Kitabı oxu: «The Grandmaster of Demonic Cultivation – Light Novel 01»

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»Freudige Neuigkeiten – Wei Wuxian ist tot!«

Noch am selben Tag, an dem die Belagerung der Grabhügel ihr Ende gefunden hatte, verbreitete sich diese Nachricht schneller als ein Lauffeuer in der gesamten Kultivierungswelt.

Plötzlich redete jeder, angesehene Familienclans wie auch wandernde Kultivierer, über die Schlacht, die von den vier großen Clans angeführt worden war und bei der Hunderte weitere mitgekämft hatten.

»Großartig, das ist wahrlich ein Grund zur Freude! Welcher Held hat den Yiling-Patriarchen zur Strecke gebracht?«

»Na wer wohl?! Sein Shidi 1 Jiang Cheng, das junge Oberhaupt des Jiang-Clans. Angeführt von den vier großen Clans, dem Jiang-Clan aus Yunmeng, dem Jin-Clan aus Lanling, dem Lan-Clan aus Gusu und dem Nie-Clan aus Qinghe legten sie im Namen der Gerechtigkeit Wei Wuxians Versteck, den die Grabhügel, in Schutt und Asche.«

»Ich muss sagen, da haben sie vortreffliche Arbeit geleistet.«

Sofort klatsche jemand in die Hände und stimmte fröhlich zu: »Das stimmt allerdings! Hätte der Jiang-Clan ihn damals nicht aufgenommen und sich seiner angenommen, wäre Wei Ying 2 nichts weiter als ein herumstreunender Taugenichts gewesen. Doch das einstige Oberhaupt hat ihn wie sein eigen Fleisch und Blut aufgezogen. Und er besitzt doch tatsächlich die Unverfrorenheit, sie alle zu verraten! Er hat sich jeden zum Feind gemacht und das Ansehen des Jiang-Clans beschmutzt. Beinahe wäre seinetwegen der gesamte Clan ausgelöscht worden. So ein undankbarer Hund!«

»Jiang Cheng hat diesen Kerl viel zu lange gewähren lassen. Ich an seiner statt hätte ihn direkt getötet, als er abtrünnig wurde, und nicht nur niedergestochen. Dann hätte er auch keine Gelegenheit gehabt, diese abscheulichen Gräueltaten zu verüben. Bei so jemandem darf man keine Gnade walten lassen – auch nicht, wenn man zusammen aufgewachsen ist und gemeinsam kultiviert hat.«

»Da habe ich aber was anderes gehört. Erlitt Wei Ying damals nicht einen Rückschlag, als er sich an den dunklen Künsten versuchte und von seinen eigenen Geistern zerfleischt wurde? Er soll bei lebendigem Leib in Stücke gerissen worden sein.«

»Ha ha ha ha! Das nennt man Karma. Ich habe es doch gleich gesagt. Diese bösen Geister, die er immer beschworen hat, haben wie ein Rudel tollwütiger Hunde alles und jeden angefallen – letztendlich sogar ihn. Geschieht ihm recht!«

»Das mag ja sein, aber wer weiß, wie die Belagerung der Grabhügel ausgegangen wäre, wenn das junge Oberhaupt des Jiang-Clans die Schwachpunkte des Yiling-Patriarchen nicht gekannt und seine Pläne entsprechend geschmiedet hätte. Vergesst nicht, welchen Gegenstand Wei Wuxian sein Eigen nannte. Und wie damals in nur einer Nacht über dreitausend angesehene Kultivierer einfach ausgelöscht worden sind!«

»Waren es nicht fünftausend?«

»Ob dreitausend oder fünftausend, ändert doch nichts an der Sache. Vielleicht waren es aber wirklich eher fünftausend.«

»Wahrhaft abscheulich …«

»Zum Glück hat er das Yin-Tiger-Amulett vor seinem Tod zerstört – eine gute Tat kann man ihm also durchaus zuschreiben. Andernfalls würde dieses unheilvolle Ding noch immer in der ganzen Welt Schaden anrichten und all die Sünden, die er begangen hat, noch weiter verschlimmern.«

Als das Wort »Yin-Tiger-Amulett« fiel, breitete sich augenblicklich bedrückende Stille aus.

Einen Moment später seufzte jemand. »Hach … Wei Wuxian war früher so ein vielversprechender junger Kultivierer und hat durchaus Gutes getan. Bereits in jungen Jahren feierte er Erfolge und genoss das Ansehen vieler. Wie konnte es nur so weit kommen …?«

Der Themenwechsel belebte die Diskussion erneut.

»Wie man sieht, muss man bei der Kultivierung letztendlich doch den traditionellen Weg gehen. Der Pfad der Dämonenlehre mag zwar für eine Weile verlockend und eindrucksvoll erscheinen, doch, pah, was passiert danach?«

Die Menge antwortete einhellig: »Man stirbt einen grausamen Tod, bei dem der Körper nicht vollständig und unversehrt bleibt!« 3

»Es lag aber nicht ausschließlich an seiner Art der Kultivierung. Letztendlich besaß Wei Wuxian einfach einen miesen Charakter, der den Himmel und die Menschen erzürnte. Somit wird Gutes belohnt und Böses bestraft. Jeder bekommt, was er verdient …«

…

Nach seinem Ableben hatte die Allgemeinheit schnell ihr Urteil über ihn gefällt. Dieses fiel bei jedem mehr oder minder gleich aus – denn existierte es auch nur die geringste Gegenmeinung, wurde diese sofort im Keim erstickt.

Doch es gab einen besorgniserregenden Punkt, der den Menschen keine Ruhe ließ …

Obwohl es hieß, der Yiling-Patriarch Wei Wuxian wäre bei der Belagerung der Grabhügel gestorben, war es ihnen nicht möglich, seine Seele zu beschwören. Möglicherweise war sie in Stücke gerissen worden, als die unzähligen Geister ihn verschlungen hatten – oder aber sie war entkommen.

Wenn Ersteres zuträfe, wäre das ein Grund zum Feiern, doch der Yiling-Patriarch hatte unvorstellbare Kräfte besessen. Er konnte Berge versetzen und Meere umwälzen – zumindest besagten das die Gerüchte. Für so jemanden wäre es sicher ein Leichtes, sich einer Beschwörung zu widersetzen. Sollte seine Seele also zurückkehren und von einem Körper Besitz ergreifen, könnte er wiederauferstehen. Dann stünde der Kultivierungswelt, nein, vielmehr der gesamten Menschheit, eine grausame, finstere Rache bevor. Düstere, blutige Zeiten würden anbrechen.

Daher wurden auf den Grabhügeln einhundertzwanzig Steinstatuen von Bestien aufgestellt und die großen Clans führten unablässig Seelenbeschwörungszeremonien durch. Gleichzeitig wurden jegliche Körperbesitzergreifungen durch Geister strengstens überwacht. Man sammelte allerorts Informationen bezüglich übernatürlicher Erscheinungen und war in höchster Alarmbereitschaft.

Im ersten Jahr war alles ruhig und friedlich.

Im zweiten Jahr war alles ruhig und friedlich.

Im dritten Jahr war alles ruhig und friedlich.

…

Im dreizehnten Jahr war immer noch alles ruhig und friedlich.

So glaubten schließlich immer mehr Menschen, dass Wei Wuxian vielleicht doch nicht über eine derartige Stärke verfügt hatte und seine Seele vielleicht doch vollständig ausgelöscht worden war.

