Kitabı oxu: «Schwingungswelten»

Şrift:

Melinde Manner

Schwingungswelten

Ein spiritueller Roman

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Iain Thomas

Wieder zu Hause

Ein neuer Plan

Schwierige Entscheidung

Ein wichtiger Austausch

Robert und Karl

Der Entschluss

Schuldgefühle

Die Kündigung

Die Arbeit beginnt

Innere Recherche

Der erste Kampf

Nie wieder

Mittendrin

Veränderungen

Heilung

Neue Beziehungen

Besser sein als gestern

Eine Möglichkeit wird real

Neale Donald Walsch

Über die Autorin:

Quellenverzeichnis

Impressum neobooks

Iain Thomas

Und jeden Tag zerrt die Welt an deiner Hand und schreit: „Das ist wichtig! Und das ist wichtig! Darüber musst du dir Gedanken machen! Und darüber! Und darüber!“

Und an jedem Tag liegt es an dir, deine Hand zurückzuziehen, sie auf dein Herz zu legen und zu sagen: „Nein. Das ist wichtig.“

Iain Thomas

Wieder zu Hause

Es ist Montag kurz nach 9.00 Uhr. Valentin steigt in das wartende Taxi und teilt dem Fahrer die Adresse zu seiner Wohnung mit. Bis auf einen kleinen Rucksack hat er nichts dabei. Am Wochenende hatte er Ausgang und bei dieser Gelegenheit sein gesamtes Gepäck nach Hause gebracht.

Der Februar ist bald zu Ende. Dennoch scheint die Sonne wie an einem Frühlingstag. Er sollte sich freuen. Doch etwas Schweres liegt auf seinem Herzen. Das spürt er. Und er weiß genau, was es ist. Er hat keine Vorstellung, wie sein weiteres Leben aussehen soll. Ja, es ist die Angst, die sein Herz zuschnürt und ihm fast den Atem raubt.

Nach drei Monaten Aufenthalt im Bezirkskrankenhaus kann er zwar Basteln, Malen und sogar das Buchbinden hat er erlernt, aber die Gesprächstherapie half ihm nicht weiter. Dennoch: Hin und wieder blitzten damals ein paar Ideen auf, über die er nachdenken sollte.

Plötzlich wird er aus seinen Gedanken gerissen. "Haben Sie jemanden besucht?", fragt der Taxifahrer.

Er wird nie verstehen, warum manche Menschen sich gezwungen fühlen, einen Smalltalk zu beginnen. Das war ihm schon immer fremd. Entweder man hat etwas zu sagen oder nicht.

"Ja, einen Freund. Er hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Jetzt sitzt er im BKH fest."

"Das ist traurig.", meint der Taxifahrer. "Schön, dass er einen Freund hat, der für ihn da ist."

Valentin schaut wortlos aus dem Fenster. Die Fahrt wird dauern und er hofft, ohne Unterhaltung die Zeit hinter sich zu bringen.

Was hat der Taxifahrer erwartet? Dass er ihm erzählt, er wäre derjenige gewesen, der versucht hat, sich das Leben zu nehmen? Unmerklich schüttelt er den Kopf und zieht in der Hoffnung, nicht mehr angesprochen zu werden, sein Handy aus der Tasche und öffnet wahllos einige Apps, nur um sie anschließend gleich wieder zu schließen. Und es funktioniert. Er wirkt beschäftigt.

Als das Taxi nach 45 Minuten an der angegebenen Adresse hält, atmet er erleichtert auf. Er gibt dem Fahrer etwas Trinkgeld und betritt die dreistöckige Wohneinheit, in der er eine Eigentumswohnung besitzt.

Er läuft die Treppen zu seiner Wohnung im zweiten Stock hinauf, nimmt sich vom Sofa eine Decke und eilt auf den Balkon hinaus. Er setzt sich in den Liegestuhl, lässt die Lehne nach hinten kippen, legt die Beine hoch und atmet ein paarmal tief durch.

Seine Einkäufe hat er am Wochenende bereits erledigt; es ist alles da, was er braucht.

Was ihm fehlt, ist das Vertrauen, dass es weitergeht. Wie man im Bezirkskrankenhaus empfohlen hat, ließ er sich für eine ambulante Therapie auf die Warteliste setzen. Dass er aber bis zu einem halben Jahr oder noch länger auf einen freien Platz warten muss, stärkt seine Zuversicht nicht gerade.

Ob es die Anspannung war, die plötzlich von ihm fiel, oder die Nebenwirkungen der Antidepressiva, kann er später nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber er fällt in einen unruhigen Schlaf und wacht erst am frühen Nachmittag auf.

Mit einem weißen Tee in der Hand setzt sich Valentin an seinen Laptop und recherchiert.

Er hat nicht vor, in seinem alten Beruf weiterzuarbeiten. Dazu ist in der Zwischenzeit zu viel passiert. Während seiner Therapie wuchs in ihm der Wunsch, Physiotherapeut zu werden. Heimlich beobachtete er bei der Sporttherapie den Physiotherapeuten. Er schien Spaß an seinem Beruf zu haben. Selbst wenn er sich um Verletzungen kümmerte, merkte man ihm die Freude an der Arbeit an.

Valentin denkt an die Zeit in der Realschule zurück. Er war ein begeisterter Sportler und hat mehrere Wettkämpfe im Langstreckenlauf gewonnen. Sein damaliger Sportlehrer brachte ihm während des Trainings fundierte anatomische Kenntnisse bei. Er würde genügend Vorkenntnisse mitbringen.

Ganz plötzlich schweifen seine Gedanken ab. Sie gehen zurück zu damals, als seine Welt halbwegs in Ordnung war und er den Sohn seines Schultrainers kennenlernte. Es entstand zwischen ihm und Robert eine Freundschaft, die ihn in jenen Tagen bereicherte. Sie joggten gemeinsam, rasten mit dem Mountainbike erklommene Berge wieder herunter und irgendwann – wie in einem schlechten Hollywoodfilm – verliebten sie sich in dasselbe Mädchen.

Er schmunzelt bei dem Gedanken an Clarissa. Sie hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er, Valentin, nicht der Auserwählte war. Aber sie hatte eine nette Art, mit ihm umzugehen und sich nie zwischen ihn und Robert gestellt. Lange Zeit waren sie als Trio unterwegs. Heute, 17 Jahre später, erinnert er sich nicht einmal mehr an ihr Gesicht.

Die Traurigkeit darüber lässt ihn wieder in die Gegenwart zurückkehren.

Er nimmt genüsslich einen Schluck Tee, gibt im Suchfeld seines Browsers "Ausbildung zum Physiotherapeuten" ein und klickt sich durch die Seiten. Als er knapp zwei Stunden später seine Recherchen beendet, hat er eine klare Vorstellung vom Ausbildungsablauf und Berufsbild. Er ist sogar auf eine Privatschule gestoßen, die bequem zu Fuß erreichbar ist.

Die monatlichen Gebühren werden zwar seine Ersparnisse schmälern, ihm aber auch neue Türen öffnen, hofft Valentin.

Sein Herz macht einen Sprung und für einen Moment, den er tief in sich verankert, geht er in einem Gefühl voller Dankbarkeit auf. Er muss sich um das Finanzielle nicht sorgen. Als seine Eltern vor 3 Jahren ihren Bauernhof verkauften, zahlten sie ihm und seiner Schwester das Erbe vorzeitig aus.

Valentin merkt, dass er wieder abzuschweifen droht und beschließt, sich zu einer Runde Joggen aufzumachen. Er zieht sich schnell um, steckt seinen MP3-Spieler ein und verlässt mit dem Gefühl, etwas erreicht zu haben, die Wohnung.

Ein neuer Plan

Am nächsten Tag wacht Valentin auf. Es ist schon 8.30 Uhr. Er bleibt im Bett und sieht aus dem Fenster.

Ein grauer Tag, wie meine Seele, denkt er sich.

Es kostet ihn Überwindung, aufzustehen. Mühsam schleppt er sich in die Küche, macht seinen Tee fertig, eilt unter die Dusche und setzt sich trotz der Kälte hinaus auf den Balkon.

Er nimmt das Zwitschern der Vögel wahr. In der Ferne hört er den Verkehrslärm und es gehen ihm all die Menschen, die jetzt zur Arbeit hasten, durch den Kopf. Er fragt sich, wie es wohl allen geht. Wie sie es schaffen, einen Weg zu finden, um nicht in einem Loch zu versinken, das so tief ist, dass man nicht mehr herauskommt.

Was kann ich anders machen, fragt er sich.

Es ist ihm klar: Wenn er jetzt nichts unternimmt, wird er sich nur wieder in Grübeleien verlieren und alles schweifen lassen.

Ich hole mir zumindest die Anmeldeformulare ab, nimmt sich Valentin vor.

Seine Laufstrecke hat er gestern bewusst anders gewählt, um an der physiotherapeutischen Schule vorbeizukommen. Auf seinem Weg vergewisserte er sich, dass das Sekretariat, wie auf der Homepage angegeben, täglich von 9 bis 11.30 Uhr für den Parteiverkehr offen ist.

Valentin zieht sich an und marschiert entschlossen in Richtung Schule. Als er ankommt, sieht er jemanden vor der Eingangstür stehen. Etwas verunsichert tritt er näher und entdeckt den beschrifteten Zettel "Komme gleich".

"Dauert bestimmt nicht lange", sagt der Mann. Valentin nickt und ist unschlüssig, ob er stehenbleiben oder auf- und abgehen soll.

Bevor er zu einer Entscheidung kommt, spricht ihn dieser wieder an. "Möchten Sie sich Informationen holen oder anmelden?"

"Eigentlich habe ich mich schon online informiert. Ich weiß nur nicht, ob das reicht. Das wollte ich eben nachfragen und mir auch gleich die Anmeldeformulare mitnehmen."

"Das werden Sie sicher erfahren. Ich habe mich schon mit einigen Schülern unterhalten: Sie treffen ganz sicher eine gute Wahl, wenn Sie sich für diese Schule entscheiden."

"Die Frage ist, ob ich überhaupt die richtige Entscheidung treffe, nicht nur, was die Schule als solche betrifft", rutscht es Valentin heraus.

"Sie meinen, dass die Entscheidung, eine neue Ausbildung zu machen, falsch sein könnte? Oder ob Sie speziell diese Ausbildung machen sollen?"

"Beides."

"Kann ich gut nachvollziehen. Ich war 36, als ich mich entschlossen habe, hier nebenan in der Volkshochschule eine Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondent zu beginnen. Und jetzt arbeite ich dort. Als Lehrer für Spanisch und Italienisch. Das war damals keine leichte Entscheidung. Da gehen einem viele Gedanken durch den Kopf."

Eine Flut voller Emotionen, die er so schnell nicht einzuordnen weiß, überrollt Valentin und verschlägt ihm die Sprache. Bevor er sich wieder sammeln kann, sieht er die Sekretärin durch die Scheibe der Eingangstür. Sie nimmt das Schild "Komme gleich" weg, entschuldigt sich und bittet die beiden hinein.

"So, junger Mann, was kann ich für Sie tun?"

Verunsichert schaut Valentin zum Volkshochschullehrer; dieser war zuerst da.

"Ich bin privat hier. Erledigen Sie nur, warum Sie hier sind. Ich kann auch gern draußen warten, wenn Ihnen das lieber ist".

"Nein, bitte, das ist nicht nötig."

Valentin wendet sich der Sekretärin zu. "Könnte ich bitte die Anmeldeformulare haben?"

Sie reicht ihm die Unterlagen, dazu einige Broschüren und sieht ihn geduldig an.

"Hier ist alles dabei, was ich brauche und wissen muss?"

"Ja. Sehen Sie sich zu Hause alles in Ruhe an und falls Sie Fragen haben, kommen Sie vorbei oder rufen Sie an. Beachten Sie bitte, dass die Anmeldefrist am 30. März endet. Wenn Sie sie versäumen, ist eine Anmeldung erst nächstes Jahr wieder möglich."

"Ja, danke, mach ich. Auf Wiedersehen!"

Valentin verlässt gedankenverloren das Sekretariat. Das Bedürfnis, nochmal mit dem Lehrer zu sprechen, lässt ihn vor der Eingangstür förmlich festwachsen.

Aber auf einmal kann er keinen klaren Gedanken fassen, nimmt alles um sich sehr intensiv und in Zeitlupe wahr; er hört sein Herz schlagen. Nein, nicht nur schlagen, es pocht. Es pocht ganz wild. Er kommt sich wie ein Beobachter vor, der alles aus der Ferne wahrnimmt. Valentin kennt dieses Gefühl. Er hat Angst. Oder sogar Panik. Obwohl er nicht weiß, wovor; er hat ja nicht einmal einen klaren Plan, was er diesen Mann fragen will.

Aus der Ferne hört er eine Stimme. Er braucht ein bisschen, aber dann schafft er es, sich auf diese zu konzentrieren.

"Bitte?", fragt Valentin, um ein ein wenig Zeit zu gewinnen.

"Sie überlegen noch? Oder haben Sie etwas vergessen? Sie sehen etwas blass aus. Kommen Sie, setzen wir uns kurz auf die Bank da vorne." Behutsam legt ihm der Mann die Hand auf die Schulter und führt ihn zur Bank.

"Ich heiße Silvio."

Die Welt um Valentin rückt wieder näher und verliert allmählich ihre vermeintliche Bedrohlichkeit. Er atmet tief durch und merkt, dass sich sein Körper entspannt. In der Therapie hat man ihm gesagt, er solle auf eine gleichmäßige langsame Atmung achten, wenn ihn Panik erfasst.

