Kitabı oxu: «In Frack und Arbeitsbluse»

Şrift:

Max Kretzer

In Frack und Arbeitsbluse

(Waldemar Tempel)

Roman

Drittes und viertes Tausend

Saga

In Frack und Arbeitsbluse

© 1920 Max Kretzer

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711474693

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I.

Ende Oktober erlebte Fabrikbesitzer Geiger etwas Überraschendes, wie es ihm ähnlich noch nicht begegnet war. Vormittags gegen elf Uhr sass er in seinem Privatkontor und hatte sich gerade nach allerhand Morgengeschäften etwas Luft gemacht, als ihm ein Unbekannter gemeldet wurde, der ihn auf einige Minuten zu sprechen wünsche. Auf der kleinen mit Goldschnitt versehenen Karte stand weiter nichts als der Name Waldemar Tempel. Der rundliche, bewegliche, stets über unliebsame Störungen klagende Herr Ferdinand Geiger, den seine Freunde kurzweg mit Nante bezeichneten, wollte schon heftig werden, weil man den Besuch nach seinem Begehr zu fragen vergessen hatte, als er noch rechtzeitig einen Blick durch das kleine Lugfenster ins grosse Kontor warf und dort einen dunkel gekleideten Herrn stehen sah, der den Eindruck eines neuen Kunden auf ihn machte. Und so sagte er kurz und geschäftsmässig: „Ich lasse bitten.“

Ein etwas mitgenommen aussehender junger Mann sass dann vor ihm, dessen tadelloses Benehmen aber sofort auf gute Erziehung schliessen liess. Er hatte sehr schönes, glänzendes Haar, und in dem angenehmen Gesicht mit der kühnen Nase und dem modisch gestutzten Schnurrbart sprachen ein paar kluge und klare Augen ihre reizvolle Sprache.

Und es entspann sich folgendes Gespräch:

„Womit kann ich Ihnen dienen?“

Mit Arbeit, mit irgend welcher Arbeit in Ihrer Fabrik.“

Geiger, der ihn jetzt erst sprechen hörte, glaubte einen Ausländer vor sich zu haben, der sich nicht richtig auszudrücken verstehe. Daher sagte er entgegenkommend: „Sie können bei mir alles bekommen, was Sie wünschen.“ Und schon langte er nach Mustertafeln und einem Preisverzeichnis, als er über seinen Irrtum aufgeklärt wurde und zwar in einer Form, die ihm jeden Gedanken an „Ausländerei“ nahm. Sofort wurde sein Ton ein anderer, schwand das stolze Bild da vor ihm.

„Ach, Sie wollen Beschäftigung bei mir haben? Det is jut, sehr jut.“

anchmal fiel er um, besonders in Fällen, die seine Urwüchsigkeit als Berliner herausforderten, und so tat er sich keinen Zwang mehr an. „Ja, lieber Herr, hör’n Se mal .... Danach hätten Sie auch im Kontor fragen können — bei meinem Pokuristen. Es ist gar keine Vakanz vorhanden. Bedaure, bedaure. Was sind Sie denn. Buchhalter?“

Er sagte es wie zur Verabschiedung, nachdem er sich ärgerlich erhoben hatte. Aber der andere bewog ihn durch seine andauernd höfliche Haltung weiter zum Anhören. Er sei weder Buchhalter noch etwas anderes, habe auch keine Sehnsucht nach Schreibertätigkeit, die er als Gebildeter schliesslich auch wo anders bekommen könne. Sein Wunsch gehe nur nach harter Handarbeit, denn erstens verlange das die Wiederherstellung seiner Nerven, und zweitens seine ganze Zukunft, die er sich nur durch eine gänzlich veränderte Lebensweise erobern könne. Im übrigen müsse er arbeiten, denn er stehe vis-a-vis de rien.

Er sprach es mit müder, verhaltener Stimme, aber doch in der überlegenen Art des Mannes aus guter Gesellschaft, der voraussetzt, dass seinesgleichen ihn nach dieser Darlegung verstehen werde.

Nante Geiger, nahe daran, ihn nun für einen Narren zu halten, blähte die gesunden Apfelwangen unter einem zurückgedämmten Lachen und liess die hellen, beweglichen Augen über den ganzen, noch so frisch gefirnissten Menschen gleiten, vom sorgsam, fast kokett gescheitelten Haar bis zu dem modernen, blitzblanken Schuhwerk, über dessen schmaler Gelenkumspannung ein Streifen des bronzefarbenen Modestrumpfes unter der Bügelfalte der Hose gerade noch hervorlugte.

Und sofort griff Waldemar Tempel diesen Blick verständnisvoll auf: „Ich bitte, sich nicht an die Lackstiefel zu stossen, damit wollte ich mich nur gut bei Ihnen einführen,“ sagte er verbindlich mit leichter Selbstverspottung. „Die werde ich natürlich ablegen müssen, wenn ich zu Ihnen ins Geschirr gehe.“

„Ja, haben Sie denn was gelernt?“ fragte ihn dann Geiger gemütlich, nachdem er sich von der Verblüffung einigermassen erholt hatte.

„Bisher nur Geld auszugeben, und dazu gehört wohl kein besonderes Talent. Ich bitte, darin keine Frivolität zu erblicken. Es hätte für mich gar keinen Zweck zu heucheln, nachdem ich hier mit der Absicht aufgetaucht bin, in Ihnen meinen Lebensretter zu sehen.“

„Lebensretter is jut,“ warf Geiger trocken ein, da er plötzlich geneigt war, hinter dieser sonderbaren Einführung eine kleine Komödie zu erblicken, bei der man es lediglich auf seine Tasche abgesehen habe. Als Förderer der Wohltätigkeit hatte er genug verschämte Arme kennen gelernt, die auf die kühnsten Schliche gekommen waren. Er sah nach der Wanduhr und wollte schon dem seltsamen Anliegen mit offener Abweisung begegnen, als er durch den Hinweis auf eine vorzügliche Empfehlung davon zurückgehalten wurde.

In diesem Augenblick musste er das Gespräch unterbrechen, denn durch die Tür vom Flur her trat seine Tochter in elegantem Strassenkostüm herein, das hübsche Gesicht noch rot vom scharfen Herbstwinde draussen.

„Ich störe wohl, Papa?“

„Nein, nein, Helmine. Aber wie kommst du denn hierher?“

„Ich war auf dem Görlitzer Bahnhof, das weisst du doch: Tante Ottilie ist abgereist.“

„Ach richtig.“

„Ich wollte dir nur sagen —“

Waldemar Tempel schnellte in die Höhe und machte seine artige Verbeugung, wobei er fast die Hacken zusammen nahm, und zum Dank kam ein freundliches Nicken, begleitet von einem rasch musternden Blick.

Vater und Tochter traten ans Fenster und sprachen dort halblaut weiter, so dass der Wartende jedes Wort hören konnte.

„Wer ist das?“

„Ach, nichts von Bedeutung,“ erwiderte Geiger, und seine Miene schnitt jede weitere Bemerkung darüber ab. Für ihn stand da nur ein stellenloser Mensch, der für seine verwöhnte Tochter lediglich „Sache“ war.

Nichts von Bedeutung! Waldemar Tempel wiederholte diese Worte in Gedanken und lächelte still vor sich hin, so wie jemand lächelt, der eigentlich etwas darauf erwidern möchte, durch Umstände aber daran verhindert wird. Dann aber erschien ihm dieses Urteil sehr treffend, angepasst seiner Lage, denn um in Bedeutungslosigkeit zu versinken, war er hierher gekommen.

Er kehrte sich der Wand zu und betrachtete ein Bild, um sich die Zeit zu verkürzen. Dabei spitzte er aber unwillkürlich die Ohren, denn hinter seinem Rücken fielen ein paar Namen, die in ihm die wonnige Erinnerung an das fröhliche Leben jener sonnigen Welt erweckten, in der man sich niemals langweilt, die er aber nun, einem hässlichen Zwange folgend, auf bestimmte Zeit verlassen sollte.

„Aber hör’ mal, Papa, du darfst nicht vergessen, dass wir am zwanzigsten zu Frau von Lettendorf geladen sind, zum ersten Male,“ plauderte Helmine weiter. „Ich freue mich riesig darauf. Es soll da geradezu reizend sein.“

„Ja, ja,“ warf Geiger unruhig ein.

„Und dann denk’ daran, dass wir am zweiten November unseren ersten Abend haben. Und dann kommen Hertels, der Abend im Zoo, das Wagnerkonzert, na, und so weiter.“

„Jajaja,“ kam es nun ächzend über des Vaters Lippen, da ihm diese Sache schon zu lange dauerte.

Ganz besonders der Name Lettendorf klang Tempel so vertraulich, als spräche ihn eine gute Bekannte aus, und als müsste er sich plötzlich in die Unterhaltung mischen mit den Worten: „Wie geht es denn eigentlich der Teuren? Wollen Sie nicht die Güte haben, mich ihr bestens zu empfehlen?“

Zum Glück ging Helmine, so dass er seine Haltung bewahren konnte.

„Also grüss’ Mama, ich komme heute etwas später.“

„Danke, Papa.“

Zum zweiten Mal machte Tempel seine tadellose Verbeugung, und abermals erhielt er den Kopfnicker, der diesmal allerdings etwas kühl ausfiel. Aber mit Vergnügen sog er den kalten Veilchenduft ein, den sie nun beim Gehen wieder aufgescheucht hatte.

Geiger nahm das Empfehlungsschreiben aus Tempels Händen entgegen, überflog es noch im Stehen und bat dann, wieder Platz zu nehmen. Und auch er setzte sich aufs neue, nunmehr bedeutend höflicher geworden, denn da schrieb ihm ein höchst ehrenwerter Mann, der Justizrat Dietzel, Königlicher Notar am Kammergericht, bekannt auch als Stadtverordneter, dessen persönlicher Begegnung hin und wieder er sich entsann, dass Herr Waldemar Tempel, Sohn des verstorbenen Architekten Reinhard Tempel und seiner Gemahlin Mathilde, geborene von Schmesow, nach einem „bedauerlichen Nichtstuerleben“ den zwar etwas sonderbar klingenden, aber erklärlichen und gewiss anzuerkennenden Wunsch hege, auf einige Zeit sein Heil in einer Fabrik zu suchen, um, entgegen seinen bisherigen Gewohnheiten, durch irgend welche ihm zusagende, aber durchaus harte Arbeit andere Anschauungen vom Leben und von der Welt zu bekommen. An diesem Entschluss sei nicht mehr zu rütteln, und so werde Herr Ferdinand Geiger freundlichst gebeten, dem „begabten und geistig hervorragenden“ jungen Mann, der auch sonst viel Liebenswürdigkeit besitze, bereitwillig sein Entgegenkommen zu zeigen.

„Ist das nun wirklich Ihr Ernst?“ fragte Geiger, nachdem er den Brief noch einmal gelesen hatte.

„Ich würde mich schämen vor Ihnen, wenn es anders wäre,“ erwiderte Tempel einfach.

„Es liegen doch nicht etwa besondere Dinge vor, die Sie zwingen (er räusperte sich), auf solche Art die Flucht zu ergreifen?“

Tempel glaubte ihn zu verstehen. „Ich habe weder im Gefängnis noch im Zuchthause gesessen,“ sagte er mit leichter Heiterkeit. „Natürlich bin ich auch noch nicht mit Ehrverlust ausgezeichnet.“

Geiger lachte verlegen. „Nee, nee, das mein’ ich nicht, den Eindruck machen Sie nich,“ redete er sich aus, denn etwas Ähnliches hatte er sich gedacht. „Da hätte mir der Geheimrat wohl schon so’n kleinen Wink gegeben. Der wäre schliesslich dafür verantwortlich. So ganz neu wäre die Sache übrigens nicht.“

Und er sprach davon, dass ihm der Verein zur Besserung entlassener Strafgefangener schon zweimal Leute zugeschickt habe, die sich ganz gut bewährt hätten. Natürlich habe von den Werkstattkollegen niemand etwas von deren Vergangenheit gewusst.

Tempel sass mit brennendem Gesicht da, so wie ein Mensch, der eine heimliche Folter unverdient ertragen muss. Und um sich Luft zu machen, fügte er ernst hinzu: „Gestraft bin ich allerdings, aber nur durch meinen Lebenswandel, der mich so weit gebracht hat. Aber Sie werden mir wohl zugeben: bestraft hätten eigentlich diejenigen werden müssen, die mich erstens falsch erzogen haben, und zweitens mir frühzeitig zu viel Geld in die Hände gegeben haben.“

„Das ist richtig,“ warf Geiger lebhaft ein. „Manchmal verdienen die Eltern noch im Grabe eins drauf. Entschuldigen Sie nur —: ich hatte nicht die Ehre, Ihren Herren Vater zu kennen, aber wenn Sie es selbst sagen ....“

„Pardon, es war mein seliger Grosspapa, dessen Liebling ich war.“

„Na, dann verdient der Grosspapa eins drauf. Vielleicht hat das Petrus schon besorgt ... Übrigens sagen Sie mal —: der Name Tempel ... Tempel ... Tempel. Da dämmert mir etwas. Mir ist’s so, als hätt’ ich da mal irgend was in der Zeitung gelesen: ’ne dolle Jeschichte von einem jungen Mann, der ’ne Korsofahrt mit zehn Droschken die Linden entlang machte. Am hellen, lichten Tage. In jeder sass’n Dienstmann. Nachher hat er allen ein Essen gegeben — in’n Zelten. Zaren Sie das vielleicht?“

Waldemar Tempel nickte zustimmend. „Ich bekenne mich schuldig dieser Freveltat, die eine von meinen kleineren Sünden war.“

Nante Geiger lachte wieder. „Mein Gedächtnis! Na, besser, als wenn’s welche aus den Amorsälen gewesen wären.“

„Das sagte ich mir auch. Sie mögen daraus ersehen, Herr Geiger, dass ich schon immer etwas für das Volk übrig hatte. Um so leichter wird mir jetzt der Übergang auf das andere Geleis werden.“

„Sie hatten wohl damals so’n kleenen Tick wej, wie?“

„Ich schwamm in einem ganzen Meere von Ticks, bis ich eben auf dem Trockenen sass.“

„Und dann kam der Katzenjammer.“

„Und auch die Reue.“

„Ja, die kommt immer, wenn’s zu spät ist,“ sagte Gei ger und sann einen Augenblick nach.

Es ging ihm noch etwas im Kopf herum, das seine Bedenken wach hielt. Vor längerer Zeit war ihm nämlich ein Buch in die Hände gekommen, das den Titel, „Drei Monate Fabrikarbeiter“ führte, und worin irgend ein Schriftsteller, der sich als Arbeiter verdingt hatte, seine Erfahrungen zum besten gab. Wer konnte wissen, ob dieser junge Herr nicht eine ähnliche Absicht hatte und die vorgebrachten Dinge nur heuchelte. Der Schwindel in der Welt war gross. Es gab zwar bei ihm nichts zu „enthüllen“, immerhin aber hatte jede Fabrik ihre kleinen Geheimnisse, die man nicht gern an die grosse Glocke gebracht sah. Es war doch auffallend, wenn ein bisher verwöhnter Mensch, der sicher andere nützliche Dinge hätte treiben können, gerade Arbeiter werden wollte, ausgerechnet in seiner Fabrik. Und er machte kein Hehl aus dieser Ansicht und meinte, dass er sich die Sache noch sehr überlegen müsse.

Tempel dachte einige Augenblicke nach, ob er Geiger sogleich mit der ganzen Wahrheit kommen solle, die fernab von dessen Vermutungen lag. Dann aber hielt er es für besser, darüber zu schweigen, was ihm um so leichter wurde, da dem zukünftigen Brotgeber weder Nachteil noch Unannehmlichkeiten daraus erwachsen würden. Um ihm aber das letzte Misstrauen zu nehmen, versicherte er aufs neue mit bewegten Worten, dass es ihm nur darum zu tun sei, durch harte Selbstprüfung zu einem arbeitssamen Menschen zu werden.

Solle er Stadtreisender werden? Oder Versicherungsagent? Nein. Dadurch würde er sich dem Gespötte seiner Freunde aussetzen und Gefahr laufen, ins alte Bummelleben zu kommen, wenn auch auf andere Art. Oder solle er vielleicht nach Amerika gehen, um dort zu verkommen? Nein, nein! Er hänge mit grosser Liebe an seiner Mutter, die über diese Trennung höchst unglücklich werden würde und vor Gram sterben könnte. Er sei dafür, im Lande zu bleiben und sich ehrlich zu ernähren. Hier draussen in der Fabrik würde ihn niemand von seiner alten Gesellschaft zu sehen bekommen, und so könne er sich mit Duldung und Behagen in die neuen Verhältnisse fügen. Sei es überhaupt eine Schande, harte Arbeit zu treiben? Das müsse Herr Geiger, von dem es ihm bekannt sei, dass er sich aus kleinen Verhältnissen, durch eigene Kraft, zu Reichtum und Ansehen emporgerungen habe, doch wohl am meisten anerkennen.

Damit hatte Tempel die schwache Seite Nantes berührt, wodurch er gewöhnlich zu haben war, denn Geiger gehörte zu den offenen Naturen, die ihre Vergangenheit nicht zu verleugnen pflegen, vielmehr sich ihrer beizeiten mit einem gewissen Stolz zu erinnern wissen.

„Was Sie da sagen, lieber Freund, hat ja vieles für sich,“ warf er schmunzelnd ein, ersichtlich bestrebt, über das empfangene Lob nunmehr mit Anstand zu quittieren. Wenn Geiger schon „lieber Freund“ sagte, so war sicher anzunehmen, dass sein Widerstand bereits halb bezwungen war.

„Haben Sie nicht sonst noch Referenzen?“ fragte er dann, schon fertig mit seinem Entschluss.

„O, eine ganze Menge,“ erwiderte Tempel, „aber Sie werden es erklärlich finden, wenn ich unter solchen Umständen keinen Gebrauch davon machen möchte. Man zeigt sein Skelett nicht gern den alten Freunden .... Wie wäre es denn, wenn Sie sich hier in meiner Gegenwart telephonisch mit dem Herrn Justizrat in Verbindung setzen würden? Dann müsste Ihnen doch jedes Misstrauen schwinden. Ich bitte sogar darum.“

Geiger hatte schon daran gedacht, sich aber geniert, es auszusprechen, um seinem Zweifel nicht auch noch die beleidigende Form zu geben. Nun jedoch liess er sich sofort an seinem Schreibtisch nieder, setzte den losen Apparat des Fernsprechers an Mund und Ohr und redete darauf los. Er hatte das Glück, den Justizrat vorzufinden, und so gab er seiner Stimme einen anderen Tonfall, wobei er unwillkürlich eine kleine Verbeugung machte, als hätte er den alten Herrn persönlich vor sich.

Tempel fand das so komisch, dass er sich sein Lachen verbiss. Dann vernahm er nur, was Nante mit ausgesuchter Höflichkeit, so in seinem saloppen Berlinisch hineinrief; aber aus seiner Miene, besonders aus der Art und Weise, wie er die hellen Augen aufriss, beim Zuhören unaufhörlich nickte, dann wieder den Kopf wiegte, lächelte und einen Indianerruf ausstiess, glaubte Tempel auf die Antwort schliessen zu können. Und fast war es ihm, als hörte er die etwas krächzenden Laute seines Gönners, der ihm als einer der Testamentsvollstrecker seines Onkels den Weg zu diesen Gemütsmenschen hier gewiesen hatte. Hoffentlich hatte der Alte keine Dummheit gemacht und zuviel gesagt, dann wäre es mit dem Maskenspiel hier vorbei.

„Jut, jut, Herr Rat, soll bestens besorgt werden,“ tutete Geiger zum Schluss noch hinein. „Danke, danke. Gleichfalls, gleichfalls.“

Dann stapfte Herr Nante Geiger vorerst auf seinen kurzen Beinen im Zimmer umher, wobei er seinen soliden Bauchansatz, umspannt von einer buntgetüpfelten Modeweste, etwas wackelnd nach Seemannsart, wiederholt der geöffneten Kontortür zutragen musste, weil von dort her allerlei kleine Anfragen kamen, natürlich stets nach einem respektvollen Klopfen. Alsdann zündete er sich eine grosse, dicke Zigarre an, zog sich seine schottisch-karrierte Hausmütze über die Sardellenlichtung auf dem Schädel, und steckte dann das runde Apfelgesicht durch das kleine Fensterchen ins Kontor hinein.