Derjenige, der einst die Rolle des Jägers gespielt hatte, war schließlich zum Gejagten geworden.

Niemand wird bis in alle Ewigkeit verehrt und Legenden sind letztendlich nichts weiter als Legenden.

11 Jüngeres, männliches Mitglied des gleichen Clans.

12 Geburtsname von Wei Wuxian.

13 Diese Art zu sterben galt im früheren China als besonders schlimm. Zudem deutete sie an, dass der Tote im Leben besonders schwerwiegende Sünden verübt hatte.


Wei Wuxian hatte kaum die Augen geöffnet, da wurde er auch schon von jemandem getreten.

Eine donnernde Stimme ertönte nah an seinem Ohr. »Was stellst du dich tot?!«

Der Tritt gegen seine Brust ließ ihn beinahe Blut spucken. Mumm hat er ja, den leibhaftigen Patriarchen zu treten, dachte er benommen, während er rücklings auf dem Boden lag.

Wei Wuxian wusste nicht mehr, wie lange es her war, dass er die Stimme eines Lebenden vernommen hatte – geschweige denn ein derartiges Gebrüll. Verschwommen nahm er eine junge, quakende Stimme wahr, die nervtötend in seinen Ohren widerhallte.

»Du weißt wohl nicht, unter wessen Dach du lebst, an wessen Tisch du isst und wessen Geld du ausgibst! Was ist schon dabei, wenn ich mir ein paar Sachen von dir nehme? Die gehören doch eigentlich sowieso alle mir!«

Das Klirren und Krachen von Regalen, die umgeworfen und zerschlagen wurden, war von allen Seiten zu hören. Nur langsam wurde Wei Wuxians Sicht klarer. Vor ihm erschien schemenhaft ein Dach. Dann entdeckte er ein Gesicht, grün vor Zorn, das ihn mit wütenden Augen anfunkelte. Sein Besitzer spuckte ihn wild von oben an, während krächzend Worte aus seinem Mund schossen: »Du wagst es sogar, mich zu verpetzen! Glaubst du ernsthaft, ich hätte Angst davor, dass jemand in diesem Haus auf deiner Seite steht?«

Zwei stämmige Männer, wahrscheinlich Diener, kamen angelaufen. »Junger Herr, wir haben alles zerschlagen!«

»So schnell?«, quakte der junge Mann.

»In diesem heruntergekommenen Zimmer gibt es nicht viel«, antwortete einer der Diener.

Der junge Mann mit der quakenden Stimme wirkte zufrieden. Also drehte er sich zu Wei Wuxian und schien mit seinem Zeigefinger zwischen seinen Augenbrauen ein Loch in seine Stirn bohren zu wollen. »Erst den Mut haben, mich anzuschwärzen, und sich dann tot stellen. Für wen führst du diese Scharade auf?! Als würde irgendjemand deinen Plunder haben wollen. Ich habe alles zerstören lassen. Wollen wir doch mal sehen, womit du mich jetzt noch verpetzen kannst! Nur weil du ein paar Jahre unter Kultivierern gelebt hast, hältst du dich für was Besseres?! Du wurdest doch fortgejagt wie ein streunender Hund!«

Sich mehr tot als lebendig fühlend dachte Wei Wuxian angestrengt nach. Dass er viele Jahre tot gewesen war, war nicht gespielt.

Wer war das?

Wo war er??

Und wann hatte er ein Ritual zur Körperbesitzergreifung durchgeführt???

Nachdem der quakende Mann ihn getreten, das Zimmer verwüstet und seiner Wut Luft gemacht hatte, trat er nun großspurig mit beiden Dienern aus der Tür und ließ sie mit einem lauten Knall hinter sich ins Schloss knallen. »Behaltet ihn gut im Auge und lasst ihn nicht raus! Er würde uns nur zum Gespött machen.«

Hastig stimmten die Diener zu.

Als sie fort waren, kehrte Ruhe ein.

Wei Wuxian wollte aufstehen, aber seine Glieder reagierten nicht auf seine Befehle, sodass er gezwungen war, liegen zu bleiben. Lediglich in der Lage, sich so weit zu drehen, dass er die fremde Umgebung und die Unordnung auf dem Boden betrachten konnte, wurde ihm erneut schwindelig.

Seitlich von ihm lag ein achtlos hingeworfener Bronzespiegel. Als er ihn aufhob und sich darin betrachtete, blickte er in ein ungewöhnlich weißes Gesicht. Auf die Wangenpartie war jeweils ein großer, roter, ungleichförmiger Fleck gemalt. Es fehlte nur noch die herausgestreckte blutrote Zunge, dann hätte er als der Geist eines Gehängten durchgehen können.

Ungläubig warf Wei Wuxian den Spiegel fort und rieb sich über das Gesicht, woraufhin weißer Puder herabrieselte. Glücklicherweise sah dieser Körper nicht von Natur aus so kurios aus, es handelte sich lediglich um extravaganten Geschmack.

Dass ein Mann sein ganzes Gesicht bemalte, war eine Sache, dass das Ergebnis aber derart hässlich und talentfrei ausfiel, eine andere.

Langsam erholte er sich von dem Schock und schaffte es endlich aufzustehen. Jetzt erst bemerkte er, dass sich unter seinem Körper ein Beschwörungskreis befand. Die Linien waren scharlachrot und die Form nicht richtig rund. Es wirkte ganz so, als hätte ihn jemand händisch mit Blut gemalt. Er war noch nicht vollständig getrocknet und so hing der Geruch von Eisen in der Luft. In das Innere des Kreises waren einige verworrene Beschwörungsformeln gekritzelt, die ein wenig von seinem Körper verwischt worden waren. Die übrigen Symbole und Formeln strahlten etwas Unbehagliches aus.

Wei Wuxian hatte über die Jahre alle möglichen Spitznamen bekommen, höchstes Übel, Gründer des dämonischen Wegs – alle in der Art. Er erkannte daher auf den ersten Blick, dass diese Anordnung nichts Gutes bedeutete.

Er hatte nicht von einem Körper Besitz ergriffen – ihm war einer geopfert worden!

Die Körperopferung war im Grunde genommen ein Fluch, bei dem der Beschwörer durch gewaltsame Selbstverstümmelung seinem Körper Wunden zufügte und die Formation des Bannkreises sowie die Beschwörungsformeln mit dem eigenen Blut malte. In der Mitte des Kreises sitzend, opferte er seinen Körper dann einem abgrundtief bösen Geist. Damit dieser einem einen Wunsch erfüllte, bat man ihn darum, vom Körper Besitz zu ergreifen. Der Preis für die Heraufbeschwörung war die eigene Seele, die zum großen Ganzen zurückkehrte.

Somit unterschied sich die Körperopferung vollkommen von der Körperbesitzergreifung. Bei beiden handelte es sich um verbotene Künste und sie besaßen daher auch beide keinen guten Ruf. Allerdings war erstere nicht so nützlich und beliebt wie letztere. Schließlich haben nur sehr wenige Menschen einen so starken Wunsch, dass sie sich selbst dafür opfern würden.

Da sich dementsprechend kaum jemand praktisch daran versucht hatte, war die Kunst im Laufe der Jahrhunderte beinahe in Vergessenheit geraten. Alten Überlieferungen aus zuverlässiger Quelle zufolge gab es in den vergangenen Jahrtausenden nur drei oder vier Beispiele. Und die Menschen, die sich geopfert hatten, wünschten sich alle ausnahmslos dasselbe: Rache.

Die beschworenen bösen Geister hatten diese stets perfekt ausgeführt, grausam und blutrünstig.

Wei Wuxian konnte es nicht fassen.

Wieso wurde er als »abgrundtief böser Geist« eingestuft?

Sicher, er hatte nicht den besten Ruf genossen und war einen grausamen Tod gestorben, aber er hatte erstens nie als Geist sein Unwesen getrieben und zweitens nie Rache verübt. Er konnte schwören, dass er der friedlichste und anständigste Geist zwischen Himmel und Erde war!

Problematisch war, dass es bei der Körperopferung nur um den Willen des Beschwörers ging – und egal wie sehr ihm das auch missfiel, er war bereits in diesen Körper gefahren und das Abkommen zwischen beiden Parteien galt damit stillschweigend als geschlossen. Er war verpflichtet, den Wunsch des Beschwörers zu erfüllen, andernfalls würde der Fluch auf ihn zurückfallen, seine Seele würde zerstört und er würde niemals wiedergeboren werden.

Wei Wuxian öffnete seinen Gürtel, um sein Gewand zu lockern, hob dann beide Arme und betrachtete die Handgelenke. Wie erwartet waren sie kreuz und quer mit Wunden übersät, die von einer scharfen Waffe stammen mussten. Zwar bluteten sie nicht mehr, aber Wei Wuxian wusste, dass es sich dabei nicht um gewöhnliche Verletzungen handelte. Sollte er den Wunsch des ursprünglichen Besitzers dieses Körpers nicht erfüllen, würden sie auch nicht verheilen. Je länger er brauchte, desto schlimmer würde es werden. Und überschritt er die Frist, würde es ihn, der diesen Körper erhalten hatte, mitsamt seiner Seele zerreißen.

Wieder und wieder vergewisserte sich Wei Wuxian, dass kein Fehler vorlag, und wiederholte innerlich immer wieder fluchend: Das darf doch nicht wahr sein!, bis er sich an der Wand abstützte und aufstand.

Das Zimmer war groß, aber leer und karg. Es war unklar, wann die Tagesdecke zuletzt gewaschen worden war, jedenfalls ging ein muffiger Geruch von ihr aus. In der Ecke lag ein Bambuskorb, der als Abfalleimer verwendet worden war. Bei der Auseinandersetzung war er umgestoßen worden, sodass nun überall Müll und Papier verstreut herumlag.

Wei Wuxian bemerkte Tintenflecke auf dem zusammengeknüllten Papier. Also hob er ein Knäuel auf, öffnete es und sah, dass es mit winzigen Buchstaben vollgekritzelt war. Er machte sich daran, auch alle anderen Papierknäuel vom Boden aufzusammeln.

Bei dem Geschriebenen handelte es sich um den Kummer und die Sorgen, die sich der Besitzer des Körpers verzweifelt von der Seele geschrieben hatte. Einige Passagen waren wirr und konfus, und die innere Unruhe des Verfassers wurde durch die verzerrte Schrift auf dem Papier noch verdeutlicht. Geduldig las Wei Wuxian Seite für Seite und immer mehr beschlich ihn das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte.

Allmählich konnte er sich einige Dinge zusammenreimen.

Der Besitzer dieses Körpers hieß Mo Xuanyu und er befand sich hier im Dorf Mo.

Mo Xuanyus Großvater war ein einflussreicher Mann in dieser Gegend gewesen. Die Familie war jedoch klein und er hatte keinen Sohn. Auch nach jahrelangen Bemühungen waren ihm lediglich zwei Töchter vergönnt gewesen. Die Namen der beiden wurden nicht genannt.

Die erste Tochter stammte von seiner Hauptfrau. Nach ihrer Vermählung zog ihr Mann bei der Familie Mo ein. Die zweite Tochter war zwar von außerordentlicher Schönheit, jedoch das Kind einer Dienerin. Daher war die Familie ursprünglich bei ihrem Zukünftigen nicht sehr wählerisch gewesen. Sie wollten sie einfach nur aus dem Haus haben. Wer hätte auch damit rechnen können, dass sie mit sechszehn Jahren dem Oberhaupt eines angesehenen Kultivierungsclans begegnen würde, der sich auf den ersten Blick in sie verliebte?

Ihre Treffen im Dorf Mo fanden heimlich statt und ein Jahr später gebar sie ein Kind: Mo Xuanyu.

Eigentlich zeigten sich die Bewohner des Dorfes solchen Angelegenheiten gegenüber stets verächtlich, aber die Menschen verehrten nun mal die Kultivierung. Und in den Augen Normalsterblicher wirkten Kultivierer mit ihrer mystischen und noblen Ausstrahlung wie Auserwählte des Himmels. Zudem half ihnen dieses große Oberhaupt gelegentlich aus, sodass sich das Blatt plötzlich wendete. Nicht nur die Familie Mo war stolz darauf, auch die anderen bewunderten sie zutiefst.

Nichts währt jedoch ewig.

Eine Weile konnte sie das Verlangen des Oberhaupts nach Frischfleisch zwar stillen, doch schon nach weniger als zwei Jahren war er ihrer überdrüssig und die Besuche wurden immer seltener. Als Mo Xuanyu vier Jahre alt war, kam er gar nicht mehr.

In dieser Zeit wandelte sich das Urteil der Dorfbewohner erneut in Missgunst, und zu Verachtung und Hohn kam nun auch noch spöttisches Mitleid. Die zweite Tochter der Familie Mo wollte ihr Schicksal nicht wahrhaben. Sie war fest davon überzeugt, dass der Kultivierer nicht einfach so seinen eigenen Sohn vergessen würde. Und tatsächlich sandte er eine Garde, um Mo Xuanyu zu sich zu holen, als dieser vierzehn Jahre alt war.

Die zweite Tochter konnte somit wieder erhobenen Hauptes nach vorne blicken, denn obwohl sie nicht mitgehen konnte, trat anstelle der vorherigen Schmach ein Gefühl von Stolz. Sie prahlte vor jedem damit, dass ihr Sohn in Zukunft zum Oberhaupt der Kultivierungswelt aufsteigen und seinen Vorfahren Ruhm und Ehre einbringen würde. Also änderte sich die Meinung der Dorfbewohner zum dritten Mal und sie diskutierten eifrig über das Geschehene.

Doch noch bevor Mo Xuanyu seine Ausbildung zum Kultivierer abgeschlossen hatte und in die Fußstapfen seines Vaters treten konnte, wurde er wieder zurückgeschickt – und das auf eine überaus peinliche Art und Weise. Mo Xuanyu, der homosexuell war und dies auch ohne Zurückhaltung auslebte, belästigte nämlich ein anderes Mitglied des Clans, sodass bald jeder von dieser hässlichen Angelegenheit erfuhr. Dazu kam, dass er nicht mit Talent gesegnet war und keine besondere Stärke für das Kultivieren besaß, sodass es keinen Grund gab, ihn weiter dazubehalten.

Zur Krönung führte sich Mo Xuanyu nach seiner Rückkehr auch noch wie ein Wahnsinniger auf. Niemand verstand, was in ihm vorging. An einigen Tagen ging es ihm gut, an anderen wiederum nicht, und seine Launen waren so instabil wie die eines Geisteskranken.

An dieser Stelle runzelte Wei Wuxian die Stirn.

Homosexuell und verrückt. Kein Wunder, dass er sich das Gesicht derart zu puderte und keiner sich über die blutigen Symbole auf dem Boden gewundert hatte. Selbst wenn Mo Xuanyu vom Boden bis zur Decke und zum Dach alles mit Blut beschmiert hätte, hätte das wahrscheinlich niemand seltsam gefunden. Weil jeder wusste, dass er verrückt war!

Nachdem Mo Xuanyu in sein altes Zuhause zurückgekehrt war, hatte es von allen Seiten Hohn und Spott gehagelt. Diesmal wirkte es allerdings nicht so, als könnte der Wind ein weiteres Mal drehen. Die zweite Tochter der Familie Mo ertrug diesen Rückschlag nicht. In ihr staute sich unaussprechliche Wut an, bis sie bei lebendigem Leibe daran erstickte.

Zu jenem Zeitpunkt war Mo Xuanyus Großvater bereits verstorben und seine erste Tochter hatte den Platz als Familienoberhaupt eingenommen. Diese konnte ihre kleine Schwester seit jeher nicht ausstehen und verachtete deren unehelichen Sohn nur umso mehr.

Frau Mo hatte einen Sohn, eben jenen quakenden jungen Mann, der gerade befohlen hatte, das Zimmer zu verwüsten: Mo Ziyuan.

Nachdem Mo Xuanyu so eindrucksvoll von den Kultivierern abgeholt worden war, hatte sie sich Hoffnungen gemacht, dass die Gesandten ihren Sohn ebenfalls mitnehmen und ausbilden würden. Sie waren ja schließlich verwandt. Allerdings hatte man ihn abgewiesen, oder besser gesagt: ignoriert.

Selbstverständlich. Das ist nicht wie auf dem Markt, wo man über Chinakohl verhandelt und zwei zum Preis von einem bekommt!

Es war Wei Wuxian schleierhaft, woher die Mitglieder dieser Familie ihr Selbstvertrauen hatten. Sie waren seltsamerweise alle fest davon überzeugt, dass Mo Ziyuan das Zeug und die Gabe zum Kultivierer besaß. Sie glaubten, dass, wenn er damals gegangen wäre, ihn die Kultivierer sicher anerkannt hätten und er erfolgreicher gewesen wäre als sein Cousin. Als Mo Xuanyu fortgegangen war, war Mo Ziyuan noch klein gewesen. Doch dieser Gedanke, der jeglicher Logik entbehrte, war ihm von Kindesbeinen an immer wieder eingetrichtert worden und so glaubte er nun fest daran. Ständig erniedrigte er Mo Xuanyu und warf ihm vor, er hätte ihm seine Chance zum Kultivieren genommen. All die Talismane, magische Pillen und kleinen Instrumente, die Mo Xuanyu von seiner Ausbildung mit nach Hause gebracht hatte, liebte Mo Ziyuan so sehr, dass er sie nicht mehr aus der Hand gab. Er erhob alleinigen Anspruch auf die Gegenstände und verfuhr mit ihnen, wie es ihm beliebte.

Mo Xuanyu stand zwar des Öfteren geistig vollkommen neben sich, aber auch er wusste, wann er gedemütigt wurde. Er schluckte es wieder und wieder. Mo Ziyuan wiederum nahm sich immer mehr heraus und plünderte fast sein gesamtes Zimmer. Schließlich hielt Mo Xuanyu es nicht mehr aus, trat vor seinen Onkel und seine Tante und beschwerte sich stotternd. Das erklärte den Ärger, den Mo Ziyuan gerade angezettelt hatte.

Die Schrift auf dem Papier war so klein und dicht, dass Wei Wuxian beim Lesen die Augen schmerzten und er sich fragte, was das heute nur für ein bescheuerter Tag war. Kein Wunder, dass Mo Xuanyu seinen Körper geopfert hatte, um einen bösen Geist zu beschwören, der Rache für ihn nehmen sollte.

Mittlerweile taten ihm nicht mehr nur die Augen, sondern der gesamte Kopf weh. Eigentlich musste der Beschwörer während des Rituals seinen Wunsch gedanklich präzise formulieren, und als beschworener Geist hätte Wei Wuxian diese Forderungen auch genau hören müssen. Mo Xuanyu hatte das Ritual jedoch anhand eines lückenhaften Buches über verbotene Künste durchgeführt, das er wohl heimlich irgendwo hatte mitgehen lassen. Da er das Ritual somit nicht vollständig erlernt hatte, ließ er diesen Schritt aus. Auch wenn Wei Wuxian vermutete, dass es ihm um Rache an der Familie Mo ging, blieb immer noch die Frage, wie er sie verüben sollte? Wie weit sollte er gehen? Sollte er die gestohlenen Sachen zurückholen? Die Familie Mo übel zurichten? Oder … die gesamte Familie auslöschen?

Wahrscheinlich war es das. Er sollte sie auslöschen! Immerhin wusste jeder in der Kultivierungswelt, mit welchen Worten Wei Wuxian am häufigsten beschrieben wurde: undankbar und grausam. Gab es jemanden, der den Titel »dämonischer Teufel« mehr verdiente als er?

Da Mo Xuanyu den Mut gehabt hatte, ausgerechnet ihn herbeizurufen, konnte es sich nicht um einen einfachen Wunsch handeln.

»Du hast dir den Falschen ausgesucht …«, sagte Wei Wuxian verzweifelt.

Eigentlich wollte er sich das Gesicht waschen und diesen Körper einmal begutachten, stellte dann jedoch fest, dass es im Zimmer kein Wasser gab – weder zum Trinken noch zum Waschen. Die einzige Schüssel im Raum schien für den Toilettengang gedacht zu sein.

Als er gegen die Tür drückte, stellte er fest, dass sie von außen verriegelt war. Wahrscheinlich befürchteten sie, dass Mo Xuanyu draußen herumlaufen und Unfug anstellen könnte.

Nichts veranlasste Wei Wuxian auch nur ansatzweise dazu, Freude über seine Wiedergeburt zu verspüren!

Er entschied, dass er genauso gut erst einmal meditieren konnte, um sich an seinen neuen Körper zu gewöhnen. Währenddessen brach ein neuer Tag an. Als er die Augen wieder öffnete, fielen Sonnenstrahlen durch die Tür- und Fensterspalten ins Zimmer. Obwohl er nun aufstehen und gehen konnte, schmerzte sein Kopf noch immer und es gab keine Anzeichen auf Besserung. Wei Wuxian konnte sich keinen Reim darauf machen.

»Mo Xuanyus spirituelle Energie ist verschwindend gering. Es kann also nicht sein, dass ich diesen Körper nicht kontrollieren kann. Wieso ist das nur so schwer?«

Erst als er ein Rumoren in der Magengegend verspürte, verstand er, dass sein Zustand nichts mit spiritueller Energie zu tun hatte – dieser Körper war lediglich nicht ans Fasten gewöhnt und nun hungrig. Wenn er jetzt nicht auf die Suche nach etwas Essbarem ging, würde er vielleicht als der erste böse Geist in die Geschichte eingehen, der direkt nach seiner Beschwörung den Hungertod starb.

Wei Wuxian atmete tief ein, hob einen Fuß und wollte gerade die Tür eintreten, als er plötzlich hörte, wie jemand sich näherte und der Tür schließlich einen ungeduldigen Tritt versetzte.

»Essen!«

Zwar brüllte die Person laut, machte jedoch keine Anstalten, die Tür zu öffnen.

