Kitabı oxu: «Brief an Mama»
Mikael Torfason
BRIEF AN MAMA
Aus dem Isländischen von Tina Flecken

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel „Bréf til mömmu“,
Verlag Sögur útgáfa, Reykjavík – © Mikael Torfason
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
Mit freundlicher Unterstützung durch:

Für die deutsche Ausgabe © STROUX edition – München, 2020
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Cover: Matthias Mielitz
unter Verwendung eines Fotos © Sanchai Khudpin/shutterstock
ISBN 978-3-948065-16-4
eISBN 978-3-948065-19-5
www.stroux-edition.de
Printed in Germany
Für Mama, ich liebe dich
Inhalt
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
WIEN, IM SOMMER 2019
Liebe Mama!
Nachdem ich das erste Buch über meine Familie, ‚Lost in Paradise‘, im Herbst 2015 abgeschlossen hatte, begann ich mit diesem Buch. Ursprünglich sollte es im Herbst 2017 erscheinen, doch ich musste eine Schreibpause einlegen, weil Papa auf die Idee kam, mit Gelbsucht aus Thailand heimzukommen, und in der Uni-Klinik an Alkoholismus starb. Torfi wusste schon immer, wie man anderen die Show stiehlt. Ich habe den Verlust noch nicht überwunden und denke fast täglich an ihn. Nach seinem Tod im Mai 2017 legte ich diesen Text beiseite und schrieb stattdessen ein Buch über Papa, das im darauffolgenden Herbst erschien: ‚Die Fallenden‘.
Nun habe ich dieses Buch endlich beendet, Mama. Es ist ein langer Brief an dich. Danke, dass du deine Geschichte mit mir und uns allen teilst. Wir haben oft nebeneinanderher gelebt und waren lange Zeit nicht füreinander da. Es war eine unglaubliche Reise, dich noch einmal ganz neu kennenlernen zu dürfen und zu lernen, dich so zu lieben, wie du bist.
Dein bärtiger Sohn, Mikael
I
Ich rannte so schnell ich konnte aus der Bücherei, die sich im ersten Stock des Schulgebäudes befand. Ich hatte am Fenster gesessen und darauf gewartet, deinen hellen Lada zu sehen, der immer genauso plötzlich auf dem Parkplatz der Vogaskóla auftauchte, wie er wieder verschwand.
Du kamst aus dem Breiðholt-Viertel, um mich für ein lang ersehntes gemeinsames Mama-Wochenende abzuholen. Diese Wochenenden fanden damals nur unregelmäßig statt und waren kurz, von freitagmittags bis sonntagabends, bestenfalls jede zweite Woche.
Sobald ich dein Auto erspähte, flitzte ich die Treppe hinunter, flog durchs Hauptportal und preschte über den Schulhof, ohne die spielenden Kinder um mich herum wahrzunehmen. In Gedanken war ich nur bei dir, wollte dich auf keinen Fall verpassen. Doch als ich endlich auf dem Parkplatz ankam, hattest du den Lada bereits gewendet und sahst nicht, wie ich auf dich zurannte. Ruckartig legtest du mit dem dazugehörigen knarzenden Geräusch den Gang ein, gabst Gas und braustest davon, fort von mir. Ich winkte und rief dir hinterher, aber du sahst mich nicht im Rückspiegel.
Mama fährt bestimmt zu den Parkplätzen auf der anderen Schulseite, dachte ich und spurtete wieder los. Sie hat irgendwas durcheinandergebracht, hämmerte ich mir ein und rannte um mein Leben, doch als ich schweißgebadet den hinteren Schulhof erreichte, sah ich den Lada am Ende der Straße verschwinden.
Vielleicht will sie zu uns nach Hause, weil sie dachte, ich hätte früher freigehabt, überlegte ich, nahm die Beine in die Hand und raste nach Hause.
Eigentlich wusste ich, dass ich dich niemals einholen würde, und bekam Panik. So war unser damaliges Verhältnis – und so ist es vielleicht noch heute. Nie durfte etwas schiefgehen, denn dann war Ärger vorprogrammiert. Papa würde ausrasten, wenn er erfuhr, dass du mich nicht wie vereinbart von der Schule abgeholt hattest, dass du zwar gekommen, aber dann einfach wieder weggefahren warst. Er hatte das Sorgerecht für mich, und das ließ er dich spüren.
„Was sind das für Spielchen?“, würde Papa dich am Telefon anherrschen. „Du hast versprochen, ihn abzuholen, und dann lässt du ihn einfach warten und fährst wieder weg, wenn er gerade rauskommt? Was denkst du dir eigentlich, Frau?“
Wir haben uns wirklich gegenseitig das Leben schwer gemacht, Mama. Wir alle, ich, du und Papa. Natürlich war ich am allerwenigsten dafür verantwortlich, aber ich hatte trotzdem ein schlechtes Gewissen, nicht nur bei dieser Sache. Als Kind fühlte ich mich immer mitverantwortlich für eure stürmische Ehe.
Jahrelang träumte ich von dieser Rennerei über das Schulgelände und wachte oft mit einem unguten Gefühl auf, einer Mischung aus Verzweiflung und innerer Leere. Eine Zeitlang glaubte ich, ich hätte das alles nur geträumt, oder hoffte es zumindest. Dass dieses Gerenne nur eine Erinnerung an einen Albtraum wäre, der in meinem Kopf real geworden war.
Im Traum renne und renne ich, ohne dich jemals einzuholen. Ich hatte viele ähnliche Träume und erinnere mich gut an sie, auch wenn ich sie schon länger nicht mehr geträumt habe. Ich renne über den Schulhof, und der alte Lada verschwindet aus meinem Blickfeld. In einem anderen Traum haste ich die Treppe in einem Mehrfamilienhaus hinauf – manchmal auch durch einen Hotelflur – und klopfe an alle Türen, weil ich dich suche, Mama, aber ich finde dich nirgendwo.
Ich war jedes Mal furchtbar enttäuscht. Im Traum genauso wie nach dem Aufwachen, und auch als ich, nachdem ich dich verpasst hatte, vor unserem Haus im Langholtsvegur stand, wo ich mit Papa und meiner Stiefmutter wohnte. Vor Angst und Traurigkeit fühlte ich mich wie gelähmt. Als ginge die Welt unter.
Die Welt war so zerbrechlich in jenen Jahren. Für mich war es wie ein Weltuntergang, als wir bei den Zeugen Jehovas austraten, denen wir alle, Papa, du und ich, eine Zeitlang angehört hatten. Und es war auch ein Weltuntergang, als ich im Krankenhaus eingesperrt war und um mein Leben kämpfte. Wie man sieht, habe ich diesen Kampf gewonnen, aber zeitweise stand es auf der Kippe. Auch nur ein einziges Mama-Wochenende zu verpassen, war für mich dasselbe, wie die Hoffnung auf das Paradies aufzugeben. Unsere gemeinsamen Stunden waren verloren, sie würden nie wiederkommen, und es war unmöglich, ein solches Missverständnis wie das, als du im Lada davonbraustest, wiedergutzumachen. Das wusste ich. Das Verhältnis zwischen Papa und dir war so, dass ein solches Versehen – oder wie auch immer man es nennen möchte – niemals wie bei normalen Leuten als dummes Missverständnis angesehen würde.
Nein, ich ging rein, rief Papa auf der Arbeit an und fing natürlich an zu heulen, weil ich kein Mama-Wochenende verpassen wollte. Papa wischte meine Tränen mit der Bemerkung weg, ich solle mich nicht so anstellen, Mamasöhnchen seien doch Schwächlinge.
„Besonders wenn die Mutter Hulda Fríða Berndsen heißt“, sagte er in jenen Jahren oft, womit er mich daran erinnerte, dass du mich nicht bei dir haben wolltest, obwohl er dir die Wohnung, das Auto und den vollen Unterhalt für mich angeboten hatte.
Papa konnte nie richtig verstehen, warum mein Bruder Ingvi und ich dich gernhatten und uns bei dir in Breiðholt wohlfühlten. Außerdem fand er es immer albern und unverständlich, dass der Arbeitervorort Breiðholt in viele meiner Bücher Eingang gefunden hat – als wäre er das gelobte Land. In Gedanken war ich immer bei dir in Breiðholt. In deinen Armen fühlte ich mich am wohlsten. Papa und meine Stiefmutter Dóróthea bereiteten uns ein schönes Zuhause und kauften jedes Jahr ein größeres Haus. Sie schwammen damals in Geld, betrieben gut besuchte Friseursalons und reisten jeden Monat ins Ausland. Aber ich wollte immer nur bei meiner Mama in Breiðholt sein und liebte es, dich zu einem deiner Putzjobs zu begleiten, wo du den Boden schrubbtest, oder dir in der Kantine irgendeiner Firma beim Kochen zuzusehen.
Du hast mich an den Mama-Wochenenden immer verwöhnt. Damit konnte ich gar nicht umgehen, und es fällt mir heute noch schwer, mich verwöhnen zu lassen. Du hast mir Brote geschmiert und meinen Kakao umgerührt. Ich muss fast heulen, wenn ich an deine bedingungslose Liebe an diesen Wochenenden vor dreißig, vierzig Jahren zurückdenke. Als Kind hat mir sonst nie jemand den Kakao umgerührt, außer vielleicht im Krankenhaus.
Ich fühlte mich wie im siebten Himmel, wenn du mir auf dem kleinen Sofa im Wohnzimmer das Bett machtest und mich zudecktest. Oft saßest du bei mir und strichst mir über die Stirn, bis ich eingeschlafen war. Als Ingvi ins Teenageralter kam und Mama-Wochenenden doof fand, durfte ich auf dem großen Sofa schlafen und träumte davon, immer bei dir wohnen zu dürfen. Ich wäre sofort bereit gewesen, mein eigenes Zimmer bei Papa für ein Sofa in deinem Wohnblock aufzugeben. Zudem war ich fest entschlossen, niemals ein Neureicher zu werden wie Papa, sondern ein Arbeiter wie du und in einer Arbeiterwohnung in Breiðholt zu wohnen. Wahrscheinlich kann ich froh sein, dass dieser Traum nicht Wirklichkeit wurde. Heutzutage gibt es in Reykjavík keine Arbeiterwohnungen mehr, und arme Leute wohnen bei großen Immobilienfirmen zur Miete und werden bis auf die letzte Krone ausgequetscht.
Doch an jenem Freitag, genau an jenem Freitag dachte ich, ich würde alles verlieren, weil ich deinen Lada nicht einholen konnte. Papa rief bei dir an, wie ich vorhergesehen hatte, und beschimpfte dich, weil du mich enttäuscht hattest: „Warum bist du nicht in die Schule reingegangen, verdammt noch mal?“, fauchte er, und ich konnte hören, dass du sofort in Tränen ausbrachst. Genau wie ich. Du wolltest bestimmt eine Erklärung vorbringen, aber Papa hörte dir gar nicht zu, sondern brüllte, du seist eine total unfähige Mutter und er müsse eure Abmachung überdenken, wenn du noch nicht einmal in der Lage seist, den Jungen zur verabredeten Zeit abzuholen.
Anschließend schickte er mich zu Oma und Opa, damit ich an dem Wochenende wenigstens eine kleine Abwechslung hätte.
„Das ist auch so eine Art Mama-Wochenende“, erklärte er mir und krönte seine Schimpftirade mit den Worten, du seist ein hoffnungsloser Fall, eine dieser Frauen, die niemals Kinder hätten bekommen sollen.
II
Du hast dich immer noch nicht davon erholt, sagst du mir beim Videoanruf, und meinst meine Geburt vor fünfundvierzig Jahren. Wir telefonieren oft über eines dieser Tools, die das Leben im Ausland inzwischen völlig verändert haben.
„Du hast dich immer noch nicht davon erholt?“, frage ich und berühre den Bildschirm.
Du siehst mich an und kommst mir dabei unangenehm nah. Dein Gesicht füllt mein gesamtes Handy-Display aus.
„Nein“, bestätigst du und fragst mich, wie es mit dem Kistenpacken in unserer Berliner Wohnung vorangehe.
„Ganz gut“, antworte ich, und jetzt hältst du das Handy auf einmal so nah an dein Gesicht, dass ich nur noch deine Augen sehe.
„Ich spüre dich hier in mir“, sagst du und hältst das Handy so, dass ich sehen kann, wie du zu Hause auf dem Boden sitzt und dir über den Bauch streichst. Dann erzählst du mir, du würdest in letzter Zeit fast den ganzen Tag in Embryostellung daliegen.
„Wenn’s mir schlecht geht, rolle ich mich zusammen, guck mal, so“, fährst du fort und legst dich auf den Boden, damit ich sehen kann, was du meinst.
„Ich hab das auch meinem Psychologen erklärt. Ich schlafe dabei nicht unbedingt ein, ich liege nur da, so – siehst du? –, und versuche, mit dem ganzen Schmerz zu leben. Ich kann nicht denken, ich kann nicht sprechen. Das Einzige, was ich tue, ist überleben.“
Du machst das schon seit Jahren, erzählst du mir. Liegst stundenlang in Embryostellung. Dein Psychologe meint, du sollst dir das abgewöhnen, und rät dir, dich tagsüber nicht mehr hinzulegen.
„Aber weißt du, Míkael, das ist so kräftezehrend, als wäre ich ein Baby, das abgestillt wird“, sagst du, denn du kannst dir ein Leben, ohne dich tagsüber hinzulegen, nicht vorstellen.
Ich verstehe dich gut, Mama.
Ich befand mich selbst schon in der Situation, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie ich weiterleben sollte, ohne mich in Embryostellung zusammenkauern zu dürfen. Bei mir lag das an den heftigen Bauchkrämpfen, die ich manchmal als Folgeerscheinung meiner Krankheit in der Kindheit bekam. Ich darf mich nicht überanstrengen und muss ein geregeltes Leben führen, sonst ende ich in Embryostellung auf dem Fußboden im Wohnzimmer.
„Ich spüre dich, Míkael“, sagst du mir am Telefon. Du nennst mich immer Míkael mit langem í, nie mit kurzem i oder einfach nur Mikki. Für dich bin ich Míkael, mit Betonung auf dem i. Der kleine Junge, den du nach dem Erzengel Jehovas taufen ließest, denn damals wollten wir bis in alle Ewigkeit miteinander im Paradies leben.
Es ist so lange her, seit wir dachten, wir kämen gemeinsam mit den anderen Zeugen Jehovas ins Paradies, dass es mir manchmal so scheint, als hätten wir beide den allmächtigen Gott vergessen, nach dem wir früher jeden Atemzug ausrichteten.
„Ich spüre dich hier drin“, sagst du und fasst dir an den Bauch.
Morgen schreibst du auf meine Facebook-Seite, dass du mich liebst, und ich kommentiere es mit einem Herzchen, weil ich mich nicht mehr für dich schäme. Früher schämte ich mich und meldete mich von Facebook ab, weil ich dieses übergriffige Verhalten, dazu noch in aller Öffentlichkeit, nicht ausstehen konnte. Schon peinlich, sich einzugestehen, dass man sich als erwachsener Mann für seine eigene Mutter geschämt hat. Warum verhält man sich manchmal wie ein Kind? Welcher Mann über vierzig fürchtet sich vor seiner eigenen Mutter auf Facebook?
Kann es sein, dass man gegenüber der eigenen Mutter nie erwachsen wird? Besonders wenn man ein so kompliziertes Verhältnis hat wie wir. Es ist mir immer sehr schwergefallen, in deiner Gegenwart erwachsen zu sein, weil unsere Beziehung zum Stillstand kam und sich nicht mehr weiterentwickelte, seit ich mit knapp fünf Jahren von dir getrennt wurde. Und bevor ich mich versehe, fühle ich mich in deiner Gegenwart wieder wie ein Fünfjähriger. Ich werde immer dein kleiner Junge sein, und du wirst nie müde, mir das zu sagen.
„Mein kleiner Junge“, sagst du, und ich lächle dich an.
Wenn ich zurückblicke, erkenne ich, wie viel Einfluss du auf mein Schreiben hattest, wobei mir das erst bewusst wurde, als ich begann, über meine Kindheit und über Papa und dich zu schreiben.
Unser Verhältnis, Mama, war schon von meiner Geburt an kompliziert, als ich mit dem Ellbogen voraus und mit geballten Fäusten zur Welt kam, bereit, mich mit meiner Krankheit und den Zeugen Jehovas und Papa und dir herumzuschlagen. Manchmal glaube ich, du hättest mich am liebsten noch im Mutterleib, dabei weiß ich, dass das nicht stimmt.
„Ich fühle mich selbst wie im Mutterleib“, unterbrichst du meine Gedanken. „Und trotzdem bist du in mir. Ich liege schon seit vielen Jahren in Embryostellung. Ich spüre dich wirklich, Míkael.“
„Ich weiß“, sage ich, aber du hörst mir nicht zu und redest weiter: „Die letzten Monate der Schwangerschaft waren die schlimmsten. Ich wollte eine großartige Mutter sein. Ich wollte dich über alles lieben. Es hätte niemals so laufen dürfen. Ich hatte einen Riesenbauch, und du hast getreten und gestoßen, als wolltest du unbedingt raus. Ich konnte nicht mehr laufen. Ich bekam keine Luft. Es war, als würde etwas zwischen meinen Beinen feststecken. Ich konnte mich überhaupt nicht bewegen.“
Nach all den Jahren reden wir immer noch über meine Geburt. Sie wird wohl niemals fertig besprochen oder abgehandelt sein. Einmal fuhren wir sogar zusammen zum Archiv der Uni-Klinik in Kópavogur und ließen uns eine Kopie meines Geburtsberichts geben. Offiziell gehörte der Bericht dir, weil man seine eigene Geburt nicht besitzt. Du warst mit mir schwanger und brachtest mich zur Welt, und ich durfte den Bericht nur mit deiner Einwilligung lesen. Ich war ja in deinem Körper nur zu Gast gewesen.
In dem Bericht stand nichts Neues. Nichts, was wir nicht schon gewusst oder jahrzehntelang ausgiebig besprochen hätten. Ich wusste das alles. Du hattest einen so schlimmen Dammriss, dass du bis zum After genäht werden musstest. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich schon immer alles gewusst, was in diesem Bericht steht. Seit ich denken kann, kenne ich die gesamte Geschichte meiner Geburt – beziehungsweise deiner. Früher war es mir peinlich, dass ich die Geschichte meiner Geburt bis ins kleinste medizinische Detail auswendig kannte, aber jetzt ist es mir egal.
„Es war ein Dammriss vierten Grades“, falle ich dir ins Wort, denn wir kommen auf einmal beide ins Reden und ereifern uns darüber, mit wie vielen Stichen der Arzt dich genäht hat. „Ich hab das im Internet recherchiert“, füge ich hinzu. „Man nennt es ‚grade four laceration‘.“
„Du weißt doch, dass ich kein Englisch spreche, Míkael.“
„Eine Wunde vierten Schweregrades“, erkläre ich.
„Ja, das waren wirklich viele Stiche. Der Arzt wollte gar nicht mehr aufhören zu nähen.“
Als ich klein war, habe ich dich so sehr vermisst, Mama, aber jetzt, da ich erwachsen bin, versuche ich, dich besser zu verstehen. Als Kind hat mich das alles noch viel stärker belastet. Als ich einmal allein auf dem Land war, heulte ich mich in den Schlaf, weil ich plötzlich daran denken musste, wie schlimm du aufgerissen wurdest, als ich mich auf die Welt boxte. Die Hebamme musste dich mit einer Schere aufschneiden, und der Arzt behauptete, das sei alles ihre Schuld.
Du hattest einen roten Silver Cross-Kinderwagen für mich gekauft und dir ausgemalt, wie du mit deinem Baby durch die Stadt spazieren würdest. Doch ich war zu krank, als dass dieser Traum wahr werden konnte.

Manchmal habe ich das Gefühl, ich würde mich an meine Geburt erinnern, was natürlich Quatsch ist. Ich erinnere mich nicht an sie. Aber ich habe so oft Geschichten über sie gehört, dass sie mir quicklebendig vor Augen steht. Erinnerungen sind ein geheimnisvolles Phänomen und manchmal auch reine Erfindung. Samuel Beckett hat behauptet, er erinnere sich an seine Geburt, und zwar mit Grauen. Ich weiß es nicht. Wenn einem etwas oft genug erzählt wird, wird es irgendwann zu einer Realität, die man beschreibt, als wäre man selbst dabei gewesen. So wird aus Lebensgeschichten Literatur und aus Literatur werden Lebensgeschichten. Wobei ich selbstverständlich bei meiner Geburt dabei war.
Und ich behaupte auch, dass ich mich richtig erinnere, dass ich in meinem Wohnzimmer in Berlin am Telefon mit dir über all das gesprochen habe. Ich wollte dir so viel sagen, Mama, als du anriefst und dich auf den Boden legtest, um dir meine Geburt ins Gedächtnis zu rufen. Aber ich erinnere mich auch, wie ich in deinem Wohnzimmer stehe und über meine Geburt rede. Sowohl in Breiðholt als auch in dem Viertel, in dem du jetzt wohnst. Wir reden nämlich immer darüber, und ich kann nie all das in Worte fassen, was ich eigentlich sagen möchte.
Es fällt mir wesentlich leichter, dir zu schreiben. Ich kann dir alles sagen, was ich dir schon immer sagen wollte, indem ich es in mein Tagebuch schreibe. In meinem Tagebuch erzähle ich dir, wie ich letzten Sommer auf der Suche nach Heilung nach England reiste. In Kent wohnt ein Freund von mir, der als Therapeut arbeitet und mir in den letzten zehn Jahren sehr geholfen hat. Ich erzähle dir die ganze Geschichte einfach so, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres und als hätten wir kein schwieriges Verhältnis mehr.
Ich weiß noch, wie du mir, als ich mit zwanzig von Wut zerfressen, total pleite und frischgebackener Vater war, meinen ersten Therapeuten suchtest. Damals waren wir beide psychisch angeschlagen. Du depressiv und ich aggressiv. Wir hatten immer die Gemeinsamkeit, dass wir unentwegt an uns arbeiten, wie man so sagt. Und das ist ja eigentlich eine gute Sache: Das Ziel zu haben, sich in seiner eigenen Haut wohler zu fühlen und ein besserer Mensch zu werden. Manche Leute belächeln das zynisch. Ich halte es hingegen für ein wirklich gutes Ziel.
Doch was ich dir eigentlich erzählen wollte, aber nur mit dem Stift in Worte fassen kann, ist, dass ich dir letzten Sommer in Kent begegnet bin. Ich machte eine Zeitreise und wurde wieder zum Säugling. Es wäre mir schwergefallen, dir das bei einem Videoanruf aus meinem Wohnzimmer in Berlin zu erklären, Mama, aber ich glaube, du findest es gar nicht so abwegig, dass wir uns in einer kleinen Praxis in England begegnet sind. Du erholtest dich gerade von meiner Geburt, und ich erholte mich auch. Es ging mir nicht gut, aber ich war froh, endlich nach Luft schnappen zu können und auf der Welt zu sein. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein Neugeborenes zu sein und das Leben wie einen Albtraum wahrzunehmen. Wie bei Beckett. Babys haben noch kein vollständig entwickeltes Ich, sodass ihr Leben bei genauerer Betrachtung eher einem Traum oder Albtraum ähnelt. Sie haben noch kein richtiges Bewusstsein und können Schlaf und Wachsein kaum unterscheiden. Alles fließt, wie im Traum.
Ich weiß, es klingt unglaublich, zu behaupten, man könnte wissen, wie es sich anfühlt, ein frisch geborener Säugling zu sein, aber so habe ich es bei der Therapie letzten Sommer erlebt. Ich machte eine Zeitreise in meine frühe Kindheit und befand mich urplötzlich wieder im Körper des kleinen Míkael, den du aus dem Krankenhaus mit nach Hause nehmen durftest, nachdem du dich ein wenig erholt hattest und wieder laufen konntest. Um dich selbst machtest du dir die geringsten Sorgen, denn ich starb vor Hunger, weil ich die Brust verweigerte.
Ich war furchtbar durstig. Ich verdurstete. Dieses Gefühl überrollte mich während der Hypnose bei meinem Freund in Kent. Ich starb. Ich lag in deinen Armen und weinte, bis alle Kraft aus meinem Körper gewichen war und ich keine einzige Träne mehr herausquetschen konnte.
Ich war allein.
Oder es kam mir so vor, als sei ich allein, und auf einmal erwachte ich in einem dunklen Raum in der Uni-Klinik. In meinem Kopf vermischt sich das alles. All die Erinnerungen. Die Nächte im Krankenhaus, als ich allein in meinem Bett lag und an die Decke starrte. Erst als Baby und später mit ein, zwei, drei, vier Jahren und so weiter, andauernd krank.
All das holte mich in Kent wieder ein. Als Kind hing ich häufig am Tropf, und davon kriegt man schrecklichen Durst. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich durstig war, aber dort in Kent auf dem Stuhl vor meinem Freund Palli – er heißt Páll Jónsson – grub ich tiefer und tauchte in mein Unterbewusstsein ein und spürte das Hungergefühl des Neugeborenen, das die Brust seiner Mutter verweigert und stirbt.