„Herr Neumann, ich geh’ mal nach der Fabrik. In ’ner halben Stunde bin ich wieder hier. Fräulein Mücke kann später zu Tisch gehen.“

Er meinte damit die „Klapperschlange“, die das Stenogramm nach seinem Diktat aufzunehmen hatte.

Dann bat er Tempel, ihm zu folgen.

Zu seinem Mitgefühl kam auch die Klugheit, denn dieser schon etwas lädierte junge Mann hatte durch sein einnehmendes Wesen einen derartig günstigen Eindruck auf ihn gemacht, dass er sich der Einbildung hingab, er werde aus ihm etwas formen können, das auch ihm von grossem Nutzen sein würde: einen sogenannten Edelarbeiter, den man der Welt als Muster zeigen könne. Über ein solches Experiment hatte Nante Geiger schon oftmals nachgedacht, und hier winkte ihm die Erfüllung. Zwar kam ihm der ganze Fall noch immer etwas märchenhaft vor, aber auch in einem Märchen konnte eine gesunde Wahrheit enthalten sein.

„Haben Sie denn wirklich gar nichts gelernt?“ fragte er ihn dann noch zum Überfluss, als sie schon den Flur hinter sich hatten, und nun, an zwei mächtigen Rollwagen vorbei, über den ersten Fabrikhof schritten, dem rotgemauerten Hauptgebäude zu, dessen hundert mattgestrichene Fensterscheiben wie ebensoviele blinde Augen ins Leere starrten. Man verspürte die Arbeit schon, ohne dass man sie sah, denn das innere Erbeben des ganzen Hauses sandte seine verhaltenen Grolllaute dumpf durch die Mauer.

„Ich kann etwas zeichnen,“ erwiderte Tempel, „auch habe ich als Junge aus Brotteig allerhand hübsche Figucen geformt.“

Geiger lachte. „So’n Nussknacker haben wir wohl alle mal gemacht. Das wird Ihnen wohl nicht viel dienen; höchstens, dass Sie Geschicklichkeit in die Finger kriegen. Wenn Sie aber zeichnen können — das ist schon was. Da können Sie bald avancieren. Ich sagte immer: Wer zeichnen kann, der sieht mehr.“

Der grosse Torweg, der ihnen wie ein dunkles Maul entgegenklaffte, nahm sie auf. Dann umgab sie das lärmende Geräusch eines Fabriksaales, in dem alles in Tätigkeit ist.

Tempel, der vorsichtig hinter seinem Führer schritt, liess dieses Arbeitsorchester wie eine wilde, schlecht gestimmte Musik auf sich wirken, die sich unheimlich in die Ohren bohrt. Von der langen Reihe der Drehbänke an der Fensterflucht schrillten entgleiste Klarinettentöne auf, die ihm durch Mark und Bein gingen. Und hinein mischte sich das Surren und Summen der Treibriemen und ein leises, unaufhörliches Fauchen, das von einem unsichtbaren Ungeheuer auszugehen schien. Tempel sah eigentlich nichts Bestimmtes; er sah nur rasende Bewegungen an der Decke, schwarze, dahinschnellende Streifen und eine Garnitur blauer Blusen, auf der hell die Mittagssonne lag. Nur hin und wieder erhob sich ein Kopf, wandte sich ihnen ein neugieriges Gesicht zu, um sich aber gleich wieder über die Arbeit zu beugen.

„Nun, wie wird Ihnen? Haben Sie immer noch Lust?“ fragte ihn Geiger, als sie den ersten Saal hinter sich hatten und nun über den Flur über die andere Seite gingen.

„Ich danke, es geht,“ erwiderte Tempel verbindlich. „Ich bekomme jetzt erst recht Lust.“

„Na, und die Nerven —?“

„Die werden sich an die Symphonie gewöhnen müssen. Ein Geräusch hebt das andere auf.“

Und um dieses Thema nicht weiter auszuspinnen (denn in Wirklichkeit waren seine Nerven durchaus nicht abgestumpft), erging ec sich in Bewunderung über den grossartigen Betrieb, was Geiger so angenehm berührte, dass er ihm unaufgefordert Aufklärung über die verschiedensten Dinge gab, wobei er nicht vergass, wiederholt einzuwerfen: „Das ist noch gar nichts.“

„Sie wissen doch, dass ich Beleuchtungsartikel fabriziere,“ sagte er dann, als sie wieder ins Parterre hinunterstiegen. Und er fügte hinzu, dass er heute nicht mehr die Zeit habe, dem Neuling den ganzen Betrieb zu zeigen, der sich noch im zweiten Hof weiter fortsetze, und von dem man bis jetzt nur einen kleinen Teil gesehen habe. Alles das werde ja Tempel nach und nach noch zu Gesicht bekommen, wenn es ihm ernst mit dem Aushalten sei.

Sie durchschritten mehrere kleinere Werkstätten und kamen dann in einen Raum, in dem Rohmaterialien aufgestapelt waren und an einem kleinen Pult der Verwalter sass, ein Mann mit einem Lockenkopf, der in seinem ganzen Aussehen, auch in seiner Kleidung, ein Mittelding zwischen Kontorist und Werkführer war.

„Peters, hören Sie mal,“ begann Geiger mit gespitztem Munde, „dieser Herr hier wird vom Montag ab als Lohnarbeiter eingestellt, verstehen Sie? Es liegt ihm daran, irgend eine ihm zusagende Beschäftigung zu erhalten, um sich mit der Branche vertraut zu machen.“ Das fiel ihm so ein, um eine Erklärung dafür zu finden. „Hier unten wird sich das am besten machen, sprechen Sie einmal mit Knox, ich kann ihn nicht finden.“

Und er stellte Tempel dem anderen kurz vor und behandelte dann die Sache rein geschäftsmässig.

Peters, der dahinter einen guten Bekannten seines Chefs witterte, schüttelte sich die Mähne aus der Stirn und machte seine Verbeugung vor Tempel. Dann gab er ihm rasch die nötigen Anweisungen für sein Erscheinen am Montag.

„Lassen Sie sich wieder mal die Haare schneiden, Peters,“ sagte Geiger noch, was er jedesmal tat.

Als er dann mit Tempel wieder hinausging, schlug es gerade zwölf, und die Arbeiter strömten aus allen Türen ins Freie.

Im Torweg, auf einem Handwagen, stand ein Bursche und sprach etwas Putziges zu einer Horde gleichaltriger Jungen, worüber die ganze Bande lachte.

„Das ist unser Faxenmacher,“ sagte Geiger so im Vorübergehen, ohne der kleinen Szene weiter Bedeutung beizulegen.

Auf dem Hofe empfahl er sich durchaus höflich.

Tempel bedankte sich für das freundliche Entgegenkommen und zog tief den Hut.

Dann liess er sich von dem schwarzen Menschenstrom hinaustragen auf die Strasse, so mit dem traurigen Bewusstsein eines Menschen, der bald auf lange Zeit hinaus in diesem Strome untergehen wird.

II.

Um Waldemar Tempels sonderbaren Lebensschritt zu begreifen, muss man die eigentlichen Gründe dazu kennen, die seine kleinen Abweichungen von der Wahrheit Geiger gegenüber erklärlich und verzeihlich machten.

Im Spätsommer dieses Jahres starb der alte Einsiedler Friedrich Ludwig Karl Tempel in Schmargendorf, ein Mann, über den man sich zuraunte, dass er trotz seiner Gebrechlichkeit immer noch rege gewesen sei, sein schon grosses Vermögen nach Möglichkeit zu vermehren.

Aus angesehener Bürgerfamilie stammend, hatte er in seiner Jugend Schiffbruch gelitten, sich bald hier, bald dort herumgetrieben, war Steward auf verschiedenen Überseedampfern gewesen und hatte dann, von Heimweh getrieben, diesen Beruf als Kellner in Berlin fortgesetzt, wodurch er mit seinen Angehörigen zerfiel und schliesslich von seinem Vater enterbt wurde. Das hatte ihn zwar gegen die ganzen Tempels verbissen gemacht, ihm aber die Zähigkeit nicht genommen — im Gegenteil ihn erst recht dazu getrieben, zu zeigen, was er könne. Mit seinen Ersparnissen kaufte er eine kleine Gastwirtschaft im stillen Schmargendorf, noch zur Zeit, als ein Ausflug nach dort einer Landpartie gleichkam. Er besass billig erworbenes, ausgedehntes Land, das er nun, als die Berliner sich in Scharen draussen ansiedelten, mit hohem Gewinn an den Mann zu bringen verstand. Schliesslich hatte er so viel verkauft, dass er sich zur Ruhe setzen und die Gastwirtschaft einem anderen überlassen konnte.

Nun, da er sich „Rentier“ nannte, zeigten die nächsten Verwandten, ganz besonders sein „lieber Bruder“ der Architekt, die Neigung, ihn wieder in Gnaden, mit offenen Armen, aufzunehmen. Jetzt wollte er aber nicht, denn natürlich witterte er nur Erbschleicherei dahinter. Und so verkapselte er sich diesen Hoffenden gegenüber immer mehr in seine Unnahbarkeit.

Das hinderte ihn aber nicht daran, besonders zur Zeit, als er noch Gastwirt war, die entfernteren Verwandten, die „Seitenlinie“, wie er sie nannte, mit viel Freundlichkeit zu empfangen, wobei er seine Scherze und Witze bereit hatte. Dann drückte er jedem die Hand, liess ihn im besten Glauben, der allein Bevorzugte zu sein, strich aber mit Vergnügen die Zeche ein.

Eine kurze, unglückliche Ehe, die er als gereifter Mann mit einem jungen Ding aus Berlin eingegangen war, hatte ihn später menschenscheu gemacht. Man erzählte sich, dass er nur acht Tage verheiratet gewesen sei, und dann schon Gelegenheit gehabt habe, auf Scheidung zu klagen. So hatte er also keinen direkten Leibeserben, und es war erklärlich, dass ihm, je älter er wurde, der Gedanke an seine Hinterlassenschaft Kopfschmerzen verursachte.

Mehrfach hatte er sein Testament umgestossen. Zuerst war Schmargendorf mit dem grössten Teile seines Vermögens bedacht worden, denn er hing mit Liebe an der Scholle. Ein grosses Krankenhaus sollte gebaut werden. Dann aber bekam er Streit mit dem Gemeindevorstand, dem obendrein noch eine böse Auseinandersetzung mit dem Landrat folgte. Und so schwur er sich hoch und teuer, seinen lieben Ortsnächsten keinen Pfennig anzutun. Die sollten froh sein, ihn in ihrer Mitte gehabt zu haben, schon wegen der grossen Portionen, die er ihnen als Gastwirt verabreicht hatte.

Seinen einzigen Bruder, noch bei dessen Lebzeiten als Haupterben einzusetzen, wie es ihm, einer besseren Regung folgend, einmal einfiel? Nein. Der hätte längst selbst ein hübsches Vermögen haben können, wenn er sich nicht in unglückliche Bauspekulationen eingelassen haben würde, die ihn grössenwahnsinnig machten. Ausserdem hatte er sich immer für etwas Besseres gehalten und am meisten gegen ihn beim Vater gehetzt. Der Lohn war zwar nicht ausgeblieben, indem der Alte das hübsche Vermögen seinem einzigen Enkel Waldemar vermacht hatte, der es dann nach seiner Grossjährigkeit hübsch unter die Leute zu bringen verstand.

Es hätte auch der Fall eintreten können, dass die ganze bewegliche und unbewegliche Habe als Niessbrauch in die Hände der Frau Architekt übergegangen wäre, — na, und die hatte er, Friedrich Ludwig Karl Tempel, erst recht im Magen, obgleich sie ihm persönlich niemals etwas Schlimmes zugefügt hatte. Aber sie stammte aus adeliger Familie, wenn auch aus einer verarmten, und so war es wohl anzunehmen, dass sie sich erst recht als etwas Besseres vorkam, und den „Kellner“ am wenigsten vergessen konnte.

Somit blieb nur noch einer der Allernächsten, und das war „Musjö Waldemar“, das liebe, verzärtelte Muttersöhnchen, dem man schon seit der frühesten Kindheit alles nachgesehen und das man immer als Wunderkind ausposaunt hatte. Hatte sich was mit dem Wunderkind! Wunder erweckte er zwar, aber immer in anderem Sinne: bei den Leuten, die die Hände über den Tunichtgut zusammenschlugen und die Frage aufwarfen: „Was wird das einmal werden?“ Na, und es wurde ja auch so allmählich etwas aus ihm: ein Talent mit Ärmeln“, wie der Berliner zu sagen pflegt. Poussierstengel und Kneipier. Schon mit sechzehn Jahren, als er kaum flügge geworden war, immer „mang die Mächens“. Dann, als er anfing, Student zu werden, eine rote Mütze auf und ein buntes Band über die Weste. Und nun immer mehr bei den Schänkmamsells als auf der Universität. Mit dem Jus ging es aber nicht lange, denn das war ihm selbst gegen den Strich. So kam denn der „Kunststudent“ heran, der damit endete, ein wenig in den Ateliers des Vaters herumzuschnüffeln, um wenigstens Zeugnis vom Geborensein abzulegen. Und baute mit und nannte sich Architekt.

Und doch hatte Friedrich Ludwig Karl in seinem Herzen gerade für diesen etwas übrig, wenigstens mehr, als für alle übrigen. Das hing mit dem gutartigen Wesen des Jungen zusammen, in dem nichts von dem Dummstolz seines Vaters enthalten war. Viel Natur, so wie er. Fast fand er etwas Verwandtes darin, soweit er an seine eigene Jugendunstätigkeit dachte. Nur dass er, der Onkel, frühzeitig durch die Schule des Lebens gegangen war und sich dadurch wiedergefunden hatte aus Trotz gegen die eigene Sippe. Dem Neffen stand das vielleicht noch bevor, wenn erst das liebe Mamachen das Zeitliche gesegnet haben und er mit ganz leeren Taschen dastehen würde.

Auch war Waldemar der Einzige, der manchmal zu „Onkel Karl“ hinauspilgerte, schon damals, als er noch das schöngelegene Lokal mit dem schattigen Garten hatte. Als junges Bürschchen zog er da hinaus und schleifte einen Haufen gleichalteriger Freunde mit, die dann alles auf den Kopf stellten. Dann kam Leben in die Bude, so dass Onkel Karl sich selbst wieder jung fühlte, mitlachte, dann einen heimlichen Seufzer tat und bei sich dachte: Wenn’s meiner wär’, ich wollte schon etwas aus ihm machen. Er pumpte ihm sogar hin und wieder einen Taler, immer mit dem Refrain: „Wiedersehn macht Freude.“ Als dann Waldemar jedesmal den Taler wiederbrachte, nahm er ihn zwar an, schenkte ihn ihm aber wieder. Denn in dem Worthalten des Jungen erblickte er einen hübschen Zug. Es steckte also doch so etwas wie ein guter Kern in ihm. Die Eltern hatten ihn bloss anfaulen lassen. Es freute ihn dann auch, dass der Neffe, älter geworden, immer noch hinaus nach Schmargendorf kam und ihm seinen Krankenbesuch machte, stets mit derselben Redensart: „Du, Onkel Karle, ich komme nicht von wegen Riecherei, ob du bald abschiebst. Vermachen tust du mir ja doch nichts.“

Und der Griesgram erwiderte so mit verärgerter Miene: „Ich euch Bande was vermachen? Nich ’ne alte Serviette, die doch früher mein Handwerkszeug war.“ Denn in die Freude über den Besuch mischte sich doch das Misstrauen, dass Waldemar nur gekommen sein könnte, um auf den Busch zu schlagen.

„Nein, nein, diesem leichtlebigen Burschen konnte er auch nicht das schwer erworbene Geld in den Schoss schütten, so angenehme Eigenschaften er auch hatte, ganz besonders die, die „Seitenlinie“, worunter sich einige Musterexemplare befanden, als „Ausschussware“ zu bezeichnen.

Die schönen dreihunderttausend Mark auf der Bank, das schöne Haus in Berlin und die schöne Villa in Schmargendorf! Friedrich Ludwig Karl Tempel, der im Stillen eine offene Hand hatte, kam darüber nicht ins Reine mit sich. Zwei Gewalten kämpften andauernd in ihm: der Schmerz der Trennung vom Besitz und der Gedanke an die Einzig-Würdigen. Der grosse Zug für allgemeine Wohltätigkeit fehlte ihm ganz besonders seit dem Krach mit seiner Gemeinde. Staatliche und städtische Einrichtungen waren seiner Meinung nach überhaupt nur da, um die Steuerzahler zu ärgern. Dann schon in den sauren Apfel beissen und dem besten aus der Sippe den Tanz an seinem Grabe gönnen. Dieser Hader mit sich selbst raubte ihm die letzte Lebensruhe, so dass er gelb vor Ärger wurde.

Da, als er vernommen hatte, dass die runden Taler seines seligen Vaters bei dem Musjö Waldemar immer spärlicher rollten und er annehmen durfte, dass das liebe Mamachen darunter zu leiden beginne, und als ihm dann sein Magenleiden auch den letzten Appetit raubte, er immer mehr zusammenklappte und in visionären Stunden den Mann mit der Hippe in der Ferne schrittweise aber sicher herankommen sah, — da raffte er sich zu einem letzten Entschluss auf, wie ihn zusammenbrechende Kraftmenschen oftmals zeigen. Er liess seinen Rechtsberater, den Justizrat Dietzel, zu sich bitten, liess von ihm seinen letzten, unumstösslichen Willen aufsetzen, ernannte ihn und seinen Freund Hagedorn, auch so einen verflixten groben Kerl in Schmargendorf, zu Testamentsvollstreckern, und legte sich an diesem Tage zum ersten Male ruhig schlafen. Aber bevor er zu träumen begann, lachte er sich seinen Galgenhumor aus, laut und herzhaft, und sein Selbstgespräch dabei war: „Die sollen die Platze kriegen.“

Vier Wochen darauf war er tot.

Und vierzehn Tage später fand an Gerichtsstelle die Testamentseröffnung statt, feierlich und trocken im Beisein aller vom Justizrat Benachrichtigten, darunter auch die „Seitenlinie“.

Und es hiess:

1 „Ich, Friedrich Ludwig Karl Tempel usw. usw. ernenne hiermit meinen Neffen, den ewigen Studenten, Viktor Hugo Waldemar Tempel, Sohn des usw. usw. zum Universalerben meines gesamten beweglichen und unbeweglichen Vermögens, das in folgendem besteht usw. usw., mit Ausnahme der unter e) verzeichneten Legate usw., unter der Bedingung, dass er sich seinen Lebensunterhalt während mindestens eines Jahres als Lohnarbeiter in einer von den Testamentsvollstxeckern gut geheissenen Berliner Fabrik erwirbt, um auf diese Art zu der Erkenntnis zu kommen, dass der Wert des Daseins nicht im Nichtstun und unerspriesslichen Geldausgeben besteht, und um sich dadurch meiner hiermit erwiesenen Grossmut würdig zu erzeigen.

2 Für den Fall, dass mein Neffe sich ausser Stande erklärt, sich dieser Bestimmung zu unterwerfen, oder die ihm auferlegte Verpflichtung weder teilweise noch ganz zu erfüllen, und zwar aus ihm allein zur Last fallenden Gründen, soll ein Drittel meines Gesamtvermögens dem Musikus Robert Emanuel Philipp Kladisch usw., Sohn der Witwe Amalie Kladisch, geborene Tempel usw., zufallen, in Anerkennung eines mir freiwillig dargebrachten Geburtstagsständchens, dem Einzigen unter meinen Verwandten, der mich nicht angepumpt hat; die übrigen zwei Drittel jedoch zu gleichen Teilen den unter e) verzeichneten Personen. Auf alle Fälle, auch ohne Erfüllung der ihm auferlegten Verpflichtung, jedoch nur nach der unter b) vorgesehenen Erklärung seinerseits, fällt meinem Neffen ein Legat von fünftausend Mark zu, das auf das Dreifache erhöht werden soll für den Fall, dass er durch eingetretene, von einem Arzte zu bescheinigende Krankheit bei Ausübung seines Berufes verhindert sein sollte, die ihm auferlegte Bedingung bis zu Ende zu erfüllen, jedoch nur, nachdem der Nachweis für eine mindestens halbjährige, ununterbrochene Tätigkeit, bei guter Führung, in der Fabrik erbracht ist.

3 Stirbt mein Neffe im Laufe seiner neuen Tätigkeit, nach welcher Frist es auch sei, so fällt das unter a) angeführte bewegliche und unbewegliche Gesamtvermögen inkl. aufgelaufenen Zinsen den unter e) angeführten Personen, wozu in diesem Falle die Mutter meines Neffen, die Frau Mathilde, verwitwete Architekt Tempel, geborene von usw., zu rechnen ist, zu gleichen Teilen zu, mit Ausnahme der Frau Dorothea Alwine Musdal, Gattin des Seifenhändlers Theodor Emil Georg Musdal. Die ausgezahlten Legate werden in Anrechnung gebracht.“

Es folgten dann noch eingehende Bestimmungen für die Testamentsvollstrecker über Realisierung der toten Werte, über Kapitalsanlage und über die Ausführung der harten Verfügung, damit nicht etwa durch irgend welche Umgehungen der vorgesehene Universalerbe auf leichte Art in den Besitz des Vermögens kommen könne.

Ein origineller Querkopf hatte seine letztwilligen Bestimmungen getroffen, und ein tüchtiger Jurist hatte ihm dabei geholfen. Gut und Böse lagen nebeneinander; aber das Gute überwog doch. Kraft und Wille eines einzelnen wurden herausgefordert, zugleich aber auch der Neid der anderen erweckt, und für alle war das liebe Geld der Köter, um den sie sich balgen konnten, gleich einer Meute goldhungeriger Menschen, die, in ihren Instinkten einmal losgelassen, beutelustig, mit wilder Gier auf den Spuren des Glückes dahinstürmt.

Und diese Meute fand sich gleich am Tage der Testamentseröffnung zusammen.

Als jetzt Waldemar Tempel Geigers Fabrik in der Reichenbergerstrasse hinter sich hatte und nun der Hochbahn zustrebte, noch immer mit dem niederdrückenden Gefühle eines Menschen, der plötzlich vor einer erstaunten Menge reiten soll, ohne es zu können, tauchte ihm der denkwürdige Tag wieder auf, eigentlich als in seiner Erinnerung schon lange zurückliegend, obwohl erst ein paar Wochen seitdem vergangen waren. Aber etwas Unbegreifliches, Aussergewöhnliches wirkt so schwer auf den Menschen, dass er wie unter einer Last von Monaten dahingeht.

Und er sah sich, seine schwarzgekleidete, feinzügige Mutter am Arm, stolz und abseits durch den kalten und grauen Gerichtskorridor dahinschreiten, vorüber an den lieben Verwandten, von denen er kaum zwei dem Ansehen nach kannte. Acht Menschen standen und sassen da herum, alle lange vor der Zeit erschienen, den Ernst von Leichenbittern im Gesicht, der sich so rasch in Freude nach dem Trinkgeld verwandeln kann. Da man aber noch nicht wusste, ob der andere bevorzugt worden war, so wog man einstweilen die Worte und liess seine ganzen Empfindungen in ein kurzes Lob über den Entschlafenen ausströmen.

Man war gerufen, und das war doch schon etwas.

Eine kleine Trauergemeinde, jeden Augenblick bereit, einer Andacht beizuwohnen, schien sich da zusammengefunden zu haben. Es fehlten nur die Kränze, um das beginnende Leichenbegängnis zu wittern.

Natürlich kannten sie Mutter und Sohn, und kaum hatte einer das Eis durchbrochen, so ging das Gezeter los. Die natürlich würden die Haupterben sein, denn das waren ja „die Nächsten und die Feinen“.

Seifenhändler Musdal, der seinen Kriegervereinszylinder älteren Jahrganges mit Würde auf seinem inzwischen breiter gewordenen Schädel trug, musste es am besten wissen, denn er hatte die Tochter einer Cousine des Toten zur Frau und bildete sich daher ein, über diese Dinge besser unterrichtet zu sein. Er war überhaupt der Mann, der alles schon vorher kommen sah. Er sprach auch viel davon, wie gut er sich mit dem „lieben Onkel“ gestanden und was dieser ihm alles anvertraut habe! Natürlich existierte dies alles nur in seiner Phantasie, aber es machte sich so schön, wenn die anderen die Mäuler aufsperrten.

Waldemar Tempel sah die Mienen und machte sich sein Bild daraus. Der grüne Neid blickte ihm nach, und fast wiegte er sich schon in der Hoffnung, der alte Einsiedler da draussen könnte den Hass gegen den Bruder Architekten in letzter Stunde aufgegeben haben.

„Ich glaub’s nicht, mein Sohn,“ sagte die Mutter seufzend. „Machen wir uns nur auf Enttäuschungen gefasst.“

Musikus Kladisch, der nie mit seiner Frau ausging, hatte sie allein von allen übrigen höflich begrüsst, besonders die „Frau Baumeister“, und sogar gewagt, sie anzusprechen, wonach man ihm auch die Freude einer kurzen Unterhaltung gönnte. Er hatte zwar gleich den anderen niemals Beziehungen zu diesen Verwandten gehabt, roch aber schon die Bevorzugung des Neffen, und so konnte es nichts schaden, wenn er sich beliebt machte.

Alsdann stelzte er wieder auf seinen langen Beinen einsam den Korridor auf und ab, so wie ein hungeriger Wolf, der die Fütterungsstunde nicht erwarten kann. In seinem verkannten Künstlertum dünkte er sich mehr, als die übrige „Bagage“, und so liess er sie ebenfalls links liegen, innerlich erfreut darüber, ihnen gezeigt zu haben, wie er mit den Haupterben stehe.

In dem langen, ausgedienten Lodenmantel, den er um die dürren Glieder geschlagen hatte, den Sommerorchesterzylinder mit Trauerflor auf, einen dickgequollenen Regenschirm in der Hand, nahm er sich sonderbar genug aus, fast wie eine menschliche Fledermaus, die bei jedem Luftzug die Flügel auseinander schlägt.

Dann, im Saal, kam die grosse Verblüffung und die noch grössere Enttäuschung. Für alle Teile. Es gab Gesichter, als hätte man sich bei einer fremden Leiche zusammengefunden.

Schliesslich schlug alles in einen gewissen Humor um, Seifenhändler Musdal lachte, so dass ihm der Bauch wackelte. Ganz respektwidrig lachte er, — er lachte sogar Tränen, wobei seine ohnehin schon kleinen Augen verschwanden.

Und die rundliche Frau Musdal lachte mit, so dass ihr üppiger, hochgewölbter Busen Sprünge bis zum Halse machte.

Und auch des Agenten Tempels Spitzmausgesicht ging in die Breite, wodurch seine Drahtpuppe von Frau angesteckt wurde.

Und auch Musikus Kladisch lachte, nachdem er sich mit offenem Rachen von der mangelhaften Fütterung überzeugt hatte.

Und sie lachten alle, alle, ausgenommen Frau Tempel und ihr Sohn, die, zwar bleich aber doch rasch gefasst, stolz davongingen, so wie sie gekommen waren, begleitet von dem Justizrat Dietzel, dem besonders daran zu liegen schien, mit dem Neffen des Erblassers rasch ein paar wichtige Worte zu sprechen, bevor er wieder in den Gerichtssaal zurückkehrte.

Es war auch zum Lachen, was der witzige und saugrobe Schmargendorfer, „der alte Schinder“, wie ihn Seifenhändler Musdal jetzt ganz offen nannte, dem „Universalerben“ aufgebrummt hatte. Natürlich nur aus Hohn, um ihn öffentlich lächerlich zu machen, weil er dies Söhnlein kannte. Das wax ihnen eine ausgemachte Sache. Denn dass diese Bestimmung niemals durchgeführt werden könne, war selbstverständlich, obschon Agent Tempel meinte, er habe deutlich gehört, wie der „Beglückte“ zum Justizrat gesagt habe, er hoffe im Sinne des Onkels handeln zu können. Aber das war wohl nur so eine Verlegenheitsphrase, ein Stammeln aus Scham über den erteilten Rüffel. Der Verschwender und arbeiten! Obendrein in einer Fabrik. Das sei dasselbe, als wolle man das Brandenburger Tor in die Lindenpassage schieben, oder aus der Siegessäule einen Pfeifenanstecker machen.

So meinte Herr Seifenhändler Musdal.

„Nee, nee, so wat jibts ja jar nich. Een Armeekorps uff’n Brummtriesel ruffkriegen, — det wär ’ne Kleenigkeit dajejen ... Habt ihr ibrijens jehört: der ew’je Studente. So war’t richtig. Der soll man bei det Fach bleiben.“

So sprach Herr Seifenhändler Musdal weiter.

Und als er eine Lachsalve dafür empfangen hatte, so dass der Korridor davon erdröhnte, schritt er der Verwandtschaft voran, würdevoll und erhobenen Hauptes, so wie jemand, dessen Meinung nicht zu erschüttern ist. Und beim Anblick des Justizrates zog er zwar tief, aber doch mit einem Lächeln die Trauertonne, als wollte er sagen: Wir sehen uns bald zur Abrechnung.

Und als er schon ein paar Schritte weiter war, schallte seine quakende Stimme noch zurück: „Nu is de Hauptsache: Abschrift von’s Testament für jeden.“

Frau Tempel und Sohn mussten dann noch ein paar Augenblicke verweilen, weil der Justizrat ihnen den zweiten Testamentsvollstrecker, Herr Hagedorn, vorstellte, einen bartlosen, sehnigen Mann, der sich die Leute immer erst anguckte, bevor er mit ihnen sprach.

Schon drinnen im Saal, als er, den unzertrennlichen Regenschirm in der Hand, am Fenster stand, hatte er alle Erben mit feindseligen Blicken betrachtet, so mit Gendarmenaugen, als wollte er sagen: „Hier steht einer, der passt auf, verlasst euch darauf.“ Und ganz besonders schien er Waldemar Tempel damit zu treffen. Dann rieb er sich jedesmal die mächtige Nase, was eine Angewohnheit von ihm war, und schnupperte in der Luft herum. Auch wenn er dem Justizrat sein fades Lächeln unter den dünnen Lippen zeigte, kam diese stille Feindschaft zum Ausdruck, denn er hatte ihn einmal als Prozessgegner gehabt, was er noch nicht vergessen hatte. Und weil er überdies ein Feind aller Advokaten war, so lautet sein fortwährender Gedanke: Wir beide werden bald zusammenkommen.

Nun nickte er wieder, als Waldemar zu ihm sprach, der ihn natürlich kannte. Und schliesslich quirlte er ein paar Worte hervor: „Is’ n bisken happig die Bestimmung, was? Na, der Lohn is auch danach. War ’n Schlaukopp, der olle Onkel Karl. Die Gemeinde draussen macht drei Kreuze.“

Er hätte gern noch mehr gesagt, um seine Autorität als Testamentsvollstrecker hier gleich festzustellen, aber Frau Rührmund, die langjährige Wirtschafterin des Verblichenen, eine breithüftige, schon angejahrte Person mit gutmütigem Gesicht, einen mächtigen Trauerhut auf, von dem die Federn wie schwarze Fahnen herabhingen, trat auf sie zu und beglückwünschte durchaus ernst den jungen Tempel. Sie war mit einer anständigen Summe bedacht worden, hatte die ganzen Möbel bekommen und war damit zufrieden.

Der Neid lag ihr überhaupt fern. Das sei doch nicht so schlimm, einmal derbe zu arbeiten, meinte sie. Der alte Onkel habe es jedenfalls nur gut gemeint. Sie würde sich zehn Jahre lang ans Waschfass stellen, von früh bis spät, wenn es sich um so viel Asche handelte; oder gar in die Unterwelt gehen. Und sie fügte hinzu, dass der alte Herr Tempel sie in letzter Zeit öfters zu Rate gezogen habe, und dass sie immer bereit gewesen sei, ihn zu Gunsten seiner Verwandten umzustimmen. Ganz besonders habe sie dabei an den jungen Herrn gedacht. Und sie nannte dessen Mutter „Gnädige Frau“ und bat, man möchte doch herauskommen nach Schmargendorf und sich zum Andenken aussuchen, was man wolle. Es sei das auch der Wunsch des Verstorbenen gewesen. Der Tod mache doch alles wieder gut, nicht wahr?

Frau Tempel war sehr gerührt davon und bat sie, bei Gelegenheit zum Kaffee bei ihr zu erscheinen. Das offene Wesen dieser einfachen Frau gefiel ihr umso mehr, da sie zuerst etwas anderes hinter ihrer Miene gewittert hatte.

Rentier Anton Hagedorn hatte der Gruppe sofort den Rücken gekehrt, denn erstens behagte ihm diese rasche Intimität nicht, zweitens hatte er für die Rührmund nie viel übrig gehabt, und drittens ärgerte er sich, dass ihre Gedanken über die Testamentsklausel sich mit den seinigen deckten. Er wäre auf seinen Stockbeinen bis nach Paris gelaufen und würde dazu Gras gefressen haben, wenn man es verlangt hätte, er, Gottlieb Anton Hagedorn, früher Ackerwirtschaftler in Schmargendorf, jetzt Villenbesitzer ebenda, Grosskonteninhaber der Deutschen Bank, Schwiegervater eines Oberleutnants und eines Amtsrichters. Aber bei der Aussicht auf dreimalhunderttausend Mark, ein grosses Mietshaus in Berlin und eine Zwölfzimmer-Villa da draussen, — da riss man sich schliesslich noch ein Bein aus.

Dieser alte Tempel war doch ein richtiger Esel gewesen, dass er nicht zum zweiten Male geheiratet hatte. Denn dann wäre der ganze Zimt doch wenigstens in der Familie geblieben und brauchte nun nicht von Drohnen geschluckt zu werden.

Und sein Gendarmenauge ging noch einmal auf den Eventual-Universalerben zurück, denn die Parole hiess: „Aufpassen, immer aufpassen.“ Er wollte schon dafür sorgen, dass keine Durchstechereien getrieben wurden; denn das erforderte schon die Rache der leer ausgegangenen Schmargendorfer.

Als Mutter und Sohn dann auf der Strasse waren, sahen sie die ganze Seitenlinie friedlich und wie beratend zusammenstehen.

Auch Musikus Kladisch hatte seinen Künstlerstolz aufgegeben und stand nun wie ein Wegweiser mitten in der Gruppe, und zwar in wörtlichster Bedeutung, denn die Hand mit dem aufgeblasenen Schirm wies geradeaus nach einer Kneipe gegenüber.

„Anfechten, jleich anfechten,“ quakte Seifenhändler Musdal hervor, ohne zu ahnen, dass die Nachkommenden diese Worte hören könnten.

Bureauvorsteher Fiebig aber, der erst in letzter Minute erschienen war, ein intelligent aussehender Mann mit Kneifer und aufgewichstem rotem Schnurrbart, warf überlegen ein: „Jibt’s ja jar nich, bei solchen klaren Bestimmungen. Aber einen Schoppen trink’ ich mit.“

„So? Wenn er verrückt war?“ beschwerte sich gleichsam Musdal bei der ganzen Gemeinde. „Und det war er doch. Komplett.“

Aber Herr Fiebig im Bewusstsein seiner Rechtserfahrung, zuckte nur mit den Achseln, spannte seinen Regenschirm auf und eilte über die Pfütze hinweg dem Lokal zu. Denn er hatte Durst.

Und die übrigen folgten ihm wie hüpfende Riesentrauervögel.

„Die werden uns etwas zu schaffen machen,“ sagte Frau Tempel zu ihrem Sohne.

„Lass’ sie doch“, erwiderte Waldemar heiter.

Sein Plan war bereits gefasst.

III.

Und nun wunderte sich Waldemar Tempel, wie leicht ihm der erste Schritt geworden war. Aber je mehr er sich wieder dem heiteren Westen näherte, je stärker kam ihm das stille Grauen vor dem Joch da draussen. Nicht die Arbeit schreckte ihn, denn etwas Ernstes hätte er nun doch treiben müssen, aber das Ausgeben der persönlichen Selbstbestimmung, das verfluchte Muss, das Einschirren in die früh geöffnete Tretmühle, denn er war gewöhnt daran, lange zu schlafen und sich die Zeit nach Wunsch einzuteilen.

Dieser Meinung war auch seine Mutter, als sie sich bei Tisch gegenübersassen in dem noch immer eleganten Heim in der Geisbergstrasse, in einem der Häuser, das noch der selige Architekt erbaut hatte. Während der letzten zehn Jahre hatten sie in diesem sogenannten bayerischen Viertel die Rolle von Trockenbewohnern gespielt, das heisst: sie hatten sich in jedem vollendetem Neubau des Alten stets zuerst festgesetzt, damit Gardinen an die Fenster kämen, und zwar so lange, bis das Haus in anderen Besitz übergegangen war und ein Einzug in die neueste, noch feuchte Schöpfung des genialen Häusererzeugers winkte.

„Verzichte auf alles und nimm die fünftausend Mark, dann wird’s auch gehen,“ sagte sie mit ihrer ewig klagenden Stimme, und begann sofort, ihre Pläne daran zu knüpfen. Man werde sich zum ersten Januar, da man doch ziehen müsse, eine Wohnung in der Nähe des Zoologischen Gartens nehmen und ein Pensionat für Ausländer aufmachen, das bei guter Haushaltung sicher florieren werde. Dann würde sich auch wohl etwas für ihn finden, und wenn nicht anders, könne er ja einen Teil des Legats zu irgend einer Kaution benutzen.

Waldemar wurde ungemütlich.

„Das sprichst du wieder so hin, liebe Mama — in deiner Sorge um mich. Pensionate gibts hier wie Sand am Meer, und die meisten führen ein trauriges Dasein. Das weisst du doch von Frau Windmüller. Die paar Kröten würden draufgehen, und dann sässest du erst recht da. Na, und ich? Soll ich deinen Ausländern vielleicht die Stiefel putzen, um mich im Hause beliebt zu machen? Vielleicht Mister Mix pickles, der morgens um sieben schon nach „die w—uarme-Mundwuasser“ schreit, das Frühstück hineintragen? Oder gar Juffrouw van Houten aus Amsterdam, die um acht Uhr bereits das Klavier zerpaukt, „das Kakau“ vor die Tür stellen? Denn schliesslich werde ich dich doch nicht den Unausstehlichkeiten dieser anspruchsvollen Gesellschaft aussetzen lassen. Nee, liebstes Mamachen, — dann schon lieber die Zähne zusammen beissen und da draussen untertauchen .... Schwielen an die Hände kriegen und Messingstaub schlucken und was sonst noch .... Es ist ja auch schon abgemacht.“

Er hatte ihr alles gleich vor dem Essen berichtet, und nun, bei der Suppe, fügte er hinzu, dass er auch wahrscheinlich „auf bessere Schlafstelle“ werde ziehen müssen, denn Justizrat Dietzel, der ihm ja sonst sehr wohlwolle, wahrscheinlich infolge eines noch mündlich abgegebenen Wunsches des verstorbenen Onkels, habe ihn noch gestern ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass Testamentsvollstrecker Hagedorn, der alte Sandfresser, so genannt, weil er in Schmargendorf den Leuten das unfruchtbarste Land angeschmiert habe, schon geäussert habe, er werde über alles eingehend Protokoll führen. Der habe den ganzen Tag nichts zu tun, stecke seine grosse Nase in alle überflüssigen Dinge und fahre jetzt schon jeden Tag dreimal von Schmargendorf nach Berlin, wo er regelmässig gut frühstückte, alles auf Kosten seiner Bestallung.

Frau Mathilde Tempel gehörte zu den wundersamen Müttern, deren ganzes Leben im Glück ihrer Kinder aufgeht, so sehr sie selbst auch darunter zu leiden haben mögen, und so wenig die Welt das zu verstehen vermag. Schon in dem ewigen Auf und Nieder ihrer Ehe daran gewöhnt gewesen, ihrem schrullenhaften, an chronischem Spekulationsfieber leidenden Manne gegenüber in Ergebung die Nachsichtige zu spielen, hatte sich diese Schwäche auch allmählich auf ihren einzigen Sohn übertragen; und so war es erklärlich, dass sie in ihm seit dem Tode ihres Mannes den alleinigen Herrscher erblickte. Jetzt jedoch regte sich in ihr der Widerspruch, denn Ungeheuerliches drohte ihrem Liebling.

„Bis jetzt habe ich die Sache als grausamen Scherz betrachtet, nun aber müssen wir mal ernst darüber reden. Ein total verwöhnter Mensch wie du, ich bitte dich! Nach der ersten Woche lägest du da. Arbeiten ist gewiss keine Schande, aber jeder hübsch an seinem Platze. Lass’ die anderen alles schlucken, nur vergiss dich nicht.“

Es stand fest bei ihr: eher hätte sie sich im geheimen zu ähnlichen Dingen erniedrigt, bevor sie den Sohn darunter leiden gesehen haben würde.

Aber Waldemar taute auf. Wie? Dieser Verwandtensippe den Triumph gönnen, das ganze Vermögen einzustecken, während sie beide, als die Nächsten, mit einem Butterbrot abgespeist werden würden? Nie und nimmer! Jetzt erst recht nicht, da er gehört habe, dass die Gesellschaft schon im Trüben zu fischen beginne.

In Waldemar Tempel regte sich der Trotz, so wie er damals vor Jahrzehnten Friedrich Ludwig Karl aufgerüttelt hatte, als man den „Kellner“ nicht vergessen konnte. Und hier war es der „ewige Student“, der nun herausgefordert wurde, — ihm aufgebrummt leider von dem, der selbst unter ähnlichem Hohn gelitten hatte. Aber das war die Wesenseinheit von Onkel und Neffen, die nun auch dem Jungen den Weg zur Erkenntnis wies. Und der alte Schmargendorfer hatte sehr richtig gewittert, wenn er ihn schon ehrgeizig die Beute nach Hause tragen sah. Denn der kannte die Menschen, die von dem Geld nicht lassen konnten, weil er sich selbst kannte; sie sträubten sich zuerst, es unter Kränkungen anzunehmen, und dann kamen sie von selbst und baten darum und scheuten dabei die schlimmsten Entwürdigungen nicht.

„Und Lüssi Reimer, was wird die dazu sagen?“ meldete sich Frau Tempel wieder. „Die werden alle auf den Rücken fallen, wenn sie das hören.“

„Vor Freude, das glaub’ ich wohl,“ lachte Waldemar hervor. „Denn nun ist doch Aussicht, dass ich sie heiraten kann.“

„Ja, wenn sie so lange wartet.“

„Ach, sie wird schon. Bis jetzt hat der Alte angenommen, ich sässe immer noch in der Wolle und würde losbauen wie Papa. Aber wovon? Macht alles, weil sie dich immer noch für die Besitzerin des Hauses halten. Nun aber winken die Moneten.“

Frau Tempel seufzte. Ihr Besitztum stand nur noch im alten Adressbuch, was ihr bis jetzt nur Scherereien gemacht hatte. Das Haus hier, das letzte des seligen Erbauers, war so überschuldet gewesen, dass man schliesslich froh war, es mit der Vergünstigung loszuwerden, noch eine Zeitlang mietefrei wohnen zu können.

„Was wirst du nun tun? Willst du ihr alles sagen?“

„Aber selbstverständlich. Bei der Aussicht ...“

„Sie wird dich für verrückt halten.“

„Oder für sehr vernünftig.“

„Und der Alte ist so penibel.“

Erfahren müssen sie es ja doch,“ sagte Waldemar und ging wieder fort, denn er wollte zu ihr.

Frau Tempel begleitete ihren Sohn bis auf den Korridor, und was sie ihm zum Abschied noch nachrief, war die Herzensbitte: er möge sich doch alles noch einmal überlegen, bevor es zu Auseinandersetzungen käme.

Das alles ging Waldemar im Kopfe herum, denn sonst hätte er wohl gemerkt, wie das Spitzmausgesicht von neulich, das vor dem Hause gewartet zu haben schien, ihn nicht aus den Augen liess.

Langsam schlenderte er die Strasse entlang, der Richtung nach der Kaiserallee zu. Es war ein klarer, heller Nachmittag und schon bedenklich kühl, so dass man die Vorwehen des nahenden Winters empfand. Der Himmel prangte noch blau, und in der durchsichtigen Luft zeichnete sich der Strassenzug in scharfen Linien ab.

Alle diese Häuser hier mit ihren übermodernen Stilarten hatten etwas von einer rasch entstandenen, eigensinnigen Stadt, die man an den alten Berliner Westen herangeschoben habe, um eine Verbindung herzustellen.

Waldemar war gerade in die Bamberger Strasse eingebogen und fand wie immer hier die Häuser mit ihrem überall gleichmässigen Erkervorbau, der steif vom Parterre bis zum Dache führte, höchst langweilig, als er in dieser stillen Betrachtung durch eine unerwartete Anrede gestört wurde.

Eine tiefe Verbeugung, der Anblick eines schon halb kahlen Schädels, der sich eigentlich nur wie eine abgeschrägte Fortsetzung der Nase ausnahm, und es unterlag keinem Zweifel mehr, dass dies das Spitzmausgesicht war, das nun mit einem kühnen Entschluss die Attacke machte.

Natürlich trug der Allerweltsagent, wie gewöhnlich, eine einstmals hellbraun gewesene, nun aber durch den jahrelangen Gebrauch fettig-schwarz gewordene Aktenmappe unter dem Arm, denn ohne Mappe ging er niemals aus. Das gehörte zu seinem Handwerk, zu seinem Lebensbedürfnis, zu seiner Repräsentation.

„Mein Name ist Gustav Tempel, Agentur und Kommission,“ begann er unterwürfig, so in der Art von Leuten, die sich immer zwischen Tür und Schwelle vorstellen. „Herr Baumeister kennen mich wohl nicht mehr? Ich hatte schon einmal den Vorzug Ihrer persönlichen Bekanntschaft — vor etwa einem Jahr.“

Das pflegte er immer zu sagen, obgleich es niemals wahr war; aber dadurch machte er die Leute irre und gewann den Anknüpfungspunkt. „Wir sind entfernte Verwandte ...“

„Wohl sehr entfernt,“ unterbrach ihn Tempel und schritt ruhig weiter, um ihn auf diese Art abzuschütteln.

„O, das tut durchaus nichts,“ fuhr das Spitzmausgesicht fort und blieb ganz familiär an der Seite des anderen, „um so näher war ich Ihnen stets in Gedanken. Besonders mit meiner Achtung, ganz besonders damit. Wissen Sie, es sind nicht die schlechtesten Verwandten, die sich bescheiden im Hintergrund halten, und die sich nur melden, wenn sie gefällig sein wollen. Sehen Sie, so bin ich, Herr Baumeister.“

„Ich bin nicht Baumeister,“ sagte Waldemar ärgerlich.

„O, das tut nichts,“ fuhr Agent Tempel unbeirrt fort. „Sie werden es sicher noch werden, und Baurat obendrein und vielleicht auch noch Professor. Das prophezeihe ich Ihnen. Sehen Sie, so bin ich.“

„Sehr nett von Ihnen. Aber was wünschen Sie nun eigentlich?“

Gustav Tempel, der ewig an einem Stockschnupfen litt, was er mit einer steten Erkältung entschuldigte, (sein Gesicht war immer leicht blaurot angehaucht), zog erst ein paar tote Worte durch die Nase, bevor er den folgenden mit seiner verschleimten Stimme zum Leben verhalf.

„Auf keinen Fall will ich Sie anpumpen, auf keinen Fall. Sehen Sie, so bin ich. Das mögen die anderen machen, der Fiebig und der Kladisch, — passen Sie auf, die kommen noch. Sicher. Ich kenn’ doch meine Leute. Wenn die einen Braten riechen, dann sind sie schon dabei, ehe er auf den Tisch kommt. O, ich kenne die Welt.“

„Aber es gibt ja noch gar nichts anzupumpen,“ wehrte sich Tempel wohlwollend. „Irre ich mich nicht, so waren Sie doch bei der Testamentseröffnung.“

„Aber die Anpumpung wird kommen, Herr Baumeister, verlassen Sie sich darauf,“ liess Agent Tempel nicht locker und lachte ihn vergnügt an, so dass die spitzen Hauer zu sehen waren. „Und deshalb müssen Sie sich reserviert halten ... und deshalb möchte ich Ihnen mit einem Vorschlag kommen. Zu Ihrem Besten. Sehen Sie, so bin ich.“

Und ohne weiteres begann er, ihm zu entwickeln, dass sich ein Mann wie Waldemar Tempel unmöglich in eine solche Lohnknechtschaft begeben könne, ohne sein Renomee darunter leiden zu sehen, und dass daher er, Gustav Tempel, der denselben Namen führe, bereit sei, seinen Sohn Oskar, der dreiundzwanzig Jahre zähle und ein heller Junge sei, die Rolle für ihn spielen zu lassen. Natürlich gegen eine entsprechende Vergütung, worüber sich ja noch reden liesse! So etwas lasse sich schon machen, denn es sei ja doch nicht anzunehmen, dass die Herren Testamentsvollstrecker von früh bis spät wie die Affen vor dem Fabriktor stehen und die Arbeiter zählen würden. Dabei bekomme man ja auch kalte Füsse. Er werde schon alles arrangieren: sich zu den Herren Testamentsvollstreckern begeben, sich als einen Todfeind des Universalerben, als Beauftragten der ganzen Verwandtschaft ausgeben, und sich den Herren als Beobachter und Berichterstatter anbieten, worauf sie jedenfalls mit Freuden eingehen würden. Denn er kenne die Welt und die Menschen!

„Sehen Sie, so bin ich, Herr Baumeister. Wir machen doch die Sache etwas schriftlich, nicht wahr? Ich nehme auch Wechsel. Ärgern soll sich die ganze Bande, ärgern! Und haben Sie das Heu erst rein, dann denken Sie: rutscht mir den Buckel runter.“

Tempel, der die plumpe Falle dahinter sah, wollte erst wütend werden; dann aber nahm er die Sache von der humoristischen Seite. „Ein ausgezeichneter Plan, mein werter Onkel von weit her,“ sagte er spöttisch, „und viel Dank dafür. Aber es geht nicht, ich habe mich schon verdungen.“

Agent Tempel spitzte die roten Ohren. „Wie, Sie sind schon so leichtsinnig gewesen? Wo denn, wo denn?“

„Wie kann man nur so neugierig sein, mein bester Herr Namensvetter. Grüssen Sie mir die teure Verwandtschaft.“

Und um ihn loszuwerden, ging er schräg über den Strassendamm. Aber Herr Gustav Tempel, ans Reden gewöhnt, auch wenn man ihm die Tür bereits vor der Nase zugeschlagen hatte, gab den Versuch nicht auf. Die Geschäftsmappe fest unter dem Arm, den Stock tüchtig ansetzend, nahm er dickfellig denselben Weg.

Und unaufhörlich sprach er weiter, trotz seines Stockschnupfens, und obgleich ihm fast der Atem ausging, denn der Bedrängte nahm nun grosse Schritte. Und schon begann er zu handeln. Endlich, als er sah, dass er gar keine Antwort bekam, schöpfte er noch einmal Luft und sagte: „Überlegen Sie sich die Sache, Sie werden es bereuen, Herr Baumeister. Ich wohne Katzbachstrasse neuundneunzig, Hof vier Treppen, für Sie bin ich immer zu haben. Sehen Sie, so bin ich.“

Dann blieb er zurück und schnaubte sich endlich die Nase. Und sein Gedanke dabei war: „Jungeken, dich kriege ich noch.“

Er war schon um die nächste Strassenecke, als er wieder kehrt machte und aufs neue unauffällig hinter Tempel herging. Musdal, dem er Bericht erstatten wollte, lief nicht fort, denn er sass schon seit Olims Zeiten in seinem Laden im Osten. Aber der dort vorn hätte windig werden können. Auf alle Fälle schadete es nichts, wenn man ein wenig weiter schnüffelte. Man hatte ja Zeit. Eine „Agentur und Kommission“ hatte überhaupt immer Zeit, besonders wenn es nur eine sogenannte fliegende war.

Waldemar Tempel schritt währenddessen gedankenvoll seinem Ziele zu.

Der Geheime Regierungsrat Reimer wohnte am Ende der Düsseldorferstrasse, nicht weit von der Uhlandstrasse, dort, wo die letzten Häuser fast ans freie Feld stiessen und der Blick über neu parzellierte Strassen, Holzplätze und Laubenkolonien hinweg noch ins Grüne schweifen konnte. Falls es natürlich Sommer war. Und diese schönen Spätsommertage hier draussen, nach der Reisezeit, hatte Waldemar an manchen Abenden genossen, wenn er mit Lüssi in der grossen Loggia sass und allerlei Dummheiten trieb, während die Alten drinnen im Zimmer die Zeitung lasen.

Sie waren zwar erst heimlich verlobt, aber das schadete nichts. Im Gegenteil sagte sich die Frau Geheimrat, die im Hause das Regiment führte, das sei das allein richtige, wenn man noch nicht wisse, „wie, wo und wann“. Schon bei ihrer anderen verheirateten Tochter hatte sich diese Vorsicht bewährt. Denn der erste Verehrer war abgeschnappt, bis dann der zweite, ein junger Gymnasialprofessor, kam, der auf Mitgift überhaupt nicht sah und um so sesshafter blieb. Es ging zwar gegen die Familiensitte, dass die Jüngste zuerst an den Mann kam, aber besser rasch, als zu spät.

Geld konnte natürlich auch Lüssi nicht mitbekommen, und so freute man sich denn, als die Verwöhnte, die bisher im Körbe-Austeilen sehr fleissig gewesen war, einem jungen Mann, von dem man allgemein behauptete, er besitze von Grossvaters Seite ein stattliches Vermögen, ernste Avancen machte.

„Architekt“ klang auch ganz schön, und es entsprach sogar dem barocken Sinn der Dreiundzwanzigjährigen, die einstweilen ihr grösstes Vergnügen darin gefunden hatte, im Sommer in Seebädern die Strandnixe oder im Gebirge die Berghexe zu spielen, und im Winter als Wohltätigkeitsfee von einem öffentlichen Feste zum anderen zu rauschen und den Herren, besonders den jungen, durch den Anblick ihrer schönen, runden Schultern, durch ihre Perlzähne und durch das Klappern ihrer hübschen Augen das Geld für Programme, Ansichtspostkarten oder sonstige andere leichte Ware zu Gunsten der Komiteekasse abzunehmen. Manchmal auch als Büffetschlange, die solange nach Kleingeld suchte, bis irgend ein armer Leutnant, rot geworden und doch hingerissen, verlegen stammelte: „Aber ich bitte, bemühen sich gnädiges Fräulein doch nicht. Is ja für die armen Waisenkinder.“

Und manchmal war es selbst so ein armer Waisenknabe, der das sagte, — wenigstens was die Verlassenheit in seinem Portemonnaie anbetraf.

Aber für Lüssi war es ein Gaudium. Denn es erschien ihr immer wie eine kleine Vorbereitung auf ihr späteres glanzvolles Eheleben, wenn sie erst ihrem Gatten das Geld zur Erfüllung ihrer Wünsche werde abknöpfen können; natürlich gleich in Form von blauen oder braunen Scheinen. Denn eine Spiesserehe führen wie Edith mit ihrem Oberlehrer, nein, — dann lieber schon gar nicht heiraten und sich so weiter amüsieren.

Sie war nun einmal anders veranlagt, als die jüngere.

Bei alledem bedachte sie nicht, dass gerade dieses „einnehmende Wesen“ das Abschreckende für die „Reellen“ war, die den ewigen Kleingeldmangel als symbolisch für spätere Zeiten auffassten und daher beim zweiten und dritten Male hübsch um sie herumgingen.

Ganz anders war Waldemar Tempel geraten, den sie bei einer solchen Gelegenheit im vergangenen Winter kennen gelernt hatte, schon zur Zeit, als das Geld des seligen Grossvaters ziemlich klein gemacht war, und nun so allmählich die Frage kam: Was soll das werden?

Der Anblick der hübschen Lüssi mit den Tollkirschenaugen, dem verführerischen Lächeln, der schlanken Taille und den schmalen Händen half ihm bald über jedes Bedenken hinweg, denn er hatte sich gründlich in sie verschossen. Wenigstens bildete er es sich ein. Das war ein Mädel, mit dem man reden konnte, und das die süsse, kleine Frau schon als Schelm im Nacken trug. Einfach toll, wie die mit den Herren umging und die Dummen noch dümmer machte.

Und ihr gefiel der schlanke, lebenslustige Kerl nicht minder. Der hatte Rasse in seiner Nase und Witz auf seinen Lippen und zeigte männliche Galanterie in jeder Form. Ein kühner Draufgänger, dabei kolossal verliebt, wie es ihr schien, und das gab ihr die Übermacht. Musste überdies verdammt viel Moos haben, der! Denn er trug die Hundertmarkscheine stets lose in der Westentasche.

Hei, und tanzen konnte er, dass sie Seligkeit überkam bei diesem sanften Schweben im Parkettland holder Träume.

Und was er trank, war Sekt, und immer nur Sekt und Sekt.

Die Frau Geheimrat war entzückt. Der Geheimrat sagte zwar weniger, hielt aber länger aus, als sonst. Und das genügte. Sein Gedanke war immer: Wenn nur Lüssi erst verheiratet wäre.

Seit einiger Zeit jedoch zeigten sich bei Lüssi gewisse Verstimmungen, die Waldemar darauf zurückführte, dass ein Vetter von ihr, ein schneidiger, blonder Assessor aufgetaucht war, der sich von Hannover nach Berlin hatte versetzen lassen, um hier, protegiert vom lieben Onkel, in den höheren Verwaltungsdienst überzugehen. Und Tantchen lobte ihn über die Massen, denn —: man konnte nie wissen, „wie, wo und wann“. Ganz besonders erwog sie das seit dem Tage, da gewisse Nachrichten über den heimlich Versprochenen sie sehr unruhig gestimmt hatten. Sie liess sich aber nichts merken, denn als geschickte Spielerin gab sie die eine Partie nicht auf so lange sie die Chancen der anderen nicht kannte.

„Na, du strahlst ja wieder,“ sagte Waldemar, als Lüssi ihn nach seinem bekannten Klingelzeichen in dem kleinen Vorsalon mit Beschlag belegt hatte.

Er hatte schon im Entree an der Garderobe gemerkt, dass der Strohblonde wieder anwesend war, und dass die Unterhaltung am Kaffeetisch sehr laut geführt wurde.

„Sei doch nicht wieder ungemütlich. Es ist schon genug, wenn Papa schlecht gelaunt ist.“

Und um ihn zu beruhigen, schlang sie die vollen Arme um seinen Hals und gab ihm seine Küsse dreifach zurück. Diese kleinen Vorschüsse auf die Seligkeit steckte sie stets mit Wonne ein und zwar mit geschlossenen Augen, bevor sie sich wieder zusammennehmen musste.

„Du, hör mal, — nachher hab’ ich etwas Wichtiges mit dir zu reden,“ sagte sie dann plötzlich.

„Ich auch.“

Sie lachte. „Das trifft sich ja gut. Hoffentlich ist’s was Gutes.“

„Na, so halb und halb. Jedenfalls nicht zu verachten“.

„Du, dann bin ich aber wirklich neugierig. Kann ich’s nicht gleich wissen?“

„Das würde zu lange dauern. Und was sollte dein Vetter dazu sagen?“

Zur Strafe riss sie ihn an den Ohren. Dann warf sie rasch einen Blick in den Spiegel, drückte ihr Haar glatt und zog ihn mit fort.

Hinten im Speisezimmer, das zugleich auch das Familienzimmer war, sass Assessor Lönge und liess sich von der Frau Geheimrat gerade eine neue Tasse einschenken. Er hatte ein volles Gesicht mit weichen Zügen, in dem der helle, gestutzte Schnurrbart nur wenig abstach, um so mehr aber die saftigroten Lippen, und trug das glänzende, etwas gewellt aufliegende, hinter dem Ohr nach vorn gestrichene Haar in der Mitte tadellos gescheitelt.

Sofort erhob er sich und begrüsste Tempel freundlich, obgleich seine lichtgrauen Augen nur auf seiner schönen Cousine haften blieben. Immer war er artig und zuvorkommend, der von oben bis unten geschliffene Mensch, den man von allen Seiten betrachten konnte, ohne dass ein Stäubchen der Inkorrektheit aufgefallen wäre. Das ärgerte den burschikosen Tempel, der niemals recht wusste, wo er da die Bürste ansetzen sollte.

Der Geheimrat brauchte sich nicht erst zu erheben, denn nervös und gedankenzerzaust, wie er war, ging er bereits im Zimmer umher und liess die Beine knacken, dabei die Hand immer an dem langen, schön gepflegten, schon stark mit Grau, durchsetzten Hängebart, der von den dünnen Fingern zeitweilig wie von einem Kamm bearbeitet wurden. Herr Reimer war gross und geschmeidig und unstreitig ein schöner Mann, auch mit einem heiteren Blick, obwohl ihm der hornberänderte Kneifer zuerst etwas Durchdringend-Prüfendes gab, so einen Stich in Staatsanwaltliche. Alle Illusionen schwanden aber, sobald er sprach, denn seine Stimme hatte einen heiseren, geborstenen Klang, der namentlich in der Erregung etwas Bellendes bekam, wobei seine vorgesetzte Exzellenz manchmal eine Gänsehaut überlief. So liess er seine Frau lieber sprechen, die, urgesund und wohlbeleibt, sich durch nichts in ihrer Ruhe stören liess. Wo sie sass, da sass sie.

Nun ging sie aber doch dem zukünftigen Schwiegersohn auf halbem Wege entgegen. Sie erkundigte sich sogleich nach dem Befinden seiner Mama und machte ihm sanfte Vorwürfe, dass er sich gestern nicht habe sehen lassen, was man gar nicht mehr gewöhnt sei.

Tempel entschuldigte sich mit Geschäften und nahm mit seiner heimlichen Braut am Tische Platz, wobei Lüssi sich ihrem Vetter gerade gegenüber setzte, was Assessor Lönge mit stiller Wonne erfüllte. Er spielte denn auch sofort den Aufmerksamen, wobei sich seine lichtgrauen Augen verstohlen in das schwimmende Emaille unter den langen Wimpern der koketten Cousine versenkten, was sie wohlverstand. Ihr Trost blieb: Es ist ja doch nur Spielerei, und weshalb soll ich dem guten Jungen die Freude nicht gönnen. Überdies war sie an verliebte Blicke gewöhnt, und es hätte ihr etwas gefehlt, wenn ein kecker Schelm sie damit nicht bedacht haben würde.

„Na, haben Sie schon eine neue Wohnung?“ fragte die Frau Geheimrat dann, nachdem man gemütlich beisammen sass.

„Es wird sich dieser Tag entscheiden,“ redete sich Tempel aus, der schon seit einer Woche nicht wusste, wie er sich zu dieser Angelegenheit verhalten sollte. Denn bis jetzt hatte er sich gescheut, von dem Testament des Schmargendorfer zu sprechen, wie er überhaupt, auch bei Lebzeiten des Onkels niemals von ihm gesprochen hatte. Schon aus taktischen Gründen nicht.

„Dann wird es aber Zeit, dass Sie zu einem Entschlusse kommen,“ sagte die Mama wieder, die eine derartige Saumseligkeit nicht begriff. Sie hatte von Tempel gehört, dass man das Haus verkauft habe und von nun an zu Miete wohnen würde. Hinzu kam noch etwas anderes, das sie aber in Gegenwart ihres Neffen nicht berühren wollte.

„Werden Sie in Ihrer Gegend bleiben?“ meldete sich nun auch der Geheimrat, der sich aus Anstand wieder auf ein paar Minuten gesetzt hatte. Durch sein Augenglas ging sein Blick herausfordernd auf den künftigen Schwiegersohn.

„Herr Tempel ist für die Gegend am Zoo, er sprach doch schon neulich davon,“ mischte sich Lüssi hinein, schlug aber die Augen nieder, denn sie wusste, was hinter alledem steckte.

Ihr Herr Papa hat sehr viel gebaut, wie ich gehört habe,“ sagte nun auch Assessor Lönge.

„Ganze Strassen,“ renommierte Frau Geheimrat darauf los.

„Das muss Pinke gegeben haben,“ sagte der Assessor wieder ungeniert und nahm sich ein Stückchen Kuchen vom Teller, weil Lüssis weisse Finger gerade ebenfalls danach langten.

Waldemar Tempel nickte verbindlich nach beiden Seiten, allerdings mit etwas beengtem Gemüt; denn erstens fühlte er sein Gewissen schlagen, und zweitens kam ihm diese Stimmung etwas sonderbar vor: schwül und bedrückend, trotz des freundlichen Getues. Ausserdem gefiel ihm die Miene des Alten nicht. Er sass seitwärts da, ein Bein über das andere geschlagen, liess die Finger über den Bart gleiten und lächelte verdächtig.

„Werden Sie die Baufirma Ihres Papas wieder aufnehmen? fragte er wieder.

Da hielt es Tempel für angezeigt, mit einem Teil der Wahrheit herauszurücken, um in keine zu schiefe Lage zu kommen. Und, indem er die Frage des Alten offen liess, wandte er sich an die Mama: „Übrigens wollen wir nur vorübergehend zur Miete wohnen. Im Winter werden wir unser Haus in der Nachodstrasse beziehen, und im Sommer werden wir wohl in unserer Villa in Schmargendorf wohnen. Oder ganz, wie Lüssi es wünscht.“

Assessor Lönge riss die Augen auf und beobachtete seine Cousine, die die Farbe wechselte und heftig Atem schöpfte, ohne jedoch den Blick von ihrer Tasse zu heben. Und dabei verschlang er wieder ihren weissen Hals und alles das, was sich in dem spitzen Kleidausschnitt zeigte.

„So, so,“ warf Frau Reimer überrascht ein, sah aber ihre Tochter bedeutungsvoll an.

Ihr Mann jedoch hatte plötzlich genug davon. Er erhob sich wieder, liess beim Umhergehen aufs neue die Beine knacken und entschuldigte sich dann damit, dass er noch wichtige Dinge in seinem Arbeitszimmer zu erledigen habe. Mochten Frau und Tochter diese Lügen aufdecken, er fand zu solchen Dingen nicht den Mut, denn seine Nervosität hatte ihn furchtsam gemacht. Er hatte genug mit seinen staatlichen Dingen zu tun. Ausserdem war heute sein Abend bei Siechen, und da wollte er sich in Ruhe bei den Akten, die er sich ins Haus hatte schicken lassen, darauf vorbereiten.

Das Pärchen ging dann in den Salon, wo ein alter Stutzflügel stand.

Es begann schon zu dunkeln, und so zündete Lüssi rasch ein paar Flammen der Gaskrone an. Und dabei sah sie durch die halbmatt geschliffenen Scheiben der Tür, wie Mama nebenan dasselbe tat.

Tempel setzte sich an den Flügel und liess die Finger über die Tasten gleiten. In seiner Jugendzeit hatte er lange Unterricht gehabt, aber viel verlernt, weil er nicht übte. Aber so wenig er auch konnte, er zeigte doch, dass er musikalisches Gehör besass. Und plötzlich, nach einer romantischen Einleitung, spielte er ganz banal:

„Muss i denn, muss i denn zum Städtle hinaus,

Und du mein Schatz bleibst hier.“

Lüssi, die seitwärts stand und in ihren Noten kramte, lachte.

„Wie kommst du denn gerade darauf?“ fragte sie.

Tempel aber lachte nicht mit, denn ihm war sehr ernst zu Mute. Und deshalb gerade hatte er diese Melodie angeschlagen. Dann, schon nach ein paar Takten, bat er sie, seinen Platz einzunehmen.

Sie zögerte aber und sah ihn aufmerksam an.

„Du hör’ mal, Waldemar, — in dir geht etwas vor.“

„Na, in dir doch auch, in euch allen. Was gibt’s denn?“

Erregt ging er im Salon herum und betrachtete zerstreut all die Dinge, die er schon zur Genüge kannte: die Ölporträts von Reimer und Frau, schlecht und recht gemalt, die übrigen Bilder, auffallend durch protzige Goldrahmen, die grosse Herkulesuhr auf dem Ofensims, flankiert von zwei silbernen Handkandelabern; die vielen hübschen Nippes, die überall herumstanden, — die ganze schwere Möbelausstattung, die ein Gemisch von Altem und Neuem war, zusammengetragen und ergänzt durch die Jahrzehnte: steife Lehnsessel, moderne Seidenfauteuils und barockgeschnitzte Schränke und Spiegel.

„Nun, was wolltest du mir denn sagen, Waldemar?“

„Ich denke, du hattest etwas Wichtiges.“

Sie stand verlegen da und tippte die Spitzen der gespreizten Finger gegeneinander. „Ich trau’ mich nicht.“

„Nun, siehst du, Lüssi, ich auch nicht.“

Er trat an die Tür, blickte durch die blanken Stellen der Scheiben vorsichtig ins Speisezimmer und sah, wie Mama Reimer eifrig mit dem Assessor sprach, wobei sie mehrmals nach dem Salon hinsah. Tempel bekam einen roten Kopf und ging von der Tür weg, wieder aus den Flügel zu.

Da stellte sich Lüssi dicht vor ihn hin, ergriff seine Hände und sagte mit holder Frechheit: „Du, sag’ mal, — das ist doch Schwindel mit dem Haus und mit der Villa?“

Das Wort Schwindel war ihr sehr geläufig, und so nahm er es ihr nicht krumm. „Aber nein doch, es ist die Wahrheit,“ erwiderte er im Gefühl des künftigen Erben.

„Ach rede doch nicht, Waldemar. Das hast du dir im Augenblick so ausgedacht, weil mein Cousin dabei war. Den wolltest du einfach damit ärgern. Denkst du denn, ich seh’ nicht, dass du ihn nicht leiden kannst.“

Sie hatte zwar recht, aber er wollte es ihr nicht gestehen.

„Nein, nein, nur weil dein Papa dabei sass,“ redete er sich aus. „Er hat seit einiger Zeit etwas gegen mich. Siehst du, ich seh’s dir an, Lüssi.“

Eine kleine Verlegenheitspause, und Lüssi war wieder gefasst.

„Du musst es mir nicht übel nehmen, liebster Waldemar, aber darüber wollte ich gerade mit dir sprechen. Es ist jemand, der Papa darauf gebracht hat. Es soll nicht alles so recht stimmen mit deinen Verhältnissen. Sei mir nur nicht böse, dass ich so offen bin, aber ich muss es dir doch sagen, damit du Bescheid weisst.“

„Sei nur gleich deutlicher. Papa hat Erkundigungen über mich eingezogen, nicht wahr?“

Da zog ihn Lüssi beiseite, von der erleuchteten Tür fort, und umschlang ihn wild, fast wie verzweifelt: „Waldemar, ist es wahr, dass deiner Mutter das Haus schon lange nicht mehr gehört, und dass deine Aussichten sehr trübe sind.“

„Im Gegenteil, Lüssi, sie sind so glänzend wie möglich. Du hast es ja gehört: ein grosses Haus und eine schöne Villa. Und was sonst noch kommt.“

„Pfui, schäme dich,“ rief sie aus. „Von wem denn?“

„Allerdings erst in einem Jahr, vielleicht noch später,“ fuhr er trocken fort.

Das war ihr zuviel. „Solange soll ich noch warten?“ presste sie wütend hervor.

„Das wollte ich dir eben sagen, Lüssi.“

Da biss sie, blass geworden, in ihr Taschentuch und zerrte daran, was sie immer tat, wenn sie so ihre kleinen Anfälle hatte. Und Heiterkeit heuchelnd, drehte sie sich im Kreise und zischte die Worte zwischen den Zähnen hervor: „Schwindel, Schwindel, Schwindel.“

Am liebsten hätte sie ihn dafür geohrfeigt, so wütete der Zorn in ihr, die Aufgezogene zu sein. Nebenan wurden Stühle gerückt, und so wollte sie Waldemar rasch zur Vernunft bringen.

„Wir können die Verlobung ja noch hinausschieben. Ganz nach deinem Wunsch.“

„Alles das sagst du mir erst jetzt?“

„Weil ich selbst erst jetzt alles erfahren habe ... Lüssi, glaube mir. Komm her zu mir und sei vernünftig.“

Sie rückte vor ihm aus bis hinter den Flügel und hielt sich die Ohren zu. „Schwindel, Schwindel! Ich glaube dir nichts mehr.“ Sie dachte an weiter nichts, als dass sie noch ein ganzes Jahr bis zur Hochzeit warten sollte, und das erboste sie dermassen, dass sie ihm die Augen hätte auskratzen mögen.

Da, als er ihr schon alles sagen wollte, kamen die Frau Geheimrat und Assessor Lönge herein.

Mama sah sofort, dass etwas Ernstes vorgegangen war und schlug einen vermittelnden Ton an.

„Willst du nicht etwas singen, Fred?“ fragte Lüssi mit gewinnender Liebenswürdigkeit ihren Vetter und dachte dabei nur daran, Tempel zu ärgern. Jetzt, nachdem die Sache, so stand! Zum mindesten sollte er eine schlaflose Nacht haben, wie sie sie selbst haben würde.

Assessor Lönges lichtgraue Augen strahlten. Und gewöhnt, immer den Galanten zu spielen, und auch ein wenig eingenommen von seinem dünnen Bariton, der gerade für ein grosses Zimmer ausreichte, schmachtete er seine Cousine lächelnd an, setzte sich dann und legte ohne Ziererei mit einem Schumannschen Liede los, nachdem er sich zuvor die Beinkleider mit der Bügelfalte sorgsam über das Knie gezogen hatte.

Und Lüssi stand hinter ihm, um rechtzeitig das Notenblatt zu wenden. Es war so, als wäre das ihr Bräutigam und nicht der andere, der da, in sich versunken, in der Ecke sass.

„Sie bleiben doch zum Abendbrot?“ fragte Mama Reimer dann Tempel. Sie hielt das zwar für selbstverständlich, aber aus Höflichkeit stellte sie immer dieselbe Frage. Junge Leute hatten auch manchmal etwas anderes vor. Sie spielte auch die Erstaunte, als sie eine Absage erhielt, nötigte dann aber nicht mehr, denn sie dachte sich ihr Teil. Ihr Neffe blieb ja, und das war eine kleine Entschädigung. Man konnte nie wissen: „wie, wo und wann“.

Tempel empfahl sich, und Lüssi begleitete ihn wieder hinaus. Ihre Wut war erloschen, um so mehr lohte ihre Leidenschaft wieder. Dieser Strohkopf drinnen war zwar hübsch und artig, aber fade. Dieser hier hatte Temperament und die gewisse Art, auf Frauen zu wirken. Die quälende Angst hatte ihr die Feuchtigkeit in die Augen getrieben.

„Weshalb gehst du denn eigentlich? Bleib doch, das lässt sich doch machen,“ bat sie.

„Nein, nein, es geht nicht, ich habe mich heute verabredet.“

Sie sah es ihm an, dass er sich nur ausredete, und so wurde sie wieder kurz. „Na, dann geh ... Kommst du morgen vormittag mit heran?“

„Wahrscheinlich .. Ausserdem, — du hast ja Gesellschaft.“

„Allerdings.“

Die Tür klappte. Sein Abschiedskuss war nur flüchtig gewesen, und das ärgerte Lüssi am meisten. Ihre Brust ging stürmisch, während sie unbeweglich stehen blieb. Sollte sie ihn zurückrufen, ihn um Verzeihung bitten? Schon hatte sie die Türklinke in der Hand. Ach was, der kam ja doch wieder! Bevor sie aber zu dem anderen ging, trat sie in das Schlafzimmer ihres Vaters und kühlte sich rasch Gesicht und Augen.

Unten ging Waldemar Tempel kummervoll durch die Strasse.

IV.

Wenn Berlin an einem dunklen Novembermorgen die Augen aufreisst und die Strassen voller Nebel sieht, dann beginnt es zu fluchen. Alles flucht: der Kutscher auf dem Bock, der Strassenbahnführer, der Chauffeur, der Milchhändler, die Zeitungsfrau und natürlich auch der Schutzmann, der seinen Scharfblick von Staats wegen hat und sich auf seinem Posten wie genarrt vorkommt. Selbst der Bäckerjunge verliert die Lust zum Pfeifen, was in dieser grauen Humorlosigkeit am bedenklichsten erscheint.

Waldemar Tempel war dieser Berliner Frühnebel nicht unbekannt, aber bisher hatte er ihn nur flüchtig bemerkt, wenn er den kurzen Weg von einem glänzenden Ballokal bis zur Droschke und dann aus der Droschke in sein Haus nahm. Es konnte auch ein Restaurant sein oder sonst irgend eine behagliche Stätte, von der man nach süssem Vergnügen die Müdigkeit mit ins Bett nimmt. Dann hatte er auf ein paar Augenblicke den Nebel geschluckt, so wie man die Dampfwolke einer schlechten Zigarre an sich vorüberziehen lässt. Der Wagen war geschlossen, und er sah nicht mehr, was da draussen vorging.

Nun aber, an diesem denkwürdigen Montag, der ihn hinaus ins Ungewisse führte, trat der umgekehrte Fall ein: er musste den Nebel aufsuchen, statt ihn zu fliehen, er musste gleich hunderttausend anderen mit wachen Sinnen in dieses ungeheuere, graue Meer untertauchen, das Wagen und Menschen verschlang.

Eine neue Stadt glaubte er zu entdecken, allerdings eine, die sich ihm erst schrittweise zu erkennen gab. Und ungewohnt dieser Erscheinung, riss auch er die Augen auf, gleich diesem mürrischen Ungeheuer, das mit tausend umflorten Lichtern blinzelte, die, hängenden Glühkörpern gleich, allmählich erst wie irritierende Feuerpunkte aus dem dicken Dunst hervorkrochen: seltsam und märchenhaft, wie zerstreute Notsignale auf dicht verhüllter Meeresfläche. Und dieses Steinmeer ohne schwankenden Boden hatte auch sein dumpfes Rauschen und Grollen und seine dahinwogende Flut, die aus erwachsendem Strassenlärm und aus dahinziehenden Menschenleibern bestand. Und gleich den Warnungssignalen der Schiffe erschallten unausgesetzt das Töfftöff der Autos und das rasende Glockenschlagen der Elektrischen.

Aber Waldemar Tempel fluchte nicht wie die Gewohnheitsflucher, denn er war starr und sprachlos: erstens über dieses allgemeine Rühren zu so früher Morgenstunde, und zweitens über das unerhörte Ereignis, dass er es fertig bekommen hatte, um fünf Uhr aufzustehen, sein Paket unter den Arm zu nehmen und sich aus dem geschlossenen Hause hinauszuschieben, gleich einem armseligen Reisenden, der mit dem Frühzug fort muss und nicht einmal ein Handköfferchen sein eigen nennt. Aber niemand hatte ihn gesehen, selbst die beiden Männer nicht, die aus dem Nebeneingang an ihm vorübereilten.

Er ging erst ein Stück Weges, oder vielmehr: er tappte sich eilig durch den Nebel, fröstelnd, noch den halben Schlaf im Kopf, aber doch schon merkwürdig flink auf den Beinen. Vor sich und hinter sich hörte er Schritte, ohne dass er die Menschen sah. Hin und wieder gähnte ein erleuchteter Bäckerladen, in dem eine Mamsell träge sich rührte. Er sah den Lichtschein schon am geröteten Nebel. Die Strassen wurden belebter, und immer häufiger tauchte eine dunkle Gestalt auf wie aus der Erde gewachsen, durch die Plötzlichkeit in übermenschlicher Grösse erscheinend.

Wie ein ungeheurer, gespensterhafter Schatten wuchs ein Kirchturm in die Luft, den er im Augenblick nicht gleich erkannte. Das Hufeisen eines Pferdes schlug auf; er hörte das Schnauben und sah das Geistergefährt in Wolkenfarbe an sich vorüberziehen.

Dann sass er in der Strassenbahn, Linie Schlesisches Tor, und wunderte sich, wie viele Fahrgäste der Wagen schon hatte. Es waren auch Mädchen darunter, und jedes hatte die eingewickelten Stullen im Schoss. Aber alle, Arbeiter und Arbeiterinnen, starrten wortkarg vor sich hin. Eine alte Frau, ganz in ein Kopftuch vermummt, eine offene Markttasche zur Seite, aus der der Kopf einer Flasche ragte, sass in der Ecke und schlief. Jedenfalls kam sie von der Nachtarbeit und fuhr nach Hause. Und neben ihr sass ein eleganter Bummler, die Beine von sich gestreckt, den Hut ins Genick gedrückt, und schnarchte mit offenem Munde. Ähnliche Schlummerfahrten während seiner Studentenzeit fielen Tempel ein; jetzt aber, mit klaren Augen, kam ihm dieser Anblick unwürdig und ekelhaft vor.

Dann, beim gleichmässigen Rollen des Wagens, das etwas Beruhigendes für ihn hatte, liess er die häusliche Morgenszene noch einmal an sich vorüberziehen. Er sah die Mutter, notdürftig bekleidet, an seinem Bette stehen, und ihn mit aufgelöster Stimme fragen, ob er doch nicht lieber liegen bleiben wollte. Sie weinte und jammerte, als würde er zur Hinrichtung abgeholt werden. Aber es half nichts: sie musste sich an die Kaffeemaschine machen, die sie am Abend vorher schon bereit gestellt hatte, denn das Mädchen durfte bei Leibe nichts von dem Vorgang wissen, wenigstens vorläufig nicht, bis man eine Ausrede gefunden hatte. Denn die klatschte im ganzen Hause herum, und gewiss hätte man es so ausgelegt, als wäre bei Tempels schon die grösste Armut eingezogen. Im übrigen höffte Frau Baumeister noch im stillen, dass ihr Sohn am ersten Tage genug davon haben und reuig zu den fünftausend Mark zurückkehren würde.

Aber Waldemar blieb fest, und so kam der Abschied mit Tränen und Verwünschungen gegen den „Kerl von Onkel“, der sich den ganzen Plunder lieber in den Sarg hätte mitnehmen sollen.

„Manteuffelstrasse!“

Der Schaffner rief es, und Tempel stieg mit aus, um von hier aus den nächsten Weg zu Geigers Fabrik zu nehmen. Es dauerte nicht lange, so liess er sich von dem schwarzen Strom der Arbeiter mit forttragen, hinein in das breitklaffende Maul des roten Ungeheuers, dessen hundert blinde Augen nun, schon sanft durchleuchtet, in den dunklen Morgen starrten.

Lagerverwalter Peters war noch nicht da, denn der kam immer etwas später. Dafür empfing ihn Werkführer Knox ein blatternnarbiger Mann mit spitzem, schon kahlem Schädel und abstehenden Ohren, der nicht recht wusste, was er mit ihm anfangen sollte. Dieser „Neue“ sah doch zu sehr nach einem Herrn aus, obwohl er sofort sein Paket aufgerissen hatte und grüne Schürze und blaue Bluse sehen liess (alles Dinge, die Frau Tempel am Sonnabend nach Mass gekauft hatte); aber auch diese Sachen hatten so einen gewissen Sonntagsgeschmack.

Verflixt, verflixt! Werkführer Knox, der die Stahlbrille immer weit auf der Nasenspitze trug, wenn er jemand fixierte, stand unschlüssig da, die Linke gegen die Hüften gestemmt, während der Zeigefinger der Rechten eine kleine Juckerei auf dem Schädel vornahm, was immer das Signal zum Gedankensammeln war. Jedenfalls war es diesmal das Kennzeichen eines kritischen Falles.

Endlich kam die Frage: „Wat sind Sie eigentlich von Fach, Herr ....?“

Lagerverwalter Peters hatte ihm schon das persönliche Interesse des Chefs an diesem „Feinen“ gesteckt, und so fehlte ihm die rechte Traute.

„Jar nischt,“ fiel Tempel gleich im Werkstatton ein, aber doch mit einer gewissen liebenswürdigen Verbindlichkeit.

„Na ville is det jerade nich,“ sagte Knox gemütlich und juckte seinen Schädel weiter. Eigentlich hätte er ja grob werden müssen, aber an diesen Menschen war nicht heranzukommen, denn er hatte so „etwas“. Verflixt, verflixt!

„Es bleibt ooch nischt übrig, wenn man wat davon abzieht“, berlinerte Waldemar drauf los, wobei er sich seiner etwas rüdigen Jugendzeit erinnerte, als er auf dem Tempelhofer Felde die Drachen steigen liess.

Im Lagerraum nebenan, dessen Tür offen stand, lachte ein Bursche hell auf.

Und sofort schoss Knox auf die Türe zu.

„Behalt deine Lache für dich, Ede, verstehst de!“ rief er hinein. „Die Sache is jar nich so lächerlich.“

Schon vorher hatte Tempel ein Plantschen und Schrubben da drinnen gehört, und als er nun ebenfalls einen Blick hineinwarf, sah er einen jungen Menschen stehen, der damit beschäftigt war, die Dielen aufzuwischen. Er wäre ihm wohl fremd geblieben, wenn Werkführer Knox nicht wie zur Entschuldigung hinzugefügt hätte: „Det is nämlich Ede, unser Faxenmacher, damit Sie’s man gleich wissen. Denn der wird Ihnen wohl bald was vormachen. Sonst ’n juter Junge, bloss togen tut er nischt.“

„Wer’s glaubt, der wird selig und isst de Klösse fröhlich,“ klang eine klare Stimme zurück, so mit einer gewissen hochgeschraubten Betonung.

„Dichten tut er ooch“, sagte Knox wieder. Und dann kam wieder die Belehrung ins Nebenzimmer: „Hier brauchst de keene Vorstellung zu jeden, det mach’ abends ab.“

„Herr Geiger war schon so freundlich, mich auf dieses Talent aufmerksam zu machen,“ warf Tempel ahnungslos ein.

Da zeigte sich das hübsche Gesicht des Jungen im Türrahmen. Sein grosses Auge ging verdutzt auf den Fremden, dann aber huschte ein verklärtes Lächeln über die blassen Züge.

„Da hören Sie’s doch, Herr Knox,“ sagte er frischweg.

Nu haben Se aber wat anjerichtet,“ meinte der Werkführer etwas kläglich und nahm das Jucken wieder auf. „Na, dann kommen Se man mit,“ sprach er weiter und ging Tempel voran in den hintersten Raum, der klein und noch dunkel war.

Die gemütliche Unterhaltung hatte ihm endlich den Mut gegeben, sich seiner Herrschaft hier zu erinnern.

Um acht Uhr erst, als die Frühstückspause begann, kam Tempel einigermassen zur Besinnung.

Man hatte ihn an ein kleines Balancier gesetzt, wo er zierliche Rosetten „drücken“ musste. Das ging sehr schnell und war eigentlich eine Spielerei, die anderswo Mädchen verrichteten. Hier machten es gewöhnlich die Jungen. Es war sehr einfach: man legte die runde Messingblechscheibe auf die Matrize, nahm den Griff des Balanciers und drehte los, so dass die Kugel herumflog. Dadurch senkte sich der Stempel und presste die Form. Es gehörten nur Übung und Geschicklichkeit dazu, um eine hübsche Portion Arbeit zu verbringen.

Werkführer Knox, der sich keinen anderen Rat wusste, hatte ihm diese Beschäftigung zugeteilt, damit er einmal sehe, wie dieser Sonderling sich anstelle. Mochten die Herren vom Kontor dann weiter ihre Order geben.

Und nun sass Tempel auf seinem Sessel und ass die belegten Brote, die, sauber in weisses Papier eingewickelt, ihm seine Mutter mitgegeben hatte. Und merkwürdig, es schmeckte ihm, denn das Frühaufstehen und die Arbeit hatten ihm Appetit bereitet. Nur in seinem Kopfe sah es dämlich aus, wie er sich gestehen musste. Und in seinem rechten Arm, besonders am Ellenbogengelenk, fühlte er eine Art Erschlaffung, die er beinahe mit einer Lähmung verglich. Es war ihm, als würfe er noch immer das Ding da hinter sich herum, trotzdem er doch ganz stille sass.

Schon während seiner Arbeit hatte er bemerkt, dass hin und wieder jemand in den abgelegenen Raum kam und in dem Regal irgend etwas zu suchen schien, dann aber wortlos wieder verschwand. Und nun liessen sich gleich mehrere Leute zusammen sehen. Es waren Neugierige, aus den Nebenwerkstätten, die sich den „Feinen“ begaffen wollten. Denn so hatte Knox ihn sogleich getauft und hinzugefügt, dass das ein „Vollongtöhr“ sei, der sich das Arbeiten „angewöhnen“ wolle.

Zwischen zehn und elf tauchte auch Herr Geiger auf, der ein fabelhaftes Gedächtnis für alle Vorgänge in seiner Fabrik hatte, und an diesem Vormittage sich auch gleich dieses merkwürdigen Arbeiters entsann. Tempel hörte seine laute Kommandostimme schon durch die Tür, und so erhob er sich denn sofort, als der Chef mit dem Werkführer eintrat.

Wie gewöhnlich steckte Nante in seinem modernen, blauen Cheviotsakko, wozu die dunkelrote Krawatte ihr knallendes Farbenspiel gab, denn er gehörte zu jener Sorte Emporkömmlinge, die äusserlich nicht als „Schuster“ gelten wollten, wenn sie ihn auch sonst nicht ganz ablegen konnten.

Nante lachte schon bei seinem Morgengruss: „Bleiben Sie nur ruhig sitzen, so was jibts hier nich bei der Arbeit,“ sagte er dann. „Kostet nur Zeit — so’ne überflüssige Höflichkeit. Wenn hier alle aufstehen wollten vor mir, — wär ’ne schöne Bammelparade.“

Die Zuvorkommenheit Tempels berührte ihn aber doch angenehm, und so blieb seine Gemütlichkeit auf der Höhe. Er prüfte die Arbeit, drehte sie nach allen Seiten und sah dann ein Weilchen zu, wie Tempel schaffte.

„Na, es geht ja, allabonnöhr,“ fing er an zu loben. „Knox hat mir schon gesagt, dass Sie sich gut anstellen. Fleiss ist die halbe Arbeit. Man sieht doch gleich was Intelligenz ist und was die Bildung macht. Ich sage immer: ein offener Kopp geht, in die Hände.“

Das war so eine seiner Sentenzen, die er in seinem Betriebe gern zum besten gab.

Und er sagte zu Tempel, dass er ihm, wenn er sich weiter so bewähre, vorläufig zwanzig Mark Wochenlohn geben wolle, und beauftragte Knox, das Lohnbuch danach anzulegen.

Dieser Mensch tat ihm nicht nur leid, sondern bewegte wieder seinen Gedanken über den „Edelarbeiter“. Und so musste er sich persönlich um ihn bekümmern.

Und als er den Dank Tempels dafür eingesteckt hatte, ging er wieder, diesmal aber durch den Lagerraum, von wo aus seine Stimme noch zurückschallte: „Peters lassen Sie sich die Haare schneiden. Sie werden noch schielen lernen.“

Er wusste zwar, dass es doch nichts helfen würde, aber es schadete nichts, wenn er es immer wieder sagte.

Die Fabrikpfeife pfiff die Mittagsstunde, und Tempel wusste kaum, wie schnell ihm die Zeit vergangen war. Er wusch sich die Hände, zog sich die blaue Bluse von seinem Oberhemd und würgte sich rasch den Kragen um, denn um halb zwei Uhr hatte er wieder anzutreten. Werkführer Knox, der immer den Bevorzugten sah, meinte zwar, er könne ja etwas später kommen, aber Tempel lehnte dankend ab mit dem Bemerken, dass er sich der Fabrikordnung fügen wolle.

Eine Art Fanatismus war über ihn gekommen, die Aufgabe nach dem Testament zu erfüllen, und sollte es ihm die halben Knochen kosten. Nicht nur seiner Mutter wegen, sondern auch um Lüssis willen, der er in seiner Pein liebevoll geschrieben hatte, er müsse auf acht Tage verreisen und werde dann am nächsten Sonntag wieder erscheinen. Mochte sie das als kleine Strafe für ihr Misstrauen betrachten, aus dem er sich übrigens nicht mehr so viel machte.

Donnerwetter ja, — es war doch keine Kleinigkeit, plötzlich so das Bewusstsein zu haben: du trägst die Anweisung auf eine halbe Million in der Tasche, du musst nur den Fälligkeitstermin abwarten. Liebte sie ihn wirklich, so brauchte sie nur ruhig mitzuwarten.

Auf das Geradewohl ging er in eine Schankwirtschaft in der Nähe, auf deren breiten Schaufenster die Worte „Billiger Mittagstisch“ prangten. Die Bezeichnung „Zum sauberen August“ hatte ihn besonders gelockt. Und in der Tat hielt der Dicke Vater Jäckel drinnen das, was er draussen angeschrieben hatte. Hinter dem grossen, ladenartigen Vorderraum, in dem es um diese Zeit nicht besonders lebhaft zuging, lag ein kleines Speisezimmer, zu dem eine Stufe hinaufführte. Vorn war so zu sagen mehr die Destille; hier durften sich bessere Gäste niederlassen.

Jäckel, der sofort einen „Besseren“ witterte, aber augenbl lich wie ein kleiner Elefant an seinem Bierapparat hantierte, gab sofort seiner drallen, rotwangigen Tochter den nötigen Wink. Und die dicke Trude watschelte denn auch auf den Gast zu, wobei ihre starken Hüften wie ein schwankendes Boot auf und nieder gingen.

„Kann man hier immer dinieren, schönes Fräulein?“ fragte Tempel so in der Galgenhumorstimmung, in die ihn dieser erste Vormittag versetzt hatte.

Trude musste diese Anrede aus solchem Munde lange nicht mehr gehört haben, denn sie strahlte ihr schönstes Vollmondlächeln aus, und was sie unter Erröten hervorlispelte, klang wie verschämt-verworrenes Zeug.

Viel angenehmer wurde dann Tempel von der Fülle dampfender Kartoffeln berührt, die ihm neben dem deutschen Beefsteak serviert wurde. Es war unverkennbar, dass sie es von Anfang an gut mit ihm meinen wollte.

„Mutter sagt eben, wenn der Herr hier immer essen täte, dann richte sie sich darauf ein,“ lispelte sie wieder, ersichtlich bemüht, als etwas Besseres zu erscheinen.

„Sehr liebenswürdig von Ihnen,“ sagte Tempel zum Danke.

Und „Mutter“ kugelrund wie Mann und Tochter, stand auch schon, die Hände über dem mächtigen Leib gefaltet, in der geöffneten Küchentür und nickte freundlich herein, ungefähr wie zu einem guten Bekannten.

„Dat is man heite wedder ’n bisken stille, weil’s Montag is,“ begann sie in der Mischmaschsprache der Zugezogenen, „da haben se noch alle am Sonntag zu knabbern, aber sonst hab’n wer janz schöne Mittagsjäste. Und was so de Techniker sind von de Fabriken, die sind ooch all’ mang. Nich wahr, Trudchen?“

Sie sah in dem neuen Gast etwas Ähnliches und wollte damit andeuten, dass er hier gut aufgehoben sei.

Und Tempel musste sich sagen, dass man sich hier für sechzig Pfennige nicht beklagen könne, was er sich damit zusammenreimte, dass eine Athletenfamilie jedenfalls am besten wissen müsse, wodurch man sich das Fett erhalte. Es war auch alles sehr mundgerecht aufgetragen, mit extra sauberer Serviette und auf einem reinen Tischtuch, das „Trudchen“, die diese zierliche Benennung nur in den Augen der Mutter verdiente, vorher ausgebreitet hatte. Und Tempel gelobte sich, auch hier auszuhalten, wo niemand ihn kenne und man an seiner zweiten Garnitur keinen Anstoss nehme.

Und während er hastig sein Essen verschlang und das dünne Bier dazu trank, und während der dicke August, genannt der Saubere, unten den Gästen aus dem Phonographen die Herbstparade auf dem Tempelhofer Feld samt Musik und Kommandotönen zum Besten gab, dachte er daran, was der Geheime, seine Gattin und die verwöhnte Lüssi dazu sagen würden, wenn sie ihn hier so im „Separee der Destille“ sitzen sehen würden, den Blick auf die Uhr gerichtet, damit er die aufgezwungene Tretmühle nicht versäume. Und die lieben Freunde erst! Die schönen Frauen seiner Bekanntschaft! Und der ganze elegante Vergnügungsrummel, in dem er sich bis jetzt bewegt hatte!

Aber Tempel dachte aufs neue: Lass’ sie denken, was sie wollen.

So verputzte er denn das Beefsteak mit Genuss, liess aus Anstand die Hälfte der Kartoffeln auf dem Teller und griff beim Bezahlen der lieben Trude in die runden Wangen, damit sie ihn bis morgen im Gedächtnis behalte: des reinen Tischtuchs und der sauberen Serviette wegen, und nicht minder mit Rücksicht auf die gute Verpflegung.

Als er am Sonnabend seinen Lohn in der Tasche hatte und um sechs Uhr auf die Strasse trat, kam er sich wie ein Held vor. Verschiedene Stufen der Empfindung hatte er durchgemacht: zuerst die Traurigkeit, dann die Neugierde, und zuletzt die Gleichgültigkeit.

„Stumpfsinn, Stumpfsinn, o du mein Vergnügen,

Stumpfsinn, Stumpfsinn, o du meine Lust,“

hatte er bei der geisttötenden Arbeit in Gedanken geträllert. Viel lieber hätte er von früh bis spät Knackmandeln und Rätsel gelöst, wozu er eine besondere Begabung besass.

„Na, wie geht’s dir denn, mein lieber Waldemar?“ fragte ihn seine Mutter, denn er wohnte in der ersten Woche noch zu Hause.

„Ausgezeichnet, liebe Mama,“ beruhigte er sie. „Solche Beschäftigung hat mir gerade gefehlt. Verflucht, kommt da das Blut in Bewegung.“

Zugleich aber reckte er sich und zog den Rücken einwärts, denn da oben am rechten Schulterblatt meldete sich das kleine Andenken vom Tage.

Und als dabei etwas knackte, bekam Frau Baumeister einen Todesschreck.

„Ich hab’s dir gleich gesagt, dass du’s nicht aushältst. Waldemar, du machst mir was vor! Du siehst ja auch ganz blass aus, — wirklich. Und heisse Hände hast du auch ... und um die Augen Ränder.“

Das sah sie natürlich nur mit den Augen der Angst und der Liebe, denn eigentlich mochte er schon einen besseren Eindruck. Sofort riet sie zu kalten Umschlägen, dem langjährigen Hausmittel der Tempels, und er musste erst den Fidelen spielen und sie ein paarmal im Zimmer herumschwenken, um ihr das Gegenteil zu beweisen.

Aber recht hatte sie doch gehabt: Arbeit war keine Schande, aber jeder hübsch an seinem Platze. Ein General konnte nicht Müllkutscher sein, und ein Müllkutscher konnte kein Armeekorps kommandieren. Jetzt sah er erst ein, wie leicht sich Onkel Karl sein Dasein gemacht hatte, als er mit der Serviette unterm Arm die Trinkgelder einnahm und dabei wie ein Pagode gedankenlos nickte. Und darüber hatten sich die lieben Nächsten beschwert!

„Na, da gehst du wohl heute noch ein bischen kneipen, nicht wahr?“ fragte dann Frau Tempel nach dem Abendbrot, als sie sich bei dem gesunden Appetit ihres Sohnes überzeugte, dass ihm wirklich nichts fehle. Denn sonst hätte der Magen wohl zuerst gesprochen.

Waldemar aber schüttelte mit dem Kopf. Er war hundemüde; und ausserdem hatte er sich mit seinen zwanzig Mark in der nächsten Woche einzurichten. Auch war die Halbmonatsmiete für das kleine Zimmer im vierten Stock in der Manteuffelstrasse zu bezahlen, das er sich am Tage vorher gemietet hatte, denn am Montag war gerade der Fünfzehnte.

Frau Tempel lachte. „Du tust ja gerade so, als wenn du wirklich von den paar Kröten leben müsstest. So schlimm steht’s nun doch noch nicht mit uns, ich war sparsamer als du. Und pass’ auf: mit dem Pensionat wird’s doch was.“

Dann aber wunderte sie sich doch, wie zähe er blieb. Ihr grösster Kummer aber war, dass er nun auch nachts fortbleiben und dass sie ihn dann nur des Sonntags zu sehen bekommen sollte. Denn sie war an das Zusammensein mit ihm so gewöhnt, dass sie schon mit Schrecken an die Trennung durch seine Verheiratung gedacht hatte, obwohl ihr immer der Trost von ihm geworden war, er werde sie dann ganz zu sich nehmen.

„Neugierig bin ich doch, wie lange dir dieses Leben behagen wird,“ fuhr sie dann fort. „Du müsstest dir ja geradezu eine neue Haut anschaffen. Du, mit deinen Bedürfnissen nach geistvoller Unterhaltung und Umgang ... Wenn ich jetzt schon deine Hände sehe, ganz rauh sind sie. Pass’ auf, du wirst richtige Pfoten kriegen. Ich werde dir Glyzerin mitgeben, damit du dir die Hände abends vor dem Schlafengehen ordentlich einreiben kannst. Tu’ das, hörst du? Das hilft.“

Am anderen Morgen, es war noch stockfinster, wachte er wieder um ein halb sechs auf, denn das Mädchen hatte wie gewöhnlich den Wecker auf diese Zeit gestellt, ohne in ihrer Zerstreuung an den Sonntag zu denken. Und so rasselte das Ding mit Höllenlärm los, bis Waldemar, emporgeschreckt aus einem süssen Traum (er hatte sich gerade mit Lüssi geküsst), erst allmählich zur Besinnung kam, denn eine Weile glaubte er, sich in der Fabrik zu befinden, wo er im Dunkeln eine Maschine gehen hörte.

Dann wetterte er über das „verdammte Mädel“ los, wartete das Ende der schönen Musik ab und legte sich wieder auf die andere Seite. Bis zehn Uhr streckte er seine Glieder, dann aber entsann er sich, dass er zu Testamentsvollstrecker Dietzel musste, um ihm das Lohnbuch vorzuzeigen.

Der Justizrat, wie immer liebenswürdig und zuvorkommend, sprach ihm seine Anerkennung über den „ersten Versuch“ aus und schien im übrigen schon Bescheid zu wissen. In der Tat hatte er sich auch schon in der vergangenen Woche telephonisch bei Geiger nach seinem „Schützling“ erkundigt und eine befriedigende Antwort erhalten.

Als Junggeselle, der mit einer alten, unverheiratet gebliebenen Schwester zusammenlebte, war er etwas Sonderling, was sich auch in seinem vernachlässigten Äusseren ausprägte. Er hatte sein Bureau neben der Wohnung in einem der alten Häuser der Schellingstrasse, der Geheimratsstrasse des alten Berlin, und führte kein Schild an seinem Hause. Er konnte sich das leisten, denn er stammte von vermögenden Eltern und gehörte zu den Anwälten der alten Schule, die nicht für jede Vertretung zu haben waren und nicht von allen Leuten überlaufen sein wollten.

„Entschuldigen Sie nur, dass ich Sie beim Frühstück empfange,“ krächzte er die Worte etwas undeutlich hervor, „aber seitdem Ihr guter Onkel tot ist, ist mir auch der halbe Sonntag verdorben, — wenigstens da draussen. Wir nennen nun einmal alle die Gewohnheit unsere Amme.“

Diese Klage hing damit zusammen, dass er als Naturfreund seit zwanzig Jahren die Gewohnheit hatte, den Sonntagvormittag zu einer Grunewaldwanderung zu benutzen, die ihn dann gewöhnlich nach Schmargendorf führte, wo er früher beim alten Tempel regelmässig eingekehrt war. Daraus waren dann die engeren Beziehungen entstanden, die der Tod durchschnitten hatte.

„Ich muss das erst überwinden, denn er fehlt mir,“ fuhr Dietzel fort. „Ich werde jetzt eben nach einer anderen Richtung hinsteuern müssen. Na, das nebenbei.“

Und während er von dem Sherry trank und das letzte harte Ei aufknackte, begann er des Besuchers Energie zu loben „Sie imponieren mir, ich finde kein anderes Wort. Nur aushalten, aushalten. Es wäre mir eine Herzensfreude, wenn ich den letzten Willen Ihres Onkels ganz in seinem Geiste vollstrecken könnte. Ja. Aber aushalten, wenn ich bitten darf. Denn man bohrt schon, das wissen Sie wohl. Viele Hunde sind eines Hasen Tod, na, und man betrachtet Sie eben als den Hasen. Der gute Herr Musdal, der neulich bei mir war, hat schon auf Ihr Fell gewettet. Aber ich denke, Sie werden es sich nicht abziehen lassen, wenigstens vor einem Jahre nicht. Dann können Sie ja damit machen, was Sie wollen. Also wie gesagt: nicht rückfällig werden in Ihren Neigungen. Haben Sie mal des Sonntags vormittags nichts Besseres zu tun, dann holen Sie mich ab. Vielleicht finde ich dann meinen Weg doch wieder nach Schmargendorf. Zu zweien geht sich’s angenehmer.“

Damit erhob er sich, klappte sich den Schlafrock übereinander, der ihm unzertrennlich von seiner Morgenbequemlichkeit war und begleitete Tempel bis zur Tür, immer Gentleman, auch in der Unterhose.

Erst zu Nachmittag hatte sich Tempel bei Reimers angemeldet, weil seine Mutter ihn zu Tisch haben wollte in der Meinung, er habe sich in der ganzen Woche da draussen nicht satt gegessen und müsse bei einem saftigen Braten alles dreifach nachholen.

Lüssi empfing ihn mit Vorwürfen, ihr keine Ansichtskarte von seiner Reise geschickt zu haben, wobei sie das Wort „Reise“ so spöttisch betonte, dass er sofort Bescheid wusste. Aber er entschuldigte sich damit, dass sie ja wisse, wie schreibfaul er sei, und dass seine Gedanken um so mehr bei ihr gewesen seien. Darin log er wenigstens nicht.

Sofort platzte sie los: „Schwindel, Schwindel. Du warst ja gar nicht verreist. Du bist ja gesehen worden.“

„So,“ erwiderte er gefasst, „dann habe ich sicher einen Doppelgänger.“ Aber es wurde ihm doch etwas unheimlich zu Mute, denn wie sollte er sich ausreden, wenn es sich bestätigte! Er wäre vielleicht jetzt endlich mit der Wahrheit herausgekommen, wenn er nicht im selben Augenblick die Tasten des Flügels im Salon anschlagen gehört hätte. Und gleich darauf hatte er das zweifelhafte Vergnügen, von dem unvermeidlichen Assessor Lönge begrüsst zu werden. Nun nicht, dachte er in dem ihm eigenen Trotz, und nahm sich vor, alles getrost an sich herantreten zu lassen. Er war nun einmal der reiche Mann auf Sicht und wünschte, als solcher auch respektiert zu werden.

Dieser Meinung aber schien Frau Reimer nicht zu sein, die sogleich die Gelegenheit wahrnahm, ihn im Salon festzuhalten, nachdem Cousin und Cousine so von ungefähr hinausgeschlüpft waren.

„Was geht denn nur eigentlich vor, bester Herr Tempel,“ begann sie in ihrer liebenswürdigen Weise. „Sie schieben eine Reise vor und bleiben einfach in Berlin. Mein Mann ist ausser sich.“

Der Geheimrat war in solchen Dingen immer „ausser sich“, ohne es jedoch selbst an die richtige Adresse zu bringen.

„Ich gebe diese kleine Notlüge zu, aber es geschah nur im Interesse Lüssis,“ erwiderte Tempel ruhig.

„Etwas Ähnliches haben Sie schon neulich angedeutet,“ fuhr sie fort. „Wenn das alles wahr ist, dann kann ich doch auch wissen, was dahinter steckt. Sprechen Sie doch, bitte, ganz offen zu mir.“

„Ich kann nur dasselbe sagen, Frau Reimer, was Lüssi bereits weiss, dass ich leider erst in einem Jahre imstande sein werde, sie zu heiraten.“

„Also ist’s doch wahr!“ Frau Reimer wurde ganz gegen ihre Gewohnheit beweglich und rauschte durchs Zimmer, so dass das Parkett knarrte.

„Leider erfordern es die Umstände, die ganz wider Erwarten eingetreten sind. Ich habe dafür vielmals um Verzeihung zu bitten.“

Frau Geheimrat vermochte sich schwer zu beruhigen. „Aber das ist ja geradezu schrecklich ... darauf waren wir ja gar nicht vorbereitet. Ein Jahr noch, ich bitte Sie! Dann kann doch von einer öffentlichen Verlobung noch gar nicht die Rede sein. Wer wartet denn so lange mit der Hochzeit. In unseren Kreisen kommt das gar nicht vor.“

„Das würde ich ganz Lüssi überlassen .... natürlich auch ganz Ihrem gütigen Ermessen — und dem Ihres Herrn Gemahls.“

„Eine so lange verlobte Braut, ich bitte Sie!“ unterbrach ihn Frau Reimer und rang unwillkürlich die Hände. „Was wird man davon denken .... Wollen Sie mir nicht sagen lieber Herr Tempel, worin die Hindernisse eigentlich bestehen?“

„Natürlich nur in den, augenblicklichen Verhältnissen,“ erwiderte Tempel kühn. „Ich muss mir Haus und Villa erst verdienen.“

Frau Reimer starrte ihn wie einen Verrückten an; alsdann aber lachte sie, so wie man lacht, wenn die eigene Rede stockt.

„Oder vielmehr, ich muss mich dieses Besitzes erst würdig zeigen,“ fuhr Tempel indessen unbeirrt fort, „denn vorhanden ist beides schon. Ich erlaubte mir, neulich schon davon zu sprechen.“

„Ja, aber doch in ganz anderer Weise,“ warf Frau Reimer ein. „Nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Tempel, aber ich werde daraus nicht klug ... Was treiben Sie denn jetzt eigentlich?“

„Ich arbeite von früh bis spät, um weiterzukommen. Daher auch meine Unsichtbarkeit in voriger Woche.“

„Sehr ehrenwert, aber deshalb hätten Sie uns doch nicht so zu vernachlässigen brauchen, mein Bester .... Sie haben wohl schon neue Baupläne?“

„Das auch.“

Er log nicht, denn in der Tat trug er sich schon jetzt mit allerlei Plänen, was er machen würde, wenn er erst im Besitze des grossen Vermögens sein würde.

„Das auch? Es klingt wirklich seltsam, was Sie da alles sagen .... Darf man Sie einmal in Ihrem Atelier besuchen? Sie sagten doch schon vor Wochen, dass Sie es verlegen wollten.“

Aber dann nur Sonntags, Frau Geheimrat, wenn ich bitten darf, in der Woche ist es unsicher. Man ist zu viel unterwegs ....“

Er schöpfte Atem, als Frau Reimer darin nichts Besonderes erblickte und es auch ganz richtig fand, als er bat, man möge es nicht übel deuten, wenn er von jetzt ab in der Woche nicht so regelmässig erscheine wie sonst. Kommt Zeit, kommt Rat, dachte er, während Frau Reimer durch diesen Hinweis auf seinen Fleiss wieder einigermassen mit der erlebten Enttäuschung versöhnt wurde.

„Ich denke, wir lassen das alles bis nachher, wenn wir allein sind,“ sagte sie wieder, „denn mein Neffe muss bald fort. Was mich betrifft, lieber Herr Waldemar, so wissen Sie ja, wie gern ich Sie habe. Aber Lüssi ist nun einmal ein bischen komisch.“

„Das merke ich, besonders seitdem Ihr lieber Cousin hier aus- und eingeht,“ warf Tempel erbost ein, denn von irgendwoher hörte er wieder ihr helles Lachen erschallen, das ihm zu denken gab.

„Ach, der zählt ja gar nicht, wenigstens nicht so, wie Sie es denken,“ beruhigte sie ihn als kluge Frau, die immer mit zwei Möglichkeiten rechnete. „Das sind so Kindereien zwischen Cousin und Cousine, die sich von klein auf kennen.“

„Hoffentlich,“ bemerkte Tempel trocken.

Es kam aber auch nachher, als die vier beisammen sassen, nichts besonderes heraus, was zur Klärung der Angelegenheit hätte dienen können. Lüssi hatte ihrer Mama einen Wink gegeben, damit lieber bis zum Abend zu warten, an dem der Papa nicht zu Hause sein würde. Heute war der Geheimrat nicht gut aufgelegt, weil er in der Nacht schlecht geschlafen und nachmittags nicht geruht hatte. Mancherlei Sorgen drückten ihn, und so liess er, scheu wie er immer war, wenn die Behandlung delikater Dinge in Aussicht stand, nach dem Abendbrot noch ein paarmal die Beine knacken und verzog sich dann in sein Arbeitszimmer, um an seinem dicken, statistischen Werk weiter zu arbeiten, das er schon seit einem Jahre unter der Feder hatte.

V.

Es blieb Tempel nichts anderes übrig, als seinen Freund Hubert Soltau, einen jungen, begabten Architekten, mit einer Ausrede ins Vertrauen zu ziehen und ihn zu bitten, ihm des Sonntags sein Atelier zur Verfügung zu stellen, damit er bei den künftigen Schwiegereltern nicht in die Klemme gerate. Gern hätte er ihm das ganze Geheimnis offenbart, aber er befürchtete, der ewige unternehmungslustige Hubert, dessen Einkommen zu seinen Plänen in keinem Verhältnis stand, könnte vor Freude sofort über seinen Zeichentisch springen (denn er turnte brillant), und dann sofort die Bedingung daran knüpfen, einen Eventualvertrag über die zukünftige Architekrenfirma Tempel und Soltau zu schliessen, was er ihm schon früher, als Grossvaters Moos noch vorhanden war, vergeblich vorgeschlagen hatte. So aber musste es dem Verkannten, der sein bischen Geld damit verpulverte, sich an allen möglichen, ausgeschriebenen Konkurrenzen zu beteiligen, genügen, dass man sich über eine kleine Notlüge hinweghelfen wolle, um das gute Ansehen nicht einzubüssen.

Wirklich tauchten auch schon am nächsten Sonntag Frau Reimer und Lüssi in dem hübschen, grossen Atelier auf, das in einem schmucken Gartenhause am Kurfürstendamm lag. Waldemar, der darauf vorbereitet war, hatte bereits seine Visitenkarte an Stelle derjenigen Huberts über dem Briefkasten an der Tür angebracht, und so konnte die kleine Komödie vor sich gehen.

„Herr Soltau, mein Gehilfe,“ stellte er dann auch so ernst vor, dass jeder Zweifel daran ausgeschlossen sein musste. Eigentlich schämte er sich dabei, aber es blieb ihm nichts anderes übrig.

Es machte sich auch alles ganz gut. Frau Geheimrat liess sich einen Plan nach dem anderen aufrollen, sagte immer: „Sehr schön,“ und Lüssi rief dabei erstaunt aus: „Das wollen Sie alles noch bauen?“

Niemals hätte sie ihren Heimlichen für so fleissig gehalten, und sie konnte sich nun erklären, weshalb er sich während der Zeit seiner angeblichen Reise hier eingekapselt hatte. Fast betrachtete sie ihn jetzt mit anderen Augen, fast kam er ihr gross und erhaben vor, besonders, wenn sie erwog, dass sein erster Gehilfe ein Samtjakett trug, somit schon selbst den Eindruck eines Künstlers machte.

Frau Geheimrat aber dachte: Wenn er so fortfährt, dann glaube ich schon an das Haus und die Villa. Und es erschien ihr nun als eine ausgemachte Sache, dass all diese Pläne hier damit zusammenhingen.

Als die Damen dann hinaus waren, legte sich Hubert Soltau lang über den Zeichentisch und trommelte vor Vergnügen mit den Fäusten einen Wirbel, wobei er wie unsinnig seinen Lockenkopf schüttelte. „Es ist zum Kopfstehen,“ sagte er dann, „du bist der grösste Gauner, den ich kenne ... Die hat wohl viel Moos, wie?“

Er fand keine andere Lösung für diese Posse, in der er den Handlanger spielen musste.

„Mächtig, sonst hätte ich doch nicht zu diesem Trick gegriffen,“ log Tempel darauf los. „Ich dreh’ dir das Genick um, wenn du daran zweifelst. Der Lohn, mein Junge, soll dir auch nicht ausbleiben. Unser Schloss soll von dir gebaut werden.“

Hubert Soltau strich sich sein Spitzbärtchen und sagte wieder vergnügt: „Du, was unsereins alles tun muss, um zu dem elenden Mammon zu kommen, wie? Mensch, du verstehst den Rummel .... hast ihn immer verstanden. Und verflucht hübsch ist sie. Und Schick in der Kleidung hat sie — zum Benebeln.“

Als dann aber Tempel mit einer gewissen Sündermiene ebenfalls ging, wusste er, dass er diese Art Doppelleben wohl nun werde weiterführen müssen, um an sein Ziel zu kommen.

Sechs Wochen war Tempel bereits in der Fabrik tätig, hatte er es verstanden, der Familie Reimer seine eigenartige Existenz zu verheimlichen, als ein unangenehmer Zwischenfall eintrat. Frau Geheimrat war eines Vormittags ganz unerwartet in „seinem“ Atelier erschienen, um ihn zu einem Konzertbesuch am Abend zu ermuntern. Unglücklicherweise war Hubert Soltau nicht anwesend, der für solche Fälle die Ausrede gebrauchen sollte, dass sein „Chef“ irgendwo eine Besprechung habe. Ein junger Mensch sass da und pauste Zeichnungen durch. Aus seinen Antworten erfuhr Frau Reimer, dass ihm ein Herr Waldemar Tempel gar nicht bekannt sei. Ausser sich über diese Täuschung eilte sie nach Hause, um ihren Zorn zu entladen, und flugs machte sich auch schon Lüssi auf den Weg zu Frau Baumeister, um Aufklärung zu erlangen.

Hilda, das Mädchen für alles, hörte durch die geöffnete Tür die Geschichte mit an und lachte ganz dämlich, wodurch Lüssi noch stutziger wurde. Frau Tempel jedoch ärgerte sich im Augenblick, dass sie sich nicht schon längst einen anderen Dienstboten genommen hatte, der diese Verhältnisse nicht so genau kannte. In den ersten Minuten war sie so ratlos, dass sie der Aufgeregten kaum zu antworten vermochte. Dann hielt sie es für das beste, so zu tun, als müsste ein Irrtum vorliegen. Das sei jedenfalls ein von Herrn Soltau angenommener Techniker, der nicht genügend Bescheid wisse. Waldemar werde wohl am Abend die nötige Aufklärung geben. Etwas beruhigt ging Lüssi. Frau Tempel aber setzte sich sofort hin und feuerte einen Rohrpostbrief an ihren Sohn ab, den er nach Feierabend in seiner kleinen Bude vorfinden musste.

Und so hatte sich denn Waldemar eilig umgekleidet und war spornstreichs nach der Geisbergstrasse gefahren.

„Soltau ist ein Idiot, bei aller seiner Genialität,“ sagte er aufgebracht.

„Vielleicht wollte er dich los sein.“

„Ausgeschlossen. Es ist ein blöder Zufall, weiter nichts.“

„Die Lüge hat immer kurze Beine .... Was wirst du nun tun?“

„Mir sofort ein anderes Atelier mieten und mit der Ausrede kommen, dass ich inzwischen umgezogen sei. Das alte hätte ich dem Soltau überlassen, der plötzlich auf eigene Faust arbeite.“

„Woher willst du denn das Geld dazu nehmen?“ warf Frau Tempel erregt ein. „Und nur, damit die Bude leer steht? Nimm mir’s nicht übel, aber das ist einfach zum verrückt werden — mit diesen Verwickelungen. Genier’ dich doch nicht, und sage die Wahrheit, mag es kommen, wie es will.“

Waldemar lachte grimmig. Ja, es war zum verrückt werden, aber in einem anderen Sinne: Er war ein reicher Erbe und ging mit leeren Taschen herum. Und das schlimmste war, er bekam auf diese Erbschaft nicht einmal etwas geliehen, weil er selbst noch nicht wissen konnte, ob alles glatt bis zu Ende ging. Wiederholt schon und sehr ernstlich hatte er über eine Anleihe à Konto der Zukunft nachgedacht, auch eines Sonntags mit einem Geldvermittler auf Grund der Testamentsabschrift diskrete Rücksprache genommen, ohne jedoch vorläufig mehr als die Zusicherung zu erhalten, man werde sich die Sache reiflich überlegen.

„Dann schlage ich eben meinen Zeichentisch bei dir auf, Mama“, sagte er schliesslich.

„So schlau hättest du von Anfang an sein sollen,“ erwiderte Frau Tempel. „Du kannst dir das Balkonzimmer dazu einrichten ... Die Sachen dazu sind ja noch von Papa vorhanden.“

Natürlich hatte er das schon vorher im Auge gehabt, aber er wollte sich eben unsichtbar machen, um lästigen Besuchen zu entgehen. Es hätte doch sein können, dass Lüssi nun öfters hier herauf gekommen wäre. Immer mehr sah er ein, dass er sich in eine Sackgasse hineingeritten hatte, aus der es nur eine gewaltsame Umkehr gab.

Heute konnte er nicht mehr zu Reimers gehen, denn die Damen waren sicher in die Philharmonie gegangen, weil sie, nach Angabe Lüssis, die Billets dazu schon hatten. Aber er wollte sofort schreiben und seinen Besuch zu morgen abend ankündigen. Er hatte auch noch verschiedene andere Zuschriften zu erledigen, denn alle Postsachen liefen nach wie vor hier ein. Da gab es Einladungen zum Abendessen, Erinnerungen an einstige zarte Beziehungen und Anfragen von guten Freunden, weshalb er sich gar nicht mehr sehen lasse, ob er schon tot oder schon verheiratet sei, was man gleichbedeutend finde, — wie die Skatbrüder schrieben.

Es galt also wieder, ein paar Ausreden zu finden, denn unmöglich konnte er allen aus der Manteuffelstrasse, „vier Treppen bei Frau Polizeiwachtmeister Schlunk“ schreiben; noch weniger konnte er ihnen mitteilen, dass er augenblicklich sein Dasein damit ausfülle, Blech zu stanzen, Messing zu brennen und es in Sägespänen zu wälzen, was man ihm in der letzten Woche beigebracht hatte. Man hätte ihn entweder als ein Opfer beginnender Gehirnerweichung betrachtet, oder man hätte Kobolz geschossen vor Lachen. So malte er es sich wenigstens aus.

Den Brief an Lüssi liess er bis zuletzt. Bevor er ihn aber begann, besann er sich eines anderen. Es dünkte ihm doch besser, sie heute selbst noch zu sprechen? Die Uhr war erst neun. Wenn er sich bald aufmachte, so konnte er Mutter und Tochter noch rechtzeitig am Ausgang der Philharmonie abfangen.

Mama Tempel hiess es gut und riet ihm, den schwarzen Gehrockanzug und die Lackstiefeln anzuziehen, auch den Zylinderhut aufzusetzen, denn man müsse doch wie immer den alten Eindruck von ihm empfangen. Und sie schleppte sofort alles herbei, auch den guten Winterpaletot mit Persianerbesatz, der ebenfalls stets hierblieb.

Schon nach zehn Minuten stand Waldemar tipptopp da, mit kühn aufgezwirbeltem Schnurrbart und mit verscheuchter Müdigkeit nach dem rasch genommenem Kopfbad.

Donnerwetter, was der Salonwichs gleich machte! Und dazu die Aussicht auf das Erwecken des „anderen“ in ihm, der in der öden Tretmühle wochenlang hatte schlummern müssen! Nur das Putzen der Nägel verursachte ihm wieder Schwierigkeit, wie immer des Abends, wenn er sich in seinem engen Schlafkäfig befand. Und so begab er sich nochmals an die Waschtoilette, um die Fingerspitzen vorzunehmen, an denen die Härte der Arbeit ganz besonders haften geblieben war.

Dann küsste er seine Mutter und zog los.

Zum Abschied drückte sie ihm noch ein Zehnmarkstück in die Hand, denn man könne doch nicht wissen, was für Ausgaben er habe. Waldemar steckte es gelassen ein und gab ihr dafür noch einen Kuss extra. Wusste der Teufel, woher sie noch immer die kleinen Goldstücke hatte, die unverhofft antanzten! Vielleicht schacherte sie im geheimen noch mit Häusern, wie es der selige Alke getan hatte. Eigentlich war ja diese Zusteckerei gegen die Führung seines zweiten Lebens da draussen, aber unter Polizeiaufsicht stand er ja Gott sei Dank nicht, und im Testament war über die Annahme von Geschenken nichts vermerkt.

„Warte nur, Mamachen, die Lehrzeit geht auch vorüber, und dann kriegst du alles mit hundert Prozent zurück.“

„Verlange ich gar nicht, mein Junge. Wenn ich dich nur über den Berg bringen kann. Bekneip’ dich nur nicht, das ist die Hauptsache.“

Und sie gab ihm weiter die gute Lehre, ja nur früh nach Hause zu gehen, damit er ausschlafen könne. Wenn nicht anders, möge er die Nacht hier bleiben, denn dann könne sie doch selbst dafür sorgen, dass er rechtzeitig herauskomme.

Nachdem die ersten harten Wochen gut vorüber gegangen waren, glaubte sie nun selbst daran, dass er alles bezwingen werde. Die Aussicht auf Hunderttausende hatte doch etwas gar zu Verlockendes.

Nichtig traf er auch noch Mutter und Tochter am Ausgang, inmitten des sich herauswälzenden Menschenknäuels, denn an diesem „Wagnerabend“ war der riesige Saal bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen. Hinter den Damen entdeckte er auch dann den Geheimrat, der sich diesmal selbst ein Opfer gebracht hatte, weil er höchst selten in Konzert und Oper ging. „Für drei Personen“ — das war die stete Rechnung, die er bei Extraausgaben seiner Familie jedesmal auftischte. Sein Anblick verwirrte Tempel etwas, denn die stete Passivität des Nervösen erschien ihm immer wie lauernde Feindschaft, die eines Tages um so heftiger hervorspringen müsse. Es war das verdächtige Blinzeln des Haustigers, dem die Frau Tigerin nur das Knurren erlaubt hatte. Die Begrüssung ging aber glatt von statten, denn Frau Reimer, erfreut durch das unerwartete Auftauchen des Eleganten, schlug sofort den alten, lieben Ton an.

Ich sagte dir doch gleich, Lüssi, dass Herr Tempel hier sein werde.“

„Nanu, hat sie daran gezweifelt?“ warf Waldemar überlegen ein. Zugleich aber sah er sich nach dem unvermeidlichen Vetter um, den er im Verdacht hatte, er könnte ihn heute ganz besonders ersetzt haben. Aber Assessor Lönge war nirgends zu sehen.

„Na, hören Sie mal, wenn man so etwas erlebt,“ erwiderte Lüssi herausfordernd, machte sich aber doch vergnügt an seine Seite, denn sie freute sich doch, dass er gekommen war. Schon vorher hatten die drei ausgemacht, in ein bekanntes Weinrestaurant in der Leipziger Strasse zu gehen. Und so konnte es nun um so lustiger werden.

Tempel tat so, als hätte er durchaus nichts verbrochen; vielmehr wandte er sich sofort an die Mama und bat für ihren vergeblichen Gang am Vormittag um Entschuldigung. Und er kam auf dasselbe, was seine Mutter bereits als Vermutung zu Lüssi ausgesprochen hatte: dass der junge Mensch, der heute zum ersten Male angetreten sei, wohl gar nicht gewusst habe, um was es sich handele. Es sei Herrn Soltaus Sache, solche Leute anzustellen. (Über diesen Punkt log er nicht.) Dem jungen Menschen sei der Kopf schon gehörig gewaschen worden. Er wagte diesen Trick auf gut Glück und hatte auch die Genugtuung, dass man alles erklärlich fand.

„Etwas beschränkt kam mir der Mensch allerdings vor,“ sagte Frau Reimer, der bei dieser Gelegenheit ein Stein vom Herzen fiel, denn allmählich hatte sie sich mit dem Gedanken an die Villa und das grosse Mietshaus vertraut gemacht. Es gab eben Dinge, die man sich so lange suggerierte, bis man selbst daran glaubte.

„Ich dachte es mir doch gleich,“ schloss sie gut aufgeräumt.

Wenn etwas zu ihren Gunsten in Erfüllung gegangen war, dann hatte sie immer diese Worte dafür, obwohl sie zuerst selbst nicht daran geglaubt hatte.

Nur der Geheimrat, der schweigsam wie immer war, räusperte sich auffallend, womit er immer das Gegenteil andeuten wollte. Er glaubte nun einmal an diesen künftigen Schwiegersohn nicht und wollte die Zeit abwarten, wo er mit seiner Kanonade hervortreten könne. Und zwar noch vor Weihnachten, bevor die „Bescherung“ dicker käme.

Da aber Tempel einer neuen Verlegenheit gleich vorbeugen wollte, so liess er so nebenbei ein paar Worte darüber fallen, dass er sich mit dem Gedanken trage, sein Atelier zu verlegen, denn er habe die Entdeckung gemacht, dass es da in dem Gartenhause feucht sei. Weiter sagte er nichts, denn die Frage nach dem Wohin konnte ja noch offen bleiben.

Die beiden Alten gingen voran, und er und Lüssi folgten.

„Du hör mal, ich kann dir nur sagen, dass Papas Misstrauen gar nicht mehr gut zu machen ist,“ sagte sie nun wieder vertraulich, erfüllt von neuem Zweifel. „Du musst dich entschieden mit ihm aussprechen, sonst wird’s nichts mit der öffentlichen Verlobung.“

Davor hatte Waldemar bisher am meisten gezittert, denn dieses hübsche Mädchen zu verlieren, dünkte ihm viel härter, als die ihm vom seligen Onkel aufgebrummte Strafe. Leicht ging er aber darüber hinweg, denn, kam es ganz schlimm, blieb immer noch sein Blendwerk, mit dem er verblüffen konnte.

„Vor allem will er nur ein halbes Jahr zugeben,“ fuhr sie fort.

„Gut, gut,“ sagte Tempel zur Beruhigung, während sein Gedanke war: dann heirate ich eben als Arbeiter. Ich will doch sehen, ob ihre Liebe so weit geht, dass sie mir das Essen zuträgt.

Vor ihnen krähte der Geheimrat halblaut zu seiner Frau: „Wenn man nur erst sähe, dass er etwas baute.“

„Das muss sich ja im Frühjahr ausweisen, lieber Eduard, jetzt herrscht doch Frost.“

Das merkte der Geheimrat an der eisigen Luft, und so verstummte er, seines Halskatarrhs wegen, den er niemals los wurde.

Sie hatten kaum einen Ecktisch in dem bereits dicht gefüllten Lokal mit Beschlag belegt, als Frau Reimer zu Lüssi sagte: „Pass nur auf, wenn Alfred kommt.“

Also doch! Tempel zog die Brauen zusammen und nahm Lüssi den Abendmantel so unsanft ab, dass sie es merkte. Sie lachte ihn an: „Wieder eifersüchtig? Das macht Mama alles so. Sonst simpelt er immer herum.“

Er verstellte sich: „Ach, ich dachte an ganz etwas anderes. So’n kleiner Assessor imponiert mir nicht.“

Das ärgerte sie. „Hast du schon einen Titel?“

„Willst du mich ankratzen? Dann gehe ich.“

Im Augenblick überkam ihn wieder die Empfindung, die er in den letzten Wochen wiederholt gehabt hatte: dass alle Reimers ihn schikanieren wollten, ganz besonders Lüssi. Nicht bloss dieser aufdringliche Vetter lag ihm im Kopf, sondern das andauernde Misstrauen, das man ihm entgegenbrachte. Er litt darunter, und die ewige Koketterie Lüssis peinigte ihn noch mehr und verursachte ihm fast Schmerz.

Und kaum hatten sie das Essen vor sich, als ihm die Röte noch mehr ins Gesicht schoss. Assessor Lönge tauchte auf und liess seine lichtgrauen Augen, die unter der Blendung der elektrischen Lampen fast ausdruckslos erschienen, suchend umhergehen, als er sich an dem Gewirr von Tischen vorbeidrängte. Der Geheimrat erhob sich sofort, so lang er war, und knallte mit Daumen und Zeigefinger, um sich bemerkbar zu machen. Zwei Glas Mosel genügten, um ihm seine bureaukratische Verschlossenheit zu nehmen, denn wie bei allen nervösen Menschen wirkte der Alkohol doppelt auf ihn ein.

Assessor Lönge, im Theaterdress, in Smoking und weisser Weste, zeigte zuvörderst sein Gewohnheitslächeln, machte dabei seine artige Verbeugung nach allen Seiten und strich sich, noch im Stehen, mit zwei silbernen Bürstchen rasch das Haar nach beiden Seiten glatt, bevor die intimere Begrüssung kam.

„Deubel, haben Sie harte Hände bekommen,“ sagte er freundschaftlich zu Tempel, als er sich dann gesetzt hatte. „Woran liegt das?“

Tempel verlor seine Sicherheit, denn plötzlich traute er diesem verkappten Nebenbuhler nicht, der alles immer so verbindlich sagte, aber mit dem Schelm im Nacken. Wer konnte wissen, ob der nicht spionierte und ihm auf der Spur war, um dabei Vorteil für sich herauszuschlagen. „Das liegt so an der Witterung,“ redete er sich aus, zog aber unwillkürlich die Hände vom Tisch.

„Das habe ich auch schon bemerkt,“ warf Lüssi ein. „Sie hatten doch sonst so weiche Hände.“ (Wenn sie nicht allein waren, sagten sie immer noch Sie zu einander.)

„Sie schuften wohl auf den Millionöser zu,“ sagte Assessor Länge wieder, ohne zu ahnen, dass er damit das Richtige getroffen habe.

Frau Reimer schmunzelte, denn dieses Wort war nach ihrem Geschmack. Tempels Misstrauen gegen den Hellblonden jedoch wuchs. Da ihm die Sache aber so mundgrecht gemacht wurde, so nickte er grossartig und erwiderte launig: „Richtig erraten. Ich sage Ihnen, es ist nicht leicht, die Kuponschere so den ganzen Tag über zu gebrauchen. Da gibts harte Stellen an den Fingern. Ich erlaube mir übrigens —. Und er kam ihm mit einem Schluck auf sein Spezielles.

Der Geheimrat lachte kurz auf, so in einer gewissen spöttischen Art, gegen die man nichts einzuwenden vermag. Sonst verzog er nur ironisch die Lippen, in angeregtem Zustande aber lachte er immer kurz, wenn er offene Anzapfungen verbergen wollte. Er bellte dann gleichsam wie ein ungefährlicher Schosshund. Und seine Aufmerksamkeit richtete sich auf den Assessor, als wollte er ihn gewissermassen bevorzugen, in der stillen Hoffnung, dass er doch nun wohl Lüssis Richtiger sein würde.

Plötzlich rief Lüssi aus: „Ist das nicht Helmine Geiger? Aber gewiss doch. Da sind auch die Eltern.“ Die kannte sie nur oberflächlich, mit Helmine jedoch war sie zwei Jahre lang in einem Pensionat auf Westend zusammen gewesen.

Als Tempel sich erschreckt umwandte, sah er wirklich Herrn Nante, im Gehpelz, den spiegelblanken Zylinderhut über dem roten, strahlenden Gesicht, wie er sich spähend vorwärts schob, um zu einem unbesetzten Tisch zu kommen. Hinter der schlanken Helmine, die in ihrem feschen Modehut und in dem pelzbesetzten Sakko schick und lieblich aussah, schritt die Stiefmutter, eine grosse und starke, geschmackvoll gekleidete Dame mit noch leidlich schönen Zügen, der man es ansah, dass sie die Welt durch ihre Erscheinung herausfordern wollte, besonders durch die Zobelpelzgarnitur mit den vielen herunterhängenden Schwänzchen. Tempel hatte zwar Frau Geiger noch niemals gesehen, aber dass es Nantes Zweite sein musste, erriet er aus der Beschreibung, die ihm Knox in der Fabrik gegeben hatte.

Jetzt stürzt der Himmel ein, war sein Gedanke.

Zum Glück drehte er ihnen den Rücken zu, und so durfte er hoffen, dass das drohende Gewitter gnädig an ihm vorüberziehen werde. Aber es verschonte ihn nur zur Hälfte, denn während der Alte mit seiner Frau zurückblieb, um inmitten der von Gästen wimmelnden Tische mit dem aufmerksamen Geschäftsführer ein paar Worte zu wechseln, war seine Tochter schon ahnungslos vorangeeilt, nickte nun Lüssi freundlich zu und blieb dann zur flüchtigen Begrüssung stehen. Sie konnte nicht gut vorübergehen, denn es hätte wie Unhöflichkeit ausgesehen.

„Wie geht’s dir denn, Minchen? Wir haben uns ja lange nicht gesehen,“ prasselte es Lüssi heraus. „Findet ihr keinen Platz? Schade, dass wir nicht zusammen sitzen können .... Es hätte sich so schön geplaudert.“

Es ging dann nicht anders: Lüssi musste der Freundin, die Geheimrats schon kannte, auch die beiden jungen Herren vorstellen, die sich schon zuvor erhoben hatten.

Assessor Lönge blieb Helminen gleichgültig, Tempel jedoch sah sie bedenklich neugierig an, so in Ungewissheit schwankend. Dann aber raffte sie sich zu der Bemerkung auf: „Irre ich mich nicht, so habe ich Sie schon einmal flüchtig gesehen — bei meinem Papa im Kontor.“

„Nanu, wie kommst d—, wie kommen Sie denn da hin?“ warf Lüssi verblüfft ein, wobei sie verwirrt, durch ihre Voreiligkeit, über und über rot wurde.

„Na, so was kann doch vorkommen,“ sagte Helmine lachend, vergnügt über die Verlegenheit der beiden, deren Herzensbeziehungen sie sofort erriet.

Tempel kam ihr zu Hilfe. „Gnädiges Fräulein verwechseln mich wohl mit jemand anderem,“ sagte er mit dem Todesmut eines Menschen, der im Augenblick seine Geburt verleugnet hätte. Es klang so bestimmt, von einem liebenswürdigen Lächeln begleitet, dass Helmine nichts anderes tun konnte, als um Entschuldigung zu bitten und sich zu empfehlen; denn nun erst sah sie, dass die Eltern zurückgeblieben waren und auf sie wrteten.

„Lass dich doch einmal sehen, Minchen, ich würde mich sehr freuen,“ sagte Lüssi noch zum Abschied.

Auch das noch, dachte Tempel, obwohl ihn eine seltsame Sehnsucht überkam, dieses sich so natürlich gebende Geschöpf, dessen frische Anmut ihm schon bei der ersten Begegnung aufgefallen war, längere Zeit sprechen zu hören. Denn sie hatte eine wohllautende Stimme, ein gewisses Singen in ihrem Ton, was er von der stets redekranken Lüssi nicht behaupten konnte. Seine Aufregung legte sich aber erst, als er nach einem vorsichtigen Umblick bemerkte, dass Geiger mit seinen Damen nach hinten wieder abschob, um wahrscheinlich den oberen Saal aufzusuchen. Mochten sie da sitzen, so lange sie wollten, wenn sie ihn nur hier nicht wieder störten.

„Sollten Sie es vielleicht doch gewesen sein?“ sagte Assessor Lönge mit seinem unausstehlichen Versteckspielen, aus dem Tempel in der letzten Zeit nicht mehr klug wurde.

„Was hat denn Herr Tempel in einer Lampenfabrik zu tun?“ verteidigte ihn Lüssi.

„Das möchte ich auch wissen,“ meinte Waldemar und machte dazu ein Gesicht, als könnte er kein Wässerchen trüben. Und um sich Mut zu machen, winkte er den Kellner herbei und bestellte eine Flasche Sekt, zum stillen Entsetzen des Geheimrats, der schon die Kneiperei losgehen sah, jedoch zur leisen Freude Lüssis, der er bis jetzt sehr „langstielig“ vorgekommen war. Es kam plötzlich so über ihn wie auf einer fröhlichen Erholungsfahrt nach häuslicher Enge, wo er wieder aufleben müsse, ohne die Kosten zu scheuen.

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9788711474693
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