Wei Wuxian senkte den Kopf und sah, wie sich eine Luke im unteren Teil der Tür öffnete und eine kleine Schüssel davor abgestellt wurde.

Der Diener draußen rief: »Beeil dich mal! Was trödelst du so rum?! Iss und stell dann die Schüssel wieder raus!«

Die Luke war kleiner als eine für Hunde. Durch sie passte kein Mensch, aber eine Schüssel schon. Zwei Gerichte und Reis, besonders appetitlich sah das nicht aus.

Wei Wuxian stocherte mit den Stäbchen, die im Reis steckten, im Essen herum und ein Gefühl der Traurigkeit erfüllte ihn.

Der große Yiling-Patriarch war gerade erst in die Menschenwelt zurückgekehrt, schon wurde er getreten und übel beschimpft. Sein Willkommensmahl bestand aus kalten Essensresten. Was war mit dem Blutbad? Dem Gemetzel? Der Ausrottung aller Clans? Wer würde das hier schon glauben? Er glich einem Tiger, der auf dem Flachland von Hunden schikaniert wurde. Oder einem Drachen, den im seichten Wasser Garnelen traktieren. Einem Phönix, dem man die Federn gerupft hatte, sodass er nun nicht besser war als ein Huhn.

In diesem Augenblick ertönte erneut die Stimme des Dieners, doch diesmal wirkte sie wie ausgewechselt. Er lachte fröhlich. »A-Ding! Komm mal her!«

Eine klare, sanfte Frauenstimme antwortete von Weitem: »A-Tong, bringst du dem da drinnen wieder das Essen?«

Abwertend erwiderte A-Tong: »Was sollte ich sonst in diesem unheilvollen Hof machen?!«

A-Dings Stimme war jetzt sehr viel näher. Sie musste mittlerweile vor der Tür stehen. »Du musst ihm nur einmal am Tag etwas zu Essen bringen. Und wenn du gelegentlich faulenzt, sagt auch niemand was. Es ist so eine entspannte Aufgabe und trotzdem beschwerst du dich noch darüber, wie unheilvoll der Hof ist. Schau mich mal an! Ich habe so viel zu tun, dass ich nicht mal ausgehen und mich etwas vergnügen kann.«

A-Tongs Beschwerde folgte prompt. »Ich bringe ihm ja nicht nur das Essen! In diesen Zeiten traust du dich noch auszugehen? Bei den vielen Untoten verriegelt doch jedermann fest seine Türen.«

Wei Wuxian hockte sich an die Tür. Mit der Schüssel und den beiden verschieden langen Stäbchen in der Hand aß er, während er nebenbei lauschte.

Anscheinend war es im Dorf Mo in letzter Zeit nicht allzu friedlich zugegangen.

Untote waren Verstorbene, die sich bewegen und laufen konnten. Sie gehörten einer relativ niedrigen Klasse transformierter Leichen an und waren keine Seltenheit. In der Regel hatten sie einen leblosen Blick, schlurften langsam herum und waren nicht besonders stark. Das reichte allerdings bereits aus, um gewöhnliche Menschen zu erschrecken. Allein ihr Fäulnisgeruch löste bei den meisten schon einen Brechreiz aus.

Für Wei Wuxian jedoch waren sie die am einfachsten zu kontrollierenden und gehorsamsten Marionetten, und es flackerte kurz ein Gefühl der Vertrautheit auf, als sie so plötzlich erwähnt wurden.

A-Tong schien der Dienerin beim Sprechen zuzuzwinkern. »Wenn du ausgehen willst, musst du mich mitnehmen. Ich beschütze dich …«

»Du? Mich beschützen? Du Angeber, kannst du diese Ungeheuer etwa abwehren?«

»Wenn ich es nicht kann, können andere es genauso wenig«, entgegnete er ihr ärgerlich, woraufhin A-Ding lachte.

»Woher willst du bitte wissen, dass andere es nicht können? Ich erzähl dir mal was: Heute sind Kultivierer bei uns eingetroffen und ich habe gehört, dass sie von einem berühmten Clan kommen! Die Herrin begrüßt sie gerade in der Empfangshalle und alle im Dorf wohnen dem seltenen Spektakel bei. Hör doch, es ist ziemlich laut, oder? Als ob ich da Zeit hätte, mit dir herumzualbern. Wahrscheinlich tragen sie mir gleich wieder etwas auf.«

Konzentriert horchte Wei Wuxian und vernahm vages Stimmengewirr aus östlicher Richtung. Einige Augenblicke dachte er nach, dann stand er auf und trat die Tür ein, sodass der Riegel mit einem Krachen zerbarst.

Die beiden Diener waren gerade dabei gewesen, kichernd verliebte Blicke und Worte auszutauschen, als die Tür zu beiden Seiten aufsprang und sie erschrocken aufschrien.

Wei Wuxian warf Schüssel und Stäbchen hin und trat geradewegs hinaus ins Sonnenlicht. Es stach so sehr in seinen Augen, dass er sie einen Moment lang nicht öffnen konnte. Auch auf der Haut spürte er ein leichtes Prickeln. Er hob die Hand vor die Augen und schloss sie für einen Moment.

A-Tongs Schrei war sogar noch schriller als der von A-Ding gewesen. Nach einem kurzen Moment des Schrecks erinnerte er sich jedoch daran, dass es der Verrückte war, der da vor ihm stand und auf dem jeder herumtrampelte. Also kehrte sein Übermut zurück. Er wollte die Blamage von eben wieder ausgleichen, sprang auf ihn zu, schimpfte ihn aus und versuchte, ihn mit einer wedelnden Geste fortzujagen wie einen Hund.

»Husch, husch! Geh zurück! Wieso bist du rausgekommen?!«

Nicht einmal einen Bettler oder eine Fliege behandelte man abwertender. Dass sich diese Diener gegenüber Mo Xuanyu ohne Hemmungen so benahmen, lag daran, dass er sich nie gewehrt hatte.

Wei Wuxian versetzte A-Tong einen leichten Tritt und lachte, als dieser sich purzelnd überschlug. »Was glaubst du, wen du hier gerade beleidigst?!« Anschließend folgte er dem Lärm in Richtung Osten.

Im Ost-Hof und in der Ost-Halle hatte sich eine Menschenmenge gebildet.

Wei Wuxian war gerade dabei, einen Schritt auf die freie Fläche zu setzen, als eine Frauenstimme, deren Lautstärke die der anderen Umstehenden übertönte, sagte: »Wir haben jemanden in der Familie, der einst das Potenzial zum Kultivierer hatte …«

Das war mit Sicherheit Frau Mo, die wieder einmal mit allen Mitteln eine Verbindung zu den Kultivierungsclans herstellen wollte. Wei Wuxian drängelte sich eilig durch die Menge und bahnte sich seinen Weg zur Empfangshalle. Noch bevor die Frau ihren Satz beenden konnte, fuchtelte er wild mit den Armen und rief: »Ich komm ja schon, ich komm ja schon! Hier bin ich, hier bin ich!«

Als er einen Blick in die Halle warf, entdeckte er eine Frau mittleren Alters, die sich gut gehalten hatte und prächtige Kleider trug. Es war Frau Mo.

Ihr eingeheirateter Mann saß eine Stufe unter ihr. Ihnen gegenüber hatten sich einige junge Männer in weißen Gewändern mit Schwertern auf ihren Rücken niedergelassen.

Zerzaust, ungepflegt und offensichtlich verrückt trat Wei Wuxian hervor. Die Menge verstummte abrupt.

