Kitabı oxu: «Die Sphinx in Trauer»

Şrift:

Max Kretzer

Die Sphinx in Trauer

Die Sphinx in Trauer

© 1903 Max Kretzer

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711502785

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com

1.

Seit zehn Minuten war ich gestorben. Trotzdem sah und hörte ich alles, was um mich vorging. Ich litt unter jenem seltsamen Zustand des Alpdrückens, in dem man zu ersticken vermeint, laut um Hilfe rufen möchte und doch nicht die Kraft findet, dem Organismus irgendwelches Leben abzugewinnen. Und dieser Zustand war um so fürchtertlicher, als er minutenlang anhielt, — Minuten, die mir zur Ewigkeit wurden, bis ich, gefühllos für die Außenwelt, da lag und nur die schreckliche Gewißheit hatte, mit wachen Sinnen nicht mehr zu sein.

Ich wollte mich bewegen, — es gelang mir nicht; ich wollte den Fuß erheben, — ich vermochte es nicht; dann die Hand, — dasselbe fruchtlose Bemühen. Mit aller Kraft wollte ich dem Kopf eine Bewegung geben, — dieselbe bleierne Schwere, die mich gefesselt auf meinem Lager hielt. Und je lebloser meine Glieder waren, um so aufgeregter wurde mein Bewußtsein. Es war der Verzweiflungskampf des Geistes mit dem Körper, der Seele mit dem Leib. Die Seele wollte sprechen, der Geist wollte verkünden, aber die rohe Kraft des Fleisches zerstörte ihre feinen Saiten und unterdrückte den leisesten Klang.

Die Erde triumphierte über den Himmel und zog alles Schwere an, was von oben herabkam, um sich dem Staube zu vermählen.

So verglich ich meinen Zustand, der meiner Phantasie unbegrenzte Weiten gab, obwohl ich in einem kleinen, halbdunklen Raum lag, gegen dessen niedrige Decke ich fortwährend starrte. Rechts stand das Bett meiner Frau, getrennt von dem meinigen, so daß sich in dem Zwischenraum bequem ein Mensch bewegen konnte.

Schläft sie noch? war mein Gedanke. Weshalb liegt sie denn heute gerade so fest, wo ein Zuruf von ihr tausend Wonnen für mich wäre?

Ich lauschte gespannt. Kein Atemzug wurde hörbar. Aber vielleicht täuschte mich mein Ohr, denn sie hatte stets einen leisen Schlaf. Trost kam über mich: sie wird sich erheben, meinen Zustand erkennen, an mir rütteln und mir das blöde glotzende Tier von der Brust reißen, dessen Last mir die Kehle zuschnürt. Dann werde ich einen befreienden Atemzug tun, sie jubelnd zu mir herniederziehen und heilig geloben, nicht mehr die halbe Nacht in der Studierstube zuzubringen, brütend über den Geheimnissen der Hypnose. Auch ein Arzt war ein Mensch, der sich hüten sollte, über die Kraft hinauszugehen.

Als das unheimliche Schweigen anhielt, kam mir die Überzeugung von meiner Verlassenheit. So klar mein Bewußtsein war, so sehr glaubte ich Ursache zu haben, daran zu zweifeln. Träumte ich, oder wachte ich? Was war mit mir geschehen? Weshalb sah ich die Decke dort oben, weshalb brach sich das Licht in meinen Augen, weshalb wußte ich genau, wo ich mich befand? Aber weshalb konnte ich nicht rufen, mich nicht bewegen, durch nichts betätigen, daß das Leben in mir gewaltsam nach Ausdruck ringe?

Wir bewohnten ein altes Haus im Zentrum Berlins. Seit zehn Jahren betrieb ich hier meine Praxis, die ich von einem alten Sanitätsrat übernommen hatte, nachdem ich seine Nichte geheiratet hatte. Unser Schlafzimmer war niedrig und ging nach einem schmalen Hof hinaus, in dem während des ganzen Tages das Licht dämmerig wie in einem Abgrund lag. Um die hinteren Zimmer heller zu machen, hatte man unter den Fenstern sogenannte Lichtfänger angebracht, große, blitzende Bleche, die wie Scheinwerfer auf das Halbdunkel wirkten.

Oben an der Decke spiegelte sich viereckig der Schein; und in ihm leuchtete gerade über mir der braune Schnörkel der gemalten Verzierung. Auf ihm hatte mein Blick immer zuerst geruht, wenn ich des Morgens erwacht war und mich behaglich reckte. Aus seinen Linien hatte ich mir mit der Zeit einen phantastischen Kopf gebildet, der sich meinem Gedächtnis so eingeprägt hatte, daß ich imstande gewesen wäre, ihn aus der Phantasie zu zeichnen.

Der Anblick dieses Schnörkels wurde mir zur Hoffnung. Denn sah ich ihn jetzt wie vor zehn Jahren, so waren meine Sinne gesund, pulsierte mein Herz noch, war das Reich des Todes nur ein Schattenspiel, heraufbeschworen durch meine körperliche Lähmung. Und im Geiste sah ich num das ganze Zimmer vor mir: den großen, breiten Eichenschrank, der meine Garderobe enthielt, die mächtige Waschtoilette neben dem Fenster, die rosa Ampel in der Mitte der Decke, die schmale Tapetentür, die zum Ankleideraum meiner Frau führte und des Nachts halb geöffnet blieb, weil Irma stets Angst vor Dieben hatte. Ich sah den alten Stahlstich an der Wand, Venus, von Amoretten gehuldigt — eines der vielen Bilder aus dem Nachlaß des Sanitätsrates, die zu Dutzenden in der Wohnung umherhingen. Jetzt hörte ich auch deutlich das Ticken meiner goldenen Uhr auf dem Nachttisch, das mir zum vertrauten Geräusch in der Stille des Zimmers geworden war.

Es war zu Beginn des Sommers. Wir schliefen stets bei offenem Fenster. Und als ich einen frischen Lufthauch verspürte, der sich über die Dächer in den Hof verirrt hatte, durchschauerte mich der freudige Gedanke: Du lebst, du lebst!

Entferntes Glockengeläute drang in das Zimmer. Es war Sonntag; man läutete also zur Vormittagskirche. Dann wurde die Stimme meines Jungen laut. Er pfiff vergnügt, daß es über den Hof schallte. Gleich darauf sagte meine Frau: „Ruhig, Vater schläft noch.“ Das Pfeifen verstummte.

Dann rief die alte Köchin nach der Herrin. Sogleich kreischte der Papagei, und aus der Tiefe des Hofes drang eine fremde Stimme herauf. Alles das vernahm ich wie von sonderbaren Schallwellen getragen; deutlich, aber doch wie aus der Ferne kommend, etwa wie durch ein langes Gewölbe, aus dem jeder Laut hohl an die Ohren dringt.

Mein Bewußtsein bekam einen Stoß: Ich wurde über meinen Zustand wieder schwankend. Der Geist wollte die körperlichen Fesseln sprengen; er hämmerte mit Macht von tausend Schläfenkräften, aber ungeahnte, dunkle Mächte hielten ihn im Bann.

Meine Phantasie arbeitete ungeheuer, aber wie begrenzt, als wären ihre Schwingen durch Zauber gebrochen. Ich war selbst Arzt und wußte mir nicht zu helfen; ich fand nicht einmal eine Erklärung für meinen Zustand. Irgendein Wort der Erkenntnis schwebte mir auf der Zunge, aber meine Lippen waren verstummt wie im Grabe.

Plötzlich hörte ich deutlich die Tür öffnen und ebenso leise wieder schließen, dann ein Kleid bedächtig an mir vorüberrauschen, dem Ankleidezimmer zu. Es war meine Frau, die vorbeihuschte, weil sie den Schlafenden nicht stören wollte. Hinter der Tapetentür aber konnte sie sich nicht enthalten, leise zu trällern. Daran erkannte ich sie. Sie mußte heute besonders gut aufgelegt sein, denn Singen war nicht gerade das Zeichen ihrer heiteren Seite.

Ich wollte seufzen, aber kein Gott gab mir meine alte Stimme.

Weshalb singt sie gerade heute? war mein Gedanke. Sieht sie denn nicht, daß ich hier hilflos liege, gestorben bei lebendigem Leibe?

