Kitabı oxu: «Das exegetische Proseminar»
Forum Exegese und Hochschuldidaktik – Verstehen von Anfang
Jg.1 – 2016 | Heft 2
Herausgegeben von Stefan Fischer und Thomas Wagnerin Zusammenarbeit mit Melanie Köhlmoos
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2017 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-7720-0056-0
Inhalt
Editorial
Der exegetische und didaktische Mehrwert literaturwissenschaftlichen Arbeitens Der methodische Ausgangspunkt Die methodischen Stärken einer literaturwissenschaftlichen Exegese Der didaktische Mehrwert Literaturverzeichnis
Schritt für Schritt auf dem Weg in den Text – Erster Schritt: Visuelle Textwahrnehmung Zweiter Schritt: Einblick gewinnen in die drucksemantische Qualität eines Textes Dritter Schritt: Die Verssegmentierung des Textes Ertrag: Die Methode der Verssegmentierung als Methode der Verlangsamung und als Methode der Text- und Sprachsensibilisierung Literatur
Das Proseminar als Chance zur Entdeckung biblischer Textwelten Prolog Der historisch-kritische Zugang zu biblischen Texten Epilog Literaturverzeichnis
Proseminar und Hermeneutik Bestandsaufnahme Proseminar Erweiterung des Methodenkanons Notwendigkeit der Hermeneutik im Proseminar Praxisüberlegung Literaturverzeichnis
Kurzrezensionen im exegetischen ProseminarHochschuldidaktische Herausforderung, die mit der Lehr-/Lernmethode adressiert werden sollDidaktische und organisatorische Einbettung der Lehr-/Lernmethode in das ProseminarFür das AT-Proseminar:Für das NT-Proseminar:Literatur
Die Chance des Anderen: Die Idee einer besonderen Lehrveranstaltung Die Zielgruppe Praxis des Lesens (Probleme und Herausforderungen) Das scheinbar Bekannte Überlegungen zur Textauswahl: »Pars pro toto – aber welches?« Was bleibt? Literaturverzeichnis
Rezensionen Zum Buch Zur Didaktik Zur Methodik Das Buch als Lehr- und Lernbuch
Sönke Finnern/Jan Rüggemeier, Methoden der neutestamentlichen Exegese. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Zum Buch Zur Didaktik Zur Methodik Das Buch als Lehr- und Lernbuch
Interview mit … Peter Wick
Forum Exegese und Hochschuldidaktik Verstehen von Anfang an (VvAa)
Jahrgang 1 – 2016, Heft 2
Editorial
Stefan Fischer und Thomas Wagner
Die zweite Ausgabe dieser Zeitschrift ist dem Thema Proseminar gewidmet. Studierenden von Lehramt und Fachtheologie begegnet das Proseminar recht früh im Studienverlauf. Vom 28. September bis 1. Oktober 2015 befasste sich die erste Netzwerktagung »Verstehen von Anfang an« in Wuppertal mit dieser Veranstaltungsform. Während der Tagung führten uns Referentinnen und Referenten in ihre Methodik der Vermittlung exegetischer Methoden ein. Die Workshops und Vorträge dieser Tagung gaben einen Anstoß zu intensiven Diskussionen und methodischen Reflexionen, die in die hier abgedruckten Beiträge einflossen. Zugleich entstammen die vier Hauptbeiträge nicht nur der theoretischen Reflexion über das Proseminar, sondern sind alle praxiserprobt.
Matthias Hopf lehrt seit vielen Jahren das Proseminar an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau und wurde bereits als Student in literaturwissenschaftliche Methoden der Exegese eingeführt. In seinem Beitrag plädiert er für den exegetischen und didaktischen Mehrwert eines literaturwissenschaftlichen Ansatzes. Er hebt die methodischen Stärken einer literaturwissenschaftlichen gegenüber einer konventionellen Exegese hervor und stellt dazu vor allem die Werke von Uwe Becker »Exegese des Alten Testaments« und Helmut Utzschneider/Stefan Ark Nitsche »Arbeitsbuch literaturwissenschaftliche Bibelauslegung« gegenüber.
Die Neutestamentlerin Christina Hoegen-Rohls stellt ihre in Münster erprobte Methode der Verssegmentierung vor, die auch für Studierende ohne hebräische oder griechische Sprachkenntnisse geeignet ist. Am Beispiel von Johannes 4,1–15 zeigt sie, wie die Gliederung eines Textes auf das Leseverständnis wirkt. Sie regt an, von der visuellen Wahrnehmung her über Form und Inhalt zu reflektieren und so das Lesen des Textes zu entschleunigen. Ihr Lehrformat bietet sich sowohl für wöchentliche Veranstaltungen als auch für Blocktage an.
Wir als Herausgeber erlauben uns, in diesem Band jeweils einen eigenen Text vorzulegen. Uns beiden ist es wichtig, den hermeneutischen Voraussetzungen der Studierenden Gewicht zu verleihen. Thomas Wagner sieht das Proseminar als Chance zur Entdeckung biblischer Textwelten. Er führt die Unterscheidung von Methoden und Perspektiven ein und legt Wert auf die Vermittlung ihrer unterschiedlichen Funktionen, so dass Studierende zielorientiert mit dem passenden Werkzeug an Texte herangehen. Stefan Fischer nimmt in Wien die literaturwissenschaftlichen Methoden der Exegese als Erweiterung des Methodenkanons auf. Er stellt sie in einen grösseren hermeneutischen Zusammenhang und hebt die Notwendigkeit der Hermeneutik im Proseminar hervor. Persönliche Voraussetzungen und Zugänge der Studierenden sowie die Spannung zwischen kirchlichem Anspruch und universitärer Theologie legt er dar und zeigt, was in einem modifizierten Proseminar berücksichtigt werden sollte und wie eine schriftliche Arbeit aufgebaut sein kann.
Zwei kurze Berichte aus der Praxis bieten Jan Heilmann und Christian Stein. Jan Heilmann stellt die Methode der von Studierenden erstellten Kurzrezensionen vor. Diesen widmet er sieben Minuten pro Lehreinheit. Sie vermittelt nicht nur die Kenntnis relevanter Literatur, sondern ist eine vorgegliederte Schreibaufgabe, welche Studierende niedrigschwellig im wissenschaftlichen Schreiben fördert. Christian Stein berichtet von seinen Erfahrungen der Bibellektüre mit fachfremden Studierenden. Der Vorgabe vieler Bachelor-Curricula, Wahlfächer aus anderen Fachbereichen belegen zu müssen, wurde mit einem eigens entwickelten Modul begegnet, in dem hohes Gewicht auf die Lektüre biblischer Texte gelegt wird. Mit dieser Form der Veranstaltung wird eine niedrigschwellige interdisziplinäre Methodenreflexion von Studierenden geleistet, durch die sowohl die Ausprägung exegetischer Methoden als auch die Methodenkompetenz der Studierenden gefördert wird.
In zwei Rezensionen werden relevante Fachbücher vorgestellt und besonders auf ihren didaktischen Gehalt als Lehr- und Lernbuch hin angeschaut. Das Standardwerk »Einleitung in das Alte Testament« von Erich Zenger liegt nun in der neunten aktualisierten Auflage vor, für die erneut Christian Frevel die Herausgeberschaft übernahm. Einen Neuentwurf praktischer Methodenvermittlung bietet das von Sönke Finnern und Jan Rüggemeier vorgelegte Werk »Methoden der neutestamentlichen Exegese«, das sich im besonderen Maße der Frage der Integration von diachronen und synchronen Perspektiven in der exegetischen Analyse biblischer Texte widmet.
Schließlich stellt sich Peter Wick, Neutestamentler in Bochum, den Fragen eines Interviews und gibt so Einblick in seine Sicht von Forschung und Lehre im universitären Alltag.
Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen dieses Heftes, das mit seinen unterschiedlichen Perspektiven Ihren Blick auf die eigene Unterrichtspraxis fördern möchte. Für Anregungen und konstruktive Kritik sind wir dankbar. Diese senden Sie bitte an: info@forumexegese.de
Wien/Wuppertal Stefan Fischer und Thomas Wagner
Forum Exegese und Hochschuldidaktik Verstehen von Anfang an (VvAa)
Jahrgang 1 – 2016, Heft 2
Der exegetische und didaktische Mehrwert literaturwissenschaftlichen Arbeitens
Dargestellt anhand eines Vergleichs alttestamentlicher Methodenwerke
Matthias Hopf
Abstract | Biblical texts are literary entities but Hebrew Bible exegesis has not paid enough heed to this fact. Although the struggle between diachronic and synchronic approaches has subsided somewhat, exegetical methodology still clings to traditional features in several ways. In contrast, the textbook by Utzschneider/Nitsche employs insights of literary studies to a high degree. After an introduction into the basis of this approach, the present paper compares it to »classical« methodology with respect to the arrangement of methods in general, as well as the application of literary criticism and form criticism in detail (exemplified by the textbook of U. Becker). Strengths and weaknesses of both textbooks are portrayed. In sum, this paper argues in favour of cultivating insights of literary studies, not at least because academic teaching will benefit in several ways: Firstly, paying respect to the canonical text form counters a growing scepticism among students towards diachronic perspectives. Secondly, as many students combine theology with literary studies, there is a high interdisciplinary potential in applying a literary exegetical approach. And finally, future pastors and teachers will receive analytical tools, which can be applied easily and very fruitful in diverse practical contexts.
Die alttestamentliche Bibelwissenschaft ist in ihrem Kern eine Textwissenschaft, die sich mit hochliterarischen und hochästhetischen Texten auseinandersetzt.1 Nimmt man dies ernst, kann die daraus folgende ästhetisch-literarische Betrachtungsweise biblischer Texte Herausforderung und Ansporn sein, den überkommenen Methodenkanon der atl. Exegese konstruktiv fortzuschreiben bzw. zu modifizieren. Dies aufgreifend versteht sich der vorliegende Beitrag als ein Plädoyer für ein Um- bzw. Weiterdenken in der Bibelauslegung – hin zu einer stärkeren Wahrnehmung des Endtextes und seiner historisch-literarischen Würdigung. Trotz dieser Betonung der synchronen Textbeobachtung soll der bleibende Wert der diachronen Betrachtungsweise nicht in Frage gestellt werden. Im Gegenteil: Auch in einem zunächst synchron arbeitenden Exegesemodell mündet die Auslegung in die Analyse historischer Textentwicklungen. Eine entsprechende bewusst veränderte Anordnung der Arbeitsschritte führt die synchronen und diachronen Elemente zu einer Synthese zusammen und stellt deren jeweiligen Eigenwert heraus.
Dies möchte ich in der Form demonstrieren, dass ich zunächst (1) den methodischen Ausgangspunkt einer literaturwissenschaftlich orientierten Exegese des Alten Testaments darlege, sodann (2) diesen Ansatz mit einem eher herkömmlichen Exegesesystem vergleiche, um schließlich (3) zu zeigen, welch erhebliche Vorteile die beschriebene Umorientierung für eine biblische Hochschuldidaktik mit sich bringt.
Matthias Hopf, *1976, Dr. theol., ist Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Altes Testament an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau. Studium der Ev. Theologie und Judaistik in Neuendettelsau, Leipzig, Jerusalem und Heidelberg. Seine literaturwissenschaftliche Kompetenz wies er in seiner Dissertation zum Buch Hoheslied nach. Als Pfarrer der Evang.-Luth. Kirche in Bayern verfügt er über mehrjährige Erfahrung aus verschiedenen Praxiskontexten (Religionsunterricht an verschiedenen Schultypen, Gemeinde- und Erwachsenenpädagogik, Gottesdienste u.v.m.).
Der methodische Ausgangspunkt
Zunächst ist festzuhalten: Es gibt keine einheitliche Literaturwissenschaft. Entsprechend gibt es auch nicht nur die eine literaturwissenschaftliche Exegese. In der Tat haben sich in dieser »Stilrichtung« mittlerweile viele verschiedene Spielarten entwickelt.1
Forschungsgeschichtlich höchst wirksam war die sog. »Richter-Schule«, die stark auf strukturalistischen Thesen basiert und sich v.a. mit der formalen Gestaltgebung biblischer Texte auseinandersetzt.2 Ein zweiter Ansatz wird von Christof Hardmeier verfolgt, der sich von der Handlungsspiel-Theorie herkommend mit der Wirkung der Texte beschäftigt.3 Daneben gibt es – besonders im angelsächsischen Bereich – viele weitere Herangehensweisen, die spezifische Methoden auf biblische Texte anwenden, wie z.B. narratologische Ansätze,4 aber auch dramentheoretische,5 dann der sog. canonical approach,6 oder neuerdings Versuche, das Konzept der Intertextualität fruchtbar zu machen.7 Die Vielfalt dieser Ansätze kann hier allerdings nicht hinreichend dargestellt werden. Stattdessen soll in diesem an der Hochschuldidaktik interessierten Forum der Vorteil literaturwissenschaftlichen Arbeitens anhand einschlägiger deutschsprachiger Lehrwerke zur alttestamentlichen Exegese vorgestellt werden. Der Ausgangspunkt liegt dabei bei dem »Arbeitsbuch literaturwissenschaftliche Bibelauslegung« von Helmut Utzschneider und Stefan Ark Nitsche, dem Lehrwerk, das unter jenen mit einer literaturwissenschaftlichen Orientierung die wohl größte Verbreitung aufweist.
Die theoretischen Grundlagen: Zum besseren Verständnis wird im Folgenden die grundlegende Hermeneutik des Lehrwerks anhand einiger wichtiger Wendungen verdeutlicht:
(a) Rezeptionsästhetik:8 Ein Grundsatz des »Arbeitsbuchs« ist, dass Texte nicht losgelöst von ihren Kontexten zu lesen sind. Dies gilt in doppelter Hinsicht: Einerseits ist der Kontext ihrer historischen Entstehung zu beachten, was sicherlich ein Allgemeinplatz der Exegese ist. Daneben tritt aber ein entscheidendes Alleinstellungsmerkmal: Das Verständnis eines Textes ist immer auch abhängig von den Rezipierenden.9 Das individuelle Vorwissen, die persönliche Situation, dazu der zeitgenössische Kontext und zeitgeschichtliche Strömungen – all diese Faktoren wirken darauf ein, wie ein Text wahrgenommen wird.10 Da keine Lesesituation wie die andere ist, ist auch kein Leseverständnis einem anderen völlig gleich.11 Texte sind insofern als »situationsoffen« zu bezeichnen.12 Über diese Vielfalt in der Rezeption hinaus liegt die Uneindeutigkeit eines Textes aber bereits in seiner Grundstruktur selbst begründet. Kein Text ist in sich völlig abgeschlossen und eindeutig, sondern besitzt immer Vieldeutigkeiten, die unterschiedliche Verständnisse ermöglichen. Erst im Leseprozess werden diese »Leerstellen« je unterschiedlich durch die Rezipierenden gefüllt und vereindeutigt.13 Leserinnen und Leser wirken also dabei mit, welche Bedeutungen einem Text zugeschrieben werden. Die Sinnbildung geschieht gleichermaßen durch einen sinnoffenen Text wie durch sinngebende Leserinnen und Leser.
(b) Die drei Text-Intentionen: Angesichts dieser Prämisse der Rezeptionsästhetik bringt jeder Leseakt vielleicht keinen neuen Text, aber doch ein je neues Textverständnis hervor. Das führt zu einer wichtigen Unterscheidung im Anschluss an Umberto Eco, nämlich zu den sog. drei intentiones:14 die intentio auctoris, die intentio operis und die intentio lectoris.
Die intentio auctoris ist wohl diejenige Intention, an der Leserinnen und Leser vermutlich zunächst interessiert sind: Man will wissen, was die Autorin/der Autor »eigentlich gemeint hat«. Auch Eco geht davon aus, dass sie der hauptsächliche Fluchtpunkt des Leseverstehens ist. Allerdings ist er gleichzeitig überzeugt, dass sie immer nur ein virtueller Punkt bleibt,15 der nie erreicht wird, da kein Versuch des Verstehens genau exakt das reproduzieren wird, was die Autorin/der Autor tatsächlich intendierte. An dieser Stelle setzt die intentio operis ein. Man könnte sie als eine Art weites Feld von Textaussagen beschreiben, welches ein Text uns bietet – viele verschiedene Verständnisse sind möglich.16 Eine Intention innerhalb dieses Feldes ist die intentio auctoris, aber hinzu treten weitere, nämlich jene der Leserinnen/Leser: die intentiones lectoris. Nach Eco wird jede intentio lectoris dem Text regelrecht »aufgezwungen«.17 Ein wissenschaftlich lauterer Leseakt wird sich also immer darum bemühen, die intentio operis gegenüber einer »übergriffigen« intentio lectoris zu verteidigen.18
Hervorzuheben ist, dass die eine Intention des historischen Autors – wenn überhaupt – bestenfalls tentativ und fragmentarisch zu eruieren sein wird. Primärer Gegenstand der Untersuchung ist darum zunächst und v.a. die intentio operis.19
(c) Der Text als ästhetisches Subjekt: Für einen biblischen Text folgt daraus, dass die intentio auctoris auf der Ebene des Endtextes in der intentio operis aufgeht; oder mit den Worten Utzschneiders: »Der Endtext hat keinen Autor, der ihn oder für ihn spricht, er spricht für sich selbst.« Aus diesem Grund bezeichnet Utzschneider einen Text als »ästhetisches Subjekt«, weil er »ein selbständiges Gegenüber ist, das die Hörenden oder Lesenden in deren Wahrnehmung unmittelbar […] betrifft und anspricht«20.