Gut, das hat er jetzt geschafft. Er überlegt kurz, was er zuletzt gehört hat.

"Silvio?", fragt er.

"Ja, Silvio. Ich bin zwar kein Italiener, sondern Spanier, aber meine Eltern fanden Gefallen an diesem Namen."

Es entsteht eine Stille zwischen den beiden. Für Valentin scheint sie eine Ewigkeit zu dauern, in der er sich nicht sicher ist, was er sagen könnte.

"Danke, mir ist etwas schwindlig geworden", sagt er, um die Stille zu unterbrechen.

"Haben Sie etwas vergessen, weil Sie vor dem Eingang gewartet haben?"

"Nein, ehrlich gesagt, hätte ich gern mehr darüber gehört, wie Sie Ihre Entscheidung getroffen haben. Ich meine, als Sie sich entschlossen haben, die Ausbildung zu machen. Sie sagten, Sie waren damals 36. Ich bin jetzt 34. Und ich habe ehrlich gesagt Zweifel, ob ich es mir in diesem Alter leisten kann, mich zu verzetteln."

Eines gelang ihm stets mühelos: Vom eigentlichen Problem abzulenken. Das war Valentin bewusst. Irgendetwas vorzuschieben, nur um nicht die Wahrheit sagen zu müssen und um sich nicht dafür zu schämen, wer er wirklich war.

"Sie haben Zweifel. Aber Sie scheinen sich sicher zu sein, dass Sie dort, wo und als was Sie gearbeitet haben, nicht mehr zurückwollen. Oder?"

"Das ist allerdings wahr."

"Nun, was wollen Sie denn stattdessen? Wo und als was wollen Sie arbeiten?"

"Das hier will ich. Genau das hier. Ich will Physiotherapeut werden und Menschen helfen".

Er ist über sich selbst überrascht. So klar hatte er sein Vorhaben nie vor Augen. Etwas verunsichert schaut er zu Silvio, der seinen Blick erwidert und eine immense Ruhe ausstrahlt. Sie erfasst auch Valentin. Er atmet befreit auf und lächelt.

"Es kommt gleich noch etwas Wichtiges, das Sie hinzufügen wollen, oder?", fragt er den Lehrer schmunzelnd.

"Richtig!", antwortet Silvio lachend. "Das ist die einzige Entscheidung, die Sie wirklich treffen müssen.

Gründe, etwas doch nicht zu tun, werden Sie mehr als genug finden. Sie werden sehen. Sie werden sich noch viele Geschichten erzählen, warum Sie das nicht machen sollten oder könnten. Ganz viele, glauben Sie mir."

"Möchten Sie mir auch Ihren Namen verraten?", fügt Silvio an.

"Entschuldigung, mein Name ist Valentin."

"Also Valentin, bei mir fängt der Unterricht gleich wieder an. Wenn Sie glauben, dass ich Ihnen bei Ihrer Entscheidung weiterhelfen kann, zögern Sie nicht, mich zu kontaktieren. Hinterlassen Sie Ihre Telefonnummer oder E-Mail-Adresse hier bei der Sekretärin und ich melde mich bei Ihnen. Dann unterhalten wir uns weiter. Bis Ende März haben Sie ja Zeit. Bleiben wir dabei?"

"Ja, gern. Danke."

Silvio wartet einen kurzen Augenblick, bevor er aufsteht, gibt ihm die Hand zum Abschied und macht sich auf den Weg zur Volkshochschule.

Valentin bleibt zurück und versucht erfolglos, seine Gedanken zu ordnen. Er schafft es nicht. Und wie immer in solchen Situationen, fällt ihm nur eines ein: Joggen und den Kopf freibekommen.

Schwierige Entscheidung

Valentin läuft seine Lieblingsstrecke entlang. Sie führt zu einem nahegelegenen Park, weiter zu einem Wald und anschließend zu einem kleinen Badesee. Er liebt es, zu joggen und vor allem das Hochgefühl währenddessen und danach. Es befreit ihn. Völlig egal, was auf ihm lastet, das Laufen wirkt jedes Mal Wunder.

Wenn dieses Gefühl doch nur etwas Bleibendes wäre, wünscht sich Valentin.

Er erinnert sich an Zeiten, als er verletzt war, nicht joggen konnte und dadurch sein ganzes Innenleben aus dem Gleichgewicht geriet.

Klar kannte er Endorphine, die natürlichen Opiate des Körpers, die beim Sport ausgeschüttet werden und sich so angenehm anfühlen. Und er verstand sehr gut, dass manche danach süchtig waren. Aber zu diesem Personenkreis zählte er sich nicht. Er wusste, dass sich die Ausschüttung nicht erzwingen lässt und das Hinterherjagen deshalb sinnlos ist. Ja, es war möglich, günstige Voraussetzungen dafür schaffen, sie zu fördern, das ja, aber mehr nicht.

Während Valentin immer weiterläuft, fühlt er eine immense Verbundenheit mit der Natur. Seinen Körper nimmt er nicht mehr wahr. Lediglich seine Atmung, auf die er sich konzentriert, um effektiv zu laufen. Er ist Teil von allem, was diese Welt auszumachen scheint.

Wie gewöhnlich steigen Bilder in ihm auf. Jetzt sind sie wesentlich intensiver als sonst und verändern etwas in ihm. Er sieht sich in der neuen Schule. Entspannt und voller Freude über den Unterricht. Dann als Physiotherapeut, umgeben von Sportlern, die er auf einen Wettkampf vorbereitet, ihre Beinmuskulatur massiert, lockert und aufwärmt. Und er sieht sich, wie begeistert er seine Arbeit macht. Er ist in der Lage, alles zu erfühlen - als sei er mitten im Geschehen - und nimmt diese Freude beim Laufen intensiv in sich wahr.

Valentin ist berauscht und erinnert sich an Silvios Worte, dass er nur diese einzige Entscheidung zu treffen hat: sich verändern zu wollen. Jetzt ist er sich dessen sicher: Er ist bereit, sein Leben in andere Bahnen zu lenken.

Als Valentin zwei Stunden später zu Hause ankommt, duscht und sich mit einer Flasche Mineralwasser auf die Couch setzt, ist er immer noch in Hochstimmung.

Er füllt das Anmeldeformular aus, um es am nächsten Vormittag abzugeben und genießt den restlichen Tag mit Musik, Lesen und vor dem Fernseher.

Am Abend geht er zufrieden mit sich und diesem Tag ins Bett. Er fühlt sich entspannt, liest noch ein bisschen, bis er müde wird, und schaltet dann das Licht aus.

