Kitabı oxu: «Der Douglas»
Max Geißler
Der Douglas
Saga
Die Waldburg
Die Geschichte spielt in alter Zeit und spielt droben in Schottland. Mitten im Bergwald sassen zwei herrliche Geschlechter. Nur wenige Wegstunden lagen die reichen Gehöfte mit den mächtigen Mauern und gewaltigen Warttürmen auseinander. In der einen der beiden Burgen sassen die Malcolm, in der andern die Grafen Douglas. Die Malcolm waren goldhaarige, hohe Gestalten. Die Douglas aber waren finsteräugig und schwarzhaarig. Schotten waren sie beide. Aber die Malcolm hatten englische Dienste angenommen und sassen auf engelländischem Grunde. Das war nun schon seit zweihundert Jahren so. Und seit zweihundert Jahren hassten die in der Burg Douglas jene, welche auf Schloss Malcolm wohnten; denn sie hielten sie für Abtrünnige.
Zwischen den beiden Waldburgen floss ein nicht allzu breites Bergwasser, der Tweed. Dieser bildete zugleich die Grenze der beiden grossen Reiche Schottland und England. Und er bezeichnete auch die Gemarkung der beiden Lordschaften Douglas und Malcolm.
Urwald deckte das Gebirge, das da und dort in Schroffen und Klüften die Ufer des Waldflusses bildete. Zum Glück für beide ritterlichen Familien floss das oft wild seine Bahn brausende Wasser trennend zwischen ihren Jagdgründen dahin. Deshalb konnten weder die starken Rudel der Hirsche noch die Wildsauen aus dem einen Gefilde in das andere wechseln. Auch vermochten die Knechte und hörigen Leute des einen Ritters mit denen des anderen im Schutze des Waldes nicht so leicht in Faustkämpfen aufeinander zu treffen. Wenn die natürliche Grenze des Wildwassers nicht für leidlichen Frieden gesorgt hätte – wer weiss, ob nicht die Malcolm und die Douglas in jener wilden Zeit sich gegenseitig die Burgen verbrannt hätten.
So kam es, dass der Hass zwar heimlich immer fortglimmte, aber er schlug wenigstens keine hellen, verderblichen Flammen. Freilich, im Schlosse Malcolm durfte der Name keines Douglas genannt werden. Wer es gewagt hätte, über dessen Haupt hätte sich der Zorn des alten Grafen Malcolm entladen wie eine gewitterschwere Wolke.
So begegneten sie einander nie, wenn der Bergwald nicht von Kriegeslärm erschallte.
Wenn aber der gemeinsame Feind lauerte, etwa der Ire im Westen, oder wenn vom Osten her der Däne mit seinen trutzigen Schiffen in den Kliffen landete, dann teilten die Malcolm und die Douglas das gemeinsame Heerlager. Sie schlugen vereint, aber sie marschierten getrennt.
Jahrhunderte gingen. Die Malcolm wussten nichts von den Douglas, als dass sie sich hassten.
Den Alten der beiden feindlichen Geschlechter war diese Feindschaft Bedürfnis und fast heilige Überlieferung geworden. Aber der heranwachsenden Jugend war sie nichts als Gewohnheit.
Die Kinder wussten eigentlich nicht mehr, warum sie in der Einsamkeit ihrer Wälder nicht mit denen von drüben verkehren sollten. Sie hätten so gerne sich gemeinsam im ritterlichen Spiele geübt, oder sie wären auf ihren kleinen Pferden gerne gemeinschaftlich auf ein Wild ausgeritten. Warum sollten sie nicht gut miteinander sein?
Das vermerkte Herr Malcolm seinem jungen Sohne sehr übel. Und wie der junge Malcolm heranwuchs und eines Tages in den Krieg gegen die Dänen geritten war, besprach sich der alte Ritter mit seinem Marschalk über diese Sache. Am Ende sagte er: „Wenn John Malcolm von der Heerfahrt gegen die Dänen wieder heimgeritten ist, so soll er mir auf den Knauf seines guten Schwertes ewige Feindschaft schwören gegen den hochfahrenden Trutz der –“
Er wollte sagen: – „der Douglas“. Aber er sprach diesen verhassten Namen nicht aus, sondern der alte Herr spie auf die Steinfliesen des Trinksaals und schlug den Becher hart auf die eichene Platte des Tisches. „Was meinst du, Glenalvon?“
Der Marschalk Glenalvon sass seinem alten Herrn in dieser Stunde in Harnisch und Wams gegenüber. Er hatte einst von dem Lord für getane Kriegsdienste und Klugheit seines Rates ein kleines Gehöft im kaledonischen Tann als Lehen erhalten. Bei der Frage des Alten glitt ein Lächeln der Genugtuung über sein Gesicht.