Ein Text bietet in diesem Sinne immer Potentiale des Verstehens an, er ist eine Art »Anleitung für Leser, sinnvolle Gehalte hervorzubringen«.21 Eine solche Texthermeneutik steht natürlich in einem gewissen Widerspruch zur Fokussierung der »klassischen« Methoden auf die intentio auctoris.22 Genau genommen wird dort ein Text primär als Mittel zum Zweck gebraucht, um die historischen Aussageabsichten zu ermitteln.23 Natürlich legt ein Text niemals seine historische Prägung durch Autoren, Fortschreiber oder Redaktoren ab. Diese ist allerdings auf der Ebene des Endtextes zunächst nicht zugänglich und kann m.E. erst jenseits einer grundlegenden Textwahrnehmung erhoben werden.
(d) Die Lese-Hermeneutik der Behutsamkeit: Die Wahrnehmung eines Textes steht immer in der Gefahr, Sachfremdes in diesen hineinzulesen – also »Eisegese« zu betreiben.24 Darum ist für den Umgang mit Texten ein erhöhtes Verantwortungsbewusstsein nötig – eine »Lese-Hermeneutik der Behutsamkeit«25. Letztlich geht es dabei um nichts anderes als um ein methodisch abgesichertes mehrfaches Lesen des Textes,26 das diesen in einer »theoretisch-wissenschaftlich begründeten, nachvollziehbaren Weise«27 beschreibt. Durch eine solche Systematisierung der Textwahrnehmung wird intersubjektive Nachvollziehbarkeit gewährleistet und der Text als textum (»Gewebe«) erschlossen.28 Zudem will gerade diese literaturwissenschaftliche Textanalyse der intentio operis ihr Recht gegenüber einer Vereinnahmung durch die intentio lectoris verschaffen.29 Die Grundfrage in diesen mehrfachen Lesedurchgängen kann dabei – ein wenig salopp – etwa so gefasst werden: »Wie und warum funktioniert ein Text gerade so, wie er es tut?«
Methodische Beispiele: Wie sich diese Texthermeneutik auswirkt, wird nun anhand zweier Beispiele demonstriert, an denen der literaturwissenschaftliche Impetus des Ansatzes besonders deutlich wird.
(a) Beispiel 1: Die Textanalyse: Die methodische Textanalyse nach Utzschneider/Nitsche ist an jedem atl. Text durchführbar – wenngleich sicherlich mit unterschiedlichen Fokussierungen je nach Text. Die Analyse fungiert als »Universalschlüssel«, um den Text zu erschließen, während die späteren Arbeitsschritte als »Spezialschlüssel« auf spezielle Themen und Fragestellungen passen.30
Für die Textanalyse hat sich die wichtige Unterscheidung der Untersuchungsebenen in Textoberflächenstruktur, Texttiefenstruktur und Textpragmatik bewährt. Die ersten beiden Begriffe stammen aus der strukturalistischen Literaturwissenschaft, in der die Oberflächenstruktur für die formale, »oberflächenhafte« Textur eines Textes unter Absehung von seinem Inhalt steht. Dieser Inhalt wird dann in einem zweiten Analyseschritt als Tiefenstruktur zu erfassen versucht.31 Die Textpragmatik versteht den Text demgegenüber als einen Kommunikationsakt, der bei den Rezipierenden etwas bewirken will.32 Diese Wirkung ist der Gegenstand der Untersuchung.
Für die Oberflächen- und Tiefenstruktur ist weiterhin die Unterscheidung in Lautebene, Wortebene, Satzebene und Textebene sinnvoll. Dabei wird die Fokussierung von einer größtmöglichen Detailwahrnehmung zu Beginn immer stärker geweitet, bis schließlich der gesamte Text in den Blick kommt.33
Im Einzelnen beschäftigt sich die Untersuchung der Textoberflächenstruktur u.a. mit folgenden Textphänomenen: Alliterationen, lautliche Anspielungen, Reime sind Gegenstand der Lautebene; auf der Wortebene interessieren v.a. die Wortarten und die Wurzelstatistik;34 die Satzebene betrachtet Syntax und Satzformationen; die Textebene umfasst Textstrukturierung, Personage und Verweisstruktur (Phorik). Bei der Untersuchung der Texttiefenstruktur wird das Augenmerk bei der Laut-/Wortebene dann auf die Aspekte der Wortfelder und Leitworte gelegt; für die Satzebene sind die Parallelismen von Belang; in der Textebene geht es v.a. um die inhaltliche Gliederung. Außerdem müssen auch die Textgrenzen eingehend untersucht werden.35
Die Textpragmatik wird anders unterteilt. Im Anschluss an Andreas Wagner wird versucht, die Wirkung auf die Rezipierenden durch unterschiedliche Sprechaktklassen zu beschreiben. Dabei wird differenziert in expressive Sprechakte (Darstellung von Haltungen, Werturteilen etc.), direktive Sprechakte (Aufforderung zu Handlungen; v.a. in Rechtstexten), kommissive Sprechakte (Selbstverpflichtung des Sprechers), deklarative Sprechakte (performative Rede im eigentlichen Sinn, in der durch Sprache Wirklichkeit geschaffen wird) sowie repräsentative Sprechakte (behauptende Darstellung von Sachverhalten als wahr bzw. falsch).36
Diese Unterteilungen mögen zunächst etwas künstlich wirken – so z.B. die prinzipielle Unterscheidung von Form und Inhalt, da diese in vielerlei Hinsicht interdependent sind.37 Man darf die Einteilungen jedoch gerade nicht als absolute Abgrenzungen missverstehen, sondern als eine pragmatische Schematisierung zugunsten der Handhabbarkeit, gewissermaßen als kontrollierte Lesehilfe. So verstanden ist die daraus resultierende systematisierte Wahrnehmung des Textes hilfreich, auch wenn in der Praxis die Methoden bisweilen durchaus überlappend oder mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen angewendet werden.38 Insgesamt aber ist die grundsätzliche Unterteilung für eine präzise und reflektierte Wahrnehmung textlicher Phänomene sinnvoll und dienlich.39
(b) Beispiel 2: Die Gattungskritik: Das zweite Beispiel ist die Gattungskritik, die sich bei Utzschneider/Nitsche, deutlich von der älteren Exegese absetzt. Lange Zeit diente die Formgeschichte, wie sie meist heißt, v.a. dazu, hinter die älteste schriftliche Fassung eines Textes zu fragen. In Fortführung der Studien von Hermann Gunkel wurde versucht, noch jenseits der redaktionsgeschichtlichen Schichtungen verlässliche Aussagen über das mündliche Textwachstum zu treffen.40 Die Forschung war dabei von einer sehr optimistischen Grundhaltung geprägt: Bereits die älteste schriftliche Fassung sei im Wortlaut zu rekonstruieren und im Anschluss daran seien im Rückgriff auf die mündlichen Gattungen sogar recht klare Aussagen über ältere Entwicklungsstufen möglich.
Utzschneider/Nitsche verfolgen hingegen ein anderes Ziel: Gattungen werden zwar nach wie vor als wiederkehrende Textbildungsmuster aufgefasst, welche sich anhand formaler wie inhaltlicher Gesichtspunkte bestimmen lassen. Gleichzeitig verändert sich die Stoßrichtung aber erheblich, da stärker mit literarischen Entwicklungen solcher Textbildungsmuster gerechnet wird. Gattungen gelten damit nicht alleine als Indizien für ursprünglich mündliche Kurztexte, die in der Textgeschichte als Vorstufen späterer schriftlicher Fassungen dienen.41 Vielmehr werden Gattungen sozusagen als Stilmittel verstanden, die ggf. literarisch eingesetzt werden, um bestimmte Effekte zu erzielen.42
Folgerichtig rechnen Utzschneider/Nitsche darum mit einem »Sitz im Leben ›Literatur‹«,43 der für viele atl. Texte anzunehmen sein dürfte: Der Sitz im Leben einer Gattung ist dann nicht notwendigerweise irgendein mündliches Setting aus der Frühzeit. Viel wahrscheinlicher ist die bewusste literarische Gestaltung von Texten anhand bekannter Muster innerhalb des »biblischen Literaturbetriebs«44.
Aufgrund dieses Verständnisses ist die Gattungskritik mit der Traditionskritik unter dem Titel »Welt des Textes« zusammengefasst und direkt nach der Textanalyse positioniert: Die Gattungskritik will den literarischen Verstehenskontext des Textes erhellen, indem sie die hermeneutischen Muster der Textbildung offenlegt. Insofern ist auch bei Utzschneider/Nitsche die Gattungskritik historisch ausgerichtet, aber es soll nicht mehr primär die mündliche Entstehungsgeschichte im Fokus stehen.45 Dies schlägt sich auch in der veränderten Nomenklatur nieder, wenn von analytischer Gattungskritik die Rede ist statt von primär diachroner Formgeschichte.46
Infolge dieser veränderten Hermeneutik wird im Arbeitsbuch versucht, solche Textbildungsmuster vor allem unter literarischen Gesichtspunkten zu beleuchten. Ein Proprium bei Utzschneider/Nitsche liegt daher in den drei anschließenden Kapiteln, in denen sich ein umfassendes Instrumentarium zur literaturwissenschaftlichen Erschließung von Gattungen für narrative und poetische Texte sowie für Texte aus dem corpus propheticum findet.47
Die methodischen Stärken einer literaturwissenschaftlichen Exegese
Im Folgenden möchte ich zeigen, welchen methodischen Mehrwert ein literaturwissenschaftlicher Zugang zu biblischen Texten bietet. Außerdem wird sich zeigen, wie sehr die »klassische« Exegese bereits durch literaturwissenschaftliche Zugänge geprägt ist.
Einwände gegen eine literaturwissenschaftlich orientierte Exegese: Literaturwissenschaftliche Hermeneutiken sind nicht unumstritten. Diachrone und synchrone Exegeseansätze werden oft als konkurrierend betrachtet, was aber nicht zutreffen muss.1 Dass beide Auslegungsweisen sich durchaus ergänzen können, zeigt bspw. die neue Kommentarreihe IEKAT.2
Dennoch liest man immer wieder von Vorbehalten gegenüber literaturwissenschaftlich bzw. synchron ausgerichteten Interpretationen. So wird moniert, dass die Untersuchung der historischen Tiefendimension auf der Strecke bleibe.3 Dass eine solche zumindest bei Utzschneider/Nitsche jedoch erfolgt, wird gerne übersehen. Ein anderer Einwand behauptet, diachrone Interpretationen seien per se objektiver als synchrone,4 weil deren Ergebnisse in größerem Maße intersubjektiv überprüfbar seien. Die Einsichten einer synchronen Exegese seien demgegenüber viel stärker dem subjektiven Eindruck unterworfen. Dagegen ist einzuwenden, dass eine literaturwissenschaftliche Exegese einerseits ja gerade durch ihre methodische Strukturiertheit ganz besonders auf Intersubjektivität hin ausgelegt ist.5 Andererseits zeigt v.a. die Vielfalt der Ergebnisse im Rahmen diachroner Deutungsansätze, wie stark jene von subjektiven Einschätzungen abhängig sind.
Insgesamt erscheint ein Verharren im (vermeintlichen) Antagonismus zwischen Synchronie und Diachronie wenig hilfreich. Besser wäre es, die jeweiligen Stärken in ihren jeweiligen Domänen fruchtbringend einzusetzen.6
Ein Vergleich von »klassischer« und literaturwissenschaftlicher Exegese: Um die Stärken des literaturwissenschaftlichen Ansatzes herauszuarbeiten, möchte ich einen Vergleich mit der »klassischen« Herangehensweise unternehmen. Dafür greife ich auf Uwe Beckers Buch »Exegese des Alten Testaments« zurück,7 das vermutlich zu den Werken mit der derzeit größten Verbreitung gehört.8
(a) Die Abfolge der Arbeitsschritte: Sehr aufschlussreich ist eine Betrachtung der Abfolge der Methoden, da sich schon hier die unterschiedlichen Hermeneutiken zeigen.9 Im Bereich der ersten Arbeitsschritte stimmen die beiden Werke natürlich überein: Nach einer Arbeitsübersetzung folgt die Textkritik. Danach gehen die Autoren jedoch unterschiedliche Wege. Bei Utzschneider/Nitsche ist hier die ausführliche Textanalyse angesiedelt, während sich bei Becker direkt die Literarkritik, die Überlieferungsgeschichte und die Redaktionsgeschichte anschließen. Dieser Dreierblock wird bei Utzschneider/Nitsche als »Geschichte des Textes« nach Gattungs- und Traditionskritik, der »Welt des Textes«, behandelt. Bei Becker hingegen folgen diese beiden als Form- und Traditionsgeschichte auf Literarkritik, Überlieferungs- und Redaktionsgeschichte. Den Abschluss bildet bei Utzschneider/Nitsche die resümierende Interpretation, bei Becker das Kapitel »Historische Aussageabsicht und Interpretation«.
Ganz offensichtlich ist damit Beckers Ansatz v.a. an der diachronen Dimension der Texte interessiert. Die Abfolge der Arbeitsschritte suggeriert ein Zurückschreiten von den jüngsten und damit am leichtesten zugänglichen Daten immer weiter hin zu den ältesten noch greifbaren Vorformen des Textes. Ganz folgerichtig wird darum auch die abschließende Gesamtexegese diachron tituliert: »Historische Aussageabsicht«.
Utzschneider/Nitsche verstehen dagegen Texte stärker als literarische Entitäten. Entsprechend soll in der Textanalyse der Text zunächst so erschlossen werden, wie er uns vorliegt. Gattungs- und Traditionskritik beleuchten im Anschluss daran die literarischen Deutungshorizonte der Texte (»die Welt des Textes«). Erst dann folgt die Untersuchung der Literargeschichte, die an dieser Position allerdings auf die Ergebnisse der vorherigen Arbeitsschritte zurückgreifen kann. Bereits hier zeigen sich die grundlegenden Unterschiede, die im Vergleich einzelner Arbeitsschritte noch plastischer werden.
(b) Textanalyse vs. Literarkritik: Halten wir im ersten konkreten Beispiel Beckers Literarkritik neben die Textanalyse bei Utzschneider/Nitsche, wird sehr schnell deutlich, wie stark auch Beckers Methodik von literaturwissenschaftlichen Grundsätzen durchdrungen ist.10 Bis ins Detail ähneln die Analysemethoden stark jenen des »Arbeitsbuches«.11 So werden u.a. folgende Untersuchungen vorgeschlagen: die sprachlich-syntaktische Analyse (vgl. Satzebene der Textoberflächenstruktur); die semantische Analyse (vgl. Wortebene der Texttiefenstruktur); die narrative Analyse (vgl. Textebene der Texttiefenstruktur); sowie die pragmatische Analyse (identisch mit der Textpragmatik bei Utzschneider/ Nitsche).12 Gleichzeitig fällt auf, dass einige Analyseschritte des Arbeitsbuches bei Becker zunächst offensichtlich fehlen. Diese werden z.T. im Rahmen der Formgeschichte als »sprachliche, stilistische und rhetorische Analyse« nachgeholt.13
Die Grundhermeneutik präsentiert sich bei Becker als eine dezidiert diachrone, die der synchronen Betrachtung eines Textes kaum Eigenwert zugesteht, wie Becker herausstellt: »So führt die synchrone Lektüre beinahe von selbst zu einer Lektüre unter diachroner Perspektive.«14 Außerdem tritt bei Becker ein Phänomen auf, das öfters bei literarkritischen Operationen zu beobachten ist: Insgesamt wird bei der Ausgrenzung von Wachstumsschichten stärker auf inhaltliche Argumente als auf formale zurückgegriffen.15 Methodisch betont Becker zwar, dass beide Aspekte ineinander greifen müssen,16 räumt aber inhaltlichen Fragestellungen deutlich breiteren Raum als formalen Indizien ein.17
Der Vergleich zwischen Becker und Utzschneider/Nitsche zeigt eine Reihe von Parallelen, insgesamt erweisen sich jedoch wesentliche Unterschiede in der Herangehensweise. Dabei ist nicht jede methodische Entscheidung Beckers nachvollziehbar. Es wirkt bisweilen so, als rührten die Differenzen von einem grundlegendem Unbehagen Beckers gegenüber der literaturwissenschaftlichen Fragestellung her. Dies ist insofern bedauerlich, als die Methodik Beckers durch die starke Fokussierung auf die Diachronie von Beginn an Gefahr läuft, sich für wichtige Texterkenntnisse zu verschließen. Mit der »literarkritischen Schere« im Kopf verbaut man sich möglicherweise die Möglichkeit von Beobachtungen am Text, die bspw. für die Kohärenz einer Passage sprechen können.18 Eine synchron orientierte Herangehensweise in Form einer Textanalyse dürfte eine größere Offenheit für Textphänomene mit sich bringen, als dies bei einer anfänglichen Literarkritik der Fall sein dürfte.
(c) Gattungskritik vs. Formgeschichte: Mit Blick auf die Gattungskritik bzw. die Formgeschichte zeigen sich zunächst deutlich weniger Unterschiede. So ist Becker explizit bestrebt, sich von der »traditionellen Sicht« abzugrenzen19 und spricht sich dezidiert dafür aus, »zunehmend den literarischen Charakter der alttestamentlichen Texte«20 wahrzunehmen. Becker führt hierfür die Wendung »Sitz im Buch« für literarische Sitze im Leben ein 21 – ähnlich wie Utzschneider/ Nitsche mit ihrem »Sitz im Leben ›Literatur‹«. Folgelogisch ist Becker daran interessiert zu eruieren, welche Intentionen hinter den literarischen Gestaltungen stehen.22 Hierfür rekurriert er stark auf wegweisende Forschungsergebnisse der Linguistik und Literaturwissenschaft.23
Bei all diesen Übereinstimmungen fallen die Differenzen aber umso stärker ins Gewicht. Dies beginnt bei der bereits beschriebenen Abfolge der Methodenschritte. Becker folgt hier nach wie vor der traditionellen Sicht. Diese suggeriert jedoch gerade, dass der Text auf Prägungen aus der mündlichen Entwicklungsphase hin zu befragen ist. Da Becker dies zurückweist, wundert man sich, warum er an der traditionellen Reihenfolge festhält. Die einzige Antwort, die er selbst hierzu bietet, ist, dass vorlaufend in der Literarkritik die Eigenständigkeit des Textes erhoben werden müsste.24 Da dies jedoch auch in einer Textanalyse geschieht, ist das Argument nicht zwingend.
Außerdem bleibt in der vorgelegten Abfolge unklar, ob die Formgeschichte bei Becker am literarkritisch bereinigten Text oder an der vollständigen Fassung des Endtextes durchgeführt werden soll. Träfe ersteres zu, hätte Becker sich genau genommen doch nicht von der Hermeneutik der älteren Exegese verabschiedet.25 Darüber hinaus begäbe er sich damit in einen gewissen Widerspruch zu sich selbst, da er vorher formuliert, dass es in der Methode »generell um die Erhebung der sprachlichen Eigenart eines Textes«26 geht und damit doch wohl um die eines vollständigen Textes. Eine umgekehrte Reihenfolge erscheint daher deutlich sinnvoller. Erkenntnisse aus der literarisch orientierten Gattungskritik können so nämlich in die literarkritischen Überlegungen einfließen und diese zusätzlich argumentativ absichern.
Eine Zusammenfassung des Vergleichs: Der Vergleich zwischen Utzschneider/Nitsche und Becker ergab zunächst, dass sich viele Spuren einer literaturwissenschaftlichen Hermeneutik auch im eher traditionell orientierten Werk Beckers finden. Dies ist insofern begrüßenswert, als sich durch eine literaturwissenschaftliche Analyse die vielfältigen und -schichtigen Tiefendimensionen der Texte eröffnen. Um dies zu erreichen, ist literaturwissenschaftlichen Methoden jedoch ein Eigenwert zuzubilligen, was zur zusammenfassenden Kritik an Becker führt:
Bei genauer Betrachtung wird deutlich, dass die literaturwissenschaftlichen Ansätze von Becker nicht konsequent verfolgt werden. Wenn z.B. die Gattungskritik in ihrer literarischen Ausrichtung ernst genommen werden will, muss sie in der Reihenfolge der Methodenschritte einen anderen Ort bekommen. Aber auch die Literarkritik ist bei Becker in zweifacher Hinsicht zu einseitig angelegt: einmal in der Auswahl der an den Text anzulegenden Fragestellungen, dann aber v.a. mit Blick auf die literarkritische Orientierung, die von vornherein bestimmte Ergebnisse festlegt.
Trotz aller Kritik sind aber auch Stärken von Beckers Lehrwerk gegenüber dem von Utzschneider/Nitsche zu benennen: Ein Vorteil besteht bspw. schlicht im Textumfang, was gerade für ein Lehrbuch von großer Bedeutung ist. Utzschneider/Nitsche räumen texttheoretischen Einführungen breiten Raum ein, welche das Buch meiner Lehrerfahrung nach schwer zu rezipieren machen.27 Die ungewohnte literaturwissenschaftliche Terminologie stellt auch und v.a. für Lehrende oft ein Hindernis dar. Durch die pointierte Darstellung werden bei Becker schließlich manche Zusammenhänge und Trennlinien zwischen einzelnen Arbeitsschritten deutlicher herausgestellt (v.a. im Bereich Literargeschichte).28
Dennoch scheinen mir die konzeptionellen Vorteile bei Utzschneider/Nitsche zu liegen. Bei Becker wird der Text letztlich stark als Mittel zum Zweck verstanden, eine mögliche Historie zu rekonstruieren. Hier hielte ich für die erste Annäherung an einen Text eine gewisse »Umkehrung der Beweislast« sinnvoll: nicht sofort von seiner Inkohärenz auszugehen, sondern textliche Kohärenzsignale in den Blick zu nehmen, um zu verstehen, wie dieser Text »funktioniert« – auch und gerade mit seinen Brüchen. Ohne textgenetische Schichtungen abstreiten zu wollen, würde ich viel mehr damit rechnen, dass der Text in seiner (z.T. sicherlich recht sperrigen) Endgestalt etwas zu sagen hat.29 Oder historisch ausgedrückt: Es geht darum zu verstehen, warum die Tradenten uns den Text in der vorliegenden Form präsentieren.
Der didaktische Mehrwert
Das vorgeschlagene konzeptionelle Weiterdenken zugunsten einer literaturwissenschaftlichen Exegese scheint abschließend auch unter didaktischen Gesichtspunkten ratsam. Meine eigene Lehrerfahrung zeigt – und dieser Eindruck wurde mir schon verschiedentlich in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen aus der exegetischen Lehre unterschiedlicher Hochschulstandorte bestätigt –, dass gerade die diachron ausgerichteten Methodenschritte der Literargeschichte1 unter Studierenden eine nicht unerhebliche Plausibilitätskrise durchleben. So werden Rekonstruktionsversuche einer Textgeschichte oft sehr skeptisch betrachtet und gerne durch die pejorativ gebrauchte Bezeichnung »Spekulation« abgewertet. In dieser Situation scheint mir ein literaturwissenschaftlich orientierter Ansatz in hohem Maße geeignet, dieser Plausibilitätskrise entgegenzutreten: Zunächst nimmt eine präzise synchrone Textwahrnehmung den biblischen Text in seiner Endgestalt ernst. Ein hermeneutisches Ringen um ein Verständnis der Jetzt-Gestalt zum Eingang ermöglicht – falls ein Text dazu Anlass bietet – in einem zweiten Schritt die Einsicht, dass bestimmte Aspekte nur durch die Zuhilfenahme diachroner Wachstumsmodelle verständlich werden. So werden mögliche Vorbehalte von Studierenden aufgegriffen und gleichzeitig in eine differenzierte Textwahrnehmung überführt. Dies wird aber durch das anfängliche Ernstnehmen des Endtextes erheblich erleichtert.
Hinzu tritt ein weiterer Aspekt, der gerade für die didaktische Vermittlung nicht unerheblich ist: die Anschlussfähigkeit der exegetischen Methoden. Gerade in interdisziplinärer Hinsicht birgt ein literaturwissenschaftlich orientierter Ansatz für Lehramts-Studierende großes Potential, da die Fächer Evangelische und Katholische Theologie gerne mit sprachwissenschaftlichen Fächern kombiniert werden. Solchen Studierenden sind die Methoden literaturwissenschaftlicher Textanalyse vertraut.2 In der Begegnung zwischen jenen Fächern und einer literaturwissenschaftlich inspirierten Exegese kann also ein interdisziplinärer Wissens- und Kompetenzaustausch entstehen, der für beide Seiten fruchtbar ist. Außerdem können dadurch Hemmungen der Studierenden vor dem Umgang mit den oft als fremd empfundenen biblischen Texten abgebaut werden, was gleichzeitig die Fremdheitsgefühle selbst schwinden lässt.
Eine gesteigerte Anschlussfähigkeit literaturwissenschaftlicher Methoden bietet sich schließlich im Hinblick auf die Praxisrelevanz akademischen Lehrens und Lernens: Die Einübung einer präzisen Wahrnehmung des Endtextes schult das Auge für Textstrukturen und -aussagen,3 was u.a. in der Predigtvorbereitung, im Schulunterricht oder auch in der Gemeindepädagogik höchst ertragreich angewendet werden kann. Eine Analyse der Erzählperspektiven oder von semantischen Strukturen eines Textes kann den kreativen Prozess der Textaneignung stark befruchten und zu äußerst plastischen Auslegungen anregen.4 Auch dies trägt zu einer Akzeptanz exegetischer Methoden unter Studierenden erheblich bei.
Sowohl unter exegetischen, als auch unter didaktischen Gesichtspunkten ist es angesichts des Gesagten angeraten, den Text als textum, als historisches Gewebe von Gedanken in Form literarisch (bisweilen äußerst kunstvoll) arrangierter Worte, ernst zu nehmen.
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Forum Exegese und Hochschuldidaktik Verstehen von Anfang an (VvAa)
Jahrgang 1 – 2016, Heft 2
Schritt für Schritt auf dem Weg in den Text –
Die Methode der Verssegmentierung am Beispiel von Joh 4,1–15
Christina Hoegen-Rohls
Abstract | This article emphasizes the meaning of segmentation of verses as first methodological access to biblical text passages. This method is not included in exegetical textbooks yet, but serves as a tool to support a qualified awareness of biblical texts by students in each phase of their studies. The self-assurance to be an »expert from the very beginning« motivates students to investigate the deeper structures of texts and to get themselves into exegetical methodology.
In a first step the author refers to the differences of printed images in various editions of biblical texts. In a second step, students raise their awareness for characteristics by language within the texts. And in the final step they develop their appreciation for the narratological structure of the text.
