Kitabı oxu: «Das Kabarettferkel und andere neue Berliner Geschichten»

Şrift:

Max Kretzer

Das Kabarettferkel und andere neue Berliner Geschichten

Saga

Das Kabarettferkel und andere neue Berliner Geschichten

© 1907 Max Kretzer

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711502839

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

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Das Kabarettferkel.

Neulich, auf dem Nachhausewege aus einer Gesellschaft, in der es ziemlich eintönig hergegangen war, trieb mich das schlechte Wetter in ein Café im Westen, wo ich bei einer Schwarzen und meiner geliebten Cigarre allerlei Betrachtungen anstellte über vergessene Regenschirme, Missachtung von Gummischuhen und über die Notwendigkeit der raschen Erfindung eines elektrischen Heilverfahrens gegen den Schnupfen, vor allem aber über die Torheit der Menschen, die sich bei jeder Gelegenheit für kalte Prunkräume in den Frack werfen, statt sich im eigenen behaglichen Wigwam in wollene Decken zu wickeln. Ich kam aber nicht weit damit, denn die Beweglichkeit des alten, dürren Zahlkellners, der fortwährend seine Stelzenparade vor mir abhielt, und dessen vertrocknetes Gesicht ich entschieden vor Jahren schon im Osten gesehen haben musste, brachte mich auf andre Gedanken. Unter seinen Befehlen sprang der Pikkolo wie ein auftragender Windhund unaufhörlich vom Büfett nach der kleinen Tür des Hinterzimmers und dann nach einer Pause wieder zurück. Und jedesmal empfing er neue Belehrungen von dem ausgepichten Schani: „Mach, geh schon, ’s Rührei ist für den Herrn Doktor, d’ weisst schon — den mit der Glatz’ ... ’n Aufschnitt kriegt d’ Dame im blauen Kleid, die, was d’ rote Blum’ im Haar hat ... d’ Manoli für den Schwarzen, d’ weisst schon, der alles bezahlt ... Der Sekt kommt bald. Nacha bist d’ gleich wieder hier.“ Und während der Kleine mit angestrengtem Gehirn davoneilte, fegte der Grosse mit seinem schlappen Wischtuch über den kleinen Marmortisch drüben, an dem ein andrer einsamer Gast sass, und gebrauchte dabei die Entschuldigung: „Der Punsch kommt sofort, ich hab’ heut’ a bissel d’ Händ’ voll, die Kabarettleit’ sind drin.“

Der grosse Kindskopf des Pikkolo wurde wieder sichtbar, und durch die Türspalte drang wüster Lärm heraus. Gleich darauf erschien hinter ihm ein Jüngling, der viel Gemeinsames mit den Figürchen zeigte, die man aus Korken und Streichhölzern zu machen pflegt. Er hatte unglaublich dünne Beine, vermochte sich in seinem engen Rock kaum zu bewegen und war entschieden in einem Irrtume befangen gewesen, als er sich die eine Manschette als Kragen um den Hals würgte, statt sie ihrer Bestimmung am Handgelenk zuzuführen. So kroch sein Kopf wie aus einer Röhre hervor, sobald er ihn zu einem bedeutsamen Ereignis erheben wollte, was sofort geschah, als seine Glotzäuglein mich streiften. Da er keinen Nicker machen konnte, so klappte er wie ein Zollstock zusammen, den man zur Hälfte knickt. Ich musste dieser violetten Kutscherweste mit blanken Knöpfen, dieser riesigen Kravattensicherheitsnadel, die einer Kramme glich, und diesem Uhrklotz, der aus der Westentasche hing, schon irgendwo begegnet sein; wenigstens behauptete ihr Besitzer es. Sein dramatisches Rrrr, getrübt durch einige unreine Nasenlaute, erweckten rasch meine Erinnerungen an einen jungen Poeten, der mir eines Mittags seinen Besuch gemacht und dabei verstohlen ein Bändchen Gedichte zurückgelassen hatte, deren selbstmörderischer Pessimismus, vereint mit der tiefen Weiberkenntnis eines Neunzehnjährigen, mich so stark ergriff, dass ich seit langer Zeit wieder rückfällig wurde, zwei Cognacs auf einmal trank und das Büchlein später mein „Lachkabinett“ nannte; denn erst nach mehrmaligem Durchlesen kam ich dahinter, dass man diese Reime — frei nach Unteroffizier Dase in Hackländers „Wachtstubenabenteuer“ — von hinten lesen müsse, um auf die humoristische Wirkung zu kommen.