Als sie wieder zurückkehrte, bannte sie ihre Schritte vor meinem Lager. Unheilvolle Ahnung mußte in ihr aufgestiegen sein. Sie beugte sich lautlos über mich, rief mehrmals meinen Namen, rüttelte an mir und rief aufs neue: „Schläfst du? Männe! Was ist dir denn?“ Dann legte sie das Ohr dicht an meinen Körper, lauschte mit angehaltenem Atem und starrte in meine offenen Augen. Noch nie hatte ich einen ähnlichen Ausdruck in ihrem Gesicht gesehen, das mir nun wie fremd erschien. Ihre sonst schönen Züge waren plötzlich entstellt; aber es war nicht die Entstellung durch Schmerz allein, die aus ihnen sprach. Es war mir, als huschte blitzartig ein Freudenstrahl über ihr Antlitz, ungefähr gleich der Sonne, die sekundenlang mit ihrem Glanz eine dunkle Wolke durchbricht.

Dann, während sie fortfahrend immer dasselbe wiederholte und an mir rüttelte, wuchs die Medusa aus ihrem Gesicht. Vielleicht war es nur krankhafte Einbildung in meinem gefesselten Gemüt, vielleicht eine fieberhafte Überreizung meines Sehnervs, auf den im Augenblick alle Sinne übergingen, — ich verspürte etwas Kaltes, Grausames, das diesen grauen Augen plötzlich entströmte.

„Aber, Männe, so verstell’ dich doch nicht! Jag’ mir doch keinen Schrecken ein. Starr’ mich doch nicht so an. Mein Gott, was soll ich tun!“

Ihre Stimme wurde weinerlich, während sie vor meinem Lager auf- und abging.

„Hans, komm doch mal schnell her,“ rief sie durch das offene Fenster. „Ganz schnell!“

Mein Junge stand vor meinem Bette. Ich verspürte seine Nähe, ohne ihn zu sehen. Ich malte mir sein blasses Gesicht aus, mit den großen, braunen Augen, die immer so scheu blickten, wenn er in mein Studierzimmer trat und die medizinischen Instrumente betrachtete. Er liebte mich herzlich, und seine größte Freude war, mit Indianergeheul auf meinen Knien zu reiten. Was wird er sagen? Werde ich in seinen Augen etwas anderes lesen, als in denen der Mutter?

„Sieh’ doch nur, was mit Vatern ist!“

„Was denn nur, Muttchen?“

„Er liegt wie leblos da!“

„Aber Muttchen, er schläft doch noch.“

„Nein, nein, nein! Er schläft nicht.“

„So geh doch einmal dicht heran, sieh ihm in die Augen. Er bewegt sich nicht mehr. Er sieht ja auch ganz fahl aus.“

„Muttchen, ich fürchte mich.“

Ich hätte Welten von mir wälzen mögen, um ihm seine Furcht zu nehmen. Aber stumm wie ein Stein mußte ich alles über mich ergehen lassen. Ich wußte: mein Schicksal war besiegelt. Wenn Kinder sich fürchten, so hatten sie ihren Grund.

Eine Pause trat ein. Ich sah Irmas Gesicht noch einmal wie einen flüchtigen Schatten vor meinen unbeweglichen Augen; dann kam ein Aufschrei über ihre Lippen, dem die Worte folgten: „Er ist tot“. Lautes Weinen erschallte, aus dem das helle Wimmern meines Kindes mir tief in das Herz ging. Es hörte sich zaghaft und abgebrochen an, gleichsam stoßweise hervorquellend, wie immer bei Kindern, die sich über das Furchtbare noch nicht ganz klar sind.

„Franz, was hast du uns getan?“

Es war das erste Mal, daß sie meinen Namen nannte, den sie nie schön gefunden hatte. Sie gebrauchte deshalb mit Vorliebe die Anrede „Männe“, was ich meinerseits stets für philisterhaft und gewöhnlich erklärte, woran sie sich aber niemals kehrte.

„Komm, mein Kind, komm; knie nieder und bete mit mir. Du sollst immer so brav und gut bleiben, wie er im Leben war. Bete das zum lieben Gott.“

Keine Träne drang in meine Augen, trotzdem beider Schluchzen meine Seele erschütterte. Aber die Seele war jenes unsichtbare Ding, das selbst die Ärzte weder mit der Sonde noch mit dem Seziermesser finden, das also nach außen hin nicht Zeugnis von einem innern Leben geben konnte.

Im Geiste segnete ich sie beide für diese Liebe, die bis übers Grab hinaus währen sollte.

Der Wind draußen mußte sich gedreht haben, denn das Einläuten zum Gottesdienst drang lauter und näher ins Zimmer. Jetzt hub die große Glocke an, und ihr dumpfer Klang mischte sich mit dem Schluchzen und Weinen zu meinen Füßen. Mir schien alles harmonisch abgestimmt, wie eine große Vorbereitung zur ewigen Versöhnung mit dem Schicksal dieser Erde.

2.

Das Wort „tot“ hatte den Bann gebrochen. Ich war für Weib und Kind gestorben. Mein Körper war nur noch eine Sache, über die man den Schmerz ausgoß, ohne den leisesten Gedanken an einen vorhandenen Lebensfunken. Die Kirchhofsluft durchwehte bereits die Räume und träufelte die Vernunft als Balsam in die offenen Wunden.

Jeder Zweifel daran schwand mir, als Lina, unsere Köchin, das Schlafzimmer betrat, auch die unteren Fenster weit aufrieß und sich in einem Selbstgespräch erging, das stammelnd über ihre Lippen kam. Sie gehörte zum lebenden Inventar, das vom Sanitätsrat mit übernommen worden war, und so hatte sie einen gewissen Stolz darin empfunden, als ich sie eines Tages mit einem antiken Hauszierat verglich, dessen Wert mit den Jahren wachse. Schon als ich noch beim seligen Rat ausund einging, hatte sie meine Trinkgelder zu schätzen gewußt, und so war ich auch als ihr Gebieter in gutem Andenken bei ihr geblieben, das noch bestärkt wurde durch die Anerkennung, die ich ihrer Kochkunst stets zollte, vor allem gewissen Mehlspeisen, die ich gerne aß und deren appetitliche Zubereitung nicht jedermanns Sache ist.

Mit der Zeit war sie nudeldick geworden, und so bildete ich mir ein, ihre durch Tränen verquollenen Augen zu sehen, als sie jammernd hervorbrachte: „Nee Herr Doktor, das hätten Sie nicht tun sollen, so janz ohne ein Wort. — Die Hand hätten Sie mir doch noch jeben können. Und jerade heute, wo es Ihren schönen Flammeri jibt.“

Ihr Heulen, das vorhin schon aus der Küche herüberschallte, begann aufs neue, aber unterdrückter, gleichsam verschwiegener, als flößte ihr selbst die Nähe meines irdischen Restes noch Respekt ein. Mir kam diese Selbsterinnerung an den Flammeri gar nicht lächerlich vor; sie erschien mir vielmehr als der Ausdruck wahrhaftiger Betrübnis einer bescheidenen Kreatur, die nur mit dem zahlen kann, was sie hat.

„Sind Sie denn wirklich tot, Herr Doktor? Ich kann es ja jar nicht jlauben.“

Sie hatte Mut, das mußte ich sagen, denn ihr breites Gesicht mit den blauroten Wangen berührte fast meine Nase.

Dann fuhr sie fort zu jammern, in der stillen Art und Weise von treuen Dienern, die bisher einen guten Tag gelebt haben und nun eine plötzliche Veränderung im Haushalt wittern, wodurch sie Schaden erleiden könnten. Ich stellte sie mir vor, wie sie, mit dem Schürzenzipfel spielend, verlegen vor der Majestät des Todes stand.

„Was soll denn nu werden, was soll denn nu bloß werden?“ hub sie ihr Selbstgespräch wieder an. „Mit der jroßen Wohnung wirds’n Ende haben. Jewiß wird sich die Frau Doktor einschränken. Vielleicht janz fortziehen… und selbst kochen. Das versteht sie ja. Nee, Herr Doktor, so schnell hätten Sie nicht abschieben sollen. Ich war fuffzehn Jahre bei Sanitätsrat. Das hätte mit den zehn bei Ihnen nächstens fünfundzwanzig jemacht. Solange wär ich dann in Dienst jewesen.“

Sie wurde unterbrochen. Es war mein Chauffeur, den die Neugierde ins Sterbezimmer getrieben hatte. Seit drei Monaten erst stand er in meinen Diensten, nachdem der alte Kutscher, auch ein Erbstück vom Sanitätsrat, gleich nach Neujahr so ernstlich das Podagra bekommen hatte, daß er nicht mehr auf dem Book sitzen konnte, worauf ich die Gelegenheit benutzte und den alten Wagen gleich durch das zeitgemäße Auto ersetzte. Dieser Bursche hatte mir während seines kurzen Dienstes schon viel zu schaffen gemacht, denn, mit einer gewissen Widerspenstigkeit begabt, behandelte er mein Auto gerade nicht so, wie es sein sollte.