Der vorliegende Beitrag möchte praxisnah an einem konkreten Textbeispiel aus dem Johannesevangelium zeigen, wie wertvoll es ist, sich im exegetischen Proseminar von Anfang an Zeit für den Text zu nehmen. Vorführen und reflektieren möchte ich die Methode der Verssegmentierung, die den ersten wissenschaftlichen Kontakt zum auszulegenden biblischen Text herstellt – sei es in der Originalsprache, sei es in einer deutschen Übersetzung. Diese Methode ist bisher nicht fester Bestandteil unserer exegetischen Methodenbücher.1 Als Hochschullehrerin im Bereich der Bibelwissenschaften und der Biblischen Didaktik machte ich jedoch in langjähriger Praxis die Erfahrung, dass Studierende es schätzen, diesen grundlegenden Arbeitsschritt für den Umgang mit einem alt- oder neutestamentlichen Text zu erlernen, da er Sicherheit verleiht und ihnen hilft, sich von Anfang an als selbständig agierende »Textexperten« zu verstehen. Die Methode der Verssegmentierung erfolgt nach klaren, nachprüfbaren Regeln, die von den Studierenden und der Lehrkraft im gemeinsamen Lehr-/Lern-Prozess festgelegt, immer wieder überdacht und unter Angabe von Gründen verschlankt oder weiter ausdifferenziert werden können. Eine Beschäftigung mit dem »visuellen Text« in unterschiedlicher Textgestalt bereitet die Verssegmentierung vor – eine Aufgabe, bei der sich Studierende nach meiner Erfahrung intensiv mit ihren eigenen Beobachtungen einbringen und ihr Auge dafür schulen, dass ein Druckbild Sinn erzeugen kann, indem es Hinweise auf Inhalt und Struktur des Textes gibt. Auf diese Weise von Anfang an produktiv arbeiten zu können und dabei zu frühen Erfolgserlebnissen zu gelangen, ohne bereits auf das Methodenbuch angewiesen zu sein, macht die im folgenden skizzierte Methode der Verssegmentierung gerade für Anfängerinnen und Anfänger im exegetischen Proseminar attraktiv. Das Selbstbewusstsein, »Experten von Anfang an« zu sein, motiviert Studierende dazu, sich den Text im weiteren Lernprozess tiefer zu erschließen, und fördert ihre Bereitschaft, sich auf den Kanon der exegetischen Methodenschritte einzulassen.
Christina Hoegen-Rohls, *1959, Dr. theol., ist Professorin für Bibelwissenschaften (Altes und Neues Testament) und ihre Didaktik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sie studierte Evangelische Theologie, Germanistik und Erziehungswissenschaften an den Universitäten München und Zürich. In den Jahren 1991–1994 war sie als Gymnasiallehrerin für Deutsch und Evangelische Religionslehre tätig. Als Privatdozentin an der LMU München wurde sie vom Bayerischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst mit dem »Preis für gute Lehre 2004« ausgezeichnet. Sie ist Mitglied im Lehrbeirat der WWU Münster, der die Universitätsleitung u.a. in Fragen zu Studienbedingungen und Qualität in der Lehre berät.
Erster Schritt: Visuelle Textwahrnehmung
Der Text Joh 4,1–15 stellt sich unseren Studierenden genauso wie uns als Lehrenden in einer bestimmten materialen Gestalt dar, die wir von Anfang an wie selbstverständlich visuell wahrnehmen. Ob in elektronischer Form aufgerufen oder traditionell in einer der zur Verfügung stehenden Bibelausgaben aufgeschlagen – die äußerlich sichtbare Textgestalt verliert ihre Selbstverständlichkeit, sobald wir entdecken, wie zeit- und mediengebunden sie ist. An den Buchausgaben wie an den elektronischen Versionen der Bibel lässt sich beobachten, dass derselbe Text je nach Publikationsorgan ein unterschiedliches Aussehen besitzt. Bereits beim ersten Schritt auf dem Weg zur Verssegmentierung lohnt sich daher der Blick in verschiedene Formate des Bibeltextes, um erstens sein Erscheinungsbild wahrzunehmen und sich dabei gegebenenfalls der eigenen Sehgewohnheiten bewusst zu werden, um sich zweitens früh für sprachliche Eigenheiten des Textes intuitiv zu sensibilisieren und um drittens ein erstes Problembewusstsein für seinen erzählerischen Aufbau zu entwickeln. Durch die folgenden Beschreibungen verschiedener Textgestalten möchte ich den heuristischen und didaktischen Wert der visuellen Textwahrnehmung veranschaulichen.
Textgestalt 1: Joh 4,1–6 im sinnabschnittsgliedernden Fließtext Nestle-Aland 28. Aufl. online1
4 1 Ὡς οὖν ἔγνω ὁ Ἰησοῦς ὅτι ἤκουσαν οἱ Φαρισαῖοι ὅτι Ἰησοῦς πλείονας
μαθητὰς ποιεῖ καὶ βαπτίζει ἢ Ἰωάννης 2– καίτοιγε Ἰησοῦς αὐτὸς οὐκ
ἐβάπτιζεν ἀλλ‘ οἱ μαθηταὶ αὐτοῦ– 3 ἀφῆκεν τὴν Ἰουδαίαν καὶ ἀπῆλθεν πάλιν εἰς τὴν Γαλιλαίαν.
4 Ἔδει δὲ αὐτὸν διέρχεσθαι διὰ τῆς Σαμαρείας. 5 Ἔρχεται οὖν εἰς
πόλιν τῆς Σαμαρείας λεγομένην Συχὰρ πλησίον τοῦ χωρίου ὃ ἔδωκεν Ἰακὼβ [τῷ] Ἰωσὴφ τῷ υἱῷ αὐτοῦ· 6 ἦν δὲ ἐκεῖ πηγὴ τοῦ Ἰακώβ. ὁ οὖν Ἰησοῦς
κεκοπιακὼς ἐκ τῆς ὁδοιπορίας ἐκαθέζετο οὕτως ἐπὶ τῇ πηγῇ· ὥρα ἦν ὡς
ἕκτη.
Textgestalt 2: Joh 4,1–6 im sinnabschnittsgliedernden Fließtext der Zürcher Bibel 20072
4 1 Als nun Jesus erfuhr, dass die Pharisäer gehört hatten, Jesus gewin-
ne und taufe mehr Jünger als Johannes 2 – allerdings taufte Jesus
nicht selber, sondern seine Jünger tauften –, 3 verliess er Judäa und ging
wieder nach Galiläa.
4 Er musste aber durch Samaria hindurchziehen. 5 Nun kommt er
in die Nähe einer Stadt in Samarien namens Sychar, nahe bei dem
Grundstück, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte. 6 Dort war der
Brunnen Jakobs. Jesus war müde von der Reise, und so setzte er sich an
den Brunnen; es war um die sechste Stunde.
Gut erkennbar wird für Studierende beim visuellen Vergleich von Textgestalt 1 und Textgestalt 2 – ganz unabhängig davon, ob sie für ihren Studiengang die Originalsprachen der Bibel erlernen oder nicht –, dass sowohl der textkritisch rekonstruierte Text, wie ihn das Novum Testamentum Graece (Nestle-Aland 28. Aufl.) bietet, als auch die Buchversion der Zürcher Bibel 2007 typographisch einen versübergreifenden Fließtext präsentieren, der zugleich Sinnabschnitte abbildet. Für beide Textgestalten von Joh 4,1–6 liegt ein deutlich sichtbarer Sinneinschnitt nach V. 3. Studierende werden in einer kurzen Einzel- oder Partnerarbeit herausfinden können, dass zweierlei für diesen Abschnittswechsel verantwortlich sein könnte: zum einen die Tatsache, dass ab V. 4 die in den V. 1–3 genannten Pharisäer, Johannesjünger und Jesusjünger nicht mehr erwähnt werden; zum anderen, dass mit der Wegnotiz von V. 3 ein gewisser topographischer Abschluss erreicht zu sein scheint. Einigen Studierenden wird allerdings auffallen, dass auch V. 4 eine Wegnotiz enthält und daher das Itinerar als Ganzes (V. 3–4) zum ersten Sinnabschnitt gezogen werden könnte. Andere werden darüber hinaus den Wechsel der Tempora von V. 4 (im Deutschen: Imperfekt »er musste«; im Griechischen: Imperfekt ἔδει) zu V. 5 (im Deutschen: Präsens »nun kommt er«; im Griechischen: Präsens ἔρχεται οὖν) entdecken und als Argument für eine von den notierten Textgestalten abweichende Sinnabschnittsgliederung ins Spiel bringen.
Bestätigt sähen sich die Überlegungen der Studierenden zum Zusammenhang der Wegnotizen durch die modernen Druck- und Online-Versionen der Lutherbibel, die in Textgestalt 3 und Textgestalt 4 festgehalten sind:
Textgestalt 3: Joh 4,1–6 im sinnabschnittsgliedernden Fließtext der Lutherbibel 1984 online3
4 1 Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war,
dass er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes 2 – obwohl Jesus
nicht selber taufte, sondern seine Jünger –, 3 verließ er Judäa und ging
wieder nach Galiläa. 4 Er musste aber durch Samarien reisen.
5 Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld,
das Jakob seinem Sohn Josef gab. 6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde.
