Kitabı oxu: «There will be no surrender»

Şrift:

Mitch Walking Elk

There will be no surrender

Ich werde mich nie ergeben

Ich widme dieses Buch meiner Mutter Na-ha-ni (Killing Woman) Evalina Tasso, die mir das Leben schenkte, meinen Vorfahren, die gelitten haben, damit wir leben können, und allen von uns, die heute leben und somit die Verantwortung tragen, das Leben zu erhalten und die Lehren des Schöpfers an die künftigen Generationen weiterzugeben.

aus dem Amerikanischen übersetzt von Martin Krueger

There will be no surrender

Ich werde mich nie ergeben

Die Autobiographie

von

Mitch Walking Elk

aus dem Amerikanischen übersetzt von Martin Krueger


Impressum

There will be no surrender, Mitch Walking Elk

TraumFänger Verlag Hohenthann, 2012

1. Auflage eBook November 2021

eBook ISBN 978-3-948878-14-6

Lektorat: Ilona Rehfeldt

Satz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal Verlag

Datenkonvertierung: Bookwire

Titelbild: Elisabeth Endres

Copyright by TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG,

Hohenthann

Printed in Germany

Inhalt

Vorwort des Herausgebers

Erste Worte

Die Tsistsistas/Cheyenne

Geboren um zu kämpfen

In der Boarding School

In Helena

Im Steinbruch von Granite

Auf der Flucht

Big Mac

Im Gefängnis von Ohio

Sonnentanz in Süd-Dakota

Das American Indian Movement

Der erste Longest Walk

Endlich frei – meine Karriere

Töte einen Indianer – rette einen Zander

Lehren und Lernen

Respektiert unsere heiligen Zeremonien

Ein paar letzte Worte und Danksagung

Übersetzung der Dokumente

Nachwort des Übersetzers

Leben

Ich danke für all die Gaben

und ich stehe voller Bescheidenheit vor Dir,

weil Du wunderbar,

mächtig und voller Mysterien bist

Ich bitte nur darum, dass Du

in deinen zukünftigen Hinwendungen

sanft zu mir bist

Jedoch, sollte dies nicht der Fall sein,

möchte ich mit dem größtmöglichen Respekt

Folgendes zu Dir sagen

Ich werde mich niemals ergeben

Mitch Walking Elk

Life

I thank you for all your gifts

and I stand humbly before you

because you are awesome

powerful and mysterious

I ask only, that in your

future dealings with me

that you be gentle

However, should that not be the case

it is with the utmost respect

that I say to you

There will be no surrender

Mitch Walking Elk

Vorwort des Herausgebers

Dieses Manuskript liegt schon länger in unserer Schublade, aber erst jetzt sehen wir die Möglichkeit, es in würdiger Weise zu publizieren. Inzwischen haben wir eine große Leserschaft erreicht, sodass uns nun die Mittel und Wege offen stehen, dieses Buch auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dieses Buch hat es verdient, gelesen zu werden, denn es steht stellvertretend für viele Menschen indigener Herkunft. Die Vernichtung indigener Kulturen und die Unterdrückung des einzelnen Menschen geschehen tagtäglich und überall auf der Welt. Die Systeme sind dabei immer wieder gleich: Zwangsassimilation, Raub der Bodenschätze, Vertragsbrüche, Entfremdung zur indigenen Kultur, Alkohol, Perspektivelosigkeit. Dazu gründeten die USA im Jahre 1824 sogar ein eigenes Department, nämlich das „Büro für indianische Angelegenheiten“, das dem Kriegsministerium unterstellt war. Aufgabe des Büros war es, so wörtlich, „die Indianer zu vermenschlichen, zu zivilisieren und zu christianisieren“, was beinhaltet, dass die indigene Bevölkerung nicht als vollwertige Menschen gesehen wurden. Was folgte war eine rücksichtslose Vernichtung der indigenen Kultur. Heute sprechen indianische Vertreter sogar von „kulturellen Genozid“. Die Speerspitze dieses kulturellen Genozids war die von dem Offizier Richard Henry Pratt gegründete Internatsschule (Boarding School) in Carlisle, die zum Vorbild für weitere Internatsschulen wurde. Anfänglich auf freiwilliger Basis wurden die Kinder in der Folge auch gegen den Willen der Eltern weggenommen und in die Internate eingewiesen.

Die wenigsten Eltern gaben ihre Kinder freiwillig in die Obhut fremder Menschen, sondern mussten durch drastische Strafen „überredet“ werden, ihre Kinder fortzugeben. Essensentzug, Gefängnis, Schikanen waren weit verbreitete Mittel, um Eltern davon zu überzeugen, ihre Kinder dem „Man, who counts“ (dem Mann, der zählt) mitzugeben. Manche versteckten ihre Kinder oder verheimlichten die genaue Anzahl, um wenigstens einige vor der Gier des Weißen Mannes zu retten.

Einige der bedeutendsten Medizinmänner der heutigen Zeit gehen aus diesem Akt der Verzweiflung hervor: Kinder, die von ihren Eltern versteckt wurden, damit sie das Andenken ihrer Ahnen weitertragen konnten, während ihre Brüder und Schwestern dahinsiechten und vielleicht starben. Denn das Motto dieser Internate war eindeutig: „Den Indianer zu töten, um den Menschen zu retten. Schätzungen gehen heute davon aus, dass etwa ein Drittel aller Kinder diesen Terror nicht überlebten. Trotzdem wurde das System bis in die 1970er, teilweise achtziger Jahre weitergeführt. Die Schüler, die diese Boarding Schools überlebten, waren für ihr Leben gezeichnet, entwurzelt von der eigenen Kultur und Identität. Nur wenige schafften es, aus dem anfangs sicherlich gut gemeinten Ansatz ihr eigenes Leben zu gestalten und ein angepasstes Leben zu führen, wie es sich die Obrigkeit eigentlich vorgestellt hatte. Die negativen Folgen kann man heute auf den Reservationen erleben: Resignation, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Gewalt, Entfremdung von der eigenen Kultur …

Eigentlich muss es verwundern, dass es immer noch Menschen gibt, die diesem Sumpf entkommen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Mitch ist so ein Mensch. Vom System bereits als verwahrlostes, straffälliges Kind abgeschrieben, verbringt er erst seine Jugend und dann einen Teil seines Erwachsenenlebens in verschiedenen Besserungsanstalten und später als Krimineller in Gefängnissen. Doch er ändert sich. Das American Indian Movement prägt seine Einstellung und er entflieht dem Kreislauf aus Alkohol, Drogen und kriminellen Handlungen. Er wird zum Sonnentänzer und Pfeifenbewahrer und er entdeckt sein Talent in der Musik. Er schreibt Protestlieder und drückt in ihnen seinen Zorn auf das Weiße System aus. Eroberer und Zerstörer sind es, die ihm seinen Stolz und seine Identität genommen haben, und nun fordert er sie zurück. Mitch kämpft kompromisslos für das American Indian Movement, doch auch hier entwickelt er sich vom aktiven Kämpfer zum besonnenen Botschafter seines Volkes. Nicht anklagend, sondern erklärend zwingt er uns, ein großes Verbrechen zu verstehen, das an den indigenen Menschen begangen wurde und immer noch wird. Es schmerzt, was wir hier lesen, und immer wieder stellt sich uns die Frage „was wäre wenn“. Welchen Weg hätte Mitch nehmen können, wenn er eine behütete Kindheit gehabt hätte? Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn er noch in den alten Traditionen seines Volkes hätte aufwachsen können? Es ist müßig, darüber nachzudenken, denn es ist, wie es ist. Trotzdem hilft uns seine Geschichte, zu begreifen, warum so viele indigene Menschen ihr Leben nicht in den Griff bekommen. Wie oft neigt man zu vorschnellen Urteilen? Immer wieder hören wir den deutlichen Vorwurf: „Die wollen ja gar nicht anders!“ oder „Die sind ja selbst schuld!“. Die! Diese „die“ sind Menschen wie Mitch, die vielleicht nie eine wirkliche Chance in ihrem Leben hatten. Nicht alle finden die Kraft, sich aus den Fesseln zu lösen und einen guten Weg im Leben zu finden. Dieses Buch erzählt von einem Menschen, der sich nie aufgegeben hat und damit auch anderen Hoffnung geben kann.

Buno Schmäling

Erste Worte

Eigentlich habe ich diese Geschichte schon vor vielen Jahren begonnen, aber aus verschiedenen Gründen hatte ich nicht das Durchhaltevermögen und das Know-how sie zu Ende zu schreiben. Jetzt, wo ich sie nun schreibe, komme ich zur Erkenntnis, dass ich vorher einfach noch nicht lange genug gelebt hatte, um bestimmte Teile dieser Geschichte zu erzählen, die später wichtig sein könnten. Nun ist die Zeit dafür gekommen und ich erkenne, dass die Lebenserfahrung von wichtiger Bedeutung ist, wenn man seine persönliche Geschichte erzählen möchte. Beim Schreiben und Lesen von dem, was ich bisher zu Papier gebracht habe, fällt mir auf, dass es eine schwierige Geschichte ist. Aber es ist auch eine gute Geschichte, und mehr noch, es ist eine wahre Geschichte. Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich bereits am Rande des Grabes stand, aber ich habe niemals aufgegeben, selbst dann nicht, als ich flach mit dem Gesicht nach unten auf der Erde lag oder ich einen vollkommen falschen Weg eingeschlagen hatte. In diesen Momenten wäre es besser gewesen, ich hätte den Kurs gewechselt und wäre letztlich in eine andere Richtung weitergegangen. Trotzdem habe ich es immer wieder irgendwie geschafft.

Im Indianerland gibt es eine Geschichte über einen Eimer voller Krebse. Jedes Mal wenn einer der Krebse versucht, über den Rand des Eimers zu entkommen, ziehen ihn die anderen Krebse wieder hinein. Das geschieht wieder und wieder, und natürlich schafft es auf diese Weise kein einziger Krebs zu entkommen. Sie sind in dem Eimer gefangen und sterben dann irgendwann.

Wenn man sich diese Fabel im Indianerland erzählt, dann sind mit den Krebsen „wir“ gemeint und das „Zurückziehen in den Eimer“ steht für die Unfähigkeit, sich aus dem Sumpf zu befreien oder dass wir unsere Situation immer nur als Ausrede benutzen, um uns selbst Steine in den Weg zu legen.

Was ich persönlich an dieser Krebsfabel so bedeutsam finde, sind nicht so sehr die Krebse, die die Fluchtversuche der anderen Krebse verhindern, indem sie sich gegenseitig immer wieder in den Eimer zurückziehen, sondern dass es immer wieder einen Krebs gibt, der überhaupt versucht zu entkommen.

Mit diesem Gedanken im Kopf beginne ich diese Erzählung und hoffe, dass ich andere „Krebse“ dazu inspirieren kann, nicht nur den Wunsch zu haben zu fliehen, sondern wirklich frei zu sein.

Während ich dies schreibe, sind einige bedeutsame Dinge im Bezug auf Indianer in der Welt passiert. Ein wichtiges Ereignis war, dass 140 Nationen die „nicht-verbindliche“ Erklärung der Vereinten Nationen unterzeichnet haben, in der sie erklären, die Rechte der eingeborenen Völker anzuerkennen. Vier Länder haben dagegen gestimmt, mit der Begründung, die Resolution würde den eingeborenen Völkern zu viele Rechte zugestehen, und dies wäre unvereinbar mit der aktuellen Gesetzeslage. Kanada, Australien, Neuseeland und die Vereinigten Staaten stimmten zuerst dagegen, aber unter dem Druck der Weltgemeinschaft oder aus anderen Gründen stimmte ein Land nach dem anderen doch zu Gunsten der Eingeborenen. Eine Gemeinsamkeit dieser vier Länder ist, dass sie alle Ureinwohner hatten, die innerhalb ihrer Grenzen lebten. In Australien gibt es die Aborigines, in Neuseeland die Maori und in den USA und Kanada viele Stämme, Volksgruppen oder Nationen, die man früher als Indianer bezeichnete, die aber heute, um politisch korrekt zu sein, „Native Americans“ genannt werden. Diese sind die indigenen Völker.

Meiner Meinung nach verleiht die anfängliche Ablehnung der Deklaration durch die erwähnten Regierungen den Klagen der Eingeborenen über erlittenes historisches Unrecht noch mehr Glaubwürdigkeit.

Das Ergebnis oder die Tatsache, dass diese Regierungen ihre ursprüngliche Stimme nun zu Gunsten der Eingeborenen geändert haben, muss erst noch abgewartet werden. Aufgrund dessen, dass die Resolution nicht verbindlich ist, ist sie zwar ein legales Dokument, allerdings, bildlich gesprochen, ohne Zähne, höchstens mit Milchzähnchen. Inwieweit die Weltgemeinschaft sie wirklich unterstützt, wie sie reagiert oder dagegen ist, muss ebenfalls abgewartet werden.

Die Ungerechtigkeiten haben sich über Generationen hinweg bis in die heutige Zeit fortgesetzt und jene, die heute begangen werden, sind nur die Spitze des Eisberges. Die Auswirkung dieses Unrechts kann man als Menschenrechtsverletzungen bzw. als Missbrauch der Schöpfung an sich bezeichnen, und sie hatte und hat katastrophale Folgen für Mensch und Tier, sowie für das Land und das Wasser.

Angesichts der Auswirkungen von mehr als 500 Jahren der Lügen, des Betrugs und des Völkermords, kultureller Assimilation und Gehirnwäsche, unangemessener Gesundheitsfürsorge, finanzieller Unterstützung, Zwangssterilisation von indianischen Frauen und Vertragsbrüchen ist die Haltung der US-Regierung unangemessen und inakzeptabel. Sie ist einfach nicht ehrlich, und es gab noch nicht einmal eine Entschuldigung für all das, was zum spirituellen, mentalen, emotionalen und letztlich auch zum physischen Verfall von Millionen von Ureinwohnern beigetragen hat. Und von denen, die noch übrig sind, tragen viele Traumas mit sich herum, ohne dies je zu bemerken. Es ist eine schreiende Ungerechtigkeit, dass wir, als Nachfahren der ursprünglichen Menschen aus diesem Teil der Welt, gezwungen sind, uns Tag für Tag damit auseinanderzusetzen. Ich spende all den Nationen Beifall, die den Respekt hatten, die Erklärung zu unterzeichnen und die damit die Rechte der indigenen Völker anerkannt haben, denn nach wie vor werden die Rechte indigener Menschen mit Füßen getreten.

Im Januar 2000 hat sich Präsident Bill Clinton offiziell bei den Menschen in Guatemala für die Beteiligung der Vereinigten Staaten an ihrem Bürgerkrieg entschuldigt, der drei Jahrzehnte lang andauerte. Nicht entschuldigt hat er sich für das Unrecht, das vor allen Dingen den dortigen Ureinwohnern angetan wurde: Die Vereinigten Staaten stellten das Militär, bildeten Personal aus, lieferten Waffen und unterstützten die Regierung von Guatemala finanziell in einem Krieg, in dem fast 200.000 Menschen starben. Vier Fünftel der Opfer waren Maya-Indianer. Zwischen 1978 und 1986 wurden mehr als 400 Dörfer der dortigen Indianer völlig zerstört und buchstäblich Tausende niedergemetzelt. Guatemala ist nur eines der Länder in Nord- und Südamerika, in denen die USA bei der Vernichtung der Ureinwohner ihre Hand mit im Spiel hatte. Eingeborene in Nicaragua, Panama, Mexiko und Peru hatten unter der militärischen Unterstützung der USA in diesen Ländern zu leiden. Grundsätzlich sollte sich jeder „Indianer“, der in die Streitkräfte der USA eintreten will, darüber informieren, wo und wie die Regierung der USA an der Tötung eingeborener Menschen in unserem Teil der Welt beteiligt ist. Vielleicht wird er sich dann anders entscheiden.

Derzeitig gehört Kolumbien zu den Hauptempfängern von US-Unterstützung in diesem Teil der Welt und die eingeborenen Menschen (die Indianer) dort leiden unter den Aktionen aller militärischen Kräfte, die dort involviert sind.

Sowohl die Streitkräfte der kolumbianischen Regierung selbst, als auch einige paramilitärische Verbände, die nichts anderes als eine Erweiterung der militärischen Kräfte der kolumbianischen Regierung sind, befinden sich gegenwärtig im Kriegszustand mit zwei Guerilla-Gruppen. Die größte von ihnen ist die „FARC“, die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens.

FARC ist auch verantwortlich für den Tod von Terrence Sreitas, 24 Jahre alt, aus Los Angeles, Kalifornien, einem Hawaiianer namens Lahe‘ena‘e Gay, 39 Jahre und der 41-jährigen Ingrid Washinawatok, einer Menominee aus Keshena, Wisconsin, und zahlreicher anderer Ureinwohner. All dies geschah am 4. März 1999. Das Trio war nach Kolumbien gereist, um die Uwa Indianer im Norden Kolumbiens mit dem Bau einer Schule zu unterstützen. Sie wurden am gleichen Tag getötet, als die Clinton-Regierung für die kolumbianische Regierung unter dem Namen „Plan Columbia“ eine Summe von 300 Millionen Dollar bereitstellte, um sie im Kampf gegen die Guerillatruppen zu unterstützen. Um ihren Bürgerkrieg zu finanzieren, hatten diese nämlich damit begonnen, Kokain zu produzieren und Leute zu entführen und gegen Lösegeld freizulassen.

Die Regierung der Vereinigten Staaten ist der Ansicht, dass man es im Interesse der nationalen Sicherheit nicht zulassen könne, dass Regierungen, die den USA freundlich gesinnt sind, von Ländern jenseits der Grenze gestürzt werden. Und das schon gar nicht, wenn Amerika dort Öl- oder andere wirtschaftliche Interessen hat. Deshalb zögern auch sie nicht, in jede Regierung, die die Interessen der USA vertritt und sichert, Milliarden von Dollar wie in einen Trichter hineinzupumpen. Dass Menschen dabei umkommen, vor allem wenn es sich um Eingeborene (Indianer) handelt, ist nur von geringer Bedeutung.

Die USA geht dabei perfide vor und bildet zur Sicherung der eigenen Interessen sogar Rekruten aus, die dieses unsaubere Geschäft von der Pike auf lernen. Die mit US-Steuergeldern finanzierte „School of the Americas“ ist eine Rekrutenschule in Atlanta, Georgia. Sie befand sich ursprünglich in Panama, wurde aber später, als der Panamakanal an Panama zurückgegeben wurde, nach Ft. Benning, in Georgia verlegt. Sie bildet ausgewählte Soldaten aus Mexiko, Guatemala, Nicaragua, Peru, Ecuador, Kolumbien und anderen mittel- und südamerikanischen Ländern in der Bekämpfung von Aufständen, Guerillakriegen, dem Umgang mit hoch entwickelten Waffen und zur Informationsgewinnung aus. Zeitweise, wahrscheinlich tut man das noch immer, wurde ein Handbuch zur Folter (zum Zweck des Sammelns von Informationen) genutzt. Schließlich fiel das Handbuch in die Hände von Demonstranten und wurde veröffentlicht, was dem Militär sehr peinlich war. Gegenwärtig stammt die größte Zahl der Schulabsolventen aus Kolumbien, doch darüber hinaus erlangte es eine traurige Berühmtheit, dass Absolventen dieser Schule als Mitglieder von Todesschwadronen bekannt wurden, die Hunderte von unschuldigen Menschen in Mexiko, Guatemala, El Salvador etc. getötet haben.

Tatsache ist, dass Amerika nicht unschuldig ist und niemals unschuldig war. Man kann keine Verwüstungen anrichten, Todesschwadronen und Regierungen finanzieren und unterstützen, die unschuldige Leute umbringen und die Rohstoffe, ich nenne sie Geschenke der Erde, ausbeuten, ohne dass diese Dinge auf uns Amerikaner zurückfallen. Der Umstand, dass diese Geschenke nicht unbedingt direkt aus den Ländern kommen, in denen Menschen durch ihre Regierung zu Schaden gekommen sind, ist dabei irrelevant. Es reicht, dass Regierungen die Erde ausbeuten. Das ist die Welt, in der ich lebe, und ich fühle mich irgendwie privilegiert, dass mir diese zum Teil geheimen Informationen überhaupt zugänglich wurden.

Es ist die Geschichte eines Volkes am Beispiel des Überlebenskampfes eines einzelnen Mannes, der, während er mitten im Bauch der Bestie lebt, damit fertig werden muss, die Schäden, die die Kolonialisierung angerichtet hat, zu überwinden. Er muss die Fesseln der Assimilation abstreifen, obwohl er gleichzeitig in ihnen verfangen ist.

Dies ist eine persönliche Suche nach spiritueller Heilung. Gleichzeitig aber ist sie Teil einer lebendigen und wichtigen Widerstandsbewegung. Sie ist zwar lebendig, aber in Kämpfe verwickelt, zum einen innerhalb des indigenen Amerikas, und zum anderen in Amerika selbst.

Es ist eine Geschichte des Überlebens, die sich über mehrere Generationen des Völkermords hinzieht und die sich danach sehnt, endlich erzählt zu werden. Sie handelt von der Zerstörung einer Kultur und ihrer Menschen, von sexuellem, emotionalem und körperlichem Missbrauch, von Vernachlässigung, von Internaten, Gefängnissen, aber auch von Konzerttourneen durch Europa, Reisen nach Kanada, Mexiko und Südamerika, um indigene Menschen und ihre Belange zu unterstützen. All diese Dinge dienten als Übungsplatz für einen Menschen, dessen Geschichte in vielen Bereichen wie der Mikrokosmos für eine gesamte Nation ist.

Wir erlitten als Folge von Kolumbus Ankunft auf unserem Kontinent nichts als Leid, während andere Kulturen und ihre Repräsentanten ihren Vorteil daraus zogen und von ihr profitiert haben. Was in den amerikanischen Ländern geschehen ist und immer noch geschieht, ist purer Missbrauch und Ausbeutung. Und es ist längst nicht vorbei. Das, was in Amerika geschehen ist, hatte Konsequenzen und wird auch weiterhin Konsequenzen haben.

Wachstum kommt von dem, was noch nicht gewesen ist und dem, was noch nicht ist. Das ist eine einfache Tatsache. Die schwere Aufgabe wieder gesund zu werden, liegt auf „unseren“ Schultern und ist „unsere“ alleinige Verantwortung. Es wäre ein schwerwiegender Fehler unsererseits darauf zu warten, dass der Weiße Mann seine Fehler wiedergutmacht, wenn dort nur ein paar wenige Interesse haben, überhaupt darüber nachzudenken. Wir sind diejenigen, die die Kontrolle über unser Wohlbefinden übernehmen müssen, selbst dann, wenn die Ungerechtigkeiten andauern. Gesund werden bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir ihre Lebensweise vollständig übernehmen und unsere ablehnen. Indem wir das ihre übernehmen, mag es uns körperlich gut gehen und wir fühlen uns sicher, aber ich zweifele ernsthaft daran, dass es uns unser kulturelles und geistiges Wohlbefinden zurückbringt.

Das genaue Gegenteil könnte der Fall sein. Ist es nicht so, dass unser ganzer Planet unter der Technologie und dem so genannten Fortschritt zu leiden hat? Ist das Wasser, das wir trinken nicht ungenießbar ohne chemische Aufbereitung? Und die Luft, die wir atmen, in manchen Gegenden völlig vergiftet, und wir atmen sie dennoch? Selbst die Tiervölker ziehen sich vor der nahenden Technologie zurück und sterben trotzdem in diesem Prozess, denn es gibt keinen Ort mehr, an dem man sich zurückziehen kann.

Die natürliche Nahrungskette ist bereits bis zu einem Punkt geschädigt, dass es gewiss ist, dass alles, was wir konsumieren oder nicht konsumieren, uns irgendwann in der Zukunft krank machen und uns vielleicht sogar töten kann. Trotzdem essen wir, was uns angeboten wird, weil wir in unseren Gedankengängen bereits so eingeschränkt sind, dass wir nicht mehr wissen, was wir für uns selbst tun können.

Man hat uns zwar an Stelle unseres religiösen Weltbilds ein anderes angeboten, doch ist nicht der Geist, der in diesem Teil der Erde Tausende von Jahren existiert hatte, immer schwieriger zu finden? Ich habe erfahren, dass „gesund werden“ bedeutet, die ursprünglichen Gesetze und Lehren, die unseren Vorfahren in diesem Teil der Erde gegeben wurden, wiederzuerlernen und zu ihnen zurückzukehren, so weit wie es eben möglich ist.

In den 70er Jahren hielt Oren Lyons, der Glaubenshüter der Onondagas, einem Volk der Irokesenkonföderation eine Rede. Er sprach zu den Leuten von Ganienkeh, die unter Berufung auf verschiedene Verträge ein Stück Land in den Adirondack Mountains im Staate New York wieder in Besitz genommen hatten. Er sprach über die Prophezeiungen, die den Ureinwohnern in diesem Teil der Welt für die Zukunft unserer Nationen gegeben worden waren. Mit großer Ernsthaftigkeit und mit mahnenden Worten sagte er, dass „unsere Generation nicht diejenige sein wird, die sich zur Ruhe bettet“.

Mitch Walking Elk

Die Tsistsistas/Cheyenne
Kapitel I

Am 29. November 1864 hatten die südlichen Cheyenne und Arapaho ihre Lager an einem Ort im südöstlichen Colorado aufgebaut. Dieser Ort wurde Sand Creek genannt. Beide Stämme gehörten zur Sprachfamilie der Algonkin; sie hatten ähnliche Bräuche und waren eine lange Zeit Verbündete.

Während dieser Zeit gab es gravierende Rassenkonflikte zwischen den Weißen und den Cheyenne, den mit ihnen verbündeten Arapaho und den anderen Stämmen. Häuptlinge beider Stämme, der Cheyenne und der Arapaho hatten an einer Friedenskonferenz mit dem Gouverneur des Staates Colorado, John Evans, teilgenommen; das glaubten sie jedenfalls. Doch bereits vor den Verhandlungen hatte Gouverneur Evans den Kongress in einer offiziellen Anfrage um die Sendung von Truppen gebeten, um den „großen Indianeraufstand“, wie er es interpretierte, effektiv niederschlagen zu können. Da der Kongress zu diesem Zeitpunkt mehr mit dem Bürgerkrieg beschäftigt war, wurde die Entsendung von Truppen verweigert, jedoch billigte der Kongress die Aufstellung eines Freiwilligen-Regiments, das 3. Colorado Freiwilligen-Regiment, das sich für einen bestimmten Zeitraum um das besondere Problem kümmern sollte. Kopf dieses zusammengeworfenen Haufens war der Methodistenprediger John M. Chivington, der auf Grund beeindruckender Führungsqualitäten im Bürgerkrieg zum Oberst befördert worden war. (Stan Hoig: The Sand Creek Massacre)

Zeitgenössische Zeugenaussagen einiger Offiziere legen die Vermutung nahe, dass Gouverneur Evans möglicherweise aus politischen Gründen den Krieg mit den Indianern wollte.

Sowohl Historiker als auch Nachfahren der überlebenden Cheyenne und Arapaho kamen jedenfalls zu dem Schluss, dass die sogenannten „Friedensverhandlungen“ nichts anderes als ein Vorspiel zum späteren Massaker am Sand Creek waren.

Auf Seiten der Cheyenne war Häuptling Black Kettle, einer der wichtigsten Cheyennehäuptlinge, bei den Verhandlungen in Denver im September des Jahres 1864, bei denen Gouverneur Evans den Vorsitz hatte. Er und Oberst Chivington waren der Ansicht, dass das Colorado Freiwilligen-Regiment geschaffen worden war, um Indianer zu töten und deshalb auch diese Aufgabe zu erfüllen hatte: nämlich Indianer zu töten.

Berichte des Kriegsministeriums enthüllten, dass Evans per Boten eine Nachricht an alle „freundlichen“ Indianer schickte, sich aus dem Krisengebiet zurückzuziehen. Er hätte allen feindlichen Indianern den Krieg erklärt und er wolle nicht, dass freundlich gesinnte Indianer für die Taten der anderen zu büßen hätten. Black Kettle folgte dem Aufruf des Gouverneurs und kam als erster zu dem Treffen. Nach den Verhandlungen führte er seine Leute zu einem Ort, der Sand Creek genannt wurde. Hier glaubte er in Sicherheit zu sein.

In den frühen Morgenstunden des 29. November wurde Black Kettles Lager von Oberst Chivington und dem 3. Colorado Freiwilligen-Regiment angegriffen. Die 700 Mann starke Truppe wurde noch durch 125 Mann aus Ft. Lyon unter dem Kommando von Major Scott J. Anthony unterstützt.

Gemäß offiziellen Untersuchungsberichten des Kriegsministeriums wird vermutet, dass das Lager von Black Kettle aus etwa hundert Zelten bestand, zu denen noch etwa zehn Tipis der Arapaho unter Häuptling Left Hand hinzukamen. In jedem Zelt wohnten fünf oder mehr Personen und mehr als die Hälfte davon waren Frauen und Kinder.

Black Kettle hatte sich schon immer um Frieden mit den Weißen bemüht. In seinem Besitz befand sich auch eine amerikanische Flagge, die er zu Beginn des Angriffs sofort an der Spitze seines Tipis anbrachte, sodass die herannahenden Soldaten sie sehen konnten. Unter dem Sternenbanner befestigte er eine kleinere, aber gut sichtbare weiße Fahne, als Zeichen, dass er Frieden wollte. Trotz der sichtbaren Friedenszeichen griffen die Soldaten an.

Der Angriff zog sich über Stunden hin und, um die Worte von B.F. Wade zu zitieren, der als Vorsitzender den Untersuchungsausschuss über das Sand-Creek-Massaker leitete, öffnete den Rahmen für unvorstellbare Grausamkeiten: „Sie gaben sich mit dem Abschlachten von wehrlosen Frauen und Kindern nicht zufrieden. Die Soldaten frönten mit Inbrunst der abscheulichsten Akte der Barbarei, die niemals zuvor solche Schande über Menschen gebracht hat, die von sich behaupten, zivilisiert zu sein. Mehr als zwei Stunden lang wurden die Gräueltaten fortgeführt, bis mehr als hundert Körper, von denen mehr als drei Viertel Frauen und Kinder waren, tot am Boden lagen.“

Es wurde zuerst berichtet, dass Black Kettle sich unter den getöteten Häuptlingen befunden hätte. Das stellte sich später als Irrtum heraus. Wie dem auch sei, er wurde vier Jahre später in einem ähnlichen Massaker in Oklahoma getötet, als die gleiche Gruppe Cheyenne vom 7. Kavallerieregiment unter General George Custer am Washita River angegriffen wurde.

In den Aufzeichnungen des Kriegsministeriums ist auch Bear Feathers als einer derjenigen angegeben, die am Sand Creek getötet wurden. Bear Feathers und seine Familie waren eine der wichtigsten Familien innerhalb des Cheyennelagers. Obwohl es keine Möglichkeit gibt, es genau herauszufinden, wird vermutet, dass auch sein Sohn Yellow Owl bei Sand Creek dabei war. Aber es ist bekannt, dass er starb, bevor der Indian Allotment Act in den 1890er Jahren in Kraft trat.

Gemäß den Bestimmungen des Indian Allotment Act von 1887, einem Erlass, der auch als „Dawes Act“ bekannt ist, wurde das Land, das den Indianern gemeinsam gehörte, in einzelne Parzellen von 160 Hektar Fläche aufgeteilt und an individuelle indianische Haushaltsvorstände verteilt, die in der Reservation eingeschrieben waren. Das verbleibende Land wurde von der Regierung beschlagnahmt und in Oklahoma, wohin man die Cheyenne und Arapaho umgesiedelt hatte, zur Besiedlung durch Weiße freigegeben. Hätte Yellow Owl zu diesem Zeitpunkt noch gelebt, dann hätte er ebenfalls eine Landzuteilung bekommen, die registriert worden wäre. Dies ist jedoch nicht geschehen.

Yellow Owl und seine Frau Good Woman hatten mindestens einen Sohn, der entweder 1855 oder 1858 geboren wurde. Sein englischer Name war Andrew Tasso. Aus irgendeinem Grund konnte ich bisher seinen Cheyennenamen nicht herausfinden, es sei denn man nannte ihn „Dahsum“, was in der Cheyennesprache so etwas wie Schatten oder Geist bedeutet. Es gibt eine Geschichte in unserer Familie, nach der der Familienname „Tasso“, welcher ja italienischer Herkunft ist, eine falsche Aussprache des Namens Dahsum ist. In jenen Tagen erhielten die Indianer ihre „kolonialisierten“ Namen auf verschiedene Art und Weise, und ich bin sicher, dass jene, die die Aufgabe hatten, unsere Vorfahren umzubenennen, oft den einfachsten Weg gewählt haben. Immerhin hört sich das Wort Dahsum ein bisschen wie Tasso an.

Ein Artikel aus der Kingfisher Times in Kingfisher, Oklahoma, vom 8. Juli 1926 berichtet, dass sich die Cheyenne in den ersten Jahren, nachdem man sie nach Oklahoma umgesiedelt hatte, gegen das schwere Leben auf der Reservation auflehnten, und dass es regelmäßig zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam. Andrew Tasso war zumindest in die letzten dieser Versuche involviert, die Freiheit von Leben im Reservat wiederzuerlangen. Andrew Tasso, der Sohn von Yellow Owl und Good Woman und Enkel von Bear Feathers, einer der Anführer, die am Sand Creek getötet wurden, und der letzte der „Cut Finger“ Gruppe, war mein Urgroßvater. Seine Tochter, Nettie Jennie Tasso, ihr Cheyennename war Plenty Horses, war meine Großmutter und ihre Tochter Evalina Tasso ist meine Mutter. Sie ist das uneheliche Kind einer Beziehung mit Byron Adams, einem vollblütigem Hopi.

Die Arapaho
Die Hinonoeina

In einem Buch über alte Indianergeschichten, welches vom Smithsonian Institute herausgegeben wurde, gibt es eine Geschichte mit dem Titel „Der Sonnentanz der Arapaho – Die Zeremonie der Opferhütte – Die Geschichte vom Gelübde einer Frau“. Sie handelt von einem Arapahokrieger und seiner Frau, die beim Beerensammeln von Uteindianern angegriffen wurden. Es wird berichtet, dass es dem Mann gelang zu entkommen und merkwürdigerweise wird er danach nicht mehr erwähnt. Die Frau indessen, ihr Name war Sour Mouth, geriet in Gefangenschaft und wurde die zweite Frau eines der Utekrieger. Dies geschah offensichtlich sehr zum Verdruss der ersten Ehefrau, die die gefangene Arapahofrau misshandelte. Nach einer Weile bemerkte die Mutter der ersten Ehefrau die missliche Lage der Arapahofrau, hatte Mitleid mit ihr und beschloss, ihr zur Flucht zu verhelfen. Die alte Frau sorgte dafür, dass die Arapahofrau genug Nahrungsmittel und ein Pferd hatte, damit sie fliehen konnte. Bei einer günstigen Gelegenheit machte sich Sour Mouth also auf den Weg. Auf der Flucht wurde ihr bewusst, in welch gefährlicher Lage sie sich befand. Sie gelobte dem Schöpfer, dass ihr Bruder die Opferhütte beim nächsten Sonnentanz, dem alljährlichen Ritual der Erneuerung und der Danksagung vieler Plainsstämme, leiten würde, wenn es ihr gelingen sollte, zu ihrem Volk zurückzukehren. Diese Zeremonie zu leiten war nicht gerade eine Kleinigkeit. Der gesamte Stamm nahm daran teil und bevor die Zeremonie stattfinden konnte, musste ein Verantwortlicher gefunden werden, der sich als Organisator verpflichtete. Meist war dies mit großzügigen Geschenken verbunden und der Organisator spendete ebenfalls das Essen.

Kurz nach dem die Frau das Gelübde abgelegt hatte, traf sie auf ihrer Flucht einen Mann, den das Smithsonian Institute als Henry North, einen französischstämmigen Kanadier identifizierte. Nachdem sie ihm offensichtlich ihre Situation verständlich machen konnte, überzeugte er sie schließlich davon, dass es das Beste wäre, ihr Pferd freizulassen und bei ihm im Planwagen weiterzureisen. Vielleicht würden die Ute auf den Trick hereinfallen und glauben, dass sie noch auf dem Pferd säße und stattdessen das Tier weiterverfolgen. Was auch immer geschehen sein mag, es gelang Sour Mouth, zu ihren Leuten zurückzukehren und das Gelübde, welches sie dem Schöpfer gegeben hatte, wurde eingelöst.

Nach ihrer glücklichen Heimkehr wurde sie aus Dankbarkeit für die geglückte Flucht auf Vorschlag ihres Bruders hin die Ehefrau des französischen Kanadiers. An dieser Stelle sollte man sich fragen, was aus dem ersten Arapahoehemann der Frau geworden ist. Wie dem auch sei, es sind nur Kinder aus der Ehe zwischen dem französischen Kanadier und Sour Mouth hervorgegangen. Eines dieser Kinder war eine Tochter namens Mary Louise North, die mit Andrew Tasso auf traditionelle Weise verheiratet wurde. Sie war die Mutter meiner Großmutter, die 1892 geboren wurde.

Wenn man diese Geschichte mit einer anderen Version vergleicht, die von einer der Töchter und Enkelinnen von Henry North erzählt wird, tauchen ein paar Unstimmigkeiten auf. Stella North war eine Cousine ersten Grades meiner Großmutter. Sie war eines von 14 Kindern aus der Ehe von Henry North, dem Sohn des französischen Kanadiers und seiner Arapahofrau Sour Mouth. Stellas Tochter, Ida Mae Mehaffey, berichtet, dass ihr von der Mutter erzählt wurde, dass sein Name Robert North und nicht Henry North gewesen sei, wie man in der Geschichte vom Smithonian Institute angegeben hatte. So könnte Henry vielleicht sein zweiter Name gewesen sein oder aber auch sein erster und er hat einen von beiden bevorzugt.

Ein anderer Widerspruch betrifft die genaue Zahl der Kinder, die dem Paar geboren wurden. Das Smithonian Institute behauptet, es wären zwei Töchter, Marie Louise und Julia, und ein Sohn namens Henry gewesen. Stella sagt, es gäbe noch ein weiteres Kind, was in dem Bericht nicht erwähnt wurde. Sein Name war Theodore.

In den Büchern „The Sand Creek Massacre, a Documentary History, first published as a report of the Joint Committee on the conduct of war, Massacre of the Cheyenne Indians” und in Stan Hoigs Berichten über das „Sand Creek Massacre” wird jeweils ein gewisser Robert North erwähnt. Beide Veröffentlichungen berichten, dass er eine aktive Rolle bei der Vorbereitung des Massakers gespielt habe, weil der dem Militär Informationen über die Absichten der Cheyenne, Arapaho, Apachen, Kiowa, Comanchen und Lakota zukommen ließ.

Ein Zitat von Robert North besagt: „Nachdem ich einer von Ute gefangenen Arapaho bei der Flucht geholfen hatte, besaß ich das absolute Vertrauen der Indianer. Ich hatte schon als Junge mit ihnen Kontakt, und im Übrigen ist meine Frau eine Arapaho. Weil ich der Gefangenen geholfen hatte, veranstalteten die Indianer mir zu Ehren ‚einen großen Medizintanz’. Das war ungefähr 55 Meilen unterhalb von Ft. Lyon, am Arkansas River, an dem sich die führenden Männer und Häuptlinge der verschiedenen Präriestämme trafen. Die Stämme der Comanchen, Apachen, Kiowas, die nördliche Gruppe der Arapaho, sämtliche Cheyenne und die Sioux schworen einander, gegen die Weißen in den Krieg zu ziehen, sobald sie sich im Frühjahr mit Munition versorgt hätten. Ich hörte, wie sie oft über diese Angelegenheiten sprachen und die wenigen, die sich dagegen aussprachen, wurden gezwungen den Mund zu halten. Sie waren wirklich in Lebensgefahr. Ich sah, wie die wichtigsten Anführer sich die Hände reichten und gelobten, dass sie sich den Weißen gegenüber freundlich verhalten würden, bis sie sich genügend Munition und Gewehre verschafft hätten, um losschlagen zu können. Die Plünderungen, um sich diese Mittel zu verschaffen, haben bereits begonnen und es ist ihr Plan, den Krieg in den ersten Frühlingstagen zu beginnen und verschiedene kleinere Siedlungen zu überfallen.“

Wenn man die Aussage von Robert North mit der „Geschichte vom Gelübde einer Frau“ vergleicht, sind die Diskrepanzen mehr als offensichtlich. In der Tat rettete er eine Arapahofrau aus den Händen der Utes und brachte sie auch tatsächlich zu ihren Leuten zurück, aber er sagt nicht, dass er diese Frau geheiratet hat. Der ‚große Medizintanz’ war höchstwahrscheinlich der Sonnentanz mit der Opferhütte und somit die Erfüllung ihres Gelübdes, in dem sie gelobt hatte, dass ihr Bruder im Falle ihrer sicheren Heimkehr den Sonnentanz ausrichten würde. Es war mit höchster Wahrscheinlichkeit kein ‚großer Medizintanz’, den man extra für ihn abgehalten hatte, auch wenn es im Verlauf der Zeremonie vielleicht eine Geste der Dankbarkeit ihm zu Ehren gegeben haben könnte.

Stan Hoig führt in seinen Berichten ferner aus, dass Robert North im Jahre 1866 eine Gruppe feindlicher Arapaho in einem Massaker an achtzig Soldaten in der Nähe von Fort Phil Kearny angeführt haben soll. Er wurde zusammen mit seiner Arapahofrau vermutlich im Jahre 1869 von Gesetzlosen gehängt, als er sich auf dem Weg zu einem Lager der südlichen Arapaho befand.

Bezüglich der Behauptung von Stan Hoig, dass er und seine Frau gehängt worden seien, sagt Ida Mae Mehaffey aus, dass dies laut Berichten ihrer Mutter nicht der Fall gewesen wäre. Seine Frau starb tatsächlich irgendwann, aber wahrscheinlich an einer Grippe oder an einer Lungenentzündung. Es ist nicht sicher, an welchem Ort sie bestattet wurde. Robert North aber zog mit seinen vier Kindern nach Oklahoma und baute dort zwei Grassodenhäuser ungefähr eine halbe Meile westlich des heutigen Stammesbüros in Concho, wo er dann eine zeitlang mit seinen Kindern lebte. Es wird vermutet, dass er auf dem alten Indianerfriedhof in Concho, Oklahoma begraben liegt.

Andrew Tasso und Mary North/Tasso bauten für sich und ihre Familie ein Haus auf dem ihnen zugeteilten Land außerhalb von Kingfisher, Oklahoma. Dort lebten sie bis zu ihrer großen Reise in die Geisterwelt. Andrew starb am 17. Dezember 1927 nach siebenjährigem Leiden an Tuberkulose, welche sich durch eine Lungenentzündung verschlechterte.

Mary Louise North/Tasso starb am 7. August 1951 an einem Hitzschlag im Kingfisher Community Hospital. Ihr Alter wurde mit 96 angegeben. An einem der heißesten Tage des Jahres hatte sie versucht in die Stadt zu gehen, was ihr zum Verhängnis wurde. Sie wurden beide Seite an Seite auf dem Indianerfriedhof, ungefähr 15 Meilen von Calumet, Oklahoma beigesetzt, dort wo auch meine Großmutter begraben liegt.

Irgendwann lernte meine Großmutter Byron P. Adams, einen vollblütigen Hopi aus Palacca, Arizona kennen. Er arbeitete damals für das Büro für Indianische Angelegenheiten (BIA) in Darlington, Oklahoma. Sie waren nie verheiratet, aber offensichtlich dauerte ihre Beziehung lange genug, sodass meine Mutter daraus hervorging. Schließlich wurde Byron ein Baptistenprediger und hatte seine eigene Kirche auf dem Gipfel der ersten Mesa in Palacca, Arizona. Diese habe ich 1992 besucht. Ich hatte nie die Gelegenheit ihn persönlich zu treffen, aber ich konnte mir die Hütte auf der Mesa ansehen, in der er geboren wurde und das Haus, in dem er lebte, und den Ort, an dem er begraben liegt. Auch konnte ich in Erfahrung bringen, dass er irgendwann in seinem Leben auch mal Dirigent eines Orchesters war. Meine Hopiverwandten erzählten mir, dass er 107 Jahre alt wurde. Er wurde hinter dem Haus, in dem er lebte, am Fuße der Mesa begraben.

Meine Großmutter arbeitete als Krankenschwester im Indian Hospital von Winnebago, Nebraska. Am 28. September 1919 brachte sie meine Mutter in Walt Hill, Nebraska, zur Welt. Sie gab ihr den Familiennamen ihres Vaters (Andrew Tasso). Später, als Mama eigene Kinder hatte, wurde dieser Familienname auch an uns weitergegeben.

Großmutter hatte einen Bruder namens Elliot, der mit einer Hochunkfrau (Anmerk. des Übersetzers: Eigenname der Winnebago) verheiratet war und in Winnebago, Nebraska, lebte. Als Oma schwanger war, zog sie dorthin, wahrscheinlich um der damaligen Schande zu entgegen, ein uneheliches Kind in sich zu tragen. Aber das sind lediglich meine eigenen Spekulationen. Nach der Geburt meiner Mutter zog meine Großmutter wieder nach Oklahoma, wo meine Mutter dann aufwuchs.

Wir waren vier Kinder. Marie Louise war die älteste und wurde 1943 geboren. Dann folgte Rosie Marie im Jahre 1947, dann kam ich und der jüngste war Lonnie, der 1952 geboren wurde. Wenn Mama nicht da war, passte die Oma auf uns auf, wenn wir nicht gerade bei einer unserer Tanten zu Besuch, oder in der Boarding School (Internat) waren. Die Erinnerungen an meine Großmutter sind insofern etwas Besonderes, weil sie, obwohl sie gezwungen war, sich der weißen Welt anzupassen, dennoch viele der alten Wege beibehalten hatte und auch praktizierte. Sie sprach noch fließend Cheyenne, aber bis auf einige Worte hat sie uns Kindern diese Sprache niemals beigebracht und ich glaube, Mama hatte zu viele Beeinträchtigungen, als dass sie die Sprache an uns hätte weitergeben können.

Großmutter stellte die Mokassins noch auf die alte Weise her und benutzte eine Ahle um Löcher in die Rohhautsohlen der Mokassins zu bohren und verwendete richtige Sehnen zum Nähen. Sie benutzte auch echte Sehnen um die Perlenmuster daraufzusticken. Sie war überall bekannt dafür, dass sie Mokassins noch auf die alte traditionelle Weise herstellte und ich war oft dabei, als die Leute zu ihr kamen, um ihre Fußabdrücke zeichnen und ihre Füße messen zu lassen für ein paar individuell gestaltete Mokassins.

Bereits in den frühen Morgenstunden saß sie da und arbeitete an ihren Mokassins und ich erinnere mich noch, wie sie auf ihrem Bett saß mit einer selbstgedrehten Bull Durham Zigarette seitlich im Mund, welche sie ständig wieder anzünden musste und vor sich hin stickte. Später wechselte sie dann die Marke und rauchte Filterzigaretten.

Ich glaube, sie war es leid, dass diese selbstgedrehten Dinger ständig ausgingen. Als ich erwachsen war, bemerkte ich eines Tages, dass sie mit dem Rauchen ganz aufgehört hatte.

Großmutter konnte wahrhaftig gute Geschichten erzählen. Immer wenn ich zu Bett ging, hörte ich ihren Geschichten zu oder unterhielt mich mit ihr. Manchmal schlief ich ein, aber sie erzählte trotzdem weiter. Ich wachte dann zwischendurch wieder auf, hörte, wie sie mich fragte, ob ich noch wach sei, und nachdem ich ihr geantwortet hatte, schlief ich doch wieder ein.

Sie erzählte uns immer von der Zeit, wie sie als kleines Mädchen aufwuchs und mit ihren Eltern in einem Planwagen, der von ein paar Pferden gezogen wurde, überall herumfuhr. Sie erzählte uns richtige Gespenstergeschichten und von Dingen, die sich im Indianerland zugetragen hatten. Einmal erzählte sie uns, wie ihr Vater einen Mann aufgelesen hatte, der ganz in perlenbesticktes Wildleder gekleidet war. Er bot ihm an, ihn mitzunehmen, egal wohin er wolle. Sie sagte, ihr Vater hätte dem Mann die Hand geschüttelt und sich mit ihm den ganzen Weg lang unterhalten, bis er aussteigen musste. Als sie weiterfuhren und sich noch einmal umdrehten war niemand mehr da. Großmutter berichtete, ihr Vater war wirklich erschrocken, als er zu Hause von dem Erlebnis erzählte.

Ein anderes Mal erzählte sie, dass sie alle eine kranke Frau besuchen wollten, die eine Freundin ihrer Mutter war. Als sie dort ankamen, wurde ihnen von jemandem, der gerade vorbeikam, um nach dem Haus zu sehen, berichtet, dass die Frau bereits vor einem Monat gestorben sei. Es wurde schon spät und so kehrten sie um, um noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause zu sein. Als sie schon ein kleines Stück gefahren waren, hörte sie plötzlich jemanden rufen, dass sie zurückkommen sollten. Großmutters Vater hielt den Wagen an und alle schauten zurück und sahen die Frau in der Dämmerung stehen, die ihnen zuwinkte. Natürlich kehrten sie nicht um, doch das Ungewöhnliche an dieser Geschichte ist, dass sie alle, und nicht nur einer, die Frau gesehen und gehört hatten. Das ist etwas ganz anderes, als die üblichen Gespenstergeschichten, die man sonst so zu hören bekommt.

Meine Großmutter starb im Januar 1981 im Alter von 88 Jahren an einer der zahlreichen Grippeepidemien, die über das Land hereinbrachen. Ich vermute, dass sie auch Krebs hatte. Ich erinnere mich, wie ich bis zur Taille in ihrem Grab stand, denn ich war einer von denen, die mithalfen, die Grube auszuheben. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn jemand, den man schon seit seiner Kindheit bis hin zum Erwachsenenalter kannte, plötzlich stirbt und einem bewusst wird, dass man ihn nie wieder sehen wird oder mit ihm sprechen kann.

Wenn man dann noch zu denjenigen gehört, die die letzte Ruhestätte vorzubereiten haben, ist das schon unheimlich, aber es hat auch etwas Heilendes. Ich kann mir vorstellen, dass die meisten Leute nicht in der Lage wären, das zu tun, aber für mich gab es kein Zögern. Unsere Großmütter sind wichtige Menschen, besonders wenn es sich um alte indianische Großmütter handelt, mit all ihrem wunderschönen Wissen aus den alten Tagen. Jeder Mensch braucht so eine Großmutter, und ich hatte eine gute.

Großmutter hatte eine ältere Schwester namens Bessie, die im Jahre 1889 geboren wurde. Bessie heiratete einen Mann namens John Crotzer. Er war 1/8 Wyondotte und 7/8 Weißer. Das Paar hatte vier Kinder, die gemäß der indianischen Tradition meine Tanten und Onkel waren. Als ich heranwuchs waren sie immer gut zu mir. Bessie war erst 41 Jahre alt, als sie schwer krank wurde. Sie starb am 24. September 1930. Am 15. Januar 1935 heirateten John und meine Großmutter und zogen kurze Zeit später nach Wyandotte, Oklahoma, zu dem Ort woher er stammte. Für uns Kinder war der Umzug nach Wyondotte eine kulturelle Katastrophe, weil es uns aus unserem traditionellen Stammesgebiet herausriss. Die beiden hatten keine weiteren Kinder. Als sie heirateten brachte Großmutter bereits unsere Mutter mit in die Ehe und nach indianischer Tradition fühlte sie sich verpflichtet, sich um die Kinder ihrer Schwestern zu kümmern. Obwohl John Crotzer nicht unser biologischer Großvater war, haben wir ihn nur so gekannt und nennen ihn heute noch so, auch wenn er schon vor 50 Jahren verstorben ist. Sie sind inzwischen alle von uns gegangen.

Unsere Mutter hatte kein leichtes Leben. Ich weiß nur nicht, ob sie sich dessen bewusst ist, oder nicht. Sie hatte einen gravierenden Sprachfehler und eine stark eingeschränkte Hörfähigkeit, die sich mit den Jahren immer weiter verschlechterte. Sie hatte auch Körperbehinderungen, die durch eine mysteriöse Krankheit ausgelöst wurden. Sie hatte sich das bereits als kleines Mädchen zugezogen und ist damit aufgewachsen. Und als ob dies alles noch nicht genug wäre, wurden bei ihr, noch bevor ich geboren wurde, psychische Probleme diagnostiziert, auf Grund derer sie einmal sogar klinisch behandelt werden musste. Vielleicht waren es die Auswirkungen dieser Krankheit, ich weiß es nicht. Trotz alledem brachte sie vier normale und gesunde Kinder zur Welt. Wir hatten alle einen anderen Vater, was uns zu Halbgeschwistern machte, aber weil keiner von uns seinen Vater kannte und wir auch gemeinsam ohne Vater aufwuchsen, fühlten wir uns als richtige Brüder und Schwestern. Obwohl ich all die Fakten kenne, fühle ich noch heute so und liebe meine Geschwister sehr, auch wenn mein Bruder Lonnie seit über 30 Jahren tot ist.

Unsere Mutter starb am 11. Dezember 2010 um 12.10 Uhr in ihrem Haus in Miami, Oklahoma an Tuberkulose. Die Ärzte stellten fest, dass ihr Schluckmechanismus nicht mehr richtig funktionierte und immer, wenn sie schluckte, Teile der Nahrung und Flüssigkeit in die Lunge gerieten. Dadurch gelangten Bakterien in die Lunge, die zur Lungenentzündung führten. Sie sagten einfach, dass es sich bei diesem Teil ihrer physischen Anatomie um altersbedingte Verschleißerscheinungen handelte.

Meine Schwestern und ich entschieden damals, sie aus dem Krankenhaus zu holen und nach Hause zu bringen. Rosie und ich, meine Töchter Iktomi Waste Winyan, Inyan Cannunpa Winyan, Tasunke Ota Winyan und Cante Hopi Winyan waren bei ihr, als sie sich auf die Reise in die Geisterwelt begab. Mein Sohn Oitanca Mani schaffte es, zu ihrer Beerdigung von Süd-Dakota zu uns herunterzukommen. Den ganzen Weg von seinem Haus in der Yankton Sioux Reservation musste er sich durch einen tobenden Blizzard (für diese Zeit typischen Schneesturm) hindurchkämpfen. Meine Mutter war die letzte ihrer Generation, und als sie starb, starb auch das Ende einer Epoche. Es war ein sehr schwieriges und trauriges Erlebnis für uns alle. Jeder, der jemals am Sterbebett eines geliebten Menschen gesessen hat, würde das so empfinden. Bevor die Herren vom Bestattungsintitut sie abholten, füllte ich die Heilige Pfeife und betete für ihren Geist. Ich hatte gehört, dass man es nicht für selbstverständlich halten sollte, dass die Geister unserer Lieben dorthin gehen, wohin sie gehören, nur weil sie „hinübergegangen“ sind. So nahm ich die Verantwortung in meine Hände und sorgte dafür, dass sie „nach Hause“ gehen konnte. Wir bestatteten sie am 15. Dezember neben ihrer Mutter auf dem Indianerfriedhof, fünfzehn Meilen von Calumet in Oklahoma. Sie wurde 91 Jahre alt.

Ich hatte eigentlich immer gewusst, dass meine Mutter das sein würde, wenn ich wieder nach Hause kam. Egal wo auch immer ich mich gerade in der Welt befand, sie würde da sein oder zumindest irgendwo in der Stadt. Ich wusste stets, dass es nie lange dauern würde, bis sie heimkehrte. Doch das wird jetzt nie wieder der Fall sein. Nach Hause gehen wird nie wieder dasselbe sein, nachdem Mama gegangen ist. Das Geschenk des Lebens ist wahrhaftig ein Segen und der Tod ist definitiv ein seltsamer Zeitgenosse.

Geboren um zu kämpfen
Kapitel II

Ich wurde als uneheliches Kind am 28. Dezember 1950 um 21.22 Uhr im Claremore Indian Hospital, in Claremore, Oklahoma, geboren. Meine Mutter nannte mich Marvin Larry Tasso. Meine Großmutter gab mir eine Woche später den Namen „Mo o da me yotz“, was in der Sprache der Cheyenne „Walking Elk“ bedeutet. Später ließ ich meinen Namen in Mitch umschreiben und nahm aus kulturellen Gründen den Familiennamen Walking Elk an. Der Name „Tasso“ ist italienisch und ich habe gehört, dass er übersetzt „Dachs“ bedeuten soll.

Natürlich ist auch das kulturell ehrenvoll und hat Kraft, aber aus Respekt für die Italiener bleibe ich lieber bei Walking Elk.

Immer wenn mein Benehmen als Kind zu wünschen übrig ließ, pflegte meine Großmutter mit dem Finger auf mich zu zeigen und sagte: „Du wurdest nach einem guten Mann benannt, warum handelst du nicht so?“

Ich habe meinen Vater nie kennengelernt und bis zum Jahre 2006 waren die einzigen Dinge, die ich über ihn hörte, das was mir meine Mutter und meine ältere Schwester Mary erzählten.

Sie sagten, sein Name wäre Clem Jones. Er war halb Choctaw und lebte im selben Haus wie Mama und meine beiden Schwestern Mary und Rosie. Er sei verheiratet gewesen und hatte andere Kinder, aber offensichtlich war er nicht gerade ein treuer Ehemann. Ich habe ihn niemals bewusst vermisst. Ich dachte auch nie daran, dass ich einen Vater hätte, bis ich als Teenager eines Tages nach Haus kam und Mama mir sagte, dass meine Schwestern, zwei seiner anderen Kinder gekommen seien, um mich kennenzulernen. Dann wurde mir im Jahre 2006 von einer Frau namens Patsy Broderick berichtet, die östlich von Miami, Oklahoma, lebte und Clem Jones Tochter sein könnte. Nach längerem Ringen mit der Ungewissheit nahm ich schließlich all meinen Mut zusammen, um meiner möglichen Halbschwester einen Besuch abzustatten und sie über Clem Jones zu befragen.

Patsy war inzwischen 69 Jahre alt und lebte zu der Zeit mit ihrem alternden Mann Chester, der inzwischen verstorben war, auf einer kleinen Farm.

Sie war mir sofort sympathisch, denn sie war ein sehr freundlicher und verständnisvoller Mensch. Sie glaubte mir die Geschichte, die ich von meiner Mutter über meine vermutliche Herkunft gehört hatte, und bestätigte, dass es da ein Kind gäbe, von dem sie und ihre ältere Schwester Gertie gehört hätten, von dem man sagte, dass ihrem Vater nachgesagt wurde, der Erzeuger dieses Kind zu sein.

Sie erzählte mir, dass Clem Jones nicht gerade ein verantwortungsvoller Vater oder Ehemann gewesen sei, dass er getrunken hätte und im Jahre 1970 an den Folgen seines Alkoholkonsums gestorben wäre. Er war ins Koma gefallen und als er starb, wurde er auf dem Friedhof in France, Oklahoma, bestattet. Wenn Clem Jones tatsächlich mein Vater war, dann wurden alle Fragen, ob mein Leben mit ihm an meiner Seite nicht anders oder besser hätte verlaufen können, damit beantwortet. Die Antwort ist ein klares Nein. Trotzdem entstand mit Patsy nach diesem Besuch eine sehr nette Beziehung und wir wurden gute Freunde. Sie bestätigte mir außerdem, dass Clem Jones zum Teil Choctaw gewesen sei.

Oklahoma wurde anfänglich als „Indianer Territorium“ bezeichnet und war aus dem Konzept der US-Regierung entstanden, alle Indianer östlich des Mississippis und alle anderen Stämme zusammenzutreiben und ins Indianerterritorium umzusiedeln. Die Holländer, die Südafrika besetzten, wendeten das gleiche Prinzip an, nur nannte man es dort nicht Reservationen, sondern „Homelands“.

Man muss sich darüber klar werden, dass in der Zeit, als die Europäer und andere Rassen sich über die ganze Welt verbreiteten, dieser Menschenschlag mit der gleichen Ideologie in Afrika, Indien, Neuseeland, Australien die Gebiete der eingeborenen Völker besetzte. Sie kamen hierher und zwangen unseren Vorfahren ihre kolonialistische Lebensweise auf.

Nur Indien hatte das Glück, die Eindringlinge erfolgreich vertreiben zu können, wir anderen nicht.

Der Nordosten von Oklahoma, dort wo ich aufgewachsen bin, ist die Heimat von mindestens elf Stämmen, die man dort auf einigen hundert Quadratmeilen zusammengepfercht hat: die Seneca und Cayuga, die beide Mitglieder der Sechs Nationen oder auch der Irokesenkonföderation sind und nach Oklahoma umgesiedelt wurden, die Peoria, Cherokee, Delaware, Quapaw, Ottawa, Miami, Wyandotte, Shawnee und Cherokee (die echten). Alle ließen sich in dieser Region nieder.

Zur Zeit meiner Geburt lebten meine Mutter und meine Großmutter noch in Wyandotte, Oklahoma. Aber sie lebten nicht mehr auf dem Lande, auf einer Farm, wie zu der Zeit als Großmutter noch mit John verheiratet war. Wyandotte ist eine kleine Stadt in den Ausläufern der Ozark Mountains, die sich von Missouri und Arkansas bis ins nordöstliche Oklahoma erstrecken. Es hat nur ein paar hundert Einwohner. Mir wurde erzählt, dass Mama mich mit dem Zug nach Hause gebracht hätte.

Die ersten sechs Jahre meines Lebens sind unvergesslich. Meine Mutter zog mit meiner Großmutter nach Miami, Oklahoma, einer kleinen Stadt mit etwa fünfzehntausend Einwohnern, die nur 18 Meilen von Wyandotte entfernt liegt. Aufgrund ihrer körperlichen und den anderen Behinderungen hatte Mama immer mit Oma im selben Haus gelebt oder als Nachbarin gleich nebenan oder auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich glaube, für meine Mutter war es immer wichtig, in der Nähe ihrer Mutter sein und meine Großmutter sorgte ständig für sie. Ich wurde immer zwischen Mama, der Oma und meinen Tanten Collen, Mary, Katherine (Oogie), Anna Bruce und Opa John Crotzer hin und her gereicht. Ich glaube, meine Mutter war zeitweilig nicht zu Hause, aber ich war so gut versorgt, dass ich mich gar nicht mehr erinnern kann, ob ich sie vermisst habe oder nicht.

Bei meinem Großvater zu sein war am Schönsten, denn er lebte auf dem Lande und hatte Hühner, Gänse, Kühe und ein Pferd. Obwohl er schon Elektrizität hatte, kochte er mit einem Holzofen und heizte das Haus mit Holz und Kohle. In einem hölzernen Fass, das 50 Gallonen (Anmerkung des Übersetzers: ca. 180 Liter) Flüssigkeit aufnehmen konnte, holten wir Wasser vom Fuße des Hügels, an dem er wohnte. Wir transportierten es mit einem Schlitten, der von dem Pferd gezogen wurde. Der einzige Grund, weshalb ich mich überhaupt daran erinnere, dass er einen elektrischen Anschluss hatte, ist das Radio. Abends saßen wir immer zusammen und hörten Radio. Ansonsten hatte das Haus keinerlei Komfot. Es hatte noch ein „Out house“, eine hölzerne Bretterhütte, die als Klo diente, und ich badete mich in einer großen Schüssel. Ich half meinem Großvater beim Einsammeln der Eier und beim Füttern der Hühner, oder pflügte mit seinem Pferd das Feld. Es war eine schöne Zeit. Ich erinnere mich auch noch daran, dass wir oft zum Angeln gingen.

Wir aßen sehr oft Brathähnchen, denn unter seinen vielen Hühnern war immer eines, das zu wenige Eier legte. Er hatte einen langen Draht mit einem Haken an einem Ende, mit dem er sie zu fangen pflegte. Nachdem er sie gefangen hatte, schlug er ihnen mit einer Axt den Kopf ab. Wenn man einem Huhn den Kopf abschlägt, dann schließt es zwar die Augen, aber der Schnabel bewegt sich noch ein paar Mal, bevor alles Leben in ihm erloschen ist. Ich hob immer die Köpfe der Hühner vom Boden auf und jagte meine Schwestern damit. Sie rannten dann schreiend davon und drohten mir mit körperlicher Züchtigung, wenn ich nicht aufhörte; aber natürlich scherzten sie nur. Das war so lustig. Und Großvater erzählte mir vor dem Schlafengehen Märchen und andere Geschichten.

Ich erinnere mich, dass ich mich jeden Abend auf die Geschichten freute, und wenn er nicht von sich aus anbot, eine zu erzählen, dann bat ich ihn darum.

Das war die schönste Zeit meines Lebens. Es gab keine Sorgen, keine Verantwortung, keine Ängste und keine schweren Zeiten, die mir bewusst gewesen wären. Bei meiner Tante Colleen und Anna Bruce zu Gast zu sein, machte auch viel Spaß, denn sie nahmen mich, bzw. uns oft zum Schwimmen oder auf Picknicks mit. Aber die Zeit mit meinem Großvater war die schönste. Kurz vor seinem Tod war ich leider nicht mehr in der Lage, ihn zu besuchen. Die Dinge änderten sich und für eine Zeitlang war es aus mit der Fröhlichkeit.

Ich möchte den nächsten Teil meiner Erzählung nicht zum Höhepunkt dieses Buches machen, aber er spielt sicherlich eine Rolle als Auslöser für viele Dinge die sich später ereignet haben. Ich habe diese Dinge bisher nur wenigen Leuten anvertraut und einer von ihnen war ein Seelsorger, zu dem ich ging, um etwas Frieden in mein Leben zu bringen.

Aber bevor ich das tue, möchte ich klarstellen, dass ich keine Feindseligkeit meiner Mutter gegenüber empfinde. Sie tat das Beste, was sie tun konnte, nach allem was sie durchmachen musste, aber wir Kinder hatten auch darunter zu leiden, dass sie behindert war. Es gibt niemanden, den man dafür verantwortlich machen könnte. Es war einfach so, wie es war und wir alle haben uns damit abgefunden. In den letzten Jahren hat es Momente gegeben, da fühlte ich mich betrogen, weil das Leben, das Schicksal oder wie immer man es nennen mag, uns darum gebracht hat, eine normale Mutter bzw. Familie zu haben. Aber sie war diejenige, die uns gegeben wurde und dafür bin ich dankbar.

Trotzdem es gibt einen Teil in unserem Leben, auf den ich überhaupt nicht stolz bin, und das ist der Alkohol. Unsere Mutter trank. Später erfuhr ich, dass dies der Grund für ihre häufige Abwesenheit war, und warum wir dann bei Verwandten bleiben mussten. Dagegen hätte man vielleicht etwas unternehmen können.

Wie überall gab es in Miami eine Reihe von Bars und Clubs, und ich erinnere mich daran, wie ich an vielen Abenden zusammen mit meinem jüngeren Bruder Lonnie auf der Suche nach unserer Mutter eine Bar nach der anderen abklapperte. Manchmal hatten wir Glück und fanden sie, oft aber auch nicht. Alle Barkeeper kannten Mama, und sie wussten auch, wer wir waren, denn manchmal nahm sie uns mit, wenn sie ausging, um zu saufen. Ich lebe schon seit längerer Zeit nicht mehr in Oklahoma, aber gelegentlich fahre ich nach Hause, um Familienangehörige zu besuchen, die dort noch leben. Als Mama noch lebte und bei meinem Eintreffen nicht zu Hause war, überraschte ich mich dabei, wie ich in die Bars ging, um nach ihr zu suchen. Bei einer dieser Gelegenheiten wurde mir bewusst, dass ich seit 40 Jahren immer genau dasselbe tat. Seit meinem vierten oder fünften Lebensjahr. Das war ein Schock für mich.

Es geschah an einem jener Abende, an denen sie mich nicht mitnahm, dass ich sexuell missbraucht wurde. Ich muss ungefähr fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, vielleicht sogar ein Jahr jünger. Ich kann bis heute nicht darüber schreiben. Jeder, der glaubt, dass ein solches Ereignis keine negativen Auswirkungen auf das Leben eines Kindes hat, liegt völlig falsch, und wenn Eltern glauben, ihrem Kind könnte so etwas nicht passieren, sollten sie noch einmal nachdenken. Der Mann oder Junge auf der Straße, der Babysitter oder selbst der Pfarrer könnten der Übeltäter sein, der ihr Kind um seine geistige Gesundheit und um eine normale Zukunft bringt.

Die Auswirkungen von sexuellem Missbrauch sind vergleichbar mit dem, was den amerikanischen Indianern an Unheil widerfahren ist. Die schwere Bürde wieder gesund zu werden liegt ganz allein auf den Schultern desjenigen, der missbraucht wurde. Andere können ihn dabei unterstützen, aber ab einem gewissen Punkt bist du es, der mit sich selbst zurechtkommen muss und du musst dir sagen: „Ok, jetzt ist es Zeit, mir selbst zu helfen“.

Und dann musst du etwas Positives für deine psychische Gesundheit und dein Leben tun.

In der Regel kommt diese Phase, nachdem man ein Leben voller Prüfungen, der inneren Unruhe und der Bedrängnis hinter sich hat. Aber die Hauptsache ist, dass die Möglichkeit besteht, wieder gesund zu werden. Ich selbst befinde mich immer noch im Heilungsprozess, aber ich habe meine Wahl getroffen, lieber mit der Situation umzugehen, anstatt die ganze Zeit nur mit mir selbst beschäftigt zu sein.

Die Auswirkungen von sexuellem Missbrauch sind in etwa mit Krebs vergleichbar. Sie gehen nicht von allein weg und müssen behandelt werden. Wenn es nicht behandelt wird, kann es dich umbringen. Sie sind zu 98% heilbar, bis auf die zwei Prozent, die wir in Erinnerung behalten. Damit wird der „Krebs“ eine Art von Schatten. Wie gefährlich dieser Schatten für uns wird, hängt von der Intensität und dem Erfolg der Behandlung ab. Es gibt Leute, die setzen sich niemals damit auseinander und für andere sind selbst die verbleibenden zwei Prozent zu viel, um sich dem zu stellen. Aus diesem Grund betrinken sie sich die ganze Zeit oder pumpen sich mit Drogen voll, werden sexuell ausschweifend und sind unfähig, eine längerfristige Liebesbeziehung aufzubauen. Sie werden gewalttätig oder depressiv, pflegen keine sozialen Kontakte mehr oder begehen Selbstmord. Ich habe alle diese Symptome selbst erfahren, bis auf letzteres, aber es gab einige Male, wo ich im Gefängnis saß und ernsthaft darüber nachdachte. Eines aber ist sicher, dieses Ereignis verletzte mein gesamtes Dasein, und es zu überwinden war keine leichte Aufgabe.

Zwei Indianer, die eine ganze Menge getan haben, um anderen in ihren Gemeinden zu helfen, sind Rick Thomas, ein Santee Dakota aus Nebraska, und Gene Thin Elk, ein Sincangu Lakota aus der Rosebud Reservation in Süd-Dakota.

Beide haben jahrelang für das „Red Road Approach” Projekt gearbeitet, um Indianer in Sioux City, Nebraska, zu heilen. Was sie im Wesentlichen im Verlauf ihrer Tätigkeit herausfanden ist, dass all die Bars, Gefängnisse, psychiatrischen Anstalten und Friedhöfe voll von Indianern sind, die missbraucht wurden.

Manchmal erscheinen uns die Probleme, mit denen wir im Verlauf unseres Lebens konfrontiert werden, unerbittlich und grausam zu sein. Das hat mich dazu inspiriert, einen Standpunkt im Leben einzunehmen, der das Unvermeidliche zumindest anerkennt. Ich habe erkannt, dass jeder an irgendeinem Punkt in seinem Leben einmal, wahrscheinlich auch mehrmals „hinfällt“ und dadurch gezwungen wird, sich mit den Fragen des Lebens auseinanderzusetzen.

Manches davon geschieht durch unsere eigene Schuld, anderes nicht, aber es wird passieren.

Sicherlich hat auch das seine Bedeutung, aber es ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, dass man nicht am Boden liegen bleibt, sondern wieder aufsteht. Ich werde nicht müde den Indianern zu sagen, dass sie solange am Boden gelegen haben, dass es ihnen gar nicht mehr in den Sinn kommt, wieder aufzustehen. Aber jetzt wird es langsam Zeit wieder aufzustehen. Jeder, der von einem Schicksalsschlag getroffen wurde, sollte zum Ziel haben, sich zu erholen und wieder gesund zu werden.

Die zweite furchtbare Tragödie für mich ereignete sich, als ich sechs Jahre alt war. Auf Grund ihrer gesundheitlichen Einschränkungen konnte meine Mutter nicht arbeiten. Sie ist der einzige Mensch auf der ganzen Welt, den ich kannte, der 91 Jahre alt wurde und in all den Jahren niemals eine Arbeitsstelle hatte. Die Kehrseite von der Medaille aber war, dass wir uns immer irgendwie durchschlagen mussten und auf den monatlichen Wohlfahrtsscheck angewiesen waren. Ich weiß nicht, wie sich die Sozialarbeiter von heute so aufführen, ich meine die, die für den Staat bzw. den Bezirk arbeiten, aber die aus der alten Zeit waren genauso unerbittlich wie das System des weißen Mannes. Sie waren erbarmungslos.

Mehr als nur einmal wurde ich von der ärgerlichen Stimme meiner Großmutter geweckt, wenn sie die „Frau von der Wohlfahrt”, wie wir sie nannten, anbrüllte: „Mach, dass du aus meinem Haus raus kommst, du gottverdammtes weißes Stück Scheiße“.

Sie billigen, dass man ein ganzes Volk bestohlen und fast seine gesamte Bevölkerung vernichtet hat, aber wenn es darum geht, den Überlebenden dieser Massaker etwas Geld zu geben, damit sie leben können, dann winden sie sich auf die eine oder andere Weise heraus, dafür zu bezahlen.

Wir mussten schließlich dafür bezahlen. Man drohte unserer Mutter, dass man ihr die Kinder ganz wegnehmen würde, wenn sie uns nicht ins Internat geben würde. Was auch immer sie für Unzulänglichkeiten gehabt haben möge, sie war unsere Mutter und sie liebte uns, aber sie hatte nicht die Kraft und die Ausdauer, gegen sie anzukämpfen und so mussten wir schließlich eines Tages in die Boarding School gehen. Solange wir dort hingingen, mussten sie keine Sozialhilfe für uns zahlen, weil sich dann nämlich jemand anderes um uns kümmerte. Dafür war wiederum eine andere Behörde zuständig. Für den Bezirk war es jedenfalls eine Entlastung und deshalb mussten wir Kinder, soweit ich mich erinnere, in die Boarding School gehen. Nur der Tod meiner Großmutter, meines Großvaters, meines Bruders und meiner Mutter, sowie mein erster Gefängnisaufenthalt kommt dem Trauma nahe, das ich fühlte, als ich ins Internat musste. Wir hatten kein Auto und Mama gab einem Mann etwas von ihrer Sozialhilfe, damit er mich zur Seneca Indian School brachte, die sich ungefähr eine Viertel Meile nördlich von Wyandotte befand.

In der Boarding School
Kapitel III

Ursprünglich hatte man das Internatssystem eingeführt, um die Assimilation der Kinder der besiegten Indianerstämme den letzten Schliff zu verpassen. Dies sollte durch eine anständige Ausbildung geschehen. Nachdem man unseren Vorfahren ihr Land geraubt hatte und sie in Reservationen gepfercht hatte, fragte man sich, was mit den Überlebenden geschehen sollte. In den Sälen des Kongresses ertönte der Ruf nach Assimilation, um uns auch kulturell zu vernichten. „Tötet den Indianer, aber rettet den Menschen“, wie es Richard Henry Pratt, der Erfinder des Boarding School Systems ausdrückte. Man musste nur abwarten, bis die älteren Indianer nach und nach starben, oder man sperrte sie als Kriegsgefangene ein, aber für jene, die noch da waren, brauchte man eine längerfristige Methode, um sie ihrer „heidnischen“ Kultur zu entfremden. Das Internatsystem war für sie die perfekte Lösung dieses Problems. Die („primitive“) Kultur der Eingeborenen musste der höherwertigen Lebensweise der dominanten (weißen) Gesellschaft weichen, und so verpasste man uns einen „ordentlichen Haarschnitt“, verbot uns, unsere Sprache zu sprechen und indoktrinierte uns mit christlichen Glaubensvorstellungen.

Das Department of Indian Work, welches von dem Kirchenrat in St. Paul, Minnesota, gefördert wird, hat ein Papier veröffentlicht, das das Internatssystem treffend beschreibt. Dort heißt es folgendermaßen: „Die Grausamkeiten der Weißen waren scheinbar immer noch nicht zu Ende. Dem physischen Genozid folgte nun der kulturelle durch diese Schulen. Der weiße Mann hatte beschlossen, dass der einzige Weg die Indianer zu retten, in ihrer Zerstörung lag, und so zog er in seinen letzten großen Indianerkrieg, der sich gegen unsere Kinder richtete“. Sie holten sich unsere Kinder. Das Boarding School System war nichts anderes als ein getarnter Krieg. Es war ein Krieg zwischen der Regierung der Vereinigten Staaten und den Kindern der indianischen Völker in diesem Land, und das Ziel war, wie in jedem Krieg, die Vernichtung des Feindes. Der Grund, weshalb dieser Krieg so schwer zu erkennen war, war der, dass man ihn mit einem Konzept veredelt hatte, das man Manifest Destiny (Fügung des Schicksals) nannte. Sie glaubten, dass es eine Fügung des Schicksals war, dass der weiße Mann gesiegt und der rote Mann verloren hatte und sie nun jedes Recht hatten, die Besiegten mit der weißen Zivilisation zu bekehren.

Und sie wollten, dass ich daran teilhatte.

Der Widerstand gegen das, was sich der Weiße Mann für uns ausgedacht hatte, fing gleich bei meiner Ankunft an. Mit aller Kraft, die ein Sechsjähriger nur aufbringen konnte, hielt ich mich an dem Auto fest, welches mich dorthin gebracht hatte. Ein Mann von der Schule, den ich später richtig hassen lernte, zog an meinen Beinen, während ein anderer versuchte, den Griff meiner Hände zu lockern. Jahre später erzählte ich einem Therapeuten von meiner ersten Erfahrung in der Boarding School. Ich ging zu ihm, um besser verstehen zu können, warum ich in meinen Beziehungen mit Frauen immer so unsicher war. Er unterbrach mich und fragte, wer denn damals noch in dem Auto gesessen hätte. Als er mir diese Frage stellte, fühlte ich mich, als hätte er einen Hammer genommen und ihn mir genau zwischen die Augen gehauen. Die Wirkung wäre die gleiche gewesen. Es war meine Mutter, die im Auto gesessen hatte und meine ganze Unsicherheit kam einfach aus diesem Gefühl heraus, verraten und verkauft worden zu sein.

Im Jahre 2009 gründete Don Coyhis, ein Stockbridge Muscogee Mohican aus Wisconsin, die White Bison Organisation. Diese Organisation organisierte eine Reise der Vergebung, wie sie es nannten. Es ging darum, von den Erlebnissen in der Boarding School geheilt zu werden. Die Organisatoren dieses Projektes bereisten viele Boarding Schools im gesamten Land. Sie begannen ihre Reise mit einem Besuch der Chemawa Boarding School in Kalifornien und beendeten ihre Tour einige Monate später mit der Carlisle Boarding School in Pennsylvania. Zweck dieser Reise war es, Menschen, die den Alptraum der Boarding Schools überlebt hatten, die Möglichkeit zu geben, von ihren Erfahrungen dort geheilt zu werden. Viele, die jetzt zu den Ältesten gehören, kamen dorthin und erzählten ihre Geschichte.

Die Gruppe kam auch nach Oklahoma und stattete dort drei Schulen einen Besuch ab. Zwei davon hatte ich früher besucht. Die Schule, die ich am längsten besucht hatte, die Seneca Indian School, gab es nicht mehr, aber die Sequoyah Indian School befand sich noch immer In Talequah, Oklahoma. Sie unterstand jetzt allerdings nicht mehr dem Büro für Indianische Angelegenheiten. Von der Concho Indian School im Cheyenne- und Arapaholand gab es noch die Unterkünfte, in denen die Schüler damals untergebracht worden waren. Auf Grund meiner beruflichen Tätigkeit war es mir möglich, eine kleine Gruppe von indianischen Studenten aus St. Paul, Minnesota, dorthin mitzunehmen, um meine Erfahrungen mit ihnen zu teilen. Meine Tochter Inyan Canunpa Winyan kam als Reisebegleiterin für die Mädchen mit.

Ich hatte die Ehre, die Adlerfederstandarte vom Cherokee Nation Komplex bis zur Schule zu tragen und wurde von Brenda Golden, einer bekannten indianischen Aktivistin und Mitglied der Creeknation gebeten, der Hauptredner und auch der Vorsänger unter den Anwesenden zu sein.

Während meiner Präsentation musste ich dreimal innehalten, aber ich konnte meine Rede vor den anwesenden Vertretern der US-Regierung beenden. Sie wurde später von der White Bison Organisation mit dem Titel „Ich habt mich nie besiegt, eure Gehirnwäsche hat nichts genützt“ veröffentlicht. Ich bin Don und der White Bison Organisation sehr dankbar, dass sie mir/uns nach so vielen Jahren eine Stimme gegeben haben. Natürlich hatte ich schon vorher mit meiner Musik damit begonnen, meine Stimme gegen all das, was unserem Volk widerfahren ist, zu erheben, aber sie schmolzen unsere vielen Stimmen zu einer zusammen und so wurden wir endlich gehört. Die White Bison Organisation leistet viele positive Dinge im Indianerland. Sie organisiert Treffen und Veranstaltungen zur spirituellen Heilung und nennt die Dinge beim Namen.

Eine dieser Reisen endete schließlich in Washington D.C., wo man Präsident Obama um eine öffentliche Entschuldigung bat, aber dies ist, soweit ich das weiß, bisher noch nicht geschehen, und ich bezweifele, dass das jemals geschieht.

Noch Jahre später, als ich als Erwachsener im Indianerland an diversen Konferenzen teilnahm, passierte es ziemlich oft, dass ich, von den Erinnerungen überwältigt, zu schlucken begann, den Raum verlassen musste, oder mich zumindest in eine stille Ecke des Raumes zurückzog, wenn man auf die Boarding Schools zu sprechen kam. Das passiert mir gelegentlich noch immer. Das letzte Mal war im Februar 2009, als ich eine Vorführung des Filmes „Older than America“, von der Regisseurin Georgina Lightening besuchte. Der Film erzählt darüber, was das Internatssystem den Indianerkindern alles angetan hat. Nachdem ich den Film gesehen hatte, konnte ich den Filmraum gar nicht schnell genug verlassen, so sehr kämpfte ich mit den Tränen. So viel also zu den Einfluss, welcher das Internat auf mich hatte. Obwohl ich bereits 60 Jahre alt bin, bin ich emotional immer noch stark geprägt von diesen Ereignissen.

Ein anderes Mal nahm ich an einer Bildungskonferenz auf der Oneida Reservation, in Oneida, Wisconsin, teil. Ich hörte einem Vortrag von Brenda Child zu, die später das Buch „Boarding School Seasons” verfasste. Sie las alte Briefe von Internatsschülern vor, die sie in der Zeit von etwa 1900 bis in die 1940er an ihre Eltern geschrieben hatten. Ich war so berührt von dem, was sie vorgelesen hatte und war so dankbar, dass ein solches Thema endlich einmal angeschnitten wurde, dass ich mich nach ihrer Präsentation mit einem Handschlag bei ihr bedanken wollte. Als ich mich durch die Menge zu ihr hindurch gekämpft hatte, war ich von meinen Gefühlen so überwältigt, dass ich zu weinen begann. Es war mir ein bisschen peinlich vor den Anwesenden, die mich weinen sahen, aber ich konnte nichts dagegen tun. Aber sie kam mir zu Hilfe, indem sie mich voller Verständnis anschaute und mich einfach umarmte. Später erhielt ich einen Brief von ihr, in dem sie mich darum bat, ein paar Passagen aus dem Lied „Indians“ zitieren zu dürfen. Ich habe dieses Lied selbst geschrieben und aufgenommen und ein Teil davon behandelt das Thema der Boarding Schools. Natürlich war ich einverstanden und sie fügte die Textpassagen des Liedes am Ende des ersten Kapitels ihres Buches „Boarding School Season“ ein.

Ich werde mit den Erinnerungen an meine Zeit in der Boarding School fertig werden müssen, so wie ich inzwischen auch den Tod meiner Verwandten überwunden habe.

Meine Urgroßmutter Mary Louise North war übrigens in der ersten Boarding School der USA: Die Carlisle Industrial Indian School wurde 1879 eingerichtet und befand sich in Carlisle, Pennsylvania. Sie war sozusagen das Pilotprojekt des amerikanischen Internatssystems. Sie war eine Erfindung von Richard Henry Pratt, einem ehemaligen Militärangehörigen, der zum Beruf des Lehrers wechselte. Zuerst unterrichte er indianische Kriegsgefangene in Fort Marion, Florida, wo man die gefangenen Apachen, Cheyenne und Arapaho gebracht hatte. Später unterrichtete er die vielen Indianerkinder, die man von ihren Heimstätten weggeholt und gezwungen hatte, sich den Assimilationspraktiken der Schule zu unterwerfen.

In den Schulunterlagen meiner Urgroßmutter Mary North ist verzeichnet, dass sie Carlisle am 26. Februar 1884 verließ. Von dort aus ging sie nach Genua, Nebraska, um für den Indian Service zu arbeiten. Später erfuhr ich, dass Genua auch eine Boarding School für Indianer war. Sie arbeitete dort eineinhalb Jahre lang und kehrte dann wieder zur Cheyenne Arapaho Reservation nach Oklahoma zurück. Nachdem ich einige ihrer Briefe gelesen hatte, die sie nach ihrem Abschluss an verschiedene Leute geschrieben hatte, gewann ich den Eindruck, dass sie ziemlich dankbar für die Ausbildung gewesen war, die sie dort erhalten hatte. Das steht im vollen Gegensatz zu dem, wie ich über die ganze Sache denke. Auch meine Großmutter Nettie hat das Boarding School System miterlebt. Sie war Schülerin der Concho Indian School, die sich im östlichsten Gebiet der Stammesgrenzen der Cheyenne und Arapaho Reservierung befand. Heutzutage befindet sich dort unser Stammesbüro. Von dort ging sie zur Chilocco Indian School in Nord-Zentral-Oklahoma, direkt an der Grenze zwischen Oklahoma und Kansas. Nachdem beide, meine Urgroßmutter und meine Großmutter zu einem Produkt der Boarding Schools geworden waren, erschien es eine klare Sache, dass der Rest von uns auch dorthin gehen sollte, und da die örtlichen Sozialarbeiter darauf bestanden, hatten wir keine andere Wahl.

Die bitterste Pille, die wir in der Boarding School zu schlucken hatten, war die Behandlung durch die Angestellten. Viele von ihnen waren unsere eigenen Leute, Indianer meine ich. Sie waren teilweise schlimmer als die Weißen, die dort arbeiteten. Mir ist bis heute nicht ganz klar, ob sie nur versuchten, es ihren weißen Vorgesetzten recht zu machen, oder ob sie die Gehirnwäsche so erfolgreich durchlaufen hatten, dass sie sich mit den Unterdrückern bereits identifizierten, oder ob sie einfach nur geistig behindert waren. Was auch immer der Grund gewesen sein mag, sie waren äußerst erfolgreich bei der Ausführung ihrer Mission und mit ihrer übertriebenen Durchsetzung der Internatsregeln. Ich bin sicher, dass sie von den Weißen gut indoktriniert worden waren, uns Kinder so gründlich zu misshandeln.

Die Seneca Indian School war auf dem Land einer der Stämme gebaut worden, die man in dieses Gebiet umgesiedelt hatte. Leiter der Schule war ein Indianer und die Mitarbeiter im Schülerwohnheim waren Indianer, aber die meisten der Lehrer waren Weiße. Ich glaube, es war in meinem ersten Jahr an dieser Schule, als einige von uns Schülern zu einem Ausflug nach Riverton in Kansas mitgenommen wurden, zu einem Ort namens Spring River Inn. Das war das erste Mal, soweit ich mich erinnere, dass ich die große weiße Frau sah, der dieser Platz gehörte. Das nächste Mal, als ich ihr wieder begegnete, war dann allerdings in unserer Schule, als sie sich nach mir erkundigte. Ich verbrachte den ganzen Tag mit ihr und sie fuhr mich in ihrem großen Cadillac herum. Sie lud mich zum Essen ein und war sehr nett zu mir, und ich hatte den Eindruck, dass sie wohl ziemlich wohlhabend war. Am Abend brachte sie mich wieder zur Schule zurück und plötzlich verspürte ich ein unangenehmes Gefühl ihr gegenüber. Ich kann mich nicht genau erinnern warum, aber schon während des ganzen Tages war dieses Gefühl ganz langsam in mir hochgekrochen. Aber ich erinnere mich noch gut daran, dass wir uns unterhielten. Wir waren gerade zurückgekehrt und hielten vor dem Haus mit dem Schlafsaal Nr. 5, in dem die kleineren Jungen untergebracht waren. Das letzte, was sie zu mir sagte, war: „Möchtest du nicht mit mir kommen und bei mir leben? Willst du nicht mein kleiner Junge sein?“ Ich wurde total wütend, sprang aus dem Auto und knallte die Tür zu. „Ich habe bereits eine Mutter“, schrie ich sie an.

Unnötig zu sagen, das war es dann. Ich weiß nicht, wer sie geschickt hatte und wer ihr von mir erzählt hatte, aber ich weiß, dass meine Teilnahme an diesem Ausflug zu ihr ein abgekartetes Spiel gewesen war. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, ein ahnungsloses kleines Indianerkind zu adoptieren. So etwas geschah mit vielen unserer Kinder. Wie dem auch sein, ich konnte zwar verhindern, dass sie mich adoptierte, aber einige Jahre später adoptierte sie meinen jüngeren Bruder. Ich sah ihn erst wieder, bis wir beide Teenager waren, und auch dann nur sporadisch bis wir in den Zwanzigern waren, und auch dann nur, wenn die Initiative von mir ausging. Gegen Ende seiner Jugendzeit haute er schließlich ab, er„floh“ sozusagen von ihr, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen. Danach lebte er eine Zeit lang bei einem älteren Ehepaar im Südosten von Kansas, aber er kam fast nie nach Hause, um unsere Mutter zu besuchen. Irgendwie ist das Band, das Mutter und Kind miteinander verbindet, durch diese Adoption kaputt gegangen. Es war etwas, das gegen den Willen unserer Mutter geschehen ist, aber wie ich schon erwähnt habe, hatte sie nicht die Kraft, „sie zu bekämpfen“. Es gibt noch viel mehr über dieses Thema zu sagen, worauf ich später noch einmal zu sprechen komme.

Zurück zu meiner Schulzeit: Goodlow Proctor gehörte zwar zum Stamm der Cherokee in Oklahoma, aber für mich sah er wie ein Weißer aus. Er war auch mit einer weißen Frau verheiratet. Er wohnte in einem der Häuser auf dem Schulgelände, die man für das Schulpersonal bereitgestellt hatte. Er hatte die Aufsicht über uns Jungen. Er war ein großer Mann mit einem lauten und einschüchternden Wesen. Er war der sadistischste Mann, den ich jemals gesehen habe, und ich hatte Angst vor ihm. Ich war nicht der Einzige, denn viele andere hatten auch Angst vor ihm. Ich bemerkte oft, wie er seine Schüler, seine Kollegen und sogar gegnerische Trainer anderer Schulen bei Basketballspielen einschüchterte. (Er war nämlich auch Basketballtrainer an unserer Schule). Seine Art, wie er mit uns umging, war, uns durch Angst und Einschüchterung unter Kontrolle zu halten. Und wir reagierten entsprechend darauf. Immer wenn unsere Zimmer nicht zu seiner Zufriedenheit aufgeräumt waren, wenn wir mit unseren Schuhen schwarze Flecken auf dem Fußboden hinterlassen hatten oder unsere Kleidung nicht ordentlich in den Schränken hing, oder zu seiner Zufriedenheit in den Schubkästen gefaltet lag, mussten wir das Problem nicht nur beseitigen, sondern erhielten auch eine Strafe in Form von Extraarbeit oder körperlicher Züchtigung.

