Kitabı oxu: «Peru»

Der Autor
Dr. Michael Hahn ist ein Historiker und Autor zweier kulturhistorischer Reiseführer und eines dreibändigen Handbuchs zur Geschichte Perus.
Michael Hahn
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Umschlagabbildung: Grenzübergang nach Peru bei der bolivianischen Ortschaft Desaguadero am Titicacasee (Foto: Michael Hahn)
1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-040946-0
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Ende der spanischen Kolonialherrschaft (1808–1826)
3 Caudillos und Guano (1826–1879)
4 Der Pazifikkrieg und das Aufleben des militärischen Caudillismus (1879–1894)
5 Die Aristokratische Republik (1895–1919)
6 Leguías Elfjahres-Herrschaft (1919–1930)
7 Zwischen Diktatur und Demokratie (1930–1968)
8 Militärischer Reformismus (1968–1980)
9 Ein verlorenes Entwicklungsjahrzehnt (1980–1990)
10 Neopopulismus und neoliberale Wende (1990–2001)
11 Peru im 21. Jahrhundert (2001–2020)
12 Neueste Entwicklungen (ab 2016)
13 Glossar
14 Bibliografie
15 Abbildungsnachweis
16 Register
Einleitung
»Peru ist von diesem Augenblick an frei und unabhängig durch den Volkswillen und durch die Rechtmäßigkeit seiner Forderungen, die Gott schütze. Es lebe das Vaterland! Es lebe die Freiheit! Es lebe die Unabhängigkeit!« (Hall 1824, 193–194; vgl. Ortemberg 2009, 86)
Mit diesen erhabenen Worten verkündete General José de San Martín am 28. Juli 1821 auf dem Hauptplatz von Lima die Unabhängigkeit Perus von Spanien. Trotz der feierlichen Proklamation vor Tausenden von Zuschauern sollte es noch Jahre dauern, bis die letzten spanientreuen Truppen das Land verließen. Erst die Niederlage in der Entscheidungsschlacht von Ayacucho besiegelte das Ende der spanisch-monarchischen Herrschaft in Südamerika. Tatsächlich endete die spanische Herrschaft in Peru mit der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde durch Vizekönig José de la Serna e Hinojosa nach der Niederlage seiner Truppen gegen Simón Bolívars Befreiungsheer unmittelbar nach der Schlacht von Ayacucho am 9. Dezember 1824. Bis im April 1825 war auch Hochperu (das heutige Bolivien) von spanischen Truppen befreit. Am 22. Juni 1826 kapitulierten die letzten spanischen Truppen, die sich 14 Monate lang in der uneinnehmbaren Hafenfestung Real Felipe in der Nähe Limas verschanzt hatten.
Alljährlich gedenkt Peru der Proklamation der Unabhängigkeit, die das Ende der spanisch-monarchischen Herrschaft und den Beginn als souveräner, republikanischer Staat symbolisiert. Die Nationalfeiertage erstrecken sich jeweils über drei Tage (28.–30. Juli) und werden mit großem Aufwand – inklusive einer Militärparade – gefeiert. Im Jahr 2021 begeht Peru den zweihundertsten Jahrestag der Unabhängigkeit. Wie beim 100-jährigen- bzw. 150-jährigen Jubiläum wird das Andenland weder Mühe noch Kosten scheuen, um den Feiern einen würdigen Rahmen zu verleihen und sie zu einem denkwürdigen Großanlass internationalen Zuschnitts zu machen. Für Nichtperuaner ist das eine gute Gelegenheit, sich mit der neuzeitlichen Geschichte des Andenlandes näher vertraut zu machen.
Das vorliegende Buch beschreibt die Geschichte Perus der letzten zwei Jahrhunderte, angefangen bei den Wirren der Unabhängigkeitskämpfe bis hin zur Gegenwart. Es basiert auf meinem umfangreichen Handbuch zur Geschichte Perus (2016, Bd. 3), ergänzt durch die Erkenntnisse der neuesten internationalen Fachliteratur. Auf eine landeskundliche Einführung folgt der historische Hauptteil. Kastentexte machen auf Besonderheiten und Charakteristiken des Andenlandes aufmerksam oder ermöglichen es, gewisse Sachverhalte über einen längeren Zeitraum hinweg zu verfolgen. Den Schluss bildet ein Glossar, das die wichtigsten Fachausdrücke und fremdsprachigen Begriffe erläutert. Am Ende eines jeden Kapitels finden sich Hinweise auf Standardwerke, empfehlenswerte Neupublikationen und deutschsprachige Bücher. Für detaillierte Quellen- und Literaturangaben sei auf das erwähnte Handbuch verwiesen. Wer aktualisiertes statistisches Material zu Themen wie Demografie, Sprachenvielfalt, Gesundheit, Bildung, Wohnen, Regierung oder Wirtschaft sucht, wird im Online-Anhang fündig (Link siehe Impressum).