„Wollen der Herr Kollege vielleicht zu uns — ?“

Erschreckt blickte ich mich um, von unseliger Ahnung erfüllt, der Pikkolo könnte sich ebenfalls gleich nach seiner Einsegnung in das Lager der deutschen Federhelden begeben haben; aber ebenso schnell kam ich zu der Erkenntnis, dass ich persönlich auf diese besondere Auszeichnung Anspruch erheben dürfe, die mir zum erstenmal in meinem Leben zu einem Titel verhalf. Ich war plötzlich „Kollege“ geworden. Na, also! Und ich hasste doch alles Rubriziertwerden nach dem berühmten Schema F.

Dankend lehnte ich ab, denn ich glaubte, da drin nichts lernen zu können; aber zwei Reformweibchen, die plötzlich Arm in Arm aus dem kleinen Zimmer in das schon öde Lokal getänzelt kamen, von denen das eine die Dame im blauen Kleide war, „was d’ rote Blum’ im Haar hat,“ machten mich wieder wankend. Die andere war rothaarig und saftig, wie ein runder Pfirsich — meine alte Bekannte, die Gattin eines Malers, der ich die schöne Bezeichnung „Frau Überall“ gegeben hatte, weil sie zu jenen weiblichen Faltern unserer besseren Gesellschaft gehörte, die bis zum frühen Morgen das elektrische Licht zu umschwärmen pflegen.

„Ihr Herr Gemahl auch da?“ fragte ich nach der Begrüssung, wobei sie mir die Blaue, eine verschnörkelte Sezessionslinie mit einem süssen Puppenköpfchen, als ein Fräulein Dingsda, die Tochter einer Professorwitwe, vorstellte, die gern „alles mit mache“.

Sie lächelte vergnügt ihre kernigen Zähne hervor. „Mein Mann? Hoffentlich schläft er schon. Kommen Sie nur, es ist fidel.“

Rasch ging mir der bekannte Seifensieder auf, denn ich entsann mich, gehört zu haben, dass diese beiden Eheleutchen seit einiger Zeit ihre eigenen Wege gingen — er nach rechts und sie nach links — sich dann aber aus Anstandsrücksichten wieder mal gelegentlich dort zusammenfanden, wo es etwas Gutes zu essen und zu trinken gab und wo der Mantel der Liebe so gross war, dass man gleich ein halbes Dutzend ähnlicher Verhältnisse mit ihm hätte zudecken können.

„Denn also rin,“ dachte ich mit Blücher und sass gleich darauf, mit Worten gewappnet, „unter den Kabarettleit“, den Mitwirkenden und Stammgästen der „Fledermaus“, die ihre Abstecher nach hier fröhlich zu begiessen begannen. Lauter bekannte Typen: Der junge „Malöhr“, der noch zwischen Pinsel und Feder schwankt; der Konservatoriumsschüler mit der schmalen Stirn und den langen Haaren; der verkannte Konfektionsjüngling mit dem ewigen Wortspiel auf den Lippen und der blutroten Krawatte unter dem Modekragen; der junge Kritiker, der das einzige Feuilleton seines ganzen Lebens, schon halb zerfetzt, stets bei sich trägt, mit seiner Mitarbeiterschaft an ersten Blättern prahlt und immer an Streichhölzern kaut, sobald er andere essen sieht, bis er dann die Gelegenheit abwartet, dem „Mäcen“ an eine einsame Stelle zu folgen, um dann, nach der Rückkehr etwas Klimperndes in der Tasche, den Pikkolo anzubrüllen, dass er ihn schon eine halbe Stunde auf die Speisenkarte warten lasse; der behäbige Börsenmann, Stadtreisender in abgelegten Anekdoten, der immer spendiert, sobald man lacht; und der wirkliche „Künstlehr“ von der Palette, der es längst aufgegeben hat, seine Bilder unnütz anzubieten, sie bei dem Kabarettwirt als Wandzierde versetzt hat und hinterher für unverkäuflich erklärt. Dann die Überweibchen: das späte Mädchen mit dem ewigen Seelenschrei nach dem Kinde, der aber zwecklos ist, weil die Männer sich ihr gegenüber alle als Platoniker zeigen; die Schüchterne, die bei jedem verfänglichen Wort mit niedergeschlagenen Augen die Frage bereit hat: „Was ist das?“ und klüger als die andern ist; die unverstandene Frau, die in Scheidung liegt, an Nymphomanie leidet, über nichts mehr errötet und trotzdem immer wünscht, dass man sie als Dame behandele; und zum Schluss das „Glühwürmchen“ (so genannt, weil sie stets rote Backen hat) das, erst achtzehn Jahre alt, sich keck auf die Bretter stellt und mit kindlicher Einfalt ein Gedicht „Die Brautnacht“ vorträgt, über das Stallknechte erröten würden, wenn sie von der Kultur schon so beleckt wären, um den Weg zum Kabarett „zur Fledermaus“ zu finden. Trotzdem ist Glühwürmchen immer heiter, lacht einfältig übes alles und wird von den Verehrern als Unschuld gepriesen, die so „veranlagt“ sei, worunter die Eingeweihten ihre schlummernde Perversität wittern. Auch ein paar andere Mitmacherinnen, die Cigarre usw. im Munde, rekelten sich auf dem Sofa herum, so dass die gefüllten Seidenblusen zu platzen schienen.