Überdies besaß er den Vorwitz, der Straßenbahn immer erst im letzten Moment auszuweichen, was ich nicht gerade als Sorgfalt um das Leben des Menschen auffaßte. Ich hatte ihn im Verdacht, daß er heimlich der Flasche zusprach, und so war ich darauf versessen, ihn erst einmal gehörig zu überführen, bevor ich ihm den Laufpaß gab.

„Aber Karl, Sie sollen doch zum Arzt,“ rief ihm Lina entgegen.

„Man nicht so laut, sonst wacht er wieder auf,“ raunte er nichtswürdig zurück.“ War ich schon. Doktor Schopp ist nicht zu Hause. Wird aber jeden Augenblick zurückerwartet. Dann wird er gleich kommen. Ja. Woran ist er denn gestorben? Wohl der Schlag? Das dachte ich mir immer. Das letztemal war er schon ganz rot, als er mit mir tobte. Ja. Wenn ich nicht so’n ruhiger Kerl wäre. Immer hat er mir Unrecht getan. Ja, Nun hat er’s davon.“

„Sie sollten nicht so reden, Karl. Er hat manchen Ärger mit Ihnen jehabt. Der liebe jute Herr.“

„Ach, hat sich was mit lieber, guter Herr,“ tuschelte er giftig. „Jetzt hat’s sich ausgeherrt.“

„Um Himmels Willen — scht. Wie können Sie so etwas sagen! Wenn man das hörte.“

„Na, er hörts doch nicht mehr. Es ist auch wahr. Ja. Kaum bin ich hier warm geworden, dann passiert mir so was. Wie soll ich denn jetzt einen neuen Posten bekommen, wo die Herrschaften alle verreisen. Das Hemd liegt einem näher als der Rock. Er hätte es mir doch wenigstens vorher sagen können, daß er abschiebt, Ja.“

Es sollte ein Witz sein, aber keiner lachte. Er war zu voll geladen, und sie war sprachlos über seine Worte.

Dieser Bursche entpuppte sich ja als ein vortrefflicher Gemütsmensch. Mich wandelte der Galgenhumor an, den Schöpfer dafür zu preisen, daß er mich in diese totenähnliche Lage gebracht hatte, in der ich die Masken fallen sah. Wer konnte wissen, ob dieser Wicht mich das nächste Mal doch nicht mit der Elektrischen in unangenehme Berührung gebracht hätte.

„Dieser Fall war ja gar nicht vorgesehen, — darüber haben wir nichts abgemacht,“ fuhr der Schlingel brutal fort. Aus seiner gedämpften Stimme klang die verhaltene Wut eines Menschen, der sich plötzlich auf die Straße gesetzt glaubt.

„Aber so schweigen Sie doch, Sie werden ja Ihren vollen Lohn bekommen und Vergütung auch. Sie sollten sich schämen.“

„Schämen Sie sich, fette Gans, Verstehen Sie?“ zischte er sie an. „Und wenn Sie ein Wort sagen sollten, dann kehr’ ich den Spieß um. Sie haben den lieben, guten Herrn hier geschmäht. Nun wissen Sie’s. Das beste Stück in der Küche haben Sie doch immer für sich behalten.“

Lina wollte etwas erwidern, aber der Abscheu mußte ihr die Kehle zuschnüren, denn es verging geraume Zeit, ehe sie etwas sagte. Nur ein Schnappen nach Luft machte sich bemerkbar. Dann aber sagte sie voller Entrüstung: „Pfui über so einen Menschen. Wie kann man nur! —Jetzt glaube ich’s wirklich. Der Selige hat recht gehabt: Sie trinken. Sie duften ja noch nach Schnaps. Na, warten Sie nur! — Mir glaubt man noch, ich bin in Ehren eine anständige Person geblieben.“

Dieser Angriff machte ihn stutzig, denn sogleich lenkte er ein.

„Na, na, na — es ist ja nur Scherz, das wird man wohl noch können. Unsereins sollte immer zusammenhalten. Ja… Sie werdens natürlich besser haben als ich… Fett schwimmt immer ober… Wenn man zehn Jahre von Ihrem Buckel herunterschneiden könnte, wer weiß, was noch werden könnte“, fügte er dann mit liebenswürdiger Unverschämtheit hinzu. „So ganz ohne sind Sie nicht.“

„Ach, reden Sie doch nicht.“ Sie wollte seine Keckheit abwehren, aber es klang nicht zu tragisch. Wie alle alten Jungfern, mußte sie sich ein wenig geschmeichelt fühlen.

„Ich glaube, Sie haben’s dicke auf der Sparkasse. He? Dann will ich mir die Sache noch überlegen.“

„Das möchten Sie wohl. Erst’s Geld und hernach sitzen lassen. Euch Mannsvolk kann niemand trauen.“

Er lachte unterdrückt. Dann sank ihr Gespräch zu einem Flüstern. Irgendein Geräusch von draußen mußte das verursacht haben.

„Ach, es kommt ja niemand“, sagte er wieder verständlich. „Die Gnädige sitzt vorne und schreibt. Die wird wohl die Traueranzeige aufsetzen. Ich glaube aber, es wird nicht lange bei ihr anhalten.“

„Scht“, machte sie wieder. „Reden Sie doch nicht jetzt von solchen Dingen.“

„Weshalb denn nicht“, fuhr er unbeirrt fort. „Sterben müssen wir alle, und nur der Lebende hat recht. So heißt es doch. Ja. Sie ist doch eine ganz appetitliche Frau, noch jung und frisch. Da beißt doch bald wieder einer an. Wenn sie mich nur nehmen wollte, ich wäre schon nicht abgeneigt. Ja.“

Lina schien außer sich zu sein über diese Unverfrorenheit. Ich schloß es wenigstens aus dem Ausruf, der über ihre Lippen kam.

Abermals tuschelten sie, dann begann er wieder gedämpft: „Viel hinterlassen wird er wohl nicht. Mit der Praxis war’s auch nur so. Ja. Unsereins merkt das auch. Manchmal sind wir ja nur spazieren gefahren. Die Konkurrenz ist zu groß geworden. Wenn man hier die Hand ausstreckt, kann man ja einen Arzt ’rausklingeln. Manchmal habe ich eine halbe Stunde lang vor dem Hause warten müssen. Der Motor stand still, und ich bekam die Kniemauke. Ja, das machte, weil er sich zu gern mit den Leuten etwas erzählte. Anton, der Kutscher, hat mir das schon gesagt. Na ja, damit fängt man keine Kranken. Und dann sein verfluchtes Bücherschreiben. Das soll ja erst recht wenig einbringen. Statt dagegen zu sein, hätte er’s Hyptuno — ich kann das verdammte Wort nicht aussprechen.“

„Hypnottisieren“, verbesserte Lina falsch.

Hält’ ers’s Hypottisieren nach der Elle treiben sollen“, fuhr er fort. „Wie Doktor Pfiffling. Zu dem laufen alle hasterischen Weiber.“

„Hysterischen“, verbesserte Lina diesmal richtig.

„Also alle hysterischen Weiber. Die werden auf einen Stuhl gesetzt oder lang hingelegt. Und dann wird ihnen mächtig was vorgekohlt. Sie müssen immer auf einen Fleck gucken, und dann schlafen sie ein. Der Kutscher hat es mir gesagt. Es wird ihnen dann was aufgemutzt, woran sie glauben sollen. Und die kranken Gänse tun’s auch. Denn der Glaube macht selig. Ja. Zu Dutzenden warten sie beim Doktor Pfiffling. Es soll der reine Taubenschlag sein. Und er macht’s beste Geschäft und reibt vergnügt die Hände. Wie ein Fürst soll er eingerichtet sein. Und ganz hübsche Dingerchen sollen zu ihm hinlaufen. Wenn ich so ein Weib hätte, ich würde ihr lieber die Jacke vollhauen, ehe ich’s dahin laufen ließ. Wer kann wissen, was da alles passiert. So’n Schlaf ist doch nur wie ein Rausch. Man sieht den Himmel voller Geigen, und nachher kommt’s graue Elend. Ja. So sagt wenigstens der Kutscher. Der hat auch mal herhalten müssen… Neulich soll übrigens großer Krach gewesen sein. Der Mann so einer bekam ’ne Rechnung von tausend Mark. Schließlich hat Doktor Pfiffling die Hälfte ’runtergelassen. Gewiß hat er auch noch so seinen Schnitt gemacht.“

Es ist doch interessant, auf diese Art einmal den Wert der lieben Kollegen enthüllt zu sehen, dachte ich, während mir dieses ganze Gespräch wie verschwommene Traumlaute vorkam, die aus- und niederzogen, als wiegten sie sich in der Luft, Aber mein scharfer Geist hielt sich an den Kern der Sache, und so lauschte ich begierig auf alles, was folgen würde.