Noch ein Wort zur Rechtschreibung. Für zahlreiche peruanische Namen, Orte und Begriffe besteht eine verwirrende Vielfalt von Schreibweisen. Als Beispiel sei die ehemalige Hauptstadt des inkaischen Reichs genannt, die bald als Cusco oder Cuzco, bald als Qosqo oder Q’osqo geschrieben wird. Der Verständlichkeit halber wird im Folgenden die gebräuchlichste Schreibung verwendet, wobei Einheitlichkeit als das Leitprinzip gilt.
Geografie
Mit einer Fläche von 1 285 216 km2 und einer Bevölkerung von etwas über 30 Millionen ist das Andenland fast dreimal so groß wie Deutschland und Österreich zusammen, zählt dabei aber nur knapp ein Drittel so viele Einwohner. Von West nach Ost setzt sich Peru aus einem flachen Küstenstreifen (Costa), dem andinen Hochland (Sierra), den Ostabhängen der Anden und dem Amazonas-Tiefland (Selva) zusammen. Flächenmäßig am kleinsten ist der Küstenstreifen, der rund 12 % des nationalen Territoriums einnimmt, jedoch die meisten Bewohner umfasst (58 % der Bevölkerung). Im Hochland, das 28 % der Landesfläche ausmacht, leben 28 % der Bevölkerung, während die größte Region – die Dschungelgebiete mit 60 % der Landesfläche – nur 14 % der Bevölkerung beherbergt. Zur Sierra gehören die mächtigen Bergketten der Anden, fruchtbare Täler und zwei riesige Hochebenen, in denen die beiden größten Seen des Landes liegen (Titicaca- und Junínsee). Im Hochland liegen die meisten der 12 000 Seen des Landes, und hier haben die großen Flüsse ihren Ursprung. Ein Teil strebt dem Pazifik zu, die restlichen fließen ostwärts in Richtung Amazonas-Tiefland und Atlantik. In den zwischen 2000 und 3500 Metern gelegenen Hochtälern gibt es zahlreiche größere Siedlungen und Städte. Kleinere Dörfer und Einzelgehöfte finden sich bis auf 5000 Meter Höhe. Hier lebt die Mehrzahl der indianischen Bauern, die dem beschränkten Ackerland eine Vielzahl von Knollengewächsen, Getreidearten, Hülsenfrüchten und Gemüsesorten abringt. Die dünn besiedelte Dschungelregion (Selva) zeichnet sich durch ihre biologische und sprachliche Vielfalt aus. Kulturell und ökologisch unterscheidet sie sich stark vom Rest des Landes.

Abb. 1: Karte Perus mit den Departements, den wichtigsten Städten, Flüssen und Bergen.
Zieht man auch noch das Meer mit ein, so eröffnen sich folgende Naturräume:
1) Der Pazifische Ozean mit dem kalten Humboldtstrom, der im Norden Perus von warmen tropischen Meeresströmungen in westliche Richtung abgedrängt wird. Von der Antarktis kommend, fließt der nährstoffreiche Humboldtstrom an der südamerikanischen Westküste entlang. Der kalten Strömung verdanken Chile und Peru ihre außerordentlich reichhaltige Meeresfauna. Die gewaltigen Sardinen- und Sardellenschwärme machten Peru jahrelang zum weltgrößten Produzenten von Fischmehl. Zudem ernährten sie riesige Kolonien von Meeresvögeln, deren Exkremente als nitratreiches Düngemittel (Guano) im 19. Jahrhundert ein Exportschlager waren. Der Humboldtstrom beeinflusst die Witterung an der Küste entscheidend, indem er das an und für sich heiße äquatoriale in ein gemäßigtes Klima verwandelt.
2) Die Küstenzone, die, abgesehen vom äußersten Norden und den Flussoasen, eine Wüstenlandschaft bildet. Sie umfasst die vorgelagerten kahlen Inseln und den Küstenstreifen landeinwärts bis zu einer Höhe von rund 500 Metern. Von den über 50 Flüssen, die aus den Anden kommend in den Pazifik münden, führen nur etwa ein Dutzend das ganze Jahr hindurch substanzielle Wassermengen. Sie lassen fruchtbare Oasen entstehen, die mit ihrem saftigen Grün die Eintönigkeit der Sand- und Geröllwüsten durchbrechen. Von Mai bis Oktober (während des südlichen Winters) liegt über vielen Küstenorten ein feiner Nebel, den die Peruaner Garúa nennen. Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit werden dann Wüstenzonen grün, Pflanzenteppiche schießen aus dem Boden und kahle Hügel blühen auf.
