Kitabı oxu: «Glücklich wollen wir mit Sicherheit sein»
Michael Klaus Wernicke
Glücklich wollen wir mit Sicherheit sein
Augustinus’ Suchen nach dem Glauben
Michael Klaus Wernicke
Glücklich wollen wir
mit Sicherheit sein
Augustinus’ Suchen
nach dem Glauben

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.
1. Auflage 2015
© 2015 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter-verlag.de
Umschlag: Peter Hellmund
(Bild: The Bridgeman Art Library / Getty Images)
Satz: Hain-Team (www.hain-team.de) Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck ISBN 978-3-429-03821-2 (Print) 978-3-429-04804-4 (PDF) 978-3-429-06220-0 (ePub)
Inhalt
Versuch eines Vorworts
Kindheit und Jugend
Der Student
Die Lektüre von Ciceros „Hortensius“
Manichäer
Lehrer der Rhetorik
Wieder in Karthago
In Rom
In Mailand
Nachdenken über Gott
Die Bekehrung
Cassiciacum
Taufe und Rückkehr nach Afrika
Zurück in Afrika
Kloster in Thagaste
Priester
Das Gartenkloster
Der Bischof
Monasterium clericorum
Der Kampf für die katholische Kirche und ihre Lehre
Der Prediger
Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan
Gegen Fallensteller und Menschenhändler
Die Sehnsucht betet immer
Die Goten nehmen Rom ein
Lebensende
Verfolgung durch die Vandalen
Quellen und Literatur
Versuch eines Vorworts
Ich bin wohl das, was man einen Milieukatholiken nennt. Hineingeboren, getauft und aufgewachsen in einer Berliner, von Augustinermönchen betreuten Pfarrei bot man mir dort alles, was ich brauchte: nette Freunde und – in erster zaghafter Annäherung – auch Freundinnen, uns jungen Menschen durchaus ansprechende Gottesdienste, Spiel und Spaß. Die älteren Jugendlichen vergnügten sich beim „Schwofen“, wie sie es nannten, bei in unserem Gemeindesaal stattfindenden Tanzveranstaltungen. Mancher junge Mann, manche junge Frau fanden dort ihre Ehepartner. Ich bin ein Milieukatholik, und das ist gut so.
Und doch war Religion für mich in erster Linie Moral, ein „Du darfst nicht!“ und „Du sollst!“ Es schlug mir das Gewissen, dass ich gelogen, dass ich Bücher ausgeliehen und nicht zurückgegeben hatte, und es plagten mich erste erotische Phantasien. Sünden müssen im Fegefeuer abgebüßt werden, auf den Todsünder warten gar ewige Höllenstrafen, lernte ich im Religionsunterricht. Trotz schöner Erlebnisse im Kreis der Freunde und der Patres, die viel Geduld und Verständnis für uns aufbrachten, lauerte immer in einem dunklen Seelenwinkel die Angst.
Ich wurde dann selber Augustiner und Priester, und während des Studiums der Moraltheologie musste ich noch gründlicher lernen, welche Sünden zum Verlust der Heiligmachenden Gnade führten, zur Kündigung der Gottesfreundschaft. Und das waren viele.
Als ich im Sommer 1962 in meiner Heimatpfarrei St. Rita in Berlin Primiz feierte und einige Wochen dort verweilte, wurde ich aufgefordert, die Predigt am Fest des hl. Augustinus am 28. August zu halten. Es war ein warmer Sommer. Eines Abends sah und hörte ich einen Mann, der – es war ein Freitag – seinen Arbeitslohn, wie damals üblich, bar „auf die Kralle“ erhalten und einen Teil davon in Alkohol umgesetzt hatte, leicht taumelnd beständig laut vor sich hinreden: „Mensch, bin ick glücklich! Mensch, bin ick heute glücklich!“ Ich hatte den Einstieg in meine Predigt gefunden; denn ich hatte in den „Confessiones“, den „Bekenntnissen“, die Stelle entdeckt von dem Bettler in Mailand, der betrunken seine Scherze machte. Augustinus sagte zu seinen Freunden: „Seht euch den an. Er ist glücklich, ist in einem Zustand, den wir mit all unserer Plackerei zu erreichen suchen und doch nicht erreichen.“ Ich begriff, dass Augustins Suchen nach dem Glauben die Suche nach Glück war: denn der Besitz Gottes ist das Glück, wie die Diskutanten in dem Cassiciacum-Dialog über das glückliche Leben herausfinden. Ich verstand, dass es nicht zunächst um die Moral geht, sondern um das Glück im Glauben, das sich vollenden soll im Schauen.
Auf das Glück, auf das selige Leben kommt Augustinus immer wieder zu sprechen, und deswegen habe auch ich in meinem sicher sehr defizitären Versuch, sein Leben zu beschreiben, immer wieder auf diese Glückssuche hingewiesen.
Bin ich glücklich? Nicht immer und nicht bis in die tiefste Tiefe meiner Seele. Augustinus möge mir ein Führer zum wahren und vollkommenen Glück sein, Augustinus, der von manchen Philosophen und Theologen als Erfinder des willkürlich strafenden Gottes hingestellt wird, als einer, der in seiner Theologie eine Logik des Schreckens entwickelt hat. Für mich soll er der große Glückssucher bleiben, der die ihm Anvertrauten zum seligen Leben führen wollte, das er auch für sich ersehnte.
P. Michael Klaus Wernicke OSA
Kindheit und Jugend
Ein niedliches Baby war er, das lächelte, zuerst im Schlaf, dann im Wachen; ein Schreihals, der durch lautes Weinen sein Begehren kundzugeben versuchte und der, wenn ihn die Erwachsenen nicht gleich verstehen konnten oder wollten, durch lautes Geheul an ihnen Rache nahm. So schildert Augustinus seine Säuglingszeit, an die er sich nicht erinnerte, von der ihm aber Eltern und Ammen erzählten. Später beobachtete er auch, um die eigene Kindheit zu rekonstruieren, Säuglinge, den Knaben zum Beispiel, der bleich, mit bitterbösen Blicken auf seinen Milchbruder starrte, dem gerade die Brust gereicht wurde, während er, der Neidische, zunächst leer ausging. Der erwachsene Augustinus zieht aus solchen und anderen unleidlichen Verhaltensweisen kleiner Kinder den Schluss: „Ist vor Dir, Gott, doch keiner rein, auch das Kind nicht, das nur einen Tag auf der Welt ist.“
Er glaubt nicht an kindliche Unschuld, wird aber ganz und gar nicht zum Rabenvater, als seine Freundin ihm nach höchst unwillkommener Schwangerschaft einen Sohn gebiert, „Nachkommenschaft wider Wunsch und Willen“, der doch, einmal geboren, sich die Liebe der Eltern zu gewinnen wusste. Aber davon später.
So schildert Augustinus seine Kindheit in den „Confessiones“, den „Bekenntnissen“, dem berühmtesten und am meisten gelesenen Buch seiner 107 Werke, das er wohl Ende 397 begonnen hat. Da die hier gebotene Lebensbeschreibung bis zum Tod der hl. Monnica, der Mutter Augustins, dieser Schrift folgen wird, sei dargelegt, was der Verfasser mit seinen Bekenntnissen beabsichtigte, was er mit ihnen sagen wollte und was er offensichtlich nicht sagen wollte.
„Confiteri“, das Verb, von dem sich das Substantiv „Confessiones“ ableitet, kann „bekennen“ heißen, aber auch „lobpreisen“. Der Wortbedeutung entsprechend, ist das Buch Sündengeständnis, Glaubensbekenntnis und Lobpreis der Barmherzigkeit Gottes. Warum nun breitete Augustinus seine Sünden und Irrwege vor der Öffentlichkeit aus? Er selbst stellte sich diese Frage und antwortete: „Damit wir, ich und jeder, der das liest, bedenken, aus welcher Tiefe man zu Dir, Gott, rufen darf.“ Es sollen also die ermuntert werden, die das Gewissen drückt und die unter der Last ihrer Schuld mutlos zu werden drohen.
Dem Glaubensbekenntnis, oft verbunden mit dem Lobpreis, begegnet der Leser auf vielen Seiten, ja schon im ersten Satz: „Groß bist Du, Herr, und hoch zu preisen, und groß ist Deine Macht und Deine Weisheit unermesslich. Und preisen will Dich der Mensch …“ Unser Gott, neben dem es keinen anderen gibt, wird angerufen als „Höchster, Bester, Mächtigster! Ganz allmächtig, ganz barmherzig und gerecht, ganz verborgen …“
Ein Mutmacher für die Mutlosen, eine Werbeschrift für den Glauben wollen die „Confessiones“ sein und nicht so etwas wie Memoiren, die Politiker nach dem Rückzug aus der Öffentlichkeit schreiben oder schreiben lassen. Von der schweren Staatskrise, die 383 mit dem Einmarsch des Usurpators Magnus Maximus in Gallien begann und 389 mit dessen Übergang über die Alpen ihren Höhepunkt fand, liest man in den „Bekenntnissen“ kein Wort, obwohl Augustinus, der sich in Mailand als Sprecher der Regierung auf politischem Parkett bewegte, ganz sicher davon erfahren hat, von der er in Ostia sogar direkt betroffen war. Davon soll später noch die Rede sein.
Auch von der Geschichte der Liaison mit einer Frau, die ihm sogar einen Sohn geboren hat, erzählt Augustinus kaum etwas. Er nennt nicht einmal ihren Namen. Es ist für den modernen Leser befremdlich, dass er die Geliebte nur an zwei Stellen der „Bekenntnisse“ erwähnt: Kurz erzählt er vom Beginn ihres Zusammenlebens und vom Ende. Monströs nennt der Philosoph Kurt Flasch, der freilich dem Augustinus wenig bis gar keine Sympathie entgegenbringt, dass die Selbstanklage wegen eines Birnendiebstahls Seite um Seite füllt, das Zurückschicken der Frau nach Afrika, der Frau, mit der er immerhin 15 Jahre lang zusammengelebt hat und „deren Trennung von dem gemeinsamen Sohn … für ihn kein moralisches Problem“ bildet. Man könnte bei der Zurückhaltung Augustins, mit der er sein Verhältnis zu der Frau behandelt oder eben nicht behandelt, auch an Diskretion denken.
An Augustinus scheiden sich bis heute die Geister. Während Kurt Flasch ihn ganz entschieden nicht mag, begeisterte sich Etty Hillesum, eine junge, gescheite, gebildete holländische Jüdin, die am 7. September 1943 „auf Transport“ geschickt wurde und wenige Wochen später, am 30. November, in Auschwitz starb, für ihn. Sie schrieb in ihr Tagebuch: „Ich werde wieder den hl. Augustinus lesen. Er ist so streng und so feurig. Und so leidenschaftlich und voller Hingabe in seinen Liebesbriefen an Gott.“ Wahrscheinlich las sie die „Bekenntnisse“ und darin diesen klagenden und sehnsüchtigen „Liebesbrief“: „Spät habe ich Dich geliebt, Du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät habe ich Dich geliebt. Und siehe, Du warst innen und ich war draußen, und da suchte ich nach Dir, und auf das Schöngestaltete, das Du geschaffen, warf ich mich, selber eine Missgestalt. Du warst bei mir, ich war nicht bei Dir. Was doch nicht wäre, wär’ es nicht in Dir: das eben zog mich weit von Dir. Du hast gerufen und geschrien und meine Taubheit zerrissen; Du hast geblitzt, geleuchtet und meine Blindheit verscheucht; Du hast Duft verbreitet, und ich sog den Hauch und schnaube jetzt nach Dir; ich habe gekostet, nun hungere ich und dürste; Du hast mich berührt, und ich brenne nach dem Frieden in Dir.“
Es wird nun Zeit, den Faden der Erzählung wieder aufzunehmen. Es bleibt noch zu erwähnen, dass auch, nachdem Augustinus die Erzählung von seinem Weg zum Glauben mit dem Tod seiner Mutter abschließt, es an biographischem Material nicht fehlt: Possidius übernimmt die weitere Berichterstattung, ein bewundernder Freund, Mitbruder im Klerikerkloster zu Hippo, später Bischof von Calama. Er beschreibt das Leben seines und unseres Helden von dessen Priesterweihe bis zum Tod.
Das lächelnde, das gesättigte, wohlig zufriedene, zuweilen hungrig plärrende, manchmal zornig heulende Baby, das Augustinus einst war, ist – wie er selbst uns verrät – am 13. November 354 geboren, zu Thagaste, einer kleinen Stadt in Numidien im römischen Afrika, das heutige Soukh Arras in Algerien. Der Vater, Patritius, zwar ein Bürger mit bescheidenen Mitteln, doch Mitglied der städtischen Curia, ein Ratsherr also, war noch Heide, ließ sich erst ins Katechumenat aufnehmen, als Augustinus 16 Jahre alt war, und empfing die Taufe kurz vor seinem Tod. Die Mutter dagegen, Monnica, war Christin, katholisch, „keusch und nüchtern“, wie der Sohn später bezeugt. Zweimal am Tag ging sie in die Kirche, „damit sie Dich, Gott, hörte in Deinen Predigten und Du sie in ihren Gebeten“. Augustin hatte noch einen Bruder, Navigius, der später mit ihm die Zeit in Cassiciacum verbrachte, diese Tage der besinnlichen Vorbereitung auf die Taufe. Nach Possidius, dem Freund, gab es auch eine Schwester, deren Name nicht bekannt ist und die nach dem Tod ihres Gatten ein Frauenkloster in Hippo leitete, in der Stadt, in der Augustinus Bischof war.
Augustins Muttersprache, die er wie jedes Kind im Spiel lernte, war das Lateinische, seine Welt das Römische Reich, dessen westliche Hälfte Kaiser Constantius II., der Sohn des großen Konstantin, regierte.
Der kleine Augustinus wurde nicht getauft, obwohl es die Kindertaufe zu seiner Zeit schon gab, wurde aber bezeichnet mit dem Zeichen des Kreuzes und mit dem Salz dessen gewürzt, der sich in Demut „herabließ zu unserem Hochmut“. Das Kreuz und das Salz bezeichneten die liturgischen Akte, mit denen der Mensch ins Katechumenat aufgenommen wurde, angegliedert wurde an Christi mystischen Leib. Einmal, als er sehr krank war, wünschte er sich, obwohl noch ein Kind, die Taufe, vergaß sein Begehren aber, als das Fieber vorüber war und er sich wieder heil und gesund fühlte.
Sehr bald erkannten die Eltern, dass ihr Sohn einen schnellen und hellen Verstand hatte, und sie hegten ehrgeizige Pläne für ihn, wollten, was Väter und Mütter immer wollen: Unser Sohn soll es einmal besser haben als wir, soll durch Bildung beruflich Erfolg haben und gesellschaftliches Ansehen gewinnen. „So gab man mich zur Schule“, erinnert sich Augustinus, „damit ich lesen und schreiben lernte, wovon ich Armer nicht einsah, was das nützen sollte“.
Lieber, als sich mit dem ABC zu beschäftigen, gab er sich mit anderen Kindern dem Ballspiel hin. Wenn er aber, weil er seine Zeit spielend verbracht und deshalb seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, hinter den Erwartungen des Lehrers zurückblieb, bekam er Schläge, die so schmerzhaft waren, dass er große Angst vor der Bestrafung hatte. Und so betete er, der Kleine, mit nicht kleiner Inbrunst, er möge doch in der Schule nicht geschlagen werden. Später sah Augustinus in diesem kindlichen Flehen den Keim des Glaubens, der schon früh von der Mutter in sein Herz gepflanzt worden war, des Glaubens, „dass Du, Gott, jemand Großer seist, der uns … erhören und uns helfen könne“.
Mit der Zeit aber gewann er das Lateinische lieb, freilich nicht das der untersten Stufe, sondern wie es die sogenannten Grammatiker lehrten, die mit ihren Schülern eine intensive Dichterlektüre betrieben und eine darauf beruhende Einführung in Grammatik und Stil. Die Anfangsgründe mit Lesen und Schreiben und Rechnen seien ihm lästig gewesen und qualvoll, erzählt er. Die schöne Literatur dagegen begeisterte ihn. Zwar blickt er später als Christ, als Bischof skeptisch selbst auf den großen Publius Vergilius Maro, den „die Knaben lesen“, den großen Dichter, „von allen der berühmteste und beste“, dessen Verse über die Irrfahrten des Aeneas er auswendig lernen musste, „der eigenen Irrwege vergessend“. Er las ihn jedoch weiterhin zusammen mit seinen Studenten in Cassiciacum und zitierte ihn eifrig in seinem gewaltigen Werk vom Gottesstaat. Die schlüpfrige Komödie „Der Eunuch“ von Terentius Afer aber fand er vom Standpunkt des christlichen Moralisten gesehen völlig unakzeptabel. Aber auch von diesem Dichter finden sich Sprüche in Augustins Werken. Die Briefe des Horaz, mit Vergil einer der großen Dichter des Augusteischen Zeitalters, kannte er. Er erwähnt die Fasti, den römischen Festtagskalender des Ovid. In die bedeutende römische Literatur ist er aber nicht mehr in der Schule zu Thagaste, sondern in Madaura eingeführt worden, das etwa 30 Kilometer von seiner Heimatstadt entfernt war.
Als Augustinus 16 Jahre alt war, musste er seine Studien unterbrechen. Die Eltern konnten das Schulgeld nicht mehr aufbringen, das für den Unterricht in der Literatur zu zahlen war. Also sah sich der Vater nach einem Sponsor um; denn beide, Vater und fromme Mutter, waren darauf aus, dass der Sohn „einen möglichst guten Stil sich aneigne und durch die Kunst des Wortes zu überreden lerne“ als Anwalt oder Lehrer. Bildung war der einzige Weg, herauszukommen aus der Armut des Elternhauses und der Enge der kleinen afrikanischen Stadt.
Augustinus hatte Ferien, unfreiwillig. Und er, der Sechzehnjährige, der sich in der Pubertät befand, spürte heftige Regungen des Triebes, Regungen, von denen er nicht durch die Anstrengungen des Studiums abgelenkt wurde. Das Dorngestrüpp der Sinnlichkeit sei ihm über den Kopf gewachsen, klagt er in den „Bekenntnissen“, „und es war keine Hand da, es auszureißen. Im Gegenteil, mein Vater, wie er nun einmal war, erzählte, als er beim Bäderbesuch die Zeichen durchbrechender Mannesreife und den Drang meines jungen Leibes bemerkt hatte, voll Vergnügen der Mutter davon, als trüge er bereits auf Enkel an …“
Luther zitiert diese Stelle in der Widmung an seinen Vater, die er seinem Buch über die Mönchsgelübde voranstellt: „Du warst mit väterlicher Liebe besorgt wegen meiner Haltlosigkeit, als ich schon ein Jüngling war, gerade mein 22. Lebensjahr begonnen hatte, das meint, um ein Wort Augustins zu gebrauchen, mit hitziger Jugendkraft bekleidet war. Weil du an vielen Beispielen gesehen hattest, dass ein solches Leben gewissen Leuten zum Unglück ausgeschlagen war, bestimmtest du, mich mit dem Band einer ehrenhaften Ehe zu binden.“ Mit unruhiger, Luther liest: hitziger Jugendkraft bekleidet; inquieta indutus adolenscentia übersetzt Bernhart: Der Vater bemerkte „den Drang meines jungen Leibes“. Augustinus beklagte, dass das, was Luthers Vater plante, um die überschießende Sexualität in geordnete Bahnen zu lenken, selbst von seiner frommen Mutter nicht versucht wurde: „Es lag ihr nicht am Herzen, meinen Zustand, den sie aus der Erzählung ihres Mannes kannte und als Verderbnis und kommendes Unheil empfand, wenigstens in die Schranken ehelicher Liebe zu bannen.“
Aber entsetzt war die Mutter schon über das, was sie von ihrem Gatten gehört hatte. Es überfiel sie die Angst, dass der Sohn auf krumme Wege geriete, „wie diejenigen sie wandeln, die Dir, o Gott, den Rücken kehren, nicht das Angesicht“ zuwenden.
Monnica mahnte den Sohn eindringlich unter vier Augen, doch er tat, was Sechzehnjährige, die von ihren Müttern ermahnt werden, zu tun pflegen: Er lachte, hielt er doch solche Mahnungen für weibisch, und sie in den Wind schlagend, trieb er es „bis zum Verwildern im Wechsel tagscheuer Liebesfreuden“. Seinen Kumpanen gegenüber, einer „Bande von Taugenichtsen“, rühmte er sich seiner Abenteuer, und wenn er gar keine bestanden hatte, dann log er sie sich zusammen, der Angeber.
Mit diesen Kameraden zog er eines Nachts los, um Birnen zu stehlen, Früchte, die „nichts Verlockendes hatten, weder nach Aussehen noch Geschmack“. Sie aßen sie nicht, sondern warfen sie den Schweinen hin. Sie fanden die Tat lustig, weil sie nicht erlaubt war. Es gab keinen Grund für den Diebstahl, die Bosheit hatte eben nur die Bosheit zum Grunde. „Ich liebte es, zu verkommen, ich liebte meine Sünde: nicht das, wonach ich in der Sünde griff, sondern mein Sündigen selbst“, so klagte er später, als er erkannte, dass er mit diesem grundlosen Birnendiebstahl auf dem Grund der moralischen Verkommenheit angekommen war.
Der Student
Der Vater fand schließlich einen Gönner, der bereit war, das Studium des Sohnes zu bezahlen: Romanianus, einen reichen Grundbesitzer, einen Bürger Thagastes. Augustinus blieb ihm in Dankbarkeit verbunden: „Du hast mir armen Jungen, der studieren wollte, dein Haus geöffnet, dein Vermögen und, was mehr ist, dein Herz, hast mir nach dem Tod meines Vaters Trost gegeben …“
So kam er denn nach Karthago als Neunzehnjähriger und begann „mit jenen Studien, die man die höheren nennt“, den Studien der Rhetorik, die abzielten auf „die kampferfüllten Gerichtshallen“; „dort wollte ich glänzen“ als Verteidiger oder Ankläger, „um so ruhmreicher, je gewandter ich das Recht verdrehen würde“, gesteht er in den Bekenntnissen.
Außerhalb der Hörsäle gab er sich als Mann von Welt – elegans et urbanus –, wurde leidenschaftlicher Theaterbesucher und hatte seine Liebschaften. Die aber mündeten schließlich im Jahr 372 in eine feste Beziehung. Heiraten wollte er allerdings seine Freundin nicht; denn er strebte nach einem ehrenvollen Posten „und dazu noch eine Ehefrau mit etwas Vermögen, um unsere Ausgaben nicht zu sehr zu belasten“. Er blieb aber der jungen Frau, deren Namen er nicht preisgibt, treu, hatte keine Affären mehr, bis es etwa 385 zur von Monnica betriebenen Trennung kam, worüber noch zu reden sein wird.
In Karthago gebar ihm die Freundin einen Sohn: Adeodatus, der von Gott Geschenkte. Das ist der ins Lateinische gewendete punische Name Iatanabaal, der beliebt war bei Karthagos Christen. Der Junge wuchs heran und entwickelte sich zu einem Hochbegabten. Ein Zwiegespräch mit ihm zeichnete Augustinus auf in dem Buch „Über den Lehrer“. In den „Bekenntnissen“ erinnert er sich dieses Dialogs: „Es ist da mein Buch, welches den Titel hat ‚Der Lehrer‘. Er, mein Sohn Adeodat selbst, führt dort mit mir ein Gespräch. Du weißt, mein Gott, dass alle Probleme, die dort von meinem Partner in das Gespräch gebracht werden, seine eigenen Empfindungen waren, als er im sechzehnten Lebensjahr stand. Andere bewundernswerte Dinge habe ich reichlich von ihm erfahren. Diese Begabung erweckte in mir Schauder.“
Die Lektüre von Ciceros „Hortensius“
Es gibt ein kleines, auf Englisch abgefasstes Gedicht. Es ist gewiss salopp formuliert, mit einem Schuss Humor. Der unbekannte Dichter mag gelächelt haben; aber es war ein nachdenkliches, vielleicht etwas trauriges Lächeln:
I’d like to know
what this whole show
is all about
before its out.
Es ist die Frage nach dem Sinn meines Lebens und dessen, was um mich herum vorgeht, eine Frage, die sich vielen Menschen irgendwann stellt und vor der eines Tages auch Augustinus stand.
Nach eigenem Eingeständnis beteiligte sich Augustinus am „schändlichen Liebestreiben“, das in Karthago um ihn her brodelte, bis er mit seiner Freundin zusammenzog; er suchte und fand Zerstreuung und Vergnügen im Theater. Eines Tages aber überfiel ihn die Frage, „what this whole show is all about“. Und das kam so:
Als er 19 Jahre alt war, hatte er, so sah es der Lehrplan vor, das Buch „Hortensius“ von Cicero zu lesen. „Jene Schrift aber hat zum Gegenstand die Aufmunterung zur Philosophie … Sie gab meinem Gemütsleben eine andere Richtung … Es schwand mir mit einem Schlag alle Hoffnung auf Nichtiges, mit ungemeiner Bewegung des Herzens verlangte ich nach dem Unvergänglichen der Weisheit.“
Der „Hortensius“ ist ein Dialog, den Cicero 46/45 v. Chr. geschrieben hat. Er ist leider verlorengegangen, wurde aber von den Philologen in mühsamer Kleinarbeit wie ein Puzzle rekonstruiert. Die Puzzlestücke fanden die Gelehrten bei anderen Schriftstellern, vor allem bei Augustinus, der immer wieder aus diesem Werk zitiert. Wenn auch noch Teile fehlen, so kann man sich doch ein Bild machen von der Szenerie und dem Verlauf, den die Diskussion nahm: Cicero, Hortensius Hortalus und Quintus Lutatius Catulus treffen sich und spazieren zur Villa Neapolitanum des Lucius Licinius Lucullus, der noch dem iPad-Freak als Feinschmecker bekannt ist, der die Kirsche von Asien nach Europa gebracht hat. Alle vier Herren sind gestandene Politiker. Alle vier waren für jeweils eine Amtsperiode zu Konsuln, also in das höchste Amt der Republik, gewählt worden. Zwei von ihnen hatten als Generäle große Siege erfochten: Catulus zusammen mit Marius gegen die Kimbern, Lucullus gegen den König Mithridates VI. Trotz der Anschaulichkeit des Bildes ist der Dialog eine Fiktion, denn die Herren, die Cicero als seine Gesprächspartner auftreten lässt, waren zur Zeit der Abfassung des Werkes schon tot.
Mit höflicher Bewunderung der Kunstschätze, die Lucull in seiner Villa aufgehäuft hat, beginnt das Gespräch. Auch die reiche Bibliothek des Gastgebers findet reges Interesse. Schließlich kommt Cicero zur Sache: zu Nutz und Frommen der Philosophie. Hortensius gibt den Advocatus Diaboli, was wohl dem Charakter und der Haltung des wirklichen Hortensius entsprochen hat. Er wirft den Philosophen vor, unverständliches Zeug von sich zu geben, wovon sie selbst nicht überzeugt seien und wonach sie schon gar nicht handelten. Es gäbe auch so viele Schulen, die in ihren Lehraussagen einander widersprächen, was zwangsläufig zur Skepsis führe, zur verächtlichen Ablehnung jeder philosophischen Welterklärung.
Diesen Einwänden gegenüber sucht Cicero nach einem festen Halt, einem Satz, einem Axiom, dem ein jeder zustimmen könnte. Was das ist, darüber belehrt ein Zitat aus dem Dialog, das Augustin selbst in dem Gespräch „Über das glückliche Leben“ überliefert, eines der Puzzleteile, welche die Philologen zusammengesetzt haben: Cicero habe mit einer sicheren Sache, worüber keiner Zweifel äußern könnte, seine Erörterungen begonnen. Er habe nämlich gesagt: „Sicherlich wollen wir alle glücklich sein“. Nun gibt es viele Meinungen darüber, welches der rechte Weg zum Glück sei. Cicero warnt vor den Wegen, die in die Irre führen. Das, was die Fortuna, die Glücksgöttin, ein zufälliges Schicksal, den Menschen in den Schoß wirft: Reichtümer, Ruhm in der Gesellschaft, sinnliche Vergnügungen, schenkt nicht die ersehnte Glückseligkeit, denn der Mensch lebt in der ständigen Furcht, diese Dinge wieder zu verlieren. Furcht und Glück aber schließen sich aus.
Unverlierbar ist das Streben nach Weisheit. Weisheit aber definiert Cicero als Wissenschaft von den göttlichen und menschlichen Dingen und ihrer ursächlichen Zusammenhänge. Damit behauptet er, dass die Weisheit eine umfassende Welterklärung bieten könne und damit auch eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, glaubt aber nicht, dass diese Weisheit je zu erreichen sei. Im blanken Streben nach ihr besteht das Glück.
Augustinus las den Hortensius „wieder und wieder“ und er „brannte“ darauf, sich aufzuschwingen, „weg vom Irdischen“, hin zu Gott. „Denn ‚ihren Sitz hat die Weisheit bei dir‘ (Ijob 12,15 f); Liebe zur Weisheit aber besagt das griechische Wort Philosophie, und zu dieser Liebe entflammte mich jene Schrift.“
Nur eines störte ihn: Der Name Christi kam in Ciceros Schrift nicht vor. Sicher war er nicht so naiv zu glauben, dass in einem Buch, das etwa 50 Jahre vor Christi Geburt geschrieben worden ist, Jesus hätte erwähnt werden können. Vielmehr hoffte er, dass Christi Lehre, die er „schon mit der Muttermilch getrunken“, in den Rahmen des Hortensius passen, Ciceros Gedanken erweitern, an Stelle von dessen skeptischem Zweifel Sicherheit setzen könnte. Sah er doch auf vielen Sarkophagen Christus dargestellt als Lehrer, umgeben von einer Schülerschar, als die Weisheit, die dem, der sie besitzt, das Glück schenkt.
Er griff nun zur Heiligen Schrift, legte sie aber enttäuscht zur Seite. Die Bibel erschien ihm „unwürdig, mit der Würde des Ciceronischen in Vergleich zu treten; ja, mein geschwellter Pathos sträubte sich wider ihre unscheinbare Weise, und meine Sehkraft reichte nicht in ihr Inneres hinein“.
Trotz der Anregungen, die er durch den „Hortensius“ empfangen hatte, lebte er zunächst weiter wie bisher. Er lechzte weiterhin nach Ruhm, gab er in den „Bekenntnissen“ zu, „nach Gewinn, nach Ehe“. Und schon schien ihm ein ehrenvoller Posten zu winken – „was sollte man sich darüber hinaus wünschen? … eine Ehefrau mit etwas Vermögen, um die Ausgaben nicht zu sehr zu belasten …“
Später spricht er von dem Hafen der Philosophie, von dem aus man an Land gehen könne an das Land der Glückseligkeit. Er aber fand den Weg nicht, weil Nebel ihm die Sicht nahmen und er den Stand der Gestirne falsch deutete.
Manichäer
Der Nebel, der ihn den rechten Weg zum Hafen nicht finden ließ, war der Manichäismus, dessen Stifter, Mani, 216 im Zweistromland geboren, von sich selbst sagte, dass er Apostel Jesu Christi sei nach dem Willen Gottes, des Vaters der Wahrheit, dessen Anhänger sich als die wahren Christen betrachteten. Bei ihnen fand Augustinus den Namen Christi. Es mag ihn wohl auch angezogen haben, dass die Manichäer das Alte Testament ablehnten, nicht als göttlich inspiriert anerkennen wollten. Sie stürmen, so schrieb er als Bekehrter in dem Buch „Über die Sitten der katholischen Kirche“, ebenso unverständig wie unfromm gegen das Gesetz an, das sogenannte Alte Testament, sie blähen sich auf „in eitler Prahlerei unter dem Beifallsgeklatsch unverständiger Menschen“. Dabei habe doch Christus, Gottes Weisheit, gesagt: „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22,40). Er, Jesus, zitiert also das Alte Testament, vollendet es. Damals aber, als Augustinus die Bibel zu lesen versuchte und sie, von der Lektüre enttäuscht, mürrisch zur Seite legte, stießen ihn wohl die Geschichten vom Betrug Jakobs ab, der dann seinerseits von seinem Schwiegervater Laban gemein betrogen wurde, der, obwohl er doch schon zwei Frauen hatte, mit der Magd Silpa einen Sohn zeugte, von Tamar, die sich als Prostituierte verkleidete, um ihren Schwiegervater Juda zu verführen, von der Dirne Rahab, die die Späher der Israeliten in ihrem Haus in Jericho verbarg.
Manichäische Gedanken tauchten im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder auf: im 11. Jahrhundert bei den Bogomilen auf dem Balkan, im 12. Jahrhundert bei den „guten Christen“, die von ihren Gegnern Katharer genannt wurden, wovon sich das Wort Ketzer ableitet. Bogomilen und Katharer lehnten das Alte Testament als Beschreibung eines bösen Schöpfergottes ab. Ein hässlicher Seitentrieb des Baumes blühte noch im 20. Jahrhundert: Im November 1933 hielten die sich den Nationalsozialisten anbiedernden Deutschen Christen einen Kongress im Berliner Sportpalast ab, auf dem Reinhold Krause ein „artgemäßes Christentum“ verlangte, eine neue deutsche Volkskirche. Der erste Schritt dazu sei „die Befreiung von allem Undeutschen im Gottesdienst …, Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lohnmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten“. Lassen schon diese Worte erkennen, aus welchem Schoß die Lehre kroch, so wurde Krause in seiner Rede noch deutlicher: „Wenn wir Nationalsozialisten uns schämen, eine Krawatte vom Juden zu kaufen, dann müssten wir uns erst recht schämen, irgendetwas, das zu unserer Seele spricht, das innerste Religiöse vom Juden anzunehmen“. Dieser hasserfüllte Antisemitismus war natürlich nicht das Motiv, das die Manichäer zur Ablehnung des Alten Testaments bewegte.
Neben der Abneigung gegen „Viehhändler- und Zuhältergeschichten“, eine Abneigung, die Augustinus mit den Manichäern teilte, fand er bei ihnen die Antwort auf die Frage, woher das Böse stamme und was sein Wesen sei, bei ihnen fand er eine angeblich rationale Welterklärung, die Antwort auf die Frage, „what this whole show is all about“. Sechzehn Jahre später, im Buch über den freien Willen, schrieb Augustinus: „Sag mir, warum wir Böses tun! Du regst die Frage an, die mir im Jugendalter viel zu schaffen machte und mich nach vieler Qual zu den Manichäern trieb und niederzog.“
Mani lehrte, dass es zwei Urprinzipien gäbe, zwei gleichewige Reiche, das des Lichtes, dessen Herrschaft Gott der Vater innehat, und daneben „das Land der Finsternis, in dem feurige Körper“ wohnen, „Verderben bringende Geschlechter“. Das Böse ist also eine ewige kosmische Kraft, nicht Ergebnis eines Sündenfalls. In der Zeit des Anfangs waren die beiden Reiche getrennt.
Ein unendlich komplizierter Mythos erzählt von der mittleren Zeit, in der die beiden Urprinzipien in einem Krieg, den natürlich das Reich der Finsternis vom Zaun gebrochen hat, gegeneinander kämpfen und sich vermischen. Kosmos und Welt haben in dieser mittleren Zeit ihren Ursprung und auch die Menschen, die „von gewissen Archonten, Dämonen, aus dem Geschlechte der Finsternis geschaffen wurden …, damit das Licht von ihnen, den Menschen, festgehalten würde und nicht entweichen könne.“ Im Menschen ist also Licht gefesselt, Göttliches, die Seele. Er weiß es aber nicht. Das Wissen bringt ihm Jesus, der Leuchtende. Jesus ist zwar der Leuchtende, ist aber nicht wirklich Mensch. Er ist des materiellen Leibes, des Leibes aus Fleisch und Blut entkleidet, hat nur einen Scheinleib.
Wie das Licht, das im Menschen, aber auch in anderen Teilen der Schöpfung eingeschlossen ist, befreit werden kann, das lehrt die manichäische Ethik, deren Gebote ein arabischer Schriftsteller des 10. Jahrhunderts, an-Nadīm, aufzählt: Die Sinnenlust und die Habgier sind zu bezähmen, das Essen von Fleisch, das Trinken von Wein und die eheliche Vereinigung muss unterlassen werden, auch darf man dem Feuer und dem Wasser keinen Schaden zufügen und hat man die Zauberei und die Heucheleien zu meiden. Diese Vorschriften sind aber nur von den Auserwählten zu beachten, den Electi. Von den übrigen Anhängern der Religionsgemeinschaft, den Hörern, Auditores, sagt al-Nadīm: „Wenn einer aber die Religion zwar liebt, aber über die Sinnenlust und Habgier nicht Herr werden kann, dann möge er Gewinn in jeder Beschützung der Religion und der Rechtschaffenen suchen und möge an Stelle seiner schlechten Taten Zeiten haben, in denen er gute Werke, fromme Dankbarkeit, Wachen, Fürbitte und Demut übt.“
Bauern und Handwerker quälten nach dieser Lehre das in Acker und Pflanze, in Stein und Eisen eingeschlossene Licht, wenn sie arbeitend ihrem Beruf nachgingen. Sie vollbrachten aber gute Werke, wenn sie den Erwählten Nahrung reichten. Augustinus schildert das in den „Bekenntnissen“: Er habe denen, die man die Auserwählten und Heiligen nannte, Speise zugetragen, aus der sie ihm in ihrer Bauchküche Engel und Götter zubereiten würden, die ihn befreien sollten. Ich „glaubte, wenn man eine Feige pflückte, so weinten sie und ihr Mutterbaum milchige Tränen; äße aber ein ‚Heiliger‘, ein Erwählter, die Feige, die natürlich von fremder, nicht der eignen Frevelhand gepflückt sein musste, so werde sie seinem Inneren anvermischt, und er enthauche beim Seufzen im Gebet und beim Rülpsen Engel oder vielmehr Teilchen Gottes.“
Diese Teilchen Gottes sammelten sich auf dem Mond, ließen ihn zunehmen. Wenn er abnahm, gab er die Gottesteilchen an die Sonne ab, von wo sie wiederum in das Paradies flogen. So würde der ursprüngliche Zustand der Trennung von Licht und Finsternis wiederhergestellt. Der letzte Akt dieser Trennung würde ein neuerlicher Krieg zwischen Licht und Finsternis sein. Das Böse würde eingeschlossen werden in eine Kugel und nie mehr das Reich des Lichtes angreifen können.
Lehrer der Rhetorik
Inzwischen hatte Augustinus das Studium in Karthago beendet und unterrichtete Rhetorik in seiner Heimatstadt Thagaste. Während er also in Karthago Cicero las, sich der Philosophie näherte, war er zugleich überzeugter Manichäer, was unter den Intellektuellen der Zeit als schick galt. Wie die Sektierer jeder Couleur versuchte auch er geschwätzig Menschen zu seiner Ansicht zu bekehren. Seiner Mutter Monnica ging er so auf die Nerven, dass sie ihm das Haus verbot. Erst als sie durch einen Engel im Traum getröstet wurde und ein Bischof, der ihrer Klagen schon ein wenig überdrüssig geworden war, ihr sagte: „Nun geh und lass mich! So wahr du lebst, es ist unmöglich, dass ein Sohn solcher Tränen verlorengeht“. Auf diesen, wenn auch vielleicht etwas mürrisch gegebenen Trost hin nahm sie ihn wieder auf. Zuvor hatte er bei seinem Gönner Romanianus Unterschlupf gefunden, den er dann auch zum Manichäismus bekehrt hatte. Der Freund Alypius ließ sich ebenfalls von Augustins Ansichten überzeugen. Ebenso folgte ihm ein junger Mann, der ihm aus seiner Kindheit bekannt war, mit dem er in die Schule gegangen und mit dem er gespielt hatte. Jetzt schloss er mit ihm, dessen Namen er nie nennt, innige Freundschaft.
Dieser Freund erkrankte am Fieber, lag geraume Zeit bewusstlos, „und da man ihn schon aufgab, ließ man ihn taufen“. Er überstand die Krankheit und als sie wieder miteinander reden konnten, machte Augustinus sich über die Taufe lustig, weil er sich sicher war, dass auch der andere das, was in seiner Bewusstlosigkeit an ihm geschehen war, nicht ernst nehmen würde. Jedoch erschauerte der Freund vor ihm „wie vor einem Feind, und mit erstaunlichem, jähem Freimut verbat er sich solches Gerede“. Augustinus war verblüfft, glaubte, der andere würde, wenn ganz gesund, sich der alten religiösen Überzeugung wieder zuwenden. „Allein er ward meinem Aberwitz entrissen, um in Dir, Gott, bewahrt zu sein zu meiner Aufrichtung.“ Wenige Tage danach erlitt der Freund einen Rückfall und starb.
Augustinus war vor Schmerz außer sich, die Heimat wurde ihm zur Qual, da jede Straße, jeder Platz, jedes Haus, in dem sie sich aufgehalten hatten, Erinnerungen wachrief, die ihn peinigten. Eine zerrissene und blutende Seele schleppte er mit sich herum, weswegen er den Schmerzen nicht entfliehen konnte, denn er konnte nicht seiner Seele, nicht sich selbst entfliehen. Gleichwohl floh er, floh aus der Heimat, verließ Thagaste und ging nach Karthago.
Wieder in Karthago
Die Zeit heilte seine Wunde, die neue Umgebung brachte neue Eindrücke und neue Freunde, was er im Vierten Buch der „Bekenntnisse“ schildert, neue Freunde, die liebten, was er liebte, „die ungeheuerliche Fabelei“ und „das weitschichtige Truggeschwätz“, die Lehren Manis, des angeblichen Apostels Jesu Christi. Stärker aber als der gemeinsame Glaube zogen andere Dinge sein Gemüt zu den Freunden:
„mitsammen plaudern und mitsammen lachen und sich einander gefällig erzeigen;
gemeinsam schöne Bücher lesen, gemeinsam scherzen …
bisweilen unterschiedlicher Meinung sein, ohne sich deswegen zu hassen …
einander belehren und lernen voneinander;
die Ausbleibenden schmerzlich vermissen, die Erscheinenden herzlich begrüßen …“
Das ist es, was Freundschaft ausmacht, und daher die große Trauer, wenn ein Freund stirbt. Noch einmal reflektierte er so seinen furchtbaren Schmerz über den, den er verloren hatte: Er habe seine Seele in den Sand gegossen, indem er einem Sterblichen seine Liebe zugewandt habe, als ob der niemals sterben müsste. Selig preist er den, der Gott liebt und den Freund in Gott und den Feind um Gottes willen. „Denn der allein verliert keinen Teuren, dem alle teuer sind in dem, den man nicht verliert.“
Seine Freunde waren wohl alle Manichäer, so manchen von ihnen hatte er für die Lehren der Sekte gewonnen. Ihn selbst aber beschlichen Zweifel an Manis komplizierten Mythen, und wenn er mit Gesinnungsgenossen darüber sprach, dann vertrösteten sie ihn auf die Ankunft eines gewissen Faustus, eines Bischofs der Manichäer. Dem eilte der Ruf großer Gelehrsamkeit voraus.
Wie mehrmals an Wendepunkten seines Lebens leitet Augustinus die Erzählung in den „Bekenntnissen“ mit einer Altersangabe ein: „Im Angesichte meines Gottes will ich offen von jenem neunundzwanzigsten Jahre meines Lebens reden“ – wir stehen also im Jahr 383 –, als der ersehnte Faustus nach Karthago kam. Augustinus fand in ihm einen freundlich-liebenswürdigen Mann, der gefällig zu reden wusste, so dass man ihm gerne zuhörte. Unser Held aber achtete weniger auf die Form als vielmehr auf den Inhalt dessen, was Faustus zu sagen hatte, und das konnte ihn nicht recht überzeugen. Augustinus hatte viel gelesen, kannte die damals gängigen Theorien über die Bewegung der Gestirne, wusste, dass man Sonnen- und Mondfinsternisse genau vorausberechnen konnte, und die Ansichten der Gelehrten kamen ihm plausibler vor als die „weitschweifigen Geschichten“ der Manichäer. Ihre Lehre, dass der Mond zunehme, weil ihm das aus der Welt befreite Licht zuströmte, und abnehme, wenn er das Licht an die Sonne abgebe, ließ sich auch mit den damaligen Erkenntnissen der Naturwissenschaften überhaupt nicht vereinbaren.
Augustinus war auch bald überzeugt, „dass Faustus in den Wissenschaften … nichts verstand“, was er auch unumwunden zugab. Also ging er dazu über, im Verkehr mit Faustus dessen Bildung zu fördern. Der war interessiert, und so las Augustinus, damals „schon Lehrer der Beredsamkeit“, „was er, Faustus, auf Hörensagen hin zu kennen wünschte“ oder was nach Augustins Urteil für eine solche Veranlagung das Passende schien.
Trotz seiner Zweifel blieb er Manis Religion treu. Er wollte sich einstweilen zufrieden geben, „bis vielleicht irgendein Licht erschiene, das besser für mich wäre“. Vielleicht haben ihn die hochpoetischen Psalmen wie der folgend zitierte, die in den von ihm treu besuchten manichäischen Gottesdiensten gesungen wurden, beeindruckt und gefesselt:
Ich habe die ganze Welt durchstreift,
ich habe bezeugt alle Dinge, die in ihr sind.
Ich sah alle Menschen
laufen in Nichtigkeit.
O wie groß sind das Unglück und die Raserei der Finsternis
mit der sie gefesselt sind,
weil sie Gott vergessen haben,
der kam und sich für sie in den Tod gab!
…
Jetzt rufe ich zu dir in der Bedrängnis meiner Seele,
damit du dich meiner erbarmst,
denn die Mächte des Himmels und der Erde,
sie wollen mich verschlingen.
Es mögen aber auch eigensüchtige Gründe eine Rolle gespielt haben, die ihn in der Glaubensgemeinschaft festhielten. Er wollte beruflich vorankommen, und dazu waren damals wie heute Beziehungen nützlich, die ihm das manichäische Netzwerk durchaus bot, wie sich später zeigen sollte. Emsig arbeitete er an seiner Karriere: Er hatte in Karthago den städtischen Lehrstuhl für Rhetorik inne, hielt öffentliche, nicht nur für seine Studenten bestimmte Vorträge, er nahm an Dichterwettbewerben teil und wurde als Gewinner vom Proconsul Vindicianus, dem er freundschaftlich verbunden blieb, für seine Kunst mit dem Lorbeerkranz geehrt. Sein Ehrgeiz gab sich mit Karthago nicht zufrieden. Er strebte nach Rom, das zwar nicht mehr Residenz der Kaiser, dennoch aber Hauptstadt des Reiches war, Stolz seiner Bürger. Ein Buch über das Schöne und Angemessene, das verloren ist, widmete er dem römischen Rhetor Hierius, den er nicht kannte, den er aber kennenzulernen hoffte, damit der ihm den Weg nach Rom ebne.
Nicht die Aussicht auf ein höheres Einkommen zog ihn nach Rom, auch nicht die Mehrung seines Ansehens, so behauptete er wenigstens, gab aber im selben Atemzug zu, dass auch dies bei seiner damaligen Einstellung etwas Verlockendes hatte. Nein, er wollte nach Rom ziehen, weil er gehört hatte, dass die Studenten dort disziplinierter seien als die in Karthago. In Karthago nämlich drangen junge Leute „wild und frech“ in die Hörsäle auch der Professoren, bei denen sie gar nicht Schüler waren, und brachten wie „eine Horde von Rasenden“ „die Ordnung durcheinander, die der einzelne Lehrer … eingeführt hatte“.
Monnica, „die meinen Weggang leidenschaftlich beklagte und mich bis ans Meer hinaus begleitete“, wollte ihren Sohn festhalten, „um mich wieder heimzubringen oder mit mir zusammen abzureisen“. Er aber gab vor, einem Freund Gesellschaft leisten zu wollen, „bis ihm die aufkommende Brise die Seefahrt verstatte“. Er konnte die Mutter überreden, in der Kapelle des hl. Cyprian, des großen Bischofs und Martyrers, des Schutzpatrons Karthagos, betend die Nacht zu verbringen. Er selbst bestieg heimlich das Schiff und setzte über nach Italien. Es war, wie er später wohl sah und beklagte, eine grausame und niederträchtige Art, sich von der besorgten Mutter zu verabschieden. Das geschah im Herbst des Jahres 383.
Pulsuz fraqment bitdi.