Textgestalt 4: Joh 4,1–6 im versgebundenen Spaltentext der Lutherbibel 1984/Standardausgabe4
4 Als nun Jesus erfuhr, daß den Phari-
säern zu Ohren gekommen war, daß er
mehr zu Jüngern machte und taufte als
Johannes
2 – obwohl Jesus nicht selber taufte, son-
dern seine Jünger –,
3 verließ er Judäa und ging wieder nach
Galiläa.
4 Er mußte aber durch Samarien reisen.
5 ¶ Da kam er in eine Stadt Samariens, die
heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Ja-
kob seinem Sohn Josef gab.
6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil
nun Jesus müde war von der Reise, setzte
er sich am Brunnen nieder; es war um die
sechste Stunde.
Studierende werden in Einzel- und Partnerarbeit darauf stoßen können, dass die beiden Versionen der Lutherbibel typographisch unterschiedlich organisiert sind.5 Die Lutherbibel 1984 online gestaltet einen versübergreifenden Fließtext, der Sinnabschnitte durch Zeilenumbruch voneinander trennt, während die Lutherbibel 1984 in Buchform (Standardausgabe) einen versgebundenen Spaltentext bietet, in dem bereits jeder einzelne Vers einen eigenen Absatz bildet.6 Sinnabschnitte müssen in dieser Ausgabe daher zusätzlich durch das Druckzeichen Alinea (¶) kenntlich gemacht werden, das im ausgewählten Text Joh 4,1–6 für V. 5 Verwendung findet. Textgestalt 3 und Textgestalt 4 demonstrieren also auf je eigene Weise mit ihrem Druckbild, dass sie die itinerarischen Angaben der V. 3–4 zusammenbinden und somit die V. 1–4 als ersten Sinnabschnitt der Erzählung von Jesus und der Samariterin auffassen. Dies wahrnehmen und beschreiben zu können, wäre eine erste Kompetenzstufe, zu der der Schritt »visuelle Textwahrnehmung« Studierende bei der Vorbereitung auf die Verssegmentierung zu führen vermag.7
Zweiter Schritt: Einblick gewinnen in die drucksemantische Qualität eines Textes
Dass Druckformate Sinn- und Bedeutungsträger sind, lässt sich besonders gut im Umgang mit dem letzten von Luther autorisierten und noch zu seinen Lebzeiten erschienenen Bibeldruck (Wittenberg 1545) vergegenwärtigen und didaktisch vermitteln. Die Arbeit mit diesem Bibeldruck empfehle ich Lehrenden aus Gründen seiner Erschließungskraft im Blick auf die Vers- und Satzgliederung des Bibeltextes ausdrücklich. Er ist leicht zugänglich in einer Studienausgabe (Reclams Universalbibliothek)1, die »buchstaben- und zeichengetreu die Textgestalt des Originals«2 bewahrt. Der Text Joh 4,1–6 zeigt in dieser Druckfassung – in der Sprachgestalt des Frühneuhochdeutschen3 – folgendes Erscheinungsbild:
Textgestalt 5: Joh 4,1–6 im Druckbild der Lutherbibel 15454
DA nu der HErr innen ward / das fur die Phariseer
komen war / wie Jhesus mehr Juͤnger machet /vnd
teuffet / denn Johannes 2(wiewohl Jhesus selber nicht
teuffet / sondern seine Juͤnger) 3verlies er das land
Judea / vnd zoch wider in Galileam / 4Er muste aber
durch Samariam reisen.
DA kam er in eine stad Samarie / die heisset Sichar /
nahe bey dem Doͤrfflin / das Jacob seinem son Jo-
seph gab / 6Es war aber daselbs Jacobs brun. Da nu
Jhesus muͤde war von der Reise / satzte er sich also auff
den brun / Vnd es war vmb die sechste stunde.5
Die optischen Besonderheiten von Textgestalt 5 werden Studierende im Vergleich mit den bisher betrachteten Textgestalten klar hervorheben können: die ungewohnte Schreibweise der Wörter (wie etwa die Schreibung des Jesusnamens, die uneinheitliche Schreibung des Vokalklangs »u« als »v« oder »u«, der hochgestellte Umlaut-Vokal und das fett gesetzte D in »Doͤrfflin«); die satzgliedernden Schrägstriche (Fachausdruck: »Virgel«6), die sich vielen bei genauerem Hinsehen als mit Punkt und Komma vergleichbare Satzzeichen erschließen werden;7 vor allem aber die beiden Großbuchstaben zu Beginn eines Absatzes sowie die beiden Großbuchstaben im Gottesnamen »HErr«.
Manche werden von selbst die Frage nach Funktion und Charakter dieser Großbuchstaben (Fachausdruck: »Versalien«8, »Majuskeln«9) stellen – eine Frage, die es lohnt, in kurzem Partneraustausch ventiliert zu werden, bevor sie im Plenum erörtert wird. Einige mögen die Versalien vage als »typisch altmodisch« bewerten. Andere, die etwa im Geschichts- oder Germanistikstudium schon mit alten Handschriften und Drucken zu tun hatten, könnten sich an visuelle Eindrücke von Initialen erinnert fühlen und die hervorstechenden Großbuchstaben als Verschönerung des Druckbildes, als Schmuck verstehen (Fachausdruck: »typographisch-ornativ«10). Einzelne werden in dieser Diskussion aber möglicherweise auch vorschlagen, die Großbuchstaben funktional und inhaltlich noch genauer mit Sinn zu füllen. Hintergrund ihres Vorschlags könnte nämlich die Verwunderung darüber sein, dass die Verwendung der Doppel-Großbuchstaben offensichtlich nicht einlinig zu begründen ist. Das Großbuchstabenpaar DA, dessen erster Großbuchstabe größer und in Fettdruck erscheint, scheint funktionalen Sinn zu haben: Es zeigt einen neuen Absatz an (Fachausdruck: »Abschnitt-Initiale«11). Das Großbuchstabenpaar HE hingegen könnte inhaltlich motiviert sein: Es könnte darauf hinweisen wollen, dass es sich bei Jesus nicht um einen menschlich-alltäglichen »Herrn«, sondern eben um den »Herrn Jesus Christus« handelt.
Mit solchen wichtigen, aus der visuellen Textwahrnehmung erwachsenen Vermutungen wären die Studierenden der »symboltypographische[n] Gestaltung«12 des historischen Luthertextes auf die Spur gekommen. Bei dieser Gestaltungsweise handelt es sich um ein »Auszeichnungsprinzip«13 des Textes, das den Laien-Lesern der Reformationszeit »visuelle Hilfen zum besseren (und schnelleren) Erfassen gewisser Wörter, Begriffe, Sentenzen usw. geben«14 sollte. Luthers Mitarbeiter Georg Rörer (1492–1557)15, der als Protokollant auch die Revisionsarbeit an Luthers Bibelübersetzung im Wittenberger Kreis festhielt,16 notiert in seinem Nachwort zum Bibeldruck von 1545 einige der Auszeichnungsregeln, die auf Luther selbst zurückgehen.17 So werden die wichtigsten »Spruͤche« des Alten Testaments, in denen Luther bereits eine Verheißung auf Christus hin erkennt, »mit groͤsser schrifft gedruckt«, damit sie der Leser »leicht vnd bald finden koͤnne«.18 Im Neuen Testament werden, wenn auch nicht völlig konsequent, die direkte Rede Gottes (wie etwa die Himmelsstimme bei Jesu Taufe nach Mk 1,9–1119), herausragende Worte und Reden Jesu (wie etwa der Taufbefehl in Mt 28,18–2020), aber auch menschliche Zeugnisse von Gotteserkenntnis und Gotteslob (wie etwa das Magnificat der Maria in Lk 1,46–5521) durch eine besondere Schriftart22 gekennzeichnet, um solche Passagen als theologisch bzw. christologisch relevante Aussagen erkennbar und wirksam werden zu lassen.
Eine Hervorhebung dieser Art zeigt sich im Textabschnitt Joh 4,1–15 gleich innerhalb des ersten Wechselgesprächs, das sich aus Jesu Bitte, die zum Brunnen gekommene samaritische Frau möge ihm zu trinken geben, entwickelt (V. 9–10):23
Textgestalt 6: Joh 4,9–10 im Druckbild der Lutherbibel 1545
9Spricht nu das Samaritisch weib zu jm / Wie bittestu
Von mir trincken / so du ein Juͤde bist / vnd ich ein
Samaritisch weib? Denn die Juͤden haben keine ge-
meinschafft mit den Samaritern. 10Jhesus antwortet /
vnd sprach zu jr / WENN DU ERKENNETEST DIE GABE
GOTTES / VND WER DER IST / DER ZU DIR SAGET / GIB MIR
TRINCKEN / DU BETEST JN / VND ER GEBE DIR LEBENDI-
GES WASSER.
Die für Jesu Antwort gebrauchten Kapitälchen signalisieren, dass seine Worte von der »Gabe Gottes« und vom »lebendigen Wasser« auf ihn selbst verweisen und also christologisch zu deuten sind. Die Kapitälchen erweisen sich somit als »drucksemantische Zeichen«24, in denen sich sowohl die exegetische Reflexion Luthers und des Wittenberger Übersetzer- und Revisionskreises spiegelt als auch deren Intention, den Lesern schon auf visueller Ebene einen theologischen Text zu präsentieren.
