te die klei­ne­re Blon­di­ne, »ent­schul­di­ge den An­griff, aber ich war nur vor­sich­tig.«

»Schon in Ord­nung, ich ha­be es ver­dient ei­ne auf die Na­se zu be­kom­men. Ich woll­te nur in Er­fah­rung brin­gen, wer sich hin­ter der Ge­sell­schaft SNB ver­steckt. Im In­ter­net ha­be ich kei­ner­lei An­ga­ben dar­über ent­deckt«, gab Vi­vi­an of­fen zu.

Tia­na gab ihr die Hand, »Mein Auf­trag war es ei­ne Ka­me­ra in einen Raum der Ver­wal­tung der Was­ser­ver­sor­gung zu brin­gen. Da­für be­kom­me ich ein biss­chen Geld, um mein Le­ben zu fi­nan­zie­ren. Oh­ne die­sen Job müss­te ich schrei­en­den Bäl­gern ih­re Ham­bur­ger in ei­ner Fi­lia­le ei­ner Ket­te ser­vie­ren und mir die Bei­ne wund lau­fen.«

»Du bist al­so auch nur ei­ne An­ge­wor­be­ne, die klei­ne­re Auf­trä­ge er­füllt«, er­klär­te Vi­vi­an ent­täuscht. »Ich hat­te den Auf­trag ein paar Bil­der zu ma­chen und die Ka­me­ra mit der Spei­cher­kar­te in dem Klo zu ver­ste­cken, aus der du sie dann ge­holt hast. Ich dach­te, du wärst ei­ne Agen­tin von SNB und woll­te et­was mehr in Er­fah­rung brin­gen.«

Ti­na be­gann zu lä­cheln, »Ich bin auch nur ei­ne klei­ne dum­me Stu­den­tin die sich ih­ren Le­bens­un­ter­halt auf die­se Art ver­dient. Kei­ne Ah­nung wer hin­ter der omi­nösen Ab­kür­zung SNB steckt.«

»Darf ich dich viel­leicht zu ei­nem Drink ein­la­den?«

»Ich bin lan­ge nicht mehr ein­ge­la­den wor­den«, lach­te die jun­ge Blon­di­ne, »meis­tens ver­su­chen das nur jun­ge Ker­le, die mir an die Wä­sche wol­len.«

Vi­vi­an be­gann laut zu la­chen, »Das ken­ne ich, aber kei­ne Sor­ge ich ma­che kei­ne An­stal­ten bei dir zu lan­den. Hüb­sche Jungs sind mir da lie­ber.«

»Mir auch, aber da­von gibt es in Port­land schein­bar nicht mehr vie­le.«

Die bei­den jun­gen Frau­en gin­gen zu­rück in die In­nen­stadt und setz­ten sich in ei­ne klei­ne Bar mit lei­ser Mu­sik um sich zu un­ter­hal­ten. Je län­ger der Abend dau­er­te, um­so an­ge­reg­ter wur­de ihr Ge­spräch. An­statt ei­ne Agen­tin der Bun­des­be­hör­de zu fin­den hat­te sie ei­ne Freun­din ge­fun­den. Tia­na war ge­ra­de mal 22 Jah­re alt und stu­dier­te Au­to­ma­ti­sie­rungs­tech­nik an der Hoch­schu­le von Port­land. Sie stamm­te aus Po­ca­tel­lo, ei­ner Klein­stadt aus Ida­ho. Sie ver­stan­den sich im­mer bes­ser und war­fen ihr Wis­sen über die Ge­sell­schaft für die sie klei­ne­re Auf­ga­ben er­le­dig­ten zu­sam­men. Erst spät in der Nacht kehr­ten sie in ih­re Woh­nun­gen zu­rück. Bei­de hat­ten die Han­dy­num­mern aus­ge­tauscht und schrie­ben sich in den fol­gen­den Ta­gen über einen be­kann­ten Mes­sen­ger Dienst.

1. Kapitel
Bahamas, Nassau

Schon seit Stun­den la­gen die bei­den jun­gen Frau­en jetzt schon in der Son­ne. Do­lo­res brauch­te ei­ne lan­ge Pau­se. Wäh­rend der letz­ten Wo­chen hat­te sie je­den Mor­gen zu­sam­men mit Mi­cha­el sehr hart trai­niert. Sie wa­ren Schwim­men, sind am Strand ent­lang ge­rannt, Ge­wich­te ge­stemmt und einen Sand­sack ver­prü­gelt. Die jun­ge Kom­missa­rin spür­te ih­re Ar­me schon nicht mehr. Der ehe­ma­li­ge Bo­dy­guard war als es drau­ßen noch dun­kel war er­neut auf­ge­bro­chen um zu lau­fen. An die­sem Wo­che­n­en­de hat­te sich Do­lo­res ei­ne Pau­se ge­nom­men, be­vor am Mon­tag der Drill auf dem pri­va­ten Schieß­stand an­stand. Die letz­ten Mo­na­te hat­te sie ein ri­go­ro­ses Fit­ness­pro­gramm ab­sol­viert und konn­te jetzt auch in Stress­si­tua­tio­nen die Ner­ven an der Waf­fe be­hal­ten.

Ih­re bei­den klei­nen Mäd­chen Va­le­ria, Do­lo­res Toch­ter und Emi­lia, die Leo­nie zur Welt brach­te, durf­ten vor ih­ren Müt­tern in dem auf­blas­ba­ren Gum­mi­pool plant­schen. Die bei­den wa­ren kaum aus dem küh­len Nass zu be­kom­men. Stän­dig ver­brach­ten sie so viel Zeit wie nur mög­lich in dem run­den Be­cken. Mi­cha­el hat­te es für sei­ne ge­lieb­ten Töch­ter be­sorgt, nach­dem sie im­mer wie­der an der Strand woll­ten. Aber im Meer zu schwim­men war oh­ne stän­di­ges auf­pas­sen nicht mach­bar. Des­halb or­ga­ni­sier­te er für sie die­ses Frei­bad. So konn­ten sie, oh­ne große Auf­sicht je­den Tag viel Zeit dar­in ver­brin­gen. Mi­cha­el scherz­te stän­dig, dass die bei­den Nacke­deis ir­gend­wann mal noch Schwimm­häu­te be­kom­men wür­den.

Die Son­ne stand schon hoch am Him­mel als Mi­cha­el in sei­nen Sport­kla­mot­ten völ­lig ver­schwitzt auf die Ter­ras­se kam. Sei­ne bei­den Töch­ter mach­ten sich einen Spaß dar­aus ih­ren Va­ter nass zu sprit­zen. Ihn stör­te das nicht als er sei­ne bei­den Frau­en küss­te und sei­nen MP3-Player auf den klei­nen Tisch leg­te. Emi­lia klet­ter­te aus dem Plas­tik­pool und füll­te einen Be­cher mit Was­ser. Da­mit kam sie von hin­ten auf den ge­lieb­ten Dad­dy zu und leer­te das küh­le Nass über sei­nem Rücken aus. Mi­cha­el dreh­te sich blitz­schnell um, und hob sei­ne Toch­ter hoch. Er gab ihr einen zar­ten Kuss auf die Wan­ge und brach­te sie zu­rück zum Pool. Vor­sich­tig setz­te er sei­ne Toch­ter ab und küss­te auch Va­le­ria, die sich vor la­chen krin­gel­te, ih­ren Va­ter nass sprit­zen zu kön­nen.

Micha blieb ein­fach still vor den bei­den ste­hen, warf die Ar­me nach hin­ten und bot ih­nen ein großes Ziel für die Was­ser­fon­tä­nen. Die bei­den Kin­der ga­ben ihr bes­tes ih­ren Va­ter von oben bis un­ten nass zu be­kom­men. Do­lo­res und Leo­nie schau­ten den drei­en glück­lich la­chend zu. Mi­cha­el, der jetzt so­wie­so schon nass war, ließ sich ein­fach ne­ben die bei­den Kin­der in den Pool fal­len. Die bei­den Mäd­chen turn­ten auf ih­rem Va­ter her­um und hat­ten ei­ne Men­ge Spaß. Mi­cha­el kämpf­te ge­spielt mit den bei­den und wand­te sich im schon fast lee­ren Plas­tik­be­cken sei­ner Kin­der. Der größ­te Teil des Was­sers hing in sei­nen Sport­kla­mot­ten oder war aus­ge­lau­fen.

Erst nach fast ei­ner Vier­tel­stun­de be­frei­te er sich von den bei­den Mäd­chen und knie­te sich vor ih­rem Schwimm­be­cken hin. Mit sanf­ter Stim­me frag­te er sei­ne Töch­ter, »Was wollt ihr bei­den Zucker­mäu­se es­sen?«

Va­le­ria und Emi­lia steck­ten die klei­nen Köp­fe zu­sam­men und stimm­ten sich un­ter­ein­an­der ab. Sie hat­ten mitt­ler­wei­le ge­lernt, dass sie bei­de ent­schei­den muss­ten, weil kei­ne von ih­nen al­lei­ne war. Leo­nie und Do­lo­res hat­ten ih­nen wie Mi­cha­el bei­ge­bracht, dass Ent­schei­dun­gen die Bei­de be­tref­fen un­ter­ein­an­der be­spro­chen wer­den soll­ten. Auch wenn Da­mi­en, der Sohn von Liz und Ja­son, bei ih­nen war, wur­de er mit ein­ge­bun­den. Sel­ten gab es mal Streit zwi­schen den bei­den. Sie wa­ren Schwes­tern, bis auf zwei Wo­chen gleich alt und bei­de be­ka­men von ih­ren El­tern im­mer das Glei­che. Kei­ne von bei­den wur­de an­ders be­han­delt.

»Piz­zaaaaa«, rie­fen sie wie aus ei­nem Mund ih­rem Va­ter ent­ge­gen.

»Was fra­ge ich über­haupt?«, lach­te Mi­cha­el als er sich zu sei­nen bei­den Frau­en um­dreh­te die noch im­mer ent­spannt auf ih­ren Son­nen­lie­gen ku­schel­ten. »Wollt ihr bei­den sü­ßen La­dys euch den Kin­dern an­schlie­ßen und auch ei­ne Piz­za es­sen?«

Wie auch die bei­den klei­nen be­rie­ten, sich auch die Müt­ter die ih­ren Kin­dern das vor­leb­ten. Sie stimm­ten dem Vor­schlag zu.

Micha nick­te, »Dann hüp­fe ich mal eben un­ter die Du­sche. Ihr bei­den Was­ser­rat­ten könnt euch in et­wa zehn Mi­nu­ten mit ge­wa­sche­nen Fin­gern in der Kü­che ein­fin­den. Wer Piz­za es­sen will, muss auch hel­fen!«

Emi­lia mach­te ein bö­ses Ge­sicht und rief, »Wa­rum müs­sen im­mer nur wir hel­fen? Dia Ma­mas be­kom­men auch Piz­za und müs­sen nicht hel­fen!«

Mi­cha­el sank vor den bei­den Mäd­chen auf die Knie, schloss sie in sei­ne Ar­me und er­klär­te, »Die bei­den Ma­mis müs­sen die gan­ze Wo­che hart ar­bei­ten, wäh­rend ihr bei­den Zucker­mäu­se spie­len dürft. Wenn wir un­ter­wegs sind ar­bei­ten wir so­gar je­den Tag von Mor­gens bis Abends. Jetzt sind wir zu Hau­se und die bei­den Ma­mas ma­chen ei­ne ver­dien­te Pau­se. Ich weiß, dass ihr das ge­mein fin­det und kann das gut ver­ste­hen. Als ich noch so ein Zwerg wie ihr war, muss­te ich auch im­mer mei­ner Ma­ma hel­fen, was mir auch kei­nen Spaß ge­macht hat. Aber hät­te ich ihr nicht hel­fen müs­sen, könn­te ich jetzt auch nicht mit euch ko­chen. Au­ßer­dem könnt ihr euch dann ir­gend­wann eu­re Piz­za selbst ma­chen oh­ne, dass ich hel­fen muss.«

Die Er­klä­rung war für die bei­den ver­ständ­lich und na­tür­lich wuss­ten sie das die bei­den Ma­mas un­ter der Wo­che im Bü­ro der Agen­ten an ih­rem Schreib­tisch sa­ßen, oder Leo­nie mal wie­der drau­ßen in der Son­ne auf Früch­te schoss. Sie konn­ten wäh­rend die­ser Zeit mit Da­mi­en ent­we­der im Bü­ro oder in Ja­sons Bar spie­len so viel sie woll­ten. Mi­cha­el koch­te so­gar un­ter der Wo­che im Bü­ro und da muss­te dann auch Da­mi­en mit­hel­fen. Va­le­ria hat­te da­bei Spaß, nur Emi­lia konn­te sich et­was Schö­ne­res vor­stel­len. Schein­bar kam sie mehr nach ih­rer Mut­ter die be­reits in jun­gen Jah­ren Spaß an Waf­fen hat­te.

Wäh­rend Mi­cha­el im Ba­de­zim­mer ver­schwand und sich dusch­te, zo­gen die bei­den Jüngs­ten leich­te Kleid­chen im Part­ner­look an. Do­lo­res und Leo­nie küm­mer­ten sich der­weil um das fast lee­re Schwimm­bad auf der Ter­ras­se. Die um­lie­gen­den Spiel­zeu­ge der Mäd­chen leg­ten sie wie­der or­dent­lich an ih­ren Platz zu­rück und lie­ßen einen Gar­ten­schlauch den Was­ser­spie­gel wie­der auf nor­mal an­he­ben. Die bei­den Kin­der wür­den spä­tes­tens nach der Piz­za wie­der im Was­ser to­ben. Be­vor ihr Va­ter aus dem Ba­de­zim­mer kam, stan­den die bei­den schon war­tend in der Kü­che.

Nach­dem sei­ne Kin­der im­mer wie­der nach Piz­za ver­lang­ten und Mi­cha­el nicht stän­dig Lust hat­te erst einen He­fe­teig zu ma­chen und dann ewig zu war­ten bis er auf­ge­gan­gen war hat­te er sich einen Gär­schrank für die Kü­che be­sorgt. Dort hat­te er ge­nug He­fe­teig für die gan­ze Fa­mi­lie schon vor­be­rei­tet. Wäh­rend Emi­lia die Pizza­sau­ce vor­be­rei­te­te, ver­such­te Va­le­ria den Teig aus­zu­rol­len. Ih­re Kraft reich­te noch nicht aus, um die Teig­fla­den gleich­mä­ßig vor­zu­be­rei­ten. Mi­cha­el muss­te ihr hel­fen.

Als die Vor­be­rei­tun­gen ab­ge­schlos­sen wa­ren, durf­ten die bei­den Mäd­chen den Teig mit ih­ren Lieb­lings­zuta­ten be­le­gen. Auch hier zeig­te sich wel­ches Mäd­chen von wel­cher leib­li­chen Mut­ter stamm­te. Wäh­rend Emi­lia wie Leo­nie Hähn­chen be­vor­zug­te moch­te Va­le­ria deut­lich lie­ber Sala­mi und Schin­ken. Ei­nes hat­ten aber bei­de ge­mein­sam, auf kei­ner Piz­za konn­te es zu viel Kä­se ge­ben. Die Piz­zen für die bei­den Müt­ter be­leg­te Mi­cha­el der die be­lieb­tes­ten Be­lä­ge sei­ner Frau­en na­tür­lich kann­te. Wäh­rend die Ma­fia­tor­ten im Ofen ge­ba­cken wur­den küm­mer­te er sich um neu­en He­fe­teig für den Gär­schrank. Die bei­den Mäd­chen sa­ßen war­tend vor der Schei­be und schau­ten ge­bannt zu wie der Kä­se, den sie sehr groß­zü­gig dar­auf ver­teilt hat­ten, lang­sam schmolz. Die Vor­freu­de stand ih­nen schon deut­lich ins Ge­sicht ge­schrie­ben.

Nach dem Es­sen un­ter­hielt sich Micha mit Leo­nie, die ihm half das Ge­schirr in die Spül­ma­schi­ne zu räu­men.

»Emi­lia kommt mehr nach dir mein Herz­blatt. Meinst du, wir soll­ten ihr auch den Um­gang mit Waf­fen nä­her­brin­gen?«, frag­te er sei­ne ge­lieb­te Frau.

Leo­nie dach­te einen Mo­ment dar­über nach, »Schön, dass du fragst Lieb­ling, ich den­ke das wür­de ihr Spaß ma­chen, aber nicht das sie ir­gend­wann auch mei­nen ehe­ma­li­gen Be­ruf er­greift.«

»Das wird kaum pas­sie­ren«, lach­te Micha, »François wird sie si­cher so wie dich an die Hand neh­men und ei­ne Agen­tin aus ihr ma­chen.«

Da­mit war Leo­nie ein­ver­stan­den. Sie hat­te ihr Le­ben als Auf­trags­kil­le­rin be­gon­nen und ar­bei­te­te jetzt in­ter­na­tio­nal für In­ter­pol und durf­te ih­re Fä­hig­kei­ten dort ein­brin­gen. Ne­ben­bei hat­te sie erst da den Mann ih­res Le­bens und ei­ne ganz be­son­de­re Frau ken­nen­ge­lernt mit de­nen sie jetzt ein Ehe­le­ben auf den Ba­ha­mas füh­ren konn­te. Va­le­ria war eher die ru­hi­ge­re der bei­den Mäd­chen und in­ter­es­sier­te sich wie an­de­re Kin­der für Pfer­de. Do­lo­res und Leo­nie hat­ten sich auch schon in Nassau um­ge­se­hen, wo sie ih­ren Lieb­lings­tie­ren na­he sein konn­te. Ein klei­ner Reit­stall am Rand der Stadt bot für ei­ne ge­rin­ge Ge­bühr so­gar Reit­kur­se an. Mi­cha­el war nicht so be­geis­tert da­von sei­ne Toch­ter auf den Rücken ei­nes Gauls zu set­zen der grö­ßer war als er selbst. Er mach­te sich große Sor­gen um Ver­let­zun­gen, wenn sie ab­ge­wor­fen wur­de. Im­mer­hin wa­ren die Mut­ter von Liz Croll, ih­rer An­füh­re­rin, bei ei­nem Reit­un­fall ge­stor­ben als sie ge­ra­de neun Jah­re alt war. Das soll­te sei­ner Toch­ter auf kei­nen Fall pas­sie­ren.

Do­lo­res und Leo­nie be­ru­hig­ten ihn aber. Sein klei­nes Mäd­chen wür­de ja auf klei­nen Foh­len rei­ten ler­nen und nicht auf ein großes Spring­pferd klet­tern um dann da­mit über den Strand rei­ten. Au­ßer­dem war der Platz durch ei­ne Kop­pel be­grenzt. Erst, wenn Va­le­ria ein biss­chen rei­ten ge­lernt hat­te und alt ge­nug war gab es auch die Mög­lich­keit ei­ne Reit­be­tei­li­gung für sie zu be­zah­len. Das be­deu­te­te für die klei­ne, dass sie im­mer das glei­che Pferd ritt, sich aber na­tür­lich auch dar­um küm­mern muss­te. Man konn­te ihr aber auch ein ei­ge­nes Reit­pferd kau­fen und dort im Stall ste­hen las­sen. Aber im Mo­ment war sie ein­fach noch zu jung. Mit ih­ren fünf Jah­ren könn­te sie ge­ra­de mal auf ein Pony auf­stei­gen und ein biss­chen im Frei­en über die Kop­pel rei­ten. Der Reit­stall stell­te so­gar ei­ne Trai­ne­rin zur Ver­fü­gung die für klei­nes Geld den Kin­dern al­les bei­brach­te um sich si­cher im Sat­tel hal­ten zu kön­nen. Schließ­lich beug­te sich Mi­cha­el dem Druck der bei­den Frau­en und stimm­te zu Va­le­ria im Reit­stall an­zu­mel­den.

Leo­nie wür­de un­ter­des­sen Emi­lia die Waf­fen nä­her­brin­gen. Na­tür­lich völ­lig un­ge­fähr­li­che Spiel­zeu­ge die mit Zünd­hüt­chen einen Knall ab­ga­ben, oh­ne ein Pro­jek­til aus­zu­wer­fen. Die ehe­ma­li­ge Auf­trags­kil­le­rin nahm sie auch ins Ge­bet nie­mals auf Le­be­we­sen an­zu­le­gen. Da gab es auch nur ei­ne ein­zi­ge Aus­nah­me. Wenn ihr bö­se Er­wach­se­ne et­was an­tun woll­ten, durf­te sie sich selbst­ver­ständ­lich ver­tei­di­gen, aber auch nur, wenn sie die Leu­te nicht kann­te und klar er­kenn­bar war, dass sie ihr oder ih­ren Freun­den et­was an­tun woll­ten. Zu­sam­men er­klär­ten die drei Agen­ten den bei­den Mäd­chen was sie vor­hat­ten. Die Mäd­chen ju­bel­ten und woll­ten so­fort an­fan­gen.

Mi­cha­el er­in­ner­te die bei­den kur­z­en dar­an, dass da­für erst noch Vor­be­rei­tun­gen nö­tig wa­ren. Va­le­ria be­nö­tig­te für ih­ren Reit­un­ter­richt na­tür­lich noch pas­sen­de Ho­sen und Schu­he so­wie einen pas­sen­den Helm. Oh­ne die Schutzaus­rüs­tung durf­te sie nicht auf ein Pferd stei­gen. Emi­lia brauch­te selbst­ver­ständ­lich auch min­des­tens ei­ne Schutz­bril­le und na­tür­lich ei­ne Spiel­zeug­waf­fe und Rei­ni­gungs­ma­te­ri­al. Das spiel­te für die bei­den klei­nen al­ler­dings kei­ne Rol­le. Sie woll­ten di­rekt nach Nassau und die Sa­chen be­sor­gen.

Es war Sams­tag und die drei Er­wach­se­nen woll­ten ih­re Kin­der na­tür­lich auch nicht ent­täu­schen. Vor al­lem Mi­cha­el konn­te sei­nen bei­den klei­nen Mäd­chen nichts ab­schla­gen. Ei­ne hal­be Stun­de spä­ter star­te­ten die El­tern mit den bei­den im großen SUV nach Nassau. Leo­nie nahm Emi­lia an die Hand und such­te einen Büch­sen­ma­cher auf, wäh­rend Mi­cha­el und Do­lo­res mit Va­le­ria in ei­nem Sport­ge­schäft ver­schwand. Do­lo­res such­te mit der klei­nen einen pas­sen­den Schutz­helm aus wäh­rend Mi­cha­el sich schon um Reit­kla­mot­ten für sei­ne Toch­ter küm­mer­te. Sie brauch­ten fast ei­ne gan­ze Stun­de bis Va­le­ria mit Reit­s­tie­feln und pas­sen­den Ho­sen mit dem Helm un­ter dem Arm auf die Stra­ße trat. Die klei­ne war sicht­lich stolz auf ih­re neue Aus­rüs­tung für die Do­lo­res fast 400 Dol­lar be­zah­len muss­te. Als sie zum Au­to zu­rück­ka­men, war­te­te Leo­nie be­reits mit bren­nen­der Zi­ga­ret­te auf die drei. Emi­lia saß auf dem Rück­sitz und hielt ei­ne täu­schend ech­te Spiel­zeug­waf­fe in der Hand.

Na­tür­lich war die Waf­fe un­ge­la­den und Leo­nie hat­te Emi­lia ver­bo­ten zu zie­len und ab­zu­drücken. Das in­ter­es­sier­te die Klei­ne al­ler­dings herz­lich we­nig, denn sie ließ ih­re Waf­fe nicht aus den Hän­den und dreh­te sie in der Son­ne hin und her. Sie konn­te es kaum er­war­ten im hei­mi­schen Gar­ten da­mit zu schie­ßen. Mi­cha­el trat an den Kof­fer­raum des Fahr­zeugs und woll­te die Be­sor­gun­gen aus dem Sport­ge­schäft dort ver­stau­en. Sein Blick fiel auf die Ver­pa­ckung der Hand­feu­er­waf­fe die Emi­lia stolz ih­rer Schwes­ter prä­sen­tier­te und auf einen noch ver­schlos­se­nen großen Le­der­kof­fer. Ir­ri­tiert frag­te er Leo­nie was sie denn al­les ge­kauft hat­te.

»Die klei­ne Waf­fe die un­se­re Toch­ter ge­ra­de in der Hand hält und noch ei­ne Klei­nig­keit für zu Hau­se. Da­mit kann sie auf mei­nem Schieß­stand ein biss­chen zie­len üben. In dem Kof­fer liegt ein klei­nes Luft­ge­wehr aus der sie zu­min­dest klei­ne Ku­geln ver­schie­ßen kann. Al­les zu­sam­men gab es für ge­ra­de mal 300 Dol­lar.«

Mi­cha­el stöhn­te als er das Zu­be­hör was er für Va­le­ria noch ge­kauft hat­te, in den Kof­fer­raum leg­te. Oh­ne wei­te­re Ver­zö­ge­rung di­ri­gier­te ihn Do­lo­res zu dem Rei­ter­hof den die bei­den Frau­en für ih­re Toch­ter ge­fun­den hat­ten. Va­le­ria konn­te es kaum er­war­ten end­lich auf ei­nem ih­rer ge­lieb­ten Tie­re Platz zu neh­men und ei­ni­ge Run­den auf der Kop­pel zu dre­hen. Emi­lia hin­ge­gen war am Mau­len. Sie woll­te auch end­lich ein biss­chen mit ih­rer glän­zend neu­en Pis­to­le im Gar­ten lie­gen und ein paar Zünd­hüt­chen plat­zen las­sen. Do­lo­res blieb mit ih­rer Toch­ter auf dem Rei­ter­hof wäh­rend Mi­cha­el mit Leo­nie und Emi­lia nach Hau­se fuhr, um die bei­den ab­zu­set­zen. Dann kehr­te er wie­der auf den Rei­ter­hof zu­rück und be­ob­ach­te­te wie sei­ne Toch­ter in vol­ler Mon­tur auf ei­nem Pony ein paar Run­den dreh­te. Sie konn­te gar nicht mehr auf­hö­ren zu lä­cheln. Do­lo­res scherz­te man müss­te ihr nach ei­ni­gen Stun­den das La­chen ope­ra­tiv ent­fer­nen müs­sen.

Als die drei nach drei Stun­den mit ei­ner to­tal über­glück­li­chen Va­le­ria zu­rück­ka­men, lag die klei­ne Emi­lia ne­ben ih­rer Mut­ter auf der Ter­ras­se und schoss mit dem Luft­ge­wehr auf ei­ne we­ni­ge Me­ter ent­fern­te Ziel­schei­ben. Auch sie war über­glück­lich ei­ni­ge Me­tall­ku­geln auf die große Pa­pier­schei­be ab­ge­ben zu dür­fen. Leo­nie half ihr mit ein paar Hin­wei­sen. Va­le­ria stell­te sich noch im­mer in ih­rer ge­sam­ten Rei­ter­kluft hin­ter die bei­den und schau­te ih­rer Schwes­ter zu. Mi­cha­el küm­mer­te sich in­zwi­schen um das Abendes­sen und press­te ei­ni­ge Oran­gen für fri­schen Saft aus. Do­lo­res hat­te ei­ne rie­si­ge Idee und nahm sich ei­ne von den Früch­ten. Da­mit ging sie zu der zie­len­den Emi­lia und sprach Leo­nie an, »Schatz, was meinst du, wenn Emi­lia zum Ab­schluss auf die leuch­ten­de Frucht an­legt?«

»Groß­ar­ti­ge Idee Lieb­ling. Emi­lia wird sie mit ei­nem hüb­schen Loch ver­edeln.«

Leo­nie stopp­te die Be­mü­hun­gen ih­rer Toch­ter und ließ sie das Luft­ge­wehr ab­le­gen. Erst dann stell­te Do­lo­res die rei­fe Frucht ein biss­chen ver­setzt zur dort ste­hen­den Ziel­schei­be auf den Bo­den und ging wie­der hin­ter die klei­ne Schüt­zin. Erst als ih­re zwei­te Mut­ter wie­der hin­ter ihr stand durf­te sie das Chi­li Ca­mo wie­der in die Hand neh­men, um auf die Frucht zu zie­len. Emi­lia leg­te sich das Luft­ge­wehr ge­konnt an ih­re Schul­ter und blick­te durch das auf­ge­schraub­te Ziel­fern­rohr. Leo­nie leg­te ihr vor­sich­tig die Hand auf das Ge­wehr und bat sie sich zu kon­zen­trie­ren und al­les was sie in den ver­gan­ge­nen Stun­den ge­lernt hat­te noch ein­mal durch­zu­ge­hen. Erst dann soll­te sie sich nur noch auf die Oran­ge fo­kus­sie­ren und ab­drücken. Die Klei­ne kon­zen­trier­te sich nur noch auf ih­ren Atem, brach­te das Fa­den­kreuz ih­rer Zie­l­op­tik in die Mit­te der run­den Frucht. Dann at­me­te sie hör­bar aus und drück­te den Aus­lö­ser. Die run­de Stahl­ku­gel ver­ließ den Lauf ih­res Ge­wehrs und traf die Oran­ge am lin­ken obe­ren Rand. Sie leg­te das Ge­wehr lä­chelnd ab und stand auf. Freu­de­strah­lend lief sie zu der an­ge­schos­se­nen Frucht und hielt sie vol­ler Stolz in die Luft.

Die bei­den Müt­ter und ih­re gleich­alt­ri­ge Schwes­ter klatsch­ten ihr Bei­fall. Sie hat­te die Oran­ge sau­ber ge­trof­fen. Mi­cha­el hat­te den Schuss durch das große Ter­ras­sen­fens­ter be­ob­ach­tet und kam nun strah­lend auf sei­ne Toch­ter zu. Er hob sie stolz in die Luft und gab ihr einen di­cken Kuss. Die klei­ne Emi­lia stand ih­rer Mut­ter in nichts nach und schi­en ihr großes Ta­lent ge­erbt zu ha­ben. Mit Emi­lia auf dem Arm ging er zu Va­le­ria und hob sie auf den an­de­ren Arm. Auch sie be­kam einen di­cken Kuss und ein Lob für die Reit­stun­de die sie ab­sol­viert hat­te. Bei­de Kin­der trug er fest an sich ge­drückt zum großen Tisch der be­reits für das Abendes­sen ein­ge­deckt war.

Das Abendes­sen hat­te sich Do­lo­res ge­wünscht. Mi­cha­el hat­te für die ge­sam­te Groß­fa­mi­lie Hack­bäll­chen in To­ma­ten-Pa­pri­ka­sau­ce mit Reis und Salat zu­be­rei­tet. Hät­te er die bei­den Kin­der ge­fragt gab es kei­ne große Aus­wahl. Je­de Fra­ge nach ei­nem Es­sen be­ant­wor­te­ten sie mit ih­ren Lieb­lings­ge­rich­ten. Ent­we­der al­les mit Pom­mes, Piz­za, Spaghet­ti Bo­lo­gne­se mit ex­tra Par­me­san oder Schnit­zel in sämt­li­chen Va­ria­tio­nen. Hack­bäll­chen stan­den nicht sehr hoch in der Gunst der Kin­der, aber sie hat­ten be­reits zum Mit­tag ei­ne Piz­za be­kom­men.

Emi­lia und Va­le­ria er­leb­ten ei­ne wun­der­vol­le Kind­heit. Die bei­den wa­ren un­ter den an­de­ren Kin­dern in Nassau et­was Be­son­de­res. Bei­de wuch­sen drei­spra­chig auf und wa­ren die ein­zi­gen Kin­der die nicht nur ei­ne Mut­ter, son­dern gleich zwei ihr ei­ge­nen nen­nen konn­ten. Die Amtss­pra­che in Nassau war na­tür­lich Eng­lisch was die bei­den als Mut­ter­spra­che lern­ten, da­ne­ben lern­ten sie aber auch noch Spa­nisch von Do­lo­res und eben Deutsch von Mi­cha­el. Auch die Er­wach­se­nen konn­ten mitt­ler­wei­le die drei Spra­chen fast ta­del­los. Auch Liz hat­te sich ne­ben Eng­lisch noch an wei­te­ren Spra­chen ver­sucht. Die Che­fin des Te­ams konn­te ne­ben ih­rer Mut­ter­spra­che nun auch gut ge­nug Spa­nisch.

2. Kapitel
Vereinigte Staaten, Washington D.C. (WA)

Im 9. Stock­werk des J. Ed­gar Hoo­ver Buil­ding an der Penn­syl­va­nia Ave­nue stand der Spe­ci­al Agent Ja­mes La­wrence an sei­nem Büro­fens­ter und blick­te hin­aus auf die be­leb­te Stra­ße. Hin­ter ihm la­gen meh­re­re Ak­ten auf sei­nem Schreib­tisch. Be­reits seit ei­ni­gen Wo­chen lan­de­ten fast täg­lich neue Hin­wei­se dort. Auf je­dem der brau­nen Um­schlä­ge stand ne­ben sei­nem Na­men das Kür­zel SNB. Ir­gend­ei­ne Grup­pie­rung in den Ve­rei­nig­ten Staa­ten gab sich als Bun­des­be­hör­de aus und schick­te ein­fa­che Nor­mal­bür­ger wie Zug­vö­gel durch die ein­zel­nen Bun­des­län­der. Sie trans­por­tier­ten Dro­gen, Waf­fen und so­gar Spreng­stoff von ei­nem Ort zum Nächs­ten. Die Be­trof­fe­nen hat­ten da­von kei­ne Ah­nung.

La­wrence war der Agen­ten­füh­rer der vom Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um der Ve­rei­nig­ten Staa­ten be­stellt wor­den war, die­sen Fall mit al­len ver­füg­ba­ren Mit­teln auf­zu­klä­ren. In sei­ner lan­gen Kar­rie­re konn­te er schon ei­ni­ge schwe­re Ver­bre­chen auf­klä­ren, was ihm einen sehr gu­ten Ruf ein­brach­te. Nun hat­te man ihn mit dem Fall der SNB be­traut. Die po­li­zei­li­chen Er­mitt­lungs­ak­ten lau­te­ten fast im­mer ge­nau gleich. Ein­fa­che Bun­des­bür­ger aus den ein­zel­nen Staa­ten wur­den an­ge­wor­ben, um dem gan­zen Land zu hel­fen. Sie er­hiel­ten da­für Be­zah­lun­gen von ei­ni­gen tau­send Dol­lar. Al­les was sie da­für tun soll­ten wa­ren Pa­ke­te zu trans­por­tie­ren, Au­tos zu über­füh­ren oder min­der­wer­ti­ge Bo­ten­gän­ge. Falls man sie an­hielt, wur­den sie für Ver­bre­chen an­ge­klagt die sie nur im Auf­trag durch ei­ne an­geb­li­che Be­hör­de be­gan­gen hat­ten. Wer hin­ter die­ser an­geb­li­chen Be­hör­de steck­te, war nicht fest­zu­stel­len.

Man muss­te die ein­zel­nen Bür­ger über län­ge­re Zeit be­ob­ach­tet ha­ben be­vor man sie an­warb. Aus­nahms­los al­le von ih­nen ge­hör­ten ei­ner Grup­pe von Men­schen an die jung wa­ren, ge­ra­de ih­re Aus­bil­dung ab­ge­schlos­sen hat­ten und in fi­nan­zi­el­len Pro­ble­men steck­ten. Die­se Men­schen wa­ren leich­te Beu­te ge­we­sen. Man konn­te sie re­la­tiv güns­tig be­kom­men und die Aus­ga­ben die man ih­nen als Ver­gü­tung bot, wa­ren nur ein win­zi­ger Teil der Beu­te. Ei­ne schar­fe Waf­fe auf dem Schwarz­markt kos­te­te gut und ger­ne hun­dert­tau­sen­de Dol­lar. Die trans­por­tier­ten Dro­gen brach­ten auch ein Viel­fa­ches der be­zahl­ten Ver­gü­tun­gen ein. Es wur­de Zeit dem gan­zen auf die Spur zu kom­men.

Ja­mes La­wrence ließ zwei sei­ner Agen­ten ru­fen die den Fall un­ter­su­chen und auf­klä­ren soll­ten. Sie wa­ren zwei sei­ner bes­ten. Ech­te Spür­hun­de und sehr gut aus­ge­bil­det. La­wrence brauch­te nicht lan­ge zu war­ten bis die bei­den an sei­ne Bü­ro­tür klopf­ten. Nachein­an­der ka­men die Spe­ci­al Agents Cooper Knight und As­hleigh Spears in sein Bü­ro. Ja­mes La­wrence for­der­te die bei­den auf vor sei­nem Schreib­tisch Platz zu neh­men. Sei­ne Agen­ten folg­ten mit ei­nem kur­z­en freund­li­chen Ni­cken und setz­ten sich auf die Be­su­cher­stüh­le vor sei­nem Schreib­tisch. As­hleigh warf einen kur­z­en Blick auf die Ak­ten die vor ihr auf dem Schreib­tisch ih­res Vor­ge­setz­ten la­gen. Die jun­ge Agen­tin er­kann­te so­fort das Kür­zel SNB dar­auf.

