Kitabı oxu: «Dominik Nerz - Gestürzt»
MICHAEL OSTERMANN
DOMINIK NERZ
GESTÜRZT
Eine Geschichte aus dem Radsport

Michael Ostermann:
Dominik Nerz – Gestürzt. Eine Geschichte aus dem Radsport.
© Michael Ostermann 2019
ISBN (Print) 978-3-95726-037-6
ISBN (E-Book) 978-3-95726-034-5
Covadonga Verlag, Spindelstr. 58, 33604 Bielefeld
Coverfoto: Hennes Roth, Pulheim
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INHALT
I. Die Diagnose
II. Das erste Mal
III. Lektionen in Schmerz
IV. Neue Welt
V. Grauzone
VI. Bella Italia – Radsport anders
VII. Sehnsucht Tour
VIII. Im Superteam
IX. Anführer
X. Der nächste Schritt
XI. In der Falle
XII. Der Tunnel
XIII. Kopfsache
XIV. Das Ende – ein Anfang
Danksagung
Bildnachweis / Der Autor
I
DIE DIAGNOSE
Die Einsicht hat sich die Strada Provinciale 27 ausgesucht. Gesäumt von Olivenbäumen schlängelt sich die einspurige, mit rauem Asphalt belegte Straße durch die Hügel der Toskana von Monte Rocchina hinab nach Monsummano Terme nordwestlich von Florenz. Hin und wieder öffnet sich der Blick auf die von der tief stehenden Sonne beschienene, weite Ebene des Arno. Eine schöne Gegend. Dass sich die Einsicht ausgerechnet diesen Flecken Erde auserkoren hat, um sich im Gehirn festzusetzen, empfindet Dominik Nerz als passend. Hier in Italien hat seine Karriere als Radprofi vor fünf Jahren vermeintlich so richtig Fahrt aufgenommen. Hier begann auch der Weg in jene Sackgasse, in der er nun schon so lange feststeckt. Jetzt, am 20. September 2016, ist das Ende der Sackgasse erreicht, geht seine Karriere zu Ende. Noch nicht offiziell, aber in seinem Kopf. »Was würde denn passieren, wenn das wirklich dein letztes Rennen wäre?« Diese Frage taucht hier auf dieser Straße in der Toskana auf. Und die Antwort gleich mit: »Das Einzige, was passieren kann, ist, dass es dir endlich wieder besser geht, dass du tatsächlich wieder ein glücklicher Mensch werden kannst.«
Die Aussicht, wieder glücklich zu sein, ohne Schmerz, ohne den Frust, ohne das Gefühl, nicht er selbst zu sein, hat etwas Befreiendes. Nerz ist gerade 27 Jahre alt geworden, eigentlich das beste Alter für einen Radprofi. Aber glücklich ist er mit seinem Leben schon lange nicht mehr. In den Jahren zuvor hat er seinen Körper fast zugrunde gerichtet. Mutwillig, bis an den Rand des Todes. Weil er bei der Tour de France unter die besten zehn im Gesamtklassement fahren sollte. Er hat trotzdem immer weitergemacht, seinen Körper geschunden, weit über die Grenze des Verträglichen hinaus. In der Saison 2015 ist er mehrmals schwer gestürzt. Seinem von einer Magersucht gezeichneten Körper gönnt er dennoch keine Pause. Er macht einfach weiter, weil sein Sport das so vorsieht und er das verinnerlicht hat in all den Jahren, in denen er seit seiner Kindheit Rennen gefahren ist. Die schweren Stürze zehren seinen abgemagerten, auf Höchstleistung getrimmten Körper noch weiter aus, bis er sich schließlich ganz verweigert. Seit Monaten schon blockiert er die Anforderungen, die an ihn gestellt werden. Nicht immer, aber immer wieder. Erst kurz bevor Dominik Nerz an diesem Nachmittag die Einsicht überkommt, dass dies sein letztes Rennen als Radprofi sein wird, hat sein Körper es wieder getan – einfach nicht mehr mitgemacht.
Der Giro della Toscana zählt nicht zu den bedeutenden Rennen im Kalender des internationalen Profiradsports. Der Rad-sport-Weltverband UCI hat die aus zwei Etappen bestehende Veranstaltung in die Kategorie 2.1 eingeordnet, die zweitniedrigste Stufe für Profirennen. Sie dient als Vorbereitung auf die Lombardei-Rundfahrt, den letzten großen Eintagesklassiker der europäischen Saison. Die erste Etappe führt über 174,7 Kilometer von Arezzo nach Montecatini Terme. Das Profil ist durchaus anspruchsvoll, aber nichts, was einem ausgewiesenen Kletterspezialisten wie Dominik Nerz Angst einjagen müsste. Kurz vor der Zielrunde ist noch ein etwas steilerer Anstieg zu bewältigen. Das Feld nimmt Tempo auf, es wird um die beste Position gekämpft. Auch Nerz hat sich vorne eingereiht. »Ich hatte immer ein gutes Renngespür«, sagt er. »Ich habe hochgeschaut, abgeschätzt, welche Straße wir nehmen und nur gehofft: ›Bitte nicht die linke, weil es da einen Berg hochgeht, den ich nicht eingeplant habe. Und so, wie die da gerade reinfahren, überlebe ich das nicht.‹ Dann ging es in den Berg rein.« Es ist noch nicht der eigentliche Anstieg, in den das Feld da hineinjagt, sondern eine kürzere, steile Rampe kurz davor, die auf dem Streckenprofil nicht verzeichnet ist. Es braucht eine gewisse Explosivität, um dort vorne mit dabei zu sein. So etwas zählt nicht zu den großen Stärken von Dominik Nerz. Er mag eher die langen, gleichmäßigen Anstiege. Laktat schießt in die Beine. Nicht nur ihm ergeht das so, auch viele der anderen Fahrer sind am Anschlag. Aber bei Nerz setzt nun Panik ein, weil er ahnt, was passieren wird, wenn er durch die Belastung in den roten Bereich vordringt. Noch sind es fast 40 Kilometer bis ins Ziel. Nerz kämpft, um nicht abgehängt zu werden. Er versucht verzweifelt, seinen Rhythmus zu finden. Es gelingt ihm nicht. Er ist zu langsam, sein Körper streikt. Die Muskeln sind dicht, alles ist Schmerz. »Als ich gesehen habe, dass ich keine Chance habe, hat mir das noch mal unglaublich viel Energie gezogen. Dann kam der Kopf dazu: ›Okay, du hast es einfach nicht drauf. Du bist einfach nicht stark genug.‹ Und dann war Ende.«
Nerz verliert den Anschluss. Alleine quält er sich den darauffolgenden Anstieg hinauf. Auf der Abfahrt ins Tal überkommt ihn die Gewissheit, dass es Zeit ist aufzuhören. »Die Vorstellung, auf diesem Niveau immer weitermachen zu müssen, jedes Rennen abgehängt zu werden, egal, was du tust. Und im Gegensatz dazu sagen zu können: ›Ich lasse das mit dem Radfahren. Ich muss es nicht mehr machen.‹ Das gab mir ein gutes Gefühl.« Es ist, als habe jemand einen Grauschleier entfernt. Auf einmal nimmt Dominik Nerz die schöne Umgebung wahr, die Landschaft, das herbstliche Licht. »Es war eine herrliche Stimmung«, erinnert er sich. »Das erste Mal seit langem habe ich wieder so eine Art Glücksgefühl verspürt.« Wenig später landet Nerz im Gruppetto, wo sich die abgehängten Fahrer zusammentun. Sein Teamkollege Shane Archbold ist auch dort. Kurz darauf stößt auch Emanuel Buchmann dazu, ein weiteres Mitglied seiner Mannschaft Bora-Argon18. Mit ihnen bestreitet Nerz seine letzten Kilometer als Radprofi. Die drei unterhalten sich, scherzen. Nerz ist gelöst, weil er beschlossen hat, die Sache hier und jetzt zu beenden. Aber er will ein würdiges Ende mit einer letzten Zielankunft. Einfach während des Rennens vom Rad zu steigen, kommt für ihn nicht in Frage. Er hält durch und erreicht das Ziel als 104. von 120 Fahrern mit mehr als elf Minuten Rückstand auf den Sieger. Doch das ist jetzt nicht mehr wichtig.
Im Teamhotel bestürmt man ihn mit besorgten Fragen. Was denn los gewesen sei? Dabei wissen ja auch die Kollegen und die Teamleitung, dass er schon seit Monaten immer wieder diese Einbrüche erlebt. Diesmal bleibt Nerz gelassen, trotz all der Fragen, die ihn sonst immer unter Druck gesetzt haben. Einen kurzen Moment des Zweifels schiebt er beiseite. Dann teilt er dem Sportlichen Leiter seines Teams mit, dass er am nächsten Tag nicht wieder aufs Rad steigen wird. André Schulze fordert ihn auf, sich bei der zweiten Etappe wenigstens noch einmal an den Start zu stellen, nicht aufzugeben. Doch Dominik Nerz will nicht mehr. Sein Entschluss steht jetzt fest. Er packt seine Sachen und fährt nach Hause. Der Gedanke aufzuhören schreckt ihn nicht. Nicht mehr.
Wenige Wochen zuvor ist das noch ganz anders. Schon Ende Juni hat man ihm gesagt, dass seine Zeit als Leistungssportler vorbei ist. Nerz ist damals zur Untersuchung an der Berliner Charité, um herauszufinden, warum sein Körper immer wieder aussetzt. Tage zuvor hat er bei der Dauphiné-Rundfahrt, dem wichtigsten Vorbereitungsrennen für die Tour de France, wieder so einen Einbruch erlebt. Sein Team wird ihn deshalb nicht mitnehmen nach Frankreich zum bedeutendsten Radrennen der Welt. Stattdessen sitzt Nerz im sportmedizinischen Institut der Berliner Charité gemeinsam mit seinem langjährigen Trainer Hartmut Täumler, der den Termin vermittelt hat. Seit dem frühen Morgen hat Nerz eine Untersuchung nach der anderen über sich ergehen lassen, die nun endlich Aufschluss geben sollen darüber, was nicht stimmt mit ihm. Blutwerte, Ultraschall, Lungenfunktion, Hormonspiegel, Gelenke – alles wird überprüft. Dominik Nerz hofft, dass die Ärzte etwas finden. Damit er endlich weiß, warum sein Körper so häufig nicht mehr mitspielt. Gleichzeitig fürchtet er sich vor einer Diagnose und die damit möglicherweise verbundenen Konsequenzen. Die Ärzte stellen eine erhöhte Anzahl Anti-Körper fest, die auf eine rheumatische Erkrankung hinweisen. Das könnte ein Grund sein für die schwachen Leistungen. Doch das Problem liegt viel tiefer. Was Chefarzt Prof. Dr. Bernd Wolfahrt, der leitende Olympiaarzt des Deutschen Olympischen Sportbundes, ihm am Nachmittag mitteilt, ist für einen Leistungssportler verheerend: Nerz ist chronisch überbelastet und kann deshalb nicht mehr an die Leistungsgrenze gehen. Sein Körper sei gefangen in einem dauerhaften Regenerationsprozess, den er aber niemals abschließen könne, solange er sich im Leistungssport aufhalte, erklärt Wolfahrt. »Sie werden Ihren Körper, wenn Sie das so weiter betreiben, nachhaltig schädigen. Ich rate Ihnen aufzuhören.«
Es ist das erste Mal, dass Dominik Nerz ahnt, dass es tatsächlich vorbei ist für ihn mit dem Radsport. Aber noch kann er das nicht akzeptieren. Es ist sein bisheriges Leben, das da vor der Abwicklung steht. Eine Alternative gibt es nicht. Zumindest keine, die er sich vorstellen kann. »Nein, ich packe das. Ich komme da wieder raus«, sagt die innere Stimme. Trotzig. Wie benommen sitzt er nach dem Gespräch mit Professor Wolfahrt gemeinsam mit seinem Trainer in der Kantine der Charité. Sie schweigen lange, keiner weiß, was nun zu tun ist. Doch dann fassen sie einen Plan: erst einmal Regeneration und dann Vorbereitung auf die Spanien-Rundfahrt im September. Bis dahin soll Nerz wieder fit werden. Dafür wollen sie alles tun. Schließlich geht es auch um einen neuen Vertrag, denn der Kontrakt mit Bora-Argon18 läuft zum Ende des Jahres aus. Es ist, als hätten sie Wolfahrts Worte gar nicht gehört. »Ich brauchte ein Ziel«, erinnert sich Nerz. Erst als er am Berliner Hauptbahnhof auf seinen Zug nach Hause wartet, trifft ihn die Aussage des Arztes noch einmal mit voller Wucht, dringt ins Bewusstsein ein. Und noch ein Gefühl macht sich bemerkbar, mischt sich in die Trauer: Scham. Alleine hockt Dominik Nerz auf einer Bank auf dem Bahnsteig und stellt sich eine entscheidende Frage: »Wie konntest du es so weit kommen lassen?«
II
DAS ERSTE MAL
Neuravensburg, etwa zehn Kilometer südwestlich von Wangen im Allgäu. Unterhalb der Burgruine gruppieren sich eine Tankstelle, ein Supermarkt und ein Hotel um die örtliche Kirche. Doch geprägt ist Neuravensburg von einem großen Wohngebiet, entstanden in den 1990er Jahren. Die Nähe zum Bodensee und die ruhige Lage machen diesen Ort zu einer attraktiven Wohngegend. Vor stattlichen Einfamilienhäusern stehen Autos der gehobenen Mittelklasse. Sport dient hier nicht als Vehikel, um den Verhältnissen zu entfliehen. Er ist Teil des Lebensgefühls. Man hält sich fit in der schönen Landschaft. Im Sommer auf dem Rennrad oder dem Mountainbike, im Winter beim Skifahren in den nahe gelegenen Bergen oder beim Langlauf.
Dominik Nerz, geboren am 25. August 1989, ist acht Jahre alt, als seine Familie vom sechs Kilometer entfernten Niederwangen nach Neuravensburg zieht. Die Eltern haben sich dort ein großzügiges Haus bauen lassen. Die moderne Betonfassade ist teilweise mit Holz verkleidet, wie bei den Bauernhäusern der Gegend. Im Eingangsbereich steht neben der Garderobe ein riesiger Pokal, in der Nische unterhalb der Treppe in das obere Stockwerk ein Rennrad. Es sind die einzigen sichtbaren Hinweise auf die Radsportkarriere des Sohnes. Vater Michael ist Finanzberater. Das ergrauende Haar hat er nach hinten gekämmt. Er spricht ruhig und überlegt. Die Mutter Ulrike ist eine lebhafte, quirlige Frau, Diplom-Betriebswirtin und leidenschaftliche Gastronomin. Ein »ganz leichtes, fröhliches, unglaublich glückliches Kind mit kleinen, dicken, krummen Beinen« sei ihr Sohn gewesen, sagt sie. »Er hat sich von Anfang an wahnsinnig gerne bewegt, konnte aber auch gut stillsitzen und basteln. Er war nicht so ein Hibbelkind.« Bei aller Neugier und Abenteuerlust sei Dominik die Dinge aber stets auch mit einer gewissen Besonnenheit angegangen. Er war kein Draufgänger. Auch Michael Nerz sagt, sein Sohn habe »schon immer einen Bewegungsdrang« gehabt. Sie seien viel mit befreundeten Familien in der Natur gewesen, hätten Lagerfeuer am Fluss gemacht, erzählt er. All das habe Dominik begeistert. Beide Eltern sind selbst sportlich. Die Mutter ist eine leidenschaftliche Skifahrerin, der Vater war in seiner Jugend ein begabter Skilangläufer. Zu seinen Gegnern gehörte damals auch der spätere Olympiateilnehmer und Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle. Zwei Mal habe er Behle in der Jugend geschlagen, sagt Michael Nerz.
Um den Bewegungsdrang ihres Sohnes in Bahnen zu lenken, melden die Eltern Dominik in einer Kindersportgruppe an. Der Junge liebt dieses »Bubeturne«, aber mit zehn Jahren muss er aufhören, weil er zu alt ist. Sport will und soll er weiter treiben. Er probiert verschiedene Sachen aus: Leichtathletik, Fußball natürlich. Nichts packt ihn so richtig. Es ist das Rennrad seines Vaters, das ihn schließlich zum Radsport bringt. Michael Nerz ist zu dieser Zeit ein leidenschaftlicher, sehr ambitionierter Hobbyradfahrer. Gemeinsam mit ein paar Freunden nimmt er an Veranstaltungen wie dem Ötztaler-Radmarathon teil, dessen Strecke mehr als 200 Kilometer lang ist und bei dem über 5.000 Höhenmeter zu absolvieren sind. »Wir waren eine Clique, die beruflich vorankommen und sich trotzdem noch relativ intensiv sportlich betätigen wollte«, sagt Michael Nerz. »Aber ich bin nie Rennen gefahren. Wir haben es als Ausgleich zum Beruf gemacht und uns organisiert, so dass wir zwei, drei Mal im Jahr mal bei so einer Veranstaltung mitfahren konnten.« Das silberfarbene Rennrad seines Vaters hat es Dominik angetan: »Ich fand das so toll, dass ich gesagt habe: ›Ich möchte auch so ein Fahrrad haben.‹« Doch bevor er ein eigenes Rennrad bekommt, soll er erst einmal ausprobieren, ob der Radsport ihm überhaupt Spaß macht. So wird Dominik Nerz im Winter 2000 Mitglied der Rad-Union Wangen. Der Verein hat eine lange Tradition, er existiert seit 1913. Das Prunkstück ist die Jugendarbeit. Die Nachwuchsfahrer der Rad-Union dominieren die regionalen Rennen. Doch mit Radfahren hat das Training erst mal gar nichts zu tun. Es ist Winter und deshalb hält man sich in der Sporthalle fit: Zirkeltraining, Fußball, alles, was Spaß macht. Es ist wie beim »Bubeturne«, das Dominik so geliebt hat. Erst im Frühjahr geht es dann tatsächlich mit dem Radfahren los: erste Ausfahrten mit der Trainingsgruppe. Nerz fährt auf einem Leihrad des Vereins: roter Stahlrahmen, Rahmenschaltung und ein bisschen zu groß für den damals noch recht klein gewachsenen Jungen.