„Wo wird er denn begraben?“ begann er nach eine Pause abermals. „Da draußen? Da liegt ja auch der Sanitätsrat. Das soll auch ein rechter Knauser gewesen sein. Ja. Für sich nicht, aber für andere. Ein alter verschrobener Junggeselle war er.“

Das wollte sich Lina nicht gefallen lassen. Es war mir in meinem trostlosen Zustande ein gewisses Vergnügen, sie heftig Verwahrung dagegen einlegen zu hören, was ihn aber nicht abhielt, seine Kenntnisse ruhig weiter zum besten zu geben.

„Er soll für drei gegessen haben. Und die Kanten wurden immer größer, worauf er das Geld legte. Und dann hat er alles an der Börse verloren. Es reichte noch gerade für die Ausstattung von der Gnädigen. Dann ergab er sich dem stillen Suff. So kommt’s immer. Ja. Na, da wird man sich hier auch schon wundern. Denn die meisten glaubten ja, daß die Gnädige ’n Scheffel geerbt hat. Aber ich weiß besser Bescheid. Das einzige ist die Lebensversicherung. Er soll ja mit Dreißigtausend drin sein. Auch ’n ganz schöner Batzen. Ja.“

Ich hätte nie geglaubt, daß das Gesinde über seine Herrschaft so unterrichtet wäre; und ich erstaunte darüber, wie dieser Bursche auf Umwegen alles Wesentliche erfahren hatte. Mir erschien das wie ein wertvoller Beitrag zur Psychologie der häuslichen Beziehungen zwischen Diener und Herr. Mein Gehirn war mit dieser Verarbeitung noch beschäftigt, als der Schwätzer ein anderes Lied pfiff.

„Wenn sie jetzt das Geld aus der Polizze bekommt, kann sie doch auftreten. Und wenn das noch in die vernachlässigte Praxis hineingesteckt wird, dann gehen die unverheirateten Kollegen dutzendweise auf den Leim. Ja. Lassen Sie nur erst den Doktor Schopp hier sein. Ich glaube — wenn der den Totenschein ausgeschrieben hat, macht er gleich ’n Antrag. Das ist n schneidiger Kerl.“

Abermals kam ein unterdrücktes Pfui über Linas Lippen. Aber sein Mundwerk war nicht tot zu bekommen. „Haben Sie denn nicht bemerkt, wie er immer hinter ihr her war? Sie wissen doch noch, — die letzte Gesellschaft. Ich mußte aufwarten, und da scharwenzelte er fortwährend um sie herum. Unsereins sieht das natürlich eher als ihr dämlichen Frauenzimmer.“

„Wer weiß, wer dämlicher von uns beiden ist“, fiel sie aufgebracht ein. „Bei ihnen scheint’s hier oben nicht richtig zu sein. Wenn jemand mal den Galanten spielt, braucht einer nicht gleich Böses im Schilde zu führen. Unsere Frau Doktor hat das alles jedenfalls ganz harmlos aufgenommen.

„Trau einer den Weibern. Wenn sie nur alle Wünsche äußern dürften. Übrigens, — wenn ich die Frau Doktor wäre, er hätte mir auch besser gefallen als dieser Brummbär. Er soll ja im Frieden schlummern, meinetwegen. Die Nächte hätte er aber nicht zum Tage machen brauchen, so etwas sieht keine Frau gern. Übrigens, — wer wird ihn denn nun waschen?“

Die Tür ging wieder, und meine Frau trat unerwartet ein.

„Ja, ja, Karl,“ begann sie sofort mit weicher, müder Stimme, „nun werden Sie Ihren Herrn nicht mehr fahren können. Heute rot, morgen tot. Mein Gott, wer hätte das gedacht!“

Tränen erstickten ihre Stimme. Lina weinte nun laut mit, und wenn mich mein Ohr nicht täuschte, so bekam auch das Gemüt meines Chauffeurs plötzlich einen Ruck. Seine Schmähsucht war verschwunden. Er wurde kleinlaut, fast demütig, und sein Schmerz verführte ihn. Ich malte ihn mir aus, wie er nun in geduckter Haltung, überwältigt von dem Anblick des Ewigstummen, vor seiner Herrin stand, die Hände womöglich gefaltet, die Lippen zusammengepreßt, die Augen verkleinert, damit man den Ausdruck in ihnen nicht erkenne.

Beide ließen meine Frau reden, die ihre Hand auf meine Stirn legte, mir die Augen zudrückte, und sich dann in jenen herkömmlichen Klagen erging, die eigentlich nur halb zur Kehle herauskommen. Sie pries meine Eigenschaften, soweit es sich mit der Anwesenheit der Diener vertrug, und drückte meine Augen noch fester zu, so daß auch der letzte Lichtschimmer vor mir schwand.

„Lassen Sie den Mut nur nicht sinken, Karl,“ sagte sie dann wieder, „ich hörte schon draußen in der Küche. — Es wird für Sie gesorgt werden, solange Sie keine neue Stelle haben.“

Nun fand er endlich die Worte: „Gnädige Frau brauchen jetzt nicht daran denken. So einen guten Herrn werde ich sobald nicht wieder kriegen.“ Er lockte einen Seufzer hervor, der sich wie ein Schluchzen anhörte.

Meine Frau wurde gefaßter. „Ich weiß gar nicht, wo Doktor Schopp bleibt. Gehen Sie doch noch einmal hin. Und wenn er durchaus nicht zu finden ist, dann holen Sie einen anderen Arzt. Um zwölf fahren Sie dann vor, ich muß zum Sargmagazin. Die Läden sind ja nur bis zwei offen. Es muß überhaupt noch manches besorgt werden… Nein, wo nur der Arzt bleibt? Fühlen Sie doch nur Lina — ist er nicht noch warm? Man kann doch nie wissen… Mir ist überhaupt so sonderbar zumute. Ich hatte auch einen so schlechten Traum. Es ist ganz merkwürdig, ganz merkwürdig. Es muß schon hell gewesen sein, als mein Mann schlafen ging. Ich hörte ihn aber nicht. Er schrie auch nicht.“

Geheimnisvolle Regungen, die ihre Gedanken alle auf einen Punkt drängten, mußten ihre Seele beschleichen.

„Vielleicht ist er gar nicht tot“, kam es dann wieder über ihre Lippen, während ich die Empfindung hatte, daß ihr Kleid vor meinem Lager auf- und abrauschte.

„Aber, gnädige Frau!“ warf Lina vorwurfsvoll ein. „Fühlen Sie nur den Arm an, er ist steif und schwer.‘

„Es ist ja wahr, aber die Hauptsache ist doch der Arzt. Gehen Sie, Karl, und holen Sie, wen Sie finden.“

Sie eilte ihm voran, und die Tür klappte hinter ihr zu. Die anderen beiden blieben noch zurück.

„Sie können aber heucheln, das muß ich sagen“, rüffelte Lina jetzt den Chauffeur.

„Das war meine Überzeugung“, log er frech. Wenn ich Tränen sehe, werde ich immer schwach. Und nun gar Menschen in Trauer. Sie hat wohl das Kleid schon vorrätig gehabt? Wie schnell sie Toilette gemacht hat. Schwarz steht ihr übrigens ganz gut. Ja.“

„Sie hören doch, daß Frau Doktor heute schon das Nötige besorgen will. Feine Leute haben alles vorrätig. So tummeln Sie sich doch!“

„Da klingelt es ja schon. Das wird der Doktor sein. Er wird sie bald beruhigen.“

„Sie sind ein richtiger Ekel“, hielt ihm Lina verachtungsvoll entgegen.