Er ist schon in einem Dämmerzustand, als ihn ein Schwall voller Gedanken hochschrecken lässt:

Was ist, wenn ihn seine Mitschüler nicht mögen? Was ist, wenn sie ihn mobben? So, wie er es mit seinen Kollegen erlebt hat. Dann muss er die Schule abbrechen. All das Geld, das er bis dahin investiert hat ... Und er müsste sich wieder einen neuen Job suchen.

Wäre es nicht besser, doch in der Werkstatt zu bleiben? Gekündigt hat er ja nicht. Die Art und Weise, wie ihn seine Kollegen bisher behandelt haben, kennt er schon. Vielleicht wäre es leichter, das auszuhalten als zu erleben, wie er von anderen abgelehnt wird. Ja, bestimmt. Wie dumm, sich etwas vorzumachen. Warum sollte plötzlich alles besser sein? Warum sollten ihn die Menschen auf einmal akzeptieren?

Völlig entmutigt steht Valentin auf, legt sich auf die Couch und schaltet den Fernseher ein. Er braucht Ablenkung.

Jeder weitere Gedanke strengt ihn an und macht ihm Angst. Er weiß, wohin sie führen können. Wenn der Versuch, seinem Leben ein Ende zu setzen, wieder schiefläuft, wird er nicht die Kraft haben, das, was danach unvermeidlich folgen würde, nochmal durchzustehen. Man würde ihn erneut einsperren, ihm seine Freiheit nehmen und über ihn bestimmen wie über ein kleines Kind. Nein, das wäre zu viel. Ihm wird klar, dass die Angst davor stärker ist als der Mut, einen weiteren Selbstmordversuch zu unternehmen.

Das lässt seine Situation noch hoffnungsloser erscheinen und alles, was seine Tränen bisher zurückgehalten hat, verliert in diesem Augenblick jegliche Macht, sie weiter im Zaum zu halten. Es erfasst Valentin ein hemmungsloses Schluchzen und Weinen, bis er völlig entkräftet in einen traumlosen Schlaf fällt.

Am nächsten Tag fühlt er sich wie gerädert und kann gar nicht fassen, in welch erschreckende Tiefe ihn seine Gedanken heruntergezogen haben.

Mit aller Gewalt schiebt Valentin jede Erinnerung an den vergangenen Abend von sich und lenkt seine Aufmerksamkeit auf die Begegnung mit Silvio.

Hat er nicht so etwas vorausgesagt? Waren das die Geschichten, von denen er gesprochen hat? Vielleicht wäre es doch besser, Kontakt mit ihm aufzunehmen.

Valentin macht sich notdürftig ausgehfertig und schleppt sich schweren Schrittes zur Physioschule. Beim Betreten des Büros merkt er sofort, dass die Sekretärin ihn wiedererkennt.

"Wie kann ich Ihnen helfen?", fragt sie lächelnd.

"Ich würde gern noch einmal mit Silvio sprechen. Er hat gesagt, ich könnte meine Nummer bei Ihnen hinterlassen."

"Ja, stimmt. Ich schreibe sie mir auf und er meldet sich bei Ihnen."

"Wissen Sie, ob das noch heute sein wird?"

"Ich kann zwar nicht für ihn sprechen, aber ich denke, ja. So, wie ich ihn kenne, wird er sich noch heute Zeit dafür nehmen. Das wäre Ihnen wichtig, oder?"

Valentin nickt der Sekretärin wortlos zu, schreibt seine Nummer auf und macht sich auf den Weg nach Hause.

Auf einmal steigt wieder etwas Hoffnung in ihm auf, und im gleichen Augenblick wird er sich dessen bewusst, dass die Sonne scheint und am Himmel keine einzige Wolke zu sehen ist. Nun huscht doch ein kleines Lächeln über seine Lippen und sein Gang nimmt Schwung und Leichtigkeit auf.

Wieder zu Hause zieht Valentin das Anmeldeformular aus der Schreibtischschublade hervor und hofft, ein Gefühl dafür zu bekommen, die richtige Entscheidung zu treffen. Doch er kommt nicht weiter. Er ist müde, die Nacht hängt ihm nach.

Er schaltet den Fernseher ein und legt sich auf die Couch. Vorsorglich überprüft er den Akkustand seines Smartphones, deaktiviert "lautlos", um den erwarteten Anruf nicht zu verpassen, und lässt sich von einer Komödien-Serie berieseln. Kurze Zeit später schläft Valentin tief und fest.

Gegen 14.30 Uhr weckt ihn das Läuten seines Handys. Hastig greift Valentin nach dem Gerät, lässt es fallen und drückt versehentlich den Anrufer weg. Fluchend setzt er sich auf und überlegt, was er machen soll. Die Nummer ist unbekannt. Wahrscheinlich war es Silvio, denkt er sich. Unschlüssig sitzt er einige Augenblicke auf der Couch, als es wieder läutet.

Erleichtert atmet er auf und meldet sich mit einem "Hallo?"

"Hier ist Silvio. Spreche ich mit Valentin?"

"Ja, ich bin`s. Danke, dass Sie wieder anrufen. Ich wollte Sie nicht wegdrücken, mir ist das Telefon aus der Hand gerutscht."

Silvio lacht. "Macht nichts, jetzt bin ich ja wieder dran. Erzählen Sie mal..."

"Ich habe eine furchtbare Nacht hinter mir. Es sind mir so viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Jetzt bin ich wieder ganz verunsichert, was ich machen soll. Und dann ist mir eingefallen, dass Sie gesagt haben, das würde oder könnte passieren. Ich weiß es nicht mehr genau."

Unsicher bricht Valentin seinen Redeschwall ab und wartet.

"Das ist normal, machen Sie sich keine Sorgen. Wenn Sie möchten, können wir uns irgendwo treffen und in Ruhe darüber reden. Das ist kein Thema, das man am Telefon ausdiskutieren sollte. Wie wär's?"

"Gern. Wann haben Sie Zeit? Ich bin sehr flexibel."

"Morgen um 14.00 Uhr? Neben der Schule gibt es ein nettes Café, das Unicorn. Kennen Sie es?"

"Ja, stimmt. Ich habe es auf dem Weg zum Sekretariat entdeckt, sah nett aus. 14.00 Uhr passt wunderbar. Danke, dass Sie sich so schnell Zeit nehmen."

"Gerne, Valentin. Dann sehen wir uns morgen und sprechen über alles."

"Ja, bis morgen. Auf Wiedersehen."

Nach dem Telefonat füllt sich Valentin Tee in eine Thermoskanne, setzt sich damit auf den Balkon und versucht, die restlichen Sonnenstrahlen zu genießen. Ganz gelingt ihm das nicht.

Es erfasst ihn eine Unruhe. Sein Herz hämmert wie wild. Das ist für Valentin ein Zeichen. In diesem Moment wird ihm klar, dass der Aufenthalt im BKH doch nicht nur "für die Katz" war, wie er ihn sonst zu beschreiben pflegte.

