Kitabı oxu: «Barbara & Betti»
Michael Voss
Barbara & Betti
Ein INES-Erotikbuch
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel: 1 Der Anruf
Kapitel: 2 Brixen
Kapitel: 3 Meck.-Pomm.
Kapitel: 4 Spiele hab ich gerne
Kapitel: 5 Starkes Klopfen
Kapitel: 6 Sie hatte einen Unfall
Kapitel: 7 Hallo ich bin Betti
Kapitel: 8 Wo seid ihr denn?
Kapitel: 9 Erzähl mal
Kapitel: 10 Wie fühlt sich das an?
Kapitel: 11 Gibt es auch dein Bier?
Kapitel: 12 Ja so ist es.
Kapitel: 13 Das find ich gut!
Kapitel: 14 Geht mich nichts an!
Kapitel: 15 nun such den Weg!
Kapitel: 16 Ja klar für dich immer!
Kapitel: 17 Wenn sie meinen…
Kapitel: 18 Was ist darin?
Kapitel: 19 So wie es aussieht
Kapitel: 20 Hast du schon?
Kapitel: 21 Tut mir leid.
Kapitel: 22 Dann geh ihn mal suchen!
Kapitel: 23 So, jetzt ist aber Ruhe!
Kapitel: 24 Ja es stimmt.
Kapitel: 25 Meinst du?
Kapitel: 26 Okay, dann nehme ich auch eine!
Impressum neobooks
Prolog
Der zuverlässige Architekt Manfred Steiner erhält einen Auftrag, der eigentlich eine Nummer zu groß für ihn ist. Er gerät zwischen die Fronten zweier Frauen.
Barbara und Betti konkurrieren um seine Gunst, sie sind auch nicht zimperlich mit ihren Methoden.
Um sich ihnen zu entziehen, heiratet er Irmi, ein Mädchen aus geordneten Verhältnissen. Sie arbeitet in einem Nobelhotel und ihr Vater betreibt ein Antiquitätengeschäft. Steiner schätzt die soliden Familienverhältnisse.
Kaum verheiratet verliebt sich Irmi in einen jungen Mann, der in den Diensten einer zweifelhaften Organisation in Mailand steht. Bei einer gemeinsamen Bergtour von Irmi und Francesco, geraten sie in ein Unwetter mit schrecklichen Folgen.
Kapitel: 1 Der Anruf
Die Nachricht erreicht mich gerade in dem Moment, als ich nach Südtirol aufbrechen wollte. Auf meinem Anrufbeantworter wird um Rückruf gebeten. Es ist eine sympathische, aufgeregte Frauenstimme und es soll dringend sein, wie sie betont.
Meine Südtirol-Reise will ich allerdings nicht verschieben. Vor einigen Jahren hatte ich begonnen, mich auf alte Burgen und Schlösser zu spezialisieren.
Die Sanierung und der Wiederaufbau oder auch nur eine Renovierung sollte für mich das zukünftige Arbeitsgebiet sein.
Ein Münchner hatte sich vor etlichen Jahren eine alte Burg gekauft und benötigte fachmännischen Rat. Zuerst war es für ihn eine Geldanlage, aber dann verliebte er sich in das alte Gemäuer. Ich begleitete den Wiederaufbau und kontrollierte die Abrechnungen der Handwerker.
So verbrachte ich jede freie Minute in Brixen, meist wohnte ich in einem kleinen Hotel oder bei Anneliese, einer langjährigen Freundin, mit ihr pflegte ich ein Bratkartoffelverhältnis auf Ewigkeit. Sie hat auf einer Skitour ihre große Liebe gefunden und vor etlichen Jahren nach Brixen geheiratet.
Erneut läutete das Telefon, diesmal komme ich ihr nicht aus. „Hallo, jetzt hab ich aber Glück gehabt, hier spricht Frau von Reinertshagen, ach was, sagen Sie einfach „Barbara.“
„Wie kann ich Ihnen helfen…Barbara?“
„Ich wollte Sie bitten, mein Anwesen in Mecklenburg-Vorpommern zu besichtigen.“
„Vielleicht können Sie mir erstmal schildern, um was es eigentlich geht. Wollen Sie renovieren?“
„Vielleicht später, zuerst will ich mal ein wenig mehr über mein geerbtes Anwesen wissen. Ich bin da etwas unbeholfen und suche Rat von einem Fachmann. Ich dachte mir, ich lade Sie einfach mal ein, Sie können ja hier Urlaub machen und bei dieser Gelegenheit ließe sich ein Plan erstellen, was mit dem Anwesen geschehen könnte und was es wirklich für eine Vergangenheit hat.“
„Das klingt recht interessant, aber Sie wissen ja noch gar nicht mein Honorar, so könnte es ja sein, dass ich Ihnen viel zu teuer bin.“
„Das glaube ich eigentlich nicht, ich bin sicher wir einigen uns auf einen Tarif, der für uns beide okay ist. Haben Sie Familie?“, fragt Barbara.
„Meine Arbeit erledige ich immer alleine. Meist sind die Objekte nicht so einladend, dass man dort wirklich bequem wohnen kann. Was haben Sie denn für ein Anwesen?“
„Es ist eine Mischung aus Herrensitz und Schloss. Im Krieg diente es als Standort einer Besatzungstruppe und nach dem Krieg haben es Honeckers Leute einfach weiter genutzt. Es gibt eine Mauer, welche zu einem Schloss gehörte. Aber vom Baustil ist es ein großer Viereckhof, nur die Ausmaße sind halt gigantisch.“
„Es klingt sehr interessant, wie lange haben sie denn das Anwesen schon?“
„Da muss ich nachdenken, ich habe es nach der Wende von meinen Eltern bekommen, habe einen kleinen Teil des Gebäudes bewohnbar gemacht und nutze es für das Wochenende. Meine Mutter wohnt dort seit ein paar Jahren ständig. Über die wahre Geschichte lässt sie mich aber im Unklaren.“
„Also ist der Rest eine Ruine?“
„Nein, so darf man das nicht sehen, natürlich sind viele Zimmer nicht bewohnbar, aber eigentlich ist es sehr schön. Ach ja, ein Dach ist darauf und es ist auch ziemlich dicht. Außerdem habe ich das Gefühl, dass es Personen gibt, die ich zwar nicht sehen, jedoch besonders nachts hören kann.“
„Wo liegt denn bitte ihr Anwesen?“
„Ich möchte mich am liebsten mit Ihnen hier in Wismar treffen.“
„Also verbleiben wir doch so, dass ich Sie anrufe, wenn ich mich auf den Weg machen könnte. Ach Barbara, mein Vorname ist übrigens Manfred, oder wie wir in Bayern sagen, Fredi.“
„Also, dann bis bald...Manfred.“
Natürlich hat sie mit den wenigen Angaben, welche sie mir gegeben hat, mein Interesse geweckt. Ein altes Gebäude mit noch alten Bewohnern ist immer der Höhepunkt, solange es sich nicht um Leichen handelt.
Am liebsten würde ich nun Südtirol laufen lassen, gäbe es dort nicht auch noch ein altes Schloss. Allein die Frage des Wetters, da spricht doch erstmal alles für Brixen. Ich mache mich also weiter daran, meine Koffer zu packen. Gott sei Dank nehme ich diesmal den Wagen. Wanderschuhe, Regenjacke, da kommt einiges zusammen. Auf der Rückfahrt darf ich den Wein nicht vergessen.
Meine Südtirol-Reisen waren immer ein voller Erfolg. Brixen fasziniert mich immer wieder, besonders an den Marktagen, da tätige ich meine Einkäufe, besonders wenn es um den Wein geht, eine Ration für die nächsten Wochen.
Kapitel: 2 Brixen
Nach vierzehn Tagen Aufenthalt in Brixen, ist es wieder an der Zeit, den Heimweg anzutreten. Als ich in München die Haustüre aufschließe, kann ich das rot blinkende Licht des Anrufbeantworters bereits erkennen. So höre ich eine Nachricht nach der anderen ab. Natürlich ist auch Barbara darauf, sie drängt auf einen baldigen Termin.
Ich rufe sie als erstes an. Sie will zuerst von Südtirol einen Bericht hören, kommt aber dann schnell zum Kern der Sache. „Wann können Sie kommen?“
„Also ein paar Tage müssen Sie mir schon noch geben. Hier liegt ein Berg von Post, einige Anrufe muss ich abarbeiten. Also ich meine, eine Woche werde ich schon noch benötigen. Aber bitte eine Frage, wie soll ich denn am besten anreisen?“
„Mit der Bahn wird wohl am bequemsten sein.“
„Das meine ich auch, ich werde für Sie ein Zimmer im Hotel für die erste Nacht reservieren. Am nächsten Tag werden wir dann aufbrechen. Ach, im Moment haben wir strahlenden Sonnenschein, also warten Sie nicht solange!“
Ich krame einen Kalender hervor und wir einigen uns auf den 4. April, so habe ich noch gut zehn Tage für die Vorbereitungen.
Zuerst gehe ich ins Internet und befrage Google nach einem Schloss oder Herrenhaus, auf welches die Beschreibung passt. Ich bin erstaunt, wie gut hier Mecklenburg-Vorpommern vertreten ist. Aber leider ist nichts vorhanden, was mir weiterhelfen könnte.
Meine Unterlagen sind normalerweise sehr reichhaltig, da ich mich auf Meck-Pomm. ein wenig spezialisiert habe. Zu viele Objekte sind es inzwischen gewesen. Leider viele, bei denen eine Renovierung nicht mehr lohnte. Die Bausubstanz war einfach nicht mehr zu retten. Sie fallen in sich zusammen und irgendwann sind sie dann verschwunden. Es wird Gras über sie wachsen und zum Schluss ist alles was bleibt, ein Hügel Erde. Vielleicht wird in ein paar hundert Jahren mal jemand die Grundmauern finden und sie historisch als wertvoll einstufen. Bei einigen Objekten wurde mit der Renovierung begonnen und wegen Geldmangels alles wieder eingestellt. Aber die vielen inzwischen wieder hergestellten Schlösser und Herrenhäuser sind zu bewundern und die Besitzer sind zu beglückwünschen.
Nicht selten sind sie bis an den Rand des finanziell Möglichen gegangen, um ihr Werk fertig zu stellen.
Ich lege mir meine Unterlagen zurecht, um meine Reise vorzubereiten. Messgeräte, Zeichenpapier und den üblichen Kram. Bei der Wäsche gehe ich auf Nummer sicher. Auf jeden Fall warme Sachen, die alten Gemäuer sind teilweise schlimmer wie ein Kühlschrank.
Für den 3. April bestelle ich ein Bahnticket mit Schlafwagen bis Hamburg, so komme ich auf jeden Fall ausgeruht an und kann mir eine Übernachtung im Hotel ersparen.
Kapitel: 3 Meck.-Pomm.
Jedes Objekt ist eine erneute Herausforderung, selten gleicht das Eine dem Anderen.
So gehe ich also mit neugierigen Gedanken zum Bahnhof. Mein Zug steht bereits zum Einsteigen bereit. Ich mache es mir bequem, schnappe mir einen Schmöker und vertreibe mir die Zeit mit Lesen. Das gleichmäßige Ruckeln lässt mich schon bald nach der Abfahrt in den Schlaf sinken.
Die Ankunft in Hamburg ist pünktlich, so habe ich noch genug Zeit ein Frühstück einzunehmen. Auch mein Anschlusszug steht schon da, so dass ich auch in Wismar pünktlich sein werde. Ich rufe Barbara an und bestätige nochmals meine Ankunft. Sie will mich nun doch gleich am Bahnhof treffen, damit wir gleich losfahren können.
Etwas verunsichert stehe ich am Bahnhof von Wismar, sagten wir nun unter der großen Uhr oder neben der großen Uhr? Wenn ich so um mich sehe, entdecke ich gleich mehrere große Uhren. Sie muss mich wohl erkannt haben, eine junge Frau steht plötzlich vor mir und meint, „Suchen Sie mich?“
„Wenn Sie Barbara sind? Ich hatte sie mir anders vorgestellt, eher wie eine Landfrau, stämmig und kräftig.“ Barbara muss lachen, ein herzliches, fröhliches Lachen. Wie sie so vor mir steht, denke ich. Vorsicht, in die junge Dame, könntest du dich verlieben. Ihr Körperbau ist nicht zu dick, nicht zu dünn, in Bayern würde man sagen, „Genau richtig, es passt alles.“ Die nächste Überraschung die folgt alsbald. Es ist das Auto, es ist ein „Citroen Entchen“ in rot, etwas ungepflegt und mit einigen Roststellen und Schrammen versehen.
Sie steht im Halteverbot und wird gerade aufgeschrieben. Sie schimpft wie ein Rohrspatz, so dass der Polizist von weiterem Schreiben absieht.
Zuerst sage ich mal gar nichts, ich betrachte sie von der Seite, um mir ein Bild von ihr zu machen.
Sie trägt eine Jeansjacke mit verschiedenen bunten Tüchern, die sie sich um den Hals geschlungen hat. Der lange Rock hat viele Falten, so dass ich vermute, er wurde auf einer Ungarnreise erstanden.
„Sie sagen ja gar nichts“ meint Barbara.
„Ich lasse Sie gerade auf mich wirken.“
Sie lacht herzlich, „Ich lasse mich nun mal nicht gerne aufschreiben.“ Wir starten und die Straße führt uns Richtung Rostock, so vermute ich. Es könnte sich um die Gegend zwischen Rostock und Stralsund handeln. Hier liegt ja auch das Schlösschen Krönnevitz, welches ich schon von früheren Besuchen her kenne.
Wir gondeln, denn von Fahren konnte man nicht sprechen, so dahin. Sie steuert einen Parkplatz an und parkt das Entchen. Sie fängt das Gespräch so an: „Da ich nicht möchte, dass ein Fremder weiß, wie man zu meinem Anwesen kommt, werde ich Sie bitten, die Augen zu schließen. Mein Anwesen kennen nur sehr wenige, in einem Verzeichnis ist es nicht registriert. Wenn ich später weiß, dass ich Ihnen trauen kann, werden Sie erfahren, wo es ist.“
„Spätestens wenn ich es sehe, werde ich wissen, um was es sich handelt und wo es liegt.“ Ich bin etwas mürrisch und verhehle es nicht. Da ich ja nun endlich wissen will, mit was ich es zutun haben werde.
Wir steigen aus und vertreten uns die Beine, als sie auf mich zukommt, sagt sie, „Ich werde Ihnen nun die Augen verbinden.“ Ich bin so erstaunt, dass ich nur sage, „Wenn Sie meinen. Dann spielen wir eben Blindekuh.“
Sie lacht, „Da habe ich auch nichts dagegen.“ Barbara nimmt eines ihrer Tücher, legt es sorgfältig zusammen. Geschickt legt sie das Tuch über meine Augen, wickelt es noch zweimal darum und meint, „Fertig!“
„Soll ich nun das Entchen suchen oder führen sie mich hin?“
„Suchen Sie ruhig. Ich werde ein Foto mit dem Handy als Erinnerung schießen!“
So bekommt die komische Situation eine lustige Variante. Tatsächlich lässt sie mich nach dem Auto suchen. Als ich aber zu sehr vom Weg abkomme, nimmt sie meine Hand und führt mich zum Wagen. Ihre Hand fühlt sich gut an. Ein fester Griff, aber ich spüre deutlich, dass sie mich mag.
So sitze ich nun mit verbundenen Augen neben ihr im Auto. „Ich hoffe es wird Ihnen nicht schlecht“, meint sie noch mit einem spöttischen Unterton.
„Nein, ich bin selbst verwundert, wie aufregend dieses Spiel ist. Es macht sogar richtig Spaß.“
„Sie können ja raten, wo wir gerade lang fahren.“
Sie setzt die Fahrt fort und will ein wenig über mich und meine Arbeit erfahren. So beginne ich im Telegram-Stil eine Kurzfassung abzugeben.
„Soll ich langsamer fahren oder geht es so?“
„Wie lange wird es denn dauern?“
„So etwa eine Stunde, je nach Verkehr. Es gefällt mir übrigens, wie brav sie mit verbunden Augen hier sitzen. Das Tuch steht ihnen.“
„Erzählen Sie mal ein wenig von sich“, fordere ich Barbara auf. Sie will bei Adam und Eva anfangen, so unterbreche ich sie und bitte um eine verkürzte Schilderung.
„Studentin der Germanistik, sechsunddreißig Jahre, also noch unter Honecker aufgewachsen. Mein Onkel hat mir das Gebäude vermacht. Zuerst habe ich mit dem Gedanken gespielt es zu verkaufen. Lange Zeit war gar nicht klar, ob wir überhaupt einen Anspruch auf das Anwesen haben. Ein entfernter Onkel ist der eigentliche Eigentümer. Er hat aber keine Erben. So fragte er meinen Vater, ob er Interesse hat. Eines Tages stand der Postbote mit einer Urkunde vor der Türe. Wir hatten keine Ahnung was uns erwarten sollte. Mein Vater kannte das Anwesen aus Kriegszeiten, aber er hatte keine Ahnung, in welchen Zustand es sich tatsächlich befindet.“
Wir reden noch über dieses und jenes und stehen plötzlich vor dem Tor.
„Sie nehmen das Tuch erst ab, wenn ich es sage!“, erklärt Barbara.
Unter schrecklichen Geräuschen schiebt sich ein Tor zu Seite. Wir fahren hinein in den Hof, das Tor schließt sich. „Sie dürfen das Tuch jetzt abnehmen!“
Ein Gebäude im Backstein-Stil und von gewaltigen Ausmaßen liegt vor mir.
Eine riesige Mauer scheint das Anwesen zu umgeben. „Weiß man, was es früher war?“, frage ich vorsichtig.
„Nein, keine Ahnung. Vielleicht eine Art Gefängnis?“ Wir wollen einmal um das Anwesen laufen, aber überall befindet sich eine etwa sieben Meter hohe Mauer.
„Wir sollten die Besichtigung auf später verschieben“, schlage ich vor.
Barbara ist ebenfalls der Meinung, dass es an der Zeit ist, eine Kaffeepause einzulegen. Danach können wir immer noch losziehen, meint sie.
Wir begeben uns in den eigentlichen Innenhof. Man muss den Weg durch ein riesiges Portal nehmen. Eine kleine Türe befindet sich in den zwei großen Flügeln, welche früher für die Kutschen geöffnet wurden. Es braucht dringend ein wenig Öl, wie so vieles in diesem Haus eine pflegende Hand benötigt. Es gibt keine Türe die nicht ohne Knarren geöffnet werden kann.
Der Innenhof präsentiert sich fantastisch, er ist mit kleinem Blaubasalt belegt und in hervorragendem Zustand. Einige Pflanzenkübel sind bereits aufgestellt. Ein großer Brunnen befindet sich in der rechten Ecke. Mein Blick schweift über das Gebäude, ich kann es kaum einordnen. Es scheint so etwa dreihundert Jahre alt zu sein, so vermute ich. Barbara ist inzwischen zu einer der vielen Türen gegangen, welche wohl der eigentliche Hauseingang ist. Sie winkt und will mir nun das Innenleben des Gebäudes zeigen.
„Wenn Ihnen mein Tuch zu warm wird, dürfen Sie es gerne ablegen.“
„Ich habe mich inzwischen schon daran gewöhnt. Es ist so angenehm weich und warm.“
„Na dann behalten sie es doch einfach um.“
Der Eingangsbereich führt uns zu einem riesigen Saal, er ist mindestens hundert Quadratmeter groß. Von diesem Saal gehen mehrere Türen in verschiedene Richtungen. „Wissen sie schon welche Türe wohin führt?“
„Ja sicher, ich habe alle Gänge untersucht, aber viele Räume sind ohne Einrichtung, manche wiederum wirken wie Büros.“
Wir entschließen uns, die Richtung nach rechts einzuschlagen. Es folgten drei leere Räume, jeder so etwa fünfundzwanzig Quadratmeter groß. Der Zustand ist nicht so schlecht wie ich vermutet habe, ein wenig Farbe und schon könnte man sich vorstellen, darin zu wohnen. Der vierte Raum war ein Badezimmer, ebenfalls mindestens fünfundzwanzig Quadratmeter, aber die Waschbecken sind entfernt worden, genauso wie die Badewannen, nur die Anschlussstutzen sind noch vorhanden.
„Vielleicht gab es gar keine Waschbecken, vielleicht wurde hier nur geduscht. Könnte tatsächlich sein, wir finden einen Bodenablauf und einige Wasserhähne. Sehr seltsam.“ Ein unangenehmes Gefühl kriecht in mir hoch, es läuft mir kalt über den Rücken. So gehen wir einen Raum nach dem anderen durch. Alle geben uns Rätsel auf. „Unterlagen haben Sie wohl keine?“, frage ich Barbara.
„Nein, ich hatte damals das Gefühl, dass die vorigen Bewohner sehr schnell verschwunden sind. Aber es waren weder Papiere noch Unterlagen aufzufinden. Nur über eine sehr große Antenne habe ich mich gewundert, es gab auch einen Parabolspiegel. Vom Dachboden aus gingen einige Leitungen in den Hof hinunter. Diese ließ ich entfernen. Auch ein Strom Generator gibt es hinter dem Haus.
Ob er noch funktioniert, weiß ich allerdings nicht. Wir sind aber inzwischen an das offizielle Stromnetz angeschlossen. Wasser bekommen wir über einen eigenen Brunnen. Also die Räume werden wir wohl an einem Tag nicht alle besichtigen können. Es wird wohl einige Tage brauchen.“
Barbara macht den Vorschlag, erstmal an eine Brotzeit zu denken. Meine Hoffnung, nun die Umgebung kennen zu lernen, zerschlägt sich. Barbara meint, „Ich war schon vor einigen Tagen da und habe den Kühlschrank gefüllt, müssen Sie wissen.“
Wir begeben uns in eine riesige Küche, „Das ist ja eine richtige Kantinen-Küche.“ „Vielleicht war hier früher mal ein Zentrum, wo die Leute mehrere Tage nicht raus konnten.“ Kaum hatte ich diesen Satz ausgesprochen, kommt mir ein schrecklicher Gedanke.
„Wie sieht es mit einem Keller aus?“
„Ja, den haben wir hier auch. Nicht sehr angenehm, den werden wir am Schluss ansehen. Vielleicht besser erst morgen oder übermorgen.“
„Wieso, Sie machen mich neugierig?“
„Jetzt brauchen wir erstmal eine gute Brotzeit.“
Ich greife zu einer Tischdecke und beginne mit dem Tischdecken. „Sie sind aber gut erzogen“, meint Barbara und lächelt.