„Mit zwei Gesichtern kommt man am weitesten“, gab er leicht lachend zurück.

Dann wurde es wieder still im Zimmer.

3.

Nun, da es völlig Nacht um mich war, hatte sich mein Gehör verfeinert. Mein Innenleben drängte sich sozusagen durchs Ohr nach außen, so daß ich begierig auf jedes Geräusch lauschte. Der Lichtschein hatte meine Seele noch belebt und mir die freudige Vorstellung von meinem plötzlichen Erwachen ohne Hilfe des Arztes gegeben. Diese Zuversicht war jetzt verschwunden. Die Finsternis wirkte wie ein Grab auf mich. Von allen Unglücklichen auf dieser Welt war mir der Blinde stets als der Bedauernswerteste erschienen und nun litt ich selbst unter diesem fürchterlichen Eindruck, der mein Gemüt noch mehr verdunkelte.

Unfähig, die Lider zu heben, malte ich mir im Geiste immer noch den Schnörkel an der Decke mit seinen fratzenhaften Zügen aus. Meine Vorstellungen wuchsen bis ins Unendliche. Ich bildete mir ein, nie mehr sehend zu werden. Ein hilfloses Kind dünkte ich mich, dem man obendrein sein köstliches Geschenk genommen hatte. Meine kranke Seele fieberte. Kalte und heiße Schauer durchrieselten mich abwechselnd und schließlich empfand ich Angst vor einem ungeheuren Etwas, dem ich entfliehen wollte, ohne es zu vermögen. Bestimmte Einfälle verbanden sich damit. Aussprüche von Dichtern und Philosophen, an die ich jahrelang nicht gedacht habe, wurden in mir lebendig. Es war, als wollte mein Denken Triumphe feiern, da die Glieder nicht mehr meinem Willen gehorchten.

Pestalozzis Ausspruch fiel mir ein: „Der Tod ist ein Augenblick, der vorübergeht.“ Goethes „Über allen Wipfeln ist Ruh“ klang mir Strophe für Strophe in Gedanken wieder. Und dann drehte sich alles um Melchthals Ausspruch im Tell: „Sterben ist nichts, doch leben und nicht sehen, das ist ein Unglück.“ Die trübe Stimmung wich. Schillers Lied an die Freude durchzog wie gedämpfter Gesang mein Gehirn, und alle Lebensgeister wurden wieder in mir wach. Ich empfand himmlische Sehnsucht nach einem Erwachen auf sonniger Wiese, inmitten duftender Blumen.

Dann beherrschte mich eine seltsame Vision. Ich sah schwarzgekleidete Gestalten im Zimmer, die mein Bett umstanden. Sie sangen einen Choral und meine Frau erhob die blütenweißen Arme und gab den Takt dazu an. Plötzlich warf sie sich über mich und rief: „Ich lasse dich nicht!“ Ihre Schwere nahm mir den Atem, ich fühlte, wie ich erstickte und nun wirklich tot war.

Man trug mich hinaus, so wie ich war. Musik ertönte. Die Schwarzgekleideten folgten. Und alles ging in einem langen Zug durch sämtliche Zimmer die Treppe hinunter. Dann schwieg die Musik. Die dünne Stimme meines Jungen wurde vernehmbar, Er sang das „Jesus, meine Zuversicht“. Hundert Kinderstimmen fielen ein. Posaunen ertönten, der Himmel öffnete sich, Engel schwebten herab, hoben mich in die Höhe und ließen mich plötzlich fallen. Unten auf der Erde fingen Frau und Sohn mich auf. Die Musik spielte lustige Weisen; fröhliches Lachen erschallte; und ich stand aufrecht vor meinem Hause inmitten der Passanten, als wäre nichts mit mir geschehen.

Als mein Bewußtsein wieder rege wurde, hatte ich das Gefühl, in einem Ieichten Schlummer gelegen zu haben, eingelullt durch das plötzliche Schwinden des Lichtes.

„Doktor Relle ist tot“, ließ sich eine Weiberstimme draußen vernehmen.

„Nicht möglich! So plötzlich?“ gab eine andere zurück.

Es mußten zwei Frauen sein, die sich aus den Fenstern über den schmalen Hof hinüber unterhielten.

„Woran ist er denn gestorben?“

„Das weiß man noch gar nicht. Der Chauffeur wollte es nicht sagen.“

Es herrschte große Unruhe im Hause. Nun, wo der Herr fehlte, begannen alle Bande sich langsam zu lösen. Der Tote wurde nicht mehr gefürchtet. Türen wurden geöffnet und laut zugeschlagen; man rannte hin und her, redete durcheinander und gab eilige Antworten auf mir fremde Stimmen. Jedenfalls waren es die Nachbarn, die gekommen waren, ihre Teilnahme persönlich auszudrücken, und die zugleich die Gelegenheit benützen wollten, ihre Neugierde zu befriedigen.

Diese Seitenstraße mit den Häusern des Berlins der Fünfzigerjahre hatte in ihrem Verkehr noch etwas Patriarchalisches. Die Mieter waren seßhaft, kannten sich gegenseitig, begrüßten sich und standen in einem gewissen oberflächlichen Verkehr. Ein kleinstädtischer Zug war vorhanden, der sich vorteilhaft abhob von den Gepflogenheiten der Bewohner in neuzeitlichen Mietpalästen, die sich weder um Hinz noch Kunz bekümmern und steif aneinander vorübergehen, als sei jede Etage eine für sich abgeschlossene Welt.

Die Tür zum Nebenzimmer war offen geblieben. Es mußte jemand die Absicht gehabt haben, zu mir einzutreten, ohne seinen Entschluß auszuführen. Eine verfettete Stimme machte sich bemerkbar, die die Worte asthmatisch hervorholte. Es war die dicke Hauswirtin aus dem Parterre, eine Rentière, die, trotzdem sie auf einem Sack voll Gelder saß, niemals verreiste, den ganzen Tag über das Straßenbild durch ihren Fensterspiegel beobachtete, ihre Hauskatze dabei streichelte und alle Eingänge fest verschlossen hielt, da sie an einer ewigen Angst vor Dieben und Einbrechern litt.

Wenn man klingelte, um sie zu besuchen, dauerte es eine ganze Weile, ehe geöffnet wurde, nachdem man durch die Tür ein Examen hatte bestehen müssen. Trotzdem sie sich selten in den Wohnungen ihrer Mieter sehen ließ, aus Furcht, man könnte sie an längst fällige Reparaturen erinnern, hatte sie heute doch die Kraft gefunden, ihre zweiundeinhalb Zentner die Treppe hinaufzubewegen.

„Herr Jesus, ist das aber schnell gekommen“, hörte ich sie mit ihrer Fettstimme klagen. „Nun heißt’s den Kopf oben behalten, Frau Doktor … I’ was“, begegnete sie einer Einwendung meiner Frau. „Sie sind noch jung und widerstandsfähig. Als mein Seliger starb, war ich krank und elend. Da hatte ich ein anderes Päckchen zu tragen.“

Ein Stuhl knackte. Sie mußte sich mit aller Wucht gesetzt haben, was gleichsam eine gewisse Bestätigung dafür war, daß dieses Fleisch über den Seligen wacker triumphiert hatte. Überhaupt war die Erinnerung an ihn nur der Anknüpfungspunkt eines andauernden Hervorhebens seiner guten Eigenschaften, was sich im Verein mit den Klagen meiner Frau wie ein Vermischen einer Jubelhymne mit den Klängen eines Trauermarsches anhörte.

„Nun sind drei Witwen im Hause“, sagte sie wieder, nachdem sie gründlich Luft gesohöpft. „Du lieber Himmel, wie doch alles so geht. Aber, wie gesagt, — nur den Kopf oben behalten, das ist bei uns unglücklichen Frauen die Hauptsache. Entschuldigen Sie nur, — ich würde ihn mir gern noch einmal ansehen, aber ich befürchte, es bekommt mir nicht. Ich habe Tote nie sehen können. Was für ein prächtiger Mann er war, der gute Herr Doktor! Wissen Sie, meine Liebste, Beste, — er sah eigentlich in der letzten Zeit nie besonders gut aus.“

Noch am vergangenen Quartalsersten, vor einer Woche, als ich ihr persönlich die Miete überreichte, hatte sie mein Aussehen für „blühend“ erklärt und mich gefragt, woher ich die Farbe im Gesicht holte.