3) An den Küstenstreifen schließt sich die Yunga-Zone an (Quechua für »trockenes oder heißes Tal«). Tiefe Schluchten und enge Quertäler mit Steinwüsten und Sukkulenten prägen die Landschaft. Mehr als neun Monate lang bestimmt die brennende Sonne das Klima. Nur in den Hochsommermonaten, von Januar bis März, nimmt die Bewölkung etwas zu. Dennoch kommt es nur selten zu Niederschlägen. Wo Talböden und Hänge bewässert werden, sind sie bestens für den Anbau tropischer und subtropischer Nutzpflanzen geeignet.
4) Die vierte Zone, Kichwa genannt, liegt zwischen 2300 und 3500 Metern Höhe. Dank einem gemäßigten Klima, reichlich kultivierbarem Land und genügend Wasser kann sie für einen ertragreichen Ackerbau genutzt werden. Die ergiebigsten Äcker befinden sich auf den Talböden und den talnahen, benachbarten Hängen, wo insbesondere Mais gut gedeiht.
5) Die sanft ansteigende Kichwa-Region geht über in eine stark akzentuierte Landschaft mit steilem, kantigem und schroffem Relief. Diese Suni genannte Landschaft liegt zwischen 3500 und 4000 Metern in der kalten Klimazone, mit durchschnittlichen jährlichen Temperaturen zwischen 7° und 10 °C. Das Sommermaximum liegt bei 20 °C, das Winterminimum zwischen −1° und −16 °C. Auf den kargen Böden gedeihen Knollenfrüchte wie Kartoffeln, Oca, Olluco und Mashua, die proteinreiche Lupinie Tarhui sowie die widerstandsfähigen Getreidearten Quinua, Cañihua und Amarant.
6) Auf die Suni-Zone folgt die Puna in Höhenlagen zwischen 4000 und 4800 Metern. In den unteren Lagen (bis ca. 4200 Meter) wachsen noch die vorhin genannten Getreidearten und Knollengewächse. Oberhalb der landwirtschaftlichen Anbaugrenze erstreckt sich eine Hartgrassteppe – die Nahrungsgrundlage für die Lama- und Alpakaherden. Das weite Hochplateau im Süden, das sich zwischen der westlichen und der östlichen Andenkette ausdehnt, ist unter dem Namen Altiplano bekannt, was so viel wie »Hochebene« heißt. Es herrscht ein kaltes Klima mit Temperaturen, die nachts in der regenlosen Zeit von Mai bis September bis weit unter 0 °C fallen können. Zwischen Tag und Nacht bzw. Sonnen- und Schattenseiten bestehen markante Temperaturunterschiede. Abgesehen von einigen wenigen kleinen Oasen mit Gras und Polstergewächsen, die bis auf eine Höhe von 5200 Metern auftreten, dominieren Schnee, Firn, Eis und Gletscher die über der Puna gelegene Hochgebirgslandschaft. Die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht sind extrem, wobei das Thermometer bis auf −30 °C fallen kann. Permanente Schneefelder bedecken die Gebirgslandschaft von etwa 5300 Metern an aufwärts.
7) An der Ostflanke der Anden geht das Hochgebirge ebenfalls in die Puna über. Je tiefer man kommt, desto dichter wird die schüttere Grassteppe. Ananasgewächse und niedrige moosbehangene Bäume zeigen den nahen tropischen Regenwald an. Weiter unten geht der Niederwald in den immergrünen tropischen Bergwald über. Die Höhe dieser Übergangszone zwischen Puna und Wald schwankt gemäß der jeweiligen Topografie. Sie kann auf bis zu 3800 Metern liegen, der Obergrenze der vom Amazonas-Becken aufsteigenden feuchten Luftmassen. Der hoch gelegene tropische Regenwald (Selva Alta) bedeckt die zerklüfteten Gebirgsausläufer und die breiten Täler. Dazwischen gibt es auf Höhen zwischen 1000 und 2300 Metern inselartiges Siedlungs- und Ackerland, das sich zum Anbau von tropischen Pflanzen hervorragend eignet. Diese hügelige, von den Quellflüssen des Amazonas durchzogene Übergangszone zwischen der Sierra und dem Tiefland wird Montaña genannt.