Wei Wuxian tat so, als würde er nicht bemerken, dass plötzlich alles in Stille versank, und sagte ohne Scheu: »Wer hat mich gerufen? Jemand, der das Potenzial zum Kultivierer hatte, das bin ja wohl ich!«

Er hatte immer noch zu viel Puder im Gesicht, der herabrieselte, sobald er lachte. Einer der weiß gekleideten jungen Männer konnte sich bei diesem Anblick das Lachen kaum verkneifen und erntete dafür von dem neben ihm sitzenden Anführer der Gruppe einen missbilligenden Blick. Schnell setzte er wieder eine ernste Miene auf.

Wei Wuxians Aufmerksamkeit folgte der Stimme und er musterte die Gruppe eingehend. Er war etwas überrascht, denn er hatte erwartet, dass die Diener maßlos übertrieben hätten. Wer hätte auch ernsthaft mit Schülern eines »berühmten Clans« gerechnet?

Die Roben der Männer besaßen elegante Ärmel und die Bänder an ihren breiten Gürteln wehten sanft im Wind. Wahrlich eine Augenweide.

Anhand ihrer Kleidung erkannte man sofort, dass sie vom Gusu-Lan-Clan stammten. Zudem waren diese Schüler Blutsverwandte der Familie Lan, zu erkennen an ihren schmalen weißen Stirnbändern, die ein Federwolkenmuster zierte.

Die Federwolke war das Symbol der Lan-Familie und das Stirnband stand für »Selbstbeherrschung«. Das Motto des Lan-Clans lautete »Rechtschaffenheit«. Gastkultivierer oder Schüler, die aus anderen Clans stammten, trugen ein Stirnband ohne das Wolkensymbol.

Der Anblick der Mitglieder des Lan-Clans verursachte Wei Wuxian Zahnschmerzen. In seinem vorherigen Leben hatte er ihre Roben häufig heimlich als »Trauerkleidung« 4 bezeichnet, daher konnte er sich nicht irren.

Frau Mo hatte ihren Neffen eine Weile nicht gesehen und erwachte daher erst nach einer ganzen Weile aus ihrer Schockstarre. Als sie die exzentrisch geschminkte Person erkannte, tobte sie innerlich. Sie durfte jedoch nicht die Fassung verlieren. Daher gab sie sich alle Mühe, ihre Stimme beim Sprechen so kontrolliert wie möglich klingen zu lassen, als sie sich an ihren Mann wandte. »Wer hat den rausgelassen?! Bring ihn zurück!«

Eilig antwortete er ihr mit einem unterwürfigen Lächeln und stand mit finsterer Miene auf, um Wei Wuxian wegzuführen. Der jedoch schmiss sich auf den Boden und klammerte sich mit Händen und Füßen daran fest. Egal wie sehr Frau Mos Mann auch an ihm zog und zerrte, er bekam ihn einfach nicht vom Fleck, und auch die herbeieilenden Diener versuchten es vergeblich. Wären keine Außenstehenden anwesend gewesen, wären sie längst zu Tritten übergegangen.

Als Frau Mos Mann sah, wie sich die Miene seiner Gattin immer mehr verfinsterte, geriet er ins Schwitzen und fing an zu schimpfen: »Du verdammter Verrückter! Wenn du jetzt nicht zurückgehst, kannst du dein blaues Wunder erleben!«

Obwohl alle im Dorf wussten, dass in der Familie Mo ein junger Herr lebte, der dem Wahnsinn verfallen war, hatte sich Mo Xuanyu seit Jahren in seinem dunklen Zimmer verkrochen und sich nicht unter Menschen getraut. Sein Aussehen und Benehmen glichen dem eines Dämons, sodass die Zuschauer nun anfingen zu tuscheln und sich über die gute Unterhaltung freuten.

»Ich kann zurückgehen«, sagte Wei Wuxian und zeigte direkt auf Mo Ziyuan. »Aber sag ihm, dass er zuerst die Sachen zurückgeben soll, die er mir gestohlen hat.«

Nicht mal in seinen kühnsten Träumen hätte Mo Ziyuan erwartet, dass dieser Verrückte derart furchtlos sein konnte. Gestern noch hatte er ihm eine Lektion erteilt, und doch traute er sich heute tatsächlich, hier aufzutauchen. Er schrie mit wutverzerrtem Gesicht: »Lügner! Wann habe ich dir etwas gestohlen? Ich soll es nötig haben, dich zu bestehlen?«

»Du hast recht! Du hast nichts gestohlen, du hast die Sachen an dich gerissen!«, erwiderte Wei Wuxian.

In dem Moment erkannte Frau Mo, dass Mo Xuanyu sich offensichtlich hierauf vorbereitet hatte. Er war bei klarem Verstand und hatte sich zum Ziel gesetzt, sie alle bloßzustellen. Überraschung und Wut übermannten sie nun doch, sodass sie nicht in der Lage war, sich zurückzuhalten: »Du bist mit voller Absicht hergekommen, um Ärger zu machen, ist es nicht so?!«

Wei Wuxian spielte den Ahnungslosen. »Er hat meine Sachen gestohlen, ich möchte sie zurückhaben. Zählt das etwa als ›Ärger machen‹?«

Noch bevor Frau Mo etwas entgegnen konnte, war es um Mo Ziyuans Selbstbeherrschung geschehen und er holte mit einem Bein aus, um zuzutreten. Einer der Kultivierer machte jedoch eine kleine Bewegung mit den Fingern und Mo Ziyuan verlor den Halt, sodass sein Tritt Wei Wuxian nur streifte, ins Leere ging und er schließlich hinfiel.

Wei Wuxian aber rollte sich auf dem Boden hin und her, ganz so, als wäre er wirklich getreten worden. Er öffnete sogar seine Kleidung und offenbarte den Fußabdruck auf seiner Brust, der noch von Mo Ziyuans gestrigem Tritt stammte.

Aufgeregt und mit großem Vergnügen verfolgten die Bewohner des Dorfes das Schauspiel. Dieser Fußabdruck konnte schließlich unmöglich von Mo Xuanyu selbst stammen, und egal, wie man es auch drehte und wendete, er war trotz allem ein Blutsverwandter. Schrecklich, wie grausam diese Familie war. Nach seiner Rückkehr war es noch nicht so schlimm um ihn bestellt gewesen, höchstwahrscheinlich hatten sie ihn immer weiter in den Wahnsinn getrieben. Aber letztendlich war ihnen allen das egal, solange nur etwas Aufregendes passierte. Schließlich waren nicht sie diejenigen, die geschlagen wurden. Und das Spektakel war sogar noch spannender als der Besuch der Kultivierer!

Bei so vielen Augenpaaren, die sie beobachteten, konnte Frau Mo ihn weder schlagen noch fortjagen. Die Wut blieb ihr im Halse stecken und sie hatte keine andere Wahl, als zu vermitteln. Sie versuchte, Ruhe zu bewahren.

»Was heißt hier stehlen oder an sich reißen? Das hört sich schlimm an. Dabei sind wir doch eine Familie! Da ist es doch ganz natürlich, sich mal etwas zu leihen. A-Yuan ist doch quasi dein kleiner Bruder. Was ist so ungewöhnlich daran, wenn er sich ein paar deiner Sachen nimmt? Bist du wirklich so kleinlich, obwohl du der Ältere bist? Wegen so einer Nichtigkeit rastest du aus wie ein kleines Kind? Dabei ist es ja gar nicht so, als würde er sie dir nicht zurückgeben.«

Die Kultivierer in den weißen Roben schauten einander ratlos an. Einer von ihnen, der gerade Tee trank, verschluckte sich beinahe bei ihren Worten.