„Wenn Sie das Traurigste hinter sich haben, lassen Sie sich nur bald zu einem Täßchen Kaffee bei mir sehen. Ich weiß, was Trost in solchen Tagen bedeutet.“

Abermals knackte der Stuhl, als würde es der Last schwer, sich von ihm zu befreien. Die Diele erzitterte, als sie ging. Meine Frau begleitete sie mit den üblichen Dankredensarten, dann aber, wieder allein im Zimmer, äußerte sie für sich Worte des Ärgers: „Muß man von dieser Person jetzt schon aufgehalten werden. Sie sollte lieber die Wasserleitung machen lassen, aber darum drückt sie sich immer.“

„Das ist wahr, gnädige Frau,“ ließ sich Lina vernehmen, die gerade dazugekommen war.

„Sagen Sie nur, wo bleibt bloß Sophie?“ fragte Irma dann aufgebracht.

„Das Mädchen läßt sich auch Zeit, wenn sie einmal unterwegs ist.“

Sophie war die Zofe meiner Frau, eigentlich ein besseres Hausmädchen für Alles, das aus guter Familie stammte und nur für leichte Arbeit verwendet wurde.

„Wo haben Frau Doktor sie denn hingeschickt?“ fragte Lina.

„Ach, es ist gar nicht so weit. — Hoffentlich hat sie nichts falsch ausgerichtet.“

„Sollte sie für Frau Doktor etwas besorgen?“

„Die Läden sind ja noch zu. Sie sollte einen Brief bestellen. Kommt sie da nicht? Sie hat den Schlüssel mit… Nein, sie ist es noch nicht.“

Große Unruhe verriet sich aus ihren Worten, die noch gesteigert schienen, als sie nach einem Weilchen wieder begann: „Ich hätte noch verschiedene Gänge für sie. Sie sollte auch noch ein Telegramm aufgeben. Mein Schwiegervater muß doch benachrichtigt werden.“

Ich hätte ihr zurufen mögen: Laß’ das, jage ihn nicht unnütz in Schrecken. Ich lebe ja, mein Herz schlägt dir so nahe, daß du es hören müßtest, wenn du noch einmal zu mir zurückkehrtest. Ich liebe dich mehr denn je, nur die Sprache fehlt mir. es dir aufs neue zu sagen. Vielleicht nur noch Minuten, und ich halte dich wieder in meinen Armen.

Und abermals reckte der gefesselte Riese sich in mir, gegen die dunklen Mächte des verkappten Todes anzukämpfen.

„Der arme, alte Herr Pastor, was wird er dazu sagen, wenn er so plötzlich davon erfährt“, sagte Lina wieder. „Wissen sie noch, Frau Doktor, wie fidel er sich über seinen Herrn Sohn freute, — über sein Aussehen und so. Nein, es ist doch zu schrecklich.“

Ja, der arme Alte! Ich malte ihn mir aus, wie jäh er aus seiner behaglichen Ruhe in seinem Dorfe aufgeschreckt werden würde, wie er alle Hoffnungen die er auf seinen einzigen Sohn gesetzt hatte, plötzlich elend zertrümmert sehen, wie die Einsamkeit seines späten Alters vernichtend auf ihn wirken würde.

„Die Depesche könnte Karl eigentlich schnell besorgen,“ begann Irma, „oder nein, lassen sie es nur, er ist in der Garage. Dann gehen Sie wohl, Lina. Aber nein, ich kann Sie auch nicht missen. Es klingelt ja alle Augenblicke, ich mag die Menschen nicht sehen. Lassen Sie dann niemand herein, wenn ich fort bin. Erst will ich natürlich den Arzt abwarten, ich muß ja den Totenschein haben, sonst kann ich nichts machen.“

„Gnädige Frau müssen auch aufs Standesamt und zur Polizei.“

„Es wird jemand kommen, der mir die Gänge abnimmt.“

„Ach so.“

„Gehen sie jetzt und besorgen sie mir etwas Frühstück. Mein Magen hängt mir. Essen muß man doch.“

Stille trat ein. Jeden Augenblick erwartete ich, Irma würde wieder zu mir kommen, aber sie blieb im Nebenzimmer. Ich hörte es an einigen halblaut hingeworfenen Worten, die ich nicht verstehen konnte. Fortwährend wiederholte ich in Gedanken den Satz: „Es wird jemand kommen, der mir die Gänge abnimmt“. Er beherrschte mein Denken wie eine unangenehme Empfindung, die man nicht los wird und die man sich nicht erklären kann. Die Bestimmtheit, mit der sie es ausgesprochen hatte, reizte meine Neugierde. Weshalb sagte sie nicht: Er soll kommen, sondern wird. Es mußte jemand sein, den sie sicher erwartete, zu dem sie großes Vertrauen hatte und der die Veranlassung ihrer Unruhe war.

Mir fiel gar nicht ein, daß es ein Weib sein könnte. Es gibt gewisse Dinge, die uns instinktiv das Richtige ahnen lassen. Doktor Schopp konnte es nicht sein, denn dann hätte sie einfach den Namen genannt. Dasselbe wäre der Fall gewesen, wenn sie jemand aus den uns bekannten Familien hergebeten hätte. Es mußte also eine Person sein, die auch Lina bisher unbekannt geblieben war, die etwas Unbekanntes umgab, auf das sie jetzt nicht mehr Rücksicht zu nehmen brauchte.

Mein brütendes Gehirn wollte eine harmlose Lösung geben. Vielleicht war es ein ganz gleichgültiger Mensch, der ihr plötzlich ins Gedächtnis gekommen war, vielleicht ein entfernter Verwandter, einer von denen, deren man sich nur bei ganz besonderen Gelegenheiten erinnert. Und indem ich dieser Möglichkeit Nahrung gab, grollte ich ihr, daß sie mich, der ich stets offen zu ihr war und ihr mein ganzes Leben geschildert hatte, bisher im Unklaren darüber gelassen hatte.

War er reich, so hätte er sich meiner nicht zu schämen brauchen; war er arm, so hätte ich ihm sicherlich nützen können. Während der Jahre unseres Zusammenlebens mußte sie Gelegenheit gefunden haben, meine Güte in dieser Hinsicht kennen zu lernen.

Dann aber ließ ich diese Möglichkeit wieder fallen. Ich erinnerte mich, oftmals von dem Sanitätsrat gehört zu haben, daß seine Nichte ganz allein stünde, wenn er einstmals die Augen schließen würde. Und deshalb war er beruhigt, als er sie versorgt sah.

Der schlimme Gedanke kam wieder, er verfolgte mich gleichsam wie etwas Störendes, das das reine Denken trübt und immer aufs neue zurückkehrt.

Aus dieser Selbstpeinigung wuchs eine fixe Idee heraus, die meiner Einbildung den weitesten Spielraum gab. Ich sah plötzlich fremde Augen auf mich gerichtet, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Etwas wie Haß regte sich in mir, vermischt mit heimlicher Wonne, die Seelen der Menschen num nackt zu sehen. War das Sterben nur dazu da, Enthüllungen entstehen zu lassen, worüber der Abgeschiedene nicht mehr richten konnte. Abermals verspürte ich das furchtbare Drängen nach Bewegung, Licht und Worten; und wiederum empfand ich die Angst vor dem Unbegreiflichen, das in meinem Gemüte Ahnungen wie heraufziehende Nachtwolken schuf.

4.

Die Uhr des Kirchturms ließ zwei Schläge erschallen, die wie verweht herüber klangen. War es halbelf oder halbzwölf? Oder vielleicht noch später? Wie lange lag ich schon? Es wurde mir schwer, dies festzustellen, denn hin und wieder, wenn meine Sinne sich schärften, war es mir, als hätte ich minutenlang ohne Bewußtsein gelegen. Das wiederholte sich mit Unterbrechungen. Es war mir, als gingen über mein stilles Brüten Schlummerwellen, die mich sanft einlullten und mich jeder Einwirkung des Erdengeräusches enthoben.

Dann träumte ich wirklich; und wirklich, es war nichts Beklemmendes, das meine Seele umfing. Herrliche und schöne Träume waren es, oder eigentlich Träumeleien, kleine Übergänge vom Wachen zum Schlaf, die sozusagen an meiner Gefühlswelt vorüberhuschten. Ich verglich sie mit Oasen in der Wüste meines Zustandes, hervorgezaubert von der Schicksalsfee, die mir in dieser entsetzlichen Stunde ihr Mitleid schenken wollte.