Neu­gie­rig frag­te sie, »Geht es um die an­geb­li­che Bun­des­be­hör­de?«

Ja­mes La­wrence nick­te nur kurz, »Was wis­sen sie dar­über Spears?«

»Nur das was in un­se­rem Sys­tem steht. Ei­ne an­geb­li­che Bun­des­be­hör­de die es gar nicht gibt be­nutzt Bür­ger in fi­nan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten als Ku­rie­re für Waf­fen und Dro­gen in den gan­zen USA. Wer da­hin­ter­steckt ist für die Er­mitt­lungs­be­hör­den ein Rät­sel. Man hat sie bis­her nicht ge­fun­den und es gibt auch kei­nen Hin­weis auf die Tä­ter.«

»Ex­akt Spears«, stimm­te Ja­mes La­wrence zu, »Un­se­re Auf­ga­be ist es die Tä­ter auf­zu­spü­ren und sie vor Ge­richt zu stel­len. Das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um hat mich mit die­ser Auf­ga­be be­traut. Sie sind zwei der bes­ten Agents un­ter mei­ner Zu­stän­dig­keit, des­halb wer­den sie die­se Auf­ga­be über­neh­men. Der letz­te Bür­ger wur­de in Port­land mit 18 kg Cry­stal Meth er­wi­scht. Bei sei­ner Fest­nah­me durch die ört­li­chen Po­li­zei­kräf­te wur­de er schwer ver­letzt. Sie flie­gen be­reits heu­te Nach­mit­tag und küm­mern sich um den Fall. Die Po­li­zei­füh­rung in Port­land ha­be ich be­reits in­for­miert. Man er­war­tet sie be­reits.«

Cooper Knight mach­te ein mür­ri­sches Ge­sicht. Ihm war nicht wohl bei dem Ge­dan­ken ein­fach der ört­li­chen Po­li­zei vor die Na­se ge­setzt zu wer­den. Die meis­ten Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den in den Ve­rei­nig­ten Staa­ten hat­te kei­ne be­son­ders gu­te Er­fah­run­gen mit Agen­ten des FBI ge­macht. Wann im­mer aus Wa­shing­ton ei­ni­ge Agen­ten auf einen Fall an­ge­setzt wur­den hat­ten sie die dum­me An­ge­wohn­heit gleich kom­plett al­les zu über­neh­men. An­de­re Mei­nun­gen als die der Agents zähl­ten dann nicht mehr und wur­den sys­te­ma­tisch igno­riert. Das ein­zi­ge was ihm an der Auf­ga­be ge­fiel war die Tat­sa­che, dass er mit As­hleigh Spears zu­sam­men an dem Fall ar­bei­ten durf­te. Ins­ge­heim hat­te er ei­ne Schwä­che für die Agen­tin an sei­ner Sei­te, was aber auf­grund der Struk­tu­ren der Er­mitt­lungs­be­hör­de au­ßen vor blei­ben muss­te. Be­zie­hun­gen un­ter Kol­le­gen dul­de­te man nicht.

»Gibt es noch Fra­gen?«, woll­te Ja­mes La­wrence von sei­nen Agen­ten wis­sen.

»Nur ei­ne«, mel­de­te sich Knight zu Wort, »da es sich da­bei schein­bar um ei­ne grö­ße­re Grup­pe han­delt, an­sons­ten wä­re es kaum im gan­zen Land mög­lich Bür­ger an­zu­wer­ben, ge­währt man uns wel­che Hil­fe?«

»Das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um ge­währt uns al­le ver­füg­ba­ren Mit­tel die wir be­nö­ti­gen.«

»Ich mein­te ei­gent­lich mehr Leu­te die an dem Fall mit uns ar­bei­ten und nicht Res­sour­cen«, prä­zi­sier­te Knight sei­ne Fra­ge.

La­wrence woll­te die­ser Fra­ge ei­gent­lich aus­wei­chen. Das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um stell­te ihm zwar al­les Mög­li­che zur Ver­fü­gung, aber mehr Leu­te konn­te er lei­der nicht auf­trei­ben. Trotz­dem konn­te er sei­ne Agents nicht im Stich las­sen, weil er wuss­te, dass die zwei ei­gent­lich viel zu we­nig wa­ren. »Ich hat­te ge­hofft, dass die­ses The­ma nicht zur Spra­che kommt«, gab er zu. »Mehr Mit­ar­bei­ter stellt man uns lei­der nicht zur Ver­fü­gung. Man ver­wies mich dann auf In­ter­pol in Ly­on, die ich aber bis­her nicht an­ge­fragt ha­be. Wir wer­den die­sen Fall al­lei­ne auf­klä­ren, oh­ne uns ir­gend­wel­che Schreib­tischtä­ter ans Bein zu bin­den. Nur, wenn es wirk­lich gar nicht mehr an­ders geht, wer­de ich dort nach­fra­gen uns we­nigs­tens ein oder zwei Leu­te zu schi­cken die dann un­ter ih­rer Füh­rung ar­bei­ten wer­den.«

»Blei­stift­jong­leu­re sol­len uns hel­fen?«, frag­te Spears et­was ent­täuscht.

»Lei­der ja«, be­stä­tig­te La­wrence und schlug die Au­gen nie­der. »Ich hät­te mir auch mehr Hil­fe ge­wünscht, aber vor­erst geht es erst ein­mal dar­um die gan­zen Aus­ma­ße des Sumpfs fest­zu­stel­len, be­vor wir ihn tro­cken le­gen kön­nen. Im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um nimmt man den Fall nicht ganz so wich­tig, dass man meh­re­re Leu­te da­für ab­stellt.«

As­hleigh Spears schüt­tel­te sau­er den Kopf, »Man for­dert ei­ne Auf­klä­rung mit al­len ver­füg­ba­ren Mit­teln und schickt dann zwei Agen­ten, weil man sich bei ei­nem Jah­res­e­tat von fast zehn Mil­li­ar­den Dol­lar im Jahr nicht mehr leis­ten kann. Statt­des­sen ver­weist man uns an In­ter­pol die mit ih­ren paar Mil­lio­nen im Jahr das al­les ma­chen kön­nen. Wir spa­ren am falschen En­de!«

Ja­mes La­wrence konn­te ihr nur zu­stim­men aber ihm wa­ren lei­der die Hän­de ge­bun­den. Sei­ne an­de­ren Agen­ten wa­ren im gan­zen Land ver­streut und hat­ten zu vie­le Bau­stel­len die sie be­a­ckern muss­ten. Knight stör­te das wie sei­ne Kol­le­gin auch nur sah er dar­in ei­ne Chan­ce län­ger mit Spears zu­sam­men­ar­bei­ten zu kön­nen. In sei­nen Au­gen war sie et­was ganz Be­son­de­res. Mit ih­ren 28 Jah­ren, den schul­ter­lan­gen kas­ta­ni­en­brau­nen Haa­ren und den blau­en Au­gen war sie ge­nau sei­ne Kra­gen­wei­te. Die an­ge­nehm dunkle Stim­me be­sorg­te das Üb­ri­ge. Zu­dem ver­ei­nig­te sie auch noch ei­ne gu­te Auf­fas­sungs­ga­be und ei­ne sehr ho­he In­tel­li­genz auf sich.

Auch As­hleigh fand ge­fal­len an ih­rem Kol­le­gen der ei­ne ge­wis­se Ähn­lich­keit mit dem jun­gen Burt Reynolds hat­te. Nur der Bart fehl­te Cooper Knight da­für aber den konn­te man ja wach­sen las­sen. Trotz­dem ka­men sich die bei­den nicht nä­her. Die Vor­schrif­ten beim FBI wa­ren in der Be­zie­hung ziem­lich deut­lich for­mu­liert und er­laub­ten kei­ne ro­man­ti­sche Be­zie­hung un­ter Kol­le­gen. Auf­ge­ben woll­te sie ih­ren Job aber bei der Bun­des­be­hör­de auf kei­nen Fall. Seit sie noch ein klei­nes Mäd­chen war träum­te sie da­von zur Po­li­zei zu ge­hen und ge­fähr­li­che Ver­bre­cher zu ver­haf­ten. Das hat­te sie jetzt end­lich er­reicht, auch wenn für das Pri­vat­le­ben kaum noch Zeit blieb. As­hleigh war mit ih­rem Job ver­hei­ra­tet. Das hat­te den un­glaub­lich großen Vor­teil, dass der nicht fremd­ge­hen konn­te wie ih­re da­ma­li­ge High­school Lie­be.

Cooper Knight be­kam von sei­nem Agen­ten­füh­rer noch ei­ne Ak­te über­reicht in der die Hin­wei­se zu der Grup­pie­rung SNB auf­ge­führt wa­ren und ver­ließ mit sei­ner Kol­le­gin das Bü­ro ih­res Chefs. Drau­ßen auf dem Gang führ­ten die bei­den ei­ne un­ge­zwun­ge­ne Un­ter­hal­tung wäh­rend sie zum Aus­gang schlen­der­ten. In we­ni­gen Stun­den wür­de schon ihr Flug nach Port­land ab­he­ben. For­mal war Cooper Knight auf­grund der län­ge­ren Dienst­zeit ihr Vor­ge­setz­ter aber das spiel­te zwi­schen ih­nen kei­ne Rol­le. Spears hat­te sich schon auf der Aka­de­mie einen Na­men ge­macht. Ihr Ge­dächt­nis war phä­no­me­nal. Die hüb­sche Spe­ci­al Agen­tin ver­gaß kein Ge­sicht und konn­te sich auch noch Jah­re spä­ter an die Er­eig­nis­se mit der Per­son er­in­nern. Cooper hat­te sei­ne Vor­tei­le eher im schrift­li­chen Be­reich. Die Fak­ten die er in den Ak­ten las, konn­te er fast ori­gi­nal­ge­treu wie­der­ge­ben. Das hat­te ihm in der Schu­le, wenn es um das Ge­dich­te aus­wen­dig ler­nen ging schon oft ge­nug ge­hol­fen. Ein oder zwei­mal kurz vor Un­ter­richts­be­ginn zu le­sen hat­te aus­ge­reicht um es frei auf­sa­gen zu kön­nen. Nur mit den Zah­len funk­tio­nier­te das nicht. Jah­res­zah­len ver­gaß er be­reits wie­der, nach­dem er sie ge­le­sen hat­te.

Vor der FBI Zen­tra­le ver­ab­schie­de­ten sie sich von­ein­an­der und fuh­ren zu ih­ren Woh­nun­gen. Sie muss­ten noch für den Auf­trag in Port­land pa­cken be­vor am Nach­mit­tag ihr Flie­ger ging. Erst kurz vor dem Ab­flug wür­den sie sich wie­der am Flug­ha­fen tref­fen. As­hleigh Spears war sehr ge­spannt auf das was sie er­war­ten wür­de. Nach­dem die ei­gent­li­che Po­li­zei bis­her nur Hin­wei­se ge­sam­melt hat­te, ka­men sie den Tä­tern nicht auf die Spur. Es brauch­te die Hil­fe der Pro­fis vom FBI. Die Hil­fe von ihr und ih­rem Kol­le­gen. Ei­gent­lich freu­te sie sich auf die­se Auf­ga­be, ihr war nur nicht wohl bei dem Ge­dan­ken kei­ner­lei Kol­le­gen au­ßer Cooper bei sich zu ha­ben. Sie wa­ren nur zu zweit und die Ge­sell­schaft SNB ope­rier­te in den ge­sam­ten USA. Wie vie­le Leu­te dar­an be­tei­ligt wa­ren, konn­te man nicht ab­schät­zen. Na­tür­lich hat­ten sie die Po­li­zei­be­am­ten der Städ­te im Rücken, aber die konn­ten ih­nen nur Hin­wei­se lie­fern.

Auch Cooper wä­re es lie­ber ge­we­sen in ei­nem großen Te­am auf Ver­bre­cher­jagd zu ge­hen und nicht nur mit sei­ner Kol­le­gin. Er wuss­te, dass es ge­fähr­lich wer­den könn­te nur zwei Bun­de­s­agen­ten ins Feld zu schi­cken, um ei­ne gan­ze Or­ga­ni­sa­ti­on hoch­zu­neh­men. Oft hör­te man da­von, dass Freun­de und Kol­le­gen aus dem Le­ben ge­ris­sen wur­den, nur weil sie im Kampf ge­gen skru­pel­lo­se Ver­bre­cher al­lei­ne ge­gen ei­ne Über­macht an­ge­tre­ten wa­ren. Ih­re ein­zi­ge Aus­sicht auf Hil­fe war In­ter­pol in Ly­on, die aber ers­tens noch nichts von ih­rem Glück wuss­ten und zum an­de­ren nur Bü­ro­ti­ger be­schäf­tig­ten die sich ma­xi­mal an Brief­bö­gen mal die Fin­ger auf­schnit­ten. Die­se Men­schen wa­ren nicht im frei­en Feld zu ge­brau­chen. Da konn­te es schon ziem­lich hart zur Sa­che ge­hen.

Am frü­hen Nach­mit­tag, die laue Früh­lings­son­ne stand be­reits schon ziem­lich tief am Fir­ma­ment, tra­fen die bei­den Agen­ten vor dem Flug­ha­fen von Wa­shin­ton D.C. zu­sam­men. Ih­re Rei­se­ta­schen wur­den in die Ma­schi­ne ge­la­den und die bei­den Spe­ci­al Agents folg­ten in die Alu­mi­ni­um­hül­le. Wäh­rend die Boeing 737 über die Start­bahn ras­te, warf Cooper Knight einen Blick in die Ak­ten die ih­nen ihr Agen­ten­füh­rer zu­sam­men­ge­stellt hat­te. As­hleigh bat ihn laut vor­zu­le­sen was sie bis­her hat­ten. Sie woll­te sich die Ak­ten nicht auch noch an­schau­en müs­sen. Cooper las und fass­te es in sei­nen ei­ge­nen Wor­ten für sie zu­sam­men.

»Die meis­ten Op­fer sind jun­ge Frau­en die in pre­kä­ren Le­ben­sum­stän­den ste­cken. Be­vor­zugt spre­chen sie Stu­den­tin­nen an, die mit dem Klein­geld was sie als Kell­ne­rin ver­die­nen ihr Le­ben und ihr Stu­di­um fi­nan­zie­ren. Sie lo­cken sie al­le mit klei­ne­ren Be­trä­gen, wie 2000 bis et­wa 5000 Dol­lar für ein­fa­che Bo­ten­diens­te. Ir­gend­wo et­was ab­ho­len und an ei­nem an­de­ren Ort wie­der ab­stel­len. Die Po­li­zei tappt nach wie vor im Dun­keln. Sie ha­ben so­gar schon ver­sucht einen Ver­däch­ti­gen nur zu be­schat­ten und dar­auf zu war­ten, wer das ge­lie­fer­te Päck­chen ab­holt, aber auch nach drei Ta­gen war noch nie­mand dar­an in­ter­es­siert. Als sie das Pa­ket dann selbst ge­holt ha­ben war es leer. Der In­halt war wie von Zau­ber­hand ver­schwun­den, ob­wohl sie das Pa­ket die gan­zen drei Ta­gen nicht aus den Au­gen ge­las­sen hat­ten. Was die Be­am­ten in Texas ver­sucht ha­ben wä­re auch mein ers­ter An­satz ge­we­sen. Die ha­ben nur den Lie­fe­rant mit Zi­vil­be­am­ten be­ob­ach­tet und dar­auf ge­war­tet was pas­siert. Aber auch nach mehr als ei­nem Mo­nat wur­de er nicht wie­der be­auf­tragt. Ir­gend­je­mand der Grup­pie­rung die hin­ter SNB steht muss ent­we­der die gan­zen Ku­rie­re über­wa­chen, oder Ver­bin­dun­gen in die höchs­ten Po­li­zei­krei­se ha­ben.«

»Das wird ja im­mer bes­ser«, maul­te As­hleigh Spears ih­ren Kol­le­gen an. »Da ver­schwin­det Ma­te­ri­al aus Pa­ke­ten die über­wacht wer­den und die Ku­rie­re wer­den nicht mehr ein­ge­setzt, wenn wir sie im Au­ge be­hal­ten. Das ist ja wie ver­hext! Aber könn­ten wir nicht mit ein biss­chen Über­wa­chungs­tech­nik zu­min­dest die Emp­fän­ger aus­fin­dig ma­chen?«

»Wie soll das ge­hen?«, frag­te Cooper ver­wirrt. »Die las­sen ih­re Pa­ke­te nicht un­be­auf­sich­tigt. Wir kön­nen da nicht ein­fach einen Sen­der an­brin­gen und dar­auf war­ten, dass es ab­ge­lie­fert wird.«

Spears lä­chel­te ge­heim­nis­voll, »Wenn wir einen Ku­ri­er um­dre­hen kön­nen dann schaf­fen wir es auch ein Pa­ket nach­zu­ver­fol­gen.«

Wäh­rend die Boeing in zehn Ki­lo­me­ter Hö­he wei­ter Rich­tung Wes­ten flog dis­ku­tier­ten die bei­den As­hleighs Vor­schlag. Die Fra­ge war nur wie man einen Ku­ri­er um­dre­hen konn­te oh­ne das die SNB Leu­te nichts da­von mit­be­ka­men. Ganz egal aus wel­cher Per­spek­ti­ve sie das Pro­blem aber auch be­trach­te­ten ka­men sie zu kei­nem zu­frie­den­stel­len­den Er­geb­nis. Das Pro­blem war ein­fach nicht zu lö­sen. Je­de Mög­lich­keit die sie be­spra­chen, führ­te im­mer wie­der in die glei­che Sack­gas­se. Ei­ne Lie­fe­rung die nicht aus den Au­gen ge­las­sen wur­de konn­te man nicht ein­fach mit ei­nem Sen­der ver­se­hen, oh­ne dass es je­mand mit­be­kam. Sie brauch­ten an­de­re Lö­sungs­an­sät­ze.

Dann be­rich­te­te Cooper vom letz­ten Ku­ri­er den die Kol­le­gen in Port­land fest­ge­nom­men hat­ten. »Ed­win Nash hat fast 18 kg Cry­stal Meth aus dem Kof­fer­raum ei­nes Wa­gens der an ei­ner Um­ge­hungs­stra­ße ab­ge­stellt war her­aus­ge­holt. Sein Auf­trag war es die hoch­ge­fähr­li­che Dro­ge nach Sa­cra­men­to in Ka­li­for­ni­en zu brin­gen. Als er sie über­nom­men hat­te wur­de er von den Kol­le­gen ein­kas­siert. Lei­der hielt er sich für einen Ge­heim­agen­ten der sei­nen Auf­trag zu En­de brin­gen muss­te und fing an sich ge­gen sei­ne Fest­nah­me zur Wehr zu set­zen. Ein jun­ger Strei­fen­cop, der ihn mit sei­ner Dienst­waf­fe in Schach hal­ten woll­te, um sei­nen Vor­ge­setz­ten zu si­chern war al­ler­dings so ner­vös bei der Ge­schich­te das sich ein Schuss ge­löst hat. Er traf Mis­ter Nash so un­glück­lich in den Ober­bauch, dass sein Pro­jek­til erst den Ma­gen durch­lö­cher­te und an­schlie­ßend die Milz zer­fetz­te. Der 19 Jah­re al­te Aus­hilfs­ar­bei­ter wur­de in der Kli­nik notope­riert und konn­te durch die Ärz­te ge­ret­tet wer­den. Die Kol­le­gen ha­ben sein Ap­par­te­ment durch­sucht und fan­den nicht den ge­rings­ten Hin­weis auf das SNB. Erst als sie ihn ver­neh­men konn­ten kam her­aus, dass er da­für 2500 Dol­lar er­hal­ten soll­te, was in sei­nem Fall un­ge­fähr drei Mo­nats­ge­häl­tern ent­spricht. Der Wa­gen den man ihm zur Ver­fü­gung stell­te war erst am Vora­bend aus der Ga­ra­ge ei­ner Fa­mi­lie ge­stoh­len die einen Kur­z­ur­laub in der Ka­ri­bik ver­bringt.«

»Sehr cle­ver«, summ­te As­hleigh, »Der Dieb­stahl des Wa­gens wä­re al­so gar nicht auf­ge­fal­len be­vor Nash sei­nen Auf­trag be­en­det hat­te. Wie ha­ben die Kol­le­gen da­von er­fah­ren, dass Mis­ter Nash et­was er­le­digt?«

»Es gab einen an­ony­men Hin­weis auf den Wa­gen in dem die Dro­gen ver­steckt wa­ren.«

»Ein an­ony­mer Hin­weis auf gleich mal 18 kg Cry­stal Meth? Wer könn­te ein In­ter­es­se dar­an ha­ben so et­was zu ver­ra­ten?«, frag­te sie.

»Ein Dro­gendea­ler dem es an­ge­bo­ten wur­de?«

»Un­wahr­schein­lich«, schüt­tel­te Spears den Kopf, »zu­fäl­lig weiß ich, dass die meis­ten Dro­gen an der West­küs­te über den Ha­fen von Se­att­le ins Land ge­lan­gen und Cry­stal Meth ver­kauft sich am bes­ten in Los An­ge­les, Las Ve­gas oder in San Fran­cis­co. Sa­cra­men­to liegt nicht weit von San Fran­cis­co ent­fernt. Gut mög­lich, dass es nur ein wei­te­rer Über­ga­be­ort war an dem die 18 Kg auf­ge­teilt wer­den soll­ten. 6 kg wer­den ex­tra ab­ge­packt und die rest­li­chen 12 kg wer­den durch einen wei­te­ren Ku­ri­er wei­ter nach Sü­den ge­schafft. 1,5 Gramm da­von kos­ten knapp 100 Dol­lar. Das sind al­so rech­ne­risch 1,2 Mil­lio­nen Dol­lar. Die 2500 Dol­lar für Nash sind al­so nicht mehr als ein klei­nes Trink­geld und er trägt das gan­ze Ri­si­ko.«

Cooper nick­te nur stumm. Ed­win Nash wür­de für ei­ni­ge Jah­re hin­ter Git­ter ver­schwin­den. Er wuss­te zwar nicht was er da trans­por­tiert aber das spiel­te auch kei­ne Rol­le. Al­lei­ne die trans­por­tier­te Men­ge war so groß, dass man ihm ei­ne Ver­tei­lungs­ab­sicht nach­wei­sen konn­te. Un­wis­sen­heit schützt nicht vor ei­ner Stra­fe. Die Stra­fe für Dro­gen­schmug­gel über ei­ne Bun­des­gren­ze war so schon hoch ge­nug, dass es kei­ne Rol­le mehr spiel­te, ob er es ver­kau­fen woll­te oder nicht.

3. Kapitel
Vereinigte Staaten, Cleveland (OH)

Es är­ger­te ihn maß­los. Der gan­ze Plan war ge­schei­tert. Er hat­te für die­ses Vor­ha­ben ex­tra mehr als ei­ne Mil­li­on ris­kiert und ein ver­damm­ter Strei­fen­cop mit sei­nem un­ru­hi­gen Fin­ger ver­ei­tel­te ihn. Jetzt hat­te er bril­lan­te Fo­tos, die ihm über­haupt nicht schmeck­ten. Wa­rum muss­te der Ser­geant ge­nau an die­sem ver­damm­ten Tag mit ei­nem Frisch­ling un­ter­wegs sein, der sich schon in die Ho­se macht, wenn ei­ner laut hus­tet? Das konn­te ein­fach nicht wahr sein. Gut, der Auf­tritt sei­nes Ku­ri­ers war gar nicht so übel wie er sich das vor­ge­stellt hat­te, aber die Fol­gen wa­ren al­les an­de­re als das, was er ge­plant hat­te. Aus­ge­rech­net die­ser Cop stand ihm in Port­land noch im Weg.

Der Plan war ei­gent­lich nar­ren­si­cher. Sein Ku­ri­er soll­te den ver­damm­ten Cop so weit rei­zen bis der sich nicht mehr hal­ten konn­te und dem Ku­ri­er et­was an­tut. Dann wä­re er ihn we­nigs­tens gleich los ge­we­sen und die Na­ti­on wä­re wie­der durch­ge­dreht. Ein dun­kel­häu­ti­ger Ku­ri­er, jung und däm­lich wie ei­ne Land­stra­ße, wird von ei­nem Dro­gen­cop auf of­fe­ner Stra­ße ver­prü­gelt. Da­zu die hüb­schen Fo­tos die er in Auf­trag ge­ge­ben hat­te schön un­ter die Me­di­en ver­teilt und schon hät­te er die­sen Ty­pen min­des­tens die nächs­ten tau­send Jah­re los. Die gan­ze afro­ame­ri­ka­ni­sche Be­völ­ke­rung hät­te wie­der et­was wor­auf sie ein­prü­geln konn­te und sei­ne Ge­schäf­te an der West­küs­te fie­len nicht mehr ins Ge­wicht. Vor al­lem be­käme sie nie­mand mit, weil sie al­le ab­ge­lenkt wä­ren.

Schon viel zu oft war ihm die­ser Dro­gen­spür­hund in die Pa­ra­de ge­fah­ren und hat­te mehr als ge­nug sei­ner Ak­tio­nen ver­hin­dert. Der muss­te ein­fach weg, da­mit er in Port­land freie Hand hat­te. Jetzt stand er in sei­nem Bü­ro am Fens­ter und blick­te hin­un­ter auf den La­ke Erie. In sei­ner Hand hielt er ein Glas zwölf Jah­re ge­reif­tem Scotch mit zwei Eis­wür­feln, die im Glas klirr­ten. Er muss­te sich et­was Neu­es aus­den­ken. Der Blick auf das blaue Was­ser, was in der Früh­lings­son­ne glänz­te, brach­te ihn im­mer wie­der auf die bes­ten Ide­en. Heu­te al­ler­dings blieb die Wir­kung aus. Da­für mel­de­te sich das Te­le­fon auf sei­nem Schreib­tisch. Miss­mu­tig stell­te er das Glas auf die Tisch­plat­te und nahm das Ge­spräch ent­ge­gen.

»Was?«, frag­te er sau­er.

»Wir be­kom­men ein Pro­blem in Port­land, Sir.«

»Was für ein Pro­blem? Tritt zu­fäl­lig noch der Co­lum­bia Ri­ver über die Ufer und schwemmt die­ses Dreck­loch weg?«

»Nein Sir«, schränk­te der An­ru­fer ein. »Das FBI ist auf dem Weg nach Port­land. Wa­shing­ton schickt zwei Spe­ci­al Agents die un­se­re Ak­ti­vi­tä­ten un­ter­su­chen sol­len. Die sit­zen schon in ei­ner Ma­schi­ne, die in Kür­ze hier lan­det!«

»Ha­ben wir zu­fäl­lig noch ei­ne Bo­den-Luft-Ra­ke­te üb­rig? Wir könn­ten sie vom Him­mel ho­len. Es war klar, dass sich die­se Schnüff­ler ir­gend­wann auf die Su­che ma­chen. Wir sind dar­auf vor­be­rei­tet. Schaf­fen sie bes­ser die­sen Ser­geant Bar­ber aus dem Weg. Der hat uns in den letz­ten Mo­na­ten schon vie­le Lie­fe­run­gen ver­saut und ich bin es lang­sam leid ihn mit Samt­hand­schu­hen an­fas­sen zu müs­sen.«

»Un­se­re Waf­fen sind be­reits ver­kauft Sir. Aber das ist das FBI, was da an­kommt und kein Tau­ben­züch­ter­ver­ein.«

»Es gibt kei­nen großen Un­ter­schied zwi­schen dem FBI und ei­nem Tau­ben­züch­ter­ver­ein. Die wer­den nichts Ver­wert­ba­res fin­den und flie­gen dann wie­der zu­rück. Selbst, wenn sie et­was fin­den soll­ten ha­be ich sie im­mer ge­nau da wo ich sie ha­ben will. Je mehr sie zu se­hen glau­ben, um­so ein­fa­cher ist es sie zu täu­schen. Un­se­re Vö­gel­chen be­kom­men Bar­geld in ei­nem Brief­um­schlag, das sich nicht zu­rück­ver­fol­gen lässt. Die glau­ben, sie ar­bei­ten für ei­ne staat­li­che Be­hör­de und es gibt im gan­zen Land Mil­lio­nen da­von. Das ein­zi­ge, was mir Sor­gen macht, sind die­se däm­li­chen Be­am­ten, die mir im­mer wie­der in die Sup­pe spu­cken und ex­trem ho­he Kos­ten ver­ur­sa­chen. Das Hu­man­ka­pi­tal ist egal, die sind leich­ter zu er­set­zen als feh­len­de Zi­ga­ret­ten. Aber die­se klei­nen Men­gen, die wir sie trans­por­tie­ren las­sen, ge­hen ganz schön ins Geld. Ro­ger Bar­ber hat uns zwi­schen­zeit­lich schon mehr als vier Mil­lio­nen ge­kos­tet, weil er sei­ne Ad­ler­na­se im­mer wie­der in mei­ne An­ge­le­gen­hei­ten hängt. In kei­ner an­de­ren Stadt ha­ben wir die­ses ver­damm­te Pro­blem. Aber es ist nicht so ein­fach einen Dro­gen­fahn­der um­zu­le­gen, oh­ne die ge­sam­te Trup­pe auf­zu­we­cken, die an ih­ren Do­nut­lä­den schla­fen. Ich möch­te den aus dem Weg ha­ben, dann kön­nen wir end­lich mit großen Men­gen ope­rie­ren.«

»Was sol­len wir tun?«, frag­te die Stim­me aus dem Te­le­fon.

»Nicht in die Ho­sen schei­ßen. Ich küm­me­re mich schon dar­um. Im Mo­ment blei­ben wir in Port­land bei den klei­nen Men­gen bis wir end­lich Bar­ber aus dem Weg ha­ben. Än­dern sie ein­fach die Rou­ten für un­se­re Lie­fe­run­gen bis ich grü­nes Licht ge­be.«

»Wann kommt die nächs­te Lie­fe­rung?«

Er muss­te kurz nach­den­ken. Es war nicht so ein­fach den Über­blick zu be­hal­ten, wenn man in vie­len Städ­ten gleich­zei­tig am Ar­bei­ten war. Dann fiel es ihm wie­der ein. »Die nächs­te Lie­fe­rung trifft nächs­ten Don­ners­tag ein. Ir­gend­was um 30 Ki­lo­gramm in klei­nen Men­gen wie bis­her. Ver­sen­den sie ma­xi­mal fünf Ki­lo­gramm zu un­se­ren Ab­neh­mern, bis wir den blö­den Cop los­ge­wor­den sind.«

»In Ord­nung Sir«, klang die Stim­me aus dem Hö­rer und die Ver­bin­dung wur­de un­ter­bro­chen.

Der gu­te Scotch in sei­nem Glas war durch die ge­schmol­ze­nen Eis­wür­fel schon ver­wäs­sert. Wü­tend kipp­te er den In­halt in die Blu­men auf sei­ner Fens­ter­bank und schenk­te sich ein zwei­tes Glas ein. Die­ses Mal oh­ne Eis­wür­fel. Er brauch­te einen Plan, den Ro­ger Bar­ber, den Dro­gen­fahn­der aus Port­land, end­lich dar­an hin­der­te, sei­ne Ge­schäf­te auf­zu­de­cken. Er­neut blick­te er wie­der auf das auf­ge­wühl­te Was­ser un­ter­halb sei­nes Bü­ros. Nur we­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter hat­te er ei­ne groß­ar­ti­ge Idee, wie er sei­nen Wi­der­sa­cher im Wes­ten aus dem Weg räu­men könn­te. Er trank den Scotch mit ei­nem tie­fen Zug aus und schluck­te das hoch­pro­zen­ti­ge Ge­tränk. Die Hit­ze des Al­ko­hols in sei­nem Sch­lund fühl­te er bis es in sei­nem Ma­gen lan­de­te. Dann griff er zum Te­le­fon und wähl­te ei­ne Kurz­wahl.

»Ja?«, mel­de­te sich ei­ne zar­te Frau­en­stim­me.

»Hal­lo Em­ma. Sag mal, wann hat Bar­ber sei­nen nächs­ten Ter­min bei ei­ner dei­ner An­ge­stell­ten?«

»In un­ge­fähr ei­ner Wo­che be­sucht ihn Ma­de­lei­ne, aber warum möch­test du das wis­sen?«

»Kannst du Ma­de­lei­ne et­was mit­ge­ben, wenn sie ihn be­sucht?«

»Kla­mot­ten oder was?«, frag­te sie.

»Hör auf mit dem Un­sinn. Ich will, dass sie ihm et­was un­ter­schiebt, am bes­ten gut ver­steckt!«

Er hör­te sie lei­se stöh­nen be­vor sie sag­te, »Wie groß und schwer ist es, was sie ver­ste­cken soll?«

Ein Lä­cheln um­spiel­te sei­ne Lip­pen, »Et­wa ein Pfund schwer und nicht grö­ßer als drei Schach­teln Kip­pen.«

»Das soll­te sie schaf­fen. Musst du wis­sen, wo es ver­steckt ist?«

»Nur grob. Das FBI wird es dann schon fin­den und ihn aus dem Ver­kehr zie­hen!«

»Du weißt schon das mir da­durch ein Stamm­kun­de weg­fällt?«

Er nick­te. »Na­tür­lich weiß ich das. Ich wer­de mir et­was als Aus­gleich ein­fal­len las­sen. Vi­el­leicht der Bür­ger­meis­ter oder so.«

»Der ist doch so­wie­so schon Kun­de bei mir«, lach­te sie, »Die hal­be Stadt­ver­wal­tung ist bei mir Kun­de. Wenn das de­ren Schlam­pen zu Hau­se wüss­ten, könn­te ich die Stadt über­neh­men!«

»Du be­kommst einen Aus­gleich, das ist ver­spro­chen, Em­ma. So­bald Bar­ber weg ist sor­ge ich da­für, dass du einen neu­en Kun­den be­kommst, der ge­nug Geld bei dir lässt«, ver­sprach er.

»Okay, ich ge­be dir Be­scheid wo Ma­de­lei­ne dein Päck­chen ver­steckt hat. Wer bringt es?«

Er dach­te kurz dar­über nach, dann sag­te er, »Ein Ku­ri­er wird es am üb­li­chen Platz hin­ter­le­gen. Ich sor­ge da­für, dass es spä­tes­tens am Don­ners­tag da ist.«

»In Ord­nung«, be­stä­tig­te sie die Ab­spra­che. »Ich ge­be dir so­fort Be­scheid wo sie es bei ihm hin­ter­legt hat.«

»Dan­ke Em­ma«, lä­chel­te er und leg­te auf.

Di­rekt da­nach nahm er sei­nen gol­de­nen Ku­gel­schrei­ber und mach­te sich ei­ne kur­ze No­tiz auf sei­ner Schreib­un­ter­la­ge. Den Ku­ri­er zu fin­den war kein Pro­blem, nur muss­te er ein­mal mehr auf das Geld für ein hal­b­es Ki­lo Stoff ver­zich­ten. Al­ler­dings wä­re er dann auch Ro­ger Bar­ber los und konn­te in Port­land end­lich auf die großen Lie­fe­run­gen um­stei­gen. Die Ku­rie­re wa­ren zwar nicht teu­er, aber für je­den klei­nen Ab­schnitt muss­te er wie­der Klein­be­trä­ge auf­wen­den, die sich mit der Men­ge schon zu ei­nem großen Aus­ga­b­e­pos­ten sum­mier­ten. Die an­de­re Mög­lich­keit wä­re Port­land kom­plett aus­zu­spa­ren und einen Um­weg über Spo­ka­ne und dann nach Re­no in Kauf neh­men. Der län­ge­re Weg war zwar si­che­rer, aber es wür­de zu ei­ner Un­ter­ver­sor­gung füh­ren, die er sich nicht er­lau­ben woll­te. Das gan­ze Lie­fer­netz­werk auf­zu­bau­en war schon schwer ge­nug.

* * *

Bahamas, Nassau

Ein­mal die Wo­che traf sich das gan­ze Te­am mit den Kin­dern in Ja­sons Bar. Die jüngs­ten er­leb­ten die­se Ta­ge im­mer zu­sam­men. Da­mi­en, der äl­tes­te un­ter den Kin­dern freu­te sich auf sei­ne Freun­din­nen Va­le­ria und Emi­lia und sei­nen bes­ten Freund Mi­ka, den Sohn von Mi­ke und Ka­rya­ni. Wäh­rend die Er­wach­se­nen al­le zu­sam­men um einen Tisch sa­ßen und sich über al­les Mög­li­che un­ter­hiel­ten, durf­ten die vier Klei­nen to­ben so viel sie woll­ten. Ja­son hat­te so­gar den Sonn­tag in sei­ner Bar als Fa­mi­li­en­tag aus­ge­schrie­ben. Al­le an­we­sen­den Kin­der durf­ten so vie­le Fish and Chips, oder auch nur Chips, al­so Pom­mes in sich rein­stop­fen wie sie woll­ten. Die El­tern durf­ten sich einen schö­nen Tag oh­ne den Nach­wuchs ma­chen und be­zahl­ten die Ver­pfle­gung für die Kin­der nur an­tei­lig. Für einen klei­nen Un­kos­ten­bei­trag wa­ren die Ge­trän­ke und das Es­sen für die Kin­der frei und Ja­son hat­te ex­tra für die­se Ta­ge ein paar jun­ge Frau­en en­ga­giert, die auf die Kin­der auf­pass­ten.

Als sich das her­um­ge­spro­chen hat­te, dass sonn­tags in Ja­sons Bar Fa­mi­li­en­tag war, mit Schwim­men und großem Kin­der­pro­gramm, wur­de er mit großem In­ter­es­se auf­ge­nom­men. Den gan­zen Tag lang war die Bar voll mit jun­gen Fa­mi­li­en die ei­ne kur­ze Aus­zeit von ih­ren Kin­dern ge­nos­sen. Auch die Er­wach­se­nen hat­ten Spaß, denn sie konn­ten sich in al­ler Ru­he un­ter­hal­ten, oh­ne auf den Nach­wuchs zu ach­ten oder von ih­nen ge­stört zu wer­den. Die Kids wa­ren be­schäf­tigt und durf­ten auf ei­nem großen Tram­po­lin her­um­sprin­gen. So­gar ei­ne klei­ne Hüpf­burg hat­te sich Ja­son ge­leis­tet, die ne­ben­an mit Druck­luft sta­bil ge­hal­ten wur­de. Auf dem fei­nen Sand durf­ten die klei­nen Bur­gen bau­en oder in ei­nem ab­ge­sperr­ten Be­reich ins war­me Meer sprin­gen. Auch ei­ni­ge Ein­hei­mi­sche be­tei­lig­ten sich an dem Fa­mi­li­en­tag. Es gab zum Bei­spiel Kin­der­schmin­ken, einen Zeich­ner und ein äl­te­rer Mann aus der Nä­he schar­te im Ab­stand von ei­ner Stun­de im­mer wie­der Kin­der um sich, de­nen er Ge­schich­ten er­zähl­te. Ver­pfle­gung gab es durch die jun­gen Da­men, die sich um die Auf­sicht küm­mer­ten. Je­der be­kam so viel zu trin­ken und zu es­sen wie er woll­te. Auch Eis gab es zum Null­ta­rif.

Ja­sons Bar war sonn­tags noch nie so gut be­sucht ge­we­sen, und durch Da­mi­en und die Kin­der des Te­ams kam er auf die­se Idee. Mit der Kal­ku­la­ti­on, die er auf Ba­sis ei­ni­ger we­ni­ger Be­su­cher an­stell­te, war es an­fangs ein Null­sum­men­spiel. Nach­dem sich die­ser Tag aber her­um­ge­spro­chen hat­te war die Bar so voll, dass er lo­cker noch ei­ne wei­te­re mit Gäs­ten ver­sor­gen konn­te. Nun stell­te er zu­sätz­lich noch Bän­ke und Ti­sche auf, da­mit er kei­ne Re­ser­vie­run­gen an­neh­men muss­te und der Mas­se an Gäs­ten Herr zu wer­den. Trotz­dem war es im­mer noch schwie­rig al­le un­ter­zu­brin­gen. Die Kin­der hat­ten je­de Men­ge Spaß an den Ta­gen, wäh­rend die El­tern ih­re Ru­he hat­ten.

Für die Kin­der des Te­ams war es das High­light je­der Wo­che. Schon am frü­hen Mor­gen wa­ren die vier to­tal auf­ge­kratzt und konn­ten es kaum er­war­ten los­zu­fah­ren. Da­mi­en war im­mer der ers­te der vor Ort war. Ja­son war, der ers­te der am Mor­gen die Bar öff­ne­te und Liz kam dann we­nig spä­ter mit ih­rem Sohn nach. Für Emi­lia und Va­le­ria be­gann der Spaß erst nach dem Mit­ta­ges­sen. Leo­nie und Do­lo­res hat­ten bei den bei­den Mäd­chen im­mer wie­der be­ob­ach­tet wie sie wäh­rend der Fahrt die Lenk­be­we­gun­gen nach­ahm­ten. Als sie es Mi­cha­el ge­gen­über er­wähn­ten, kam er auf ei­ne gran­dio­se Idee. Ei­nes der Mäd­chen durf­te wäh­rend der Hin­fahrt auf sei­nem Schoß sit­zen und den großen SUV len­ken. Auf der Rück­fahrt war dann die an­de­re dran mit Fah­ren. Micha be­dien­te die Pe­da­le und die Mäd­chen das Lenk­rad, na­tür­lich mit Un­ter­stüt­zung durch den Va­ter. Trotz­dem wa­ren sie dar­auf Feu­er und Flam­me.

Als sie an der Bar an­ka­men, wa­ren die bei­den Mäd­chen nicht mehr zu hal­ten. Die zwei rann­ten wie der Wind auf die ein­zel­nen Te­am­mit­glie­der zu und schlos­sen sie in die Ar­me. Auch Da­mi­en und der klei­ne Mi­ka be­grüß­ten sich un­ter­ein­an­der mit ei­ner Umar­mung. So­fort da­nach wa­ren die vier bis am Abend nicht mehr zu se­hen. Auf Leo­nie war­te­te je­den Sonn­tag be­reits ihr Lieb­lings­drink auf sie. So­bald Ja­son den schwar­zen SUV an­fah­ren sah, nahm er sich den Mi­xer zur Hand, warf ei­ni­ge Eis­wür­fel und ei­ne gel­be Ma­ra­cu­ja hin­ein. Dann füll­te er den Mi­xer mit eis­kal­ter Milch auf und ließ die Ma­schi­ne et­wa ei­ne Mi­nu­te lau­fen. Den Drink füll­te er in ein großes Glas und stell­te es vor Leo­nies Stamm­platz am Tisch. Die Sitz­ord­nung war im­mer die glei­che. Die sie­ben Er­wach­se­nen un­ter­hiel­ten sich an­ge­regt den gan­zen Tag lang. Nur Ja­son stand hin und wie­der auf, da­mit er sich um das Ge­schäft küm­mern konn­te.

Do­lo­res woll­te von Ka­rya­ni wis­sen wie sie auf den Na­men ih­res Soh­nes ka­men. Die Er­klä­rung da­für lie­fer­te Mi­ke, »Wir ha­ben lan­ge dar­über nach­ge­dacht wie er hei­ßen soll­te. Da wa­ren ganz schön vie­le Na­men im Spiel, aber wir konn­ten uns auf kei­nen da­von ei­ni­gen.«

Ka­rya­ni setz­te fort, »Un­se­re Idee war, ihm einen Na­men zu ge­ben der et­was von uns bei­den hat­te. Im End­ef­fekt war un­se­re Idee dann un­se­re Vor­na­men zu ver­wen­den. Wir ha­ben die ers­ten bei­den Buch­sta­ben un­se­rer Vor­na­men kom­bi­niert. Da­bei ka­men schließ­lich zwei mög­li­che Na­men her­aus. Ein­mal Mi­ka oder eben Ka­mi. Der ers­te ge­fiel uns al­ler­dings bes­ser, des­we­gen ha­ben wir ihn Mi­ka ge­tauft.«

»Ich hat­te eher ge­dacht, ihr lasst den Com­pu­ter ent­schei­den«, scherz­te Liz, die da­mit auf das liebs­te Hob­by der bei­den an­spiel­te.

Die Agen­ten ver­stan­den sich un­ter­ein­an­der pri­ma. Nicht nur, dass sie sich je­den Tag bei der Ar­beit be­geg­ne­ten, sie muss­ten sich auch blind auf die an­de­ren ver­las­sen kön­nen. Das schweiß­te sie zu­sam­men und sie wa­ren im Lauf der Zeit zu den dicks­ten Freun­den zu­sam­men­ge­wach­sen. Liz fühl­te sich im Krei­se ih­rer fünf Kol­le­gen mehr als wohl. Als sie noch in Lon­don Dienst für das dor­ti­ge Re­vier ar­bei­te­te, war sie eher die Ein­zel­gän­ge­rin, die Spu­ren ver­folg­te und dann die je­wei­li­gen Tä­ter vor Ge­richt stel­len ließ. Nie­mals hat­te sie ge­dacht, mit meh­re­ren un­ter­schied­li­chen Cha­rak­teren ein Te­am zu bil­den. Ber­nand Rous­sel hat­te sie da­mals mehr oder we­ni­ger wild zu­sam­men­ge­wür­felt. In den ers­ten Wo­chen war Mi­cha­el ein ro­tes Tuch für sie und Mi­ke be­trach­te­te sie als Si­cher­heits­ri­si­ko. Von Leo­nie, die da­mals noch Lea hieß und als Auf­trags­kil­le­rin ar­bei­te­te, hielt sie nicht das ge­rings­te.

Da­mals du­el­lier­te sie sich über Wo­chen mit Mi­cha­el um die Füh­rung des Te­ams. Erst als Mi­ke sei­ne Herz­da­me Ka­rya­ni ins Spiel brach­te, die ih­nen ei­ni­ges an Tech­nik lie­fer­te und sie er­wähn­te, dass sie mit Mi­ke ei­ne Be­zie­hung führ­te, kam sie auf die Idee die bei­den wie­der zu­sam­men­zu­brin­gen. In Ve­ne­zue­la hat­te sie sich mit Mi­cha­el und Leo­nie, die da­mals schon ein Paar ge­wor­den wa­ren, schwer ge­strit­ten. Auf dem Flug zu­rück, woll­te sie das Te­am be­reits wie­der ver­las­sen. Nur durch die Ver­mitt­lung zwi­schen den Fron­ten von Ka­rya­ni blieb sie bei In­ter­pol und dem Te­am. Mi­cha­el woll­te das Te­am gar nicht füh­ren. Er ver­stand sich als Bo­dy­guard für das ge­sam­te Te­am. Ins­be­son­de­re Leo­nie lag ihm am Her­zen. Als er mit­be­kam, dass Ka­rya­ni mit Mi­ke zu­sam­men war, sah er die Chan­ce die Si­cher­heit deut­lich zu ver­bes­sern. Er hat­te mit dem Ha­cker be­reits ei­ni­ge ma­le zu tun und woll­te ver­hin­dern das er die Si­cher­heit ge­fähr­de­te, weil er die dum­me An­ge­wohn­heit hat­te mit al­len Frau­en, die er traf, ein se­xu­el­les Ver­hält­nis an­zu­fan­gen. Auch bei Liz hat­te er es da schon ver­sucht. Er ent­schied Ka­ry in das Te­am auf­zu­neh­men und Liz nicht mehr zu be­kämp­fen die sich die Füh­rung des Te­ams wünsch­te. Nach dem ers­ten Auf­trag, den sie ge­mein­sam auf­klä­ren konn­ten, war aus den Ein­zel­kämp­fern ein rich­ti­ges Te­am ge­wor­den.

Do­lo­res kam erst beim zwei­ten Fall, als das Te­am einen Ju­we­len­raub auf­klä­ren muss­te, hin­zu. Sie hat­te sich zu Leo­nie hin­ge­zo­gen ge­fühlt was Mi­cha­el nicht ver­bor­gen blieb. Au­ßer­dem hat­te er ihr Ta­lent er­kannt und sorg­te da­für, dass die jun­ge Kom­missa­rin beim Te­am blei­ben konn­te. Liz woll­te auf kein Mit­glied wie­der ver­zich­ten müs­sen. Je­der mach­te sei­nen Job so wie sie sich das nur wün­schen konn­te und be­klag­te sich nicht. Auch, wenn sie die un­lieb­sa­men Auf­ga­ben er­le­di­gen muss­ten, gab es nicht die kleins­ten Wi­der­wor­te und die Mit­glie­der be­klag­ten sich nicht. Das war mehr als sie je­mals er­war­tet hat­te.

Trotz dass sie je­den Tag zu­sam­men ar­bei­te­ten, gab es kaum Streit un­ter ih­nen. Je­der kam mit den an­de­ren bes­tens aus. So­gar der Spaß kam nicht zu kurz. Der al­te Stinks­tie­fel Mi­cha­el über­rasch­te sie da­bei am meis­ten. Seit er mit Leo­nie zu­sam­men war, ent­wi­ckel­te er sich zum ech­ten Spaß­vo­gel der Trup­pe. Es gab kein bö­ses Wort mehr von ihm, son­dern er küm­mer­te sich ganz ne­ben­bei noch um die Ver­pfle­gung. In den Mit­tags­stun­den koch­te er so­gar ein le­cke­res Es­sen für sie, küm­mer­te sich um die Kids die im Bü­ro her­um­tob­ten und sorg­te manch­mal für einen großen Spaß. Die Lor­bee­ren für ih­re Tri­um­phe er­hielt meist nur Liz al­lei­ne. Mi­ke, Ka­rya­ni, Do­lo­res, Leo­nie und Mi­cha­el woll­ten gar nicht dar­an be­tei­ligt wer­den. Oh­ne ihr Te­am hät­te sie die Fäl­le nicht lö­sen kön­nen und woll­te auch sie am Er­folg be­tei­li­gen, aber sie lehn­ten das ge­schlos­sen ab. Die Aner­ken­nung war für ih­re ge­schätz­te An­füh­re­rin vor­be­hal­ten was sie auch je­des Mal klar zum Aus­druck brach­ten.

Erst spät am Abend, die Son­ne war be­reits wie­der vom Him­mel ver­schwun­den, mach­ten sich die ein­zel­nen Paa­re mit ih­ren Kin­dern auf den Rück­weg. Be­reits mor­gen Früh wür­den sie wie­der in ih­rem Bü­ro ein­tref­fen und ar­bei­ten. Tra­di­tio­nell wa­ren Leo­nie und Do­lo­res die ers­ten an ih­ren Schreib­ti­schen, wäh­rend Mi­cha­el in der Kü­che am Wer­keln war und ein Früh­stück vor­be­rei­te­te.

4. Kapitel
Vereinigte Staaten, Portland (OR)

Die bei­den Freun­din­nen Tia­na und Vi­vi­an hat­ten sich für ein ge­mein­sa­mes Früh­stück in ei­nem net­ten Café ver­ab­re­det. Seit ih­rem ers­ten Zu­sam­men­tref­fen hat­ten sie viel über ver­schie­de­ne Mes­sen­ger kom­mu­ni­ziert. Bei­de ar­bei­te­ten ver­deckt für SNB, oh­ne ge­nau zu wis­sen, wer das ei­gent­lich war. Vi­vi­an mach­te das fast wahn­sin­nig. Sie woll­te end­lich Ant­wor­ten auf ih­re Fra­gen. Sie war Tia­na ge­folgt, weil sie die große Blon­di­ne für ei­ne Agen­tin hielt. Al­ler­dings war sie selbst noch ein viel klei­ne­res Licht als Vi­vi­an. Ih­re Auf­trä­ge be­schränk­ten sich mehr­heit­lich auf den Trans­port von ein­fa­chen Gü­tern. Durch die Be­zah­lung für ih­re Diens­te konn­ten sie sich ein biss­chen Lu­xus leis­ten.

Es war schon re­la­tiv spät am Mor­gen für ein Früh­stück. Die Son­ne hat­te bei­na­he ih­ren Ze­nit er­reicht, als die bei­den im Au­ßen­be­reich des Cafés Platz nah­men. Der Früh­ling hielt erst Ein­zug in Port­land. Dement­spre­chend war es noch ziem­lich kühl, dass die bei­den sich warm ein­ge­packt hat­ten, um kei­ne Er­käl­tung zu ris­kie­ren. Tia­na trug so­gar noch einen di­cken Schal. Vi­vi­an mach­te sich dar­über lus­tig, denn so kalt war es nun auch wie­der nicht das man den Hals ex­tra schüt­zen muss­te. Be­vor sie zu ei­ner Er­klä­rung an­setz­te, zog sie den Stoff ein biss­chen auf die Sei­te und mach­te einen fri­schen Knutsch­fleck sicht­bar. Vi­vi­an ver­stand so­fort, was Sa­che war und grins­te ih­re Freun­din an.

»Da ging es wohl heiß her. Hat es ei­ner ge­schafft dich an­zu­gra­ben?«, frag­te sie neu­gie­rig.

Tia­na muss­te la­chen, »So heiß nun auch wie­der nicht, vor al­lem hat­te ich nicht wirk­lich was da­von.«

»Al­so ein Rein­fall, wie meis­tens.«

»Ich wer­de mei­nen ›Lieb­ha­ber‹ trotz­dem noch ei­ni­ge Jah­re be­hal­ten.«

Ih­re Freun­din schau­te un­gläu­big auf die Blon­di­ne, »Du willst dir ernst­haft einen Ty­pen ans Bein bin­den, der dich im Bett nicht auf Tou­ren bringt? Ist das ein Geld­sack, der nur mit ei­ner jun­gen Frau an­ge­ben will?«

Mit je­dem Wort was Vi­vi­an her­vor­brach­te wur­de Tia­nas la­chen noch brei­ter, »Der Typ ver­dient kein Geld, ich war nur ein paar mal mit ihm im Bett. Da ist al­ler­dings nichts ge­lau­fen. Er hört auf den tol­len Na­men Ty­ron und ist der 11-jäh­ri­ge Sohn mei­ner Schwes­ter, der vor­ges­tern Ge­burts­tag hat­te.«

Vi­vi­an wur­de auf der Stel­le to­ten­still. Tia­na hat­te den Knutsch­fleck von ih­rem Nef­fen be­kom­men und über­deck­te ihn ex­tra mit dem Schal da­mit man ihn nicht sah. Das war Ty­rons Art sich für sein Ge­burts­tags­ge­schenk zu be­dan­ken, was ihm sei­ne Tan­te mach­te.

»Du hast mich schon wie­der rein­ge­legt«, lach­te Vi­vi­an.

»Nein«, er­wi­der­te Tia­na, »Ich ha­be dich nur ei­ne Wei­le in dem Glau­ben ge­las­sen, dass ich mit ei­nem was am Lau­fen hät­te und du bist im­mer wei­ter dar­auf ein­ge­stie­gen. Nicht al­le Män­ner in mei­nem Le­ben wol­len mir nur ins Hö­schen. Ty­ron ist ein ganz lie­ber, nur nicht ganz so auf der Hö­he. Bei sei­ner Ge­burt hat sich die Na­bel­schnur um sei­nen Hals ge­legt, was zu ei­ner Un­ter­ver­sor­gung an Sau­er­stoff ge­führt hat. Des­halb ist er ein biss­chen ein­ge­schränkt. Ein Knutsch­fleck ist sei­ne Art sich zu be­dan­ken, weil er weiß, dass du die Spu­ren et­wa ei­ne Wo­che lang be­hältst.«

»Auch schön. Ist mal was an­de­res als ei­ne flüch­ti­ge Umar­mung.«

Nach dem The­ma Fa­mi­li­en ka­men die bei­den lang­sam zu ih­rer Ar­beit für den SNB und dem Geld was sie da­mit ver­dien­ten. Tia­na hat­te am Mor­gen noch ei­ne Nach­richt in ih­rer Post. Sie be­kam den Auf­trag ein klei­nes Päck­chen im Kas­ten ei­nes Lösch­schlauchs ab­zu­ho­len und in ei­nem Bor­dell zu hin­ter­le­gen. Was ihr Sor­gen mach­te war, dass sie an die­sem Tag ei­ne Se­mes­ter­ar­beit schrei­ben muss­te und des­halb den Ter­min nicht ein­hal­ten konn­te. Sie bat Vi­vi­an für sie ein­zu­sprin­gen. Das Geld für den Auf­trag wür­de sie selbst­ver­ständ­lich auch be­kom­men, was Vi­vi­an al­ler­dings ab­lehn­te. Tia­na hat­te ge­nug mit fi­nan­zi­el­len Pro­ble­men zu kämp­fen. Sie wür­de den Auf­trag an ih­rer Stel­le er­le­di­gen und ihr das Geld da­für über­las­sen. Durch ih­ren letz­ten Auf­trag des SNB hat­te sie noch ge­nug Ba­res, um einen wei­te­ren Mo­nat da­mit aus­zu­kom­men.

Ti, wie sie von Freun­den ge­nannt wur­de, ver­sprach das wie­der gutz­u­ma­chen und einen Auf­trag für Vi­vi­an zu er­le­di­gen, wenn sie in Schwie­rig­kei­ten steck­te. Noch im­mer wuss­ten sie nicht, wer sich ei­gent­lich hin­ter der Or­ga­ni­sa­ti­on ei­gent­lich ver­barg. Sie hat­ten schon im In­ter­net nach dem Ge­heim­dienst ge­sucht, wur­den al­ler­dings nir­gend­wo fün­dig. Vi­vi­an ver­mu­te­te et­was völ­lig Ge­hei­mes da­hin­ter. In den Ve­rei­nig­ten Staa­ten gab es hun­der­te Or­ga­ni­sa­tio­nen mit omi­nösen drei Buch­sta­ben, von de­nen man vor­her noch nie et­was ge­hört hat­te. Am be­kann­tes­ten wa­ren das FBI, CIA, NSA oder auch die DIA. Ihr Auf­trag­ge­ber SNB war auf kei­ner of­fi­zi­el­len Lis­te zu fin­den.

Die­se Or­ga­ni­sa­ti­on muss­te al­so so ge­heim sein, dass ih­re Exis­tenz an al­len Stel­len ab­ge­strit­ten wur­de. Auch de­ren Zie­le wa­ren für die bei­den jun­gen Frau­en nicht fest­stell­bar. Al­ler­dings gab es al­lei­ne in den Ve­rei­nig­ten Staa­ten so vie­le Or­ga­ni­sa­tio­nen mit drei Buch­sta­ben, von de­nen noch nie je­mand auch nur den Hauch ei­ner In­for­ma­ti­on zu hö­ren be­kam. Hol­ly­wood mach­te sich teil­wei­se auch in Fil­men dar­über lus­tig. Zum Bei­spiel er­schuf man für ei­ne gan­ze Film­rei­he die Ab­kür­zung MIB, die sich mit au­ßer­ir­di­schen Le­bens­for­men be­schäf­tig­te. Die Be­woh­ner der Staa­ten wa­ren der Mei­nung, dass ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on, die ge­schaf­fen wur­de, für ih­re Si­cher­heit sorg­te. Als her­aus­kam, dass die NSA zum Bei­spiel die gan­ze Welt ab­hör­te, be­grün­de­te man das mit der Si­cher­heit der Na­ti­on. Der Auf­schrei dar­über war in den Staa­ten deut­lich ge­rin­ger als in Eu­ro­pa. Die gan­ze Eu­ro­päi­sche Uni­on ver­ur­teil­te die Ab­hörak­ti­on sämt­li­cher Spit­zen­po­li­ti­ker der ein­zel­nen Län­der auf das Schärfs­te, sorg­te aber trotz al­lem da­für, die USA wei­ter als Freun­de zu be­trach­ten. Sämt­li­che Po­li­ti­ker ka­men nicht ein­mal auf die Idee ei­ne ge­naue Un­ter­su­chung dar­über zu ver­lan­gen.

Auch bei der Ein­rei­se in die Ve­rei­nig­ten Staa­ten gab es ei­ne deut­lich über­trie­be­ne Un­ter­su­chung. Es war bei­na­he un­mög­lich mal eben ei­ne Zwi­schen­sta­ti­on in den USA ein­zu­le­gen, oh­ne sein ge­sam­tes Le­ben of­fen­zu­le­gen. Die DHS, al­so das De­part­ment of Ho­me­land Se­cu­ri­ty, un­ter­zog je­den Be­su­cher ei­ner ge­nau­en Prü­fung. Be­vor man auch nur in ein Flug­zeug stei­gen konn­te, was auf ame­ri­ka­ni­schem Bo­den lan­den wür­de, muss­te man min­des­tens einen Mo­nat vor­her einen An­trag stel­len. Der so­ge­nann­te ESTA An­trag muss­te be­reits lan­ge vor­her aus­ge­füllt und po­si­tiv be­schie­den sein, um über­haupt in ein Flug­zeug zu kom­men. Selbst, wenn man dann auf ei­nem Flug­ha­fen lan­de­te, war es aber noch lan­ge nicht si­cher, ob man auch wirk­lich ein­rei­sen durf­te. Je­der Be­su­cher wur­de ein­zeln ge­prüft und mit ge­schick­ten Fra­gen über sei­ne An­ga­ben des An­trags zu­ge­schüt­tet. Gab es da­bei auch nur die ge­rings­te Ab­wei­chung, wur­de man nicht in das Land ge­las­sen, son­dern wie­der in ein Flug­zeug ge­setzt und zu­rück­ge­schickt. Das gan­ze Ver­fah­ren war aber nicht nur für die Ein­rei­se vor­ge­schrie­ben, son­dern, auch wenn man auf ei­nem Flug­ha­fen der Ve­rei­nig­ten Staa­ten um­stieg und das ei­gent­li­che Flug­ziel au­ßer­halb des Lan­des lag.

Vi­vi­an woll­te zu­min­dest fest­stel­len, für wen sie da ei­gent­lich Auf­trä­ge er­le­dig­te. Sie durf­te deut­lich ge­fähr­li­che­re Auf­trä­ge er­le­di­gen als ih­re Freun­din. Bei Ti wa­ren es meist nur ir­gend­wel­che Bo­ten­diens­te, wäh­rend es bei Vi­vi­an auch mal um Über­wa­chun­gen ging. Auch wenn das bis­her nur ein­mal der Fall war, aber ih­re Bo­ten­diens­te be­schränk­ten sich dar­auf, ver­schie­de­ne Fahr­zeu­ge von ei­nem Ort zum an­de­ren zu brin­gen. Bei Tia­na han­del­te es sich in den meis­ten Fäl­len nur um Bo­ten­diens­te, die zu Fuß zu er­le­di­gen wa­ren. Auch ihr neues­ter Auf­trag fiel in die­se Ka­te­go­rie. Sie soll­te ein Pa­ket aus ei­nem Bü­ro­ge­bäu­de in der In­nen­stadt ab­ho­len. Dort war es in ei­ner Schlauch­box in ei­nem obe­ren Stock­werk ver­steckt. Tia­na soll­te das Päck­chen dann durch die Stadt zu ei­nem Eta­blis­se­ment brin­gen, das Frau­en ei­gent­lich nur be­tra­ten, wenn sie in ei­nem ge­wis­sen Be­reich ar­bei­te­ten. Es soll­te in ei­nem Bor­dell auf der Toi­let­te hin­ter ei­ner Wand­flie­se ver­steckt wer­den.

Die ge­naue Adres­se be­kam sie von ih­rer Freun­din. Die An­wei­sung war klar und deut­lich for­mu­liert. Um die Wand­flie­se zu lö­sen, soll­te sie ei­ne klei­ne Na­gel­fei­le ver­wen­den, das Päck­chen ver­ste­cken und die Flie­se wie­der so an­brin­gen wie sie war. Um sie zu fin­den, gab es so­gar die ge­naue La­ge, die man ab­zäh­len konn­te. Fünf­te Rei­he von un­ten und die 18. Plat­te rechts der Tür. Vi­via­ne dach­te sich nichts da­bei. Das war ein Auf­trag, wie sie ihn für SNB schon ei­ni­ge Ma­le er­le­digt hat­te. Das war wohl die An­fän­ger­li­ga der Or­ga­ni­sa­ti­on. Ih­re Auf­trä­ge wa­ren et­was hö­her­wer­ti­ger und auch et­was bes­ser be­zahlt als die ih­rer Freun­din. Trotz­dem woll­te sie end­lich wis­sen, für wen sie da ei­gent­lich ar­bei­te­ten. Im­mer­hin war es mehr als un­ge­wöhn­lich als Pri­vat­per­son von ei­ner staat­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­on als Agent ein­ge­setzt zu wer­den, ob­wohl man sich we­der be­wor­ben hat­te, noch even­tu­el­le Vor­kennt­nis­se vor­han­den wa­ren.

Der Auf­trag, den sie für Tia­na er­le­di­gen wür­de, könn­te viel­leicht ein biss­chen Licht ins Dunkle brin­gen. Je­den­falls woll­te Vi­via­ne die­ses Mal wis­sen, was sie da für wen trans­por­tier­te. Auch Tia­na selbst woll­te ein biss­chen mehr dar­über er­fah­ren, von wem sie das Geld für ih­re ab­ge­schlos­se­nen Auf­trä­ge be­kam. Nicht das sie sich be­schwe­ren woll­ten, es war ein­fach der Wunsch nach mehr Hin­ter­grund­wis­sen über die­sen Ge­heim­dienst, für den sie ar­bei­te­ten. Wer weiß, viel­leicht könn­te man auf die­se Wei­se auch ein paar hö­her­wer­ti­ge Jobs er­gat­tern.

* * *

We­ni­ge Ki­lo­me­ter ent­fernt von den bei­den jun­gen Frau­en setz­te ei­ne Boeing 737 auf der Lan­de­bahn auf, die in Wa­shing­ton ge­st­ar­tet war. An Bord hat­ten es sich die bei­den Spe­ci­al Agen­ten, die das FBI auf den Fall des SNB an­setz­te, ge­müt­lich ge­macht. As­hleigh Spears und Cooper Knight wa­ren end­lich am Ein­satzort an­ge­kom­men. Ihr ers­ter Weg führ­te sie zu den Be­am­ten, die Ed­win Nash mit der großen Men­ge Chry­stal Meth fest­neh­men konn­ten. In ih­rem Be­richt wa­ren sie als Ser­geant Ro­ger Bar­ber und Of­fi­cer Jeffrey Hes­ter an­ge­ge­ben. Der letzt­ge­nann­te war auch der Be­am­te, der den un­glück­li­chen Ed­win Nash mit ei­ner Ku­gel durch­lö­cher­te, um sei­nen Vor­ge­setz­ten zu schüt­zen. Sie woll­ten mit den bei­den Be­am­ten ein in­for­mel­les Ge­spräch füh­ren.

Das Po­li­zei­re­vier der bei­den Be­am­ten lag et­was au­ßer­halb der In­nen­stadt und ge­hör­te zum 14. Be­zirk. Die FBI Agen­ten wur­den dort be­reits er­war­tet. Der Chief hat­te die Be­am­ten Ro­ger Bar­ber und Of­fi­cer Jeffrey Hes­ter im Bü­ro be­hal­ten seit er wuss­te das Wa­shing­ton je­mand an­wies den Fall zu un­ter­su­chen. Der Ser­geant hat­te das als Un­ter­su­chungs­haft für Po­li­zei­be­am­te ver­ur­teilt. Erst als er er­fah­ren hat­te, dass Agen­ten des FBI zu ih­nen un­ter­wegs wa­ren, ver­stand er den Sinn da­hin­ter. Sein Chief woll­te die War­te­zei­ten der Agen­ten mög­lichst kurz hal­ten, um nicht noch mehr Zeit zu ver­lie­ren. Die bei­den Po­li­zis­ten sa­ßen schon den gan­zen Tag in ih­rem Groß­raum­bü­ro und schrie­ben ei­ni­ge lie­gen­ge­blie­be­ne Be­rich­te.

As­hleigh Spears und Cooper Knight kann­ten die­se Re­vie­re aus vor­her­ge­hen­den Er­mitt­lun­gen schon zur Ge­nü­ge. Der Ge­ruch nach al­tem Pa­pier, Rei­ni­gungs­mit­tel und Kaf­fee war über die ge­sam­ten Ve­rei­nig­ten Staa­ten gleich. Spears moch­te den Ge­ruch nicht be­son­ders, aber manch­mal muss­te sie da eben durch. Ins­be­son­de­re neue Er­mitt­lun­gen be­gan­nen meist in den Re­vie­ren der nor­ma­len Po­li­zei. Man nahm die bei­den Agen­ten be­reits am Ein­gang in Empfang und brach­te sie oh­ne lan­ge Er­klä­rung in ein lee­res Bü­ro. Nur we­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter be­tra­ten die bei­den Be­am­ten den Raum und schlos­sen die Tür. Der Of­fi­cer war ex­trem ner­vös und fum­mel­te oh­ne Un­ter­lass an sei­nem Gür­tel her­um. Es war das ers­te Mal für ihn, dass er von FBI Agen­ten ver­nom­men wur­de. Sein Ser­geant hat­te das be­reits des Öf­te­ren er­lebt und war dem­nach ein al­ter Ha­se was das an­ging. Oh­ne Scheu setz­te er sich auf einen frei­en Stuhl, schlug die Bei­ne über­ein­an­der und war­te­te auf die ers­ten Fra­gen.

Spears nahm den jun­gen un­er­fah­re­nen Of­fi­cer ins Vi­sier. »Das ist hier kein Ste­him­biss. Hin­set­zen!«

Jeffrey Hes­ter war völ­lig über­for­dert mit der Si­tua­ti­on. Mit zit­tern­den Fin­gern stell­te er sich um­ständ­lich einen Stuhl zu­recht und nahm dar­auf Platz. Bar­ber in­ter­es­sier­te das Schau­spiel, das sein Kol­le­ge bot nicht. Der Be­ginn sei­ner Kar­rie­re lag schon so lan­ge zu­rück, dass er sich nicht mehr dar­an er­in­nern konn­te, wann er das ers­te Mal auf Agen­ten des FBI ge­trof­fen war. Da­mals war er eben­falls ziem­lich ner­vös ge­we­sen. In der Zwi­schen­zeit war es ihm egal. Er be­trach­te­te das FBI nicht mehr als Geg­ner, die sich in sei­ne Er­mitt­lun­gen ein­misch­ten, wenn ih­nen da­nach war. Sie wa­ren ein not­wen­di­ges Übel, wenn et­was vor­ging, was sei­ne Ge­halts­klas­se deut­lich über­stieg.

Spe­ci­al Agent Cooper Knight be­gann die An­hö­rung mit dem Ser­geant, »Ser­geant Bar­ber, wo­her wuss­ten sie von der Über­ga­be?«

Bar­ber räus­per­te sich ganz ent­spannt, »Es gab einen an­ony­men An­ruf, der uns die Über­ga­be an­ge­kün­digt hat.«

»Ha­ben sie ver­sucht, den An­ruf zu­rück­zu­ver­fol­gen?«, woll­te Spears wis­sen.

»Na­tür­lich, das pas­siert völ­lig au­to­ma­tisch. Wir konn­ten die An­rufstel­le nicht er­mit­teln. Der An­ru­fer brach­te das gan­ze Sys­tem durch­ein­an­der.«

»Gut, sie ha­ben sich auf die In­for­ma­tio­nen ver­las­sen und den Dea­ler ent­deckt. Was pas­sier­te dann?«, er­frag­te Cooper Knight.

Bar­ber mach­te es sich be­quem, »Wir wa­ren zum an­ge­ge­be­nen Zeit­punkt vor Ort und konn­ten den Ver­däch­ti­gen er­ken­nen, der sich spä­ter als Ed­win Nash her­aus­stell­te. Er ent­nahm ein großes, of­fen­sicht­lich schwe­res Pa­ket aus dem Kof­fer­raum ei­nes dunklen SUV. Als er sich aus dem Staub ma­chen woll­te ha­be ich ent­schie­den ihn zu über­prü­fen. Der an­ony­me An­ru­fer hat­te ex­akt vor­aus­ge­sagt auf wel­chen Wa­gen wir ach­ten müs­sen und was sich in dem Pa­ket be­fin­det. Er sprach von ei­ner großen Men­ge Metham­phet­amin, ge­nannt Cry­stal Meth oder auch Ice. Die spä­te­re Über­prü­fung er­gab ei­ne Ge­samt­men­ge von et­wa 18 Ki­lo­gramm, die wir si­cher­stel­len konn­ten. Da­von lie­gen 17,2 Ki­lo­gramm jetzt in der As­ser­va­ten­kam­mer und war­ten auf die Ver­nich­tung.«

»Wo sind die rest­li­chen 800 Gramm ge­lan­det?«, stell­te Spears ei­ne Zwi­schen­fra­ge.

Bar­ber blick­te sie an, »Das Pa­ket ist Ed­win Nash aus der Hand ge­fal­len und auf­ge­platzt. Der Wind hat dann das aus­ge­tre­te­ne Pul­ver über die Stra­ße ge­weht.«

»Okay, wei­ter!«, for­der­te ihn Spears auf.

»Es ka­men meh­re­re Kol­le­gen zu der Si­tua­ti­on. Der Ver­däch­ti­ge ver­such­te sich zu ent­fer­nen, wor­aus ein Hand­ge­men­ge ent­stand, in des­sen Ver­lauf mein Kol­le­ge einen Schuss ab­ge­ge­ben hat. Nash brach zu­sam­men, wur­de me­di­zi­nisch ver­sorgt und in die Kli­nik ge­bracht. Wir ha­ben dann die Be­wei­se auf­ge­nom­men und den Ort ab­ge­sperrt«, gab Bar­ber zu Pro­to­koll.

Cooper Knight mach­te sich in sei­nem No­tiz­buch ei­ni­ge Auf­zeich­nun­gen. Sei­ne Kol­le­gin lief in dem klei­nen Bü­ro auf und ab und tipp­te sich wäh­rend­des­sen mit dem Zei­ge­fin­ger ge­gen die Na­se. Nach ei­ni­gen Se­kun­den wand­te sie sich an Of­fi­cer Jeffrey Hes­ter, »Wie­so ha­ben sie auf den Ver­däch­ti­gen ge­schos­sen?«

Der jun­ge Of­fi­cer brauch­te ei­ni­ge Se­kun­den bis er ant­wor­ten konn­te. »Ich sah mei­nen Ser­geant im Hin­ter­tref­fen, des­halb ha­be ich einen Schuss auf den An­grei­fer ab­ge­ge­ben.«

»Man hat ih­nen auf der Po­li­zei­schu­le nicht bei­ge­bracht, zu­erst einen Warn­schuss in die Luft zu feu­ern?«, warf ihm Spears vor.

»Doch, na­tür­lich«, stot­ter­te Hes­ter.

Die jun­ge Agen­tin schüt­tel­te den Kopf, »Und ob­wohl man ih­nen das bei­ge­bracht hat, feu­ern sie dem ar­men Ed­win Nash oh­ne War­nung ei­ne Ku­gel in den Ma­gen. Ganz ne­ben­bei zer­fetzt das Pro­jek­til auch noch die Milz, be­vor sie ste­cken bleibt.«

Bar­ber stell­te sich vor sei­nen jun­gen Kol­le­gen. »Las­sen sie den Of­fi­cer zu­frie­den! Er hat einen Feh­ler be­gan­gen wie schon je­der von uns. Hes­ter ist jung, es war sein ers­ter ge­fähr­li­cher Ein­satz und er war ex­trem ner­vös. Da­bei ver­gisst man schon mal et­was, was man ge­lernt hat.«

»Wä­re Ed­win Nash jetzt tot, hät­te ihr Kol­le­ge jetzt noch ganz an­de­re Pro­ble­me, aber das las­sen wir jetzt mal da­hin­ge­stellt. In­ter­essan­ter ist al­ler­dings die Fra­ge, wes­halb der Dro­gen­schmug­gel in den letz­ten sechs Mo­na­ten in der Um­ge­bung von Port­land um fast 60 % an­ge­stie­gen ist«, füg­te As­hleigh Spears hin­zu.