In den Therapiegesprächen hat er gelernt, die Anzeichen einer aufkeimenden Panik zu erkennen. Jetzt kann er seine Unruhe zumindest insoweit einordnen, dass er vor etwas Angst hat. Was mag es sein? Die Frage wühlt ihn noch mehr auf. Sie will nicht gestellt werden. Valentin hält die Anspannung nicht aus. Er zieht sich schnell um und läuft los.

Er legt gleich zu Beginn ein hohes Tempo vor, wissend, dass ihn das beruhigen wird. Nach einer gewissen Zeit fühlt er sich besser und lässt seinen Gedanken freien Lauf.

Wie gewohnt tauchen verschiedene Bilder vor ihm auf. Situationen, in denen er Persönliches preisgegeben hat. Situationen, in denen er Gefühle gezeigt und ausgesprochen hat. Situationen, in denen er deswegen verletzt wurde. Situationen, in denen er nicht mehr bereit war, dieses Risiko einzugehen.

Valentin atmet erleichtert auf. Ihm wird die Befürchtung bewusst, Silvio zu viel von sich erzählen zu müssen und erneut verletzt zu werden. Er nimmt sich vor, es nicht so weit kommen zu lassen, und läuft Richtung Wohnung zurück.

Eine gewisse Unruhe bleibt. Valentin macht sich nichts vor. Die Entscheidung, nicht mit offenen Karten zu spielen, hinterlässt einen faden Geschmack. Er kann es nicht richtig einordnen, gibt sich aber damit zufrieden, die restliche Unstimmigkeit zu ignorieren.

Ein wichtiger Austausch

Am nächsten Vormittag räumt Valentin seine Wohnung auf, putzt gründlich und versucht, sich abzulenken. Alles ist ihm lieber als bewusst nachzudenken oder Gedanken zuzulassen, die ihn verunsichern.

Selbst das Mittagessen lässt er ausfallen. Er macht sich einen Eiweißshake, doch mehr bekommt er nicht hinunter.

Um 13.30 Uhr macht er sich auf den Weg zum Unicorn. Obwohl er gemütlich schlendert, ist er eine Viertelstunde später am Treffpunkt. Er betritt das Café und sieht sich um. Silvio ist noch nicht da. Valentin sucht sich einen Platz am Fenster, um den Eingang außen zu überblicken und bestellt sich ein Mineralwasser.

Kurz vor 14.00 Uhr entdeckt er Silvio. Es ist nicht schwer, den Lehrer wiederzuerkennen. Sein südländisches Aussehen und seine Ausstrahlung fallen angenehm auf.

Als Silvio das Lokal betritt, winkt Valentin und eilt ihm entgegen.

"Hallo, Valentin. Wo sitzen Sie?"

"Gleich da hinten. Schön, dass wir uns so schnell treffen können.“

Sie setzen sich und Silvio bestellt sich einen doppelten Espresso. Nachdem die junge Bedienung ihren Tisch verlässt, wendet sich der Lehrer Valentin zu:

"Also, erzählen Sie. Was ist passiert? Sie sagten am Telefon, Sie seien wieder ganz verunsichert."

"Genau. Ich war gerade am Einschlafen, als mir plötzlich alle möglichen Gedanken durch den Kopf gingen. Um mich kurzzufassen: Zum Schluss war ich mir nicht mehr sicher, ob ich die richtige Entscheidung treffe. Ging es Ihnen auch so?"

"Ja, bei mir war es so ähnlich. Und an dieser Stelle will ich ganz offen zu Ihnen sein, Valentin. Ansonsten bringt unser Gespräch nichts.

Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich nichts zu verlieren. Meine Ehe ist nach 6 Jahren in die Brüche gegangen, und da ich starke Rückenschmerzen hatte und auch der rechte Arm oft nicht richtig frei beweglich war, konnte ich in meinem Beruf als Schreiner nicht mehr weiterarbeiten. Die Ärzte haben nichts gefunden und meinten, es sei psychosomatisch. Sie wollten mich in eine dafür spezialisierte Klinik zur Reha schicken. Das war für mich unvorstellbar. Ich musste umdenken.

Ich hatte schon immer viel Spaß an Sprachen und war gern unter Menschen. Also, habe ich mir gedacht, warum nicht das Ganze miteinander verbinden und neu anfangen?"

Silvio macht eine Pause und nippt an seinem Espresso. Er wirkt nachdenklich und fährt nach einem kurzen Innehalten mit seiner Erzählung fort:

"Mir ging alles Mögliche durch den Kopf. In diesem Alter nochmal neu anfangen? Wovon soll ich in der Zwischenzeit leben? Was, wenn das alles keine Zukunft hat und ich keinen Job finde? Was, wenn ich die Ausbildung nicht schaffe?

Das ist alles schon so lange her, dass ich mich an die vielen Wenns und Abers gar nicht mehr erinnern kann. Doch ich weiß noch sehr genau, dass mich die vielen Fragen etliche Nächte wachgehalten hatten.

Zu dieser Zeit las ich sehr viel, habe verzweifelt nach Antworten gesucht. Und eines Tages wurde mir klar, dass all die Fragen, die Zweifel nichts als Ausreden waren.

Ich wollte mein gewohntes Umfeld nicht verlassen. Es war alles um mich so voraussehbar. Das erfüllte mich zwar nicht, machte aber mein Leben bequem. Nichts Neues, keine Anstrengungen. Ich steckte fest in meinen Gewohnheiten.

Das macht die Entscheidung genau genommen so schwer: Alte Gewohnheiten aufzugeben und auf eine neue Art zu denken und zu handeln.

Aber das ist die einzige Möglichkeit, herauszukommen: Eine klare Entscheidung zu treffen, von der du dich nicht mehr abbringen lässt. Egal von wem oder was.

Und ich wollte weder in eine psychosomatische Klinik, noch mit Schmerzen leben oder gar so arbeiten. An dem Tag, als meine Entscheidung so fest war, dass sie alle Wenns und Abers in den Schatten stellte, fing es an, bergauf zu gehen. Auf einmal fiel es mir leicht, auf irgendwelche Ausreden nicht mehr zu reagieren. Ich erkannte sie und sagte mir, nein, darauf lasse ich mich nicht mehr ein.

Verstehen Sie, was ich meine?"

Valentin hört die ganze Zeit über wie gebannt zu.

Mehr und mehr wird ihm klar, dass er aufgeschlossener sein muss. Er spürt in sich hinein und stellt freudig fest, dass sein Herz ruhig und gleichmäßig schlägt.

Das ist ein gutes Zeichen, überlegt er kurz, bevor er zu seiner Antwort ansetzt.

"Ich verstehe sehr wohl. Nur, wie soll ich sagen ... Ich dachte, ich hätte meine Entscheidung schon getroffen. Dann tauchten aber die vielen Wenns und Abers auf, wie Sie diese nannten ..."

"Und was haben diese Gedanken gesagt? Können Sie mir ein Beispiel geben?", hakt Silvio nach.

Valentin fasst seinen ganzen Mut zusammen und ist bereit, einen Teil seiner Geschichte zu erzählen.

"Dazu muss ich erst etwas ausholen, damit Sie es verstehen.

Ich werde an meinem Arbeitsplatz von 2 Kollegen gemobbt. Sie schließen mich aus, beschimpfen mich und wenn etwas schiefläuft, schieben sie die Schuld auf mich. Sie geben vor, so viel Arbeit zu haben, dass sie keine Zeit hätten, mir zu helfen, wenn es bei mir mit einem Auftrag knapp wird. Aber genau genommen, machen sie fast den ganzen Tag nichts. Der Chef ist selten in der Werkstatt und das nutzen sie aus."

Valentin stockt kurz, spricht es dann aber doch aus: "Das Allerschlimmste sind ihre Beschimpfungen. Sie beschämen und erniedrigen mich."

Und da passiert es: Er kämpft mit den Tränen. Es tauchen Bilder in ihm auf, Szenen mit den Kollegen und all die Emotionen, die er damit verbindet. Peinlich berührt, wendet er sich von Silvio ab und holt ein paarmal tief Luft.

Silvio reagiert schnell. Er geht zur Bedienung, bezahlt und eilt zurück zu Valentin.

"Kommen Sie, gehen wir zu dieser Bank, wo wir vor kurzem saßen."

Er fasst Valentin am Arm und zieht ihn sanft mit sich. Dieser lässt sich gern führen. Sie gehen raus, Valentin mit gesenktem Kopf. Er hat nicht den Mut, aufzublicken. Die beiden marschieren zur Bank.

"Also gut, Valentin. Wie geht es Ihnen? Sie müssen sich nicht schämen. Nicht hier und nicht jetzt. Und schon gar nicht vor mir. Es ist alles in Ordnung."

Valentin nickt und sie sitzen eine Weile still nebeneinander. Es ist keine schwere, erdrückende Stille. Nein, sie füllt den Raum zwischen und um die beiden mit einer besonderen Bedeutung.

Für Valentin eröffnet sich eine neue Welt. Der Lehrer lehnt ihn nicht ab. Selbst jetzt nicht, obwohl er fast zusammenbricht. Er fühlt sich sicher und aufgehoben.

Und Silvio? Er wacht auf. Er fängt an zu verstehen, dass es bei Valentin um mehr geht als nur um einen kleinen Ratschlag, den man jemandem bei einer Tasse Kaffe gibt. Tief berührt, widmet er seine volle Aufmerksamkeit Valentin, als dieser erneut zu sprechen beginnt.

"Genau darum geht es. Das waren die Gedanken, die mich wieder verunsichert haben. Ich habe Angst, dass ich in der Schule auch so behandelt werde. Dass mich die anderen Schüler nicht mögen", fährt Valentin fort, nachdem er sich etwas gefasst hat.

"Ich war noch nie besonders beliebt in der Schule. Es gab eine Zeit, da lief es etwas besser. Damals war ich mit dem Sohn unseres Sportlehrers befreundet. Er war beliebt und wir waren oft zusammen. Deshalb akzeptierten mich, wahrscheinlich eher zwangsläufig, auch die anderen. Das war eine große Ausnahme."

"Und Sie glauben, dass Ihr ganzes Leben so verlaufen muss, wie es bisher war?", will der Lehrer wissen.

"Warum nicht? Warum soll auf einmal alles anders sein?"

"Weil Sie die Möglichkeit haben, sich zu ändern. Wenn Sie sich verändern, werden andere darauf reagieren. So lange Sie sich als Opfer fühlen, verhalten Sie sich auch so. Das merken mehr Menschen als Sie glauben und behandeln Sie entsprechend.

Verstehen Sie mich nicht falsch, Valentin. Ich glaube Ihnen und ich verstehe auch, dass Sie gemobbt wurden. Das ist eine Sache. Im Augenblick geht das aber nur dann so weiter, wenn Sie jetzt zu Ihrem Arbeitsplatz zurückgehen.

Wenn Sie sich für die Schule entscheiden, ist das Vergangenheit. Sie haben die Möglichkeit, in Ihrer neuen Schule, sogar in Ihrem ganzen Leben, sich anders zu verhalten und alles anders zu erleben. Keinem mehr die Macht zu geben, darüber zu bestimmen, wie es Ihnen geht. Wie hört sich das an?"

Valentin blickt nachdenklich in die Ferne. Er ist verunsichert. Wer ist Silvio, fragt er sich. Oder besser gesagt, was? Gerade hat er sich noch so sicher bei ihm gefühlt. Jetzt klingt er wie ein Guru. Und doch lassen ihn die Worte des Lehrers nicht los. Sie wecken in ihm Hoffnung. Hoffnung und die Kraft, wieder aufzustehen und sich dem Leben zu stellen.

Er blickt Silvio an und lässt die Bombe platzen: "Sie wollen mich jetzt aber nicht bekehren oder sowas? Sie sind nicht irgendwie, ich weiß nicht, von einer Sekte oder so?"

Der Lehrer lacht und schüttelt den Kopf. "Nein, ganz sicher nicht. Wissen Sie, ich habe damals, als ich anfing, mich mit Spiritualität zu beschäftigen und darüber zu lesen, zunächst so ähnlich reagiert. Aber je mehr Bücher ich verschlang, umso bewusster wurde mir, dass die meisten Weisheiten aus einer Zeit stammen, als die Menschen nichts anderes zur Hand hatten.

Es gab keine Beratungscenter. Keine Coachingprogramme, die einem alles Mögliche versprachen. Alles, was sie hatten, waren ihre Erfahrungen und Erkenntnisse, die sie weitergaben. Vieles, was Sie heute in einem Coachingprogramm zu hören bekommen, sagten schon die Urvölker.

Na ja, das würde jetzt den Rahmen sprengen, mehr darüber zu erzählen. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Nein, ich will Sie nicht bekehren und ich bin auch nicht von einer Sekte. Ich möchte Ihnen nur helfen, aber das müssen Sie natürlich selbst auch wollen."

Beim letzten Satz wird Silvio sehr ernst. Er blickt Valentin von der Seite an und wartet, bis dieser bereit ist und ihm ebenfalls in die Augen sieht.

In diesem bedeutenden Moment scheint für die Zwei die Welt still zu stehen. Alles, was sie wahrnehmen, sind ihre eigenen Herzschläge. Sie sprechen kein Wort; sie kommunizieren mit ihren Herzen und das ist beiden genug. So bleiben sie wortlos nebeneinander für einige Zeit sitzen.