„Wieso, soll denn der Mann nicht mal den Tisch decken?“
„Gibt es auch ein kühles Bier?“
„Ja klar, ich lasse doch einen Bayer nicht ohne Bier.“
In wenigen Minuten zaubert Barbara einen gedeckten Tisch, sie hat wirklich an alles gedacht. Ich erkläre ihr nun, wie ich vorzugehen gedenke.
„Einmal muss ich abklären, welche Pläne sie überhaupt von dem Objekt haben. Wie viel Kapital wollen sie investieren?“
„Das sind aber viele Fragen auf einmal. Eigentlich wollte ich von ihnen Vorschläge bekommen, ihre Erfahrung nutzen.“
„Okay, das ist auch gut, so werden wir uns hinsetzen und einige Planspiele durchgehen.“
Kapitel: 4 Spiele hab ich gerne
„Spiele habe ich gerne, wie Sie ja schon gemerkt haben. Sie scheinen mein Tuch ja gar nicht mehr hergeben zu wollen?“
„Wenn ich es noch ein wenig tragen darf? Wo sind hier eigentlich die Schlafräume?“ „Es gibt riesige Säle“, meint Barbara und dann hat sie wieder dieses umwerfende Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Aha, Schlafsäle, stimmt meine Vermutung also doch, dass hier eine Infanterie- Einheit untergebracht war. Sicher waren es Leute vom Geheimdienst oder von der Stasi?“
Barbara meint, „Schon möglich. Wir werden hoffentlich in den nächsten Tagen einiges aufklären können.“ Nachdem wir uns noch einen weiteren Kaffee eingeschenkt haben beginnen wir mit der Besichtigung im ersten Stock. Es sind circa sechshundert Quadratmeter, es können auch mehr sein, vermutet Barbara.
Eine Vermessung wird die Wahrheit an den Tag bringen. „Wo ist denn Ihr Zimmer?“
„Vor etwa einem Jahr habe ich einen Teil abgetrennt und diesen ausgebaut. Ich habe kurzer Hand eine Zwischenwand eingezogen und so eine Einliegerwohnung für mich geschaffen.“
„Aber fürchten sie sich denn nicht, nur mit ihrer Mutter, sonst ganz allein?“
„Wer soll schon kommen, der nicht schon da ist“, erklärt Barbara lächelnd.
Beim Vermessen der Räume entdecken wir immer mehr seltsame Dinge. Doppelte Spiegel in einem Kleiderschrank. „Hier muss wohl mal ein Raum gewesen sein, in dem Leute verhört wurden.“
„Wieso?“
„Kommen sie mal, wenn man diesen Schrank öffnet, gibt es einen weiteren Raum.“ „Lassen sie sehen. Ist mir noch nicht aufgefallen.“
„Gehen wir doch mal hinein. Hier steht noch ein Tisch mit einem seltsamen Stuhl.“
Ich bitte Barbara auf diesem Platz zu nehmen. Sie setzt sich bereitwillig nieder. Ich zeige ihr die angebrachten Ledergurte.
Für was sollen diese Gurte denn gut sein, will Barbara wissen.
Ich zögere nicht und führe es Barbara vor. Mit wenigen Handgriffen sind alle Gurte festgezogen und sie ist auf dem Stuhl fixiert.
„Dieser Stuhl ist aber nicht für Frauen sondern für Männer“, protestiert sie.
„Wie fühlen Sie sich?“, frage ich hinterhältig. Deutlich spüre ich, dass ihr dieses Spiel gefällt.
Aber sie meint nur, „Komisch, wenn ich mir vorstelle, dass hier Leute verhört wurden, da vergeht einem der Gedanke an ein Spiel ziemlich schnell.“
Ich scherze und meine, „Dann machen sie sich mal wieder los. Ich werde inzwischen die anderen Räume besichtigen.“
Ich gehe hinaus und verschließe die Türe.
Von der anderen Seite kann ich durch den Spiegel sehen, was Barbara unternimmt um sich zu befreien. Sie bleibt völlig ruhig sitzen, versucht mit den Fingern an die Gurte zu kommen. Ich will sie aber nicht länger so zurücklassen und gehe wieder zu ihr.
„Wollen sie noch ein wenig so sitzen bleiben oder wollen sie lieber frei sein, ich könnte ihnen auch noch die Augen verbinden, dass erhöht sicher den Reiz.“ „Schon seltsam, wenn man sich vorstellt, dass es kein Scherz ist.“ Prompt fragte sie mich, ob ich nicht mal Probesitzen will. Ich überzeuge sie aber davon, dass es wohl besser ist, wieder an die Arbeit zu gehen.
„Feigling.“ Mehr sagt sie nicht. „Sie werden schon noch dran kommen.“
Im nächsten Zimmer finden wir eine ehemalige Abhörstation. Es gibt aber nur noch Fragmente, die wichtigen Teile sind bereits entfernt worden. Wir kommen zu den Schlafsälen. Sie sind an den Türen mit Nummern versehen. Die Liegen bestehen aus Doppelbetten, wir nennen sie auch Stockbetten. Sogar die Matratzen sind noch da. „Naturmatratzen“ meint Barbara. Sie riechen ein wenig vergammelt. Auch Decken sind noch darauf.
„Einmal hinlegen? Vielleicht ein Mittagsschläfchen gefällig?“ meint sie.
Ich lege mich auf eine Liege und meine, „Gar nicht so unbequem“
„Sie können ja die Nacht hier verbringen.“, meint Barbara mit einem verschmitzten Lächeln.
Wir gehen in den nächsten Raum, hier fällt auf, dass nur wenige Liegen aufgestellt sind. Vielleicht der Offiziers Raum? Aber alles ist noch vorhanden, „hier könnte man auch ein Pfadfinderlager für die Ferien einrichten“, gebe ich zu bedenken.
„Sie waren mal bei den Pfadfindern?“
„Ich sehe schon, wir haben uns viel zu erzählen.“ Der nächste Raum war früher mal ein Toiletten Raum.
„Oh, dass erinnert mich an etwas, dürfte ich mal einen Moment alleine sein?“ Sie versteht und geht diskret einen Raum weiter. Ich komme ihr nach und stutze: „Was war hier untergebracht?“ Eine Holzliege, ohne Matratze, der restliche Raum ist leer. „Jetzt legen sie sich mal hier hin!“ befiehlt sie.
Ich lache und lege mich auf die Holzpritsche. „Sehr unbequem.“
„Nun passen sie mal auf. Liegen bleiben, klar?“
„Wieso?“
„Sie werden es gleich merken.“ Die Ledergurte hab ich wohl übersehen. Nun kam die Retourkutsche von Barbara, das war unschwer zu erkennen.
Sie hat richtig Freude daran mich Gurt um Gurt zu fixieren. So liege ich dann völlig unbeweglich auf der Pritsche. Sie nimmt noch eines ihrer Tücher, faltet es genüsslich zusammen, macht einen Knoten in die Mitte und bindet es über meinen Mund.
„So ist es zwecklos zu rufen“, stellt sie fest.
Ein weiteres Tuch verwendet sie für die Augen. „Also bis bald, ich mache jetzt erstmal ein Mittagsschläfchen“, sagt sie und verschwindet. Ihre Schritte höre ich noch lange im Gebäude nachhallen.
Die Zeit will nicht vergehen. Die Pritsche wird immer härter, rufen einfach zwecklos. Aber ich muss zugeben, es hat auch seinen Reiz. Ich höre Schritte, das muss Barbara sein. Die Türe geht auf. „Na wie geht es meinem Gefangenen?“ Zum Lachen ist mir in dieser Situation nicht mehr. Eine Antwort bleibe ich ihr schuldig.
Sie lacht und meint, „Hab ich mich nicht toll revanchiert? Das hätten Sie wohl nicht erwartet. Aber sie hatten ja vorhin auch ihren Spaß.“
Sie macht nicht die geringsten Anstalten mich zu befreien. „Ich glaube, es wurde früher eher ein Knebel aus Leder verwendet und nicht ein Tuch mit Knoten. Soll ich mal suchen gehen, ob ich etwas Passendes finde?“
Ich höre wie sie einen Schrank öffnet, „aha, was haben wir denn hier?“ Eine Schublade, wurde unter lautem Quietschen aufgezogen.
„Ich glaube, ich habe, was ich suche.“
Sie genießt die Situation offensichtlich. „Vielleicht reden wir mal über ihren Preis?“
„Das ist gemein“, versuche ich zwischen dem Stoffknebel hervor zu bringen. Sie scheint zu überlegen, was sie noch alles ausprobieren könnte. „Ob ich Sie heute noch befreien soll? Ich werde abzählen. Oder besser eine Münze werfen. Sind sie damit einverstanden?“ Viel kann ich nicht einwenden.
„Also Kopf, sie bleiben liegen. Zahl, ich mache sie vielleicht frei.“
Sie wirft, „Kopf, da haben Sie aber Pech gehabt. Jetzt möchte ich aber ganz ehrlich von ihnen wissen, ob sie mitspielen oder lieber nicht. Sie dürfen jetzt selbst über den heutigen Abend entscheiden.“ Ich zögere, so eine Lage ist schon verflixt komisch.
„Keine Antwort ist auch eine Antwort.“ Ehe ich mich versehe, legt sie mir ein Tuch über das Gesicht und anschließend ein Geschirr. Sie zieht es richtig fest.
Ich frage mich, was das eigentlich für ein Aufenthalt werden soll. Ich muss erkennen, dass Barbara ihre wahre Freude an diesen Spielen hat und ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll.
So langsam werde ich ungeduldig, es macht inzwischen keinen Spaß mehr, die Gurte schneiden ein und es tut richtig weh. Automatisch muss ich mir vorstellen, wie es wohl einem Gefangenen zu Mute war, der hier gefoltert wurde. Ich bekomme eine Gänsehaut und Panik und will dieses Spiel nur noch beenden. Da geht die Türe auf, ich werde von dem Geschirr erlöst. Barbara sagt kein Wort. Erst im Gang, meint sie,
„Ich glaube sie haben für heute genug? Jetzt stellen sie sich mal vor, sie liegen hier mehrere Tage.“
„Schrecklich, und immer das Gefühl es könnte einen jemand umbringen. Dieses Regime hat doch vor nichts zurückgeschreckt.“
„Na, wieder okay?“, fragt Barbara mit einem herzerweichenden Lächeln.
„Das war gemein, wie lange war es denn?“, frage ich.
„So wichtig ist das doch gar nicht, vielleicht eine Stunde oder länger, ich hab nicht auf die Uhr gesehen.“
„Pass auf, ich werde mich revanchieren.“
Sie grinst mich an, „Passen Sie nur auf, hier gibt es noch viele unerforschte Türen.“ Inzwischen wechseln wir immer zwischen du und Sie. „Ich selbst kenne höchstens ein Viertel der Räume. Ich hatte immer Angst, alleine hier herumzustöbern. Aber jetzt sind wir ja schon zu zweit.“
Sie nimmt ihre Tücher und schlingt sie sich um ihren Hals.
„Wollen Sie meines immer noch tragen?“
„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, gerne.“ Wir kommen zum nächsten Raum, dieser ist leer. Ich will die Fenster öffnen, dies ist aber nicht möglich, sie sind alle mit einem Sicherheitsschloss versehen. Die Fensterläden aller Fenster sind geschlossen. Einen Blick nach Draußen gibt es nur in Richtung des Innenhofes.
„Wir sollten mal darüber nachdenken, wo ich die Nacht verbringe.“
„Aber Sie kennen doch die Schlafräume.“
„Wenn du meinst, das ich da gerne übernachte?“
„Keine Angst ich habe da noch ein schönes Zimmer, mit anschließendem Bad.“
Nun kommen wir in einen bereits renovierten Teil des Gebäudes und ich fragte, ob es ihr Reich sei.
„Nein, ich habe mein Reich gegenüber auf der anderen Seite des Gebäudes. Dieser Teil ist für Gäste bestimmt.“ Sie begleitet mich zu einem sehr ordentlich eingerichteten Zimmer mit einem neuen angrenzenden Badezimmer.
„Ich meine, du solltest dich mal frisch machen, nach all den Strapazen.“ Ich lache und trage mein Gepäck hinauf. Sogar Warmwasser gibt es. Nach dem Duschen lege ich mich entspannt auf das Bett. Ich schalte den Fernseher ein und höre Nachrichten. Es klopft an und ich rufe „Komm ruhig herein!“
Sie ist umwerfend, in einen Sari gewickelt, mit etlichen Tüchern verschlungen. „Toll! Ich hätte dir das nicht zugetraut.“
„Ich habe ein wenig für den Abend vorbereitet, wenn Sie wollen, treffen wir uns im Salon, den kennen Sie ja schon. Ich will es gleich vorweg nehmen, mein eigenes Reich bleibt für alle tabu, auch für Sie. Es sind allein meine Räume und meine Welt.“
Ich bin verwundert, warum ist sie nun wieder auf das „Sie“ umgeschwenkt?
Im Salon übergebe ich ihr das Tuch, „Ich glaube es muss in die Wäsche.“
„Da könnten sie Recht haben.“ Sie wirft es in die Ecke.
„Haben sie hier eine Waschmaschine?“ Frage ich vorsichtig.
„Natürlich gibt es so etwas.“
„Darf ich Ihnen denn meine Wäsche bringen?“
„Bringen schon, aber waschen tun Sie sie bitte selbst. Ich werde es Ihnen erklären, auch ein Bügeleisen habe ich für Sie. Sie können doch bügeln?“
„Klar, zwar nicht perfekt, aber man kann die Hemden tragen. Ich werde aber mal kurz meine Wäsche holen, so kann ich sie noch heute waschen und das Tuch wasch ich gleich mit.“
„Wie sie meinen. Darf ich ein wenig Musik auflegen, hier gibt es einen alten Plattenspieler und ein Radio aus den fünfziger Jahren.“
„Super, wollen Sie lieber Schnulze oder Klassik? Was trinken wir denn dazu?“
„Einen Roten, dann Schnulze, vielleicht etwas italienisches aus den Sechzigern.“
So wühlen wir in den Singles und lassen es uns gut gehen. Es bleibt nicht aus, dass wir uns nach drei Stunden Weingenuss nun endlich duzen. „Sag mir noch, was bist du für ein Sternbild?“, fragt Barbara.
„Stier mit Aszendent Schütze.“
„Aha gut, dann weiß ich ja nun Bescheid.“
„Was weißt du nun über mich, was ich nicht weiß?“
„Ich werde ein andermal darüber sprechen, dann, wenn du mir deine Pfadfindergeschichten erzählst.“
Ich wollte gerade vom Tisch aufstehen, als sie hinter mir steht und mir ein großes weiches Tuch umlegt. Sie verschlingt es mehrmals um meinen Hals und meinte, „es wird dir gut tun.“
Ich wünsche eine gute Nacht. Inzwischen ist es halb zwölf, ich gehe in mein Gästezimmer und schlafe erschöpft ein.
Ich höre ein lautes Geräusch, schrecke hoch und tastete nach dem Lichtschalter, springe auf und sehe in den Innenhof und erkenne eine Person. Wahrscheinlich ein Hausmeister, so denke ich.
Ich betrachtete den Innenhof und entdeckte im verlegten Blaubasalt einen Stern. Im Zentrum des Innenhofes kann ich nach längerem betrachten ein Wappen erkennen. Vor jeder Türe befindet sich ein Buchstabe. Die Einlegearbeiten sind so geschickt ausgeführt, dass man sie nur bei einem bestimmten Lichteinfall sehen kann. Ich hole meine Kamera, welche einen hochempfindlichen Film hat. Ich mache Fotos von verschiedenen Seiten, in dem ich den Gang entlang gehe und aus den Fenstern fotografiere.
„Das hatten wir nicht vereinbart“ sagt Barbaras Stimme hinter mir.
„Bitte entschuldige“, ich erzählte von einem lauten Rattern.
„Das ist die Wasserpumpe, sie füllt die Zisterne.“
„Ich wollte einfach nur Luft schnappen und beim Betrachten des Hofes entdeckte ich die Einlegearbeiten.“
Sie verstand nicht, „zeig mir was du meinst. Beim besten Willen, ich glaub du nimmst mich auf den Arm, ich kann nichts erkennen.“
„Komm wir gehen runter ich will es aus der Nähe sehen.“
„Wie spät haben wir es eigentlich?“
„Ach, dass ich es nicht gleich gesehen habe, da über dem Eingang des Hauptportals ist ja eine Uhr.“
„Die kannst du vergessen, die geht doch schon lange nicht mehr.“
„Aber sieh mal 5.35 Uhr. Das ist Zufall, sicher ist sie damals um diese Zeit stehen geblieben, außerdem wissen wir doch gar nicht ob es wirklich so spät ist.“
Ich gehe nun in mein Zimmer und sehe auf mein Handy, 5.36 Uhr. Es stimmt also. Wir sehen beide gleichzeitig auf die Uhr am Portal, 5.37 Uhr.
„Sie geht, hast du hier einen Hausmeister?“
„Wäre schön, aber kann ich mir nicht leisten.“
„Aber er ging doch über den Hof als ich runter sah.“
„Du spinnst ja wohl. Ich lege mich noch mal hin, dass war jetzt einfach zuviel.“
„Warum bist du eigentlich hierhergekommen, du konntest doch nicht wissen, dass ich fotografiere?“
„Keine Ahnung, ich ging Pipi machen und hatte das Gefühl ich müsste nach dir sehen. So sah ich dich hier fotografieren.“
„Sei es wie es wolle, ich lege mich nun noch ein Stündchen hin.“ Kaum in meinem Zimmer angekommen und mich hingelegt, klopft es. „Bitte, komm rein.“
„Ich habe für dich etwas, damit du besser schläfst.“ Sie kommt herein, drückt mir zwei Ohrenstöpsel in die Hand und eine Schlafbrille.
So ausgestattet, schlief ich nochmals tief ein.
Wir treffen uns zum Frühstück und beschließen die gegenüberliegende Seite des Gebäudes zu erkunden. Dieser Teil ist in wirklich gutem Zustand. Es scheint so, dass hier wohl bis zuletzt gearbeitet wurde. Die Wandfarbe ist noch so frisch, dass ist noch keine fünf Jahre her, als gestrichen wurde. Der Saal gleicht einem Klassenzimmer, es sind etwa 30 Tische. Ein Pult, eine Tafel. Wir fanden auch alte Landkarten von Deutschland, Polen und Russland. Diese stammen alle aus der Zeit um 1938.
„Sie mal hier ist noch ein alter Diaprojektor.“
„Eine Schachtel, lass mal sehen, was darin ist.“
„Lauter alte Dias. Die werden wir uns zum Abendessen reinziehen“ meinte Barbara. Wir gingen einen Raum weiter und fanden mehrere Clubsessel, Beistelltische und eine wunderschöne Mahagoniwand.
Als wir die Türen öffnen, staunten wir. Geschliffene Karaffen und Gläser, ein Kühlschrank, mindestens vierzig Jahre alt, leider ohne Inhalt, müssen wir feststellen.
Eine weitere Türe gibt eine Bar aus den dreißiger Jahren frei. Sogar die Flaschen waren noch darin. Wir schnappen uns zwei Gläser, waschen sie aus und probieren einen Cognac.
„Prima, den trinken wir, wenn wir uns die Dias ansehen.“
So kommen wir zu dem Ergebnis, dass hinter den Mahagoniwänden noch Hohlräume sein mussten. Es muss also einige Geheimtüren geben! „So langsam werde ich das Gefühl nicht mehr los, dass es sich hier um ein Hauptquartier handelt. Wahrscheinlich vom Geheimdienst Honeckers.“
„Da kannst du Recht haben. Ich war ja erst drei, oder viermal hier, immer mehr bekomme auch ich einen ähnlichen Eindruck.“
„Aber du bist schon sicher, dass hier außer dir niemand mehr wohnt?“
„Ich kann das ja nicht kontrollieren. Ich kenne als Eingang nur das Tor, durch welches ich immer herein komme. Aber vielleicht gibt es ja noch weitere Eingänge?“
„Diese Räume sind in einem Zustand, als wäre gestern noch jemand hier gewesen. Wann hast du denn das letzte Mal die Räume inspiziert?“
„Ach, das kann schon länger her sein. Ich bin mit Betti, kurz nach der Übergabe mal alle Räume durchgegangen, das ist sicher schon einige Jahre her. Ich habe mich damals entschieden, meinen Wohnbereich abzutrennen. Eine kleine Baufirma, hier aus der Nähe, hat dies gemacht.“
„Wie ist das mit dem Strom?“
„Ich habe hier einen eigenen Generator, du wirst ihn kaum hören, da er in einem Spezialraum untergebracht ist. Wasser kommt aus der eigenen Quelle.“
„Du bist völlig autark.“
„Ja, so sehe ich das auch.“
„Wir werden alles aufzeichnen, sonst bekommst du niemals einen Überblick über das Gelände.“
„Was steht uns denn noch bevor?“
„Wir haben noch einen Speicher, wunderschön zum Gruseln. Na das ist ja dann was für dich. Vielleicht hängen da noch ein paar Leichen. Wir haben uns das für den Baumeister aufgehoben. Da werde ich dann einen freien Tag nehmen und die Einkäufe erledigen.“
„Ach, ich soll also den Speicher alleine besichtigen.“
„Natürlich, du wirst doch keine Angst haben?“
„Nein, ein Gebäude ist vielleicht erschreckend, aber Angst muss man davor nicht haben. Eigentlich wollte ich lieber mit dir Einkaufen fahren.“
„Kommt ja gar nicht in Frage, dann weißt du ja wo wir sind. Erst wenn ich volles Vertrauen habe, wirst du es erfahren.“
„Und deine Freundin Betti? Die weiß aber wo es liegt.“
„Nein, die bekam genauso wie du eine Augenbinde, sie mag das Spiel besonders gerne.“
„Vielleicht einmal, aber dreimal? Ich glaube du warst auch mal bei den Pfadfindern?“
„Klar, ich hatte viel Spaß.“
„Und Betti, war auch dort?“
„Ja, wir waren zusammen dabei.“
„Daher also dein Spieltrieb.“
„Was habt ihr gemacht?“
„Das aufregendste, was es bei uns gab, war ein Spiel auf einer großen Wiese.“ Berichtet Barbara.
„Na, jetzt erzähl schon.“
„Aus unserer Gruppe wurde ein Mädchen heraus gewählt. Es wurden ihr die Augen verbunden, und wir führten sie auf eine große Wiese. In der Mitte angekommen, wurde sie noch gedreht. Dann musste sie zum Ausgangspunkt zurückfinden.“
„So hast du also deine Leidenschaft entdeckt.“
„Was für eine Leidenschaft meinst du denn?“ Bohrt Barbara hartnäckig nach.
„Ach, tu doch nicht so, du weißt schon, was ich meine.“
„Du hast ja Recht, ich habe immer schon gerne Blindekuh gespielt. Oder ähnliche Spiele mit Augenverbinden gemacht.“
„Was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Abend?“, frage ich.
„Oh nein, das machen wir sicher nicht.“ Barbara grinst über ihr ganzes Gesicht.
„Ich schlage vor, wir treffen uns im Salon und trinken vom guten Cognac. Du bringst noch ein paar Leckereien mit, okay?“
In meinem Zimmer angekommen, hatte ich das Gefühl, als hätte jemand etwas gesucht. Die Schranktüren stehen offen, mein Koffer ist verschoben. Ich bin mir nun ganz sicher, hier muss noch jemand anderes hausen. Aber wer soll Interesse an meinen Dingen haben. Ich sehe sofort nach meinem Navigationssystem. Man hat es nicht gefunden. Mein Handy ebenfalls nicht. Wenn ich beides zusammen schalte, kann ich per E-Mail meine Peilung senden. Nach dem Duschen und Umziehen begab ich mich wieder in den Salon, wo auch schon Barbara mit den Vorbereitungen für ein Abendessen begonnen hat.
Nach zwei Stunden versuchte ich zu gehen. Mit der Ausrede, „Arbeit wartet auf mich.“ Ich wollte gerne wissen, was mich im Speicher erwartet.
Barbara ruft noch, „Du weißt ja, ich bin morgen nicht da, du wirst den Speicher alleine durchforsten.“
„Wie lange wirst du denn weg sein?“
„Ich schätze mal so drei bis vier Stunden.“
„Da werde ich dann gerade mal einen kleinen Teil besichtigt haben.“
Mein neu erstellter Plan, hatte nun den ersten Stock vollständig erfasst, bis auf den Teil, der Barbara persönlich betrifft.
Die Nacht war sehr unruhig, ich konnte das Gefühl nicht loswerden, als hätten sich die ganze Nacht Generäle gestritten und diskutiert. Truppen waren durch den Hof marschiert. Auch Schreie von Gefolterten glaubte ich zu hören. Ich schreckte immer wieder hoch. Meine Träume spielen verrückt.
Am nächsten Morgen erwachte ich wieder sehr früh. Vielleicht täuschte ich mich ja, aber in den Fenstern gegenüber im sogenannten Westteil, sah ich drei Personen hinter den Fenstern. Ich war aber zu müde, um dieser Fatamorgana nachzugehen. Ich verdrängte es kurzerhand.
Kapitel: 5 Starkes Klopfen
Starkes Klopfen lässt mich hochschnellen. „Kommst du zum Frühstück oder willst du noch ausschlafen?“
„Oh Gott, wie spät ist es denn?“ Ich suche nach meiner Uhr.
„Wenn du deine Uhr suchst, die hast du im Salon liegen lassen. Es ist übrigens kurz vor neun.“
„Ich komme, gib mir 15 Minuten.“
„Wow, das ist ja phänomenal, woher hast du all diese Dinge?“
„Ich habe meinen Kühlschrank geleert, weil ich doch Einkaufen gehe. So haben wir zum Frühstück etwas mehr.“
„Du scheinst ja gut ausgestattet zu sein.“
„Logisch, nur vom Feinsten. Freust du dich schon auf den Speicher?“
„Na klar, ich werde allen Mut zusammennehmen.“
„Das find ich toll, du wirst also nachholen, was du früher versäumt hast.“
„Na klar. Wie viel Aufgänge gibt es denn überhaupt?“
„Ich konnte bisher nur zwei finden. Einen gleich neben dem Salon, einen weiteren im Westflügel.“
„Da werde ich wohl besser den hier nehmen, so kann ich auf unserem Wissen von diesem Stock aufbauen. Die Schlüssel stecken doch sicher an der Speichertüre, oder?“
„Nein ich werde sie dir geben, der Speicher war bis jetzt immer verschlossen.“
„Bitte sei vorsichtig, nicht das du irgendwo durchbrichst. Ich gehe mal voraus und zeige dir den Aufgang.“ Barbara sperrt eine schmale Türe auf, dahinter geht eine steile Treppe nach oben. Was mich erwartet verschlägt mir den Atem. Keine Spinnweben, alles sauber. Über einigen Möbeln hängen alte Bettlaken. Es muss noch einen größeren Aufgang geben, denn die großen Möbel können unmöglich durch die schmale Türe hier heraufgekommen sein. Ich sehe nach einem Lichtschalter und tatsächlich, hier ist einer. Ein Versuch, es geht. Eine Neonlampe beginnt zu flackern, dann ist es Taghell.
Barbara meint, „Sieh mal ein toller Ledersessel.“
„Schau mal zu mir ein wunderbarer alter Schrank. Das hättest du dir wohl nicht träumen lassen.“
„Nein ich bin platt.“
Ein alter Schreibtisch. Eigentlich wirkt dies nicht so, als müsse man hier Angst haben. „Lass uns mal in den nächsten Speicher gehen.“ Wir gehen auf die nächste Türe zu, aber sie ist versperrt. „Der Schlüssel könnte im Schreibtisch sein“, meint Barbara.
„Ja, du hast Recht, hier ist ein ganzer Schlüsselbund.“ Gleich der Erste passt. Im nächsten Abteil sieht es nicht ganz so fröhlich aus. „Noch eine Türe, dann muss ich aber fahren“, sagt Barbara.
„Hier könnte man richtige tolle Appartements bauen.“
„Du wirst dir schon was einfallen lassen, aber ich muss jetzt zum Einkaufen.“
„Lass bitte den Schlüssel an der Türe unten stecken.“
„Eigentlich hatte ich mit dir etwas anderes vor. Zu gerne hätte ich dich an einen Balken gebunden. Dann hättest du etwas zu tun gehabt.“ Barbaras Blick verrät, dass sie es tatsächlich vorhatte. So weiß ich inzwischen auch, was sie in der Tasche hat, die sie über ihrer Schulter trägt.
„Nein bitte, lass mich jetzt arbeiten, ich will das nicht.“
Sie meinte nur, „Okay, es gibt ja noch einen anderen Tag. Aber warte mal, für ein kleines Spiel hab ich noch Zeit.“ Barbara geht zurück in den Raum mit den bequemen Sesseln und meint nur, „Komm mal her, ich hab da eine Idee!“
Als ich zu ihr in den Raum komme, erkenne ich schon das Seil, welches sie in der rechten Hand hält. Ich bin verdutzt, aber irgendwie hab ich auf diesen Moment gewartet. „Lass uns das Spiel ein andermal machen, du musst Einkaufen fahren.“
Barbara meint aber mit Nachdruck, „Komm endlich, mach kein Theater, ich hab gerade Lust auf ein Spielchen. Setzt dich mal hierher, ich mach es auch nicht sehr fest. Gerade so, dass du es ein wenig genießen kannst.“
Bereitwillig setzte ich mich in einen der bequemen Stühle, die mit Leder bezogen sind. Barbara tritt auf mich zu. Nimmt mein rechtes Handgelenk und legt eine Schlaufe mit dem Seil darüber. Dann folgt die linke Hand. Sie beginnt damit an dem Seil zu ziehen. Es zieht sich unaufhörlich zusammen, bis meine Hände auf dem Rücken verknoten sind. Sie legt das Seil um den Rücken des Stuhles und dann zieht sie es erneut zusammen.
Sie führt das Seilende unter dem Stuhl hindurch und verknüpft es mit meinen Beinen. Ich gebe zu, es hat mich mächtig erregt und dann merke ich, dass ich fixiert bin. Es scheint so geschickt verknotet zu sein, dass ich keine Möglichkeit sehe, mich zu befreien. Barbara meint lächelnd, „Du hast jetzt viel Zeit, wenn ich zurück bin und du bist immer noch nicht frei, dann hab ich da noch eine weitere Idee. Also dann, viel Spaß bei deiner Befreiungsaktion. Es wird nicht leicht sein.“
Barbara ist schon auf dem Weg zur Türe, da dreht sie sich auf dem Absatz um und kommt nochmals auf mich zu. „Deine Augen hab ich vergessen, die werde ich dir noch verbinden.“ Sie greift sich eines ihrer langen großen Tücher und beginnt es geschickt über meine Augen zu wickeln. So…dann viel Spaß!“
„Bitte fahre vorsichtig, sonst bin ich hier für immer der Hausgeist.“
„Mach dir keine Sorgen. Tschüss, im Kühlschrank ist noch was zum Essen. Für den Fall, dass du dich befreien kannst.“
Ich höre wie sie die Treppe hinabsteigt.
Kurz darauf kann ich noch vernehmen, wie sie ihr Entchen startet. Das große Schiebetor wird geöffnet, „quietsch-quietsch“.
Kurz darauf höre ich einen Knall, es wird doch nicht die Speichertüre gewesen sein?
Aufgeregt beginne ich an dem Seil zu ziehen. Irgendwie wird es sich doch lösen lassen. Umso fester ich ziehe, umso mehr zieht sich das Seil an den Handgelenken zusammen. Ich versuche das Seil durch anheben der Beine etwas zu entspannen, aber das scheint nicht die Lösung zu sein. Barbara hat wohl das Seilende an der Unterseite des Stuhles verknotet.
Ein entkommen, erscheint völlig aussichtslos. Ich erinnere mich an meine Pfadfinderzeit und beginne mit verschiedenen Übungen.
Zuerst muss ich meine Aufregung zügeln, sonst mach ich noch mehr Fehler und das Seil wird sich niemals lösen lassen. Das dicke Tuch um mein Gesicht tut sein Übriges. Barbara muss es dreimal über mein Gesicht gebunden haben. Die Luft lässt sich nur schwierig ein und ausatmen. Ausgerechnet über meiner Nase und meinem Mund ist es extrem fest verschlungen. Ich muss mich entspannen, sonst droht mir eine Panikattacke. Ich rede mit mir und beruhige mich auf diese Art. „Es wird sich gleich lösen!“ Diesen Satz sag ich mir immer wieder und so taste ich nach den Seilenden.
Dann hab ich das Gefühl, dass sich etwas löst. Vorsichtig ziehe ich an einem Seilende und tatsächlich, es beginnt sich zu lockern. Nach einer weiteren halben Stunde, bin ich frei.
Ich streife das Tuch von den Augen und dann fällt mir die zugeschlagene Türe ein.
Ich laufe durch die Abteile und blicke die Treppe hinab, es war die Speichertüre.
Wo hat sie denn den Schlüssel gelassen? Ich gehe die Treppe hinunter und muss feststellen, dass von der Innenseite kein Griff angebracht ist.
Der Schlüssel steckt von außen. Frauen! Sie hätte sich doch denken können, dass ich den Schlüssel innen benötige. Jetzt bist du in einer blöden Lage, denke ich so bei mir. Ich versuche mich gegen die Türe zu werfen, aber die Qualität ist besser, als ich vermutete.
Ach was, die vier Stunden gehen im Nu vorüber. Wenigstens konnte ich mich befreien. So begebe ich mich wieder an meine Arbeit. Mein größtes Interesse weckt der Raum mit den Kisten.
Jetzt fehlt nur ein Stemmeisen. Wie soll ich die sonst aufbekommen, mit den Fingernägeln bestimmt nicht. Meine Spannung steigt ins Unermessliche.
Ich finde eine halbe Dachschindel, damit müsste es gelingen, den Deckel aufzustemmen. Ich glaub es nicht, der Inhalt ist eine alte Schreibmaschine und zwei alte Telefone. Jetzt bin ich aber enttäuscht. Nun die nächste Kiste, sie ist erheblich schwerer. Der Deckel wieder mit Nägeln gesichert. Muss das ein Idiot gewesen sein, fluche ich. Aber auch dieses Hindernis kann überwunden werden. Wieder finde ich nur technische Geräte, scheint ein Funkgerät zu sein.
Okay, packen wir es noch mal an, aber nach dieser Kiste mache ich erstmal eine Pause.
Vorsichtig taste ich mich voran. Eine Stahltüre, dahinter ist es Stockdunkel, absolute Schwärze kommt mir entgegen. Ich taste nach einem Lichtschalter, aha, da ist einer. Ein – Aus, nichts geht. Jetzt wäre eine Taschenlampe recht hilfreich.
Da breche ich in ein Brett ein. „Scheiße!“ Ich taste herum. Das könnte ein Deckel sein. Ein Vorhängeschloss am Boden. Irgendein Schlüssel wird doch wohl zu finden sein. Ich bin völlig außer mir, dass Wasser läuft nur so von meiner Stirn. Na endlich, es geht. Ich kann den Deckel anheben. Aber was wird darunter sein? Vorsichtig lege ich den Deckel oder besser die Falltüre um. „Scheiße!“, jetzt fluche ich schon wieder. Nur nicht in das Loch fallen. Ich setze mich auf den Rand und denke nebenbei an meine Jeans. Rutsche Stück für Stück am Rand entlang. Aha, dies muss eine Stufe sein. Keine Falltüre ohne Treppe. Alte Pfadfinderregel. Nach der ersten Stufe finde ich auch die zweite und dritte. Langsam komme ich voran. Dann eine Holzwand. „Scheiße!“ Dieses Wort verwende ich ab sofort öfter. Die Holzwand wird eine Türe sein. Ich taste alles ab, da ein Lichtschalter, klick, Licht an. Pah, so was Blödes, oben haben sie den Schalter wohl vergessen anzuschließen.
An der Holzwand angekommen klopfe ich die Wand ab, klingt irgendwie hohl. Ich versuche die aufgesetzten Leisten zu entfernen. Eine Leiste scheint locker zu sein, nein, es ist eine Geheimtüre, drehen der Leiste, offen. Aber was ist jetzt? Ein modriger Geruch, es riecht nach alter Wäsche. Es graust mir schon ziemlich. Alte Mäntel, Umhänge, es kann alles sein. Ich muss mich überwinden, hineinzugehen. In diesem Moment, wo mein Fuß den Boden berührt, geht eine weitere Türe auf.
Ich bin erstaunt. Eine Kapelle. Sehr gepflegt, viele Figuren sind mit weißen Tüchern abgedeckt. Eine soeben gelöschte Kerze, ich gehe sofort darauf zu, sie ist noch warm, das Wachs butterweich. Was wird hier gespielt? Mein Blick geht automatisch zur Eingangstüre, sie steht noch halb offen. Ich stürze darauf zu, aber niemand ist zu sehen. Ich betrachte mir die Kapellentüre von draußen.
Nun steh ich im Innenhof und möchte zu gerne wissen, was das alles bedeutet. Vielleicht ist ja Barbara zurück. Ich gehe zum Salon, kann aber nirgends jemand entdecken.
In meinen Gedanken taucht immer wieder die Person auf, die ich zu sehen glaubte, am ersten Morgen, im Innenhof. Die Person mit Kapuze. Ich will mir die Mäntel in der Kapelle nochmals ansehen.
Als ich zur Kapellentüre komme ist diese verschlossen. Meine klare Meinung, hier geht es nicht mit rechten Dingen zu, aber ich bin nun ganz sicher, dass eine weitere Person im Gebäude leben muss. Mein Bedürfnis mich zu duschen, kann nicht länger auf sich warten. Im Badezimmer entschließe ich mich zu einem Vollbad. Ach, ist das angenehm.
Wie spät ist es denn eigentlich schon? Ich erschrecke, sechs Uhr. Nun ist Barbara ja schon mindestens drei Stunden überfällig. Na ja, vielleicht hat sie ja ihre Freundin getroffen, dann ist eine Verspätung selbstverständlich. Ich ziehe nur noch den Bademantel über und verzichte auf großes Tamtam. Im Salon drehe ich noch eine Kurve über die kleine Küche, mal sehen, was noch zu essen und trinken da ist. Ich schnappe mir ein Bierchen und zwei Scheiben Wurst. Ich schalte den Fernseher ein. Es dauert nur wenige Minuten und ich schlafe davor ein. Irgendwann um Mitternacht, schleiche ich mich in mein Schlafzimmer. Noch einen Blick in den Hof. Ich sehe Licht in der Wohnung von Barbara. Völlig verschlafen, denke ich, sie ist aber spät gekommen.
Wie immer wache ich gegen sechs Uhr auf. Ich döse ein wenig vor mich hin.
Werfe einen Blick in den Hof und siehe da, die Kapellentüre steht offen. Ich ziehe mir meine Trainingssachen an, ab in den Hof. Vorsichtig gehe ich auf die Türe zu. Ich kann Kerzenlicht erkennen. Eine Person steht oder kniet, genau erkennen kann ich es nicht. Vorsichtig gehe ich hinein. Die Person erschreckt furchtbar. „O Gott, wie können sie mir das antun.“ Trotzdem bin ich überrascht, sie ist keineswegs erstaunt mich hier zu sehen. „Darf ich mich vorstellen?“
„Ich kenne sie schon, meine Tochter hat mir von ihnen erzählt, so konnte ich sie mehrmals im Hof beobachten.“
„Ihre Tochter hat sie mal erwähnt. Sie sind also Barbaras Mutter?“
„Ihre Tochter ist wohl noch nicht zurückgekommen?“
Kapitel: 6 Sie hatte einen Unfall
„Sie hatte einen Unfall.“
„Ist sie verletzt?“
„Sie hat nur am Telefon gesagt, sie wird ein paar Tage im Krankenhaus sein.“
„Sie haben hier also Telefon.“
„Ja selbstverständlich, wir sind hier doch nicht hinter dem Mond.“
„Darf ich mal telefonieren?“
„Das geht leider nicht, meine Tochter hat das Betreten ihrer Räume ausdrücklich verboten.“
„Verstehe, wie machen wir das mit dem Essen?“ „Ich werde ihnen etwas vor die Türe stellen.“ „Das ist aber sehr freundlich. Ich würde mich mit ihnen gerne mal unterhalten.“
„Nein, das will ich aber nicht. Meine Tochter wird ihnen erzählen, was sie wissen sollten, aber mehr auch nicht.“
„Bitte entschuldigen sie nochmals mein plötzliches Auftauchen, und dass ich sie so erschreckt habe.“
„Bitte lassen sie mich jetzt in Ruhe beten.“ Eine seltsame Frau. Wie alt wird sie wohl sein? Nachdem ich sie nur kniend gesehen habe, kann ich auch nicht auf ihre Statur schließen. Aber sie hatte einen dieser seltsamen Mäntel an, so wie ich sie im Kapellenschrank gesehen habe. Diese Kapelle werde ich mir noch genauer ansehen, ich glaube sie birgt mehr als sie so scheinen lässt. Ich entschließe mich erstmal zu frühstücken. Mal sehen, was es überhaupt noch zu Essen gibt. Der Kühlschrank ist so gut wie leer. Oder sagen wir es positiv, er ist nicht mehr sehr voll. Kaffeemaschine an und Milch habe ich auch noch genug. Ich richte es mir gemütlich ein und lese nebenbei die inzwischen gefertigten Pläne. Nun bin ich soweit, dass ich nun die Pläne aufeinander legen kann. Ich werde meine Arbeit auf jeden Fall im Speicher fortsetzen. Ach ja, der Speicher, wie gut, dass ich mich befreien konnte. Es wäre Fatal gewesen, jetzt wo ich weiß, dass Barbara einen Unfall hatte.
Ich stehe erneut an meiner Falltüre. Ich leuchte den Raum nun richtig aus, kann sehen, dass die Falltüre ziemlich in der Raummitte ist. Ich verschließe die Falltüre, diesmal ist mir die Technik ja bekannt. Der nächste Raum gibt mir Hoffnung, endlich mit der übrigen Welt wieder Kontakt aufnehmen zu können. Hier sind ein Funkgerät und ein Radio installiert. Die Antennen sind perfekt. Ich hole also mein Handy und mein Navigationsgerät. Endlich kann ich was von der Umgebung sehen, dieser Raum ist der erste, der eine richtige Dachgaube aufweist. Ich öffne das Fenster und ein frischer Luftzug kommt herein. Nun endlich, normale Arbeitsbedingungen.
Ich schalte das Radio ein, ein mindestens zwanzig Jahre altes Gerät, aber es funktioniert. Bei Radiomusik lässt es sich doch gleich viel angenehmer arbeiten. Ich suche mir ein Kabel, dieses zerschneide ich, die nun freigelegten Kabel verwende ich um eine Verbindung zu meinem Handy herzustellen. So gebastelt habe ich schon lange nicht mehr. Ich hoffe nur, dass ich keinen Kurzschluss baue.
Nach etwa zwei Stunden, der erste Funkversuch. Ich habe Empfang. Zuerst rufe ich meinen Freund in Berlin an. Ich erzähle ihm die ganze Story. Er lacht sich schief.
„Gib mir mal deine Peilung, dann kann ich dir sagen wo du dich befindest.“ Ich gebe ihm Längen und Breitengrad. „Also ich kann dir so viel sagen, du bist sehr nahe an der polnischen Grenze. Der nächste Ort ist in Richtung Westen etwa siebenundzwanzig Kilometer entfernt. In Richtung Osten, also in Richtung Polen, hast du nur Sumpfgebiete. Bitte bleib mir erhalten und meide diese Richtung.“ „Sag mal könntest du mich besuchen kommen?“
„Die nächsten drei Wochen völlig unmöglich, ich habe wie du weißt immer noch mein Projekt in Berlin fertig zu stellen. Wir werden am besten so verbleiben, wenn ich kurzfristig mal Zeit für ein langes Wochenende habe, sende ich dir eine SMS.“
„Super Idee. Es wäre mir lieber, wenn wir zukünftig per SMS in Verbindung bleiben. Barbara hat keine Ahnung, dass ich Kontakt zu dir habe.“
„Okay, bitte sei vorsichtig, wenn man dir die Augen verbindet, du weißt nie was anschließend folgt.“ Nach ausgiebigem Gelächter verabschieden wir uns. Ich hole noch mein Fernglas und genieße den Ausblick in die Ferne. Nur Wald und in der Ferne, flaches Land. Dieser Blick sollte nach meiner Peilung in Richtung Osten gehen.
Mein nächster Blick soll zwei Kisten gelten, welche sich unter der Dachschräge befinden. Sie sind unheimlich schwer. Trotzdem will ich sie richtig öffnen können. Ich ziehe mit aller Kraft und tatsächlich kann ich sie bewegen. Es gibt kein Vorhängeschloss, der Deckel ist mit Nägeln verschlossen. Nachdem ich nun mit Werkzeug gut ausgestattet bin, dauert es nur Minuten bis der Deckel entfernt ist. Zum Vorschein kommen Maschinenteile. Die Teile sehen nach Motorteilen aus. Ich entschließe mich sie genauer zu betrachten. Hier liegt auch ein dickes Kuvert. Nach dem Herausnehmen des Inhalts, sehe ich mehrere Zeichnungen für den Bau eines Motors. Ich vergleiche die Teile mit der Zeichnung und darf die erfreuliche Feststellung machen, dass es sich um einen zerlegten Motor der Marke Horch handelt.
Mein Forscherdrang war nicht mehr zu bremsen. Die Türe steht offen.
Meine Stablampe bestätigte meinen Verdacht, Kotflügel, Kühler, Ledersitze. Ich hatte ja schon viel darüber gehört, dass so mancher Besitzer seine wertvollen Autos einmauerte oder zerlegte um sie vor Plünderung zu schützen.
Heute fallen diese Entdeckungen unter den Namen „Scheunenfund“. Ich vermutete, dass ich hier etwas ganz Besonderes gefunden habe.
Meine Gedanken kreisten nur noch um zwei alte Karren der speziellen Art. Die Fahrgestelle, wo sind sie geblieben? Ich hob noch einige Planen auf, immer dasselbe, Blechteile. Im Lageplan verzeichnete ich „Schrott“. Völlig aufgelöst, versperrte ich die eine und anschließend die andere Türe. Ich blickte in den Hof und sehe vor meiner Eingangstüre einen Korb stehen. Sie hat mich nicht vergessen. Im Korb finde ich ein richtig leckeres Essen. Schnitzel, Bier und gutes Landbrot. Ich verziehe mich in den Salon und beschließe, den restlichen Tag um das Anwesen zu wandern. Aber zuerst mal einen ausgedehnten Mittagsschlaf absolviere. Es geht mir super, in Gedanken baue ich die Fahrzeuge bereits zusammen. Ich sehe mich schon über die Alleen Mecklenburgs gondeln, mit einem Brotzeitkorb und Barbara an meiner Seite, vielleicht mit einem großen Strohhut und einem lang wehenden weißen Schal. Kräftiges Klopfen reißt mich aus meinen Träumen. „Herr … meine Tochter lässt ihnen ausrichten, sie müssen erstmal ohne sie auskommen. Sie muss noch drei Tage im Krankenhaus bleiben. Ein Fuß scheint in Gips zu sein. Ich soll ihnen ausrichten, Unkraut vergeht nicht.“
„Vielen Dank für ihre Mühe.“
„Das hab ich doch gern gemacht.“ Ihr Ton ist nun nicht mehr so ablehnend, eher freundlich. Ich nehme es gerne zur Kenntnis. Gegen Nachmittag spaziere ich nun durch das große Tor und befinde mich in einer Art Außenring. Ich gehe soweit bis ich ein Tor in der Außenmauer ausmachen kann. Es ist total verrostet. Von innen mit einigen Eisenstangen gesichert. Hier ist sicher die letzten zwanzig Jahre keiner mehr durchgegangen. Ein wildes Gewächs rankt sich in dem reich verzierten Tor hinauf. Dann finde ich ein weiteres Tor, welches in den Innenhof führt.
Ebenfalls absolut fest verschlossen. Dies weckt mein besonderes Interesse, sofort fallen mir die zwei Fahrzeug-Fahrgestelle ein, welche mir zu meinem Puzzle fehlten. Hier muss ich rein, koste es was es wolle. Neben dem großen Tor gibt es noch eine kleinere Türe. Die müsste zu knacken sein. Nach einer halben Stunde hab ich es geschafft. Vorsichtig öffne ich die Türe.
So lange kann es nicht her sein, die Scharniere sind weder verrostet, im Gegenteil, sie sind sogar mit Öl verschmiert. Also, schließe ich daraus, dass diese Türe benutz wird. Es waren Hallen, in denen die Fahrzeuge gewartet wurden. Zwei alte Lastwagen stehen dort. Mercedes, ältere Baujahre. Für LKW-Fans sicher Juwelen. Aber ganz hinten am Ende der zweiten Halle glaube ich zwei Fahrgestelle ausmachen zu können. Hier muss ich auf jeden Fall noch mal her. In der Zweiten Halle sehe ich noch eine weitere Türe, welche aber mit Kartons zugestellt ist. Ich öffne die Türe und komme in eine kleine Garage. Hier steht etwas, mit Leinentüchern zugedeckt, könnte noch ein Auto sein? Ich lüpfe die Tücher und traue meinen Augen nicht. Ein vollständig erhaltener Mercedes SSK. Das Fahrzeug ist stark eingestaubt, hier hat sicher niemand die letzten zwanzig Jahre nachgesehen. Es fängt an zu dämmern, ich muss zusehen dass ich rechtzeitig zurückfinde. In meinem Zimmer angekommen, hole ich meine selbst gefertigten Pläne und versuche die Lage der Garagen anzumerken. So langsam wird mir klar, dass es ein Lebenswerk sein wird, hier eine klare Linie zu schaffen. Ich höre jemand rufen, ich gehe in den Gang und da steht die ältere Dame von gestern. „Guten Abend, ich habe mit meiner Tochter gesprochen, sie lässt ihnen viele Grüße ausrichten. Sie wird morgen oder übermorgen kommen. Sie wird von ihrer Freundin hergebracht. Sie hat ein Bein in Gips und diverse Kratzer und Pflaster an den Armen und im Gesicht.“
„Das tut mir aber Leid“, entgegne ich spontan. „Sie sind doch ihre Mutter?“ „Ja so ist es.“ „Wohnen Sie schon immer hier?“ „Na ja, ich soll ja nichts sagen, aber meine Tochter hat gesagt, ich könne Ihnen vertrauen. Also will ich Ihnen so viel verraten, wie sie wissen können. Ich lebe hier seit sechzig Jahren, während der Kriege war ich immer die Köchin, so hatte ich wenigstens zu essen. Die Besatzer waren nicht immer höflich, auch teilweise sehr grob, wenn Sie verstehen was ich meine. Aber jetzt bin ich in einem Alter, wo mir die Ruhe gut tut. Mein Wissensdurst hält sich in Grenzen. Aber nun muss ich wieder nach meinem Schwager sehen, es geht ihm sehr schlecht. Aber er ist ja auch schon vierundneunzig Jahre alt. Hier ist Ihr Abendessen, jetzt hätte ich es beinahe wieder mitgenommen.“
„Vielen Dank und ich hoffe, Sie können mir noch ein wenig bei meinen Nachforschungen helfen.“
„Ich darf ihnen einen Tipp geben, aber sagen Sie nicht zu meiner Tochter, dass Sie es von mir wissen. Sehen Sie mal in den Rollschrank am Speicher. Es wird ihnen helfen.“
„Vielen Dank und gute Nacht, grüßen sie bitte ihren Schwager.“
Das war wohl der Tipp, den ich gebraucht habe. Meine Brotzeit verschlang ich, mein Hunger kam erst bei dem Anblick, eines schönen Schnitzels, der Wein gab mir den Rest. Eigentlich war ich viel zu müde, aber einen einzigen Blick wollte ich doch noch werfen. Mit der Taschenlampe unter dem Arm ging in Richtung Speichertüre. Da hörte ich Schritte, die sich aus dieser Richtung schnell entfernten. Ein Schatten, er war nicht mehr zu sehen. Es gibt also noch jemanden, der sich für die alten Dinge interessiert. Ich höre noch entfernt jemanden eine Treppe herunterlaufen. Das gefiel mir weniger. Sofort kontrollierte ich alles in meinem Zimmer. Zuerst mein Handy mit dem Navi. Ich steige in den Speicher. Alles da, er hat es wohl noch nicht entdeckt. Ich muss es besser verstecken. Aber eine SMS ist auf dem Handy. „Sei vorsichtig, es könnte noch einige „Aktive“ in deiner Behausung geben. Bewaffne dich wenn möglich, wenigsten mit einem Knüppel.“ Ich grinste, dies war der Humor von Richard, eigentlich sagen wir nur Richi zu ihm. Wir kennen uns noch aus der
Sturm-und-Drang-Zeit aus München. Okay - das war wenigsten ein Hinweis. Der Schreck in der Abendstunde!
So jetzt aber noch einen Blick in den Rollschrank. Hier muss er gewesen sein, denn beim letzten Mal, als ich den Rollschrank sah, war alles sehr ordentlich. Nun lagen einige Ordner verstreut herum. Ich fing an, in den Ordnern zu blättern. Es sind Personal-Ordner. Da sehe ich doch einfach mal unter „Reinertshagen“ nach.
Wo ist „ R“? Hier liegt ein Ordner, ganz in der Ecke. Ich blättere darin, der Papierstaub lässt mich kräftig niesen. Da, eine richtig fette Personalakte. Mit Hans Georg als Vorname, aber da, eine zweite Akte, Hans Werner. Es waren wohl Brüder. Aber welcher ist nun Barbaras Vater und welcher der Onkel? Ich nehme die Akten einfach mit auf mein Zimmer, das erscheint mir erheblich bequemer, außerdem steht da mein Wein. Ich studierte die beiden Akten, eigentlich ist es seltsam, dass sich der Onkel diese nicht schon längst besorgt hat. Oder war er so ordnungsliebend, das er in seiner eigenen Registratur keine Unordnung duldete? Also, es war wohl so, dass der Onkel das Ekel der Familie war. Er hatte die gesamten Jahre das Kommando. Der Bruder hatte nur untergeordnete Arbeiten zu tun, sich um die Fahrzeuge zu kümmern, er war wohl der Praktische von beiden, und vielleicht nicht so fies veranlagt. Ich blättere einfach mal nach dem Zufallsprinzip und stoße auf den Namen Reinbacher. Hier ist ein Sterbedatum, Moment mal, der war ja gerade mal zweiunddreißig Jahre. Bei Verhör, Herzinfarkt. Na, da kann man sich ja einen Reim darauf machen. Verhört wurde er vom Onkel. Ich lege die Unterlagen bei Seite und nehme einen kräftigen Schluck. So, noch Duschen und ab in die Koje.
Inzwischen ist es bereits halb zwölf. So gut hab ich schon lange nicht mehr geschlafen. Das Frühstück halte ich kurz. Für diesen Tag habe ich mir die andere Seite vorgenommen. Im Speicher angekommen, schlage ich den Weg nach links ein. Wo ist denn hier der Lichtschalter, ich nehme meine Taschenlampe und leuchte den Raum ab. Auf der anderen, gegenüberliegenden Seite entdecke ich gleich mehrere Lichtschalter in einer Reihe. Der Raum ist ziemlich vollgestellt. Wiederum Kisten, aber auch einige Schränke. Die Schränke erscheinen mir am leichtesten zu öffnen. Alles voller Kleidung, Uniformen, Stiefel und Helme. Sieht nach Ausgehuniformen aus. Mein Interesse wird nun durch die verschiedenen Uniformen geweckt. Es sind welche von der SS und auch Polnische Uniformen sind darunter. Die nächste Türe ist nicht verschlossen, das Licht befindet sich an der Türe. wie angenehm.
Dieser Raum hat keine Seitenwände, keine Raumteiler, wie ich sie in den anderen Räumen vorgefunden hab. Diese Seite des Speichers hat also nicht viel gebracht. Ich will nochmals in den alten Teil des Speichers zurückkehren, mir den Rollschrank und noch die verbleibenden Kisten betrachten. Der Rollschrank ist noch wie am Vortage. Es ist immer dasselbe. Protokolle von Vernehmungen, einige endeten mit Herzinfarkt. Andere enthielten Urteile mit Verbringung in ein Lager. Auch sofortige Erschießung kam vor. Die Ausführung der Befehle fand wohl im Innenhof statt. Was muss hier alles passiert sein.
Es folgen Landkarten und Papierrollen, wieder gleiches Bild. So ging ich Rolle für Rolle durch. Ganz unten in der Kiste ein Plan, so etwa einen Meter auf einen Meter fünfzig. Ich breitete ihn aus. Siehe da, verschiedene Anwesen. Sie waren feinsäuberlich verzeichnet. Sie bilden einen Kreis, verteilt über Mecklenburg-Vorpommern. So jetzt wird die Sache ja recht interessant, die Unterlagen stammen aber aus der Zeit der ehemaligen DDR, also zu Zeiten von Honecker.
Diese Anwesen, waren wohl alle mit einem privaten Telefonanschluss vernetzt. Dies geht wenigstens aus dem Plan hervor. Ein Blick auf die Uhr, da werde ich doch noch die zweite Kiste inspizieren. Diese offenbarte das Langersehnte. Endlich Pläne von diesem Anwesen. Die wichtigsten vier Rollen schnappe ich mir unter den Arm und nahm sie mit auf mein Zimmer. Den Speicher verschließe ich gründlich. Jetzt habe ich viel Arbeit vor mir. Bin gespannt, welche Überraschung auf mich warten.
Ich kann es kaum glauben, es muss noch einen Keller geben. Nicht unter dem ganzen Anwesen, aber trotz alledem gewaltig groß. Ein Gewölbe, wenn also die Maße nur annähernd stimmen, wie unter einer Kirche. Ich gehe mit dem Plan auf den Gang und vergleiche mit den verschiedenen Eingängen. Der größte Kellereingang befindet sich also neben Eingang „A“. Dies würde bedeuten, dass ich nur durch die Räume von Barbaras Teil Zugang bekommen könnte.
Bei „F“ hat es wohl auch mal einen Zugang gegeben. Ich muss einen Kellereingang finden. Was wird mich dort erwarten? Ein wenig Gruseln wird es mich sicher. Vielleicht steht einiges unter Wasser. Fragen über Fragen. Ach, da bin doch ganz froh, dass Barbara noch ein wenig verhindert ist. Gerade als ich mich umdrehen will, sehe ich im Hof eine Person. Die alte Dame ist es nicht. Die Person kommt aber aus dem privaten Teil. Ich schätze eher ein „Er“, vielleicht 35 Jahre alt, könnte aber auch jünger sein.
Er hat einen Gehfehler, vielleicht Kinderlähmung, vermute ich. Er zieht deutlich sein rechtes Bein nach. Auch seine Körperhaltung ist nicht gesund. Ich höre ein leises Rufen. Ach, ich hatte es völlig vergessen, die alte Dame bringt das Abendessen. Ich laufe ihr entgegen und bedanke mich. „Haben sie was von Barbara gehört?“
„Ja sie wird wohl morgen kommen. Aber sie wird für sie keine große Hilfe sein. Aber vielleicht kann ihnen ja ihre Freundin Betti zur Hand gehen.“ Da hat mir doch die nette Dame wieder eine Flasche Wein eingepackt. Ein Zettel liegt ebenfalls dabei. „Gehen sie den Gang im Speicher weiter, bis sie in den Westteil kommen.“ Mein morgiges Programm, stand also fest. Speicher ohne Ende. Auch in den unteren Räumen bin ich ja noch nicht wirklich ganz herum.
Da muss es noch einige Räume geben. Ich richtete mir einen schönen Abendtisch, köpfte die Flasche, sogar mit einer Tischdecke, diesen Luxus gönnte ich mir heute. Später werde ich mich in den Salon begeben und noch ein bisschen Fernsehen. Ich höre Schritte auf der Treppe und sehe eine Person. Er hat mich jetzt ebenfalls gesehen und hat gemerkt, dass ich ihm nichts will. Sicher wird er den Kontakt suchen, vor allem, da ja die Dame das Abendessen gebracht hat. Dies hat er sicher beobachtet.
Diese Nacht sollte meine schlimmste Nacht werden, die ich jemals in einem alten Gehöft erlebt habe. Kurz nach dem Einschlafen hörte ich laute Schreie. Ich glaubte Stimmen von mehreren Personen zu hören. Einige wimmerten laut und unmissverständlich. Sie wurden wohl gequält. Ich musste sofort an die Liege und den Stuhl denken. Sind sie zurückgekommen oder haben sie sich vor mir versteckt? Ich weiß es nicht. Den Stimmen nach sind es Hunderte von Menschen. Ich sprang auf und rannte zum Fenster, welches zum Hof geht. Ich konnte aber keine Personen erkennen. Auf dieser Seite sind sie wohl nicht, so vermute ich wenigstens. Es gibt also noch andere Zugänge und Räume. Dann Schüsse, eine Hinrichtung? Es wird sehr leise. War der Spuk vorbei, oder kommt es noch schlimmer? Was ist passiert, war es ein Alptraum? Ich habe es niemals herausgefunden, was sich hier tatsächlich abgespielt hat. Ich starre an die Decke und beginne zu überlegen, ob ich diesen Auftrag wirklich annehmen soll.
Macht mich dieses Anwesen noch verrückt? Sollte ich besser abreisen? Ich drehe mich nochmals um und schlafe ein.
Am nächsten Morgen verdräng ich die Gedanken an die letzte Nacht und richte mir alles, um den Speicher zu untersuchen. Nun stand ich erneut vor einer Türe. Es war eine Eisentüre. Zwei Riegel sicherten den Zugang, so, wie sie in allen Kellern in der Kriegszeit anzutreffen waren. Sie wurde sicher vor nicht allzu langer Zeit geöffnet. Sie ließ sich ohne Knarren aufschieben. Dahinter befand sich ein komplett ausgebauter Speicher, eigentlich schon eine Wohnung. Neue Fenster, ein Badezimmer, Küche. Einfach toll, ich war sprachlos.
Aber warum meinte die alte Dame, ich müsse mir diesen Raum genauer ansehen. Zuerst kam mir der Gedanke, diese Wohnung liegt über der Wohnung von Barbara, aber ein Blick in den Hof, verriet Anderes.
Am Ende des Ganges kommt wieder eine Eisentüre. Hier fand ich ein Treppenhaus, das nach unten führt. Aber es gab auch eine Türe zu einem weiteren Speicher. Ich entschloss mich, den Speicher zu betreten.
Ein sehr ordentlicher Raum mit einigen abgedeckten Gegenständen, vielleicht Möbel? Aber ich irrte. Ich hob die erste Plane hoch und fand ein großes Ölbild. Ob das echt ist? Ziemlich alter Schinken, urteilte ich respektlos. Von welchem Maler wird es sein? Eine riesige Sammlung wertvollster Gemälde. Ich vermutete Kriegsbeute. Aber warum macht mich die alte Dame darauf aufmerksam? Ich finde keine Erklärung. Es befindet sich noch ein weiterer Raum im Anschluss an diesen.
Einige Regale stehen wie Soldaten an der Wand aufgereiht, der Inhalt ist mit Zeichnungen vollgestopft. Auch Papiere für die Fahrgestelle kann ich erkennen. Es hat wohl jemand beim Zerlegen vor dem Krieg Notizen gemacht, damit man diese Fahrzeuge später wieder zusammenbauen kann. Es sind Vermerke vorhanden über die Lagerung der Teile. Die Unterlagen nehme ich an mich, damit sie nicht in falsche Hände kommen.
Kaum in meinem Zimmer angekommen, höre ich die große Eisentüre im Hof quietschen. Anscheinend kommt Barbara. Ich werfe einen Blick in den Innenhof, tatsächlich fährt ein Auto direkt neben die Eingangstüre von Barbaras Anwesen. Eine junge Frau steigt aus, dies muss wohl ihre Freundin Betti sein. Sie geht um das Auto herum, hilft Barbara aus dem Wagen. Oh Gott, es hat sie schlimm erwischt. Sie wird wohl noch einige Zeit brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen.
Kapitel: 7 Hallo ich bin Betti
„Hallo, ich bin Betti.“
„O Gott, jetzt haben sie mich aber erschreckt.“
„Tut mir leid, dass kommt durch die Turnschuhe.“
„Hi, ich bin Manfred, meine Freunde nennen mich Fredy. Sie müssen die Freundin von Barbara sein.“
„Ja, so ist es. Ich bin mit Barbara aufgewachsen.“
„Sind sie heute das erste Mal hergefahren?“
„Ja, sehend schon. Sie wissen ja, oder durften sie sehen?“
„Nein, ich habe das Spiel mitmachen dürfen. Wie geht es denn Barbara?“
„Ach, sie ist zäh. So wie ich sie kenne, wird sie morgen versuchen die Treppen zu erklimmen. Den Wein soll ich schon mal vorbei bringen. Das Abendessen kommt später, soll ich ausrichten.“
„Ich werde die Zeit nutzen, um zu duschen und mich ein wenig frisch zu machen, jetzt sind ja wieder Damen im Haus.“
„Okay, bis später.“ Meint Betti, aber dann dreht sie auf dem Absatz um und kommt nochmals zurück. „Ich hab ganz vergessen dich ordnungsgemäß zu begrüßen!“
Betti legt ihre Arme um meinen Hals und beginnt mich zu küssen. Eigentlich hätte ich erwartet, dass sie mir ein Begrüßungsbussi gibt, aber weit gefehlt. Es war ein lang anhaltender Zungenkuss. Richtig mit Leidenschaft und so. Dann verschwindet sie, ohne einen Kommentar abzugeben.
Nach zwanzig Minuten Entspannung begebe ich mich in den Salon. Ich höre schon dass Klappern von Geschirr. „Kann ich noch helfen?“, frage ich.
„Klar, du kannst die Gläser rüberbringen und den Wein auf den Tisch stellen, nimm bitte noch etwas Eis mit. Wasser brauche ich jetzt auch dringend, bitte eine große Karaffe“, erwidert Betti.
„Hast du sonst noch Wünsche?“ fragt sie so ganz nebenbei, als würde sie auf eine bestimmte Antwort warten. Aber ich bleibe sie ihr schuldig. Auf keinen Fall will ich Komplikationen mit Barbara. Betti hat wohl vor, sich in den Vordergrund zu spielen.
„Wenn du das Tablett noch rüber trägst, bin ich zufrieden.“
„Wie sieht es mit Besteck aus, oder machen wir es mit den Fingern?“
„Das kannst du halten wie du willst. Für mich aber bitte Besteck.“ Ich lege noch eine Tischdecke auf und hole Servietten. Bei dieser Arbeit beobachte ich Betti, was hat sie vor?
„Toll machst du das, deine Frau hat dich gut erzogen“, meint Betti mit einem verführerischen Lächeln.
Ich enthalte mich jeden Kommentars. „Was hast du denn zu bieten? Ich meine jetzt das Fernsehprogramm, damit es keine Missverständnisse gibt.“
„Ach so, ich dachte schon du wünschst eine Tanzeinlage“, antwortet Betti, inzwischen wirkt sie etwas abwesend. Wer weiß, an was sie gerade denkt.
„Leider gibt es hier keine CDs, sonst könnte man ja auch mal Musik hören.“
„Was machst du denn beruflich?“ Frage ich Betti.
„Babs und ich sind Kolleginnen. Wir arbeiten im selben Amt und sind für die alten Gebäude zuständig, besonders die noch in staatlicher Hand sind.“
„Eine schöne Arbeit, macht sicher viel Spaß.“
„Wie man es nimmt, wir müssen ständig Kompromisse machen. Dieses Anwesen ist ebenfalls schwer ein zu ordnen. Es ist kein Schloss, auch kein Landgut, schon eher eine Festung.“
Betti will nun wissen, „bist du für länger hier?“
„Keine Ahnung, vorerst hab ich erstmal Urlaub genommen.“
Ich erzähle weiter von meinen Beobachtungen. Betti gähnt, sie scheint müde zu sein.
„Es wird spät, lass uns morgen weiter machen, ich muss jetzt ins Bett.“
„Okay, dann bis morgen, ich bleibe noch ein bisschen“, meine ich.
Bei offenem Fenster hab ich einen tiefen Schlaf. Erst gegen neun Uhr, wache ich auf. Als ich in Salon komme, ist bereits ein reichhaltiges Frühstück gerichtet.
„Du bist wohl Frühaufsteherin?“, frage ich Betti.
„Länger wie sieben kann ich einfach nicht schlafen.“
„Wie sieht es mit Barbara aus?“
„Sie will zum Frühstück kommen.“ „Na, da bin ich aber gespannt. Sollen wir ihr helfen?“ „Das kannst du vergessen, ihr Stolz wird sie beflügeln.“
Da höre ich auch schon jemand auf Krücken zur Türe hereinhumpeln. „Hallo, lass dich ansehen, dich hat es ja sauber erwischt.“
„Schau mich nicht an, ich habe mich gerade im Spiegel gesehen.“
„Du wirst schon wieder gesund. Nach ein paar Wochen wird alles vergessen sein. Wir werden dich tragen, füttern und deine Freundin wird dich anziehen und wickeln.“
„So stellt ihr euch das vor, aber ihr werdet euch wundern.“ Ich helfe ihr in den Stuhl. „Deinen Humor hast du aber nicht verloren, das ist das Wichtigste. Erzähl doch mal wie alles kam.“
„Er kam ganz einfach aus dem Wald.“
„Was denn?“
„Der Traktor mit dem Baum. Ich nahm meine alte Abkürzung. Ich brauste den Waldweg entlang, als ein Traktor mit einem Baum mir in die Quere kam. Auf Waldboden zu bremsten hast du sicher nie versucht, also lass es bitte. Ich krachte voll in den Traktor. Als ich wieder aufwachte, war Betti am Krankenbett. Eigentlich hab ich ja noch Glück gehabt. Sie sagten mir, dass alles noch dran sei. Auch alles verheilen wird, eine kleine Narbe wird an der Stirn bleiben. Schönheit, kann man eben nicht zerstören.“
„Komm, beiß mal ab.“ Betti erhebt Einspruch, „das ist meine Aufgabe.“
„Oh, Verzeihung, ich wollte euch nicht in die Quere kommen.“ Barbara fängt an zu lachen. „Da brauchst du nicht zu lachen, ich habe schon aus deinen Erzählungen entnommen, dass du Manfred magst.“
„Das klingt ja nach Eifersucht. Dass finde ich toll, auf keinen Fall werde ich mich zwischen euch stellen. Also bitte Betti, füttern, waschen und du weißt schon.“
Betti fährt nun etwas entspannter fort, „Ich allein werde mich um dich kümmern, dass wollte ich nur klarstellen.“
„Selbstverständlich“ ich wollte das Thema lieber verlassen, und so frage ich ob ich etwas Wäsche waschen kann.
„Schweif nicht ab, die Wäsche, nehme ich mit in die Waschküche, ich werde das für dich erledigen.“
„Das ist aber lieb.“
„Das ist eine Gefälligkeit und nicht lieb.“
„Also, ich verspreche, ich halte mich da raus. Was habt ihr für heute geplant?“
„Du sagtest gestern Abend, dass du mal die andere Seite der Garage sehen willst.“
„Ja gern.“ Barbara bittet um einen Arbeitsbericht, was ich inzwischen herausgefunden habe. Natürlich hab ich nur die Hälfte erzählt. „Dann ziehen wir mal los.“ Barbara hat sich dies wohl leichter vorgestellt. Wir nehmen sie zwischen uns.
„Hier ist nun mein Heim, du siehst es zwar nur von außen, aber du siehst, neue Fensterläden und Fenster.“ Ich merke an, „und Gardinen.“
Die Fassade ist ebenfalls neu herunter geputzt. So müsste es halt überall aussehen.
„Ich hab nur noch keine Ahnung, wie ich an Geld kommen soll.“
„Das Geld kommt mit dem Konzept, ich verspreche es dir. Ein wenig Geduld gehört natürlich auch dazu. Hier haben wir das Garagentor.“
„Diesen Teil habe ich schon als Garage für mein Entchen benützt, jetzt werde ich es hier wohl begraben.“
Wir öffnen das Tor und vor uns stehen in Reihe und Glied etwa dreißig Motorräder. „Sag mir bitte, was macht man mit so viel Schrott? Wir werden nicht mal einen finden, der dieses Zeug abholt.“
„Da bin ich mir nicht sicher, aber es gibt genügend Fans für diese Dinge, wir müssen es nur richtig anfangen.“
„Das überlasse ich dir.“ Betti, hat sich aus der bisherigen Diskussion heraus gehalten. Sie steht neben Barbara und mir und beobachtet uns sehr genau.
„Betti, was sagst du dazu?“
„Ich finde Manfred hat recht. Wir werden einen Weg finden, um das Zeug
loszuwerden, am besten über das Internet.“
„Dieser Raum war wohl eher eine Schmiede.“ Betti stöbert derweil im Schmiedegerümpel herum. Sie scheint fündig geworden zu sein, auf jeden Fall jubelt sie laut.
„Seht mal was ich hier gefunden habe.“ Sie hält einen Eisenring in der Hand, an dem eine Kette angebracht ist.
„Was soll das?“, fragt Barbara.
„Komm mal zu mir Manfred.“
Sie nimmt einen Lappen, den sie im Regal gefunden hat und wischt den Schmutz ab.
„So jetzt mal her mit deinem Hals.“ Sie legt mir das Eisen um den Hals, es schnappt zu.
„So jetzt hab ich dich an der Leine.“ Ein sehr breites Eisen, man kann den Kopf weder drehen noch knicken. „Gefällt es dir?“, fragt Betti scheinheilig.
„Ich glaube du probierst es besser selber aus. Nun mach es wieder ab.“
„Es ist eingeschnappt, wir müssen erst den Schlüssel finden“, bei diesem Satz, lässt sich ein wenig Häme nicht verbergen.
Barbara ruft noch, „das ist nicht fair“, dabei sieht zur Decke.
Sekunden später muss ich feststellen, dass die Kette über mir an der Decke befestigt war. „Was soll das?“, frage ich verärgert.
„Nur ein Spiel“, erklärt Betti.
„So jetzt mach es wieder ab, du hattest deinen Spaß“, ruft Barbara herüber.
„Ach, ich glaube wir lassen das noch ein bisschen so. Zumindest bis wir den Schlüssel gefunden haben.“
„Na dann Prost“, meine ich und will mich auf einen Eisenstuhl setzen, aber ich muss feststellen, dass die Kette zu kurz ist um mich setzen zu können.
Eine wahre Fundgrube für Liebhaber. Mit der Zeit wird mein Eisen um den Hals unbequem und ich beginne zu protestieren. „Jetzt macht endlich die Dinger ab, sonst werde ich noch grantig.“
„Grantig, da sei vorsichtig, sonst lassen wir dich hier für den restlichen Tag zurück.“
Barbara meint, „komm Betti, das muss doch nicht sein.“
„Ich bestimme!“, ruft Betti erzürnt.
„Komm lass den Blödsinn“, ruft Barbara.
„Sieh mal was hier noch auf der Zeichnung ist. Irgendwo muss das Ding doch sein.“ „Was willst du denn mit der Kugel in deiner Hand?“
„Das ist keine Kugel, das ist ein Helm. Wir werden ihn ausprobieren, ob er passt?“ Betti kommt auf mich zu, nun ahne ich bereits, was sie vorhat.
„Geht doch“, ruft sie lachend.
Ich spüre noch, wie ich einen Helm übergestülpt bekomme. Langsam wird es unbequem. Diese blöde Kuh, dachte ich mir. Wie konnte ich nur so unvorsichtig sein. Der Helm wurde langsam warm, unbequem war er sowieso.
Dann macht sich jemand an meinem Helm zu schaffen. Er wurde abgenommen. Endlich konnte ich wieder frische Luft atmen.
„Wie geht es dir denn?“, fragt Betti hinterhältig.
„Du bist schon ein schreckliches Weib.“ Betti steht vor mir, ein leichtes Grinsen um die Mundwinkel. „Jetzt weißt du, dass du vorsichtig sein musst. War es sehr schlimm?“
„Ich muss das nicht haben, aber wenn es dir Spaß gemacht hat, ist das okay.“
Inzwischen ist auch Barbara zu uns herüber gekommen. „Na, wie geht es denn unserem Aufsässigen?“
„Beschissen wäre geprahlt.“
„Sei vorsichtig, ich habe den Helm noch in den Händen“, meint Betti und dabei rollt sie mit den Augen.
Barbara will nun wissen, „Na wie war es denn, eigentlich wünschen es sich die Männer immer so. Ich könnte ja noch mal den Helm...“
„Schluss jetzt.“ Sie will es ausreizen. Betti zieht den Helm nochmals über meinen Kopf und schreit „Mund auf“ und verschließt ihn.
„So jetzt mache was dagegen“, sagt Betti zu Barbara. „Ich bitte dich, ich weiß du hast deine verrückten Tage, wo du so etwas brauchst, aber bitte nicht mit Manfred, er ist unser Gast.“
Nach ein paar Minuten, entreißt Barbara Betti den Schlüssel für den Helm.
„So nun geh! Ich werde den Helm abmachen und ihn einschließen, jetzt reicht es wirklich!“ Barbara schließt auf und entschuldigte sich für Betti. „Sie hat immer wieder solche Ausbrüche, normalerweise spüre ich es schon Tage zuvor.“
Wir treffen uns zum Abendessen, ein guter Wein steht am Tisch, keine Rede mehr vom Vergangenen. Wir gehen sofort zum Thema Gebäude über.
„Ich will euch noch von meiner Entdeckung erzählen. Ich habe in einem verschlossenen Raum einen alten Mercedes entdeckt. Er ist sicher sehr wertvoll.“ „Wie wertvoll?“, fragt Betti.
„Wir müssen einen Spezialisten befragen. Ich konnte ihn auch nur ein wenig aufdecken. Aber ein guter SSK ist bestimmt eine halbe Million wert.“
„Pah, dann hat es sich ja gelohnt, dass du gekommen bist.“
Betti fährt in die Parade, „Den hätten wir auch gefunden.“
„Warum bist du denn so angriffslustig?“ frage ich und erkläre den beiden:
„Es interessiert mich nicht, was ihr für ein Vermögen habt. Es geht mir darum, dass ihr Kapital braucht, um zu renovieren. So ein Fahrzeug kann man sehr gut verkaufen. Die zwei Lastwagen aus der Vorkriegszeit bringen auch Geld. Die Motorräder kann man versteigern lassen. So bringt ihr eine Menge Geld zusammen. Aber dies müsst ihr selbst entscheiden. Die Frage die bleibt, ist einfach, was tun mit dem Objekt? Deine Mutter und dein Onkel müssen ja auch irgendwo bleiben.“
„Na ja, da ist ja noch mein Halbbruder, der Wilhelm. Er müsste in ein Heim, da er für sich alleine mit seiner Behinderung nicht sorgen kann.“
„Also, da sind drei Personen, um die man sich kümmern muss.“
„Das finde ich echt gut, dass du so denkst.“ Kommt es plötzlich von Betti.“
„Na hör mal, man kann doch niemand auf die Straße setzen oder in ein Heim stecken.“
„So, mich müsst ihr entschuldigen, ich gehe heute früh zu Bett“, erkläre ich.
„Wieso, hattest du zu wenig Schlaf?“ Ich räuspere mich, unterlasse weitere Kommentare. „Bis morgen zum Frühstück.“ Auf meinem Zimmer angekommen, versperre ich die Türe und lege mich zu Bett.
So einen verrückten Tag hatte ich noch nicht erlebt. Ob Betti noch ganz dicht ist?
Am nächsten Tag wird schon beim Frühstück hart diskutiert. Ein wichtiger Faktor ist der Keller. „Glaubst du es gibt einen richtigen Keller?“ fragt mich Barbara.
„Sicher, auf den Plänen ist einer. Ich habe schon mal eine Türe aufgesperrt, die ich als Kellertüre vernahm, aber einen richtigen Keller, das ist neu.“
Ich hole die Pläne und erkläre sie. „Es muss nicht unbedingt stimmen, aber zumindest irgendetwas wird da sein. Wir werden versuchen, einen Eingang zu finden.“
„Wo hast du denn aufgesperrt?“, will ich wissen.
„Das war hier drüben, erklärt Barbara, im Moment stehen Bretter davor. Wir brauchen sie nur wegräumen. Betti hilfst du?“
„Ja klar, ich bin dabei. Lass uns aber den Kaffee noch austrinken.“ Anschließend ziehen wir mit einem Hammer und Meißel im Einkaufkorb von Betti los. Wo ist denn dein Kellereingang, welchen du aufgesperrt hast?“ „Der befindet sich in unserem Wohnbereich, gleich gegenüber.“
„Hinein gesehen hast du aber nicht?“, will ich wissen.
„Nein, ich habe keinen Lichtschalter gefunden und habe einfach angenommen, dass es nur ein Kartoffelkeller ist.“
Als wir einige Bretter auf die Seite geräumt haben, finden wir eine unverschlossene Türe. Da war auch schon der Lichtschalter. Zuerst verschlägt es uns die Sprache. Die Wände waren abgeklopft, also im Rohzustand. Sogar ordentlich aufgekehrt, keine Spinnweben. Sieht so aus, als wären die Maurer gestern gegangen. Wir spüren einen leichten Luftzug, hier gibt es Luftschächte, aber keine Fenster, muss ich erkennen. Im Raum stehen einige lange Holztische und die dazugehörige Bänke. So als wäre es eine Kantine. Alle sieben Meter waren Säulen und Rundbögen.
Wir vermuten, dass man mit der Renovierung angefangen hat, aber nicht weiter machte. Dies bestätigte uns der nun folgende Raum.
Hier war noch der alte Putz an den Wänden, marode, muffige Holzkästen stehen durcheinander, als hätte man sie wegen der kommenden Arbeit von den Wänden geschoben. So gehen wir auf den nächsten Raum zu. Dieser scheint unterteilt zu sein. Wir finden zuerst mal nur einen langen Gang. Links und rechts Türen.
Wir sehen in den ersten Raum auf der linken Seite.
„Sieht aus wie eine Zelle.“ Unsere Vermutungen bestätigt, als wir hineinsehen. Eine Pritsche und ein Klapptisch, mehr war hier nicht. Ich fühlte die Matratze, sie war absolut trocken, ein Schauer durchfährt mich. Ein Dunkelraum, ohne Fenster.
Jetzt erst entdeckten wir die Öffnungen in den Türen, es waren Luken, sicher zur Kontrolle. Wir lassen die Türe offen stehen und gehen zur gegenüberliegenden Tür. Der Raum bot ein ähnliches Erscheinungsbild. Wir kommen in einen weiteren Raum, hier sind niedrige Fenster und eine große Eingangstüre.
„Ich vermute mal, dass hinter dieser Türe eine Rampe ist.“
Als sich unsere Augen an das Licht gewöhnt hatten, sehen wir zwei Fahrzeuge. Große Limousinen.
„Ob die noch fahrbar sind?“ fragt Betti.
„Wir können es ja versuchen, nur mit den Nummernschildern würden wir auffallen.“ Ein Motorrad steht ebenfalls hier. „Da gibt es noch einiges zu renovieren.“
Ansonsten ist der Raum voll mit Gerümpel. Betti, ist eine Frau der Tat. Sie nimmt sich das große Tor vor. Mit einem riesigen Krach bricht sie das Tor mit eine Eisenstange auf, die sie im Gerümpel entdeckt hat. Gemeinsam ziehen wir am Türflügel. Nun kommt auch Licht in den Raum. Wir erkennen einen Vorraum, von hier gehen zwei Gänge weg. Ich nehme erstmal den rechten Gang und bin erstaunt, über lauter schmale Türen, eine neben der anderen. Da die Damen sich noch im großen Raum aufhalten, sehe ich schon mal in den ersten Raum. Ein mal ein Meter, ohne Fenster. Der zweite Raum, die gleiche Art. Sind wohl Abstellräume, aber warum dann so feste Türen?
Die Türen sind von innen gepolstert. Kein Licht, seltsam. Ich habe den Eindruck, als würde mich hinter allen Türen gleiches erwarten. Ich gehe zurück, wähle den anderen Gang. Auch hier wieder viele Türen, nur der Abstand zueinander ist größer. Ich öffne die erste Türe, hier sind Stockbetten, immer zwei, also für vier Personen. Ein Lüftungsgitter zum Gang hin. Dieses hat in den anderen Räumen gefehlt.
Nun kommen auch die Damen.
„Was habt ihr denn die ganze Zeit getrieben?“
„Wir haben uns den Oldtimer angesehen, der ist richtig schick.“
„Wir werden ihn mal aus seiner Ecke holen. Das machen wir morgen“ Meint Barbara.
„Was hast du hier entdeckt“? Fragt Betti.
„Der rechte Gang hat lauter kleine Räume, etwas seltsam. Hier im linken sind wohl Schlafräume, aber ohne Fenster. Überall sind die Lichtschalter draußen.“
Betti drängelt sich vor, „das muss ich sehen.“
„Das sind Gefängniszellen, immer für vier Personen“ Erklärt sie. Ich gehe den Gang weiter und finde einen gefliesten Raum, ganz klar ein Duschraum.
Kapitel: 8 Wo seid ihr denn?
„Wo seid ihr denn?“ rufe ich.
„Wir sind gerade in einer Zelle und lesen was an der Wand eingeritzt ist. Dies war wohl eine Art Gefangenentrakt.“
„Verrückt, wenn man sich die einzelnen Schicksale vorstellt. Wie viele sind hier überhaupt lebend wieder rausgekommen.“
„Was ist auf der anderen Seite?“
„Ihr findet dort lauter kleine Zellen.“
Ich bin nochmal zurück zum alten Mercedes, er hat mich fasziniert.
„Kommst du mal zu uns rüber, wir sind im rechten Gang.“
„Na wie findet ihr diese Räume?“
„Etwas eng“, meint Betti
„Lass mich mal hineinsehen.“
„Stell dich doch mal rein“, fordert mich Betti auf. Tatsächlich gehe ich hinein, die Türe wird geschlossen. Stockdunkel, absolut kein Lichtschein vom Gang. Ich versuche mich umzudrehen, das geht nur sehr beschwerlich. Hier haben sie wohl die Leute hineingesteckt um sie gefügig zu machen. Ich rufe nochmals, „ihr könnt jetzt wieder aufmachen“, aber es klingt sehr gedämpft. Das muss an der Türfüllung liegen. Ich klopfe dagegen, keine Reaktion. Ich stelle mir vor, was wohl ein Häftling für ein Gefühl empfunden hat, wenn er hier womöglich längere Zeit eingeschlossen war.
„Na wie findest du das? Fragt Barbara.
„Komm lass den Blödsinn.“
„Für heute werden wir Schluss machen.“
„Treffen wir uns später?“ Barbara meint, „wenn du gerne mal allein sein willst, sag es bitte.“
„Vielleicht hast du Recht, dann machen wir heute einfach mal getrenntes Abendessen und wir sehen uns morgen zum Frühstück. Wir sollten unbedingt überlegen, ob wir den kleinen Mercedes für dich richten lassen.“
Plötzlich wird die Türe aufgerissen, „Barbara Dein Onkel liegt im Sterben, hilf bitte! Wir wollen ihn nach Stralsund bringen, da gibt es einen Arzt, oder besser noch in ein Krankenhaus“ meint Barbaras Mutter.
„Ich helfe euch ihn runter zu tragen, so könnt ihr ihn ins Krankenhaus bringen.“
Ich gehe sofort mit, Betti klappte an ihrem Wagen den Sitz um. „Wir legen ihn auf den Beifahrersitz.“
Die Mutter wollte lieber daheimbleiben. „Bitte fahrt jetzt ohne mich los, ich bleibe hier, ich will lieber alleine sein.“
„Wir verstehen das“, meinte Barbara. „Wir rufen dich vom Krankenhaus aus an.“
„Junger Mann, können Sie mal zu mir kommen?“
„Ja sicher, ich komme gleich.“
„Nehmen Sie sich ein Glas aus der Vitrine und setzen sie sich zu mir, ich will Ihnen etwas erzählen. Ich muss Barbara einiges erklären, ich hoffe sie wird mich verstehen und mir verzeihen.“
„Um was geht es denn?“, frage ich neugierig.
„Sie fährt nicht ihren Onkel in Krankenhaus, sondern ihren Vater. Ich musste dies immer geheim halten, aber da ich nun spüre, dass es mit ihm zu Ende geht, muss sie es wissen. Ihr Vater und sein Bruder waren wie ein Ei dem anderen. Sein Bruder jedoch war ein brutaler und unangenehmer Mensch. Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht jemanden gequält oder sogar hingerichtet hat. Eines Tages ließ er seinen eigenen Bruder von den Wächtern abholen. Er warf ihm vor, das Land verraten zu haben. Sein Bruder war mein Mann. Sie müssen wissen, ich war mal sehr schön, sehen Sie sich ruhig die Bilder auf dem Kaminsims an.“ Ich stehe auf, und gehe zum Kamin.
„Meinen sie die Bilder hier? Das ist doch Barbara.“
„Nein, das bin ich. Mein Mann sagte auch immer, sie kommt voll nach mir. Na denken sie, mein Mann kam in den Kerker, hier im eigenen Haus. Besuchen konnte ich ihn nicht mehr. Eines Tages kam sein Bruder abends vorbei und meinte, „übrigens morgen früh lasse ich ihn erschießen. Dann ging er mit einem Grinsen im Gesicht. Am selben Abend kam er nochmals zu mir und meinte, es tut mir leid.“
An seiner Stimme merkte ich aber, dass etwas nicht stimmte. „Ich muss dir etwas erklären, bitte erschrecke nicht.“ Ich spürte die Sanftheit in seiner Stimme, als ich plötzlich seine Verletzung an der rechten Hand bemerkte. „Bist du es?“, fragte ich.
„Ja, aber es darf niemand wissen. Gestern Abend kam mein Bruder in Zivil in den Kerker. Er ging auf mich zu und meinte, damit du es weißt, ab morgen werde ich deine Frau vögeln. Daraufhin kam ich so in Rage, dass ich ihm einen Boxhieb verpasste. Er taumelte zurück und fiel an die Eisenkante meiner Liege. In diesem Moment kam mein Kumpel Gerhard vorbei, er hat alles beobachtet. Er sagt nicht viel und meinte nur, „um dieses Schwein ist es nicht schade.“ Komm beeil dich tausche einfach die Kleidung. Er half die Kleidung zu wechseln. Als sie es geschafft hatten, riefen sie die Wärter. Sie berichteten den Wärtern, dass der Gefangene den General angegriffen hätte, so blieb nur eine Möglichkeit, ihn zu erschlagen. Es war Notwehr!
Die Wärter meinten, so brauchen wir ihn nicht mehr erschießen, ließen ihn abholen und in ein Massengrab werfen.
Mein Mann, Hans-Werner, hieß ab diesem Tag Hans-Georg. Wir hielten dies natürlich geheim, ich hatte aber immer vor meiner Tochter Angst, dass sie es
herausbekommt. In den Aktenordnern hätte sie vielleicht einen Hinweis finden können. Die Jahre vergingen, als Barbara volljährig wurde, zog sie aus.“
„Was ist denn aus Gerhard geworden, er hat ja schließlich deinem Mann das Leben gerettet?“
„Er wollte so schnell wie möglich hier weg, er ließ sich nach Hamburg zur Marine versetzen. Später, hab ich nichts mehr von ihm gehört.“
„Aber dein Mann hat doch eine ganz andere Art gehabt, hat denn nie jemand etwas bemerkt, dass da was nicht stimmt.“
„Nein, er hat sich krank gemeldet, hat einen Nachfolger bestimmt. Die ganze Einheit, hat aufgeatmet. Sie dachten natürlich alle, ich hätte über Nacht die Fronten gewechselt.“
„Aber wann ist denn der Junge zur Welt gekommen“?
„Es ist nicht unser Sohn, wir haben ihn gefunden, auf einem Transport war er zwischen den Männern. Ich bat, ob ich ihm was zu essen geben dürfte. Der Transportführer meinte, nimm ihn, aber rede nicht darüber.
So kam Wilhelm im Alter von etwa zehn Jahren zu uns. Er ist noch heute verstört, hat ein Trauma.“
„Wie alt ist er denn heute“?
„Er ist inzwischen zweiunddreißig. Fast so alt wie Barbara.“
„Wie kam denn eigentlich Betti zu euch?“
„Betti stand eines Tages vor der Türe, etwa drei Jahre alt, genaues wissen wir bis heute nicht. Selbst der Suchdienst konnte keine Mutter oder Eltern ausfindig machen. Sie hatte Papiere bei sich, in denen stand, „Ich heiße Bettina Papenbruck.“
„Seitdem haben wir uns um sie gekümmert.“
„Aber von was habt ihr denn gelebt?“, frage ich.
„Ach, die Rente von Onkel Werner war sehr gut.“ Ich musste lachen, so viel Schlitzohrigkeit hätte ich ihr nicht zu getraut.
„Sie dürfen sicher sein, über meine Lippen wird nichts nach Draußen dringen.“
„Er wird sterben, ich weiß es.“
„Sie sind aber noch sehr rüstig, und ich finde, sie sollten öfter mal unter Menschen. Sie müssen mir bei Gelegenheit ein wenig mehr erzählen. Ich finde sie sehr sympathisch, wir sollten alle mal zusammen Abendessen. Aber jetzt wollen wir erstmal sehen, was aus ihrem Mann wird.“
Das Telefon läutet. „Das sind die Kinder, tatsächlich, und was gibt es Neues?“
Barbara berichtet, „Die Ärzte haben ihn an den Tropf gehängt, aber es sieht nicht gut aus. Wir kommen jetzt wieder zurück.“
„Es wird noch dauern, darf ich sie nun alleine lassen?“ frage ich vorsichtig.
„Machen Sie, ich habe nur eine Bitte, retten Sie dieses Anwesen. Ich habe so auf Sie gesetzt.“
„Ich werde mein Möglichstes tun. In den nächsten Tagen wissen wir mehr. Also Gute Nacht.“ Es fallen mir die Gespräche mit Barbara ein, so genau weiß sie anscheinend über ihre eigene Familie nicht Bescheid, man hat ihr wohl vieles bis heute verschwiegen.
Es war so um neun Uhr, als ich sie beide kommen hörte. Ich sah mir im Fernsehen gerade einen Krimi an, als die Türe aufging und Betti herein kam. „Du hattest wohl noch nicht genug von Mord und Todschlag?“, meint sie süffisant.
„Wieso, was meinst du?“
„Na, alles was du heute so gesehen hast.“
„Na ja, es hing ja nirgends eine Leiche. Ich habe vorhin lange mit Barbaras Mutter gesprochen, sie hat mir einiges erzählt.“
„Alles?“
„Ich glaube schon.“
„Na, dann weißt du ja nun Bescheid. Ich finde es gut, wenn du alles weißt, schließlich gehörst du ja nun fast zur Familie.“
Dann kam auch schon Barbara herein. Betti meint, „er weiß über alles Bescheid.“ „Ich wollte eigentlich vorschlagen, dass wir mal alle zusammen, ich meine auch mit deiner Mutter, Abendessen“, meint Barbara.
„Wir werden das in den nächsten Tagen arrangieren.“ Barbara kommt auf mich zu, „Ich habe ja völlig vergessen, dir ein Tuch um deinen empfindlichen Hals zu wickeln, damit du besser schlafen kannst.“ Barbara beginnt damit, eines ihrer großen langen Tücher aus einem Regal zu nehmen. Sie kommt auf mich zu und führt es vor. „Ich glaube, das ist für dich das richtige.“
„Was wird das denn? keift Betti sofort“
„Betti, du kannst natürlich auch eines von mir haben, damit du nicht eifersüchtig wirst.“
„Nein lass nur, nun weiß ich ja Bescheid. Hätte nicht gedacht, dass Manfred auf Tücher steht.“
Am nächsten Morgen, komme ich kaum aus dem Bett. Erst gegen neun, als Betti an der Türe steht und meinte, „willst du denn heute liegen bleiben?“, entschloss ich mich aufzustehen. Die beiden waren mit dem Frühstück schon fast fertig, als ich in den Salon kam. „Ach, sieh mal“, lästert Betti, „Er trägt dein Tuch immer noch.“
„Was steht heute auf dem Programm?“
„Wir wollten uns doch den alten Karren ansehen, ob wir ihn in Gang bringen“
Antwortet Barbara.
„Ja, irgendeine Lösung musst du haben, denn ein Auto brauchst du.“
Wir gehen gemeinsam zur Rampe und schieben die Türe auf.
Betti fährt mit ihrem Wagen in die Garage. Bei Tageslicht sieht der alte Wagen noch viel eindrucksvoller aus. Wir holen einen Besen und den Wasserschlauch. Wir sind richtig begeistert, es kommt ein kleiner Traum zum Vorschein. Wir klemmen das Batteriekabel um und versuchten zu starten. Wie zu erwarten, macht er keinen Mucks. Er muss in eine Werkstatt und das wird sicher nicht billig. Vielleicht mach ich den Vorschlag, ihn erneut einzumotten.
„Wir werden in den nächsten Tagen einen Entschluss fassen, was meint ihr?“
„Da bin ich ganz deiner Meinung. Vielleicht ist es billiger, momentan einen Leihwagen zu nehmen?“
„Glaub ich auch.“
„Wo ist denn Betti abgeblieben?“
„Keine Ahnung, du kannst sie ja suchen gehen, vielleicht erwartet sie ja, dass du nach ihr siehst.“
„Sie ist vorhin in diese Richtung gegangen.“ Wir gehen zu den Zellen. Alle Türen stehen offen. Wir sehen Zimmer für Zimmer durch, keine Betti. Da hinten sind die Waschräume, „vielleicht nimmt sie ja gerade ein Vollbad?“
Tatsächlich steht sie hier, mit beiden Händen an eine Wasserleitung gefesselt. Mit Handschellen, linke Hand an ein Rohr, rechte Hand ebenfalls. Die Augen verbunden und einen Knebel im Mund.
„Was soll das denn?“ frage ich sie, aber was soll sie antworten, sie kann ja gar nicht reden.
„Viel Spaß“ meint Barbara zu Betti! Wir sehen dann später nochmal nach dir.“
„Na gut, ich werde inzwischen mal in den Salon gehen, so treffen wir uns einfach später bei Betti, um sie zu erlösen.“ Am späteren Nachmittag, treffe ich wieder auf Barbara, „Hast du mal nach Betti gesehen?“
„Wieso, ich dachte du hast.“
„Nein, ich wollte mich da nicht einmischen, es ist ja wenn ich es richtig sehe, eure Sache.“ Wir gehen beide gemeinsam zu Betti in den Waschraum.
„So, nun schnauf mal durch.“ Meint Barbara zu Betti und nimmt ihr den Knebel aus dem Mund. Was zur Folge hat, dass sie in den Raum brüllt.
„Ihr seid ja so was von gemein, lasst mich hier hängen, seit Stunden, kommt niemand vorbei!“ Sie schimpft wie eine Furie.
„Hast du nun endlich genug?“, wird sie von Barbara gefragt.
„Wartet nur ab, meine Zeit kommt bestimmt und dann wird es euch schlecht ergehen.“
„Aber für heute sollte erstmal Schluss sein. Ich für meinen Fall, gehe zu Bett.“
Am nächsten Morgen treffen wir uns alle im Salon.
„Was steht denn heute auf dem Programm“?
„Wann fährt denn jemand mal zur Post, es könnte sein, dass für mich einiges aus München eingetroffen ist?“
„Wir könnten das am Nachmittag machen“ schlägt Barbara vor.
„Wir werden sehen, morgen reicht auch.“
Wir begeben uns in den etwas runtergekommenen Westteil. Betti hatte dann einen guten Einfall für die Verwendung des Anwesens. „Wir machen eine Grusel-Burg aus dem Anwesen. Vielleicht für das Fernsehen, so wie es dies schon in Frankreich gibt.“
Hier sind wohl früher mal die Herrschaftszimmer gewesen. Alle Räume haben Parkett und sehr große Türen. Auch Mobiliar ist teilweise noch vorhanden. Riesige Spiegel an den Wänden.
„Hier haben also die Großkopferten gewohnt.“ Es waren verschiedene Wohnungen, eine an der anderen. Die letzte aus dieser Reihe war schon eine richtige Südwohnung. Die Sonne hat sie trocken gehalten, daher roch sie auch nicht so modrig wie die anderen. Die Wohnung ist auch komplett ausgestattet. Wir reißen die Fenster auf und öffnen die Läden. Sogar die Betten sind noch drin. Betti gibt mir einen kräftigen Schubs und ich lande direkt in einem Federbett.
„Puh, ist das aber widerlich.“
„Hier werde ich dich mal eine Nacht zurücklassen“ verspricht Betti.
„Wahrscheinlich bin ich dann am nächsten Tag erstickt.“
„Das könnte schon sein.“
„Aber bei offenem Fenster, da werden dann die Fledermäuse kommen, vielleicht auch Vampire!“
„Das ist doch das Höchste.“ Barbara meint zu Betti, „du kannst ja gerne umziehen.“ „So schlecht ist das hier gar nicht. Ist doch eine große Wohnung. Sogar eine Küche ist vorhanden. Ein Badezimmer ist auch da. Seht euch mal die tollen Fliesen an. Die Waschbecken kommen gerade wieder in Mode.“ „Sehen wir mal was darunter ist. Hier geht eine Treppe hinab, völlig separat. Vielleicht eine Einleger-Wohnung?“
Im Untergeschoß finden wir einen Eingangsbereich. „Super, jetzt brauchen wir noch nach dem Speicher sehen, ob das Dach dicht ist. Dann steht ein Umzug für Betti an.“ Betti protestiert gleich, „ich will doch nicht alleine hier wohnen.“
„Hast du etwa Angst vor Geistern?“
„Na klar. Ich habe schon letzte Nacht Todesängste ausgestanden.“
„Hast du dir in die Hose gepinkelt?“ will Barbara wissen.
„Jetzt werde bloß nicht frech“, meint Betti.
„Los jetzt in den Speicher.“ Wir steigen in den Speicher, er ist nicht verschlossen. Gleich im Eingangsbereich gibt es hier zwei große Dachgauben. Die Räume sind sehr schön ausgebaut. Wir öffnen die Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Hier finden wir eine Bibliothek. Sogar mit vielen Büchern darin. „Also… es kann nicht so lange her sein, dass hier jemand gewohnt hat.“ Ein Mädchenzimmer, in den Schränken sind noch ihre Kleider.
„Schau mal, dass könnte dir passen.“ Barbara hält sich eines vor die Brust. Unterwäsche, die stammt ja wohl noch aus Omas Zeiten. „Ein Mieder, dass kannst du ja mal probieren.“ Die beiden albern herum, wie kleine Kinder.
„Zieh doch mal an.“ Blusen und Röcke aus der Jahrhundertwende.
„Toll, hier die Schals und Tücher. Komm wir binden Manfred ein Tuch um, vielleicht mag er es ja so gerne wie die deinen.“
Ich ließ es geschehen. Betti wickelte und wickelte, sie hatte ihre wahre Freude.
„So nun noch eines, dann ist das so wie früher.“ Sie zog es sehr streng zu. Wenn es nicht so modrig wäre - die Mode war gar nicht so schlecht, angenehm warm.
„Wir werden sie waschen. Dann darfst du sie tragen.“ Sie bindet mir noch eines vor die Augen und lacht. „So bleibst du jetzt.“ Sie nehmen mich am Arm und gehen mit mir in das nächste Zimmer. Ich tastete mich ein bisschen herum, zum Gelächter der beiden. Ich kam in ein anderes Zimmer, verschloss die Türe und befreie mich von den vielen Tüchern. „Na Gott sei Dank.“
Da gibt es noch eine weitere Türe. Wir öffnen sie, hier geht es wohl in eine Art Wäschespeicher. Da hängen noch Bettlaken, Vorhänge, Tischdecken.
„Guck mal Betti, da sind noch Stoffwindeln, die müssen ein Baby gehabt haben.“
„Die kann ich ja dann für dich verwenden.“, meint Betti lachend.
„Diese Wohnung könnte man sicher mit wenigen Mitteln renovieren.“
„Das Bettzeug muss noch gebügelt werden“, merke ich an.
„Das wäre doch eine Wohnung für Manfred“, meint Betti.
„Ich will doch nicht ewig bleiben!“
„Wir werden dich zu überzeugen wissen, dass kannst du uns glauben.“
Wir steigen die Treppen hinunter, „Wir hätten einen Koffer mitnehmen sollen.“
Ich gehe noch mal nach oben, um den Lederkoffer zu holen. Er ist ziemlich schwer, aber ich schaffe es. Als wir im Hof stehen, sehe ich Barbara mit einem großen Stoffpaket. „Was ist das denn, willst du etwa heute noch Waschen?“
„Na die Tücher und Schals, die werde ich dir waschen.“
„Aber die Windeln, hast du hoffentlich dort gelassen.“
„Mal sehen.“
Am Abend treffen wir uns wieder im Salon, um den Koffer zu inspizieren. Er ist abgeschlossen und das Schloss ist ziemlich stabil. „Wir brauchen einen Schraubenzieher, dann werden wir es schaffen“. Gegen die rohe Gewalt hatten die Schlösser keine Chance. Die Schnappriegel sprangen auf und wir staunten nicht schlecht über den Inhalt. Der Koffer war voll von Fotos. Die Qualität war teilweise sehr schlecht. Alle Bilder hatten etwas mit Militär zu tun. Gruppenfotos, aber auch Panzer und Granatwerfer. „Am besten wir bringen den Koffer zum Roten Kreuz. Vielleicht gibt es Hinweise auf Vermisste.“ Wir leeren den Koffer vollständig aus, ganz unten finden wir dann doch noch etwas Interessantes. Jede Menge Fotos vom Anwesen. „Sieh mal, hier ist das große Garagentor. Und im Hintergrund kann man die Lastwagen sehen, die stehen heute noch dort.“
Auf einem Bild erkannten wir Barbaras Mutter in der Küche. Auf weiteren haben wir sogar Barbara im Kinderwagen entdeckt. „Schau Mal, da ist ja unsere alte Schule und Betti ist auch auf dem Bild.“
„Kommt lasst uns ein Glas Wein trinken.“ Ich hole Gläser und ein wenig zum Knabbern haben wir auch noch. „Wie war das denn früher bei euch mit der Schule? Ich habe mal gehört, dass es Schulen gab, da waren mehrere Klassen in einem Raum.“
„Ja, so war das bei uns auch, zumindest die ersten vier Klassen. Wir sind ja schon sehr früh von hier weggekommen, wir, da meine ich Betti und ich. Es war für uns etwas Besonderes, dass wir zur Tante durften, in die Großstadt nach Stralsund.“
In Stralsund gab es ein Schwimmbad, und natürlich jede Menge Jungs. Wir gingen ins Kino, tanzen und konnten auch mal ans Meer zum Segeln.
Ich höre sehr gespannt zu.
„Ihr hattet ja riesiges Glück, dass ihr beide bei der Stadtverwaltung untergekommen seid, oder seht ihr das anders?“
„Wir haben ja auch hart dafür studiert. Wir waren die einzigen, die sich mit den alten Schlössern und Burgen auskannten. Jetzt sind wir inzwischen verbeamtet. Wir bekommen also später mal eine gute Pension.“
Kapitel: 9 Erzähl mal
„Erzähl mal, wie war das bei dir?“, will Betti wissen.
„Ich bin in München geboren. Hatte eine ziemlich Chaotische Kindheit, als Jugendlicher bin ich im Winter zum Skifahren. Im Sommer war ich im Segelclub. „Ich werde dann noch mal eine Flasche Wein öffnen. Soll ich noch ein paar belegte Brote dazu machen?“
„Was ist denn noch im Kühlschrank?“
„Salami, Streichwurst, dass war es.“
„Na dann machen wir doch eine richtige Brotzeit.“
Barbara tritt an meine Seite. „Ich werde dir helfen. Ich schneide das Brot und streich es mit Butter, du verteilst die Salami“. Betti lacht, „wenn man euch so zuhört, dann könnte man glauben, ihr seid seit zehn Jahren verheiratet.“
Betti kommt mit einer Flasche Wein zurück, „ich hoffe es ist ein Trockener.“
Wir saßen recht lustig in der Runde, als im Hausgang etwas mächtig klapperte und schepperte. Wir springen auf und sehen eine Person davon rennen.
„Wer war das denn?“, fragen wir uns wie aus einem Mund.
„Seht mal her, das ist mein Laptop. Er hat ihn verloren. Sicher ist er hin.“
Wir gehen sofort in mein Zimmer und müssen feststellen, dass alles durchwühlt ist. „Einbrecher?“
„Aber hier kommt doch niemand herein.“
„Ich werde mal nach Wilhelm sehen, vielleicht weiß er etwas.“
„Komm bitte mit, vielleicht ist ja der Einbrecher noch im Haus.“
Wilhelm stammelte herum, „ich habe letzte Woche im Ausbildungsheim von den wertvollen Sachen erzählt, die Manfred entdeckt hat. Du weißt ja, wir haben doch noch den alten Stollen, durch diesen kommt man doch in die Anlage.“
Wir waren sprachlos. „Stollen, von welchem Stollen redest du?“
„Na ihr wisst doch, der hinten am zweiten Ausgang herauskommt.“
Ich vermute, da hat sich jemand einen Eingang gemacht. „Los, wir müssen nachsehen, Wilhelm, du kommst mit und zeigst uns den Stollen.“ Jeder von uns schnappt sich eine Taschenlampe, so ziehen wir los. Wilhelm geht mit uns in den Keller. „Da ist er gelaufen“, stellte Wilhelm fest. Wir müssen uns etwas bücken und nach etwa sieben Metern kommen wir zu einem Eisengitter. Es steht offen, dahinter sahen wir ein kleines Wäldchen und einen Weg. Ein Kleinbus versucht sich davon zu machen, aber er sitzt im Morast fest. Die Räder drehen im nassen Laub durch. Wir gehen auf ihn zu und Wilhelm erkennt seine Kumpane.
„Was habt ihr euch den dabei gedacht. Los kommt raus.“
„Ihr habt ja nur Glück, dass wir hier keine Polizei brauchen. Macht auf, mal sehen was ihr erbeutet habt.“
„Da schau her, mein Handy und mein kleines Radio. Na viel war es ja nicht. So und jetzt geht ihr zu Fuß nach Hause. Den Wagen könnt ihr morgen abholen. Gebt den Schlüssel her.“
Sie meckerten und fluchten, aber sie stapften los. Wir schlossen den Wagen ab und gingen wieder zum Stollen zurück. Das Eisen Tor zogen wir sicherheitshalber zu.
„So hier ist zu. Wer weiß wie viele solche Eingänge es noch gibt?“
Wilhelm will nun gehen, es ist ihm sehr unangenehm. „Los zieh ab, „aber bitte nie wieder mit jemandem über dieses Anwesen sprechen“, beschwört in Barbara.
„Ich verspreche es.“
Betti meint, „hier war ich noch nie.“
„Doch, du kannst dich nur nicht mehr daran erinnern. Sie will die Pritsche sehen und ist begeistert. „Das ist ja äußerst praktisch, da muss man ja gar nicht lange rum tun, da bist du gleich fixiert.“
Anschließend gingen wir in das Verhörzimmer, und Barbara meint, „hier hat mich Manfred überrumpelt.“
„Wieso?“
„Er bat mich Platz zu nehmen, Sekunden später war ich angegurtet.“ Betti war begeistert.