„Darf ich bitten, ich bin so frei,“ sagte der Schwarze, „der alles bezahlt“, und schob mir ein gefülltes Sektglas hin, denn mittlerweile war Schani mit zwei Pullen aufgetaucht, die er wie Tafelaufsätze auf dem langen Tisch verteilt hatte. Ich dankte, denn ich hatte vorher besseren getrunken, und bestellte mir noch einen Kaffee, was der Spender ganz überhört haben musste, denn nicht lange darauf schob er mir ein zweites Glas mit denselben Worten zu: „Darf ich bitten, freut mich sehr.“ Das erste hatte inzwischen mein junger Poet heruntergegossen, wahrscheinlich in der Meinung, dass das unter „Kollegen“ ganz egal sei. Er hatte auch schon einen kühnen Griff in die Manolischachtel getan und sich ein halbes Dutzend davon in die obere Tasche seiner Kutscherweste gesteckt, wo sie nun wie Rauchpatronen hervorlugten. Seinem Beispiele waren heimlich „Kritiker“ und „Malöhr“ gefolgt, so dass die eine Rekelnde, die von der andern fortwährend mit „Schnutchen“ angeredet wurde, entrüstet ausrief: „Ja, wo sind denn die Manoli, Ihr fresst sie wohl? Pimpelchen, bestell’ doch noch.“

Schani musste an der Tür gehorcht haben, denn wie gerufen war er wieder da, staubte sein Tuch in der Luft aus und nahm den Auftrag von dem Schwarzen entgegen, dessen unzweideutiges Verhältnis zu Schnutchen ich sofort erriet. Als sie gleich darauf äusserte, dass sie noch Appetit habe auf „etwas recht Schleckriges“, hielt er sofort in einer Ecke eifrig Kriegsrat mit Schani. „Schön, schön — bringen Sie die ganzen Pastetchen, wenn nichts andres mehr da ist. Machen Sie sie warm, gut, gut.“

Der Poet, dessen grosse Schallfänger für solche Heimlichkeiten besonders empfänglich waren, raunte mir ehrerbietig zu, dass dieser grosse Gönner ein bekannter Makler in Getreide und ausserdem Stammgast in der „Fledermaus“ sei.

Der Sekt löste die Zungen noch bedenklicher, und bald schwamm die Unterhaltung in jenem lieblichen Strome, wo eine Zweideutigkeit die andre treibt, so dass der Unterschied der Geschlechter fast verwischt wird.

„Lustig, nicht? Hier kann man doch ein Wort reden,“ raunte mir Frau Überall zu und beruhigte dann die Geschnörkelte im blauen Kleide, die fortwährend jammerte, was ihre Mama „dazu“ sagen würde. Es machte aber auf mich den Eindruck, als wäre das eine niedliche Angewohnheit von ihr neuen Gesichtern gegenüber, denn sie flötete es immer auffallend laut zu mir hinüber. „Sei doch nur ruhig, du hast ja den Hausschlüssel,“ beschwichtigte sie der reife Pfirsich, der mir noch niemals so angestochen erschien, als gerade an diesem Abend.

„Ich weiss gar nicht, was ihr wollt,“ übertönte Schnutchens Stimme dann ein erregtes Redegefecht, in dem die andre geschwellte Bluse und die Schüchterne kreischend auf sie losgefahren waren. „Ich mach’ mir gar nichts daraus, was die Welt darüber denkt, ob ich ’n Kind so habe, oder so. Philisterstandpunkt! ... Pimpelchen, mein Glas ist leer, du siehst es doch!“

„Ganz meine Meinung,“ mischte sich die Späte mit dem ewigen Mutterschrei hinein und gellte die andern beiden an: „Blödsinn, überwundener Standpunkt! Ich will mich ausleben, ich habe das natürliche Recht dazu. Wenn die Männer sich alles gestatten dürfen, kann ich’s auch. Ich bin ich und kann über mich verfügen, wie ich will. Und wenn ich mich verschenke mit Leib und Seele, so geht’s keinen was an.“

„Es nimmt sie aber keiner,“ spöttelte der Konservatorist heimlich, der bisher wie stumpfsinnig auf die Tischplatte geblickt hatte.

„Na, ja, eigentlich haben Sie ja nicht unrecht,“ lenkte die Schüchterne ein, „aber so etwas spricht man doch nicht offen aus.“

„Ach, die so tun ... Was?“ rief Schnutchen aus. „Aber so lass doch neuen anfahren!“ schnauzte sie dann den Schwarzen an. „Ich kann doch hier nicht verdursten.“

„Darf ich bitten, freut mich sehr,“ sprach Pimpelchen in grosser Verlegenheit wieder auf mich ein und hielt mir seinen kleinen Brusttaschenkoffer mit den Importierten entgegen.

„Nehmen’s mir die Damen nicht übel, aber wenn man solche Ansichten hört, glaubt man auf der freien Liebesinsel zu sein,“ sagte plötzlich der einzige anwesende Mime, der sich als Kabarettgrösse bisher in einsamer Schweigsamkeit verhalten hatte.

Die Jünglinge brüllten vor Lachen, da sie das für einen Witz hielten, und nahmen einen neuen Anlauf dazu, als die Späte kalt lächelnd einwarf, dass die moderne Frauenbewegung ja mit vollen Segeln dahin wolle.

„Erlauben Sie gefälligst, meine Verehrte,“ wagte ich bescheiden einzuwenden, „welche Frauenbewegung meinen Sie denn? Die nach unten, oder die nach oben? Die in den Morast, oder die aus dem Morast?“ Ein feindlicher Blick aus den grauen Augen traf mich, dessen tödliche Blitze aber glücklich durch ein abermalige Bemerkung des Vortragskünstlers glücklich abgelenkt wurden.

„Fräulein Pfeiffer meint immer die Bewegung nach dem Standesamt. Wenn’s soweit ist, denkt sie milder,“ witzelte er wieder.

„Rudi, ich verbitte mir diese Verdächtigung,“ geiferte sie ihn spitz an. „Sie kennen doch meine Überzeugung. Für mich gibt es nur eine heilige Ehe: die aus freier Willenserklärung geschlossene, ohne staatlichen Zwang.“

„Jemehr ich darüber nachdenke — etwas Grosses liegt darin,“ fiel die Schüchterne ein, die das Sektglas schon hin und her wackeln liess.

„Dann lassen wir doch einmal unsere eheliche Gütergemeinschaft leben,“ sagte der verflixte Rudi wieder, der, obwohl er als Widersacher dieser äussersten Emanzipationsgelüste auftrat, fortwährend von der holden Weiblichkeit angeschmachtet wurde, am meisten aber von Schnutchen, mit der er, wie ich zu bemerken glaubte, trotz des Gönners unter dem Tisch telegraphierte, was ihn aber nicht abhielt, über dem Tisch den Schwarzen mit ausgesuchter Höflichkeit zu behandeln.

„Jetzt muss ich aber wirklich gehen,“ flötete die Sezessionslinie dem reifen Pfirsich zu. „Wenn das Mama wüsste!“

„So bleib’ doch nur, stärker kann’s ja nicht mehr kommen,“ beruhigte sie Frau Überall, aus deren rosigem Gesicht andauernd nur Vergnügen sprach. „Ich weiss nicht, was du willst — es ist doch hier sehr gemütlich und anständig obendrein.“

Sie blieb auch, denn Schani und der Pikkolo kamen zu gleicher Zeit herein gestürmt, der vertrocknete Wiener mit neuen Pullen, und der Kindskopf mit einem grossen Tablett frisch gewärmter Fleischpasteten, die von drei Paar Jünglingsaugen zuerst durch bohrt wurden, bevor sie auf die Tellerchen gelangten.

Der Verfasser des berühmten einen Feuilletons schluckte vor Wonne, der Konservatorist verlor seinen Stumpfsinn, der Dichter-Malöhr nahm sich sofort drei davon, und auch der wirkliche Künstlehr, der sich zuletzt nur noch allein etwas vorgesungen hatte, griff mit seinen langen Tatzen schnurstracks auf das Tablett und behandelte die Delikatessen wie Butterbrote.

„Pimpelchen, wir wollen auch etwas haben,“ muckte die Vollbusige gehörig auf und zog das Tablett zu sich herüber, so dass zwei Sektgläser umfielen. „Solche Wölfe!“

„Darf ich bitten, freut mich sehr,“ sagte der Gönner wieder zu mir, sah dann aber zu spät ein, dass er nichts mehr an mich zu verteilen hatte. Dafür goss er mir aber gleich zwei Gläser voll Sekt ein, die wie von unsichtbarer Hand gleich nach rechts und links fortgezogen wurden. Ich nahm das nicht übel, vergnügte mich vielmehr über den Anblick der schmatzenden Überweibchen und Übermännchen, denen nun Gelegenheit gegeben war, vorübergehend den Mund zu halten. Die ganze Tafel schwamm in übergeplanschtem Sekt, aus dem der Geruch von verkohlten Cigaretten, von verkleckerten Speiseresten und dem Fettgeruch der Pasteten aufstieg. Die Damen dufteten nach Maiglöckchen, Flieder und Veilchen, und die Dicken schmorten in der Hitze des kleinen Raumes.

Glühwürmchen hüpfte auf ihrem Stuhl hin und her und summte etwas, was man nicht verstand.

„Nun, wie denkst du denn über die freie Liebe?“ fragte sie der hübsche Rudi, der die Vergünstigung zu haben schien, sie alle als seine Herzenskinder anzureden.

„Ich halt’ mir schon die Ohren zu, wenn ich so was höre,“ trillerte sie mit verschämtem Lächeln.

„Na, dann deklamiere uns doch das Storchlied,“ ermunterte sie die Grosse.

„Soll ich?“ und einen kleinen Spitz im Kopf, stellte sie sich wie ein züchtiger Backfisch an die Wand, den Zeigefinger an den Lippen und trug das Lied vom Storch vor, der zu früh geklappert hatte.

„Sollte man es für möglich halten?“ raunte mir der reife Pfirsich zu. „Sie ist ein durchaus anständiges Mädchen und sehr gebildet, die Tochter einer sehr ehrbaren Witwe, bei der der Künstlehr wohnt.“

„Aber das richtige Kabarettferkel,“ erwiderte ich so laut, dass alle es hören konnten, denn mir war die Sache nun allmählich bis zum Halse gestiegen. Als alle aufblickten, die Späte voller Entrüstung ein Bein übers andre schlug und in herausfordernder Erwartung die dünnen Arme über dem inhaltsleeren Reformkleid verschränkte, fuhr ich mutig fort: „Das ist nämlich ein neuer Gattungsbegriff, meine Herrschaften, den ich mir schmeichle, erfunden zu haben. Bekanntlich beschmutzen die vierfüssigen Ferkel sich selbst, natürlich nur körperlich — die holden zweibeinigen mit dem ewigen Brunstschrei in der Brust und der Sehnsucht nach der öffentlichen Begattung, beschmutzen sich durch Worte — Ferkel sind sie beide. Dort sprudelt’s aus dem Mistkober und hier aus dem Schmutz der Phantasie ... Schani, zahlen.“

„Jetzt muss ich aber wirklich nach Hause,“ sagte die Sezessionslinie, fast weinerlich in dem Schweigen, mit dem man mich beehrte. Der schöne Rudi jedoch fasste sich schnell. „Das Kabarettferkel — damit komme ich nächstens, das ist was, das wird zieh’n.“ Und er wandte sich an meinen jungen Kollegen mit der Frage, ob er „so etwas“ dichten könne. „Das ist unerhört,“ hauchte die mit dem Schrei nach dem Kinde und schlug nun zur Abwechselung das linke Bein über das rechte.

Ich bat, die „neue Kunst“ zu grüssen und ging unter dem lebhaften Bedauern der Jünglinge und des Schwarzen, der über meine Offenheit mit einer tiefen Verbeugung quittierte. Der reife Pfirsich fragte mich, ob wir nicht einen Weg hätten; ich schüttelte ihn aber noch einmal ab, trotzdem er bereits gefallen war. Hinter mir schnatterten die Überweibchen wie eine Schar aufgescheuchter Gänse.

Draussen pfiff der eisige Morgenwind, der aus Nordost von einer neuen Sturmflut herzukommen schien. Eine Dirne, dünn angezogen, strich durch die einsame Strasse, an den erleuchteten Fenstern des Cafés vorbei, wohl innerlich fluchend, dass sie zu den „Anständigen“ dort drin nicht hinein dürfe. Zaghaft, zitternd vor Kälte, sprach sie mich um ein kleines Geschenk an, damit sie nicht arm nach Hause gehe.

„Man wird schlecht, ohne dass man’s merkt, und ich muss Kostgeld für mein Kindchen haben,“ entschuldigte sie ihren letzten Schritt.

Kein hässliches Wort kam über ihre Lippen, und als ich in ihr bleiches Gesicht sah, dachte ich an die Sonja in Dostojewskis Raskolnikow, schämte mich nicht und fasste in die Tasche.

Auch ein Schrei nach dem Kinde, aber ein aus Not und Elend geborener!

Diese Dirne war in meinen Augen ganz erheblich gestiegen!

Überwindung.

Professor Johannes Murr befand sich in sehr übler Laune, trotzdem eigentlich kein tieferer Grund dazu vorlag, denn abgesehen von einer zeitweilig auftretenden Magenverstimmung fehlte dem allgemein geschätzten Gelehrten nichts von jenen Gütern, die der Mensch herbei sehnt, um alle an ihn herantretenden Wünsche erfüllen zu können. Er lebte in glücklicher Ehe, hatte fünf gesunde Kinder, die ihm andauernd Freude bereiteten, war schuldenfrei, beliebt bei allen seinen Kollegen am Gymnasium, deren Stimmen er sicher war, falls der stets kränkliche Direktor demnächst in den unausbleiblichen Ruhestand treten würde, als dessen berechtigten Nachfolger er sich längst in Gedanken erblickt hatte, und durfte sich infolge einer erst kürzlich gemachten erheblichen Erbschaft auch in dem schönen Traume wiegen, seine Hinterbliebenen dereinst in besseren als sonst üblichen Verhältnissen zurücklassen zu können. Überdies war ihm noch vor kurzem eine Freude erfüllt worden, auf die er kaum mehr gehofft hatte. Sein neuestes Buch „Über das Mitleid“ war erschienen, lag in allen Schaufenstern und hatte auch schon in dem Wust von Neuerscheinungen zahlreiche wohlmeinende Erwähnungen in den Zeitungen gefunden, woraus er schliessen durfte, dass die gelehrte Fachpresse sich jedenfalls eingehend und anerkennend damit beschäftigen werde. Dieses Buch, das eigentlich mehr eine Etymologie des Wortes „mitleiden“ war und, davon ausgehend, einen reichen Wortschatz aller darauf bezüglichen Begriffe enthielt, der sich am Schluss bis zu einer gründlichen philosophischen Auslegung der christlichen Liebe erweiterte, lag nun, schön und würdig ausgestattet, vor ihm auf dem Tisch, und mit der Befriedigung des Schaffenden, der sein letztes Geisteskind am meisten liebt, hatte er es unzählige Male in die Hände genommen, immer wieder darin gelesen und geblättert und es zum Überdruss bereits der ganzen Familie gezeigt, ungefähr wie ein Mann mit einer gewissen kindlichen Schwäche, der davon überzeugt ist, dass sich eigentlich alles um seine Person drehen müsse, wodurch andre wichtige Dinge in den Hintergrund gerückt würden.

Da geschah plötzlich etwas, was er niemals erwartet hätte und was ihm die ganze Laune verdarb. Er erhielt eine Postkarte folgenden Inhalts: „Sehr geehrter Herr Professor! Ich habe mir Ihr Buch „Über das Mitleid“ gekauft und es auch gelesen. Soweit ich etwas davon verstehe, ist es sehr durchdacht, es hat mir im allgemeinen auch gefallen. Nur haben Sie ein Wort vergessen, ohne das wir alle nicht auskommen können und das den Schatz Ihres Wissens mehr vervollständigt hätte. Worauf Sie aufmerksam macht — mit Hochachtung Ihr Schwager Hermann Tipke.“

Dieser Schwager, mit dem sich die Schwester seiner Frau, ein schon etwas spätes Mädchen, seiner Meinung nach nur „verplempert“ hatte, war der einzige, Gott sei Dank nur selten, auftretende Ärger seines Lebens, entstanden aus jener Verwandtschaft, die man nicht ableugnen kann, an die man aber am liebsten nicht erinnert werden möchte. Nach des Professors Meinung wenigstens! Zwar hätte er tiefere menschliche Gründe gegen diesen „Entfernten“, der ihm schon seit Jahren nicht zu nahe getreten war, nicht vorbringen können, aber sein höherer Bildungsgrad, seine verwöhnten Umgangsformen, die ganze Aufmachung seiner Karriere hatten ihn dazu gedrängt, jeden engeren Verkehr mit diesem Angeheirateten zu meiden, der da irgendwo im Osten Berlins, in der Nähe der Spree, ein kleines Versandgeschäft eingemachter Früchte besass und sich nebenbei mit irgend welcher Tierzucht befasste, wofür sich aber der Gymnasialprofessor gar nicht interessierte. Er erfuhr nur hin und wieder so nebenbei etwas davon, und zwar durch seine Frau, die mit der Schwester regen Verkehr unterhielt. Der Mann war ihm gänzlich gleichgültig geworden, und zwar seit der ersten persönlichen Begegnung, die er, um nicht unhöflich zu erscheinen, nicht hatte verhindern können. Er konnte sich nun einmal nicht befreunden mit Leuten, die seinem Gedankengange nicht folgen konnten, keine Ahnung davon hatten, was ein Humanist sei, ihre eigenen Sprachen redeten und obendrein nicht wussten, was sie ausserhalb ihrer häuslichen Tätigkeit mit den Händen anfangen sollten.

Und nun war ihm das Unerhörte passiert: dieser Mann meldete sich ohne jede Anregung, wagte nicht nur Kritik, wenn auch eine versteckte, an seinem durchaus wissenschaftlichen Werke zu üben, sondern tadelte auch auf offener Karte in jener grosszügigen Schleifenschrift, aus der allein schon die geringe Denkfähigkeit des niedriger stehenden Individuums sprach. Ausserdem unterzeichnete er auch noch mit „Schwager“, was sozusagen der Anmassung die Krone aufsetzte und fast wie ein verwandtschaftlicher Hohn klang, verblümt mitgeteilt durch den Ausdruck der Hochachtung, den man aber bei dieser Art von Menschen genügend zu würdigen wusste!

Der Professor, schon nervös geworden durch anstrengende geistige Arbeit, die manchmal bis in die Nacht hinein währte, geriet in äusserste Erregung und verschonte auch seine Frau nicht damit, ohne jedoch die eigentliche Veranlassung zu verraten; denn er schämte sich ein wenig und befürchtete auch, an seinem wunden Punkt erkannt zu werden. Bald aber sagte sich die kluge Frau Professor, die diese Eigenheiten ihres Mannes zur Genüge kannte, dass jedenfalls eine schlechte Kritik eingetroffen sei, worunter gewöhnlich die ganze Familie zu leiden hatte.

Allmählich wurde Johonnes Murr wieder ruhig, denn je öfter er die Karte las, je mehr musste er sich sagen, dass sie eigentlich nichts Unehrerbietiges enthalte, vielmehr lediglich eine durchaus löbliche Anerkennung seines Schaffens, obendrein von einem Käufer seines Buches, dessen Name ihn nur verstimmt hatte. Als unangenehmes Anhängsel blieb der Hinweis auf eine Lücke in seinem Wortschatz übrig, worüber er allerdings nicht hinweg kam. Sein geistiges Gleichgewicht litt darunter, sein ganzer Gelehrtenstolz kam ins Wanken, und er geriet in die Verfassung eines Mannes, der etwas Vollendetes zu leisten geglaubt hat und nun auf Mängel aufmerksam gemacht wird, die er selbst nicht findet. Dieses fehlende Wort machte ihm zu schaffen, wurde gleichsam die Geissel seines Grübelns, und als er sich genugsam erfolglos den Kopf darüber zerbrochen hatte, raffte er sich zu einem Entschlusse auf, der ihm zwar wahnwitzig erschien, ihn aber doch unwiderstehlich dazu trieb, seine Gelehrtengründlichkeit zu erschöpfen.

„Sag mal, liebe Pauline, wie geht’s denn jetzt .. eigentlich ... deinem Schwager?“ horchte er vorsichtig seine Frau bei Tisch aus, nachdem die fünf Sprossen bereits gnädig entlassen waren und er sich noch einen grossen Löffel Flammeri, den er leidenschaftlich gern schleckerte, auf den Teller getan hatte. „Hatte er nicht die Influenza? Es interessiert mich eigentlich nicht, durchaus nicht! Aber deine Schwester hat ihn doch nun mal, und wiederum, siehst du —.“ Dieses „Wiederum“ war sein beliebtes Stichwort, womit er die meisten Nachsätze schmückte. Wie er sich auch daran gewöhnt hatte, niemals „mein“ Schwager zu sagen, um dadurch die Verwandtschaft auf die kleine, runde Frau abzuwälzen.

Der Mangel jeglichen Spottes in seinem Ton überraschte sie, so dass sie ihn vorerst bat, sich noch mehr Kirschsaft zu dem Flammeri zu nehmen, weil sie seine gute Laune aus diesem Genusse herleitete. „Er hat alles gut überstanden,“ erwiderte sie dann. „Ist ihm auch zu gönnen, jetzt, wo das Geschäft blüht.“

„So, so, das Geschäft blüht also,“ sprach er dann weiter, gewissermassen vor Aufregung zerstreut. „Na ja, da draussen wächst das Obst auch besser. Mehr frische Luft, auch mehr Wasser, als hier in der Frobenstrasse. Wiederum aber, siehst du ... Was kosten denn jetzt die besten Pflaumen bei ihm? Ich esse sie so gern, du weisst es.“

Sie lachte. „Er verkauft doch nur eingemachte Früchte. Mit den frischen Pflaumen ist’s vorüber.“

„So, so, mit frischen Pflaumen ist’s vorüber. Aber, liebe Pauline, das weiss ich doch selbst. Ich meinte ja auch die andern ... Man könnte ihn doch eigentlich in Nahrung setzen, aber wiederum, wenn ich bedenke, wie wir miteinander stehen ... Das heisst, mein Kollege Pfau hat mich darauf gebracht, er möchte gern ein Quantum billig beziehen.... Hat deine Schwester, als sie zuletzt hier war, nichts besonderes gesagt? Gar nichts besonderes? Nein?“ Und nach einem Kopfschütteln seiner Frau: „Das heisst, es interessiert mich durchaus nicht ... durchaus gar nicht, aber wenn man ein Buch ‚Über das Mitleid‘ geschrieben hat, siehst du, in dem sich so ein grosser Schatz erschöpfender Worte und Gedanken befindet, dann, siehst du, kommt man sich abgeklärter vor, zur Versöhnung geneigter, und doch muss ich wiederum sagen, dass dein Schwager —. Hat er denn etwas gegen mich?

„Aber nicht das geringste, Männe. Du warst doch immer derjenige, welcher —“

„So so, also er hat nichts gegen mich, und ich war immer derjenige, welcher —. Das sagst du! Aber wiederum ...“ Er unterbrach sich abermals. „Sag mal, Paulinchen, du hast doch auch mein Buch gelesen, und, wie ich dich kenne, gründlich gelesen. Hast du darin etwas vermisst, vielleicht ein bestimmtes, gebräuchliches Wort?“ Da er mit dem Essen fertig war, so rieb er sich die Nase, und als seine Frau verneinte, tat er es noch heftiger. „So so, also nichts vermisst. Dann danke ich dir, aber wiederum kann es vorkommen, dass selbst du, mit deinem Scharfsinn —. Übrigens, weisst du, könnte man ja deine Schwester bitten, die Bestellung an ihn zu machen ... Mahlzeit, liebes Kind ...“

Die vorletzte Instanz war für ihn erschöpft, er musste also die letzte suchen. Bis zum nächsten Nachmittag hielt er es noch aus, dann machte er sich auf den Weg, um Einkäufe zu besorgen, wie er sagte, eigentlich aber nur, um seinem Gelehrtengemüt die Ruhe zu verschaffen. Es war Winter und kalt, als er sich so durch den Weltstadttrubel schob, der mit seinem ewigen Auf und Nieder die Menschen flutenweise durch die Strassen trieb. Aber Johannes Murr sah und hörte nichts. Denn seine Gedanken verdichteten sich zu einem selbstsüchtigen Gelehrtenwahn, der sich inmitten dieser lebensfrohen Menge nur an tote Buchstaben klammerte. Das Wort, das eine Wort, das ihm fehlte! Er schritt dahin über den leise knirschenden, frisch gefallenen Schnee, vorüber an den bunten Schaufenstern, achtlos vorbei an flehenden Kindern, bittenden Frauen und Männern — er, der das grosse Buch „Über das Mitleid“ geschrieben hatte, in dem er bis zur christlichen Legende zurückgegangen war. Was waren ihm die Menschen, wo sein Werk nur zu ihm sprach!

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Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
05 may 2025
Həcm:
120 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711502839
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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