8) Wo die äußersten Hügel der Montaña in das riesige Amazonas-Becken auslaufen, nimmt der tief gelegene tropische Regenwald (Selva Baja) seinen Anfang. Die fruchtbarsten Gebiete des Tieflanddschungels liegen entlang des Amazonas-Stroms und dessen Zuflüssen, die ihrerseits eine reiche aquatische Fauna bergen. Alljährlich treten die Flüsse über die Ufer und überschwemmen weite Ebenen, wobei sich nährstoffreiches Material ablagert. Dagegen sind die Urwaldböden zwischen den großen Flüssen im Allgemeinen weitaus karger, nährstoffärmer und besitzen nur eine dünne Humusschicht. Da die dichte Vegetation, aber auch die Überschwemmungen, Sümpfe und Seen ein Durchkommen auf dem Landweg stark erschweren, wickelt sich der Personen- und Warenverkehr hauptsächlich auf dem weit verzweigten Flusssystem ab. Ausgiebige Niederschläge – im Jahresdurchschnitt 2,9 Meter – und eine ganzjährig ziemlich konstante Temperatur sind für das feucht-heiße Klima verantwortlich. Die Durchschnittstemperatur beträgt 26 °C, wobei der Oktober mit Werten zwischen 34° und 37 °C wärmster Monat ist.
Abb. 2: Die Straßen in den Anden führen über steile, gefährliche Strecken. Hier eine der Passstraßen, die den Callejón de Huaylas mit dem Callejón de Conchuco (Dep. Áncash) verbinden. Die Passhöhe, die Punta Olímpica, liegt auf 4890 Metern über dem Meeresspiegel.
Naturgewalten
Seit Urzeiten haben Naturkatastrophen die Andenländer schwer getroffen. Vor der Westküste Perus liegt die sogenannte Nazca-Platte – eine ozeanische Platte, aus der die Erdkruste und der oberste Teil des Erdmantels aufgebaut sind. Sie bewegt sich ostwärts, wo sie mit der Südamerikanischen Platte kollidiert und wo ein Vulkangürtel entstanden ist. Von den über 400 peruanischen Vulkanen gelten zwölf als Sicherheitsrisiko. Bei einem etwaigen Ausbruch bedrohen Gase, Asche, Staub und Lavaströme Großstädte wie Arequipa oder ländliche Siedlungen. Den jüngsten Vulkanausbruch registrierte das Geophysikalische Institut Perus im Juli 2019. Es handelte sich um den 5672 Meter hohen Ubinas, den aktivsten Vulkan des Landes. 30 000 Personen mussten aus der Gefahrenzone evakuiert werden. Die bislang verheerendste Eruption ereignete sich im Jahr 1600, als der Vulkan Huayna Putina explosionsartig ausbrach. Ein Regen aus Lava und Asche ging über Felder und mehrere Indianerdörfer nieder. Im Umkreis von etwa 90 Kilometern bedeckte eine bis zu einem halben Meter dicke Ascheschicht Äcker, Weiden und Weingärten. Die austretende Lava versperrte dem Río Tambo den Weg, sodass sich der Fluss zu einem fast 40 Kilometer langen See staute. Als der natürliche Staudamm brach, schossen die Wassermassen durch das Tal in Richtung Meer. Auf einer Strecke von über 100 Kilometern verwüstete die Flut sämtliche Gärten und Äcker, sie entwurzelte die Fruchtbäume, fegte die Zuckerrohrfelder hinweg und riss das weidende Vieh mit in den Tod. Im Gefolge der Katastrophe verhungerte drei Viertel des Viehs, fast sämtliche Reben sowie die Frucht- und Olivenbäume starben ab. Die Aschewolke verdunkelte das Sonnenlicht und ließ weltweit die Temperaturen sinken. Während der nächsten zweieinhalb Jahre setzten kühle Sommer und bitterkalte Winter Mensch und Tier schwer zu. Es kam zu Hungersnöten, die unzählige Tote forderten.
Seit dem Jahre 1568 haben über 70 schwere Erd- oder Seebeben Peru erschüttert. Lima, Arequipa und Cusco, um nur die wichtigsten Städte zu nennen, sind im Verlauf ihrer Geschichte mehrmals zerstört oder schwer beschädigt worden. Immer wieder lösten Seebeben auch gefährliche Flutwellen (Tsunamis) aus. Am 28. Oktober 1746 brandeten mehrere Flutwellen über Limas Hafen Callao. Ein mit 34 Kanonen ausgerüstetes Kriegsschiff wurde über die Hafenstadt hinweggespült und blieb eineinhalb Kilometer von der Küste entfernt auf dem Festland liegen. Im Hafen Callao selbst blieben nur mehr Reste des Schutzwalles und einzelne Gebäudemauern stehen. Von der auf 5000 bis 6000 Personen geschätzten Einwohnerschaft überlebten keine 200 Menschen. Von 1970 bis heute suchten sieben schwere Erdbeben Teile Perus heim. Sie erreichten Stärken von 6,7 bis 8,4 auf der Richterskala. Das letzte schwere Erdbeben, gefolgt von einem Tsunami, fand im August 2007 statt.
