Kitabı oxu: «Die Worte des Windes»

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

1. Strophe

1 Ein Sturm zieht auf

2 Donnerdrache

3 Ostwind

4 Entwurzelt

5 Tanzende Wellen

2. Strophe

6 Karottenkaffee

7 Im alten Leuchtturm

8 Perlen

9 Chimären am Strand

10 Blitzklingen

11 Pizza-Abend

3. Strophe

12 Kesselboot

13 Kuppelstadt

14 Fara

15 Wetterbillard

16 Audienz

4. Strophe

17 Gläserne Hallen

18 Finsternis

19 Wiedersehen

20 Tribunal

21 Abschied

5. Strophe

22 Land in Sicht

23 Drachenbeschwörer

24 Im Auge des Sturms

25 Tsunami

26 Die Worte des Windes

27 Wetterleuchten

So singt der Wind

in Neumondnächten.

Die See beweint, was einst geschah.

Ein holdes Kind

mit Hexenmächten,

das kam dem Bösen viel zu nah.

Verriet sein Volk am Meeresgrund

und floh, seither fehlt jede Kund’.

Und Sturmbö klagt

am Horizont.

Die Wellen schreiben in den Sand.

Sei ruhig verzagt,

wirst nicht geschont,

Prinzessin von Atlantisland.

Ein Lied, zu singen in den Gläsernen Hallen

Verfasser unbekannt



Prolog

Um es gleich vorwegzusagen, es gibt drei Arten von Stürmen: die Kleinen, die Großen und die Anderen.

Die ersten beiden entstehen zwar auch nicht ohne Magie, doch sie sind etwas, das die Menschen verstehen können. Oder zumindest meinen zu verstehen, indem sie es physikalisch erklären: Luftmassen unterschiedlicher Temperatur, die aufeinanderprallen, elektrostatische Entladungen zwischen Wolken, gerichtete Luftbewegungen, kondensierter Wasserdampf, der auf die Erde tropft …

Kleine Stürme sind dabei am harmlosesten. Alltägliche Unwetter eben: hier ein Gewitter, dort ein Regenguss. Manchmal haben sie einen entwurzelten Baum oder einen überschwemmten Garten zur Folge. Nichts wirklich Dramatisches. Sie lärmen und leuchten und durchnässen einen bis auf die Haut, sodass man einen Schnupfen bekommt, und das war’s.

Um einen kleinen Sturm zusammenzubrauen, braucht man lediglich einen Kessel und ein paar Wolken. Die lässt man eine Weile bei geringer Hitze köcheln, dann ruft man ein wenig Wind dazu, um alles gut zu verrühren, und voilà! Wir Hexen lieben die kleinen Stürme. Sie sind sozusagen unser Hauptgeschäft.

Die großen Stürme hingegen können schon gefährlicher sein. Sie hinterlassen nicht selten eine Spur der Verwüstung. Schiffe geraten ihretwegen in Seenot. Ernten werden vernichtet, Dächer abgedeckt. Flüsse treten über die Ufer, Tsunamis überrollen Küsten. Solche Stürme erschaffen wir nur in Ausnahmefällen. Die Dinger geraten nämlich viel zu leicht außer Kontrolle. Man will vielleicht nur rasch einen ausgedörrten Landstrich bewässern, doch ehe man sich’s versieht, hat man ein regelrechtes Monster losgelassen. Total außer Rand und Band, manchmal nur noch mit einem Blutopfer zu beruhigen. Aber selbst solche Stürme haben trotz ihrer verheerenden Auswirkungen natürlich keinen eigenen Willen, führen nichts im Schilde oder so. Sie sind bloß ziemlich unangenehm.

Tja, und dann gibt es noch eine dritte Art von Stürmen: die Anderen, wie wir Hexen sie nennen. Stürme, die weit über Regentage oder Naturkatastrophen hinausgehen. Laut unseren Büchern existieren sie zum Glück ausschließlich auf hoher See. Weit weg von den Menschen inmitten einer Wüste aus Wellenkämmen. Es sind Stürme, denen tatsächlich etwas Böses innewohnt. Stürme, die wir auf Leben und Tod bekämpfen müssen und denen selbst die besten unter den Meereshexen unterliegen. Seit Jahrtausenden, seit der Gott des Schicksals, der sie einst auf die Erde losließ, spurlos verschwand, wie es in den Chroniken heißt, so lange schon versuchen wir, die Menschen zu beschützen. Vor den Anderen und dem, was in ihnen haust, und eigentlich ist uns das bisher auch sehr gut gelungen.

Wie gesagt, wir dachten sogar, es gäbe sie nur dort draußen. Weit, weit entfernt von allem.

Und ich persönlich nahm natürlich ohnehin an, nie wieder einem von ihnen zu begegnen.

Aber das war ein Irrtum.


1. Strophe

Wettervorhersage

Das nieselige Novemberwetter beschert ungemütliche Tage.

Der Wind weht dabei schwach bis mäßig aus östlicher Richtung und treibt zwei geheimnisvolle junge Hexer vor sich her.

Nachts kann es teils zu stürmischen Böen mit Geschwindigkeiten von über 100 Kilometern pro Stunde kommen.

Robin sollte also lieber in Deckung gehen.


1
Ein Sturm zieht auf

Der Wind raunte mir Geheimnisse ins Ohr und das aufziehende Unwetter prickelte bereits in meinen Fingerspitzen. Jede Faser meines Körpers sehnte sich danach, den Kopf in den Nacken zu legen und auf das noch ferne Donnergrollen zu lauschen. Wie gern wäre ich mitten auf der Straße stehen geblieben, um auf die ersten silbrigen Regenfäden zu warten und sie mit den alten Liedern zu begrüßen!

Aber das ging natürlich auf keinen Fall. Wieder einmal ermahnte ich mich selbst: Nach allem, was ich angerichtet hatte, durfte ich keine Hexe mehr sein. Jenen Teil meines Lebens hatte ich zusammen mit meiner Kindheit längst hinter mir gelassen. Ein Sturm sollte für mich inzwischen nur noch etwas sein, das manchmal eben geschah. Herrje, ich musste dringend aufhören, es für etwas anderes zu halten.

Eilig hastete ich weiter über das Pflaster. Autos brausten an mir vorbei, wirbelten bräunliche Pfützen auf und mein Haar löste sich aus dem Knoten an meinem Hinterkopf, um wie eine Fahne hinter mir herzuflattern. Langsam bekam ich Seitenstiche, so als wäre ich wirklich bloß Robin, das sechzehnjährige Menschenmädchen, als das ich mich ausgab.

Trotz der Stiche beschleunigte ich meine Schritte weiter. Ich konnte jetzt nicht zurückfallen. Nicht, wenn ich das Schlimmste verhindern wollte.

Die Sohlen meiner Turnschuhe quietschten auf dem regenfeuchten Stein, während mich die schmutzigen Plattenbauten der Wohnsiedlung beobachteten. Es hatte den ganzen Vormittag über geschüttet wie aus Eimern und auch jetzt bauschten sich dunkle Wolken am Himmel über der Stadt. Und das Rauschen der verdammten Brandung, die wenige Häuserblocks entfernt über den Strand tanzte, erschien mir wieder einmal allgegenwärtig.

Ein Stück vor mir erkannte ich derweil gerade noch die beiden Pferdeschwänze, die um die nächste Ecke verschwanden. Sie gehörten zu zwei Mädchen aus dem Jahrgang über meinem: Marie und Vivien. Ich kannte sie nicht wirklich und hegte eigentlich auch nicht den Wunsch, daran etwas zu ändern.

So ziemlich jeder auf unserer Schule wusste, dass die beiden selten Gutes im Schilde führten. Wenn sie sich nicht rauchend bei den Toiletten herumdrückten, machten sie mit Vorliebe Jagd auf jüngere Schüler, um ihnen Geld oder die Handys abzuknöpfen. Notfalls mit Gewalt. Und ich hatte vor ein paar Minuten beschlossen, dabei nicht weiter zuzusehen. Eine Entscheidung, die ich möglicherweise schon bald bereuen würde, aber das war jetzt egal.

Ich schlitterte ebenfalls um die Kurve und kurz darauf fand ich mich in einer Sackgasse wieder. Es war eine Art Hinterhof, an drei Seiten von bröckligen Betonmauern umgeben, die irgendjemand mit fragwürdigen Parolen besprüht hatte. Dazwischen Mülltonnen und ein rostiges Fahrrad – und Louisa aus der Achten.

»Haha, jetzt kriegst du die Spider-App«, grölte Vivien, die sich vor ihr aufgebaut hatte und somit den einzigen Fluchtweg versperrte. Sie war kräftig gebaut und pfefferte Louisas uraltes iPhone mit Schwung auf den Boden.

Louisa zuckte beim Geräusch des Aufpralls so heftig zusammen, dass sie beinahe ihre Brille verloren hätte. Vor Wut kamen ihr Tränen.

»Bist du bescheuert?!«, rief sie, traute sich jedoch offenbar nicht, sich nach dem Handy mit dem nun gesprungenen Display zu bücken. Sie war vierzehn (sah allerdings aus wie zwölf) und erst vor einer Woche in unserer Wohngruppe eingezogen. Ich hatte mir daher überlegt, sie unter meine Fittiche zu nehmen, bis sie sich eingewöhnt hatte. Von ihrem Talent, sich andauernd in Schwierigkeiten zu bringen, hatte ich da natürlich noch nichts geahnt.

»Jetzt ist deine Klappe plötzlich nicht mehr so groß, was?«, feixte Marie. Sie war so stark geschminkt, dass es mich an das Farbenspiel so mancher Tiefseeraubfische erinnerte. Auf ihren Wangen glänzte perlmuttfarbenes Puder und ihr Lidstrich war etwa zwanzigmal dicker als mein eigener. Vielleicht bemerkte sie mich auch deshalb erst, als ich mich an ihr vorbeidrängte und vor Louisa schob.

»Robin!«, murmelte diese erleichtert und ich nickte ihr kurz zu, bevor ich mich an die Smartphone-Zerstörerinnen wandte.

»Okay, das reicht, ihr hattet euren Spaß«, sagte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. »Lasst sie in Ruhe.«

Vivien, die inzwischen Anstalten gemacht hatte, auf dem Handy herumzutrampeln, hielt in ihrer Bewegung inne. »Und was hast du hier zu sagen?«, erkundigte sie sich halb belustigt, halb genervt. Ihr Sweatshirt spannte über ihrer Brust, als sie sich zu ihrer vollen Größe aufrichtete.

Ich blinzelte, weil ich keine Lust auf diesen Blödsinn und schon seit der Mathestunde schlimme Kopfschmerzen hatte. Es war dieses dumpfe Pochen hinter meinen Augen, das mich häufig belästigte und auch heute wieder wie ein unaufhörlich kreiselnder Wirbelsturm in meinem Schädel wütete … Ich biss mir auf die Unterlippe und konzentrierte mich aufs Atmen.

Unterdessen reckte Vivien herausfordernd das Kinn. »Was du zu melden hast?«, wiederholte sie mit einem warnenden Unterton in der Stimme.

Ich seufzte und sah ihr direkt in die Augen. »Witzigerweise wollte ich dich gerade genau dasselbe fragen.«

Sie starrte mich an und ich starrte zurück, während ich mich daran zu erinnern versuchte, ob es Vivien oder Marie gewesen war, die letztes Jahr diese Jugendstrafe wegen Körperverletzung bekommen hatte.

Realistisch betrachtet hatte ich natürlich keiner der beiden etwas entgegenzusetzen. Ich war schließlich kaum größer als Louisa, nicht gerade muskulös und konnte keinerlei Judotricks oder so. Warum hätte ich so etwas auch lernen sollen, wenn ich meine Hexenmagie besaß? Zwar stand es nicht zur Debatte, sie je wieder einzusetzen … Doch ich wusste, dass ein schwacher Abglanz meiner früheren Macht noch immer dann und wann aufblitzte, und vielleicht gelang es mir ja …

Tatsächlich wichen die beiden Mädchen plötzlich kaum merklich vor mir zurück.

Marie, die noch immer Louisas Rucksack in der Hand hielt und just ein Trinkpäckchen darin gefunden hatte, kniff die von künstlichen Wimpern umrahmten Augen zusammen und betrachtete mich genauer. Sie taxierte mich einen Moment lang, bevor sie murmelte: »Du bist doch die Schlafwandler-Schlampe aus der Elften.«

»Hundert Punkte.« Selbstverständlich schlafwandelte ich ganz und gar nicht, aber es war immer noch die beste Erklärung für meine neumondnächtlichen Spaziergänge am Strand und daher ließ ich die Leute gern in dem Glauben. »Und ihr seid also diejenigen, die für diese Handyreparatur aufkommen werden«, sagte ich. »Schön, dass wir das klären konnten.«

Jetzt sog Marie scharf die Luft ein. »Wie bitte?«

Vivien schnaubte. »Als ob –«, begann sie.

»Doof, dass es euch versehentlich heruntergefallen ist«, fuhr ich fort. »Aber Louisa gibt euch netterweise die Chance, es wiedergutzumachen. Wir lassen euch dann die Rechnung für das neue Display zukommen.« Ich bückte mich nach dem Handy und wischte es an meiner Jeans sauber, bevor ich es Louisa reichte. Anschließend schnappte ich Marie den Rucksack weg, ehe sie so recht begriff, was geschah. »Also dann.«

Vivien und Marie tauschten einen verwirrten Blick. Etwas an mir hatte sie für einen Augenblick aus dem Konzept gebracht, vielleicht sogar eingeschüchtert. Aber bestimmt konnten sie sich keinen Reim darauf machen, was genau das sein sollte. Sie ahnten ja nicht einmal, wer und was ich bis zu meinem zwölften Geburtstag gewesen war, geschweige denn, dass Hexen überhaupt existierten.

Und so langsam dämmerte ihnen wohl, dass sie mich genauso leicht verprügeln könnten, wie sie es mit Louisa vorgehabt hatten. Man sah beinahe, wie es hinter ihren schlichten Stirnen arbeitete. Noch ein paar Sekunden und … Unsere einzige Chance war die Überraschung. Wir mussten von hier verschwinden.

Und zwar rasch.

»Lauf!«, raunte ich Louisa zu und gab ihr einen leichten Schubs. »Jetzt!«

Sie setzte sich in Bewegung, tat erst zögerlich einen Schritt nach vorn, dann stürzte sie plötzlich los, an den Mädchen vorbei und blindlings aus der Gasse.

Ich machte es ihr nach, drängte mich zwischen der Mauer und Vivien hindurch, die nach mir hieb, mich allerdings verfehlte. Einen Herzschlag später nahm sie bereits die Verfolgung auf. So schnell mich meine Beine trugen, flitzte ich um die nächste Ecke.

Ich war noch nie eine gute Läuferin gewesen. In meinen nunmehr fast viereinhalb Jahren unter den Menschen hatte ich mich weder fürs Joggen noch für sonst eine Sportart großartig begeistern können, weil meine Füße an Land dummerweise ziemlich schmerzten. Dementsprechend war es leider auch um meine Kondition bestellt. Lange würde ich das definitiv nicht durchhalten können. Allerdings besaß ich eine gewisse Wendigkeit und verlegte mich daher darauf, möglichst viele Haken zu schlagen.

Zuerst zwängte ich mich an einem parkenden Auto vorbei, dann tauchte ich unter einem Geländer hindurch. Als Nächstes rannte ich im Zickzack über eine der seltenen Wiesen in diesem Stadtteil, um kurz darauf ohne Vorwarnung auf einen Spielplatz abzubiegen. Nach einer Runde um das Klettergerüst, den Mülleimer und die Bänke gab Vivien es endgültig auf und auch Marie, die in ihren Plateauschuhen sowieso Probleme hatte mitzuhalten, war die Lust vergangen, mich zu jagen. Einmal versuchte sie noch, mir den Weg abzuschneiden. Doch als ich einen weiteren Haken schlug, wurde es auch ihr zu bunt. Mit einer letzten wüsten Beschimpfung schleuderte sie Louisas Trinkpäckchen in meine Richtung.

»Volltreffer!«, johlte sie, als mir das Ding gegen die Schläfe klatschte und dort aufplatzte. Der klebrige Inhalt rann über mein Gesicht, wobei meine Kopfschmerzen sich zu neuen Höhen aufschwangen.

Ich ballte die Hände zu Fäusten. »Ganz toll«, zischte ich. »Gar nicht albern oder so.«

Vivien prustete, während Marie mich mit ihrem Blick durchbohrte. »Du kannst froh sein, dass wir es dabei belassen«, sagte sie. »Für heute.«

Dann hakte sie sich bei Vivien unter und zusammen verließen sie den Spielplatz.

Wütend sah ich ihnen nach.

Alles in mir schrie danach, den Ostwind zu rufen und ihnen auf den Hals zu hetzen. Nur ganz kurz. Bloß, um sie etwas Respekt zu lehren. Früher in meiner Heimat hatte es kaum jemand gewagt, auch nur den Blick in meiner Gegenwart zu heben. Und nun stand ich hier und musste mir so etwas gefallen lassen?

Wieder spürte ich das übermächtige Rauschen der Brandung und mit ihm den Gesang der See. Wild und stark. Aber nein, ich unterdrückte den Impuls, wie ich es immer tat. Vermutlich würde mein geliebter Ostwind mir ohnehin nicht mehr gehorchen, oder? Ich seufzte.

Selbst wenn, ich würde es nie herausfinden und das war auch besser so. Ich hatte es nicht anders verdient. Und ich sollte dankbar für das Leben sein, das ich nun führte. Dafür, überhaupt noch lebendig zu sein!

Mit dem Ärmel wischte ich mir den Saft aus den Augen. Immer noch ein wenig außer Atem schlurfte ich zu den Schaukeln und ließ mich auf einer davon nieder. Dass die Sitzfläche nass war, kümmerte mich nicht. Der Himmel sah aus, als wollte er sich jeden Augenblick erneut auswringen, doch ich fürchtete mich nicht vor ein paar Regentropfen. Diese Wolken waren zwar einen Hauch zu dunkel, aber bestimmt bildete ich mir das nur ein.

Ja, ganz sicher.

Hätte ich mich auf hoher See befunden … Hier hingegen? Das mussten die Kopfschmerzen sein, ich begann wohl schon zu halluzinieren.

Wenigstens hatte ich den Spielplatz bei diesem Wetter für mich allein. Ich machte einen Moment lang die Augen zu, stieß mich mit den Füßen vom Sand ab und stellte mir vor, dass es Wellen wären, die mich sanft auf und ab schaukelten.

Louisa war am Ende der Gasse in die entgegengesetzte Richtung gelaufen und vermutlich längst zu Hause. Jedenfalls hoffte ich das. Es war schon das dritte Mal diese Woche, dass ich sie vor einer Schulhofschlägerei hatte retten müssen! Wie schaffte sie das bloß immer wieder? Zwar kümmerte ich mich wirklich gerne um sie, aber eine kleine Pause wäre definitiv nicht schlecht.

Ich massierte meine Nasenwurzel mit Daumen und Zeigefinger. Die Lider hielt ich geschlossen. Wenn bloß dieses verdammte Kopfweh nicht dafür sorgen würde, dass ich seit Tagen kaum geradeaus gucken konnte! Ob es am Luftdruck lag?

Das Atmen an Land war stets schwierig für mich. Bei jedem Zug plagte mich dieses Gefühl, dass irgendetwas Entscheidendes fehlte. Ich würde mich wohl niemals daran gewöhnen, den Himmel statt des Ozeans über mir zu spüren. Dieser erschreckend leere Raum über meinem Kopf, diese grauenvolle Abwesenheit von … allem! Da konnte man auf die Dauer ja nur krank werden. Freiwillig hielt sich jedenfalls keine Hexe länger als nötig hier oben auf. Niemand von uns verließ die von gläsernen Kuppeln geschützten Siedlungen der Tiefsee, wenn wir es irgendwie vermeiden konnten.

Und genau deshalb war die Oberfläche so ein gutes Versteck.

Auch in dieser Stadt gab es natürlich Außenposten der Meerhexen. Die Regelung des Wetters, das Brauen und Köcheln und Sieden mussten schließlich außerhalb des Wassers stattfinden und hin und wieder entdeckte ich meinesgleichen tatsächlich am Strand oder in den Wellen. Ich wusste, dass sie den alten Leuchtturm oben auf den Klippen als Geheimversteck nutzten. Doch keiner von ihnen hatte mich bisher auch nur eines Blickes gewürdigt. Mich, Robin, das Menschenmädchen. Das in einer Wohngruppe für Jugendliche mit sozialen Problemen lebte und unter chronischem Kopfschmerz litt, vermutlich vom Schulstress. Nun ja, ich war so langweilig geworden, um im Chaos der oberflächigen Welt unterzutauchen.

Je langweiliger, desto besser, lautete meine Devise.

Wieder traf etwas Nasses mein Gesicht, doch dieses Mal war es ein Regentropfen, kühl und prall, nicht so klebrig wie der Orangensaft. Angenehm. Ich schaukelte schneller und schneller und genoss das Gefühl von weiteren Tropfen, die auf meinen Wangen zerplatzten und sich in mein langes, zotteliges Haar verirrten. Der Wind zerrte an meinen Kleidern und selbst durch die geschlossenen Lider erkannte ich den Blitz, der über den Himmel zuckte. Hell und scharf, eine Klinge bester Qualität würde man daraus schmieden können.

Was mich natürlich nicht mehr im Geringsten interessierte. Mich, eine normale Teenagerin, die hier bloß in Ruhe im Regen schaukeln wollte …

Schon nach kurzer Zeit war ich vollkommen durchnässt. Meine Jeans klebten an meinen Oberschenkeln und meine Jacke hing schwer an meinen Schultern. Aber die Kopfschmerzen verflüchtigten sich etwas. Ich lächelte in mich hinein. Es waren Momente wie diese, die mir eine gewisse Linderung verschafften. Die mich vergessen ließen, was ich verloren hatte. Wasser! Wasser, das über mein Gesicht perlte, in meinen Ohren rauschte und jeden einzelnen meiner Gedanken durchflutete. Wasser, das sich für einen Augenblick so sehr nach zu Hause anfühlte, dass ich nicht einmal die offensichtlichsten Anzeichen erkannte.

Denn als ich das nächste Mal blinzelte, war es bereits zu spät. Das Gewitter hatte sich verändert. Nicht der Regen, der prasselte weiter auf die Erde, als wäre es das Gewöhnlichste auf der Welt.

Aber die Wolken.

Die Blitze.

Der Nachhall des Donners!

Plötzlich durchpflügte dieses Dröhnen den Himmel, ein dumpfes, wütendes Grollen von der Art, die man nicht hören, sondern nur tief im Bauch spüren konnte. Wütend. Bedrohlich.

Verdammt! Die Dunkelheit der Wolkenbäuche war keine Einbildung gewesen! Dieser Sturm war eindeutig … anders.

Doch das konnte nicht sein!

Es war lange her, dass mir ein Geräusch wie dieses begegnet war. Sehr, sehr lange. Und das war selbstverständlich weit draußen geschehen, mitten auf dem Meer. Hunderte von Kilometern entfernt von der Zivilisation, an einem Ort, an dem man leider jederzeit mit solchen Stürmen rechnen musste.

Dies hier allerdings war eine Stadt. Eine bewohnte Stadt!

Menschengebiet.

Meine Hände krallten sich fester um die Ketten der Schaukel, denn so unmöglich mir das alles auch erscheinen mochte, leider bestand kein Zweifel:

Das Böse hatte mich gefunden.


2
Donnerdrache

Stürme der anderen Art sind tückisch. Nicht umsonst bemerkt man sie meistens erst, wenn man sich bereits mitten in ihnen befindet. Die meisten Leute sind vermutlich sogar schon tot, noch bevor ihnen klar wird, was überhaupt vor sich geht. Ich hingegen war einst dazu trainiert worden, die Anderen zu finden. Sie schon an den kleinsten Anzeichen zu erkennen und ihnen die Stirn zu bieten.

Und ein Überbleibsel dieses Trainings war wohl das Einzige, das mich heute davor bewahrte, auf der Stelle zu sterben. Die Tatsache, dass mir der Nachhall des Donners in die Glieder fuhr und mich von der Schaukel springen ließ, noch bevor –

Der Aufprall war hart, meine Fußsohlen kribbelten. Ich ignorierte den Schmerz und stürzte los. Ohne Blitzklinge blieb mir nämlich wohl oder übel nur eines – und das war die Flucht. Ich musste so viel Abstand wie möglich zwischen mich und ihn bringen. Und ich betete zum Gott des Schicksals, dass meine Unaufmerksamkeit mich nicht den Kopf kosten würde.

Ich rannte.

Der Spielplatz befand sich am Rande eines Parks. Doch auf der Grünfläche wäre ich vollkommen schutzlos. Stattdessen wandte ich mich in Richtung Straße. Meine Schuhe platschten durch Pfützen, das Blut rauschte mir in den Ohren und das Gewicht meiner nassen Kleider schien mich zurückzuhalten. Aber ich preschte voran, stolperte mehr vorwärts, als dass ich lief.

Weg!

Ich musste weg.

Wieder durchfuhr das grelle Leuchten eines Blitzes den Himmel. Fast im gleichen Augenblick donnerte es und der Klang fraß sich in jede Faser meines Körpers. Dieses tiefe Dröhnen, das einem den Atem stocken ließ. Gleich darauf wandelte es sich: Das Rauschen der See mischte sich hinein, laut und zornig. Und der Geruch von fauligem Fisch. Wie aus dem Nichts erschienen Muschelsplitter und wirbelten durch die Luft, zerkratzten meine Haut.

Ich konnte es nicht glauben. Wirklich nicht. Das war doch ganz und gar verrückt! Seit tausend Jahren war keiner der Anderen in einer Stadt aufgetaucht. Oder überhaupt an Land!

Vielleicht täuschte ich mich ja doch. Auf jeden Fall wagte ich nicht innezuhalten, um mich umzudrehen und mich mit eigenen Augen zu vergewissern.

Erneut beschleunigte ich meine Schritte, stürzte den Gehweg entlang. Wenn ich es bis zur Ampel schaffte … Dort war eine Fußgängerunterführung. Schmal und dunkel …

Meine Sinne waren bis aufs Äußerste geschärft, hinter mir meinte ich, eiskalten Atem zu spüren, während grüngraue Nebelschwaden mich umflossen.

War mein Kopfschmerz in Wahrheit ein Hirntumor, der zu Wahnvorstellungen führte?

Verdammt, verdammt, verdammt!

Endlich tauchte die Unterführung vor mir auf. Ich warf mich die Stufen hinab in die Dunkelheit, doch Nebel und Muschelscherben folgten mir. In das Rauschen mischte sich das Geräusch von … etwas anderem. Gleichzeitig schwoll das Dröhnen zu einem ohrenbetäubenden Grollen an, das die steinernen Platten unter meinen Füßen vibrieren ließ.

Die Erde erbebte vom Kampfschrei des Donnerdrachen, jenes Wesens, das im Herzen dieses Sturms lebte.

Der Drache war nun beinahe bei mir.

Und er griff an.

Ich verfluchte meine Hilflosigkeit. In Atlantis, dem Reich meiner Mutter, hatte ich stets gleich mehrere Blitzklingen in einem Holster aus Samt bei mir getragen. Meine Exemplare waren kunstvoll verziert gewesen und so scharf, dass man selbst Perlen damit spalten konnte.

Jetzt hatte ich bloß einen gammeligen Rucksack voller Hefte und Stifte dabei. Möglicherweise fand sich irgendwo darin noch eine Bastelschere. Doch allein der Gedanke, mit einem Spielzeug aus Plastik und Stahl gegen einen Drachen zu kämpfen, war geradezu lächerlich!

Die Nebelschwaden verdichteten sich derweil zusehends und nahmen mir den Atem, während der Tornado aus Muschelscherben sich kaum merklich verlangsamte. Das Auge des Sturms war nahe. Jeden Moment würde der Donnerdrache –

Wenn ich jetzt anhielt, wäre ich tot, bevor ich auch nur den Reißverschluss des Rucksacks geöffnet hätte.

Blindlings stürzte ich die letzten Stufen hinab, mitten ins Dämmerlicht der Unterführung. Der Nebel verschleierte noch immer meine Sicht, sodass ich die beiden Gestalten, die an der Betonwand lehnten und rauchten, erst erkannte, als ich beinahe an ihnen vorbeirannte.

»Was zur Hölle?«, rief Vivien, als eine Scherbe ihre Wange traf. Sie starrte mich an, vermutlich, weil meine Haare im Nebel wehten, als führten sie ein Eigenleben.

»Was macht ihr denn hier?«, keuchte ich.

»Na, uns vor dem Regen unterstellen«, schrie Marie gegen das Rauschen an. »Was soll die Scheiße? Was ist das?« Sie deutete auf das schmutzig grüne Licht und die Muschelscherben, von denen sich nicht wenige in meiner Kleidung verfangen hatten.

»Bah, Alter, wieso stinkt das plötzlich nach verwester –«, setzte derweil Vivien an.

Da bebte die Erde so stark, dass wir alle drei taumelten und ich gegen die beiden prallte.

Marie versuchte, sich an der Tunnelwand festzuhalten. Vivien fiel auf die Knie und schrie auf.

Unterdessen standen mir meine Optionen binnen eines Herzschlags plötzlich ganz klar vor Augen: Entweder ich rannte weiterhin um mein Leben und überließ Vivien und Marie ihrem Schicksal. Oder ich versuchte, den Donnerdrachen aufzuhalten, damit wenigstens die beiden eine Chance hatten. So oder so, es sah nicht gut für mich aus. Ich biss mir auf die Unterlippe. Auch wenn ich diese Mädchen nicht leiden konnte und sie sich benahmen, als wäre ihnen alles und jeder auf der Welt egal außer ihnen selbst, sie waren immer noch Menschen. Und einst hatte ich wie alle Hexen einen Eid geleistet …

Der Eingang verfinsterte sich, als sich etwas mit dunkel geschuppten Beinen und messerscharfen Krallen um die Ecke schob.

Etwas … Gewaltiges.

»Was für ein Freak bist du eigentlich, Schlafwandler-Schlampe?«, kreischte Marie. Ihre Plastikfingernägel krallten sich in die Betonwand.

»Lauft einfach, okay?«, brüllte ich. »LAUFT WEG!«

»Aber da draußen ist ein krasses Gewitter«, stammelte Vivien.

»Ja, was, wenn wir vom Blitz –«

Der Drache gab ein gurgelndes, zischendes Fauchen von sich, das wie tausend tosende Mahlströme auf einmal klang. Gleichzeitig schnellte eine Schnauze von der Größe eines Autos in die Unterführung. Mit geblähten Nüstern schob sich das Maul über den Beton auf uns zu. Eine weitere Welle aus Gestank und Muschelsplittern rollte über uns hinweg, noch viel übler als die erste.

Ich unterdrückte ein Würgen. Marie und Vivien waren inzwischen bleich wie Gespenster. Ihre Münder klappten auf, doch kein Ton kam heraus. Sie waren viel zu geschockt, um zu schreien, weil sie ja noch nicht einmal an die Existenz von Drachen glaubten! Herrje! Falls wir es doch irgendwie hier herausschafften, konnte ich nur hoffen, dass ihnen das Ganze derart absurd vorkam, dass sie annahmen, sich die Geschichte eingebildet zu haben … Wobei das im Moment natürlich meine geringste Sorge war.

Nacheinander verpasste ich jeder von ihnen eine Ohrfeige. »MACHT SCHON!«, brüllte ich sie an. »Wir haben keine Zeit für Erklärungen. RENNT!«

Da endlich setzten sie sich in Bewegung. Über ihre eigenen Füße stolpernd stürzten sie zum anderen Ende des Tunnels und die Treppe hinauf.

Ich hingegen begann nun doch, in meinem Rucksack nach der Bastelschere zu tasten. Mit grimmiger Miene wandte ich mich dem Drachen zu.

Er füllte inzwischen den gesamten Eingang der Unterführung aus. Da sein Kopf zu groß war, um ganz hindurchzupassen, hatte er das gewaltige Maul wieder ein Stück zurückgezogen. Stattdessen peitschte ein stachelbewehrter Schwanz vom Umfang eines Baumstamms durch den Nebel. Dahinter erkannte ich einen Teil seines gallertigen Rumpfes – solche Körper besaßen sonst nur die Geschöpfe der tiefsten Tiefsee. Lichtblitze glommen in seinem Inneren auf, der faulige Gestank hing nun beinahe greifbar in der Luft und schien jeglichen Sauerstoff zu verdrängen.

Ich hustete und wich zurück, als der Schwanz nach mir zu tasten begann. Schuppen und Stacheln kratzten mit einem schabenden Geräusch über den Asphalt und krochen dabei unaufhaltsam auf mich zu. Der Drache konnte mich nicht sehen, noch immer gelang es ihm nicht, sich in die Unterführung zu quetschen. Nur würde ihn dieses Hindernis vermutlich nicht allzu lange aufhalten.

Instinktiv wollte ich so viel Abstand wie möglich zwischen mich und das Biest bringen, doch da erreichte mich die mit einem langen Stachel besetzte Schwanzspitze. Genauer gesagt schnellte sie mit rasender Geschwindigkeit auf mich zu wie eine Peitsche und zerriss den Stoff meiner Jeans. Ich unterdrückte einen Schrei, als sie die Haut darunter traf.

Etwas Warmes sickerte an meinem Bein hinab. Vermutlich Blut.

Allerdings verwendete ich keine Energie darauf, es zu überprüfen. Wie schlimm die Wunde auch sein mochte, das war jetzt vollkommen unwichtig.

Meinen ersten Donnerdrachen hatte ich im Alter von zehn Jahren erlegt, als jüngste Hexe, der dieses Kunststück je gelungen war. Der Sturm hatte meine Schwestern und mich bei einem Ausflug an die Wasseroberfläche überrascht. Damals hatte ich meine Blitzklinge, ohne zu zögern, direkt in das leuchtende Herz der Bestie gestoßen. Mit mehr Glück als Verstand.

Wie naiv ich gewesen war! Ich hatte nämlich tatsächlich geglaubt, was alle behauptet hatten: dass ich unbesiegbar sei. Unfehlbar. Das sagenumwobene Kind der Prophezeiungen. Allein bei der Erinnerung daran legte sich ein bitterer Geschmack auf meine Zunge.

Inzwischen wussten wir alle es besser.

Und heute, jeglicher Klinge beraubt, brauchte ich ohnehin einen anderen Plan. Irgendetwas, das den Drachen zumindest so lange aufhielt, bis Vivien und Marie aus der Schusslinie waren (und das vorzugsweise nicht beinhaltete, dass ich mich fressen ließ).

Wieder zuckte der Schwanz in meine Richtung, doch dieses Mal verfehlte er mich um Haaresbreite, weil ich gerade noch rechtzeitig zur Seite sprang. Die Erleichterung währte leider nur kurz.

Schon näherte sich das Ding erneut.

Endlich fand ich die Schere. Ohne zu zögern, rammte ich sie mit aller Kraft in die schuppenbesetzte Haut. Doch statt zurückzuweichen, fühlte sich das Ungeheuer wohl bloß weiter angestachelt. Zumindest verriet mein lächerlicher Angriff aber, wo genau in der Unterführung ich mich befand. Wieder sauste der Drachenschwanz durch die Luft, traf mich an der Hüfte, drückte meine Oberschenkel gegen die Wand und zog mich näher und näher in Richtung des Körpers.

Die gewaltige Schnauze erschien, schnüffelte genüsslich und öffnete sich einen Spaltbreit. Der Drache spie eine weitere Ladung Muschelscherben aus, die nun auf mich zuschossen, scharf und spitz.

Ich riss die Arme hoch, um wenigstens mein Gesicht zu schützen.

Der Donnerdrache stieß einen Kampfschrei aus, der mir beinahe die Trommelfelle zerriss und außerdem ziemlich siegessicher klang. Siegessicher und hungrig.

Ich blinzelte, suchte verzweifelt nach einem Ausweg. War das also nun das Ende? Nach all den Jahren des Versteckens fiel ich nicht den Häschern, sondern einem verirrten Donnerdrachen zum Opfer? Unbewaffnet und an der Oberfläche? Die Prinzessin, die schon als Kind für ihre Klingenkunst berühmt gewesen war?

Das Maul öffnete sich weiter und machte sich bereit, mich zu verschlingen.

Nein, das durfte nicht geschehen! Ich konnte mich nicht einfach kampflos meinem Schicksal ergeben, ich musste … es wenigstens versuchen, oder?

Ja, es war riskant und gefährlich und dumm, aber mir blieb kein anderer Ausweg.

Ich wollte nicht sterben.

Muschelscherben ritzten meine Haut auf, während der Drachenschweif mich so fest umschlungen hielt, dass er meinen Brustkorb zu zerquetschen drohte.

Es war so weit, entweder jetzt oder …

Der Tod lauerte in den Schatten, umklammerte mich bereits. Hässlich und unerbittlich wie der Donnerdrache selbst.

Nein!

Ich nahm einen Atemzug, der mein letzter hätte sein können, und dann tat ich es. Tat, was ich mir eigentlich nie wieder hatte gestatten wollen.

Ich sang.

Nur einen einzelnen klaren Ton, der so fließend aus meiner Kehle emporstieg, als hätte ich ihn nicht seit vier Jahren, fünf Monaten und 16 Tagen zurückgehalten. Ein Ton, der sich ausbreitete wie ein frisch ausgeworfenes Fischernetz, der von den Tunnelwänden widerhallte und sich als knisternde Welle bis in die Stadt und den Himmel darüber auszudehnen schien. Ein Ton, der über das Meer bis zum Horizont tanzte.

Es war keine Melodie, kein Lied, keine Musik im eigentlichen Sinne. Es war ein Ruf.

Und der Ostwind antwortete.

Er gehorchte mir tatsächlich noch!

Es begann mit einem Rascheln, das sich unter das Grollen des Donnerdrachen mischte und langsam anschwoll. Es durchschnitt den Nebel und wirbelte seine Schwaden durcheinander, drängte das Drachenmaul zurück. Kurz darauf durchfuhr mein alter Freund als Bö mein zotteliges Haar, um mich zu begrüßen. Einen Herzschlag lang spielte er mit den langen Strähnen, als habe er mich vermisst, zerrte an meiner nassen Jacke, als wolle er mich umarmen. Dann stimmte er seinen eigenen Ton an.

Ich blinzelte eine Träne aus meinem Augenwinkel fort, als sich unser beider Gesang zu einem summenden Duett verband, das die Unterführung nun ganz und gar ausfüllte. Mein Haar umtoste mich, während der Ostwind mich umkreiste und so verhinderte, dass der Drache mich weiter zu sich ziehen konnte. Ich legte den Kopf in den Nacken und schloss für die Dauer eines Wimpernschlags die Augen.

Noch einmal holte ich tief Luft und veränderte meinen Ton um eine Nuance.

Der Ostwind reagierte prompt und stob auf den gallertigen Körper des Ungeheuers zu. Die Lichtblitze im Innern des Drachen flammten auf, als er aus dem Gleichgewicht geriet und zurücktaumelte. Klauen und Nebel zogen sich ein Stück zurück und tatsächlich lockerte sich auch der stachelige Schwanz um meine Hüften so weit, dass ich mich losmachen konnte.

Lange würde der Wind den Donnerdrachen sicherlich nicht aufhalten können. Aber immerhin war ich nun frei, konnte wieder rennen – und das tat ich auch.

Ich hastete zum Ausgang, zu der Treppe, die ich Marie und Vivien vor wenigen Minuten hinaufgeschickt hatte. Vielleicht gelang es uns am Ende ja doch noch allen dreien zu entkommen.

Hinter mir brauste der Ostwind noch immer mit aller Macht, um mir den Drachen vom Leib zu halten.

Doch mit einem Mal mischte sich da etwas in seinen Gesang. Ein merkwürdiges Knacken, als läge plötzlich eine Spannung in der Luft, als befänden wir uns im Innern einer Gewitterwolke kurz vor ihrer Entladung.

Ich hatte gerade die unterste Treppenstufe erreicht, da flammte ein gleißendes Licht auf, hell und scharf. Hitze durchströmte den Tunnel.

Eine Blitzklinge?

Der Donnerdrache stieß einen markerschütternden Schrei aus. Etwas Verbranntes durchtränkte den fauligen Gestank.

Ich fuhr herum.

Und da sah ich, wie sie am anderen Ende der Unterführung auftauchten: meinesgleichen!

Es waren zwei Jungen, Hexer, der eine wohl noch nicht lange volljährig. Er war höchstens dreizehn Jahre alt, hatte ein schmales Gesicht und bleiche Haut, wie man sie nun einmal bekommt, wenn man sein Leben viele Kilometer unterhalb der Wasseroberfläche verbringt. Der Kleine sprang nun in die Höhe, hielt in jeder Hand einen glühenden Blitz und hieb damit nach den Drachennüstern.

Währenddessen zog der zweite, deutlich größere Hexer seine Klinge aus dem gallertigen Rumpf und stach gleich darauf erneut zu. Dieses Mal traf er das zuckende Herz. Noch einmal bäumte der Donnerdrache sich auf. Er stieß einen weiteren Schrei aus, Muschelsplitter stoben in alle Richtungen und eine letzte Welle fischigen Atems breitete sich aus.

Dann erloschen die Lichter im Inneren seines Rumpfes. Der Nebel sank zu Boden und versickerte irgendwo unter unseren Füßen.

Der Drache war tot, der andere Sturm besiegt.

Und der Hexer entfernte die Blitzklinge sorgfältig, wischte sie mit einem Lappen ab und verstaute sie mit geübten Bewegungen wieder in dem Holster auf seinem Rücken. Er tat das hier offenbar nicht zum ersten Mal, dabei konnte er kaum älter als ich sein. Ich schätzte ihn auf achtzehn oder neunzehn, allerhöchstens zwanzig. Er wirkte durchtrainiert und überragte seinen jungen Begleiter um mehrere Köpfe. Das Haar fiel ihm in dunklen Wellen in die Stirn, als wäre es genauso schwer zu bändigen wie mein eigenes, und seine Stiefel hatten eindeutig schon bessere Zeiten gesehen.

Außerdem zitterten seine kräftigen Hände nun doch ein wenig, als er dem Kleinen die Blitze abnahm und sie ebenfalls einpackte.

»Ich hab dir gesagt, du sollst oben warten! Das hier ist noch zu gefährlich für dich«, schalt er den Jungen.

Doch der zuckte bloß mit den Achseln. »Du brauchtest Hilfe, oder?«

»Nein«, sagte der Hüne. »Und das weißt du genau. Du bist noch nicht so weit, Damian. Als dein Lehrmeister –«

»Was wollte das Biest überhaupt hier?«, unterbrach der Kleine ihn und sprach mir damit aus der Seele.

Drachen kommen nicht an Land. Niemals. Und ich – verdammt, war ich denn von allen Geistern der See verlassen? Wieso machte ich nicht, dass ich wegkam? Noch hatten die beiden mich nicht bemerkt.

Dummerweise fühlten sich meine Knie wie zwei matschige Quallen an, am liebsten hätte ich mich für einen Moment hingesetzt.

Während meine Füße mir ihren Dienst verweigerten, begannen die beiden Hexer, den Kadaver vor sich zu untersuchen. Oder zumindest das, was noch von ihm übrig geblieben war.

Die Schnauze des Donnerdrachen war bereits in sich zusammengefallen und löste sich mit rasender Geschwindigkeit auf. Überall lagen glitschige Schuppen herum und der Schwanz zerfloss zu einer übel riechenden Pfütze.

Andere verschwanden genauso rasch, wie sie sich bildeten. Ohne Vorwarnung. Ohne Spuren zu hinterlassen.

Trotzdem suchten die Hexer den Asphalt ab. Vermutlich nach Hinweisen darauf, was um alles in der Welt dieses Biest mitten in eine menschliche Siedlung geführt haben mochte.

Auch ich hätte gerne mehr darüber erfahren. Ich spielte sogar schon mit dem Gedanken, mich zu bücken und eine der schleimigen Schuppen aufzuklauben. Doch in diesem Moment hob der größere Typ den Blick und riss mich damit endlich aus meiner seltsamen Erstarrung. Bisher hatte er nicht in meine Richtung gesehen, aber … War ich eigentlich verrückt geworden, so lange zu zögern?

Gerade noch rechtzeitig hechtete ich in den Schatten der Treppe. Ohne mich umzusehen, rannte ich los, die Stufen hinauf und fort von den Hexern und allem, was für mich sowieso nur in ferner Vergangenheit existieren durfte.

Der Ostwind zupfte ein letztes Mal an meiner Kapuze, doch ich schickte ihn so übereilt weg, dass ich sogar vergaß, mich für seine Hilfe zu bedanken.

Auf der Straße sprang ich über abgebrochene Zweige und den Inhalt umgewehter Mülleimer hinweg. Ich wollte nur noch zurück zur Wohngruppe.

Der Bürgersteig flog unter meinen Schritten dahin, während die Panik mich bereits überrollte wie ein mittelgroßer Tsunami. Ja, ich war froh, noch am Leben zu sein, erleichtert. Aber … nach all den Jahren ohne meine Kräfte … Sie nie wieder einzusetzen, war stets die wichtigste Regel von allen gewesen.

Was hatte ich nur getan?

Ja, ich war einst Prinzessin eines magischen Volkes gewesen. Und offensichtlich hatten meine Kräfte mich nicht verlassen. Ich konnte noch immer kämpfen. Doch das alles änderte nichts an dem, was heute für mich galt.

Ich durfte einfach keine Hexe mehr sein.

In der Nacht der Katastrophe, der Nacht meiner Flucht, hatte ich meinen wahren Namen und Titel ein für alle Mal abgelegt. Undina Severina Mare, siebte Tochter der siebten Königin, das Kind, dem einst Großes vorherbestimmt gewesen war, existierte nicht mehr.

Meiner Magie und den Stürmen hatte ich längst abgeschworen.

Und wenn ich nicht entdeckt werden wollte, musste es dabei bleiben.


3
Ostwind

In einer Wohngruppe zu leben, ist manchmal echt anstrengend. Zum Beispiel, wenn man sich an einen Haushaltsplan und etwa hundert andere Regeln halten muss. Da hat es durchaus seine Vorteile, einen Betreuer zu haben, dem wenigstens die Schützlinge an sich herzlich egal sind. Solange ich trotzdem die Spülmaschine ausräumte, weil mich ein Kühlschrankmagnet dafür eingeteilt hatte, würde es keine Rolle spielen, wie nass, verdreckt und blutend ich nach Hause kam …

Andreas würdigte meine zerrissene Jeans und die Schramme auf meinem linken Oberschenkel jedenfalls keines Blickes, als ich an diesem Nachmittag durch die geräumige Wohnküche in mein Zimmer stapfte und kurz darauf für etwa eine Stunde im Bad verschwand, um viel zu lange zu duschen.

Damals, zu Beginn meines Lebens an der Oberfläche, hatte ich eine Weile unter Brücken und in Hauseingängen geschlafen und tagsüber auf der Straße gebettelt. Schließlich hatte mich ein Mitarbeiter des Jugendamts aufgesammelt, mir aufgrund meiner vermeintlichen Amnesie den Namen Robin verpasst und mich in eine Einrichtung für Jugendliche mit Problemen geschickt. Zunächst war ich in einem vollkommen überfüllten Heim untergebracht worden, doch schon nach ein paar Wochen (als sich zeigte, dass ich arge Schwierigkeiten hatte, mich im normalen, menschlichen Alltag zurechtzufinden) war ich hierhergekommen.

Die Stadt hatte das alte Pfarrhaus in der Nähe des Strands so umgebaut, dass sich dort nun jeweils drei Mädchen zwischen vierzehn und achtzehn eine der vier Wohnungen teilen konnten. Und eigentlich kamen wir auch ganz gut klar. Bloß heute war alles irgendwie … ein wenig durcheinander. Aber vielleicht erschien es mir bei meinen strapazierten Nerven auch nur so.

Als ich gegen Viertel vor sieben meinen Spülmaschinendienst verrichtete und anschließend den Tisch für das Abendessen deckte, schallte jedenfalls lauter Gangster-Rap aus Louisas Zimmer. Übertönt wurde dieser nur von der Auseinandersetzung zwischen Andreas und Fiona, unserer dritten Mitbewohnerin, die sich über die Küchenanrichte hinweg anschrien.

»Das ist so unfair!« Fiona fuchtelte mit der Teekanne, die sie eigentlich befüllen sollte, in der Luft herum. Sie ging wie ich in die Elfte und mochte Kleider im Retro-Look und düstere Schwarz-Weiß-Filme. Ach ja, und heute Nacht hatte sie unerlaubten Herrenbesuch gehabt. »Jonas ist die Liebe meines Lebens! Nichts und niemand kann uns trennen.«

Übrigens hatte sie auch einen gewissen Hang zur Melodramatik.

»Vielleicht hilft er dir ja dann dabei, im nächsten Monat die Wäsche für alle zu machen«, konterte Andreas, der wiederum ein Faible für Disziplinarmaßnahmen hatte.

Er war um die fünfzig, erst seit knapp vier Wochen unser Sozialarbeiter und hing die meiste Zeit mit seinem Smartphone im Wohnzimmer herum, wo er Nachrichten an wer weiß wen tippte (vielleicht auf einer Onlinedating-App?) und sich die Haare raufte, wenn er es wieder einmal nicht schaffte, den Touchscreen korrekt zu bedienen. Außer zu den gemeinsamen Mahlzeiten oder um (so wie jetzt) Strafen zu verhängen, bewegte er sich eigentlich kaum von seinem Platz auf der Couch weg.

»Einen ganzen Monat?«, empörte sich Fiona und knallte die Teekanne auf die Arbeitsfläche.

Ich verteilte weiter Besteck und Teller und hoffte, dass sie sich bald einkriegen würde. Was Andreas verfügte, war in diesem Haus nun einmal Gesetz. Gerecht oder nicht, da würden auch Diskussionen nichts bringen.

Leider sah Fiona das anders. Als wir zwanzig Minuten später alle am Tisch saßen, redete sie immer noch auf ihn ein. Louisa und ich widmeten uns derweil schweigend unseren Käsebroten und versuchten, die beiden zu ignorieren.

Seit ihrem Zusammenstoß mit den Handy-Zerstörerinnen wirkte Louisa ein bisschen mitgenommen. Ihr war wohl genauso wenig nach einer Unterhaltung zumute wie mir.

So gesehen war es eigentlich ganz praktisch, dass alle gerade ihre eigenen Probleme hatten und niemandem aufzufallen schien, wie meine Hand zitterte, als ich nach dem Käsemesser griff.

Der Donnerdrache hatte mich viel zu sehr aus dem Konzept gebracht. Meine Kräfte einzusetzen, war so leichtsinnig gewesen! Definitiv die größte Dummheit, zu der ich mich in den letzten viereinhalb Jahren hatte hinreißen lassen. Was, wenn die beiden Hexer mich bemerkt hätten? Wenn sie mich gesehen und womöglich sogar erkannt hätten? Obwohl ich mein Haar inzwischen dunkel färbte, die Gefahr war längst nicht gebannt. Und wenn meine Familie mich jemals in die Finger bekommen sollte …

Ich schluckte.

Wer unter dem Meer Verrat beging, konnte nicht auf Gnade hoffen. Egal, wie leid mir tat, was damals an meinem zwölften Geburtstag so schiefgelaufen war, die Königin verzieh niemals. Selbst mit ihrem Gemahl, meinem Vater, dem abtrünnigen Herzog, hatte sie, so hieß es, kurzen Prozess gemacht.

Doch was, bei Neptuns Bart, hatte einen ausgewachsenen Anderen überhaupt an Land verschlagen? Die Hexen taten seit Tausenden von Jahren alles, um die Menschen vor diesen Biestern zu schützen. Im Mittelalter hatte es so manchen Zwischenfall gegeben. Damals waren sogar nicht wenige der großen Handelsschiffe dabei draufgegangen, okay. Aber das war meistens fernab der Küsten inmitten der Weiten der See geschehen und –

»Robin?«, riss Louisa mich aus meinen Gedanken.

Ich blinzelte. Erst jetzt fiel mir auf, dass Fiona und Andreas gar nicht mehr stritten. Stattdessen sahen alle am Tisch mich erwartungsvoll an.

»Äh … «, stammelte ich. »Wie bitte?«

Andreas hob die Brauen. »Was du nach der Schule noch getrieben hast, habe ich gefragt. Irgendwelche … na ja … Aktivitäten? Ein neues Hobby oder so?«

»Hä?«, machte ich wenig geistreich.

»Du warst spät zu Hause. Bist in den Regen gekommen, oder?«, versuchte Andreas es weiter, schielte jedoch unverkennbar auf sein Handy, wobei er so tat, als zupfte er nur den Saum seines blau-grün gemusterten Fleecepullovers zurecht (wenn er wirklich online datete, hatte er auf seinem Profilbild hoffentlich ein anderes Outfit an).

Ich blinzelte. Neuerdings versuchte er es leider häufiger mit diesem komischen aufgesetzten Smalltalk bei mir. Louisas Theorie dazu war, dass er mich als Übungsobjekt für seine zukünftigen Flirts auserkoren hatte (wobei er noch seeeehr viel Training brauchen würde). Fiona hingegen behauptete, Andreas wäre schlicht nicht in der Lage, sozial zu interagieren, und wegen meiner schweigsamen Art fiele es ihm bei mir von uns dreien noch am leichtesten, Interesse vorzuheucheln. Ich für meinen Teil fand das Ganze einfach nur nervig.

»Schon gut. Anscheinend träumst du mal wieder von fernen Welten, was?« Er lachte gekünstelt und schenkte sich Tee nach.

»Sorry, ich bin echt müde. Hab letzte Nacht total schlecht geschlafen«, log ich und wollte mich wieder meinem Brot zuwenden.

»Mhm.« Andreas bedachte Fiona mit einem weiteren strafenden Blick.

»Also so laut waren Jonas und ich garantiert nicht.«

»Nun …«, murmelte Andreas.

Fiona presste die Lippen aufeinander. »Robin? Wir haben dich nicht geweckt, oder?«

»Nein«, sagte ich. »Es lag an einem Albtraum.« Jetzt schob ich meinen Teller doch von mir.

Das Pochen hinter meinen Augen verstärkte sich, während eine Sturmbö vor dem Fenster heulte, die verdächtig nach dem Ostwind klang. Dazu kamen das Locken der See und die Last all der Erinnerungen an meine Kindheit in einem fernen, grausamen Königreich, die sich bereits wieder emporkämpfen wollten …

Es reichte, ich hatte genug. Nach diesem Nachmittag kostete es schon viel zu viel Kraft, allein hier zu sitzen und einfach nur so zu tun, als wäre ich Robin. Mein Herzschlag beschleunigte sich und ich spürte, wie mir Schweißperlen auf die Stirn traten.

»Du bist aber ganz schön blass, ist alles okay?«, fragte Louisa.

Auch Andreas’ Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Er musterte mich prüfend, als ob er sich fragte, wen ich heute in meinem Zimmer versteckt haben mochte.

Oder war ihm meine Verletzung vorhin etwa doch nicht entgangen?

»Ich glaube, ich muss mich hinlegen. Mein, äh, Kreislauf spielt verrückt. Darf ich bitte aufstehen?«

»Eigentlich –«, begann Andreas, doch Louisa fiel ihm ins Wort.

»Ich übernehme die Spülmaschine«, bot sie an. Louisa, die normalerweise jeder Form von Hausarbeit aus dem Weg zu gehen versuchte. Offenbar wollte sie sich revanchieren.

»Dann ausnahmsweise«, sagte Andreas.

»Danke«, nuschelte ich und stand auf. Mit langen Schritten durchquerte ich den Flur zu meinem Zimmer. Ich musste mich anstrengen, nicht zu rennen.

Aber auch, als ich die Tür hinter mir ins Schloss drückte und daran mit dem Rücken zu Boden sank, hämmerte mein Herz noch in meiner Brust. Als wollte es davongaloppieren und mich dazu überreden, mit ihm zu fliehen. Bloß, wohin hätte ich gehen sollen? Ich konzentrierte mich darauf, so langsam wie möglich ein- und wieder auszuatmen. Ein und wieder aus …

Ich konnte das hier, ich … musste mich nur beruhigen und mich auf meine Wurzeln besinnen. Ja, genau!

Einst hatten wir Hexen schließlich ganz selbstverständlich unter den Menschen gelebt. Wir waren Menschen, auch wenn wir es uns nur ungern eingestanden. Menschen mit magischer Begabung, die Ernten beschützten und das Wetter lenkten – aber immer noch Menschen. In die Untiefen der Meere waren wir erst viel später gesiedelt, damals, als die Zivilisation sich entwickelte und diejenigen ohne Magie plötzlich danach lechzten, jedes Phänomen genau erklären und die Natur kontrollieren zu können. Als man uns zu jagen und zu foltern begann und auf grauenvollen Scheiterhaufen verbrannte.

Eines Tages hatten die Vorfahren meiner Familie keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als unser Volk ein für alle Mal in Sicherheit zu bringen. Fort, an den unerforschtesten aller unerforschten Orte dieser Erde: hinab in die Städte der Tiefsee. Ein radikaler, aber notwendiger Schritt. Doch wie gesagt, obwohl viele Jahrhunderte vergangen waren, in denen mein Volk sich an das Leben im Verborgenen, an Dunkelheit, Kälte und den Gesang der See gewöhnt hatte, konnten Hexen nach wie vor in der Menschenwelt leben.

Das hier war nun mein Zuhause.

Und dieser Zwischenfall mit dem Donnerdrachen würde daran nicht das Geringste ändern. Falls Marie und Vivien wirklich jemandem davon erzählten, was sie gesehen hatten, konnte ich immer noch das Gerücht in die Welt setzen, sie wären völlig high gewesen. Jeder wusste schließlich, dass sie kifften …

Ich nahm einen weiteren tiefen Atemzug, dann rappelte ich mich auf und entschied, diesen kompletten Nachmittag so rasch wie möglich zu vergessen. Ja, ich würde mich von jetzt an einfach weigern, daran zu denken, und weitermachen wie bisher. Als wäre rein gar nichts geschehen. Ha!

Eine simple Lösung.

Ein klarer Schnitt.

Punkt.

Nur so konnte ich meine Tarnung aufrechterhalten. Nur so würde ich am Leben bleiben.

Entschlossen marschierte ich ins Bad, um mir die Zähne zu putzen. Anschließend kehrte ich in mein Zimmer zurück, zog meinen Schlafanzug an und legte mich ins Bett. Kurz darauf ging ich im Geiste bereits den Stoff für die nächste Mathearbeit durch und obwohl meine Gedanken natürlich doch immer wieder abzuschweifen drohten, war Mathe zumindest so langweilig, dass ich allmählich ruhiger wurde …

Beinahe wäre ich schon weggedöst, da fiel mir allerdings ein, dass ich Bo nicht gefüttert hatte. Ächzend rollte ich mich auf den Bauch und tastete nach seinem Goldfischglas unter dem Bett. (Wir durften in der Wohngruppe offiziell keine Haustiere halten, doch er war das Einzige, das mir von meiner Vergangenheit geblieben war, also scherte ich mich nicht im Geringsten um diese dämliche Regel.)

»Sorry«, murmelte ich, während ich im Halbschlaf die Dose mit dem Fischfutter suchte. »Du musst hungrig sein.«

Bo schwamm ein wenig ärgerlich von innen gegen das Glas. Wasser schwappte über den Rand und bildete einen kleinen dunklen Fleck auf dem Teppich.

»Ich weiß, tut mir leid«, sagte ich, fand endlich, was ich brauchte, und zerbröselte ein paar der bunten Flocken auf der Wasseroberfläche. Dann schob ich das Glas zurück in das Versteck unter dem Bett und glitt fast im gleichen Moment endgültig in ein Meer aus wirbelnden, wirren Träumen.

Träume, die vollkommen frei von Donnerdrachen waren. Immerhin.

Stattdessen befand ich mich darin, wie so oft, im Reich meiner Mutter. Ich war zu Hause im Schloss und lief einen der langen Felsenkorridore entlang, deren Wände mit Muscheln und den versteinerten Resten bizarrer Urzeitwesen verziert waren. Erhellt wurde der Gang von Leuchtquallen, die in den in regelmäßigen Abständen angebrachten Glaskugeln schwammen und das Perlmutt des Fußbodens geheimnisvoll schimmern ließen.

Wie damals an meinem zwölften Geburtstag trug ich auch im Traum ein funkelndes Diadem auf dem Kopf. Dazu lag das Amulett der Winde, einst aus dem Metall des Urkessels der Götter geschmiedet, zu Ehren meines besonderen Tages um meinen Hals. Und genau wie damals raschelte mein Kleid verdächtig, als ich mich an den Wachen vorbei zur Treppe schlich, die zu den Kellergewölben hinabführte … Doch heute klang dieses Rascheln irgendwie anders, als wäre da nicht bloß Meerseide, die über ausgetretene Stufen strich, sondern noch etwas … Das Wispern, Summen und Heulen des Ostwinds, der mich warnen wollte?

Aber das konnte natürlich nicht sein. Ich erinnerte mich an jede Einzelheit jener schrecklichen Nacht und der Ostwind war nicht –

Ich hastete weiter in die Tiefe. Obwohl ich diesen Traum bereits viele Male geträumt hatte, konnte ich nicht anhalten. Sosehr ich auch versuchte, auf den Absätzen meiner samtenen Pantöffelchen kehrtzumachen, den Kerkern den Rücken zuzuwenden und einfach weiter die Prinzessin zu sein, die mein Volk sich wünschte – es ging nicht. Als würde ein unsichtbares Band mich weiter und weiter voranziehen. Als wäre die Erinnerung an damals unausweichlich.

Vermutlich wollte irgendetwas in meinem Innern mich dazu zwingen, meine dunkelste Stunde wieder und wieder und wieder zu erleben. Und nun hatte sich wohl auch noch die Stimme des Ostwindes vorgenommen, mich zu schikanieren. Na super!

Unaufhaltsam bahnte ich mir also auch heute meinen Weg durch das Labyrinth aus Zellen und Wachstuben, in dem es weder Quallen noch andere Lichtquellen gab. Stattdessen hing der Geruch von Verzweiflung in der stickigen Luft und das Rauschen der See klang hier unten seltsam dumpf und bedrohlich.

Wie grauenhaft musste es sein, sein gesamtes Leben in einer dieser Zellen zu verbringen!

Eine Gänsehaut kroch über meinen Nacken, während ich mich zum gefühlt tausendsten Mal am schlaksigen neuen Lehrling des Kerkermeisters vorbeischlich, der in einer Ecke jenes finsteren Gangs eingenickt war und leise schnarchte. Jenes Gangs, an dessen Ende ein seit Generationen gequälter Gefangener darauf hoffte, von mir befreit zu werden …

Was ich da tat, war natürlich Hochverrat. Sogar viel mehr als das.

Aber ich konnte es nicht länger zulassen.

Eilig raffte ich meine Röcke noch ein bisschen mehr zusammen, um sie am Rascheln zu hindern, und beschleunigte meine Schritte. Das verbotene Verlies lag vor mir und schließlich griff ich nach dem Amulett der Winde und schob es in das erste der zahlreichen Schlösser. Es ließ sich tatsächlich wie ein Schlüssel darin herumdrehen. Schon vibrierte der Boden unter meinen Füßen.

Ich hasste dieses Gefühl, hasste diese Erinnerung. Mein Unterbewusstsein würde mir wieder einmal alles haarklein vor Augen führen: wie ich die Tür öffnete und das Orakel befreite. Wie ich dabei versehentlich die Schutzflüche Ihrer Majestät aktivierte und eine Kettenreaktion auslöste, die den halben Kerker in Schutt und Asche legte. Und natürlich auch, wie das Amulett der Winde bei alledem irgendwie abhandenkam.

Ich umklammerte den Talisman mit beiden Händen, gerade so, als bestünde noch eine Chance, ihn meiner Mutter zurückzugeben.

Da ertönte plötzlich ein weiteres Geräusch, das es zuvor in keinem meiner Träume gegeben hatte: Es war ein Knall, und zwar ein so lauter, dass ich erschrocken aus dem Schlaf fuhr. Fröstelnd blinzelte ich in die Dunkelheit.

Dies war definitiv die Menschenwelt und nicht der düstere Palast von Atlantis. Ich lag in meinem Bett in der WG, kein Zweifel. Bloß, wieso war es so kalt?

»Ist alles in Ordnung?«, rief Louisa von nebenan.

»Mir geht’s gut«, murmelte ich, noch immer verwirrt und frierend und –

»Krasser Sturm, was?«, fuhr Louisa fort. »Ist irgendwas bei dir kaputtgegangen?«

»Äh …« Noch einmal blinzelte ich, dann fiel mein Blick auf das Fenster und ich war endgültig wach.

Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett, im nächsten Moment lehnte ich mich bereits über das Fensterbrett in die Nacht hinaus und angelte nach dem Griff. Die Scheiben klirrten, als ich den Flügel wieder zuzog, während eine weitere Bö daran zerrte.

»Der Wind hat bloß mein Fenster aufschlagen lassen«, erklärte ich Louisa durch die Wand. »Aber ich hab’s wieder geschlossen. Alles okay.«

»Und mein Besuch soll gestern zu laut gewesen sein?«, beschwerte sich derweil Fiona durch die Wand der gegenüberliegenden Zimmerseite, während Andreas plötzlich in meiner Tür stand und mir mit einer Taschenlampe direkt ins Gesicht leuchtete.

»Was ist hier los?«, wollte er wissen. Er trug einen gestreiften Schlafanzug und Badeschlappen und schien wild entschlossen, jedweden männlichen Gast mitten hinaus ins Unwetter zu treiben.

»Sorry«, murmelte ich. »Der Wind.« Ich nickte in Richtung des uralten Fensters, gegen das nun prasselnder Regen peitschte.

»Aha.«

Andreas ließ den Lichtkegel der Taschenlampe zur Sicherheit trotzdem noch einmal durchs Zimmer gleiten, schaute in alle Ecken und kurz sogar unters Bett (zum Glück nicht bis in die hinterste Ecke, wo Bos Goldfischglas stand), dann endlich verzog er sich wieder und ich warf mich erschöpft zurück in die Kissen.

Wenigstens das Wetter da draußen war kein weiterer Grund zur Aufregung. Nur ein kleiner, allenfalls ein mittlerer Sturm, nichts Ungewöhnliches in dieser Region.

Aber der Wind kam in dieser Nacht eindeutig von Osten und in seinem Wispern und Summen und Heulen schien tatsächlich so etwas wie eine Warnung zu liegen.


4
Entwurzelt

Am nächsten Morgen kämpfte ich volle zehn Minuten mit meinem Haar. Die Strähnen hatten sich über Nacht dermaßen ineinander verknotet, dass ich mich wieder einmal fragte, warum ich mich nicht endlich von ihnen trennte. Ich betrachtete mein bleiches, spitzes Gesicht im Badezimmerspiegel, während ich versuchte, einen halbwegs ordentlichen Pferdeschwanz zu binden.

Eigentlich war ich rotblond, doch natürlich wäre diese Farbe viel zu auffällig. Eine derart helle, bis fast zur Hüfte reichende Mähne wäre quasi einem Leuchtfeuer gleichgekommen und hätte meine Verfolger sicher im Handumdrehen auf mich aufmerksam gemacht. Also hatte ich schon kurz nach meiner Ankunft an der Oberfläche zu einem Haarfärbemittel gegriffen und damit nicht nur meinen Schopf, sondern auch meine Brauen in einen kräftigen Ebenholzton getaucht. Doch die Farbe stand mir nicht wirklich, sie ließ mich blass aussehen wie eine wandelnde Leiche, fand ich manchmal. Wenn ich hingegen einen rötlichen Kurzhaarschnitt trüge –

»Brauchst du noch lang?« Louisa klopfte an die Badezimmertür. »Der Bus kommt gleich und ich muss mal.«

Seufzend gab ich es auf und legte die Bürste beiseite. Solange mich niemand erkannte, war es sowieso egal, wie ich aussah, oder? Ich räumte meinen Platz vorm Waschbecken.

Kurz darauf hasteten Fiona, Louisa und ich zur Haltestelle am Ende der Straße. Wir waren alle drei keine Frühaufsteherinnen und um diese Uhrzeit daher meistens etwas miesepetrig drauf. Dass der Bus heute auch noch auf sich warten ließ, machte es leider nicht besser.

»Toll, da hätten wir gar nicht so zu rennen brauchen«, beschwerte sich Louisa.

Wir lehnten mit dem Rücken gegen die Wand des Wartehäuschens. Während Fiona auf ihr Handy starrte und vermutlich mit Jonas (der Liebe ihres Lebens und dem auserwählten Wäscher unserer Schmutzwäsche im nächsten Monat) textete, glitt mein Blick die neblige Straße vor uns entlang. Der Sturm war wohl doch ein bisschen heftiger gewesen, als ich zunächst angenommen hatte. Überall hatten sich Pfützen auf dem Asphalt gebildet und dazwischen lagen abgerissene Äste herum. Ein Stück von uns entfernt versperrte eine umgekippte Mülltonne eine Einfahrt. Ihr Inhalt schien sich gleichmäßig über die Vorgärten der Nachbarschaft verteilt zu haben.

»Vielleicht kommt er schlecht durch«, murmelte ich. »Die Straßen sehen nicht gerade frei aus.«

Tatsächlich schienen sogar die Autos Mühe zu haben, eine freie Spur zu finden, und tuckerten nur langsam an uns vorbei.

»Hmpf«, machte Louisa und zog den Reißverschluss ihrer Jacke weiter nach oben. »Ist das Wetter hier im Herbst eigentlich immer so grauenhaft? Oder liegt das am Klimawandel? Ich dachte, ich ziehe in einen Badeort …«

Ich zuckte mit den Achseln. »Kein Ahnung«, log ich.

Selbstverständlich wusste ich genau, welches Wetter diese Stadt an jedem einzelnen Tag der letzten viereinhalb Jahre gehabt hatte. Ja, die globale Erwärmung bereitete meiner Mutter schon seit geraumer Zeit Probleme, aber die seit einer knappen Woche anhaltenden Stürme und Regengüsse waren dennoch ungewöhnlich. An der See schlug das Wetter normalerweise recht schnell um, so nah an den Kesseln meines Volkes wechselten sich Wolkenbrüche quasi im Minutentakt mit sonnigen Phasen ab und der Wind wehte zwar oft kräftig, aber das hier … So schlimm war es noch nie gewesen. Seit meiner Begegnung mit dem Anderen beschlich mich ohnehin das Gefühl, dass irgendetwas vor sich ging. Etwas Wichtiges, das mit den Hexen zu tun haben musste …

Als der Bus schließlich mit viertelstündiger Verspätung auftauchte und ächzend vor dem Wartehäuschen hielt, schoben wir uns rasch zwischen die anderen Schüler. Unsere Erleichterung über das Auftauchen des Busses hielt sich jedoch in Grenzen, als wir feststellten, dass es im Gedränge des überfüllten Innenraumes kaum noch Sauerstoff gab. Die Scheiben waren bereits komplett beschlagen. Noch dazu stand ich eingequetscht zwischen Fiona und einem Typen aus dem Basketball-Team, sodass ich selbst bei klarer Sicht nicht hätte rausgucken können.

Stattdessen blieb mir nichts anderes übrig, als an der Achsel der Sportskanone vorbei auf den schmalen Gang zwischen den Sitzreihen zu spähen, wo ich schließlich Vivien und Marie entdeckte. Beide waren ziemlich bleich um die Nase und zuckten bei jedem Stoppen und Schlingern des Busses (der Fahrer hatte offenbar Schwierigkeiten, seiner Route zu folgen) alarmiert zusammen. Tatsächlich schienen sie so sehr in ihren Gedanken gefangen zu sein, dass sie nicht einmal den Fünftklässlern um sich herum das Taschengeld abknöpften oder sie wenigstens so lange in die Rippen boxten, bis diese ihnen ihre Sitzplätze überließen.

Als Vivien dann, kurz bevor wir endlich die Schule erreichten, zufällig in meine Richtung schaute, wurde sie noch eine Spur blasser und hakte sich schutzsuchend bei Marie unter. Mit gesenkten Köpfen hasteten die beiden schließlich an mir vorbei ins Freie und ich wollte schon die Verfolgung aufnehmen, um ihnen irgendeine fadenscheinige Geschichte aufzutischen. Zum Beispiel von halluzinogenhaltigen Zigaretten, die ich ihnen gestern bei unserer Auseinandersetzung angeblich untergejubelt hätte oder so.

Doch dann bog ich um die Ecke und verschwendete plötzlich keinen einzigen Gedanken mehr an Marie oder Vivien, sondern blieb vor lauter Überraschung einfach stehen. Genau wie meine Mitschüler, die sich schockiert vor dem Schultor versammelt hatten.

Denn uns bot sich ein Bild der totalen Verwüstung.

Offenbar musste der Schulhof das Zentrum des Sturms gewesen sein. Überall lagen die zerbrochenen Schindeln des zur Hälfte abgedeckten Schuldachs herum, unzählige Bäume waren entwurzelt worden und wie Mikadostäbchen übereinandergepurzelt. Dazwischen ragten Teile der Fensterrahmen und eine aus den Angeln gerissene Tür hervor. Jemand, vermutlich der Hausmeister, hatte das gesamte Gelände notdürftig mit rot-weiß gestreiftem Flatterband abgesperrt. Daran hing ein Schild, auf dem stand, dass der Unterricht bis auf Weiteres leider entfallen müsse und die Sekretärin noch dabei sei, alle Eltern zu benachrichtigen.

In der Ferne war eine Sirene zu hören, die langsam lauter wurde.

»Vielleicht ist irgendwas explodiert«, vermutete ein Junge mit Kopfhörern in den Ohren und Kaugummi im Mund inmitten einer Gruppe Sechstklässler, die sich in einer Traube um das Flatterband gedrängt hatten. »Megacool, es dauert bestimmt Wochen, das alles zu reparieren.«

»Ob Schwimmen im Südbad dann auch nicht stattfindet?«, wollte ein Mädchen zu seiner Linken wissen und schlenkerte einen Sportbeutel.

»Eine defekte Gasleitung?«, überlegte derweil ein anderer Junge. »Oder kann das der Sturm gewesen sein?«

Ich nickte. »Sollte man nicht meinen, oder?«, murmelte ich mehr zu mir selbst als zu den rätselnden Unterstufenschülern. Noch immer starrte ich fassungslos auf das Chaos vor uns. Das konnte doch nicht wirklich passiert sein! Stand denn seit gestern die ganze Welt kopf? Diese Bäume waren jedenfalls nicht einfach nur von einer kräftigen Bö aus dem Erdreich gerissen worden. Ihre Rinden trugen Einkerbungen, wo etwas sie gepackt haben musste. Tiefe Striemen waren das, Spuren von … Klauen!

»Okay«, sagte Louisa zu mir und seufzte. »Wenn wir uns beeilen, erwischen wir den Bus zurück in zwei Minuten.« Fiona hatte sich natürlich längst zusammen mit Jonas aus dem Staub gemacht und auch Louisa hielt nichts an diesem Ort der Zerstörung. »Wie wäre es mit einem zweiten Frühstück und dann legen wir uns noch ein wenig hin?« Sie gähnte und versuchte, mich hinter sich herzuziehen.

Doch ich rührte mich nicht vom Fleck.

Auch nicht, als in diesem Moment unmittelbar hinter uns ein Löschzug der Feuerwehr hielt und die mit Motorsägen bewaffnete Mannschaft kurz darauf begann, alle versammelten Schüler fortzuscheuchen.

»Ich brauche noch ein bisschen frische Luft«, erklärte ich Louisa. »Fahr du ruhig schon, ich komme dann zu Fuß hinterher, ja?«

Louisa hob eine Augenbraue, als wollte sie etwas fragen. Mir war klar, dass ich noch ungesünder als sonst aussehen musste. Doch dann nickte sie und ließ mich los. »Sicher, bis später«, sagte sie. »Aber ruf mich an, falls dir wieder schwindelig wird oder so.«

Einen Herzschlag später verschwand sie in der Menge meiner menschlichen Mitschülerinnen und Mitschüler, die sich nun geballt auf die beiden ramponierten Bushaltestellen um die Ecke zuschoben.

Ich wandte mich erneut dem Unfassbaren zu.

Auch der Asphalt des Schulhofs trug tiefe Kratzspuren und sogar die Fassade war links neben dem Haupteingang zum Teil aufgerissen worden. Dabei schienen sich Tiefe und Breite der Kerben ein wenig voneinander zu unterscheiden, als wären mehrere Donnerdrachen am Werk gewesen. Zwei oder drei, vielleicht sogar vier, überlegte ich, während ich mich über das Flatterband beugte und die Augen zusammenkniff, um die Furchen besser begutachten zu können.

»Junge Dame, das gilt auch für dich«, riss mich einer der Feuerwehrmänner aus meinen Ermittlungen. Ich fuhr herum und sah mich einem imposanten Kerl mittleren Alters gegenüber. »Hier ist es nicht sicher. Der Rest des Dachs könnte jeden Moment einstürzen. Also ab mit dir«, erklärte er. »Außerdem brauchen wir Platz zum Arbeiten.«

»Ach so«, entgegnete ich. »Natürlich, äh, Entschuldigung. Dann werde ich mal …«

Mein Gestammel ging im Aufheulen seiner Motorsäge unter und ich brachte ein paar Schritte Abstand zwischen mich und die Absperrung. Für einen Moment tat ich sogar so, als wollte ich ebenfalls zum Bus gehen … Ich versicherte mich mit einem raschen Blick über die Schulter, dass der Typ mir nicht nachsah. Im nächsten Augenblick hechtete ich bereits zwischen zwei einsame (und seit heute Nacht noch dazu schrottreife) Autos auf dem Lehrerparkplatz. Durch eine zerbrochene Windschutzscheibe beobachtete ich, wie ein paar der Feuerwehrmänner weiteres Equipment abluden und Warnschilder aufstellten, während andere sich bereits mithilfe ihrer Motorsägen einen Weg auf das Gelände zu bahnen versuchten.

Schon bald würden die Spuren der Nacht unkenntlich sein, ich würde mich also ranhalten müssen. Mit der einen Hand zog ich das Haargummi um meinen hoffnungslos zotteligen Zopf fester, mit der anderen fuhr ich mir über die Augen, so als könnte ich dieses ganze Durcheinander einfach fortwischen. Als wäre das alles bloß ein weiterer wirrer Albtraum. Aber das war es nicht. Ich blinzelte und die Lage veränderte sich kein bisschen. Noch immer entdeckte ich überall um mich herum Hinweise auf Donnerdrachen. Wütende Donnerdrachen, um genau zu sein.

Was immer im Reich der Hexen vor sich ging, wenn die Biester sich tatsächlich bis hierher wagten, ohne dass sie jemand daran hinderte, musste es übel sein. Übel und gefährlich. Vielleicht war auch mein Versteckspiel an der Oberfläche in Gefahr?

Ich atmete aus. Sobald Donnerdrachen in den Gebieten der Menschen auftauchten, war jedenfalls nichts und niemand mehr sicher. Erst recht nicht jemand wie ich. Falls ich weiter unentdeckt bleiben wollte, musste ich also dringend herausfinden, was los war. Um meine Tarnung anzupassen und mich notfalls wenigstens verteidigen zu können …

In geduckter Haltung schlich ich hinter dem Auto entlang und sprintete kurz darauf in den schmalen Durchgang zwischen dem Schulgebäude und der Sporthalle. Hier gab es einen weiteren Eingang, der zum Sekretariat und zum Lehrerzimmer führte. Doch wenn man weiterging, gelangte man auf den Schulhof, und zwar aus genau entgegengesetzter Richtung zu den sich vorarbeitenden Feuerwehrmännern.

Auch hier lagen überall Dachziegel herum. Ganz zu schweigen von all den Bäumen und den Trümmern der zerschmetterten Tischtennisplatte. Ich kam nur langsam voran, musste den Kopf einziehen und klettern und riss mir die Hände an gesplittertem Holz und Steinen auf. Außerdem hielt ich immer wieder inne, um die Spuren der Donnerdrachen genauer zu betrachten.

Dabei fand ich nicht nur Kratzer, sondern auch Klauenabdrücke im Asphalt, als wäre dieser unter der Hitze eines Blitzes geschmolzen. Herrje, das da an der Tribüne des Sportplatzes, waren das etwa … Bisse? Und wieso, bei allen Kesseln, war der Ascheplatz so aufgewühlt, als hätte ein Maulwurf von der Größe eines Elefanten dort die Erde umgegraben?

Ich hatte davon gehört, dass Donnerdrachen auf hoher See zuweilen in Horden lebten. Aber unser Schulgelände erweckte nicht den Eindruck, als hätten die Biester auf der Durchreise nur eine Rast eingelegt. Nein, die Spuren erzählten eine andere Geschichte. Und auch wenn ich inzwischen gar nichts mehr verstand, nicht den blassesten Schimmer hatte, was das alles bedeutete, eines stand fest: Hier hatte es einen Kampf gegeben.

Und das machte mir eine Heidenangst.

Im Näherkommen erkannte ich, dass die Ränge am Rand des Sportplatzes nicht nur von Bissspuren gezeichnet, sondern darüber hinaus auch komplett niedergerissen worden waren. Wieder und wieder mussten die Donnerdrachen nach den hölzernen Bänken geschnappt haben. Die Sitzflächen waren kaum noch zu erahnen, selbst der Beton darunter war an vielen Stellen aus der Verankerung gerissen worden. Doch was hatte die Biester zu dieser Zerstörung getrieben? War es schlichte Raserei gewesen oder hatten sie dort gar etwas gesucht?

Ich bemerkte die Bewegung zunächst nur aus dem Augenwinkel. Jemand regte sich zwischen den Trümmern zu meiner Linken, etwa auf halber Höhe des Schuttberges, der einmal die Westtribüne gewesen war. Holz knackte, Betonkrümel rieselten zu Boden. Der Jemand hatte eher die Größe eines Menschen als eines Donnerdrachen.

Dennoch war mein erster Impuls natürlich zu fliehen.

Blindlings wirbelte ich herum und stürzte zurück in den schützenden Schatten zwischen den Gebäuden. Dort atmete ich tief durch, bevor ich vorsichtig um die Ecke lugte und den Jungen von gestern erkannte: Es war der kleinere der beiden Hexer, die den Donnerdrachen erlegt hatten. Er kroch gerade mitten aus einem Haufen Schutt hervor. Staub klebte in seinen Haaren, seine Kleidung hing in Fetzen an seinem mageren Körper und wo die dunklen Flecken auf dem Stoff herkamen, wollte ich lieber gar nicht erst wissen. Ächzend machte der Junge sich sogleich an einem der größeren Trümmer zu schaffen und versuchte, ihn zu bewegen. Jedoch ohne Erfolg.

War das, was die Donnerdrachen gesucht hatten, womöglich immer noch dort?

Mit aller Kraft zog und zerrte der Hexer nun an dem Ding, das vielleicht einmal Teil der Betonstufen in der Mitte der Tribüne gewesen war. Sein Kopf wurde vor Anstrengung unter all dem Schmutz rot. »Komm schon«, knurrte er. »Komm schon!«

Seine Stimme wirkte noch kindlicher als sein Äußeres. Tatsächlich verwandelte sich sein Knurren nach einer Weile in eine Art wütendes Schluchzen.

Ich konnte derweil nicht anders, als mich ein Stück aus meiner Deckung zu wagen und ihm zu nähern. Der Kleine hatte mir ohnehin den Rücken zugewandt und ich musste einfach wissen, was genau er da eigentlich vorhatte. Als Hexer hätte er schließlich den Wind herbeirufen können, um das schwere Trümmerstück zu bewegen. Doch er tat es nicht.

Stattdessen mühte er sich immer verzweifelter ab. »Beweg dich endlich«, raunzte er den Betonbrocken an. »Verdammt! Du musst durchhalten, Aaron! Ich hole dich raus. Hör nur nicht auf zu atmen, ja?«

Aaron? War das der zweite Hexer, dieser große, dunkelhaarige Typ? Hatte der Schutt ihn begraben?

Wie immer, wenn anderen Gefahr drohte, legte irgendetwas in meinem Innern einen Schalter um, der all meine Vernunft, all meine Vorsätze binnen eines Wimpernschlags verpuffen ließ. Eine Eigenschaft, die mich mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht hatte. Ich sollte es inzwischen also wirklich besser wissen …

»Brauchst du Hilfe?«, hörte ich mich trotzdem bereits im nächsten Augenblick fragen.

Der Junge fuhr herum. »Ja, bitte!«, sagte er. »Kannst du mal mit anfassen? Mein Freund ist hier eingeklemmt.«

Ich stieg die letzten Meter zu ihm hinauf und entdeckte eine fast schwarze Haarsträhne zwischen den Holzsplittern. Ja, das musste der andere Hexer sein, eindeutig. Und offenbar blutete er, denn um die Strähne hatte sich eine glitschige rote Pfütze ausgebreitet.

»Ist er bei Bewusstsein?«, fragte ich, während ich meine Arme um den Betonbrocken schlang.

»Nein. Aber zumindest atmet er noch«, meinte der Junge. »Jedenfalls hoffe ich das«, fügte er düster hinzu.

»Okay«, sagte ich. »Bist du bereit? Dann bei drei. Eins – zwei – drei!«

»Drei!«, presste auch der Junge hervor.

Gemeinsam schafften wir es, den Brocken ein Stück anzuheben und schließlich von Aarons Brustkorb zu rollen. Zum Vorschein kamen ein von einer dicken Staubschicht bedecktes, auffallend ebenmäßig geschnittenes Gesicht sowie noch mehr Blut. Das Hemd des Hexers war zerrissen und seine muskulöse Schulter zierten grauenvolle Zahnabdrücke. Noch immer sickerte dunkles Rot aus der Wunde, bei jedem Herzschlag ein bisschen mehr. Eines der Ungeheuer musste ihn erwischt haben. Es war ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte (und dass der Arm noch dran war). Doch seine Brust hob und senkte sich tatsächlich in regelmäßigen Abständen und außer der Bisswunde konnte ich keine weiteren Verletzungen erkennen.

»Ich rufe einen Krankenwagen«, sagte ich und kramte mein Handy hervor. Es war eines dieser uralten Teile, die man aufklappen und mit echten Tasten bedienen musste. Und ich brauchte immer noch erschreckend lange, um es zu benutzen. Die moderne Technik der Menschen war für mich nämlich fast genauso schlimm wie ihr leerer Himmel. Einfach komplett unverständlich. Ich starrte auf das Display und versuchte, mich daran zu erinnern, wie man das Mistding entsperrte.

»Nein«, meinte derweil der Kleine. »Danke, ich kümmere mich schon um ihn. Er … kann Krankenhäuser nicht leiden.«

»Aber die Wunde sollte unbedingt versorgt werden«, murmelte ich, den Blick immer noch auf das Handy in meiner Hand gerichtet. Musste man erst die Raute drücken oder …? Auch ich bezweifelte zwar, dass man in einem Menschenkrankenhaus wusste, wie man den Biss eines Donnerdrachen behandelte, aber offiziell hatte ich ja keine Ahnung, was diese beiden Jungen waren, geschweige denn, welche Art von Bestie sie angegriffen hatte. Und vielleicht war ja doch einer der Ärzte eingeweiht und konnte irgendwie gefrorenen Meerschaum organisieren?

Jedenfalls hatte ich mich bereits viel zu weit vorgewagt, indem ich überhaupt nur mit dem Kleinen redete. Unter allen Umständen musste er mich weiterhin für ein gewöhnliches Menschenmädchen halten und Menschen riefen eben Krankenwagen.

»Bitte.« Der junge Hexer legte eine schmutzige Hand auf meinen Arm. »Ich kriege das jetzt allein hin, versprochen.«

Ich musterte ihn einen Moment lang. In seinem Blick lag definitiv ein Anflug von Panik, doch er biss sich mit aller Kraft auf die Unterlippe, um sie vor mir zu verbergen. Mir fiel auf, dass da eine kleine Lücke zwischen seinen Vorderzähnen war, durch die er erleichtert die Luft ausstieß, als ich das Handy zuklappte und wieder einsteckte.

»Geht ihr eigentlich auf unsere Schule?«, fragte ich, weiter die Unwissende mimend. »Was ist denn überhaupt passiert?«

»Wir sind nur zum … also eigentlich, um …« Er räusperte sich. »Wir sind zu Besuch in der Stadt und waren die ganze Nacht über im Regen unterwegs«, erklärte der Hexer, während er begann, seinen reglosen Freund von Holzsplittern zu befreien. »Zufällig haben wir hier ein paar, äh, Bekannte getroffen und dann wurden wir leider von diesem, äh, Anderen, äh, ich meine natürlich von diesem krassen Unwetter überrumpelt.«

Ich nickte. Offenbar war er noch nicht häufig an der Oberfläche gewesen und es nicht gewohnt, sich unauffällig in der Menschenwelt zu bewegen. Ich zog mein Sweatshirt über den Kopf und reichte es ihm. »Versuch, die Wunde damit abzubinden, wir müssen den Blutverlust eindämmen«, sagte ich. »Und außerdem soll die Seeklinik, das ist das Krankenhaus in der Nähe des alten Leuchtturms, sehr gut sein. Vielleicht überlegst du es dir ja.«

Beim Wort »Leuchtturm« hatte sich der Ausdruck im Gesicht des Kleinen verändert. Neue Hoffnung flammte auf einmal in seinen runden braunen Augen auf. »Dann werde ich Aaron dorthin bringen. Hab Dank für deine Hilfe, Menschenmädchen.«

Ich zuckte mit den Achseln und tat so, als hätte ich das »Menschenmädchen« nicht registriert. »Gern geschehen. Aber darf ich fragen, mit was für Bekannten man sich mitten in der Nacht ausgerechnet an unserer Schule trifft?«

»Och, n…nur ein paar …«

Aaron stöhnte auf. Seine Lider flatterten und die Hand seines gesunden Arms zuckte, als wollte er nach einer unsichtbaren Blitzklinge greifen. »Die Drachen«, wisperte er heiser.

Der kleine Hexer räusperte sich.

Doch Aaron fuhr fort: »Damian, hilf mir, beeil dich. Wir müssen die Drachen davon abhal–«

»Oh, super. Er kommt zu sich«, sagte der Junge eine Spur zu laut. »Wir, äh, kriegen das dann ab jetzt wirklich ohne dich hin.« Er schob sich vor seinen Freund, um mir die Sicht zu versperren.

Auf der einen Seite wäre es bestimmt klug gewesen, schleunigst zu verschwinden. Bevor ich mich noch verplapperte oder einer der beiden sich womöglich an die verräterische Prinzessin mit dem spitzen Gesicht erinnerte … Aber andererseits hielten sie mich für ein normales Menschenmädchen, nicht wahr? Da würde es doch sicher nicht schaden, nur noch einen Moment zu bleiben und ein paar unschuldige Fragen zu stellen. Diese Typen hatten die Biester bekämpft und … in die Flucht geschlagen? Sie mussten einfach mehr über diese ganze Sache wissen!

»Also hat euch der Sturm ganz plötzlich überrascht oder –«, begann ich.

»Es war ein Hinterhalt«, nuschelte der gut aussehende Hüne und hustete. »Eigentlich sind wir Sturmjäger. Wir waren auf dem Weg in die Tiefe, um knapp einhundert Blitzklingen auszuliefern. Aber dann entdeckten wir gestern mitten in der Stadt dieses Rudel Donnerdr–«

»Herrje, er redet wirres Zeug«, unterbrach Damian ihn. »Wahrscheinlich hat ihn der Betonklotz auch noch am Kopf getroffen.«

Aaron linste benommen an den Beinen des Kleinen vorbei und es sah beinahe so aus, als zwinkerte er mir zu. »Oh, hallo! Wir kennen uns doch, oder?«

»Nein«, sagte ich. »Und das ist außerdem der älteste Spruch der Welt.«

Er schloss die Augen und lächelte schwach. »Hast recht, auf meiner Prioritätenliste sollte wohl gerade anderes stehen. Zum Beispiel, dass ich ohne Meerschaum bald verbluten werde. Oder zumindest die Frage, wer diese Drachenköder am Strand –«

»Drachenköder?«, entfuhr es mir, während Damian gleichzeitig »Aaron!« rief und seinem Freund schockiert einen Stoß in die Seite verpasste. »Sie ist ein Mensch!«

Drachenköder. Mir wurde schwindelig. Ich hatte davon gehört. Natürlich. Unsere Vorfahren hatten sie einst verwendet, um die Rudel auf die See hinauszulocken. Doch nun hatte jemand es andersherum gemacht und die Bestien auf eine Stadt losgelassen? Wer würde denn so etwas Schreckliches tun? Warum? Und wenn ich mich richtig erinnerte, brauchte man für die Herstellung eines solchen Köders mehr als nur ein einziges Blutopfer …

Aaron versuchte, sich hochzustemmen. »Verdammt, findest du nicht, dass ich schon angeschlagen genug bin?«, blaffte er Damian an und rieb sich den rechten Rippenbogen.

»Halt einfach die Klappe, Mann! Sie ist keine von uns und –«

»Nicht?«

»Äh, also, ich habe echt keine Ahnung, wovon du da sprichst«, beeilte ich mich zu sagen. »Außerdem muss ich los, mein, na ja, mein Bus kommt gleich.«

Ich wollte mich zum Gehen wenden, doch etwas an Aarons Ausdruck hielt mich davon ab. War das etwa Belustigung, die da über seine Züge flackerte? Wenn er grinste, wurde sein Gesicht leicht asymmetrisch, weniger perfekt, aber auch offener. Er bekam da so ein charmantes Grübchen auf der linken Wange und … Ich schüttelte den Kopf, um diesen unsinnigen Gedanken zu vertreiben.

»Nun ja.« Er räusperte sich. »Wäre ich gerade nicht halb tot, hätte ich mir definitiv einen besseren Spruch für dich einfallen lassen«, sagte er und presste meinen Pullover mit seiner gesunden Hand fester auf die Wunde. Für einen Moment schien er Mühe zu haben, bei Bewusstsein zu bleiben, dann fing er sich jedoch wieder. »Aber mal im Ernst, wir sind uns wirklich schon begegnet, stimmt’s?«, fuhr er flach atmend fort. Das Grinsen war verschwunden.

Intuitiv machte ich einen Schritt rückwärts. »Tut mir leid, du musst mich wohl verwechseln«, murmelte ich und biss mir auf die Lippe.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Wie konnte es sein, dass ich viereinhalb Jahre lang die perfekte Tarnung aufrechterhielt und nun innerhalb von zwei Tagen plötzlich alles zunichtemachte? Na gut, ich hatte bei der Wahl meines Verstecks nicht damit rechnen können, dass Stürme dieser Art jemals das Festland heimsuchen würden, allerdings –

»Gestern in der Unterführung, das warst doch du an der Treppe!« Aaron runzelte die Stirn. »Wieso bist du abgehauen? Wir hätten deine Hilfe gut gebrauchen können. Das Vieh hatte, wie du hier siehst, noch ein paar Freunde dabei, die gar nicht erfreut –«

»SIE IST KEINE HEXE!«, brüllte Damian und sah so aus, als hätte er seinen Freund am liebsten k. o. geschlagen, traute sich jedoch nicht, weil das Aaron wohl endgültig den Rest gegeben hätte.

»Und wie konnte sie dann den Ostwind befehligen?«, erkundigte sich Aaron.

Nein!

Ich taumelte weiter nach hinten, fort von den beiden. Ich musste weg, nichts war mehr sicher. Wenn sie wussten, was ich war, dann wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie erkannten, wen sie vor sich hatten. Oder?

»Was?«, fragte Damian. »Das soll sie gewesen sein?«

»Also, ich habe ihn gestern Nachmittag jedenfalls nicht herbeigerufen und du –«

Damian schnaubte.

»Entschuldigt, aber ich verstehe immer noch nicht …«, log ich mehr schlecht als recht. »Ach, vergesst es. Geht einfach ins Krankenhaus und lasst diese Wunde versorgen.« Ich wandte mich zum Gehen.

»Warte!«, rief Aaron. »Bist du sicher, dass du heute Nacht nichts auf den Kopf bekommen hast? Ich meine, ich bin doch nicht blöd. Ich habe dich gestern gesehen und heute tauchst du schon wieder an einem Ort auf, an dem ein Anderer gewütet hat. Soll das etwa ein Zufall sein?«

»Ich … nein … ich …«, stotterte ich, dann gab ich es auf. Statt zu antworten, stürzte ich einfach davon, vorbei an den Überresten der Tribünen und zurück in den Durchgang zwischen den Gebäuden. Das hier war viel zu viel. Und viel zu gefährlich. Was war nur in mich gefahren? Ich durfte nicht mit diesen Typen reden! Hexer! Meinesgleichen! Ich musste den Verstand verloren haben.

»Wer bist du?«, versuchte es Aaron weiter, doch Damian redete bereits auf ihn ein. Ich bog um die Ecke der Sporthalle und seine Worte gingen im Dröhnen der Motorsägen unter, die sich nun auch hier ihren Weg durch das Dickicht zu fressen schienen. Das Geräusch schwoll mit jedem meiner Schritte weiter an, bis ich schließlich den Lehrerparkplatz erreichte und einen ganzen Haufen Feuerwehrmänner vor mir fand.

Beinahe hätte ich ausgerechnet den Typen umgerannt, der mich bereits vor dem Haupteingang davongescheucht hatte. »Verdammt, ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt!«, schrie er mich nun an. »Mädchen, du musst von hier verschwinden!«

»Ich weiß«, keuchte ich und lief schon im nächsten Moment die Straße hinunter, als ginge es um mein Leben.

Leider standen die Chancen gut, dass es tatsächlich so war.


5
Tanzende Wellen

Man sollte meinen, dass Fiona, Louisa und ich durchaus in der Lage wären, uns einen Vormittag lang allein zu beschäftigen. Wir waren schließlich keine Kinder mehr. Und wir starben sicher nicht gleich vor Langeweile, wenn mal die Schule ausfiel. In meiner Heimat am Meeresgrund hätten wir in unserem Alter als volljährige Erwachsene gegolten und nicht einmal mehr eine Schule besucht. Geschweige denn, dass man Hexen über zwölf Jahre überhaupt irgendwie pädagogisch betreut hätte. Warum auch, wir konnten doch längst auf uns selbst aufpassen.

Die Menschen, die in vielem anders dachten als die Hexen, sahen das natürlich nicht so. Allen voran Andreas, der noch dazu Spaß daran hatte, uns zu Dingen zu zwingen, die wir nicht tun wollten.

»Och, aber warum denn ausgerechnet Brettspiele?«, murrte Louisa gerade im Wohnzimmer, als ich die WG betrat. »Können wir nicht einfach auf unsere Zimmer gehen? Oder wenigstens einen Film gucken oder so? Ich hasse Mensch ärgere dich nicht.«

»Dann fangt ihr eben mit einem Kartenspiel an.« Andreas warf ein Päckchen Spielkarten auf den niedrigen Couchtisch.

Louisa und Fiona, die beide auf dem Sofa herumlümmelten, rührten sich nicht.

»Los, ein paar Runden Mau-Mau! Das ist doch wohl nicht zu viel verlangt.«

»Doch«, murmelte Fiona. Sie hielt ihr Handy in der Hand und die Augen fest auf das Display gerichtet.

»Louisa, du mischst. Und jetzt keine Diskussion mehr. Ah, Robin, da bist du ja endlich! Setz dich.« Andreas deutete auf den Sessel ihm gegenüber.

»Nein, danke«, brummte ich und wandte mich in Richtung meines Zimmers.

»Das war keine Frage.«

Ich seufzte. Donnerdrachen nahmen unsere Stadt auseinander und ein Hexer hatte erkannt, was ich war! Ich hatte wirklich keinen Nerv, ein dummes Spiel zu spielen.

»Tut mir leid, aber ich habe im Moment andere Probleme«, sagte ich und verließ den Raum, während Andreas hinter mir hörbar nach Luft schnappte.

»Ihr werdet jetzt, verdammt noch mal –«, begann er, doch ich ignorierte ihn.

Zielstrebig durchquerte ich den Flur. Bereits auf dem Weg hierher hatte ich mit dem Gedanken gespielt, jetzt meinen Kram zusammenzupacken, mir Bo mitsamt Goldfischglas unter den Arm zu klemmen und dann schnurstracks zum Bahnhof zu gehen, um die Stadt zu verlassen. Es würde natürlich nicht leicht sein, sich eine komplett neue Identität zu erschwindeln. Vermutlich müsste ich zumindest wieder für eine Weile das Leben einer Obdachlosen führen. Zu einer wirklichen Entscheidung war ich daher noch nicht gekommen.

Aber allein die Erinnerung daran, wie Aaron mich gemustert und mich auf den Ostwind angesprochen hatte … konnte ich es überhaupt riskieren hierzubleiben? Gab es noch eine Chance, das zu behalten, was ich mir aufgebaut hatte? Oder war es an der Zeit weiterzuziehen? Durfte ich einfach so weiterziehen, wenn derart grauenvolle Dinge wie Andere begannen, dem Meer zu entsteigen und die Menschen um mich herum zu bedrohen?

In jedem Fall brauchte ich Ruhe, um alles gegeneinander abzuwägen. Ruhe und die Chance, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Und keine dämlichen Erziehungsmaßnahmen.

Doch dann erreichte ich meine Tür und rüttelte schon im nächsten Moment vergeblich an der Klinke.

»Andreas hat unsere Zimmer abgeschlossen!«, rief Louisa aus dem Wohnzimmer und nun war ich diejenige, die scharf die Luft einsog. Wie albern war das denn?

Ich kehrte zu den anderen zurück. »Darf ich bitte in mein Zimmer?«, fragte ich genervt.

»Sorry, aber gerade steht eine Gemeinschaftsaktivität auf dem Programm und die ist nun einmal verpflichtend.« Andreas lächelte eine Spur zu süffisant. »Es muss doch möglich sein, dass ihr euch mal für eine halbe Stunde miteinander beschäftigt anstatt mit euren Smartphones.«

Ha, das musste gerade er sagen! Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Ich schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. »Ich habe nicht einmal ein Smartphone«, sagte ich schließlich leise. »Und außerdem möchte ich bitte, bitte einfach nur allein sein und eine Lösung für … etwas finden.«

»Ach?« Andreas hob die Brauen. »Geht es um einen Jungen?«, fragte er. »Hast du Liebeskummer?« Er seufzte theatralisch.

»Nein«, sagte ich, verdrehte die Augen und sank in den Sessel. Am liebsten wäre ich ins Bad gestürmt und hätte die Tür hinter mir zugeknallt. Etwas in mir drängte sogar immer noch danach, aus der Wohnung zu stürzen und so weit wegzulaufen, wie ich nur konnte. Zu meiner Rolle der Jugendlichen mit sozialen Problemen hätte so ein Verhalten durchaus gepasst …

Dummerweise war es immer schlecht, die Nerven zu verlieren. Besonders wenn die Situation sowieso schon äußerste Vorsicht verlangte. Außerdem war ich nicht der Typ, der eine Szene machte, ich war vielmehr diejenige, die ihre Fähigkeit, unter dem Radar zu fliegen, mit den Jahren perfektioniert hatte. Nur so hatte ich mich an dieses Leben anpassen können, das so ganz und gar anders als alles war, das ich in meiner Kindheit kennengelernt hatte. Je mehr Ärger man machte, umso mehr Fragen begannen die Leute zu stellen …

»Ich … na gut, ich …« Ich senkte die Lider und atmete aus. Verdammtes Wohngruppenleben! »Dann kümmere ich mich eben später darum«, gab ich schließlich klein bei, schnappte mir die Karten und fing an zu mischen.

Erst etwa eine Stunde später erlöste uns Andreas endlich von den Qualen des Spiels. »Na, seht ihr, das hat doch Spaß gemacht, oder?«, fragte er in die Runde und überreichte jeder von uns ihren Zimmerschlüssel, als wäre es ein Preis.

Zur Antwort unterdrückte Louisa ein Gähnen und Fiona verließ wortlos den Raum. Auch ich erhob mich, allerdings hatten sich meine Pläne inzwischen geändert. Sooo furchtbar war das aufgezwungene Mau-Mau nämlich ehrlich gesagt nicht gewesen. Wir alle hatten während des Spielens kaum miteinander gesprochen und das sich immer wiederholende Legen und Ziehen von Karten hatte irgendwie etwas Meditatives gehabt. Zumindest waren meine Gedanken für eine Weile abgeschweift und das hatte mich wohl endgültig vor einer Kurzschlussreaktion bewahrt.

Meine Panik war innerhalb der letzten Stunde sogar beinahe wieder auf ihr übliches Level gesunken. Offensichtlich hatte ich ein Leben, in dem ich Mau-Mau spielen und mich mit einem unsympathischen Sozialarbeiter streiten konnte! War ich nicht inzwischen wirklich nur noch Robin, das Menschenmädchen? Damian hatte nicht eine Sekunde daran gezweifelt, oder? Er hatte mir meine Ahnungslosigkeit zu einhundert Prozent abgekauft.

Und auch wenn dieser Aaron die Überreste der Hexe in mir bemerkt hatte, er war verletzt und vermutlich verwirrt gewesen. Zusätzlich zum Blutverlust hatte er die halbe Nacht unter diesem Betonblock gelegen. Bestimmt hatte dabei auch sein Schädel etwas abbekommen. War es angesichts all dessen nicht sogar sehr wahrscheinlich, dass er mich mittlerweile längst wieder vergessen hatte?

Außerdem würden wir einander eh nie wiedersehen.

Statt also kopflos in mein Zimmer zu hasten und meine Sachen aus den Schränken zu rupfen, angelte ich mir nun, kaum dass Andreas uns entlassen hatte, einen Apfel aus der Schale auf der Anrichte und meinen Schal von der Garderobe, dann war ich auch schon an der Wohnungstür.

»Nanu?«, murmelte Andreas. »Ich dachte, du wolltest unbedingt auf deinem Bett liegen und traurige Liebesgedichte schreiben?«

»Hab’s mir anders überlegt.« Ich zuckte mit den Achseln. »Du weißt doch, wir Teenager ändern unsere Stimmung quasi im Minutentakt.«

»Haha«, machte Andreas und tippte auf seinem Handy, während ich ins Treppenhaus hinaustrat.

Draußen hatte es wieder angefangen zu nieseln und der Wind blies frisch aus nordöstlicher Richtung. Aber das störte mich kaum. Ich biss in den Apfel und schlug den sandigen Pfad ein, der vom ehemaligen Pfarrhaus aus durch die Dünen bis zum Strand hinunterführte. Das Grollen der Wellen war dabei wie immer Musik in meinen Ohren und der süßliche Geschmack des Apfels in meinem Mund beruhigte mich zusätzlich.

Obwohl das Novemberwetter eigentlich nicht dazu einlud, zog ich Schuhe und Strümpfe aus, noch bevor die See in Sichtweite kam. Das letzte Stück des geschlängelten Weges rannte ich barfuß über hölzerne Bohlen und Grasbüschel. Dann versanken meine Zehen endlich im Sand und mein Blick hing an den schiefergrauen Wogen des Ozeans.

Heimat.

Der Geruch von Salz und Seetang stieg mir in die Nase und winzige Tröpfchen der aufgepeitschten Gischt prickelten auf meinen Wangen. Ich konnte das Wasser gar nicht schnell genug erreichen. Wie immer lockte mich das Meer zu sich, rief in mir den Drang hervor, mich einfach hineinzustürzen. Jetzt sofort. In Jeans und Anorak, obwohl die Wellen eisig sein mussten.

Wann immer ich die See erblickte, hatte ich das Gefühl, die Kuppelstädte meiner Mutter unter den wogenden, schillernden Wassern erahnen zu können. Das stimmte natürlich nicht. Die Paläste der Tiefe waren kilometerweit von der Küste entfernt, lagen gut verborgen in den Schluchten und Abgründen des Meeresbodens und die Reise nach Atlantis dauerte selbst in den besten Kesselbooten mehrere Tage. Dennoch bedeckten dieselben Fluten, die hier über den Sand tanzten, auch Fels, Korallen und Muschelkristall des versunkenen Königreichs. Dieselben Fluten, die den Eisglashimmel über den Köpfen meiner Schwestern schützten, kitzelten jetzt gerade vorwitzig die Spitzen meiner Zehen.

Abgesehen davon war die Kälte des Wassers eine Wohltat für meine geschundenen Füße. Auch wenn wir immer noch Menschen waren, unsere Hexenkörper hatten im Laufe der Jahrhunderte ganz langsam angefangen, sich an die Lebensbedingungen unter dem Meer anzupassen. Die Evolution war bereits am Werk. Noch waren es natürlich winzige Veränderungen, kaum der Rede wert, aber doch spürbar: Kälte und Dunkelheit machten uns von Generation zu Generation weniger aus, ebenso wie der Wasserdruck uns nicht mehr schadete. Im Gegenteil: Wenn wir uns zu lange an Land aufhielten, begannen unsere Füße sogar dann und wann zu bluten, weil unsere Haut viel zu dünn und zart war.

In der Regel gab es daher stets irgendeine Stelle an meinen Fersen oder meinen Sohlen, die ich mir wundgescheuert hatte. Als bekäme ich andauernd Blasen von neuen Schuhen, obwohl ich immer nur meine ausgetretenen Sneakers trug. Wie gesagt, es war nichts Dramatisches, man konnte damit leben. Aber es tat so gut, nun durch die Brandung zu laufen!

Ich hatte meine Hosenbeine hochgekrempelt und wanderte langsam am Ufer entlang Richtung stadtauswärts. Irgendwo hinter mir, wo die Dünen zu felsigen Klippen anstiegen und zum Glück längst nicht in Sichtweite, thronte der alte Leuchtturm. Ob Aaron und Damian gerade dort waren und um ein Muschelhorn voller gefrorenen Meerschaums feilschten? Wenn sie schlau waren, verbargen sie Aarons Wunde vor den Händlern, damit die nicht erkannten, wie dringend er auf das Heilmittel angewiesen war. Aber da die beiden behauptet hatten, Sturmjäger zu sein, verstanden sie sich vermutlich aufs Handeln.

Und ich, ich verstand mich darauf, im Verborgenen zu bleiben.

Die Wellen umspielten meine Knöchel und meine Zehen gruben sich bei jedem Schritt in die glitschige Mischung aus nassem Sand, Algen und Muschelscherben. Ich saugte die Seeluft gierig in meine Lunge und spürte förmlich, wie sich der Sturm meiner Ängste und Gedanken bei jedem Atemzug weiter legte.

Ich würde also hier bleiben.

Das Wasser um mich herum glitzerte, wo vereinzelte Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke brachen, als begrüßte es meine Entscheidung.

Das Ganze war selbstverständlich nicht ungefährlich. Der Gebrauch meiner Magie stellte den bisherigen Tiefpunkt meines neuen Lebens dar. Eine unverzeihliche Dummheit, ein Verstoß gegen die wichtigste Regel von allen. Doch wie ich es auch drehte und wendete, die Vorstellung, erneut alles aufzugeben und zu fliehen, erschien mir beinahe genauso grausam wie die Möglichkeit, nach all den Jahren von meiner Familie gefunden zu werden. Und außerdem … Das heute war das erste Mal seit meiner Flucht aus dem Palast gewesen, dass ich mit meinesgleichen gesprochen hatte. Die beiden Hexer hatten mir direkt ins Gesicht gesehen, waren nur eine Armeslänge von mir entfernt gewesen. Aber keiner von ihnen hatte in mir Undina, die siebte Prinzessin, erkannt.

Es kam mir vor wie ein Wunder, doch womöglich war ich mit der Zeit einfach ein bisschen paranoid geworden. Überraschend wäre das bei meiner Vergangenheit jedenfalls nicht.

Ich wirbelte mehr und mehr Wasser auf, während ich nun zügiger voranschritt, als wäre mir plötzlich eine Last von den Schultern gefallen. Weil da eine Hoffnung in mir wuchs, mit der ich nie gerechnet hätte.

Bisher hatte ich immer angenommen, dass selbst die Haarfärbung und die Tatsache, dass ich in den letzten Jahren etwa dreißig Zentimeter gewachsen war, niemanden wirklich täuschen könnten. Mein Gesicht war schließlich für eine lange Zeit auf jede Hagelmünze und jeden ozeanischen Orden geprägt worden. Aber ich hatte mich wohl stärker verändert, als ich geglaubt hatte, und vermutlich –

Etwas Spitzes bohrte sich in meinen rechten Fußballen.

Erschrocken machte ich einen Satz nach hinten, doch zu spät: Blut färbte das Wasser für einen Moment rötlich, meine empfindliche Sohle brannte trotz des kühlen Meeres und das, was da vor mir aus dem Schlick ragte, als sich die Brandung zurückzog, jagte mir einen Schauer über den Rücken. Mit einem Mal begann ich doch zu frieren. Eine Kälte, die nichts mit dem Wasser oder dem Wind zu tun hatte, fraß sich in meine Magengrube.

Auf den ersten Blick hätte man das Ding für ein Bündel Seetang halten können, in dem sich ein paar Muscheln und Stücke von Treibholz verfangen hatten. Die Menschen wären wohl einfach daran vorbeigegangen. Doch die Algen hatten sich nicht bloß in den Strömungen der Tiefe ineinander verheddert: Sie waren sehr sorgfältig miteinander verknotet worden. Sieben mal sieben Knoten, darauf wettete ich, auch ohne nachzuzählen. Und das waren auch keine Muscheln oder Holzsplitter, die jemand wie Perlen auf die Pflanzenschlingen gefädelt hatte, sondern Knochen. Viele Knochen von unterschiedlicher Größe, längere und kürzere, allesamt glänzend poliert und nadelspitz zugefeilt.

Spitz wie die Zähne eines Donnerdrachen.

Ich schluckte und tat noch einen Schritt nach hinten.

Ein Köder. Die Hexer hatten also nicht gelogen. Jemand versuchte tatsächlich, die Anderen mit Absicht an Land zu locken!

Es war Wahnsinn.

So etwas hatte es in der Geschichte der Wetterhexen noch nie zuvor gegeben! Wer würde gegen das oberste Gesetz unseres Volkes verstoßen und vorsätzlich Menschen in Gefahr bringen?

Wer wagte es, sieben mal sieben Opfer … Blutmagie war verboten, sie war dunkel und gefährlich. Mit ihrer Hilfe konnten starke Zauber gewoben werden, denn sie verstärkte die angeborenen Kräfte einer Hexe. Allerdings nur, wenn man bereit war, eine entsprechende Anzahl an Meeresbewohnern zu töten. Je mehr und je größere Wesen es waren, umso mächtiger die Beschwörung.

Ich fröstelte nun so sehr, dass ich zu zittern begann, während der Köder noch immer vor mir im Sand prangte, eine unaussprechliche Abscheulichkeit, hässlich und böse.

Er musste zerstört werden. Umgehend.

Nein!

Ich seufzte. Das ging nicht. Auf keinen Fall konnte ich schon wieder eine Ausnahme machen und meine Magie benutzen. Verdammt, ich durfte nicht so dumm sein! Es musste eine andere Lösung geben und solange sich kein Mensch in akuter Lebensgefahr befand, konnte ich danach suchen. Ich würde in Ruhe darüber nachdenken und früher oder später … Ja, mir würde schon etwas anderes einfallen!

Ich presste die Kiefer aufeinander, kehrte dem Drachenköder den Rücken und wäre einen Herzschlag später beinahe mit Aaron zusammengestoßen.

»Huch, du hast es aber eilig«, sagte er.

Während ich versuchte, mein Gleichgewicht wiederzufinden, wanderte sein Blick langsam an mir auf und ab.

»Wie …?«, stammelte ich schließlich und starrte ihn ebenfalls an.

Er hatte seine Kleidung gewechselt, statt des zerrissenen Hemdes trug er nun einen Wollpullover. Die Hose hatte er mittlerweile gegen eine helle Jeans eingetauscht und sein Haar glänzte, als wäre es frisch gewaschen. Nur die Stiefel an seinen Füßen waren immer noch schmutzig und mit Salz verkrustet, als wäre er damit bereits viele, viele Male durch die Brandung gestapft.

»Hi«, sagte Damian, der hinter ihm stand. Auch er war sauber und ordentlich gekleidet.

Als wäre überhaupt nichts geschehen …

»Hallo, äh …« Ich wandte mich wieder an Aaron. »W…was ist mit deiner Verletzung?«, fragte ich und deutete auf die Stelle, wo sich die Bisswunde unter seinem Ärmel verbergen musste.

Er zuckte mit den Achseln. »Geheilt natürlich.«

Mein Mund klappte auf und wieder zu. »Aber wie kann das sein?«

Es war keine drei Stunden her, dass ich die beiden auf dem Sportplatz zurückgelassen hatte. Wie waren die Hexer so rasch an den nötigen Meerschaum gekommen? Selbst wenn sie im alten Leuchtturm gleich an den richtigen Händler geraten und sich mit ihm einig geworden wären … es hätte mindestens eine Nacht gedauert, den gefrorenen Schaum aus dem Nordatlantik herbeizuschaffen.

»Wenn man gute Beziehungen hat, geht so manches schneller als gewöhnlich«, war Aarons kryptische Erklärung. »Danke, dass du Damian heute früh geholfen hast.« Er spähte über meine Schulter und zuckte im gleichen Augenblick kaum merklich zusammen. »Ah, ich sehe, du bist auf einen weiteren Köder gestoßen.«

»Tut mir leid, ich weiß wirklich nicht, was –«, begann ich, doch er fiel mir ins Wort.

»Aber du hast gar nichts dagegen unternommen …« Er kniff die Augen zusammen und musterte mich erneut, gründlicher jetzt. Seine Brauen schoben sich hoch. »Wolltest du ihn etwa einfach liegen lassen?« Vorhin hatte bei meinem Anblick noch der Anflug eines Lächelns in seinem Mundwinkel gehangen, doch nun war es plötzlich wie fortgewischt. »Oder hast du ihn gerade dort ausgelegt? Tust du deshalb so, als wärst du keine von uns?«, fragte Aaron scharf. »Ist das deine Masche?«

»Nein!«, rief ich und schüttelte den Kopf. »So etwas würde ich niemals machen! Und ich habe keine Masche.«

Wie unverschämt war dieser Typ eigentlich?

»Hm …« Er verschränkte die Arme vor der Brust. In seinen honigfarbenen Augen blitzte es, unmöglich zu sagen, ob vor Argwohn oder Neugierde. »Nun, wer bist du dann, mysteriöse Hexe, die immer zufällig gerade dort auftaucht, wo ein paar ganz und gar vom Pfad abgekommene Donnerdrachen ihr Unwesen treiben?«

Verdammt! Röte schoss mir ins Gesicht. »Ich … ich«, stotterte ich und spürte im selben Moment, wie die See, die meine Knöchel noch immer umspielte, mir neue Kraft gab. »Mein Name ist Roberta«, log ich schließlich und senkte den Blick. »Aber alle nennen mich Robin. Ich stamme aus dem Ostmeer. Vor ein paar Jahren zerstörte eines der Unwetter dort die Kuppel über unserem Dorf. Mein gesamter Clan kam dabei ums Leben, nur ich wurde an Land gespült und von den Menschen gefunden. Sie nahmen mich bei sich auf und seitdem tue ich so, als wäre ich eine von ihnen, weil …« Ich sah ihm in die Augen. »Na ja, weil alle, die mir etwas bedeutet haben, tot sind und ich nach dieser schrecklichen Nacht nichts mehr mit den Wettern oder der Welt der Hexen zu tun haben will«, presste ich hervor. Ich musste mich nicht einmal anstrengen, ein trauriges Gesicht aufzusetzen, obwohl ich mir das alles gerade aus den Fingern gesogen hatte. Meine Familie war schließlich wie tot für mich.

Und ich für sie.

»Oh«, machte Damian. »Das … tut mir leid. Meine Eltern sind auch gestorben.«

»Ja«, sagte Aaron, seine Lippen bildeten eine schmale Linie. »Trotzdem lockst du deshalb noch lange keine Donnerdrachen an Land, oder, Damian?«

Ich funkelte ihn an, jegliche Traurigkeit schlug augenblicklich in Zorn um. »Wie kannst du es wagen, mir so etwas zu unterstellen?«

»Nun, zuerst treffen wir dich in dieser Unterführung inmitten eines Anderen. Dann tauchst du am nächsten Morgen genau dort auf, wo mehrere Donnerdrachen versucht haben, uns umzubringen. Und jetzt erwischen wir dich hier mit einem Köder.« Aaron schüttelte den Kopf. »Robin, Robin, was denkst du denn, wie das für uns aussieht?«

»Also, erstens habe ich gestern gegen den Anderen gekämpft, und zwar um mein Leben, falls es dir nicht aufgefallen ist.« Ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf. »Zweitens wart ihr heute Morgen an meiner Schule und ich war bloß auf dem Weg zum Unterricht. Und drittens habe ich diesen Köder gerade nur zufällig gefunden und war noch am Überlegen, wie ich ihn unschädlich mache.«

»Ganz schön viele Zufälle«, brummte Aaron.

»Tja.« Inzwischen ging der Kerl mir wirklich auf die Nerven. »Dann glaubt mir eben nicht. Allerdings finde ich es viel komischer, dass ihr beiden innerhalb von nicht einmal 24 Stunden ganze drei Mal in meiner Nähe auftaucht«, ging ich nun meinerseits in die Offensive.

»Wir handeln im Auftrag Ihrer Majestät der Tiefe«, sagte Aaron, als wäre allein das Erklärung genug. »Wir jagen Blitzklingen für die Königin und du weißt sicher, aus welcher Art von Stürmen die besten und schärfsten Waffen geschmiedet werden können. Aber natürlich wundern wir uns auch, warum die Biester plötzlich an Land kommen. Deshalb suchen wir die Küste nach Ködern ab und zerstören sie.«

»Toll«, zischte ich und unterdrückte ein Schaudern. Ihre Majestät der Tiefe, meine Mutter höchstpersönlich! Verdammt! Ich versuchte, mich möglichst lässig zum Gehen zu wenden. »Wenn das so ist, dann macht doch am besten gleich hier weiter. Viel Spaß!«

Ich wollte die Hexer stehen lassen, doch dieses Mal hatten sie offenbar mit einem Fluchtversuch meinerseits gerechnet. Noch ehe ich mich an ihnen vorbeischieben konnte, hatte Damian mich gepackt und verdrehte mir derart die Arme auf den Rücken, dass es wehtat. Er war zwar kleiner als ich, aber eindeutig kräftiger.

»Lass mich sofort los!« Ich wand mich hin und her, versuchte vergeblich, mich zu befreien.

»Nicht so schnell«, sagte Aaron und stand plötzlich sehr nah vor mir. Sein Blick bohrte sich in meinen und ich konnte die dunkelbraunen Sprenkel in seiner Iris erkennen. »Robin aus dem Ostmeer«, murmelte er. »Niemand kann dich zwingen, als Hexe zu leben, aber … Ich habe, ehrlich gesagt, noch nie davon gehört, dass jemand von uns freiwillig auf seine Magie verzichtet und sich unter die Menschen gemischt hätte. Und was ist mit deinem Schwur, sie zu beschützen? Den legt man doch wohl auch in den Ostmeeren ab …« Er blinzelte. »Ich verstehe das nicht. Wieso läufst du vor deinem Schicksal davon?«

»Na, weil …« Ich schnaubte. »Das ist echt bescheuert! Könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen?«

»Ich weiß nicht, können wir das? Was meinst du, Damian?«

»Na ja, sie hat uns zwar geholfen, aber sie hat mich heute Morgen auch angelogen«, erklärte Damian in meinem Nacken. »Das war schon irgendwie komisch und … äußerst verdächtig.«

»Höchst verdächtig«, pflichtete Aaron ihm bei.

Ich seufzte und schwieg einen Moment lang. Doch Damian hielt mich noch immer in eisernem Griff gefangen und auch Aaron machte keinerlei Anstalten, mich laufen zu lassen. Mit verschränkten Armen starrte er mich an. Ohne eine Erklärung kam ich hier nicht weg, so viel stand fest.

»Ich habe Angst«, flüsterte ich schließlich ehrlich. »Ich … kann keine Hexe mehr sein, okay?«

Aaron betrachtete mich weiterhin mit dieser undurchdringlichen Miene. Glaubte er mir? »Nehmen wir an, du sagst die Wahrheit und du bist nicht diejenige, die diese Bestien auf die Stadt losgelassen hat«, begann er nach einer Weile. »Es ist nämlich so, hier an der Oberfläche gibt es nicht mehr viele Hexen. Die meisten von ihnen sind uralt und verlassen den Leuchtturm so gut wie gar nicht mehr. Du weißt schon, weil die Meeresspiegel steigen und die Wetter …« Er atmete aus. »Die Alten können kaum noch die normalen Zauber ausführen. Diese Drachenplage wird also wohl oder übel an Damian und mir hängen bleiben und … wir könnten dabei durchaus ein wenig Hilfe gebrauchen.«

»Verstehe«, sagte ich und Aaron nickte.

»Dann bist du dabei? Um die Menschen zu retten, bei denen du lebst?«

Ich presste die Zähne aufeinander und dachte an meine Schule. Wie viele Tote hätte es wohl gegeben, wenn die Donnerdrachen tagsüber anstatt mitten in der Nacht über sie hergefallen wären? Trotzdem … Ich versuchte, Aarons Blick auszuweichen. Das konnte ich einfach nicht tun.

»Du willst also ernsthaft tatenlos dabei zusehen, wie dieser Ort mitsamt all seinen Bewohnern Stück für Stück dem Erdboden gleichgemacht wird?«

Inzwischen biss ich mir so fest auf die Unterlippe, dass ich Blut schmeckte. Als ich blinzelte, verfing sich plötzlich eine Träne in meinen Wimpern. Natürlich konnte ich nicht zulassen, dass Andere diese Stadt zerstörten und Menschen verletzten, aber … Scheiße!

Scheiße, Scheiße, Oberscheiße!

Aaron legte den Kopf schief und während er mich weiterhin unverwandt ansah, stahl sich ganz langsam das Lächeln zurück auf seine Lippen. Es huschte bis zu seinen Augen hinauf und verwandelte sich allmählich zu einem breiten Grinsen, das seine Züge aus dem Gleichgewicht brachte und dieses niedliche Grübchen erscheinen ließ. »Wusste ich’s doch! Schön, dass wir das klären konnten, findest du nicht?«

Ich funkelte ihn an, bis er Damian einen Wink gab und dieser mich endlich losließ.

»Willkommen im Team, Robin aus dem Ostmeer«, sagte Aaron schließlich feierlich und schüttelte meine nun wieder freie Hand. »Dann zeigen wir den Biestern mal, was die Hexenwelt von ihnen hält!« Er wandte sich dem Köder im Schlick zu. »Und als Erstes schicken wir dieses Mistding auf den Grund des Marianengrabens, ha!« Er beugte sich über das Gebilde aus Tang und Knochen.

Ich schluckte und rieb mir die schmerzenden Handgelenke, wo Damian mich gepackt hatte. Derweil rief Aaron bereits nach dem Südwind und ich wusste noch immer beim besten Willen nicht, was ich von alldem halten sollte.


2. Strophe

Wettervorhersage

Ein waghalsiges Unterfangen geht in eine sternenklare Nacht über.

Tagsüber bedeckt, bei Temperaturen von vier bis acht Grad.

Genervte Winde.

Örtliche Gewitter.

Und Blitze – Blitze in Robins Händen.


6
Karottenkaffee

Die Luft war erfüllt von einer Mischung aus Gischt und aufgewirbeltem Sand. Und von Aarons samtiger Stimme natürlich. Er sang mit dem Südwind ein kompliziertes Lied, ließ ihn über den Strand peitschen und lenkte ihn schließlich zu dem Drachenköder im Schlick.

Sofort begann das Ding, sich zu wehren. Es zischte und zuckte, als wäre es lebendig. Als wollte es nach der Bö schnappen, die es nun in die Höhe hob, um es auf die See hinauszutragen. Weit fort von hier. Fort von den Menschen und allem, dem die Drachen nicht zu nahe kommen sollten.

Aarons Ruf war stark und der Südwind gehorchte ihm aufs Wort. Dennoch gelang es dem Köder, sich loszuwinden. Schon sank er wieder in Richtung Boden. Die Knochensplitter glühten dunkel, während schwarzes Blut aus den sieben mal sieben Knoten quoll und in die Wellen tropfte, um auszuschwärmen und –

»Ach du Kacke, der macht noch jeden Drachen im Umkreis auf uns aufmerksam!«, schrie Damian gegen das Heulen des Windes an.

»Ich weiß.« Aaron stemmte die Füße in den Sand und wiederholte seinen Ruf, diese Tonfolge, die weniger eine Melodie als vielmehr eine Kampfansage war. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und die Hände zu Fäusten geballt. Der Klang seiner Stimme verband sich mit dem Rauschen der See. Eine Gänsehaut kroch über meinen Nacken. Windlieder waren pure Magie.

Erneut riss es den Köder in die Luft. Und erneut versuchte das Biest, sich zu entziehen. Weitere Blutstropfen besprenkelten die Wasseroberfläche. Es musste eine mächtige Hexe gewesen sein, die diesen Zauber gewirkt hatte. Oder zumindest eine, die nicht vor Blutopfern zurückschreckte.

Ich hielt den Atem an, während der Köder weiter gegen den Südwind ankämpfte, sich fauchend auf Aaron stürzte und ihm ins Gesicht klatschte.

»Jetzt wäre ein guter Moment für ein wenig Unterstützung«, nuschelte dieser nun zwischen Algen und Knochen hindurch. Schwarzes Blut rann ihm über die Wangen wie Tränen. Mit beiden Händen packte er den Köder und zerrte daran.

Mein Blick wanderte zu Damian, doch der rührte sich nicht. »Mich hat er nicht gemeint!«, rief er. »Ich wurde ohne Kräfte geboren.«

»Du wurdest was?«, fragte ich verwirrt. Als Kind hatte ich natürlich Geschichten davon gehört, Geschichten von Hexen, denen die Wetter einfach nicht gehorchen wollten, aber ich hatte sie immer für Märchen gehalten. »Deshalb hast du heute früh nicht den Wind herbeigerufen, um diesen Betonbrocken –«

»Hm…hm…hmpf!«, unterbrach mich Aaron, dessen Gesicht sich noch immer in den Fängen des Köders befand.

Er deutete auf den Horizont, an dem sich bereits Gewitterwolken zusammenballten, die zu einem Sturm der anderen Art zu gehören schienen. Die Drachen hatten unsere Fährte aufgenommen.

Ich schluckte und schloss für einen Moment die Augen.

Dann lächelte ich plötzlich und überraschte mich selbst damit, wie ich zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden nach dem Ostwind rief.

Bei Neptuns Bart, was war nur los mit mir? Ich verhielt mich so unvernünftig. Und war trotzdem so … erleichtert. Auch der Ostwind schien sich zu freuen. Genau wie gestern umtoste er mich stürmisch, zerzauste mein Haar, als hätte er mich vermisst, und stimmte zugleich in meinen Ruf ein. Als hätte es die letzten viereinhalb Jahre der Stille zwischen uns nie gegeben.

Ich ließ meine Stimme über Sand und Meer tanzen, schickte meinen Freund in wirbelnden Kreisen über das Wasser und hatte das Gefühl, mit ihm davonzuschweben. Meine Magie, die ich gestern lediglich in Panik und nur für einen Augenblick heraufbeschworen hatte, durchfloss mich nun vollkommen. Mein Brustkorb schien sich zu weiten, in meinen Adern pulsierte die uralte Macht über Gezeiten, Wolken und Winde. Und zum ersten Mal seit meiner Flucht war ich wieder wirklich und wahrhaftig eins mit dem Ozean, spürte sein Atmen in jeder Welle, die meine Knöchel liebkoste.

Ich wusste, ich durfte keine Hexe mehr sein. Und ich hatte es ehrlich versucht, hatte meine Herkunft verleugnet und mich selbst bestraft.

Aber hier und jetzt konnte ich nicht anders.

Denn ich war noch immer, wozu ich geboren worden war.

Ich war und blieb eine Hexe.

Eine Hexe, um die sich seit ihrer Geburt die Legenden gerankt hatten. Das war mein Schicksal, ob es mir gefiel oder nicht. Und ehrlich gesagt, gefiel es mir eigentlich schon, oder? Ja, es gefiel mir sogar sehr.

Mein Ruf verband sich mühelos mit Aarons, als dieser nun endlich wieder den Mund frei bekam. Unsere Winde trafen mitten auf dem Wasser zusammen, verflochten sich zu einem unsichtbaren Netz und umfingen den Köder schon im nächsten Augenblick. Mit einem Ruck befreite sich Aaron endgültig aus seinen Fängen, dann schleuderten wir die Monstrosität gemeinsam auf die See hinaus. Mitten hinein in den Anderen am Horizont und weit darüber hinaus.

Wir befahlen den Winden, das Ding in den tiefsten Tiefen zu versenken, und beobachteten schließlich, wie die bedrohlichen Gewitterwolken sich verzogen, um dem Köder dorthin zu folgen.

Wenige Minuten später war der Strand wieder so ruhig, als wäre gar nichts geschehen. Die Brandung hatte den Abdruck, den Tang und Knochen im Schlick hinterlassen hatten, bereits fortgewaschen.

Aaron wischte sich die letzten Spuren der Blutstropfen von den Wangen. Dann sah er mich an. Auf eine neue Art, die … mir nicht unangenehm war.

»Du bist gut«, sagte er.

»Ja«, murmelte ich und zuckte mit den Achseln. »Manchmal zumindest.«

Er öffnete den Mund, als wollte er etwas erwidern, doch da erklärte uns Damian: »Also, ich habe Hunger wie ein Hai. Gehen wir etwas essen?«

Das Café lag am Rande der Fußgängerzone und war voller Menschen, die sich den regnerischen Nachmittag mit einer Tasse heißer Schokolade oder einem Stück des saftigen Bananenbrots versüßten, das man hier verkaufte. Ich hatte mich allerdings, genau wie Damian, für eines der überbackenen Panini entschieden und genoss nun die Kombination aus geschmolzenem Käse, Tomaten und Pesto. Es war seltsam, wie rasch einen das gemeinsame Bekämpfen von Blutmagie dazu brachte, mit wildfremden Jungs essen zu gehen. Wie sehr allein die Tatsache, dass wir alle drei aus derselben Welt stammten, uns miteinander verband.

Auf gefährliche Weise.

Denn natürlich bedeutete es vor allem, dass ich umso wachsamer sein musste. Das hier war riskant, ein Spiel mit dem Feuer. Doch leider steckte irgendwo in meinem Innern wohl noch immer die Kriegerprinzessin von früher, die sich vor Begeisterung über die Aussicht auf ein magisches Abenteuer förmlich überschlug.

Ich nahm einen Schluck von meiner Saftschorle, um mich zu beruhigen. Dann beobachtete ich fasziniert (und auch ein bisschen angewidert), wie Aaron plötzlich eine Karotte aus seinem Salat in die Kaffeetasse vor sich tunkte und anschließend genüsslich verspeiste.

»Sein Geschmack ist etwas gewöhnungsbedürftig«, erklärte Damian, der meinem Blick gefolgt war. »Ich nehme an, in den Ostmeeren steht ihr ebenfalls eher auf andere, äh, Kombinationen?«

»Hm«, machte ich. »Allerdings.«

»Über Geschmack lässt sich nicht streiten«, brummte Aaron mit vollem Mund und in einem Tonfall, der mir klarmachte, dass die beiden diese Diskussion wohl nicht zum ersten Mal führten.

»Außer, dass deiner echt verboten sein sollte«, warf Damian ein. »Zumindest in der Öffentlichkeit.«

»Jetzt übertreibst du aber.« Aaron schnappte sich eine weitere Kaffeekarotte.

Damian seufzte theatralisch.

Mehr noch als Meister und Lehrling schienen die beiden Hexer Freunde zu sein. Kampfgefährten, die gegenüber dem anderen kein Blatt vor den Mund nahmen. Normalerweise bestanden die erfahreneren Sturmjäger in unserer Welt auf Anreden wie »ehrwürdiger Meister«. Dass Aaron so etwas offenbar nicht nötig hatte, gefiel mir irgendwie. Und dass er darüber hinaus ausgerechnet einem magisch unbegabten Jungen eine Chance gab, den Drachenkampf zu erlernen … Er war anscheinend alles andere als ein gewöhnlicher Vertreter seines Berufsstandes, dessen Mitglieder meist von einer schier grenzenlosen Gier nach Ruhm und Anerkennung angetrieben wurden.

»Du findest es doch genauso eklig, oder, Robin? Ich meine, wenn es wenigstens bei den Karotten bliebe … Wir können jedenfalls froh sein, dass sie hier weder Pommes noch Sprühsahne verkaufen«, fuhr Damian fort und nickte, als ich das Gesicht verzog. »Richtig.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Siehst du, Aaron, Robin hält das auch für unnormal. Und sie lebt schon eine ganze Weile bei den Menschen.«

Statt zu antworten, zuckte Aaron bloß mit den Achseln, als wären wir verrückt und nicht er.

Erstaunlicherweise schien nach wie vor keiner der beiden auch nur im Geringsten an meiner falschen Identität zu zweifeln. Sie nannten mich Robin. Sie wollten meine Hilfe. Und niemand hatte bisher versucht, mich zu töten, weil ich unser Volk verraten hatte … Trotzdem, sollte es brenzlig werden, wäre ich von hier aus in wenigen Minuten am Bahnhof.

Während ich mir sicherheitshalber noch einmal den Fahrplan ins Gedächtnis rief, schob Aaron sich die nächste arme Kaffeekarotte in den Mund. Dieses Exemplar hatte er zudem mit einer Prise Zucker und dem Joghurtdressing des Salats verfeinert. Schon allein vom Zusehen bekam ich eine Gänsehaut.

»Vielleicht haben wir Glück und mit der Zeit lernt er, sich an die Speisekarten der Oberfläche zu halten«, überlegte derweil Damian. »Eine Weile werden wir sowieso noch hierbleiben müssen. Solange wir unsere Lieferung nicht zurückhaben, können wir uns auf keinen Fall in den Tiefen blicken lassen.«

Aarons Miene verfinsterte sich. »97 gestohlene Blitzklingen! Das ist eine Katastrophe«, brummte er und kippte den Rest seines Kaffees mitten auf den Salatteller.

Doch seine Marotten rückten für mich schlagartig in den Hintergrund. Hatte ich gerade richtig gehört? »Eure gesamte Lieferung wurde geklaut?«, erkundigte ich mich. »Was ist denn passiert?«

Er schnaubte. »Na, was wohl? Wir jagen die Drachen nicht aus reiner Menschenliebe, sondern weil Dinge verschwinden, Robin! Wolken, Blitze, Regenschauer – im Grunde ist unsere gesamte Beute der letzten Wochen vorgestern aus den Vorratskammern des alten Leuchtturms entwendet worden.«

»Und wir glauben, dass die Anderen etwas damit zu tun haben«, ergänzte Damian.

Wie bitte? »Äh«, machte ich und hob die Brauen. »Tut mir leid, das verstehe ich nicht. Andere zerstören und töten. Aber sie sind doch keine Diebe! Schon gar nicht, wenn es um Blitzklingen geht. Sie bestehen aus Blitzen.« Allein die Vorstellung, ein Donnerdrache würde irgendwo einbrechen und – nein, also, das war so was von absurd!

»Ich weiß! Trotzdem sind wir gestern in einen Hinterhalt geraten, als wir den Spuren unserer Lieferung folgten«, sagte Aaron ernst. »Jeden Blitz, den ich einfange, markiere ich mit meinem Siegel, um mein Eigentum zu schützen und es notfalls wiederfinden zu können. Die Händler heutzutage sind schließlich alles andere als vertrauenswürdig.« Er raufte sich das dunkle Haar. »Jedenfalls würde ich dieses Siegel überall wiedererkennen. Selbst mit einem Betonklotz auf der Brust, glaub mir. Und auch wenn es noch so unwahrscheinlich klingen mag, das in den Bäuchen der Donnerdrachen auf dem Schulhof, das waren meine Blitze, Robin!«

»Unsere«, verbesserte ihn Damian. »Unsere.«

»Vielleicht sollte ich dir doch endlich mal eine vernünftige Abreibung verpassen«, brummte Aaron.

Damian zuckte nur mit den Achseln, als wäre er sich in diesem Punkt ebenfalls unsicher.

Ich blickte von einem zum anderen. Noch immer verstand ich es nicht. »Also haben sie die Klingen aufgefressen? Ohne sich daran zu verletzen?«, fragte ich.

»Es sieht ganz danach aus.«

»Hmpf.« Ich schüttelte den Kopf. Das ergab doch überhaupt keinen Sinn! Ein Donnerdrache war eine wandelnde Blitzquelle. Deshalb jagten Leute wie Aaron und Damian die Biester schließlich. Der Kontakt mit einer bereits geschmiedeten Klinge hingegen endete für sie für gewöhnlich tödlich …

Während ich vor mich hin grübelte, stopfte Damian sich den Rest seines Panini-Brots in den Mund.

Aaron hingegen schob seinen Teller mit dem Lebensmittelmassaker, das er veranstaltet hatte, von sich, stützte stattdessen das Kinn in die Hände und betrachtete mich für einen irritierend langen Moment, tief in Gedanken. Und irgendwie schien das seine Stimmung allmählich wieder zu heben.

»Was ist?«, fragte ich. »Habe ich Pesto am Kinn?«

»Nein. Mir sind bloß gerade deine Augen aufgefallen«, erklärte er, als wäre es das Normalste auf der Welt, und legte den Kopf schief. »Die sind echt blau, weißt du das?«

Instinktiv senkte ich die Lider. Ich wusste selbst, dass meine Augen auffällig waren. Zu auffällig.

»So langsam kannst du nicht mehr jede plumpe Anmache mit dem Schlag auf deinen Kopf entschuldigen«, versuchte ich mein Unbehagen zu überspielen. Außerdem war ich noch nie der Typ für schmalzige Komplimente gewesen. Ich zwang mich dazu, ihn wieder anzusehen. »Bleiben wir lieber bei eurem Drachenproblem.«

»Unserem Drachenproblem«, berichtigte Damian nun mich.

»Na ja«, schnaubte ich.

Aarons Mundwinkel zuckten, dann wandte er sich an Damian: »Jedenfalls habe ich gerade gedacht, dass diesen Augen bestimmt noch nie jemand etwas abschlagen konnte, oder? Was meinst du?«

Hä?

Auch Damian musterte mich nun aufmerksam. »Könnte klappen«, sagte er und nickte.

So etwas wie Begeisterung flackerte über seine Züge, während ich plötzlich gar nicht mehr durchblickte und bereits drauf und dran war aufzuspringen.

Wussten sie es etwa? Hatte die Farbe meiner Iris mich verraten? Ich musste wohl irgendetwas Entscheidendes nicht mitbekommen haben.

Egal, noch konnte ich es schaffen. Bis zur Tür waren es fünf Meter und der nächste Zug kam in etwa sieben Minuten. Wenn ich also rannte …

Aaron lachte. »So hat wirklich noch kein Mädchen reagiert, wenn ich ihr etwas Nettes gesagt habe. Kein Grund, gleich in Panik zu verfallen.« Er hob beschwichtigend die Hände. »Ich nehme es wieder zurück, ja? In Wahrheit wirkst du so was von durchschnittlich, man muss sogar aufpassen, dass man dich nicht übersieht.«

Ich atmete tief ein und wieder aus, dann sank ich zurück auf meinen Stuhl. »Schon besser«, sagte ich schließlich gnädig, allerdings mit einer Spur von Misstrauen. »Zurück zu den Drachen.«

»Hat da irgendwer gesprochen?« Aaron gab vor, durch mich hindurchzugucken.

»Haha«, machte ich.

»Ich glaube, jetzt habe ich auch etwas gehört. Eine Stimme aus dem Jenseits oder so.« Damian grinste. »Oh, wie gruselig!«

Ich hingegen unterdrückte ein Schmunzeln. »Die Drachen. Oder ich bin weg«, informierte ich die Jungs und setzte meinen allerstrengsten Blick auf.

»Klar. Entschuldige.« Aaron lachte noch einen Moment lang leise vor sich hin, dann räusperte er sich. »Es geht hier selbstverständlich schon die ganze Zeit einzig und allein um die Donnerdrachen und unsere Abmachung«, sagte er betont ernst. »Die Bemerkung zu deinen Augen war auf jeden Fall rein geschäftlich gemeint. Und … im Rahmen unserer Zusammenarbeit würdest du uns doch bestimmt einen klitzekleinen Gefallen tun. Nur um diese Stadt wieder sicher zu machen. Was sagst du, Waisenmädchen aus dem Ostmeer?«

Pulsuz fraqment bitdi.

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17 aprel 2022
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