Bald sah ich das unendliche, blaue Meer, dessen Farbe mich erfrischte und eine tolle Sehnsucht in mir erweckte; bald sah ich eine Fülle rosenroter Wolken vor mir schweben. Dann war es ein Waldidyll, in dem eine Quelle floß, helles durchsonntes Grün das Auge erquickte und hundertstimmiger Gesang der Vögel das Ohr betörte.

Dann wieder glaubte ich einen Einblick ins Paradies zu haben, mit allen den einfältigen Vorstellungen der Kinderzeit. Ich sah die Urtiere, die ersten Menschen, riesige Blattpflanzen, und plötzlich den Engel mit dem flammenden Schwert, der Adam und Eva den Zorn Gottes fühlen ließ. Violetter Dunst verhüllte zuletzt alles; ein prächtiger Bergkegel stieg aus ihm empor, der Feuergarben nach allen Seiten sprühen ließ.

Abermals entstand ein anderes Bild. Eine saftige Wiese dehnte sich vor meinen Augen, auf der langstielige Glockenblumen, sanft vom Winde angeweht, sich hin- und herwiegten. Die Kelche wuchsen sichtbar, während die Stengel immer kleiner wurden. Blühende Mädchenleiber entstanden aus den bunten Blumenkronen; sie warfen sich Kußhändchen zu, entstiegen ihrem Thron, pflückten Blümlein und wanden sie zu Kränzen. Dann tanzten sie einen Reigen, verschämt und stolz, ihre Bewegungen wurden lebhafter, bis sie in einem tollen Wirbel verschwanden.

Die Erde öffnete sich und ich sah einen schneeweißen Abgrund, in dessen Tiefe purpurfarbene Wolkenringe schwammen. Ich folgte einem unwiderstehlichen Locken, stieg hinab auf weichen Sohlen, die keinen Schall von sich gaben. Und als ich tief unten stand und nur die Öde mich umgab, senkten sich die Wolkenringe auf mein Haupt, zogen sich immer dichter um meinen Leib zusammen und trugen mich wieder sanft nach oben, wobei ich schaurige Wonne empfand.

Es war wie ein großes, herrliches Wanderpanorama der Seele, das an mir vorüberzog.

Aus einer dieser Minutentäuschungen erwachend, hörte ich sonderbares Gemurmel an meinem Bette, aus dem sich erst allmählich abgebrochene Worte herausrangen. Es kam mir wie das Gebet eines Mannes vor, der mit unterdrückten Lauten seine Andacht verrichten wollte. Zuerst glaubte ich, es wären zwei im Zimmer, denn zeitweilig hörte sich das Selbstgespräch wie die Beantwortung der Frage eines anderen an. Dann aber erkannte ich die Stimme des alten Kutschers des Sanitätsrates, der sich durch irgendeinen Umstand eingefunden hatte.

„Nun sind wir gewissermaßen noch verlassener, Herr Doktor“, sagte er im Pluralis majestatis, der seiner Sprechweise immer eine komische Würde gab. Bisher hatten wir in dem Herrn Doktor immer noch einen guten Freund — gewissermaßen seit des Herrn Sanitätsrat Tod noch den einzigen. Nun ist’s auch damit vorbei. Der alte Anton wird den Herrn Doktor nicht vergessen, nein, das tun wir nicht. Wir haben den Herrn Sanitätsrat zwanzig Jahre lang gefahren, und den Herrn Doktor beinahe an die acht Jahre, und das immer, wie sich’s gehörte. Gewissermaßen ohne Angst vor der Polizei und mit Vorsicht. Laßt doch, das versteht ihr gar nicht, ihr andern! Ihr seht in dem Herrn den Feind, gewissermaßen den großen Brotkorb. Ich aber sah in dem Herrn Sanitätsrat und auch in dem Herrn Doktor die Menschen mit ihren Klagen. Gewissermaßen hatten sie auch ihre Sorgen, große und kleine. Sie hätten’s besser gehabt, als ich? Wer sagt das? Wieso sollten sie es? Sie sind beide tot, und wir leben noch. Gewissermaßen noch, obwohl unsere Knochen schon mürbe sind wie Zunder. Und die Beine versagen uns sogar den Dienst. Aber wir, Anton Puhl, leben doch und wenn wir unser Kreuz auch elend tragen, uns schmeckt doch ’s Essen noch. Gewissermaßen noch.“

Man hätte ihn für betrunken halten können, wenn nicht seine Sprechweise so zusammenhängend gewesen wäre. Leute, die viel mit Tieren zu tun haben, werden unwillkürlich zu derartigen Selbstgesprächen verführt; sie unterhalten sich mit den Geschöpfen und da diese stumm bleiben, gewöhnen sich ihre Freunde allmählich daran, sich selbst Rede und Antwort zu stehen. Die Anwesenheit der Tiere, die sie lieben, erweckt in ihnen das Bedürfnis zu Mitteilungen, was für sie etwas Befreiendes hat.

Wie oft hatte ich den Alten überrascht, wenn er sich beim Striegeln des Braunen im Stalle die seltsamsten Geschichten mit ihm erzählte. Und nun, nachdem er lange hatte geistig fasten müssen, holte er alles doppelt nach.

Er sprach weiter, immer in derselben Weise, bald geradezu, dann sich wieder unterbrechend, nach seitwärts, als spräche er schließlich vor einer großen Versammlung. Etwas Rührendes lag in dieser Ausdrucksweise, etwas mannhaft Offenes und zugleich Einfältiges, so daß ich ihm am liebsten die Hand gedrückt hätte.

Seine Stimme wurde immer leiser, bis sie ihm fast versagte: „Nun müssen wir Abschied nehmen, Herr Doktor, gewissermaßen für immer. Für meine Beine wird’s zu weit nach da draußen. Friede sei mit Ihrer Seele.“

Er schwieg. Ich hatte die Empfindung, als verrichtete er noch ein leises Gebet. Dann aber wurde er wieder lebhaft: „Ach, mein liebes Söhnchen, da bist du ja auch. Immer leise, still! Gewissermaßen schlafen die Toten nur. Und es wäre sündhaft, sie aufzuwecken. Denn selig sind, die im Herrn ruhen. Das wissen wir aus der Heiligen Schrift.“

Es war mein Junge, der sich wieder furchtsam näherte.

„Willst du das liebe Papachen noch einmal sehen? Recht so. Brauchst keine Angst zu haben. Die Toten sind besser als die Lebenden. Gewissermaßen ist das Wahrheit. Sieh nur, liegt er nicht da, als wenn er schliefe? Uns scheint es wenigstens so, als wollte er noch etwas sagen.“

Der Papagei sprach dazwischen, den jetzt erst der Alte erblickte. „Ei, sieh doch, das liebe Tierchen, will wohl auch Abschied nehmen.“

„So ist es, Vater Anton,“ erwiderte Hans zaghaft. „Vater hat ihn so lieb gehabt. Er saß so bedrückt in seinem Bauer, als wüßte er alles. Das macht, weil Vater heute noch nicht mit ihm gesprochen hat. Glauben Sie, daß solche Tiere das wissen?“

„Ob sie das wissen, mein Söhnchen! Wenn die Tiere nur erzählen könnten, was würden wir da zu hören bekommen. Gewissermaßen lauter Wahrheiten, wenn’s auch nur Neuigkeiten wären. Wir wissen das, denn wir haben unser Leben lang mit Tieren zu tun gehabt… Aber nun komm, mein Söhnchen, hier ist nicht der Ort zu solchen Gesprächen. Ich will der guten, lieben Mama noch die Hand küssen. Für das Essen, das ich in der Küche bekommen soll. Und alte Sachen hat sie uns auch versprochen. Sie ist so gut, wie das liebe Väterchen immer war. Gewissermaßen wird sie auch in den Himmel kommen dafür. Nun komm, du darfst sie heute nicht ärgern.“

Das alles brachte er in raunendem Tone hervor, als wollte er einen Schläfer nicht wecken.

Der Junge aber sträubte sich. „Erst muß ihn Jakob noch einmal sehen. Ganz nahe. Nimm du ihn, er beißt nicht, das weißt du ja.“

Plötzlich fing der Papagei an zu sprechen. Er verstand nicht viel, aber um so öfter wiederholte er immer wieder dasselbe: „Frau Doktor, wo ist Ihr Mann? …“ Das war eine der Plappereien, die ich ihm mit viel Geduld beigebracht hatte. Seine Stimme hatte etwas Menschliches; sie war weich und schmiegsam, mit einem singenden Zug, der an das Sprechen eines zarten Kindes erinnerte. Und als der Vogel jetzt „ja, ja“ hervorstieß, hatte ich fast die Empfindung, als müßte noch eine dritte Person anwesend sein.

„So schenk’ doch dem lieben Väterchen noch einen Kuß“, sagte mein Junge wieder. Das Tier sträubte sich nicht. Es verriet keine Angst, sprach nur fortwährend „ja, ja“ und ließ das Rauschen seines Gefieders dicht an meinem Gesicht wahrnehmen.

Plötzlich schallte die Stimme meiner Frau dazwischen. „Aber Hans, bist du nicht recht gescheit? Was machst du da? Bring’ das Tier weg. Sophie, gehen Sie doch mal schnell…“

Der ganze Widerwille sprach bereits aus ihr, den man gegen die unerlaubte Berührung mit einem Toten hat. Ihre sonst so glockenreine Stimme erschien mir hart, grausam, wie von einer kommend, die nie ihr Leben mit dem meinigen geteilt hatte. Nochmals wiederholte sie ihren Zuruf, strenger und abweisender als zuvor, so daß der Junge zu weinen begann. Er fühlte sich beleidigt und ging wimmernd von mir fort, begleitet von dem kreischenden Papagei, den man unsanft angefaßt haben mußte.

„Aber so hör’ doch, was Muttchen sagt“, versuchte ihn Sophie zu beruhigen. „Das Tier könnte ja krank werden, und dann wir andern auch.“

„Wovon denn? Mein liebes, gutes Väterchen tut doch keinem was.“

„Ach, das verstehst du noch nicht. Das brauchst du auch nicht. Du mußt nur gehorsam sein.“

Sie zog ihre Stimme beim Sprechen, so daß ihre Worte unendlich gleichmäßig vorkamen. Ich stellte mir wieder ihre Verschlossenheit vor, mit der sie den ganzen Tag emsig herumging, nur um ihre Arbeit zu verrichten und einsilbig zu antworten. Sie sagte nie zu viel, sprach aber stets treffend und sicher, was von der Schärfe ihres Verstandes zeugte.

Ich dachte, sie würde noch einmal zu mir zurückkehren, um mich allein zu betrachten, aber sie blieb im Nebenzimmer, dessen Tür noch immer geöffnet war. Ich hielt sie plötzlich für roh, bis ich mir einredete, sie könnte schon vor meinem Lager gestanden haben, ohne daß es mir bewußt gewesen wäre.

Anton hatte sich mit demütigen Beileids- und Dankesbezeigungen verzogen. Dann begann meine Frau wieder: „Haben Sie den Brief abgegeben, Sophie?“

„Ja, Frau Doktor. Eine Dame öffnete und sagte nur, daß es gut sei.“

„Schön.“

Sie wollte noch etwas hinzufügem, brach aber ab. Nach einer Pause fuhr sie fort: „Nun gehen Sie schnell aufs Telegraphenamt, und dann gehen Sie gleich ins Handschuhgeschäft mit heran. Es wird bis dahin auf sein. Ich habe keine schwarzen mehr. Bringen Sie mir gleich zwei Paar mit Sechseinviertel — kurze Finger … Hans, du kannst mitgehen, zieh’ dich rasch an!“ rief sie dann lauter. „Die Luft wird dir auch gut tun. Sophie wird dir helfen.“

Der Junge wollte nicht. „Ich gehe mit Sophie nicht gern“, gab er aus einem Nebenraum zurück. „Ich bleibe lieber hier.“

Die Mutter fuhr ihm laut über den Mund. „Wirst du wohl! — Wenn du nicht folgst, sperre ich dich im Sterbezimmer ein.“

Davon wollte der Junge nichts wissen. Ich merkte seiner Gegenrede die Angst an, die diese fürchterliche Drohung in ihm hervorrief. Sofort kam er bittend angeschlichen, und die Worte „Muttchen, liebes Muttchen, hab’ mich doch lieb“, perlten wie süße Schmeicheleien über seine Seele, wie immer nach derartigen kleinen Zänkereien.

Mit Sophie ging er allerdings nicht gern, weil sie für sein übermütiges Geplauder kein Verständnis hatte. Sie war zu wortkarg, was Kinder nicht vertragen können.

„Nun spute dich, Sophie kann dir auch einen Windbeutel kaufen.“

Er trampelte laut auf, immer ein Zeichen seines erwachenden Vergnügens, was ihm aber diesmal die Mutter mit einem raschen Zwischenruf verbot.

Trotzdem hielt Irma die beiden noch zurück. „Sehen Sie doch mal, Sophie,“ begann sie wieder, „steht mir der Trauerhut noch?“

„Vortrefflich. Frau Doktor halben sich ihn wohl umarbeiten lassen ?“

„Es ist noch der alte vom Begräbnis meines Onkels.“

„Wie lange sich doch so ’n Hut halten kann, Frau Doktor.“

„Man trägt ihn ja doch nur bei Gelegenheiten. Die Fasson ist jetzt wieder in Mode! Sie wissen doch — ich ließ ihn mir vor zwei Monaten neu garnieren, als Frau Theiß gestorben war. Dann konnte ich doch nicht mitgehen, weil ich erkältet war. Auch das Kleid ließ ich mir extra anfertigen.“

„Ja, ich entsinne mich, Frau Doktor. Es sitzt Ihnen noch wie angegossen.‘

„Ich kann mich also drin sehen lassen?“

„Aber Frau Doktor! Ihnen sitzt eigentlich alles. Sie haben die Figur danach.“

Abermals trat ein Pause ein. Dann sagte Irma wieder seufzend: „Wer hätte das gedacht, daß ich das nun noch alles verwenden könnte.“

„Sie müssen sich trösten, Frau Doktor“, gab Sophie zurück. „Es ist ja doch nur alles Bestimmung im Leben. Wie’s kommen soll, so kommt’s.“

„Meinen Sie? Sie haben immer eine Entschuldigung bereit. Darin bewundere ich Sie.“

„Das ist eine Art Selbsttäuschung, Frau Doktor, und das beruhigt. Wir Frauen sind ja nun doch einmal die Stärkeren, weil wir zäher sind.“

„Wie kommen Sie denn gerade darauf?“

Ihre weinerliche Stimmung war verschwunden, die sonderbare Unterhaltung hatte ihr wieder Festigkeit gegeben.

„Wie man so darauf kommt, Frau Doktor … Ich wollte, ich wäre Witwe.“

„Ach, reden Sie doch kein dummes Zeug.“ Ein kurzes Lachen begleitete die Worte, das aber sofort unterdrückt wurde. „Beinahe hätte ich ganz vergessen, wie mir zumute ist. Sie sind aber manchmal komisch in Ihren Äußerungen.“ Die Neugierde hatte sie aber stark gereizt, und so fuhr sie denn nach einem Weilchen fort: „Weshalb hätten Sie diesen Wunsch, Sophie?“

„Na, eine trauernde Braut ist doch nichts. Danach haben sich die Männer nicht mehr. Bei einer Witwe ist das ganz was anderes.“

„Gehen Sie nur jetzt!“ Es klang hart und abweisend, als wollte sie dieses Gespräch nicht weiter fortsetzen,

Während der ganzen Zeit arbeitete mein Vorstellung lebhaft. Ich glaubte beide im Zimmer herumgehen zu sehen, sah ihre Gesichter, ihr Mienenspiel — den ganzen Ausdruck dieser beiden so verschiedenen Wesen, die im Innersten vielleicht gar keine Berührungspunkte hatten, die sich aber doch zueinander hingezogen fühlten, geschieden nur durch eine Schranke, die die Herrin von der Dienerin trennt.

Es hatte wieder geklingelt, aber schwach und zaghaft. Ein verspäteter Patient wurde abgewiesen. Es war ein Arbeiter, den ich an diesem Vormittag zu mir bestellt hatte, um ihm einen Schnitt in die Finger zu machen, und der nun, um eine Hoffnung ärmer, von dannen ziehen mußte.

Alles dies hörte ich jetzt aus der Küche hereinschallen, wo Lina sich sehr laut mit Anton unterhielt. Dann verstummte auch dieses Gespräch. Jeder Laut erstarb im Hause. Es herrschte sonntägliche Stille.

Pulsuz fraqment bitdi.

9,50 ₼
Yaş həddi:
0+
Həcm:
200 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711502785
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar