Kitabı oxu: «Das Geheimnis der goldenen Brücke»
Michael Kunz
Das Geheimnis
der goldenen Brücke

Bibliografische Informationen der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Dateien sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Impressum:
© 2011 Verlag Kern
© Inhaltliche Rechte bei Michael Kunz (Autor)
© Rechte Coverfoto bei Michael Kunz
Herausgeber: www.Verlag-Kern.de, Bayreuth Umschlagdesign und Satz: Brigitte Winkler – www.winkler-layout.de 1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2012 ISBN 9783944224145
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Epilog
Für meine Mutter, die mir das Leben geschenkt hat.
Ich danke allen meinen Weggefährten. Den einen, weil sie mich links stützten und den anderen, weil sie mich rechts stützten. Den linken danke ich, weil sie mich verließen, als sie die Sümpfe in der Nähe witterten. Durch sie habe ich die Gefahr rechtzeitig erkannt. Den rechten danke ich, weil sie mich durch die Sümpfe begleiteten.
Prolog
Das Leben ist wie eine Welle auf dem Meer. Sie trägt uns ruhig und sanft an einen rätselhaften Ort, der wie eine einsame Insel von Sandbänken umgeben ist, damit die Welle all die Dinge, die sie von weit hergebracht hat, dort ablegen kann. Auch ich werde eines Tages dort liegen.
Angelehnt an einen Baum blicke ich schweigend in den Himmel und betrachte den zarten Saum der Wolken. Ist das nicht ein wunderschöner Augenblick, wie sie anmutig dahinschweben, durchflutet von goldenen Sonnenstrahlen? Könnte ich doch nur auch eine Wolke sein, mich wie ein flaumiger Schal an den blauen Himmel schmiegen, mit ihm verschmelzen, spüren, wie das Ticken der Zeit allmählich erlahmt und nur noch diesen einen Augenblick ausatmet: das Hier und Jetzt.
Ich würde endlich meinen Schmerz vergessen, der sich jeden Tag wie eine Zange an meine Gelenke krallt und mein Herz mit beißenden Stichen durchbohrt, um mir die Gewissheit zu geben, dass ich schon ein altes, schwaches Herz in mir trage.
Schläfrig senke ich den Kopf und mein Blick fällt auf eine alte, hölzerne Schatulle, die auf meinem Schoß liegt und von meinen Händen umklammert wird. Sie ist übersät mit kleinen Löchern, von Holzwürmern über die Jahrzehnte eingraviert. Das Motiv ist verblasst, aber ich erkenne noch die roten Blumenköpfe an den Ecken, die verbunden sind durch goldbraune Ornamente. Und weil es das Leben so bestimmt hat, ist diese Schatulle ein Geschenk meiner Mutter und ein Erbstück meines Vaters und somit auch etwas ganz Besonderes in einer so modernen Zeit wie dem Jahr 2066. Meine müden Augen fallen langsam zu und während mich allmählich meine Lider von dieser Welt trennen und in eine Dunkelheit sperren, erschlafft mein Körper und die Schatulle löst sich aus meinen Händen, fällt zu Boden und sie muss sich wohl dabei geöffnet haben, denn mir steigt ein unverwechselbarer, blumiger Duft in die Nase. Wie sehr erinnert er mich doch an meine Mutter!
Ich stelle mir vor, wie ich in das Schwarz hineinspringe, der Wind durch den Fall an meinem Haar und an meiner Kleidung rüttelt, ja, er zupft an allem, was er zu fassen bekommt. All das, was mich beschwert und überhaupt zum Fallen bringt, bröckelt Stück für Stück von mir ab. Je tiefer ich falle, desto leichter werde ich, und desto langsamer wird mein Fall. Bald würde mich nichts mehr belasten, dann würde ich nur noch schweben, frei und gelöst und friedlich davon treiben.
Erinnerungen und alte Träume kommen mir in den Sinn, manches ist belustigend, manches ist schmerzlich. Aber nichts von alledem ist in irgendeiner Weise beängstigend. Nein, nein! Alles ist vertraut, wie in einem Film, den man schon so oft angesehen hat, dass jede Gefahr etwas Entspannendes und jeder Humor etwas Nachdenkliches birgt. Aber egal wie unbedeutend diese Gedanken auch sind: Jeder von ihnen ist Teil einer geheimnisvollen Geschichte, die mich wie eine Fessel umarmt.
Ich werde euch diese Geschichte erzählen, damit sie nicht in Vergessenheit gerät und ihr sie euren Kindern weitererzählen könnt. Und euren Kindeskindern. Und wiederum deren Kindern. Eine Geschichte, die an dem wohl bedeutungsvollsten und dennoch ungewöhnlichsten Ort auf dieser Welt beginnt. Dort, wo vielleicht noch keine Geschichte ihren Anfang nahm.
Kapitel 1
Der Raum um ihn herum war sehr weich, eng und finster, aber auch angenehm warm gewesen. Er hatte seine Beine angewinkelt und sich nach vorne gebeugt, um den Raum besser auszunutzen. Dieser Raum war etwas ganz Besonderes. Manchmal begann dieser leicht zu vibrieren und erzeugte dabei eine schöne Melodie. Und es gab auch noch etwas anderes zu hören, aber für eine Melodie war dieser Nicht-Klang viel zu lebendig.
Er hatte festgestellt, dass meistens dann, wenn der Raum einen Nicht-Klang erzeugte, fernab von seinem Platz ein anderer Nicht-Klang entstand, aber bedeutend leiser und dumpfer. Manchmal war der Nicht-Klang lauter oder leiser, meistens war er schnell und bemerkenswert entschlossen. Dann wiederum war er bebend und impulsiv, und manchmal musste er lustig sein. Denn er brachte ihn zum Lachen. Aber warum, das wusste er nicht. Es war einfach so. Und in manchen Augenblicken war dieser Nicht-Klang zart, ruhig und sehr einschmeichelnd. Er spürte dann sehr deutlich, dass es wegen ihm so war, und um gewissermaßen zu antworten, drückte er vorsichtig mit den Füßen gegen die Wand des engen Raumes. Es war also ein Raum, der ihn immer ansprach: durch Melodien und Nicht-Klänge. Und wenn all das nicht stattfand, dann war zumindest das unermüdliche, gleichmäßige Klopfen zu hören, von welchem er spürte, dass es um ihn herum und zugleich in ihm war.
Plötzlich umschlang ihn der Raum wie eine Fessel. Das Klopfen wurde hektischer. Der Raum erhitzte sich, begann zu beben, weitete sich wieder, um sich dann gleich von neuem zusammenzuziehen. Die weiche Wand quetschte und drückte so stark an jedem einzelnen Glied, dass es ihm Schmerzen bereitete. Er wurde ruhelos, fühlte sich bedrängt. Er brauchte mehr Platz und drehte sich, damit sein Kopf nach unten kam. Er spürte, dass er sich trennen musste. Von diesem Ort, an dem er immer glücklich war.
Der Raum bebte auf und ab, wollte ihn zermürben, ihn, diesen Störenfried, loswerden. Sein Kopf wurde in einen engen Kanal gedrückt, dann unsanft von etwas Kaltem gepackt und durch den Kanal gezerrt. Es war grauenvoll, fühlte sich kalt, rau und grob an. Etwas wollte ihn um jeden Preis aus diesem Leben reißen. Er verstand nur nicht, warum. Was hatte er denn falsch gemacht? Mit ganzer Kraft versuchte er sich dagegen zu wehren, wollte sich festkrallen, strampelte mit den Beinen. Aber es war völlig zwecklos. Er fand einfach keinen Halt.
Wie ein übermächtiges Ungeheuer peitschte plötzlich ein unvorstellbar grelles Licht in sein Gesicht und durchbohrte seine Augen. Panische Angst überkam ihn. Er schrie, weinte, versuchte mit den Füßen, dieses Ungeheuer wegzustoßen, schaffte es aber nicht, war zu schwach und ein Gefangener an diesem Ort der Verdammnis. Es war kalt. Und laut. So viele Geräusche stürzten auf ihn ein, dass er tief in seinem Herzen beschloss, aus dieser verfluchten Welt, in welche er ohne Grund verbannt wurde, zu flüchten. Eines Tages wollte er auf jeden Fall wieder zurück in die Dunkelheit und Wärme. Das war sein erster Gedanke nach seiner Geburt!
*
ES hatte sich heimlich in einem Schatten der Menschen versteckt, die sich um das Baby gestellt hatten und beobachtet, wie das Kind sich quälte. „Gut so, mein Kind. Nur das Leid wird deine Sinne schärfen.“ ES trat aus dem Menschenschatten hervor, beugte sich mit seinen knochigen Fingern über das Baby und lachte heimtückisch, wie eine alte Hexe.