Als Silvio nach einer Weile die Stille unterbricht, ist es für Valentin wie ein perfekt gewählter Zeitpunkt. Er will Hilfe. Ganz klar. Und er ist bereit, darum zu bitten.

"Vielleicht sollten wir anfangen, uns zu duzen? Trinken wir noch etwas zusammen und besiegeln das Du? Und dann fangen wir an, Schritt für Schritt?"

Valentin lächelt. "Das klingt phantastisch."

Sie gehen zurück ins Café und verbringen eine gemütliche Stunde zusammen. Silvio lässt ein paar Tipps in die Unterhaltung einfließen, aber es ist kein besonders tiefgründiges Gespräch, das sie führen.

Darum geht es ihnen nicht. Sie wollen sich kennenlernen. Sie wollen Vertrauen aufbauen. Sie wollen etwas bewirken. Aber eines nach dem anderen.

Robert und Karl

Es ist Freitag, der 23. Februar. Valentin wacht voller Enthusiasmus auf und macht sich auf den Weg zu seinem Freund Robert.

Die Sonne scheint und das steigert seine Laune. Dennoch ist ihm mulmig zumute. Seit er aus dem Bezirkskrankenhaus entlassen wurde, hat er sich bei Robert nicht gemeldet. Sie haben zwar während seines Aufenthaltes kurz miteinander telefoniert, aber Valentin hat klar zum Ausdruck gebracht, dass er nicht besucht werden möchte. Er schämte sich. Heute war das nicht anders.

Noch bevor er das Haus seines Freundes sehen kann, hört er das Dribbeln des Basketballes. Valentin schmunzelt.

Sein Freund wirft gerade ein paar Körbe. Das war Roberts Art, einen klaren Kopf zu bekommen. Die Konzentration, den Korb zu treffen, ließ nicht allzu viele Gedanken zu. Vorausgesetzt, man wollte treffen. Und diesen Ehrgeiz hatte Robert immer.

Präzision. Das war eine Lektion, die ihm sein Vater von Kindheit an eingetrichtert hatte. "Mein Junge", pflegte er Robert zu sagen, "wenn du nicht mit Präzision arbeitest, egal, ob beim Sport oder in einem Beruf, dann bekommst du auch nur Wischi-Waschi-Ergebnisse. Sei bei allem präzise, dann hast du auch klare Ergebnisse!" Ja, da sprach der Mathematiklehrer aus ihm.

Wie oft haben sie Karl albernd zitiert, als sie noch viel Zeit miteinander verbrachten.

Karl liebte seinen Beruf und vor allem Mathematik. Alles berechnen, nach klaren Formeln, ohne Interpretations- oder Spekulationsspielraum. Das war seine Welt neben dem Sport. Er trainierte die Leichtathletikmannschaft in der Schule und ließ nicht allzu viel durchgehen. Aber er hatte auch ein gutes Herz. Er war hilfsbereit und sobald ihm auffiel, dass jemanden etwas bedrückte, war er sofort und ungefragt zur Stelle. Das war Karl.

Valentin erinnert sich an seine Teenagerzeit, als er in die Realschule kam. Sein Wohnort war 12 km entfernt. Ein kleines Dorf. Er pendelte täglich hin und her. Das war nicht einfach. Manchmal hatten sie Nachmittagsunterricht. Da der Bus erst zwei Stunden nach dessen Ende wieder zurückfuhr, wusste er nicht wohin. Es war Karl, der sich damals um ihn gekümmert hat.

Er bot ihm an, beim Training, das oft in Freistunden oder nach der Schule stattfand, mitzumachen. Im Sommer waren sie auf dem schulnahen Sportplatz, im Winter in der Turnhalle. Angefangen von Leichtathletik bis Mannschaftsspiele und Geräteturnen war alles in Karls Programm enthalten.

Dort lernte er seinen Sohn Robert, der in der Parallelklasse war, näher kennen. Sie verstanden sich gut und mit der Zeit entwickelte sich daraus eine Freundschaft. In ihrer Freizeit entdeckten sie das Mountainbiken und Klettern. Sie probierten alle sportlichen Aktivitäten aus, die ihren Weg kreuzten.

Valentin reißt sich aus seinen Erinnerungen.

"Und? Immer noch treffsicher, wie in alten Zeiten?", ruft er vom Gartenzaun Robert zu.

"Hey, das ist ja eine Überraschung! Wie geht's dir? Komm rein!" Robert ist erfreut, seinen Freund zu sehen und öffnet ihm das Tor.

"Störe ich dich?"

"Na klar, siehst du doch.", grinst Robert.

Valentin folgt ihm ins Haus und nimmt im Wohnzimmer Platz. Sein Freund bringt Wasser und Apfelsaft aus der Küche.

"Und? Komm, erzähl schon. Seit wann bist du wieder daheim? Geht es dir gut?"

"Ja, danke. Schon seit ein paar Tagen. Aber ich hatte einiges zu erledigen, sonst wäre ich schon früher vorbeigekommen."

"Ich bin damals, als du angerufen hast, ziemlich erschrocken. Wie landet man im Bezirkskrankenhaus?"

Voller Scham blickt Valentin zu Boden. Er hat sich schon eine Geschichte zurechtgelegt und ist sich nicht sicher, ob er sich dafür oder deshalb, weil er versucht hat, sich das Leben zu nehmen, mehr schämen soll.

Gerade setzt er zum Erzählen an, als Karl das Wohnzimmer betritt.

"Valentin! Habe ich doch richtig gehört! Komm, lass dich umarmen, Junge." Karl drückt Valentin an sich. "Schön, dich zu sehen, Karl."

Es entsteht eine peinliche Stille. Keiner weiß genau, was er sagen soll. Was richtig wäre. Was einen Sinn machen und den anderen nicht verletzen würde.

Valentin gibt sich einen Ruck und fängt zu erzählen an.

"Es tut mir leid, wenn ich euch einen Schrecken eingejagt habe. Und bitte versteht: Ich wollte in diesem Haufen da drin keinen Besuch haben. Wir hätten uns ohnehin nicht richtig unterhalten können. Die haben überall ihre Augen und Ohren."

"Echt? Ich dachte, das ist nur in Filmen so.", erwidert Robert irritiert.

"Na ja, es lag auch eher daran, warum ich dort war. Sie waren der Meinung, ich hätte versucht, mich umzubringen. Deshalb musste ich mich in bestimmten Abständen beim Personal melden, durfte nur unter Aufsicht raus usw. Es war ein ziemliches Theater."

"Wie kamen sie darauf, dass du dich umbringen wolltest?", erkundigte sich Karl sorgenvoll.

Mit zitternder Stimme kommt die große Lüge über Valentins Lippen.

"Ich war auf einer Party und hatte schon einiges getrunken. Eigentlich kann ich mich gar nicht mehr richtig daran erinnern. Aber ich weiß, dass ich bereits gehen wollte.