Auch zu den bei der visuellen Textwahrnehmung gewonnenen Überlegungen der Studierenden, die Großbuchstaben könnten bestimmten funktionalen oder inhaltlichen Sinn besitzen, finden sich Hinweise in Rörers Nachwort zum Bibeldruck von 1545 sowie bei Luther selbst in seiner Vorrede zum Alten Testament von 1523. Wenn es bei Rörer heißt: »so offt eine newe Historien / Straffe oder Trostpredigt / Ermanung / Wunderzeichen etc. angehet/ Jst am anfang derselben ein grosser Buchstab gesetzt«25, so bestätigt sich die studentische Vermutung, das Großbuchstabenpaar, dessen erste Versalie in Fettdruck und größer als die zweite gesetzt ist, diene der Absatzgliederung. Was wiederum die studentische Erwägung betrifft, das Großbuchstabenpaar HE solle inhaltlich auf Jesus Christus hinweisen, so lässt sich auch diese stützen durch den Hinweis darauf, dass Luther ausdrücklich festhält, die Schreibweise »HErr« – und davon unterschieden die Schreibung »HERR« oder »HERRE« – sei theologisch begründet: »Es sol auch wissen / wer diese Bibel liesset / das ich mich geflissen habe / den namen Gottis den die Juden / tetragrammon heyssen / mit grossen buchstaben aus zu schreyben / nemlich also /HERRE / vnd den andern / den sie heyssen /Adonai / halb mit grossen buchstaben / nemlich also / HErr / denn vnter allen namen Gottis / werden dise zween alleyn / dem rechten waren Gott ynn der schrifft zu geeygent / die andern aber werden offt auch den engelen vnd heyligen zu geschryben. Das hab ich darumb than / das man da mit gar mechtiglich schliessen kan / das Christus warer Gott ist / weyl yhn Jeremia. 23. HERR nennet / da er spricht / sie werden yhn heyssen HERR vnser gerechter / also an mehr orten des gleichen zu finden ist.«26
Studierende werden mit Hilfe eines Lehr-/Lern-Gesprächs, in dem Luthers Ausführungen erklärt und auf die Sprachtradition der Hebräischen Bibel bezogen werden, feststellen können, dass der abschnitts- und kapiteleinleitende Temporalsatz in seiner frühneuhochdeutschen Fassung und Schreibweise (»Da nu der HErr innen ward« [neuhochdeutsch: »weil/als nun der Herr sich dessen bewusst war«]) intentional den von Luther für die hebräische Gottesbezeichnung אָדוֹן [Adon/Herr] bzw. אֲדֹנָי [Adonai/(mein) Herr] reservierten Gottesnamen birgt. Es wird sich ihnen in der Anfangsphase ihres Studiums die Frage stellen, wie eine hebräische Gottesbezeichnung aus dem Alten Testament Eingang in die Sprache des Neuen Testaments findet.27 In Erwartung dieser Frage werden wir als Lehrende die Septuaginta in ihrer griechischen Fassung28 und die Ausgabe Septuaginta Deutsch – in Buchform29 (samt Erläuterungsbänden30) und mit dem entsprechenden Hinweis auf die elektronische Version31 – bereithalten, um auf Belege zugreifen zu können, in denen das griechische Wort κύριος zum einen in alltagssprachlich-profaner, zum anderen in theologischer Verwendung hervortritt. Anschauliche Beispiele für die profane Bedeutung »Herr, Gebieter, Besitzer« könnten etwa im Rahmen der Erzählung von Abrahams Kauf einer Grabhöhle für Sara (Gen 23,1–20) die Belege Gen 23,11.15LXX sein (Anrede Abrahams als κύριε) oder im Rahmen der Rechtsordnungen Ex 21,1–23,19 das Syntagma ὁ κύριος τῆς οἰκίας (Ex 22,7LXX). Beispiele für die theologische Füllung des Wortes bieten permanent die Psalmen mit der wiederkehrenden Gottesanrede κύριε/Herr (vgl. nur Ps 3,2LXX; 5,2LXX; 6,2LXX; 9,2LXX; 12,2LXX; 14,2LXX; pass.). Stilistisch eindrücklich lässt sich die Verwendung der Kyrios-Anrede durch die Repetition in Ps 134,13LXX (κύριε, κύριε/Herr, Herr) und durch die Alliteration in Ps 8,2LXX belegen (κύριε ὁ κύριος ἡμῶν/Herr, unser Herr[scher]). Semantisch besonders überzeugend wird für Studierende der Hinweis auf Ps 7,2LXX und Ps 79,5LXX sein, wo sich »Herr« und »Gott« in einem Atemzug als Invokationen ergänzen können: κύριε ὁ θεός μου (Ps 7,2LXX: Herr, mein Gott)/κύριε ὁ θεὸς τῶν δυνάμεων (Ps 79,5LXX: Herr, Gott der Heerscharen). Das Lehr-/Lern-Gespräch wird in diesem Zusammenhang die Gelegenheit nutzen, die sprach- und kulturgeschichtliche Leistung der Septuaginta zu thematisieren32 und fachsprachliche Termini wie »Gottesnamen«, »Würdenamen«, »christologische Hoheitstitel« einzuführen und zu reflektieren.33
Möglicherweise werden wir als Lehrende aber zunächst mit einer ganz anderen Frage der Studierenden konfrontiert. Es könnte ihnen nämlich bei der Arbeit an Textgestalt 5 im Vergleich mit den bisher betrachteten Versionen von Joh 4,1 aufgefallen sein, dass anstelle des explizit benannten Subjekts »Jesus« (vgl. Textgestalt 1–4) im Druck der Lutherbibel von 1545 eben der Auszeichnungsname »HErr« steht. Wenn wir nicht davon ausgehen wollen, dass Luther hier eine andere Ausgabe des griechischen Textes vorlag – Nestle-Aland 28. Aufl. verzeichnet jene Zeugen, die in V. 1 κύριος lesen –, so werden wir mit den Studierenden entdecken können, dass Luther bewusst für »Jesus« den christologischen Titel »Herr« einsetzt und mit der dafür verwendeten Druckgestalt »HErr« zum Ausdruck bringen möchte, dass er Jesus als Gott versteht.
Um nun die berechtigte Vermutung der Studierenden, das Großbuchstabenpaar HE könne Jesus als den »Herrn Jesus Christus« zur Geltung bringen wollen, endgültig als relevant zu würdigen und im Blick auf die drucksemantische Dimension »Jesus ist Gott« hin zu vertiefen, lohnt sich der Blick auf das Wechselgespräch zwischen Jesus und der Samariterin in den V. 11–15, in denen gerade das alltagssprachliche »Herr« erscheint. Nach Jesu Wort vom lebendigen Wasser in V. 10 beginnt mit V. 11 eine neue Phase des Dialogs, die durch die irritierte Frage der samaritischen Frau eingeleitet wird, woher denn Jesus, zumal ohne Schöpfgefäß, »lebendiges Wasser« nehme – die Samariterin bezieht solches Wasser auf das sprudelnde Grundwasser, das der Brunnen als »›gefasste Quelle‹«34 und aufgrund seiner Tiefe bereit hält. In V. 15 weicht ihre Irritation einer dringenden Bitte: Wenn wirklich, wie Jesus ihr sagt, er ein anderes Wasser zu bieten habe als der Jakobsbrunnen – eines, das in dem, der trinkt, eine Quelle von Wasser erzeugt, das ins ewige Leben »springt«35 – , dann möge er ihr eben dieses Wasser geben!
Textgestalt 7: Joh 4,11.15 im Druckbild der Lutherbibel 1545
11Spricht zu jm das weib / Herr / hastu doch nichts / da
mit du schepffest / vnd der Brun ist tieff / Wo her hastu
denn lebendig wasser?
15Spricht das weib zu jm / Herr / Gib mir dasselbige
wasser / auff das mich nicht duͤrste / das ich nicht her
komen muͤsse zu schepffen.
Eindeutig können die Studierenden nun erkennen, dass zwischen »HErr« (V. 1) und »Herr« (V. 11.15) ein Unterschied besteht. Die Samariterin spricht Jesus mit der Höflichkeitsanrede »Herr« an – und dem Bibeldruck von 1545 scheint daran gelegen zu sein, diese Anrede als eine alltags- bzw. routinesprachliche Anrede zu kennzeichnen. Weder in V. 11 noch in V. 15 wird »Herr« als christologischer Titel ausgezeichnet. Soll das zeigen, dass die samaritische Frau noch am Anfang eines Verstehensprozesses steht? Wird ihr im weiteren Gesprächsverlauf, in dem sie sich Schritt für Schritt an Jesu Bedeutung als Prophet (V. 19) und Messias (V. 15) herantastet, das doppelte Großbuchstabenpaar als Zeichen wachsender Christuserkenntnis zugebilligt? Studierende werden sich nicht ohne Neugier auf solche Fragen einlassen.
Pulsuz fraqment bitdi.