*
Ein wohltuender Schatten hatte sich endlich über ihn gebeugt, hatte das Ungeheuer besiegt und in die Unterwelt zurückgedrängt.
Als er endlich in zwei Armen liegend wieder zur Ruhe kam, vernahm er einen einschmeichelnden Nicht-Klang, der von einer wunderschönen Melodie begleitet wurde. Es kam ihm so vertraut vor, dass er sicher war, dieser Nicht-Klang war nur für ihn allein bestimmt.
Töricht Kind, wenn es nicht spürt,
dass ein liebend Herz es führt,
ganz zart sein Gemüt berührt,
wenn ein Traum sein Herz verführt.
Mutter wiegt beglückt ihr Kind,
und Tränen, die entsprungen sind,
reißt hinfort ein süßer Wind,
eilt zum Tränenmeer geschwind.
Er ahnte nichts von der großen weiten Welt. Von den vielen Gefahren, die auf ihn warteten. Und von den schönen Momenten, die er – wie es für Menschen üblich ist – nicht genießen würde, weil er mit den Gedanken immer über die Zukunft grübeln würde. Eine Zukunft, die er zwar eines Tages nicht mehr erleben würde, weil auch für ihn das Leben nicht endlos währte, aber welcher er dann zumindest im Geiste schon oft genug begegnet wäre.
Eines Tages würde er von der unersättlichen Gier der Menschen erfahren, besessen von dem Gedanken des Reichtums. Ja, er würde sich vielleicht auch von dieser Besessenheit beflügeln lassen, immer den Dingen nachzueifern, die er noch nicht besaß und vielleicht nie besitzen konnte. Wenn allerdings doch, so würde er spätestens in den letzten Stunden seines Lebens die Zeit bedauern, die er für den Erwerb dieser Dinge verschwendet hatte. Weil auch er diesen Besitz eines Tages auf der Erde zurücklassen musste.
Er würde aber auch Menschen begegnen, die von der Macht besessen waren und darum nichts unterließen, ihn zu erniedrigen. Sie würden ihn als einen einfältigen Dummschwätzer abstempeln, seine Ideen belächeln und ihn dafür verachten. Vielleicht würde er irgendwann diese wirren Dinge glauben, die sie ihm ständig einredeten und dann sein Glaube an sich selbst Stück für Stück zerbröckeln. Es könnte passieren, dass er eines Tages sogar dem Glauben nachhinge, Reife und Alter müsse man sich erst verdienen, so, wie man sich auch Gesundheit und Schönheit verdiene. Und somit wäre sein einziges Bestreben die Verwirklichung dieser Idealvorstellungen, die im Grunde nur vergiftetes Gerede war. Aber vielleicht ist es die Bestimmung des Menschen, dass er über jeden einzelnen Prüfstein des Lebens mühsam klettern muss. Wer weiß schon, ob es sich bei diesen Prüfsteinen nicht zuletzt um die Stufen einer Treppe handelt, an deren Ende der Mensch die Dinge von oben und damit auch von einer anderen, höheren Warte betrachten kann? Nun ja, bei rechtem Licht betrachtet kann man natürlich die Treppe auch abwärts gehen, aber das ist eines von den wenigen Dingen, die der Mensch selbst in der Hand hat.
*
„Wie geht es dir, Anna?“, flüsterte Erik seiner Frau zu, die sich, noch schweißgebadet von der Geburt, aufgesetzt hatte und ein Neugeborenes in den Armen hielt.
„Ich bin sehr glücklich. Ich glaube, unser Sohn ist es auch. Sieh nur, wie friedlich er schläft.“ Anna küsste ihr Baby auf die Stirn und flüsterte: „Ach, mein lieber Peter! Willkommen im Leben!“
*
Mit Argwohn hatte ES diesem Gespräch zugehört. „Das Glück macht euch nur blind für diese Welt!“, murmelte ES verdrießlich, wandte sich dann zu Erik, fuhr mit dem knochigen Zeigefinger über seine Wange, presste seinen Mund ganz eng an sein Ohr und flüsterte hinein: „Pass gut auf ihn auf!“, und deutete dabei mit dem knochigen Zeigefinger auf das Baby. ES sprach nur einmal eine Warnung aus.
*
„Ja!“, meinte Erik spontan, wohl aber eher zu sich selbst als zu Anna, hielt dann kurz inne als überlegte er, warum er das gerade sagte und fuhr schließlich unbeirrt fort: „Ob er wohl etwas träumt?“ Erik hatte die Frage zwar an Anna gerichtet, aber er beugte sich zu Peter hinunter, begutachtete wissenschaftlich sein Gesicht und machte dabei den Eindruck, als wollte er sich vergewissern, dass Peter auch wirklich schlief.
„Oh ja, ganz sicher! Und es ist bestimmt sein erster Traum.“
„Leider ein Traum, den er wieder vergessen wird“, seufzte Erik.
„Er wird auch diesen Tag vergessen“, empörte sich Anna über diese ausgesprochen nüchterne Feststellung.
„Mag er vergessen, was er will. Es wird nichts daran ändern, dass er heute seine Geburt erlebt hat und gerade seine erste Geschichte träumt“, erklärte Erik und hob dabei belehrend seinen Zeigefinger.
Anna blickte zu ihm hoch: „Du hast Recht, Erik. Es ändert sich nichts daran.“
„Aber eigentlich ist es auch nicht von Bedeutung.“ Während Erik diesen Satz aussprach, streichelte er Anna über das Haar um das Gesagte zu bekräftigen.
„Ja, von Bedeutung...“, wiederholte Anna leise, als wollte sie damit zum Ausdruck bringen, dass ihr das Wort „Bedeutung“ schon lange nicht mehr über die Lippen gekommen war und fuhr schließlich fort: „Anscheinend ist der Geburtstag aber wichtig genug, um ihn jedes Jahr zu feiern!“
„Ach Anna, für einen jungen Menschen ist freilich jeder Geburtstag ein tolles Erlebnis, aber ich bin mir sicher, mit den Jahren wird man im Grunde genommen nur noch an das Unaufhaltsame erinnert.“
Anna blickte gedankenverloren aus dem Fenster, legte ihre Stirn in Falten, hob die Augenbrauen etwas in die Höhe und lächelte leicht. Es war ungefähr ein Blick, den Menschen aufsetzen, wenn sie sich über die kurzsichtige Meinung eines anderen eigentlich nur noch belustigen können, aber bemüht sind, jegliche Spur von Belustigung und den Wunsch nach Erklärung der eigenen Sichtweise zu unterdrücken.
„Als ich noch klein war“, begann sie langsam zu sprechen, legte dann eine kurze Pause ein und vollendete ihren Satz schließlich: „wollte ich einmal von meiner Großmutter wissen, ob sie ein Geheimnis habe, von dem niemand etwas wüsste. Sie beugte sich zu mir herunter und flüsterte mir ins Ohr: ‚Es gibt ein Geheimnis, das wir alle teilen: das Geheimnis der goldenen Brücke.’ Ich musste ein ziemlich blödes Gesicht gemacht haben“, lachte Anna. „Jedenfalls sagte sie dann: ,Wenn wir auf die Welt gekommen sind und unseren ersten Traum haben, können wir sie sehen: die Brücke aus purem Gold. Aber niemand weiß, wohin sie führt. Das ist ihr Geheimnis.’“
„Unglaublich!“ Erik hatte diesem Wort einen besonders hämischen und tiefen Klang verliehen und klatschte dabei in seine Hände. „Und das hat dir deine Großmutter erzählt?“ Erik machte eine ungläubige, aber auch belustigte Mimik.
„Was soll das heißen? Glaubst du mir etwa nicht?“, entrüstete sich Anna mit gespielter Empörung und blickte wieder auf ihr Baby: „Nicht wahr Peter, Papa glaubt uns nicht.“
„Ich würde eher sagen, dass ich deiner Großmutter nicht glaube!“, entgegnete Erik und setzte sich zu Anna auf das Bett.
„Das ist doch nur Wortklauberei. Ich habe dich schon längst durchschaut, du Schuft! Willst dich bei uns beiden wieder einschmeicheln.“
„Ach, und wenn schon! Schau, Peter ist gar nicht mehr sauer auf mich“, triumphierte Erik und streichelte Peter vorsichtig über die Wange.
„Woher willst du das jetzt schon wieder wissen?“
„So lieb und friedlich wie er guckt, kann er gar nicht sauer sein. Also, nun ja, so friedlich siehst du jedenfalls nicht aus, wenn du sauer auf mich bist.“
„Wie bitte?“, entfuhr es Anna, die für einen Augenblick sprachlos war über eine derart uncharmante Äußerung. „Du ja nun auch nicht gerade, Erik!“
Erik zog seinen Fotoapparat heraus und fotografierte die beiden. Es war einer von diesen Dingern, aus denen die Bilder gleich ausgedruckt wurden. Der Auslöser klickte, der Apparat summte einen kurzen Augenblick, spuckte dann ein weißes, viereckiges Blatt aus und Erik zog es aus der Halterung heraus. Er wedelte das Blatt etwas in die eine Richtung, dann in die andere Richtung. Man gewann ein wenig den Eindruck als versuchte er zu verhindern, dass sich das Foto von selbst entzündet. Mit der Zeit deutete sich eine leichte Schraffierung an, die erst dunkler, dann von verschiedenen Farbtönen eingekreist wurde und schließlich ein blasses Farbfoto angefertigt hatte. Am Ende erkannte man Anna und Peter, eingekuschelt in weißen Bettlaken. Hinter ihnen bäumte sich eine weiße Wand auf, an der ein kleines Bild mit einem unbekannten Gesicht hing. Erik begutachtete das Foto wie einen Geldschein. Er ärgerte sich über den Schatten, den er an der Wand fotografiert hatte. Ein Schatten, der weder vor dem Auslöser noch danach an dieser Stelle zu finden war, was den einzigen Schluss zuließ, dass Erik wieder einmal einen Finger vor das Objektiv gehalten hatte. Trotzdem kam es ihm etwas merkwürdig vor.
„Du siehst richtig süß aus, wenn du dich ärgerst“, scherzte Erik, sah auf die Uhr und stand unvermittelt auf: „Ach du meine Güte, ich muss noch zu einem Kunden! Pass auf, Anna, ich muss jetzt los. Ich rufe dich von unterwegs aus an, versprochen.“ Dann gab er Anna einen Kuss, verabschiedete sich von beiden und verließ das Zimmer.
„Ach Peter“, seufzte Anna und liebkoste ihr Baby liebevoll, „wenn du nicht aufpasst, ergeht es dir eines Tages genauso und du hetzt von einem Termin zum nächsten. Lass dir Zeit mit dem Erwachsenwerden. Das Leben hat so viele Farben, aber mit den Jahren wird man blind. Du bist noch jung, du hast noch alle Zeit der Welt, die Farben zu bestaunen. Deine Urgroßmutter hat einmal gesagt: Manche Menschen haben am Tag der Geburt das Glück, alle Farben auf einmal zu sehen. Ich wüsste zu gern, ob du gerade von ihnen träumst, mein Schatz.“ Anna gab Peter einen sanften Kuss und schlief vor Erschöpfung ein.
Kapitel 2
Die Jahre vergingen schnell und eigentlich war bis zu Peters sechstem Lebensjahr nichts Bemerkenswertes geschehen, was man nicht hätte auch bei jedem anderen Kind beobachten können: In diesen Jahren begreifen wir unsere Umwelt, nicht aber die Umwelt uns. Von den Eltern lernen wir das Sprechen, von den Freunden das Fluchen. Begeistert machen wir unsere ersten kleinen Schritte und zeigen Oma und Opa stolz unsere ersten Zähne, wenn sie uns besuchen. Wir sind leicht zornig, aber dafür schwer zu bändigen. Und nicht zuletzt nerven uns die Regeln, mit denen man uns bezwingt, denn schließlich haben wir schon unsere eigenen Regeln, die uns von den Zwängen lösen werden.
Das Schönste, was das Leben uns in dieser Zeit als Kind zu bieten hat, dürfte wohl die unbeschwerte Fröhlichkeit sein. Wir tollen, spielen, entdecken und lachen. Alles, was wir entdecken, genießt unsere grenzenlose Aufmerksamkeit und weckt in uns eine unbeschreibliche Freude und Neugier. Es ist eine Zeit, in der wir uns zwar bemühen, alles irgendwie einzuordnen, aber unser Einfallsreichtum macht aus jeder Ordnung wieder ein Durcheinander. Es gibt nichts auf der Welt, was nicht für neue Abenteuer zu gebrauchen wäre. Seien es die Spielzeugautos im Sandkasten, die sich ihren Weg durch den Wüstensand bahnen. Sei es das Dreirad, auf dem wir das Fahren lernen, damit wir Papa endlich morgens in die Arbeit folgen können. Sei es das Karussell auf dem Spielplatz, bei dem wir uns auf eine Rundbank setzen und uns so schnell drehen, dass wir wie ein Weltraumfahrer schwerelos im Kreis schweben, manchmal etwas benommen und von Übelkeit geplagt, wenn wir aus dem Karussell wieder aussteigen. Aber das ist eben etwas, das man in Kauf nehmen muss, wenn man Weltraumfahrer werden möchte.
Doch wir sind nicht unser ganzes Leben mutige Abenteurer, sondern beginnen eines Tages, uns den Fragen und Problemen des Lebens zu stellen. Fragen, die sich anfangs nur auf das magische Wort „Warum“ beschränken, aber mit den Jahren immer durchdachter gestellt werden und irgendwann so tiefsinnig sind, dass es keine erschöpfende Antwort mehr geben kann, wohl aber Vermutungen, die uns wieder zu neuen Fragen führen. Und was die Probleme anbelangt, so werden sie zunehmend schwieriger. Eines Tages haben wir eigentlich nur noch die Möglichkeit, ihnen auszuweichen, sie zu verharmlosen oder aber wir erklären es zu unserer Lebensaufgabe, sie zu lösen.
Dies alles nimmt seinen Anfang an unserem ersten Schultag. Mit Stolz tragen wir unsere bunte Schultüte, die nicht zufällig die Form eines kegelförmigen Filters besitzt. Es ist eine Mahnung an uns, das Leben in kleinen Schritten zu bewältigen. Schließlich schneiden wir einen Kuchen auch erst in Scheiben, bevor wir ihn verzehren. Aber eine Mahnung ersetzt natürlich nicht die Erfahrung und was kann wohl schmerzlicher sein, als festzustellen, dass das Leben eine einzige Verpflichtung ist?
Nun, ich will es euch gerne verraten: Es ist die Farbe der Hilflosigkeit.
*
Der Schulgong läutete zum Ende der letzten Stunde. Die Kinder standen auf, zeigten einander ein paar Bilder, steckten ihre Malstifte in ihre Federmäppchen, Stuhlbeine schleiften knarrend über den Fußboden, mit Klick! und Klack! schnalzten die Verschlüsse der Schulranzen zu, die Kinder verließen plappernd das Klassenzimmer, das aufgeregte Schnattern verstummte langsam und hinterließ schließlich eine leere Stille im Raum. Nun ja, nicht ganz. Leichtfüßig pendelte ein Malstift über einem Blatt Papier, über das Peter gebeugt war. Er war der Letzte.
„Du kannst es zu Hause fertig malen“, meinte die Lehrerin behutsam.
„Ich bin... schon fertig!“ Peter wühlte alle Gegenstände auf seinem Tisch zu einem Häufchen zusammen, schob sie wie Brotkrümel in seine Schultasche, die er mit einem Klack! zumachte, auf seinen Rücken schwang, um sich dann mit seinen dünnen Armen durch die Schlaufen zu wühlen. Etwas unbeholfen, wie die Lehrerin feststellte. Anschließend lief er hinaus, durch den Gang, die Treppe hinunter, riss die Eingangstür auf, als ob er um sein Leben rannte und eilte mit kindlichem Übermut auf Anna zu, die bereits auf ihn wartete, ihn nun erkannte, in die Hocke ging und die Arme weit ausbreitete, damit er nicht an ihr vorbei flog.
„Na, wie war dein erster Schultag?“, begrüßte sie ihn, aber Peter war völlig außer Atem und japste nur etwas wie: „Muss ich das schwere Ding jetzt jeden Tag tragen?“ Dabei deutete er mit einem Daumen auf den Schulranzen.
„Wenn du etwas lernen willst, dann ja. Was hast du denn da in der Hand?“ Anna streckte ihre beiden Hände aus und ergriff ein Blatt Papier, das Peter in der rechten Hand hielt.
„Das Bild haben wir heute gemalt. Wir sollten eine Geschichte mit Menschen malen, die wir lieb haben“, erklärte er schließlich, nachdem Anna das Bild einen Moment stillschweigend betrachtet hatte.
„Lass mich raten, das bin ich, stimmt’s?“, lachte sie plötzlich, es schien, als hätte sie sich erst jetzt auf dem Foto erkannt.
„Genau! Und das da ist Papa.“ Peter machte einen Fingerzeig auf eine rundliche Gestalt im Bild, an den Beinchen waren braune Stiefeletten, auf seinem Kopf ruhte sich ein Hut aus, der aber klein genug war, um ihn zweimal nebeneinander aufzusetzen.
„Der hat aber einen großen Kopf. Der ist ja größer als sein Bauch.“
„Das hat meine Lehrerin auch gesagt. Da hab’ ich gesagt: Ja, weil er sich gerade ärgert.“
„Jetzt verstehe ich auch, warum sein Kopf so rot ist“, schmunzelte Anna und strich Peter liebevoll durch das Haar.
„Nein, das ist sein Sonnenbrand, den er doch letzten Sonntag bekommen hat. Deswegen ärgert er sich ja auch so, weil du ihm zu wenig Sonnencreme ins Gesicht geschmiert hast.“
„Soso, das hast du dir also gleich zum Thema deines kleinen Kunstwerkes gemacht!“
Anna war eine bildhübsche Frau. Ihr brünettes, gepflegtes Haar war glatt gekämmt und bedeckte Nacken und Rücken bis auf die Höhe der Schultergürtel. Mag sein, dass ihre Bewegungen etwas kantig wirkten, weil ihr der Beruf als Physikerin eine ausgeprägte Entschlossenheit und Zielstrebigkeit abverlangte. Mag auch sein, dass ihre Stimme aus genau diesem Grund sehr verbindlich klang. Und es mag vielleicht sogar sein, dass ihr die humorvolle und völlig unkomplizierte Art eine sehr lebenslustige Ausstrahlung verlieh. Aber eines war ganz gewiss: Ihr Lachen bezauberte ausnahmslos jeden Menschen durch seine Heiterkeit. Es wirkte derart anschmiegsam und herzlich, dass manch einer nicht einzuordnen vermochte, ob er nun mehr ihre dunklen Augen unter ihren elegant geschwungenen Augenbrauen oder eher ihren schmalen und mit Sicherheit auch sehr verführerischen Mund bewundern sollte. Deswegen ergab es sich, dass ihre schlanke und sehr sportliche Figur häufig erst auf den zweiten Blick auffiel. Aber trotzdem ließ ihr Auftreten in keinem Augenblick vermuten, dass sie sich bereits seit einigen Jahren in Karate übte, eine Kampfkunst, die ihre Denkweise sehr stark geprägt hatte.
„Wo hast du denn diese Schramme her?“ Anna begutachtete die roten Kratzer auf seiner Stirn. Sie konnte sich nicht entsinnen, dass er diese Verletzung heute Morgen schon hatte.
„Auf dem Pausenhof haben sie mich geschubst, von hinten, weißt du? Da bin ich gestolpert und auf das Pflaster gestürzt. Dann haben sie gelacht, ganz doofe Jungs waren das. Der Lehrer ist dazwischen gegangen und hat ihnen gesagt, dass sie was erleben können.“
„Meine Güte! Sag mir, wer das war! Die werden morgen ihr blaues Wunder erleben!“
„Ich kenne diese Schüler nicht, sie sind älter als ich. Ich weiß nur, dass es drei Jungs waren. Einen nannten sie Mirko.“
„Schon eigenartig, dass sie gleich zu dritt sein mussten, um es mit dir aufzunehmen. Morgen zeigst du sie mir in der Pause. Ich komme vorbei.“
„Und was, wenn sie dann übermorgen in der Pause...?“
Peter ließ den Satz ins Leere laufen, denn er hatte Angst, seinen Gedanken auszusprechen.
„Dann wird es für diese drei Typen auf diesem Pausenhof keinen Tag nach Übermorgen geben, das verspreche ich dir!“
„Mama, ich wünschte ich wäre groß und erwachsen. Dann könnte ich mich besser wehren gegen diesen Mirko und die anderen.“ Seine Augen wurden feucht und rot. Peter erlöste sich von der Träne mit einem Lidschlag und dann ergoss sich eine kristallene Perle auf seiner Wange und verlor erst ihren Halt, als sie das Kinn erreicht hatte.
Anna fasste Peters Kopf mit der freien Hand und drückte ihn tröstend an ihren Bauch: „Es bringt gar nichts, sich zu wünschen, älter zu sein. Wenn du nämlich groß bist, dann ist Mirko auch groß. Glaube mir, auf dieser Welt gibt es viele Mirkos, dein ganzes Leben lang werden sie dir über den Weg laufen.“
„Kennst du auch einen Mirko?“, wollte Peter wissen, aber es war eher die kindliche Neugier, die ihn zu dieser Frage trieb, als eine Schlussfolgerung aus dem Gesagten, das sich eigentlich mehr wie eine Anspielung als ein Ratschlag anhörte. Deswegen darf es nicht verwundern, dass ihre Antwort wie selbstverständlich klang: „Und ob!“ Sie betonte diesen Ausruf mit einer unerschütterlichen Gewissheit und wiederholte ihn noch einmal, diesmal aber etwas langsamer und ernster. „Ich kenne sogar viele Mirkos.“
Es folgte Schweigen. Kein betretenes, wie man es zum Beispiel erdulden muss, wenn man nach einer Begrüßung und einem Wortwechsel über das Wetter nur noch Leere und Verlegenheit verspürt. Nein, dieses Schweigen war mehr ein zeitgebendes, um das Gesagte wie eine Medizin im Körper ausströmen zu lassen.
In ihren Erinnerungen versunken, fühlte sich Anna plötzlich in ihre eigene Vergangenheit zurückversetzt. Sie hatte damals nicht gekämpft und war stattdessen ihrem Wunschdenken nachgehangen, dass sie sich, einmal älter geworden, gegen jeden Widersacher zur Wehr setzen würde. Eben aber erst in einer späteren Zukunft, die sie sich in ihrer Vorstellung oft und gerne ausmalte. Bis sich ihre Träume von einer furchtlosen Kämpferin jedoch zur Wirklichkeit verfestigten, richtete sie sich ihr Luftschloss kuschelig ein. Wenn sie sich schon in eine Ecke zurückzog, dachte sie, sollte dieser Platz wenigstens etwas Gemütliches und Beruhigendes haben.
Älter werden als Lösung des Problems? Diesem Irrglauben hing sie zwar schon lange nicht mehr nach, aber es wäre besser gewesen, sie hätte ihm überhaupt nicht nachgehangen. Und weil sie ahnte, dass Peter allmählich begann, den gleichen Fehler zu begehen wie sie in ihrer Kindheit, beschloss sie, ihm auf dem Heimweg die Geschichte von der Mühle des Alters zu erzählen:
„Es war einmal ein junger Knabe, der ging eines Tages zur Mühle des Alters und drehte an ihr im Uhrzeigersinn, damit sie sich schneller bewegte. Dabei sprach er voller Freude: ‚Ihr Menschen, seht, ich bin schon sieben Jahre! Bald werde ich acht Jahre! Bin ich nicht schon ein großer Junge?’ Die Menschen gingen an ihm vorbei und antworteten ihm: ‚Sieben Jahre? Meine Güte, bist du schon ein großer Junge geworden!’ Diese Worte machten den Knaben sehr stolz. So vergingen die Jahre, bis aus dem Knaben ein stattlicher Mann im Alter von 30 Jahren wurde. Abermals besuchte er die Mühle des Alters, betrachtete sie argwöhnisch und mit prüfendem Blick, setzte sich nieder und sah wortlos zu, während die Mühle sich drehte und drehte. Aber es kam schließlich der Tag, an dem er das fünfzigste Lebensjahr erreicht hatte und wieder suchte er die Mühle des Alters auf. Noch einmal wollte er sich nicht niedersetzen und wortlos zusehen, sodass er kurzerhand an der Mühle zu drehen begann, und zwar entgegen dem Uhrzeigersinn. Er hatte sich überlegt, dass es so möglich sein müsse, das Altern zu bremsen. Dabei dachte er sich: ‚Nun bin ich schon 50 Jahre gealtert und vermutlich habe ich die längste Zeit meines Lebens bereits verlebt. Wie gern wäre ich noch einmal sieben Jahre und wüsste das, was ich heute weiß.’ Und ehe er seinen Gedanken zu Ende geführt hatte, kam ein kleiner Junge zu ihm und bat, an der Mühle des Alters drehen zu dürfen. Der Mann ließ ab und als der Junge es erkannte, sprach er: ‚Aber mein Herr, ihr habt ja in die falsche Richtung gedreht!’“
„Was ist aus dem alten Mann geworden?“
„Nun, er ist eines Tages an seinem hohen Alter gestorben.“
