Kitabı oxu: «Mut zur Sünde»

Şrift:

Max Kretzer

Mut zur Sünde

Roman

Viertes Tausend

Saga

Mut zur Sünde

© 1909 Max Kretzer

Cover image courtesy of Freepik.com

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711502853

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Die grossen Leidenschaften sind selten wie die Meisterstücke.

Balzac

I

Am Abend des 2. Dezember hielt sich Frau Ernestine Frobel auffallend lange in ihrem Geschäftszimmer auf, ohne jedoch ihren gewohnten Platz an dem mächtigen Diplomatentisch einzunehmen, über dem das Licht sonst regelmässig Punkt 7 Uhr zu erlöschen pflegte, falls aussergewöhnliche Umstände es nicht eher bedingten. Sie durchschritt vielmehr aufgeregt das Zimmer — diesen ausgedehnten Raum, der mit seinen drei breiten Fenstern etwas Saalartiges hatte und in seiner ganzen Ausstattung mit dem schweren Teppich, dem Ruhebett mit türkischer Decke, den bequemen Sesseln und den seidenen Übergardinen überwiegend einen privaten Charakter zeigte, so dass man ihn eher als eine Fortsetzung der Wohnung nebenan hätte betrachten können. Nur der eintürige Geldschrank in der äussersten Ecke, ein elegantes Regal mit etikettierten Buchkartons und sonstige, von einem grossen Kaufmannshause unzertrennliche Dinge zeugten von dem geschäftlichen Eifer, der hier tagtäglich entwickelt wurde und sich durch die geöffnete Tür gleichsam hinüberspann zu dem grossen Kontor hinten, wo sich zwei Reihen bereits verlassener Doppelpulte, nur noch schwach von einer einzigen Deckenflamme beleuchtet, aus dem gähnenden Dunkel hervorhoben.

Im kleinen Nebenkabinett, das die Verbindung nach dort herstellte, arbeitete als Letzter noch Herold, der alte, biedere Herold, der schon unter dem seligen Chef seine verschiedenen Gros Stahlfedern in aller Ruhe verschrieben hatte und dem im Laufe der Jahre beim Lampenlicht die letzten Haare allmählich vom blanken Schädel gefallen waren wie der dünne Schnee von einer Bergeskuppe, den der Sturmwind ins Tal hinunterfegt. Die goldene Brille etwas weit auf die spitze, vom Lampenschirm grün angehauchte Nase gerückt, vergass er nicht, über sie hinweg zeitweilig besorgte Blicke nach dem erleuchteten Nebenzimmer zu werfen, falls seine wasserblauen Augen nicht den Weg gerade nach der Wanduhr nahmen. Denn obwohl in jahrzehntelanger Zucht daran gewöhnt, sich der alten Gewohnheit zu beugen, die ihn nach dem Ultimo über dem Privatkonto der Frau Chef länger als sonst hier festhielt, noch mehr dem eisernen Willen dieser seltenen Frau da drinnen, die als Muster von Pflicht und Herzensgüte gelten konnte, erschien ihm für seine mürben Knochen die Tagesarbeit diesmal jedoch ein wenig zu ausgedehnt — gerade heute, wo sein Schwiegersohn zu Besuch kommen wollte und, wie immer bei dieser Gelegenheit, ausnahmsweise ein saftiges Filet zu erwarten war.

Etwas Aussergewöhnliches musste Frau Frobel bewegen, denn noch niemals hatte er ihre stattliche Gestalt den Lichtschein der geöffneten Tür so oft durchkreuzen sehen wie jetzt — selbst in jenen schweren Tagen nicht — mit Schauern dachte er daran —, als der Zusammenbruch der alten, angesehenen Firma C. D. Frobel zu befürchten war und ein Sturm die Seele dieser Frau aufgepeitscht hatte, der für alle älteren Angestellten, die um ihr Brot bangten, etwas Erschütterndes hatte.

Es war so still in den Räumen, dass man nur das Rauschen des Kleidersaumes hörte, denn obgleich Frau Frobel, die einst so überschlanke Frau Frobel, allmählich üppige Formen angenommen hatte, zeigte sie doch die Geschmeidigkeit der eleganten Dame, und so vernahm man kaum ihre Tritte, die obendrein durch Teppich und Dielenbelag gedämpft wurden. Nur von draussen schallte das schon im Erlöschen begriffene Leben der stillen Kanalstrasse herein, das sich wie ein dumpfes Grollen der anbrechenden winterlichen Nacht ausnahm, die auch in dieser wenig arbeitsamen Gegend Berlins allmählich nach Ruhe verlangte. Dann machte sich ein Räuspern des Alten bemerkbar, das entschieden der Ausdruck einer Art verhaltenen Aufmuckens sein sollte. Und dazwischen hinein stahl sich nun ein leiser, langgezogener Seufzer der Frau, der das feine Knistern ihres Taftkleides begleitete und sich bis zu Herold verlor, der nun erst recht nicht den Mut fand, sich mit einem „ergebenen Diener“ zu melden, um seine Bitte für heute anzutragen. Vor einer Stunde etwa hatte ihn Frau Frobel ersucht, noch „einige Minuten“ zu bleiben, wonach denn glücklich eine Viertelstunde nach der anderen vergangen war. Und während er hin und wieder, diesmal unruhiger als zuvor, die Feder eintauchte und die Buchung fortsetzte, brachte er den Seufzer mit der Wohnung zusammen, die man allgemein im Geschäft „das Lazarett“ nannte, weil fast die ganze Familie aus kranken Menschen bestand: aus den Nachkommen einer degenerierten Rasse, die teils mit diesem, teils mit jenem Mangel behaftet waren.

Frau Ernestine selbst hatte diese Bezeichnung schon zur Zeit gebraucht, als die nun Erwachsenen noch Kinder waren und sie selbst noch mehr Zinn dafür hatte, die Vergehen der Natur durch Liebe, Güte und ewige Geduld auszugleichen.

Und der biedere Herold, der so gern sprach, wenn ihn etwas bewegte, blickte unwillkürlich durch das Fach des Pultaufsatzes der Stelle zu, wo tagsüber Frobel junior seinen dunklen Krauskopf über die Papiere beugte und so oft sein hübsches Gesicht zu ihm erhob, wenn es sich um Auskunft über schwierige geschäftliche Dinge handelte, die in sein zerstreutes Gehirn nicht gleich hinein wollten. Und schon hatte er die gewohnte Frage auf den Lippen: Nicht wahr, mein lieber Herr Günther, — die Frau Mama hat wohl wieder recht ihre Sorgen drüben? als er sich noch rechtzeitig seines Alleinseins bewusst wurde und mit einem Lächeln den Augen wieder die Richtung nach unten gab. Dabei erfüllte ihn aber etwas wie ein stiller Neid gegen den Abwesenden, der seine Lampe schon längst ausgedreht hatte.

Dieser junge Herr Günther hatte es gut —: er schenkte seiner Mutter keine Minute mehr über Kontorschluss und flog mit dem ersten Glockenschlag aus, und zwar seit Wochen schon. Wohin, das mussten die Götter wissen, weshalb sollte er es auch nicht tun — er, der einzige Gesunde unter dem Nachwuchs, der Temperamentvolle und Lebenslustige, der nur am Tage die Beharrlichkeit seiner Mutter zeigte, um sie dann am Abend gehörig abzuschütteln! Gott hatte ihr diesen blühenden Knaben geschenkt (sie selbst hatte es ihm, dem alten Vertrauten, in einem Augenblick der Glückseligkeit in überschwenglicher Weise zugerufen), und er und die älteren Köpfe im Geschäft, die Anteil an der Familie nahmen, hatten sich darüber gefreut, dass dem gesunden Blute der Mutter diesmal zum Siege verholfen war.

Bis hierher war Herold in seinen Gedanken gekommen, als Frau Frobel auf die Schwelle des Zimmers trat und mit ihrer tiefen, melodischen Stimme, die etwas von dem Klang einer Heroine hatte, ihn zu sich herein bat. Als dann aber die Uhr acht schlug, rief sie erstaunt aus: „Schon so spät? Aber mein lieber Herr Herold, weshalb sagen Sie das nicht! Entschuldigen Sie nur, aber ich bin heute wirklich sehr zerstreut.“

Herold tat das, was brave Angestellte bei solcher liebenswürdigen Offenheit ihres Chefs immer zu tun pflegen: er lächelte krampfhaft und behauptete mit gemachter Überzeugung, dass eine derartige Verzögerung durchaus nichts auf sich habe. Dann brachte er die Papiere in seinem Pulte unter, wischte die Feder sauber aus, nahm die Brille ab, die er etwas umständlich in das Futteral steckte, und ging auf seinen steifen Beinen, mit dem Buch in der Hand, zu Frau Frobel hinein, denn es war Gebrauch, dass das Privatkonto, in dem vertrauliche Dinge standen, an jedem Abend hier eingeschlossen wurde.

„Nun, werden Sie bald in Ordnung sein?“ fragte Frau Frobel, während sie ihm gestattete, den Folianten in ihren Privatschrank zu legen. „Es ist diesmal ein bisschen viel nachzuholen, nicht wahr?“

„Wenn nichts dazwischen kommt, hoffe ich in acht Tagen fertig zu sein. Tja“, erwiderte Herold mit seiner klebrigen Stimme, an die man sich erst gewöhnen musste, um ihn zu verstehen. Dieses „Tja“ pflegte er immer erst nach einer Gedankenpause hinzuzusetzen, gleichsam wie nach einer nochmaligen Überlegung.

Abwartend blieb er vor ihr stehen in der losen Haltung aller jener Leute, die ihr ganzes Leben lang den Rücken über die Bücher krümmen mussten. Mit seinem bartlosen, faltenreichen Gesicht, das schon die rostbraunen Flecke des Alters zeigte, und in dem langen, schwarzen Kontorrock (einem abgelegten Sonntagsrock), den er gegen sein Strassenjackett noch nicht eingetauscht hatte, machte er fast den Eindruck eines ehrwürdigen Lehrers vom Lande in den Darstellungen, wie sie auf Bildern typisch geworden sind. Nur eine gewisse Koketterie in der Wahl seiner Krawatte, das blendend-weisse Oberhemd unter der mässig ausgeschnittenen Modeweste und die schwere goldene Uhrkette — der Bestandteil eines Jubiläumsgeschenkes — gaben ihm einen Zug ins Moderne, dem er mit der Zeit doch nicht hatte widerstreben können; schon aus Rücksicht auf die stete Nähe der Frau Chef, die ihn so gern zu Rate zog.

„Nehmen Sie doch einige Augenblicke Platz, lieber Herr Herold“, sagte Frau Frobel wieder und wies auf den Rohrsessel neben dem Schreibtisch, der solchen Unterredungszwecken diente. Gegen diesen alten Herrn, der sie schon als Backfisch gekannt hatte, war sie stets von grosser Zuvorkommenheit, die als besondere Auszeichnung aufgefasst werden konnte.

„Ich möchte Sie nur um etwas bitten“, fuhr sie fort und brachte, noch im Stehen, rasch einige Briefschaften beiseite.

Herold, der sich vor ihr nicht zu setzen wagte, vergass im Augenblick seinen Schwiegersohn und das Filet, denn er machte sich nun auf irgendeine Entlastung ihres Herzens über neue Aufregungen im Lazarett gefasst. Seit etwa acht Tagen sollte es mit Annemarie, der Jüngsten, nicht besonders gut stehen, so dass man bereits in Erwägung gezogen hatte, ob es nicht besser wäre, dass Herr Frobel, der im Geschäft eigentlich gar nicht zählte, sobald als möglich mit ihr nach dem Süden ginge. Solche Reisen wurden fast in jedem Jahr unternommen, und Frobel senior, der selbst „schwach auf der Brust“ war, wie man sein dispositionsloses Viveurtum zartfühlend an den Pulten umschrieb, hatte dann den Beschützer und Reisebegleiter zu spielen, was er sich, schon aus Gründen der eigenen Erholung, gern gefallen liess.

Zu seiner Enttäuschung musste aber Herold erfahren, dass es sich nur um einen kleinen Auftrag handelte, den er, gewissermassen diskret, gleich in der Frühe des andern Tages ausführen lassen sollte. Frau Frobel wünschte zu einem bestimmten Abend einen guten I. Rang-Sitz zu einer Vorstellung im Theater des Westens, das sie allein zu besuchen wünsche.

„Ich möchte aber nicht gern, dass mein Sohn etwas davon erfährt, weil ich gewisse Absicht damit verbinde“, fügte sie mit der Gleichgültigkeit einer Frau hinzu, die es selbstverständlich findet, dass man sich über den Grund ihres Vorhabens nicht den Kopf zerbreche.

Herold jedoch, der des Abends, wenn er ermüdet von der Kontorarbeit nach Hause kam, seine Zeitung bis auf die letzte Zeile las und dem daher nichts verheimlicht blieb, was im grossen Berlin vorging, entfuhr es unwillkürlich: „Ei, ei, tritt da nicht wieder Herr Emmerich auf? Nach so langer Zeit wieder. Mir ist’s, als hätte ich es gelesen. Tja.“ Und bevor noch Frau Frobel etwas erwidern konnte, fügte er, ganz eingenommen von diesem Ereignis, hinzu: „Also hat er sich doch wieder emporgerafft, dieser Herr Don Juan, der uns so schwere Sorgen gemacht hat.“ Wenn der Alte „uns“ sagte, so sprach er gewissermassen im Namen des Geschäftes, oder doch im Sinne des Privatkontos, in dem der Buchstabe „E“ seine finanzielle Bedeutung hatte, die ausser Frau Frobel er allein nur kannte.

Damit hatte es eine eigene Bewandtnis. Eines Tages, vor etwa fünfundzwanzig Jahren, hatte man Ernestines Mutter, Frau Kommerzienrat Brüning, die damals schon Witwe war, aber immer noch in den Spuren ihres Gatten wandelte, in ihrem Salon alles, was in der Kunst einen Namen hatte, um sich zu sehen, einen jungen, angehenden Tenor zugeführt, einen bildhübschen Menschen von grosser Figur, der, armer Leute Kind, weder Mittel noch Verbindung besass, den Schatz in seiner Kehle zu heben. Es dauerte nicht lange, so wurde er der umschwärmte Schützling Frau Brünings, die ihn ausbilden liess, ihn völlig erhielt und ihm zum ersten Siegeszug über die weltbedeutenden Bretter verhalf. Einige Jahre erfüllte sein Ruhm ganz Deutschland, man warf ihm das Gold in den Schoss, und unzählige Frauenherzen flogen ihm zu. Dann aber verlor er infolge eines Halsleidens — Boshafte meinten infolge seiner Trunksucht — seine Stimme; der Stern erlosch, und es trat ein, was immer bei gefallenen Grössen einzutreten pflegt: er geriet in Vergessenheit, vegetierte im Auslande und in den Provinzen und liess sich dann vorübergehend irgendwo als Gesanglehrer nieder, wo er nur noch eine lokale Rolle spielte.

Gegen seine Wohltäterin hatte er sich sehr undankbar benommen, was ihm aber seines über Nacht entstandenen Grössenwahns und seiner exzentrischen Neigung wegen verziehen worden war, obgleich sie unter seiner Renommage mit ihrer Freundschaft, die zu Andeutungen aller Art Veranlassung gegeben hatte, sehr gelitten hatte. Und selbst dann noch, als er, zurückgekehrt in seinen Staub, sich mit Briefen späten Dankes der einstigen Gönnerin erinnerte, hatte sie eine offene Hand für ihn, die seltsamerweise später auch auf die Tochter überging und sich bis auf den heutigen Tag bewährte.

Das ungefähr war die Geschichte, die zur Kenntnis Herolds gelangt war und ihm nun den Mut gab, eine scherzhafte Anspielung zu wagen. Und als er sah, dass keine Einwendung kam, fuhr er ermuntert fort: „Frau Frobel wollen sich gewiss davon überzeugen, ob seine Stimme noch nicht ganz passé ist.“

„Ja, das will ich. Sie sorgen dafür, nicht wahr?“

Es klang zwar freundlich, aber an der veränderten Tonart merkte er, dass diese Sache für sie erledigt sei. Einigermassen verschnupft stand er da, denn gar zu gern hätte er das Gespräch darüber weitergesponnen, weil ihn dieses Konto „E“ von jeher besonders interessiert hatte. Schliesslich war es doch wundersam, dass man immer noch bedeutende Summen an einen Menschen verschwendete, zu dem man persönlich gar keine Beziehungen mehr hatte, obwohl ihm von Frau Frobel einmal angedeutet worden war, dass sie damit nur eine letzte Bestimmung ihrer Mutter erfülle. Aber es war nicht seine Aufgabe, sich den Kopf hierüber zu zerbrechen, selbst wenn dieser Grossmut tiefere, geheimnisvolle Dinge zugrunde lagen. Was konnte sich eine Millionenfirma nicht alles leisten! Er hatte nur zu buchen und zu schreiben. Punktum.

Dann aber sagte er verbindlich, um Gelegenheit zur Verabschiedung zu finden: „Wenn Sie nichts dagegen hätten, Frau Frobel, würde ich das Billett selbst besorgen. Ich ginge einmal früher zu Tisch.“

Sofort war sie wieder die Gütige. „Das wäre mir eigentlich das liebste, Herr Herold. Wie gesagt, soll mein Sohn nichts davon wissen.“

Obgleich noch Hans Gerhard, der Älteste, vorhanden war, sprach sie im Geschäft nur von Günther, als von ihrem Sohne, was man auch erklärlich fand, weil dieser nur der Firma diente. Und da Herold wusste, dass der junge Frobel sich über diese „unverständliche Wohltätigkeit“ seiner Mutter bereits mehrmals aufgehalten hatte, so fand er diesen Standpunkt auch erklärlich.

„Es freut mich, dass Sie mich verstehen“, sagte sie durchaus liebenswürdig. Kein Zug in ihrer Miene verriet, was dabei in ihrem Innern vorging. Die Linke auf den Rand des Schreibtisches gestützt, den Oberkörper der elektrischen Flamme zugeneigt, überflog sie anscheinend gespannt ein Schriftstück, nach dem sie inzwischen gegriffen hatte, und markierte so die ewig beschäftigte Frau, die kleine Dinge nebensächlich abtut, ohne sich in den grossen dadurch stören zu lassen. Dann legte sie den Brief wieder fort, tat einen grossen Atemzug und ging zur geöffneten Tür, um einen Blick in die menschenleeren Räume zu werfen. Und als sie sich davon überzeugt hatte, dass der Kontordiener, der da hinten noch herumlungern musste, nicht zu sehen war, nahm sie ihren Platz am Schreibtisch ein und gab Herold stumm einen Wink, sich endlich zu setzen.

„Sagen Sie, — haben Sie vielleicht eine Ahnung, wo mein Sohn jetzt des Abends steckt?“ begann sie unvermittelt. Seit ein paar Wochen wird mir die Sache zu bunt. Er fängt an zu bummeln.“

Herold, der endlich etwas Tragisches erwartet hatte, lachte unwillkürlich.

„Die Sache ist nicht zum Lachen, lieber Herr Herold“, warf Frau Frobel ein. „Im Gegenteil, — sie ist sehr ernst. Und deshalb hoffe ich auf Ihre Hilfe. Ich weiss ja, dass Sie sehr von ihm eingenommen sind, aber auch er hat viel für Sie übrig. Er kroch Ihnen ja schon als Kind gewissermassen zwischen den Beinen herum. Und nun hängen Sie ja den ganzen Tag über am Pult zusammen. Gerade darauf baue ich. Denn sehen Sie: er plaudert so gern mit Ihnen und erzählt Ihnen gewiss so manches.“

Herold, ein wenig geschmeichelt, nickte; dann aber fasste er diese Dinge nicht so schlimm auf. Herr Günther sei eben kein Duckmäuser. Jedenfalls werde er seine Freunde haben, mit denen er sich des Abends amüsiere, wie es immer bei jungen Leuten der Fall sei. Im übrigen zeigte er sich durchaus nicht verändert. Er sei immer pünktlich zur Stelle, habe Liebe zur Arbeit und trage sein altes verbindliches Wesen zur Schau, das ihn in den Augen aller so angenehm mache.

„Ja, ja, das weiss ich“, wandte Frau Frobel lebhaft ein. „Dass seine Umgangsformen darunter nicht leiden, das ist ja selbstverständlich. Dazu ist er viel zu gut erzogen, denn ich habe ihn erzogen, worauf ich mir etwas einbilde . . . Aber ich sehe doch anders als Sie, mein lieber Herr Herold, was vielleicht daher kommt, dass mir diese Dinge mehr im Kopfe liegen. Sie werden eben durch Ihre Bücher zu sehr abgelenkt; was auch ganz erklärlich ist. Sehen Sie, mein Bester, — die Pünktlichkeit allein macht es nicht, denn das kann Gewohnheit und Zwang sein; meinetwegen auch Klugheit, um zu täuschen. Aber sagen Sie offen: ist es Ihnen nicht aufgefallen, dass mein Sohn jetzt öfters des Morgens aus dem Gähnen nicht herauskommt, wie? Es gibt doch solche Vormittage.“

Herold lachte nicht mehr, denn er sah die besorgte Miene seiner Gebieterin und konnte sich nicht verhehlen, dass ihm diese Vorgänge nicht entgangen seien. Und da ihm daran lag, dieser vortrefflichen Mutter jedes Bedenken zu nehmen, so wies er auf die anderen jungen Leute im Geschäft hin, die dasselbe täten, wogegen aber nichts zu machen sei, solange sie ihre Arbeit erledigten und man ihnen nicht den Vorwurf der Nachlässigkeit machen könne. Frau Frobel zeigte leichten Ärger. Was sie die anderen jungen Leute angingen! Hier handele es sich um ihren Sohn, der den Angestellten als Vorbild dienen und nicht Veranlassung geben sollte, ihnen gleichgestellt zu werden.

„Ich verstehe wohl, weshalb Sie das alles entschuldigen“, fuhr sie fort. „Sie entschuldigen es eben mit der Jugend. Das ist hübsch, und das freut mich, weil ich zum Teil denselben Standpunkt vertrete. Ich habe diese Sorte von Eltern niemals leiden können, die mit Vorliebe die Einmauerung ihrer Kinder verlangen. Gewöhnlich ist es die Sorte, die früher am meisten gesündigt hat.“

Und ihr Gesicht nahm unwillkürlich die Richtung nach der Wohnungstür, so dass Herold sie verstehen musste.

„Nein, nein, ich klage niemals ungerechtfertigt an“, fuhr sie mit verlorenem Blick fort, wobei sie nach einem Bleistift griff und auf den Rand der Abendzeitung zu stricheln begann. „Ich war ja auch mal jung und vergnügte mich nach Herzenslust. Natürlich soweit es jungen Mädchen erlaubt ist — namentlich in unseren Kreisen. Und doch kann ich Ihnen sagen: — manchmal hatte ich einen Drang, alles Konventionelle über den Haufen zu werfen und mich einmal gründlich auszuleben, wie es sich unsere modernen Töchter so sehnlichst herbeiwünschen, zum Teil auch schon tun. Die Zeiten haben eben andere Anschauungen gebracht. Und mir wäre es nicht schwer geworden, denn ich hatte ganz das Blut von meinem Vater. Aber ich wurde verdammt streng gehalten, ich sage Ihnen! Bei jeder Gelegenheit bekam ich’s von der Mutter zu hören: das schickt sich nicht, das passt sich nicht, so was tut man nicht. Für die Frauen gibt’s ein eigenes Moralgesetz, das die Männer für sie zusammengebaut haben. Manchmal hätte ich gewünscht, ich wäre ein Junge und könnte auf und davon gehen.“

Männliche Tatkraft haben Sie ja genug, hätte Herold am liebsten eingeworfen.

Frau Frobel hatte gar nicht die Empfindung, das alles zu einem Angestellten zu sagen, der schliesslich nur stilles Erstaunen darüber zeigen musste. Es war ihr vielmehr nur darum zu tun, sich an ihren eigenen Worten zu berauschen, während ihre Gedanken ganz wo anders waren. Fortwährend dachte sie an Sänger Emmerich, an den Mann, der damals ihr junges Mädchenherz bestrickt und sie bezaubert und vernarrt gemacht hatte und dessen Frau sie geworden wäre, wenn sich die Mutter und alle Verwandten nicht so energisch dagegen gewehrt hätten. Und so bereitete es ihr eine gewisse Befriedigung, noch einmal an Dinge zu rühren, die sich gerade an diesem Tage mit dem einstmals Geliebten verbanden.

Dieser Zustand dauerte aber nur wenige Minuten, dann war sie wieder die kluge Frau, die sich von überflüssigen Gefühlen nicht mehr bewältigen liess. „Also hören Sie mal, mein lieber Herold,“ sagte sie mit offener Heiterkeit, „Sie müssen mir ein wenig helfen, aus meinem Jungen etwas herauszubekommen. Ich glaube, es steckt ein Mädel dahinter — na, und das wäre das Schlimmste, was ich mir denken könnte. In seinen Jahren schon, und bei diesem Temperament! Ich möchte es nicht wünschen, aber, aber! — Ich befürchte, ich werde recht behalten.“ Und sie enthüllte ihm, dass Günther in letzter Zeit niemals vor zwei Uhr morgens nach Hause gekommen, ja, dass es einmal schon gegen fünf gewesen sei, ohne dass eine besondere Festlichkeit vorgelegen habe, die als Entschuldigung hätte dienen können. Und das müsse sie mit ihm, dem bisher Soliden, erleben.

„Mein lieber Herr Herold,“ fuhr sie erregt fort, „Sie wissen, was für ein unbegrenztes Vertrauen ich zu Ihnen habe, und Sie wissen auch, dass ich mit meinem Mann über solche Dinge nicht reden kann, für die er kaum Verständnis finden würde. Oder doch höchstens in seiner Auffassung, die, wie immer, minderwertig wäre. Steht es nicht ganz traurig um mich?“

Ein bewegender Seufzer kam über ihre Lippen, ähnlich dem, der schon vordem bis zu Herold gedrungen war, und den er sich jetzt nur zu sehr erklären konnte. Überrascht hatte er kein Wort hervorgebracht, sondern sein stilles Bedauern nur durch leichtes, verständnisvolles Nicken ausgedrückt. Das waren allerdings Dinge, die er nicht erwartet hatte und die manche Zerstreuung des jungen Herrn Günther in letzter Zeit erklärlich machten. Also auch dieser ging aus dem Gleise, wenn auch auf seine eigene Art; und alle Welt hatte sich bisher darüber gefreut, in ihm den Brauchbaren und Tüchtigen zu sehen, den Menschen mit gesunden Gliedern und unverrücktem Verstande, der dereinst die Firma kräftig leiten sollte. Obwohl das alles in seinem Kopfe herumging, begann er doch, die Gebieterin nochmals zu trösten, und je mehr Worte er dazu fand, die schönen und aufrichtigen Worte eines treuen Ratgebers, je mehr gewann er selbst der Sache die leichte Seite ab, an der er schliesslich nur etwas Vorübergehendes erblickte, eine kleine Verführung durch leichtsinnige Freunde, der man durch vernünftige Vorstellungen bald werde Abhilfe schaffen können.

Frau Frobel jedoch schüttelte mit dem Kopf, denn sie wusste bereits mehr, als sie angedeutet hatte. „Fangen Sie die Sache nur recht schlau an, dann wird’s schon gehen“, scherzte sie los. „Heucheln Sie ein wenig, schwindeln Sie meinetwegen auch, ich verzeihe es Ihnen. Alle Diplomaten haben ja zwei Gesichter . . . Nur darf er nicht wissen, dass ich dahinter stecke. Sagen Sie ihm doch, Sie seien ihm des Nachts in der Friedrichstrasse Arm in Arm mit einem hübschen Mädel begegnet und wären erstaunt über die Schönheit gewesen. So etwas schmeichelt und macht redelustig, wenn’s auch nicht wahr sein sollte. Und dann kommt ein Wort zum anderen.“

Herold, der sich bereits erhoben hatte, sah sie mit einer Miene an, in der in diesem Augenblick durchaus nichts von einer zu erwartenden Schlauheit zu lesen war. Dann lachte er aus Anstand mit, aber es war das Lachen eines Gefolterten. Bei knifflichen Dingen pflegte er sich die Nase zu reiben, und das tat er jetzt auch in ausgiebiger Weise, so dass es fast unschön war. Er, der schon seit Jahren regelmässig spätestens um elf Uhr in sein schmales separiertes Bett stieg und selten aus seiner stillen Gegend herauskam, sollte sich des Nachts in der Friedrichstrasse umhertreiben! Und er, der sich rühmen durfte, stets wahr und aufrichtig gewesen zu sein, sollte diese Tugend plötzlich ablegen! Aber was tat man nicht alles einer besorgten Mutter wegen, der obendrein geschäftlich zu dienen man sich zur Ehre rechnen durfte.

„Die Bummelei würde ich ihm schon verzeihen, wenn er sich nur an kein Frauenzimmer hängt“, sagte Frau Frobel nach seiner Zustimmung noch und benutzte die Gelegenheit, sich noch rasch nach dem Befinden seiner Familie zu erkundigen.

Dadurch war Herold endgültig bezwungen.

II

Er wollte gerade gehen, als er durch Frobel senior zurückgehalten wurde, der aus der Wohnung hereintrat und sich gleich durch seine kleinen Liebenswürdigkeiten bemerkbar machte, die er für jedermann in derselben Form bereit hatte. Schon vorher hatte man durch die Tür sein helles Pfeifen vernommen: den Hohenfriedberger Marsch, in den er sich geradezu verliebt hatte und den er bis zum Überdruss pfiff, obendrein mit der Eintönigkeit eines musikalischen Analphabeten. Diese Melodie verfolgte ihn auf Schritt und Tritt, er schleppte sie gleichsam in seiner Seele mit wie die einzige Stimme eines Instruments, die nur dem Besitzer noch Vergnügen macht, weil er sich daran gewöhnt hat. Er wusste schon gar nicht mehr, dass er sie pfiff, und das diente ihm in den Augen seiner Frau, die diese Angewohnheit unausstehlich fand, als einzige Entschuldigung.

„Ei, sieh da, mein lieber Herold, sieh da, mein Lieber, Wie geht’s, wie schaut’s? Noch so spät tätig? Immer fleissig, immer fleissig? Recht so, recht so. Wer der alten Firma Frobel dient, dient sich selbst. Wie Vater selig schon zu sagen pflegte. Und er hatte es schon von seinem Alten.“

Er lachte mit seiner Kinderstimme, trotzdem eigentlich keine Veranlassung dazu vorlag. „Zigarre gefällig, he? Die hier, wie? Nehmen Sie nur, nehmen Sie nur. Zieren Sie sich nicht. Dem Verdienste seine Krone . . . Meine Sorte. Das sagt eigentlich genug.“ Und wieder lachte er einfältig wie ein grosses Kind.

Cornelius Herold, überrascht durch so viel Güte, krümmte den Rücken und griff mit zwei vorgestreckten Fingern in die ihm dargereichte Zigarrentasche, und zwar in die aufgeklappte Seite, wo die grossen und dicken mit goldener Bauchbinde steckten. Und sein Dank klang überstürzt, aus gespitztem Munde, und wurde noch wiederholt, als Herr Dietrich Frobel sich bereits seiner Gattin zuwandte und die Begrüssung fortsetzte.

„’n Abend, liebes Tinchen, ’n Abend! Entschuldige, wenn ich vielleicht stören sollte, denn du hattest gewiss wichtige Dinge mit unserem alten, lieben —. Ich sehe dich immer nur tätig, bis in den Abend hinein. Ich frage dich, weshalb? Pourquoi? Muss das sein? Darf das sein? Bin ich nicht da? Aber ich will nicht weiter in dich dringen, denn ich weiss, es macht dir Vergnügen — grosses Vergnügen.“ Und er wandte den Kopf wieder dem alten Getreuen zu. „Nicht wahr, mein lieber Herold? Sie müssen es doch wissen, denn Sie sind ja sozusagen vortragender Rat in unserem Handlungsministerium. Guter Vergleich, he?“ Und er lachte wieder zwecklos und sprach zu seiner Frau weiter. „Du bist die Herrscherin, und was bin ich? Der Chefgemahl bin ich. Du — das ist ein guter Witz, ein wirklich guter Witz. Mir eben erst eingefallen. Ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet.“

Und abermals hatte er sein helles Lachen bereit, das eigentlich mehr ein Meckern war.

Das alles sagte er durchaus liebenswürdig, mit einer göttlichen Selbstverständlichkeit, die man nicht anzweifeln dürfe, während er sich dabei galant zu seiner Frau niederbeugte, ihre schön geformte weisse Hand ergriff, sie ein paarmal streichelte und dann einen flüchtigen Kuss darauf drückte.

„Ja, du triffst immer das Richtige, mein lieber Dietrich“, sagte Frau Frobel mit der gleichen Liebenswürdigkeit. Damit war ihre Anerkennung erschöpft, gleichsam wie in der Erkenntnis, dass es zwecklos wäre, sich dagegen zu wehren. Fest und bestimmt sass sie auf ihrem Sessel, fast unberührt von dieser Zärtlichkeit, die ihr nur als der Austausch häuslicher Gewohnheiten dünkte.

Herr Dietrich Frobel spazierte, die Hände auf dem Rücken, vor beiden auf und ab, wobei er sich nach allerlei geschäftlichen Dingen erkundigte, was immer etwas sinnlos geschah, seitdem ihm seine willensstarke Frau das Zepter entwunden hatte. Das war damals, als er wegen krankhafter Verschwendungssucht für geschäftsunfähig erklärt wurde und entmündigt werden sollte, schliesslich aber, um einen öffentlichen Skandal zu vermeiden, in einen Kompromiss willigte, durch den er für die Firma einfach kaltgestellt wurde. Gewagte Börsenspekulationen, mit denen er sich über den drohenden Krach hinweg helfen wollte, hatten ihn noch mehr hineingerissen. Und so wurde er, als Ernestinens Mutter einsprang, um die Verhältnisse allmählich zu sanieren, plötzlich zum gehorsamen Kinde.

Er hatte überhaupt viel von einem Kinde an sich, das wohl mit den Jahren gewachsen war, bei dem sich aber der Verstand nicht gleichmässig entwickelt hatte. Das wussten alle im Geschäft, die diese elegante, verkörperte Null hin und wieder in dem breiten Gang zwischen den Pulten auftauchen sahen, wie sie freundlich, aber herablassend, ungefähr wie ein entthronter Fürst, grüssend nickte und dann leutselig mit diesem oder jenem älteren Herrn ein paar Worte über geschäftliche Dinge wechselte, die allerdings vorsichtig aufzufassen waren. Herr Dietrich Frobel hatte nie viel davon verstanden und sich schon vor seiner Kaltstellung auf Geschäftsführer und Prokuristen verlassen.

Aber er musste sich doch zeigen, beweisen, dass er noch am Leben war, und so tun, als hätte er nur aus Gesundheitsrücksichten abgedankt, ohne jedoch seinen Einfluss aufzugeben! Und man liess ihn auch in diesem Glauben, indem man vor ihm dienerte und ihm alle Ehren eines abgesetzten Chefs erwies. Denn schliesslich war und blieb er der Gatte der Frau Chef, der Träger des alten Firmennamens C. D. Frobel.

„Nun, gehst du heute nicht in den Klub?“ fragte Ernest, ine die sich wunderte, ihn noch hier zu sehen, da er, wie alle berufslosen Leute, seine eigenen Wege wandelte, ganz besonders des Abends, nachdem er sich den ganzen Tag über mit seiner Münzensammlung beschäftigt hatte, die reich an kostbaren Stücken war. Die halbe Nacht gehörte dann der Zerstreuung und dem Vergnügen, entweder bei seinen Freunden oder im Ballett und Zirkus, denn er behauptete, er müsse für sein ewiges Katalogisieren am Tage des Abends den nötigen Ausgleich finden. In Wahrheit vertrug sein Gehirn schwere, das Gemüt bewegende Sachen nicht, die ihm an die Nerven gingen. Und so war denn seine Lebensauffassung auf die leichten Genüsse gestimmt.

„Ich wollte dir doch wenigstens noch Adieu sagen, mein liebes Tinchen“, erwiderte er, ohne seine Wanderung einzustellen. „Und dann, siehst du, wollte ich doch noch mal einen Blick ins Kontor werfen; du weisst ja, mir fehlt sonst etwas. Vormittags war ich in der Fabrik.“

„So, so, du warst in der Fabrik“, sagte Frau Frobel völlig interesselos.

„Na, ich musste mich da draussen doch auch einmal sehen lassen. Es ist übrigens alles in schönster Ordnung. Und zu tun haben wir jetzt . . .! Keine Maschine steht still! Freut mich, freut mich ausserordentlich.“

Ersichtlich gehoben davon, als hätte es erst seines Eingreifens dazu bedurft, reckte er sich ein wenig; dann blieb er vor dem grossen Wandspiegel stehen, beäugelte sich selbstgefällig und zog die Spitzen des gefärbten Schnurrbarts aus, der allzu üppig über dem kurz gestutzten, ergrauten Spitzbart hing. Sein schräg wie ein Dach aufsteigender Schädel hatte schon gehörig Haare lassen müssen, die er sich frühzeitig wegamüsiert hatte; und so lagen da oben nur noch die letzten gebleichten Reste, die, in der Mitte kokett gescheitelt, wie ein dünnes Gewebe die Stirnwölbung krönten.

Stets ging er wie ein Lord gekleidet, in einem auffallend karrierten Jackettanzug aus englischem Stoff, einen weissen Vorstoss an dem Westenausschnitt, hinter der die rote Krawatte grell ins Auge stach. Dazu trug er modefarbige Hemden und steingraue Gamaschen über den tadellosen Lackstiefeln.

„So, so, es ist also alles in Ordnung da draussen“, ging Frau Frobel wohlmeinend darauf ein. „Es ist hübsch, dass du mal wieder hinaus warst. Das feuert gleich ein wenig an.“

„Siehst du, — das wusste ich ja, dass ich dafür deine Anerkennung finden würde“, rief er vergnügt aus und trat abermals auf sie zu, um ihr mit Herzensfreude die Hand zu drücken.

Und sie nickte und blickte ihn diesmal lächelnd an, denn sie wusste, dass er im geheimen immer noch die Hoffnung hegte, wieder in seine Rechte eingesetzt zu werden, und dass sie ihm keinen grösseren Gefallen tun konnte, als ihm hin und wieder ein gütiges Wort für sein abgestumpftes Interesse zu sagen.

Seine unverminderte Aufmerksamkeit für sie, seine Zärtlichkeit und die stete Hochachtung, die er ihr seit Überwindung der geschäftlichen Krisis und besonders ihrer Energie entgegenbrachte, enthielten etwas Rührendes, beinah für sie Beschämendes, gegen das sie sich manchmal vergeblich wehrte: obendrein aus tief verschlossenen Gründen wehrte, die er nicht einmal ahnen durfte. Und das war das Versöhnende in seinem Wesen, das alle seine sonstigen Fehler wieder gutmachte.

„Du — übrigens ist auch drüben alles in Ordnung“, meldete er sich wieder in bester Stimmung. „Annemarie fühlt sich wieder besser, denk nur. Aber ich reise doch mit ihr, selbstverständlich tue ich’s. Denn eine Last muss ich dir doch abnehmen.“ Dann wandte er sich wieder an Herold, der sich nicht zu verabschieden wagte, aber wie auf Kohlen stand. „Wie geht denn das Weihnachtsgeschäft, he? Was macht die Konjunktur in Messing, he? Man besass eine grosse Metallwarenfabrik in einem östlichen Vorort, wohin man sie vor zehn Jahren verlegt hatte. Hier war das Stadtlager, verbunden mit Musterlager und Korrespondenzbureau.“

Frau Frobel machte jedoch sofort dem Gespräch darüber ein Ende, indem sie den Alten endlich entliess. Und so kehrte Herold noch einmal an sein Pult zurück, begleitet von Frobel, den es lockte, noch einen Blick ins grosse Kontor zu werfen, denn er bildete sich ein, selbst um diese Zeit noch einmal nach dem Rechten sehen zu müssen. Da er aber niemand mehr vorfand, mit dem er sich hätte unterhalten können, so nahm er den Hohenfriedberger wieder auf, der diesmal, getragen durch die Leere des Raumes, ungemein laut erklang und den er erst allmählich ersterben liess, als er zu seiner Frau zurückkehrte. Man hörte ihn immer schon kommen, denn seine Beine knackten beim Gehen, was wohl mit seiner Magerkeit zusammenhing. Alsdann wandelte er eine ganze Weile durch das grosse Zimmer und schritt den Takt zu seinem Marsch.

Frau Frobel liess ihn ruhig gewähren, denn sie kannte diese Gedankenvertiefungen, die manchmal die langen Pausen zwischen ihnen ausfüllten. Das war immer so gewesen, schon zuzeiten, als Dietrich noch Herr im Geschäft war und von seinem Marsch noch nicht so verfolgt wurde wie heute. Denn sie hatten sich eigentlich nie viel zu sagen gehabt, wenigstens nicht, soweit zwischen Eheleuten die Sprache auch dazu dienen sollte, den innersten Gefühlen Ausdruck zu geben. Beide hatten sich geheiratet, wie sich ungefähr zwei Fabriken zusammentun, die eine stille Fusion bilden wollen, um die Kapitalmacht zu stärken und die Konkurrenzschlachten besser schlagen zu können. Die Industrie-Vetterschaft hatte es so gewollt.

Frau Frobel beschäftigte sich still weiter. Sie legte einige wichtige Papiere in die Schublade ihres Schreibtisches, verschloss den Kasten wieder und machte sich einige Notizen auf dem Papierblock, damit sie am anderen Vormittage sogleich an diese Dinge erinnert würde. Dann ging sie an den Geldschrank, nahm aus dem Tresor, der die Handkasse enthielt, etwas bare Münze, notierte die Summe auf eine kleine Tafel und verschloss dann Tresor und Schrank mit peinlicher Sorgfalt. Und nachdem sie das Geld einstweilen auf den Schreibtisch gelegt hatte, nahm sie denselben Weg, den ihr Mann vorhin nach dem grossen Kontor genommen hatte. Herold hatte auf ihren Wunsch seine Flamme noch nicht abgedreht, und so konnte sie sich noch rasch davon überzeugen, dass hinten der Letzte gegangen war. Das tat sie an jedem Abend, sobald sie über die Zeit hinaus arbeitete. Als dann auch im Nebenkabinett alles dunkel war, schloss sie die gepolsterte Doppeltür und drehte den Schlüssel zweimal um. An jedem Morgen sorgte hier der herrschaftliche Diener für Ordnung, während in den Kontoren und den sonstigen Räumen das niedere Kontorpersonal diese Arbeit verrichtete.

„Weisst du,“ begann Frobel endlich, „wenn man so sieht, mit welcher Gewissenhaftigkeit du mich hier in allen Dingen vertrittst, — ich könnte fast eifersüchtig auf dein Ansehen werden. Wirklich, das könnte ich.“

Frau Frobel lachte leicht auf. „Vertrittst? Aber, lieber Dietrich! Ich vertrete dich doch nicht, sondern ersetze dich. Vollkommen. Wenn wir allein sind, kann ich’s dir doch sagen.“

Sie sagte es heiter, aber hinter ihren Worten drohte das Grollen darüber, ihr ganzes verpfuschtes Leben an diesen Mann gehängt zu haben, der weder ihrer Seele noch ihrem Körper hatte Befriedigung geben können.

Frobel, der diese kleinen Spitzen bereits kannte, verschluckte seinen Ärger, nahm aber um so lebhafter seinen Weg durch das Zimmer. „Nun ja, nun ja, liebes Tinchen, das weiss ich schon längst“, sagte er dann durchaus würdig. „Du mein Gott, darein habe ich mich schon allmählich gefügt. Muss ich wohl auch! Und je älter ich werde, um so mehr. Denn du bist die Stärkere, — in allen Dingen bist du es. Aber sei mir nicht böse, wenn ich immer wieder daran tippe. Etwas Komisches, wirklich Komisches liegt darin, dich hier als reiche Frau sich abplagen zu sehen, da du es eigentlich gar nicht nötig hast. Da wir es gar nicht nötig haben. Verzeihe, dass ich mich wieder zum Geschäft rechne, aber ich kann’s nun mal nicht lassen. Den Chef hast du mir genommen, aber den Ehrgeiz, siehst du, den Ehrgeiz der grossen Firma kannst du mir nicht nehmen. Und dann kommt die Liebe zu dir hinzu, wahrhaftig, die Liebe zu dir. Du wirst natürlich wieder lachen. Aber deshalb kann ich dieses Gefühl doch nicht unterdrücken, — auch wenn ich von dir beiseite geschoben worden bin.“

„Ach, ich lache ja gar nicht“, warf Frau Frobel zerstreut ein. Sie hatte sich wieder gesetzt und sass nun, den Kopf in die Hand gestützt, wie sinnend da, ungefähr wie jemand, der nur aus Gefälligkeit zuhört, weil er gerade nichts zu versäumen hat.

Und Herr Frobel fuhr eifrig fort: „Und dann der Dank, mein liebes Tinchen, und die Bewunderung, die grosse Bewunderung! Was für eine Zähigkeit hast du, was für eine Ausdauer. Gar nicht zu reden von deiner Intelligenz, von deinem gesunden Weitblick. Wenn ich bedenke, wie schnell du dich in alle Dinge gefunden hast. Die grössten Kaufleute könnten vor dir den Hut ziehen. Und das tun sie ja auch. Kunststück! Du imponierst ja aller Welt. Soll ich mich mal sozial ausdrücken, so muss ich sagen: Du bist die verkörperte Lösung der Frauenfrage, in die höheren Schichten übertragen . . . Manchmal habe ich doch noch gute Gedanken, wie?“ Er lachte kindisch. „Wenn ich auch so halb und halb als Idiot gelte, oder doch als Trottel, meinetwegen auch als lädierter Nachtschmetterling. Lädierter Nachtschmetterling ist gut, wie? Das nebenbei gesagt . . . Aber hör mal, liebes Tinchen, — was wollte ich doch . . . gleich sagen?“

Manchmal verlor Herr Frobel den Faden; dann wurde er gewöhnlich rot, weil er befürchtete, man könnte ihm seine „Minderwertigkeit“ ansehen. Sein Erschrecken dauerte aber nur wenige Augenblicke; dann stolzierte er wieder vor seiner Frau auf und ab, wobei er ausrief: „Richtig, richtig! Das wollte ich sagen: Bist du eine gelernte Buchhalterin? Etwa eine, die aus der Geschäftsdamenwelt hervorgegangen ist? He? Hast du ganz vergessen, dass du eine Brüning bist, eine geborene Brüning? Die nun hier sitzt und sechs Stunden am Tage den Sessel drückt? Mindestens sechs Stunden, liebes Tinchen! Unerhört, unerhört! Und die sich mir dadurch entzieht. Mir, mir!“

Frau Frobel lachte diesmal mit Vergnügen. „Sei doch nicht komisch, lieber Dietrich.“

Herr Frobel liess sich nicht stören. „Ich weiss, ich weiss, es ist das alte Thema, immer das alte Thema. Mir aber bleibt es immer neu . . . Erlaubst du übrigens?“ und als er ihr Nicken gewahrte, holte er seine Zigarrentasche hervor und steckte sich eine von den schweren, torffarbigen an, die ihm eigentlich verboten waren, die er aber den ganzen Tag über und auch noch in den Nachtstunden rauchte, obgleich ihm das Gehirn davon platzen musste, wie seine Frau meinte.

Und als er die ersten Züge tat, kam um so grössere Munterkeit über ihn, wie immer, wenn er den vergnügenwinkenden Abendstunden entgegenging. „Mach doch endlich Schluss mit dieser Geschäftssimpelei. Setz dir einen Vertrauten hin, einen energischen Kerl. Räum Ahlmann deinen Platz ein. Er kennt die Dinge aus dem ff. Schon lange habe ich dich darauf gebracht. Wenn du nur Gründe dagegen hättest, mein liebes Tinchen, Gründe!“

Frau Frobel blieb diesmal ernst. „Gründe? Die habe ich allerdings, mein guter Dietrich. Ich will nicht.“

Sie sagte es so bestimmt, dass ihr Mann ganz verlegen wurde. „So, so, du willst nicht“, sagte er dann wahrhaft betrübt. „Das ist was anderes. Dann allerdings . . .“

Eingeschüchtert stand er da, schwenkte die grosse Zigarre vor seiner Nase und labte sich mit geschlossenen Augen an ihrem scharfen Duft.

„Nein, ich will nicht“, sagte Frau Frobel nochmals mit Nachdruck. „Solange ich gesund und arbeitsfähig bin, werde ich hier das sein, was du hier hättest sein müssen. Werde ich also auch den Sessel des Chefs einnehmen. Das sind meine Gründe. Lass uns also darüber nicht mehr streiten.“

„Nein, nein, es ist wohl auch schon besser“, sagte Herr Frobel nach einer gedankenschweren Pause. „Immerhin, weisst du, sind es eigentlich gar keine Gründe.“

„Aber du hörst es ja, — die Gründe liegen in meinem Willen.“

„Gut, gut, liebes Tinchen. Also Schluss darüber. Ganz und gar. Tout a fait.“

Beide schwiegen eine Weile, bis sich Frobel wieder meldete. „Was sagst du übrigens dazu, dass Emmerich wieder auf der Bildfläche erschienen ist, he? Hat er sich noch nicht bemerkbar gemacht?“

Ernestine, bereits darauf gefasst, erwiderte gleichgültig: „Da liegen sie im Papierkorb — die Logenbilletts.“

Herr Frobel blieb vor dem schön bemalten Kasten aus imitiertem Leder stehen, bückte sich etwas und warf einen gewichtigen Blick hinein. Und um noch sicherer zu gehen, führte er sein Monoele, das er immer lose in der Westentasche trug, dem rechten Auge zu, das nicht die Sehkraft des linken besass, weil es mit der Zeit durch den ewigen Gebrauch der Lupe bei Besichtigung seiner Münzen stark angegriffen war. Dann meckerte er sein Lachen hervor.

„Wahrhaftig, da liegen die roten Dinger, obendrein zerrissen! Ei, ei, das sollte er wissen, dieser kostspielige Schützling von einst.“

„I—a, das sollte er wissen“, sagte Frau Ernestine gedehnt, während sie einen Blick in die Zeitung warf, um ihre Gleichgültigkeit noch mehr zu bestätigen. Nicht aber konnte sie ihre innere Erregung bemeistern, denn ihre Brust ging stärker als zuvor. Eigentlich hätte sie lachen mögen über die Zumutung ihres einstigen Freundes, sich ihm dicht unter seiner Nase am Orchester zu präsentieren, damit er jede Regung in ihrem Gesicht verfolgen könne und sich sagen dürfe: Sie ist hier, sie hat noch Interesse für mich, sie hat mich noch nicht ganz vergessen . . . Das war einmal. Heute lag ein Abgrund zwischen ihnen, vor dem sie zurückschreckte, denn aus der Tiefe stiegen ekle Dünste empor, die er durch sein schmieriges Verhalten bereitet hatte. Und wenn sie doch noch Neigung zeigte, ihn einmal zu sehen, unbemerkt von ihm, — so folgte sie nur der Neugierde, nur ihr allein.

„Also ists diesmal nichts mit dem Sprichwort: Alte Liebe rostet nicht“, sagte Herr Frobel wieder, durchaus gemütlich. Früher, vor Jahren, als Emmerich noch nicht der tote Mann und ihr Interesse für ihn noch reger war, hatte er sie öfter damit geneckt, und nun erfasste ihn wieder der Spass dazu.

Ernestine warf die Lippen auf. „Nein, damit ist nichts mehr, mein Bester.“ Unaufhörlich überflog sie die Abendzeitung, als interessiere sie diese Unterhaltung nur so nebenbei.

„Er hat sich eigentlich auch nicht danach benommen“, sagte Frobel wieder, blieb dann stehen und bemühte sich, einige wohlgelungene Rauchringe aus seinem Munde zu stossen. Und als er von diesem Spiel genug hatte, trabte er wieder durchs Zimmer und fuhr fort: „Weisst du, liebes Tinchen, wenn du schon keine Lust hast, — ich möchte mir den alten Wunderknaben doch noch mal ansehen, oder eigentlich anhören. Na, beides zusammen. Bin sehr neugierig auf diese Ruine. Willst du?“

„Vergeude doch deine Zeit nicht“, fiel ihm Ernestine ins Wort.

Und ihr Gatte ging sogleich darauf ein. „Eigentlich hast du recht. Man ärgert sich dann noch über sein Geld. Schon genug, dass er uns immer noch in der Tasche liegt. Dir wenigstens. Entschuldige, entschuldige . . . Man liest es ja nachher auch in den Blättern. Wenn er uns nur keinen Besuch macht . . .“

„Er wird doch nicht“, sagte Frau Frobel mit demselben Gleichmut, aber sie bewegte sich unruhig auf dem Sessel. Noch weniger als zuvor las sie jetzt, denn er hatte plötzlich etwas berührt, woran sie schon mit Schrecken gedacht hatte.

„Als was tritt er doch gleich auf? Soeben habe ich es noch gewusst“, sagte Herr Frobel wieder, blieb aufs neue stehen und sann nach.

„Interessiert mich gar nicht, lieber Dietrich.“

Herr Frobel gab sich auch keine Mühe mehr, und da es ihm diesmal wirklich schwer wurde, sein Gedächtnis zusammenzusuchen, so liess er die Kapsel seiner goldenen Uhr springen, tat nun ungemein eilig und verabschiedete sich von seiner Frau, indem er wiederum galant ihre Hand an seine Lippen zog. Dann stolzierte er von dannen. Er hatte aber kaum die Tür hinter sich, als er den Kopf wieder hereinsteckte, denn sein Gedächtnis war ihm inzwischen gekommen.

„Du, ich hab’s jetzt“, rief er ihr zu. „Er singt den Herzog in Rigoletto. War mal seine Glanzrolle im Opernhaus, weisst du noch? Den wird er jetzt hübsch verzapfen . . . Nochmals gute Nacht. Bon soir.“

Dann klappte die Tür wieder.

III

Frau Frobel hatte das Zeitungsblatt sinken lassen und sass nun unbeweglich da, die Hände im Schoss gefaltet, den Blick verloren vor sich gerichtet auf irgend etwas, was sie sah und wieder nicht sah, weil ihre Augen weiter gingen: über die ganze Umgebung hinweg, hinein ins Reich der geistigen Vorstellungen. Kaum hatte sie noch ihres Mannes letzte Worte gehört. Der Harmlose! Wenn er wüsste, weshalb sie diesen Platz hier niemals aufgeben wollte, diesen Sitz im Zimmer, an den alles herantreten musste, was sie berührte; wenn er auch nur ahnte, dass die Furcht sie hier zur täglichen Wache trieb, die Furcht eines ewig zitternden Weibes bei dem zehrenden Gedanken an die geheime Schmach ihres Lebens!

Die stattliche Frau Frobel stöhnte auf, erhob sich und ging mit gesenktem Haupt träge durchs Zimmer. Und während sie diesen Gang machte, sah sie wieder den Abend vor zehn Jahren, wo Emmerich hier vor ihr stand und sie mit versteckten Anspielungen an ihren Sündengang erinnerte, und zwar — es wurde ihr nur zu klar — nur zum Vorteil seines Beutels. Damals hatten diese üblen Gewohnheiten begonnen, und was andere für unbegreifliche Wohltaten hielten, war nur ein Blutopfer, das sie brachte, dem Zwange folgend, nicht dem eigenen Willen. Und sie sah ihn wieder gehen, gleich einem liebenswürdigen Schuft, der in seinem Vorgehen nichts Besonderes fand, vielmehr nur sein persönliches Recht darin erblickte, von ferne mitzugeniessen an einem glänzenden Leben, das ihm versagt bleiben sollte, trotzdem er es hatte mit versüssen helfen. Und sie sah sich danach wie zusammengebrochen auf den Stuhl sinken und hörte sich heisse Tränen weinen, die stillen, heissen Tränen einer doppelt betrogenen, tief verkannten Frau.

Und als das alles jetzt in Ernestinens Seele wieder erwachte, war sie nahe daran, in die gleiche Stimmung zu verfallen; aber sie wollte sich heute nicht unterkriegen lassen, nicht von diesen jämmerlichen Gefühlen, die nach Entlastung schrieen. Weiter tragen diese Bürde, diese sich selbst auferlegte schwere Seelenlast, das sollte nach wie vor der Leitspruch ihres Daseins sein. Um ihres Sohnes willen!

Stark war, wer sich selbst bezwang.

Und Frau Frobel bezwang sich. Sie holte aus ihrer Kleidertasche den Brief Emmerichs hervor, in dem er sie mit pathetischen Worten an die alte, ewige Freundschaft erinnerte und sie bat, seiner „künstlerischen Wiedergeburt“ beizuwohnen, ging an den Majolikaofen in der Ecke, schraubte ihn auf, warf das zusammengeknickte Papier in die Asche und liess es durch ein brennendes Streichholz so lange in Flammen aufzüngeln, bis nichts mehr davon übrig geblieben war. Dann nahm sie die Feuerzange, vermengte noch die Asche und verschloss den Ofen mit derselben Sorgfalt. Und als sie sich dann wieder erhob und tief Atem holte, kam sie sich im Augenblicke nicht nur wie erleichtert vor, sondern auch wie gesäubert von etwas Unreinem, das sie wider Willen mit herumgetragen hatte.

Noch einmal hielt Frau Frobel Umschau im Zimmer auf ihrem Schreibtisch. Sie nahm die Zeitung, drehte die Arbeitslampe ab, ging bis zur Wohnungstür und schaltete die letzte Deckenflamme aus, was sie erst tat, als ihr schon das Licht aus dem anderen Zimmer entgegenflutete. Dann, verriegelte sie auch hier die Tür von innen und setzte zugleich den Knopf der elektrischen Klingel dreimal in Bewegung, was das Zeichen für ihre Ankunft war, wonach denn gewöhnlich alles rebellisch wurde.

Frau Doktor Rumpf, die Hausdame, wurde sichtbar, um noch rasch einige Anordnungen für die Abendtafel entgegenzunehmen. Sie war die alleinstehende Witwe eines vermögenslosen Arztes, eine angenehme, noch nicht alte Dame mit offenem, freundlichem Wesen, aber ohne jede Leidenschaft. Als Frau Frobel einsah, dass sie sich schwer vom Geschäft werde lossagen können, suchte sie nach einer gebildeten Stütze, und so kam sie auf die ihr so warm empfohlene „Frau Doktor“, wie man sie allgemein im Hause nannte, die besonders kinderlieb war und nun schon seit einem Jahrzehnt sich als das Muster einer klugen und treuen Helferin in Alltagsdingen bewährt hatte.

„Es ist heute ein bisschen spät, hoffentlich ist die Gesellschaft nicht unruhig geworden“, sagte sie und ging mit raschen Schritten voran durch den grossen, in Herrenzimmerstil ausgestatteten Durchgangsraum, der in den bis in den Garten hineingebauten Seitenflügel führte. Öde und still lagen die Prunkräume, durch deren offene Türen man hinten einen schwachen Lichtschimmer erblickte, der aus dem Musiksalon kam, wo der Bechsteinflügel etwas suchend bearbeitet wurde.

„Es ist Edda, die sich den Rigoletto vorgenommen hat“, sagte Frau Rumpf. „Herr Frobel erzählte nämlich vor seinem Fortgehen, dass nächstens ein alter Bekannter der Familie darin auftreten werde. Und da hat sie sich gleich darüber hergemacht.“

„Was mein Mann nicht alles anstellt“, sagte Ernestine ärgerlich.

„Herr Günther ist gleich weggeflitzt, ohne was genossen zu haben“, fuhr die andere fort. „Er hatte es wieder sehr eilig.“

„Ja, er hat mich darum gebeten“, sagte Frau Frobel wieder. „Ich glaube, die jungen Herren wollen da irgendwo einen Klub gründen, und da muss man die kleinen Unarten verzeihen.“ Schon seit einiger Zeit gebrauchte sie solche Ausreden, um Günthers spätes Ausbleiben zu entschuldigen.

Statt nach hinten zu gehen, nahm sie nunmehr den Weg nach dem Musiksalon, wobei sie den langen und breiten, ganz hell gehaltenen Korridor, der fast wie ein blendender Saal aussah, durchschritt. Überall sah man weiss lackierte Türen und dazwischen Spiegel in vergoldeten Rahmen, üder denen die Glasbirnen wie riesige Wassertropfen aus dem Metallgerank hervortraten. An grossen Gesellschaftsabenden wurden die Gäste hier von einem Meer des Lichts empfangen, das sich in dem lackierten Glanz wie Sonnenglitzer wiegte.

„Aber Kind, was quälst du dich denn hier ab, du wirst dich erkälten“, sagte Frau Frobel zu ihrer Tochter, zwar vorwurfsvoll, aber doch mit der ganzen Zärtlichkeil einer liebenden Mutter. Und sie nahm Edda das Opernbuch vor der Nase fort und klappte den Flügel sanft zu.

„Aber Ma’chen, ich erkälte mich doch nicht“, schmollte Edda mit ihrer dünnen Stimme, hing sich aber, durchaus nicht böse, sofort an den Hals der Mutter, soweit das bei ihrem zurückgebliebenen Wachstum möglich war, denn sie war klein und niedlich, fast wie eine Zehnjährige; und wenn nicht ihr ausgewachsener Kopf auf breiten, fast gar nicht hängenden Schultern gewesen wäre, so hätte man sie auch dafür halten können.

„Doch, doch, es ist ja hier nicht geheizt“, fuhr Frau Frobel fort und drückte einen Kuss auf das seidenweiche Blondhaar ihres Schmerzenskindes. „Obendrein hast du nur eine dünne Bluse an. Übe doch hinten, da hast du doch dein Klavier.“

„Sei nur nicht böse, Ma’chen, nein? Der Flügel klingt doch viel schöner, und da die Noten nun gerade hier lagen . . . Sieh mal, mir ist gar nicht kalt, fühl mal meine Hände.“

Ein starker Liebreiz sprach aus ihrem Wesen, etwas sein Kindliches, das sofort gefangennahm. Dazu redete ihr grosses Auge, das mitzulächeln schien, wenn die Pupille unter der hellen Wimper beweglich hin und her ging. Überhaupt lachte das ganze Gesicht, sobald die roten Lippen des breiten Mundes sich verzogen und die etwas auseinanderstehenden Zähne weiss hervorblinkten. Sie lachte zu viel und fast immer, wenn man mit ihr sprach, — das war ihr Fehler, aber doch einer, der sie kleidete. Entschieden trug sie die Züge ihres Vaters, was besonders am Profil erkennbar war. Nur den Schädel hatte sie von der Mutter, diesen wohlgeformten Schädel, der sich so prächtig und rund am Hinterkopf ausbaute, wie eine schön gezeichnete Plastik.

„Du irrst dich, deine Hände sind ganz kalt“, sagte Frau Frobel aufs neue zärtlich und rieb ihr die dünnen, weissen Finger. „Komm und wärme dich, du hast viel zu wenig Blut.“

„Kann ich was dafür, Ma’chen? Das sagst du immer. Und Gerhard, der Ekel, nennt mich schon die Blutlose, wenn er mir eins auswischen will.“

„Ja, ein Ekel ist er manchmal, aber nur, wenn er seine unliebenswürdige Laune hat“, beruhigte sie Frau Frobel.

„Aber die habe ich doch nie, liebe Mama“, mischte sich unerwartet Gerhard hinein, der alles vom Nebensalon mit angehört hatte und nun mit seinen Albernheiten zu ihnen hereintrat. Er war länger als sein Vater, glich ihm aber sonst wie ein Ei dem anderen, nur dass bei seinem Entstehen die Schablone etwas verrückt worden war, wodurch der Trottel in ihm sich mehr nach der Richtung ins Übermoderne ausgebildet hatte.

Die Kleine war so erschrocken, dass sie die Hand aufs Herz legte. Dann klagte sie ihn an: „Siehst du, Ma’chen, so schleicht er nun umher und erschreckt die Menschen. Schon vorhin hat er’s so mit mir gemacht.“

Gerhard nahm das gar nicht übel und zeigte nach wie vor seine grossen Hauer, die sich unter dem nach englischer Art gestutzten Schnurrbart etwas sehr afrikanisch ausnahmen. Dazu das infolge des letzten Kopfschmisses durchsichtig geschorene Kopfhaar, der schlecht geheilte Durchzieher auf der linken blauroten Wange, der drei Zoll hohe Stehklappkragen, der seinen Beruf als Röllchen verfehlt hatte, und der degenerierte Korpsstudent war fertig. Natürlich ging er auch schlapp und krumm, weil die ewige Sorge, wie dieses bisschen Dasein wohl zu ertragen sei, ihn niederdrückte; und natürlich suchte er etwas darin, auch in der Kleidung, gleich seinem Alten, den kleinen Lord herauszubeissen, allerdings mit einem bedenklichen Stich ins Gigerlhafte: durch auffallend punktierte Modeweste, durch Stoffjackett, schildpattartig gemustert, und dito Beinkleider, selbstverständlich aufgekrempelt, so dass das schmale, schwarz bestrumpfte Fussgelenk über dem Lackschuh zu sehen war. Beinkleider natürlich mit Bügelfalte, Jackett auf Taille gearbeitet, Weste mit zweireihigen blanken Knöpfen stark in Bedientenmanier, — der ganze Kerl tipp-topp, herausgeschnitten aus dem neuesten Mode-Katalog seines teuersten aller Schneider.

„Aber erlaube mal, Püppchen — umherschleichen!“ zerrte er die Worte hervor, „wie sich das anhört. Tu ich absolut nicht, du bist doch auch wirklich kein Objekt dazu . . . Ich trete mir nur diese neuen Parkettkähne aus, die mir dieser Idiot von Schuster natürlich wieder zu eng gemacht hat. Dieser ganz unheilbare Idiot! Hat so ein Individibum wohl eine Ahnung, was für einen Kulturmenschen die Hühneraugen bedeuten? Nee. Hat er nicht.“

Danach gab er zunächst seiner Mutter zur Begrüssung den üblichen Handkuss, ganz im Galanteriegenre seines Vaters, natürlich auch mit demselben Achtungsbedürfnis, denn er hatte vor ihr denselben heillosen Respekt wie alle in der Familie. Und nun fuhr er in seinen Kehlkopftönen, die noch komischer wie die seines Vaters wirkten, fort, sich über den Schuhmacher zu beklagen, und zwar mit einer Wichtigkeit, als hinge das Wohl der ganzen Welt davon ab. Er gehörte eben zu den Leuten, die über die nichtigsten Dinge einen Vortrag halten können. Was war ihm sein ganzes Jus, was der innere Mensch, wenn der äussere nicht seine Befriedigung erweckte! Aber sein Ärger war liebenswürdiger Art, mehr das hilflose Jammern eines bedauernswerten Menschen, der seine eigenen Sparren nicht kennt.

Frau Frobel, die sich längst an solche einfältigen Klagen gewöhnt hatte, hörte gleichgültig zu und nickte nur.

Edda jedoch, die über das „Püppchen“ aufgebracht war, sah sie mit einem heimlichen Tipp auf die Stirn bezeichnend an. Sie hatte nur die körperlichen Mängel vom Vater, den scharfen Verstand aber von der Mutter. Fortwährend verdrehte sie wie entsetzt die Augen, schöpfte wiederholt Luft, um etwas zu sagen, und platzte endlich in seine Redepause hinein. „Nun musst du es auch noch mal hören, du Ärmste. Und schon zu Günther hat er denselben Salm daraus gemacht . . . Ja, ich sage Salm, weil du immer Püppchen zu mir sagst.“

Wütend sah sie den Grinsenden an und stiess mit dem Fuss auf. „Denkst du denn, ich weiss nicht, was du damit sagen willst? Ich sei zurückgeblieben und ein unbedeutendes Ding! Ein Püppchen setzt man überall hin, wo man will, nicht wahr? Und da muss es warten, bis man sich wieder seiner erbarmt. Aber ich bin gelenkiger, als du glaubst. Obendrein vernünftiger. Pah!“ Verächtlich hob sie die Schultern. „Denk nur nicht, dass ich um ein Paar Schuhe so viel Theater mache.“

Gerhard schüttelte sich vor Lachen. „Aber Püppchen, Püppchen! Du wächst ja ordentlich.“

„Ma’chen, du musst es ihm verbieten“, wehrte sich die Kleine. „Weisst du, was er noch gesagt hat? Ich würde nie einen Mann bekommen.“

„Aber Püppchen, das sagst du doch selbst immer.“

„Dann brauchst du es doch nicht zu sagen.“ Sie war, eingedenk ihrer armseligen Figur, dem Weinen nahe. Aber, sich beherrschend, liess sie die Worte weiter sprudeln. „Ich beschäftige mich doch wenigstens mit etwas, ich erfülle doch schon meinen Zweck. Papa habe ich heute zwei Stunden bei seinen Münzen geholfen. Und wie hat er mich gelobt! Soll ich dir was sagen, Grosser? Lerne von Günther. Gegen den nimmst du dir so was nicht heraus, trotzdem er auch jünger ist als du. Vor dem hast du Respekt. Siehst du, da hast du auch etwas von mir bekommen.“

Gerhard nahm das wiederum nicht übel, sondern lachte ins Leere, gerade wie sein Vater lachte, wenn er sich damit für den Mangel an Worten entschuldigen wollte. Die Hände in den Hosentaschen, stolzierte er durch das Zimmer. „Respekt, Respekt“, echote er dann. „Natürlich habe ich Respekt vor ihm, du Püppchen. Weil er dazu da ist, später das Vermögen zu vermehren. Einer muss es doch tun.“

Frau Frobel hatte genug von diesem Streit, und so ging sie mit ihnen in das Speisezimmer, wo der Tisch bereits gedeckt war.

Geschäftshaus und Wohnhaus stiessen zusammen und waren im ersten Stockwerk mit einem Durchbruch verbunden. In dieser ruhigen Gegend am Kanal, wo man kein Gegenüber hatte, wohnte und lebte es sich so schön, dass man niemals Verlangen nach dem äusseren Westen gezeigt hatte, obwohl man dort mehrere Mietpaläste besass, in denen alle Annehmlichkeiten der Neuzeit zu finden waren. Gerhard hatte zwar schon manchmal darüber gemuckt, heimlich unterstützt von seinem Vater, aber Frau Ernestine liess sie ruhig grollen und umging die Sache immer mit der Ausrede, dass sie selbst in die Nähe des Geschäfts gehöre und erst Günther so weit sein müsse, dass man sich auf ihn verlassen könne. Sie hatte auch sonst noch ihre besonderen Gründe, die aber niemand von ihnen zu wissen brauchte.

Im übrigen brauchte man sich durchaus nicht zu schämen, in einem Hause zu wohnen, das noch von Schinkel erbaut war und in dem sich schon beim seligen Kommerzienrat Minister wohlgefühlt hatten. In den letzten zehn Jahren hatte man nach und nach sechzigtausend Mark hineingesteckt, um der Wohnung grössere Räume zu schaffen und sie neuzeitlicher zu gestalten, und dieses Kapital musste erst wieder abgewohnt werden.

Das war wenigstens Frau Frobels Meinung, die sie gewöhnlich noch durch Bemerkungen ergänzte, dass man ja, wenn sie mal tot sei, machen könne, was man wolle. Ihr Mann lachte dann gewöhnlich und behauptete, sie werde sicher hundert Jahre alt werden. Gerhard jedoch dachte bei sich: Hübsche Aussicht für den Zug nach dem Westen!

Am Tische sass bereits Annemarie, die Dreizehnjährige, ein blasses, spillriges Ding, mit dem Vogelgesicht des Vaters aus dessen späterer Periode, was sich namentlich zeigte, sobald ihre Augen suchend in die Höhe gingen. Mit diesem Kinde hatte man am meisten durchgemacht, denn, obwohl tadellos gewachsen, war es von frühester Jugend au schwach und kränklich gewesen, trotzdem man es fast in Watte gewickelt und ihm die gesundeste Amme gehalten hatte, die man finden konnte. Die Neigung zur Bleichsucht war nicht herauszutreiben. Ewig war sie müde, klagte sie über Kopfschmerzen, so dass man sie wie ein Wesen aus Glas behandelte. Nur vorübergehend hatte sie die Schule besucht, dann war sie wieder ihrer Erzieherin anvertraut worden, die sich abquälte, sie aus ihrer geistigen Trägheit aufzurütteln. Neuerdings trug man sich mit der Absicht, sie auf mindestens zwei Jahre in eine Pension im Süden zu bringen, deren Inhaberin die Frau eines Arztes war, so dass man sie in guter Behandlung wusste. Geheimrat Völckner, der alte Hausarzt, hatte es so verordnet, und deshalb sollte Frobel senior die Reise nach da unten machen und Edda gleich auf ein paar Wochen mitnehmen.

Ewig voll zappelnder Unruhe, wie Annemarie war, hatte sie das Sitzen bereits lästig gefunden, und so lief sie auf ihren Storchbeinen der Mutter mit den Worten entgegen: „Mammi, wo bleibst du denn? Ich verhungere schon.“ Und sogleich knutschte sie die Mutter ab, springend wie ein junger Hund, der sich mit seinem Schnäuzchen durchaus reiben will. Sie sagte immer Mammi, weil sie das süsser als das „Ma’chen“ der Älteren fand.

Jedes der Kinder hatte überhaupt seine besondere Art, sich der Mutter gegenüber zu geben, die sie alle zusammen am liebsten vor Herzlichkeit aufgegessen hätte. Daran war nicht zu zweifeln.

„Und nachher isst du wieder so wenig“, erwiderte Frau Frobel und schickte dann gleich den Diener hinaus, der ihr heute, wo der Hausherr nicht anwesend war, überflüssig erschien. Das war mit Annemarie immer so: sie hatte zuerst mächtig Appetit, und kam dann das Essen auf den Tisch, so war sie auch schon wieder satt.

„Du gehst gleich nachher ins Bett und nimmst dir deine Wärmflasche“, fuhr Frau Frobel fort. „Und morgen, in der Mittagstunde, fahrt ihr wieder spazieren, du und Edda. Wir haben jetzt immer Sonnenschein, das wird euch gut tun, dir ganz besonders, der Geheimrat ist auch dafür. Ihr werdet euch hübsch die Pelzschuhe anziehen.“

„O ja, Mammi.“ Annemarie klatschte in die Hände und benahm sich beinahe dumm vor Freude. Sie war und blieb immer das Baby.

Man setzte sich und begann zu essen. Eines der Hausmädchen trug auf und Frau Doktor gab in ihrer stillen, bestimmten Art die Anweisung, oftmals nur durch einen Wink nach dem Anrichtetisch hin. Man tafelte immer schnell und ohne Aufenthalt, denn jedes war froh, wenn es vom Tisch weg war, weil es seinen Neigungen nachgehen wollte. Am meisten sehnte sich Frau Ernestine danach, denn für gewöhnlich war die Unterhaltung öde und ohne Reiz. Jeder ritt sein Steckenpferd. Der Alte sprach von seinen Münzen, der Älteste erzählte die nichtigsten Dinge, Edda schwieg sich aus, wenn sie nicht gerade einen neuen Roman erwähnungswert fand, und die Jüngste plauderte von ihren Puppen, mit denen sie immer noch so gern spielte, und ärgerte damit die Ältere, die kleiner als sie war und daher mit diesen leblosen Wesen immer verglichen wurde. Und wenn die Mutter und Günther sich über Geschäftsdinge unterhielten, so interessierte das wieder die anderen nicht.

Es kam höchstens Leben in die Unterhaltung, sobald Günther mit seinem Temperament dazwischenfuhr und irgendeine Tagesfrage anschnitt. Denn er interessierte sich auch für alles, was ausserhalb der Kontorfrage lag. Dann fühlte sich Edda besonders hingerissen, und auch der Chefgemahl liess sein Münzthema fallen, während der Erstgeborene seine Gedanken zusammensuchte, um dem Jüngeren seine Weisheit entgegenzuhalten. Er liebte ihn zwar, aber stritt um so mehr mit ihm, weil er die Unterjochung seines bisschen Geistes nicht dulden wollte.

Um so einsilbiger ging es also heute zu, da Günther wieder einmal den Tisch der Eltern verschmäht hatte. Ausserdem war auch Fräulein Assmus, die Erzieherin, nicht anwesend, da sie heute zu Verwandten geladen war. Sie wusste viel, gab, da sie immer aufgelegt zum Sprechen war, der Unterhaltung eine gewisse sachliche Färbung, wodurch dann die Pausen ausgefüllt wurden. Frau Doktor aber sprach am wenigsten, denn sie musste die Augen überall haben.

„Wenn Günther nicht hier ist, weisst du, Mammi, dann ist schon gar nichts los“, meldete sich endlich das „Baby“, nachdem es von dem Braten langsam genug gekaut hatte, als hätte sie Pappe im Mund. Über diesen Geschmack klagte sie immer.

„Zum Piepen ist es“, mischte sich Gerhard hinein, wobei er durch sein Kauen die Worte zerriss. „Dieser Knabe Günther fängt an, uns fürchterlich zu werden. Schneidet uns Abend für Abend. Schliesslich kommt man noch auf den Gedanken, dass er eine heimliche Braut hat. Willst du glauben, Mama?“

„O, Mammi, Günther hat schon eine Braut, hörst du?“ rief die Kleine aus und hüpfte vergnügt auf ihrem Stuhl. „Eine heimliche sogar, Edda, denk nur! Damit zieh ich ihn morgen auf. O ja.“

„Ganz still bist du und plapperst solchen Unsinn nicht nach“, sagte Frau Frobel streng und machte dem Ältesten Vorwürfe, auf solche törichte Dinge zu kommen. Und um sich diesmal selbst zu belügen, sagte sie dasselbe, was sie vorhin zu der Hausdame gesagt hatte.

„Na, an den Klub glaubst du doch selbst nicht“, meinte Gerhard mit dickem Kopf.

„Natürlich glaube ich daran“, sagte Frau Frobel noch bestimmter. „Beruhige dich darüber und gönne ihm die Freiheit. Du hast sie ja von früh bis spät.“

„Das ist nun wahr, Gerhard“, erhob Edda ihre dünne Stimme, um ihm wieder eins auszuwischen. „Vor zehn Uhr stehst du nie auf, und Günther ist der einzige von uns, der den ganzen Tag über arbeitet. Ausser Ma’chen natürlich.“

„Ja, das ist er, deshalb verdient er auch, dass man mehr Gutes von ihm spricht“, sagte Frau Frobel wieder und schloss damit dieses Gespräch.

„Mama, was sagst du denn bloss dazu, dass dieser Emmerich wieder auftritt,“ fistelte Gerhard dann unvermittelt. „Papa sprach vorhin davon. Du, Edda, sprach er nicht davon? . . . Mir war die Geschichte von eurem Protegé, weisst du, schon ganz entfallen. Den hat Grossmama ja wohl berühmt gemacht, nicht wahr?“ Und er unterbrach sich: „Wollen Sie mir mal das Roastbeef herüberreichen, Frau Doktor, ja? Das ist ausgezeichnet heute. Danke, danke . . . Ja, also Mama, wie war doch die Geschichte gleich? Du hast mal für den Sänger geschwärmt, sehr geschwärmt, nicht wahr? Als er noch auf der Höhe stand, nicht wahr? Und dann benahm er sich unfreundlich zu Grossmama, nicht wahr? Ich habe die Chose nicht ganz kapiert, denn — Edda, die Remoulade, sei so gut, — denn Papa war wieder recht zerstreut dabei. Um nicht zu sagen konfus.“

„O, Mammi hat für einen Sänger geschwärmt, denk nur, Edda!“ meldete sich Annemarie wieder und liess die Augen vergnügt nach oben gehen. „Das muss schön sein.“

„Weshalb soll Mama nicht mal für einen Sänger geschwärmt haben“, diente ihr Edda altklug. „Das ist doch gar nicht etwas so Besonderes. Das tun viele junge Mädchen. Manche verschiessen sich sogar in die Tenöre und schreiben ihnen Liebesbriefe.“

Annemarie wollte in die Luft gehen vor Erstaunen. „Mammi, hörst du? Was Edda alles weiss!“

Edda nickte grossartig. „Dass Claire Rüter das getan hat, das weiss ich bestimmt. Die hat es mir selbst erzählt. Sie hörte nämlich den Don Juan mit d’Andrade und war rein futsch in ihn.“

„Claire Rüter! Hör doch nur, Mammi. Sie hat schon Liebesbriefe geschrieben“, rief Annemarie abermals aus und drehte pfiffig das Vogelgesicht, während sie unter dem Tisch mit den Beinen strampelte.

„Dann hat sie es gewiss als dummes Gänschen getan und verdiente eine ordentliche Lektion von ihrer Mutter“, sagte Frau Frobel ruhig.

„Allerdings war sie noch ein dummer Backfisch,“ sagte Edda wieder, die ganz verkrümelt zwischen Mutter und Schwester sass. „So wie du zum Beispiel, Anne.“

„Na, das verbitt’ ich mir nun doch“, sagte die Jüngste durchaus entrüstet. „Weisst du! Ich kann schon mehr Staat machen als du.“

Gerhard brachte verschiedene Lachtöne hervor, ohne aber die Worte zu finden, weil er nach einer bedeutsamen Bemerkung suchte. Endlich aber kam doch seine Meinung zum Vorschein. „Was sagen Sie dazu, Frau Doktor? Sind das nicht ganz moderne Mädels?“

„Dazu gehört wohl noch ein bisschen mehr“, erwiderte Frau Rumpf mit ihrer kalten Gemessenheit.

„Das meine ich auch“, sagte Frau Frobel bestimmt. „Sie plappern, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Das ist die einzige Entschuldigung. Lassen wir das Thema ruhen.“

Zum Glück kam auch Gerhard darauf nicht mehr zurück, denn seine Gedanken, soweit er welche hatte, jagten wieder, leider aber kreuz und quer. Er hatte plötzlich entdeckt, dass seine Handmanschetten neuerdings nicht mehr die mittlere Steifheit zeigten, wie er sie sich in letzter Zeit gewünscht hatte. Und so liess er sich darüber mit Frau Doktor in eine längere Erörterung ein, die fast einer wichtigen Zeitfrage glich. Er beklagte sich wie ein Kind, das immer dieselben Worte gebraucht. Alsdann fiel ihm ein, dass er noch ins „Weihenstephan“ an der Potsdamer Brücke müsse, wo er an diesem Abend seinen Stamm hatte. Alle wussten das zwar bereits, aber es gab ihm doch wieder Gelegenheit, seiner Mutter auseinanderzusetzen, wer alles da sei: drei Korpsbrüder, zwei Leutnants auf Kriegsakademie, mehrere Zivilisten und besonders Herr von Eixling, „sein Freund“, der neuerdings seine eigenen Pferde laufen lasse. Dieser Herr von Eixling kehrte immer wieder, sobald er auf die Gesellschaft zu sprechen kam.

So waren sie bald fertig mit der Tafelei. Und als man sich dann erhoben hatte und Frau Frobel auf Minuten allein war, kam ihr die Bemerkung der Jüngsten zum Bewusstsein: Ja, es war immer langweilig, sobald Günther nicht am Tische sass. Heute hatte sie es mehr denn je empfunden.

IV

Zwei Tage später fuhr Frau Frobel ins Theater des Westens. An diesem Abend machte es sich gerade so, dass ausser den beiden Mädchen niemand von der Familie zu Hause war: und so konnte sie allen Fragen entgehen und das Coupé mit den Karossiers Punkt halb acht vorfahren lassen, ohne auf Gesellschaft rechnen zu brauchen. Am anderen Tage konnten sie ruhig erfahren, wo sie gewesen sei; nur heute wollte sie allein sein, — allein sein mit der herben Sehnsucht einer gealterten Frau, die mit geschlossenen Augen über eine morsche Brücke fährt, nicht wissend, was passieren wird. So wenigstens malte sie sich dieses Bild aus, als sie endlich, in ihren warmen Abendpelz gehüllt, in der Ecke des Wagens sass und die schwarzen Bäume des Ufers an ihr vorüberhuschten. Die Fahrt ging den langen Kanal entlang, dem Kurfürstendamm zu, wo dann der Wagen links abzubiegen hatte.

Was wollte sie eigentlich? Weshalb fuhr sie hin? Warum begab sie sich auf diese Brücke, die sie doch nur einem öden Ufer mit abgestorbenen Resten entgegenführen musste?! Frau Frobel, von einem Eingeweihten gefragt, hätte nicht gewusst, was sie darauf erwidern sollte; sie war eben nur einem Entschluss gefolgt, den man ausführt wie hundert andere, nur um sich selbst zufriedenzustellen. So sagte sie sich, und so wollte sie es sich einreden. Aber während sie sich auf weichen Gummirädern wiegte und ihr Auge immer wieder hinaus irrte in den dunklen Winterabend ohne Schnee, wo die Lichter im schwarzen Wasser aufblitzten und wieder verschwanden, hin und wieder eine weisse elektrische Kugel in die Finsternis hineingellte, spukhaft erleuchtete Fenster am anderen Ufer vorüberzogen, tiefe Schatten unter klaffenden Brücken die Unterwelt gähnen liessen, Wagenflämmchen kümmerlich dahinschossen, ohne dass man kaum die Pferde vor ihnen sah, und menschliche Schatten vorüberflatterten, — da musste sie an eine ähnliche Fahrt vor vielen Jahren denken, fast denselben Weg entlang, aber nicht im eigenen Wagen, sondern in einer Droschke zweiter Klasse, die ihr bei ihrem Sündengang gerade über den Weg gelaufen kam.

Damals war es im Mai beim warmen Sonnenstrahl eines Spätnachmittags. Die ganze Natur stolzierte im Frühlingsstaat; Bäume und Sträucher waren mit zartem Grün besteckt, die Bläue des Himmels wiegte sich im Wasser, die Nachtigall flötete ihr Lied hinaus, und die Leute lachten in die Welt hinein. Mutter Erde liess überall die frischen Triebe spriessen, und die Menschen fühlten sich mitgerissen davon, wie sie, Ernestine Frobel, sich hinreissen liess, dem Lockrufe desselben Mannes zu folgen.

Damals zwang sie ihr heisser Sinn, heute aber nur ihr Verstand. Es musste so sein, denn ihr Herz schlug ruhig, nicht wie in jener Stunde unter dem stürmischen Drang sehnlichster Erwartung. Oder war es nicht einmal der Verstand, der sie hinführte, um sich selbst auf ihre Festigkeit zu prüfen, sondern nur die Neugierde, zu sehen und zu hören, was eine ausgebaute Ruine noch für einen Eindruck machte? Oder vielleicht gar nur die Klugheit, mit der man einer Gefahr begegnen will?

Frau Frobel bewegte sich unruhig und warf sich zur Abwechselung in die andere Ecke des Wagens. Ja, so war es, ihr Gefühl sagte es ihr: es war nur die Klugheit, der sie folgte; vielleicht war auch die Neugierde dabei, dann aber doch nur in geringem Masse.

Sie sah noch den Lützowplatz im weissen Schimmer seiner vielen Laternen an sich vorüberhuschen, dann schloss sie die Augen, um sich einen Seelenschlummer vorzutäuschen. In ihren Gedanken aber, die unheimlich munter blieben, kehrte immer wieder die Frage zurück: Weshalb fährst du hin, warum hast du dich in deinem Gleichmut stören lassen? Und plötzlich fühlte sie ihr Herz so unruhig schlagen, dass sie nach Luft schnappte und den Pelz aufriss, weil ihr unheimlich warm wurde. Aber es war ein Zustand, den nur ihre Einbildung geschaffen hatte: die Angst hatte sie wieder aufgestört, die Furcht vor etwas Niederträchtigem, das ihr begegnen könnte. Deshalb folgte sie seinem Rufe, deshalb nur allein! Und sie kam sich wie eine Spionin vor, die den Gegner umschleichen will, um aus seiner Miene auf seine Angriffsfähigkeit zu schliessen.

Das war das Tragische in ihrem Leben: dass sich die Liebe des anderen in Feindschaft verwandelt hatte; nicht in jene offene, für die grosse Naturen ihr Leben einsetzen können, sondern in eine kleinliche und niedrige die im geheimen die Seele mordet und sie ohne Aufschrei verbluten lässt.

Und Frau Frobel hätte doch so gern einmal aufgeschrieen, um sich Luft zu machen im namenlosen Leid.

Ein Zug donnerte über die eiserne Stadtbahnbrücke, unter der der Wagen hindurchfuhr, und gleich darauf war sie im Theater. Der livrierte Türhüter sprang hinzu, öffnete den Schlag und half ihr höflich hinaus. Sonst sass noch der Diener mit auf dem Bock, um eilig herunterzuspringen und seine Pflicht zu tun, — heute hatte sie ihn zu Hause gelassen, um überflüssiges Aufsehen zu vermeiden. Rasch rief sie dem Kutscher, der mit der Hand am Hut salutierte, ein paar Worte zu; dann rauschte sie die Stufen hinauf und durch die Vorhalle, vorbei an den wenigen Menschen, die dort umherstanden. Denn es war noch früh, und man drängte sich nicht gerade zu diesem Theater, das als Kunststätte in diesem Jahre nicht auf der Höhe stand. Und obendrein befand man sich im Weihnachtsmonat, der die Menschen auf andere Gedanken brachte.

An der Garderobe angelangt, hatte sie es nicht mehr so eilig. Langsam legte sie ihren Pelzmantel ab, und ebenso gemächlich löste sie das Kopftuch. Dann streifte sie sich die wollenen Überhandschuhe von den zarten, weissen Glacés, steckte sie in den Mantel, nahm die silberne Panzertasche, die ihr den Pompadour ersetzte, und trat vor den nächsten Spiegel, um sich das Haar ein wenig glatt zu drücken. Eigentlich aber geschah es nur, um sich rasch einer Musterung zu unterwerfen. Sie war keine eitle Frau, war es auch nie gewesen; heute jedoch hatte sie die Empfindung, als müsste sie sich noch einmal besonders prüfen, bevor sie sich unter das Publikum mischte. Eine Art Selbstkritik lockte sie dazu, der sich Frauen so gern unterwerfen, die sich ihrem einstigen Geliebten nahe fühlen und befürchten, plötzlich von ihm unter die Lupe genommen zu werden. Obgleich das nun Frau Frobel nicht zu befürchten hatte, fragte sie sich doch, ob sie sich noch sehen lassen könne. Und sie war mit sich zufrieden. Zwar hatte sie nicht grosse Toilette gemacht, wie sie es sonst zu tun pflegte, sondern nur ein elegantes Tuchkleid angelegt, aber sie war vom Kopf bis zu den Füssen die Dame der Gesellschaft, deren guten Geschmack man schon aus der diskreten Farbenzusammenstellung erraten konnte.

Ja, sie „machte“ sich noch; selbst in der Taille noch die so schön herausgearbeitet war. Mit Vergnügen strich sie darüber hinweg. Die gut erhaltene Frau von achtundvierzig Jahren stand vor ihr, deren frisches und molliges Gesicht unter dem noch dunklen Haarbau das Alter Lügen strafte. Wie klar noch ihr Auge war, wie fast rosig noch ihre Lippen sich wölbten, wie wenig erst die Krähenfüsse sich bemerkbar machten! Andere hätten sie mehr gesehen, Frau Frobel sah in diesem Augenblicke nur so, wie es die Einbildung ihr vorschrieb. Wie weiss ihr Hals noch war, wie fest sich ihre Schultern rundeten: und wie gerade und stolz ihre Haltung war! Sie lächelte sich an und sah die noch wohl erhaltenen, echten Zähne blitzen, auf deren Pflege sie immer so viel gegeben hatte. Ja, ihre kräftige, gesunde Natur hatte sich von all dem inneren Leid nicht unterkriegen lassen, sondern hatte sich eher daran gestärkt, wie die Flamme aufleuchtet, wenn sie sich selbst verzehrt.

Würde sie so noch Eindruck auf ihn machen, wenn er sie sähe? Sie wusste, dass es dumm von ihr war, diese Frage aufzuwerfen, aber es machte ihr Vergnügen, sich ein paar Augenblicke in diesen Gedanken zu wiegen.

Ein ödes Gesicht tauchte hinter ihr auf, das seinen Seehundsbart mit zwei Bürsten zu bearbeiten begann: und so war der schöne Spuk vorüber.

Frau Frobel ging und sah sich die Lage der Parkettloge an, in der sie einen Vordersitz hatte. Der biedere Herold, darauf bedacht, dass seiner Frau Chef jedenfalls damit gedient sein werde, möglichst unauffällig und doch standesgemäss der Vorstellung beizuwohnen, hatte sich einfach das Adressbuch mit dem Theaterplan vorgenommen und ihr zu diesen Plätzen geraten, was sie dankbar anerkannt hatte. Sie liess die noch leere Loge öffnen, warf einen Blick hinein und ging dann in das Foyer hinauf, denn es fehlten noch zehn Minuten an acht. Stolz liess sie die kurze Schleppe hinter sich herrauschen. Oben, in dem glänzenden Saal, wollte sie ein wenig Umschau halten, ob sie nicht irgendwie ein bekanntes Gesicht sähe, aber vergeblich spähte sie unter den wenigen Menschen.

Sie trat ans Büfett und trank ein Glas Bier, denn sie hatte Durst. Dann ging sie auf der anderen Seite hinunter und liess sich die Loge aufschliessen. Noch befand sie sich allein, und wenn sie richtig voraussah, so würden die übrigen Plätze wohl auch leer bleiben, denn das Parkett wies grosse Lücken auf, trotzdem das erste Klingelzeichen bereits gegeben war.

Frau Frobel, noch im Hintergrunde sitzend, überflog rasch den Theaterzettel, auf dem sie nur unbekannte Namen fand. Dann nahm sie an der Brüstung Platz, der Dinge harrend, die da kommen würden. Nichts von einer besonderen Teilnahme war zu merken, die man sonst einem beliebten Gast entgegenzubringen pflegt. Kein festlich gestimmtes Haus wogte, keine erregte Unterhaltung ging durch die Reihen. Gemächlich kam man herein, ebenso interesselos setzte man sich und starrte den Vorhang an. Die meisten hatten wohl keine Ahnung davon, was für Erinnerungen sich mit dem Namen Emmerich verknüpften, der unten mit den drei üblichen Sternen als Gast verzeichnet war. An diesem Theater kamen und gingen die neuen Namen, sodass das Interesse daran bereits erloschen war. Nur hin und wieder sah man einen Herrn mit einem markanten Kopf stehen, dem man das Unbehagliche seines Kritikeramts schon an der langweiligen Miene ansah. Eine träge Schwüle lag über den Köpfen, etwas von einer Kunst-Gleichgültigkeit nach der erschlaffenden Arbeit des Tages, die nun auf einen gewaltigen Anstoss wartete, um sich zum Geniessen emporzuraffen.

Frau Frobel warf sich in ihren Sessel zurück und tat einen grossen Atemzug, der nur der Ausdruck ihres Unbehagens war, wohl auch ihrer stillen Angst um den Mann, der nach langer Vergessenheit den Mut gefunden hatte, sich nochmals auf die trügerischen Bretter zu wagen, die, ach, doch eigentlich nur das Brot des Künstlers bedeuteten.

Und sie sah den Abend im Opernhaus vor mehr als zwei Jahrzehnten vor sich, wo es funkelte, glänzte und gleisste von schönen, mit Brillanten besäten Frauen in ausgeschnittenen Kleidern, von Uniformen mit Gold und Orden, von Samt und Seide in Parfüm geschwängerter Luft, durchleuchtet von einem Meer des Lichts, als tout Berlin gekommen war, sich an einem neu entdeckten Tenor zu berauschen.

Damals ein blendend aufgegangener Stern, heute das letzte Verpuffen seiner Schnuppen. Sie ahnte es.

Die Ouvertüre war vorüber. Der Vorhang ging in die Höhe, und Frau Frobel liess ihr scharfes Glas nicht mehr von den Augen. Andere mochten sich an dem bunten Festbild erfreuen, aus dessen Menuettranken allmählich Rigoletto als Hauptperson herauswächst, — sie sah und hörte nur immer den einen, der vorerst durch sein prächtiges, weisses Atlasgewand mehr auffiel als durch seinen Gesang. Unzweifelhaft verfügte er noch über eine Erscheinung, die sich mit Anstand auf der Bühne zu bewegen verstand, obgleich er jetzt, da er dicker und fetter geworden war, fast zu gross für seine Umgebung erschien. Auch sein Gesicht passte nicht mehr zu dem jungen Herzog, aber das durfte man bei einem Sänger übersehen. Denn in einer Oper schlägt das Ohr das Auge tot. Und obgleich auch die Beine steifer werden, wenn das Alter kommt: die Szene ist eine Elektrisiermaschine, durch die selbst die ältesten Knochen wieder munter werden. Und hier handelte es sich um einen Mann, noch in den besten Jahren. Frau Frobel rechnete es sofort aus. Er war vier Jahre älter als sie, also war er zweiundfünfzig. Alle Achtung also vor seinem jugendlichen Feuer. Wenn nur dieses Feuer auch aus seiner Kehle käme; aber da drin musste es böse aussehen, denn es prasselte nicht in hellen Funken, sondern rang sich mühsam hervor, wie durch ein verstopftes Loch.

Die Verwandlung kam und mit ihr das Liebesduett, in dem er endlich aus sich herausgehen musste.

Jemine, wie sang er, wo war der Schmelz der einst herrlichen Stimme geblieben! Sie sah ihm an, wie er sich quälte, wie er die Kehlkopftöne herausholte, um zu täuschen. Fortwährend schöpfte er Atem zu neuer Kraft. Dabei klang die Stimme schwach, als käme sie von einem Zwerge und nicht von diesem starken Mann, der sich früher seiner gewaltigen Lunge rühmen durfte.

Wie hatte er es einst hiuausgejubelt, dieses: „Liebe ist Seligkeit, ist Licht und Leben . . .“ Und wie hatte er Ohr und Herz damit entzückt. Ja, auch das Herz! Frau Frobel liess das Glas sinken, blickte vor sich hin und lauschte nun wie traumverloren. Wenn sie auch den Sänger nicht sehen wollte, so wollte sie wenigstens den Text hören, von dem sie jedes Wort auswendig wusste . . . „Liebe gewährt uns himmlische Freuden, um die selbst die Engel uns beneiden“, hörte sie ihn deutlich singen. Unwillkürlich schloss sie die Augen und erleichterte sich durch einen stillen Seufzer.

Damit hatte er sie damals gefangen, als ihre Liebe erst Schwärmerei gewesen war; und er hatte ihr es wieder vorgesungen, als sie schon Frau war und in unbezähmbarer Sehnsucht ihm in die Arme lief. In ihrem Gedächtnis aber wurde nur immer die andere Stimme wach, die weiche und einschmeichelnde, die zauberischschöne, mit der er alles aus ihr herausgeholt hatte, was herauszuholen war; nicht diese Afterstimme da oben, die ihr Lungenblech für echtes Silber ausgab. Und doch erfasste Weh ihre Seele, denn in dieser Ruine schlummerten die Erinnerungen an ihre Mädchenträume, an die schönsten Jahre ihres Lebens. Sie hätte weinen mögen, nur wusste sie nicht recht: sollte es über sich oder über den Mann da vorn geschehen, der seinem Wrack noch so volle Segel geben konnte, ohne es von der Stelle zu bewegen.

Der Vorhang fiel. Man klatschte zwar, aber es war mehr der Beifall des Anstandes als der Wärme. Man sah es: Die Handlung ergriff, und Rigolettos Schicksal riss die Seelen mit. Irgendwo knallten ein paar hohle Hände so auffallend lange, bis der Gast vor der Gardine erschien und, die Hand auf der Brust, sich mit Anstand nach rechts und links verneigte. Der Beifall wurde nun stärker; er war gleichsam die Quittung für das todesmutige Opfer. Ein mächtiger Lorbeerkranz mit blutroter Schleife wurde aus der anderen Loge auf die Bühne geschoben und so lange hingehalten, bis der „Herzog von Mantua“ ihn mit süsslichem Lächeln ergriff, zur Mitte zurückkehrte und sich aufs neue in Verbeugungen erging, die all die stummen Beteuerungen enthielten, die er wohl am liebsten zur Feier dieser „Wiedergeburt“ ausgesprochen hätte. Nichts Fürstliches haftete ihm mehr an, — es war nur noch der Theatermann, der bekränzte Tenor, der mit einer gewissen Gönnermiene das Ruhmesgemüse entgegennahm.

In diesem Augenblick, als er noch immer seine Handbewegung machte, trotzdem das Publikum sich bereits erhob, um zu Bier und Schinkenstullen zu schreiten, kam er ihr einfach dumm vor, und sie begriff nicht, wie sie sich jemals in diesen Menschen hatte verlieben können. Dann, als ein starkes Zischen den Beifall durchschnitt, redete sie sich ein, Mitleid mit ihm empfinden zu müssen. Und der einsame Kranz, sicher von ihm selbst bestellt, hatte etwas Symbolisches für sie: er erschien ihr gleichsam als die einzige Liebesgabe, auf das Grab seiner letzten Hoffnung gelegt.

Auch Frau Frobel trat in den Wandelgang hinaus, um sich ein wenig Bewegung zu machen und bei dieser Gelegenheit dem Logenschliesser den Auftrag zu geben, ihr rechtzeitig die Garderobe zu besorgen.

Vor ihr gingen zwei Herren, von denen der eine entrüstet sagte: „Dass man so ein Unvermögen noch aus der Versenkung zieht, — mir schleierhaft. Man belästigt ja geradezu das Publikum damit. Es geht mir durch und durch, wenn ich so ein vergebliches Ringen sehe.“ Fortwährend zuckte er mit den Schultern, während sein ergrauter Strubbelkopf hin und her ging.

„Konnte er denn überhaupt mal etwas“, fragte der andere, ein noch junger Mann mit glattem Scheitel.

Der Alte blieb stehen und hob die Nase. „Aber ich bitte Sie — Emmerich, Emmerich! Der Name war ein Programm. Ganz Berlin lag ihm zu Füssen. Bis er sich die Stimme versaute.“

Frau Frobel hatte genug und kehrte um, denn nichts Neues bekam sie zu hören. Wohl aber merkte sie, dass dieser alte Herr mit der blitzenden Brille einer von denen sein werde, die ihrem verflossenen Freund das Wiederauftreten für ewig verleiden würden.

Als sie dann wieder ihren Platz eingenommen hatte, schreckte sie zurück. In einer Loge des ersten Ranges, auf der linken Seite, sah sie ihren Mann sitzen, der nach der anderen Seite hinüberwinkte. Und als sie dieser Richtung folgte, erblickte sie den Ältesten, der noch stand und den Gruss gigerlartig mit einer Handschwenkung erwiderte. Beide mussten soeben erst gekommen sein, denn noch vorhin hatte Frau Frobel die Logen mit ihrem Glase abgestreift, ohne ein bekanntes Gesicht zu sehen. Ihr Zusammentreffen hier hatte einen ganz natürlichen Grund. Als Herr Frobel von seiner Frau gehört hatte, dass sie das Theater nicht besuchen werde, hatte es ihn im stillen gereizt, seine Neugierde zu befriedigen. Ganz ebenso hatte es sich Gerhard ausgedacht, und so war jeder auf eigene Kappe erschienen, um nun doch die „angenehme“ Enttäuschung zu erleben. Es fiel aber Gerhard gar nicht ein, die Gesellschaft seines Vaters zu teilen, trotzdem der Platz neben dem Alten leer war; und auch dieser schien keine Neigung zu haben, neben seinem Ebenbild zu sitzen. Und so blieb jeder in seiner Loge, als gehörte es sich so und nicht anders. Das kam daher, weil jeder zu sehr die blöden Redensarten des anderen fürchtete, wonach dann weiter nichts als Langeweile zu erwarten war. Es war gewissermassen die stille Abneigung zweier Verwachsenen, die den eigenen Buckel nur fühlen, wenn sie einen anderen vor sich sehen. Der Vater konnte sich nicht erklären, weshalb gerade der Älteste sich so trottelhaft zeigte, und dieser wiederum fand es unerhört, dass man ihm nachsagte, er arte nach seinem mit einem geistigen Defekt behafteten Vater. Die natürliche Folge davon war, dass sich jeder für klüger als der andere hielt und über dessen Torheiten mitleidig lächelte. Überdies ging jeder gern allein seinen Abenteuern nach, und das gab den Rest.

Als Ernestine, die sich rasch in die zweite Reihe der wirklich leer gebliebenen Loge gepflanzt hatte, nun zu ihrer Lorgnette griff und sie so beide, die natürlich ganz in full dress waren, sitzen sah wie zwei Fremde, deren gegenseitige Anteilnahme nach der Begrüssung erschöpft ist, hätte sie am liebsten lachen mögen, wenn die Geschichte nicht gar zu traurig gewesen wäre. Und sie dachte an dasselbe Spiel zu Hause, wo sie immer freundlich taten, ihre Verbindlichkeitsphrasen erschöpften, sobald man in der Familie oder gar mit Gästen zusammen war, sich dann aber bei der ersten Gelegenheit den Rücken zukehrten, um die Schablone zu verdecken.

Der letzte Akt kam und mit ihm die berühmte Kanzone, die durch ihr Tempo die Zuhörer immer mitzureissen pflegt. Und welcher Mann hätte nicht schon voll Überzeugung ihren Text hinterhergesummt:

„O wie so trügerisch sind Weiberherzen,

Mögen sie klagen, mögen sie scherzen,

Oft spielt ein Lächeln um ihre Züge,

Oft fliessen Tränen. Alles ist Lüge!“

Als Emmerich das mit der Routine des alten Sängers mit forcierter Stimme hinaussang, beinahe noch erträglich, sah Frau Frobel durch ihr Glas, wie er es mit einem gewissen Groll der rechten Loge zuschleuderte, wo die beiden leer gebliebenen Sitze endlich von Personen aus dem Hintergrunde besetzt worden waren. Er musste schon längst entdeckt haben, dass sie dort nicht anwesend war, und so wollte er wenigstens noch auf diese Weise seinen Gefühlen Luft machen.

Auch dieser Schmerz ging vorüber. Und als der Vorhang zum letztenmal fiel, hatte man den Herzog, also auch den Gast, schon vergessen, und nur der grausige Schmerz Rigolettos um seine Tochter wirkte noch nach. Er kam zwar wieder als Erster zum Vorschein; jedoch klatschte man nur, als Rigoletto neben ihm erschien. Und diesmal wurde ein Riesenständer mit Blumen dem Gast emporgereicht, nach dem er hastig langte, wohl in der Meinung, der nun wieder zur Fassung gelangte „Vater“ könnte sich daran vergreifen. Noch einmal regten sich wohlmeinende Hände, dann hatte die Herrlichkeit des Abends ein Ende.

„Der Schmaus ist aus,

Man geht nach Haus,“

hörte Frau Frobel einen Witzbold vor sich im Parkett sagen und ein Lachen von seinem Begleiter dafür einstecken. Dann erhob auch sie sich, ohne jedoch denselben Humor zu empfinden. Der Logenschliesser stand bereit, ihr den Mantel umzuhängen; und diesmal beeilte sie sich, fertig zu werden. Denn inzwischen hatte sie sich die Sache überlegt: sie wollte ihren Mann und den Ältesten am Ausgang empfangen, um mit ihnen gemeinsam irgendwo zur Nacht zu speisen, oder doch wenigstens mit ihrem Manne, falls Gerhard es vorziehen sollte, allein weiterzubummeln. Heute hatte sie Lust, ein Glas Sekt zu trinken, schon um die Meinung der anderen über das „Ereignis“ zu hören.

Sie fürchtete das Alleinsein und sah sich schon in einer unruhigen Nacht von Gespenstern der Vergangenheit verfolgt. Um so besser wäre es, wenn sie durch Betäubungsmittel für einen guten Schlaf sorgte. Überdies empfand sie eine gewisse moralische Verpflichtung, sich gerade heute ihrem Gatten einmal mehr als sonst zu widmen, um dadurch im geheimen etwas gutzumachen, wie oftmals schon, wenn ihr Fehltritt seinen schwarzen Schatten in ihr Gewissen warf. Dann war es öfters ein liebes Wort, ein Streicheln seines Gesichts oder irgendeine Verzeihung seiner kleinen Seitensprünge, wodurch sie ihn zu einem glücklichen Sterblichen machte. Die gealterte Löwin spielte mit dem alten Kater und erweckte in ihm die Einbildung, dass er eigentlich der Stärkere sei, weil er die meisten Mätzchen mache. Und der Herr Chefgemahl machte seine Mätzchen ordentlich und fühlte sich so beglückt in seinem Viveurtum, dass er aus dem Meckern nicht herauskam und sich vorübergehend wirklich als Herr fühlte. Und am anderen Tage wurde er doch wieder kaltgestellt. Denn Frau Ernestine hatte ihre Schwäche überwunden, sah wieder die Sonne über sich scheinen, sah wieder ihren blühenden Günther lachen und fühlte wieder stark die Zügel in ihren Händen.

Sie stand ein Weilchen im Vorraum, als sie auch schon ankamen: erst der Alte, beinahe im Sturm, und dann der Sohn, gemächlich und abgezirkelt wie immer, weil er Eile für nicht vornehm hielt. Dafür ging er aber geduckt wie ein alter Mann, weil das für hohe Reife sprach. Natürlich kamen sie aus zwei verschiedenen Türen: der eine durch die linke und der andere durch die rechte. Denn das gehörte sich so: dass sie jetzt erst recht auseinanderblieben, um sich in ihren Absichten nicht zu stören.

„Ich sah dich schon, liebes Tünchen, ich sah dich schon“, schmetterte der Alte los und zog wie immer ihre Hand an seine Lippen. Seine Freude war unverkennbar, und am liebsten hätte er sich wie ein Triesel gedreht. „Das kann ja noch fidel werden, ganz fidel. Hast du den Wagen bestellt?“

Nein, sie hatte ihn nicht bestellt, aus Gründen, die ihr im Augenblick nicht ganz klar gewesen waren. Vielleicht hatte ihr irgend etwas Unberechenbares im Kopfe gelegen, weshalb sie sich später mit einer Droschke zufrieden geben wollte.

„Ich glaubte sicher, einen von euch hier zu finden“, redete sie sich aus. „So schlau wie ihr seid, bin ich auch.“ Und sie fügte hinzu, dass sie erst in letzter Stunde ihre Absicht geändert habe.

„Du, das ist eigentlich ein feiner Witz, uns so gegenseitig zu überrumpeln“, sagte Dietrich wieder.

Gerhard war inzwischen herangekommen, dummes Erstaunen im Gesicht, das dann aber seinem aufgescheuchten Lachen wich. Und er freute sich gleich dem Alten. Wenn die geliebte Mama dabei war, dann allerdings . . . Dann brauchte man sich nicht zu mopsen, recte abgestandene Lebensweisheiten zu hören, die an Idioterie grenzten. Die gute, frische Mama — was sie für kleine nette Überraschungen bereitet hatte und wie gut aufgelegt sie heute war! Von deren Unterhaltung konnte man immer profitieren.

Also los!

Pulsuz fraqment bitdi.

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