Die Schüler, die im Lan-Clan aufgewachsen waren, kannten nur die Natur und schöne Landschaften. Derartige Szenen hatten sie wahrscheinlich noch nie erlebt, geschweige denn solch unehrenwertes Gebaren bezeugt. Das heutige Erlebnis erweiterte offensichtlich ihren Horizont.

Wei Wuxian krümmte sich innerlich vor Lachen. Schließlich streckte er die Hand aus. »Dann gib sie mir zurück.«

Mo Ziyuan konnte natürlich nichts zurückgeben. Er hatte die Sachen längst weggeworfen oder zerstört. Und selbst wenn nicht, hätte er sie nicht herausrücken wollen. Sein Gesicht wurde aschfahl.

»Mutter!«, rief er. Und mit nur einem Blick machte er ihr deutlich, was in ihm vorging: Lässt du zu, dass er mich so demütigt?

Frau Mos Blick hingegen machte klar, dass er die ganze Situation nicht noch schlimmer machen möge. Doch da setzte Wei Wuxian wieder an.

»Wo wir gerade dabei sind: Nicht nur sollte er nicht meine Sachen stehlen, er sollte es umso weniger mitten in der Nacht tun. Es weiß doch jeder, dass ich den Männern verfallen bin. Auch wenn er sich nicht dafür schämt, will ich nicht in falschen Verdacht geraten.«

Frau Mo schnappte nach Luft und schrie: »Was redest du da vor den anderen Dorfbewohnern! Du hat wirklich keinerlei Schamgefühl, A-Yuan ist dein Cousin!«

Wenn es darum ging, Chaos zu stiften, hatte Wei Wuxian nichts von seinem Talent eingebüßt. Früher hatte er dabei noch auf sein Ansehen achten müssen, da niemand denken sollte, er wäre nicht anständig erzogen worden. Doch nun trug er eh den Stempel eines Verrückten, weshalb sollte er sich also noch um seinen Ruf scheren? Er konnte sich nach Herzenslust austoben. Zudem sah er sich im Recht.

»Obwohl er weiß, dass er mein Cousin ist, geht er trotzdem nicht auf Abstand. Wem mangelt es hier also an Schamgefühl?! Wenn dir dein Ansehen nicht wichtig ist, soll mir das egal sein. Aber ruiniere bitte nicht meine Unschuld! Ich möchte noch einen guten Mann finden!!!«

Mo Ziyuan schrie laut auf, hob einen Stuhl hoch und wollte ihn auf Wei Wuxian zerschmettern. Doch als dieser sah, dass er endlich explodierte, sprang er mit einem Satz auf und wich behände aus.

Der Stuhl krachte auf dem Boden auseinander, woraufhin sich die Menge, die sich in und um die Ost-Halle versammelt und die große Blamage der Familie Mo bis hierhin voller Schadenfreude mitverfolgt hatte, panisch zerstreute, da sie wohl fürchteten verletzt zu werden.

Wei Wuxian ging geduckt zu den jungen Kultivierern des Lan-Clans hinüber. Während die noch wie geistesabwesend versuchten, dem Geschehen zu folgen, raunte er ihnen zu: »Ihr habt es jetzt gesehen, oder? Oder? Er ist nicht nur ein Dieb, sondern auch ein Schläger! So ein herzloser Mensch!«

Mo Ziyuan wollte ihm folgen und ihn verprügeln, als der Anführer der jungen Männer ihn hastig aufhielt. »Junger Herr … wenn dich etwas bedrückt, dann lass uns darüber reden.«

Frau Mo erkannte, dass der junge Mann den Verrückten beschützen wollte, woraufhin sie panisch wurde und gezwungen lachte. »Das ist der Sohn meiner kleinen Schwester. Nun, er ist nicht ganz bei Verstand. Jeder im Dorf weiß, dass er ein Verrückter ist und wirre Dinge von sich gibt, die man nicht ernst nehmen sollte. Bitte …«

Bevor sie ihren Satz beendet hatte, streckte Wei Wuxian seinen Kopf hinter dem Rücken des Kultivierers hervor. »Wer sagt, dass man meine Worte nicht ernst nehmen kann? Von heute an gilt: Wer noch mal versucht, meine Sachen zu stehlen, dem schlage ich die Hand ab!«

Mo Ziyuan wurde zwar von seinem Vater festgehalten, doch als er das hörte, verlor er beinahe erneut die Beherrschung.

Fröhlich wie ein Fisch im Wasser begann Wei Wuxian zu summen und hüpfte hinaus. Der Kultivierer blockierte daraufhin den Eingang, wechselte das Thema und sprach mit ernster Miene die eigentliche Angelegenheit an. »Nun … Wir würden uns gerne heute Abend Euren West-Hof ausborgen. Bitte haltet Euch unbedingt an das, was ich zuvor gesagt habe: Verschließt am Abend fest die Fenster und Türen und kommt nicht heraus. Und begebt Euch vor allem nicht in die Nähe des Hofes.«

Frau Mo zitterte vor Wut. Da er sie aufhielt, konnte sie nicht einfach so an ihm vorbeistürmen, sodass sie schließlich nur erwiderte: »Ja, natürlich. Habt vielen Dank für eure Mühen …«

Mo Ziyuan konnte es nicht fassen. »Mutter! Dieser Verrückte hat mein Ansehen vor den Augen aller in den Schmutz gezogen, und du lässt ihn davonkommen?! Du hast doch gesagt, er sei nur ein …«

Frau Mo schnitt ihm das Wort ab. »Sei still! Wir reden später.«

Mo Ziyuan hatte noch nie den Kürzeren gezogen. Er war noch nie so blamiert worden. Und er war erst recht noch nie derart von seiner Mutter gescholten worden. Er tobte vor Wut. »Dafür wird dieser Verrückte heute Nacht mit dem Leben bezahlen!«

Nachdem Wei Wuxian den Verrückten gespielt hatte und zum Tor hinausspaziert war, präsentierte er sich nun der Öffentlichkeit, indem er eine Runde durchs Dorf drehte – worüber sich unzählige Passanten überrascht zeigten. Er hatte großen Spaß daran und lernte die Freuden des Verrücktseins kennen. Selbst das Make-up, das ihn wie den Geist eines Erhängten aussehen ließ, fing an, ihm zu gefallen. Er zögerte das Abwaschen ein wenig hinaus, indem er gedanklich scheinheilige Ausreden erfand. Hier ist ja sowieso kein Wasser, dann wasche ich es eben nicht ab.

Er ordnete seine Haare und warf einen Blick auf seine Unterarme. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass die Wunden verblassten oder heilten. Das bedeutete, das eine so harmlose Racheaktion für Mo Xuanyu bei Weitem nicht ausreichte.

Sollte er etwa wirklich die Familie Mo auslöschen?

Wenn er ehrlich war, wäre auch das kein großes Problem.

Während er darüber nachdachte, kehrte er zum Anwesen der Mos zurück. Mit kurzen, schnellen Schritten schlich er zum West-Hof und entdeckte die Schüler des Lan-Clans, die auf den Dächern und Mauern standen und ernst miteinander sprachen. Er zog sich vorsichtig ein Stück zurück, hob seinen Blick und beobachtete sie eindringlich.