Glaubst du, dass das möglich ist, Mama? Dass man diese Erinnerungen in sich trägt und wieder hervorrufen kann, wenn man nur tief genug gräbt? Das ist ja alles wirklich passiert. Das weiß ich. Du hast versucht, mich zum Trinken zu zwingen.
„Du musst trinken“, sagtest du schluchzend, „du musst trinken.“
Ich hatte riesigen Durst. Ich wollte nichts lieber als trinken, trinken, trinken. Und wie absurd es auch klingen mag, bei der Therapie in Kent sah ich, wie du versuchtest, mir deine Brustwarze in den Mund zu stopfen. Ich wand mich mit geschlossenen Augen auf dem Stuhl vor Palli, und er trommelte mit den Fingern auf meine Knie, um all die schmerzlichen Erinnerungen hervorzulocken und mich von der Unsicherheit und Angst zu befreien, die ich vor langer Zeit verdrängt hatte, indem ich vorgab, viel stärker zu sein, als ich bin.
„Was siehst du?“, fragte Palli.
„Ich hab solchen Durst“, jammerte ich. „Ich verdurste.“
Ich sehe die Szene genau vor mir, aber ich weiß nicht, welche Erinnerungen echt sind und welche nicht. Doch das ändert nichts. Das Gefühl ist da, und es ist echt.
Du verstehst mich doch, Mama, oder? Als Kind hatte ich immer das Gefühl, dass nur du mich verstehst, weil wir gemeinsam das Schlimmste durchgemacht haben, noch bevor ich zu Sinn und Verstand kam. Als ich schwerkrank war und kaum einen Unterschied zwischen Bewusstsein und Albtraum ausmachen konnte. Damals waren wir beide allein, während Papa zu Jehova betete und sich mit den Ärzten herumstritt, sie sollten mich sterben lassen, weil für unsere Familie keine Bluttransfusion in Frage käme. Damals weintest du immer mit mir. Du weintest für uns beide, als ich keine Tränen mehr hatte.

Doch, ich glaube, wir verstehen uns, Mama. Jedenfalls weiß ich, dass du sagen würdest, dass du mich verstehst. Und das hättest du mir auch gesagt, wenn ich dir von meiner Erfahrung in Kent erzählt hätte, als du mich anriefst und dich in deinem Wohnzimmer auf den Boden legtest.
„Ich verstehe dich, Míkael“, hättest du gesagt und mich durchs Telefon umarmt.
Ich hätte mich auch auf den Boden legen und mich vor meinem Handy in Embryostellung zusammenkauern sollen. Wir hätten gemeinsam auf dem Boden gelegen. Ich in Berlin und du in Reykjavík.
„Ich werde mir das nie verzeihen“, sagtest du, dich darauf beziehend, dass du nicht zu mir gehalten hast, als ich krank war und für die Zeugen Jehovas sterben sollte.
Ich nickte. Ich habe das schon so oft gehört. Wir sitzen in diesem Karussell fest, fahren Runde um Runde, haben schon letztes und vorletztes Jahr und vor zehn und zwanzig und dreißig Jahren darüber gesprochen. Ich glaube, du hast mir das alles schon vor vierzig Jahren erzählt. Ich habe in der Küche in Breiðholt mit dir darüber geredet, habe in Grafarvogur bei dir am Bett gestanden und in der Psychiatrie weinend bei dir gesessen. Wir führen immer dieselben Gespräche, und wir möchten einander verstehen. Als unsere Wege sich vor vierzig Jahren trennten, als ich den Stomabeutel loswurde und wir vorübergehend beide von den Zeugen Jehovas verstoßen wurden, begann diese Reise, auf der wir einander verstehen möchten, aber nicht zueinander finden.
Es ist eine unendliche Geschichte. Unsere Geschichte, Mama. Wir werden nie müde, sie zu erzählen. Sie gemeinsam zu rekapitulieren. Du wirst dir niemals verzeihen, und ich werde nie aufhören, dich zu vermissen. Es ist wie eine Pattsituation, aus der es keinen Ausweg gibt.
Ich vermisse dich so sehr. Allerdings nicht unbedingt als der Mensch, der ich heute bin. Ich vermisse dich als Kind, als Jugendlicher. Deshalb fallen mir Abschiede auch so schwer. Ich verabschiede mich ungern und habe oft Trennungsängste, wenn ich gezwungen bin, längere Reisen zu machen.
Daran arbeiten Palli und ich. Ich telefoniere regelmäßig mit ihm, und wir reden darüber, wie es mir geht. Manchmal geschieht es nämlich, dass ich mich aus heiterem Himmel wie zerrissen fühle und Panik bekomme. Früher überspielte ich das und prahlte damit, dass ich vor nichts Angst hätte. Aber heute kenne ich mich besser, und wenn ich ein seltsames Gefühl kriege, dann weiß ich, dass diese Angst oder Panik nichts mit dem fünfundvierzigjährigen Mann zu tun hat, der mich morgens im Spiegel anschaut. Die Angst holt mich aus der Vergangenheit ein, aus der Kindheit, und dann rufe ich Palli an, und er rät mir, tief in den Bauch zu atmen. Palli und ich haben sehr viel zusammen durchlebt. Oder vielmehr: Palli hat mich durch Vieles geleitet.
Bevor ich vor gut zehn Jahren anfing, an mir zu arbeiten, habe ich natürlich nie geweint. Das hast du mir sogar erzählt, dass ich als Kind eigentlich nie geweint habe, mich immer zusammengerissen habe, sei es bei körperlichen oder bei seelischen Schmerzen. Letzten Sommer in Kent konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen. Obwohl ich mich in England befand, lag ich allein im Krankenbett in der Uni-Klinik, und das Einzige, woran ich denken konnte, war, wann du wohl zurückkämst. Dabei weinte ich gar nicht, während ich auf dich wartete. Nicht wirklich. Sehnsucht nach der Mutter ist ein Urgefühl, das sich durch keine menschliche Macht unterdrücken lässt.
Du kamst einfach nicht. Nie. Jedenfalls nicht dort in Kent, und ich war, wie so oft, allein, die ganze Nacht, im Krankenhaus, und ich heulte fünfundvierzig Jahre später in Pallis Armen.
Es war hart, das noch einmal zu durchleben. Den Schmerz und die Einsamkeit. Und dann, bei der Therapie in England, ging plötzlich die Tür zu meinem Zimmer in der Uni-Klinik auf und eine Krankenschwester kam herein, gebadet in das Licht aus dem Flur. In diesem Moment brach ich in Pallis kleiner Praxis zusammen. Alles löste sich, und ich weinte so heftig, dass ich dachte, ich könnte nie wieder aufhören. Diese Menschlichkeit berührte mich so tief, dass eine fremde Frau zu mir ins Zimmer kam und wissen wollte, wie es mir geht. Sie rückte mein Kissen zurecht und strich mir über die Stirn. Das war alles. Dann ging sie wieder, ließ mich zurück, und der Albtraum im Krankenhaus ging weiter. Wieder war ich allein. Verlassen.
Die letzten Jahre habe ich damit zugebracht, diesen kleinen Jungen aus dem Krankenhaus zu holen und mit nach Hause zu nehmen.
Du sagst mir am Telefon, dass du dich darauf freust, nach unserem Umzug von Berlin nach Wien im Herbst zu uns zu kommen und unsere Tochter zu hüten. Meine Frau Elma und ich haben viele Pläne, deshalb hast du angeboten, für zwei Wochen als Kindermädchen zu uns zu kommen und auf die kleine Ída aufzupassen, die dich natürlich an mich erinnert. An den kleinen Jungen, von dem du sagst, du hättest ihn im Krankenhaus betrogen und verlassen, nachdem Papa dich und Jehova betrogen hatte.
„Ich werde es mir nie verzeihen, dass ich dich weggegeben und deinem Vater überlassen habe“, wiederholst du immer wieder, und ich betrachte dein Gesicht auf dem Handy-Display.
„Ich verzeihe dir.“
Wir veranstalten diesen Tanz jedes Mal, wenn du anrufst.
„Ich hätte dich nicht verlassen dürfen, Míkael.“
„Ich weiß. Du warst selbst krank, Mama.“
„Ich konnte nicht atmen“, sagst du. „Ich konnte nicht atmen. Nur daliegen, in Embryostellung.“