Der Marschalk war ein Mann von dreissig Jahren. Aber er hätte seinem Aussehen nach fünfzig zählen können; denn er hatte ein gelbes Antlitz und stechende Augen. Diese Augen konnten einen starken, ehrlichen Blick nicht wohl vertragen. Seine Haut glich gegerbtem Leder, und sein bartloses Gesicht erinnerte in seinem ganzen Ausdruck eher an das eines Mönches als eines Kriegsmannes. Aber hinter seiner Stirne wohnte ein scharfer Verstand. Schade, dass er ein so tückischer Geselle war.
Erst vor einer Stunde war der Marschalk mit einem Fähnlein Gewappneter auf den Hof der Waldburg eingeritten. Er hatte den Sommer über vor den Kliffen an der Ostküste auf der Wacht gegen die Dänen gelegen. Nun erstattete er seinem Herrn im Trinksaale Bericht über das wechselnde Glück des Kampfes.
Der alte Ritter hatte schon seit einigen Wochen das Heerlager wieder mit dem Herrensitze im Bergwalde vertauscht. Nun erfuhr er von seinem Marschalk: Zu einer Schlacht mit den Dänen war es in den letzten Wochen nicht mehr gekommen. Jetzt schlugen droben im Norden die Stürme des Herbstes die See. Die Wogen stürzten sich wie gepeitschte Rosse mit weissen Mähnen gegen die Kliffe. Sturm und Felsen der Küste aber waren die gefährlichsten Feinde der Dänen.
Darum riefen die Heerhörner um diese Zeit nicht mehr zum Kampfe. Auf den Zacken des Gebirges lag schon der Schnee des Winters. Und bald war die Stunde gekommen, in der auch das letzte Häuflein in die heimische Burg geritten war. Dort konnten während der Ruhe des Winters Waffen und Rüstzeug zu neuer Heerfahrt instand gesetzt werden.
Der alte Malcolm goss sich einen neuen Becher Wein aus dem Steinkruge ein und fragte den Marschalk: „Wie geht es meinem Sohne?“
„Es steht wohl um ihn, Sir,“ entgegnete Glenalvon, „Herr John ist eine Zierde seines ritterlichen Geschlechtes.“
Da lächelte der alte Malcolm. „Nun ja, er hat in dir auch den besten Waffenmeister gehabt!“ sagte er und reichte seinem Lehnsmanne die Hand über den Tisch. Dann fuhr er befriedigt fort: „Wir werden darüber nachdenken, wie wir die Grenzen deines Lehens erweitern, Marschalk.“
Da erhob sich Glenalvon und verbeugte sich mit einem verbindlichen Lächeln.
„Was ist sonst zu berichten?“ forschte der Ritter. „Setz dich wieder her und tu mir in einem Becher Weins Bescheid.“
Der Marschalk nahm abermals an dem eichenen Tische Platz. „Hm,“ sagte er, „wie wir gestern durch den niederen Tann vor dem wilden Kliff ritten, stiessen wir auf einen sterbenden Mann. Zwei Haufen Reiter waren vor wenigen Stunden dort aufeinandergetroffen. Der Mann war ohne Waffen und Wams. Wir konnten also an keinem Zeichen erkennen, welchem Geschlechte er entstamme. Aber er schien von vornehmer Art – wenigstens deutete der wehende Fall seines blonden Haares und der edle Schnitt seines Antlitzes darauf hin ...“
„Nun? Und?“ forschte Malcolm. „Fragtet ihr ihn nicht nach Namen und Art?“
„Nein,“ antwortete der Marschalk, „denn er war erstarrt in der Reifkälte des Hochlands, und er war ein Sterbender, Herr. Er blutete aus vielen Wunden und hatte sich wohl mit dem Aufgebot der letzten Kräfte an den Quell geschleppt, bei dem ihn unsere Knechte trafen. Dort lag er mit geschlossenen Augen, und es war kaum ein Hauch von Leben in ihm. Etliche haben ihn aufgenommen und in das Zelt unseres jungen Herrn getragen. Herr John Malcolm, Euer ritterlicher Sohn, hatte es so geboten.“
Der alte Malcolm hatte den Wein in langem Zuge und nachdenklich über die Lippen rinnen lassen. Nun setzte er den getriebenen Zinnbecher auf den Tisch. „Ist deine Geschichte zu Ende, Marschalk?“
„Ich weiss kaum mehr. Aber wenn die letzten Schiffe der Dänen ausser Sicht sind, so brechen unsere Heerhaufen die Lager ab. Vielleicht treffen sie schon morgen ein. Dann werden wir Kunde über den jungen Kriegsmann erhalten.“
Der Marschalk erhob sich.
„Wieviel der Unseren sind im Kampfe geblieben?“ fragte der greise Degen, der den Sommer über noch mit in der Feldschlacht gestanden hatte.
„Es reiten siebenundzwanzig Gewappnete weniger zurück als ausgezogen sind.“
„Und du? Reitest du nun heim, Marschalk?“
Aber Glenalvon wehrte ab: „Wie könnt’ ich, Herr? Ich habe alte, treue Knechte daheim, die mir Euere Gnade zuerteilt hat. Und mein Lehen ist klein. Die Umsicht und die Kraft der guten Knechte wird hingereicht haben, alles wohl zu bewahren. Auch erwarten mich ja nicht Weib und Kind daheim. Meine Kammern sind kalt, und nur in den Gemächern der Dienenden brennen die Herdfeuer. Darum – wo wäre meine Anwesenheit nötiger als hier auf Burg Malcolm? Ehe ich nach dem Meinigen sehe, will ich des Eueren warten, Herr! Ich will einen Rundgang durch Hof und Ställe gehen und will zusehen, ob Zucht und Ordnung allenthalben aufrecht erhalten ist.“
Der Marschalk verbeugte sich.
Wie konnte es geschehen, dass das scharfe Auge des alten Ritters das gleisnerische Lächeln nicht durchschaute? Wie konnte es kommen, dass das feine Ohr des alten Herrn die schmeichlerische Falschheit dieser Stimme nicht wahrnahm?
Da erhob der Marschalk noch einmal seine Stirn: „Mein edler Herr, bald hätte ich vergessen, Euch zu bitten, Euere herrliche Tochter, Jungfrau Blossom (englischer Kosename; zu deutsch „Blüte“), von dem jungen Herrn aufs schönste zu grüssen! Jungfrau Blossom und der junge Ritter John sind ein Geschwisterpaar, Herr, von dessen Treue, Liebe und Schönheit und von dessen Tugenden man sich im ganzen kaledonischen Tann erzählt ...“
Über das gelbe Gesicht des Marschalks glitt bei diesen Worten ein sonderbares Lächeln. Der alte Ritter aber horchte erstaunt auf. Dann sagte er: „Marschalk, ‚Jungfrau Blossom‘ nennst du mein Kind?“
Diese Frage kam aus gütigem Munde. Und Glenalvon antwortete:
„Verzeiht, mein edler Herr, wenn sich Euer Dienstmann des vermisst! Aber, soweit man ihren Namen nennt, heisst Harriet Malcolm so wegen ihrer blühenden Schönheit und der Holdseligkeit ihres Wesens. Darf ich die Bitte wagen, der edlen Jungfrau auch von Eurem ergebenen Marschalk einen Gruss zu bestellen?“
Dabei verzog Glenalvon sein bartloses Gesicht zu einem knechtischen Grinsen. Er tat so, als verdiene er für seine Anmassung eine ernste Verwarnung. Allein – Glenalvon kannte die Gutmütigkeit und die Dankbarkeit seines Lords zu genau. Dabei war er so klug und berechnend, dass er die Grenzen nie überschritt, in denen er sich dem Ritter gegenüber bewegen durfte, ohne sich dessen Gunst zu verscherzen. Vor Jahren hatte er ihn aus rauchendem Reiterkampfe herausgehauen und hatte ihm das Leben gerettet. Für diese tollkühne Tat, die von herrlichem Mute zeugte, war der Marschalk von Ritter Malcolm erhöht worden. Zuvor war er ein gewöhnlicher Trossknecht gewesen. Aber er hatte an jeder Stelle seine Klugheit bewiesen. Da war er allmählich zum höchsten Beamten in Burg Malcolm aufgestiegen.
Seit er dem Lord den grossen Dienst erwiesen, hatte dieser innerhalb der Grenzen seiner Lordschaft keine Bestimmung getroffen, ohne zuvor den Rat des Glenalvon einzuholen. Der war ein so umsichtiger Haushalter, dass sein Herr sich unbedingt auf ihn verlassen durfte.
Vielleicht hätte die Dankbarkeit des alten Ritters sich aber doch in anderer Weise gezeigt, wenn er gewusst hätte, dass unter den Dienstleuten ein Gerücht ging: es werde kein anderer die Hand der schönen Harriet Malcolm gewinnen als Marschalk Glenalvon, der doch früher eben solch ein Knecht gewesen sei wie einer von ihnen.
Von diesem Gerüchte ahnte Ritter Malcolm nichts. Niemals wäre ihm auch der Gedanke gekommen, dass sich sein Dienstmann Glenalvon unterfangen könne, bei ihm um die Hand Harriets anzuhalten.
Das Gesinde aber neidete dem Marschalk das unbegrenzte Vertrauen des Herrn. Glenalvon hatte die Tücke des Wolfes und sah mit seinen stachlichten Haaren und der rüsselartigen Nase einem Igel ähnlich. Was wollte er mit der Blume der Wälder beginnen?
Die Heimkehr
Der Morgen des nächsten Tages dämmerte herauf. Da erscholl vom Wartturme das Horn des Wächters. Es verkündete das Nahen eines Heerhaufens. Aber es waren nicht anrückende Feinde, sondern der junge Ritter Malcolm kehrte an der Spitze seines Trosses aus dem Heerlager heim. Die Dänen waren also mit ihrem letzten Schiffe vor gutem Winde davongesegelt.
Die Knechte stiessen das grosse Tor des Gehöfts auf. Alsbald zog ein Haufe Gewappneter hindurch – Fussvolk und Reiter.
Drüben auf den Wegen des Waldes und wo sich die grosse Heerstrasse teilt, sah man andere Trupps, die zu einer entfernten Burg marschierten. So fegte der Winter nicht nur die Felder, sondern er fegte auch die Strassen rein von kriegerischem Volk.
Zuletzt rollte nur noch dann und wann ein Wagen mit grauer Blache überspannt die steinichte Strasse daher.
Während auf dem Burghofe die Rosse abgeschirrt und die Waffen in die Rüstkammern gebracht wurden, rollte ein solches Gefährt mit hochgewölbter Plane auch gegen Malcolm. Beim Antritt der Heerfahrt war es mit Proviant gefüllt gewesen. Nun aber lagen Verwundete darin. Sie lagen auf weichem Stroh, das die harten Stösse des Gefährtes milderte.
Beim Anblicke des Wagens mit den Kranken mässigten sich die rohen Knechte ein wenig. Ihre harten Rufe klangen gedämpfter, und die Pferdejungen, die die bestaubten Rosse in ihre Stände führten, richteten ihre Augen nach dem herankommenden Wagen.
Noch war das Tor nicht lange geöffnet, so sprengte auch schon der Marschalk Glenalvon über den Anger vor der Burg. Er kam von seinem Lehnshof, sprang aus dem Sattel seines roten, schweren Dänenrosses und trat grüssend zu John Malcolm.
„Ich hatte Euch nicht vor Abend erwartet, junger Herr,“ sagte er, „aber es ist dennoch alles für die Heimkehr bereitet. Die Pferde finden die Krippen voll Futter, und die Waffenkammer ist in guter Ordnung, das wiedereingebrachte oder erbeutete Rüstzeug aufzunehmen.“
Während sie miteinander sprachen, schleppten die Trossknechte die schweren Armbrüste, Spiesse und kurzen Schwerter über den Hof.
„Es ist gut, Marschalk!“ nickte der junge Ritter und schlug den Bug seines grauen Rosses.
Dann deutete er nach dem Tore: „Da kommt der Wagen, Glenalvon! Ich habe dem Knechte geboten, langsam zu fahren.“
„Führt Ihr den unbekannten Krieger in unsere Burg?“ fragte der Dienstmann.
„Ja, Marschalk. Er liegt auf dem Stroh wie ein Toter und hat die Augen noch immer nicht aufgeschlagen. Im Heerlager wär’ er gestorben. Aber ich denke, wenn er die harte Fahrt übersteht und in gute Pflege kommt, werden wir ihn wieder lebendig machen. Dann kann er in wenigen Wochen gesund heimreiten.“
Der Wagen war inzwischen zur Mitte des Hofes gerollt und abgeschirrt worden. Der junge Ritter und Glenalvon winkten einigen Knechten und näherten sich dem Gefährt. Ob der fremde Kriegsmann noch am Leben war?
In dem schlanken Eckturme öffnete sich um diese Zeit die Türe zu ebener Erde. Jungfrau Harriet trat auf den Hof, um ihrem Bruder entgegenzueilen.
Der junge Lord, der seine ganze Aufmerksamkeit auf den Wagen richtete, um den sich die Knechte mühten, bemerkte die Schwester jedoch nicht. Glenalvons Falkenaugen aber hatten sie erspäht.
Der Marschalk zog sich das hirschlederne Gewand ein wenig zurecht, rückte sich die Kappe, und dann klirrten die Sporen seiner Reiterstiefel über die Fliesen des Grundes. Er lief ihr geschäftig entgegen.
„Ich grüss’ Euch, edle Jungfrau!“ rief er ihr zu, hob aber seine Hände wie zur Abwehr. „Vielleicht gefällt es Euch, ein wenig zu verziehen. Die Männer sind dabei, einen Sterbenden zu bergen. Der Anblick eines Verwundeten, der auf dem Sande des Schlachtfeldes aufgefunden wurde, ist hässlich.“
Harriet Malcolms Augen wurden weit: „Von wem redet Ihr, Herr Marschalk? Verbergt Ihr mir den Namen des sterbenden Kriegers mit Absicht?“
„Ich verschweige der Tochter meines gnädigen Herrn nur das, was ich selbst nicht weiss,“ entgegnete Glenalvon mit gleisnerischem Lächeln. „Es kennt keiner seinen Namen; denn der Feind hatte ihm Waffen und Rüstzeug geraubt und ihn für tot in einem Haufen Gefallener liegen lassen.“
Da wurden Harriets Augen voll heller Freude: „Und Ihr seid es gewesen, Herr Marschalk, der ihn geborgen hat?“
Der Marschalk neigte sein Haupt und hob zu bescheidener Abwehr die Hand: „Nicht ich, Herrin – das ist vielmehr die Tat des Herrn John.“
„Daran erkenn’ ich meinen Bruder!“ sprach Harriet mit freudigem Stolz.
Glenalvon aber war plötzlich ernst geworden. Er hob die Lider und zog die Achseln: „Ich wäre froh, dürfte ich selbst solche Worte des Dankes von Eueren Lippen empfangen, edle Jungfrau. Aber –“
„Nun – aber?“
„Es ist eine wilde Zeit, und die Edlen von Malcolm haben Feinde; denn sie sind mächtig und reich!“ sagte er bedächtig. Er sprach nicht offen.
„Was wollt Ihr damit sagen, Herr Marschalk?“ drang Harriet in den Kriegsmann.
„Der Vogel Kuckuck schmuggelt sein Ei in ein fremdes Nest. Und der Jungvogel vergilt dann die Pflegschaft, indem er die Brut verdirbt.“
„Ihr sprecht in Rätseln. Wollt Ihr nicht deutlicher sein?“
Der Marschalk antwortete ganz langsam: „Wenn der unbekannte Ritter nun ein Feind wäre ...“
„Haha, fürchtet Ihr einen Sterbenden, tapferer Marschalk?“
Glenalvon hatte etwas Lauriges in seinen Augen. Er sah aus den Winkeln dieser Augen auf die Tochter seines Herrn. Fast schien es, als wäre sein Antlitz in diesem Augenblicke noch hässlicher als sonst. Seine Worte klangen verärgert:
„Ihr höhnt mich, edle Jungfrau! Glaubt Euer Herz wirklich, was Euer Mund redet? Man sagt nicht umsonst, dass Marschalk Glenalvon der klügste Mann in Lord Malcolms Reiche sei ...“ sprach er selbstbewusst.
„Und der eigensüchtigste!“ fiel ihm Harriet in die Rede.
Glenalvon zuckte zusammen. Aber die Jungfrau gewahrte das nicht; denn ihre Blicke weilten bei dem Wagen.
Die Knechte hoben den verwundeten Mann unter der grauen Blache hervor und trugen ihn in die Burg. Harriet aber sagte:
„Oh, wenn er einst wieder stark und kühn gegen den fremden Feind anreiten könnte! Ja, gegen den fremden, gegen jenen, bessen Art und Sprache und Sitten uns fremd sind. Der überfällt uns, der trachtet uns zu vernichten, der möchte in unserem Lande und in unseren Schlössern sich’s wohl sein lassen! Solchen Krieg veracht’ ich nicht, wenn ich ihn gleich fürchte. Aber die ewige Fehde ist hassenswert, die Geschlecht gegen Geschlecht zu führen hat. Auch wir mit unseren Nachbarn! Seht, Herr Marschalk – nur die Breite eines Flusses trennt die schwesterlichen Königreiche. Auf jeder Seite wohnt ein Volk – eins ist dem andern ähnlich, wie Zwillinge sich ähnlich sind. Beide sind Krieger. Aber sie wollen ihre verwandten Waffen nicht zu ewigem Frieden vereinigen. Wenn kein fremdes Heerhorn schallt und sie in das gemeinsame Lager ruft und vor den gemeinsamen Feind, so ist ihnen die Fehde in den friedlichen Gründen unserer Wälder Bedürfnis. Sie ziehen in den Morgen des Kampftages wie zu einem Sommerspiele ...“ Jungfrau Harriet sprach langsam und mit zitternder Stimme ... „und wenn der Abend kommt, der für eins der Heere den Sieg bedeutet, dann liegt die Blüte der Männer kalt wie Wintererde.“
Mit einem Seufzer wandte sich das schöne Kind des Ritters und liess den kriegerisch gesinnten Marschalk stehen. Der vernahm mit lebhaftem Unwillen aus ihren Worten, dass sie auch ihn selber fürchte wie die blutige Fehde der wilden Zeit. Hatte die Jungfrau vielleicht gar eine Ahnung davon, dass der Marschalk den Wandel der Gesinnung hasste, den er an dem heranwachsenden Geschlechte wahrnahm?
Freilich: seine Hand ruhte am liebsten am Schwertknaufe. Nur im Kampfe konnte sein ehrgeiziges Herz sich genug tun. Den Frieden schalt er eine „träge Zeit“. Und am liebsten hätte er das glimmende Feuer des Hasses zwischen den Malcolm und den Douglas zum lodernden Brande geschürt.
Wenn die Feindschaft der Väter in den Nachfahren heimlich zur Versöhnung sich wandelte, so wäre die Zeit nicht fern gewesen, in der die Jugend der beiden Rittergeschlechter vor den Toren ihrer Burgen in fröhlichem Spiele die Speere gebrochen hätten. Und wenn die ritterlichen schwarzen Douglas erst in klingender Sommerfahrt über das Waldwasser herüberschritten und auf Malcolm als Freunde Einkehr hielten, dann –
Der Marschalk stampfte bei diesem Gedanken mit dem Fusse und biss sich die Lippe.
Er hoffte in der Tat heimlich: die Güte und Dankbarkeit des alten Malcolm werde die zarte Hand seiner Tochter noch einmal in die seine legen. Wenn es aber geschah, dass die Blüte der Ritterschaft um Schön-Harriet warb, dann waren die Aussichten für den ehrgeizigen Dienstmann sehr schlecht. Was vermochte dann seine weitgerühmte Klugheit, was vermochte seine Tapferkeit gegen Jugend und edles Blut und ritterliche Schönheit des Leibes?
Mit tückischen Gedanken sah Glenalvon der Jungfrau nach. Ihr goldenes Haar war wie der Sonnenschein, der im Frühling an dem alten Burggemäuer lehnte.
Harriet hatte an diesem Morgen ein Band von Perlen durch dies goldene Haar gezogen. Da war sie noch viel schöner geworden. Sie trug ein seegrünes Überkleid über dem dunkelroten Untergewande. Das war in der Mitte von einem köstlichen Gürtel gehalten. Den hatte einer ihrer Väter von der Fahrt zum heiligen Grabe heimgebracht. Die gestickten Sandalen ihrer Füsse schwebten leicht über die Fliesen des Burghofs. Ihr geschmeidiger Gang war von edler Anmut.
Vielleicht wäre der Marschalk hinter ihr dreingeschritten, um noch mit ihr reden zu können. Aber viel gaffendes Volk war Zeuge ihres Zwiegesprächs gewesen. Drum wandte er sich und gab den Knechten mit rauhen Worten seine Befehle.