„Das macht mich traurig, Mama.“
„Und mich macht traurig, dass du heute Probleme mit anderen Kindern hattest. Aber sei tapfer, du brauchst nämlich keine Angst vor anderen Kindern haben. Sie haben vielleicht zu Hause keine lieben Eltern.“
Peter richtete seine großen, goldbraunen Augen auf Anna: „Werden diese Kinder mal anders sein?“
„Das ist schwer zu sagen... Ja, vielleicht! Aber wenn nicht, werden sie ihren Kindern weitergeben, dass Streit die Probleme lösen kann.“ Anna blieb stehen, stellte den Ranzen ab, kniete sich zu Peter hinunter und packte ihn mit beiden Händen an seinen Schultern. Mütter machen das gerne, um eindringlich auf ihr Kind einzuwirken, meistens mit Vorwürfen wie: Was hast du dir dabei gedacht? Sie blickte ihm tief in die Augen und betonte mit ernstem Gesichtsausdruck: „Das tut es aber nicht!“
„Mama, ich wünschte, ich wäre ein Vogel. Frei wie ein Vogel! Dann würde ich hoch in die Lüfte schweben und die Welt von oben beobachten. Ich würde das Apfelbäumchen in unserem Garten sehen, hinunter segeln und einen Apfel abzupfen. Ja, und ich würde mich wieder vom Wind nach oben treiben lassen, den Apfelstiel im Schnabel. Und irgendwann würde ich einen bösen Menschen finden, tief unten in den Städten. Dann würde ich runter fliegen, aber nicht zu tief, damit mich niemand sieht und dann würde ich den Apfel fallen lassen, dass er genau auf diesen bösen Menschen trifft.“
Mit breit ausgestreckten Armen ahmte Peter einen Vogel nach und lief dabei, mit seinem Schatten spielend, in Schlangenlinien um Anna herum. Schließlich blieb er vor ihr stehen, verschränkte seine Arme hinter dem Rücken wie ein Häftling, blickte zu ihr hoch und fuhr fort: „Weißt du, was ich dann machen würde? Lachen! Ganz laut lachen!“
„Ach, wenn du ein Vogel wärst, würdest du dich nicht freuen. Keinen Augenblick wärst du glücklich darüber. Du würdest alles sehen, was die Menschen tun. Gutes und Schlechtes. Und du würdest alles hören, auch das Boshafte, was in den engen Gassen getuschelt wird. Du würdest dir dann wünschen, ein Maulwurf zu sein. Der sieht nichts. Der hört nichts. Der lebt in einer anderen Welt, tief unter der Erde. Und vielleicht ist es sogar eine glücklichere Welt.“
„Ich wünschte, du wärst ein Zauberer und könntest diese Welt in ein Paradies verzaubern.“
„Aber mein Kind, die Welt muss man gar nicht verzaubern. Man muss nur die Leute verzaubern, die darauf leben. Man muss sie in Menschen verzaubern.“
„Wer kann so etwas machen?“
„Jeder. Jeder Mensch kann in seinen Träumen zaubern wie eine Fee. Und wühlen wie ein Maulwurf. Und auch schweben wie ein Vogel.“ Bei dem letzten Satz lachte sie, denn die Fantasie ihres kleinen Jungen beeindruckte sie.
„Wenn ich groß bin, zeigst du mir dann das mit dem Träumen?“
„Auf jeden Fall, mein Schatz!“
„Und solange ich das noch nicht kann, Mama, träumst du mir die Welt schön, versprochen?“
„Großes Mama-Ehrenwort!“
„Du, Mama.“
„Hhm?“
„Das Leben ist so...“ Peter brach den Satz ab. Ihm fiel nicht das richtige Wort ein, deswegen bot ihm Anna eines an. Eines, das zumindest für einen Erwachsenen ganz treffend gepasst hätte.
„Schwierig?“
„Doof! Das Leben ist doof!“ Bei diesen Worten lief eine Träne über die weichen Konturen seines Gesichtes.
„Ach, mein Kind, sag doch nicht so etwas! Du bist erst sechs Jahre alt! Das Leben kann sehr schön sein. Aber das ist es nur, wenn du auf Entdeckungsreise gehst. Und dazu musst du dein Herz öffnen und bereit sein, das Leben so anzunehmen, wie es ist. Du wirst viele Farben aufspüren, die du vorher noch nie bemerkt hast. Deine Urgroßmutter hat immer gesagt: Nur wer die Farben des Lebens kennt, kann das Geheimnis der goldenen Brücke lüften.“
*
„Folge meinem Schatten!“, stöhnte ES. „Ich werde dir den Weg zur goldenen Brücke schon zeigen. Das Leid wird deine Sinne schärfen.“ Dann lachte ES Furcht erregend.
*
„Wo ist die goldene Brücke?“
„Ich weiß es nicht. Aber dein Herz kann es dir sagen. Denn es begleitet dich überall hin. Auch in die Träume.“
Wäre Peter dreißig Jahre älter, würde er vermutlich gegenhalten, dass man manche Farben lieber nicht aufspüren sollte. Vermutlich würde er dann das Gespräch mit einem Satz beenden wie: „Wenn ich alle düsteren Tage zusammen nähme und würde um diese Zeit später auf die Welt kommen, wäre ich wohl erst sechs Jahre.“
Wie gut, dass Peter tatsächlich erst sechs Jahre alt war.
*
Am nächsten Tag, als die Schule nach dem Pausengong ihre Schüler wie zähflüssigen Haferbrei ausspuckte, war Peter zwar nicht gleich der Erste, der den Pausenhof betrat. Gut, es rollte dann noch eine ganze Lawine von Kindern auf den Hof, aber schließlich sah man auch Peter in der Menge.
Er war der Letzte.
Eine schmächtige Gestalt, schwarze, gelockte Haare im Kurzhaarschnitt. Er trug eine blaue Jeans und einen schwarzen Pullover mit einer Mickey Mouse auf der Bauchseite.
„Hallo Mickey Mouse!“, rollte ein abschätziges Gelächter zu ihm. Panik! Angst! Diese Stimme kannte er! Er musste weglaufen. Irgendwohin. Aber wohin? Er drehte sich nach rechts. Nach links. Genau: ins Gebäude. Ins Lehrerzimmer! Er rannte los. Er wollte jedenfalls losrennen. In der rechten Hand ein belegtes Brot. In der linken Hand eine Milchschokolade. Im Tetra-Pack. Mit Strohhalm. Plötzlich ergriff eine Hand seinen Pullover. So grob wie der Arm eines Krans. Sie ballte sich zur Faust. Wie sehr wünschte er sich, dass sein Pulli zerriss. Er, dann von der Faust befreit, losrennen und im Lehrerzimmer Schutz suchen konnte. Doch nichts dergleichen geschah. Die drei Gestalten stellten sich vor Peter, um ihm den Weg zu versperren. Einer von ihnen ergriff die Milchschokolade, der andere das Pausenbrot. „Danke für die Milch, Mickey Mouse“, spottete Mirko. „Ist da noch was drin für mich?“ Schmieriges Grinsen. Zum Teufel mit diesem Mistkerl! Der Mistkerl drückte den Trinkbehälter zusammen, die Milch schoss wie eine Fontaine aus dem Strohhalm heraus und direkt auf Peters Gesicht und Pullover. „Das tut mir aber außerordentlich leid, Mickey Mouse.“ Es klang alles andere als bedauernd.
Peter schwitzte, seine Hände waren feucht, sein Herz raste und die Füße waren kalt. Typische Anzeichen von Angst. „Schon in Ordnung.“ Verängstigt und leise stolperten Peter diese Worte heraus. Als er ansetzte um zu sagen: „Ihr könnt die Milch behalten“, krallte sich plötzlich von hinten eine Hand in Mirkos rechte Schulter. Peter konnte nicht sehen, wem sie gehörte, die Milch klebte auch an seinen Augen und überzog sein Blickfeld mit einem weißen Schleier. Eine ruhige, aber ernste Stimme sagte: „Möchtest du denn dem Jungen seine Milch nicht zurückgeben?“ Vom ersten bis zum letzten Wort zwängten sich die Finger wie eine Zange immer fester in Mirkos Schulter, es wurde so schmerzhaft, dass es sich anfühlte, als würden jeden Moment die Knochen brechen. Die anderen beiden hatten die Person mittlerweile bemerkt und blieben regungslos stehen.
„Ja, klar. Hier, bitte“, stotterte Mirko leise, bemüht, jetzt bloß keinen Schmerzensschrei von sich zu geben und übergab mit zittriger Hand die Milchschokolade. Peter hatte sich inzwischen die Milch aus den Augenwimpern gewischt und begann nun auch, die Lage zu begreifen. Nun lächelte er einem ihm sehr vertrauten Gesicht zu. Es war seine Mutter. „Es gibt Menschen im Leben“, fuhr sie in ruhigem Tenor fort, „denen sollte man keine Probleme machen. Sonst kann es passieren, dass man selbst Probleme bekommt. Verstehst du das?“ „Ja. Klar. Keine Probleme machen“, wiederholte Mirko mechanisch, zwischen jedem Satz eine kurze Pause, vielleicht, um den Schmerz in der Schulter besser zu verkraften. „Gut“, schloss Anna, „dann wird dieser Junge ab sofort in Ruhe gelassen.“ Und erst, als Mirko mit „Jawohl“ ihrer Aufforderung nachkam, ließ der Griff nach und hinterließ einen beißend stechenden Schmerz. „Wer sind Sie?“, wollte ein anderer Junge wissen und Anna warf ihm einen drohenden Blick zu: „Euer schlimmster Albtraum, wenn ihr euer Versprechen brecht.“ Dann drehte sie sich von ihnen ab und verließ den Schulhof. Sie hatte Peter kurz zugelächelt, aber sie hielt es für klüger, mit ihm zu Hause zu sprechen.
Es ist eben gut, einen Freund zu haben. Aber es ist besser, einen Freund zu haben, der für uns da ist, wenn wir ihn brauchen. Am besten ist es aber, einen Freund zu haben, der für uns auch da ist, wenn wir ihn nicht brauchen. Vielleicht wird er uns daran erinnern, dass wir ihn gerade in diesen Momenten am meisten brauchen, wo wir es am wenigsten ahnen.
Kapitel 3
Peter war mittlerweile in der zweiten Klasse und weder Mirko noch seine Freunde hatten ihre Abmachung vergessen. Sie machten einen großen Bogen um ihn. Einmal hatte Mirko ihn sogar gefragt, ob er nicht Lust hätte, sich seiner Clique anzuschließen. „Ich brauche euch nicht“, hatte Peter ihm matt entgegnet und dabei mit den Achseln gezuckt. Mirko nickte einsichtig und entschied, das Kräftemessen mit Peter als unentschieden zu bewerten und jemand anderes als Opfer auszuwählen. Jemand, der schwach genug für ihn war, um sich weiterhin als Anführer einer Gruppe behaupten zu können. Es war das Einzige, was ihm Kraft gab. Zu Hause jedenfalls fand er diese Kraft nicht. Sein Vater saß den ganzen Tag vor dem Fernseher, nachmittags ging er dann aus dem Haus und wenn er abends heimkam, schrie er seine Mutter an, die daraufhin weinte. Manchmal schienen auch Gegenstände umzufallen, vielleicht wurden sie auch geworfen. Das alles konnte Mirko von seinem Bett aus hören. Jeden Abend dasselbe. Er hasste seinen Vater dafür. Und er hasste Peter. Wenn sein Vater abends herumbrüllte und er deswegen nicht einschlafen konnte, stellte er sich vor, wie Peter von seiner Mutter bei der Schule abgeholt wurde, wie er ihr auf dem Heimweg von seinen Erlebnissen berichtete, wie sie dann gemeinsam lachten und dann, zu Hause eingetroffen, zusammen Mittag aßen. Er stellte sich vor, wie Peter mit seinen Eltern am Wochenende auf den Rummelplatz ging, Popcorn aß, Achterbahn fuhr, durch die Geisterbahn rollte und sich dabei alle ängstlich einander die Hand hielten.
Wenn Mirko mit seinen Eltern wirklich einmal unterwegs war, dann meistens nur deswegen, weil sie zum Amt mussten und Mirko nicht alleine zu Hause bleiben sollte. Oder vielleicht wäre ihnen das sogar egal gewesen und sie nahmen ihn nur mit, weil das Amt sie dazu aufgefordert hatte. Es war immer dasselbe Amt und auf dem Weg dorthin stand im Sommer der Wagen eines Eisverkäufers. Die ersten Male hatte er seine Mutter gefragt, ob er ein Eis haben könne. „Ein anderes Mal vielleicht“, hatte sie ihm leise ins Ohr geflüstert und dann ängstlich zu seinem Vater geblickt. Einmal hatte der Vater es mitbekommen und er sah ihr verhasst in die Augen: „Du hast wohl ein Rad ab? Wir haben kein Geld für Eis! Ich will nichts mehr davon hören!“ Seitdem schwieg Mirko, wenn sie an dem Eisverkäufer vorbeikamen. Einmal beugte sich der Eisverkäufer aus dem Wagen: „Komm her, du bekommst ein Eis von mir“, denn die Sonne schien an diesem Tag gnadenlos und die sengende Hitze erstickte jeden Anflug von Arbeitslust. Der Eisverkäufer tupfte sich mit einem Taschentuch die schweißbenetzte Stirn, während er Mirko an ihm vorbeilaufen sah, als hätte dieser ihn gar nicht gehört. Er sah dem Kind hinterher, das sich schließlich umdrehte und verweint mit dem Kopf schüttelte. „Ich verstehe“, murmelte der Eisverkäufer. „Armes Kind!“
*
In all den Jahren hatte der Eisverkäufer schon in tausende Gesichter gesehen. Fröhliche, neugierige, in sich versunkene Blicke hatte er beobachtet. ‚Aber dieses Kind...’, überlegte er kopfschüttelnd und meinte damit Mirko, der mit seiner Mutter immer mindestens zehn Schritte hinter seinem Vater herging. ‚Wahrscheinlich schämt sich dieser Mann für seine Familie’, überlegte er. Mirko war das einzige Kind, das nie ein Eis bekam. Er hätte es ihm sogar geschenkt.
Der Eisverkäufer hatte viel Zeit zum Nachdenken, denn die Kunden kamen meist unregelmäßig. Er dachte oft über das Leben nach, überlegte, ob es vielleicht das Los seines alternden Geistes sei, dass er sein Leben mit 60 Jahren nicht mehr so unbeschwert wahrnahm, wie er es als Kind tat. Je älter er wurde, desto mehr Angehörige und Freunde hatte er zu Grabe getragen, stets in dem Bewusstsein, dass ihn dieses Schicksal auch eines Tages ereilen würde. Durch seine Augen nahm er sein Leben eigentlich wie einen Film wahr und, freilich, solange er ihn ansah, blieb er spannend, dramatisch oder romantisch. Einmal würde dieser Film jedoch zu Ende sein und das war eine Gewissheit, die ihn mit den Jahren immer stärker bedrängte und ihn gegenüber seinem Leben demütig werden ließ. Und immer, wenn er Mirkos Vater vorbeistolzieren sah, sagte er sich: „Demut ist die Kraft, sich verneigen zu können. Aber dieser Bastard kennt keine Demut!“ Eigentlich hätten Kinder auch diese Kraft in sich, überlegte er dann, sie drücke sich eben nur anders aus. Und er kam zu dem Entschluss, dass jeder Mensch diese Kraft anders empfände und würde man ihn persönlich einmal fragen, wie er diese Empfindung beschriebe, gäbe er zur Antwort: „Sie ist schillernd und makellos. Genau wie die Farbe der Demut.“
*
Das, was sich langsam aber zielstrebig auf der braunen Erde fortbewegte, war der treue Schatten einer Ameise. Es ist schwierig, mit Bestimmtheit zu sagen, ob auch Ameisen wie wir Menschen einen Namen haben, aber wenn, dann wäre ihr Name vermutlich Lilli gewesen. Das hätte zu dieser kleinen Ameise sehr gut gepasst. Vielleicht, weil sie so athletisch und unbezwingbar wirkte. Vielleicht, weil sie so unermüdlich und fleißig ihre Arbeit verrichtete. Vielleicht, weil sie irgendwie auch neugierige Augen hatte, immer auf der Suche nach Nahrung und Gefahren. Obgleich sie sehr taff war – ganz bestimmt war sie ebenso tapsig. Ameisen sind einfach tapsig! Weil sie so kleine Beinchen haben. Deswegen sind sie tapsig.
Lilli hatte zittrige Beinchen, das lag an der Last, die sie auf dem Rücken trug. Es musste wohl das Vier- oder Fünffache von dem sein, was Lilli selbst wog. Aber ihr bemerkenswerter Wille war ungebrochen und unerbittlich, beinahe willenlos folgte sie der Pheromonspur, jene, welche sie wissen ließ, dass sie nicht vom Weg abgekommen war. Man muss wissen, dass Ameisen diesen Duftstoff versprühen, um ihren Weg zu markieren. Dadurch finden sie wieder zurück, aber auch andere Ameisen zu ihnen hin. Doch für den Fall, dass ein Regenguss die Duftstoffe wegspült, behelfen sie sich auch mit ihrem guten Gedächtnis – Ameisen erinnern sich an ihre Umgebung.
Ihre kleinen Äuglein hatten etwas Magisches, Liebevolles und sie strahlten auch eine unbeschreibliche Selbstaufgabe aus, sodass man fast meinen konnte, ihr einziger Gedanke, der in ihr lebte, war: ‚Ich muss helfen! Gleich habe ich es geschafft!’ Manchmal hielt Lilli inne und streifte ihre kleinen Fühlerchen an ihren zittrigen Vorderbeinchen ab, um sie zu putzen. Um dann wieder, ganz behutsam und vorsichtig, nach dem Geruch des Pheromons zu suchen.
In diesem Moment aber spürte sie noch etwas anderes: Die Luft um sie herum begann zu zirkulieren, die Temperatur schwankte plötzlich ungewöhnlich stark. Lilli bekam Angst. Besorgt beschleunigte sie ihre Schritte, dann änderte sie die Laufrichtung, mehrmals und irgendwie gegensätzlich. Aber das war ihre Ungewissheit, denn die Erschütterungen auf dem Erdboden wurden immer stärker und schienen von allen Richtungen ausgelöst zu werden.
Hastig suchte Lilli nach der Duftspur, ihre Beinchen irrten von einer Stelle zur nächsten. Plötzlich verfinsterte sich der Himmel, ein riesiger Felsbrocken stürzte auf sie herab, die Erde begann zu beben, Druck baute sich in der Luft auf, die dann zornig dem unbeirrt fallenden Monster auswich. Lilli kam ins Wanken, ihre Beine zitterten, dann lief sie hastig davon, sie musste ihr Leben retten, rannte und rannte, panische Angst trieb sie weiter voran, hin und her hetzte sie, völlig verwirrt und verzweifelt, von der Duftspur abgekommen, und dann klappten ihre Beine plötzlich unter einer unerträglichen Last zusammen. Sie sank zu Boden, etwas presste sie noch tiefer, erdrückend, erstickend, und dann bekam sie keine Luft mehr, der letzte Atemzug wurde durch den unermesslichen Druck ausgepresst, aber ehe sie sich dessen bewusst war, wurde sie zerstampft!
Ihre Beinchen zuckten, so, als ob sie noch sagen wollten: ‚Aber wir müssen doch noch weiter gehen und helfen. Gleich haben wir es geschafft!’ Und dann wurde es finster um ihre Augen und Lilli spürte so viel Erleichterung, so viel Wärme, dass sie all ihre Hast vergaß und friedlich starb.
*
Neugierig hob Peter seinen Fuß an und prüfte, ob er die Ameise erwischt hatte. „Eine Ameise mit einem Stückchen Blatt“, überlegte er halblaut, grinste zufrieden und hielt schließlich Ausschau nach anderen Krabbeltieren. Am liebsten waren ihm große Käfer, sie knackten wie Nüsse unter seinen Schuhen. Die Schnecken allerdings ließ er in Ruhe, sie waren ihm zu schleimig und klebrig und nur schwer von den Schuhsohlen abzubekommen. „Ah, hier ist noch eine Ameise“, freute er sich wieder. Und patsch!
„Peter! Verdammt!“, ärgerte sich Erik, der erst jetzt begriff, warum Peter so seltsam hin und her hüpfte. „Warum trittst du denn auf die Ameisen?“
„Die müssen doch sowieso sterben.“
„Und deswegen tötest du sie, weil sie sowieso sterben müssen?“
„Es sind doch nur zwei winzige Ameisen.“ Peter hob die rechte Hand nach oben und bildete mit Zeige- und Mittelfinger ein V, während er dabei hüpfte und überschwänglich grinste, vielleicht, um das Gesagte zu untermalen, vielleicht, um dem Vater auf gleicher Augenhöhe entgegenzutreten, vielleicht auch nur, um seine Unsicherheit herunterzuspielen.
„Was ist bloß los mit dir?“, protestierte Erik.
„Was soll los sein?“
„Du kannst doch nicht einfach anderen Lebewesen Leid zufügen und dann noch Spaß daran haben!“
*
„Füge anderen kein Leid zu“, zischte ES, „nur dein eigenes Leid schärft deine Ohren für meine Stimme! Wenn du meine Stimme nicht hörst, meinen Schatten nicht siehst, wirst du den Weg nicht finden. Den Weg zur goldenen Brücke.“
*
„Na gut, Paps“, stöhnte Peter, aber seine Augen wirkten fröhlich. Er henkelte sich bei Erik ein, um zu verdeutlichen, dass er ihm seine ganze Aufmerksamkeit schenkte, während sie weiterliefen.
„Weißt du, warum die Ameisen kleine Blattstückchen tragen?“
„Na, warum wohl, Paps! Sie verstecken sich.“
„Ganz sicher nicht.“
„Dann fressen sie also die Blätter?“
„Sie fressen auch nicht die Blätter.“
„Dann bauen sie irgendwas daraus, oder?“
„Nein, tun sie auch nicht.“
„Ein Wettkampf also: Wer schafft die schwersten...“
„Peter, das ist auch nicht richtig! Sie züchten einen Pilz auf diesen Blättern, von dem ernähren sie sich.“
„Mensch, das wollte ich jetzt als nächstes sagen!“, schimpfte Peter empört, aber es war nur gespielte Empörung. Und gesagt hätte er es auch nicht.
„Wir sind jetzt ungefähr einen Kilometer gegangen. Und jetzt schau dir den Laubbaum dort drüben an. Würdest du all seine Blätter abzupfen, sie auf deine Reise mitnehmen und nach jedem Kilometer ein Blatt hinlegen, könntest du unserer Erde eine wunderschöne Kette basteln.“
„So viele Blätter hat dieser Baum?“
„Vielleicht sogar noch mehr, aber das wissen nur sehr wenige.“
„Und wer?“
„Der Wind zum Beispiel. Er weiß alles. Jeden Tag fährt er wie ein Kamm durch das Laub und zählt die Blätter. Und die Wolken wissen es auch. Sie lassen ihre Tropfen herunterfallen und wenn schließlich jeder Tropfen auf einem Blatt sitzt, wissen sie genau, wie viele Blätter der Baum hat.“
„Ich kann aber weder den Wind noch die Wolken fragen.“
„Aber du kannst ihnen zusehen und zuhören. Hast du das schon einmal gemacht?“
„Nein, das finde ich doof.“
„Weil du sie nicht verstehst, stimmt’s?“, meinte Erik verständnisvoll, machte dann plötzlich einen erschreckten Gesichtsausdruck und flüsterte: „Hörst du das auch?“
„Was meinst du? Papa, du machst mir Angst!“
„Der Baum raschelt mit seinen Blättern. Er flüstert dir etwas ins Ohr, hör’ mal genau hin!“
„Es hört sich lustig an, richtig fröhlich“, freute sich Peter und legte dabei seine offenen Handflächen hinter den Ohren an, als sei er schwerhörig und beide Hörgeräte zu Hause.
„Das wollte der Baum dir auch sagen: Ich bin froh, dass du die Dinge so gut verstehst, wenn du ihnen deine Aufmerksamkeit schenkst.“
Erik ging auf den Baum zu, breitete seine Arme aus und umarmte ihn so liebevoll, als hätte ihn der Baum soeben zum glücklichsten Menschen dieser Welt gemacht.
„Warum machst du das, Papa?“
„Ich verabschiede mich von diesem Baum.“
„Aber der Baum versteht dich doch gar nicht.“
„Bist du dir ganz sicher? Möchtest du spüren, wie sein Herz klopft? Dann komm und umarme ihn auch.“
Peter ging daraufhin auf den Baum zu, legte seine beiden Arme großzügig um ihn und spürte mit jedem weiteren Augenblick, wie gut dem Baum diese Umarmung tat. Je länger er ihn umarmte, desto stärker spürte er, wie gern der Baum sein Freund wäre. „Ich hab’ dich lieb, Baum. Ich verspreche dir, ich komme auch bald wieder.“ Etwas Trauriges lag in diesen Worten, die Peter aus sehr tiefer Zuneigung gesprochen hatte.
Nun bückte sich Erik, schaufelte in seine beiden Hände Erde und formte sie zu einem Kelch. „Hast du gewusst, dass sich in meinen Händen etwa eine Milliarde Lebewesen befinden?“
„Ist eine Milliarde viel?“
Mama kauft doch immer die kleinen Dosen mit Erbsen, wo du uns doch mal gefragt hast, was 400 ml bedeutet.“
„Ich weiß, welche du meinst! Hab’ aber vergessen, was ihr damals gesagt hattet. Ich weiß nur noch, dass du die Erbsen dann gezählt hast“, lachte Peter, er fand es nämlich schon damals wahnsinnig amüsant.
„Da siehst du es: Andere Papis genießen am Wochenende die Sonne im Schaukelstuhl oder basteln an ihrem Motorrad oder treffen sich mit Kumpels zum Kegeln, während dein Papa zu Hause sitzt und brav die Erbsen für seinen Sohnemann zählt. Es waren immerhin über tausend Erbsen in der Dose. Wenn ich jetzt jeden Tag tausend Dosen zählen würde, dann würde ich tausend Tage benötigen. Da hättest du inzwischen dreimal Geburtstag gehabt.“
„Und dann?“
„Dann könnte ich zu dir sagen: Peter, das sind eine Milliarde Erbsen. Und die Dosen werden dann wahrscheinlich alle in meinem Arbeitszimmer landen“, lachte Erik, der sich gerade Annas verärgertes Gesicht und die kleine Speisekammer, bis zum Rand mit Erbsendosen gefüllt, vorstellte.
*
„Dummes Kind! Was nützen dir eine Milliarde Erbsen, wenn du doch keinen einzigen Gedanken daran verschwendest, mich zu suchen?“ ES stampfte mit dem Fuß auf und rief voller Zorn: „Aaaah!“
*
„Was war das, Paps?“
„Was meinst du? Ich habe nichts gehört!“
„Es klang wie ein A.“
„Eine Krähe vielleicht“, stellte Erik kurzerhand fest, wippte dann leicht mit der Erde in den Händen, um das Objekt, auf das er nun verweisen wollte, auch optisch hervorzuheben: „Jetzt schau dir mal die Erde an.“
Peter begutachtete die Erde wie ein angehender Wissenschaftler, stocherte vorsichtig mit dem Zeigefinger darin herum und wurde in der Tat fündig: „Ein Regenwurm... Noch ein Regenwurm. Und so ein komisches Käferdings.“
„Das ist eine Assel. Und schau mal da hin: Das ist ein Tausendfüßler.“ Erik deutete mit der Nase auf einen Wurm mit zahllosen Füßchen, der ängstlich im Erdreich Schutz suchte.
„Igitt!“
„Das ist alles Natur.“
„Ja, aber das sind doch keine Milliarde Lebewesen.“
„Da gibt es ja auch noch Bakterien, Milben, Springschwänze, Wimperntierchen und anderes. Und vergiss nicht die Pilze! Das ist aber alles so klein, dass du sie nicht mehr zählen kannst. Weil du sie nämlich gar nicht mehr siehst. Dafür gibt es dann spezielle Apparate, mit denen sich diese kleinen Lebewesen gigantisch vergrößern lassen. Bloß weil du diese Lebewesen nicht sehen kannst, bedeutet das also nicht, dass sie nicht da sind.“
„Hhm.“
Erik schüttete die Erde schwungvoll auf den Boden, klatschte mehrmals in die Hände und rieb dann die Hände an den Hosenbeinen ab, um sich von der restlichen Erde loszusagen.
„Da wird Mama schimpfen, ich sehe ja jetzt schlimmer aus als du“, sagte er kopfschüttelnd, während er die großflächigen Schmutzflecke auf der Jeans begutachtete.
„Sag mal Peter, zertreten deine Schulfreunde eigentlich auch die Ameisen?“
„Schon“, antwortete Peter zögerlich.
„Du solltest besser deinen eigenen Weg gehen, nicht immer nehmen die anderen den richtigen Weg. Und wenn sie etwas Dummes machen, dann lass sie es ohne dich machen. Es ist nicht immer einfach, gegen den Strom zu schwimmen. Aber gerade diese Kraft macht dich zu einem ganz besonderen Menschen.“
Nun blieben sie stehen und Erik ging in die Hocke, um seinem Jungen in die goldbraunen Augen sehen zu können: „Aber egal wie viel Kraft du hast, setze sie niemals ein, um anderen Leid zuzuführen. Komm, lass uns jetzt nach Hause gehen. Mama hat das Mittagessen bestimmt bald fertig. Und auf dem Rückweg erzähle ich dir noch eine Geschichte über die Entstehung unserer Erde, wenn du möchtest.“
„Klar möchte ich!“
„Vor sehr langer Zeit lebte ein kleiner Gedanke und war sehr traurig über sein langweiliges Leben. Und somit beschloss er eines Tages, ein Kunstwerk zu schaffen. ‚Irgendwann, wenn ich längst vergessen bin, wird man es bestaunen. Ich bin mir ganz sicher, eines Tages wird man sich meines Kunstwerkes bewusst. Und staunen wird man, ganz fest staunen. Jawohl!’ Und so formte der Gedanke aus einer Idee eine Kugel, die er Sonne nannte. Er rieb sie zwischen den Händen, deswegen wurde sie immer heißer und heißer, bis sie schließlich 300-mal so heiß war wie der heutige Tag. ‚Das ist genau richtig’, überlegte sich der kleine Gedanke, ‚meine Sonne darf nicht heißer und nicht kälter sein. Und sie darf nicht größer und nicht kleiner sein.’ So ließ er die Sonne vorsichtig los und freute sich, als er sie schweben sah. ‚Nun will ich warten, was passiert’, dachte sich der kleine Gedanke, machte es sich gemütlich und schaute seiner Sonne zu.
Alles, was in die Nähe der Sonne kam, hielt sie mit ihren unsichtbaren Händen fest und aus diesem Grund kreisten einige Zeit später viele Kugeln um die Sonne herum. Diese Kugeln nannte der kleine Gedanke Planeten. Manche waren ihr sehr nah und deswegen fürchterlich heiß. Aber die meisten waren sehr weit weg, deswegen war es bitter kalt auf ihrer Oberfläche. Ein Planet, unsere Erde, fiel dem kleinen Gedanken auf, denn sie unterschied sich von all den anderen: Er war weder zu nah, noch zu weit weg von der Sonne. ‚Schade, dass die Erde so klein ist. Wenn sie eines Tages von Luft umgeben wird, dann ist meine Erde viel zu schwach, die Luft mit ihren kleinen, schwachen Armen festzuhalten. Oh ja, ich befürchte, die Luft wird in den Weltraum entschwinden!’ Deswegen formte der kleine Gedanke einen zweiten Planeten und nannte ihn Theia. Er schubste ihn an und so kam es, dass Theia und die Erde zusammentrafen. Das gab einen riesigen Knall! In alle Richtungen flogen die Trümmer. Aber die beiden Planeten waren noch sehr weich und geschmeidig, sie konnten verschmelzen und die Erde wurde größer. Und das, was von Theia übrig blieb, nannte der kleine Gedanke den Mond. ‚Er soll von nun an ein Begleiter sein und meine stürmische Erde umkreisen. Wie Mann und Frau sollen sie zusammenbleiben, und einer braucht den anderen. Ich bin mir sicher, meine Erde wird sich bald beruhigen.’ Und so geschah es tatsächlich. Aber der kleine Gedanke begutachtete die Erde skeptisch, denn etwas fehlte noch: ‚Der Weltraum ist groß und gefährlich’, dachte er, ‚der Mond kann meine Erde nicht beschützen.’ Er betrachtete die anderen Planeten und als er den größten unter ihnen sah, strahlte er: ‚Dich nenne ich Jupiter und du passt auf die Erde auf. Wie ein Staubsauger sollst du alles Geröll, das auf die Erde zufliegt, aus dem Weg räumen!’
Alles war also perfekt eingerichtet, um Leben entstehen zu lassen: Die Erde hatte Wasser, das weder zu Eis gefror, noch in den Weltraum verdampfte. Sie hatte einen Mond, deswegen wurde es ziemlich gleichmäßig warm auf ihr. Die Sonne war nicht zu groß, sonst hätte sie nicht die Kraft gehabt, bis zum heutigen Tag die Erde zu wärmen. Die Sonne war auch nicht zu klein, sonst hätte der kleine Gedanke seine Erde näher an die Sonne rücken müssen. Aber dann gäbe es wahrscheinlich auf der einen Erdhälfte nur Tag und auf der anderen nur Nacht, denn die Erde hätte sich nicht mehr wie ein Kreisel gedreht. Jupiter gab es schließlich auch noch, der für die kleine Erde den Dreck wegräumte. Und genau aus diesem Grund, dass nämlich alles perfekt eingerichtet war für die Erde, konnte sich das Leben auf ihr entfalten. Leben, das immer wieder ausgestorben ist, um neuen Arten Platz zu machen. Vielleicht wird es uns Menschen auch einmal so ergehen? Wenn wir die Natur allerdings in Ruhe lassen, lässt sie uns auch in Ruhe. Aber wenn wir sie beherrschen wollen, beherrscht sie uns. Das ist ein ganz einfaches Gesetz.“
Pulsuz fraqment bitdi.