„Na Manfred, möchtest du nicht Platz nehmen?“
„Sicher nicht.“
„Ach komm, nur ganz kurz.“ Fleht sie mich an.
„Ein anderes Mal, für heute hatten wir genug.“
„Versprochen?“
„Okay.“ Wir gingen auseinander und ich versuchte mein Laptop in Gang zu bringen, leider vergebens. Mein Handy war noch in Ordnung. Ich lege mich schlafen. Es war natürlich nicht gut, dass nun auch Fremde von diesen Wertsachen wussten. Ich beschloss mit Wilhelm zu reden, er scheint die Anlage besser zu kennen als die beiden Damen.
Zum Frühstück kamen wir alle ziemlich pünktlich gegen neun Uhr zusammen. Wir haben beschlossen, heute mal nach Stralsund zu fahren, um im Postfach nachzusehen.
„Kann ich mit euch kommen?“
„Wir wollten eigentlich mal wieder unter uns sein“ meint Barbara.
„Verstehe, ich habe ja auch alleine genug zu tun.“
„Ach hier ist eine Tüte, alles frisch gewaschen.“
„Super, vielen Dank.“ Wir packen alle zu, so steht das Frühstück schon nach kurzer Zeit auf dem Tisch. „Die Sonne kommt raus, ich werde mich mal ein wenig in die Sonne legen und den Tag ohne Arbeit genießen.“
„Mach das, du wirst es nicht für möglich halten, aber wir haben sogar Liegestühle. Wir werden den Innenhof mal ein wenig gemütlicher herrichten. Vielleicht noch ein paar Pflanzkübel. Auch ein Tisch könnte nicht schaden.“ „Ich werde von den Klapptischen und Bänken welche in den Hof stellen, vielleicht hilft mir ja Wilhelm dabei es ein wenig zu dekorieren?“
„Frag ihn, er ist immer froh, wenn er ein bisschen Kontakt hat.“
„Seht euch doch mal nach einem gebrauchten Auto um, auf die Dauer wird es notwendig sein. Ich bringe euch noch runter, vielleicht treffe ich ja auf Wilhelm.“ Tatsächlich kommt Wilhelm auf uns zu.
„Kannst du mir helfen?“ frage ich ihn gleich.
„Gerne, mir ist sowieso langweilig.“ Ich erkläre ihm meine Idee, den Hof ein bisschen ansprechender zu gestalten. So haben wir den halben Vormittag damit verbracht, Bänke zu schleppen und einen Tisch aufzustellen.
„Was hältst du von einer leckeren Brotzeit?“
„Finde ich prima.“ Er läuft hinüber zu seiner Mutter. Schon nach kurzer Zeit kommt sie mit ihm zusammen und einem gefüllten Korb zurück.
„Das habt ihr aber toll gemacht, richtig gemütlich.“ Wir legen noch eine Tischdecke aus und dekorieren den Tisch mit einem Blumenstrauß. Als wir so beisammen sitzen, fühle ich mich richtig wohl und sage dies auch. „Ich bin übrigens Mathilde, sie können ja schlecht Mutter zu mir sagen.“
„Warum denn nicht, sie könnten ja auch die Mutter der Nation sein“. Sie lacht und meint, „es würde mir gefallen, wenn sie bleiben würden.“ Ich war völlig sprachlos. „Sie könnten hier so viele Anwesen herrichten, da hätten sie Arbeit für die nächsten fünfzig Jahre.“
Wilhelm knüpft gleich an und meint, „wir haben da noch eine sehr schöne Wohnung, nur ein bisschen Farbe fehle noch.“
„Ach, du meinst die im Südflügel?“
„Ja ich habe euch gestern gesehen, wie ihr sie besichtigt habt.“
„Weißt du Wilhelm, es ist nicht so leicht, einfach mal von München wegzugehen und nach Mecklenburg-Vorpommern zu ziehen.“
„Doch, doch du musst dir nur einen Möbelwagen nehmen. Beim Ausladen helfe ich dir.“
„Das ist aber lieb von dir. Was glaubst du denn, was deine Schwestern dazu meinen?“
„Die haben dich lieb, dass weiß ich.“
Mathilde sieht mich etwas nachdenklich an. „Wenn jetzt mein Mann stirbt, brauche ich unbedingt einen anderen Mann im Haus.“ Das Gespräch findet erst ein Ende, als wir die Auto Hupe hören.
Sie haben tatsächlich einen Gebrauchten mitgebracht. „Sieh ihn dir bitte an, du verstehst etwas davon. Ein alter Benz, er ist erst fünf Jahre alt und es ist ein Diesel, den können wir mit unserem Heizöl betanken.“
„Scherz beiseite. Hat er schon viel Kilometer drauf?“ Wir sehen ihn uns alle an, sogar Mathilde hat Interesse. Sie meint, „da zahl ich was dazu.“ Der Zustand ist recht ordentlich, keine Spur von Rost ist zu sehen.
Betti meint, „und schöner wie mein alter Corsa ist er auch.“
Erst jetzt bemerken sie den aufgebauten Tisch. „Da muss erst jemand aus München kommen, um unseren Hof auf zu frischen.“
„Du hast das toll gemacht“, lobt mich Betti.
„Aber ich hab das alles Wilhelm zu verdanken, der hat mir nämlich sehr geholfen.“ Wir setzen uns alle an den Tisch und stoßen mit einem Bier miteinander an.
„Auf den neuen Wagen.“ Wilhelm setzt den Satz fort, in dem er sagt, „und dass Manfred hier bleibt.“ Betti und Barbara sehen sich an, „ist ja toll!“
„Seit wann hast du dich entschieden?“
„Noch gar nicht, es war eine Idee von deiner Mutter. Wir haben gerade darüber gesprochen, da seid ihr gekommen.“
Betti meint, „da hab ich ja einen Spielgefährten, oder etwa nicht?“ Mathilde sieht sehr ernst zu Betti hinüber und meint, „bitte lass den Blödsinn. Dein letzter Freund ist drei Tage drüben gesessen und hat dich dann verlassen.“
„Hab ich gar nicht verstanden, ich habe ihm extra gesagt, er müsse schon etwas geduldig sein.“
„Dies hat er wohl falsch verstanden. Er hat uns fluchtartig verlassen“, meint Barbara. „Der war aber auch nichts für uns“, fügt Betti an.
„Also ich mache jetzt meine Siesta, wir sehen uns dann später.“
Nachdem es ein wunderschöner Tag ist, öffne ich die Fenster und lasse die Sonne herein. Gegen Abend treffen wir uns im Salon, das heißt, eigentlich kommt nur Betti. Barbara lässt sich entschuldigen, sie wollte noch mal zum Autohändler und alles klarmachen.
„Wenn du willst kann ich dir ja mal die Pläne erklären.“ Aber wichtig wäre doch, einmal zu wissen, was alle wollen. „Sag mal, hast du wirklich vor, eventuell hierzuziehen?“ „Was soll ich hier? Mein Leben ist doch in München und wenn ich mal für länger weg bin, freue ich mich wieder zurückzukommen. Für eine gewisse Zeit hierbleiben, warum nicht?“
„Wie meinst du denn, dass man Geld auftreiben könnte?“, fragt Betti.
„Ich glaube, dass man die alten Motorräder, Autos verkaufen kann. Auch wenn es kein Vermögen ist, aber für einen Teil der Sanierung wird es schon reichen. Da fällt mir gerade ein, ihr seid doch auf der Post gewesen, war nichts für mich da?“
„Doch, ich habe deine Post in den Raum mit dem doppelten Spiegel gelegt.“
„Wieso das?“
„Ich dachte, wenn wir alleine sind, könnten wir da noch mal hingehen. Und dann wirst du mich verhören, oder so.“
„Wir könnten natürlich aus dem Anwesen eine Art Therapiezentrum machen. Du müsstest natürlich die Therapeutin sein.“
„Welche Therapie?“
„Na da haben wir doch gleich mehrere Möglichkeiten.“ Plötzlich steht Betti hinter mir, hält mir die Augen zu. „Ist das schön?“
„Ja schon.“
„Dann lass sie mal geschlossen, versprichst du es mir?“
„Okay, wenn es dir gefällt.“ Sie legt mir ein sehr weiches Tuch über die Augen. Sie wickelt es mehrfach, auch über den Mund. Ich frage sie, „wie lang ist denn der Schal noch?“
„Länger!“ Sie macht einen kräftigen Knoten.
„So fertig. Komm, jetzt gehen wir spazieren, ich werde dich führen. Hier kommen jetzt Treppen, Vorsicht.“
„Wir gehen also in den Speicher?“
„Vielleicht. So, jetzt immer gerade aus.“ Wir kommen in einen Bereich, der nicht ausgebaut ist, dies spüre ich am Luftzug. „Noch ein Stück, gleich sind wir da. So, jetzt bitte setzen.“
„Nein, das mache ich nicht, wir machen jetzt Schluss.“
„Du traust dich also nicht?“
„Wieso nicht?“
„Ich dachte du hast Mut.“
„Ja, aber keine Lust.“
„Ich verspreche, nur für zehn Minuten.“
„Wirklich? Versprochen?“
„Wie machst du mich fest?“
„Frag nicht so viel. Los stell dich hin.“
„Okay, aber nur zehn Minuten.“
„Hände auf den Rücken.“ Sie legt sehr geschickt in Sekunden eines ihrer indischen Tücher über Kreuz und fixiert die Hände auf dem Rücken.
„So, wie gefällt es dir?“
„Aufregend, aber gleich darfst du es wieder öffnen. Wo hast du denn plötzlich das Tuch her?“, frage ich Betti.
„Mitgenommen, so und nun kommt was ganz Neues für dich. Eine Überraschung! Deshalb ist es auch besser, dass du stehst.“ Sie zieht mir die Hosen runter. Fummelt herum und ehe ich mich versehe, hat sie mir eine dicke Windel angezogen.
„Was wird das denn?“, frage ich erschrocken.
„Jetzt kannst du alles machen, was du willst.“
„Wir haben aber ausgemacht, nur zehn Minuten.“
Sie fängt an das Tuch vom Kopf abzuwickeln. „Na endlich.“ Ich blicke in absolut dusteres Licht. „Wie stellst du dir den restlichen Abend vor?“
„Wie ich ihn mir vorstelle, ist nicht so wichtig. Du wirst auf jeden Fall den Platz hier genießen.“
Ich protestiere, „wir haben zehn Minuten gesagt.“
„Ich dachte, du hast mehr Mut.“ Ohne weiter nachzufragen verbindet sie mir die Augen erneut. Diesmal mit einem weichen und dicken Tuch, sie zieht den Knoten fest. „So, siehst du noch etwas?“
„Wie sollte ich?“
„Wunderbar, dann brauche ich jetzt nur noch den Mund verschließen.“
„Nein, das wirst du nicht tun.“
„Du glaubst doch nicht, dass ich da lange Frage. Mund auf!“ Ich kneife den Mund fest zusammen. Aber sie hält mir die Nase zu, und zack, schon hatte ich einen Knebel im Mund. Sie zieht das Band fest und legte noch ein weiteres Tuch darüber. „So, und nun wünsche ich dir viel Spaß.“
Plötzlich hörte ich Schritte. Das Licht wurde angeknipst. „Wer sitzt denn hier?“ Barbara ist gekommen. „Sie hat dich tatsächlich dazu gebracht, dass du dich auf den Stuhl gesetzt hast.“ Sie nimmt mir den Knebel heraus. „Na wie fühlst du dich? Etwa wie damals im Kloster?“
„Mach mich bitte frei.“
„Da muss ich erst Betti fragen.“ Ihre Hände streichen über meinen Körper, es ist schrecklich scharf. Ich komme nur durch die Berührung schon fast zum Orgasmus. Da bleibe ich gerne noch etwas angeschnallt, denke ich mir.
Kapitel: 10 Wie fühlt sich das an?
„Wie fühlt sich das an?“
„ Es ist ein Traum, aber jetzt gehe bitte und rede mit ihr, sie hat ausdrücklich zehn Minuten gesagt.“
„Wie lange sitzt du denn schon hier?“
„Keine Ahnung, wie spät es ist. Auf jeden Fall zu lange.“
„Ich werde jetzt wieder gehen, sollte sie zustimmen, machen wir dich frei. Ansonsten, gute Nacht, bis morgen Früh zum Frühstück.“
Sie knipste das Licht aus und ging. Sie hat wenigstens den Knebel vergessen, denke ich. Da geht die Türe nochmals auf, „ich habe doch was vergessen.“ Sie nimmt das Tuch und bindet es fest über den Mund. Es sind übrigens die frisch gewaschenen Tücher, du weißt schon aus dem Fundus. Also gute Nacht!“
Sie ging und kam auch nicht zurück. Ich verlor völlig das Zeitgefühl. Ich muss wohl mehrfach eingeschlafen sein. Als plötzlich die Türe aufging. „Na wie fühlst du dich?“
Ich murmelte so gut es ging durch das dicke Tuch, dass es jetzt reichen würde. Betti meinte aber, „du hast ja gar keinen Knebel im Mund. Da hat Barbara aber schlampig gearbeitet.“ Sie nahm mir das Tuch vom Mund. „Jetzt trink mal einen Schluck Wasser.“
„Mach mich jetzt frei, die zehn Minuten sind längst vorbei.“
„Mein Ex saß hier drei Tage, kannst du dir vorstellen, wie sauer der war?“
„Ja kann ich. Möchtest du denn, dass ich für immer gehe?“ „Nein, ich glaube nämlich, dass du es magst. Ich werde dir noch was zu essen holen.“ Sie ging, den Lichtschalter konnte ich nicht hören, sie ließ das Licht wohl an. Vielleicht war es ja schon hell. Nach einer Weile hörte ich sie beide.
„Jetzt werden wir unseren Buben erstmal füttern.“ Sie hatten eine Riesenfreude daran, scherzten und lachten auf meine Kosten. Sie gaben mir noch zu trinken und meinten, „heute bekommst du einen freien Tag“ Ich werde zurück gelassen. Was steht mir noch bevor?
Es dauerte aber nicht lange, als abermals jemand kommt, sehr leise. Die Lederriemen werden geöffnet. Ich nehme das Tuch ab und lege es auf die Seite. Es ist Wilhelm. „Ich hab dich gestern nicht mehr gesehen und wollte lieber nachschauen."
„Aber was werden Betti und Barbara sagen?“
„Sie werden sich an mir rächen.“
„Dann werde ich dir helfen.“
„Sie sind übrigens beide mit dem Wagen unterwegs.“
„Dann werde ich erstmal duschen.“ Ich ging in mein Zimmer und machte mich frisch. Zog mich völlig um und überlegte, was ich am besten tun solle. So weitermachen wollte ich auf keinen Fall. Ich sah auf meinem Tisch die Post. Es war eine Einladung nach Barcelona dabei. Das tut nun aber richtig gut. Ich überlege schon, ob ich nicht gleich abhauen soll. Ich blickte in den Innenhof und sehe Bettis Wagen. Ich gehe hinunter und sehe nach dem Schlüssel, er steckte. Wilhelm kam und meinte, „du wirst doch jetzt nicht gehen?“ „Nein dass nicht, aber ich brauche ein paar Tage Abwechslung.“ Ich packe ein paar Sachen zusammen und fahre Richtung Stralsund. Mein Navi zeigte mir den Weg. Nun sehe ich ja die Gegend das erste Mal richtig. Auf dem Weg nach Stralsund entschloss ich mich nach Berlin zu fahren. Ich wollte mir einen Leihwagen holen und den Wagen von Betti in Stralsund lassen. Dies tat ich dann auch und sagte dem Verleiher, dass das Fahrzeug in den nächsten Tagen von einer jungen Dame abgeholt werden würde.
Ich nahm einen Mercedes, so konnte ich bequem auch eine weitere Strecke fahren. Das Handy läutete mehrfach, aber ich hob es nicht ab. Ich überlegte noch kurz, was ich eigentlich zurückgelassen hatte. Eigentlich alles unwichtige Dinge.
In Berlin gab ich den Wagen zurück und flog nach München. In meiner Wohnung in München angekommen, setzte ich mich erstmal in die Badewanne. Ich genoss mein Weißbier und schüttelte den Kopf über das was ich erlebt habe.
„Scheiß drauf!“, dachte ich bei mir. Ich ging zu Bett und stellte den Fernseher ein. Ist das schön wieder für sich zu sein. Ich sehe mir die Einladung für Barcelona an. Das mache ich. Es ist in vier Wochen, da kann ich noch meinen Auftrag in Brixen erledigen. Am nächsten Morgen kommt der Anrufbeantworter nicht zur Ruhe. Betti und Barbara sind abwechselnd dran. Ich hebe also doch ab. Betti beschwört mich, dass alles nur ein kleiner Scherz war. Ich gehe nicht weiter auf das Gespräch ein und meine nur, „dein Wagen steht bei Avis, hole ihn dir ab, wenn du willst. Ansonsten wünsche ich euch beiden alles Gute.“
Das tat gut. Ich telefoniere mit Brixen und entschließe mich, gegen Abend loszufahren. Auf dem Weg, mache ich noch einen Umweg über einen Herrenausstatter, ich brauche neue Klamotten. Mein VW-Bus, eigentlich ja ein richtiges Wohnmobil, wurde noch gewaschen, dann aber ging es ab in Richtung Italien.
Ich ging wieder in mein Stammhotel und ließ mir eine gute Flasche Wein auf das Zimmer bringen. Meinen Freund in Berlin versuche ich vergeblich über das Handy zu erreichen, es war nur der Anrufbeantworter eingeschaltet. Ich mache mich frisch und gehe noch in die Altstadt von Brixen. Hier schätze ich besonders das bereits südliche Flair. Ich entscheide mich für ein Straßenrestaurant, denn man kann tatsächlich noch draußen sitzen. Eine Schinkenplatte und einen Wein vom Kalterer See. Dazu natürlich ein schönes Holzofenbrot und richtige Landbutter. Hier bin ich eigentlich Zuhause, zumindest mein zweites Zuhause. Meine Seele jubelt immer, wenn ich hier in meinem Straßenrestaurant sitze und den Menschen beim Flanieren zu sehe. Es ist fast halb zwölf als ich mich auf mein Zimmer begebe.
Am frühen Morgen fahre ich bereits hinauf zu meiner Baustelle. Hier muss ich nur beraten. Ein bekannter Architekt aus Verona führt die Bauarbeiten. Wir sprechen über die verschiedenen Bauabschnitte. Vor allem benötigen wir noch einen Geologen, da wir dem Gestein nicht wirklich trauen.
Die Baustelle soll in den nächsten vier Wochen fertig sein. Das hat wirklich Spaß gemacht. Der Besitzer ist ein sehr wohlhabender Herr aus München. Er wird hier sicher die nötige Entspannung finden, die er dringend braucht.
Dann endlich ruft mein Freund aus Berlin an. „Richi, ich hab mindestens hundertmal versucht dich zu erreichen.“
„Ja, stell dir vor, ich habe deine beiden Damen kennen gelernt. Nachdem ich nichts mehr von dir gehört habe, habe ich mich auf den Weg gemacht, so wie wir es ausgemacht hatten und habe das Anwesen gesucht. Auf Grund deiner guten Peilung, hatte ich auch kein Problem. Ein Problem stellte sich ein, als ich eine Klingel suchte. Zum Schluss blieb mir nichts anderes übrig, als auf die Hupe zu steigen. Dann endlich öffnete eine junge Dame. Ich stellte mich vor.“ Sie meinte aber, „Der Manfred ist bereits abgereist. Der hat das Handtuch geworfen.“
Sie bat mich dann herein. So lernte ich Betti und Barbara kennen. Sie wollte wissen, wie ich den Weg gefunden hätte. Ich erzählte von deiner Peilung.“
„Wie lange bist du denn geblieben?“ frage ich Richi.
„Sie wollten natürlich, dass ich länger bleibe, aber ich hatte ja nur Sachen dabei für eine Übernachtung. Sie wollten noch wissen, wo sie dich finden könnten. Ich gab ihnen einen Tipp.“
„Du bist ja wahnsinnig. Ich war froh sie endlich los zu sein.“
„Sie meinten aber, sie hätten dich sehr lieb und wollten dich nicht so schnell aufgeben. Barbara meinte auch, sie hätte noch verschiedene Dinge, die sie dir bringen müsste. Ich meine, die wirst du nicht so schnell los. Sie meinte auch, sie würden dir eine Wohnung schenken, wenn du zurückkommst.“
„Ich will jetzt erstmal, dass Grass über all die Dinge wächst, die ich erlebt habe.“
„Was haben sie dir denn angetan, dass du so fluchtartig weg bist?“
„Ich will nicht darüber sprechen.“ „Betti meinte, sie hätte dich ein wenig eingeschränkt in deiner Bewegung. Was meint sie denn damit?“
„Lass es, ich werde dir später davon erzählen. Wann kommst du denn nach München?“
„Keine Ahnung, ich hänge hier mit einem Projekt von der Regierung fest. Das kann dauern.“
Ich erzähle noch von meiner Einladung nach Barcelona, welche in etwa vier Wochen ist. „Du fliegst ja sicher, oder fährst du von Brixen mit dem Wagen?“
„Weiß ich wirklich noch nicht. Wenn, dann müsste ich mit dem VW fahren, da kann ich auch mal drin schlafen. Da hätte ich dann noch eine Anfrage aus Arles in Südfrankreich, da müsste was renoviert werden.“
„Dann mach das doch, nimm deinen VW. Dir geht aber die Arbeit auch nicht aus?“ „Gott sei Dank, im Moment bin ich ein viel gefragter Mann.“
„Ich weiß, besonders von Betti, ich glaube sie hat sich in dich verliebt. Sie wollte wissen, ob du verheiratet bist.“
„Ach sieh mal an. Ich dachte die beiden Weiber sind zusammen, sind vielleicht sogar Lesbisch.“
„Da blickst du niemals durch, vielleicht sind sie ja Bi?“
„Auch möglich.“ Wir versprechen uns, bald ein Treffen zu arrangieren, spätestens in München zum Oktoberfest. „Also Servus Richi!“ Für heute Abend habe ich genug Arbeit mitgenommen. Ich muss noch mal die ganze Baustelle durchrechnen. Ich lasse mir eine große Platte Parmaschinken und eine Flasche Rotwein auf mein Zimmer kommen, um dort zu arbeiten. Als ich auf die Uhr sehe ist es bereits 22.30 Uhr, Zeit für heute Schluss zu machen. Ich dusche noch und lege mich zum Fernsehen auf mein Bett. Ich sehe mir noch den Kalender für die nächsten vier Wochen an und beginne zu grübeln.
Der Hoteldirektor des Hotels in Brixen hat mir extra sein Arbeitszimmer angeboten, um etwas Erleichterung zu haben. Ich habe es mir dort gemütlich eingerichtet.
Eine sehr nette Bedienung ist bemüht mich vor dem Hungertod zu bewahren. Immer wieder kommt sie und fragt, ob ich nicht eine Kleinigkeit zum Essen bräuchte. Eine Kleinigkeit ja, aber nicht die große Schinkenplatte. Sie bringt Melone mit Schinken. „Kommen Sie und setzen Sie sich dazu. Ich kann das alles gar nicht essen. Sie sprechen so gut Deutsch, wo haben sie dies gelernt?“
„Meine Mutter ist aus Graz, mein Vater ist aus Brixen“ Erklärt sie. „Sie sprechen aber auch gut Deutsch, obwohl sie aus Bayern sind.“ Wir lachen und prosten uns mit einem guten Wein zu. „Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen am Wochenende eine sehr schöne alte Almhütte.“
„Benötige ich eine Kletterausrüstung?“
„Nein wir erreichen sie über einen ganz bequemen Weg, man kann fast bis vor die Hütte mit dem Wagen fahren. Mein Vater hat sie vor etwa zehn Jahren erworben und seit dem renoviert er daran.“
„Meinen sie er braucht Hilfe?“
„Einen guten Rat nimmt er sicher gerne an. Er ist immer am Samstag und Sonntag oben auf der Alm.“
So beschließen wir, am Samstag gemeinsam dorthin zu fahren. Samstag früh, wird mir ein Zettel unter der Türe durchgeschoben. „Bitte nehmen Sie einen Anorak und warme Sachen mit.“ Als ich in den Frühstücksraum komme, huscht sie vorbei und fragt, ob es in einer halben Stunde recht sei. Ich nicke, und sehe ihr beim Hinausgehen nach. Ein überaus fesches und lebensfrohes Geschöpf, schon bei meinen letzten Besuchen ist sie mir aufgefallen. Wie alt wird sie wohl sein? Wie hübsch sie sich zurecht gemacht hat. Ich warte mit dicker Jacke und Jeans am Eingang des Hotels. Um die Ecke prescht ein Motorrad und hält direkt vor meinen Füßen. „Komm, steigen Sie auf“, fordert mich Irmi auf.
„Ich dachte, wir nehmen den VW, der hat Vierradantrieb.“
„Mit dem Auto kommen wir zwar hinauf, aber mit dem Motorrad macht es mehr Spaß.“ Ich nehme hinter ihr auf dem Motorrad Platz. „Halten sie sich bitte fest, haben sie keine Scheu sich an mir festzuhalten.“ Sie braust los, als wolle sie mir beweisen, wie gut sie fahren kann. Ich halte mich an ihrer Hüfte fest. Hin und wieder greife ich recht herzhaft zu, damit ich nicht aus dem Sattel fliege. Sie hält kurz an und meint, „jetzt müssen wir den Anorak schließen, es wird im Wald ziemlich kühl.
Sie dreht sich zu mir um und schließt ihn bis ganz oben, dabei blickt sie mir in die Augen, dass mir ganz komisch wird. Aber da gibt sie schon wieder Gas. Durch den Wald macht die Maschine ein paar ganz tolle Sprünge. Links, rechts, dann kommen wir auf eine Lichtung. Sie gibt noch mal richtig Gas und da taucht auch schon ein Holzhaus auf. Vor dem Eingang winkt uns ein älterer Herr.
„Du hättest aber auch mit dem Auto kommen können.“ Da bleibt mir ja die Spucke weg. „Ich wollte mal zeigen wie schön es mit dem Motorrad ist.“ Der Herr stellt sich als Vater vor und zeigt hinter das Haus, „hier steht mein Unimog.“
Es ist ein typisches Anwesen für diese Gegend. Er bietet uns einen Enzianschnaps an. „Dann müssen Sie aber auch mein selbstgebackenes Brot und die frische Butter probieren.“
Er ruft seine Tochter Irmi. In diesem Moment fragt er, wie ich denn heiße.
„Sagen sie einfach Manfred.“ Wir setzen uns in der Stube an den großen Tisch und machen Brotzeit, „da hab ich noch eine sehr gute Leberwurst. Ich habe diese Sachen nur hier oben, wenn mal das Wetter umschlägt.“
„Verstehe, aber Sie Essen schon gerne gut“, frage ich.
„Ja, doch schon“. Er lacht. Irmi macht ein wenig Musik, richtige Almmusik auf der Zitter, so holt er noch seine Gitarre und fängt an zu singen. Später zeigt er mir das Haus. Es war prachtvoll renoviert. „Leider hat es meine Frau nicht mehr erlebt. Sie ist beim Bergsteigen umgekommen.
Irmi war gerade mal zwölf Jahre. Ich bin sozusagen Alleinerziehender.“
„Sie machen das aber wirklich gut. Ihre Tochter ist ja eine richtige
Vorzeige-Tochter.“ Da wird Irmi rot. Gegen Abend frage ich, wann wir wieder aufbrechen. „Heute nicht mehr, wir erwarten ein Unwetter.“ Der Vater muss lachen. „Wir erwarten immer ein Unwetter, wenn wir nicht ins Tal wollen.“
„Sie bekommen einen Schlafanzug meines Vaters, einen Bademantel bekommen sie ebenfalls. Ein paar Hausschuhe gibt es sicher auch noch irgendwo.“
„Schlaf ich dann im Heu?“
„Seien Sie beruhigt, wir haben auch ein Gästezimmer.“ Der Vater meint zu Irmi, „Der junge Mann glaubt, wir leben hier noch im achtzehnten Jahrhundert.“
„Stell dir vor, wir haben hier fließendes Wasser. Entschuldigen Sie, ich habe versehentlich „Du“ gesagt.“
„Was halten Sie von Leber und Blutwurst? Dann machen wir noch Bratkartoffeln dazu.“
„Aber nur, wenn wir alle mit helfen.“ Wir stoßen mit einem Enzian auf zukünftiges „Du“ an. Dann beginnen wir mit der Küchenarbeit. Irmi deckt den Tisch. Ich fragte nach der Toilette. Irmi meinte, „da drüben liegt der Prügel, den brauchst du zum Wölfe vertreiben.“
„Den Witz kennen wir sogar in Bayern“, meine ich lachend.
Der Vater wollte etwas mehr über meine Arbeit erfahren. Eigentlich wusste er schon alles, wie ich feststellen musste. Irmi hat mich wohl ausgeforscht und es ihrem Vater erzählt. „Du bist aber gut informiert.“
„Ja klar, ich kenne dich ja schon fast drei Jahre.“ So langsam wird mir klar, was sie vorhat. Der Vater meint, „Irmi hat mir erzählt, dass ihre Familie eigentlich aus dieser Gegend ist.“
Irmi macht den Vorschlag, noch etwas Musik zu machen. Sie legt eine CD auf. „Nach dem Essen, können wir ja noch selbst musizieren.“
„Wenn ich da eine Hilfe sein kann, gerne.“
„Du machst das aber sehr gut“, meint Irmi.
„Wahrscheinlich hast du dich nie getraut zu singen.“
„Hier oben auf dem Berg, kannst du ein paar Bergziegen vertreiben, mehr passiert hier nicht. Der Vater schenkt eine weitere Runde vom Enzian ein. „Prost auf das Singen.“
Inzwischen ist es draußen stockdunkel. Nur der Mond steht groß am Himmel. Keine einzige Wolke. „Da waren wir aber sehr brav, wenn sich der Himmel so zeigt.“
Kapitel: 11 Gibt es auch dein Bier?
„Gibt es auch ein Bier“? Irmi holt noch zwei Flaschen aus dem Geräteschuppen.
Wir gehen auf die Veranda, es wird schnell kühl. Irmi meint, „ich hole dir was zum Anziehen.“ Sie bringt eine dicke Strickjacke.
Der Vater heißt übrigens Herbert. Irmi nennt ihn liebevoll Herby, dass hört er besonders gern. Als wir beim Essen sitzen, will er ein bisschen über die Zukunft wissen.
„Wir werden mit der Baustelle in drei Wochen fertig sein. Eigentlich ist meine Anwesenheit gar nicht mehr nötig. Aber ich bin halt gerne hier und so richte ich es mir ein.“ „Wie du weißt, betreibe ich einen Antiquitäten-Laden. Die Sachen kommen alle hier aus der Gegend. Aber auch von Freunden aus Florenz. Wenn einer stirbt, kommen die Erben oft mit einem Korb voll Zeug und bieten es mir an. Auch Bilder werden mir angeboten. Diese gebe ich aber in meisten Fällen gleich weiter an eine Galerie.“ „Machen sie denn das Geschäft allein?“
„Ich würde mich freuen, wenn meine Tochter zu mir käme, aber im Moment hat sie noch keine Lust.“
Irmi protestiert aus dem Hintergrund, sie ist nämlich gerade in der Küche, „du weißt genau, warum ich noch keine Lust habe.“
„Ach wieso denn?“
„Ich will meine Entscheidungen selbst treffen dürfen, bei dir kann ich das nie.“
„Sie hat sich damals für die Hotellehre entschieden, dass Hotel gehört meinem Bruder. So hat Irmi schon mal ganz leise angefragt, ob sie nicht doch bei mir
hineinschnuppern kann.“ Sie ruft aus der Küche, „jetzt ist aber genug Papa.“
„Ich würde mir gerne mal dein Geschäft ansehen. Für die Fertigstellung in der alten Burg, kann ich noch ein wenig Dekoration brauchen. Vielleicht ein paar alte Ölbilder oder Leuchter, na du weißt schon was da so hineingehört. Der Münchener hat mich gebeten mal meine Augen schweifen zu lassen, um das Ambiente zu vervollständigen.“
Mittlerweile ist schon zwölf Uhr nachts. „Komm Irmi, ich helfe dir noch beim Aufräumen. Herbert, du darfst dich schon zu Bett begeben.“
„Du bist aber sehr häuslich, hätte ich dir nicht zugetraut“, meint Irmi.
„Ich bin doch Junggeselle.“
„Ich dachte du lebst mit einer Frau zusammen?“
„Das nennt man Leute ausfragen.“
„Na ein bisschen will ich es doch wissen.“
„Also, ich werde es dir erzählen. Ich war mal verheiratet, nach vier Jahren haben wir uns aber getrennt. Wir sehen uns noch öfter. Meine damalige Frau hat meinen besten Freund geheiratet.“
„Na das hat ja prima geklappt. So ist dein Freund also auch zufrieden.“
„Ich bin so viel unterwegs, dass ich mich gar nicht groß umgesehen habe.“ Da meint Irmi, „außerdem hast du immer noch mich.“
„Glaubst du nicht, dass ich zu alt für dich bin?“
„Wieso, ich bin doch schon dreiundzwanzig.“
„Na hör mal, das sind zwanzig Jahre. Überlege doch mal, wenn ich siebzig bin, bis du erst fünfzig.“
„Na dann werde ich dich im Rollstuhl fahren, wenn es sein muss.“
„Du machst mir das ja sehr schmackhaft. Lass uns morgen weiter reden.“
„Ach, du ziehst dich also aus der Affäre?“
„Nein, nur für solche Gespräche sollte man nicht so viel getrunken haben. Komm mal zu mir.“
Sie geht auf mich zu. Wir nehmen uns in den Arm und küssen uns.
„Wir wissen ja noch so wenig von uns.“
„Ich weiß alles, ich mag dich schon seit drei Jahren.“ Die Nacht ist sehr frisch, aber einfach herrlich, besonders wenn man aus der Großstadt kommt. Ich mache das Fenster weit auf zum Schlafen. Am nächsten Morgen höre ich es im Haus schon klappern und die Türen schlagen.
Im Zimmer gibt es nur ein Waschbecken. So mache ich Katzenwäsche. Als ich die Treppe hinunterkomme ist bereits ein richtiger Sonntagstisch gedeckt.
„Du bist der schwarze Peter“, ruft mir Irmi entgegen. Herbert meint, „komm lass ihn. Er ist ja noch richtig verschlafen, wie lange habt ihr denn noch gemacht?“
„Nur aufgeräumt, sonst nichts.“
„Will ich doch gar nicht wirklich wissen.“ Herbert meint, „wenn du Lust hast, können wir auf den Gipfel gehen, wenn du dich aber lieber austoben willst, gäbe es noch den Job eines Holzhackers.“ Ich entscheide mich für das Holzhacken. Zum Bergwandern habe ich nicht die richtigen Schuhe dabei. So an der frischen Luft ein bisschen Holz zu hacken, dazwischen ein Bierchen trinken, so muss ein Sonntag aussehen.
„Höre ich da Stimmen oder hallt das vom Tal“? Herbert springt sofort auf und geht auf die Veranda. „Da sind Leute.“ Er geht ums Haus und begrüßt Wanderer.
„Können wir hier frühstücken?“ Vom Dialekt her Wanderer aus dem Ruhrpott. „Nein, dass ist privat. Auch der Weg ist privat.“
„Na Sie werden uns doch nicht verscheuchen, die Berge sind für jeden da.“
„Ist schon Recht, gehen Sie nur weiter.“
„Wir hätten jetzt aber gerne einen Teller Speck und was zu trinken.“
„Ich sagte ihnen doch. hier ist keine Jausen Station. Einen schönen Tag noch.“
„Das ist aber nicht nett von ihnen, wir würden ja auch bezahlen.“
„Bitte gehen sie jetzt weiter.“
Er dreht sich um, ist natürlich verärgert. „Die Fremden glauben, alles gehört ihnen.“ „So etwas kommt nur sehr selten vor. Bitte Herbert reg dich nicht auf, es lohnt sich nicht.“
„Jetzt werde ich die erste Runde des Holzhackens übernehmen.“
Herbert hat richtig Wut im Bauch, die muss jetzt raus. Wir räumen die Küche auf und begeben uns dann nach draußen. Irmi klappt die Liegestühle auf.
„Sag bitte Bescheid, wenn ich dich ablösen soll.“
„Das kann dauern, das sind die gleichen Leute die in mein Geschäft kommen und glauben wir hätten was zu verschenken.“ „Oh, die kenne ich. Sie bestellen mich vierhundert Kilometer weit irgendwohin, und wenn ich dann sage was es kostet, meinen sie, „wir dachten sie interessieren sich für diese Dinge.“
„Die Welt ist voller Nassauer und Schmarotzer.“
„Ärgern wir uns jetzt nicht mehr, genießen wir lieber den schönen Tag.“
„Sieh mal, dahinten kommt ein Unwetter daher. Das wird gegen Nachmittag einen Wetterumbruch geben.“ Wir holen den Feldstecher und sehen in die umliegenden Berge. Man kann sehr deutlich erkennen, wie sich die Wolken über die Bergspitzen schieben. Herbert meint, „in drei bis vier Stunden, dann kann sogar Schnee kommen.“
„Komm, ich löse dich jetzt beim Holzhacken ab.“ Nach einer halben Stunde war ich fix und fertig. Die beiden lachten sich schief.
„Dir fehlt körperliche Arbeit, mein Lieber“, meint Herbert. Die Wolken kommen immer schneller zu uns herunter. Das Mittagessen können wir nicht mehr auf der Terrasse einnehmen. Von Minute zu Minute zieht es sich mehr zu. Dann kommen auch schon die ersten Blitze.
„Du brauchst dich nicht sorgen, wir haben einen Blitzableiter.“
„Sollen wir dein Motorrad nicht besser in den Schuppen stellen?“
„Das wird es schon aushalten.“
„Wir müssen jetzt den Funk einstellen, mein Vater ist nämlich Mitglied der Bergwacht, da muss er bereit sein.“ „Wo habt ihr denn einen Funk?“ Sie zeigt mit den Fingern nach oben, „direkt unter dem Dach.“ Nun geht es aber los, wir kommen gerade noch dazu die Fenster zu schließen. Wie aus Kübeln kommen Wassermassen, die für mich unvorstellbar sind. Dann kommt auch noch Schnee dazu.
Es folgt ein fürchterliches Klopfen, Schlagen und Hilferufe an der Türe. Wir öffnen, es ist der Herr, welcher uns beim Frühstück so unangenehm gestört hat. „Meine Frau, meine Frau“, jammert er immer wieder.
„Kommen Sie zur Ruhe und schildern Sie genau was los ist.“
„Meine Frau ist abgestürzt, sie ist bestimmt Tod.“
„Können Sie uns in etwa sagen, wo es passiert ist.“
„Jetzt sitzen Sie doch nicht so blöd herum, gehen Sie endlich und bergen Sie meine Frau.“
„Wir müssen jetzt die Bergwacht verständigen, dann nehmen wir den Unimog. Sie zeigen uns wo es passiert ist.“ „Ich gehe da nicht mehr raus. Sie sind verpflichtet sie zu suchen.“ „Ich glaube Sie verstehen hier etwas falsch. Wir können nur helfen, wenn wir genaue Angaben haben.“ Herbert ruft die Bergrettung.
„Hier ist die Gaisalm, wir brauchen Hilfe.“ Er versucht die Situation zu schildern.
„Wir können keinen Hubschrauber wegen des Wetters schicken, wir haben Startverbot.“ Der Urlauber reist Herbert den Hörer aus der Hand und brüllt in den Hörer, „hören Sie mal, ich bin vom Fernsehen, wenn hier nicht endlich was passiert, kommen sie aber schlecht weg.“ Herbert nimmt wieder den Hörer und stößt den Typen auf die Seite.
„Wir kommen mit dem Unimog, ist dein Fahrzeug bereit?“
„Ja, ich wollte schon losfahren, ich habe einen prima Helfer hier. Irmi wird hier bei dem Ehemann bleiben und sich um ihn kümmern.“ Kurze Absprache mit Irmi, dann fahren wir mit dem Unimog ab. Herbert kennt sich hier aus, wie in seiner Westentasche.
Wir steigen einen schmalen Pfad hinauf, Herbert spricht noch mit der Rettung über das Funkgerät. Da hören wir Hilfeschreie. Wir versuchen zu orten, aus welcher Richtung es kommt. Da liegt eine Tasche, wir sind also ganz in der Nähe. Herbert ruft die Kollegen und gibt Anweisung.
Wir rufen abwechselnd, das macht der Verunglückten Mut, erklärt Herbert. Dann finden wir noch eine Thermosflasche. Es regnet nur noch schwach. Da hören wir wieder das Rufen. Sie kann uns einige Hinweise geben, wo sie sich befindet. „Sie muss hier unten sein.“
„Ich seile mich ab, du machst die Sicherung“, meint Herbert. Entfernt hören wir Leute kommen, es muss die Bergwacht sein. Wir nehmen Kontakt mit der Rettung auf und schießen eine Leuchtpatrone ab. Wir hören die Dame rufen, „Sie sind jetzt über mir.“ Herbert lässt sich langsam herunter, ich sichere ihn. Dann kommen auch schon die ersten Helfer der Bergwacht. Nach einigen Minuten, ruft Herbert, „ich hab sie! Wir brauchen unbedingt eine Trage.“
Die Frau stöhnt immer und meint mit zittriger Stimme, „Er wollte mich umbringen.“
„Sie muss einen starken Schock haben, da darf man es nicht so genau nehmen.“ Herbert gibt ihr Wasser. Die Trage wird hinabgelassen und nach einer weiteren halben Stunde haben wir sie auf sicherem Boden. Sie ist ohnmächtig, „komm Herbert, lass sie mich tragen.“ Sie schaut schlimm aus.
„Meint ihr, wir können den Hubschrauber verständigen?“
„Er müsste auf dem Feld hinter meinem Haus landen.“ Als die Helfer an den Hilfsfahrzeugen angekommen sind, erreicht sie die Nachricht, dass ein fremder Hubschrauber auf dem Anwesen von Herbert steht. Die Rettung kann deshalb nicht landen, zuerst muss der fremde Helikopter weg. Wir versuchen den Piloten dazu zu bewegen, dass er endlich abfliegt, „er sei von einer Zeitung gemietet“ meint der Pilot. „Ich glaube ich spinne.“ Er weigert sich, der Urlauber gibt hier ein Interview. Inzwischen wissen wir, dass es ein wichtiger Mann ist, vielleicht sogar ein Politiker. So kam er mir schon die ganze Zeit vor. Die Retter kommen nur mühsam voran. Als wir auf die Hütte zu kommen, trauen wir unseren Augen nicht. Mindestens fünfzig Personen, Geländewagen Fernsehkameras stehen herum. Herbert flippt aus. Ich versuche ihn zu beruhigen. Irmi sitzt in einer Ecke ist völlig fertig und weint. In der Küche befinden sich einige ungehobelte Kerle, die den Enzian austrinken, es sind Reporter einer Tageszeitung. Herbert kommt rein und schreit nur noch „raus, sofort raus.“ Inzwischen ist die ältere Dame zu sich gekommen. Sie berichtet dem Leiter der Bergwacht, was vorgefallen ist. Der ruft die Gendarmerie von Brixen. Diese kommen mit Blaulicht und Martinshorn. Nach einer weiteren Stunde ist der Spuk vorbei. Der noblige Herr Urlauber wird festgenommen. Die Herren von der Presse verschwinden und zurück bleibt ein einziges Chaos.
Herbert muss lachen, „ich werde jetzt ein Schild anbringen. Für Preußen ist der Weg hier zu Ende, bitte umkehren.“ Wir werfen einen Blick in den Kühlschrank, völlig leer gefressen. Wir können es nicht glauben. Die Räucherkammer, verwüstet. Wir beschließen, ins Bett zu gehen. Wir werden morgen Bestandsaufnahme machen. Da läutet das Telefon, Herbert meint, „wenigstens das haben sie uns gelassen.“ Ein Anruf von der Polizeistation. Herbert, hier spricht Alfons, ich muss dir was erzählen. Wir haben ihn hier zehn Minuten gehabt, da bekommen wir einen Anruf aus Berlin. „Sofort freilassen, er hätte Immunität. Er sei Bundestagsabgeordneter. Aber das Schönste kommt noch, sein Chauffeur ist mit seinem Geländewagen im Rausch
den Abhang runter.“
Pulsuz fraqment bitdi.