Eine Art uns zu bestrafen war in Hockstellung zu gehen. Dazu brachte er uns in die unteren Etagen des Wohnheims und befahl uns in Hockstellung hin und her zu gehen, bis wir nicht länger hocken oder gehen konnten. Er nannte es den Entengang. Wenn wir vor Erschöpfung hinfielen, was irgendwann immer passierte, zwang er uns, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Solange, bis wir wirklich nicht mehr konnten. Der körperliche Schmerz und die Erniedrigung waren unerträglich und hielten tagelang an. Und dann waren da noch diese Liegestützen. Ich wette, dieser Mann muss lange Zeit beim Militär gewesen sein. Wahrscheinlich glaubte er, er wäre immer noch dort, und wir wären seine Rekruten. Noch ehe ich das Alter von elf Jahren erreicht hatte, muss ich Millionen von Liegestützen gemacht und Millionen von Tränen geweint haben, nur weil ich nicht mehr hocken und keinen Zentimeter mehr im Entengang gehen konnte. Soldaten beim Militär kann man auf eine solche Behandlung geistig und emotional vorbereiten, aber wir waren bloß Kinder und für uns war es Misshandlung. Wenn wir es nicht so machten, wie er es wollte, dann war als ultimative Strafe eine Tracht Prügel vorgesehen. Aber es war nicht etwa so, wie wenn die Mama einen den Hintern versohlt. Für das Auspeitschen hatte er ein ganz spezielles Brett zugeschnitten, um die Hände daran zu fesseln. Aber der gute Goodlow Proctor schlug nicht etwa auf den Po. Seine Spezialität war es, seinen „Opfern” auf das Hinterteil ihrer Schenkel zu schlagen. Ich erinnere mich, wie ich einmal nach einer solchen „Tracht Prügel“ meine Schenkel betrachtet habe. Er hatte Striemen und lauter geplatzte Äderchen auf meinen Schenkeln hinterlassen. Und das war nur eines der Male, wo ich von ihm gezüchtigt worden war. Dieser Mann war so brutal, dass ich Angst hatte, meinen eigenen Gedanken nachzuhängen, immer in Furcht, er könnte meine Gedanken lesen und mich bestrafen. Ich bin der Ansicht, dass er tief in mir eine emotionale Furcht vor Ablehnung eingepflanzt hat, die eine sehr lange Zeit mein Leben beeinflusst hat. Dies hat mit dazu beigetragen, dass ich oft vom Weg abgekommen bin, und nicht das getan habe, was vielleicht einfacher oder angemessen gewesen wäre. Zum Beispiel mich einfach zu melden, wenn ich eine Frage hätte beantworten können oder etwas zum meinem Wohl oder zum Wohle anderer zu tun. Aber ich tat es nicht, aus Angst Fehler zu machen und dafür bestraft zu werden. Ich mache ihn und das ganze Boarding School System für diese Ängste verantwortlich.

Einmal, ich muss ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein, versuchte ich einen Brief an eine Militärakademie zu schicken, deren Anschrift ich in einem Journal gefunden hatte. Ich hatte die Hoffnung, ich könne aus den Fängen des Internats entkommen und eine militärische Laufbahn in dieser Akademie beginnen. Ich hatte keine Ahnung, was eine Militärakademie war, ich wollte bloß raus aus dieser Indianerschule. In meinem Brief schrieb ich einen detaillierten Bericht über die Art, wie man uns in der Boarding School behandelte. Mein Brief wurde von Goodlow abgefangen. Ich hatte keine Ahnung, dass die Post zensiert wurde und er machte mir danach das Leben zur Hölle und erniedrigte mich in aller Öffentlichkeit.

Aber wenn ich so zurückblicke, dann erkenne ich, dass sich hier der Widerstand formte. Es war einfach nur eine Reaktion darauf, wie ich in der Schule behandelt wurde.

Bezüglich dieses Mannes gab ich mir selbst ein Versprechen. Ich gelobte, ihn auf die gleiche Art und Weise zu verletzen, wie er mich verletzt hatte, wenn ich erst ein Mann sei und ihn jemals wiedersehen sollte. Dieser Gedanke verfolgte mich eine lange Zeit, bis es tatsächlich zu dieser Begegnung kam: Ich ging Jahre später eine Straße in meiner Heimatstadt entlang und kam zufällig an einem Restaurant vorbei, wo die Tür offen stand. Ich schaute hinein und siehe da, da war dieser Goodlow. Er saß an einem Tisch und schob sich Essen ins Maul. Er hatte mich nicht bemerkt und ich stand eine Weile da und beobachtete ihn. Ich versuchte mich zu entscheiden, ob ich mein Versprechen, an das ich mich in diesem Moment natürlich erinnerte, einhalten sollte. Ich hatte mich gerade dafür entschieden, einfach weiterzugehen, als er plötzlich aufsah und bemerkte, dass ich ihn beobachtete. Ich sah an seinen Augen, dass er mich erkannte und es schien mir, als ob er nicht wirklich respektvoll gewesen wäre. Ich ging hin zu seinem Tisch und stand vor ihm, während er einfach weiteraß. Es kostete mich große Beherrschung, nicht das zu tun, was ich vor Jahren versprochen hatte. Ich erwiderte seinen abfälligen Blick, drehte mich um und verließ das Restaurant. Ich bin ihm seitdem nicht mehr begegnet. Ich hörte kürzlich, dass er gestorben sei. Woran weiß ich nicht. Es ist mir auch egal.

Eines aber ist sicher. Wenn Goodlow Proctor heute ein Kind auf die gleiche Weise bestrafen würde wie er uns damals bestraft hatte, dann würde er wegen Kindesmisshandlung ins Gefängnis kommen. Erst Jahre später wurde mir bewusst, dass die Art, wie er uns behandelt hat, nichts anderes als Folter war. Das Wort Misshandlung ist für das, was er uns angetan hat, einfach unzutreffend. Folter ist das richtige Wort dafür.

Ich war nicht dabei und habe es nicht mit eigenen Augen gesehen, aber irgendwann in den 70ern protestierte das American Indian Movement vor einer Schule und versuchte die Behandlung der Schüler an die Öffentlichkeit zu bringen und die Schließung der Schule zu bewirken. Es könnte ein Erfolg gewesen sein, denn kurz danach schloss die Seneca Indian School ihre Pforten und später habe ich erfahren, dass das Militär einige der Gebäude für Artillerieübungen benutzte.

Simon Bush, auch ein Cherokee, war der Betreuer der anderen Jungen. Er war wesentlich freundlicher als Goodlow Proctor. Er sprach fließend Cherokee und redete mit jenen Schülern, die auch noch diese Sprache beherrschten, in ihrer Muttersprache. Das war gemäß den früheren Regeln des Boarding Schools Systems streng verboten. Simon war in Ordnung, aber er war trotz allem noch ein Regierungsindianer, der die schmutzige Arbeit der Weißen ausführte. Er war ein untersetzter, rundlicher Mann, aber nicht wirklich dick und lief immer mit einer Zigarre herum, die aus seinem Mund ragte. Auch ihm begegnete ich einige Jahre später wieder und er hatte sich überhaupt nicht verändert.

Mrs. Peters war eine der Hausdamen unserer Unterkunft und genau wie Mr. Bush wohnte auch sie in der Unterkunft. Sie war eine Choctaw, irgendwo aus Oklahoma, und mein Gott, sie war richtig gemein. Ein anderer mag sie als streng oder vielleicht auch nett in Erinnerung haben, aber ich fand sie richtig fies. Eine der Haupteigenschaften, die einer Institution wie der Boarding School fehlen, ist das Mitgefühl, und Mrs. Peters passte perfekt in das Umfeld dieser Schule, denn sie hatte keins.

Eines der Probleme, die mir in meiner Kindheit wirklich zu schaffen machten, war die Tatsache, dass ich Bettnässer war. Auf diejenigen von uns, die ins Bett machten, wartete eine besondere Strafe: Wir mussten früh am Morgen aufstehen, unser Bettzeug auswaschen und zum Trocknen aufhängen. Das war etwa um die gleiche Zeit, als die anderen Schüler zum Frühstück gingen. Das war die größte Erniedrigung meines Lebens. Bettnässer wurden auch mitten in der Nacht geweckt, damit sie zur Toilette gingen und nicht ins Bett pinkelten. Eines Nachts wurde ich von einer Ohrfeige geweckt, die mir Mrs. Peters verpasst hatte. Ich hatte es zwar geschafft aufzustehen und zur Toilette zu gehen, aber ich war immer noch nicht ganz wach und wusste gar nicht so recht, was ich dort eigentlich sollte. Sie hatte sehr fest zugeschlagen. Das war erniedrigend und demütigend für mich, aber ich hatte immerhin die Botschaft verstanden.

Eine andere Form der Misshandlung war das routinemäßige Haarschneiden jeden Samstagmorgen. Niemand konnte Simons oder Goodlows Haarschneidemaschine entkommen. Sie brauchten keine talentierten Friseure zu sein, um diese Aufgabe zu erfüllen, denn wir bekamen keinen persönlichen Haarschnitt, sondern wurden geschoren. Ich hasste es, meinen Kopf rasieren zu lassen und versteckte mich vor ihnen, aber dann holten sie mich eben Samstagnacht aus dem Bett und verpassten mir eine „Frisur“. Jahre später, als ich andere weiße Institutionen kennenlernte, fiel mir auf, dass sie die gleiche Haarschneidestrategie als Bestrafung bei denen anwandten, die sich nicht unterwerfen wollten.

Die Sache mit dem Haarschnitt spitzte sich in den späten 70ern erneut zu, als ich nach vier Jahren auf der Flucht in das staatliche Zuchthaus von Columbus, Ohio, eingeliefert wurde. Mit der Begründung, dass ich seit meinem sechsten Lebensjahr gezwungen worden war, mich den Regeln der Institutionen des weißen Mannes zu unterwerfen, weigerte ich mich aus spirituellen und kulturellen Gründen, mir die Haare schneiden zu lassen. Inzwischen hatte ich nämlich angefangen, an traditionellen indianischen Zeremonien teilzunehmen und lernte all die Dinge, die sie (die US-Regierung) so viele Jahre versucht hatte zu zerstören. Ein Mann, der traditionelle Heilmethoden praktizierte, ein Medizinmann, hatte mir gesagt, dass sie mir im Gefängnis die Haare nicht abschneiden könnten, solange ich stark sein würde. Daraufhin steckten sie mich ins „Loch“, das heißt, sie sperrten mich in Einzelhaft, weil ich mich den Regeln und Vorschriften der Anstalt widersetzt hätte.

Als Reaktion gegen diese Maßnahme reichte ich Klage ein. Ich wollte mein Haar lang tragen dürfen, wie es gemäß dem traditionellen Glauben meines Volkes der Brauch war. Von dem Moment an, wo ich mich entschieden hatte, Widerstand zu leisten, fastete ich und betete zu den Geistern und bat um Hilfe. Die Geister halfen mir und ich gewann den Prozess.

Sie haben verloren.

Als ich etwa neun oder zehn Jahre alt war, fing ich an, von der Schule wegzulaufen. Zuerst wollte ich immer nur nach Hause und weg von dem Ort, wo ich nicht sein wollte. Aber nach einer Weile wollte ich einfach nur von der Schule weg, egal wohin. Nach Hause zu gehen war nicht ratsam, weil Goodlow oder die Polizei immer wieder kamen und mich zurückbrachten. Zuerst steckte mich die Polizei ins Gefängnis, bis Goodlow mich dort abholte. Dann behielten sie mich über Nacht im Gefängnis, dann eine Nacht und einen Tag und manchmal noch eine Nacht länger und so weiter. Goodlow kam dann, wenn er sich gut auf die dann folgende körperliche und seelische Misshandlung vorbereitet hatte.

Nie fragte jemand, warum ich überhaupt weglief. Das Wohl der Kinder in diesen Einrichtungen lag niemandem am Herzen. Die Kinder waren diesem System vollkommen ausgeliefert. Kurze Zeit, bevor ich überhaupt anfing wegzulaufen, wurde ich in der Schule das zweite Mal in meinem Leben sexuell missbraucht. Erst viel später, als ich mich mit meinen Erlebnissen in der Boarding School und all den erlittenen Misshandlungen auseinandersetzte, fiel mir auf, dass es eigentlich gar kein Wunder war, dass ich aus der Schule weggelaufen bin. Damals war es einfach nur ein Überlebenstrieb, denn als Kind brachte ich den sexuellen Missbrauch nicht mit meinen Fluchtversuchen in Zusammenhang, nichtsdestotrotz geriet ich dadurch in alle nur möglichen gefährlichen Situationen.

Ich glaube, dass das, was mir in der Boarding School widerfahren ist, den Grundstein für ein Leben in Verbindung mit Verbrechen, Alkohol, Drogenmissbrauch, Gewalt, Gefängnissen und emotionaler Instabilität gelegt hat. Noch Jahre später war ich in diesem Netz gefangen. Dieses vorbildliche amerikanische System, das eigentlich das „Indianerproblem“ lösen wollte und mir als Ersatz anbot, mein Beschützer und Wohltäter zu sein, welches sogar vertraglich die Aufgabe übernommen hatte, mich zu kleiden, mir Unterkunft zu gewähren und mich zu bilden, hat mich buchstäblich fast umgebracht. Bei anderen um mich herum ist ihnen das auch gelungen.

Ich war einer der drei oder vier Jungs, die regelmäßig abhauten. Aber selbst wenn wir in der Nacht weggelaufen waren, hat man uns wieder eingefangen, und während einer von uns im Büro seine Strafe erhielt, saßen wir anderen draußen und warteten, bis wir an der Reihe waren. Was uns nicht daran hinderte, kurz darauf wieder davonzulaufen.

Einmal stahlen ich und ein anderer Schüler zwei Pferde, die der Schule gehörten. Wir ritten davon und erst nach drei Tagen wurden wir geschnappt. Man könnte meinen, wir hätten, ohne dass es uns bewusst war, eine alte Tradition unseres Volkes fortgesetzt, nämlich dem Feind Pferde zu stehlen und ihm zu entkommen. Sie machten noch mehrere Wochen danach Scherze, dass man uns aufhängen würde. Goodlow war so sauer auf uns, dass er uns noch nicht mal mehr im Klassenzimmer haben wollte. Nachdem er uns windelweich geprügelt hatte, ließ er uns Unkraut jäten und alle möglichen niederen Arbeiten verrichten, die ihm gerade so einfielen. Nach diesem Vorfall war er ständig hinter uns her. Er hatte uns buchstäblich auf dem Kieker. Seine Strafen wurden härter, aber mein Ärger wuchs ebenfalls, und ich rannte immer öfter weg. Das legte den Grundstock, dass ich über Jahre hinweg nicht damit aufhören konnte, vor mir selbst wegzurennen. Weglaufen wurde zur Überlebensstrategie.

Mein Zuhause war eigentlich nur etwa 18 Meilen von der Schule entfernt, aber für mich war es in etwa die gleiche Entfernung wie von der Erde bis zum Mond. Manchmal brauchte ich eine ganze Nacht, um die Strecke bis nach Hause zu laufen.

Als ich wieder einmal auf der Flucht war, befand ich mich ungefähr eine Meile außerhalb der Stadt. Die Sonne ging gerade auf und ich lief auf der Nordseite einer Straße entlang, die nach Westen führte. Plötzlich kam aus dem Maisfeld auf der südlichen Seite ein etwas seltsam aussehender Hund heraus. Ich befand mich am nördlichen Seitenstreifen, er auf dem südlichen, und er trottete sozusagen neben mir her. Seine Zunge hing heraus und er hatte einen wilden Blick. Eine knappe Minute liefen wir so nebeneinander her, bis der Hund kehrt machte und wieder im Maisfeld auf der Südseite verschwand. Später wurde mir klar, dass das Tier ein Kojote gewesen war. In vielen eingeborenen Kulturen, wie auch für mich selbst, hat der Kojote eine große spirituelle Bedeutung. Für einige dieser Kulturen ist er ein Schwindler, für andere ein spiritueller Helfer.