Ich hatte einfach keinen Spaß und mir war nicht gut. Ihr wisst ja, ich bin Alkohol nicht gewohnt.

Jemand gab mir zwei kleine weiße Pillen. Sahen völlig harmlos aus. Er meinte, ich solle das mal probieren, das würde mich in Stimmung bringen. Und ich dachte, na ja, warum nicht. Wie gesagt, ich war schon beschwipst und habe nicht groß darüber nachgedacht, was ich da mache. Also schluckte ich die Tabletten. Was danach passierte, weiß ich nicht mehr.

Man hat mir erzählt, ich sei ohnmächtig geworden, mein Körper hätte gezuckt und irgendjemand muss den Notarzt gerufen haben. Als ich anfing, wieder zu mir zu kommen, muss ich ständig gesagt haben, lasst mich sterben. Natürlich wollte ich sterben. Mir war so schlecht. Das sagt doch jeder, selbst bei einem Kater. So etwas ist doch nicht ernst gemeint. Das sahen die anders. Sie pumpten mir in der Klinik den Magen aus und lieferten mich zwei Tage später im Bezirkskrankenhaus ab. Mit der Polizei. Weil ich nicht freiwillig mitgehen wollte."

"Das darf doch wohl nicht wahr sein", entrüstet sich Karl.

"Hast du nicht versucht, als du klar warst, im Krankenhaus mit dem Personal zu sprechen?", fragt Robert.

"Doch natürlich. Aber sie haben gesagt, sie würden einen Richter kommen lassen, der letztendlich nur die Notwendigkeit, mich dort festzuhalten, bestätigen würde; auf mehr könne ich nicht hoffen. Das sei Routine.

Ja, und dann blieb ich einfach. Kooperierte und hielt den Mund. Und ganz so schlimm war es ja auch wieder nicht. Ich bekam regelmäßig zu essen, hatte einen ruhigen Schlafplatz, war mit anderen zusammen, hatte verschiedene Therapiestunden und keine Ausgaben.“

Na ja, wenn du das so locker siehst, Valentin, soll's mir nur recht sein", meint Karl beruhigt.

"Genau. Hauptsache, du bist wieder draußen und kannst dein altes Leben aufnehmen. Wieder mit Vollgas loslegen", bekräftigt Robert.

"Das habe ich vor", erklärt Valentin.

"Arbeitest du wieder?", möchte Karl wissen.

"Nein, ich bin noch krankgeschrieben. Und ich überlege, eine Ausbildung zum Physiotherapeuten zu machen. Ich möchte nicht mehr zurück in die Werkstatt."

"Aber, Valentin, was redest du denn da?", entrüstet sich Karl. "Das ist ein relativ sicherer Job. Du bist jetzt schon mehrere Jahre dabei. Mach doch deinen Meister. Dann hast du etwas zu sagen. Und dann läuft alles auch viel leichter. Du verdienst mehr. Komm schon, Valentin, du hast ein goldenes Händchen für Autos. Gib das doch nicht auf. Oder? Was sagst du, Robert?"

Robert reagiert zurückhaltend: "Ich weiß nicht, vielleicht hast du recht. Aber es ist Valentins Entscheidung. Wenn er sich dort nicht mehr wohlfühlt ..."

Karl lässt seinen Sohn nicht ausreden. "Das ist doch heutzutage kein Argument mehr, dass man sich irgendwo nicht wohlfühlt. Er braucht doch eine Arbeit. Wovon soll er seine Rechnungen bezahlen? Und er hat eine Arbeit. Das können nicht alle von sich behaupten. Wie man so schön sagt: Das Leben ist nun mal kein Zuckerschlecken. Aber wenn er seinen Meister macht, kann es eines werden. Denk nur an das Geld, das dir dann zur Verfügung steht. Und du kannst dein eigener Chef sein."

Das Wohnzimmer, in dem sich die drei aufhalten, wird für Valentin im Nu zum Gefängnis. Er greift zu seinem üblichen Trick und nimmt erleichtert die Mauer wahr, die er gedanklich Stein für Stein um sich herum aufbaut und ist dankbar, sich beschützt zu fühlen. Ich muss irgendwie raus, denkt er sich. Möglichst schnell, bevor meine Schutzmauer zu bröckeln anfängt.

"Ich werde mir darüber Gedanken machen, Karl", erklärt Valentin. "Tut mir leid, aber ich muss noch zu einer Verabredung. Ich schau mal die Tage wieder vorbei."

Er steht auf, reicht mit einem gezwungenen Lächeln jedem die Hand und macht sich auf den Weg. Robert begleitet ihn hinaus bis zum Tor, wo sich Valentin noch einmal zu ihm umdreht.

"Ehrlich, Robert. Sei mir nicht böse, aber ich kann das mit dem Meister nicht mehr hören. Ich weiß, dein Vater meint es gut, aber das ist nicht annähernd das, was ich mir für mein Leben gewünscht habe. Du weißt das. Ich liebe Autos. Aber meine Ausbildung als Kfz-Techniker war für mich immer nur eine Notlösung. Ich hätte schon viel früher dort aufhören sollen. Es war halt bequemer, nichts Neues suchen zu müssen. Aber jetzt habe ich einen Plan. Und ich hoffe, ich habe die Kraft, ihn umzusetzen."

"Ist gut, Valentin. Wenn du etwas brauchst, melde dich. Wie wär´s, wenn wir mal wieder zusammen joggen? Dafür haben wir uns schon lange nicht mehr die Zeit genommen. Was sagst du? Morgen?"

Betreten schaut Valentin zu Boden. Er will seinen Freund nicht zurückweisen. Aber im Augenblick braucht er die Zeit für sich.

"Ein andermal gern, Robert. Zurzeit brauche ich etwas mehr Raum. Versteh das bitte nicht falsch. Ich melde mich bald wieder und dann holen wir alles nach. Ja?"

"Ok, klar. Lass von dir hören, wenn du so weit bist."

Sie reichen sich nochmal die Hand und Valentin macht sich gedankenversunken auf den Nachhauseweg.

Es überkommt ihn eine Übelkeit, die er nicht mehr loswird und von der er weiß, dass sie nichts mit seinem Mageninhalt zu tun hat.

Ist es das schlechte Gewissen, so gelogen zu haben? Bitter lacht er auf. Es ist weitaus mehr. Es sind Schuldgefühle.

Was bin ich nur für ein Mensch, fragt er sich. Robert ist mein Freund. Und Karl? Er war immer für mich da.

Valentin schüttelt über sich selbst den Kopf und hofft, die Übelkeit ebenfalls abschütteln zu können. Aber es bleibt beim Versuch. Der Erfolg stellt sich, selbst als er abends zu Bett geht, nicht ein.

Pulsuz fraqment bitdi.

15,12 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
120 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783754181461
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar