Kitabı oxu: «Was ist Ruhm?»

Şrift:

Max Kretzer

Was ist Ruhm?

Ausgewählte Werke

Mit einem Vorwort von Thomas Schäfer

Roman

Saga

Was ist Ruhm?

Copyright © 1905, 2017 Max Kretzer und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711502815

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

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SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

I.

An einem Abend des Jahres 1890 erregte ein sonderbares Fuhrwerk die Aufmerksamkeit der Passanten im verkehrsreichen Westen von Berlin. Ein Handwagen mit Bretterwänden, der vollgepfropft mit allerlei Gerümpel war, aus dem ein Modellierbock seine drei Beine in die Luft streckte, um das Herabrutschen der Gipsbüste einer Venus zu verhindern, wurde von einem schmächtigen, jungen Mann, Mitte der Zwanzig, gezogen, der als Laterne eine Papierdüte trug, in die man ein Licht gesteckt hatte. Hinten schritt der ältere Genosse, der, in der Linken eine kleine Petroleumlampe haltend, mit der Rechten kräftig nachhalf, sobald der Deichsellenker schwach zu werden drohte.

Der grosse Oktoberumzug war im Gange, und so mussten sie sich wiederholt an riesigen Möbelwagen vorbeiwinden, aus denen noch kurz vor Toresschluss die letzten schweren Stücke in die Häuser getragen wurden. Namentlich in der Potsdamer Strasse, wo das Leben allgewaltig brandete und die Pferdebahn alle Augenblicke ihre Warnungsklingel ertönen liess, war das Leiten des Gefährtes mit einer gewissen Gefahr verbunden, die durch das ungewohnte Amt des Führers noch erhöht wurde. Wenn sie sich dann glücklich wieder seitwärts an der Bordschwelle des Bürgersteiges befanden und einige Augenblicke anhielten, um Luft zu schöpfen, kamen sie sich mit ihren Habseligkeiten wie verkrümelt vor beim Anblick der glänzenden Möbel, die noch umherstanden, bevor kräftige Arme sie verschwinden liessen. Sobald dann die Träger die bleiche Venus erblickten, die, aufgepflanzt und von Stricken gehalten, mit ihren leeren Augen das Licht der Laternen auffing und das einzig Wertvolle bei diesem Wohnungswechsel zu sein schien, fielen derbe Witzworte, die auch die Heiterkeit der Vorübergehenden erweckten. Die Damen musterten die Gruppe und vergnügten sich lächelnd daran, was Lorensen, dessen noch milchbärtiges Gesicht von dem Lichtstumpf rötlich beleuchtet wurde, Veranlassung gab, seine breiten, gesunden Zähne zu zeigen und ihnen vertraulich zuzunicken, als gehörte er eigentlich in ihre Gesellschaft und hätte sich heute nur einen Jux gemacht, den Ziehhund zu ersetzen. Trotzdem er sich auf den ersten Blick als der Zartere von beiden erwies, war er doch der Keckere, sozusagen der Himmelstürmende, der den Lorbeer bereits in der Tasche hatte und die bewundernde Welt zu seinen Füssen sah. Gleich einem Rastelbinder trug er die Krempe des weichen Filzhutes weit heruntergestreift, weil er das Bedürfnis gefühlt hatte, sich hier, wo die Atelierzigeuner zu Hause waren, ein wenig unkenntlich zu machen.

Kempen war straffer und untersetzter, mit seiner Ruhe im schon vollbärtigen Gesicht mehr der Gegensatz zu der Lustigkeit des andern, der um Worte nie in Verlegenheit geriet und gern schwatzte, wo es eigentlich gar nicht notwendig war. So wurde Lorensen auch jetzt wieder lebhaft, als sie in die Steglitzer Strasse einbiegen wollten, wo ihr Dach ihnen winkte; er blieb aufs neue stehen, so dass der Wagen einen Ruck bekam, und wischte sich unter dem gelüfteten Hut den Schweiss von der Stirn, wobei eine Fülle hellblonden Haares sichtbar wurde; denn nicht nur die Anstrengung hatte ihn warm gemacht, sondern auch der milde Abend, der noch nichts von der Kühle des Herbstes verriet. Während des ganzen Tages war Berlin von der Sonne des Spätsommers durchzogen gewesen, deren Abglanz noch immer von den Mauern der riesigen Steinkasten ausgeschwitzt wurde, so dass der Dunst zwischen den Häusern lag. Lichtnebel wogte in der Ferne, der wie ein Niederschlag der ewig rastlosen, dampfenden Stadt sich mit den Menschen fortbewegte, gleichsam wie von ihnen mitgeschleppt.

„So treck doch man weiter“, sagte Kempen unwillig. Solange sie unterwegs waren, hatte er in seiner Verschlossenheit immer dasselbe geknurrt, weil ihm die Glocke der alten Lampe Sorge machte. Sein grauer Hut sass ihm wie ein Fez auf dem Kopfe und passte nicht recht zu dem kurzen, schwarzen Rock, der ihm etwas Schulmeisterliches gab.

„Ja, das sagst du so, Hermann,“ fiel der andre mit seiner holsteinischen Gemütlichkeit ein und setzte ihm auseinander, dass seine rechte Schulter durch den Strick bereits weich wie Ton geworden sei. Ganz unten auf dem Wagen lag eisernes Rüstzeug, dessen Schwere sich besonders fühlbar gemacht hatte. Plötzlich fing Lorensen an zu blasen, denn die Papierdüte ging in Flammen auf und erregte das Wohlgefallen einiger Jungen, von denen der eine lustig „Gross-Feuer“ rief. Ärgerlich, mit verbrannten Fingern, liess er den Lichtstumpf zur Erde fallen und trat die Flamme aus.

„Das hast du wieder mal gut gemacht! Guck doch nicht so viel nach den Mädels,“ brummte Kempen aufs neue und richtete die Venus wieder in die Höhe, die sich allmählich auf die Nase gelegt hatte. Hinten fielen Blechgefässe heraus, die mit einem Halloh von der hilfreichen Jugend aufgehoben wurden. Schon wollte man ohne Laterne weiterfahren, als sich drohend ein Schutzmann nahte, mit jenem berühmten Griff nach dem Taschenbuch, der den Schrecken aller Kutscher bildet. Kempen setzte ihm ihr Pech auseinander und holte zugleich zehn Pfennig aus seinem Portemonnaie hervor, die er Lorensen zu einem neuen Licht gab, denn dieser verfügte niemals über Geld, weil er leichtsinnig veranlagt war und daher dem stets nüchternen und sparsamen Hamburger die gemeinsame Kasse überlassen musste. Hurtig hatte sich Lorensen den Strick von der Schulter gestreift und suchte mit den Augen nach einem geeigneten Laden, innerlich erbost über die Knickrigkeit des Freundes, denn gern würde er gesehen haben, dass er ein grösseres Geldstück empfangen hätte, um rasch seinen Durst durch ein Glas Bier zu löschen, wie er es bei ähnlichen Gelegenheiten zu tun pflegte.

Ein halbwüchsiges Mädchen aus der Schar der Neugierigen erbot sich, ihm gefällig zu sein. Flugs legte sie ihr Paket auf den Wagen und eilte fort, um schon nach wenigen Minuten wieder zur Stelle zu sein. Aufgeweckt wie ein frühkluges Berliner Volkskind, hatte sie sich sofort eine durchsichtige Düte geben lassen und überreichte Lorensen die neue Laterne fix und fertig, die er nun vergnügt in Brand setzte, wobei er das hübsche, frische Gesicht der Kleinen mit den Augen des Künstlers betrachtete.

„Du bist ja mal ’n nettes Ding,“ knurrte Kempen mit seiner höchsten Liebenswürdigkeit und musterte sie ebenfalls, aber mit reinerem Blick als der andere, der in jedem hübschen Gesicht nur das Modell sah und alles, was dazu gehörte. „Wie heisst du denn?“ fügte er mit harmloser Neugierde hinzu und opferte ein zweites Streichhölzchen, um den Tabaksrest in seiner kurzen Holzpfeife zu entzünden.

„Klara Munk,“ erwiderte sie und machte einen leichten Knicks, was sich wie einstudiert ausnahm. Und als sie mit geschärftem Blick sofort erfasst hatte, dass sie hier keine gewöhnlichen Arbeiter vor sich habe, sondern bessere Leute, die auf alle Fälle Bildung besassen, liess sie lächelnd die Frage los, ob sie dem „Herrn“ vielleicht die Lampe abnehmen und ein Stück Weges tragen dürfe. Sie würde es gern tun und hätte Zeit, wenn es nicht gar zu weit wäre. Etwas wie Bedauern sprach aus ihren Zügen darüber, dass diese beiden Männer noch spät am Abend sich so quälen müssten.

„Lass sie, Hermann, sie bringt uns Glück,“ sagte Lorensen lachend und spannte sich wieder an die Deichsel. „Man jut, dass uns keen altes Weib über’n Wej jeloofen is.“ Manchmal suchte er etwas darin, die Sprechweise des niederen Berliners anzuwenden, was sich in seinem singenden Tonfall sehr merkwürdig anhörte.

„Pfui, wie gewöhnlich spricht der,“ dachte die Kleine und wurde schwankend in ihrer besseren Meinung. Erst Kempen, der in gut gewähltem Hochdeutsch dankend die Begleitung annahm und ihr die Lampe reichte, stimmte sie wieder um. So bogen denn alle drei links um die Ecke, dem stilleren Teil der Steglitzer Strasse zu, der in der Nähe der Eisenbahn liegt. Es war nicht mehr weit bis an ihr Ziel; schon nach fünf Minuten machten sie vor einem Durchschnittshause Halt, das aus älterer Zeit stammte und weder Balkon noch Erker zeigte. Da es bereits auf zehn ging, so griffen sie kräftig zu, um ihr Eigentum in das vierte Stockwerk hinaufzutragen, wo sie bei einer Witwe ein grosses, zweifenstriges Zimmer gemietet hatten. In dem breiten, ausgefahrenen Torweg standen Bewohner des Hinterhauses, die von der Abendluft noch nippen wollten. Lorensen nahm die Venus vom Wagen, drängte sich durch und schritt als erster die etwas unsaubere Treppe hinauf, die von zirpenden Gasflämmchen nur schwach erhellt war. Die Schönheit musste vorangetragen werden, das leuchtete ihm ein. Ein altes Weib, das er mit der weissen Larve erschreckt hatte, lachte hinter ihm her. Dann hörte er, wie oben eine helle Kinderstimme rief: „Mutta, die Kinstler kommen!“

Frau Lemke, eine kleine Person mit breiter Taille und aufgeschwemmten Zügen, aus denen aber gutmütige Augen sprachen, stand mitten in der erhellten Flurstube und begrüsste freundlich die neuen Mieter; aber schon beim zweiten Gange der Freunde wurde sie misstrauisch, denn vergeblich wartete sie auf Koffer und Kisten. Und als dann Kempen wiederum beladen die Stufen nahm, hörte er sie durch die offene Tür mit Lorensen keifen: „Nein, nein, das geht nicht! Wenn Sie keine Sachen haben, dann kehren Sie nur gleich um. Sie wollen wohl einen Stall aus meiner Wohnung machen? Wenn ich das nur geahnt hätte!“ Sie hatte erst jüngst schlimme Erfahrungen mit einem Möblierten gemacht, und so schüttete sie rücksichtslos ihren Ärger aus. Schon, als sie zum Fenster hinauslag, war sie verwundert darüber, dass diese Herren wie die Knechte ihren Wagen selbst schoben und statt der Herrlichkeit Lumpen und Eisen mit sich führten.

„Aber erlauben Sie mal, beste Frau,“ muckte Lorensen laut auf. „Das verstehen Sie nicht, hier steckt enormer Wert drin. Unsere Modelle sind unbezahlbar. Die Büste allein kostet hundert Mark. Warten Sie nur erst ab.“ Er schnitt gern auf, und so versuchte er, sie mit seinen Worten zu betäuben, die endlich in dem Satze gipfelten: „Wir haben eine Zukunft, liebe Frau, eine grosse Zukunft!“

Klara Munks helle Stimme klang dazwischen: „Aber das sind ja Künstler, das müssen Sie doch sehen. Die sind anders wie gewöhnliche Menschen.“ Ohne erst viel zu fragen und als verstünde es sich von selbst, hatte sie wacker Hand mit angelegt und hinaufgetragen, was ihre schwachen Arme vermochten.

„Gehörst du vielleicht auch dazu?“ fiel ihr Frau Lemke spöttisch ins Wort.

„So halb und halb,“ erwiderte sie lachend.

Lorensen blickte auf, konnte aber nicht mehr fragen, denn Kempen kam und beruhigte Frau Lemke, indem er ihr mit seiner trockenen Würde auseinandersetzte, dass sie durchaus nichts zu befürchten habe. Sie seien anständige und ehrliche Leute, die zwar keine Reichtümer besässen, aber doch so viel verdienten, um eine brave Frau nicht schädigen zu brauchen. Und um seinen Worten Nachdruck zu verhelfen, zählte er ihr sofort die Miete in harten Talern auf den Tisch; dann bat er, ihnen für heute etwas Petroleum abzulassen, damit sie ihre Lampe füllen könnten. Und um ihr Zimmer brauche sie nicht zu fürchten; es seien ganz reinliche Dinge, die sie hier trieben, dafür bürge er. Sie würde sich bald überzeugen, dass sie sehr gut mit ihnen auskäme, denn sie wollten nichts umsonst haben.

Sein gesetztes Wesen, das dem des andern so sehr widersprach, gefiel ihr, und so strich sie vergnügt das Geld ein, was ihr im Augenblick die Hauptsache war; dann hatte sie wieder freundliche Worte bereit und erfüllte sofort die kleinen Wünsche der beiden.

„Na, und du?“ knurrte Kempen das Mädchen an, als die Wirtin hinaus war. „Was sind wir dir denn schuldig?“

„Freundliche Behandlung,“ erwiderte sie lachend, wobei ihre Zähne blitzten.

Er wollte ihr einen Nickel schenken, sie aber dankte mit den Worten, dass es gern geschehen sei.

„Na, dann scher dich nach Hause,“ brummte er, ohne es böse zu meinen.

Die Tür stand noch offen, und so nahm sie ihr Paket und wollte hinausflitzen. Lorensen jedoch hielt sie zurück. „Nimm doch einmal die alte Schute vom Kopf,“ rief er ihr zu, und als sie ohne Ziererei seinen Wunsch erfüllt hatte und nun lächelnd den Hut mit den roten Bändern hin und her schwenkte, riss er seine blauen Augen, die sonst immer etwas müde unter den Lidern lagen, gross auf. Er sah einen schön gewölbten Scheitel, der sich in dem Glanz der saftigbraunen Haare wiegte, das zusammengeknotet üppig über den Nacken fiel. Kleine, anliegende Ohrmuscheln leuchteten zart auf diesem dunklen Grunde, und die Läppchen unten drängten sich nur wenig hervor, zerflossen fast in der weichen Fülle des schlanken Halses. Die Nasenflügel waren vielleicht etwas zu breit, aber sie stimmten zu den vollen Lippen des prachtvoll geschnittenen Mundes. Überall die keuschen Linien der knospenden Jugend, die aus dem Frühling in den Sommer hinein wächst.

„Hör mal, du bist ’ne hübsche Kröte,“ sagte Lorensen mit der Offenheit eines Künstlers, der seine Erfahrung hinter sich hat und nicht viel Umstände macht. Zudringlich fasste er sie am Zopf, Kempen aber fuhr erbost dazwischen. „Lass das, und du mach endlich, dass du dich verziehst. Sonst kommst du schliesslich nicht mehr ins Haus.“

„Ach, ich hab ’n Schlüssel,“ gab sie mit Unschuldsmiene zurück, brennend rot geworden durch die Schmeichelei des Blonden.

Lorensen lachte laut; Kempen aber knirschte ärgerlich mit den Zähnen, denn der Weiberhass packte ihn wieder, der ihm um so notwendiger erschien, je mehr er Beweise für die frühe Verderbtheit dieses Geschlechts bekam, das er niemals hatte verstehen lernen.

„Was ist denn dein Vater?“ forschte Lorensen weiter. Und als sie erwiderte, dass er tot sei, dass ihre Mutter aber für feine Leute Wäsche wasche und plätte, fügte er grossspurig hinzu: „Na, dann bist du ja gerade an die richtige Adresse gekommen.“ Und er schrieb sich ihre Wohnung auf und liess sie gehen. Mit einem Knicks gab sie jedem die Hand und schritt dann hinaus, gefolgt von Kempen, dem nun einfiel, dass der Wagen auf dem Hofe untergebracht werden müsse. Neugierig blieb sie unten stehen, bis er sein Werk verrichtet hatte. „Ja, bist du denn gar nicht fortzukriegen?“ sagte er gutmütig. „Solltest du Schelte kriegen, dann beruf dich nur auf uns.“

„Ach, Mutter schimpft nicht, die kennt mich schon. Ich bin selbständig,“ erwiderte sie mit einem gewissen Stolz und lief dann eilig davon.

„Ein richtiges Berliner Mädel,“ dachte Kempen und stieg nun wieder die Treppe hinauf, auf der das Gaslicht gerade verglimmte.

Oben hatte Lorensen sämtliche Fenster aufgerissen, um die muffige Luft, die noch in den Tapeten steckte, durch frische Luft zu ersetzen. Nun stand er in Hemdsärmeln mitten im Zimmer, umringt von dem Durcheinander ihres armseligen Daseins, wie jemand, der nicht weiss, wo er zuerst mit dem Aufräumen anfangen soll.

„Du, Hermann, das ist ’n Kopp, was? Der muss nächstens ’ran. Da ist Weichheit drin, so ’ne Linie hinten, weisst du, die so —. So was ist furchtbar echt.“ Wenn er nicht den richtigen Ausdruck fand, aber etwas ganz Besonderes sagen wollte, dann wandte er diese Schlussredensart an, die, hart ausgesprochen, etwas Komisches in sich barg, was noch dadurch verstärkt wurde, dass er mit dem gebogenen Daumen krampfhaft Luftlinien beschrieb, als striche er bereits vom weichen Ton etwas ab, um die Form herauszubekommen.

„Ach, dir stecken bloss die Weiber im Sinn,“ knurrte Kempen, und sofort schwebte ihm sein „Löwenkämpfer“ und sein „Gefesselter Prometheus“ vor — die beiden zukünftigen Meisterwerke, die er in kleinen Tonskizzen längst entworfen hatte und die ihm dereinst Geld und Ehren bringen sollten, sobald er in der Lage wäre, sie auszuführen.

„Jeder nach seiner Art, Hermann,“ wandte Lorensen ein und bat sich „auf ein paar Züge“ die Tabakspfeife des Genossen aus, da ihm die seinige heute früh zerbrochen war. Und mit Genuss paffend fuhr er fort: „Lass man — weibliche Puppen werden heute am meisten verlangt. Wir müssen erst ’s Tiergartenviertel haben, das ist die Hauptsache. Ein halbes Dutzend Nymphen, und wir sind schöne raus. Dann kommt erst das Grosse, das furchtbar Echte.“

„Ich seh dich auch noch als Kitsch-Meier enden,“ stiess Kempen wieder zwischen den Zähnen hervor, kniete nieder und schnürte einen grossen, alten Karton auf, in dem sich ihre Sonntagsanzüge befanden. Und während er sie glatt strich und in den einfachen Mahagonischrank hängte, vergnügte sich Lorensen über diesen Zornesausbruch, von dem er wusste, dass er weniger dem Künstler in ihm galt, als seiner leichten Auffassung von dem vorläufigen Schwimmen mit dem Strom. So plänkelten sie manchmal, wenn ihre Naturen sich zeigten, die aber den festen Freundschaftskitt nicht brechen konnten.

Frau Lemke kehrte zurück, stellte eine Flasche mit Petroleumrest neben das brennende Licht auf der alten, noch zugeklappten Waschtoilette, warf einen bedeutsamen Blick auf die schmokende Pfeife des Blonden, wobei sie an die frisch gewaschenen Gardinen dachte, und wünschte mit freundlichem Lächeln gute Ruhe. Sie sah den offenen Schrank mit den Kleidungsstücken, in dem sogar zwei lange Mäntel hingen, und ging nun mit der stillen Genugtuung einer stets um ihr Wohl besorgten Wirtin, die einen kleinen Trost mit sich nimmt. Alte, gefüllte Pappkartons erschienen ihr plötzlich wertvoller, als grosse Koffer, in denen nichts drin war.

Wirtschaftlich wie immer machte Kempen die Lampe zurecht, zündete sie an und blies das Licht aus, um zu sparen. Dann legte er ebenfalls seinen Rock ab und rührte abermals die Hände, um rasch ein wenig Ordnung zu schaffen. Wenn die neue Herbergsmutter am andern Morgen den Kaffee brachte, sollte sie einen besseren Begriff von dem „Kunststall“ bekommen, als am Abend vorher. Er säuberte mit einem Lappen den dreibeinigen Bock und stellte ihn vor das eine Fenster; nässte die Leinwand um den Klumpen Modellierton frisch an und brachte ihn in einer Ecke unter; hob die Venusbüste auf das Mahagonispind und breitete die Arbeitshölzer auf die wacklige Kommode unter dem Pfeilerspiegel aus. Die Skeletteisen wanderten in den Schrank, wo sie einstweilen von dem zukünftigen Gebrauch träumen konnten. Dann liess er die kleinen, zusammengetrockneten Tonmodellskizzen auf dem ovalen Tisch eine Reihe bilden, wickelte sorgsam die wenigen Gipsabgüsse klassischer Hände und Arme aus und legte sie auf das ausgesessene Sofa. Am andern Tage sollten sie die Wände zieren, um den Eindruck dieses Philisterzimmers würdiger zu machen. Eine Kiste mit gewöhnlichem Werkzeug, mit Töpfen und Blechgefässen verschwand unter der einen Bettstelle; und auch der freie Raum der andern musste es sich gefallen lassen, mit ähnlichen Dingen gefüllt zu werden.

Während dieser ganzen Zeit liess Lorensen ihn ruhig gewähren. Er hatte sich längst daran gewöhnt, dass Kempen das alles besser ohne ihn machte, viel sauberer und schneller, ohne Anspruch auf Hilfe. Höchstens, dass er ein paar gute Lehren austeilte, die aber nicht beachtet wurden. Der Blonde stopfte sich die Pfeife aufs neue, ging im Zimmer auf und ab und legte sich hin und wieder zum Fenster hinaus, um die Gegend zu studieren; dann schritt er an sein Jackett, das auf einem Nagel am Türrahmen hing, nahm einen Brief heraus, setzte sich und las ihn, wie er es an diesem Tage bereits mehrmals getan hatte.

So fand ihn Kempen, als er mit dem Gröbsten fertig war und nun einen grossen Berg Papier, Stroh und alte Lumpen in den Ofen hineinstopfte, den er sich unergründlich wünschte. „Na, es geht dir wohl wieder nahe, wie?“ stiess er pustend hervor, als er die letzte Arbeit glücklich verrichtet hatte und sich nun die Knie rieb. „Lies doch das Zeugs nicht mehr. Was will sie denn noch? Hübsche Sache, wenn es mal von dir heisst: „Er war Bildhauer, und sie hatte auch nichts.“

Über derartige eigene Scherze lachte er gern zuerst, und so gab er jetzt mit Vergnügen, kurz und bissig, auf diesem Wege seine Weiberfeindschaft zu erkennen, wobei er die Lampe auf einen anderen Platz stellte; denn er empfand das Bedürfnis, Wasser in die Schüssel zu giessen, um sich die zwar kleinen, aber derben Hände zu waschen, deren Finger mit breiten Nägeln die Merkmale der Arbeit zeigten.

Es handelte sich um eine Liebschaft Lorensens in Lübeck, der er schon vor längerer Zeit ein Ende gemacht hatte, an die er aber heute durch einen acht Seiten langen Brief erinnert worden war.

Schliesslich aber kniffte er das Schreiben wieder zusammen und heftete die blauen Augen vor sich auf die Diele; dann erhob er sich mit einem Ruck, zerriss die Bogen und sagte dabei wie aufgescheucht aus einer Beklemmung: „Das wollen wir uns noch ein bisschen beschlafen, Hermann. Erst aus diesem Luderleben heraus, das wäre wohl wichtiger, dächt ich.“

Kempen stand mit weit zurückgestrichenen Hemdsärmeln mitten im Zimmer, trocknete sich die Hände und stiess dann hervor, während er sich auch das Gesicht abrubbelte: „Nur nicht zu früh hängen bleiben, mein Junge. So ein Kerl wie du, der eine grosse Zukunft hat! Wenn du nur willst, dann kannst du schon was. Was für Feinheiten siehst du, verflucht noch mal! Wenn du nur endlich deine Schwäche lassen könntest! Sieh den Kunstgegenstand im Weibe, weiter nichts, das allein führt zur Grösse. Schlimm genug, dass wir Künstler ohne sie nicht fertig werden. Na, ich meide sie so viel als möglich, das weisst du ja. Das habe ich immer dir überlassen.“

„Jajaja,“ war alles, was Lorensen, nun schon gähnend beim Auskleiden, hervorstiess. Er kannte diese ewigen Redensarten des sonderbaren Menschen, der in seiner Jugend niemals Freude gehabt hatte, dessen ganzes Leben Entbehrung gewesen war und der die Enthaltsamkeit eines Spartaners besass.

Beide kannten sich schon aus ihrer Knabenzeit. Lorensens Vater war ein kleiner Beamter in Neumünster mit gutem, ehrlichem Auskommen. Kempens Mutter hatte als arme Witwe lange in demselben Hause gewohnt, bis sie wieder nach Hamburg zog, wo sie ein besseres Fortkommen zu haben glaubte. Hermann kam in eine Drechslerwerkstatt und musste sich frei lernen. Zugleich mit ihnen siedelte Fritz über und wurde als Holzbildhauer in die Lehre gebracht, weil er Neigung dazu hatte. Er lebte einigermassen gut bei Verwandten, während der andre saure Wochen durchmachen musste. Lorensen hielt es nur ein Jahr aus, dann ging er nach Lübeck zu einem Meister, wo Gipssachen fabriziert wurden. Kempen dagegen frass sich glücklich bis zum Gesellen durch. Vier lange Jahre stand er dann in einem Keller und drechselte immer dasselbe eintönige Zeug, um seine kränkliche Mutter mit ernähren zu helfen. Während dieser Zeit aber hatte sein bildhauerisches Talent sich entwickelt. Schon als Junge war er ein Kneter gewesen, der aus Brotkrumen und Wachs allerlei Figuren formte, bis er zum ersten Mal weichen Ton in die Hände bekam, wodurch ihm ein neuer Horizont aufging. Mit der Zähigkeit des begabten Menschen, dem der Vater weiter nichts als den gesunden Organismus hinterlassen hatte, stahl er sich die Freistunden ab, um seinen brennenden Kunstdurst zu stillen und zugleich die Lücken seiner Bildung zu überbrücken. Er besuchte die Fortbildungsschule am Sonntag, sass beim Lichtstumpf die halben Nächte über Büchern und sah in trostloser Einsamkeit ein fernes Paradies vor Augen.

Eines Tages tauchte Lorensen wieder vor ihm auf, der endlich seinen Vater breit geschlagen hatte und nun zu seiner weiteren Ausbildung auf dem Wege nach Berlin war. Als er die Kunstversuche des Freundes erblickte, in denen bereits die Klaue des Löwen sich zeigte, fand er zuerst vor Erstaunen weiter nichts als sein berühmtes: „Das ist furchtbar echt;“ dann aber war es für ihn eine ausgemachte Sache, dass Hermann sofort die Tretmühle verlassen müsse, um mit ihm zu fahren. Es wäre eine Sünde, ein Verbrechen an der heiligen Kunst, wenn er sein Talent verkümmern liesse! In Berlin würden sie sich schon durchstümpern, und er leiste einen Schwur, alles mit ihm zu teilen.

Er hatte bare dreihundert Mark in der Tasche, und so machte er mit seinem Versprechen gleich den Anfang. Für die Mutter Kempens wurde der Unterhalt auf einen Monat im voraus bestritten, was Hermann gern annahm, denn er hatte sich im Augenblick auch ferner sein festes Ziel gesteckt: in Berlin neben der Kunst die Arbeit nicht zu vergessen. So würde er dem Freunde bald alles vergelten können.

Sie fuhren also los, hinein in die verschleierte Zukunft.

Ein Jahr lang besuchten sie die Modellierklasse der Berliner Akademie, bis dann Lorensen in ein Meisteratelier ging, während Kempen der Gehilfe eines alten Bildhauers wurde, der zeitweilig von seinen vielgenannten Kollegen Aufträge erhielt, die er allein in seiner Scheune aber nicht bewältigen konnte. Der verschlossene Hamburger, der bereits bärtig wie ein Vierzigjähriger war und sich ein wenig unter den Jünglingen genierte, hatte bald herausbekommen, dass die akademischen Formen nicht für ihn geschaffen seien, und so klopfte er bei Walzmann an, dem halb verkommenen Genie, der nur arbeitete, wenn er Geld brauchte, die übrige Zeit sich jedoch dem Alkohol ergab. Hier konnte Kempen lernen und dabei auch verdienen, denn in der Heimat sass noch immer das Mütterchen, das von den Sorgen des Sohnes nichts erfahren durfte. In solchen Arbeitswochen blieb Walzmann durchaus nüchtern; er schloss sich dann in seinem „Müllkasten“, wie er das Atelier nannte, gänzlich von der Aussenwelt ab, um die Lieferungsverträge pünktlich innehalten zu können, die seine Auftraggeber mit ihm gemacht hatten. Ein gewisser Paragraph brachte ihn um einen Teil seines Lohnes, sobald er rückfällig zu werden drohte; und das gab ihm die jämmerliche Kraft, in Enthaltsamkeit auszuharren.

Während Lorensen zu einem Professor ging, um sorgsam eine Sprosse der Kunstleiter nach der andren zu nehmen, machte sich Kempen an jedem Morgen in aller Frühe wie ein Handwerker auf den Weg, um erst des Abends auf der gemeinsamen Bude mit dem Freunde zusammenzutreffen; und gleich einem Scharwerker brachte er an jedem Sonnabend seinen Lohn nach Hause, der dazu beitrug, die beiden notdürftig über Wasser zu halten, denn Lorensens Vater konnte nur einen geringen Zuschuss leisten.

So standen die Dinge, als die Freunde sich genötigt sahen, ihre Wohnung in der Nähe des Schiffbauerdammes aufzugeben, nachdem ihr dortiger Wirt, ein Kellner, erklärt hatte, die „Schweinerei“ nicht mehr ertragen zu können. Lorensen war allerdings in der Ausnutzung des Hofzimmers in letzter Zeit ein wenig zu weit gegangen. Eines Sonntags, in den Ferien, während Kempen im Zoologischen Garten weilte, um Löwenstudien zu treiben, hatte er sich ein bekanntes weibliches Modell der Akademie kommen lassen und ungeniert seine „Eva in Scham erglüht“ lebensgross zu modellieren begonnen. Das war der Ehehälfte des biederen Serviettenschwenkers zu viel, da sie sich obendrein in ihren Reizen zurückgesetzt fühlte. Sie schlug Lärm bei ihrem Manne, und die Folge davon war, dass der zum Leben erweckte Ton wieder sein feuchtes Klumpendasein führen durfte und die Stubengenossen nach einer gastlichen Stätte für ihren Ehrgeiz sich umsehen mussten. Da es bei Meister Walzmann nichts mehr zu tun gab, so machte Kempen den Vorschlag, die vierzehn Tage bis zum Umzug in der Heimat zu verbringen, wogegen Lorensen nichts einzuwenden hatte, schon aus praktischen Gründen, weil das Leben zu Hause nichts kostete.

Frisch gestärkt, mit gebräunten Wangen, war man wieder zurückgekehrt, hatte sich einen Wagen geliehen und die kühne Fahrt nach dem Westen gemacht.

II.

Gleich am Abend des zweiten Tages fanden sich sonderbare Gestalten bei ihnen ein, um die neue Bude einweihen zu helfen. Als erster klopfte Schmarr an, ein kleiner verwachsener Mann mit einem auffallend grossen Kopf, der stets eine Satyre bereit hatte, sobald der breite Mund mit den schlechten Zähnen sich öffnete. „Na, wollt Ihr Eure Ehe immer noch fortsetzen?“ fragte er sogleich mit einer Anspielung auf die bereits sprichwörtlich gewordene Unzertrennlichkeit der beiden und reichte jedem von ihnen seine lange Pfote, die dürr und knochig aus dem zu kurzen Ärmel ragte.

Dieser von der Natur so stiefmütterlich behandelte Mensch, der fast hässlich wirkte, aber wunderschöne, grosse Augen hatte, suchte etwas darin, seiner Kleidung einen kokett-künstlerischen Anstrich zu geben, was sich namentlich in den bunten, auffallend punktierten Selbstbindern zeigte, deren geschwungene Schleifen schmetterlingsartig in riesiger Ausdehnung auf dem Rockkragen lagen. „Ich hörte doch irgendwo, Ihr wolltet Euch endlich scheiden lassen, weil Kempen Absichten auf seine alte Waschfrau habe. Junges Gemüse hat ihm ja nie geschmeckt.“

Um seine Witze anzubringen, erdichtete er immer das Hörensagen. Kempen brummte nach seiner Gewohnheit, Lorensen jedoch lachte hell auf, angesteckt von der Lustigkeit, die dieser Spötter immer hereinbrachte, dessen eigentlich tiefes Gemüt in köstlichen Kindergruppen zum Ausdruck kam, die sozusagen seine Spezialität waren. Seine Doppelbüste „Singende Knaben“ hatte ihm ein Studienjahr nach Rom eingetragen, von dem er noch immer wie ein Weltreisender zehrte. Dreimal war diese Gruppe von ihm verkauft worden, was mit einem gewissen Zunftstolz von seinen Freunden erzählt wurde.

Maler Blankert, dünn und hochaufgeschossen, umschlottert von seinem ewigen Pelerinenmantel, für den, weil er viel zu kurz und zu eng war, Lorensen die Bezeichnung „Talentwindel“ erfunden hatte, meldete sich zugleich mit dem beweglichen, unverwüstlichen Musiker Nuschke, der, kaum die Tür hinter sich, einen täuschend ähnlichen Trompetentusch hervorbrachte und dann seine Gelenkigkeit bewies, indem er mit dem rechten Bein über eine Stuhllehne setzte. Ein sogenanntes verrücktes Huhn, besass er die Gabe, die verschiedensten Instrumente nachzuahmen, was namentlich zwerchfellerschütternd wirkte, wenn er die Klarinette dudelte.

Beide wurden mit einem Halloh empfangen. „Ja, Kinder, habt Ihr denn immer noch kein Klavier?“ fragte Nuschke sofort, was er jedesmal tat, sobald er die Bildhauer besuchte. „Das wird ja bald strafwürdig von Euch. Pfui Teufel, seid Ihr unmusikalische Menschen. Ihr geht in kein Konzert, in keine Oper, und wenn ich Euch dann mal ein bisschen Schliff durch meine neueste Komposition beibringen will, dann verlangt Ihr, ich soll die Suppe bei Euch blasen; und die gibt’s nicht mal. Schmarr, ist das ’ne Gesellschaft, was? Gipsbolzen sind’s. Ton kennen sie, aber an Gefühl für Töne mangelts.“

Und während der Verwachsene wieherte vor Wonne, prüfte Nuschke, der stets patent gekleidet ging, vorsichtig die Stühle auf ihre Reinlichkeit, denn wiederholt war es vorgekommen, dass er aus der früheren Bude der beiden sichtbare Zeichen ihres Kunstmaterials mit davongetragen hatte.

„Sag mal, wo schindest du denn jetzt fremde Schlafstellen?“ fragte Blankert den kleinen Bildhauer, von dem alle wussten, dass er, da er kein rechtes Heim hatte, in den Ateliers der Jungen herumnassauerte, wo er bald hier, bald dort etwas modellierte, das er dann zu verkaufen versuchte. „Ich habe mir ein paar Sohlen abgelaufen, um dich zu suchen.“

Schmarr blickte gewohnheitsmässig in schiefer Richtung zu dem Langen empor. „Wieso, wolltest du mich anpumpen?“ gab er ruhig zurück, sicher der Wirkung seiner Worte. Im Innern von Trauer erfüllt über seine Lage, stimmte es ihn stets ärgerlich, sobald man ihn zu offen daran erinnerte. „Ich kann solch einem unsicheren Kantonisten unmöglich längeren Kredit gewähren,“ fuhr er durchaus ernst unter dem Heiterkeitsausbruch der übrigen fort . . . . Du malst ja schon seit zwei Jahren an deiner Auferweckung des Lazarus. Sämtliche Toten werden inzwischen lebendig, darunter die zwölf Droschkenkutscher, die als Modell unter deinem Pinsel gestorben sind.“ Nun konnte er nicht mehr an sich halten, und so schüttelte er sich förmlich vor Lachen.

Der Maler stimmte vergnügt mit ein, denn trotzdem sich die beiden zeitweilig auf diese Art rieben, waren sie sich doch sehr zugetan, und man sah sie oft brüderlich vereint in den Strassen wandern, was sich sehr komisch ausnahm, wenn der Kleine den Langen untergehakt hatte und von diesem fast mit fortgeschleift wurde. Blankert legte seinen fadenscheinigen Dallesmantel ab (diese zweite Bezeichnung dafür hatte Nuschke erfunden) und faltete ihn mit einer Sorgfalt zusammen, als hätte er teuren Sammet zu behandeln. Dabei sagte er wieder in seiner geschraubten Sprechweise, die ihm etwas Überlegenes geben sollte: „Nein, nein, diesmal irrst du dich, mein Kleiner. Ich habe da einem Böotier in petto, dem ich furchtbar viel von dir vorgeschwefelt habe, was natürlich angesichts deiner soeben erwiesenen Behandlung gegen mich unverantwortlich von mir ist. Ja.“ Er machte eine Kunstpause. „Unter anderem log ich ihm auch vor, du könntest vortrefflich Kindsköpfe porträtähnlich machen, auch die blödsinnigsten.“

Schmarr, der darin nur verstecktes Lob sah, lachte lautlos in sich hinein, so dass man die Erschütterung an seinem ganzen Körper merkte.

„Und siehst du,“ sprach Blankert nun mit Gönnermiene weiter, so ist es mir denn glücklich gelungen, sein Interesse für dich zu erwecken. Unverdientermassen für dich. Jawohl, jawohl! Blök doch nicht! Dein Gebiet ist doch nur das Genre . . . . Aber es gäbe einen niedlichen Auftrag. Dreihundert Mark will er anlegen. Vorläufig Gips, vielleicht schwingt er sich später mal zu Marmor auf. Er versteht sich darauf, weisst du, denn es ist ein sehr kunstliebender Herr. Früher hatte er ein Milchgeschäft, jetzt ist er Hausbesitzer. Mein Gönner nämlich, dem ich die Miete für meinen Taubenschlag, Atelier genannt, schuldig bleibe. Ein Vierteljahr habe ich bereits abgemalt, indem ich seine ehrenwerte Gattin porträtierte. Zur völligen Zufriedenheit, weisst du, denn aus dem dreifachen Kinn machte ich ein durchaus natürliches, ohne jede Aufregung. Ja. So strahlt sie nun als ihre jüngere Schwester über dem Sofa. Die Ähnlichkeit ist einfach herzbrechend.“

Nuschke konnte nicht mehr lachen. Er ging im Zimmer umher und schlug sich mit den Händen fortwährend auf die Schenkel, so dass es klatschte. „Zum Küssen, zum Küssen! Das sind ja grossartige Noten! Wagners Ballet im Tannhäuser!“ schrie er förmlich vor Vergnügen, während er sich mit seinen schmalen Schultern an den übrigen vorbeiwandte.

„Du wirst deine Freude an dem Jungen haben,“ fuhr Blankert mit der Miene des Schauspielers fort, dem man bei offener Szene soeben Beifall geklatscht hat. „Er ist zwölf Jahre alt, hat eine platte Nase und schielt mit schiefstehenden Augen; ausserdem hat er mächtige Horchlappen. So was übersehen aber geniale Geister wie du, denn Zahlung erfolgt nach Ablieferung, eventuell hundert Emm Vorschuss, wenn ich ein gutes Wort einlege. Ich bin ihm ja sicher. Selbstverständlich! Hast du ihn ganz ähnlich gemacht, dann gibt’s noch ein Frühstück mit Weissbier. Gesteh jetzt also, wo du deine Empfangsstunden hast. In irgend einem Winkel musst du ihm doch imponieren. Natürlich habe ich ihm vorgeschwindelt, du hättest ein eigenes Atelier und wärest mit Aufträgen überschüttet. Besinn dich nicht lange, so einen Blaseengel mit Zahnschmerzen backst du ja in acht Tagen zusammen. Wie ich dich kenne! Übrigens garantiere ich für sein Stillsitzen, denn unter zwei Jahren macht er nie eine Klasse ab.“

„Das ist zuviel, das ist zuviel! Ich muss die Musik dazu machen!“ quietschte Nuschke jetzt auf, und er flötete, stimmte dann die Klarinette an, fiedelte auf seinem Arm, trompetete, schlug die Trommel, bis er plötzlich diese Orchestermusik mit einem grossen „bum, bum“ schloss, das das schallende Gelächter ringsum wie mit einem letzten dumpfen Paukenschlag durchschnitt. Dann warf er sich auf das Sofa, strampelte mit den Beinen und schrie mit krampfhafter Luftschöpfung: „Ein Trauerspiel, ein Trauerspiel, oder ich lach mich tot!“ Und er sprang wieder auf, ergriff Blankerts beide Hände und sagte voll Begeisterung: „Du wirst wohl deinen Lazarus nicht eher ausstellen können, mein Sohn, als bist du eine Landschaft daraus gemacht haben wirst. Diese Seite liegt dir viel besser — ich hab’s dir immer gesagt. Aber das hast du grossartig erzählt. Einfach plastisch. Geh zur Bühne und werde Komiker.“

Frau Lemke, die auf ihr Klopfen kein Herein fand, trat erschreckt ins Zimmer. Was denn los sei? Die Lehrerin nebenan habe sie gerufen. Der Anblick der vielen Herren, die im Tabaksdampf förmlich schwammen, denn man qualmte Pfeifen und rauchte Zigaretten, schüchterte sie ersichtlich ein; aber deutlich sprach aus ihren breiten Zügen, dass sie sich diesen Skandal nicht hätte träumen lassen. Nuschke, der nie seine Geistesgegenwart verlor, bot ihr sofort galant einen Stuhl an und machte aus ihr ein „verehrtes Fräulein“, wodurch er ihr ein schämiges Lächeln abzwang, was von einer Verbeugung begleitet wurde, die sich beinahe wie ein Knicks ausnahm.

Kempen beruhigte sie leise und gab ihr die nötige Aufklärung, wobei er ihr Geld zusteckte mit der Weisung, ein Dutzend Flaschen Bier holen zu lassen, so dass sie mit einer Entschuldigung wieder verschwand. Während die übrigen durcheinander schwatzen und ihre Possen trieben, hatte er im Hintergrunde an einem kleinen Tischchen gestanden und Brotschnitten mit Butter bestrichen, die er nun mit Aufschnitt belegte. Am Tage vorher war für Lorensen eine Kiste aus der Heimat eingetroffen, die einen Schinken und Dauerwürste enthielt, so dass man heute gehörig prassen konnte.

Schmarr war still geworden, wie immer, wenn ihn etwas Besonderes bewegte. Dieser koboldartige Spötter hatte seine Tiefen, in die er sich zeitweilig versenkte, so dass er mit Gewalt aus ihnen hervorgeholt werden musste. Er setze sich auf das schäbige Sofa, wobei an der eingedrückten Ecke seine spillerigen Beine tief unter dem Tische verschwanden. Wie ein ungeschlachter Zwerg sass er da, dessen Kopf nur auffällt. Er hatte seinen alten Zustand, in dem der Kunstsinn mit der Not den grossen Seelenkampf führte; denn überall hing er mit kleinen Schulden, und es war wieder einmal gänzlich Ebbe in seiner Kasse. Diese verlockenden dreihundert Mark hätten ihn gründlich flott machen können von dem rauhen Riff seines augenblicklichen Daseins; aber er hasste alle Porträtarbeit, die ihn mit Widerwillen erfüllte, weil er keinen Fortschritt darin erblickte.

Minutenlang blieb er unbeachtet, denn Blankert erzählte den andern eine lustige Geschichte. Er malte in einem alten Bodenraum der Luisenstadt, den ihm der Hauswirt durch dünne Kalkwände hatte erträglich machen lassen, weil er mit seinem Vater bekannt war. Eine unstete Natur, hatte er, kaum flügge geworden, die Akademie verlassen und sich zwischen den vermörtelten Latten eingekapselt, von dem Wahn befallen, er könnte sich schon jetzt durch ein unsterbliches Meisterwerk sein Glück erzwingen. Allen diesen jungen Leuten, in denen es fortwährend gärte, schwebte immer etwas Grossartiges, noch nie Dagewesenes vor, das sie allein bewältigen müssten; sie hatten etwas von Einsamkeit gehört, aber nicht richtig verstanden. Und so patzte auch Blankert auf seinen erweckten Lazarus die unmöglichsten Farben, kratzte sie immer wieder ab und strich aufs neue drauf los, ohne Befriedigung zu finden. Es war die Zeitvergeudung eines Menschen, der zur Höhe möchte, ohne die nötige Kraft zu haben. Schon verschiedene Male hatte er die ganze Zeichnung umgestossen, je nachdem er einen andern Kerl fand, der sich gegen wenig Geld hinaufschleifen liess, um sich einige Stunden als Lazarus zu fühlen. Letzthin nun tat ihm ein Dienstmann den Gefallen, der aber plötzlich die Krämpfe bekam, so dass Blankert, tödlich erschreckt, schon glaubte, er werde ihn als Leiche in seinem Atelier haben.

„Ich lief hinaus, um Hilfe zu holen,“ schloss er dramatisch, „und denkt Euch nur, als ich zurückkomme, sitzt der Kerl wieder gesund da, lacht mich an und sagt vergnügt: „Nun bin ich wirklich erwacht“. Was für einen Effekt habe ich mir entgehen lassen!“

„Du, den hätt ich gleich lebend nach der Ausstellung getragen,“ witzelte Nuschke. „Die kleine goldene wär dir sicher gewesen.“

„Das kommt nur alles davon, wenn man die Dienstleute nicht an der Ecke stehen lässt,“ mischte sich Kempen trocken ein und reichte nun das belegte Brot herum. Das Bier kam, und man ass und trank.

„Nein, es geht nicht, es geht wirklich nicht,“ sagte Schmarr plötzlich wie aus einer Betäubung erwacht, während die andern sich den Mund gehörig stopften. Und er begann, Blankert auseinanderzusetzen, dass ihm niemals etwas gelänge, sobald er Fratzen vor sich habe; er möchte es ihm nicht übelnehmen, wenn er seine Bemühungen mit Dank ablehne. Er war nicht mehr der Spötter, sondern der Duldsame, der andern nicht mehr weh tun möchte.

„Was, es geht nicht!“ hauchte ihn Nuschke nun an, der rasch das zweite Glas Bier heruntergestürzt hatte. „Lieber Sohn, bist du verrückt geworden? Dreihundert Mark, bedenke doch! Das ist ja ein kleines Kapital. Du könntest dir gleich die Haare schneiden lassen und uns alle zu einem Diner bei Dressel einladen.“

„So viel Geld gibt’s ja gar nicht,“ warf der Maler ein.

Und auch Lorensen stimmte in diese Entrüstung mit ein. „Das ist mal wieder furchtbar echt von dir, dieser Eigensinn,“ sagte er kauend. „So etwas nimmt man doch mit, man lernt doch dabei.“

„Nein, es geht nicht,“ wiederholte Schmarr und liess die langen, dürren Finger durch den sprossenden Christusbart gleiten, während er die klaren, braunen Augen zu den Freunden aufschlug. „Seht Ihr, ich kann nur hübsche Gesichter vor mir sehen, dann gelingt mir’s. Die Schönheit ist der Quell, aus dem ich schöpfe und der mich begeistert. Die Hässlichkeit stösst mich immer ab, und dann erstarrt mir der Ton in den Händen. Es ist wirklich so. Mein Auge will trinken, aber nur das, was meiner Seele schmeckt. Schlag mich tot, Blankert, nennt mich alle einen Faulpelz, meinetwegen, einen Idioten, aber es ist nicht zu ändern; ich kann keine verkrüppelten Linien sehen.“

„Aber Herrgott, einmal ist doch keinmal,“ liess Lorensen nicht locker, der noch zwanzig Mark von ihm bekam und nun hoffte, bei dieser Gelegenheit die Schuld getilgt zu sehen.

„Doch, doch!“ fuhr Schmarr mit geröteten Wangen fort, die seinem schmalen Gesicht den Glanz lebhaften Feuers gaben. „Einmal ist manchmal hundert Mal. Wie viele haben dasselbe gesagt und sind dann hübsch weiter gepatscht, bis sie ihr Ideal in einem Sumpf begraben haben. Kinder, lasst mir doch das bisschen Eigensinn. Wenn ich in dieser kunstfeindlichen Welt mal verhungern sollte, möchte ich wenigstens von der Schönheit beweint werden. Na, und ein paar Putten werden auch noch zur Seite stehen.“

Es war sein altes Lied, das er sang und das die Streber, die gern gut lebten, nicht verstanden. Selbst von der Natur missgestaltet, betete er sie doch an, aber nicht im Lichte seines Spiegelbildes, sondern in aller Herrlichkeit ihrer Vollendung, die ihm die eigene Gebrechlichkeit erträglich machte. Er ass und trank jetzt nicht, denn wenn er bei diesem Punkt angelangt war, brachte er seine Überzeugung gründlich zum Durchbruch, wobei ihm die Rede von den Lippen perlte. Stets die Ahnung von einem frühen Tode in der schwachen Brust, klammerte er sich förmlich an sein Kunstevangelium, wie an einen heiligen Retter, der ihn in dem Drangsal seines Leidens beschirmen müsse.

„Das gefällt mir, bleib dir nur treu,“ mischte sich Kempen hinein, der seine eigene Meinung von ihm verfochten sah.

„Seht Ihr, ein bisschen Ruhm möchte ich doch auch noch erleben,“ fuhr Schmarr fort und griff nun endlich zu, erfreut über die Anerkennung des Hamburgers.

„Ach, was heisst Ruhm?“ hielt ihm der lebenslustige Nuschke entgegen, der gern zum Wortstreit herausforderte, sobald die Gelegenheit es mit sich brachte. „Erst kommt der Erhaltungstrieb, dann die Widerstandskraft und dann allmählich das Klettern auf die Höhe. Ich könnte nur schaffen, wenn ich meine Bequemlichkeit hätte.“

„Ruhm ist Martyrium, eine lange Kette von Enttäuschungen,“ wandte Schmarr ein.

Die Frage war angeschnitten und brachte nun ein wüstes Durcheinander der Ansichten hervor. Nuschke schrie am lautesten und lachte jedesmal, sobald ihm etwas gegen den Strich ging; in solchen Dingen unterdrückte er gern seine Überzeugung und liess seine Witze los, um recht zu behalten.

„Der Ruhm ist ein schwaches Weib, das heute steht und morgen fällt,“ rief Lorensen eifrig und wiederholte es mehrmals, weil er ganz etwas Besonderes gesagt zu haben glaubte.

„Sehr richtig! Wer besitzt mehr Launen als ein Frauenzimmer,“ übertönte ihn Blankert. „Das habe ich neulich erst erlebt. Eine ganze Stunde habe ich vergeblich an der Normaluhr gewartet. Mein Mädel kam nicht.“

Selbst Kempen musste lachen, wogegen Nuschke, neidisch auf den Erfolg dieses Witzes, sich einen „anderen Gast“ ausbat.

Dann aber behandelte Blankert die Sache doch ernst. „Schliesslich hat Lorensen doch recht,“ sagte er wieder, indem er auf seinen langen Beinen im Zimmer umherstelzte, „schon deswegen, weil wir Künstler ohne die Weiber nicht leben können. Was sollten wir wohl machen, wenn wir keine Modelle hätten! Mancher alte Kracker, der heute als Grosser rumläuft, würde seinen Lorbeer hübsch zerfetzt sehen, wenn der weibliche Ateliergeist ihm ausbliebe. Na, und von der Liebe, die uns inspiriert, will ich gar nicht reden! Etwas fürs Herz müssen wir immer haben. Ergo: Das Weib führt immer zum Siege.“

Plötzlich mischte sich Kempen hinein, der nach seiner Gewohnheit wenig gesprochen hatte. „Ach, was wollt Ihr denn! Der Schöpfer ist immer der Mann, und der Ruhm ist ein Zwillingsbruder von ihm,“ knurrte er hervor, wobei er die kurze Holzpfeife nicht aus dem Munde liess. „Glaubt es mir. Das Weib ist nur die Begleiterscheinung, die wir als notwendiges Übel mit in den Kauf nehmen müssen, der Parasit, der sich an uns vollsaugt und uns die beste Kraft nimmt, sobald wir ihn nicht überwinden können. Sie sind gerade gut genug, uns die Suppen zu kochen und die Strümpfe zu stopfen. Glaubt es mir. Man muss sich ja doch aus einem Dutzend zusammensuchen, was der einen fehlt, die wir brauchen.“

Alle lachten, weil sie ihn kannten. Nuschke jedoch rief sofort: „Hermann, das hast du wieder einmal gut gesagt.“ Und als die andern nun eifrig dagegen sprachen, fuhr er mit erhobener Stimme fort: „Aber natürlich doch, es ist so, es ist so! Das Weib ist schöpferisch immer subaltern und kann nur reproduktiv wirken. Seht Euch doch die ganze moderne Frauenbewegung an, dann habt Ihr den Beweis dafür. Wo ist da Grösse, wo der geniale Zug? Wenn sie malen, sind’s Blumen und Stilleben. Lampenschirme, Fächer, Ofenvorsetzer sind das Schlachtfeld, auf dem sie sich messen. Und wenn sie modellieren, dann gibt’s Vasen mit Schlangen und Nixenköpfe mit Seerosen an der Brust. Was sie den Männern abgeguckt haben, bringen sie als dritten Aufguss glücklich auf die Tafel . . . Jawohl, mein lieber Sohn Lorensen — du bist natürlich schon total verweiblicht, daher deine Opposition in solchen Dingen . . . Prosit, Kempen, auf dich als Schöpfer!“

„Dein Lieblingsthema!“ rief ihm der Holsteiner zu und wickelte ein langes Redeknäuel auf, in dem er sich schliesslich verhaspelte. Stets auf der Suche nach Bildung, las er alles, was ihm unter die Augen kam, und verteidigte dann mit Zähigkeit die Ergebnisse seiner letzten Geisteswanderung. So hatte er einen Zeitschriftartikel: „Die Frau in der Kunst“ noch nicht gehörig in sich verarbeitet und schwamm nun in dem Gedankenstrom des Verfassers. „Die Frauen sind bisher immer von den Männern unterdrückt worden, ihre Sklavinnen gewesen,“ kaute er sorgsam wieder, was er in sich aufgenommen hatte, „sie sind immer als Menschen zweiter Güte behandelt worden.“

„Das sind sie auch,“ schrie ihn Nuschke nun fuchswild an. „Schon die Natur hat sie dazu gestempelt, denn sonst würden sie nicht mit breiten Hüften auf die Welt gekommen sein, die nur dazu geschaffen sind, die Röcke festzuhalten. Der Mann jedoch schreitet in seiner ganzen Gloriole dahin —.“

„Und zeigt dafür auch manchmal seine krummen Beine,“ warf Blankert rasch ein. „Ob das nun gerade ästhetisch ist . . .“

„Und die George Sand, die Rosa Bonheur, wie?“ mischte sich Schmarr hinein.

„Ach, das sind Ausnahmen,“ erwiderte Nuschke. „Entschieden ein Versehen der Natur. Sie fühlten es auch, sonst wären sie nicht in Männerkleidern herumgelaufen.“ Und plötzlich, als Lorensen mit seiner Gegenmeinung schon erschöpft war, begann er, ihnen allen aufs neue einen schlagenden Beweis für seine Behauptung zu geben, worauf er erst kürzlich nach ernstem Denken gekommen sei. Man spreche so viel von der Gefühlswelt im Weibe, von der Weichheit seines Seelenlebens, von der Empfindungszartheit der Frau. Mitleid sei der Grundzug ihres Wesens, göttliche Schwäche ihre Stärke, Anschmiegung und Hingebung die köstlichsten Seiten ihrer Natur. Alles in ihr vereinige sich zu einem grossen Orchester herrlichster Töne, das die Männer mit Circengewalt in den Musikrausch dieses Geschlechts treibe. Und doch sei es dem Weibe gerade am meisten versagt, dieses innere Leben in das umzusetzen, wozu es von Natur geradezu geschaffen sei: in Töne nämlich. Die Kunst der Tondichtung sei ihm völlig verschlossen, denn nirgends höre man von einer Komponistin, nicht einmal von einer solchen, die ein klangvolles Lied zustande gebracht habe, ganz zu schweigen von einer Sonate, einer Symphonie, oder gar von einer Oper! Das könne gar nicht scharf genug betont werden, um die Schöpferohnmacht des Weibes gründlich festzunageln. Es sei und bleibe nur Mitempfinderin, die wohlige Schlingpflanze am starken Lebensbaum des Mannes, die kümmerlich am Boden dahinkriechen müsse, wenn sie ihren mächtigen Halt verliere; ihr Saft würde vertrocknen und ihre natürliche Kraft verderben. Die Natur lasse sich eben nicht meistern, sondern wandle ihre ewigen, fest vorgeschriebenen Bahnen.“

Alle waren über diese neue Auslegung verblüfft und schwiegen still, um sich erst zu sammeln. Nuschke jedoch benutzte diese Pause und liess sofort den Schalk in ihm wieder steigen, indem er vergnügt ausrief: „Deshalb sage ich: die beste Frauenbewegung ist ein guter Walzer . . . Spielt nur gehörig auf, und sie werden sich sorglos in Eure Arme hängen, die Führung Euch überlassend. Schon Eva tanzte, als die Vögel sangen. Der Geist des Weibes liegt in seinen Reizen. Basta.“

In dem lauten Lachen, das jeden Widerspruch auflöste, wurde dreimal so stark geklopft, dass Kempen fast erschreckt die Tür öffnete.

III.

Bildhauer Walzmann schob sich auf seinen kurzen Beinen herein, halb seitwärts, in jener eigentümlichen Gangart, die durch die rechte emporgezogene Schulter hervorgerufen wurde, hinter der das mächtige Haupt eingeengt, fast haltlos lag. Etwas Monumentales sprach aus diesem Kopf, der, fest gefügt, den wackligen Körper mit seiner Wucht zu erdrücken versuchte, so dass die Beine mit dem hervorgekehrten Knie etwas Schlotterndes hatten.

„’n Abend, Kollegen, ’n Abend,“ sagte er eintönig mit seiner verrosteten Stimme, ging im Kreise umher und schüttelte jedem kräftig die Hand. „Ich suchte dich schon, ich suchte dich schon,“ wandte er sich dann sofort an Kempen. „Es gibt zu tun. Neue Nahrung! . . . Unhöfliche Menschen hier im Hause! Dja. Kann man auch nicht wissen, dass du vier Treppen wohnst. Dja. Die Maler ziehen nächstens in den Keller. Verkehrte Welt.“

Jeden, der zum Bau gehörte, nannte er du, wie ein Fürst, der besondere Gnaden erteilt, wobei es ihm gleichgültig war, mit welcher Anrede man ihn bedachte. Im Dunkeln hatte er bereits die beiden grossen Höfe hinten abgesucht, um die Spuren der Freunde zu entdecken, bis man ihn schliesslich hier hinauf wies.

„Wie geht’s Ihnen, Meister?“ sagte Kempen, der ihn mit sichtlicher Achtung behandelte.

„Danke, danke,“ erwiderte Walzmann in seinem Telegraphenstil, klemmte den schäbigen Schlapphut unter den linken Arm und kraute sich mit der Rechten in dem kurzen, stark ergrauten Flockenhaar. „Man vegetiert. Backt seinen Kunstmist ruhig weiter . . . Dja. Und Ihr lebt bon. Prasst. Habt wohl geerbt? Kann mir nie passieren. Ich beerbe mich selbst. Meinen Kadaver. Ist auch danach. Krepiere ich, heulen nur die Professoren.“

Alle Berühmtheiten unter den Bildhauern bezeichnete er mit diesem Sammelbegriff, wodurch er seinen grausigen Spott zum Ausdruck brachte. Er hatte den Geruch von feuchtem Gips mit hereingebracht, den ganzen strengen Duft der Arbeit, den er ewig mit sich herumtrug. Weisse Spritzerchen sassen ihm noch auf dem Gesicht und hafteten an seinem pfefferfarbigen Rock, der liederlich einen Knopf baumeln liess. Die engen Beinkleider langten nach unten nicht, so dass die Strippen der Stiefel sichtbar wurden. Etwas Weltabgeschiedenes war mit ihm hereingekommen, etwas Sonderbares und zugleich Possierliches. Aber niemand lachte, denn alle kannten diesen Ruhmlosen, der sein Genie zu Markte trug, um „die grossen Hühner fett zu machen,“ wie er sich auszudrücken pflegte. Ganze Sagen hatten sich bereits um ihn gesponnen, von seinen Schrullen, seinem Einsiedlerleben und der Fixigkeit, mit der er gleich einem Heinzelmännchen die schwierigsten Aufträge im Handumdrehen überwand. Man raunte sich bedeutende Namen zu, die durch ihn zu Glanz gekommen seien, sobald er ihnen als stummer Gehilfe sein mächtiges Können geliehen habe. Und noch war es im Gedächtnis der Alten, dass die grosse Gruppe: „Germania, Elsass und Lothringen umarmend“, die am Einzugstage 1871 den Potsdamer Platz schmückte und allgemeines Aufsehen erregte, von ihm in einem Zuge zusammengekittet worden war, ohne dass man damals viel Notiz von dem eigentlichen Schöpfer genommen hatte. Ein richtiger Lohnsklave der Ateliers, hatte ihn längst jeder Ehrgeiz verlassen, und so tappte er gewohnheitsmässig als ein Furchentreter der Kunst weiter, liess hinter sich ruhig säen und machte sich nichts aus der Ernte, die die Klügeren auf Kosten seiner Kraft hereinbrachten.

Kaum hatte er sich in der anderen Sofaecke neben Schmarr niedergelassen, als Nuschke ihn fragte: „Sagen Sie, Meister, was ist Ruhm?“

Walzmann kniff die Äuglein zusammen und verzog den etwas schiefen Mund. „Eine gute Jauersche, Erbsen mit Pökelfleisch. Wenn’s hoch kommt, ein saftiges Beefsteak. Dja. Es kann auch Bratwurst mit Lorbeer sein. Gewiss, gewiss! Sag’, doch, mein Junge —.“

Sein trockener Ernst reizte zum Lachen, ohne dass man sich Mühe zu einer Widerlegung gab; denn man wusste, dass sich dahinter nur sein tiefer Ingrimm versteckte, der ihm zur Philosophie der Wurschtigkeit verholfen hatte.

Er begriff nicht, wie man sich über solche Dinge noch aufregen konnte. Dann langte er nach der Skizze des Löwenkämpfers, die er sorgsam drehte und prüfte. „Kerl du! Neuer Michel Angelo. Dja,“ wurde seine Bewunderung laut. „Und so etwas zeigst du mir nicht? Verflucht noch mal. Idee, Idee! Das seh ich. Mal was andres als die Konditorschmiere. Marzipanguss, wohin man sieht. Dja. Glasierte Kuchenmänner, was nachher Denkmal heisst. Pfui Deibel, ist die Kunst zur Dirne gesunken!“

Und er spie aus, hob die linke Schulter, um ein Gleichgewicht herzustellen, und fuhr fort: „Schlüter, Schlüter! Der Grosse Kurfürst und die Schlossfassade. Danach strebe, danach strebe! Nichts Grösseres als dieser Kerl! . . . Nein, nein, ich will nicht trinken!“ unterbrach er sich. „Gib mir ein Glas Wasser, nur Wasser, ich muss nüchtern bleiben. Morgen früh um sieben knete ich schon. Es muss, es muss! Der Dreck will gemacht sein. Zwei tüchtige Schinken, du kannst dir denken.“

Er schob das Bier zurück, faltete die welken Hände über den Leib und sprach mit geschlossenen Augen seine Kunstandacht weiter, in der ihn niemand störte. „Schlüter, Schlüter! Dieser Gott, dieser Spitzbube! Hat mir mein Herz gestohlen, die eine Hälfte; die andere hat Beethoven. Dja . . . Habt Ihr denn keine Drahtkommode? Spiel Beethoven, Nuschke! Die Neunte! Die Herrliche . . . Die Pathétique, was du willst, nur Beethoven! Meine Seele dürstet. Hab mich geärgert über einen Hundsfott von Professor. Dja. Handelt sechs Dreier ab, dieser Krämer. Die Welt ist voller Lumpen.“

Nuschke sagte nichts, aber plötzlich blies er mit den Lippen „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“, so wunderschön, dass alle ergriffen lauschten.

„Gut, gut, mein Sohn,“ liess sich Walzmann wieder hören. „Ausgezeichnet, aber etwas eintönig dein Klavier.“ Er gluckte ein kurzes Lachen herunter. „Könntest als Solist gehen. Bleib in der Übung, bilde dich aus. Wenn deine Opern nicht aufgeführt werden, hast du doch ein Handwerk. So war’s mit mir. Träumte von einem Tempel aus Marmor. Sitz jetzt im Müllkasten. Kinder, man muss kriechen, man muss kriechen! Dann kommt man zur Höhe. Wer aufrecht steht, ist ein Rebell. Dja! Ein Anmassling, ein Stolzling, ein Kümmerling, ein Krümelsucher, ein nichtsnutziger Strassenspatz. Dja. Futterneid, nichts als Futterneid! Jawohl, meine lieben Zigeuner. Der Kampf um die Krippe. Die Bauchrutscher siegen . . . Kommt, kommt und seht Euch meinen Goethe an. Ausgeschlossen von der Konkurrenz, das Mass stimmte nicht. Herrlich, himmlisch! Ein Denkmalkomitee aus Sardellenhändlern. Als ob man Jupiter nach Zollen messen könnte! Nicht nach Metern, sondern nach Meilen. Dja. Über die Toga sitzt der Frack zu Gericht. Jupiter flieht. Auf seinem Sockel steht Stadtrat Meyer. Der Tempel stürzt, die gute Stube wird zum Tribunal. Alt-Hellas sitzt auf der Rosinante, und der Droschkengaul zieht den Strassenkarren der Thebaner. ‚Wirtschaft, Horatio, Wirtschaft!‘ Dja. . . . Stand gestern beim Mondschein vor Schlüter, hielt Zwiesprache mit ihm. Kam mir wie ein richtiger Seifensieder vor, schlich beschämt weiter. Sah dann seine Totenmasken am Zeughaus, hatte eine Vision. Lacht nicht, Kinder, ich war nüchtern! Die Ruhmlosen starben und sandten die Anklagen zum Himmel. Verflucht, dieser Skandal! Brechende Augen und Flüche. Sterbesenfzer, Jammern nach einem Labetrunk.“

Plötzlich unterbrach er sich und blickte auf Kempen. „So gib mir doch etwas zu trinken, Hermann. Ja, denkst du vielleicht —?“ Wiederholt hatte er nach dem Glas mit Wasser gegriffen, das er aber jedesmal wieder von sich schob, wie jemand, der zwischen zwei Dingen zu wählen hat. „Ich verstehe dich nicht, mein Junge, die Arbeit läuft doch nicht fort, nein,“ sagte er dann mit Milde in seiner Stimme. „Übermorgen ist auch ein Tag. Was habe ich dir denn getan? Gönn mir doch den Schluck.“ Und ohne erst die neue Einladung abzuwarten, holte er sich das Bier heran und trank den übrigen zu.

Schon der erste Tropfen Alkohol warf ihn um und kehrte den andern in ihm hervor, der nach Betäubung verlangte. Aber noch hatte er sich in der Gewalt. „Nein, nichts mehr.“ Er verdeckte mit der Hand das leere Glas, das Lorensen ihm aufs neue füllen wollte. „Einen Schluck noch, meinetwegen.“ Die Reue, nicht festgeblieben zu sein, packte ihn bereits, denn wochenlang trank er nur Wasser und kalten Kaffee, den er sich selbst in einer riesigen Kanne braute.

Kempen riss Lorensen die Flasche fort, aber schon fühlte Walzmann immer mehr die Schwäche, die ihn am seidenen Faden zog. Sein Mut sank zum Eigensinn, der ihn rauhbeinig stimmte. „Kempen, mein Junge, dankst du mir so? Wer hat dir was beigebracht? Ich, ich, Peter Walzmann, der Prolet, der Lohnschinder, der Dachspatz, der den Grossen etwas auf die Köpfe macht. Das ist mein Trost, meine Freude, dass ich wenigstens wegfliegen kann, wenn ich will . . . Jungs, jetzt wollen wir lustig sein. Ins Nirwana hinein. Hier, holt Bier, holt Kognak, einen mit drei Sternen. Lasst die Kunst leben, die heilige, edle Kunst, die Trösterin der Armen und Bedrückten. Die Göttliche, die Ewige, die Eine! Denn es gibt nicht die Kunst, sondern nur eine. Das ist’s, was die Banausen alles vergessen, die alles rubrizieren möchten. Bleibt ihr treu, dieser Einen, die uns alle umschlingt mit ihren weissen Armen. Meidet den Schmutz, blickt immer nach oben, wo die Reinheit den Erdendunst verzehrt. Prosit, prosit, meine Jungs, es lebe die Jugend, denn ihr gehört die Zukunft!“

Drei harte Taler waren auf den Tisch geflogen, denn er hatte den Lohn für die letzte Arbeit in der Tasche, ein nettes Sümmchen, das er aber noch nicht an den Mann hatte bringen können, weil die neue Bestellung so plötzlich gekommen war. Nun, wo ihm das Bier die Zunge gelöst hatte, sprach er nicht mehr in abgehackten Sätzen, sondern fliessend wie aus einem Buch. Gleichsam war Schwung in ihn gefahren, der ihn fortführte vom Alltag in den seligen Zustand der Vergessenheit. Er fand bilderreiche Worte, stieg und sank in seiner Empfindung, pfiff, stimmte ein Lied an und fühlte sich plötzlich jung unter diesen Strebenden, die, eine vergnügte Nacht vor sich sehend, die Lobeshymne auf ihn in jeder Tonart sangen.

„Es lebe der Meister, es lebe der Meister!“

Die Gläser klirrten, und Nuschke blies einen Posaunentusch dazu. Schmarr erhob sich und wechselte den Platz, denn der Gedanke, als Verwachsener neben einem ähnlichen zu sitzen, hatte ihn längst unruhig gestimmt. Diese beiden betrachteten sich immer mit feindlichen Blicken, ohne dass sie sich es merken liessen; gewissermassen wollte jeder der Schönere von ihnen sein, machte der eine den andern im stillen für das eigene Übel verantwortlich. Trotzdem kamen sie gut miteinander aus, sobald es sich um ihre Kunst handelte.

Blankert setzte sich neben Walzmann und berichtete ihm von dem Eigensinn des Kleinen, worauf sofort die Antwort kam: „Bravo, bravo, Schmarr! Lieber Kitscharbeit machen, Säulenheilige und Torherkulesse, wasserspeiende Frösche und Postamentgesindel. Nur nicht den personifizierten Stumpfsinn verewigen. Deine Kurrendejungs, prima fein! Brauchst du Geld, brauchst du Geld? Hier, mein Junge, zier dich nicht. Pumpen ist keine Sünde, nur das Wiedergeben.“

Er holte sein geblümtes Taschentuch hervor, in das er das Gold eingeknotet hatte, und schob ihm nun ein Zwanzigmarkstück hin, das aber Schmarr nicht nahm, obwohl seine grossen Augen darauf haften blieben. Erst als Walzmann zartfühlend ihm erklärte, dass er gern dafür einen Abguss seiner „Singenden Knaben“ haben möchte, streckte er den langen Arm aus und strich das Geld vergnügt ein. Gleich darauf zog ihn Lorensen beiseite und setzte ihm leise auseinander, dass ihm die Hälfte davon heute noch zufallen müsse als Abschlagszahlung für die Schuld. Kempen brauche davon nichts zu wissen, denn er halte ihn so knapp, dass er ihn selbst an den Groschen zum rasieren dreimal ermahnen müsse.

„Gut, gut,“ raunte Schmarr zurück und hielt in seiner Tasche das Goldstück krampfhaft fest. „Gehen wir nachher wechseln.“

Kempen dachte nicht daran, Kognak holen zu lassen, denn dann würde die ganze Gesellschaft sicher betrunken werden und den Skandal noch vergrössern; aber knickrig, wie er war, hatte er sich doch einen Taler angeeignet, während er das andre Geld dem Spender wieder zusteckte. Draussen war Frau Lemke mit Worten von ihm bestochen worden; sie kam herein, brachte Zigarren und frisches Bier und gebrauchte dabei die Ausrede, dass das andere Gewünschte nicht zu haben sei. Sofort sprang Walzmann auf, fasste sie unter und wollte sie mit Gewalt zum Platz nehmen bewegen. „Setz dich doch, mein Kind, sei vergnügt mit uns. Das Leben ist so kurz! Hast du nicht noch eine hübsche Tochter? Siehst du, ich feiere heute meinen Geburtstag.“

Das sagte er zehnmal im Jahre, trotzdem es nie wahr war. Sie lachte und wehrte sich, entsetzte sich dann aber aufs neue über diese Wirtschaft, die sie noch nie erlebt hatte. Sie müsse nun um etwas Ruhe bitten. Das Fräulein nebenan, das Fräulein!

„Ist sie jung? Herein mit ihr!“ schrie der Alte sofort; dann aber, als er hörte, dass die Dame eine Lehrerin von fünfzig Jahren sei, fügte er hinzu: „Lass sie draussen, lass sie draussen! Wir können nur Jugend und Schönheit gebrauchen, die Hässlichkeit wird abgeschlachtet. Sieh mich an, ich wäre beinahe als Apoll auf die Welt gekommen, aber meine Mutter war dagegen. Du hast einen Jungen? Steck ihm das in die Sparkasse und halt dir die Ohren zu.“

Kopfschüttelnd über diesen Unsinn verzog sie sich, umbrüllt von den heiteren Gesellen.

Alle sechs drückten sich in dem Zimmer umher, durch das der Tabaksqualm seine blauen Wogen trieb, die die Köpfe umnebelten, unaufhörlich zur Decke stiegen und erst allmählich durch das geöffnete Fenster zogen. Sie schwatzten und lärmten, sprachen von ihren Plänen, schimpften auf die Kritik und rissen die Grössen herunter, die augenblicklich mit Kaiserdenkmälern das beste Geschäft machten. Ein Scherzwort von Begas rief lautes Gelächter hervor. Er sollte über die Eintönigkeit der vielen Reiterstandbilder des alten Kaisers die Bemerkung getan haben, dass in späteren Jahrhunderten bei einer Ausgrabung all dieser Arbeiten ein zukünftiger Schliemann die Worte sprechen würde: „Hat der Mann viel zu tun gehabt.“ Und Walzmann erzählte von einem bekannten Dutzendfabrikanten, der Denkmäler in jeder Grösse und in jeder gewünschten Veränderung anbiete und die Probemodelle dazu stets auf Lager halte. Er selbst habe in diesem „Pferdestall“ die Paraderosinanten geknetet und Bewegung in die steife Gangart hineingebracht. Als er dann aber einmal etwas „geschüttert“ habe, sei ihm der „Konditormeister“ gleich mit dem Vorwurf der Unnatur gekommen, die heute nicht mehr herrschen dürfe, mit dem Hinweis auf Rollkutscherbestien und schwere Litauer, die dem Zeitgeschmack nicht mehr entsprächen.

„Jungs, Jungs, das ist’s eben, worunter wir leiden,“ rief er wild aus, „unter dem Kleingehirn dieser Marzipangiesser. Sie sehen nur die Gattung und nicht das Individuum. Ewigkeitsgrösse will ich sehen, Ewigkeitsgrösse! Rosse will ich sehen, aber keine Pferde. Dja. Ein grosser Mann muss auch sein grosses Tier haben. Menschliches und tierisches Ideal vereint zu einem Guss. Herrscher oben und Herrscher unten. Zwei Grössen in einer. Das Pferd des Kopagniechefs ist nicht das Pferd des Kaisers. Und der alte Wilhelm auf dem Tempelhofer Feld ist nicht der Wilhelm auf dem Postament. Gestaltung, Kinder, Gestaltung, nicht blöden Abklatsch. Aber wo ist das Grossgehirn unsrer Zeit, das diese Kunst erfasst? Tausend Zwerge und kein Riese . . . So, nun wollen wir Sekt trinken, Kinder. Kommt, ich lade Euch ein.“

Es war nichts dagegen zu machen; sie mussten alle mit. Der Quartaltrinker in ihm hatte sich plötzlich gemeldet, der ihn in solchem Zustand von einer Budike zur andern trieb. Nur Kempen blieb zurück, denn jede Schlemmerei erfüllte ihn mit Widerwillen. Es war noch nicht zehn Uhr, und so stolperten sie lachend die Treppe hinunter. Als der Enthaltsame sich dann zum Fenster hinauslegte, sah er sie drüben ans der andern Seite in einem gewöhnlichen Lokal verschwinden, zu dem die Stufen direkt von der Strasse führten. Vorn trank man Weissbier und Schnaps; nebenan, im besseren Zimmer, durfte der gute Rock sich breit machen. Für solche Halb-Destillen hatte Walzmann eine besondere Vorliebe; dann setzte er sich mitten unter die Arbeiter, liess sie trinken, was sie wollten, und hielt ihnen einen Vortrag über Kunst, wie sie ihn sicher noch niemals zu hören bekommen hatten.

Es war still in diesem Winkel; kein Wagen fuhr, so dass der Schall jedes Wort herauftrug, das drüben gesprochen wurde. Tür und Fenster standen offen. „Sekt, Sekt wollen wir haben. Lass ihn holen, wenn er nicht da ist“, hörte Kempen den Wunderlichen laut rufen. „Jawohl, Herr Professor,“ war die Antwort von jemand, der ihn schon kennen musste. „Scher dich mit deinem Professor zum Teufel! Beleidige mich nicht,“ rief Walzmann wieder. Dann, als man im dunklen Zimmer Licht gemacht hatte und die Köpfe sich in dem hellen Schein bewegten, brüllte er fort: „Beethoven, Beethoven, mein Junge. Schlag den Kasten auf.“

Rauschend drangen die Klänge einer Sonate heraus. Zwei Droschken fuhren vorüber, deren Gerassel die Stimmung zerstörte. Hin und wieder trat ein schwarzer Schatten in die erleuchtete Tür, verschwand drinnen, oder verlor sich auf der Strasse, deren Häuser fast schon dunkel lagen.

Als Kempen dann schärfer hinunterblickte, bemerkte er drüben ein Mädchen, das unbeweglich lauschte, dann aber die Augen zu ihm erhob und freundlich nickte, als begrüsste sie einen guten Bekannten. Es war die Kleine, die ihr Paket trug und sich wahrscheinlich verspätet hatte.

„Bist du schon wieder da, scher dich doch nach Hause!“ knurrte Kempen vor sich hin, selbst überzeugt davon, dass sie ihn nicht verstehen würde. Ärgerlich und verstimmt über das Ende dieses Abends zog er den Kopf zurück, brachte den Tisch in Ordnung, holte Papier, Tinte und Feder hervor und schrieb an seine Mutter, in grossen und kräftigen Buchstaben, die sich wie mit einem Streichholz gemalt ausnahmen. Deshalb hatte er den Stubengenossen gehen lassen, um noch eine Stunde allein mit seinen Gedanken zu sein.

Als er fertig war und Lorensen noch immer kein Pfiffsignal gab, wie sie verabredet hatten, stülpte er sich den Hut auf und stieg die Treppe hinunter, um ihn von drüben zu holen. Durch die Tür sah er nur den Wirt, der einsam am Schanktisch sass und seine Zigarre rauchte; nebenan jedoch schlug die Unterhaltung ihren tollen Wirbel, gingen die Wogen des Gelages hoch, so dass sie in kräftigen Worten überschäumten. Die Vorhänge waren zugezogen, ein Fensterflügel jedoch stand noch offen. Schon wollte Kempen hineingehen, als er Walzmann mächtig dazwischen fahren hörte, der schon ganz nett angeschmort zu sein schien und mit schwerer Zunge sprach. „Was hat Kempen gesagt? Der Ruhm ist ein Mann? Quatsch! Der Ruhm kommt von Kunst, und die Kunst ist ein sprödes Weib, das erobert sein will. Herkules ist Roheit, Venus Vollendung. Dja. Nur das Weib gibt uns Kraft, jawohl, meine Jungs. Denn die Mutter trägt uns bis zum Licht. Auf das Weib also! Auf die passive Athletin, die alle Goliaths bezwingt! Stosst an! Hoch das Weib, hoch die Schöpferin hinter der Kulisse! Alles Leid kommt vom Weibe, alles Grosse kommt durch das Leid. Ergo!“

„Jawohl. Hoch das Weib!“ brüllte der Chor in wüsten Zecherton, und die Gläser klirrten.

„Pst. Nicht so laut, meine Herren!“ rief der Wirt hinein.

„Noch eine Pulle,“ grunzte Walzmann und empfing sofort höfliches Entgegenkommen; dann bezwang seine Stimme wieder die andern. „Lorensen, er kann was, er kann was, das muss ich dir sagen,“ fuhr er fort. „Du bist Teig, er ist Eichenholz. Bin neugierig, wer weiter kommen wird, er oder du. Merkwürdige Kerle, die Ihr beide seid! Aber beim Becher bist du mir lieber, denn du bist kein Spielverderber. Er aber ist ein Wasserheiliger . . . Nuschke, schenk ein. Trinkt, Kinder, trinkt! Das Leben ist so kurz.“

Ein neuer Pfropfen war gesprungen, und der Knall hatte sich scharf und hell in die Nacht hinaus gefunden. Kempen ging nicht hinein, denn sicher würde man ihn mit einem Halloh empfangen und nicht mehr loslassen. Es bohrte etwas in ihm, was ihn traurig stimmte um Lorensens willen, der nie an sein gegebenes Wort dachte, sobald er beim Becher sass. Mochte er sehen, wie er ins Haus kam.

Kempen schritt wieder hinauf in seine Wohnung und legte sich aufs Ohr, bewegt von dem Gedanken an sein grosses Ziel.

IV.

Lorensen kam erst am frühen Morgen nach Hause, als die Sonne schon hell ins Zimmer schien. Beim Grauen des Tages war Kempen erwacht, und als er das Bett auf der anderen Seite leer fand, hatte er sich erhoben, die Tür aufgeriegelt und sich wieder schlafen gelegt. So konnte Lorensen sich dann hineinschleichen und den Freund über die Zeit täuschen, wie es oftmals geschehen war, wenn er keinen Schlüssel bei sich hatte und der Verführung unterlag. Diesmal jedoch war er ertappt, denn Kempen reckte sich mit offenen Augen, so dass die alten Bretter knackten, und machte ihm in seiner derben Art Vorwürfe. Seit einiger Zeit ernährten sie sich durch Kleinplastik, und so hatten sie dringende Aufträge erhalten, die rasch erledigt werden mussten. Es waren Vasen mit Amoretten, Einzelfiguren und Karikaturenköpfe — alles Fabrikware, die aber unter ihren Händen fix zu Geld wurde.

„Wie spät ist es denn?“ fragte Kempen, da sie keine Uhr besassen; und als er hörte, dass es erst vier sei, wusste er Bescheid, denn dieser Bruder Leichtsinn pflegte die Stunden gehörig zurückzuschrauben, sobald ihm das Gewissen schlug. „Dann wird’s wohl sieben sein,“ knurrte Kempen und wollte ihn veranlassen, den nötigen Schlaf ohne weiteres nachzuholen.

Lorensen jedoch, der ihm die üble Stimmung anmerkte, setzte sich zu ihm auf den Bettrand, noch im Mantel wie er gekommen war, und bat ihn, nicht den Bösen zu spielen. Bei solcher Gelegenheit empfand er seine verwerfliche Schwäche ganz besonders, fühlte er die Stärke dieses Braven, dessen gute Lehren sich auch stets in gleiche Handlungen umsetzten. Er zerfloss dann förmlich in Weichheit, schämte sich ein wenig und kramte einen Korb voll Entschuldigungen aus, zum Schluss mit der Beteuerung, dass es „das letzte Mal“ gewesen sein solle. Es sei eben nicht anders gegangen; Walzmann habe nicht nachgegeben, und so hätten sie alle mitbummeln müssen, noch in ein halbes Dutzend Cafés und wer weiss wohin! Zuletzt spielte er den grossen Trost aus, dass es ihn nichts gekostet habe, wobei er wohlweislich verschwieg, dass er die Abzahlung von Schmarr bis auf den letzten Pfennig an den Mann gebracht hatte.

„Aber die Zeit, die Zeit!“ stiess Kempen zwischen den Zähnen hervor, verzieh ihm dann aber schnell, weil er wusste, dass Lorensen, sobald er wieder bei der Arbeit sass, sich nicht umzublicken pflegte. Trotzdem schimpfte er auf Walzmann, auf diesen unglücklich veranlagten Könner, der durch seine Wüstheit die Jugend mit sich fortriss, hinein in den Sumpf, in dem er seinen Meistersessel aufschlug. Nun hatte er sich wieder um acht Tage gebracht und ihn, Kempen, auch, denn gern hätte er die Gelegenheit wahrgenommen, schon in dieser Woche einen Batzen Geld bei ihm herauszuholen. Er liebte den grossen Zug, das Arbeiten mit vollen Händen, wo man nicht zu finzeln brauchte.

Als dann die Aushilfezeit bei Walzmann wieder vorüber war, wurde Lorensen plötzlich in das Atelier seines Professors gerufen, der das Lehramt an der Akademie aufgegeben hatte und ihn nun bei der Ausführung eines grossen Brunnens für eine kleine Residenzstadt beschäftigen wollte. Erfreut willigte er ein, denn er bekam gut bezahlt und durfte dadurch auf weitere Beziehungen hoffen.

Einige Tage darauf trat man auch an Kempen mit einem Auftrag heran. Ein bekannter Kunstgiesser hatte in Paris eine Genrebüste gesehen, die viel gekauft wurde. Ein junges Mädchen trug einen zwitschernden Vogel auf der Schulter, mit dem sie sich anscheinend unterhielt. Er dachte an etwas Ähnliches für den Handel und versprach sich ein Geschäft davon. Kempen lag die Sache nicht, die Lorensen jedenfalls vortrefflich gemacht haben würde, wenn er jetzt den Tag über nicht aus dem Hause gewesen wäre. Trotzdem wollte er nicht gern ablehnen, um sich die Gunst des Mannes nicht zu verscherzen.

Es war morgens, als die Freunde beim Kaffee sassen und darüber berieten. Da der Februartag neblig und dunkel war, so hatte Lorensen es heute nicht eilig. Plötzlich, nachdem es bescheiden geklopft hatte, trat Klara Munk herein, einen kleinen Deckelkorb am Arme, aus dem ein leises Gurren sich vernehmen liess. Beide hatten sie nicht mehr gesehen seit dem Vormittag, wo sie wirklich aufgetaucht war, um nach Wäsche zu fragen, aber erfolglos, denn die Künstler hatten ihre besondere Alte, der sie nicht untreu werden wollten.

Nun stand die braune Hexe wieder vor ihnen, die Nässe des Tauwetters an den derben Schuhen, Feuchtigkeit im Kleidchen, im ausgefransten Jackett und auf dem glänzenden Haar, das noch wie früher schwer herniederhing. Ihre Augen blitzten im frischen Gesicht, und unter den vollen Lippen leuchteten die Zähne, denn sie lächelte vergnügt wie ein Kobold, der seine Mucken treibt.

Ob die Herren vielleicht ein paar Tauben kaufen wollten? Mutter habe noch zwei zu vergeben, die letzten von dem Dutzend, das sie sich gehalten hätten.

Sie hatte den Deckel bereits aufgerissen und eins der weissen Tierchen hervorgelangt, das sie nun fest an ihre Brust drückte, den Schnabel auf ihr Mündchen gerichtet.

„Bleib so stehen, bleib so stehen!“ rief Lorensen begeistert aus und sprang vom Tisch auf.

Ruhig verharrte sie in derselben Stellung, die langen Wimpern gesenkt, von köstlicher Ahnung bewegt, was die Männer am Fenster leise besprechen würden. Und als Lorensen sie bat, die dumme Jacke abzulegen und das Tierchen noch einmal so zu halten, erfüllte sie ohne weiteres diesen Wunsch. Sie war rot geworden, in jener freudigen Erregung eines flüggen Mädchens, das den Mittelpunkt eines wichtigen Vorganges bildet.

„Hör mal,“ sagte nun Kempen nach einiger Überwindung. „Könntest du wohl vormittags ein paar Stunden Modell sitzen? Du weisst doch, was das ist?“

Ein erhabenes Nicken kam, dem die Worte folgten: „Sie müssen aber erst Mutter fragen.“

Kempen kaufte die Tauben ohne zu handeln, was Lorensen merkwürdig fand. Dann tat der Bärbeissige die Tiere in eine Kiste, warf die Erbsen hinein, die noch im Korbe waren, und liess das Mädchen gehen.

In der Dämmerung machte er sich auf den Weg zu Frau Munk, die nicht weit wohnte, in einer der Strassen, die auf Schöneberger Gebiet lagen. Als er den schmalen, unsauberen Hof hinter sich hatte und dann glücklich durch den schwach beleuchteten Flur in die verbaute Parterrewohnung des Quergebäudes gelangt war, erstaunte er, keine von den gewöhnlichen Witwen zu finden, denen man ihr Gewerbe sofort ansieht, sondern eine stattliche Person, deren Eindruck an bessere Tage erinnerte. Fast geriet er in Verlegenheit, als sie ihn mit Anstand in das saubre Zimmer hinter der Küche führte, wo alles weiss von Wäsche war, die der Bearbeitung harrte. Es roch nach Stärke und nach Plätteisen, und die backige Wärme legte sich Kempen sofort auf die Lunge; aber mit einem gewissen Behagen atmete er diese Stubenluft, die ihn an die enge Klause der Mutter daheim erinnerte.

„Ah, der Herr Künstler!“ Nach einem Wink von ihr schlürfte ein kräftiges Mädchen in heller Bluse, das mit seinen derben, entblössten Armen am Fenster das Eisen gestrichen hatte, auf weichen Sohlen hinaus, wobei die Dielen erzitterten. Dann warf Frau Munk mit einem Schwung einen Berg Chemisetts von einem Stuhl auf das Sofa an der hinteren Wand und lud ihn zum Sitzen ein. Die einzige Lampe stand auf der Kommode; im tiefen Schatten des äussersten Winkels kicherte jemand, und als Kempen den Blick dorthin richtete, sah er Klara auf einer Fussbank hocken und ihren Kaffee trinken. Wie der Wind hatte sie sich bei seinem Eintritt verzogen, um versteckt zu hören, was man sprechen würde.

„So ist sie nun, immer hat sie Possen im Kopf,“ sagte die Mutter, ohne es ernst zu meinen. „Aber sie ist ein gutes Kind, brav und fleissig. Sie war immer die Beste in der Schule. Wenn ich sie jetzt nicht hätte —! Man hat es nicht leicht, Herr Kempen. O, ich weiss schon, wie Sie heissen. Und auch von dem drolligen Umzug hat sie mir erzählt. Sie spricht immer die Wahrheit und verschweigt mir nichts. Ist das nicht hübsch?“ Und als der Bildhauer, wortlos darüber, hier wie ein guter Bekannter behandelt zu werden, nur nickte, fuhr sie fort: „Ich habe lachen müssen. Ja, die Kunst geht nach Brot, das war immer so.“

Sie sprach in einem Zug weiter, von ihrem Vater, der noch als Greis ein schöner Mann gewesen sei mit roten Wangen und langem, weissen Bart, und den sich alle Maler geholt hätten, um ihn zu verewigen. Auf vielen Gemälden sei er zu sehen, und da oben über der Tür hänge noch sein Bild, nun schon verräuchert durch die Jahre, das ihm ein Künstler geschenkt habe. Er sei sparsam gewesen, aber ihr Mann, ein Mechaniker, habe mit seiner Erfindungssucht die paar tausend Mark wieder verpulvert, und nun müsse sie sich durchschlagen, wie es gehe. Aber nicht lange mehr solle ihre Tochter so herumlaufen, denn sie müsse in irgend ein Geschäft, um etwas Tüchtiges zu lernen. Merkwürdig sei nur, dass sie für Kunst schwärme, das müsse wohl so in ihr liegen; denn vor keinem Bilderladen könne sie vorübergehen, ohne nicht zu gaffen und zu staunen.

„Aber so lass mich doch, Mutter, das ist doch das einzige Vergnügen, das ich habe,“ klang es aus dem Winkel, mit einer gewissen Traurigkeit, so dass Kempen davon gerührt wurde. Er sah nur die Armut an diesem Ort und dachte an die gleiche Not seines Lebens, in der Tag für Tag brennend der Wunsch in seiner Brust gezehrt hatte, hinaus ans Licht zu kommen. Und dort in der Ecke sass Eine, die vielleicht dieselbe Sehnsucht hatte und deren kindliche Frische in dumpfer Luft erstickt wurde, ohne dass man ihr Hangen und Bangen begriff.

Weshalb sollte sie nicht als Modell gehen wie ihr Grossvater, wenn der innere Drang sie dazu trieb? Hermann Kempen hatte schon wieder seine Arbeit im Sinn, vergass ganz die Person und kam kurz und bündig auf die Sache zu sprechen. Zwei Stunden am Vormittag würden genügen, die man täglich bezahlt bekommen könnte.

Frau Munk hatte ihre Bedenken. Die Künstler, die Künstler! Das sei ein Völkchen mit leichten Anschauungen, und ihre Tochter sei ein unverdorbenes Kind; zwar schon aufgeweckt, aber doch unschuldig wie die Sonne. Nein, es ginge nicht, so sehr sie auch zu Gefälligkeiten geneigt sei.

Hermann Kempen, durchaus würdig anzuschauen, kehrte den Trotz des Mannes hervor, der etwas erreichen will. Er wolle doch nur den Kopf modellieren, das Gesicht mit den Grübchen!

Sie lachte und schickte Klara in die Küche. „Das sagen die Herren Künstler immer,“ fuhr sie dann fort. „Und dann wollen sie immer mehr sehen. Mein Vater hat schöne Geschichten darüber erzählt! Zum Kopf gehört doch auch ein Hals, und dann das übrige. Obendrein sind Sie zwei. Meine Tochter würde sich zu Tode schämen.“

Endlich, als Kempen auf seine Mannesehre versichert hatte, dass sie deswegen nicht in Unruhe zu schweben brauche, und er sich freuen würde, wenn sie mitkäme, um sich von der Harmlosigkeit der Arbeit zu überzeugen, gab sie nach. Die zwei Mark lockten auch, die fast mühelos ins Haus kommen sollten. So reichte ihr denn Kempen zum Schluss die Hand und verliess sie mit Befriedigung. Noch in der Küche hatte er Klara gesprochen; kaum aber war die Tür hinter ihm geschlossen, so hörte er sie drinnen wie jubelnd ausrufen: „Das wird schön, Mutter, das wird schön!“

„Das müssen wir erst abwarten,“ knurrte Kempen vor sich hin, wobei er aber nur an seine Kunst dachte.

Schon am andern Tage, kurz vor zehn Uhr, kam sie, gebracht von ihrer Mutter, die sofort sagte: „Ich muss doch einmal sehen . . .“ Und sie blickte sich wirklich neugierig im Zimmer um, lachte über die Venus auf dem Spind, der man einen alten Strohhut aufgesetzt hatte, und musterte auch sonst all die Dinge, die der Stube einen malerischen Anstrich gaben. Lorensen, der die Buntheit liebte, hatte seidene Fetzen ausgekramt, die in kühnen Falten vereint mit zwei Papierfächern zwischen den weissen Abgüssen hingen. Einer anatomischen Gipsfigur war ein billiger, roter Fez aufgestülpt, der von einem Atelierfest stammte. Photographien, Holzschnitte und Kupferstiche ohne Rahmen klebten an den Wänden, in jener göttlichen Unordnung, die der Philister so sehr hasst.

Über Nacht hatte es wieder streng gefroren, und so trat Frau Lemke mit einer Schürze voll Holz ein, um kräftig nachzufeuern; sie kannte das Mädchen wieder, sah die fremde Frau und dachte bei sich: „Was wird das nun werden?“ Kempen klärte sie auf, und sie ging mit jenem verdächtigen Blick, der mehr als Worte sagt. Diese Künstler zahlten wenig und verlangten viel — das war der ewige Gedanke, den sie in sich verschloss.

Klara trug ihr blaues Sonntagskleid mit Spitzen am Hals und an der Ärmelöffnung. Sie hatte Stiefel mit Lack an, und ihr Haar war sauber gekämmt und geknotet. Man sah, wie die Mutter sie zurecht gemacht hatte mit der Sorgfalt ehrbarer Frauen, die mit ihrem Liebsten prahlen möchten. Aber alles für die gute Stube, nur nicht für die Kunst! Kempen sagte es sich sofort und bat die Mutter, die Flechten auflösen zu dürfen, was sie mit einem sauren Gesicht zugab, denn sie hatte sich gehörig Mühe gegeben und ihre Arbeit darüber vergessen. Fast bis zu den Fersen reichte das Haar, das, nun ledig seiner Fesseln, die Kleine wie ein brauner Mantel aus loser Seide umwogte.

Kempen hatte zwei flache Kisten zusammengestellt, und als sie nun oben auf dem Stuhl sass, immer lautlos, mit pochendem Herzen, ergriff er ihren Naturschmuck und schlang ihn geschickt zu einem grossen Knoten, der mit seinen Enden nach vorn über die Schultern rieselte. Und er dachte sich dazu etwas anders: ein weisses, durchsichtiges Kleid, das den schwachen Schmelz ihrer Haut zeigen würde, die ganze Plastik dieser knospenden Büste, deren schöne Rundung selbst die mummelige Taille nicht verbergen konnte.

„Wie Sie das alles verstehen,“ warf Frau Munk ein und lachte abermals. Breit und fest hatte sie sich auf das Sofa gepflanzt, die Rechte auf den derben Schirm gestützt, mit der ganzen Koketterie einer noch hübschen Frau, die nun von Eitelkeit auf ihre Tochter erfüllt ist, in der sie ihr Ebenbild erblickt. „Ach, da bist du ja wieder, du liebes Turtelchen,“ rief sie dann aus, als Kempen die weisse Taube aus dem Behälter nahm und sie Klara in die Hände gab, um zu sehen, wie sich alles machen würde. „Lass dich nur nicht beissen, sie war immer so wild.“

Das Tier flügelte und schnäbelte nach dem Mund, sass dann aber still an der Brust wie lebender Flaum. Kempen rückte den Modellierbock zurecht und begann schweigend seine Arbeit, um die erste rohe Skizze zu haben. Kühn warf er den Ton an, knetete dann drauf los, wobei die Finger ihm das Werkzeug ersetzten. Alles wuchs unter seinen Händen, zwar nur in groben Zügen, aber als Abbild dessen, was er zeigen wollte. Niemand sprach ein Wort.

Zweimal noch liess Frau Lemke sich blicken, um sich am Ofen schaffen zu machen; aber ihre Miene verriet, dass nur die Neugierde sie hereingetrieben habe.

Die Mutter hielt wacker bis zum Schluss aus. Zwar war sie auch am andern Morgen wieder zur Stelle; als sie dann aber eine halbe Stunde unverwüstlich gesessen hatte und nur das ernste Arbeiten dieses merkwürdigen Mannes sah, der stets knurrte und brummte, höchstens mit den Fingern sein Modell zurecht rückte, sonst aber kein Lächeln und kein zärtliches Wort herausbrachte, fand sie diesen Bewachungsdienst ebenso langweilig als überflüssig, und so empfahl sie sich mit der Ausrede, noch einen wichtigen Gang zu haben.

Die Skizze war fertig und hatte gefallen. Nach einer zweitägigen Pause ging Kempen an die Ausführung im Grossen. Jeden Morgen pünktlich erschien Klara und nahm sofort ihren Platz ein; stets hatte sie ihren besten Staat an, in dem sie sich ungemein wohlig zu finden schien, denn sie bewegte sich freier, fühlte sich mehr als ein gewichtiges Persönchen, gehoben durch diese neue Welt, in die sie plötzlich versetzt worden war. Sie ahnte ihren Wert, sah sich ans Licht gebracht wie ein armseliges Hauspflänzchen, das erst der Sonne bedurfte, um sich zu entfalten. Frühzeitig sich selbst überlassen, hinausgeschickt in die grosse Stadt, um treppauf treppab zu laufen, war ihr Verstand geschärft worden, hatte sie sich jene Lebensklugheit angeeignet, die bei diesen Kindern den Jahren voraus zu eilen pflegt. Ihr grösster Stolz war, dass sie beim Nichtstun verdiente, immer geputzt wie zum Gang nach der Kirche. Wie hatte sie sich sonst manchmal abschleppen müssen, um nachher, sobald das Glück ihr günstig war, mit fünf Pfennigen Trinkgeld von dannen zu gehen! Wenn es jetzt nach ihr gegangen wäre, so hätte sie auch nachmittags so gesessen, in ihre Gedanken versunken, die kraus genug sich kreuzten, nachdem sie sich an die peinliche Stille im Zimmer gewöhnt hatte.

Kempen sprach bei der Begrüssung sein Dutzend Worte, die fast immer die Frage nach dem Befinden ihrer Mutter enthielten; dann war die Unterhaltung vorüber. Er sah nicht mehr das Mädchen, das heranwachsende Weib, sondern nur den atmenden Gegenstand, den er in ein andres Dasein zu übertragen habe: in das seiner Kunst, in die Empfindung seiner Schöpferwelt. Er blickte nur Linien und Rundungen, die er veränderte, sobald es ihm geeignet schien. Und sie sah, wie er das linke Auge zukniff und an seinem Modellierholz das Luftmass vornahm, verspürte seinen Hauch, wenn er dicht an sie herantrat, um die Feinheiten ihres Antlitzes zu studieren, was sie mit der Musterung eines Steines verglich, der ihn kalt lasse wie ein Gesicht aus gefrorenem Schnee. „Das sollte nur Mutter sehen mit ihrer Angst!“ dachte sie und kicherte innerlich. „Er könnte mich aufessen, ich würde nichts davon merken.“

Da war noch Lorensen ein anderer Kerl, als er eines Morgens nicht versäumte, der Sitzung beizuwohnen, um sich mit Kempen über die Arbeit auszusprechen. Die Gewohnheit hatte sie beide künstlerisch verwachsen gemacht, und so lieh sich jeder die Augen des andern, um seine eigenen Mängel entdeckt zu sehen. So lange sie ihre vier Wände teilten, war das Gleiche geschehen, denn niemals hatte Neid und Eifersucht ihre Seele bewegt; nur der eine Gedanke beherrschte sie: gemeinsam fortzuschreiten bis zur Höhe ihres Könnens.

Diesmal gab also Lorensen den nötigen Fingerzeig. Auch er trat dicht an Klara heran, damit er sich besser in ihre Züge vertiefen könne; aber er übte dabei nicht die Zartheit wie der Genosse. Kempen hatte sich nur den blossen Hals gedacht, der von einem feinen Linnen umschlossen sein sollte. Lorensen jedoch war anderer Meinung; er wollte dem Auge mehr sinnlichen Reiz bieten, was ganz seiner Natur entsprach.

„Halt mal, mein Kind,“ sagte er geschäftsmässig, löste die obersten Haken des Kleidchens und legte die Kanten nach innen um, so dass ein spitzer Ausschnitt sich zeigte. Trotzdem es nicht gefährlich war, stieg brennende Röte in ihr Gesicht, denn sie hatte seine Finger auf ihrer Haut gefühlt; sie wehrte sich nicht, aber wie vom Schreck gelähmt sass sie da, unfähig eines Wortes.

Lorensen, der sich nichts Schlimmes dachte, wollte noch weiter gehen. Kempen aber, der ihre Qual bemerkte, fuhr mit einem strafenden: „Nicht doch, nicht doch!“ dazwischen.

Krampfhaft hatte sie die Taube erfasst und schob sie wie schützend in die Höhe, bis zum Kinn hinauf, selbst nun ein furchtsames Tierchen, das von einem andern Hilfe erwartet.

Lorensen begriff ihn nicht, denn er wollte nur belehren und nichts erleben. Er hatte schon genug enthüllte Jugend gesehen, die dem edlen Zweck der Kunst dienen musste; und niemals war deswegen ein Zetergeschrei entstanden, denn man ergötzte sich daran mit geschlechtslosen Augen. Dieser herrliche Getreue aber wurde sofort von philisterhafter Neigung durchzogen, sobald sein Eigensinn sich regte; er hasste die Weiber, und doch hatte er etwas von ihrer Keuschheit, wenn er sein zartes Wesen offenbarte.

„Herrgott, hab dich doch nicht, Hermann,“ sagte Lorensen ärgerlich, ohne sich Zwang anzutun. „Zu was ist sie denn hier? Manchmal bist du furchtbar echt.“

„Sie ist doch noch ein Kind,“ brummelte Kempen durch seinen Bart zurück.

„Ja, wenn du so denkst, Hermann, weisst du — dann geh in keine Venushalle. Sie fleddern dich dort ordentlich. Das soll wohl sein.“

Trotzdem sie am Fenster standen, hatte Klara alles gehört; und als nun Lorensen, der bald fort musste, ein paar freundliche Redensarten zu ihr machte, die sie über den Zweck dieser winzigen Entblössung aufklären sollten, war ihr Schreck schon überstanden. Nein, sie wollte kein Kind mehr sein, wie Kempen von ihr behauptet hatte, denn dadurch fühlte sie sich gekränkt. Sie sollten doch sehen, dass sie keine Furcht vor ihnen hatte, dass sie wohl zu würdigen wusste, weswegen sie hier sass und was sie den Künstlern schuldig war. „Soll ich morgen ein Kleid mit Ausschnitt anziehen?“ fragte sie vergnügt und zeigte ihre kleinen Zähne. „Ich hab eins, ein weisses. Mutter kann es rasch waschen und plätten.“

„Wollen mal sehen,“ knurrte Kempen.

Lorensen jedoch, der das für Verstellung hielt, begann, sie plump zu loben, zugleich erfreut darüber, mit seiner Kenntnis von dieser Gattung den Sieg davongetragen zu haben. „Na, siehst du, blödes Kücken, das ist doch noch mal ’n Wort,“ sagte er gemütlich und griff zum neckischen Spiel in ihr loses Haar, wogegen sie diesmal nichts einzuwenden hatte. „Man nicht immer gleich so kratzbürstig, ’n hübsches Mädel darf sich niemals so zieren, höchstens mal, wenn es vor’m Spiegel steht. Und hier sitzt du vor der Kunst, die versteht keinen Spass . . . Das alles brauchst du Mutter nicht zu sagen, sonst steckt sie dich wieder in ’n Aschenkasten. Und hier, siehst du, hier sitzt du auf dem Präsentierteller und machst der Welt Freude, die dein Näschen bald bewundern wird.“

Sie lachte nun mit ihm, denn sie hatte bereits alles überwunden mit dem gesunden Frohsinn der Jugend, die schon für gute Worte dankbar ist; sie zürnte ihm nicht mehr, denn es sass ihr noch im Gedächtnis, dass er es gewesen war, der sie damals zuerst schön gefunden hatte, was nun jetzt von ihm wiederholt wurde. Und sie fand es merkwürdig, dass der andre bis jetzt nicht das gleiche getan hatte, dass er ihr zuerst aus dem Wege gegangen war, aber sie doch nun für würdig erachtete, sich so eifrig mit ihr zu beschäftigen, als wäre sie wunder was für eine erlesene Person. Lenzeseinfalt wohnte noch in ihrer Brust, und so sang sie mit, wo sie das Singen hörte, ohne an die Gefährlichkeit der Sänger zu denken.

Richtig erschien sie auch an andern Tag in ihrem weissen Kleidchen, das ihr Aussehen völlig veränderte. Vorher hatte sie in einem Sack gesteckt, nun aber prallte alles an ihr in zarter Rundung. Man sah es, sie war herausgewachsen aus diesem luftigen Gewebe, das oben und unten schon zu wenig hatte. Alles an ihr gewann: der schlanke Hals, die Schultern und die schon vollen Arme. Wie sanfter Schmelz schimmerte die glatte Haut unter dem durchbrochenen Stoff.

„Ei, das lass ich mir gefallen, du Zauberbalg,“ rief Lorensen aus, der auch heute wieder zurückgeblieben war. Er schritt um sie herum, labte sich an der köstlichen Nackenlinie, verschlang ihre Schönheit mit dem Blick des Kenners und dachte dabei an seine „Eva in Scham erglüht“, an das herrliche Gedankenbild, das ihn bewegte, wo er ging und stand.

Kempen sah zwar dasselbe, aber mit andren Augen. Sie erschien ihm plötzlich älter, gereifter, nicht mehr seinem Geschmack angemessen. Zum ersten Male befolgte er nicht den Rat Lorensens, der verwundert aufschaute, als er sie schon am andern Tisch wieder in dem „Blauen“ sitzen sah und nun bemerkte, dass die Brustpartie am Tonmodell hübsch züchtig gehalten war. „Schnökerst so viel an ihr herum und verbummelst die Zeit“, bekam er zu hören. Und versessen auf sein Werk, fügte Kempen noch hinzu: „Zur Taube gehört die Unschuld, in dir rast wieder mal der Fleischbeschauer.“ In Wahrheit befürchtete er, der Blonde könnte sie mit seinem Herumschnüffeln, begleitet von seinen dreisten Redensarten, aufs neue in Verlegenheit bringen und ihm die ganze Stimmung verderben.

Betrübt über den Querkopf, dessen Widerwillen an dieser Arbeit immer deutlicher wurde, machte Lorensen ärgerlich die Türe von draussen zu.

Dann lenkte ihn etwas von diesem Zwischenfall ab, das ihn in eine gewisse Gehobenheit versetzte. Sein Professor Heilke hatte ihn in aller Form zu einem Hausball geladen. Der Briefträger brachte die grosse, goldumränderte Karte, durch die das Künstlernest in Aufruhr geriet, denn noch niemals war ein solches Ereignis eingetreten. Stets hatte man zurückgezogen gelebt, wie häuslich verkapselte Junggesellen, die Familienverkehr weder kennen noch suchen. Trotzdem Kempen die Nützlichkeit eines gesellschaftlichen Verkehrs einsah, hatte er eine gewisse Scheu vor dem Sichaufdrängen, denn wie alle stillen Geister, die ihre Kraft in der Einsamkeit schöpfen, liess er sich lieber suchen. Aber es war bisher niemand gekommen, denn in den Kunstbuden, in denen sie herumwanderten, angelte man nicht nach unbekannten Grössen; es gab nur Anschluss nach unten, nicht aber nach oben. Nun aber stieg wenigstens der eine, und der andre freute sich darüber, als wäre es ihm selbst geschehen.

„Hermann, glaubst du, das kann uns nützen, so was bringt uns vorwärts,“ meinte Lorensen und griff immer wieder zu der Karte, mit der sich all seine Vorstellungen von der sogenannten grossen Welt verbanden. Stets hatte die Sehnsucht danach in ihm gebrannt mit der heimlichen Gier des Frauenfreundes, der von dem Glanz duftender Salons träumt, die er wie das gelobte Land bisher immer nur von weitem sehen konnte. Er vernahm bereits das Knistern der seidenen Kleider, berauschte sich an brillantgeschmückten Nacken und Armen, die ihm einen andren Reiz geben sollten, als die Blösse der gewöhnlichen Weiber.

Kempen nickte nur, war dafür aber um so mehr bei der praktischen Seite der Sache. Man musste einen Frackanzug pumpen, für all das Drum und Dran sorgen, das zu einem patenten Menschen gehörte, der kein gewöhnlicher Sterblicher war und obendrein in der Einbildung lebte, alles werde sich beim Eintritt um ihn drehen.

Kempen biss die Zähne zusammen und machte einen tiefen Griff in die Kasse, deren eigentliches Versteck Lorensen nie so recht ergründen konnte. Als dann der Abend kam und Lorensen als ein zwar etwas unbeholfener aber doch schmucker Kerl im Zimmer stand, mit jenem bangen Gefühl, das der Entdecker einer unbekannten Welt kurz vor dem Ziel empfindet, stiess Kempen krampfhaft hervor: „Na, nun kannst du ordentlich Süssholz raspeln. Sprich nicht zu viel Unsinn und denk nicht immer, du hast Schenkmamsells vor dir.“ Dann jedoch, als er ihm drei einzelne Markstücke gab, damit er nicht in Verlegenheit komme, ermahnte er ihn, noch etwas davon mitzubringen und sich nicht etwa zum Schluss einer Caféschlemmerei hinzugeben.

Der Zufall wollte es, dass um diese Zeit Klara Munk erschien, um Kempen zu benachrichtigen, dass am andern Tage die Sitzung ausfallen müsse, da sie für die Mutter einen notwendigen Gang zu besorgen habe. Kempen war es recht, denn jedenfalls würde der Freund erst am frühen Morgen nach Hause kommen und dann gehörig seine Naht schlafen. Als sie Lorensen im Ballanzug stehen sah, geriet sie in kindliche Bewunderung, der dann stilles Erstaunen darüber folgte, wie ein Mensch sich rasch verändern könne. Der Friseur hatte ihn nachmittags gründlich zurechtgestutzt, ihm die blonde Mähne ordentlich beschnitten und gescheitelt und das Schnurrbärtchen kokett gewichst und gespitzt, so dass etwas Geziertes und Geschnörkeltes an ihm entstanden war. Sie musste lachen, freute sich dann aber mit den beiden, denn, bereits eingelebt in ihre Verhältnisse, hatte sie schon seit Tagen lebhaften Anteil an diesem Vorgang genommen.

„Ach, bringen Sie mir etwas mit, und wenn’s auch nur eine Blume ist,“ bat sie ihn. „Die feinen Damen haben ja alle Buketts.“

„Das ist wahr, so ’n bisschen räubern kannst du,“ warf Kempen ein, dachte dabei aber an etwas andres. „Ein Frauenzimmer braucht ja nicht gleich dran hängen zu bleiben.“

Lorensen fühlte sich bereits in der Rolle des Eroberers; er wiegte sich in seiner schlanken Taille, um die der Frack ihm etwas zu eng sass, quälte sich probeweise mit dem linken Handschuh ab und sagte mit einer gewissen Grossartigkeit, während er den Blick nicht von dem alten Mahagonispiegel liess: „Du, Hermann, das kann gefährlich werden. Vielleicht bleibt ’ne Millioneuse dran hängen. Das war furchtbar echt.“

„Dann pack nur gleich mit deiner Kunst ein,“ zischelte Kempen zwischen den Zähnen. „Rückgrat gebrauchen wir, Rückgrat, aber keine Frau!“

Lorensen vergnügte sich wie gewöhnlich darüber, hängte sich seinen Mantel um, erschreckte zum Abschied Klara ein wenig, indem er den ebenfalls geborgten Chapeau claque fast an ihre Nase springen liess, beäugelte noch einmal die selbstlackierten Stiefel und ging dann von den besten Wünschen begleitet.

Kempen hatte bereits sein bescheidenes Abendbrot auf dem Tisch, und als Klara sich nun ebenfalls verabschiedete, fragte er gutmütig, ob sie nicht eine belegte Schnitte mitessen wolle; besser werde sie es wohl zu Hause auch nicht haben. Sie zierte sich nicht, nahm den Hut ab und setzte sich zu ihm, denn seitdem sie hier aus und ein ging, war etwas von der Ungezwungenheit dieser Künstlerwirtschaft auf sie übergegangen. Fast fühlte sie sich wohler als daheim, wo es weiter nichts zu sehen gab als die muffige Wäsche und den lichtlosen Hof, was nicht angenehmer wurde durch die Scheltworts der Mutter, sobald die Erinnerung an vergangene Zeiten sie schlecht gelaunt hatte.

Hier aber herrschte ein freier, heitrer Ton, wehte sozusagen Bildungsluft, erkannte man bereits die Vorzüge ihrer fünfzehn Jahre. Mit Lorensen würde sie gewiss nicht so unter vier Augen essen, denn er machte zuviel zudringliche Spässe, und wenn seine blauen Augen so lange auf ihr ruhten, fühlte sie heisse Röte in den Wangen. Kempen jedoch hatte etwas Väterliches für sie, das sich zwar polternd äusserte, sie aber ungemein ruhig stimmte. Oftmals, wenn sie so still gesessen, hatte sie Vergleiche zwischen den beiden angestellt, die ihrem frühzeitig entwickelten Scharfsinn alle Ehre machten. Kempen war jedenfalls der Bessere, fest und zielbewusst, aber nicht der Hübschere. Die Sorglosigkeit seines Äusseren gefiel ihr nicht, namentlich die Art, wie er seinen Bart verwildern liess. Wohl hatte er schöne, klare Augen, in denen nichts Böses schlummerte, aber seine Knickrigkeit, die fast an Geiz grenzte, stiess sie besonders ab. Nein, sie hätte ihn nicht zum Manne haben mögen, trotzdem sie sich gestehen musste, dass er immer solide beiben würde.

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