Der Ser­geant wur­de et­was un­ge­hal­ten, »Hö­ren sie Mäd­chen, mehr als ar­bei­ten kön­nen wir nicht. Ich ver­brin­ge die meis­te Zeit mei­nes Le­bens auf der Stra­ße, um die­ses Drecks­zeug auf­zu­spü­ren und zu ver­hin­dern, dass je­der Idi­ot es an ei­ner Stra­ßen­e­cke kau­fen kann. Wir wer­den an je­der Ecke ka­putt­ge­spart, jun­ge Kol­le­gen sys­te­ma­tisch ab­ge­zo­gen und be­kom­men im­mer mehr bü­ro­kra­ti­sche Schei­ße auf­er­legt. Jetzt sol­len wir uns dann auch noch da­für recht­fer­ti­gen, warum es für die­se Ver­bre­cher ein­fa­cher ist den Müll zu ver­kau­fen. Wäh­rend sie noch in die Win­deln ge­schis­sen ha­ben, war ich be­reits auf der Stra­ße un­ter­wegs und ha­be ge­gen das Un­recht ge­kämpft. Heu­te schickt uns das FBI ei­ne Agen­tin, die sich nicht mal al­lei­ne an­zie­hen kann, de­ren ein­zi­ge In­ten­ti­on zu sein scheint uns zu be­leh­ren, was wir bes­ser ma­chen soll­ten!«

Cooper un­ter­brach ihn, »Wir sind nicht hier, um sie un­ter Druck zu set­zen, son­dern sol­len die­sen Fall auf­klä­ren, um ih­nen zu hel­fen. Der­zeit ver­su­chen wir nur zu er­fah­ren, was da­zu ge­führt ha­ben könn­te. Die Ver­wal­tung liegt nicht in un­se­rer Hand und auch wir ha­ben da­mit im­mer öf­ter Pro­ble­me. Vi­el­leicht gibt es je­man­den, den sie im Ver­dacht ha­ben.«

»Ver­däch­ti­ge?«, frag­te Bar­ber. »Wie vie­le wol­len sie denn spre­chen?«

»So vie­le wie nö­tig sind, um ei­ne Spur zu fin­den! Sie ken­nen ih­re Pap­pen­hei­mer hier in Port­land. Wer sitzt da ganz dick im Ge­schäft?«

Ser­geant Bar­ber muss­te nicht lan­ge über­le­gen. In sei­ner Stadt gab es nur gan­ze zwei, die mit der­lei Ge­schäf­ten ihr Geld ver­dien­ten, aber so gut wie nie öf­fent­lich be­kannt wur­den. »Es gibt zwei Leu­te, die den Dro­gen­han­del in Port­land kon­trol­lie­ren. Im Wes­ten ist das Ar­thur An­tu­nes und im Os­ten Ky­lie Richard­son. Den bei­den wer­den sie al­ler­dings nicht das ge­rings­te nach­wei­sen kön­nen. Die ha­ben sich so ab­ge­si­chert, dass sie nie auch nur im Ent­fern­tes­ten mit Ge­schäf­ten die­ser Art in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den.«

Cooper Knight fing an zu grin­sen, »Wir wer­den den Herr­schaf­ten mal einen Be­such ab­stat­ten. Es wä­re hilf­reich, wenn ih­re Trup­pe mal die be­kann­ten Dea­ler für ei­ni­ge Näch­te auf Staats­kos­ten un­ter­brin­gen wür­de. Wenn die Ge­schäf­te nicht mehr lau­fen, wer­den die nor­ma­ler­wei­se ner­vös und be­ge­hen Feh­ler.«

Der Lei­ter der Dro­gen­kom­mis­si­on war da­mit ein­ver­stan­den und ver­sprach sich, die nächs­ten paar Ta­ge die größ­ten Dea­ler der bei­den mit al­len ver­füg­ba­ren Mit­teln zu ja­gen. Zu­min­dest wür­de er ih­nen kurz­zei­tig die Zel­len von in­nen zei­gen. Es war kein großes Ge­heim­nis, dass sie nicht lan­ge dar­in aus­har­ren müss­ten. Wann im­mer man sie auf­griff, hat­ten sie ent­we­der gar kei­nen Stoff da­bei, oder Kleinst­men­gen, die ge­ra­de mal ei­ne Haft­zeit von zwei oder drei Ta­gen recht­fer­tig­ten.

5. Kapitel
Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV)

Der Las Ve­gas Bou­le­vard er­wach­te lang­sam aus sei­ner durch künst­li­ches Licht er­hell­te Dun­kel­heit. Vor ei­ner Fi­lia­le ei­nes großen Bur­ger­bra­ters ge­gen­über dem Man­dalay Bay stand Evan Watts in der auf­ge­hen­den Son­ne. Nur lang­sam er­wärm­te sich die Stadt. Im April lag die Nacht­tem­pe­ra­tur noch bei lau­si­gen acht Grad. Im Lauf des Ta­ges stie­gen sie erst lang­sam auf an­ge­neh­me Wer­te deut­lich über 20 Grad. Watts war schon mit­ten in der Nacht aus sei­nem Bett ge­stie­gen, um den Ter­min nicht zu ver­pas­sen. Er hat­te erst vor kur­z­em ein Pa­ket über­nom­men und es au­ßer­halb der Stadt im tro­ckenen Wüs­ten­sand ver­bor­gen. Heu­te soll­te er es end­lich wie­der los­wer­den.

Es ent­hielt ge­nug Stoff für et­wa ei­ne Wo­che. Die Ge­schäf­te im Ver­gnü­gungs­park Las Ve­gas lie­fen noch nicht be­son­ders. Die Ver­kaufs­zah­len stie­gen erst lang­sam, nach­dem sie im De­zem­ber be­gon­nen hat­ten, in das große Ge­schäft ein­zu­stei­gen. Man muss­te in der Stadt sehr vor­sich­tig sein, denn die Po­li­zei trieb über­all ihr Un­we­sen. Ei­nen Ein­stieg zu fin­den war schon schwer ge­nug und man durf­te hier nie­man­dem ver­trau­en. Hil­f­reich wa­ren die Kon­tak­te zu Pro­sti­tu­ier­ten, die in der Wüs­te ih­rer Ar­beit nur mit er­heb­li­chen Schwie­rig­kei­ten nach­ge­hen konn­ten. Of­fi­zi­ell war es aus­ge­rech­net in Las Ve­gas ver­bo­ten, die­se Diens­te an­zu­bie­ten. Tou­ris­ten die kei­ne Ah­nung hat­ten das die Pro­sti­tu­ti­on hier il­le­gal war ge­rie­ten ger­ne in ei­ne Fal­le, den schon die An­stif­tung und Verab­re­dung war ver­bo­ten. Jun­ge Po­li­zis­tin­nen nutz­ten die­sen Um­stand und spra­chen Män­ner in Ca­si­nos an. Wenn die­se dann mit der Be­am­tin auf das Ho­tel­zim­mer ver­schwin­den woll­ten, klick­ten die Hand­schel­len.

Trotz­dem war die­ser Weg we­ni­ger Ri­si­ko­reich für Dro­gendea­ler ih­ren Stoff un­ter die Be­völ­ke­rung zu brin­gen. Die Da­men des ho­ri­zon­ta­len Ge­wer­bes kann­ten ih­re Stamm­kun­den und wuss­ten, wer da­von in­fra­ge kam. An die ver­kauf­ten sie dann ih­ren Be­stand bis ei­ne wei­te­re Lie­fe­rung an­kam. Die Be­schaf­fungs­we­ge mit den Dro­gen­lie­fe­run­gen be­rei­te­te ih­nen im­mer noch Schwie­rig­kei­ten. Der Stoff kam über den Ha­fen von Se­att­le ins Land und wur­den dann über den Um­weg Port­land bis nach Las Ve­gas ver­teilt. Die Lie­fe­run­gen wa­ren noch viel zu klein und die Nach­fra­ge über­stieg lang­sam das, was sie ge­lie­fert be­ka­men. Die­se Wo­che wa­ren es nur knapp zwei Ki­lo­gramm, die aus Port­land ge­lie­fert wur­den. Das reich­te ein­fach nicht, um ge­nug Geld zu ver­die­nen.

Evan Watts war da­für zu­stän­dig, die Lie­fe­run­gen in der Wüs­te ab­zu­ho­len und sein Part­ner, auf den er hier war­te­te, ver­teil­te die Wa­re dann an die Aus­ga­be­stel­len. Das wa­ren aus­ge­such­te Da­men aus dem ho­ri­zon­ta­len Ge­wer­be, die dann die Wa­re un­ter ih­ren Kun­den ver­teil­ten. Erst kurz vor der ver­ab­re­de­ten Zeit er­schi­en Roy Ca­b­re­ra auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te. Er schi­en ex­trem ner­vös zu sein. Al­le paar Au­gen­bli­cke schau­te er sich um, ob ihn je­mand ver­folg­te. Roy hat­te sich als Tou­rist ge­tarnt. Um sei­nen Hals bau­mel­te ei­ne große Di­gi­tal­ka­me­ra und in der Hand hielt er einen klei­nen Stra­ßen­plan. Auf der Stirn des Mitt­drei­ßi­gers zeig­ten sich di­cke Schweiß­per­len. Trotz der re­la­tiv küh­len Luft an die­sem Mor­gen war ihm auf­grund der Auf­re­gung viel zu warm.

Roy Ca­b­re­ra war ein ehe­ma­li­ges Ban­den­mit­glied im Groß­raum von Las Ve­gas. Er war ei­ne klei­ne Num­mer im Un­ter­grund der Stadt, der es nie bis nach oben schaff­te. Als das FBI das Räu­ber­nest aus­räu­cher­te, konn­te Ca­b­re­ra über die Gren­ze nach Ti­jua­na in Me­xi­ko flüch­ten. Dort ver­kroch er sich bei ei­nem Dro­gen­kar­tell bis er nach Las Ve­gas zu­rück­keh­ren konn­te. In Me­xi­ko such­ten ihn die Be­hör­den we­gen mehr­fa­chen Mor­des. Seit­dem leb­te er ver­steckt im Groß­raum von Las Ve­gas. Er wur­de vom ge­mein­sa­men Chef an­ge­wor­ben sein Pro­jekt zu un­ter­stüt­zen. Ca­b­re­ra ver­ließ das Haus nie un­be­waff­net. Auch heu­te hat­te er ir­gend­wo am Kör­per min­des­tens ei­ne Faust­feu­er­waf­fe ver­steckt.

Evan Watts gab ihm das Zei­chen, dass al­les okay war und zün­de­te sich ei­ne Zi­ga­ret­te an. Dann setz­te er sich auf ei­ne vor dem Re­stau­rant be­find­li­che Bank und streck­te die Bei­ne in die ers­ten Son­nen­strah­len. Ca­b­re­ra über­quer­te die noch nicht so dicht be­fah­re­ne Stra­ße und ging auf den La­den zu. Auch er zün­de­te sich ei­ne Zi­ga­ret­te an und setz­te sich ne­ben den war­ten­den Evan Watts. Die Über­ga­be klapp­te pro­blem­los. Roy nahm die Ka­me­ra vom Hals und öff­ne­te das Ob­jek­tiv. Es war nur ei­ne At­trap­pe und bein­hal­te­te das zu ei­nem Bün­del ge­roll­te Geld. Er übergab es an Watts, der sei­ner­seits ein in dickes Plas­tik­fo­lie ver­pack­ten Um­schlag aus sei­nem Ho­sen­bund zog und es vor­sich­tig zu Ca­be­ra schob. Dann stand er auf, trat sei­ne Kip­pe auf dem Bo­den aus und mach­te sich auf den Weg. Roy blieb al­lei­ne zu­rück. Mit flin­ken Fin­gern ver­steck­te er den di­cken Um­schlag un­ter sei­nem Hemd und mach­te sich wie­der auf den Weg.

Sei­nen Wa­gen hat­te er we­ni­ge Ecken wei­ter in ei­ner Sei­ten­stra­ße ab­ge­stellt. Im­mer wie­der schau­te er sich ner­vös um, ob ihn je­mand be­ob­ach­te­te. Er schalt sich selbst so ner­vös zu sein. In sei­ner Kar­rie­re hat­te er schon hun­der­te Über­ga­ben ab­ge­wi­ckelt, trotz­dem war er im­mer noch ex­trem ner­vös und auf­ge­regt. Mehr­fach hat­te man ihn schon da­bei ob­ser­viert und Zu­grif­fe ge­plant, aber er war ih­nen im­mer ent­wischt. An die­sem Mor­gen lief al­les glatt und nie­mand wur­de auf ihn auf­merk­sam. Roy star­te­te den Mo­tor sei­nes Wa­gens und fä­del­te sich in den Ver­kehr ein. Er folg­te dem Las Ve­gas Strip in Rich­tung Flug­ha­fen. Am be­leuch­te­ten Orts­schild stand schon um die­se Uhr­zeit ei­ne große Men­ge Tou­ris­ten. Je­der Be­su­cher woll­te sich das sim­ple Schild ein­mal an­se­hen.

Das Wel­co­me to Fa­bu­lous Las Ve­gas Schild ist ein von Leucht­röh­ren be­leuch­te­tes Schild auf dem Mit­tel­strei­fen des Las Ve­gas Bou­le­vard. Seit 1959 be­grüß­te es Be­su­cher von Las Ve­gas schon auf der Ver­gnü­gungs­mei­le mit­ten in der Wüs­te Ne­va­das. Nach­dem Roy das Schild hin­ter sich ge­las­sen hat­te, bog er nach rechts auf einen Feld­weg ab. Dort hielt er an, stopp­te den Mo­tor und zog das über­nom­me­ne Päck­chen aus sei­nem Ho­sen­bund. Es war nicht schwer, das merk­te er so­fort als er es in der Hand hat­te. Schon seit Mo­na­ten muss­te er klei­ne­re Men­gen un­ter sei­nen An­ge­stell­ten so auf­tei­len, dass je­der et­was da­von be­kam. Roy woll­te sich dar­über be­schwe­ren, weil im­mer we­ni­ger an­kam, aber er kann­te die Lie­fer­ket­te nicht. Al­le sei­ne Lie­fe­run­gen stamm­ten aus Se­att­le. Wie sie dann aber den Weg nach Port­land fan­den, wuss­te er nicht. Nur ei­ne Kon­takt­mög­lich­keit hat­te er be­kom­men.

Er soll­te, wenn es Pro­ble­me gab, ei­ne Nach­richt in ei­nem Forum schrei­ben und dann auf einen An­ruf war­ten. Der An­ruf kam in­ner­halb von ei­ni­gen Stun­den auf sein Han­dy. Der An­ru­fer ließ aber sei­ne Stim­me elek­tro­nisch ver­zer­ren und die wich­tigs­te Re­gel lau­te­te: ›Kei­ne Na­men!‹.

Die Lie­fe­rung war viel zu we­nig. Die Nach­fra­ge über­stieg das An­ge­bot mitt­ler­wei­le bei wei­tem und er brauch­te drin­gend mehr Stoff, um al­le Kun­den da­mit zu ver­sor­gen. Das durf­te so nicht blei­ben, das wuss­te Roy. Ent­we­der be­kam er ei­ne auf den De­ckel, weil die Ein­nah­men viel zu ge­ring wa­ren, oder die Kun­den be­sorg­ten sich ih­ren Stoff bei den hun­der­ten an­de­ren Dea­lern, de­ren Ver­sor­gungs­we­ge nicht über tau­sen­de Ecken ver­lie­fen. Er streck­te die er­hal­te­ne Men­ge zwar, war al­ler­dings nicht be­reit von sei­nem Ver­dienst et­was ab­zu­ge­ben. Roy nahm sein Han­dy zur Hand und wähl­te sich in das Forum ein. Dort hin­ter­ließ er ei­ne kur­ze Nach­richt. Wäh­rend er auf den An­ruf war­te­te, mach­te er sich auf den Weg zu sei­nem Un­ter­schlupf zwei Au­to­stun­den von der Stadt ent­fernt.

Ge­wis­sen­haft über­prüf­te er, ob ihm auch nie­mand ge­folgt war. Erst als er sich ganz si­cher war, steu­er­te er sein Do­mi­zil an. Es lag mit­ten in der Wüs­te, weit ab von jeg­li­cher Zi­vi­li­sa­ti­on und war na­he­zu per­fekt ge­tarnt. Die Hüt­te be­saß nur einen ge­mau­er­ten Ein­gang aus hel­lem Kalksand­stein und un­ter­schied sich farb­lich nicht von dem Sand, der ihn um­gab. Strom be­zog er über ein klei­nes So­lar­pa­neel. Das Haupt­pro­blem war Was­ser hier drau­ßen. Zu sei­nem Schutz hat­te er hun­der­te Li­ter Was­ser in Ka­nis­tern her­ge­bracht und la­ger­te sie un­ter­ir­disch. Da­ne­ben la­gen vie­le Über­le­bens­ra­tio­nen, wie sie von den Streit­kräf­ten ver­wen­det wur­den. Er konn­te es hier gut und ger­ne ei­ni­ge Wo­chen aus­hal­ten.

Das Death Val­ley war da­für her­vor­ra­gend ge­eig­net. Über tau­sen­de Ki­lo­me­ter be­kam man kei­ne Men­schen­see­le zu se­hen, das Han­dy­netz hier drau­ßen war groß­flä­chig gar nicht vor­han­den und ei­ne Pan­ne mit dem Wa­gen war töd­lich. Wer nicht un­be­dingt muss­te, ver­mied es sich hier drau­ßen in der töd­li­chen Son­ne auf­zu­hal­ten. Roy hat­te hier sein La­ger un­ter­ge­bracht. Hier war nicht nur er un­auf­find­bar, son­dern auch die ge­lie­fer­ten Dro­gen wa­ren hier si­cher.

Roy nahm sich sei­ne klei­ne Waa­ge zur Hand und setz­te sich an den al­ten ab­ge­wetz­ten Tisch. Er ent­fern­te die Fo­lie in dem der Stoff ver­packt war und leg­te den In­halt auf die Waag­scha­le. Die An­zei­ge gab an, dass er ex­akt zwei Ki­lo er­hal­ten hat­te. Kein Gramm mehr. Das wa­ren ziem­lich ge­nau 571 Päck­chen zu je 3,5 Gramm. Aber Roy war ein al­ter Ha­se im Ge­schäft. Cry­stal Meth konn­te man mit MDM Kris­tal­len, ein Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel wun­der­bar stre­cken. So wur­den aus den je­weils 3,5 Gramm schwe­ren Tüt­chen ins­ge­samt 28 Gramm. Wo­zu soll­te man auch leer aus­ge­hen, wenn man schon das Ri­si­ko trug und die Kon­su­men­ten merk­ten da­von so­wie­so nichts! Sein Vor­rat an MDM Kris­tal­len war al­ler­dings so gut wie auf­ge­braucht. Be­vor er aber wie­der in die Stadt fuhr, ver­brauch­te er den Rest was er noch hat­te. Das ge­streck­te Zeug ver­steck­te er im Re­ser­ve­rad sei­nes Wa­gens. Ei­ner kur­z­en Kon­trol­le durch die Po­li­zei wür­de das Ver­steck stand­hal­ten. Das muss­te ge­nü­gen bis er die Dro­gen ver­teilt hat­te.

Die zwei Stun­den, die er vom Death Val­ley bis Las Ve­gas brauch­te, ver­gin­gen wie im Flug. Sei­ne ers­te An­lauf­stel­le war ei­ne al­te Be­kann­te, die sich selbst als die Nut­ten­kö­ni­gin von Las Ve­gas be­zeich­ne­te. Al­ler­dings war sie be­reits viel zu alt, um vie­le Kun­den zu be­die­nen. Des­halb be­trieb sie nur noch ei­ne Zen­tra­le und bot Pro­sti­tu­ier­ten einen si­che­ren Ar­beits­platz. Es war zwar in der Stadt ver­bo­ten, aber das führ­te auch nur da­zu sich selbst im Un­ter­grund auf­zu­hal­ten. Das äl­tes­te Ge­wer­be der Welt fand grund­sätz­lich im­mer einen Weg, auch wenn die Po­li­tik das ver­such­te zu ver­mei­den. Gut be­tuch­te Kun­den hat­ten al­le ih­re Te­le­fon­num­mer, um sich so für ein paar Stun­den ei­ne jun­ge Da­me zu mie­ten. Of­fi­zi­ell ar­bei­te­ten sie als Ser­vice­kräf­te mit ei­ni­gen spe­zi­el­len Auf­ga­ben. Es war nichts an­de­res als Pro­sti­tu­ti­on und das wuss­ten auch die Staats­be­diens­te­ten, konn­ten aber nicht da­ge­gen vor­ge­hen.

Sie war ei­ne wich­ti­ge Kun­din für ihn, die ih­ren Ser­vice­kräf­ten im­mer wie­der auf Ver­kaufstour schick­te. Pro Wo­che konn­te er dort schon ge­nug Geld ver­die­nen, um sei­ne Lie­fe­run­gen zu be­zah­len. Ihr Bü­ro lag in ei­nem nicht be­son­ders dicht be­sie­del­ten Ge­biet der Stadt. So­gar die Po­li­zei hat­te kein be­son­de­res In­ter­es­se dar­an dort ih­re Zeit zu ver­geu­den. Für Roy war das Ab­lie­fern dort re­la­tiv un­ge­fähr­lich. Sei­ne nächs­ten Ver­tei­ler muss­ten noch auf ih­re Lie­fe­run­gen war­ten. Ka­hi­na, wie sich nann­te, über­nahm einen Groß­teil sei­ner ge­sam­ten Lie­fe­rung. Das, was er ihr heu­te brach­te, war zu we­nig, aber Roy bat sie um et­was Ge­duld. Er mach­te da­für Lie­fer­pro­ble­me ver­ant­wort­lich. Glück­li­cher­wei­se lag di­rekt in der Nä­he ein Su­per­markt in dem er sich MDM Kris­tal­le be­sorg­te um den Rest sei­ner Lie­fe­rung im Death Val­ley stre­cken zu kön­nen.

Roy plan­te di­rekt am nächs­ten Mor­gen er­neut die zwei Stun­den Fahrt in Kauf zu neh­men und den Rest auf­zu­be­rei­ten. Ka­hi­na war zu­min­dest mal für un­ge­fähr drei Wo­chen ver­sorgt, was ihm ein biss­chen den Druck nahm. Al­ler­dings muss­te die nächs­te Lie­fe­rung aus Port­land deut­lich hö­her aus­fal­len. Als er das Bü­ro der Zu­häl­te­rin ver­ließ, klin­gel­te auch schon sein Mo­bil­te­le­fon. Die elek­tro­nisch ver­zerr­te Stim­me war ihm schon im­mer un­an­ge­nehm. Heu­te muss­te er aber trotz­dem mit ihr Vor­lieb neh­men, um sei­ne Lie­fe­run­gen zu er­hö­hen.

»Was gibts?«, frag­te die tie­fe Stim­me.

»Die Lie­fe­run­gen dau­ern ent­we­der zu lan­ge oder der Um­fang ist zu ge­ring. Der Be­darf ist viel hö­her als ich de­cken kann.«

»Das ist uns be­kannt«, be­kam er als Ant­wort. »Die Lö­sung des Pro­blems ist be­reits in Ar­beit, dau­ert aber noch ein paar Ta­ge. Wir mel­den uns, wenn die Lie­fer­men­ge er­höht wer­den kann!« Dann war die Lei­tung tot.

»Blö­der Arsch«, mur­mel­te Roy vor sich her, als er das Te­le­fon wie­der weg­steck­te.

An­statt ei­ne Lö­sung zu be­kom­men, hielt man ihn wei­ter nur mit bil­li­gen Ver­spre­chen hin. Er hat­te das lang­sam satt. Der Markt in Las Ve­gas war ge­öff­net und er konn­te im großen Stil ver­kau­fen, be­kam aber gar nicht die Men­ge an Stoff, die er brauch­te. Durch sein Stre­cken des Stoffs ge­ne­rier­te er zwar hö­he­re Ein­nah­men, trotz­dem war es ihm noch viel zu we­nig. Die gan­zen Jah­re in der Ver­sen­kung soll­ten jetzt end­lich ein En­de fin­den und ihn als rei­chen Mann her­vor­brin­gen. Man hielt ihn aber über die Ent­fer­nung künst­lich klein. Das war ein­fach nicht mehr zu recht­fer­ti­gen. Roy brauch­te ei­ne an­de­re Lö­sung.

Noch am sel­ben Abend in sei­ner klei­nen Woh­nung in Las Ve­gas, ab­seits des großen Strips, leg­te er sich ei­ne Stra­te­gie zu­recht. Er hat­te im­mer noch Kon­tak­te in die Sze­ne von frü­her und mit ei­nem klei­nen An­ge­bot könn­te er viel­leicht sei­ne Lie­fe­run­gen deut­lich er­hö­hen. Falls es die Lie­fer­men­ge nicht nach oben brach­te, wä­re aber viel­leicht ei­ne Er­wei­te­rung sei­nes Sor­ti­ments mög­lich. Es war be­reits mit­ten in der Nacht als er sei­nen al­ten Kol­le­gen an­rief. Die bei­den Män­ner kann­ten sich noch von sei­nen An­fangs­zei­ten in dem Ge­schäft. Sein Le­ben war fast ge­nau­so wie Roys ver­lau­fen. Bei­de wa­ren sie da­mals auf­ge­flo­gen und muss­ten sich aus dem Staub ma­chen. Wäh­rend Roy nach Me­xi­ko flüch­te­te, be­stieg sein Kum­pel ein Boot in San Die­go und ließ sich nach Ka­na­da brin­gen. Quel­len hat­ten bei­de ge­nug.

»Roy, du al­ter Tau­ge­nichts. Lebst du noch?«, frag­te er am Te­le­fon.

»Wie du hörst, at­me ich noch Paul. Sprach­an­ru­fe aus dem Jen­seits sind mei­nes Wis­sens nach nicht mög­lich.«

»Wie war das Le­ben zu dir, al­ter Freund?«

»Es hät­te lie­ber sein kön­nen, aber es wird lang­sam bes­ser. Hör mal Paul, ich ha­be ein großes Pro­blem mit mei­nen Lie­fe­ran­ten, hät­test du je­man­den an der Hand, der mir zu­sätz­lich mehr lie­fern kann?«, frag­te er frei her­aus.

»So ken­ne ich dich Roy, im­mer gleich auf den Punkt kom­men. Die ers­te Fra­ge ist aber, wo du dich ei­gent­lich her­um­treibst.«

Roy husch­te ein schwa­ches Lä­cheln über die Lip­pen, »Ame­ri­kas Spiel­platz.«

Die­se zwei Wor­te reich­ten aus, um je­dem klarzu­ma­chen, wo man sich ge­ra­de auf­hielt. Die Stadt in der Wüs­te Ne­va­das be­durf­te kei­ner wei­te­ren Er­klä­rung und sie wur­de so­fort ver­stan­den.

Paul pfiff durch die Zäh­ne, »Bist du in die Ober­li­ga auf­ge­stie­gen?«

»Nur Orts tech­nisch«, gab Roy et­was ge­knickt zu. »Mei­ne Lie­fe­ran­ten spie­len aber im­mer noch in der Ama­teur­li­ga und so wie es aus­sieht än­dern sie das die nächs­ten 200 Jah­re auch nicht. Ich brau­che meh­re­re Lie­fe­ran­ten, die ge­nug Ka­pa­zi­tä­ten auf­brin­gen kön­nen!«

Paul at­me­te hör­bar tief durch, »Was brauchst du Roy?«

»Ice, Snow am bes­ten al­les was geht!«

»Ich wer­de se­hen, was ich tun kann, Roy, aber das dau­ert ein paar Ta­ge.«

Die bei­den be­en­de­ten das Ge­spräch. Roy hat­te ein gu­tes Ge­fühl. Auf Paul hat­te er sich schon im­mer ver­las­sen kön­nen und das wür­de sich auch die­ses Mal nicht än­dern. Nun muss­te er nur noch war­ten bis sich sein Kol­le­ge mit neu­en Lie­fe­ran­ten bei ihm mel­det. Am nächs­ten Mor­gen mach­te er sich auf den Weg, die MDM Kris­tal­le zu kau­fen und dann in sei­nem Ver­steck den Rest der Lie­fe­rung zu stre­cken. Er brauch­te noch viel mehr Dro­gen, um rich­tig in den Ver­kauf ein­stei­gen zu kön­nen. Lei­der dau­er­te das noch lan­ge ge­nug. Selbst wenn Paul sei­ne Lie­fe­ran­ten an­ge­fragt hat­te, dau­er­te es noch ei­ne gan­ze Wei­le bis die Lie­fe­run­gen bei ihm an­kom­men wür­den. Dann könn­te Roy end­lich an­fan­gen rich­tig zu ver­kau­fen.

6. Kapitel
Vereinigte Staaten, Portland (OR)

Schon seit Stun­den ob­ser­vier­te Vi­vi­an Bur­ge­ss nun schon das Hoch­haus im Her­zen von Port­land. Das Pa­ket soll­te erst im Lau­fe des Ta­ges ge­lie­fert wer­den, hat­te sie von ih­rer Freun­din Tia­na er­fah­ren. So­eben saß sie im Au­ßen­be­reich ei­nes klei­nen Re­stau­rants und ge­noss Tag­lia­tel­le in ei­ner herr­li­chen Weiß­wein­sau­ce. Sie kann­te das Lo­kal noch nicht, fühl­te sich von der Spei­se­kar­te auch nicht be­son­ders an­ge­lockt, aber es war der ein­zi­ge Stand­ort, von dem aus sie un­ge­fähr­det den Ein­gang des ge­gen­über­lie­gen­den Hoch­hau­ses über­wa­chen konn­te. Im­mer, wenn sie dach­te, ihr Päck­chen wür­de end­lich ge­lie­fert wer­den, stell­te sich der po­ten­zi­el­le Agent als Ge­schäfts­mann her­aus, der einen Ter­min wahr­nahm.

Den letz­ten Bis­sen ih­rer Mahl­zeit spül­te sie mit ei­nem Glas fri­sches Quell­was­sers hin­un­ter. Gera­de in die­sem Mo­ment sah sie einen Mann in zer­schlis­se­nen Kla­mot­ten das Hoch­haus be­tre­ten. Sein An­zug schi­en schon vie­le Jah­re in ei­nem Schrank ge­la­gert wor­den zu sein. Die Mot­ten hat­ten ei­ni­ge Lö­cher in dem Stoff hin­ter­las­sen, die not­dürf­tig mit ei­ni­gen Fli­cken ka­schiert wur­den. Der Trä­ger war ein äl­te­rer Mann, der sei­ne bes­ten Zei­ten schon lan­ge hin­ter sich ha­ben muss­te. Sei­ne Be­we­gun­gen zeug­ten von schmer­zen­den Bei­nen und er ging et­was ge­beugt. Vi­vi­an hat­te das Ge­fühl die­sen Mann be­reits schon ein­mal ge­se­hen zu ha­ben. Sie konn­te sich al­ler­dings nicht er­in­nern, wo das ge­we­sen sein könn­te.

Der et­was äl­te­re be­trat das Ver­wal­tungs­ge­bäu­de, hielt sich aber nicht am Empfang auf, son­dern steu­er­te di­rekt auf den Auf­zug zu. Ent­we­der kann­te sich der al­te Mann hier aus, oder es war ihr Ku­ri­er, dach­te sich Vi­vi­an. Sie muss­te ihm fol­gen, um ih­re ei­ge­nen Er­mitt­lun­gen am Le­ben zu er­hal­ten. Al­ler­dings zwei­fel­te sie ernst­haft dar­an, dass die­ser Mann im Dienst von SNB stand. Sei­ne Tar­nung mit dem al­ten schlech­ten An­zug und so un­vor­sich­tig wie er zu Wer­ke ging konn­te er ei­gent­lich kein Agent sein. Trotz­dem lag es jetzt an ihr, die­sem Ge­heim­dienst auf die Spur zu kom­men. Vi­vi­an be­zahl­te ihr Es­sen beim Kell­ner und war­te­te an der nächs­ten Stra­ßen­e­cke auf den Be­su­cher.

Kurz dar­auf kam der Mann mit dem zer­schlis­se­nen An­zug wie­der aus dem Ver­wal­tungs­ge­bäu­de und trat in die Früh­lings­son­ne in Port­land. Vi­vi­an be­ob­ach­te­te ihn aus si­che­rer Ent­fer­nung. Als er sei­nen Weg an­trat, blieb sie hin­ter ihm und folg­te ihm ver­steckt durch die be­leb­te Groß­stadt. Sein Weg führ­te durch die en­gen Stra­ßen­schluch­ten bis zu ei­ner Bus­hal­te­stel­le. Vi­vi­an hat­te nicht da­mit ge­rech­net, dass ein Agent mit dem Bus fah­ren wür­de. Sie brauch­te auf die schnel­le ei­ne Idee, wie sie mög­lichst un­er­kannt an ihm dran­blei­ben konn­te. Sie ent­schied sich in die Of­fen­si­ve zu ge­hen und et­was ab­seits von ihm auf den Bus zu war­ten. Wäh­rend er völ­lig ru­hig und ge­las­sen vor dem Häu­schen der Hal­te­stel­le stand, pirsch­te sie sich et­was ab­seits von hin­ten an das Häu­schen her­an und war­te­te. Sie ließ den al­ten Mann nicht aus den Au­gen.

Sein Pro­fil glit­zer­te in der noch schwa­chen Son­ne. Das Ge­sicht war mit tie­fen Fal­ten durch­zo­gen und die grau­en Haa­re hat­ten sich wie zu ei­nem Hei­li­gen­schein um sei­nen an­sons­ten un­be­haar­ten Kopf zu­rück­ge­zo­gen. Er trug ei­ne di­cke Horn­bril­le auf der Na­se. Vi­vi­an konn­te er­ken­nen, dass er oh­ne sein Na­sen­fahr­rad so gut wie nichts mehr er­ken­nen konn­te. Das mach­te ihr Hoff­nung un­er­kannt zu blei­ben, wenn sie ihm folg­te. Als der Bus an­kam, zog er sein Ticket aus der Ta­sche und war­te­te dar­auf, dass der Fah­rer die Tü­ren öff­ne­te. Ne­ben ihm stan­den noch ei­ni­ge wei­te­re Fahr­gäs­te. Vi­vi­an be­weg­te sich eben­falls in die War­te­schlan­ge zum Ein­stei­gen, blieb aber au­ßer­halb sei­nes Sicht­felds. In den Fil­men sah das im­mer leich­ter aus, je­man­dem un­er­kannt zu fol­gen.

Mit ei­ni­ger An­stren­gung und ei­nem lei­sen Stöh­nen er­klomm der Mann die Ein­stiegs­stu­fe des Bus­ses. Un­be­darft zeig­te er dem Chauf­feur sein Ticket und warf einen Blick in den Fahr­gas­traum. Nur ei­ni­ge Fahr­gäs­te sa­ßen auf den dun­kel­grau­en plas­ti­k­über­zo­ge­nen Sit­zen. Im hin­te­ren Be­reich sa­ßen ei­ni­ge Schü­ler, die sich vor ei­nem jun­gen Mäd­chen be­tont cool ga­ben. Der ganz nor­ma­le Wahn­sinn wie in je­dem Bus. Als Vi­vi­an an der Rei­he war, zog sie ihr Por­te­mon­naie aus ih­rer klei­nen Hand­ta­sche und kauf­te sich ei­ne Fahr­kar­te bis zur End­sta­ti­on. Da sie nicht wuss­te, wann ih­re Ziel­per­son den Bus wie­der ver­ließ, woll­te sie auf der si­che­ren Sei­te sein.

Sie durch­quer­te den Mit­tel­gang und be­weg­te sich selbst­be­wusst an ih­rer Ziel­per­son vor­bei wei­ter nach hin­ten. Sei­nen Sitz hat­te er im vor­de­ren Teil des Fahr­zeugs ge­fun­den. Sie setz­te sich et­was wei­ter hin­ten in das Fahr­zeug auf einen frei­en Sitz auf der glei­chen Sei­te. Um sie zu ent­de­cken, müss­te er schon den Kopf um hun­dert­acht­zig Grad dre­hen. Vi­vi­an ver­such­te sich ih­re Ner­vo­si­tät nicht an­mer­ken zu las­sen, aber das Ad­rena­lin pump­te in großen Men­gen durch ih­re Blut­bahn. Wenn der al­te Mann sie ent­de­cken wür­de, müss­te sie wie­der ei­ni­ges er­klä­ren. Al­ler­dings schi­en der po­ten­zi­el­le Agent nicht wei­ter auf sei­ne Mit­fah­rer zu ach­ten. Vi­vi­an er­fuhr wäh­rend­des­sen ei­ni­ge Be­ach­tung durch die jün­ge­ren Fahr­gäs­te im hin­te­ren Teil. Das jun­ge Mäd­chen hat­te sich Kopf­hö­rer auf­ge­setzt und ach­te­te nicht wei­ter auf die Sprü­che der Gleich­alt­ri­gen. Die­se hat­ten sich jetzt Vi­vi­an aus­ge­sucht, um ih­re Ver­su­che an­zu­brin­gen.

Es dau­er­te nur ei­ni­ge Se­kun­den bis ei­ner der Te­stos­te­ron­ge­steu­er­ten Jüng­lin­gen mit tau­sen­den Pi­ckeln an­fing sie zu be­zir­zen. Vi­vi­an woll­te ihn, oh­ne großes Auf­se­hen, wie­der los­wer­den, um ih­re Ziel­per­son nicht auf sie auf­merk­sam zu ma­chen. Sie ent­schied sich für einen be­son­de­ren Auf­tritt dem jun­gen Ge­gen­über. Sie be­dach­te ihn mit ei­nem ab­schät­zi­gen Blick und ließ ihn auf sei­ner Kör­per­mit­te ei­ni­ge Se­kun­den ver­wei­len. Dann setz­te sie ein klei­nes Lä­cheln auf, beug­te sich zu sei­nem Ohr und flüs­ter­te ihm zu, »Nächs­tes Jahr, wenn du voll­jäh­rig wirst, darfst du mich ger­ne noch­mal an­spre­chen. Ich ha­be im­mer Be­darf an neu­en Skla­ven, die mein Le­ben fi­nan­zie­ren und sich für ein Le­ben ent­schei­den, dass ih­nen das Ab­sprit­zen ver­bie­tet. Wann wirst du denn voll­jäh­rig?«

Der Jun­ge mach­te ein er­schro­cke­nes Ge­sicht und ver­zog sich so­fort wie­der zu­rück zu sei­nen Kol­le­gen. Vi­vi­an lä­chel­te, denn kurz dar­auf be­gann das Ge­tu­schel un­ter den Ju­gend­li­chen auf den hin­te­ren Sitz­plät­zen. Die­se kur­ze An­sa­ge hat­te aus­ge­reicht, um dem Ju­gend­li­chen klarzu­ma­chen, dass er nicht das ge­rings­te bei ihr zu su­chen hat­te. Das hat­te sie in ei­ni­gen Jah­ren be­reits ge­lernt. Den jun­gen ging es nur dar­um ei­ne hüb­sche Frau ins Bett zu be­kom­men. Wenn man ih­nen aber di­rekt klar­mach­te, was sie mit ihr er­war­ten wür­de, ver­zo­gen sie sich. Wenn es hieß, nicht mehr eja­ku­lie­ren zu dür­fen, zog sich ih­re ver­grö­ßer­te Li­bi­do so­fort zu­rück und ver­steck­te sich. Der Funk un­ter den Ju­gend­li­chen er­le­dig­te dann den Rest, denn kei­ner hat­te dar­an ernst­haf­tes In­ter­es­se. Selbst, wenn konn­te er sich im Krei­se sei­ner Freun­de nicht leis­ten dar­auf an­zu­sprin­gen.

Die Li­nie des Bus­ses führ­te im­mer wei­ter aus der In­nen­stadt von Port­land hin­aus. Die Häu­ser an der Stra­ße wur­den deut­lich klei­ner und die Men­schen we­ni­ger. Ih­re Ziel­per­son ei­ni­ge Rei­hen vor ihr schau­te ver­träumt aus dem Fens­ter. Im­mer mehr Grün tauch­te an der Stra­ße auf und die großen Bü­rotür­me der In­nen­stadt ver­schwan­den hin­ter ih­nen im Ab­gas­ne­bel. Auch die Ab­stän­de zwi­schen den Hal­te­stel­len wur­den im­mer grö­ßer. Vi­vi­an warf einen Blick auf den Stre­cken­ver­lauf, der als Dia­gramm über ihr hing. Die An­zei­ge auf dem Mo­ni­tor im vor­de­ren Teil hin­ter dem Fah­rer zeig­te ihr, dass sie nur noch ei­ni­ge Hal­te­stel­len bis zur End­sta­ti­on hat­ten.

Erst als die vor­letz­te Hal­te­stel­le auf der Rou­te an­ge­sagt wur­de, mach­te sich ih­re Ziel­per­son be­reit aus­zu­stei­gen. Sie wa­ren in ei­ner ziem­lich spär­lich be­sie­del­ten Vor­stadt an­ge­kom­men. Die klei­nen Häu­ser am Stra­ßen­rand wa­ren al­le­samt in ei­nem eher er­bärm­li­chen Zu­stand. Die Far­be der Fassa­den war ver­blasst oder hing schon in lan­gen Fet­zen an den Be­hau­sun­gen her­un­ter. Vi­vi­an konn­te sich noch gut an die­se Art zu le­ben er­in­nern. Auch sie war erst seit ih­rer Aus­bil­dung lang­sam aus so ei­ner Ge­gend in die Stadt ge­flüch­tet. Ih­re Woh­nung war zwar auch nicht ge­ra­de ei­ne Man­sar­de in ei­nem an­ge­sag­ten Vier­tel der Stadt, aber zu­min­dest war sie ru­hig und doch zen­tral ge­le­gen. Sie hat­te so­gar den Vor­teil ei­ne U-Bahn-Sta­ti­on in ih­rer Stra­ße zu ha­ben. So brauch­te sie bis in die In­nen­stadt nur ei­ni­ge Mi­nu­ten.

Als der Bus an­hielt und ih­re Ziel­per­son mit ei­nem un­si­che­ren Schritt auf den schmut­zi­gen As­phalt das Fahr­zeug ver­ließ, schick­te sie sich auch an das Ve­hi­kel zu ver­las­sen. Der al­te Mann be­ach­te­te sie nicht, als er sich in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung des Bus­ses auf den Weg mach­te. Vi­vi­an blieb ei­ni­ge Se­kun­den ver­wirrt an der Bus­hal­te­stel­le ste­hen und sah ihm un­si­cher hin­ter­her. Das konn­te beim bes­ten Wil­len kein Agent des SNB sein. Trotz­dem muss­te sie an ihm dran­blei­ben. Der Weg soll­te nicht um­sonst sein und sie woll­te zu­min­dest in Er­fah­rung brin­gen, wer das war und was er da­mit zu tun hat­te.

Sie folg­te ihm noch ei­ne gan­ze Wei­le in si­che­rem Ab­stand zu ei­nem ver­wil­dert aus­se­hen­den Haus in ei­ner schreck­lich aus­se­hen­den Stra­ße. Im­mer wie­der muss­te der Al­te vor ihr ei­ne kur­ze Pau­se ein­le­gen, um den Weg zu über­ste­hen. Er war nicht mehr wirk­lich so fit auf den Bei­nen und brauch­te die Pau­sen wohl um Luft zu ho­len. Das Haus, auf das er zu­steu­er­te, war von ei­nem al­ten ver­ros­te­ten Zaun um­ge­ben und die Bü­sche im Vor­gar­ten schie­nen seit Jahr­zehn­ten nicht mehr zu­rück­ge­schnit­ten wor­den zu sein. Sie rag­ten me­ter­hoch vor der bei­gen Fassa­de auf, die ein­mal in Weiß ge­stri­chen wur­de. Der al­te Mann zog sei­nen Schlüs­sel aus der Ta­sche sei­nes An­zugs und be­trat das Haus. Vi­vi­an sah ihm von wei­tem zu. Das Si­de­board, was sie im Flur ste­hen sah, war ge­nau­so ab­ge­ta­kelt wie der An­zug, den ih­re Ziel­per­son trug.

Vi­vi­an ent­schied sich nach we­ni­gen Mi­nu­ten ih­rer Ziel­per­son zu fol­gen und lief an sei­nem Brief­kas­ten vor­bei. Ein Na­me war nicht dar­auf ver­merkt, aber es la­gen ei­ni­ge Brie­fe dar­in. Vor­sich­tig sah sie sich um und als nie­mand zu se­hen war griff sie sich einen der Brie­fe auf dem die Adres­se an­ge­ge­ben war. Auf dem Weg zu­rück zur Bus­hal­te­stel­le sah sie sich den Na­men des Emp­fän­gers an. Das Schrei­ben war an einen Cur­tis Cha­se adres­siert. Das war al­so der Na­me des Agen­ten, den sie ver­folgt hat­te. Wäh­rend sie auf ih­re Fahr­ge­le­gen­heit in die Stadt war­te­te, nahm sie ihr Mo­bil­te­le­fon aus der klei­nen Hand­ta­sche und schrieb ei­ne Nach­richt an ih­re Freun­din Tia­na Niel­sen, für die sie die­sen Auf­trag über­nahm. Ih­re Freun­din soll­te am Abend den Na­men über­prü­fen und al­les her­aus­fin­den, was in­ter­essant sein könn­te.

Die Bus­fahrt zu­rück nach Port­land mach­te sich Vi­vi­an ei­ni­ge Ge­dan­ken zu dem al­ten Mann, den sie bis in die graue Vor­stadt ver­folgt hat­te. Das konn­te de­fi­ni­tiv kein Agent des SNB sein, es sei denn er hat­te die fast per­fek­te Tar­nung. Die gan­ze Fahrt über mach­te sie sich die ver­schie­dens­ten Ge­dan­ken und ent­warf in ih­rem Kopf ein paar mög­li­che Sze­na­ri­en. Trotz­dem muss­te sie da­von aus­ge­hen wie­der je­man­den ver­folgt zu ha­ben, der nur einen klei­nen Auf­trag er­le­dig­te. Die ers­te Ver­fol­gung führ­te sie auch nur zu Tia­na die, wie sie selbst ei­ni­ge Auf­trä­ge für das SNB er­le­di­gen durf­te. An die Or­ga­ni­sa­ti­on war schein­bar kein her­an­kom­men.

In der In­nen­stadt wisch­te sie die ne­ga­ti­ven Ge­dan­ken bei­sei­te und kon­zen­trier­te sich auf ih­ren Auf­trag. Sie be­trat das Ver­wal­tungs­ge­bäu­de und nahm den Fahr­stuhl bis in die 14. Eta­ge. Dort wand­te sie sich nach links und folg­te dem Gang bis zur Feu­er­trep­pe an der Au­ßen­sei­te. Dort war der Kas­ten des Was­ser­schlauchs, des­sen Ver­schluss be­reits ge­öff­net war. Noch ein­mal blick­te sie sich um, ob sie nie­mand be­ob­ach­te­te, aber nie­mand be­ach­te­te die jun­ge Frau. Vi­vi­an öff­ne­te den Kas­ten und sah das in hell­blau­en Plas­tik ein­ge­schla­ge­ne Pa­ket dar­in lie­gen. Sie nahm es in die Hand und ließ es un­ter ih­rer dün­nen Ja­cke ver­schwin­den. Mit dem Obe­r­arm press­te sie es un­ter ih­re Ach­sel und ging zu­rück zum Auf­zug. Erst dort ver­stau­te sie das Päck­chen in ih­rem hin­te­ren Ho­sen­bund. So ver­ließ sie das Bü­ro­ge­bäu­de und ging hin­über zu dem Re­stau­rant, in dem sie schon den hal­b­en Tag auf der Lau­er lag. Die­ses Mal nahm sie sich einen Tisch im In­nen­raum. Den Kell­ner ließ sie nur ein Er­fri­schungs­ge­tränk brin­gen.

Als es vor ihr auf dem Tisch stand, nahm sie einen tie­fen Schluck aus dem Glas. Dann stand sie auf und ver­schwand auf der Toi­let­te. Vi­vi­an schloss sich in ei­ner Ka­bi­ne ein und be­frei­te das Pa­ket. Sie setz­te sich auf den Thron und be­trach­te­te das Päck­chen in ih­rer Hand. Es war nicht be­son­ders groß und wog auch nur ei­ni­ge hun­dert Gramm. Sie woll­te end­lich wis­sen, was sie da trans­por­tier­ten, wenn sie schon nicht her­aus­fin­den konn­ten, wer hin­ter der Or­ga­ni­sa­ti­on steck­te. Mit feuch­ten Hän­den zog sie die di­cke Plas­tik­fo­lie auf die Sei­te. Heraus kam ein wei­ßer Block in der Grö­ße ei­ner Han­dypa­ckung, der er­neut mit ei­ner durch­sich­ti­gen Zel­lo­phan­hül­le um­hüllt war. Das in­ne­re sah aus wie gro­bes Meer­salz, was man zu ei­nem Block zu­sam­men­ge­presst hat­te. So­fort schoss ihr ein un­an­ge­neh­mer Ge­dan­ke in den Kopf. Sie und ih­re Freun­din trans­por­tier­ten Dro­gen für ei­ne an­geb­li­che Bun­des­be­hör­de durch die Stadt.

Sie konn­te die­ses Päck­chen nicht ein­fach blind­lings ab­lie­fern, als ob sie nichts ge­se­hen hät­te. Aber wür­de man sie aus den Au­gen ge­las­sen ha­ben? Wer im­mer auch da­hin­ter­steck­te, muss­te ein In­ter­es­se dar­an ha­ben, die­ses Pa­ket an sei­nen Be­stim­mungs­ort zu brin­gen und den Ku­ri­er wahr­schein­lich über­wa­chen. Vi­vi­an brauch­te auf der Stel­le einen Aus­weich­plan. Sie ent­schied sich da­für, das Päck­chen im Spül­kas­ten des Re­stau­rants zu­rück­zu­las­sen und ein Kauf­haus in der In­nen­stadt auf­zu­su­chen, um dort einen Er­satz zu er­wer­ben, den sie dann ab­lie­fern konn­te. Oh­ne das Pa­ket wei­ter mit sich her­um­zu­tra­gen setz­te sie sich wie­der an ih­ren Tisch. Aus den Au­gen­win­keln ach­te­te sie auf die Per­so­nen um sie her­um.

Nach ei­ni­ger Zeit, ihr Ge­tränk war be­reits leer war sie sie si­cher nicht be­ob­ach­tet zu wer­den. Vi­vi­an be­zahl­te und ver­ließ das Re­stau­rant. Sie nahm Kurs auf einen großen Su­per­markt, im­mer dar­auf ach­tend, dass nie­mand ihr folg­te. Mehr­fach sah sie sich un­si­cher um. Aber je mehr Men­schen sie auch be­ach­te­te, konn­te sie nie­man­den aus­ma­chen, der ihr folg­te. In dem Ver­kaufs­haus an­ge­kom­men steu­er­te sie die Ab­tei­lung mit den Ge­wür­zen an. Sie brauch­te et­was Ver­gleich­ba­res zu dem Pul­ver in der Pa­ckung. Gro­bes Meer­salz war ihr deut­lich zu teu­er, denn die Men­ge, die sie be­nö­tig­te, wür­den ih­re fi­nan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten deut­lich über­schrei­ten. Nach ei­ni­gem Um­se­hen fand sie ein Sü­ßungs­mit­tel mit der glei­chen Tex­tur. Zu ih­rem Glück war die­ses Pul­ver auch noch im An­ge­bot. Für klei­nes Geld kauf­te sie sich zwei Pa­ckun­gen da­von. Das nächs­te Ziel war die Zu­be­hör­ab­tei­lung um Plas­tik­beu­tel zu er­ste­hen. Al­les, was sie dann noch brauch­te, war bläu­li­che Plas­tik­fo­lie. Die gab es zum Glück über­all zu kau­fen.

Mit den aus­ge­such­ten Sa­chen steu­er­te sie die Kas­se an und be­zahl­te sie ord­nungs­ge­mäß. Zu­sätz­lich steck­te sie al­les zu­sam­men in ei­ne Tra­ge­tü­te und mach­te sich auf den Weg zu ih­rer Woh­nung. Im­mer wie­der blick­te sie sich deut­lich ner­vös um, aber es war nie­mand zu se­hen, der ihr folg­te. Erst als ih­re Woh­nungs­tür hin­ter ins Schloss fiel und sie die Ket­te vor­leg­te, fühl­te sie sich si­cher. Oh­ne Um­schwei­fe setz­te sie sich an ih­ren Kü­chen­tisch und prä­pa­rier­te das ab­zu­lie­fern­de Päck­chen, wie sie es im Re­stau­rant zu­rück­ge­las­sen hat­te. Als sie da­mit fer­tig war, steck­te sie es wie­der in den hin­te­ren Ho­sen­bund und ver­ließ ih­re Woh­nung zum vor­ge­schrie­be­nen Lie­fer­ort.

7. Kapitel
Bahamas, Nassau

Nach ei­nem lan­gen Tag im Bü­ro hat­ten es sich die bei­den Müt­ter Leo­nie und Do­lo­res ge­müt­lich ge­macht. Die bei­den Mäd­chen toll­ten wie ge­wöhn­lich in ih­rem Pool her­um. Mi­cha­el war noch un­ter­wegs, um ei­ni­ge Be­sor­gun­gen zu ma­chen. Es war erst früh am Nach­mit­tag, aber Do­lo­res wuss­te, was noch auf sie war­ten wür­de. Die­se Wo­che muss­te sie wie­der auf ih­rem pri­va­ten Schieß­stand be­ste­hen. Sie hat­te, mit Mi­cha­el aus­ge­macht ih­re Pro­ble­me zu be­sei­ti­gen. Da­zu ge­hör­te ein ex­tre­mes Fit­ness­pro­gramm und Lek­tio­nen was den Um­gang mit Waf­fen un­ter Stress be­traf. In den letz­ten Wo­chen war sie je­den Tag vie­le Ki­lo­me­ter an der Sei­te des ehe­ma­li­gen Bo­dy­guards ge­rannt, hat­te Ge­wich­te ge­stemmt und sich im­mer wie­der völ­lig ver­aus­gabt. Sie hät­te nie ge­dacht, dass der eher über­ge­wich­ti­ge Mi­cha­el in so ei­ner Form sein konn­te. Er hat­te je­de Übung mit ihr mit­ge­macht und doch noch zu Scher­zen auf­ge­legt.

Va­le­ria und ih­re Halb­schwes­ter wa­ren schon die hal­be Wo­che bes­ter Lau­ne. Wäh­rend sie bei ih­ren ge­lieb­ten Pfer­den weil­te, durf­te ih­re Halb­schwes­ter un­ter Auf­sicht im Gar­ten auf Ge­mü­se und Früch­te an­le­gen. Die Müt­ter wech­sel­ten sich ab mit den bei­den. Emi­lia hat­te vie­le Tipps von ih­rer Mut­ter über­nom­men und wur­de im­mer bes­ser. Mi­cha­el hat­te sich für heu­te et­was Be­son­de­res für sei­ne Toch­ter aus­ge­dacht. Da Va­le­ria die meis­te Zeit auf ei­nem im­mer wie­der wech­seln­den Pony ver­brach­te, hat­ten die El­tern zu­sam­men ent­schie­den, ihr ei­ne Reit­be­tei­li­gung zu kau­fen. Micha hat­te sich be­reit er­klärt al­les da­für in die We­ge zu lei­ten und An­ge­bo­te ein­zu­ho­len. Ent­schei­den muss­te dann die klei­ne Va­le­ria al­lei­ne. Sie woll­ten ihr nicht vor­schrei­ben, auf wel­chem Pony sie rei­ten soll­te. Die klei­ne muss­te mit dem Gaul auch zu­recht­kom­men. Letz­ten En­des war es ih­re Ent­schei­dung.

Die bei­den nack­ten jun­gen Mäd­chen war­te­ten be­reits un­ge­dul­dig auf ih­ren Va­ter. Als er end­lich mit zwei di­cken Ein­kauf­tü­ten durch die Tür kam, wa­ren die bei­den nicht mehr zu hal­ten. Seit sie ih­re Hob­bys hat­ten, de­nen sie fast täg­lich ex­zes­siv nach­gin­gen, muss­ten sie auch fast nicht mehr in der Kü­che hel­fen. Mitt­ler­wei­le fehl­te es ih­nen schon ein biss­chen, was sie na­tür­lich nicht zu­ge­ben woll­ten. Aber es war aus­ge­macht, dass sie zu­sam­men mit Va­le­ria in den Reit­stall fah­ren wür­den, wenn Mi­cha­el die Ein­käu­fe weg­ge­räumt hat­te. Do­lo­res Toch­ter hat­te mit ih­rer Schwes­ter ver­ab­re­det so gut sie konn­ten zu hel­fen, da­mit sie so schnell wie mög­lich in den Reit­stall kam. Die Be­grü­ßung fiel trotz­dem wie im­mer aus. Die bei­den klei­nen Mäd­chen um­arm­ten ih­ren Va­ter, der je­des Mal ex­tra auf die Knie ging und den bei­den einen di­cken Kuss gab.

»Hal­lo ihr bei­den Zau­ber­mäu­se. Ihr könnt es wohl kaum noch er­war­ten end­lich hier weg­zu­kom­men«, lach­te er als er die bei­den im Arm hat­te.

Na­tür­lich wa­ren die bei­den nicht mehr zu hal­ten. Sie hat­ten schon den hal­b­en Tag auf ex­akt die­sen Mo­ment ge­war­tet. Dement­spre­chend mach­ten sich die drei auch gleich dar­an, die Le­bens­mit­tel weg­zuräu­men. Die bei­den Müt­ter be­ob­ach­te­ten la­chend wie die bei­den Mäd­chen die Tü­ten aus­räum­ten und Mi­cha­el al­les an­reich­ten, der es dann in den Schrän­ken ver­stau­te. Die bei­den Mäd­chen hat­ten be­reits schon nach dem Früh­stück ih­re Klei­der be­reit­ge­legt, die sie am Nach­mit­tag an­zie­hen woll­ten. Va­le­ria hat­te na­tür­lich ih­re Rei­ter­aus­rüs­tung be­reit­ge­legt. Emi­lia be­gnüg­te sich mit ei­nem kur­z­en Som­mer­kleid. Nach­dem die bei­den Tü­ten leer wa­ren, rann­ten die bei­den in ihr Zim­mer und zo­gen sich an.

Wäh­rend­des­sen in­for­mier­te Mi­cha­el sei­ne bei­den Frau­en über ei­ne klei­ne Än­de­rung in ih­ren Plä­nen. Nach­dem er sich die Prei­se ei­ner Reit­be­tei­li­gung auf den ver­schie­de­nen Po­nys an­ge­se­hen hat­te, kam er zu dem Schluss, dass sich das nicht im Ge­rings­ten rech­ne­te. Statt­des­sen hat­te er sich nach Po­nys zum Kau­fen um­ge­se­hen und ei­ni­ge ge­fun­den, die gar nicht so teu­er wa­ren. Da­von wuss­te Va­le­ria na­tür­lich noch nichts. Statt ei­ner Reit­be­tei­li­gung be­kam sie ein ei­ge­nes Pferd und durf­te selbst Reit­be­tei­li­gun­gen an­bie­ten. Va­le­ria er­fuhr das al­ler­dings erst, als sie schon un­ter­wegs wa­ren. Sie kann­te den Weg zu ih­rem Reit­stall schon im Schlaf und merk­te so­fort, dass Mi­cha­el nicht da­hin fuhr. Sie be­schwer­te sich laut­stark, weil sie nicht län­ger war­ten woll­te.

Erst dann er­klär­te ihr Mi­cha­el, dass er ein ei­ge­nes Pony für sei­ne Toch­ter kau­fen woll­te, statt je­den Mo­nat ei­ne Reit­be­tei­li­gung zu fi­nan­zie­ren. Die paar Tau­send Dol­lar die er da­für aus­ge­ben muss­te wür­den sich schon nach kur­z­er Zeit amor­ti­sie­ren. Au­ßer­dem hat­te Va­le­ria so im­mer ihr ei­ge­nes Pferd, auf dem sie rei­ten konn­te, wann sie woll­te. Emi­lia freu­te sich für ih­re Halb­schwes­ter, denn sie be­kam eben­falls ei­ne Über­ra­schung, wie ihr Mi­cha­el ver­sprach. Do­lo­res hoff­te, dass ih­re Toch­ter lan­ge ge­nug brau­chen wür­de, sich ein Pony aus­zu­su­chen. Je län­ger ih­re Klei­ne da­für be­nö­tig­te, um­so we­ni­ger Zeit wür­de für sie und Mi­cha­el auf dem Trai­nings­ge­län­de üb­rig blei­ben. Das war al­ler­dings ver­ge­bens, denn gleich das ers­te Pony, was sie sich an­schau­te, ge­fiel der Klei­nen so gut, dass sie am liebs­ten di­rekt dar­auf sit­zen ge­blie­ben wä­re.

Das Pony wür­de erst am nächs­ten Tag in den Stall auf dem Rei­ter­hof ge­bracht wer­den, was be­deu­te­te, dass Va­le­ria heu­te noch ein letz­tes Mal auf ei­nem Übungs­po­ny Platz neh­men muss­te. Leo­nie wür­de heu­te bei ihr blei­ben wäh­rend Micha und Do­lo­res zu Hau­se trai­nier­ten. Ih­re nächs­te Lehr­stun­de bei François Pier­lot in Ly­on wür­de erst nächs­ten Mo­nat statt­fin­den. So lan­ge trai­nier­te sie al­lei­ne im Gar­ten hin­ter dem neu ge­bau­ten Haus der Fa­mi­lie. Mi­cha­el setz­te die bei­den am Rei­ter­hof ab, wünsch­te ih­nen viel Spaß und mach­te sich dann mit Emi­lia und Do­lo­res wie­der auf den Rück­weg. Die Klei­ne bohr­te bei ih­rem Va­ter nach, was er sich als Über­ra­schung für sie aus­ge­dacht hat­te. Er bat sie zu war­ten bis sie zu Hau­se wa­ren. Sie ge­dul­de­te sich noch die paar Mi­nu­ten. Do­lo­res war nicht ge­ra­de so be­geis­tert. Sie hat­te ge­hofft, dass die­se Ak­ti­on deut­lich mehr Zeit in An­spruch neh­men wür­de.

Als der Mo­tor des großen SUV auf dem Park­platz vor ih­rem Haus erstarb, dreh­te sich Mi­cha­el zu sei­ner Toch­ter um und bat sie nicht so­fort ins Haus zu ren­nen. Er stell­te sich vor den Kof­fer­raum, drück­te sei­ner Toch­ter den Schlüs­sel in die Hand und sag­te, »Dein Ge­schenk liegt im Kof­fer­raum. Du machst ihn auf und darfst dir dann dein Ge­schenk neh­men.«

Die klei­ne be­kam leuch­ten­de Au­gen und Do­lo­res mach­te ein über­rasch­tes Ge­sicht. Sie hat­te eben­so wie Leo­nie kei­ne Idee, was er sich hat­te ein­fal­len las­sen. Emi­lia drück­te auf den Knopf der Fern­be­die­nung. Die Heck­klap­pe fuhr nach oben und im Ge­päck­raum des Fahr­zeugs kam ein schwar­zer Plas­tik­kof­fer zum Vor­schein. Emi­lia griff so­fort zu und rann­te da­mit ins Haus. Als sie ver­schwun­den war, frag­te Do­lo­res, »Was ist da drin?«

Micha be­gann zu la­chen, »Ich ha­be bei François ei­ne Klei­nig­keit für sie be­stellt. Es ist ei­ne Son­der­an­fer­ti­gung für Emi­lia. Ei­ne Faust­feu­er­waf­fe, die ex­akt die glei­chen Kü­gel­chen ver­schießt wie ihr Luft­ge­wehr. Al­ler­dings ist der Rück­stoß wohl noch ein biss­chen zu stark für ih­re zar­ten Hän­de und auf ei­ne ge­wis­se Ent­fer­nung ist das Din­gen so­gar töd­lich, wie er sag­te. Kam be­reits vor drei Ta­gen hier an und ich ha­be es erst heu­te ab­ge­holt. Leo­nie weiß auch noch nichts da­von.«

»Du bist völ­lig ver­rückt, mein Schatz«, grins­te sie ihn an und gab ihm einen Kuss.

Mi­cha­el nahm Do­lo­res in den Arm und flüs­ter­te, »Na­tür­lich bin ich ver­rückt. Das soll­te ei­gent­lich nie­man­den mehr über­ra­schen. Wer mit gleich vier Frau­en un­ter ei­nem Dach lebt, muss to­tal ver­rückt sein!«

Dol­ly ver­setz­te ihm einen klei­nen Schlag auf den Obe­r­arm und ging mit ihm ins Haus. Emi­lia hat­te den Kof­fer be­reits auf dem So­fa ab­ge­legt und ge­öff­net. Sie konn­te nicht glau­ben, was ihr Va­ter da für sie be­sorgt hat­te. Die Pis­to­le sah fast ge­nau­so aus wie die Dienst­waf­fen der Agen­ten. Der Lauf war na­tür­lich ent­spre­chend des Ka­li­bers deut­lich klei­ner, aber es sah fast aus wie ei­ne Ech­te. In dem Kof­fer la­gen so­gar noch vier Ma­ga­zi­ne für die Waf­fe, die sie erst la­den muss­te. Al­ler­dings funk­tio­nier­te die Waf­fe nur mit ei­nem ge­wis­sen Luft­druck. Da­für brauch­te sie hin­ten am Ver­schluss ei­ne Gas­pa­tro­ne, die al­ler­dings nicht ein­ge­packt wa­ren. Mi­cha­el wuss­te das und hat­te ex­tra noch ein paar da­von be­sorgt. Das Trai­ning, was Do­lo­res noch be­vor­stand, wur­de eher zum Trai­ning für Emi­lia, die mit der Waf­fe in der Hand die glei­chen Übun­gen wie die bei­den Er­wach­se­nen ab­sol­vie­ren durf­te.

Al­ler­dings war der Rück­stoß für die klei­ne Emi­lia schwer zu kon­trol­lie­ren. Bei ih­rem Luft­ge­wehr fing das ih­re schma­le Schul­ter auf, aber bei der Faust­feu­er­waf­fe muss­ten ih­re Ar­me das al­les ab­fe­dern. Nach nicht ein­mal ei­ner Stun­de muss­te sie un­ter Trä­nen auf­hö­ren. Ihr ta­ten furcht­bar die Ar­me weh und sie konn­te ein­fach nicht mehr da­mit feu­ern. Micha muss­te sei­ne Toch­ter trös­ten und ihr ver­spre­chen, dass er mit ihr üben wür­de, da­mit sie län­ger da­mit schie­ßen konn­te. Do­lo­res ging zu­rück ins Haus und nahm die ex­tra ge­kauf­te Knall­waf­fe mit nach drau­ßen. Da­mit konn­te sie zu­min­dest mit den bei­den trai­nie­ren, was ihr be­deu­tend mehr Spaß mach­te als Do­lo­res. Aber auch sie er­kann­te einen Vor­teil für sich dar­in. Da Emi­lia mit den bei­den un­ter­wegs war, fiel ihr Trai­ning nicht ganz so hart aus.

Nach et­was mehr als drei Stun­den be­en­de­ten sie das Schieß­trai­ning. Micha hat­te sich aber für den Ab­schluss noch et­was Be­son­de­res für die jüngs­te aus­ge­dacht. Zum ers­ten Mal durf­te sie mit der Waf­fe ih­res Va­ters auf ein ex­tra auf­ge­stell­tes Ziel schie­ßen. Da­zu leg­te sie sich auf der Ter­ras­se auf ei­ne Un­ter­la­ge und rich­te­te die Glock 17 ih­res Va­ters nach vor­ne. Micha knie­te sich mit den bei­den Bei­nen ne­ben den klei­nen Kör­per und lehn­te sich nach vor­ne. Da Emi­lia den Rück­stoß ei­ner ech­ten Waf­fe auf kei­nen Fall hal­ten konn­te, stütz­te er ih­re klei­nen Hän­de. Sie muss­te zie­len und al­lei­ne ab­drücken, er wür­de nur den Rück­stoß ab­fe­dern.

Für sei­ne Toch­ter war das ein ab­so­lu­tes High­light. Das ers­te Mal, mit ei­ner schar­fen Waf­fe auf ei­ne Ziel­schei­be an­zu­le­gen war et­was Be­son­de­res. Mi­cha­el zog ih­ren Ge­hör­schutz, den sie al­le tru­gen auf die Sei­te und gab ihr ei­ni­ge Tipps. Sie durf­te ins­ge­samt fünf Schüs­se ab­feu­ern. Micha über­nahm nur das Ab­fe­dern für sei­ne Toch­ter. Sie war be­geis­tert. Die Schüs­se, die sie ab­feu­er­te, tra­fen al­ler­dings nicht das auf­ge­stell­te Ziel, son­dern lan­de­ten deut­lich da­ne­ben. Ei­ne ech­te Waf­fe war eben doch et­was an­de­res als ih­re Übungs­waf­fen. Trotz­dem woll­te sie gar nicht mehr da­mit auf­hö­ren. Micha ließ sich nicht er­wei­chen ihr mehr als fünf Ver­su­che zu ge­neh­mi­gen.

Wäh­rend die Er­wach­se­nen hin­ter ihr die bei­den Dienst­waf­fen rei­nig­ten, durf­te sie mit ih­rem Luft­ge­wehr üben. Emi­lia kam wirk­lich nach Leo­nie. Am liebs­ten wür­de sie abends ihr Ge­wehr mit ins Bett neh­men. Al­ler­dings be­stan­den ih­re El­tern dar­auf, die Waf­fen un­ge­la­den in ih­rem ei­ge­nen Waf­fen­schrank ein­zu­schlie­ßen. Den Schlüs­sel muss­te sie je­den Abend ab­lie­fern be­vor sie ins Bett ging. Aber da der Schrank in ih­rem Kin­der­zim­mer stand, hat­te sie ih­re Schät­ze die gan­ze Nacht im Au­ge. Va­le­ria hat­te ex­tra ein Re­gal be­kom­men, in dem ih­re Reit­sa­chen einen ei­ge­nen Platz hat­ten. So hat­ten bei­de Mäd­chen das wich­tigs­te im­mer im Blick, wenn sie in ih­rem Zim­mer wa­ren.

Als Leo­nie an­rief um sie und Va­le­ria vom Rei­ter­hof ab­zu­ho­len nahm sich Do­lo­res die Au­to­schlüs­sel und mach­te sich auf den Weg. Micha wür­de in der Zwi­schen­zeit an­fan­gen zu ko­chen. Völ­lig un­er­war­tet half ihm sei­ne Toch­ter beim Ko­chen. Das war ih­re Art sich noch ein­mal bei ih­rem Va­ter zu be­dan­ken. Ob­wohl sie es ei­gent­lich nicht muss­te und moch­te, half sie ih­rem Va­ter in der Kü­che. Als Dol­ly mit den bei­den an­de­ren Fa­mi­li­en­mit­glie­dern an­kam, hat­ten sich Va­ter und Toch­ter ein biss­chen Mu­sik an­ge­macht und tanz­ten durch die Kü­che. Es roch be­reits nach frisch ge­koch­tem Es­sen. Leo­nie hat­te schon auf der Fahrt er­fah­ren, was Emi­lia be­kom­men hat­te und woll­te sich die neue Waf­fe un­be­dingt an­schau­en.

Die von François her­ge­stell­te Hand­feu­er­waf­fe sah ei­ner Dienst­waf­fe der Agen­ten täu­schend ähn­lich und glänz­te in schwar­zem Lack. Ei­gens für die jüngs­te be­saß sie meh­re­re Gra­vu­ren mit den Buch­sta­ben EK. Selbst der Griff war auf bei­den Sei­ten da­mit ver­ziert. In dem Kof­fer la­gen die vier Ma­ga­zi­ne, die je­weils 40 der klei­nen Stahl­ku­geln fas­sen konn­ten und ein Zer­ti­fi­kat. Es war ein Ein­zel­stück und ex­tra für die klei­ne Emi­lia her­ge­stellt. Leo­nie frag­te bei ih­rer Toch­ter nach, ob sie es ihr er­laub­te ei­ni­ge Stahl­ku­geln dar­aus ab­zu­feu­ern. Na­tür­lich stimm­te ih­re Toch­ter zu und folg­te ih­rer Mut­ter nach drau­ßen. Leo­nie leg­te ein Ma­ga­zin ein und gab ei­ni­ge Schüs­se dar­aus ab. Es fühl­te sich fast an wie ih­re Dienst­waf­fe, nur der Rück­stoß war deut­lich klei­ner als bei ei­ner ech­ten Waf­fe. Trotz­dem hat­te die klei­ne Stahl­ku­gel, die aus dem Lauf flog, so viel ki­ne­ti­sche Ener­gie, um je­man­den ernst­haft zu ver­let­zen. Nach­dem Emi­lia auch noch er­zähl­te aus der Dienst­waf­fe ih­res Va­ters ei­ni­ge Schüs­se ab­ge­ge­ben zu ha­ben war Leo­nie sicht­lich stolz auf ih­re Toch­ter.

Beim Abendes­sen gab es un­ter­schied­li­che The­men am Tisch. Va­le­ria freu­te sich wie an Weih­nach­ten über ihr neu­es Pony, das ab mor­gen im Stall ste­hen wür­de. Mi­cha­el muss­te sein Ver­spre­chen Emi­lia zu trai­nie­ren noch ein­mal be­stä­ti­gen. Für die bei­den Mäd­chen war der Tag un­ver­ge­ss­lich. Wie­der ein­mal hat­ten sie bei­de et­was Ein­zig­ar­ti­ges be­kom­men. Leo­nie hat­te al­ler­dings noch ei­ne Idee für den Abend. Sie warf die Idee in den Raum, die bei­den Mäd­chen ei­ni­ge Ku­geln aus ei­nem ih­rer Ge­weh­re ab­feu­ern zu las­sen. Emi­lia war so­fort Feu­er und Flam­me, wäh­rend Va­le­ria nicht so be­geis­tert war. Sie hat­te ein­fach kei­nen Spaß an Waf­fen und woll­te das auch nicht. Al­ler­dings woll­te sie ih­rer Halb­schwes­ter die­se Mög­lich­keit auch nicht ver­weh­ren. Dol­ly mach­te den Vor­schlag, dass Emi­lia ei­ni­ge Ku­geln aus ei­nem Ge­wehr ih­rer Mut­ter ab­feu­ern durf­te und Va­le­ria da­für einen Wunsch bei ih­ren El­tern frei­ha­ben wür­de. Die bei­den Mäd­chen steck­ten so­fort wie­der die Köp­fe zu­sam­men und spra­chen über die­se Idee. Es war schön zu se­hen wie die bei­den mit­ein­an­der har­mo­nier­ten und sich ab­spra­chen. Es war ih­nen ins Blut über­ge­gan­gen, al­les zu be­spre­chen, was bei­de be­traf.

Sie wa­ren mit dem Vor­schlag ein­ver­stan­den. Leo­nie nahm ih­re Toch­ter an die Hand und brach­te sie zu ih­rem Waf­fen­schrank, der deut­lich grö­ßer war. Sie durf­te sich ei­ne da­von aus­su­chen, mit der sie schie­ßen woll­te. Die ers­te Rück­fra­ge von Emi­lia war, wel­che da­von den kleins­ten Rück­stoß hat­te. Sie mach­te sich Sor­gen um ih­re Schul­ter. Nach­dem ih­re Hän­de schon we­gen der neu­en Waf­fe weh ta­ten, woll­te sie das nicht auch noch an ih­rer Schul­ter er­le­ben. Leo­nie gab zu, dass sie das nicht aus­hal­ten wür­de, egal wel­che da­von sie sich auch aus­such­te. Al­ler­dings war die Lö­sung ganz ein­fach. Die Mut­ter wür­de das Ge­wehr an ih­rer Schul­ter an­drücken und Emi­lia wür­de zie­len und feu­ern wie vor­her schon bei Mi­chaels Dienst­waf­fe. Emi­lia such­te sich dann das für Leo­nie per­so­na­li­sier­te Ge­wehr aus.

Leo­nie ver­hak­te ihr Ge­wehr mit der in­te­grier­ten Auf­la­ge in den Plat­ten der Ter­ras­se und press­te ih­re Schul­ter da­ge­gen. Emi­lia leg­te sich ne­ben ih­re Mut­ter und mach­te große Au­gen als sie einen Blick durch das Ziel­fern­rohr warf. Das war ein deut­lich bes­se­res als sie auf ih­rem Luft­ge­wehr mon­tiert hat­te. Aber Leo­nies Ge­wehr war auch auf wei­te­re Ent­fer­nun­gen aus­ge­legt. Die­se Stre­cken wür­de Emi­li­as Luft­ge­wehr nie­mals er­rei­chen. Die Toch­ter von Micha und Leo­nie durf­te ei­ne ein­zel­ne Pa­tro­ne ein­le­gen und dann auf ein be­lie­bi­ges Ziel an­vi­sie­ren. Leo­nie zwang sich nicht zu über­prü­fen wie ih­re klei­ne Toch­ter an­leg­te. Sie ließ sich über­ra­schen. Emi­lia di­ri­gier­te das Fa­den­kreuz auf die Po­si­ti­on, die sie tref­fen woll­te und drück­te dann den Ab­zug durch. Das Pro­jek­til durch­schlug das an­vi­sier­te Ziel und Emi­lia warf die klei­nen Ar­me in die Luft. Das war für sie das bis da­hin bes­te Er­leb­nis ih­res jun­gen Le­bens.

In Zu­kunft durf­te sie mit ih­rem Va­ter und Do­lo­res trai­nie­ren und dann auch öf­ter mit den Dienst­waf­fen der bei­den schie­ßen. Die bei­den Mäd­chen konn­ten nicht glück­li­cher sein. Sie wa­ren auf der gan­zen In­sel ein­zig­ar­tig. Sie hat­ten einen Va­ter, der für die bei­den al­les Er­denk­li­che mög­lich mach­te und sie ver­göt­ter­te. Und sie wa­ren die ein­zi­gen Kin­der, die gleich­zei­tig zwei Müt­ter als ihr ei­gen be­zeich­nen konn­ten. Die an­de­ren Kin­der aus dem Kin­der­gar­ten wa­ren et­was nei­disch auf die bei­den Mäd­chen. Ihr El­tern­haus funk­tio­nier­te ta­del­los und im­mer war je­mand für sie da. Wäh­rend der Fe­ri­en durf­ten die bei­den auch deut­lich län­ger auf­blei­ben als ih­re Freun­din­nen aus der täg­li­chen Er­zie­hungs­an­stalt.

Die an­de­ren wuss­ten nicht, was die El­tern der bei­den Mäd­chen ar­bei­te­ten, aber sie wa­ren im­mer er­reich­bar. Vie­le El­tern hat­ten das Pro­blem, dass sie nicht ein­fach von der Ar­beit zu ih­ren Kin­dern ei­len konn­ten. Nur ab und an wa­ren we­der die Müt­ter noch der Va­ter ei­ni­ge Wo­chen nicht zu se­hen. Statt­des­sen hat­ten sie ent­we­der den Va­ter von Da­mi­en da­bei oder ei­ne jun­ge Frau, die sich um sie küm­mer­te. Trotz­dem wa­ren sie äu­ßerst be­liebt bei ih­ren Freun­den im Kin­der­gar­ten. Nur die Er­zie­he­rin­nen hat­ten ein klei­ne­res Pro­blem mit den bei­den Kin­dern. Wann im­mer sie et­was be­spra­chen, was die Er­wach­se­nen nicht mit­hö­ren soll­ten, wech­sel­ten sie in ei­ne an­de­re Spra­che, die nie­mand ver­ste­hen konn­te. Bei­de spra­chen Eng­lisch, aber auch Deutsch und Spa­nisch, was die Er­zie­he­rin­nen im­mer wie­der zur Weiß­glut brach­te.

8. Kapitel
Vereinigte Staaten, Portland (OR)

Der Ort, an dem Vi­vi­an Bur­ge­ss ihr Pa­ket ab­lie­fern soll­te, lag et­was au­ßer­halb der Stadt in ei­nem Eta­blis­se­ment, das nicht ge­ra­de ein­la­dend auf die Da­men­welt wirk­te. Die ein­schlä­gi­gen Lä­den lock­ten vor­wie­gend Män­ner, die ge­gen Be­zah­lung ih­ren Trieb be­frie­di­gen konn­ten. Frau­en be­tra­ten die­se Lo­ka­li­tä­ten ei­gent­lich nicht, wenn sie nicht ge­ra­de dort ar­bei­te­ten. Vor al­lem rea­gier­ten die dort an­ge­stell­ten Da­men ziem­lich ne­ga­tiv auf wei­te­re Frau­en. Stu­ten­bis­sig­keit mach­te sich breit, weil sie sich um ih­re Ein­nah­men Sor­gen mach­ten. Die ro­ten Lam­pen soll­ten nicht nur an­zie­hend auf die Män­ner­welt wir­ken, son­dern auch ei­ne flüch­tig ero­ti­sche Stim­mung zu er­zeu­gen.

Zu­dem war auch in Port­land, wie in den ge­sam­ten USA, Pro­sti­tu­ti­on il­le­gal. Nur in Ne­va­da wur­de sie ge­dul­det. Das än­der­te al­ler­dings nicht dar­an, dass die ört­li­che Po­li­zei fast nichts da­ge­gen un­ter­neh­men konn­te. Die­se Eta­blis­se­ments gab es trotz­dem an fast je­der Stra­ßen­e­cke au­ßer­halb der Städ­te. Vi­vi­an woll­te es nicht wahr­ha­ben in die­se Lo­ka­li­tät zu ge­hen und dort et­was zu hin­ter­le­gen. Ihr vor­be­rei­te­tes Päck­chen trug sie im hin­te­ren Ho­sen­bund mit sich. Be­vor sie hin­ein­ging, über­prüf­te sie noch ein­mal sorg­fäl­tig, ob sie an al­les ge­dacht hat­te. Ihr war ziem­lich un­wohl als sie auf die Tür zu­trat.

In der Luft hing ein wi­der­li­cher Ge­ruch nach tau­sen­den Par­füms, de­ren Me­lan­ge in ih­rer Na­se kit­zel­te und je­de Men­ge Zi­ga­ret­ten­rauch. Es war kaum aus­zu­hal­ten. Vi­vi­an woll­te so schnell wie mög­lich wie­der aus dem La­den raus, aber sie muss­te erst noch den Auf­trag, den sie von ih­rer Freun­din Tia­na über­nom­men hat­te, zu ei­nem En­de brin­gen. Auf­grund des Or­tes, an dem sie sich be­fand, woll­te sie es so­fort hin­ter sich brin­gen. Ein Ge­tränk be­stell­te sie bes­ser nicht, denn das wür­de be­deu­ten sie müss­te län­ger hier aus­har­ren als nö­tig. An der im­pro­vi­sier­ten Bar, die aus ei­nem ein­fa­chen Brett zu be­ste­hen schi­en, dräng­ten sich vie­le, fast un­be­klei­de­te jun­ge Da­men um ei­ni­ge Män­ner. Die­se sa­ßen auf un­be­quem aus­se­hen­den Ho­ckern aus Holz, rauch­ten wie al­te Ka­mi­ne und be­tatsch­ten die Da­men.

Der gan­ze Gas­traum stand vor Dreck und Ab­fall. Nicht ein­mal die Glä­ser wa­ren or­dent­lich ge­spült. Die Her­ren der Schöp­fung fin­gen sich ga­ran­tiert kei­ne Krank­hei­ten ein. Sie des­in­fi­zier­ten sich von in­nen mit dem hoch­pro­zen­ti­gen Al­ko­hol, der in ih­ren Glä­sern schau­kel­te. Vi­vi­an rümpf­te die Na­se. Sie woll­te hier bes­ser nichts be­rüh­ren. Die Tür zur Toi­let­te hat­te die bes­ten Zei­ten schon lan­ge hin­ter sich. Sie hing schief in ih­rem Rah­men und der Lack war schon seit ge­fühlt hun­dert Jah­ren ab­ge­blät­tert. Die bei­den auf­ge­kleb­ten Nul­len hin­gen nur noch an ei­ni­gen Kle­be­res­ten fest und mach­ten den Ein­druck, als wür­den sie so­fort ab­fal­len, wenn man die Tür et­was fes­ter schloss.

Der Raum, den Vi­vi­an als Toi­let­te vor­fand, er­in­ner­te ent­fernt an ein schmie­ri­ges Kel­ler­loch. Die hel­len Flie­sen an den Wän­den wa­ren über­sät mit Sch­lie­ren und ei­nem of­fen­sicht­li­chen Fett­film. Die Toi­let­ten­schüs­seln wie­sen die­sel­be Ver­schmut­zung auf, nur un­ter­bro­chen durch ei­ni­ge run­de hel­le Stel­len. Sie ver­such­te die Tür ab­zu­schlie­ßen, um al­lei­ne zu sein. Um nichts zu be­rüh­ren, nahm sie sich ein grau­es Pa­pier aus dem Spen­der, der ne­ben dem dre­cki­gen Wasch­be­cken an der Wand kleb­te. Vi­vi­an fal­te­te das Pa­pier dop­pelt und zog den Rie­gel an der Tür vor. Dann be­gann sie die Flie­sen an der Wand ab­zu­zäh­len. Fünf­te Rei­he von un­ten und die 18. Plat­te von rechts der Tür war als Ver­steck an­ge­ge­ben.

Nach­dem Vi­vi­an die Plat­te aus­fin­dig ge­macht hat­te, nahm sie sich ei­ne ex­tra ein­ge­steck­te Na­del­fei­le aus ih­rer Hand­ta­sche. Vor­sich­tig lös­te sie da­mit die Flie­se an der Wand, die schon nach dem ers­ten auf­he­beln fast von al­lei­ne auf den Bo­den fiel. Vi­vi­an stütz­te sie mit ih­rem Pa­pier­tuch ab. Da­hin­ter war in der Wand ein großes Loch ver­bor­gen. Man hät­te dar­in auch be­quem ein gan­zes Ra­dio un­ter­brin­gen kön­nen. Sie fum­mel­te das vor­be­rei­te­te Päck­chen aus dem Ho­sen­bund und stopf­te es sorg­los in die Ver­tie­fung. Es ver­schwand voll­stän­dig dar­in. Sie klapp­te die Plat­te wie­der nach oben bis sie wie­der an ih­rem Platz saß und drück­te sie mit dem Pa­pier­tuch fest.

Sie be­trach­te­te noch ein­mal ihr Werk und öff­ne­te dann wie­der den Rie­gel an der Tür. Vi­vi­an ließ das Pa­pier ein­fach auf den Bo­den fal­len, als sie aus dem Raum wie­der auf den Gang trat. Wie­der stieg ihr der ekel­haf­te Ge­ruch in die Na­se und sie muss­te einen Wür­ge­reiz un­ter­drücken. Oh­ne auf et­was an­de­res zu ach­ten, ver­ließ sie das Eta­blis­se­ment. Auf der Stra­ße at­me­te sie ei­ni­ge Ma­le tief durch, um den Rauch aus ih­rer Lun­ge zu be­kom­men. Vi­vi­an hat­te das drin­gen­de Be­dürf­nis sich so­fort un­ter ei­ne Du­sche zu stel­len und sich ei­ni­ge Stun­den ab­zu­schrub­ben. Al­ler­dings konn­te sie das noch nicht. Sie hat­te noch et­was an­de­res vor.

Die Stra­ßen der Groß­stadt Port­land er­strahl­ten un­ter der künst­li­chen Be­leuch­tung. Zu die­ser Zeit wur­de es noch sehr früh dun­kel und die vie­len La­ter­nen spen­de­ten ein gelb­li­ches Licht. Ihr Weg führ­te sie zu­rück in die In­nen­stadt mit den großen Bü­ro­ge­bäu­den. Vi­vi­an setz­te sich in ein klei­nes Café und zog ihr Mo­bil­te­le­fon aus der Hand­ta­sche. Sie muss­te Tia­na in­for­mie­ren, was sie ent­deckt hat­te. Sie wähl­te die Num­mer ih­rer Freun­din und war­te­te bis das Ge­spräch auf­ge­baut war.

»Hal­lo Vi­vi­an, du bist zu früh. Ich bin noch da­bei et­was her­aus­zu­fin­den«, mel­de­te sich Tia­na mit fröh­li­cher Stim­me.

»Ich kann nur hof­fen, dass es für uns nicht schon zu spät ist!«, sag­te Vi­vi­an ver­är­gert. »Man setzt uns als Dro­gen­ku­rie­re ein. Das Päck­chen, was du trans­por­tie­ren soll­test, ent­hielt ir­gend­ein grob­kör­ni­ges Pul­ver.«

»Das kann al­les Mög­li­che sein«, er­wi­der­te Tia­na.

Vi­vi­an ver­dreh­te einen Mo­ment die Au­gen, »Wa­rum soll­te man uns wohl da­für be­zah­len ein Pul­ver durch die Ge­gend zu tra­gen und dann auch noch in ei­nem il­le­ga­len Bor­dell ab­lie­fern?«

»Was weiß ich? Vi­el­leicht ist es ein ex­pe­ri­men­tel­les Me­di­ka­ment, was aus­ge­lie­fert wer­den muss.«

»Wel­che Nut­te ver­teilt Me­di­ka­men­te? Wenn es Dro­gen sind und wir da­mit er­wi­scht wer­den, ge­hen wir für min­des­tens fünf Sonn­ta­ge ins Ge­fäng­nis!«

Tia­na stöhn­te, »Die fünf Wo­chen hal­ten wir auch noch aus.«

»Mein Gott bist du naiv Ti. Das Min­dest­maß für Dro­gen­schmug­gel in nicht ge­rin­gen Men­gen sind fünf Jah­re, al­so ge­hen wir dann für fünf Os­ter­sonn­ta­ge in den Bau und nicht nur ein paar Wo­chen. Au­ßer­dem ken­nen wir un­se­re Auf­trag­ge­ber nicht, um den Cops Hin­wei­se zu ge­ben. Wir soll­ten kei­ne Auf­trä­ge mehr für SNB durch­füh­ren, hörst du?«

»Bist du völ­lig ir­re? Ich muss mein Stu­di­um be­zah­len und auch von ir­gend­was le­ben! Ich kann es mir nicht leis­ten, auf die Be­zah­lung zu ver­zich­ten.«

Vi­vi­an wur­de sau­er, »Du kannst nicht im Ge­fäng­nis stu­die­ren Ti. Wenn sie dich da­mit er­wi­schen fährst du ein und du kannst dein Stu­di­um be­gra­ben. Nie­mand wird dich mehr ein­stel­len, wenn du we­gen Dro­gen­schmug­gel ver­ur­teilt wur­dest. Wir müs­sen einen an­de­ren Weg fin­den, uns zu fi­nan­zie­ren.«

»Und was bit­te?«, frag­te sie er­war­tungs­voll.

»Ich weiß es noch nicht, aber uns wird si­cher et­was ein­fal­len. Jetzt küm­me­re du dich um den Ty­pen, den ich ver­folgt ha­be. Ich hab den Auf­trag er­le­digt, du wirst al­so noch min­des­tens ein­mal be­zahlt und dann se­hen wir wei­ter.«

Tia­na brumm­te nur kaum hör­bar und un­ter­brach das Ge­spräch. Vi­vi­an steck­te ihr Han­dy wie­der in die Hand­ta­sche. Ihren nächs­ten An­ruf durf­te sie un­ter kei­nen Um­stän­den von ei­nem Te­le­fon ma­chen, des­sen Num­mer auf sie re­gis­triert war. Es muss­te ein öf­fent­li­ches Te­le­fon sein und kei­nen Auf­schluss dar­über ge­ben, dass sie da­mit te­le­fo­niert hat­te. Sie muss­te die­ses Teu­fels­zeug mög­lichst los­wer­den und das klapp­te am bes­ten mit ei­nem an­ony­men An­ruf bei der Po­li­zei von Port­land. In dem Café, in dem sie saß, wür­de das nicht funk­tio­nie­ren. Die gan­ze Zeit hat­te sie sich mög­lichst un­auf­fäl­lig um­ge­se­hen und ei­ne Men­ge Ka­me­ras ent­deckt. Gut ver­steckt, aber den­noch sicht­bar. In ei­ner Stadt wie Port­land war das nor­mal, um Über­fäl­le zu ver­mei­den oder den Tä­tern schnel­ler auf die Spur zu kom­men.

Vi­vi­an be­zahl­te ih­re Rech­nung und spa­zier­te aus dem Café in die laue Nacht hin­aus. Sie wuss­te be­reits, wo sie te­le­fo­nie­ren konn­te. Ganz in der Nä­he ih­rer Woh­nung be­fand sich ei­ne Te­le­fon­zel­le, die auch nicht von Ka­me­ras über­wacht wur­de. In al­ler Ru­he lief sie durch die noch be­leb­ten Stra­ßen der Stadt. Kurz be­vor sie das Te­le­fon er­reich­te, blick­te sie sich noch ein­mal um. Nie­mand war ihr ge­folgt, wie sie er­ken­nen konn­te. In ih­rer Ta­sche kram­te sie nach der Te­le­fon­kar­te, die sie sich für Not­fäl­le ge­kauft hat­te. In der klei­nen Sei­ten­ta­sche wur­de sie dann end­lich fün­dig. Sie stell­te sich in die Zel­le, nahm den Hö­rer ab und führ­te die Kar­te in den da­für vor­ge­se­he­nen Schlitz ein. Sie wähl­te die nor­ma­le Not­ruf­num­mer und gab dem Be­am­ten am an­de­ren En­de den Hin­weis auf das Ver­steck des ei­gent­li­chen Pa­kets.

* * *

Un­weit des klei­nen Cafés, in dem Vi­vi­an Bur­ge­ss ge­ra­de mit der Po­li­zei te­le­fo­niert hat­te, lag Ed­win Nash in sei­nem Kran­ken­bett. Die Kli­nik in der Stadt­mit­te von Port­land war auf Schuss­wun­den, wie er sie ab­be­kom­men hat­te, spe­zia­li­siert. As­hleigh Spears und ihr Kol­le­ge vom FBI woll­ten zu­min­dest hö­ren, was ih­nen der über­führ­te Dea­ler sa­gen konn­te. Sie wa­ren mit ih­ren Er­mitt­lun­gen nicht sehr viel wei­ter­ge­kom­men. Al­les, was sie bei der Po­li­zei er­fah­ren hat­ten, stand schon in ih­ren Ak­ten, die sie be­ka­men, be­vor sie in Wa­shing­ton ge­st­ar­tet wa­ren. Nun galt es dem Ver­letz­ten et­was auf den Zahn zu füh­len.

Ser­geant Ro­ger Bar­ber führ­te die Be­su­cher des FBI zu dem Ver­letz­ten in die Kli­nik. Er hat­te be­reits sei­ne Be­am­ten dar­auf an­ge­setzt, die bei­den Dro­gen­kö­ni­ge der Stadt aus­fin­dig zu ma­chen. Ob­wohl man den bei­den vie­le Jah­re nicht das ge­rings­te nach­wei­sen konn­te, ver­steck­ten sie sich vor den Er­mitt­lungs­be­am­ten. Das Geld, was sie mit ih­ren Dro­gen­ge­schäf­ten ver­dien­ten, nutz­ten sie, um sich ir­gend­wo in Port­land zu ver­ste­cken. Es war sehr schwie­rig, die bei­den auf­zu­fin­den. Sie über­lie­ßen die Ge­schäf­te ih­ren An­ge­stell­ten. Die bei­den Grö­ßen des Ge­schäfts zo­gen nur im Hin­ter­grund die Fä­den.

Cooper Knight war nicht wirk­lich auf Be­trieb­stem­pe­ra­tur ge­kom­men. Er konn­te sich nicht recht auf den Fall kon­zen­trie­ren. Statt sich mit den Fak­ten zu be­schäf­ti­gen, in­ter­es­sier­te er sich mehr für sei­ne Kol­le­gin. Sie kam ihm in die­sem Früh­ling deut­lich hüb­scher vor als zu­vor. Knight muss­te sich ein­ge­ste­hen, dass er deut­lich mehr an sei­ner Kol­le­gin in­ter­es­siert war als an dem Fall, den sie be­ar­bei­te­ten. Spears hin­ge­gen be­ach­te­te ihn kaum. Sie ver­such­te den auf­ge­tra­ge­nen Kri­mi­nal­fall zu lö­sen. Es war im­mer so bei ihr. Da in­ti­me Be­zie­hun­gen un­ter Kol­le­gen des FBI ver­bo­ten wa­ren, ver­biss sie sich in den Fall und ach­te­te nicht mehr so sehr auf ih­ren Kol­le­gen.

Der Ver­letz­te Ed­win Nash lag ein­gehüllt in Ver­bän­de und dem gän­gi­gen Kran­ken­haus­hemd­chen in sei­nem Kran­ken­bett und starr­te die De­cke an. Er hat­te sich be­reits da­mit ab­ge­fun­den, nach sei­nem Auf­ent­halt in der Kli­nik für ei­ni­ge Jah­re in ei­ner Haft­an­stalt zu lan­den. Seit min­des­tens vier Mo­na­ten ar­bei­te­te für das SNB und war in­ner­halb der Or­ga­ni­sa­ti­on auf­ge­stie­gen, wie er glaub­te. An­fangs muss­te er ein­fa­che Bo­ten­gän­ge er­le­di­gen, aber nach ei­ni­gen Wo­chen be­kam er deut­lich ge­fähr­li­che­re Auf­trä­ge. Er blick­te nur ein­mal kurz zur Sei­te, als der Ser­geant mit sei­nen Be­su­chern sein La­za­rett be­trat. Schon seit sei­nem letz­ten Auf­trag hat­te er meh­re­re Ver­hö­re durch die Be­am­ten über­ste­hen müs­sen. Was konn­te ihm auch noch mehr pas­sie­ren als oh­ne­hin schon!

Der Ser­geant der ihn auf der Um­ge­hungs­stra­ße ver­haf­tet hat­te kann­te er be­reits, nur sei­ne bei­den Be­su­cher wa­ren ihm fremd. Al­ler­dings konn­te er sich be­reits den­ken, mit wem er es zu tun be­kam. Be­am­te des Fe­deral Bu­reau of In­ves­ti­ga­ti­on sa­hen im­mer gleich aus. Selbst Blin­de wür­den sie in ih­rem Auf­zug auf hun­der­te Me­ter Ent­fer­nung er­ken­nen. In ih­ren Bu­si­nes­sout­fits sa­hen sie al­le gleich aus. Die Ab­zei­chen an den Gür­teln hat­ten sie zwar gut ver­steckt, aber die Kla­mot­ten wa­ren iden­tisch. Ed­win Nash brauch­te we­ni­ger als zwei Se­kun­den, sie zu iden­ti­fi­zie­ren und dem FBI zu­zu­ord­nen. Man kann­te ihr Auf­tre­ten aus vie­len Fil­men.

Die bei­den stell­ten sich ihm als Agents As­hleigh Spears und Cooper Knight vor. Ab­ge­stellt von Wa­shing­ton sei­nen Fall un­ter die Lu­pe zu neh­men und auf­zu­klä­ren. Dar­über konn­te Ed­win Nash nur mil­de lä­cheln. Nicht mal er selbst kann­te sei­ne Auf­trag­ge­ber. Die Agen­tin nahm sein Ver­hör vor, wäh­rend der Agent an ih­rer Sei­te mehr an ihr in­ter­es­siert schi­en als an sei­nen Aus­sa­gen. Trotz­dem krit­zel­te er ei­ni­ge Ein­drücke in ein klei­nes Buch. Al­ler­dings sah es eher aus als wür­de er mit sei­nem Blei­stift ein Bild sei­ner Kol­le­gin zeich­nen.

»Mis­ter Nash«, be­gann die hüb­sche Agen­tin, »Was ge­nau war ihr Auf­trag an der Um­ge­hungs­stra­ße?«

»Das ha­be ich ih­ren Lu­schen be­reits öf­ter er­klärt, wenn sie zu blöd sind, zum Le­sen soll­ten sie viel­leicht ei­ne Schu­le be­su­chen.«

»Wir ha­ben ih­re Aus­sa­ge be­reits ge­le­sen, Mis­ter Nash. Al­ler­dings glau­be ich ih­nen nicht, was sie zu Pro­to­koll ge­ge­ben ha­ben.«

Der an­ge­schos­se­ne ant­wor­te­te, »Was sie Glau­ben dür­fen sie ei­nem Pfaf­fen er­zäh­len. Sie ha­ben mei­ne Aus­sa­ge be­kom­men, das muss aus­rei­chen. Aber viel­leicht soll­ten sie bes­ser ver­ste­hen, dass sie nichts mehr aus mir raus­krie­gen. Was glau­ben sie wohl, warum ich hier lie­ge?«

As­hleigh Spears lä­chel­te, »Ein Kol­le­ge des Ser­geants hat sie ein biss­chen an­ge­bal­lert. Hät­ten sie sich nicht ih­rer Ver­haf­tung wi­der­setzt, wä­re nicht das ge­rings­te pas­siert.«

»Mei­ner Ver­haf­tung wi­der­setzt? Ich ha­be nicht das ge­rings­te ge­tan, ver­damm­te Schei­ße! Das Pa­ket soll­te zu ei­nem an­de­ren Stand­ort und ge­ra­de als ich es hat­te, taucht der Arsch da auf«, sag­te Nash und zeig­te mit dem Fin­ger auf den Ser­geant, »An­statt sich erst­mal aus­zu­wei­sen, fing er an, an mei­nem Pa­ket her­um­zu­zer­ren wie ein Ir­rer. Da­bei hat er es zer­stört und einen Teil des In­halts auf die Stra­ße ge­wor­fen. Dann taucht noch der klei­ne Lut­scher ne­ben mir auf, schreit her­um wie ein frisch ge­fick­ter Gar­ten­zwerg und jagt mir ei­ne Ku­gel durch den Ma­gen. Das ist Po­li­zei­bru­ta­li­tät!«

Spears dreh­te sich zu Ser­geant Bar­ber um und frag­te, »Wa­ren sie in Uni­form vor Ort?«

»Nein. Wir wa­ren auf ei­ner Über­wa­chung al­so in Zi­vil wie ge­wöhn­lich.«

»Sie hiel­ten es nicht für er­for­der­lich, sich Mis­ter Nash ge­gen­über als Po­li­zei­be­am­ter aus­zu­wei­sen?«, frag­te die jun­ge Agen­tin ver­wun­dert.

Bar­ber schüt­tel­te den Kopf, »Wir hat­ten einen an­ony­men Hin­weis und er woll­te mit den Dro­gen ver­schwin­den. Ich ha­be ihn al­so auf­ge­hal­ten und da­bei das Pa­ket er­wi­scht, was dann auf­ge­gan­gen ist. Da­bei ist ein Teil der Dro­gen schon über die Stra­ße ge­se­gelt. Mein Kol­le­ge hat ihn dann auf­ge­for­dert sich zu er­ge­ben da­mit wir ihn fest­neh­men kön­nen. Al­ler­dings hat­te Mis­ter Nash nur Flucht im Sinn, was mei­nen Kol­le­gen ver­an­lass­te einen Schuss ab­zu­ge­ben.«

Cooper no­tier­te ei­ni­ge Da­ten auf sei­nem Block, wäh­rend Spears lang­sam ein Licht auf­ging. Die bei­den Be­am­ten ver­such­ten ih­re Haut zu ret­ten und dreh­ten sich ei­ni­ge Aus­sa­gen pas­send zu­recht. Wann im­mer sie nicht ganz nach Vor­schrift han­del­ten, bo­gen sie die Wahr­heit ein biss­chen zu­recht, wie es ge­ra­de für sie am güns­tigs­ten war. Die­ses Ver­hal­ten war im­mer zu be­ob­ach­ten, wenn sich das FBI ei­nem Fall an­nahm. Je­der Be­am­te hat­te Angst da­vor sei­nen Job zu ver­lie­ren. Ei­gent­lich sorg­te die­se Angst da­für, dass sich die Be­am­ten an die Re­geln hiel­ten und nach ih­ren Vor­ga­ben ar­bei­te­ten. In die­sem Fall war aber ein Ver­däch­ti­ger ver­letzt wor­den und man muss­te die Wahr­heit ein biss­chen zu­recht­bie­gen.

»Ihr jun­ger Kol­le­ge hat ih­nen einen Hau­fen Är­ger ein­ge­han­delt Bar­ber«, stell­te As­hleigh fest. »Sie sind ver­pflich­tet sich aus­zu­wei­sen, wenn sie in Zi­vil ope­rie­ren, was na­tür­lich auch für ih­ren Part­ner gilt. Das ha­ben sie un­ter­las­sen und einen Bür­ger ver­letzt, oh­ne ihm et­was nach­wei­sen zu kön­nen. Die­se Metho­den sind zu Recht il­le­gal. Zu­dem ha­ben sie auch noch einen Afro­ame­ri­ka­ner an­ge­schos­sen. Wenn das an die Öf­fent­lich­keit kommt, dreht die Be­völ­ke­rung wie­der durch. So wie es in den Ak­ten stand, er­gibt sich die Tat­sa­che, dass sie einen Bür­ger der Ve­rei­nig­ten Staa­ten, oh­ne sich als Be­am­ter zu er­ken­nen ge­ge­ben ha­ben, kon­trol­lie­ren woll­ten. Das wie­der­um be­deu­tet, dass die er­lang­ten Be­wei­se vor kei­nem Ge­richt des Staa­tes Ore­gon zu­ge­las­sen wer­den. Mis­ter Nash kann für sein Ver­ge­hen nicht be­langt wer­den, weil die Be­wei­se il­le­gal er­langt wur­den. Die­se gan­ze Ak­ti­on wird ei­ne Un­ter­su­chung nach sich zie­hen. Cooper, wir sind hier fer­tig!«

Oh­ne ein wei­te­res Wort lie­ßen die bei­den Agents den Ser­geant mit Ed­win Nash al­lei­ne in des­sen Kran­ken­zim­mer. Sie mach­ten sich auf den Weg zu­rück ins Re­vier. Nash brauch­ten sie nicht mehr zu ver­hö­ren. Sie muss­ten die Hin­wei­se auf an­de­rem Weg er­lan­gen. We­nig spä­ter er­schie­nen sie wie­der auf dem Re­vier und such­ten in den äl­te­ren Ak­ten nach Hin­wei­sen.

9. Kapitel
Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV)

Die Wüs­ten­son­ne Ne­va­das hat­te die klei­ne Woh­nung von Roy Ca­b­re­ra schon den gan­zen Vor­mit­tag auf­ge­heizt. Trotz der ein­ge­bau­ten Kli­ma­an­la­ge wur­de es im­mer wär­mer. Der Dea­ler lag nach ei­ner lan­gen Nacht, die er im Death Val­ley ver­bracht hat­te, noch im Bett. Un­ge­fähr je­de Stun­de wach­te er völ­lig ver­schwitzt wie­der auf. Roy hat­te sich schon mehr­fach bei der Haus­ver­wal­tung be­schwert, weil die Kli­ma­an­la­ge wohl feh­ler­haft war. Sie schaff­te es ein­fach nicht mehr, die klei­ne Bu­de an­stän­dig zu küh­len. Spä­tes­tens im Som­mer, der nicht mehr lan­ge ent­fernt war, wä­re es nicht mehr aus­zu­hal­ten.

Die Ge­sell­schaft, die je­den Mo­nat die, zu­ge­ge­ben, re­la­tiv klei­ne Mie­te ein­strich, küm­mer­te sich kaum noch um das Ge­bäu­de. Wä­re es nach ihm ge­gan­gen hät­te er schon längst ei­ne an­de­re an­ge­mie­tet, al­ler­dings muss­te er vor­sich­tig sein und durf­te nicht auf­fal­len. Sei­ne Dro­gendeals brach­ten ihm zwar ge­nug Geld für ei­ne bes­se­re Woh­nung in gu­ter La­ge ein, aber er konn­te es sich nicht leis­ten auf­zu­fal­len. So­lan­ge er noch selbst für die Wa­re ver­ant­wort­lich war, muss­te er un­ter dem Ra­dar blei­ben. Die Po­li­zis­ten ka­men nur an die klei­ne­ren Dea­ler her­an, die großen wa­ren schon lan­ge nicht mehr auf der Stra­ße an­zu­tref­fen. Das war sein großes Ziel. Ein­mal zu den rich­tig großen ge­hö­ren und zu­min­dest einen Teil der Stadt zu kon­trol­lie­ren.

Am frü­hen Nach­mit­tag konn­te er ein­fach nicht mehr schla­fen. Roy klet­ter­te im­mer noch nie­der­ge­schla­gen aus sei­nem Bett und ver­zog sich in das klei­ne Ba­de­zim­mer sei­ner Woh­nung. Er brauch­te jetzt drin­gend ei­ne kal­te Du­sche, um den Schweiß der Nacht ab­zu­spü­len. Gera­de als er fer­tig war und sich ab­trock­ne­te, klin­gel­te sein Mo­bil­te­le­fon. Roy nahm das Ge­spräch ent­ge­gen, wäh­rend er sich um­ständ­lich das feuch­te Hand­tuch um die Hüf­te schlang. Es war sein al­ter Kum­pel Paul, den er we­gen wei­te­rer Lie­fe­ran­ten an­ge­spro­chen hat­te.

»Roy, du al­ter Ha­lun­ke. Wie war das Le­ben zu dir?«

»Hör auf zu fra­gen Paul. Im­mer, wenn du denkst es kann nur noch bes­ser wer­den, be­kommst du wie­der ei­ne auf die Fin­ger. Ich ha­be ver­sucht Ma­te­ri­al zu be­sor­gen und muss­te da­für sie­ben Su­per­märk­te an­steu­ern. Da­nach saß ich die gan­ze Nacht an mei­nem Tisch und ha­be die Wa­re vor­be­rei­tet.«

»Ah ja, und dann fragst du mich noch nach meh­re­ren Lie­fe­ran­ten, da­mit du noch mehr ar­bei­ten darfst. Du brauchst drin­gend Per­so­nal, mein Freund.«

Roy grins­te, »Das kannst du laut sa­gen, aber mit den klei­nen Char­gen, die ich hier be­kom­me, geht das nicht so ein­fach. Au­ßer­dem kann ich hier nie­man­dem ver­trau­en. Die­se Stadt ist ein Hai­fisch­be­cken und wer nicht auf­passt, wird ge­fres­sen.«

»Ich ha­be zwei wei­te­re Lie­fe­ran­ten für dich auf­ge­tan. Ei­ner da­von hat pro Mo­nat noch vier Ki­lo Schnee, die er dir für einen an­stän­di­gen Kurs lie­fern kann und der an­de­re könn­te wei­te­re zwei Ki­lo lie­fern. Zu­sätz­lich aber auch noch sechs Ki­lo Ice, wenn du in­ter­es­siert bist«, er­klär­te Paul.

Roy freu­te sich wie ein Kind an Weih­nach­ten. »Das ist her­vor­ra­gend, Paul. Wann kann die ers­te Lie­fe­rung er­fol­gen?«

»Wenn du Ka­pa­zi­tä­ten hast be­reits nächs­te Wo­che. Wir brau­chen nur einen Ort für ei­ne Über­ga­be!«

»Den ha­be ich be­reits. Die Koor­di­na­ten ge­be ich den Lie­fe­ran­ten durch.«

Er konn­te Paul grin­sen hö­ren, »Das ist in Ord­nung. Aber du soll­test auch ge­nug Geld bei dir ha­ben, sonst wird nie­mand dei­ne Lei­che fin­den. Die ma­chen da kei­ne Späß­chen!«

»Das ha­be ich mir be­reits ge­dacht, aber am Geld soll­te es nicht lie­gen. Ich ha­be ge­nug, um die Lie­fe­run­gen zu be­zah­len. Wie ist die Rein­heit von der Wa­re?«

»Schnee zu 89 % und Ice zu 92 %.«

Roy grins­te in sich hin­ein. Das war bes­ser als er er­war­tet hat­te. Mit den Wer­ten konn­te er die Lie­fe­run­gen deut­lich stre­cken und noch mehr Geld ein­neh­men. »Okay, schick mir die Da­ten. Ich er­war­te die Lie­fe­run­gen dann.«

»Mach ich Roy. Und nicht ver­ges­sen, das Geld be­reit­zu­hal­ten. Ich mel­de mich nächs­ten Mo­nat wie­der bei dir!«, sag­te Paul und leg­te auf.

End­lich hat­te Roy ein biss­chen mehr Wa­re, die er im Groß­raum Las Ve­gas un­ter die Men­schen brin­gen konn­te. Sei­ne Ab­neh­mer woll­ten so­wie­so schon deut­lich mehr von ihm kau­fen als er her­an­schaf­fen konn­te. Jetzt hat­te er zwei neue Lie­fe­ran­ten, de­nen er das be­nö­tig­te ab­kau­fen konn­te. Es war zwar im­mer noch zu we­nig für sei­nen großen Plan, aber er war nicht mehr nur auf die Gna­de der SNB an­ge­wie­sen, die ihn an der kur­z­en Lei­ne hielt. Soll­ten sie doch end­lich ih­re Lie­fer­pro­ble­me in den Griff be­kom­men. Falls er dann aus die­ser Rich­tung mehr er­war­ten konn­te, wä­re er im Groß­raum Las Ve­gas ei­ner der Ver­tei­ler, die sich einen Teil der Stadt si­chern konn­te. In Ame­ri­kas Spiel­platz in der Wüs­te von Ne­va­da war der Be­darf be­son­ders hoch. Das Glückss­piel in den vie­len Ca­si­nos lock­te jähr­lich sehr vie­le Kun­den an. Vor al­lem die­je­ni­gen, die schon ge­nug Geld auf der Sei­te hat­ten und das hier als Frei­zeit be­trach­te­ten, zo­gen sich ger­ne mal ei­ne Li­ne.

Roy Ca­b­re­ra freu­te sich auf die be­vor­ste­hen­den Wo­chen und der An­he­bung sei­ner Vor­rä­te. Das be­deu­te­te zwar in ers­ter Li­nie mehr Ar­beit für ihn, aber auch mehr Ein­nah­men, für die er über ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten neue Dro­gen in sein Sor­ti­ment auf­neh­men konn­te. Seit Can­na­bis zum Ei­gen­ge­brauch in den Staa­ten le­ga­li­siert war, konn­te man da­mit kein Geld mehr ver­die­nen. Der Staat griff sich die Ein­nah­men ab und da es nicht mehr il­le­gal war, konn­te man da­mit auch nichts mehr ver­die­nen. Die Kun­den wa­ren ein­fach zu ver­wöhnt, weil man Can­na­bis fast über­all kau­fen konn­te.

* * *

Vereinigte Staaten, Dallas (TX)

Der Mor­gen die­ses Früh­lings­ta­ges in Dal­las war un­ge­wöhn­lich kalt zu die­ser Jah­res­zeit. In der Nacht gab es so­gar noch teil­wei­se Bo­den­frost und die Tem­pe­ra­tur war noch nicht auf an­ge­neh­me Wer­te an­ge­stie­gen. Auf dem Park­platz vor dem Lin­coln Squa­re, ei­nem Ein­kaufs­zen­trum zwi­schen Dal­las und Fort Worth am Tom Lan­dry Free­way war­te­te Stuart Clar­ke leicht frie­rend in sei­nem him­melblau­en Trans­por­ter. Er hat­te sich einen Kaf­fee ge­kauft, um sich we­nigs­tens ein biss­chen auf­zu­wär­men. Sein Kon­takt ließ ein biss­chen auf sich war­ten. Er hat­te vor­her an­ge­kün­digt, dass es et­was län­ger dau­ern könn­te.

Lei­der war­te­te er jetzt schon über ei­ne Stun­de auf sei­ne Lie­fe­rung. Es war nicht ein­fach in Ame­ri­ka an ei­ne un­re­gis­trier­te Waf­fe zu ge­lan­gen. Zwar durf­te man in Texas of­fi­zi­ell Waf­fen kau­fen und auch bei sich tra­gen, aber sie wa­ren al­le auf die je­wei­li­gen Be­sit­zer re­gis­triert. Brauch­te man un­re­gis­trier­te Waf­fen wur­de es deut­lich schwe­rer an ei­ne zu ge­lan­gen. Sein Kon­takt konn­te al­ler­dings ei­ni­ge da­von lie­fern, die man nicht in ei­nem Waf­fen­ge­schäft be­kam. Stuart hat­te ei­ni­ge be­stellt, die auf dem of­fi­zi­el­len Markt über­haupt nicht ge­lie­fert wur­den. Der Na­tio­nal Fi­re­arms Act re­gel­te den Be­sitz der voll­au­to­ma­ti­schen Waf­fen in den USA. Pri­vat­leu­te, die ei­ne sol­che Waf­fe bei sich tra­gen woll­ten, brauch­ten ei­ne Er­laub­nis. Da­zu wur­den sie vom FBI über­prüft und muss­ten beim zu­stän­di­gen Bun­des­amt Bu­reau of Al­co­hol, To­b­ac­co, Fi­re­arms and Ex­plo­si­ves, kurz ATF ge­nannt ein­ge­tra­gen wer­den.

Stuart Clar­ke war schon mehr­fach we­gen kri­mi­nel­ler Ma­chen­schaf­ten ver­ur­teilt wor­den und muss­te auch ei­ni­ge sei­ner 34 Le­bens­jah­re hin­ter Stahl­stan­gen ver­brin­gen. Wer al­ler­dings vor­be­straft war, durf­te kei­ne Waf­fe mehr be­sit­zen oder bei sich tra­gen. Das mach­te es für Per­so­nen in sei­ner Po­si­ti­on sehr schwer an Feu­er­waf­fen zu kom­men. Kau­fen konn­te er sie nicht, weil man ihn so­fort ab­ge­lehnt hät­te. Es blieb ihm nur die Mög­lich­keit sei­ne Schnell­feu­er­ge­weh­re il­le­gal zu er­wer­ben. Da­zu ge­hör­te es lei­der auch auf sei­nen Lie­fe­ran­ten zu war­ten. Jetzt saß er am frü­hen Mor­gen hier auf die­sem düs­te­ren Park­platz.

Lang­sam ging schon die Son­ne auf und der Park­platz wur­de et­was be­leb­ter. Das war nicht ge­ra­de das, was sich Stuart er­hofft hat­te. Er woll­te das Ge­schäft im Wert von 300.000 Dol­lar mög­lichst ab­wi­ckeln, so­lan­ge es noch dun­kel war. Vor al­lem war das Ein­kaufs­zen­trum nicht ge­ra­de der bes­te Ort, um un­er­kannt Ge­schäf­te ab­zu­wi­ckeln. Plötz­lich hielt di­rekt vor ihm ein Mit­tel­klas­se­wa­gen mit ei­nem Num­mern­schild aus Okla­ho­ma. Der Fah­rer des Wa­gens war un­ge­wöhn­lich. Er wirk­te wie ein jun­ger Stu­dent auf Klas­sen­fahrt und nicht wie ein Waf­fen­händ­ler. Stuart stieg aus und ging auf den Fah­rer zu.

Der ent­schul­dig­te sich so­fort, »Tut mir leid, ich bin ver­dammt spät dran, aber ich wur­de auf dem Highway auf­ge­hal­ten. Ih­re Lie­fe­rung liegt im Kof­fer­raum.«

Oh­ne Um­schwei­fe öff­ne­te der jun­ge Mann die Heck­klap­pe und im Ge­päck­fach des Wa­gens kam ei­ne läng­lich zu­ge­na­gel­te Holz­kis­te zum Vor­schein. Stuart sah sie einen Mo­ment schwei­gend an. Dann ging er zu sei­nem Trans­por­ter zu­rück und öff­ne­te ei­ne Sei­te der La­de­flä­che. Die Holz­kis­te war sehr schwer und der jun­ge Stu­dent muss­te ihm hel­fen sie zu ver­la­den. Als sie si­cher auf sei­ner La­de­flä­che lag, war ihm auch ganz schön warm ge­wor­den. Der Stu­dent schi­en kei­ne Ah­nung zu ha­ben, was er da durch die Ge­gend ge­fah­ren hat­te, aber das stör­te Stuart auch nicht. Sein Ge­schäfts­part­ner hat­te ihm bei der Be­stel­lung schon mit­ge­teilt, dass die Lie­fe­rung von ei­nem drit­ten durch­ge­führt wur­de. Be­grün­det wur­de das durch Si­cher­heits­be­den­ken. Stuart Clar­ke konn­te das gut ver­ste­hen. Nie­mand wur­de ger­ne mit schar­fen Waf­fen auf der Stra­ße an­ge­hal­ten. Vor al­lem nicht mit den Waf­fen, die er be­stellt hat­te.

Die voll­au­to­ma­ti­schen M 16 wa­ren schon lan­ge in den USA ver­bo­ten. Kau­fen konn­te man sie im frei­en Han­del nicht. Die­se au­to­ma­ti­schen Ge­weh­re wa­ren aus­schließ­lich dem Mi­li­tär vor­be­hal­ten und konn­ten auf dem Markt nicht er­wor­ben wer­den. Stuart hat­te über sei­nen Kon­takt al­ler­dings zwei da­von or­ga­ni­sie­ren kön­nen. Für nur 150.000 Dol­lar das Stück wa­ren sie ein Schnäpp­chen ge­we­sen. Clar­ke war schon im­mer ein Waf­fen­narr und ein­mal in sei­nem Le­ben woll­te er ei­ne da­von sein Ei­gen nen­nen dür­fen. Bei sei­nem Jahr bei der Ar­my, die er im Rah­men der Wehr­pflicht ab­leis­ten muss­te, be­kam er sie nur bei Be­rufs­sol­da­ten zu se­hen, aber nie selbst ei­nes da­von in die Hand.

Der Stu­dent fuhr oh­ne ein wei­te­res Wort wie­der da­von und ließ Clar­ke al­lei­ne. Er schlug die Tür sei­nes Lie­fer­wa­gens zu und setz­te sich mild lä­chelnd hin­ter das Steu­er. Glück­lich über die er­folg­te Lie­fe­rung fuhr er vom Park­platz des Lin­coln Cen­ters und fuhr in Rich­tung des Six Flags over Texas Ver­gnü­gungs­parks da­von. Auf den Stra­ßen war zu die­ser Zeit nicht wirk­lich viel los, was Stuart Clar­ke ein schnel­les vor­an­kom­men er­mög­lich­te. Erst in der Moo­re Street, süd­lich des Tur­ner-Parks in Dal­las hielt er den him­melblau­en Trans­por­ter wie­der an. Stuart stieg aus und ver­rie­gel­te die Ga­r­agen­tür be­vor er sich die Holz­kis­te vor­nahm.

Mit ei­nem Brech­ei­sen he­bel­te er den De­ckel ab und fand un­ter Holz­wol­le sei­ne Ge­weh­re in ei­nem Stän­der. Die Ma­ga­zi­ne wa­ren an den En­den un­ter ei­ner Men­ge an Holz­wol­le ver­bor­gen. Die bei­den M 16 sa­hen in ih­rem leicht glän­zen­den Schwarz wun­der­voll aus. Vor­sich­tig streck­te Stuart sei­ne Hän­de aus und ließ sei­ne Fin­ger über das küh­le Me­tall glei­ten. Ein großes Lä­cheln zeig­te sich in sei­nem Ge­sicht. Er hat­te sei­nen Her­zens­wunsch vor sich. Funk­ti­ons­tüch­ti­ge M 16, kom­plett neu und un­be­nutzt. Mu­ni­ti­on hat­te er be­reits im Vor­feld da­für be­sorgt. Al­ler­dings füll­te er nur ei­nes der Ma­ga­zi­ne auf. Die an­de­ren blie­ben leer. Ein Ge­wehr woll­te er zum Feu­ern ver­wen­den, das an­de­re al­ler­dings war nur zu De­ko­zwe­cken ge­dacht.

* * *

Vereinigte Staaten, Cleveland (OH)

Für sei­nen großen Plan war al­les vor­be­rei­tet, hat­te er erst vor we­ni­gen Se­kun­den am Te­le­fon er­fah­ren. Em­ma Reed, die Lei­te­rin des Ho­ri­zon­ta­len Ge­wer­bes in Port­land, hat­te das Päck­chen er­hal­ten. Auf die Ku­rie­re war ver­lass ge­we­sen. Am Te­le­fon hat­te sie ihm be­stä­tigt, die ver­pack­ten Dro­gen im Ver­steck ge­fun­den zu ha­ben. Auch Ma­de­lei­ne hat­te ih­re Auf­ga­be er­le­digt und die Fracht bei ih­rem Be­such des Ser­geants un­ter sei­nem Klei­der­schrank zu ver­ste­cken. Sie hat­te so­gar dar­an ge­dacht, das Päck­chen ein biss­chen zu öff­nen und ein biss­chen des Pul­vers un­ter dem Schrank ver­teilt zu ha­ben. Jetzt fehl­te nur noch sein An­ruf bei der Po­li­zei, um den Ser­geant der Dro­gen­fahn­dung aus dem Weg zu räu­men.

Noch ein letz­tes Mal zog er genüss­lich an der an­ge­steck­ten Ha­van­na in sei­nem Bü­ro und blick­te wie üb­lich über die Was­sero­ber­flä­che des La­ke Erie. Es war an der Zeit sei­nen An­ruf bei der Po­li­zei in Port­land zu ma­chen und Ser­geant Bar­ber an den Ha­ken zu hän­gen. Falls die Po­li­zis­ten schnell ge­nug wa­ren, könn­ten sie ihn so­gar noch we­gen Pro­sti­tu­ti­on ein­sper­ren. Al­ler­dings woll­te das Em­ma ver­mei­den. Ih­re Mäd­chen soll­ten nicht in sei­ne kru­den Plä­ne ver­strickt wer­den und schon gar nicht bei der Ar­beit ver­haf­tet. Die An­ge­le­gen­hei­ten von Em­ma Reed wa­ren so­wie­so il­le­gal und sie konn­te kei­ne Pro­ble­me mit den Cops der Sit­te brau­chen. Zu­dem wür­den sie noch auf ihn zu­rück­fal­len und die Un­ter­händ­le­rin hat­te kein großes Pro­blem da­mit ihn zu ver­pfei­fen. Er muss­te ihr zu­si­chern, sie und ih­re Mäd­chen aus sei­nen An­ge­le­gen­hei­ten her­aus­zu­hal­ten.

We­nigs­tens war al­les so weit vor­be­rei­tet. Nur Ma­de­lei­ne war noch bei dem Dro­gen­spür­hund zu­gan­ge. So­bald er ei­ne wei­te­re Rück­mel­dung er­hielt, konn­te er an­fan­gen. Über sei­nem ge­al­ter­ten Ge­sicht lag ein fröh­li­ches Lä­cheln. Die gu­te Zi­gar­re aus dem Hu­mi­dor in sei­nem Bü­ro schmeck­te heu­te ge­fühlt noch bes­ser als sonst. Ei­ne hand­ge­roll­ten Co­hi­ba Be­hi­ke aus Ku­ba be­stell­te er über sei­nen Händ­ler in Ha­van­na. Die Qua­li­tät war aus­ge­zeich­net und ei­ne ein­zel­ne der be­son­de­ren Zi­gar­ren kos­te­te ihn knapp 300 Dol­lar. Es wa­ren die edels­ten Zi­gar­ren, die man aus Ku­ba be­kom­men konn­te. Er ver­füg­te über ge­nü­gend Geld­mit­tel, sich je­den Mo­nat ei­ne Kis­te mit 40 Stück die­ser teu­ren Stä­be zu leis­ten. Ge­lie­fert wur­den sie in ei­nem spe­zi­el­len Hu­mi­dor, der nur für den Trans­port von Ku­ba in die Ve­rei­nig­ten Staa­ten zu ge­brau­chen war. Nach der An­kunft brach­te er sie in sei­nem Schrank des Bü­ros un­ter.

Für die Zei­ten, in de­nen er sich ei­ne da­von an­steck­te, galt strick­te Ru­he. Sie wa­ren et­was Be­son­de­res und nicht für je­den An­lass ge­dacht. Zur Fei­er des Ta­ges und im Hin­blick dar­auf, die Brem­se in Port­land aus­schal­ten zu kön­nen, nahm er sich die Ru­he­pau­se. Bar­ber soll­te ru­hig noch ein biss­chen auf Ma­de­lei­ne her­um­sprin­gen, es wä­re für die nächs­ten Jah­re das letz­te Mal für ihn. Ein Dro­gen­cop den man we­gen Dro­gen­be­sit­zes ver­haf­te­te, war in je­der Haft­an­stalt der Staa­ten ein gern ge­se­he­ner Gast. An­de­re Mithäft­lin­ge mach­ten sich einen Spaß dar­aus sie bis an ihr En­de zu quä­len. Genau das wünsch­te er sich für Bar­ber, der ihn schon vie­le Mil­lio­nen ge­kos­tet hat­te.

Die Co­hi­ba Be­hi­ke war schon lang­sam auf­ge­raucht als end­lich sein Te­le­fon klin­gel­te. Es war Em­ma. Ma­de­lei­ne war von ih­rem Be­such bei Bar­ber zu­rück­ge­kehrt und der Ser­geant wür­de jetzt schla­fen, teil­te sie ihm mit. Über­schwäng­lich be­dank­te er sich bei ihr und be­en­de­te das an­ge­neh­me Ge­spräch mit sei­ner Ge­hil­fin. Er griff zu sei­nem spe­zi­el­len Te­le­fon auf sei­nem Schreib­tisch. Es war stan­dard­mä­ßig so ein­ge­rich­tet, dass die An­ru­fe nicht zu­rück­ver­folg­bar wa­ren. Der Com­pu­ter lei­te­te das Ge­spräch über ei­ne gan­ze Rei­he von Ge­gen­stel­len um bis es dann den Teil­neh­mer kon­tak­tier­te. Die Po­li­zei ver­füg­te ein spe­zi­el­les Sys­tem, um sol­che An­ru­fe zu­rück­zu­ver­fol­gen. Sein Gerät brach­te die­ses Sys­tem so durch­ein­an­der, dass je­de Ab­fra­ge ei­ne an­de­re Stadt in den USA als Stand­ort zu­rück­mel­de­te. So war si­cher­ge­stellt, dass sein ei­gent­li­cher Auf­ent­halts­ort ge­heim blieb.

Zufrie­den tipp­te er die Te­le­fon­num­mer der Po­li­zei Port­land in das Ein­ga­be­feld und war­te­te dar­auf, bis sein Ge­spräch auf­ge­baut war. So­fort nach dem ers­ten Klin­gel­zei­chen nahm ein Be­am­ter das Ge­spräch an und mel­de­te sich als Of­fi­cer Wit­march.

In ru­hi­gem Ton sag­te er, »Ich möch­te ein Ver­bre­chen mel­den, von dem ich Kennt­nis er­langt ha­be. Ein Be­am­ter der Po­li­zei han­delt mit Cry­stal Meth in großem Stil und kon­su­miert die­ses Rausch­mit­tel. Sein Na­me ist Ro­ger Bar­ber. Der Dienst­grad und sei­ne Po­si­ti­on sind mir nicht be­kannt, al­ler­dings soll er auf ih­rem Re­vier ar­bei­ten. So weit ich in­for­miert wur­de, ver­steckt er in sei­nem Schlaf­zim­mer ei­ne große Men­ge der Dro­ge.« Di­rekt da­nach leg­te er wie­der auf und grins­te über das gan­ze Ge­sicht.

Der Be­am­te wür­de si­cher schon die rich­ti­gen Schrit­te über­neh­men und er wür­de so­fort da­von er­fah­ren. Er hat­te einen sei­ner Spit­zel schon in Po­si­ti­on ge­bracht, der An­wei­sung hat­te, ihn so­fort an­zu­ru­fen, wenn sich die Po­li­zei dem Haus nä­her­te. Nach we­ni­gen Mi­nu­ten war es schon so weit und sein nor­ma­les Te­le­fon klin­gel­te.

»Ja?«, frag­te er auf­ge­regt wie zur Be­sche­rung an Weih­nach­ten.

»Die Po­li­zei fährt so­eben vor Sir«

»Wie vie­le sind es?«, frag­te er sen­sa­ti­ons­gie­rig.

»Drei Strei­fen­wa­gen und ein Kas­ten­wa­gen hal­ten ge­ra­de in die­sem Mo­ment vor sei­nem Haus!«

»Das ist ja per­fekt. Ich hof­fe mal sie neh­men ihn rich­tig aus­ein­an­der.«

»Sir, es kommt noch ein Fahr­zeug vor sei­nem Haus an. Sieht nach FBI aus!«

Er schlug mit der Hand auf sei­nen Schreib­tisch. Mit de­nen hat­te er nicht mehr ge­rech­net, aber sie wa­ren ja schon vor Ort, wie er wuss­te. Wie ge­bannt hör­te er dem Be­richt sei­nes Spit­zels am Te­le­fon zu. Es war ein­fach un­glaub­lich. Nie­mals hät­te er ge­dacht sich über ei­ne Po­li­zei­ak­ti­on freu­en zu kön­nen. Aber die­ses Mal half sie ihm und sei­ner Un­ter­neh­mung mehr als al­les an­de­re. Falls sie Bar­ber ein­pack­ten, und das müss­ten sie nach dem Fund de­fi­ni­tiv, wä­re der Weg in Port­land end­lich frei sein Ge­schäft rich­tig auf­zu­zie­hen.

10. Kapitel
Vereinigte Staaten, Portland (OR)

Die Po­li­zei­be­am­ten des Re­viers hat­ten be­reits die Woh­nung von Ser­geant Ro­ger Bar­ber ge­stürmt, als die Bun­des­be­am­ten des FBI an­ka­men. As­hleigh Spears und ihr Kol­le­ge Cooper Knight stie­gen aus dem Wa­gen aus, den sie für ih­re Er­mitt­lun­gen in Port­land zur Ver­fü­gung hat­ten und stan­den im lau­en Wind, der aus Os­ten her vom Meer kam. Sie hat­ten auf dem Re­vier er­fah­ren, dass ihr In­for­mant an­geb­lich selbst die Dro­ge nahm und auch Ver­trieb. Die jun­ge FBI Agen­tin hat­te so­fort das Mo­tiv er­kannt. Bar­ber konn­te in sei­nem Be­ruf die an­de­ren Dea­ler aus dem Weg räu­men, um sein ei­ge­nes Ge­schäft vor­an­zu­trei­ben.

Er konn­te sich so die Kon­kur­renz vom Hals schaf­fen. Ein bes­se­res Mo­tiv konn­te man gar nicht fin­den. Bar­ber steck­te al­so selbst da­hin­ter. Spears woll­te aus ers­ter Hand er­fah­ren, was man bei ihm fand und ob er viel­leicht so­gar den be­schlag­nahm­ten Stoff aus der As­ser­va­ten­kam­mer nicht ver­nich­ten ließ, son­dern selbst wei­ter ver­teil­te. Die An­kla­ge wä­re in die­sem Fall ein leich­tes. Bar­ber als Dro­gen­kom­missar hat­te bes­te Ver­bin­dun­gen in das Mi­lieu und konn­te den Stoff nicht nur aus dem Ver­kehr zie­hen, son­dern auch noch für sich ver­kau­fen. Er war in den letz­ten Mo­na­ten über­aus er­folg­reich, wenn es dar­um ging, die Dro­gen auf­zu­spü­ren und die klei­ne­ren Dea­ler ins Ge­fäng­nis zu brin­gen. Durch sei­ne Ver­bin­dun­gen in die Dro­gen­kri­mi­na­li­tät von Port­land konn­te er leicht fest­stel­len, wer sei­ne Kon­kur­ren­ten wa­ren und wo­her sie den Stoff be­ka­men.

Ein­fa­cher konn­te man nicht an Geld kom­men. Sein Ver­dienst als Ser­geant war nicht ge­ra­de be­son­ders hoch. Ein klei­nes Zu­brot durch den Stoff, den an­de­re in sei­ne Stadt brach­ten. Da­mit konn­te er sich ei­ne gol­de­ne Na­se ver­die­nen. Zu­sam­men folg­ten sie den Po­li­zis­ten in die Woh­nung von Ro­ger Bar­ber. Das frei ste­hen­de Haus in ei­ner Sei­ten­stra­ße von Port­land wur­de nur sehr spär­lich von den Stra­ßen­la­ter­nen er­hellt. Trotz­dem sah man, dass es erst vor kur­z­em frisch ge­stri­chen wor­den war. Für Cooper Knight war das ein wei­te­rer Hin­weis auf die Schuld des Ser­geants. Ein ein­fa­cher Po­li­zei­be­am­ter ver­dien­te im mitt­le­ren Dienst nicht be­son­ders, wo­her soll­te er al­so das Geld neh­men die ge­sam­te Fassa­de neu an­pin­seln zu las­sen. Es sei denn er hät­te es selbst ge­macht, was aber bei sei­nen ge­sam­mel­ten Über­stun­den in der letz­ten Zeit kaum mög­lich war.

In dem Haus war es sau­ber und or­dent­lich. Es wirk­te fast wie frisch ge­wischt. Die Mö­bel, die Bar­ber aus­ge­sucht hat­te, pass­ten zu der Woh­nung. Ins­ge­samt er­gab sich dar­aus ein ge­müt­li­ches Am­bien­te für die Zeit nach der Ar­beit, um sich zu ent­span­nen. An den Wän­den hin­gen ge­schmack­vol­le Bil­der und ei­ni­ge Film­pla­ka­te von Fil­men, die fast über­all auf der Welt er­folg­reich wa­ren. Die Luft war an­ge­rei­chert mit ei­nem leich­ten Duft nach Ze­dern­holz, was ir­gend­wie be­ru­hi­gend wirk­te. Als sie in das Schlaf­zim­mer ka­men, sa­hen sie Bar­ber um­ringt von drei Be­am­ten auf dem Bett sit­zen. Sei­ne Haa­re wa­ren noch feucht und im an­gren­zen­den Ba­de­zim­mer sah man noch feuch­ten Dampf. Sie hat­ten ihn wohl di­rekt un­ter der Du­sche er­wi­scht. Er hat­te nur ein Hand­tuch um die Hüf­ten ge­schlun­gen.

Ei­ni­ge Kol­le­gen un­ter­such­ten das gan­ze Haus auf Dro­gen, hat­ten bis­her aber nichts ge­fun­den. Nur un­ter dem Schrank hat­ten die Kol­le­gen ein Päck­chen her­vor­ge­holt. Ei­ne Ecke des in Plas­tik ver­pack­ten Pul­vers war ge­öff­net und man sah deut­lich, wie ein Teil da­von be­reits fehl­te. Das sah gar nicht gut für Bar­ber aus. Spears ir­ri­tier­te der Ge­sichts­aus­druck des Ser­geants. Er schi­en das völ­lig ge­las­sen hin­zu­neh­men und war die Ru­he in Per­son. Wie auf ei­ner Som­mer­par­ty wisch­te, er sich die Feuch­tig­keit, die ihm von den Haa­ren ins Ge­sicht lief, aus dem Ge­sicht. Die Be­am­ten vor ihm kann­te er so­gar und hielt ein biss­chen Small­talk. Die gan­ze Grup­pe schi­en zu scher­zen, denn die Be­am­ten grins­ten fröh­lich.

Als er die Agents des FBI sah, bot er ih­nen so­gleich einen Sitz­platz an. Knight und sei­ne Kol­le­gin ver­zich­te­ten al­ler­dings dar­auf. Sie er­ach­te­ten den Ser­geant im­mer noch als schul­dig. Die Be­wei­se la­gen ja di­rekt vor dem Schrank auf dem Bo­den. Spears trat auf das Päck­chen zu, ging in die Ho­cke und schau­te sich das Pul­ver et­was ge­nau­er an. Was sie dort sah, er­in­ner­te zwar an die be­rühm­te Dro­ge, konn­te es al­ler­dings kaum sein. Cry­stal Meth wa­ren eher grö­be­re Kris­tal­le als das in dem Pa­ket. Für He­ro­in oder ei­ne an­de­re ge­bräuch­li­che Dro­ge auf dem Markt al­ler­dings zu grob­kör­nig. Et­was in ihr zwei­fel­te ernst­haft dar­an, dass die Kol­le­gen hier das ge­fun­den hat­ten, was sie er­war­te­ten.

Vor­sich­tig tipp­te sie mit dem Fin­ger in die Sub­stanz des Päck­chens. Ei­ni­ge Kris­tal­le blie­ben auf der Fin­ger­spit­ze hän­gen. Spears dreh­te sich zum Licht und be­sah sich die Kör­ner auf ih­rer Fin­ger­spit­ze. Das konn­te beim bes­ten Wil­len kein Cry­stal Meth sein. Die Kris­tal­le wa­ren eher bräun­lich als Trans­pa­rent wie sie es ei­gent­lich sein soll­ten, wenn es die Dro­ge war. Die gan­ze Struk­tur war an­ders. Wäh­rend Cry­stal Meth ei­gent­lich läng­li­che Kris­tal­le bil­de­te, wa­ren das hier gro­be und ecki­ge Kör­ner. Sie konn­te sie auch nicht ein­fach zwi­schen den Fin­gern zer­rei­ben. Lang­sam führ­te sie den Fin­ger an ih­re Na­se und roch vor­sich­tig dar­an. Sie muss­te schmun­zeln. Das, was sie da zwi­schen ih­ren Fin­gern hat­te, war die ge­bräuch­lichs­te und ver­brei­tets­te Dro­ge welt­weit. Um ganz si­cher­zu­ge­hen, tipp­te sie den Fin­ger auf ih­re Zun­ge.

Spears er­hob sich wie­der und stell­te sich ne­ben ih­ren Kol­le­gen. Dann frag­te sie, »Ha­ben sie sonst noch et­was ge­fun­den?«

»Bis­her nicht, aber wir sind auch noch nicht fer­tig«, be­kam sie vom lei­ten­den Be­am­ten mit­ge­teilt.

»Ich den­ke sie kön­nen die Durch­su­chung auf­ge­ben. Ich ha­be zwar schon vie­le Or­te ge­se­hen, an de­nen man Kan­dis­zu­cker auf­be­wahrt, aber un­ter dem Klei­der­schrank ist mir neu.«

»Kan­dis­zu­cker?«, frag­ten Knight und der lei­ten­de Be­am­te wie aus ei­nem Mund.

»Ja! Vi­el­leicht fei­ert ihr Kol­le­ge ger­ne Tee­par­tys in sei­nem Schlaf­zim­mer wäh­rend er sich mit ei­ner Da­me ver­gnügt. Ich ha­be schon so ziem­lich al­les ge­se­hen, was es für Vor­lie­ben in die­sem Be­reich gibt. Das ist na­tür­lich sehr un­ge­wöhn­lich, aber nicht ver­bo­ten. Zu­min­dest fällt mir jetzt kein Bun­des­staat un­se­res Lan­des ein, in dem Ge­schlechts­ver­kehr zwi­schen Er­wach­se­nen mit ei­nem Tee ver­bo­ten wä­re«, er­klär­te sie grin­send, wäh­rend ihr Kol­le­ge eben­falls ne­ben dem ge­fun­de­nen Plas­tik­päck­chen auf die Knie sank und sich den In­halt an­sah.

Auch er tipp­te sich ei­ni­ge Kris­tal­le auf die Zun­ge und schmeck­te, be­vor er nie­der­ge­schla­gen be­stä­tig­te, »Das ist tat­säch­lich Kan­dis­zu­cker.«

Bar­ber glucks­te auf sei­nem Bett und fing an zu la­chen. »Ver­haf­tet ihr mich jetzt, weil ich Kan­dis­zu­cker in mei­nem Schlaf­zim­mer ha­be, oder darf ich mir jetzt et­was an­zie­hen?«

»Zu­cker ist kein Straf­tat­be­stand, Ser­geant, al­ler­dings sind wir mit der Durch­su­chung noch nicht fer­tig«, be­harr­te der Ein­satz­lei­ter.

Spears griff ein »Hö­ren sie auf mit dem Un­fug. Die gan­ze Woh­nung sieht aus wie ge­leckt. Wenn sie bis jetzt nichts ge­fun­den ha­ben, wer­den sie auch nir­gend­wo an­ders et­was fin­den. Ser­geant Bar­ber lä­chelt ver­gnügt in die Run­de, weil er weiß, dass ihm nichts pas­sie­ren kann. Au­ßer Zu­cker wä­re mitt­ler­wei­le ver­bo­ten wor­den, dann könn­ten sie ihm et­was vor­wer­fen. Das ist aber, laut mei­nem letz­ten Stand nicht der Fall, al­so ha­ben sie ab­so­lut nichts ge­gen ihn in der Hand. Sex ist kein Ver­bre­chen, Zu­cker über­all er­hält­lich und Kör­per­pfle­ge schon über­haupt nicht. Pa­cken sie ih­re Kol­le­gen ein und küm­mern sich um an­de­re Fäl­le!«

Der Ein­satz­lei­ter gab sich ge­schla­gen und gab An­wei­sung zu­sam­men­zu­pa­cken und die Woh­nung zu ver­las­sen. Im­mer­hin war Spears Bun­de­s­agen­tin des FBI und ge­gen­über ihm wei­sungs­be­fugt. Sei­ne Kol­le­gen pack­ten ihr mit­ge­brach­tes Equip­ment zu­sam­men und schlen­der­ten da­mit zum Aus­gang. Der Ein­satz­lei­ter war, der letz­te der ging und die bei­den Agen­ten mit dem Ser­geant al­lei­ne ließ. Spears folg­te ihm in den Gang und for­der­te Bar­ber auf, sich et­was an­zu­zie­hen. Dann schloss sie die Tür zum Schlaf­zim­mer und die bei­den Män­ner blie­ben al­lei­ne zu­rück. We­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter öff­ne­te Bar­ber die Tür und kam mit ih­rem Kol­le­gen aus dem Schlaf­zim­mer.

»Darf ich ih­nen einen Kaf­fee an­bie­ten?«, frag­te er die Agen­ten.

Spears ant­wor­te­te nach ei­nem kur­z­en Blick zu ih­rem Kol­le­gen »Ger­ne. Aber bit­te mit nor­ma­lem Zu­cker, falls sie wel­chen ha­ben.«

Bar­ber lach­te mit tiefer Stim­me und bat die bei­den in die Kü­che an den run­den Tisch aus hel­lem Kie­fern­holz. Er be­gann fri­schen Kaf­fee auf­zu­set­zen. Die Agen­ten setz­ten sich auf die Stüh­le. As­hleigh er­griff er­neut das Wort und rich­te­te ei­ne ers­te Fra­ge an Bar­ber.

»Trei­ben ih­re Kol­le­gen öf­ter sol­che Scher­ze mit ih­nen, Ser­geant?«

»Ei­gent­lich nicht. Ich kann mir auch nicht vor­stel­len, wer dar­an ein In­ter­es­se ha­ben soll­te. Wir ver­ste­hen uns un­ter­ein­an­der gut auf dem Re­vier, aber sol­che Scher­ze er­laubt sich kei­ner von uns. Die Be­am­ten ha­ben schon mehr als ge­nug zu tun, da muss man nicht noch ei­lig ei­ne Durch­su­chung beim Staats­an­walt be­an­tra­gen, ein Te­am zu­sam­men­stel­len und dann ei­ne Woh­nung aus­ein­an­der­neh­men. Au­ßer­dem ist es kaum mög­lich wäh­rend ich un­ter­wegs bin hier ein­zu­stei­gen oh­ne, dass ich es be­mer­ke. Nur mei­ne Nach­ba­rin be­sitzt einen Schlüs­sel zu mei­ner Woh­nung. Aber die ist der­zeit gar nicht in der Nä­he. Sie wur­de letz­te Wo­che mit Ver­dacht auf ei­ne Lun­gen­ent­zün­dung in die Kli­nik ge­bracht«, er­klär­te er freund­lich, als der Duft nach fri­schem Kaf­fee die hel­le Kü­che er­ober­te. Dann füg­te er hin­zu, »Mir scheint eher, dass man ver­sucht hat mir et­was an­zu­hän­gen. Al­ler­dings ist mir nicht klar, warum man da­zu Zu­cker in mei­nem Schlaf­zim­mer ver­ste­cken soll­te.«

»Genau das ist der Punkt, der mir auch un­be­greif­lich ist. Ein Dea­ler, der et­was ge­gen sie hat, wür­de wohl kaum Zu­cker ver­ste­cken, son­dern ei­ne gan­ze An­zahl ver­schie­de­ner Dro­gen über­all de­po­nie­ren und dann auf dem Re­vier an­ru­fen und ein Ver­bre­chen mel­den.«

Bar­ber dreh­te sich zu ihr um, lehn­te sich an die An­rich­te und frag­te, »Je­mand hat die Dienst­stel­le an­ge­ru­fen und ein Ver­bre­chen ge­mel­det?«

Cooper Knight er­wach­te aus sei­nen Tag­träu­men mit sei­ner Kol­le­gin in der Haup­trol­le, »Es gab einen An­ruf auf der Num­mer des Dro­gen­de­zer­nats. Ein Of­fi­cer hat ihn ent­ge­gen­ge­nom­men und die er­for­der­li­chen Schrit­te ein­ge­lei­tet. Der An­ru­fer hat auch ex­pli­zit auf das Schlaf­zim­mer ver­wie­sen, wo die Dro­gen an­geb­lich lie­gen wür­den. Man hat den An­ruf schon zu­rück­ver­folgt. Laut Aus­kunft der Tech­nik kam der An­ruf aus Fayet­te­ville in Ar­kan­sas.«

Der Ser­geant über­leg­te ei­ne Se­kun­de, »Schon wie­der ein An­ruf. Las­sen Sie mich ra­ten. Der An­ru­fer woll­te an­onym blei­ben und mich nur an­schwär­zen. Na­tür­lich nur ganz zu­fäl­lig, wenn ge­ra­de sie vom FBI bei uns auf­tau­chen. Bei Nash war es eben­falls so ein An­ruf, der uns auf die Spur ge­bracht hat. Ir­gend­je­mand ver­folgt wohl das Ziel mich aus dem Weg zu räu­men. Aber warum mit Kan­dis­zu­cker? Das er­gibt doch über­haupt kei­nen Sinn!«

»Wer war sonst noch in der Woh­nung au­ßer ih­nen? Sie hat­ten heu­te Abend de­fi­ni­tiv Be­such. Weib­li­chen Be­such wie ich ver­mu­te und hat­ten ein biss­chen Spaß in der Ho­ri­zon­ta­len, wie ich am Zu­stand des Betts er­ken­nen konn­te«, woll­te Spears wis­sen.

»Gu­te Er­mitt­lungs­ar­beit Spe­ci­al Agen­tin Spears«, lob­te Bar­ber. »Sie ha­ben recht. Ich war nicht al­lei­ne. Zu mei­ner Schan­de muss ich ge­ste­hen, dass mich ein­mal die Wo­che ei­ne jun­ge Da­me be­sucht. Auf die nä­he­ren De­tails muss ich hof­fent­lich nicht ein­ge­hen.«

»Mal ab­ge­se­hen da­von, dass sie ei­ne Pro­sti­tu­ier­te in An­spruch neh­men, was üb­ri­gens il­le­gal ist, geht es mir dar­um auf­zu­klä­ren, warum man zu sol­chen Mit­teln greift. Ganz zu schwei­gen von der Un­fä­hig­keit, wenn man statt ei­ner Dro­ge Kan­dis­zu­cker ver­steckt. An­ge­nom­men, der Fall Ed­win Nash und die­ses Schau­spiel hier ge­hö­ren zu­sam­men, muss die Da­me, die sie re­gel­mä­ßig be­sucht, dar­in ver­wi­ckelt sein. Ei­ne an­de­re Mög­lich­keit wür­de mir auf die Schnel­le jetzt nicht ein­fal­len. Wie heißt die Da­me, wo ar­bei­tet sie und wo ist sie zu fin­den?«, frag­te Spears ganz of­fen her­aus.

Bar­ber woll­te das nicht ein­fach so be­ant­wor­ten. Es war ihm mehr als un­an­ge­nehm von der FBI Agen­tin er­tappt wor­den zu sein. Wenn sie das wüss­ten, könn­te er auch gleich einen Aus­hang auf dem Re­vier ma­chen. Al­ler­dings war es of­fen­sicht­lich, dass sei­ne be­vor­zug­te Ser­vice­mit­ar­bei­te­rin et­was da­mit zu tun ha­ben muss­te und er es nicht mehr ver­schwei­gen durf­te. Des­we­gen er­zähl­te er ganz of­fen da­von, dass auf­grund sei­nes Jobs nicht viel Zeit für ei­ne Be­zie­hung blieb. Sei­ne ers­te Ehe war am Zeit­man­gel zer­bro­chen und durch die vie­len Schich­ten auf dem Re­vier ge­lang es ihm nicht ei­ne an­de­re Da­me für sich zu be­geis­tern. Na­tür­lich hat­te er, wie je­der an­de­re Mensch auch, das Be­dürf­nis nach Kör­per­kon­takt und Nä­he. Sein Ge­halt war zwar nicht sehr üp­pig, aber ein­mal die Wo­che leis­te­te er sich ei­ne jun­ge Frau aus die­sem Ge­wer­be. Sie nann­te sich Ma­de­lei­ne und ar­bei­te­te auf frei­wil­li­ger Ba­sis bei Em­ma Reed. Ihr Eta­blis­se­ment war nicht orts­ge­bun­den. Sie un­ter­hielt au­ßer­halb Port­lands meh­re­re klei­ne­re wirk­lich her­un­ter­ge­kom­me­ne Lä­den und tarn­te sie als Bar.

Sie selbst lei­te­te ih­re Ge­schäf­te über das In­ter­net und Te­le­fon. Wo sie al­ler­dings ih­re Un­ter­kunft hat­te, wuss­te nie­mand. Spears woll­te nicht glau­ben, dass man ih­ren Auf­ent­halts­ort nicht ganz ein­fach her­aus­fin­den konn­te. Ei­ne Ab­fra­ge der Te­le­fon­ge­sell­schaft oder der IP Num­mer ih­res Com­pu­ters wa­ren ei­ne Sa­che von we­ni­gen Mi­nu­ten. Bar­ber fing an zu schmun­zeln und er­klär­te, »Stel­len sie sich das nicht so ein­fach vor. Em­ma Reed hat gu­te Ver­bin­dun­gen bis in die höchs­ten Krei­se von Port­land. Fra­gen Sie mal einen Staats­an­walt nach ei­nem Be­schluss. Das dau­ert kei­ne Stun­de bis sie ei­ne Ab­sa­ge er­hal­ten, weil die Be­wei­se, die sie vor­le­gen, zu ge­ring wa­ren oder nicht aus­rei­chen wür­den. Die Sit­te hat schon die gan­zen Er­mitt­lungs­ak­ten der letz­ten Jah­re vor­ge­legt, die al­le auf Em­ma Reed hin­deu­te­ten, aber ein Be­schluss blieb ih­nen im­mer ver­sagt.«

»Ich darf an­neh­men, dass die Staats­an­wäl­te eben­falls al­lein­ste­hen­de Män­ner sind?«, frag­te Spears grin­send.

»Sehr gut ge­ra­ten Agen­tin Spears. Aber lei­der falsch. Drei der vier Staats­an­wäl­te sind ver­hei­ra­tet, in­klu­si­ve des Ober­staats­an­walts.«

»Ver­ste­he. Sie ha­ben wohl Abends sehr lan­ge im Bü­ro zu tun und be­ar­bei­ten dort die Stress­bäl­le in den De­kol­letés der Da­men. Falls die Ehe­frau­en da­von er­fah­ren, steigt die Schei­dungs­ra­te sprung­haft an. Da­rum will na­tür­lich auch nie­mand, dass in die­se Rich­tung er­mit­telt wird.«

Cooper Knight flüs­ter­te sei­ner Kol­le­gin et­was zu. Er woll­te die­se Auf­räum­ar­bei­ten nicht auch noch er­le­di­gen. Spears dach­te ein biss­chen dar­über nach, dann gab sie ihm einen Wink, der Zu­stim­mung si­gna­li­sier­te. Cooper ver­ließ dar­auf­hin die Kü­che des Ser­geants und zück­te sein Te­le­fon. Wäh­rend­des­sen un­ter­hiel­ten sich der Haus­be­sit­zer und die Agen­tin wei­ter. Er er­klär­te ihr, dass auch vie­le hoch­ran­gi­ge Po­li­ti­ker der Stadt in die Ak­ti­vi­tä­ten von Em­ma Reed ver­strickt wa­ren. Selbst der Bür­ger­meis­ter der Stadt war bei ih­ren An­ge­stell­ten als Kun­de ge­lis­tet. So­zu­sa­gen hat­te es Em­ma Reed im Lau­fe der Zeit ge­schafft al­le wich­ti­gen Stel­len er­folg­reich zu in­fil­trie­ren. Nie­mand trau­te sich in die­ses We­s­pen­nest zu ste­chen.

Spears muss­te ein­se­hen, dass in die­ser Rich­tung ei­ni­ges pas­sie­ren muss­te. Ei­ne Un­ter­neh­me­rin im Be­reich der Pro­sti­tu­ti­on kon­trol­lier­te die Stadt. Die­ser gan­ze Sumpf muss­te tro­cken­ge­legt wer­den. Es war nicht hin­nehm­bar von il­le­ga­len Ak­ti­vi­tä­ten, de­nen vie­le Ent­schei­dungs­trä­ger ver­fal­len wa­ren, blo­ckiert zu wer­den. Trotz­dem brauch­ten sie die Hin­wei­se die­ser Ma­de­lei­ne, wer denn hin­ter dem Kom­plott ge­gen den Ser­geant stand. Em­ma Reed fiel da­bei aus. Sie konn­te kaum ein In­ter­es­se dar­an ha­ben, einen Kun­den los­zu­wer­den, der je­de Wo­che ei­nes ih­rer Mäd­chen buch­te. Laut Bar­bers Aus­sa­ge hat­te sie mit Dro­gen auch nichts Hut. Ihr Ge­schäft war eben­falls il­le­gal, aber die Stra­fen da­für wa­ren weit nied­ri­ger. Bar­ber gab aber auch zu, dass ei­ni­ge ih­rer Mäd­chen, die sie kon­trol­lier­te, ab­hän­gig von die­sem Zeug war. Sie ver­kauf­ten ih­re Kör­per, um an das be­nö­tig­te Geld zu kom­men, ih­re Sucht zu fi­nan­zie­ren.

Kurz dar­auf kam Cooper Knight wie­der zu­rück. Er hat­te in Wa­shing­ton an­ge­ru­fen und mit dem Verant­wort­li­chen ih­res Ein­sat­zes ge­spro­chen. Er woll­te sich um das wei­te­re küm­mern. Knight zeig­te sei­ner Kol­le­gin den Dau­men nach oben. Da­mit wuss­te sie auch Be­scheid, dass der Agen­ten­füh­rer im Haupt­quar­tier ih­rer Bit­te ent­spro­chen hat­te. Wäh­rend sie zu dritt die Kan­ne fri­schen Kaf­fees ge­nos­sen, stell­ten sie im­mer neue Ver­mu­tun­gen auf, wer ein In­ter­es­se dar­an ha­ben könn­te, Ser­geant Bar­ber aus dem Weg zu räu­men. Der Be­am­te kann­te sei­ne Kan­di­da­ten schon lan­ge ge­nug. Kei­ner der bei­den Baro­ne, die in der Stadt den Markt kon­trol­lier­ten, hat­ten ernst­haf­te Ver­su­che un­ter­nom­men, ihn los­zu­wer­den. Mehr­heit­lich be­kam er so­gar aus den bei­den La­gern Hin­wei­se zu grö­ße­ren Lie­fe­run­gen. Schein­bar wa­ren Ar­thur An­tu­nes und Ky­lie Richard­son nicht be­strebt ei­nem Neu­an­kömm­ling einen Teil der Stadt zu über­las­sen.

11. Kapitel
Bahamas, Nassau

Das Te­am um Liz Croll war ge­ra­de in ih­rem Bü­ro beim Mit­ta­ges­sen als das Te­le­fon klin­gel­te. Micha, der ge­ra­de mit fri­schem Saft für die Kin­der aus der Kü­che kam, stell­te die Kar­af­fe auf den Schreib­tisch der An­füh­re­rin und nahm den Hö­rer ab.

»Wer stört?«, frag­te er et­was brum­me­lig.

Das Ge­spräch, was eher ein Mo­no­log war, dau­er­te ei­ni­ge Mi­nu­ten. Je län­ger er den Hö­rer in der Hand hielt, um­so mehr ver­dun­kel­te sich sei­ne Mie­ne. Dann sag­te er, »Ich ge­be es wei­ter, Rhon­da«, und leg­te auf. Wäh­rend er die Kar­af­fe wie­der an­hob und sich auf den Weg zum Tisch mach­te, setz­te er wie­der sein Po­ker­face auf. Zu­erst schenk­te er den vier Kin­dern den ge­kühl­ten Saft ein, be­vor er sich wie­der auf sei­nen Platz setz­te und das Te­am un­ter­rich­te­te.

»Rhon­da hat an­ge­ru­fen. Wir sol­len in Ame­ri­ka dem FBI hel­fen ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on auf­zu­de­cken. Sie nen­nen sich SNB und las­sen Dro­gen, so­wie Waf­fen durch ein­fa­che, meist jun­ge Stu­den­ten und Be­rufs­an­fän­ger mit we­ni­ger Geld die Wa­ren quer durchs Land trans­por­tie­ren. Das FBI hat zwei Agen­ten ab­ge­stellt, die das un­ter­su­chen sol­len, die al­ler­dings in Ly­on an­ge­ru­fen ha­ben und Un­ter­stüt­zung brau­chen. Amy und ihr Te­am sind ge­ra­de in Schwe­den un­ter­wegs, was be­deu­tet wir sol­len de­nen hel­fen.«

»Da kann mal wie­der se­hen, was das für Blind­gän­ger sind«, scherz­te Mi­ke. »Kaum wird es et­was schwie­ri­ger, brau­chen sie Hil­fe, um einen Ta­ge­dieb zu über­füh­ren.«

Da­mi­en, der Sohn von Liz, der ge­ra­de auf ei­nem Stück Fleisch kau­te, frag­te in die Run­de »Was ist ein Ta­ge­dieb? Klaut der an­de­ren Ta­ge?«

Das Te­am be­gann zu la­chen. Die Kin­der mach­ten fra­gen­de Ge­sich­ter. Aus ih­rer Sicht war die Fra­ge an die Er­wach­se­nen mehr als be­rech­tigt. Mi­cha­el kann­te das schon von sei­nen bei­den Mäd­chen. In dem Al­ter stell­ten sie den Tag über mehr als ge­nug Fra­gen. Er stand auf und knie­te sich ne­ben die Kin­der am Tisch, als er er­klär­te, »Der Aus­druck Ta­ge­dieb ist ein al­tes deut­sches Sprich­wort, was be­reits vor 200 Jah­ren schon ge­bräuch­lich war. Jo­hann Wolf­gang von Goe­the, ein be­rühm­ter deut­scher Dich­ter, ver­wen­de­te den Ta­ge­dieb schon in sei­nen Wer­ken. Es be­zeich­net ei­ne Per­son, die kei­ner nütz­li­chen Be­schäf­ti­gung nach­geht und den gan­zen Tag nichts tut.«

Die Ant­wort reich­te den Kin­dern aus und sie küm­mer­ten sich wei­ter um ihr Mit­ta­ges­sen. Den Müt­tern ge­fiel es wie der ehe­ma­li­ge Bo­dy­guard mit den Kin­dern um­ging. Leo­nie und Dol­ly er­leb­ten das täg­lich zu Hau­se. Die bei­den Mäd­chen wa­ren stän­dig am Fra­gen und Micha er­klär­te ih­nen ge­dul­dig al­les, was sie wis­sen woll­ten. Liz und Ka­rya­ni be­wun­der­ten die­se Fä­hig­keit bei ihm. Sie hat­ten nach ei­ni­gen Stun­den in­ten­si­ven Fra­gens der Kin­der nicht mehr die Ner­ven al­les zu er­klä­ren. Ihn schi­en das nicht zu stö­ren, ob­wohl Leo­nie und Dol­ly wuss­ten, dass er teil­wei­se auch ge­nug da­von hat­te. Al­ler­dings war es ihm wich­tig sei­nen bei­den ge­lieb­ten Kin­dern ih­re Fra­gen zu be­ant­wor­ten so gut er das konn­te.

Liz woll­te das The­ma jetzt nicht beim Mit­ta­ges­sen an­spre­chen und gab non­ver­ba­le Hin­wei­se an ih­re Freun­de. Nach dem Es­sen, wenn die vier wie­der zu­sam­men spiel­ten, blieb noch ge­nug Zeit, das al­les zu dis­ku­tie­ren. Na­tür­lich gab es kei­ne pas­sen­de­re Zeit, als sie ge­nau dann wie­der in der Welt her­um­zu­schi­cken, als ih­re Kin­der ge­ra­de ih­re Fe­ri­en hat­ten. Ihr ge­fiel das nicht. Wie­der ein­mal muss­ten sie ih­ren Nach­wuchs al­lei­ne zu­rück­las­sen und Ver­bre­cher aus­fin­dig ma­chen. Für die Müt­ter war das im­mer wie­der ei­ne Her­aus­for­de­rung. Ja­son war nicht mehr in der La­ge sich ei­ni­ge Wo­chen um al­le vier zu küm­mern. So­lan­ge sie noch klein wa­ren und im Sand zu­sam­men spiel­ten, konn­te er sie be­auf­sich­ti­gen und sich um ih­re Be­dürf­nis­se küm­mern. Mitt­ler­wei­le wa­ren sie aber nicht mehr zu hal­ten und ent­wi­ckel­ten ei­ge­ne Ide­en.

Im Hau­se Korn und Pa­re­des gab es die­ses Pro­blem nicht mehr. Die drei hat­ten schon seit Mo­na­ten zwei Stu­den­tin­nen en­ga­giert, die sich um die bei­den Mäd­chen be­müh­ten. Sie wech­sel­ten sich bei der Kin­der­be­treu­ung ab, wenn die El­tern mal wie­der un­ter­wegs wa­ren. Da­mi­en blieb na­tür­lich bei sei­nem Va­ter, so­lan­ge Liz auf Tour war. Nur Ka­rya­ni und Mi­ke, die ja bei­de zum Te­am ge­hör­ten, brauch­ten für Mi­ka je­man­den. Da sie aber bis­her nie­man­den ge­fun­den hat­ten der auf ih­ren drei­jäh­ri­gen auf­pas­sen konn­te, durf­te er für die Zeit zu Va­le­ria und Emi­lia. Da war er un­ter sei­nen Freun­den und die Stu­den­tin­nen küm­mer­ten sich um die An­lie­gen des kleins­ten.

Nach dem Mit­ta­ges­sen räum­te Mi­cha­el den Tisch ab und die Kin­der wid­me­ten sich wie­der ih­rer Ta­ges­be­schäf­ti­gung. Da­nach fand er sich dann vor der Tür ein, um mit Leo­nie und Liz, die bei­den Rau­che­rin­nen, einen Glimm­stän­gel zu in­ha­lie­ren. Leo­nie mach­te sich Sor­gen dem FBI un­ter die Ar­me grei­fen zu müs­sen. Es war zwar ein paar Jah­re her, seit sie in Hou­ston von ex­akt die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on ver­haf­tet wor­den war. So viel Gu­tes war ihr in der Zwi­schen­zeit pas­siert, was sie un­ter kei­nen Um­stän­den wie­der ver­lie­ren woll­te. Sie hat­te Mi­cha­el und Do­lo­res an ih­rer Sei­te, durf­te sich über die Ge­burt ih­rer Toch­ter freu­en und ih­re Halb­schwes­ter mach­te das Glück per­fekt. Liz wuss­te das na­tür­lich, sie war ja haut­nah da­bei, wie sich das al­les ent­wi­ckel­te. Ih­re Angst er­kannt zu wer­den war re­gel­recht spür­bar.

Mi­cha­el emp­fand die vor ih­nen lie­gen­de Auf­ga­be als ex­trem un­an­ge­nehm. Er mach­te ge­gen­über der Te­am­che­fin auch kei­nen Hehl dar­aus. Mit Aus­nah­me von Micha und Do­lo­res wa­ren sie in den USA im­mer ge­fähr­det. Mi­ke muss­te vier Jah­re im Ge­fäng­nis brum­men, sei­ne ge­lieb­te Frau wur­de we­gen di­ver­ser Straf­ta­ten ge­sucht und Leo­nie als ehe­ma­li­ge Auf­trags­kil­le­rin ent­kam mit­hil­fe von Liz und Mi­ke aus den Fän­gen des FBI. Falls man sie er­ken­nen wür­de, was leicht pas­sie­ren konn­te, wa­ren sie al­le ge­fähr­det. Dem gan­zen Te­am war nicht wohl da­bei in der Höh­le des Lö­wen ar­bei­ten zu müs­sen.

Liz ver­sprach den bei­den sich schon im ei­ge­nen In­ter­es­se dar­um zu küm­mern. Be­vor sie zu ei­ner Be­spre­chung zu­sam­men­ka­men, rief sie Rhon­da Mil­ler in Ly­on an.

Die Di­rek­to­rin von In­ter­pol mel­de­te sich schon nach dem ers­ten Klin­gel­zei­chen, »Hal­lo Liz, was brauchst du?«

»Si­cher­hei­ten Rhon­da. Du weißt, dass un­ser ge­sam­tes Te­am in den Ve­rei­nig­ten Staa­ten ex­trem ge­fähr­det ist. Falls je­mand von uns dort er­kannt wird sind wir und un­se­re Fa­mi­li­en in Ge­fahr. Wir möch­ten nicht auf dem Prä­sen­tier­tel­ler sit­zen, oh­ne ir­gend­wie ab­ge­si­chert zu sein«, leg­te Liz los.

»Ich woll­te ei­gent­lich Amys Te­am schi­cken, aber die sind an­der­wei­tig ge­bun­den und ich ha­be nur euch zur Ver­fü­gung. Ich weiß um die Ver­stri­ckun­gen Be­scheid. Ihr habt von mei­ner Sei­te aus jeg­li­chen Rück­halt den ihr braucht. Um es ganz deut­lich zu for­mu­lie­ren, und das kannst du ger­ne al­len aus­rich­ten, falls euch ir­gend­was pas­siert, ihr er­kannt wer­det oder ir­gend­je­mand ge­gen euch vor­ge­hen will, dürft ihr un­ge­straft je­den um­le­gen. Ihr habt je­des Recht, das in eu­ren Ar­beit­s­pa­pie­ren steht und das welt­weit«, er­klär­te Rhon­da ein­dring­lich.

»Was pas­siert, wenn man uns di­rekt vor Ort ver­haf­tet?«, woll­te Liz wis­sen.

»Dann, mei­ne lie­be Liz, bin ich ver­sucht je­den ein­zel­nen In­ter­pol­mit­ar­bei­ter in die Staa­ten zu ent­sen­den und euch da raus­zu­ho­len. Falls sie es wirk­lich ver­su­chen soll­ten, lernt die­ser Staat wie es sich an­fühlt Krieg zu spie­len. Aber die­ses Mal in der Hei­mat di­rekt vor der ei­ge­nen Haus­tür.«

Liz konn­te sich ein Grin­sen nicht ver­knei­fen. »Wol­len wir hof­fen, dass es nicht so weit kommt!«

»Kann ich sonst noch was für euch tun?«

»Der­zeit nicht Rhon­da. Wir mel­den uns, wenn wir et­was brau­chen. Dan­ke!«, ent­geg­ne­te die An­füh­re­rin und leg­te dann auf.

Nach ei­ner kur­z­en Pau­se bat die Che­fin ihr Te­am an den Tisch zur ers­ten Be­spre­chung. Mi­ke, der Ha­cker des Te­ams, hat­te be­reits die Un­ter­la­gen, die man ih­nen zur Ver­fü­gung stell­te, über­flo­gen und konn­te die Hin­wei­se wei­ter­ge­ben. Die Kin­der wa­ren drau­ßen be­schäf­tigt und spiel­ten fan­gen. Das gab ih­nen ge­nug Zeit sich das al­les an­zu­hö­ren. Be­vor Mi­ke sei­nen Be­richt los­wer­den durf­te, be­ru­hig­te Liz ihr Te­am und gab ih­nen das Er­geb­nis ih­res Ge­sprächs mit Rhon­da Mil­ler wei­ter.

»Wir al­le sind in den Ve­rei­nig­ten Staa­ten ge­fähr­det, das will ich auch nicht in ir­gend­ei­ner Form schön­re­den. Ich ha­be mit Rhon­da in Ly­on te­le­fo­niert und sie um Si­cher­hei­ten ge­be­ten. Sie steht hin­ter uns bei al­lem was pas­siert. Sie er­laubt uns je­den zu kil­len der ge­gen uns vor­geht, egal wer es auch sein soll­te. Falls man uns ver­haf­tet wird sie al­le He­bel in Be­we­gung set­zen uns her­aus­zu­ho­len. Not­falls ist sie auch da­zu be­reit, ganz In­ter­pol zu be­waff­nen und einen Krieg ge­gen die Ame­ri­ka­ner vom Zaun zu bre­chen. Sie hat mich noch ein­mal an un­se­re Ar­beit­s­pa­pie­re er­in­nert, in de­nen uns zu­ge­si­chert wird, je­des auch il­le­ga­le Mit­tel an­zu­wen­den, das wir für er­for­der­lich hal­ten. Uns kann al­so nichts pas­sie­ren.«

Mi­cha­el rich­te­te ein Wort an Liz, »Mit dei­ner Er­laub­nis Queen wür­de ich ger­ne an­re­gen, dass un­se­re Fa­mi­li­en, ins­be­son­de­re die Kin­der, wäh­rend un­se­rer Ab­we­sen­heit zu­min­dest durch Schuss­waf­fen ge­si­chert sind. Da­zu wür­de ich ger­ne min­des­tens drei al­te Kol­le­gen hier­her be­or­dern, die auf­pas­sen, dass nichts pas­siert!«

»Meinst du wirk­lich, das wird nö­tig sein, Micha?«, woll­te Ka­ry wis­sen. »Wir ha­ben un­se­re Tar­ni­den­ti­tä­ten im Aus­land zwar ab­ge­legt und ope­rie­ren wie­der un­ter un­se­ren nor­ma­len Na­men, aber ich glau­be nicht, dass je­mand Rück­schlüs­se auf den Wohn­ort un­se­rer Kin­der zie­hen kann.«

»Nenn es mei­net­we­gen Vor­sicht oder völ­lig be­scheu­ert, aber ein blö­der Zu­fall wür­de aus­rei­chen sie aus­fin­dig zu ma­chen und wir wol­len al­le nicht das ih­nen auch nur das ge­rings­te pas­siert«, gab er zu be­den­ken.

Al­le mach­ten sich Ge­dan­ken um ih­re Kin­der. Nie­mand woll­te, dass ih­nen et­was ge­schieht und sei­ne Be­den­ken wa­ren nicht von der Hand zu wei­sen. Das Fe­deral Bu­reau of In­ves­ti­ga­ti­on hat­te ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten den Auf­ent­halts­ort zu er­mit­teln, auch au­ßer­halb der Ve­rei­nig­ten Staa­ten. Liz er­in­ner­te ih­re Mit­strei­ter an den Fall ›Ika­rus‹, der in Eng­land sei­nen Ab­schluss fand. Da­mals war es so­gar not­wen­dig, einen Kil­ler, der auf sie an­ge­setzt war, vor der Bar ih­res Man­nes aus­zu­schal­ten. Dort war es ei­nem Pri­vat­mann ge­lun­gen, die Adres­se aus­fin­dig zu ma­chen. Leo­nie beug­te sich zu ih­rem Ehe­mann und flüs­ter­te ihm et­was ins Ohr. Er nahm sich einen kur­z­en Mo­ment Zeit, um über ih­ren Vor­schlag nach­zu­den­ken. Micha nick­te nur stumm. Liz, die das mit­be­kam, woll­te wis­sen, was Leo­nies An­lie­gen war.

Die klei­ne Blon­di­ne er­klär­te, »Emi­lia trai­niert an Waf­fen, wie ich als Kind. Sie hat von François ei­ne töd­li­che Hand­feu­er­waf­fe ge­schenkt be­kom­men. Ich möch­te, dass sie im Not­fall sich, Va­le­ria und Mi­ka ver­tei­di­gen kann, so­zu­sa­gen als letz­te Ver­tei­di­gungs­li­nie. Ganz da­von ab­ge­se­hen, was wir hier ent­schei­den.«

»Früh übt sich, wer ei­ne Meis­te­rin wie ih­re Mut­ter wer­den will«, ver­such­te Mi­ke einen klei­nen Scherz.

Die An­füh­re­rin hat­te ge­nug da­von und woll­te zu ei­nem En­de kom­men. Des­halb ließ sie die Trup­pe über Michas Vor­schlag ab­stim­men. Al­le scho­ben ih­re Be­den­ken im In­ter­es­se ih­rer Kin­der bei­sei­te und stimm­ten dem An­ge­bot zu. Micha ließ dar­auf­hin die an­de­ren kurz al­lei­ne und te­le­fo­nier­te vor der Tür mit ei­nem al­ten Kol­le­gen. Wäh­rend­des­sen un­ter­hielt sich das Te­am über Emi­li­as Hob­by und die Fort­schrit­te, die sie schon ge­macht hat. Do­lo­res er­wähn­te auch, dass sie ihr bei­ge­bracht hat­ten, nie auf Le­be­we­sen an­zu­le­gen, mit der Aus­nah­me, wenn ihr oder ih­ren Freun­den Ge­fahr droh­te. Ka­rya­ni be­gann zu la­chen. Sie hat­te al­so die glei­che Ent­wick­lung wie Leo­nie vor sich, nur mit dem Un­ter­schied nicht auf die schie­fe Bahn zu ge­ra­ten.

Kurz dar­auf kam Micha von sei­nem Te­le­fonat zu­rück und be­rich­te­te, »Ich ha­be einen al­ten Kum­pel an­ge­ru­fen. Er kommt mit drei wei­te­ren Bo­dy­guards zu uns und passt auf un­se­re Fa­mi­li­en auf wäh­rend wir weg sind. Die Be­zah­lung ist be­reits ge­re­gelt.«

»Okay, dan­ke Micha«, sag­te Liz und dreh­te sich zu Mi­ke um. »Mi­ke, bring uns auf den neues­ten Stand, was ha­ben wir vor uns?«

Die vier Frau­en und Mi­cha­el schlos­sen die Au­gen und ent­spann­ten sich. Sie hat­ten die Metho­de von Mi­cha­el über­nom­men, der sich so die Fak­ten no­tier­te. Der Ha­cker räus­per­te sich kurz, rück­te auf dem So­fa nach vor­ne und be­gann zu re­fe­rie­ren, »Ei­ne un­be­kann­te Grup­pe setzt in den gan­zen Staa­ten ein­fa­che Bür­ger als Ku­rie­re für Dro­gen und Waf­fen ein. Sie tar­nen sich als Ge­heim­dien­st­or­ga­ni­sa­ti­on mit dem Kür­zel SNB. Seit et­was mehr als fünf Mo­na­ten wer­den über­all im Land im­mer wie­der Pri­vat­per­so­nen mit Cry­stal Meth oder ver­schie­de­nen ver­bo­te­nen Waf­fen er­wi­scht und lan­den da­für hin­ter Git­tern. An­ge­wor­ben wer­den sie mit ein­fa­chen Brie­fen und Bar­geld, das sie in ih­rem Brief­kas­ten fin­den, wenn sie einen Auf­trag er­le­digt ha­ben. Die Ur­he­ber konn­ten bis­her nicht er­mit­telt wer­den. Das FBI hat zwei Agen­ten an­ge­wie­sen, dem nach­zu­ge­hen. Ei­ne Spe­ci­al Agen­tin As­hleigh Spears und einen Spe­ci­al Agent Cooper Knight. Sie be­fin­den sich der­zeit in Port­land und sind be­sorgt, weil sie zu we­nig Per­so­nal ha­ben. Das FBI hat bei In­ter­pol um Un­ter­stüt­zung ge­be­ten. Trotz mehr­fa­cher Über­wa­chung der Lie­fe­run­gen konn­te bis­her nie­mand der Or­ga­ni­sa­ti­on ent­tarnt wer­den. Di­rekt vor den Au­gen der Po­li­zei sind Be­weis­mit­tel aus ei­ner Lie­fe­rung ver­schwun­den oh­ne, dass es be­merkt wur­de. Un­ser Auf­trag lau­tet, mit den bei­den Agen­ten die Or­ga­ni­sa­ti­on SNB aus­fin­dig zu ma­chen und die Hin­ter­grün­de auf­zu­de­cken.«

»Mei­ne Fres­se sind die däm­lich«, brach es aus Ka­rya­ni her­aus. »Die las­sen sich Dro­gen, die sie be­ob­ach­ten, vor der Na­se klau­en. Was sind das nur für Stüm­per?«

»Ka­ry, was er­war­test, du von ei­nem Volk, was 25 Mil­lio­nen Dol­lar aus­gibt, um einen Ku­gel­schrei­ber zu ent­wi­ckeln, der auch im All schreibt? Die Rus­sen ha­ben die­ses Pro­blem mit ei­nem Blei­stift für ein paar Cent ge­löst. Die meis­ten Ein­woh­ner die­ses Lan­des sind mit Naiv noch sehr wohl­wol­lend um­schrie­ben«, er­wi­der­te Mi­cha­el. Das brach­te ihm einen klei­nen lie­be­vol­len Klaps von Leo­nie ein. Auch Ka­rya­ni be­kam von ih­rem Mann ein vor­wurfs­vol­les Ge­sicht. Die bei­den wa­ren schließ­lich Ame­ri­ka­ner. Al­ler­dings kann­ten sie das schon von ih­ren Freun­den.

»Das brin­gen die nicht al­lei­ne hin?«, woll­te Liz wis­sen.

»Wie du siehst nicht Liz«, ant­wor­te­te Mi­ke kopf­schüt­telnd.

»Das FBI hat so vie­le Agen­ten in den gan­zen USA ver­streut und sie schi­cken gan­ze zwei da hin. Was ma­chen die gan­zen an­de­ren 36.000 da­von?«

Leo­nie grins­te »Die boh­ren in der Na­se Liz. In Ame­ri­ka kann sonst was pas­sie­ren und das FBI schickt im­mer nur zwei Agen­ten. Das ist de­ren Stan­dard­grö­ße. Ich ha­be im Lau­fe der gan­zen Zeit so vie­le Men­schen ab­ge­knallt und war so­gar un­ter den meist­ge­such­ten Per­so­nen ge­lis­tet. Trotz­dem wa­ren im­mer nur zwei hin­ter mir her. Die letz­ten bei­den ha­ben acht Jah­re ge­braucht, um mich zu be­kom­men. Das ist ih­nen nur ge­lun­gen ist, weil ich so blöd war auf einen da­von rein­zu­fal­len.«

»Okay«, schloss Liz das The­ma ab, »die wer­den ja noch einen hal­b­en Tag oh­ne uns aus­kom­men. Ich schla­ge vor wir flie­gen mor­gen früh da hin und er­le­di­gen das The­ma. Wird ja nicht so lan­ge dau­ern die zu fin­den. Ich fra­ge mich nur was die bei­den Spe­zia­lis­ten dann ma­chen? Wol­len die viel­leicht ler­nen wie man es macht?«

Do­lo­res mel­de­te sich zu Wort, »Ich den­ke mal sie ha­ben uns nur an­ge­for­dert, um Auf­ga­ben zu über­neh­men, die sie nicht sel­ber ma­chen wol­len. So wie ich ge­le­sen ha­be ma­chen sie das im­mer. Ent­we­der sie span­nen nor­ma­le Po­li­zis­ten ein, die un­lieb­sa­men Auf­ga­ben zu über­neh­men und jetzt den­ken sie wohl, dass sie uns die Schei­ße aufs Au­ge drücken kön­nen.«

»Die wer­den sich um­gu­cken«, brumm­te Mi­cha­el, »Un­se­re Queen fliegt nicht da hin, um de­nen den Arsch zu wi­schen. Wenn ich den Aus­druck in ih­ren Au­gen rich­tig deu­te, über­nimmt sie den gan­zen Fall oh­ne sich vom FBI auf der Na­se her­um­tan­zen zu las­sen. Stimmts oder hab ich recht?«

Die An­füh­re­rin schüt­tel­te den Kopf, »Micha kennt mich mitt­ler­wei­le schon viel zu gut. Ich ha­be nicht vor de­nen zu­zu­ar­bei­ten da­mit sie sich ein gut ge­macht ab­ho­len kön­nen. Wir sind ein Te­am von Spe­zia­lis­ten und klä­ren sol­che Fäl­le al­lei­ne. Au­ßer­dem ha­ben sie uns ge­ru­fen, weil sie al­lei­ne nicht da­mit klar­kom­men.«

Die sechs Agen­ten spra­chen noch ei­ne gan­ze Wei­le über den Fall, um einen An­satz zu fin­den. Je­de Idee wur­de aber von Mi­ke wie­der ver­wor­fen, weil die Po­li­zis­ten in den USA die­se An­sät­ze auch schon er­folg­los ver­folg­ten. Nach et­wa ei­ner Stun­de un­ter­brach Liz die Dis­kus­si­on. Sie muss­ten sich vor Ort selbst ein Bild ma­chen. Vi­el­leicht gab es ja schon neue Hin­wei­se bis sie in Port­land wa­ren, was ih­nen einen An­satz bot. Dann ent­schied sie dem Te­am bis zum Mor­gen frei­zu­ge­ben. Sie muss­ten ih­re Kin­der noch dar­über in­for­mie­ren, dass sie ei­ne Wei­le un­ter­wegs sein wür­den. Au­ßer­dem soll­ten sie ih­nen noch sa­gen, dass sie für die Zeit von Bo­dy­guards be­schützt wur­den, was sie nicht zu be­un­ru­hi­gen brauch­te.

Sie sam­mel­ten die vier Kin­der ein und mach­ten sich auf den Heim­weg. Wäh­rend der Fahrt nach Hau­se er­fuh­ren Emi­lia und Va­le­ria von ih­ren El­tern al­les, was es zu wis­sen galt. Die ein­zi­gen Rück­fra­gen, die sie hat­ten, wa­ren, ob sie für die­se Zeit noch ih­ren Hob­bys nach­ge­hen durf­ten. Leo­nie be­ru­hig­te die bei­den Mäd­chen. Va­le­ria durf­te wei­ter je­den Tag auf ih­rem Pferd rei­ten und Emi­lia durf­te mit ih­ren Waf­fen im Gar­ten schie­ßen. Mi­cha­el er­klär­te sei­ner Toch­ter, dass der Mann, der kom­men wür­de, um sie zu be­schüt­zen, auch mit ihr trai­nie­ren wür­de. Er hat­te sei­nen Kol­le­gen ge­be­ten Emi­lia ein biss­chen zu trai­nie­ren da­mit sie vor­an­kam und auch mit ih­ren Waf­fen um­ge­hen konn­te. So­lan­ge die El­tern nicht da wa­ren, soll­ten die bei­den Töch­ter nicht dar­un­ter lei­den. Zu­dem wa­ren die bei­den Stu­den­tin­nen ja auch noch für sie da. Al­ler­dings muss­ten sie den Mäd­chen ver­spre­chen, täg­lich mit ih­nen zu te­le­fo­nie­ren.

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Litresdə buraxılış tarixi:
17 sentyabr 2025
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9783754942536
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