Eine der wichtigsten spirituellen Dinge, die wir von Kojoten lernen können, ist seine Fähigkeit zu überleben. Andere Gaben, die uns der Kojote geben kann, sind sein Heilwissen, sein Schutzinstinkt und der Gesang.

Der Kojote hat mir einige seiner Kräfte bereits im Kindesalter mitgegeben, vielleicht wurde ich auch schon damit geboren. Später, als ich zu den spirituellen Wegen unseres Volkes zurückkehrte, gaben sie mir Führung und Unterstützung, und ich spüre, dass sie das noch heute tun. Als ich auf dem Hügel stand, um für mein Volk zu fasten und zu beten, haben sie ihre „Medizin“ mit mir geteilt. In einem Traum erhielt ich eine Medizin, die mir beim Stehlen helfen würde, und kurz darauf bekam ich tatsächlich „Kojotemedizin“, die man zu diesem Zweck benutzen könnte. Ich habe die spirituelle Hilfe, die ich vom Kojoten erhalten habe, niemals benutzt, aber ich würde nicht zögern, es zu tun, wenn es ums Überleben ginge oder wenn mein Volk Hilfe bräuchte. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, die „Medizin“ zu benutzen, um der Regierung die Pläne zu stehlen, in denen steht, was sie eigentlich auf lange Sicht mit uns vorhaben. Ich bin mir sicher, sie haben nichts Gutes mit uns vor. Aus ihrer Sicht hin bin ich nun wohl ein Terrorist.

Einer unserer Medizinleute hat mir übrigens anvertraut, was die Regierung bzw. der Weiße Mann mit uns auf längere Sicht hin vorhat. Letzten Endes soll es darauf hinauslaufen, dass sie sich ihrer Verantwortung uns gegenüber entziehen wollen. Dies hat eine gute und eine weniger gute Seite. Immer mehr Einwanderer kommen hierher und entscheiden sich dafür, in Amerika zu leben und am Vermächtnis des Amerikanischen Traumes teilzuhaben. Dadurch wird unsere Existenz als Eingeborene Nationen dieses Land immer mehr bedroht. Einer der negativen Aspekte davon ist, dass jene Leute, die sich um die amerikanische Staatsbürgerschaft bemühen, keinen Geschichtsunterricht bezüglich der Ureinwohner Amerikas erhalten haben und viele von ihnen auf Grund von unerträglichen Schwierigkeiten in ihrem Heimatland flüchten wollen. Sie sind froh, dass sie nach Amerika kommen können, und ihr Bewusstsein oder ihr Interesse den Indianern gegenüber steht nicht gerade auf ihrer Prioritätenliste.

Eines der Szenarien, auf die ich manchmal hinweise, wenn ich über dieses Thema spreche, ist folgendes: Wenn man beispielsweise einmal alle Nachkommen von Ausländern, die heute in Amerika leben, und ihre Geburtenrate nimmt, und 50 Jahre dazu addiert, und dann dazu noch einmal die Tausenden von Einwanderern, die jährlich nach Amerika kommen und sich um die Staatsbürgerschaft bewerben und deren Geburtenraten hinzurechnet, und dass damit vergleicht, was in der Geschichte mit uns geschehen ist, dann sieht die Zukunft der Eingeborenen Völker der westlichen Hemisphäre nicht gerade rosig aus. Jährlich kommen diese Einwanderer und trampeln gedankenlos über unsere Sitten und Bräuche hinweg. Sie zeigen keinen Respekt gegenüber den Ureinwohnern und den Tieren dieses Landes. Für sie sind die Tiere nur Wild, das am Wochenende abgeknallt werden kann und der Kojote ist nur ein Schädling.

Aber jene Leute, die den Kojoten jagen und Prämien für sein Fell aussetzen und ihn grundlos töten, haben mit Konsequenzen zu rechnen. Der Kojote ist ein heiliges Tier und einer der großen spirituellen Helfer. Diese Leute sollten lieber vorsichtig sein, denn der Kojote ist die physische Manifestation eines Geistwesens.

Kurz nachdem man mich zu dieser Schule gebracht hatte, träumte ich eines Nachts von meinem Großvater. In diesem Traum taten wir all diese schönen Dinge, die wir immer zusammen getan hatten, als ich noch bei ihm lebte. Es schien mir, dass der Traum die ganze Nacht hindurch andauerte und genau in dem Moment begann, als ich zu Bett ging und den Kopf auf das Kissen legte. Ich besuchte ihn, und wir gingen angeln und verbrachten eine schöne Zeit miteinander. Als ich wieder aufwachte und mir klar wurde, wo ich wirklich war, und dass ich alles nur geträumt hatte, war ich sehr niedergeschlagen und zutiefst traurig. Etwa einen Monat nach diesem Traum bekam ich die Nachricht, dass mein Großvater gestorben war. Am Tag der Beerdigung wartete ich darauf, dass jemand käme, um mich abzuholen, aber niemand tauchte auf. Ich war gerade in der ersten Klasse und Mrs. Winnie, die Lehrerin, die die ersten Klassen unterrichtete, musste mich in einen anderen Raum bringen, sodass ich an diesem Tag allein sein konnte. Ich konnte einfach nicht aufhören zu weinen.

Erst später wurde mir im Verlauf meines Lebens klar, dass der Traum, den ich von Großvater und mir hatte, so eine Art spirituelles und emotionales Trostpolster war, um den harten Schlag, der ja unausweichlich auf mich zukommen würde, etwas erträglicher zu machen. Gleichzeitig verschaffte er mir wundervolle Erinnerungen an den einzigen Mann in meinem Leben, der jemals gut zu mir gewesen war. Dies war auch mein erstes spirituelles Erlebnis, auch wenn ich das viele Jahre lang nicht verstanden hatte. Großvater liegt auf dem Wyandotte Indianerfriedhof am Highway 10 begraben, unweit vom Stammesbüro der Wyandottes, nicht weit von der Schule und dort wo er lebte.

Mein Mitbewohner in der Schule hieß Manuel Pittstubby. Er war ein Choctaw aus Durant, Oklahoma. Ich weiß nicht mehr warum, aber zuerst mochten wir uns nicht. Irgendwann änderte sich das und wir wurden Freunde und teilten dann das Zimmer miteinander. Manuel war ein großer schlaksiger Junge, bestand buchstäblich nur aus Haut und Knochen und sein Kopf wirkte viel zu groß für seinen Körper. Es war immer schon sehr kränklich und es geschah, als er wieder einmal kränkelte, dass die Krankenschwester der Schule, Mrs. Caraway ihn ins Claremore Indian Hospital nach Claremont nach Oklahoma brachte, in dasselbe Krankenhaus, in dem ich geboren worden war. Manuel kam nie mehr zurück.

Ich hörte, dass er Lungenentzündung gehabt hatte und kurze Zeit, nachdem er ins Krankenhaus gebracht worden war, dort verstarb.

Ich erinnere mich noch, wie ich zu jemandem sagte, dass einige von uns zur Beerdigung gehen sollten, und einige der älteren Schüler durften daran teilnehmen. Es verletzte mich, dass ich nicht gehen durfte, denn ich war es doch, der den Vorschlag gemacht hatte, und außerdem war er mein Zimmerkamerad. Aber Goodlow ging hin. Ich erinnere mich noch, wie er auf der Treppe innerhalb der Unterkunft saß und in einem seltenen Anflug von Mitgefühl an Manuel dachte und meinte, was für ein guter Junge er doch gewesen sei. Aber woran ich mich auch erinnere ist, dass Goodlow Manuel gar nicht mochte und gelegentlich richtig gemein zu ihm gewesen war. Ich wunderte mich darüber, dass er so tat, als sei er traurig über dessen Tod. Vielleicht war er es ja auch oder vielleicht wünschte er, er hätte ihn besser behandelt, als er noch lebte. Das einzig gute, was ich überhaupt aus dieser Zeit im Internat mitnehmen konnte, waren Freundschaften. Nicht viele, aber ich hatte immer wieder spezielle Freunde.

Ich traf David Edward Logan ungefähr um 1958 herum. Er kam zusammen mit seinem Bruder Philipp auf die Schule, mit dem ich mich zuerst anfreundete. Als ich Dave zum ersten Mal begegnete, prügelten wir uns. Ich weiß nicht mehr warum, und auch nicht mehr, wer gewonnen hat, aber während der letzten Jahre auf der Seneca Indian School wurden wir enge Freunde, und diese Freundschaft vertiefte sich im Jugendalter bis in die 20er hinein.

Dave stammte aus einer Großfamilie, bestehend aus acht oder neun Geschwistern, seinen Eltern und einer hochbetagten Großmutter. In diesen Tagen in den 1950ern war sie bereits über 90. Ich glaube nicht, dass sie je Englisch gelernt hatte. Sie war schon geistig dement und ihre Tochter, Daves Mutter, rügte sie manchmal, weil sie schlechte Verhaltenweisen an den Tag legte, die anscheinend mit hohem Alter einhergehen.

Dave und seine Familie nahmen regelmäßig am jährlichen Green Corn Festival der Seneca und Cayuga teil. Das war eigentlich mehr eine Zeremonie und sie wurde am Lake Cowskin nördlich von Grove, Oklahoma, abgehalten. Jedes Jahr trampte ich dorthin, übernachtete bei Dave und seiner Familie und nahm an ihren Zeremonien teil.

Sie haben mich immer wie einen Teil ihrer Familie willkommen geheißen und hatten immer einen Platz in ihrem Camp.

Wir tanzten die ganze Nacht lang den Stomp Dance und ich lernte die meisten der Lieder, auch wenn ich die Bedeutung der Worte nicht verstand. Der Stomp Dance ist eigentlich ein Ritual. Hierbei versammeln sich die Tänzer um ein Feuer und tanzen mit den Füßen stampfend drum herum. Heutzutage kann es aber auch als ein rein soziales Ereignis gefeiert werden. Einige Jahre später, als ich an einer bewaffneten Besetzung der Sechs Nationen der Irokesenföderation in den Adirondak Mountains im Staate New York teilnahm, hörte ich die gleichen Lieder wieder, und es richtete mich auf. Irgendwie habe ich die Seneca und Cayuga von Oklahoma, die Mitglieder der Sechs Nationen sind, gedanklich nie mit den Sechs Nationen in New York oder Kanada zusammengebracht. Die Lieder aus der Zeit meiner Kindheit dort an diesem Ort zu hören, berührte mein Herz auf eine Weise, die ich niemals vergessen werde.

Dave und seine Familie pflegten auch zum jährlichen Quapaw Powwow zu fahren und auch dort schlief ich bei ihnen. Abgesehen von meiner Großmutter und den anderen Familienmitgliedern waren sie meine erste Berührung mit den indianischen Wegen. Ich tanzte den Sonnentanz nach der Art wie ihn die Six Nations tanzten. Das war, als ich ungefähr elf oder zwölf Jahre alt war. Zur gleichen Zeit rauchte ich auch meine erste Pfeife. Ich denke, es hat etwas mit ihrer spirituellen Großzügigkeit zu tun, dass ich heutzutage etwas über die Zeremonien weiß, die ich ausführe. Es war Dave, der mich in meinen wilden Jahren als Teenager und später als junger Mann mehr als einmal vor der Polizei versteckte, oder mir sogar zur Flucht verhalf, wenn sie wegen irgendwelcher kriminellen Delikte hinter mir her waren. Er hat mich nie im Stich gelassen, wenn ich seine Hilfe brauchte, und am Ende seines Lebens, als sein Körper von Diabetes zerfressen und von Nierenversagen und damit einhergehenden Dialysetherapien geschwächt war, versuchte ich im Gegenzug ihm zur Seite zu stehen. Schließlich wurde er im September 1996 nach längerem Leiden durch den Tod erlöst. Eines der Dinge, die mich wirklich wütend machten, während er so krank war, und die mich auch heute noch aufregen, ist es, wenn ich daran denke, dass Diabetes, Alkoholismus, zerstörte Familien, Gehirnwäsche usw. vom weißen Mann hierhergebracht und an unsere Vorfahren weitergegeben wurden. Wir haben Dinge von ihnen geerbt, die uns auf die eine oder andere Weise töten können. Meinen Freund tagtäglich etwas mehr sterben zu sehen, war extrem hart. Es berührte mich dermaßen, dass ich Hassgefühle entwickelte und Rache nehmen wollte für jeden Indianer, der durch eine Krankheit des weißen Mannes gestorben ist.

Als es langsam mit ihm zu Ende ging, hatte er sich noch eine nicht heilen wollende Staphylokokken-Infektion zugezogen. Die Ärzte schnitten das tote und infizierte Gewebe heraus und ließen seine Schädeldecke geöffnet, doch auch damit konnten sie ihn nicht heilen. In den frühen Morgenstunden fand ihn seine Tochter Mickey, die nach ihm sehen wollte, tot in seinem Zimmer. Sie war zwar noch ein Teenager, hatte aber mutig und tapfer die Aufgabe übernommen, ihren sterbenden Vater zu pflegen.

Vor seinem Tod, als man ihm mitgeteilt hatte, dass er möglicherweise an die Dialyse angeschlossen werden musste, nahm ich ihn zu einer Heilungszeremonie mit, aber es war bereits zu spät. Er hatte wohl zu lange gewartet und ich denke auch, dass er sich gedanklich bereits soweit mit der Dialysemaschine beschäftigt hatte, dass die spirituellen Heilungsversuche wirkungslos blieben. Aus diesem Grund konnte er nicht gesund werden. Ich hatte die traurige, aber ehrenvolle Aufgabe ihn auf den Friedhof zu geleiten und ihn neben seinen Verwandten, seiner Mutter Jane, seinem Vater Dave senior, seinen Brüdern John und Sydney und seiner Schwester Jackie zu bestatten. Wenn es etwas Positives gab, das aus meinem Besuch in der Boarding School resultierte, dann war es die enge Freundschaft, die sich zwischen diesem wunderbaren Menschen und mir entwickelt hatte. Er war und ist immer noch mein Freund, und ich vermisse ihn sehr. Wenn ich nach Hause komme, dann ist es nicht mehr so wie es war, als er noch lebte. Sein Bruder Phil und ich sind zwar auch befreundet und es ist auch okay, ihn zu besuchen, aber wir sehen uns nicht so oft wie Dave und ich uns getroffen haben.

Anfang der 60er, nach dem ich höchstwahrscheinlich mehr als irgendein anderer von allen Internatsschulen weggelaufen bin, wurde ich zusammen mit vier oder fünf anderen Ausreißern der Schule verwiesen. Ich wurde wieder nach Hause geschickt, aber leider war mein Aufenthalt dort nur sehr kurz. Man hatte das Büro für Indianerangelegenheiten auf mich aufmerksam gemacht und man hatte eine andere Boarding School für mich ausgesucht. Der Hauptunterschied zwischen der Seneca Indian School und Oaks Mission war, das letztere eine Missionsschule, die erste eine Schule war, die von der Bundesregierung geleitet wurde. Auf der Seneca Indian School mussten wir zwar eine der drei Kirchen besuchen, die sich in Wyondotte befanden, aber ansonsten wurde der religiösen Erziehung nicht allzu viel Aufmerksamkeit gewidmet.

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9783948878146
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