Was ihn schon bald noch mehr begeistert, ist das Gefühl der Freiheit. Das Rennrad eröffnet ihm neue Räume, erweitert seinen Horizont. Dominik Nerz beginnt auf eigene Faust, die Gegend zu erkunden. Die Eltern sorgen sich um die Sicherheit des Elfjährigen, weshalb sein Vater ihm eine knapp zwölf Kilometer lange Runde auf Nebenstraßen mit wenig Verkehr zeigt. Aber Dominik ignoriert diesen abgesteckten Rahmen. »Ich bin so gut wie nie auf dieser Runde gefahren, weil ich woanders fahren wollte. Ich musste alles erkunden«, erinnert er sich. »Aus diesem Grund habe ich eine wahnsinnige Leidenschaft für das Radfahren entwickelt.« Auch das erste Frühjahrstrainingslager in Cesenatico in Italien, dem Heimatort des Radsportidols Marco Pantani, verstärkt das Gefühl, mit dem Rad die Welt entdecken zu können. Zum ersten Mal ist er ohne seine Eltern fern von zu Hause. Neben dem Quartier liegt eine dieser typischen Spielhallen mit Spielautomaten für Jugendliche. »Da haben wir unser ganzes Taschengeld verbraten«, erzählt Nerz. Ein bisschen was bleibt aber auch übrig für Gelato, italienisches Eis. Mehr als daheim erlaubt wäre. »Das haben wir natürlich ausgenutzt.« Aber nach einer Woche merkt Nerz auch, dass er Heimweh hat nach Neuravensburg, nach seiner Familie. »Ich war froh, als ich wieder nach Hause fahren durfte«, sagt er.
Da ist noch etwas, was seine Begeisterung für den Radsport befeuert. Am Ende der 40 bis 50 Kilometer langen Trainingsrunden mit dem Verein ist er richtig kaputt. »Die Bewegung auf dem Rad hat mir gefallen. Das war genau meins. Nirgendwo konnte ich mich so auspowern. Und das brauchte ich irgendwie. Das Radfahren hat mir genau das gegeben.«
Dominik Nerz ist ehrgeizig. Bei den Trainingsausfahrten orientiert er sich an den Älteren, will mithalten. »Die Rad-Union war damals schon mit Nationalfahrern bestückt, die aber alle etwas älter waren. Und die hat er sich irgendwie zum Vorbild genommen«, sagt sein Vater. Abends kommt sein Sohn sehr müde, aber zufrieden nach Hause. Er hat seinen Sport gefunden.
Kurz nach dem Trainingslager in Cesenatico steht Dominik Nerz erstmals am Start eines Radrennens. Die Rad-Union veranstaltet in Niederwangen ein Rennen des Vier-Länder-Cups, ein Highlight des regionalen Rennkalenders. Hier soll Nerz in der Schülerklasse U13 seine ersten Wettkampfkilometer sammeln. Schon in den Tagen vorher kann er nicht schlafen vor Aufregung. Inzwischen hat er schon ein paar Radrennen im Fernsehen gesehen. Aufgefallen ist ihm, dass die Profis alle einen Kopfhörer im Ohr haben. Dass es sich dabei um ein Funkgerät handelt, mit dem die Radprofis Kontakt zu ihren Sportlichen Leitern halten, weiß er nicht. »Die hören Musik«, denkt er und stopft sich fortan bei seinen Trainingsfahrten seinen Discman in die Trikottasche. Den bringt er auch zum Rennen in Niederwangen mit. Sein Trainer Beppo Schmied macht ihm klar, dass das vielleicht doch keine so gute Idee ist. Ein anderes Problem lässt sich so leicht nicht beheben. In einem Feld mit 30 Schülern der U13 hat sich der angehende Radrennfahrer Nerz noch nicht bewegt. Im Training wird diszipliniert Zweierreihe gefahren. Im Rennen geht es wild durcheinander. Schon auf der ersten Runde wird ihm das zum Verhängnis: Die Straße wird eng. »Ich hatte zwei Optionen: Entweder fahre ich in den Stacheldraht oder ich falle auf die Straße. Ich habe mich dann für die Straße entschieden«, erinnert sich Nerz.
Die anderen Jungs springen nach dem Sturz schnell wieder aufs Rad. Dominik Nerz betrachtet sein blutendes Knie und den aufgeschürften Ellenbogen. Er ist konsterniert. Heulend fährt er die Runde zu Ende und steigt vom Rad. Seine Mutter kann ihre Tränen angesichts des blutenden und weinenden Jungen ebenfalls nicht zurückhalten. »Ich bin nie damit zurechtgekommen, dass mein Kind auf die Straße fällt. Schon bei seinem allerersten Radrennen war das so. Und dieses Bild geht mir bis heute nicht aus dem Kopf: Da saß der Sohn auf dem Boden und hat geheult. Und ich habe geheult, weil ich es nicht mit ansehen konnte. Die Haut war abgezogen. Gesund fand ich das alles überhaupt gar nicht. Das hat mich innerlich nie verlassen«, sagt sie. Aber wie ihr Sohn stellt auch sie an diesem ersten Tag fest, dass man im Radsport mit dieser Haltung alleine dasteht. Von den anderen, erfahrenen Radsport-Müttern wird sie belächelt. Auch der Trainer versteht das Getue nicht. Er ist eher von der rustikaleren Art: Mit der Hand wischt er Dominik über das blutig geschlagene Knie. »Der hat mich erst mal angeschnauzt: ›Willst du mich jetzt verarschen? Das sind doch nur ein paar Kratzer. Da musst du weiterfahren. Das Rennen ist noch nicht vorbei.‹« Es ist die erste Lektion: Im Radsport werden Schmerzen ignoriert. Zahlreiche weitere werden folgen. Irgendwann hat Nerz diese Grundbedingung des Radsports so verinnerlicht, dass er selbst dann weitermacht, als es beginnt, ihm gesundheitlich zu schaden. »Im Grunde«, sagt Dominik Nerz knapp 18 Jahre nach seinem ersten Rennen, »hat meine Karriere als Rennfahrer damit angefangen, wodurch sie dann auch aufgehört hat – mit einem Sturz.«
Der erste Sturz seiner Rennfahrer-Karriere hält ihn nicht davon ab weiterzumachen. Auch die skeptische Mutter kann nicht verhindern, dass ihr Sohn immer wieder mal auf dem Asphalt landet. Er ist dem Radsport verfallen. »Ich habe gemerkt, dass es ihm viel Spaß macht«, sagt Ulrike Nerz. »Er hat es ja gemacht, weil er es wollte. Es war seins.« Der Spaß an der Sache wächst mit den ersten Erfolgen. Daran können auch die gerade in den Schülerklassen noch häufigen Stürze nichts ändern. Nerz gewöhnt sich daran. Aber es gibt auch eine Strategie, dem »Chaoshaufen« zu entfliehen. Mit Patrick Nuber und Gerold Mohr hat die Rad-Union zwei begabte Nachwuchsfahrer in ihren Reihen. Beide sind ein Jahr älter und körperlich stärker als Nerz. Das Duo dominiert die Schülerrennen nach Belieben. Meist setzen sie sich schon in der ersten Runde ab und wenn sie das Feld überrunden, nehmen sie Nerz im Windschatten mit: »Und dann waren wir am Ende Erster, Zweiter, Dritter – Huber, Mohr, Nerz.« Es dauert nicht lange und Dominik Nerz feiert auch seine ersten eigenen Siege. Und mit jedem Erfolg wächst der Ehrgeiz, die nächste Stufe zu erreichen. Bald schon gehört er zum Landeskader Baden-Württemberg.
Noch deutet allerdings nichts darauf hin, dass Nerz es einmal zu den Profis schaffen wird. Es ist auch nicht sein erklärtes Ziel. Den Profiradsport verfolgt er nur sporadisch. Natürlich entgeht ihm nicht, dass Deutschland im Sommer mit Jan Ullrich bei der Tour de France mitfiebert. Aber er selbst sitzt im Juli nur selten vor dem Fernseher, er trainiert lieber. An den Wänden seines Zimmers finden sich auch keine Poster von Radfahrern. Sein Vorbild ist eher der US-Serienheld Angus MacGyver, eine Mischung aus Geheimagent, Abenteurer und Erfinder. »Ich wollte immer so sein wie MacGyver und habe zu der Zeit immer alles auseinandergebaut. Dann bin ich zum Opa gerannt, weil ich es nicht mehr zusammengebracht habe, und wir haben es dann gemeinsam wieder zusammengebaut«, erzählt Nerz. Er liebt das Tüfteln, genauso wie den Radsport. Wenn er mit seinen Kumpels aus dem Verein zum Training verabredet ist und die anderen Jungs sich die Namen von Radprofis geben, denen sie nacheifern, heißt es immer: »Du bist der Klöden.« Dominik Nerz ist zwölf Jahre alt und hat keine Ahnung, wer Andreas Klöden ist. Er weiß nicht, dass der zu den besten deutschen Radprofis gehört und zu den wichtigsten Helfern des deutschen Tour-Helden Ullrich zählt. Aber wenn die anderen sagen, der Klöden ist gut am Berg, dann findet er: Das passt. Denn auch er ist gut, wenn es bergauf geht. Meist kann er seine Freunde abhängen, wenn es steil wird. Dieses Talent zeigt sich auch, als nach den Kriterien in den Schülerklassen in der U15 und U17 die ersten Rundstrecken-Rennen gefahren werden, bei denen auch schon mal etwas längere Anstiege zu bewältigen sind. »Da habe ich dann gemerkt: Das ist meins, das kann ich! Ich bin teilweise sehr offensiv gefahren, bin alleine weggefahren und habe das erfolgreich zu Ende gebracht. Aber ein taktisches Verständnis hatte ich nicht.«
Eine knappe halbe Stunde braucht die S-Bahn vom Alexanderplatz nach Berlin-Lichtenrade. Hartmut Täumler, das verbliebene graue Haar kurz gestutzt, genau wie der ebenso graue Bart, wohnt dort in einem Bungalow am Waldrand. Seitdem er sich 2016 in den Ruhestand verabschiedet hat, lebt er hier im Berliner Süden. Er ist ein angenehmer Gesprächspartner, nachdenklich, reflektiert. Wenn man ihm so gegenübersitzt und mit ihm redet, fällt es schwer, sich jenen Trainer vorzustellen, von dem Dominik Nerz sagt: »Der kannte keine Gnade. Da gab es keine Kompromisse. Ich hatte teilweise auch richtig Angst vor ihm.« Täumler ist 1989 mit seiner Familie über die grüne Grenze in Ungarn in den Westen geflohen. In der DDR war er als Radsport-Verbandstrainer der Junioren fest in das ostdeutsche Sportsystem eingebunden. Doch die Widersprüche zwischen Anspruch und Realität des sozialistischen Systems werden ihm schließlich zu viel. Hartmut Täumler nutzt nach der Flucht seine Kontakte zum westdeutschen Radsport-Funktionär Karl Link, der damals den Olympiastützpunkt in Stuttgart leitet und ihm die Stelle des Juniorentrainers beim Württembergischen Radsportverband verschafft. »Das war wie ein Sechser im Lotto, eine unkündbare, unbefristete Stelle. Ich bin bis heute dankbar dafür«, sagt Täumler.
2006 stößt Dominik Nerz zum baden-württembergischen Landeskader der Junioren und damit zu Hartmut Täumler. Der Trainer hat zu dieser Zeit schon dem ein oder anderen jungen Radsportler den Weg zu den Profis geebnet. Darunter Stefan Schumacher, der 2008 bei der Tour de France zunächst für einen Tag das Gelbe Trikot erobert, wenig später aber positiv auf das Blutdopingmittel CERA getestet wird. In Dominik Nerz erkennt Täumler nicht gleich den zukünftigen Radprofi. Dessen Leistungen sind im ersten Jahr bei den Junioren eher durchschnittlich. Was dem Trainer allerdings auffällt, ist der besondere Ehrgeiz, den der 16 Jahre alte Nerz mitbringt. »Das war 2006 schon zu sehen«, sagt Täumler. »Als Kleiner, der sich mehr Mühe geben musste als die, die biologisch schon einen Schritt weiter waren, musste er immer beißen. Das hat er ohne Ende gemacht.« Es ist dasselbe Muster, das Dominik Nerz schon in den Zeiten bei der Rad-Union angetrieben hat: mithalten mit den Älteren. Forscht man nach, woher dieser Ehrgeiz kommt, wird recht schnell klar, dass dies ein Teil dessen ist, was seine Eltern ihren Kindern mit auf den Weg gegeben haben. »Wir sind alle ehrgeizige Menschen. Wir sind auch strukturiert und ziemlich zielorientiert«, erklärt Ulrike Nerz.
Mit der Aufnahme in den württembergischen Landeskader sind die Weichen für ihren Sohn endgültig auf Leistungssport gestellt. Die Trainingsumfänge sind deutlich höher, die Renndistanzen werden länger. Damit Dominik seinen Sport mit der nötigen Ernsthaftigkeit betreiben kann, beginnen die Eltern, die familiären Rahmenbedingungen anzupassen. Sie organisieren einen Physiotherapeuten, bei dem er auch ohne Termin regelmäßig Massagen erhält. Seine Mutter holt ihn mit dem Auto von der Schule in Wangen ab, damit er die zehn Kilometer nach Hause nicht mit dem Schulbus fahren muss. Denn das kostet Zeit, die dann zum Trainieren fehlt. Sein Vater verbringt Stunden auf der Autobahn, um den Sohn irgendwo einzusammeln, wenn am Wochenende ein Rennen fern der Heimat stattfindet. Häufig reist die ganze Familie inklusive Dominiks fünf Jahre jüngerer Schwester Annika auch mit zu den Rennen, um ihn anzufeuern.
Den Eltern ist es aber mindestens ebenso wichtig, dass ihr Sohn einen Schulabschluss macht. Damit Dominik den wegen des Radsports am Wirtschaftsgymnasium in Wangen versäumten Stoff nachholen kann, knüpft Michael Nerz Kontakte zum Sportinternat im nahe gelegenen Isny, in dem vor allem Nachwuchs-Athleten aus dem Skisport lernen und trainieren. Dort kann sein Sohn den entsprechenden Unterricht nachholen. Es ist ein perfekt eingestelltes Familiensystem. Der Radsport wird zum prägenden Thema. »Das war schwierig, eine groß angelegte Logistik. Für alle war das ein Stück weit wirklich anstrengend, weil wir ja auch noch einen anderen Alltag hatten. Wir haben es trotzdem immer gut verstanden, einen Ausgleich hinzubekommen«, meint Ulrike Nerz. »Aber das macht was mit einem, das war omnipräsent.« Dominik Nerz sagt, seine Familie sei mit ihm in den Radsport reingewachsen. »Meine Eltern haben mich immer zu 110 Prozent unterstützt und mich nie zu was gezwungen. Es war nie so, dass ich Druck von zu Hause hatte«, betont er. »Aber als ich die Möglichkeit hatte, Profi zu werden, war das natürlich schon für alle irgendwie cool, weil man den Radsport im Kollektiv lieb gewonnen hatte.«
Dabei ist der Weg in den Profisport auch mit Beginn der Juniorenzeit noch nicht vorgezeichnet. Profi zu werden, kann Dominik Nerz sich zwar vorstellen. Den nötigen Ehrgeiz hat er auch. Aber es ist kein Traum, den er Tag und Nacht träumt. Nach wie vor sind es der Spaß an der Bewegung und die Möglichkeit, sich auszupowern, gepaart mit Ehrgeiz und Ehrfurcht vor dem neuen Trainer, die ihn antreiben. »Ich hatte nie diesen Antrieb, auf das Ziel hinzutrainieren, Profi zu werden. Ich habe trainiert, weil es mir Spaß gemacht hat, und weil ich Angst vor Täumler hatte. Ich habe trainiert, um besser zu werden. Und Täumler wusste genau, was er tut. Wenn du dich an seine Vorgaben gehalten hast, bist du automatisch ein guter Rennfahrer geworden. Und ich hatte das Glück, dass ich dazu noch Talent hatte«, sagt Nerz.
Hartmut Täumler behauptet dagegen, ihm sei immer klar gewesen, dass Nerz Profi werden will. »Wenn er rangegangen wäre nach dem Motto: ›Ich versuch’s mal‹, wäre er nicht so weit gekommen.« Deshalb habe er dessen Ehrgeiz nur in die richtigen Bahnen lenken müssen. Er tut das mit Strenge. Süßigkeiten nennt er »Schlamm«, und der ist verboten. Wenn er jemanden damit erwischt, schickt Täumler ihn schon mal vom Trainingslager nach Hause. Ein Radfahrer müsse auch »aus der Pfütze saufen« können, lautet einer der Sprüche des Trainers, die Dominik Nerz in Erinnerung geblieben sind. Täumler habe sie auch im Schneetreiben auf der Straße trainieren lassen. Dann sei er im warmen Auto neben ihnen gefahren, habe den Kopf rausgestreckt und gesagt: »Was ist los, Männer? Lächeln und weitermachen!« Wenn Trainingsprotokolle gefehlt hätten, habe es auch schon mal einen bösen Anruf gegeben. »Druck und Strenge brauchen die Jungs, sonst wird’s nichts«, findet Hartmut Täumler. Es ist die alte Schule. Er habe Leistungssport einfach so weitertrainiert, wie er das in der DDR gelernt habe, erklärt Täumler. »Ich habe aber eigentlich nicht das Empfinden gehabt, dass es zu streng war. Vielleicht mit dem einen oder anderen schon, das mag sein. Aber in dem Alter brauchen die Jungs das.« Heute sei ihm der Einfluss der Eltern zu groß und insgesamt alles zu verweichlicht.
Hartmut Täumler lässt seine Sportler im Winter große Umfänge trainieren, um die Basis für die Saison zu legen. Und er legt großen Wert darauf, dass sie auch auf der Bahn trainieren und Rennen bestreiten. Dort wird ohne Bremsen gefahren, man muss vorausschauend agieren, Lücken erkennen und in diese Lücken vorstoßen, sich durchsetzen mit den Ellenbogen. Alles Dinge, die man auch als Radprofi auf der Straße braucht. Mit der richtigen Trittfrequenz zu fahren, wird auf der Bahn ebenfalls geschult. »Auf der Straße fahren alle zu dicke Gänge. Wenn ich das nicht mit 13, 14, 15 lerne, dann ist es zu spät. Mit 20 schaffe ich das nicht mehr«, erklärt Täumler.
Dominik Nerz mag die Bahn nicht besonders. Zum einen hat er Respekt vor den steilen Kurven, zum anderen fehlt ihm die Freiheit der Straße. »Das war mir viel zu langweilig«, berichtet er. »Man ist den ganzen Tag nur im Kreis gefahren und hat nichts gesehen.« Aber sein Ehrgeiz treibt ihn auch hier an. »Er hat schon gesagt: ›Der Vierer, da will ich mit, da kann ich reifen, da kann ich Erfolg haben‹«, erinnert sich Täumler. »Aber ich musste ihn manchmal schon auch ein bisschen auf die Bahn schubsen, weil er das nicht wollte. Er war von vornherein der Straßenfahrer.« Seinen ersten großen Erfolg feiert Nerz dennoch auf der Bahn. Bei den Deutschen Meisterschaften in Cottbus gewinnt er 2006 mit dem Vierer des Landesverbandes den Titel in der Mannschaftsverfolgung bei den Junioren.
Es folgt die erste Berufung in den Nationalkader. Das Training, der Ehrgeiz, das Familiensystem – das alles beginnt sich auszuzahlen. Den endgültigen Durchbruch erlebt Dominik Nerz in seinem zweiten Jahr bei den Junioren. Zehn Siege gelingen ihm in der Saison 2007. Er ist jetzt 18 Jahre alt. Nerz gewinnt unter anderem die Gesamtwertung der schweren Toskana-Rundfahrt für Junioren und feiert dabei einen Etappensieg. Bei der Trofeo Karlsberg im Saarland gewinnt er ebenfalls eine Etappe und belegt in der Gesamtwertung Platz zwei. Zudem sichert er sich den Titel des Deutschen Bergmeisters und gewinnt die Gesamtwertung der »Ain’ Ternational-Rhône Alpes-Valromey Tour«, eines anspruchsvollen Etappenrennens in Frankreich. Romain Bardet, heute die größte Hoffnung der Franzosen auf einen Gesamtsieg bei der Tour de France, wird dort damals Neunter. »Das war das absolute Überflieger-Jahr von mir«, sagt Nerz. Auch Hartmut Täumler erkennt in dieser Saison den entscheidenden Schritt in Richtung Profi-Radsport. »2007 habe ich mir gedacht, das wird mal einer«, erinnert er sich.
Der Trainer übernimmt Nerz nach dem Ende der Juniorenzeit in sein U23-Team. Schon seit ein paar Jahren betreut Täumler neben den Junioren-Mannschaften des Württembergischen Radsportverbandes auch dieses Nachwuchs-Team unterhalb der Profis. Die Equipe »Ista« fungiert als Nachwuchsschmiede für das deutsche ProTour-Team Gerolsteiner von Hans-Michael Holczer, neben dem Team Telekom bzw. T-Mobile lange die zweite große deutsche Profi-Mannschaft. Nerz und Täumler schwärmen auch Jahre später noch von der gemeinsamen Saison bei Ista. »Wir hatten einen richtigen Flow im Team«, ist Nerz heute noch begeistert. Das Team ist erfolgreich und mit den Erfolgen kommen Einladungen zu internationalen Rennen. Ista hat ein anspruchsvolles Rennprogramm. Auch deshalb ist das Team beliebt bei den jungen Fahrern. Im April startet die Mannschaft bei der Türkei-Rundfahrt, an der auch Mannschaften aus der UCI ProTour, der ersten Liga des Radsports, teilnehmen. Dominik Nerz beendet das einwöchige Etappenrennen auf Rang 30 der Gesamtwertung. Er ist damit der beste Fahrer seines Teams. »Bei Ista habe ich den Radsport richtig lieben gelernt. Ich habe gemerkt, was es bedeutet, in einem funktionierenden Team zu fahren und rumzureisen.«
Hartmut Täumler nimmt Nerz dabei wie schon während der Juniorenzeit immer wieder in die Verantwortung, macht ihn bei bestimmten Rennen zum Teamkapitän. Doch Dominik Nerz tut sich schwer damit, diese Rolle auszufüllen. »Das hängt mit seinem Ehrgeiz zusammen«, glaubt Täumler. »Ein Mannschaftskapitän verteilt Aufgaben. So ein Ehrgeiziger wie Dominik fährt dann aber alles selber und vergisst, dass andere was für ihn tun müssen. Das hat er immer schwer verstanden, schwer umsetzen können. Mannschaftskapitän, das war nicht so unbedingt sein Ding. Er hat immer gute Rollen gespielt, wenn er den Rücken frei hatte oder besser, wenn er im Rücken anderer als Arbeiter aufgetreten ist.«
Das Team Ista ist von vornherein als Durchgangsstation geplant. Hartmut Täumler überlegt gemeinsam mit Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer, wann es sinnvoll sein könnte, den vielversprechenden Nachwuchsfahrer Nerz aus dem Farmteam in die Profimannschaft zu holen. Doch zuerst braucht Holczer einen neuen Hauptsponsor, um sein Team zu retten. Der deutsche Radsport steckt mittendrin in einer schweren Dopingkrise. Der Radsport ist komplett in Verruf geraten. Die Deutsche Telekom und deren Mobilfunktochter T-Mobile haben sich bereits Ende 2007 als Sponsoren verabschiedet. Radsportler stehen unter Generalverdacht. Wenn Dominik Nerz auf der Straße trainiert, wird auch er von Autofahrern als Doper beschimpft. Holczers Suche nach einem neuen Geldgeber scheitert. Dennoch ist Hartmut Täumler sicher, dass sein U23-Team weiter bestehen wird. Doch als die Gerolsteiner-Profis Bernhard Kohl und Stefan Schumacher ebenfalls des Dopings überführt werden, ziehen auch seine Sponsoren den Stecker. Im Oktober ist klar, es geht 2009 nicht weiter mit Ista.
Im Herbst wird Dominik Nerz vom Bund Deutscher Radfahrer noch für die Straßenrad-WM in Varese nominiert. John Degenkolb gewinnt im Straßenrennen der U23 die Bronzemedaille. »Das war eine Super-Taktik – alles hat gepasst«, schwärmt Degenkolb nach dem Rennen. Das BDR-Team fährt an diesem Tag tatsächlich ein starkes Rennen. In jeder Fluchtgruppe ist ein Fahrer im deutschen Nationaltrikot dabei. Schließlich gehören Degenkolb, Nerz und Martin Reimer zur entscheidenden Spitzengruppe. »Da haben wir uns abgesprochen, wer die besten Beine hat. Nerz sagte, er nicht. Bei Martin sahen wir, dass er in den Anstiegen nicht ganz mitkam. Da war es klar, dass ich das Zepter in die Hand nehmen muss«, schildert John Degenkolb damals die Vergabe der Kapitänsrolle während des Rennens. »Ich bin überwältigt und ziehe meinen Hut vor Dominik Nerz, der sich aufgeopfert hat.«
Degenkolb fährt damals für das Thüringer Energie Team, die stärkste deutsche U23-Mannschaft. Auch Marcel Kittel gehört zu der Equipe aus Erfurt. Tony Martin hat von dort ebenfalls seinen Weg in den Profiradsport gefunden. Alle drei sind heute international gefeierte Top-Profis. John Degenkolb gewann 2015 Mailand–Sanremo und Paris–Roubaix, zwei der wichtigsten Eintagesklassiker. Kittel ist zum Weltklasse-Sprinter gereift und deutscher Rekordetappensieger bei der Tour de France. Tony Martin gewann vier Mal den Weltmeister-Titel im Einzelzeitfahren. Ende 2008 erhält auch Dominik Nerz ein Angebot aus Thüringen. Der Manager des Thüringer Energie Teams, Jörg Werner, und der Sportliche Leiter der Equipe, Jens Lang, wollen den begabten Kletterer gerne in ihre Mannschaft holen. Einer wie Nerz fehlt ihnen noch im Portfolio ihres gut alimentierten, professionell strukturierten Teams. »Ich war immer ein großer Fan von Dominik Nerz. Er war eines der größten Talente, das wir in Deutschland hatten«, sagt Jörg Werner, wenn man ihn heute danach fragt.
Es gehört zur Philosophie der Thüringer, dass alle Fahrer in Erfurt leben und dort am besten auch noch eine Ausbildung absolvieren, um nicht alleine auf den Radsport angewiesen zu sein. Doch Dominik Nerz ist nicht bereit, sein gewohntes Umfeld in Neuravensburg zu verlassen. »Das wollte ich auf gar keinen Fall, keine Chance. Und damit hatte sich das für mich erledigt«, erklärt er. Statt zum damals besten deutschen U23-Team wechselt Nerz deshalb zum Continental-Team von Milram. Das gibt ihm die Chance, weiter daheim wohnen zu bleiben, während er für das offizielle Farmteam der letzten in der ProTour verbliebenen deutschen Mannschaft fährt. Das verbindende Glied ist jedoch lediglich der gemeinsame Sponsor Milram. Das Nachwuchsteam ist eher undurchsichtig und chaotisch geführt, aber der Vertrag ist gut dotiert. »Da habe ich zum ersten Mal richtig Geld verdient«, sagt Nerz.
Die meiste Zeit ist er in der Saison 2009 allerdings für die Nationalmannschaft im Einsatz. Seinen größten Erfolg in dieser Saison feiert er im Mai bei den Deutschen Meisterschaften der U23 in Auenstein. John Degenkolb ist diesmal sein Rivale und der klare Favorit auf den Titel. Sein Thüringer Energie Team ist mit Abstand das stärkste. »Alle anderen haben gewusst, wir streiten uns um Platz zwei«, beschreibt Dominik Nerz die Ausgangslage. In John Degenkolb hat er zu dieser Zeit jenen Konkurrenten gefunden, der seinen Ehrgeiz weiter anstachelt. »Die haben sich gegenseitig hochgeschaukelt«, sagt Hartmut Täumler. »Auch wenn Dominik das nicht zugegeben hat, es hat ihn ganz schön gewurmt, dass ›Dege‹ so erfolgreich war. Das hat ihn angefressen.«
Dabei ist Degenkolb ein ganz anderer Fahrertyp: ein Sprinter mit Qualitäten in mittelschwerem Terrain. Nerz ist ihm überlegen, wenn es über eine längere Strecke richtig bergauf geht. Der 162 Kilometer lange Kurs durch die Weinberge von Auenstein im Landkreis Heilbronn ist jedoch eher etwas für Degenkolb. Die Strecke hat es in sich: 2.700 Höhenmeter sind auf den 18 Runden zu überwinden. Von den 150 Startern erreichen nur 39 das Ziel. Im Finale setzen sich vier Fahrer aus der 15 Mann starken Spitzengruppe ab. Neben Degenkolb und Nerz gehören noch Julian Kern und David Rösch zu dem Quartett. Rösch attackiert am Berg. Degenkolb muss reagieren. Dominik Nerz weiß das, er lässt den Konkurrenten die meiste Arbeit bei der Verfolgung machen. »Degenkolb hat gesagt: ›Du musst schon auch ordentlich mitfahren‹«, erinnert sich Nerz. »Aber ich habe gesagt: ›Mir egal, du willst Meister werden.‹« Da auch Kern wieder aufschließt, wird Rösch noch vor dem Ziel wieder gestellt. Die Entscheidung fällt im Sprint, bei dem John Degenkolb als der Stärkste gilt. Die Zielgerade ist leicht ansteigend, das liegt ihm. »Aber er war da schon angeknockt«, sagt Nerz. Er beweist an diesem Tag, dass auch er bei einer solchen Ankunft stark fahren kann. »Dominik hat dann praktisch den Sprint lanciert und da war mir eigentlich schon fast klar, dass er das packt an dem Tag«, erinnert sich Täumler. »Das war taktisch richtig gut, er hat lange genug gewartet, was ja oftmals ein bisschen schiefgeht bei solchen Sprints, wenn man alleine fährt. Das war schon besonders.«
Dominik Nerz gewinnt den Sprint und kann es hinterher selbst kaum fassen: »Das ist mein größter Erfolg, damit hätte ich nicht im Traum gerechnet. Und dass ich auch noch John im Sprint schlagen konnte, ist Wahnsinn.« Selbst im Rückblick fast zehn Jahre danach, nach vielen Jahren im Profisport, klingt noch der Stolz auf diesen Tag durch. »Ich glaube, Degenkolb war perplex, dass ich ihn im Sprint angreife. Das Rennen hätte auch keinen Meter länger sein dürfen, sonst hätte er mich überrollt. Aber es hat halt genau gepasst«, schwärmt Nerz. »Und da war ich auf einmal Deutscher Meister.«
Der Titelgewinn in Auenstein ist sein vorletzter Sieg als Radsportler. Im September fährt er im Trikot der Nationalmannschaft noch einen Etappensieg beim Giro della Valle d’Aosta in Italien ein. Diesen Erfolg nennt Nerz den wichtigsten Sieg während seiner Zeit in der U23. Die Rundfahrt ist neben der Tour de l’Avenir in Frankreich das wichtigste Etappenrennen für den Nachwuchs. »Da waren wirklich die Besten der Besten zu der Zeit am Start. Da eine Etappe abzuschießen, war natürlich schon Bombe«, sagt Dominik Nerz. Es ist das letzte Mal, dass er in den Genuss eines Sieges kommt. Als Profi wird er kein Rennen mehr gewinnen.
III
LEKTIONEN IN SCHMERZ
Bei der Tour de France 1985 kommt es im Finale der 14. Etappe in St. Etienne zu einem folgenschweren Sturz in der Verfolgergruppe. Auch der Mann im Gelben Trikot geht zu Boden. Es dauert mehrere Minuten, bis Bernard Hinault wieder auf seinem Rad sitzt und die letzten knapp 300 Meter bis ins Ziel rollt. Sein Gesicht ist zerschlagen, das Blut strömt aus der Nase, tropft auf das Maillot Jaune und den Asphalt. Im Ziel muss sich Hinault vehement Platz verschaffen gegen die Fotografen und Journalisten, die einen Blick erhaschen wollen auf den blutenden Patron des Pelotons. Hinault, genannt »der Dachs«, strebt seinen fünften Toursieg an, aber in diesem Moment steht dieses Vorhaben auf der Kippe. Im Film »Slaying the Badger« (»Den Dachs erlegen«) von 2012 beschreibt der englische TV-Kommentator Phil Liggett, was sich anschließend abspielt: »Er nahm seinen heulenden Sohn auf den Arm und sagte zu ihm: ›Berühr meine Nase.‹ Und das Kind berührt seine Nase. ›Siehst du, es ist nichts.‹« »Nichts« ist in diesem Fall ein doppelter Nasenbeinbruch. Doch das kann den Franzosen nicht abhalten. Hinault leidet, aber er gibt nicht auf. Acht Tage später fährt er im Gelben Trikot und mit immer noch geschwollenem Gesicht in Paris ein. Er hat seine Gegner besiegt – und den Schmerz. Vor allem den Schmerz.
Diese Episode ist nicht nur ein Teil der Legende Hinault. Sie ist eine typische Erzählung des Radsports. Denn Radsport und Schmerzen bilden eine unzertrennliche Einheit. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Radsportler lernen das früh. Nicht nur, wenn sie – wie Dominik Nerz – im allerersten Rennen stürzen. Wenn schon ein doppelter Nasenbeinbruch »nichts« ist, sind ein paar Schürfwunden erst recht nichts. Ein bisschen Tapete ist ab, heißt es dann lapidar. »Stürzen gehört zum Radsport wie das Weinen zur Liebe«, hat der ehemalige belgische Radprofi Johan Museeuw es geradezu poetisch zusammengefasst.
Nach einem Sturz aufzustehen, sich wieder aufs Rad zu setzen, ist für Radprofis ganz selbstverständlich. Als sich der Belgier Philippe Gilbert bei der Tour de France 2018 auf der Abfahrt vom Col de Portet d’Aspet in den Pyrenäen versteuert, sein Rad nicht mehr kontrollieren kann und über die Begrenzungsmauer ein paar Meter in die Tiefe stürzt, klettert er anschließend nicht nur wieder hinauf auf die Straße, sondern auch zurück in den Sattel und fährt die verbleibenden 60 Kilometer bis ins Ziel. Gilbert bewältigt dabei noch zwei Anstiege der ersten Kategorie, den Col de Menté und den Col du Portillon. Und das alles mit gebrochener Kniescheibe, wie sich später herausstellt. Der Italiener Vincenzo Nibali hatte sich ein paar Tage zuvor mit gebrochenem Wirbelkörper noch die letzten vier Kilometer nach L’Alpe d’Huez hinaufgequält. Der deutsche Radprofi Tony Martin war auf der achten Etappe mit der gleichen Verletzung nach einem Sturz bei Tempo 60 ebenfalls noch weitergefahren. Es ist auch für ihn keine neue Erfahrung. »Als Radsportler bist du Stürze gewohnt, hast das Stürzen gewissermaßen gelernt. Man hat sich gewisse Schutzmechanismen angeeignet, die der Körper dann anknipst«, sagt Martin anschließend in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Als Radprofi sei man eine Art Trapezkünstler, meint der ehemalige niederländische Radprofi Hennie Kuiper, 1975 Straßenrad-Weltmeister und zwei Mal Gesamtzweiter bei der Tour de France. Oft genug gebe es dabei kein Fangnetz. Und wie im Zirkus stockt dem Publikum der Atem, wenn die Nummer schiefgeht, die Fahrer auf den Asphalt knallen oder wie Philippe Gilbert in einen Abgrund stürzen. Die Stürze sind im Zeitalter von Social Media, in dem jeder Crash zigtausendfach in kurze Clips geschnitten und geteilt wird, längst zu einer Art Entertainment geworden. Zumal all die für die Sinne verstörenden Elemente eines Sturzes – das Quietschen der Bremsen, die Schreie, das Knirschen des Carbons und das Scheppern von Metall auf dem Asphalt – meist nur undeutlich wahrzunehmen sind in der medialen Vermittlung. Wenn man direkt daneben steht, ist die Tonspur sehr viel lauter. Für den Zuschauer bleibt es jedoch so oder so ganz unbegreiflich, wie es Radprofis schaffen, nach solchen Stürzen aufzustehen und einfach weiterzufahren. Schon das Zusehen schmerzt. Dominik Nerz sagt, seine Freunde und seine Familie hätten vermutet, er habe gar keine Schmerzwahrnehmung mehr gehabt. Das stimmt natürlich nicht. Auch Radprofis empfinden Schmerz. Aber es gibt eine rationale Erklärung dafür, warum sie nur dann nicht weiterfahren, wenn es wirklich gar nicht mehr geht.
»Das kann man biologisch und psychologisch erklären«, sagt der Sportpsychologe Professor Jens Kleinert in seinem Büro im neunten Stock des Institutsgebäudes der Deutschen Sporthochschule in Köln. Eine halbe Stunde hat er sich freigeboxt in seinem engen Terminplan, um den verblüffenden Umgang der Radsportler mit dem Schmerz zu erläutern.
Die biologische Erklärung hat mit dem Hormon Endorphin zu tun, das bei extrem hohen körperlichen Belastungen ausgeschüttet wird. Endorphine wurden lange für jene Euphorie verantwortlich gemacht, die beim so genannten »Runner’s High« auftritt. Neuere Studien zeigen jedoch, dass diese Glücksgefühle wohl durch die Ausschüttung körpereigener Cannabinoide ausgelöst werden, während Endorphine eine andere Voraussetzung dafür schaffen: Sie lassen den Schmerz verschwinden.
»Endorphin ist ein Derivat des Morphins, also eines starken Schmerzmittels, das der Körper selbst produziert«, erklärt Jens Kleinert. Schon das Wort Endorphin drückt das aus: Es steht für endogenes, also körpereigenes Morphin. Dieses vom Körper selbst produzierte Schmerzmittel, so Kleinert, werde bei hohen Ausdauerbelastungen in wirksamen Dosen freigesetzt. »Ein lockerer Ausdauerlauf reicht da nicht aus, da passiert nichts.« Radprofis kommen in Leistungsbereiche, in denen auch sie jenes Phänomen des schmerzgedämpften »Runner’s High« erleben können. »Wenn die da den Berg hochfahren, wird tatsächlich Endorphin in relevanten Mengen freigesetzt«, sagt Professor Kleinert. Endorphin wird im Körper auch noch durch andere Einflüsse frei – bei psychischen Extremsituationen. »Wenn ich mich über längere Zeit psychisch stark anstrenge, mich erschrecke oder so etwas, dann wird auch Endorphin freigesetzt«, erläutert Kleinert. Hohe körperliche Belastung, psychische Anstrengung über eine längere Zeit, die Schrecksekunde des Sturzes. Faktoren, die bei Radsportlern den Endorphinspiegel in die Höhe schießen lassen, wodurch sie den körperlichen Schmerz nach dem Aufprall auf der Straße im ersten Moment nicht so stark wahrnehmen. Eine Erfahrung, die auch Dominik Nerz gemacht hat. »Die wirklichen Schmerzen kommen ja erst viel, viel später«, bestätigt er dieses eingeschränkte Schmerzempfinden unmittelbar nach einem Sturz. »Sie kommen noch nicht mal sofort nach der Etappe. Mein Motto war immer: direkt die Wunden sauber machen, egal, was ist. Wenn man das am Abend gemacht hätte – vergiss es.«
Endorphin ist die biologische Komponente. Doch der Reflex, sofort wieder aufs Rad zu steigen und weiterzufahren, wird auch von der Psyche geleitet, und er ist von klein auf antrainiert. Auch Dominik Nerz ist nicht nur nach dem Sturz bei seinem ersten Rennen immer wieder von seinen Trainern aufgefordert worden weiterzumachen. Sein langjähriger Coach Hartmut Täumler glaubt, dass die direkte Rückkehr aufs Rad eine wichtige Rolle spielt bei der Bewältigung eines Sturzes. »Wenn ich das nicht mache, setzt sich das Erlebnis fest und man verarbeitet es nicht mehr richtig«, meint Täumler. Als Profis haben die Radsportler dieses Verhalten längst verinnerlicht. Für sie spielt dann vor allem die Fokussierung auf das Ziel eine entscheidende Rolle.
»Bei Stürzen bei niedrigen Geschwindigkeiten hast du nur den Gedanken: Aufstehen, wo ist mein Rad, draufsetzen, den Anschluss nicht verpassen«, sagt Radprofi Tony Martin im Interview mit der FAZ am Sonntag. Aufmerksamkeitsfokus nennen die Psychologen das. »Der ist in diesem Moment so stark auf die Gruppe gerichtet, die da gerade wegfährt, dass mein Fokus gar nicht intern beim Schmerz ist«, erläutert Sportpsychologe Jens Kleinert. Verschiedene Signale stehen für den gestürzten Radprofi in diesem Moment im Wettbewerb miteinander: der interne Schmerz und das externe Renngeschehen. Diese »Competition of Cues«, dieser Wettstreit zwischen unterschiedlichen Reizen, geht zurück auf eine Theorie des Psychologen James Pennebaker. Auf die Situation des Sturzes übertragen bedeutet sie: Stürzt ein Radprofi, ist das externe Signal, das Rennen, stärker als die körperliche Pein. »Ich nehme den Schmerz gar nicht wahr, sondern nur noch das, was gerade vor meinen Augen, was im Rennen abläuft«, erklärt Professor Kleinert. »Die kriegen schon mit: Das tut weh. Aber durch diese Mechanismen nicht in dem Maße, wie wenn es diese externe Situation nicht gibt.« Diese psychologische Komponente im Zusammenspiel mit der Produktion eines Schmerzmittels im Körper erklärt, warum jemand wie Philippe Gilbert sich mit gebrochener Kniescheibe noch über zwei Pyrenäengipfel quälen, nach dem Rennen aber nicht ohne Hilfe gehen kann. Die Wirkung der Endorphine lässt nach und keine Gruppe muss mehr eingeholt, keine Etappe beendet werden. Das ist der Moment, in dem der Schmerz seine volle Wucht entfaltet.
Den Tag nach einem Sturz beschreiben Radprofis oft als besonders schlimm, weil der Schmerz dann nicht mehr natürlich gedämpft wird, sondern nur noch mit Hilfe von Schmerzmitteln unterdrückt oder mit Willenskraft ignoriert werden kann. Radprofis sind auch darauf trainiert. »Jeder, der nicht so mit Schmerzen umgehen kann, wird sagen: Ich bin verletzt, krank, es geht nicht. Aber als Radfahrer lernt man, mit dem Schmerz umzugehen«, sagt Dominik Nerz, der eigentlich ein sensibler Typ ist und einen eher weichen Eindruck macht. Aber die Härte seines Metiers hat auch er verinnerlicht. »Wenn ich mich mal ein bisschen auf dem Asphalt gerollt habe und genäht wurde oder so was, saß ich am nächsten Tag wieder auf dem Rad. Muss ja.«
Dieses »Muss ja« macht die Essenz des Radsports aus. Die Qualen nach einem Sturz sind dabei nur das Extrem. Aber Radrennen fahren tut auch weh, wenn man nicht auf dem Asphalt aufschlägt. Jedes Training bereitet Schmerzen. Die Muskeln brennen, und wenn die Leistungsgrenze erreicht oder gar überschritten wird, breitet sich im Mund manchmal der Geschmack von Blut aus. In den roten Bereich zu gehen und dennoch weiterzumachen, obwohl der Körper schreit: »Aufhören!« Das ist Alltag für Radsportler. »Radsport ist Leiden«, hat der legendäre Fausto Coppi es treffend zusammengefasst. Das gilt im Training wie im Rennen. Dominik Nerz’ Trainer Hartmut Täumler hat seinen Schützlingen in der U23 stets die Prämisse mitgegeben: »Wenn nichts mehr wehtut, bin ich im Ziel.«
Das Leiden macht seit den Anfängen des Radsports dessen Faszination für das Publikum aus. In den ersten Jahrzehnten überhöhten die Zeitungsreportagen die leidenden Athleten zu Helden von mythischer Gestalt. Heute sind es die Nahaufnahmen der von Anstrengung gezeichneten Gesichter der Fahrer, die sich einen Berg hochquälen, oder die dreckverschmierten Grimassen der Radprofis bei den Frühjahrsklassikern wie Paris–Roubaix, die das Leid auf dem Rad anschaulich machen. Der technische Fortschritt hat die Räder leichter und schneller gemacht, bessere Trainingsmethoden und Doping haben die Leistungsgrenzen verschoben. Aber weh tut es immer noch. Radsportler leiden und dieses Leiden macht die Sache für das Publikum interessant. Mit Sadismus oder mangelnder Empathie hat dieser Reiz allerdings nichts zu tun.
Von einem »Theater des Leidens« spricht der Sportphilosoph Gunter Gebauer in einem Berliner Café, das er als Treffpunkt vorgeschlagen hat. Gebauer ist Mitte 70 und hat bis 2012 an der Freien Universität in Berlin gelehrt. Sein Alter sieht man ihm nicht an. Er ist ein hoch gewachsener ehemaliger Leichtathlet, der Faszination und Elend des Sports philosophisch zu durchdringen versucht. »Dieses Leiden passiert zwar wirklich, aber es ist gleichzeitig in einem Spiel zugefügt – und zwar selbst zugefügt. Das hat also mit dem Leiden eines Kranken oder eines Sterbenden nichts zu tun, geht aber in die Nähe, weil es fast existenziell werden kann«, beschreibt er die besondere Form des Martyriums im Radsport. »Durch diese Spannung zwischen Ernst und Spiel bekommt der Radsport etwas Theatralisches. Wir haben hier das Grundmodell Theater, aber es wird noch eine Endung weitergedreht, weil etwas Realismus reinkommt.«
Die Qualen der Radprofis sind real. Und die für den Zuschauer interessante Frage ist: Wie schaffen die das? Wie können sie das Stoppsignal des Körpers so lange ignorieren? Die Antwort darauf steckt zum Teil im Wesen des Schmerzes. Die Welt-Schmerzorganisation ISAP (International Association for the Study of Pain) definiert Schmerz als »ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potenzieller Gewebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird«.
Der Hinweis auf ein Gefühlserlebnis macht deutlich, dass es auch eine starke emotionale Ebene des Schmerzes gibt. Professor Jeffrey Mogil, Psychologe und Schmerzforscher an der McGill University in Montreal, erklärt in einem Beitrag auf der Website des britischen Radsportmagazins Cycling Weekly: »Schmerz ist mehr als nur eine Sache. Es ist eine Sinneswahrnehmung wie Sehen oder Tasten, er ist eine Emotion wie Wut oder Traurigkeit und er ist ein Zustand, der eine Handlung erfordert, wie Hunger.« Sehen oder Tasten können die meisten Menschen, Wut und Trauer empfinden die allermeisten von uns auch. Emotionen lassen sich leiten, ein Hungergefühl kann man unterdrücken. Den Umgang mit Schmerzen kann man daher ebenfalls trainieren.
Einer der ersten Wissenschaftler, der sich mit der Frage des Schmerzempfindens und der Schmerztoleranz bei Spitzenathleten beschäftigt hat, war der Psychologe Karel Gijsbers von der Universität Stirling in Schottland. Bereits 1981 veröffentlichte er im British Journal of Medicine die Ergebnisse einer Studie, bei der er Schwimmer des schottischen Nationalteams sowie Mitglieder eines Schwimmklubs und Nichtathleten einem Schmerztest unterzogen hatte. Das Ergebnis: Alle drei Gruppen spürten den Schmerz etwa zur gleichen Zeit, die Schwimmer aus dem Nationalkader konnten die Schmerzen allerdings deutlich länger aushalten als die Klubschwimmer und diese wiederum länger als die Nichtathleten. Diese Resultate seien darauf zurückzuführen, dass Spitzenathleten sich systematisch Schmerzerfahrungen aussetzten. Auch der Einfluss von Endorphinen und psychische Mechanismen, den Schmerz zu handhaben, spielten eine Rolle, schreibt Gijsbers. Er fügt hinzu: »Es wird berichtet, dass hoch motivierte Athleten im Schmerz sogar eine gewisse Befriedigung spüren.« Radprofis haben demnach also kein grundsätzlich anderes Schmerzempfinden als andere Menschen, sie haben lediglich trainiert, besser damit umzugehen. Von klein auf spulen Radfahrer Kilometer um Kilometer ab, Schmerzen sind dabei ein ständiger Begleiter. Sie werden Teil des Alltags, schlichtweg normal. »Es ist ja nicht so, dass du auf einmal Schmerzen aushalten musst, die du nicht packen würdest, sondern das geht Schritt für Schritt«, berichtet Dominik Nerz. »Du gewöhnst deinen Körper in einer gewissen Weise daran. Es kann ja auch niemand aus dem Nichts 260 Kilometer Rad fahren. Das würde auch nicht funktionieren. Genauso verhält es sich mit den Schmerzen.«
Der Sportpsychologe Jens Kleinert schmunzelt verschmitzt, wenn man ihn fragt, warum Leitungssportler insbesondere in den Ausdauersportarten wie Radsport so viel besser Schmerzen ertragen können als »normale« Menschen. »Das können sie ja gar nicht«, beteuert er. »Es gibt keine biologischen Unterschiede. Das Schmerzsystem funktioniert genauso, nur dass die psychischen Möglichkeiten, mit Beschwerden umzugehen, sie zu ignorieren oder sich abzulenken, besser sind.« Durch den ständigen Umgang mit Schmerz verändert sich zudem die Wahrnehmung, wie weit der Weg an den Rand des Erträglichen ist. »Die Tatsache, dass man ständig solche Erlebnisse hat, im Training oder im Wettkampf, und damit irgendwie zurechtkommen muss, führt zu einem ganz normalen Lern- und Sozialisationsprozess«, erläutert Professor Kleinert.
In seiner Autobiografie »Shut Up Legs« beschreibt der ehemalige Radprofi Jens Voigt, wie dieser Prozess bei ihm schon in der Sportschule begann. »Und nachdem ich nun knapp 20 Jahre im Profisport unterwegs gewesen bin, glaube ich, dass ich zehn bis 20 Prozent mehr Schmerzen ertragen kann als die meisten anderen.« Tatsächlich variiert die Schmerztoleranz auch bei Spitzenathleten, je nachdem in welcher Phase der Saison sie sich befinden. Je näher ein Sportler dem Saisonhöhepunkt ist, desto ausgeprägter ist seine Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen. Dabei ist die Art des Trainings und nicht etwa der Fitnesszuwachs für die Ausprägung der Toleranz gegenüber Schmerzen maßgebend, wie eine Studie an der Oxford Brookes University in Großbritannien aus dem Jahr 2017 festgestellt hat. Je höher die Trainingsintensität, desto besser die Schmerztoleranz. Man muss also schon im Training leiden. Und – auch das stellt jene Studie fest – wer in der Lage ist, Schmerz besser zu ertragen, der kann auch schneller Rad fahren. Daraus ergibt sich eine einfache Formel, die Radrennfahrer intuitiv verinnerlicht haben: Mehr Leiden im Training gleich höhere Schmerztoleranz, höhere Schmerztoleranz gleich bessere Leistungsfähigkeit im Rennen.
Der Sozialisations- und Trainingsprozess ist aber lediglich ein Aspekt. Das subjektive Verschieben der Schmerzgrenze, wie Jens Voigt es beschreibt, hat zu einem Großteil auch eine psychologische Komponente. Voigt selbst verfolgte während seiner Karriere einen autoritären Ansatz im Umgang mit dem Schmerz. Er erteilte seinen Beinen den klaren Befehl: »Shut up legs!« Voigt wurde mit diesem Ausspruch weltweit bekannt und hat ihn nach seiner Karriere zu einer Marke gemacht, unter deren Dach er T-Shirts, Kapuzenpullis und Radtrikots verkauft. In seiner aktiven Zeit war Jens Voigt ein »Baroudeur«, ein Fahrer, der sein Heil in der Attacke suchte, mal in der Gruppe, häufig als Solist. Und dann war er allein mit sich und dem Schmerz in den Beinen, denen er befahl, still zu sein. Wie in den Situationen unmittelbar nach einem Sturz greift auch hier wieder James Pennebakers Theorie der »Competition of Cues«, wonach sich unterschiedliche Reize in einem Wettstreit befinden. Entscheidend ist, auf welchen davon sich die Aufmerksamkeit fokussiert. Nur dass in diesem Fall jener Reiz, der den Fokus vom Schmerz ablenken soll, vom Athleten selbst geschaffen wird. »Normalerweise setzt sich ein Schmerzsignal durch. Das heißt, der innere Reiz, der Schmerzreiz, wird sehr aufdringlich. Aber man kann durch Training tatsächlich den Aufmerksamkeitsfokus von diesem inneren Reiz weglenken«, erläutert Sportpsychologe Jens Kleinert. »Diese Umlenkung des Aufmerksamkeitsfokus wird unterstützt durch imaginäre und verbale Techniken.«
Radprofis berichten häufig davon, dass sie ihre Qualen gerne auf die anderen Fahrer um sie herum projizieren, getreu dem Motto: »Wenn es mir wehtut, tut es den anderen erst recht weh.« Auch Dominik Nerz hat sich gerne mit diesem Gedanken beholfen, wenn am Berg das Brennen in den Beinen unerträglich zu werden schien. Die Vorstellung, den Gegner im nächsten Moment zu überholen, aus dem Sattel zu gehen, um den Druck auf die Konkurrenten zu erhöhen, oder sich im Training vorzustellen, was hinter der nächsten Kurve kommt – alle diese Bilder lenken den Fokus weg vom Schmerz. Das Gleiche gilt für Selbstgespräche, die das Handeln begleiten. Beispielsweise auszusprechen, dass man jetzt weiter rund treten wird. »Dieses Verbalisieren hilft mir, den Fokus auf bestimmte Dinge zu legen. Das kennen alle Menschen, die etwa in den Keller gehen und sagen: ›Mensch, was hatte ich jetzt noch mal gesucht hier?‹
Das sagt man dann wirklich laut vor sich her«, erklärt der Sportpsychologe Jens Kleinert. »Im psychologischen Training wird diese Strategie gelernt und geübt, zum Beispiel welche Sprüche oder welche Selbstgespräche man wann führen sollte. Solche Selbstgespräche können auch gegen den Schmerz gehen. Das heißt: ›Das ist jetzt egal, trotzdem weiter.‹ Das sind selbstmotivierende Schmerzgespräche, die versuchen, vom Schmerz abzulenken und das sportliche Ziel zu fokussieren, das man vor Augen hat.« Oder um es mit Jens Voigt zu sagen: »Shut up legs!«
Mit den Selbstgesprächen oder den Imaginationstechniken wird der Schmerz rationalisiert. Das heißt, die starke emotionale Seite des Schmerzes wird beiseite gedrängt. Schmerz kann mit emotionalen Begriffen wie schrecklich, furchtbar, dramatisch beschrieben werden. Oder aber eher nüchtern definiert werden als dumpf, stechend oder brennend. »Im Gespräch mit dem Schmerz kann ich herausfinden, was sagt er mir gerade, was bedeutet er? Bedeutet er, dass ich ein bisschen runder oder langsamer fahren soll, oder was will der Schmerz mir sagen?«, erläutert Professor Kleinert. »Das ist auch eine Art und Weise, den Schmerz als etwas Rationales zu sehen. Wenn ein Athlet den Schmerz rational beschreibt, versucht er, sich emotional davon zu lösen. Das kann eine wunderbare Strategie sein, da negative Emotionen den Schmerz meist sogar verstärken.«
Radprofis brauchen diese Fähigkeit, den Schmerz in seine Schranken zu weisen, ihn nicht gewinnen zu lassen. Nur diese Fähigkeit ermöglicht es ihnen, erfolgreich zu sein. Doch nicht immer ist es richtig, den Schmerz zu ignorieren, ihn auszuhalten, mit ihm zu verhandeln. Spätestens dann, wenn der Schmerz in Wahrheit kein Bruder des inneren Schweinehunds ist, den es zu überwinden gilt, sondern ein Warnzeichen des Körpers. Gerade weil Radsportler darauf konditioniert sind, Schmerz auszuhalten, laufen sie deshalb Gefahr, entsprechende Warnzeichen zu ignorieren und trotzdem weiterzumachen. »Das ist dann für den Fahrer ein Dilemma und für das Team sogar ein ethisches Problem«, sagt Jens Kleinert. »Eigentlich sollte man nicht weiterfahren, weil es dadurch nur schlimmer wird und dann muss man irgendwann drei, vier Wochen aussetzen, anstatt drei, vier Tage.«
Oft sind es äußere Einflüsse oder die Angst, als Versager dazustehen, die Radprofis dennoch weitermachen lassen. »Ich hätte viel häufiger auf meine inneren Signale hören müssen«, meint Dominik Nerz rückblickend. »Wenn es wirklich an die Gesundheit geht, sollte man vielleicht früher reagieren. Aber es ist halt immer extrem schwierig. Auf der einen Seite hat man selbst den Anspruch und ist gewohnt, zu funktionieren und nicht einfach aufzugeben. Auf der anderen Seite gibt es den Druck von außen. Du willst dein Team, deine Teamkollegen, deinen Sportlichen Leiter, deinen Teamchef und die Sponsoren nicht enttäuschen. Und dann sagt man sich: ›Okay, dann musst du halt jetzt noch ein bisschen mehr auf die Zähne beißen.‹«
IV
NEUE WELT
»Deutschlands verlorener Traum«, titelt das Magazin Cycle Sport in seiner Januar-Ausgabe 2011. Es folgt ein Abgesang auf das Team Milram, das sich nach der Saison 2010 aufgelöst hat und am Ende nur noch eine »Tragikomödie auf zwei Rädern« gewesen sei, wie das britische Magazin festhält: »Alles, woran sie Hand anlegten, endete in Mittelmäßigkeit.« Ein vernichtendes Urteil zum Ende einer Ära.
Mit Milram tritt das letzte deutsche Team von der großen Radsportbühne ab, die damals noch den Titel ProTour trägt. Drei Jahre zuvor hat sich bereits das T-Mobile-Team aus dem Radsport zurückgezogen, das aus dem Team Telekom hervorgegangen war. Einer Equipe, die lange Zeit einen ähnlichen Stellenwert hatte wie die Fußball-Nationalmannschaft. Im magentafarbenen Trikot des Teams war Jan Ullrich 1997 zum Toursieg gefahren. Er löste damit einen Radsportboom aus, der dazu führte, dass die Nation jahrelang den Juli in abgedunkelten Wohnzimmern verbrachte. Dort verfolgte man auf dem Bildschirm, wie Ullrich sich vergeblich daran abarbeitete, seinen Erfolg in Frankreich zu wiederholen, und wie Erik Zabel Jahr um Jahr das Grüne Trikot des besten Sprinters der Tour gewann.
Auf die große Euphorie folgt das große Entsetzen, als 2006 Jan Ullrichs Verwicklung in die Fuentes-Affäre bekannt wird. Ullrich darf deswegen nicht an der Tour de France teilnehmen und beendet Anfang 2007 seine Karriere. Im Mai desselben Jahres folgen die Doping-Geständnisse von Zabel und dessen Kumpel Rolf Aldag. Auch Bjarne Riis räumt kurz darauf ein, gedopt gewesen zu sein bei seinem Toursieg, der ihm 1996 in den Telekomfarben gelang. Als im Sommer 2007 T-Mobile-Profi Patrik Sinkewitz einen positiven Test auf Testosteron abliefert, steigen die öffentlich-rechtlichen TV-Sender ARD und ZDF mit sofortiger Wirkung aus der Tour-de-France-Berichterstattung aus. In der Bonner Zentrale des Telekom-Konzerns hat man endgültig genug. Nach 17 Jahren als Sponsor im Profiradsport zieht man sich am Ende des Jahres zurück.
Der Radsport in Deutschland liegt am Boden, nicht nur an der Spitze. Auch an der Basis, in den Amateurklassen und bei den Junioren, wenden sich die Geldgeber ab. Der Rennkalender schrumpft zusammen: 2005 gibt es sieben Etappenrennen für Profis in Deutschland, 2010 ist lediglich noch die Bayern-Rundfahrt übrig, die nach der Ausgabe 2015 auch eingestellt wird. Das Publikum kehrt dem Sport ebenfalls den Rücken. Radsport wird in der deutschen Öffentlichkeit zum Synonym für Doping. Wie ein betrogener Ehepartner habe sich Deutschland enttäuscht vom Radsport abgewendet, kommentiert der Direktor der Tour de France Christian Prudhomme den Niedergang.
»Sinkewitz war der Worst Case«, sagt Jochen Hahn elf Jahre später in einem Café unweit seines Radgeschäfts in Berlin. »Eine Chance hat der Radsport noch gehabt, und die hat Sinkewitz zerstört. Das war das letzte Leben, das wir hatten, danach war es vorbei.« Hahn ist von 2008 bis zum Ende des Teams 2010 als Sportlicher Leiter bei Milram tätig gewesen. Nachdem sich 2008 auch das Team Gerolsteiner aufgelöst hat, ist Milram die letzte der ursprünglich drei deutschen Mannschaften in der ProTour. Die Nordmilch AG, eine Molkereigenossenschaft, deren Produktmarke Milram ist, erwägt ebenfalls einen vorzeitigen Rückzug aus dem Radsport. Als Dominik Nerz Ende September 2009 am Rande der Straßenrad-WM in Mendrisio in der Schweiz seinen ersten Profivertrag unterzeichnet, weiß Teamchef Gerry van Gerwen erst seit knapp zwei Monaten, dass sein Geldgeber den bis Ende 2010 geltenden Vertrag erfüllen wird. Nerz unterschreibt für zwei Jahre, weil der Radsport-Weltverband UCI das bei Neo-Profis so verlangt. Aber so lange wird es das Team nicht mehr geben.
Ein kleines zweistöckiges Gebäude in einem Gewerbegebiet in Sint-Oedenrode, nördlich von Eindhoven. Gerry van Gerwen empfängt einen im Büro der Firma seiner Tochter. Er ist schon Anfang April braun gebrannt, ein gut gelaunter Ruheständler mit Mitte 60. Immer noch strahlt van Gerwen jenen unerschütterlichen Optimismus aus, den er während seiner Zeit als Chef des Teams Milram immer an den Tag legte, egal wie schwierig die Lage auch sein mochte. Und schwierig war sie oft. Schon ein Jahr bevor Dominik Nerz seine Unterschrift unter den Vertrag setzt, der ihm den von der UCI vorgeschriebenen Mindestlohn von 25.000 Euro im Jahr garantiert, muss van Gerwen kämpfen, um Nordmilch bei der Stange zu halten. »Die wollten eigentlich unmittelbar nach 2008 aufhören«, erinnert sich van Gerwen.
Es ist nicht alleine die Dopingkrise, die Nordmilch das Engagement im Radsport infrage stellen lässt. Auch sinkende Milchpreise spielen bei den Überlegungen in der Konzernzentrale eine Rolle. »Die Konsequenz war, dass Nordmilch finanzielle Probleme gekriegt hat«, sagt van Gerwen. »Der Vorstand war weiter für die Mannschaft, kein Thema. Aber die Leute, die die Finanzen verwaltet haben, waren dagegen. Die Landwirte waren auch gegen die Mannschaft, weil die Milchpreise so niedrig waren und der Radsport in Deutschland einen schlechten Namen hatte.« Anfang Dezember 2008 reist Gerry van Gerwen deshalb gemeinsam mit seiner Tochter Marlies, mit der er die Geschäfte des Teams führt, in die Konzernzentrale der Nordmilch AG in Bremen. Er will seine Equipe retten. »Der Riese Nordmilch gegen die Micky Maus«, beschreibt van Gerwen die Konstellation. Eine Dreiviertelstunde redet er auf die Mitglieder des Vorstands ein. Einen Monolog habe er gehalten, erinnert er sich. »Ich war gut vorbereitet und habe auf Emotion gesetzt.« Die Strategie ist erfolgreich. »Nach konstruktiven Gesprächen mit unserem Partner Velo-City GmbH bestätigen wir, dass die Mannschaft am 1. Januar 2009 als Team Milram startet«, gibt die Nordmilch AG anschließend per Pressemitteilung bekannt. Im Juli erklärt das Unternehmen dann, man bleibe wie geplant auch 2010 noch dabei. Noch einmal wird man den Vertrag danach jedoch nicht verlängern. Für 2011 steht Gerry van Gerwen damit endgültig ohne Geldgeber da.
Die unsichere Zukunft des Teams wird Dominik Nerz’ gesamtes erstes Jahr als Profi überschatten. Doch zunächst einmal ist er schlicht überwältigt von der neuen Welt, die sich da vor ihm auftut. Schon der Mannschaftsbus, in dem er in Mendrisio seinen Vertrag unterschreibt, beeindruckt ihn, obwohl das Gefährt im Vergleich zu dem, was bei anderen Teams Standard ist, eher zurückbleibt. »Das war das erste Mal, dass ich in so einem Bus drinnen war … geil«, sagt Nerz.
Den Deal mit Milram hat Christian Baumer eingefädelt. Baumer ist damals der führende Fahrermanager in Deutschland. Nerz ist auf Vermittlung seines Trainers Hartmut Täumler zu Baumers Klient geworden. Täumler glaubt, dass ein junger Profi jemanden an seiner Seite haben muss, der die finanziellen Dinge regelt und über die entsprechenden Kontakte in der Branche verfügt. »Das hilft so jungen Leuten, sich zurechtzufinden«, erklärt Täumler. »Christian Baumer habe ich als sehr seriösen, sehr soliden Mensch kennengelernt. Der war der Richtige und ich habe auch allen meinen anderen Rennfahrern geraten, sich mit ihm zu verbünden.« Baumer soll für Nerz jedoch lediglich die vertraglichen Dinge mit den Teams regeln. Die Finanzen des jungen Radprofis verwaltet dessen Vater Michael. »Dadurch gab es manche Spannungen, die an Dominik nicht spurlos vorbeigegangen sind«, meint Hartmut Täumler. Auch Michael Nerz räumt ein, dass er mit dem Manager manchmal Knatsch gehabt habe, aber im Wesentlichen sei man gut miteinander ausgekommen. Viele der Fahrer, die Baumer vertritt, sind ebenfalls bei Milram unter Vertrag. Deshalb erscheint es logisch, dass auch Nerz dort unterkommt. Trotz der unsicheren Zukunft des Teams. Zumal Nerz im Jahr zuvor schon für das Milram-Nachwuchsteam gefahren ist.
Im Nachhinein sei Milram nicht die richtige Wahl gewesen, glaubt Täumler heute. »Um den Schritt weiter nach oben zu gehen, war es erst mal okay«, sagt er. »Er konnte nicht viel falsch machen. Aber im Gesamtaufbau gab es bessere Teams zu dem Zeitpunkt.« Für einen Vertrag bei einer anderen Mannschaft hätten aber entweder Baumers Kontakte oder aber Nerz’ Ergebnisse in der U23 nicht ausgereicht. Dominik Nerz behauptet dagegen, es hätte damals durchaus zwei, drei andere Optionen gegeben. Auch die Überlegung, ob er mit gerade einmal 20 Jahren schon den Sprung zu den Profis wagen oder lieber noch ein oder zwei Jahre in der U23 bleiben soll, habe eine Rolle gespielt. Was letztlich den Ausschlag dafür gibt, dass Christian Baumer den jungen Mann bei Milram unterbringt, ist nicht endgültig zu klären. Denn der Freiburger Fahrermanager will sich weder dazu noch zu anderen Fragen, die Nerz’ Profikarriere betreffen, äußern. »Gemäß unserer gängigen Praxis machen wir grundsätzlich keine Angaben über Kenntnisse, Einblicke usw., welche wir aus der Zusammenarbeit mit unseren Athleten gewinnen«, teilt er auf Anfrage per E-Mail mit.
Dass Hartmut Täumler rückblickend der Meinung ist, Dominik Nerz sei in einem anderen Team vielleicht besser aufgehoben gewesen, hat nicht in erster Linie mit dem drohenden Rückzug des Sponsors zu tun. Die Mannschaft befindet sich damals auch sportlich in einem permanenten Umbruch. Zum Start der Saison 2008 hat Gerry van Gerwen die Leitung des Teams übernommen, das zwei Jahre zuvor aus einer Fusion des deutschen Teams Wiesenhof und der italienischen Mannschaft Domina Vacanze entstanden ist. Van Gerwen ist dort zunächst der Marketingchef, Teammanager ist der Italiener Gianluigi Stanga. Mit Alessandro Petacchi und Erik Zabel hat Milram damals zwei der weltbesten Sprinter unter Vertrag. Doch die Zusammenarbeit zwischen dem deutschen Sponsor und der italienischen Teamführung gestaltet sich problematisch. Es kommt zum Zusammenprall zweier Kulturen, die van Gerwen mehr als zehn Jahre später in einer Anekdote anschaulich macht: Milram habe das Team damals nicht nur finanziell, sondern auch materiell unterstützt, indem es die hauseigenen Milchprodukte zur Verfügung stellte. Irgendwann habe man sich bei Nordmilch in Bremen dann jedoch über die große Menge an Käse gewundert, die Stanga orderte. Van Gerwen behauptet, es habe sich um mehrere hundert Kilo im Monat gehandelt, weshalb sich der Konzern an ihn gewandt habe mit der Bitte um Aufklärung. »Ich hab dann Stanga angerufen. Und er sagt: ›Hör mal Gerry, ich habe einen Freund und der hat ein Geschäft: Käse und Schinken. Ich tausche bei ihm Käse gegen Schinken, dann habe ich Käse und Schinken.‹« Van Gerwen sagt, er habe Stanga erklären müssen, dass er es mit einer großen deutschen Firma zu tun habe, mit der man seriös Geschäfte machen müsse. »Wenn du 10.000, 50.000 oder 100.000 Brötchen zu wenig hast, dann musst du das sagen. Aber so geht das nicht. Sicher nicht in Deutschland.«
Solche kulturellen Differenzen habe es häufiger gegeben, erzählt Gerry van Gerwen. Am Ende sind es allerdings weniger Stangas Deals mit Käse und Schinken, die eine weitere Zusammenarbeit unmöglich machen. Ausschlaggebend ist eine andere Seite der Radsportkultur, die den Italiener nicht mehr tragbar macht. Der ehemalige Profi Jörg Jaksche enthüllt in seiner »Dopingbeichte« im Nachrichtenmagazin Der Spiegel Ende Juni 2007, wie Stanga in seiner Zeit als Chef des Teams Polti jahrelang junge Radfahrer systematisch an Doping herangeführt hat. Daraufhin beendet Milram die Zusammenarbeit mit Stanga und überträgt van Gerwen die Leitung des Teams.
Als Teamchef übernimmt Gerry van Gerwen damals eine Menge Probleme. Zwischenzeitlich sei sein Anwalt mit 23 verschiedenen Dingen gleichzeitig beschäftigt gewesen, erklärt er. Unter anderem gibt es Ärger mit dem Radhersteller, der das Team ausstattet und den der Niederländer gerne wechseln möchte. »Es ging von einem Problem zum nächsten. Es war furchtbar«, sagt van Gerwen. Auch das Dopingproblem erbt der Niederländer von seinem Vorgänger. Petacchi ist beim Giro d’Italia 2007 mit einem überhöhten Wert auf das Asthmamittel Salbutamol auffällig geworden, das gleiche Medikament, das zehn Jahre später auch dem mehrmaligen Toursieger Christopher Froome nach einem positiven Test bei der Spanien-Rundfahrt Probleme machen wird. Im Mai 2008 sperrt der Internationale Sportgerichtshof CAS Petacchi für zehn Monate. Der Vertrag des Sprinters mit Milram wird in beiderseitigem Einvernehmen aufgelöst. Kurz darauf wird auch der Spanier Igor Astarloa, der Weltmeister von 2003, erst suspendiert und schließlich Ende Mai entlassen. Bei einer teaminternen Blutkontrolle ist ein überhöhter Hämatokritwert gemessen worden, was als ein möglicher Hinweis auf Blutdoping gilt.
Die anhaltende Dopingdiskussion und der gerade in Deutschland ausgeprägte Generalverdacht gegen den Radsport haben Gerry van Gerwen ein internes Kontrollsystem installieren lassen. So will er Vertrauen schaffen. Der dänische Anti-Doping-Experte Rasmus Damsgaard soll in Verdachtsfällen Fahrer des Teams testen. »Jeder Fahrer hat unterschrieben, dass ich in einem solchen Fall unseren Backup-Spezialisten Rasmus Damsgaard anrufen kann, um die Blutprofile zu testen. Sein Urteil wird dann bindend sein«, erklärt van Gerwen damals. Auch von seinem zu diesem Zeitpunkt noch überwiegend italienischen Personal verlangt der neue Teamchef eidesstattliche Erklärungen, dass sie mit Doping nichts zu tun haben. Nicht alle sind bereit, die Vereinbarungen zu unterschreiben. Weitere arbeitsrechtliche Verfahren sind die Folge. Der Sponsor beobachtet die Querelen mit zunehmender Ungeduld. »Ich habe in den Gesprächen mit Nordmilch gemerkt, dass sie die Nase voll hatten von Italien«, sagt van Gerwen. »Ich hatte nur eine Chance: Mache es deutsch, deutsch, deutsch. Ich musste einen Cut machen, mit einer deutschen Mentalität, einer deutschen Kultur.«
Der große Umbruch erfolgt zur Saison 2009. Die Teamzentrale wird von Italien nach Dortmund verlegt. Doch vor allem bekommt die Mannschaft sportlich ein komplett neues Gesicht. Von den 25 Fahrern des Teams sind nur noch elf aus dem Kader der Vorsaison dabei. Acht Fahrer übernimmt Gerry van Gerwen vom aufgelösten Team Gerolsteiner, darunter ist der Deutsche Meister von 2008, Fabian Wegmann. Auch der Sportliche Leiter Christian Henn, Mannschaftsarzt Mark Schmidt und weiteres Personal kommen von Gerolsteiner zu Milram. Doch die beiden wichtigsten Neuverpflichtungen sind Linus Gerdemann und Gerald Ciolek. Beide kommen vom Team Columbia, das aus dem T-Mobile-Team hervorgegangen ist. Gerdemann hat im Sommer zuvor die Deutschland-Tour gewonnen, die danach für zehn Jahre in der Versenkung verschwindet. 2007 hat Gerdemann zudem bei der Tour de France einen Etappensieg in den Alpen gefeiert und für einen Tag das Gelbe Trikot übernommen. Auf der anschließenden Pressekonferenz sprach er ausführlich, offen und eloquent über das Dopingproblem des Radsports. Seitdem gilt er als das Gesicht einer neuen deutschen Radsport-Generation. Gerald Ciolek hat seit seinem überraschenden Sieg bei den Deutschen Meisterschaften 2005 und seinem U23-Weltmeistertitel in Salzburg 2006 den Ruf, der deutsche Sprinter der Zukunft zu sein. Die beiden Kapitäne sollen zu den Aushängeschildern des neuen Milram-Teams und des deutschen Radsports werden. Doch Gerdemann und Ciolek sind mit der Rolle überfordert, in die sie von ihrem Teamchef gedrängt werden. »Das ist natürlich eine Menge Marketing gewesen. Wir mussten versuchen, uns gut zu verkaufen, der Radsport stand ja in einem schlechten Licht«, sagt der ehemalige Sportliche Leiter des Teams Jochen Hahn. »Es ging Gerry im Prinzip darum, das Augenmerk wieder aufs Sportliche zu lenken, weg von der ganzen Dopingsituation. Und das ging eigentlich nur über den Weg, junge deutsche Fahrer als Hoffnungsträger aufzubauen. Letztlich haben sie sich nicht darüber beklagt, aber für die sportliche Entwicklung war das sicherlich für beide nicht besonders förderlich.« Zumal beide auch nicht in Topform aus dem Winter kommen.
Van Gerwen legt die Messlatte für das gesamte Team sehr hoch: 25 Siege lautet seine Vorgabe für die Saison 2009. »Das war ein Alleingang, das muss man ganz klar sagen«, stellt Jochen Hahn klar. »Ich war rundheraus dagegen, solche Vorgaben zu machen. Da einen Druck aufzubauen und anzufangen, Siege zu zählen, ist schwierig. Erst recht, wenn man eh eine neue Mannschaft hat und man davon ausgehen muss, dass das erst mal nicht so laufen kann.« Mit der Übernahme eines Großteils der Gerolsteiner-Mannschaft muss damals quasi ein Team ins Team integriert werden. Das führt zu Reibereien und Debatten über die sportliche Ausrichtung der Mannschaft. Hahn meint, solche Prozesse seien normal, wenn sich eine Mannschaft neu zusammenfindet. Zumal neben dem personellen Wechsel ja auch ein örtlicher Wechsel zu bewältigen gewesen sei. »Das war ein Riesenumbruch«, sagt er. »So etwas dauert und das hat nichts mit Radsport zu tun.«
Gerry van Gerwen erklärt, genau deshalb habe er bewusst Druck aufgebaut, um die internen Diskussionen zu beenden und ein einheitliches Ziel vorzugeben. Der Umbruch geht ihm nicht schnell genug. Ihm bleibt nicht viel Zeit, ein erfolgreiches Team aufzubauen, weil er ständig fürchten muss, dass ihm der Sponsor abspringt. Im Nachhinein hält van Gerwen es deshalb für einen Fehler, so viel Personal von Gerolsteiner übernommen zu haben. »Das würde ich nie mehr so machen«, betont er. »Dadurch ist die Gerolsteiner-Mentalität ins Team gekommen, aber eine Mannschaft muss eine eigene Identität, eine eigene Kultur entwickeln.« Auch die Fahrer spüren die Differenzen zwischen dem Teamchef und der von Christian Henn angeführten Sportlichen Leitung. »Van Gerwen und Henn hatten unterschiedliche Auffassungen darüber, wie die Rennen gefahren werden sollen«, erinnert sich Fabian Wegmann. Die ständigen Querelen blockieren den sportlichen Erfolg. Van Gerwens Vorgaben werden jedenfalls weit verfehlt. Statt der eingeforderten 25 Siege schafft Milram 2009 nur neun Erfolge. Linus Gerdemann gewinnt die Bayern-Rundfahrt, Gerald Ciolek eine Etappe der Vuelta und Fabian Wegmann das deutsche Eintagesrennen Eschborn-Frankfurt City Loop. »Das ist eindeutig zu wenig. Mit dieser Mannschaft, mit dieser Qualität müssen auch 25 Siege drin sein«, klagt van Gerwen damals.
Als Konsequenz leitet er den nächsten Umbruch ein. Er degradiert den erfahrenen Ex-Profi Henn und setzt Ralf Grabsch als neuen Sportchef ein, der bis Ende 2008 noch selbst für Milram im Sattel saß. »Eins ist klar: So machen wir nicht weiter. Vielleicht waren wir zu demokratisch, zu menschlich. Die Zügel werden angezogen. Wir fahren nicht mehr Rennen, nur um Rennen zu fahren, sondern um Leistung zu bringen«, begründet der Niederländer die Entscheidung. Auch fast neun Jahre später ist Gerry van Gerwen überzeugt, dass dieser Schritt richtig war. Henn sei kein schlechter Kerl gewesen, offen für Argumente, aber er habe immer den Vergleich zu Gerolsteiner gezogen. »Und ich wollte das Team gerne zu einer modernen Mannschaft transformieren«, sagt van Gerwen. »Am Ende des Tages muss einfach gearbeitet und Rad gefahren und auch ziemlich gut Rad gefahren werden. Nur reden und dann keine Ergebnisse, das war natürlich nicht so gut.«
Henns Degradierung kommt für alle überraschend. Es ist die einsame Entscheidung des Chefs und die sorgt für neue Unruhe. Jochen Hahn glaubt, van Gerwen sei angesichts der unsicheren Zukunft der Mannschaft sehr nervös gewesen. Deshalb habe er starken Einfluss genommen auf die sportliche Ausrichtung, selbst auf taktische Belange bei einzelnen Rennen, egal, wer auf dem Papier als Sportlicher Leiter gestanden habe. »Das war eines der Probleme des Teams Milram 2009 und 2010, dass die Sportliche Leitung an der kurzen Leine gehalten wurde«, meint Hahn.
Normalerweise bestimmen die Sportlichen Leiter die Strategie und Taktik für die Rennen. Der Teammanager ist für das große Ganze zuständig, die Verträge mit den Sponsoren und den Fahrern, die Organisation des Unternehmens. Doch bei Milram, so schildert es Jochen Hahn, habe sich der Chef auch um die sportliche Ausrichtung bei den Rennen gekümmert: »De facto war er der erste Sportliche Leiter. Er hat es gut gemeint, aber ich glaube nicht, dass das hilfreich war.«
Gerry van Gerwen findet dagegen, er habe sich nicht genug einbringen können, weil er ständig mit anderen Problemen beschäftigt gewesen sei. Unter dem Strich sind die Kompetenzen nicht klar abgesteckt. Zwar lässt van Gerwen durchaus Kritik zu, aber er behält sich als Teamchef immer das letzte Wort vor. Das gilt auch bei der Verpflichtung von neuen Fahrern. Wobei sich die Beteiligten auch Jahre später nicht einig sind, wessen Idee es gewesen ist, Dominik Nerz für die Saison 2010 ins Team zu holen. Während Jochen Hahn der Meinung ist, die Verpflichtung sei definitiv auf van Gerwens Initiative erfolgt, glaubt der Niederländer, dass es eher Hahns Vorschlag gewesen sei, Nerz unter Vertrag zu nehmen. Fest steht nur, dass sich die Probleme des Teams Milram in dessen Debütsaison als Profi zuspitzen. »Das Team war noch nicht gewachsen und im zweiten Jahr war dann nicht klar, ob es weitergeht«, sagt Fabian Wegmann.
Es ist ein Spiel. Immer wieder schiebt der Nebenmann bei der gemeinsamen Trainingsausfahrt des Teams seinen Lenker ein Stück nach vorne. Es geht immer noch ein bisschen schneller, soll das heißen. »Stecken« nennen die Radprofis das und es soll dem Neuling schon gleich im ersten Trainingslager auf Mallorca signalisieren, wo er steht: am unteren Ende der Hackordnung. »Dieses Spielchen haben sie hin und wieder mit mir getrieben«, erzählt Nerz. »Es war damals normal, dass man einen Neo-Profi halt mal ›tot‹ gefahren hat, damit der wusste, wo er hingehört.« Dominik Nerz fügt sich. Er ist ein aufmerksamer Beobachter, er will nicht anecken, zeigt Respekt vor den erfahrenen Kollegen. Er ist überhaupt ein freundlicher junger Mann, der gerne mit allen auskommen möchte. Und weil er die Hierarchie akzeptiert, wird er gut aufgenommen von den erfahrenen Fahrern im Team. Ältere Profis wie Fabian Wegmann oder der ebenfalls von Gerolsteiner gekommene Johannes Fröhlinger nehmen sich seiner an. Das Hotelzimmer im Trainingslager teilt Nerz mit Servais Knaven. Der Niederländer, 2001 Sieger beim Klassiker Paris–Roubaix, ist ein alter Haudegen, der dem jungen Deutschen mit Rat und Tat beiseite steht, damit er sich in die Abläufe einfindet.
Sein neues Leben als Radprofi zieht Dominik Nerz in den Bann. Es werden ihm nun Dinge abgenommen, die er vorher selbst hat organisieren müssen. Angefangen beim Transfer vom Flughafen ins Hotel, das zudem einen höheren Standard hat als die, in denen er bisher untergebracht war. Das gefällt ihm. Im Speisesaal des Hotels steht eine »Foodbox«, die neben den Produkten des Teamsponsors verschiedene Müslis und andere Nahrungsmittel enthält. Doch vor allem sportlich ist der Sprung von der U23 in die ProTour gewaltig. Er ist erst 20 Jahre alt und nur zwei Jahre in der U23 gefahren, das macht sich bemerkbar. Schon im ersten Trainingslager auf Mallorca bekommt er das zu spüren. Das Grundtempo ist deutlich höher. »Ich musste teilweise früher abdrehen, weil ich einfach dieses konstant hohe Tempo nicht gewohnt war«, erinnert sich Nerz. Doch der Neo-Profi lernt schnell. »Das Gefühl, boah, das pack ich nicht, gab es bei Milram nie«, sagt er. »Bei Milram war ich immer motiviert für die neue Herausforderung. Natürlich habe ich gemerkt: Du musst jetzt was tun. Du musst erst mal auf das Niveau kommen, musst erst mal schauen, dass du beim Training gut mitkommst, und dann, wie es bei den Rennen geht.«
Auf Mallorca wird auch das Rennprogramm für die Saison besprochen. Die meisten Rennen, die die Sportliche Leitung für ihn ausgesucht hat, sagen ihm nichts. »Ich wusste null komma null, auf was ich mich da einlasse. Die haben gesagt, das ist ein super Rennprogramm für dich, das passt. Mir ist nur aufgefallen, dass das ungefähr drei Mal so viele Rennen waren wie im Jahr davor. Aber ich war ja jetzt auch Profi.«
Seinen ersten Einsatz hat Dominik Nerz im Februar bei der Trofeo Palma de Mallorca, einem Kriterium der fünftägigen Rennserie Mallorca Challenge. Es ist ein harmloser Auftakt. Viele seiner alten Kollegen aus dem U23-Bereich sind dort auch am Start. Aber Nerz steht dort jetzt im Trikot eines Profi-Teams und denkt: »Geil, jetzt geht meine Karriere los.« Weil er an einem Mageninfekt erkrankt, kann er die weiteren Rennen auf der Ferieninsel nicht bestreiten. Danach wird Nerz von Milram zur Murcia-Rundfahrt, zur Katalonien-Rundfahrt und zur Baskenland-Rundfahrt geschickt. Zwischendurch bestreitet er noch das spanische Eintagesrennen Grand Prix Induráin. 19 Renntage und fast 2.800 Rennkilometer in einem Monat. »Das waren schon sehr heftige Wochen«, sagt Nerz damals der Branchenpostille Radsport, die vom Bund Deutscher Radfahrer herausgegeben wird. Das Team stellt ihm für die Rennen jedoch Aufgaben, die ihn nicht überfordern. Mal muss er Flaschen holen, mal ein bisschen vorne im Wind Tempo machen, mal in einer Ausreißergruppe dabei sein. Nerz deutet in diesen Wochen an, dass er durchaus mithalten kann bei den Profis. Für einen 20-Jährigen zeigt er erstaunliche Leistungen. Schon bei der Murcia-Rundfahrt zählt er auf der dritten Etappe beim Tagessieg seines Teamkollegen Luke Roberts zu dessen wichtigsten Helfern. »Dominik fährt hier eine starke Woche und hat sich sehr gut in das Team integriert«, lobt ihn der neue Sportchef Ralf Grabsch. »Erst kurz vor dem Gipfel musste er abreißen lassen. Das war eine ganz stolze Leistung auf dieser Königsetappe.« Auch bei der Katalonien-Rundfahrt sorgt er mit einem vierten Platz im Prolog für Aufsehen. Vor ihm liegen nur sein Mannschaftskollege und Tagessieger Paul Voss sowie der Amerikaner Levi Leipheimer und Andreas Klöden, der Gesamtzweite der Tour de France von 2004 und 2006, den Dominik Nerz als Kind bei den Spielen mit seinen Radkumpels aus Wangen darstellen musste. »Ab da dachte ich: ›Jetzt ist es geschafft, jetzt ist der Nerzi angekommen bei den Profis, jetzt gewinnt er Radrennen.‹«
Ganz so einfach ist die Sache dann doch nicht. Denn während die meisten Topfahrer bei Regen kein Risiko im Zeitfahren eingegangen sind, ist Nerz unbekümmert drauflosgefahren. In den Bergen hat er dagegen Mühe mitzuhalten. Doch eine Woche später bei der Baskenland-Rundfahrt, einem durchaus anspruchsvollen Etappenrennen über sechs Tage, ist Nerz dann als 26. der Gesamtwertung bestplatzierter Milram-Fahrer. Er gewinnt zudem das Trikot des besten Nachwuchsfahrers. Die guten Leistungen werden durchaus registriert. Dominik Nerz merkt, dass die erfahrenen Kollegen auf ihn aufmerksam werden, wissen wollen, wer dieser junge Deutsche ist. Selbst Spitzenfahrer wie der damals noch nicht gesperrte Lance Armstrong oder Andreas Klöden, die er voller Respekt betrachtet, interessieren sich auf einmal für ihn, beglückwünschen ihn zu seinen Leistungen.
Nur Dominik Nerz selbst ist nicht zufrieden. Sein Ehrgeiz ist größer. Wie schon in seiner Zeit als Schüler, als ihn seine Trainer immer wieder bremsen mussten. Nerz erwartet von sich Top-Platzierungen unter den ersten fünf oder zehn. Das ist vermessen für einen noch sehr jungen Neuling im Profigeschäft. Heute weiß er das, damals nicht. »Ich konnte das gar nicht einschätzen. Ein 26. Platz war für mich nichts, was man an die große Glocke hängen muss«, sagt er. Damals klagt er seinem Manager Christian Baumer am Telefon sein Leid. Baumer versichert ihm, so schildert es Nerz, dass er sich auf einem sehr guten Weg befindet. Sein Manager habe ihm gesagt, mit einem 26. Platz bei der Baskenland-Rundfahrt müsse er sich um seine Zukunft keine Sorgen machen.
Die Mischung aus Ehrgeiz gepaart mit Selbstzweifeln ist nicht ungewöhnlich, aber bei Nerz sind die Zweifel besonders stark ausgeprägt. Das fällt auch seinem Sportlichen Leiter beim Team Milram auf. »Er hat die Sache sehr ernst genommen, was einerseits sehr schön, andererseits immer so ein bisschen eine Gefahr ist, wenn man sich zu sehr reinsteigert«, erklärt Jochen Hahn. »Das war schon im Trainingslager an zwei, drei Stellen zu spüren. Wenn es mal nicht so lief, hat er mächtig angefangen zu zweifeln. Da habe ich schon gesehen, er zieht sich selbst runter, wenn es nicht läuft. Das ist keine gute Eigenschaft. Mir war klar, diese Gefahr wird ihn die ganze Karriere begleiten.« Hahn behauptet, er hätte es aus diesem Grund schon damals für besser gehalten, wenn Nerz noch ein, zwei Jahre in der U23 geblieben wäre, »um erst einmal erwachsen zu werden, bevor man Erwachsenensport betreibt«. Doch beim Milram Continental Team, für das Nerz vor seinem Wechsel zu den Profis fuhr, existierte ebenfalls nicht die Struktur, um ihm die notwendige Unterstützung zu geben. »Ich glaube, da hat er fast nie Hilfe gehabt«, sagt Hahn. »Im Profisport ist es dann normal, dass einem keiner mehr hilft. Entweder man kann’s oder man kann’s nicht.«
Nerz ist in seinem ersten Profijahr tatsächlich komplett auf sich alleine gestellt. Offiziell ist Jochen Hahn bei Milram für die Betreuung der Nachwuchsfahrer zuständig. Doch die Zusammenarbeit bleibt oberflächlich, eine gezielte Trainingsplanung findet nicht statt. »Milram hat mir keine fixen Ziele gegeben. Sie haben gesagt, da und da wollen wir dich topfit haben«, erzählt Nerz. Zwar habe sich Hahn zu Beginn des Jahres noch um sein Training gekümmert, das sei im Laufe der Saison allerdings immer weniger geworden. Zum ersten Mal benutzt Dominik Nerz während dieser Zeit ein SRM-System, das Leistungsdaten, Tritt- und Herzfrequenz aufzeichnet. Damit kann man das Training gezielt steuern. Das System ist damals schon Standard im Radsport, aber Nerz kann mit den Daten nichts anfangen, geschweige denn sie auswerten. Auch beim Team interessiert sich niemand dafür. Jochen Hahn sagt, für die Trainingspläne sei ja eigentlich noch Hartmut Täumler zuständig gewesen. Täumler dagegen erzählt, dass die Saison bei Milram das Jahr gewesen sei, in dem er den geringsten Kontakt zu Nerz gehabt hätte. Hahn habe sich auch nicht bei ihm nach seinem Schützling erkundigt. »Für Jochen Hahn gab es eigentlich nur zwei Rennfahrer, für die er gearbeitet hat. Das waren Ciolek und Gerdemann. Auf die hat er sich fokussiert. Alles andere war ihm egal«, glaubt Täumler.
Dominik Nerz stört es nicht, dass er quasi ohne System trainiert. Im Gegenteil, er genießt die Freiheit. Er hat es bis in die ProTour geschafft, weil er seinen Instinkten vertraut hat. Er hat intuitiv gewusst, was notwendig ist, und ist bis hierhin gut damit gefahren. Auch weil er das entsprechende Talent und den nötigen Ehrgeiz mitbringt. Sein Training gestaltet er selbst. Er weiß aus seiner Jugend, dass man im Winter lange, ruhige Einheiten trainiert, dass man später Intervalle einbauen muss. Aber eine gezielte Struktur, bei der die Trainingseinheiten aufeinander aufbauen, kennt er nicht. Sie wird auch nicht verlangt. Wenn er das Gefühl hat, er muss intensiv trainieren, radelt er zu seinem Heimatberg im Allgäu und fährt dort bis oben hin am Anschlag. »Danach war ich komplett erledigt und bin heim«, sagt er. Professionell und zielgerichtet ist das alles nicht. Im Grunde habe er machen können, was er will, sagt Nerz. »Bei Milram hatte ich, sportlich gesehen, die allerbeste Zeit, weil ich mich komplett frei entwickeln durfte. Da war keiner, der mir auf die Finger geklopft hat und gesagt hat: ›Mach komplett alles anders, weil du jetzt Profi bist.‹«
Es ist verständlich, wenn Dominik Nerz rückblickend glaubt, dass seine Karriere anders verlaufen wäre, wenn er noch ein Jahr länger bei Milram hätte fahren können. »Für mich hätte es damals nicht besser laufen können. Ich hatte Spaß an dem, was ich tue. Und ich bin mir sicher, die hätten mich genauso weitermachen lassen, weil ich mich schnell entwickelt habe. Körperlich wie auch geistig«, meint Nerz. »Das hätte mir wahrscheinlich sehr, sehr gut getan.« Man kann aber auch der Ansicht sein, dass der Mangel an professioneller Begleitung beim Team Milram letztlich bedeutet, dass er später, als er sich in einem fremden Umfeld bewegen muss, nichts hat, auf dem er aufbauen kann. Sein langjähriger Trainer sieht das so. »Natürlich konnte er sich bei Milram frei entwickeln, weil sich niemand um ihn gekümmert hat«, sagt Hartmut Täumler. »Das kann man positiv sehen. Schön, wenn er das so sieht. Aber am Ende hat es ihm nicht viel gebracht. Denn so weit war er wirklich noch nicht, dass man hätte sagen können: ›Er kann sich da frei entwickeln.‹ Auf welchen Erfahrungswerten denn? Er kommt aus einem Continental-Team und ist das erste Mal in einem Profiteam. Da hat er doch gar keine Ahnung, wie er sich wohin entwickeln muss. Das kreide ich dem Team an, dass da keine richtige Nachwuchsarbeit gemacht wurde, weil die Fixierung auf bestimmte Leute bestanden hat.«
Nicht einmal Dominik Nerz bestreitet in der Rückschau, dass die Strukturen bei Milram alles andere als professionell waren. »Im Nachhinein sage ich, so kannst du kein WorldTour-Team leiten«, stellt er fest. Dass sich niemand mehr wirklich darum schert, was im und um das Team herum passiert, hängt damit zusammen, dass allen Beteiligten sehr schnell klar wird, dass die Mannschaft keine Zukunft mehr hat. Jochen Hahn sagt, er habe eigentlich schon nach der Teampräsentation im Januar keine Hoffnung mehr gehabt, dass die Mannschaft 2011 noch bestehen werde.
Nicht alle bewerten die Lage schon zu Beginn des Jahres so pessimistisch. Doch es dauert nicht lange, da beginnen die meisten Mitarbeiter des Teams daran zu zweifeln, dass es ihrem Chef Gerry van Gerwen gelingen wird, einen neuen Geldgeber aufzutreiben. »Anfang der Saison waren alle noch optimistisch, aber spätestens Mitte des Jahres war klar, dass es nicht weitergeht«, erinnert sich der ehemalige Milram-Profi Fabian Wegmann, der mit seinem verschmitzten Gesicht und der blonden Lausbubenfrisur auch heute noch einen jungenhaften Charme ausstrahlt, der so schnell nicht zu erschüttern ist. Zu dem Gespräch in einem Café in Münster ist er auf einem Hollandrad gekommen. »Die Fahrer haben dann versucht, ihre eigene Zukunft zu sichern und an sich selbst zu denken«, erzählt Wegmann. Gleiches gilt auch für die Sportlichen Leiter, die sich ebenfalls mehr mit ihrer beruflichen Zukunft beschäftigen als mit den Fragen des Hier und Jetzt bei Milram.
Die Auflösungserscheinungen spiegeln sich auch in den sportlichen Ergebnissen wider. Offiziell sind es diesmal elf Saisonsiege, wobei dazu auch die beiden nationalen Meistertitel von Christian Knees in Deutschland und Niki Terpstra in den Niederlanden zählen. Die beiden Hoffnungsträger Linus Gerdemann und Gerald Ciolek bleiben dagegen erneut hinter den Erwartungen zurück. Ciolek siegt bei einer Etappe der Bayern-Rundfahrt. Gerdemann gewinnt zum Saisonauftakt ein Rennen der Mallorca Challenge, später gelingt ihm noch ein prestigeträchtiger Etappensieg bei der italienischen Rundfahrt Tirreno–Adriatico. Meistens jedoch fahren die Fahrer in den Trikots mit den blau-weißen Kuhflecken hinterher. Ein »liebenswerter Verlierer« sei das Team gewesen, schreibt Cycle Sport in seinem Abgesang am Saisonende. Die Vorgabe von Teamchef Gerry van Gerwen hatte zu Beginn des Jahres wieder 25 Siege gelautet. Aber diesmal ahnt auch er, dass seine Mannschaft keine Chance hat, diesem Ziel auch nur nahe zu kommen. »Wenn die Rennfahrer wissen, die Mannschaft hört auf, läuft das immer mehr auseinander«, muss van Gerwen rückblickend eingestehen.
Anders als sein Personal strahlt der Teamchef gerade in der ersten Jahreshälfte noch den gewohnt großen Optimismus aus. Und es ist nicht nur Zweckoptimismus. »Ich hatte immer Kontakte rechts und links, und kurz vor der Tour de France 2010 hat es tatsächlich so ausgesehen, als hätten wir einen neuen Sponsor. Es gab sogar schon den Prototyp des neuen Trikots«, erzählt van Gerwen. Es ist eine deutsche Firma, die bereit ist, in seine Mannschaft zu investieren. Doch am Ende fehlen knapp drei Millionen Euro, weil die Weltwirtschaftskrise zu diesem Zeitpunkt auch in Deutschland angekommen ist. Der Versuch, Milram noch als Co-Sponsor für diese Summe zu gewinnen, scheitert ebenfalls.
Damit ist das Team Geschichte. Am zweiten Ruhetag der Tour de France 2010 verkündet Gerry van Gerwen offiziell das Aus seiner Mannschaft zum Saisonende. Der Rest ist Mangelverwaltung. »Am Ende musst du froh sein, wenn noch acht Fahrer kommen, wenn du sagst, wir haben noch ein Rennen. Das ist furchtbar«, klagt van Gerwen. Es bleibt nicht die einzige Enttäuschung.
V
GRAUZONE
Am 16. August 2010 klingeln die Dopingfahnder bei Roy Sentjens. Eine Trainingskontrolle. Der 29 Jahre alte Belgier steht seit Beginn der Saison beim Team Milram unter Vertrag. Er gilt als Spezialist für die schweren Frühjahrsklassiker. In der Saison 2003 hat er den Halbklassiker Kuurne–Brüssel–Kuurne gewonnen, danach aber die Erwartungen auf weitere Erfolge nicht erfüllen können. Auch bei Milram bleibt Sentjens unauffällig. Seine beste Platzierung ist ein achter Rang bei den Dutch Food Valley Classics, einem unbedeutenden Eintagesrennen in den Niederlanden. »Meine Saison war ein Desaster«, wird Sentjens später auf seiner Homepage erklären. »Ich habe alles getan, konnte die Erwartungen aber nicht erfüllen. Ich konnte nicht mehr schlafen, weil ich ständig überlegt habe, wie ich mich verbessern kann. Ich habe alles getan. Aber auch das hat nicht geholfen, und ich bin depressiv geworden.« Auch für ihn geht es, da sich das Team Milram auflöst, um einen neuen Vertrag für die kommende Saison. Deshalb habe er beschlossen zu dopen. In einer Apotheke in Barcelona, so schildert es Sentjens später, kauft er Erythropoetin, kurz EPO. Das Mittel erhöht den Anteil der roten Blutkörperchen und verbessert damit die Sauerstoffzufuhr in die Muskulatur. Darum ist es vor allem in Ausdauersportarten ein beliebtes Dopingpräparat. Bei Dopingkontrollen nachweisbar ist es seit dem Jahr 2000.
Als die Kontrolleure kommen, ahnt Roy Sentjens schon, dass die Sache nicht gut ausgehen wird für ihn. Die A-Probe ist positiv. Doch Sentjens folgt zunächst jenem Reflex, der fast alle dopenden Athleten erfasst, wenn sie von einem positiven Test erfahren. Als sein Teamchef Gerry van Gerwen ihn anruft, streitet er ab, leugnet, kann sich den Test nicht erklären. Van Gerwen schlägt vor, den von ihm für solche Fälle verpflichteten Anti-Doping-Experten Rasmus Damsgaard mit einer teaminternen Analyse zu beauftragen. Sollte der Däne feststellen, dass der Belgier nicht positiv ist, werde das Team alles tun, um Sentjens zu verteidigen. Sollte Damsgaards Test jedoch das Ergebnis der Dopingkontrolle bestätigen, müsse der Radprofi die Kosten selber tragen. »Später hat er mich dann zurückgerufen und gesagt: ›Ich habe es getan‹«, erzählt van Gerwen. Sentjens gibt kurz danach auch öffentlich zu, mit EPO gedopt zu haben. In seiner Begründung spricht er von seiner desolaten Saison, privaten Problemen, den Folgen einer Nervenerkrankung, unter der er seit Jahren leide, die seine Leistungen beeinträchtige, die er aber immer verheimlicht habe. Auf die Öffnung der B-Probe verzichtet er. Alle diese persönlichen Erklärungen können seinen ehemaligen Boss nicht beruhigen. Gerry van Gerwen ist heute noch empört, wenn er sich an den Fall erinnert: »Das hat mir wehgetan. Ich habe niemals verstanden, warum er das gemacht hat«, sagt van Gerwen. »Das war ein Schlag ins Gesicht. Wir haben so hart gearbeitet, um die Mannschaft zu retten. So eine Dummheit.«
Dabei hat der Fall auf den Fortbestand des Teams keine Auswirkung. Das Ende steht schon fest, als der positive Test Anfang September bekannt wird. Die Teamkollegen sind vorab per E-Mail informiert worden. Auch Dominik Nerz bekommt diese Mail, die ihn mit den dunklen Realitäten des Profigeschäfts konfrontiert. »Das war für mich ein richtiger Schlag«, sagt er. »Ich kannte ihn, ich fand ihn supersympathisch, ein meganetter Kerl. Ich konnte nicht fassen, dass so jemand dopt. Das war eine Frechheit für mich.«
Vier Wochen zuvor haben Nerz und Sentjens gemeinsam die Polen-Rundfahrt bestritten. Der Belgier ist von der Statur her ein typischer Klassikerspezialist: Er ist 1,90 Meter groß und wiegt 75 Kilogramm. Keiner, der von Natur aus gut die Berge hochkommt. Anders als sein zehn Zentimeter kleinerer und ein paar Kilo leichterer Kollege aus Deutschland. Dennoch klettert Sentjens auf dem elf Kilometer langen Schlussanstieg der fünften Etappe so stark, dass auch Nerz sich wundert. »Ich bin fast vom Glauben abgefallen, als der Typ an mir vorbeikam«, erinnert er sich. »Wir haben ihn nachher wieder eingeholt, aber er kam mit einem Bumms an mir vorbeigeflogen, dass ich gedacht habe: ›Alter, wo kommt denn das jetzt her? Entweder hast du einen Scheißtag oder er hat einen super Tag.‹ Dass da irgendwas getrickst sein könnte, daran habe ich nicht gedacht.«
Nerz beendet die Etappe an diesem Tag als bester Fahrer seines Teams auf Rang 22 mit 1:18 Minute Rückstand auf den Etappensieger Daniel Martin aus Irland. Roy Sentjens ist nur eine knappe halbe Minute langsamer als Nerz. Eine erstaunliche Leistung, über die innerhalb des Teams aber kein Wort verloren wird. »Komischerweise hat keiner was gesagt. Ich glaube, weil die anderen wohl wussten, was Sache ist. Da sagt man dann auch nichts über seinen Teamkollegen«, meint Dominik Nerz. Auch als der Fall öffentlich wird, ist das kein Thema innerhalb der Mannschaft. »Das hat keinen groß interessiert«, sagt Nerz. Für die Öffentlichkeit bestätigt der positive Test eines eher kleinen Lichts der Branche nur das schon bestehende, grob gezeichnete Bild: Der Radsport ist ein hoffnungsloser Fall. Es wird flächendeckend gedopt.
Der Griff in den Medizinschrank hat im Radsport eine lange Tradition, die viel mit den Anforderungen zu tun hat, die an die vermeintlichen »Helden der Landstraße« gestellt werden. Die Tour de France etwa, bei der heute binnen drei Wochen rund dreieinhalbtausend Kilometer zurückgelegt werden, erreichte in ihrer Anfangszeit auch schon mal Streckenlängen von fünfeinhalbtausend Kilometern. Einzelne Etappen waren fast 500 Kilometer lang. Radsport ist schon immer eine Tortur gewesen und die Profis sind womöglich doch eher »Strafgefangene der Landstraße«, wie der französische Journalist Albert Londres sie 1924 in einer Reportage für die Zeitung Le Petit Parisien bezeichnet, und keine Helden. Den Qualen versuchen die Berufs-Radfahrer schon immer auch mit pharmazeutischer Hilfe zu begegnen, um die Schmerzen erträglicher zu machen. Londres dokumentiert das ebenfalls. Die Szene, die sich am 24. Juni 1924 im Städtchen Coutances in der Normandie abgespielt hat, gehört inzwischen genauso zum festen Bestandteil der Radsport-Geschichte wie der Gabelbruch von Eugène Christophe am Tourmalet oder die Siege von Anquetil, Merckx, Hinault und Induráin. Im Café de la Gare in Coutances sitzen an jenem Tag die Brüder Henri und Francis Pélissier sowie ihr Teamkollege Maurice Ville. Henri Pélissier hat die Tour im Jahr zuvor gewonnen, doch nun haben er und seine beiden Mitstreiter die Rundfahrt aus Protest gegen die unmenschlichen Bedingungen und die Schikanen der Rennleitung beendet. »Wir sind keine Hunde«, sagt Pélissier. »Sie haben ja keine Vorstellung davon, was die Tour de France ist, sie ist ein Leidensweg. […] Wollen Sie sehen, womit wir fahren?« Er zieht aus seiner Trikottasche diverse Ampullen. »Das ist Kokain für die Augen, und dies hier ist Chloroform für das Zahnfleisch. […] Dürfen es auch ein paar Pillen sein? Wir fahren mit Dynamit!«
Mit Hilfe der Brüder Pélissier enthüllt Albert Londres seinen Lesern die Kehrseite des Leidens, das das Publikum so fasziniert am Radsport. Doping ist damals allerdings noch gar nicht verboten. Geschweige denn, dass Kontrollen durchgeführt werden. Im Gegenteil, es gibt sogar eine gewisse Akzeptanz des Drogenmissbrauchs. Erst in den 1960er Jahren beginnen der Sport und die Öffentlichkeit, Doping als ein Problem zu begreifen. Der Tod des dänischen Radsportlers Knud Enemark Jensen, der bei den Olympischen Spielen 1960 während des Mannschaftszeitfahrens über 100 Kilometer unter dem Einfluss von Amphetaminen und anderen Medikamenten kollabiert, stürzt und einen Tag später an den Folgen eines dadurch verursachten Schädelbruchs stirbt, zwingt das Internationale Olympische Komitee, sich des Themas anzunehmen. Frankreich erlässt 1965 ein erstes Anti-Doping-Gesetz. Bei der Tour de France werden ein Jahr später erstmals Dopingkontrollen durchgeführt. Wie notwendig es ist, den Drogenmissbrauch im Peloton zu kontrollieren, zeigt sich am 13. Juli 1967, einem brüllend heißen Tag. Auf der 13. Etappe der Tour de France stirbt der Brite Tom Simpson am Mont Ventoux. Auch er hat Amphetamine geschluckt. »Wenn dich zehn Pillen umbringen, gebt mir neun«, soll er mal gesagt haben. Auch wenn sein Tod nicht alleine auf die damals bei den Radprofis sehr beliebten Aufputschmittel und Alkohol in seinem Blut zurückzuführen ist, sondern genauso auch auf die enorme Hitze und Dehydrierung, gilt Simpson fortan als das erste Doping-Todesopfer in der Geschichte der Tour.
Dass Amphetamine danach im Radsport zunehmend weniger eine Rolle spielen, ist allerdings kaum der Einsicht in die damit verbundenen Gefahren geschuldet. Vielmehr greift man auf neue Mittel zurück, die die Leistungsfähigkeit deutlicher steigern: anabole Steroide, Kortikoide und ab Mitte der neunziger Jahre vor allem EPO. Letzterem wird ein Leistungszuwachs von bis zu zehn Prozent zugesprochen. EPO, eigentlich für die Behandlungen von Dialysepatienten bei Blutarmut gedacht, ist für nahezu alle Sportarten ein Wundermittel. Im Radsport fliegen damit nun plötzlich auch die schweren Sprinter und Klassikerfahrer den Berg hinauf. Wer nicht von vornherein abgehängt werden will, muss mitmachen. Immer mehr Radprofis sitzen in der »Dopingfalle«, wie die Sportsoziologen Karl-Heinrich Bette und Uwe Schimank es nennen: Sie haben nur noch die Wahl zwischen Aufhören und Dopen.
Nur sehr wenige Radprofis entscheiden sich weder für das eine noch für das andere. Der Betrug wird im Radsport zum System. Spätestens der Festina-Skandal von 1998, ausgelöst durch die Festnahme von Willy Voet, einem Pfleger des französischen Festina-Teams, an der belgisch-französischen Grenze macht das deutlich. Der Belgier ist auf dem Weg zur Tour. In seinem Wagen finden die Zöllner jede Menge Medikamente – 236 Ampullen EPO, 82 Packungen mit Wachstumshormonen, Testosteron-Präparate, Amphetamine, Kortikoide. Während der Tour kommt es zu Razzien der Polizei in Teamhotels und weiteren Verhaftungen. Die Radprofis treten in Streik, weil sie sich wie Schwerverbrecher behandelt fühlen. Die Rundfahrt steht kurz vor dem Abbruch. Der Festina-Skandal offenbart, dass Doping im Radsport nicht mehr bedeutet, dass sich Fahrer ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit ein paar Pillen einwerfen, um sich aufzuputschen. Es handelt sich längst um systematischen Betrug. Organisiert von den Teams unter Aufsicht der Mannschaftsärzte.
Der Radsport-Weltverband UCI hat trotz des Festina-Skandals zunächst nur wenig Interesse, dem Dopingproblem entschieden entgegenzutreten. Während der internationale Sport und die Politik sich danach an die Gründung der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) machen, ändert die Affäre im Radsport nichts. Der WADA tritt die UCI als einer der letzten Sportverbände erst 2004 bei. Die vermeintliche »Tour der Erneuerung« 1999 und die sechs Ausgaben danach gewinnt der vom Krebs genesene Lance Armstrong, dem die US-Anti-Doping-Agentur 2012 das »ausgeklügeltste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm, das der Sport je gesehen hat«, nachweist. Seine sieben Toursiege werden Armstrong aberkannt, nachdem er zuvor über Jahre hinweg vom Weltverband geschützt und bevorzugt worden ist. »Die Führung der UCI wusste nicht zu differenzieren zwischen Lance Armstrong, dem Helden, siebenmaligen Gewinner der Tour, Krebsüberlebenden, dem finanziell und medial Erfolgreichen, dem Vorbild für Tausende Fans, und Lance Armstrong, dem Radsportler, einem Mitglied des Pelotons mit denselben Rechten und Pflichten wie jeder andere Radprofi«, heißt es im 2015 veröffentlichten Bericht der unabhängigen Kommission zum Doping im Radsport (CIRC), den die UCI-Führung zwei Jahre zuvor in Auftrag gegeben hat.
Der Radsport hat da schon diverse weitere Skandale hinter sich, die seine Glaubwürdigkeit endgültig zerstört haben. Allen voran die Affäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes, der jahrelang Sportler mit Eigenbluttransfusionen versorgt hat. Eine Methode, die sich, seitdem EPO nachweisbar ist, zunehmender Beliebtheit erfreut. Ermittlungen der spanischen Polizei führen dazu, dass Fuentes’ Doping-Serviceleistungen 2006 auffliegen. Zu seinen Kunden gehören zahlreiche Top-Radprofis wie etwa Jan Ullrich.
Dominik Nerz sagt, als Juniorenfahrer habe er davon damals nur wenig mitbekommen, obwohl der Skandal wochenlang in den Medien ist. Die Auswirkungen des Skandals bekommt er aber zu spüren, als er seinen ersten Profivertrag bei Milram unterschreibt, der umfangreiche Bestimmungen zum Thema Doping umfasst. »Was die Fahrer da unterschreiben mussten, war fast ein Buch«, erinnert sich Teamchef Gerry von Gerwen. »Es gab eine Vereinbarung mit uns, mit der UCI, jeder hatte sein eigenes Ding, das unterschrieben werden musste. Wir haben das gebündelt in einem Buch.« Der Fuentes-Skandal und die darauf folgenden weiteren Doping-Enthüllungen haben weit größere Folgen für den Radsport als die Festina-Affäre. Die UCI hat nun keine andere Chance mehr, als den Kampf gegen Doping ernsthafter anzugehen. Im Jahr 2008 führt sie als einer der ersten internationalen Sportverbände den biologischen Pass für ihre Athleten ein. Dabei wird von jedem Radprofi ein Blutprofil erstellt, um so etwaige Unregelmäßigkeiten zu erkennen, die entweder eine Sperre nach sich ziehen oder aber gezielte Dopingkontrollen ermöglichen. In den ersten drei Jahren nach Einführung des biologischen Passes seien 26 Fahrer positiv auf EPO getestet worden, davor lediglich drei, heißt es im CIRC-Report. In 20 dieser Fälle seien gezielte Kontrollen nach Auffälligkeiten in den Blutprofilen der Radprofis erfolgreich gewesen.
Anti-Doping-Experten wie der ARD-Journalist Hajo Seppelt, lange einer der schärfsten Kritiker des Radsports, bescheinigen der UCI deshalb heute eine führende Rolle im Anti-Doping-Kampf. Als Dominik Nerz 2010 sein erstes Jahr als Profi bestreitet, befindet sich dieser Kampf jedoch erst in den Anfängen. Das Thema Doping habe ihn bis dahin gar nicht interessiert, sagt Nerz. Im Nachhinein bezichtigt er sich selbst einer gewissen Naivität. Obwohl auch er die vielen Skandale mitbekommt. »Natürlich kam in den letzten U23-Jahren das Thema Doping immer wieder mal auf, aber da habe ich immer gesagt: ›Leute, wenn ich es aus der U23 nicht aus eigener Kraft schaffe, Profi zu werden, brauche ich es erst gar nicht werden, weil es bei den Profis nicht einfacher wird.‹« Seine Eltern beteuern, sie hätten sich keine Sorgen gemacht, dass Dominik zu illegalen Mitteln greifen könnte, wenn er das Radfahren professionell betreibt. Sie vertrauen ihrem Sohn. »Ich habe mich ein Stück weit darauf verlassen, dass der Dominik sich dann wehrt«, sagt seine Mutter Ulrike. Und auch Michael Nerz betont, dass er für seinen Sohn immer die Hand ins Feuer gelegt hätte, wenn es um das Thema Doping gegangen sei. Zudem habe Dominik wie auch John Degenkolb oder Marcel Kittel zu jener Generation junger Fahrer gehört, die ganz offensiv behaupten, dass sie ihren Beruf anders ausüben als ihre Vorgänger. Weniger sicher sind sich die Eltern allerdings bei der Frage, in was für ein Milieu ihr Sohn gerät, als er 2010 Profi wird. »Ich habe irgendwann Angst bekommen, dass ihm etwas untergeschoben wird«, sagt Ulrike Nerz. »Ich wusste, ich kann mich zu 100 Prozent auf ihn verlassen. Aber die Sorge, was dieses uneinschätzbare Umfeld macht, ist geblieben.«
Dominik Nerz beteuert, dass er niemals gedopt hat. Ihm sei auch niemals das Angebot gemacht und er sei nie aufgefordert worden zu dopen. Auch sei in keinem seiner Teams systematisches Doping betrieben worden. Aber natürlich ist der Radsport, genau wie andere Sportarten, auch nach all den Skandalen und der Einführung des Blutpasses keineswegs frei von Doping. Der Fall Sentjens am Ende seines ersten Profijahres ist für Nerz ein Augenöffner. Spätestens zu diesem Zeitpunkt legt er seine Naivität hinsichtlich des Themas ab. In diesem Moment sei er ein bisschen aufgewacht und habe gedacht: »Ich glaube, ich traue hier keinem mehr über den Weg.« Dieser Argwohn ist weit verbreitet im Peloton. Wann immer jemand mit einer ungewöhnlichen Leistung auffällt, beginnt das Gerede. Rückblickend ist Nerz der Meinung, dass die Doper ihm während seiner Karriere geschadet haben. Er ist überzeugt, dass er bei der Vuelta a España, wo er 2013 mit Platz 14 und ein Jahr später als 18. seine besten Ergebnisse als Rundfahrer erzielt, unter die Top zehn gefahren wäre, ohne jene Fahrer, die ihre Leistungsfähigkeit illegal manipulieren.
Der CIRC-Report kommt 2015 zu dem Schluss, von den Teams systematisch organisiertes Doping gebe es inzwischen nicht mehr. Stattdessen organisieren sich die dopenden Radsportler selbst ein System außerhalb ihrer Mannschaften. Auch Dominik Nerz macht während seiner Karriere eine Erfahrung, die darauf hindeutet. Als er einmal unvermittelt in das Hotelzimmer eines Teamkollegen tritt, kommt er dem Thema näher, als ihm lieb ist. Der Kollege ist nicht alleine im Zimmer. Bei ihm ist jemand, der, so schildert es Nerz, nicht zur Mannschaft gehört und der dem Fahrer eine Spritze verabreicht. »Mir ging es eine lange Zeit nicht gut damit, weil ich es nicht begreifen konnte. Bis zu dem Zeitpunkt ist das Thema Doping immer so mitgeschwungen, aber ich hatte es noch nie live gesehen«, sagt Nerz. »Es ist ja nichts Spektakuläres, aber trotzdem erst mal ein Schock. Ab da habe ich die Sache tatsächlich mit anderen Augen betrachtet. Ich habe gemerkt, es scheint immer noch ein größeres Thema zu sein, als ich mir eingestehen wollte.« Dem Kollegen versichert er hinterher, dass er nichts gesehen habe. Er beschließt, die Sache auf sich beruhen zu lassen und zu schweigen, weil er den anderen nicht verraten will. »Was hätte ich denn davon gehabt?«, fragt er. »Nichts.« Von da an aber traut Dominik Nerz selbst jenen Fahrern nicht mehr vorbehaltlos, die er gut zu kennen glaubt.
Dieses Misstrauen ist ein fester Bestandteil des Spitzensports. Sie würden ihr Häuschen nicht darauf verwetten, dass Fabian Cancellara immer ohne Doping ausgekommen sei, schreiben die beiden Schweizer Sportjournalisten Benjamin Steffen und Christof Gertsch in ihrer Biografie über den Schweizer Radprofi. Das scheint die richtige Strategie zu sein. Man sollte sein Eigenheim vermutlich für keinen ehemaligen oder aktiven Spitzensportler aufs Spiel setzen, egal aus welcher Sportart. Cancellara, der seine Karriere Ende 2016 beendet hat, war einer der besten Klassikerspezialisten in der Geschichte des Radsports und viermal Weltmeister im Einzelzeitfahren. Auch er betont, er sei während seiner Karriere stets ohne illegale Beschleunigung ausgekommen. Aber illegal ist eben nur das, was die Anti-Doping-Bestimmungen als illegal einstufen. Festgelegt wird das in der von der WADA herausgegebenen Liste der verbotenen Substanzen. Was dort nicht explizit genannt ist, ist erlaubt. Lange Zeit etwa galt auch Koffein als Doping, inzwischen nicht mehr. Und manchmal wird ein Medikament erst nach Jahren der Prüfung durch die WADA auf die Verbotsliste gesetzt. Wie etwa Meldonium. Ein Herzmedikament, das unter anderem der russischen Tennisspielerin Maria Scharapowa zum Verhängnis wird, weil sie das Mittel weiter nimmt, nachdem es von der WADA ab dem 1. Januar 2016 verboten worden ist. Es gibt daher eine Grauzone, in der sich auch nicht dopende Sportler bewegen, weil ihr Körper das Kapital bildet, auf dem ihr Erfolg beruht, und der deshalb stets in einen optimalen Zustand versetzt werden muss. »Selbstverständlich tut der Sportler alles, um besser zu werden«, wird Cancellara in besagter Biografie zitiert. »Und er geht eben auch im medizinischen Bereich so weit wie möglich. Er geht bis an die Grenze des Erlaubten. Nicht weiter.«
Dass Radprofis, wenn sie tatsächlich innerhalb der Grenze des Erlaubten bleiben, also nicht dopen wollen, dennoch in diese Grauzone vorstoßen, erfahren die Eltern von Dominik Nerz schon, bevor ihr Sohn seine Leidenschaft für das Radfahren endgültig zum Beruf macht. Als baden-württembergischer Landestrainer veranstaltet Hartmut Täumler Infoseminare für die Eltern seiner Sportler, die auf dem Sprung zu den Profis sind. Er macht ihnen klar, dass Profisport bedeutet, sich in einem Grenzbereich zu bewegen. »Wir wussten alle, dass in den Profiteams medizinisch gemacht wird, was geht. Bis an die Grenze des Machbaren«, sagt Täumler. Er macht den Eltern klar, dass Leistungssport per se nicht gesund ist. »Ihr Junge macht etwas total Ungesundes für seinen Körper«, erklärt Täumler ihnen. »Hier geht es um Maximalleistungen, das ist nicht mehr gesund. Von dieser Vorstellung müssen sie sich trennen.« Und was die Dopingproblematik betreffe, könne man nur hoffen, dass ihr Sohn ein Team finde, in dem Doping tabu sei. Aber sicher sein könne man sich nicht, ob alle der Versuchung widerstehen könnten, die Grenze zu überschreiten. »Das war schon ein Stück weit eine Schock-Veranstaltung«, erinnert sich Michael Nerz. »Seine Ansage war klar: ›No Doping‹. Das hat uns beruhigt. Aber wir haben die Dimension eigentlich nicht so richtig erfassen können.«
Pulsuz fraqment bitdi.