Im Verbund mit den Erdbeben stellen überhängende Felsen und Gletscher eine unberechenbare Gefahrenquelle dar. Ein schweres Beben verursachte am 31. Mai 1970 einen fatalen Gletscherabbruch. Vom höchsten Berg des Landes stürzten gewaltige Eismassen in zwei Seen. Sie lösten eine Flutwelle und in ihrem Gefolge eine 800 Meter breite Schlamm- und Gerölllawine aus, welche die Provinzhauptstadt Yungay vollständig begrub. Insgesamt starben 70 000 Menschen und 500 000 wurden obdachlos.
Neben dem Vulkanismus und den Erdbeben drohen weitere Naturgefahren. Insbesondere in der Landwirtschaft richten Starkregen, Dürren, Hagel, Kälteeinbrüche und Nachtfrost sowie Knollenfäule, Schädlingsbefall, Ratten- und Mäuseplagen große Schäden an. Während der Regenzeit können sich sintflutartige Regenfälle im Hochland und im Dschungel ergießen. Sie lösen Erdrutsche und Muren aus, die Bewässerungskanäle, Straßen und Bahnlinien verschütten, Weiler, Dörfer oder Stadtteile zerstören und Gemeinden von ihrer Verbindung zur Außenwelt abschneiden. Im Amazonasgebiet schwellen die Flüsse alljährlich stark an und setzen riesige Waldgebiete unter Wasser.
Alle paar Jahre tritt im tropischen Pazifikraum eine Störung der ozeanischen und atmosphärischen Zirkulationsverhältnisse auf mit Auswirkungen auf weite Teile der Welt. Das Zirkulationsphänomen ist unter der Bezeichnung El Niño Southern Oscillation (kurz: ENSO) bekannt, wobei El Niño im Pazifischen Ozean, die Southern Oscillation in der Atmosphäre abläuft. An Perus Küste treten die Auswirkungen üblicherweise im Dezember auf, weshalb die Fischer das Phänomen als El Niño (das Christkind) bezeichneten. In Zyklen von früher fünf bis acht, in neuerer Zeit von drei bis fünf Jahren dringen Warmwasserströmun-
Abb. 3: Zur Zeit des Hochwassers werden Teile des Quartiers Puerto Belén in Iquitos überflutet.
gen bis an Perus nördliche oder sogar zentrale Küstenregion vor. Im kühlen Humboldtstrom steigt weniger kaltes, nährstoffreiches Wasser an die Oberfläche. Der Anstieg der Wassertemperaturen in Kombination mit dem Rückgang des Sauerstoff- und Kohlenstoffgehalts im Meereswasser wirken sich negativ auf die Reproduktionsfähigkeit der Mikroorganismen aus und stören die maritimen Nahrungsketten massiv. Die Kaltwasserfische sterben oder wandern ab, was für die riesigen Vogelkolonien, die Meeressäuger (Robben, Wale, Otter) und die Fischindustrie verheerende Auswirkungen hat.
Die wärmeren Wassertemperaturen wirken sich auch auf das Wettergeschehen aus: Wasser kann leichter verdunsten, die Luft wird feuchter und es bilden sich Wolken. Heftige Regenfälle und Überschwemmungen ziehen die ansonsten trockene Küstenregion in Mitleidenschaft, verwüsten Felder und Plantagen, zerstören Häuser, Brücken, Straßen und Trinkwasseranlagen. Die Überschwemmungen führen zur Verseuchung des Trinkwassers, sodass in den El-Niño-Jahren 1972–1973, 1982–1983 und 1997–1998 in den Flussoasen von Nordperu Typhus, Ruhr, Hepatitis sowie Magen- und Darminfektionen grassierten. Zugleich entstehen in El-Niño-Jahren im Wüstengebiet Sümpfe und Seen. Ödland verwandelt sich dann in grüne Weiden, die für einige wenige Wochen Tausenden von Ziegen zusätzliche Nahrung geben. Während Starkregen und Überschwemmungen die Küstenregionen heimsuchen, treten im zentralen und im südandinen Hochland Dürren auf.
Abb. 4: Das imposante Huayhuash-Gebirge im nördlichen Zentralperu.