Obwohl der Gusu-Lan-Clan maßgeblich an der Offensive der Kultivierungsclans gegen ihn beteiligt gewesen war, waren diese Jungen zu jener Zeit entweder noch nicht geboren oder noch sehr jung gewesen. Die Sache hatte also nichts mit ihnen zu tun.

Wei Wuxian beobachtete sie bei den Vorbereitungen. Bei genauerem Hinsehen bemerkte er plötzlich etwas Seltsames.

Wieso kamen ihm diese schwarzen Flaggen, die an den Dächern und Mauern angebracht waren und im Wind flatterten, nur so bekannt vor?

Die Flaggen nannte man Yin-Anziehungsflaggen. Befestigte man sie an einer lebenden Person, lockten sie finstere spirituelle Wesen, hasserfüllte Seelen, wütende Untote und böse Geister in einem bestimmten Radius an, die dann diese Person anfielen. Da nur die eine Person, an der man die Flagge befestigte, zur Zielscheibe wurde, nannte man sie auch die Zielscheibenflagge. Man konnte sie aber auch an Häusern befestigen. Allerdings musste sich darin zumindest eine lebende Person befinden. Der Angriffsradius erweiterte sich dadurch auf alle Menschen innerhalb des Hauses.

Da dort, wo die Flagge angebracht wurde, dunkle Yin-Energie entstand und wie schwarzer Wind emporzusteigen schien, nannten einige sie auch Schwarzwind-Flaggen. Wenn die Kultivierer also so eine Fahnenformation im West-Hof aufstellten und den Menschen untersagten, sich diesem zu nähern, konnte das nur bedeuten, dass sie Untote herbeilocken und auf einen Schlag vernichten wollten.

Der Grund, weshalb sie ihm so bekannt vorkamen, lag auf der Hand. Denn wie hätte er sie nicht wiedererkennen können? Der Erfinder dieser Flaggen war immerhin kein Geringerer als er, der Yiling-Patriarch!

Obwohl er in der Kultivierungswelt verschrien war und sie ihn lieber tot als lebendig sahen, hatten sie wohl durchaus Verwendung für die Sachen, die er entwickelt hatte.

Ein Kultivierer, der auf dem Dach stand, bemerkte, dass er sie beobachtete. »Geh lieber zurück. Dies ist kein Ort, an dem du dich zurzeit aufhalten solltest.«

Obwohl er ihn fortschickte, war es freundlich gemeint und auch seine Art zu reden unterschied sich maßgeblich von der der Diener. Wei Wuxian nutzte seine unvorsichtige Güte aus, hüpfte hoch und riss eine Fahne herunter.

Der Kultivierer erschrak, sprang von der Mauer herunter und verfolgte ihn. »Nicht anfassen! Das ist nichts, was du an dich nehmen solltest!«

Wei Wuxian rannte und jauchzte. Mit zerzausten Haaren tanzte er wild, mit Händen und Füßen herumfuchtelnd, durch den Hof. Meisterhaft mimte er den Verrückten. »Ich geb sie nicht zurück! Ich geb sie nicht zurück! Ich will sie haben! Ich will sie!«

Der Kultivierer holte ihn mit nur zwei Schritten ein und packte ihn am Arm. »Gibst du sie jetzt zurück? Wenn nicht, bin ich gezwungen, dich zu schlagen!«

Wei Wuxian hielt die Flagge fest umklammert und ließ sie nicht los. Der Anführer der Gruppe war gerade dabei, die Formation der Flaggen zu vervollständigen, als er die Szene mitbekam. Leicht wie eine Feder sprang er von der Mauer. »Jingyi, lass gut sein. Hol einfach die Flagge zurück, du musst dich nicht mit ihm streiten.«

»Sizhui, ich habe ihn doch noch gar nicht geschlagen! Schau ihn dir an, er hat die Fahnenformation völlig ruiniert!«, antwortete Lan Jingyi.

In der Zwischenzeit hatte Wei Wuxian bereits in Höchstgeschwindigkeit die Yin-Anziehungsflagge in seiner Hand analysiert. Die Symbole waren richtig aufgemalt und an den Beschwörungsformeln gab es auch nichts auszusetzen. Alles war fehlerfrei, sodass bei der Benutzung nichts schiefgehen konnte. Das einzige Manko war, dass die Person, die die Flagge bemalt hatte, nicht sehr erfahren war. Die Formeln konnten nur böse Geister und Untote im Umkreis von maximal zweieinhalb Kilometern anlocken, aber das müsste wohl ausreichen.

Lan Sizhui lächelte ihn an. »Junger Herr Mo, es wird bald dunkel und wir werden hier gleich Untote jagen. Nachts ist es sehr gefährlich. Du solltest besser schnell zurück auf dein Zimmer gehen.«

Wei Wuxian versuchte, den Kultivierer einzuschätzen. Er bewegte sich elegant und anmutig. Sein Äußeres strahlte Würde aus und ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen. Ein stattlicher junger Mann, das musste Wei Wuxian anerkennen. Die Formation der Flaggen war tadellos und seine Manieren waren vorbildlich. Es war Wei Wuxian schleierhaft, wer an so einem fürchterlichen Ort und aus dem altbackenen Haufen des Lan-Clans so einen Nachfahren hatte produzieren können.

Lan Sizhui setzte erneut an: »Diese Flagge …«

Bevor er jedoch den Satz beenden konnte, warf Wei Wuxian sie auch schon empört zu Boden. »Es ist doch nur eine blöde Flagge, was soll schon so toll daran sein?! Ich male viel besser als ihr!« Dann nahm er die Beine in die Hand und rannte fort.

Die Kultivierer, die noch auf dem Dach waren und zugeschaut hatten, lachten so sehr über seine schamlose Prahlerei, dass sie beinahe vom Dachvorsprung fielen.

Lan Jingyi war einerseits wütend, andererseits lachte auch er. Er hob die Yin-Anziehungsflagge auf und klopfte den Staub von ihr ab. »Er ist wirklich verrückt!«

»Sag das nicht. Komm lieber schnell her und hilf mit«, erwiderte Lan Sizhui sanft.

Wei Wuxian drehte noch gemütlich zwei Runden und schlenderte erst abends zurück zu Mo Xuanyus kleinem Zimmer. Den Türriegel hatte er zerstört und niemand hatte sich um die Unordnung auf dem Boden gekümmert. Er tat so, als würde er das Chaos nicht sehen, suchte sich eine freie Stelle auf dem Boden und setzte seine Meditation fort.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Lärm der Außenwelt ihn vor Anbruch des Tages aus seiner Sitzung reißen würde.

Wilde Schritte, vermischt mit Schluchzen und ängstlichen Schreien, kamen rasch näher. Wei Wuxian hörte, wie sich einige Sätze wiederholten: »Geh rein und zerr ihn einfach raus!« »Das musst du melden!« »Was gibt’s da zu melden, tötet ihn!«

Als er die Augen öffnete, waren bereits einige Diener hineingestürmt. Laternen erhellten den ganzen Hof und jemand schrie: »Bringt diesen verrückten Mörder in die Haupthalle! Er soll mit dem Leben bezahlen!«

Wei Wuxians erster Gedanke war, dass den Kultivierern vielleicht ein Fehler bei der Flaggenformation unterlaufen war. Bei seiner Erfindung konnte die kleinste Nachlässigkeit ein großes Desaster herbeiführen. Aus diesem Grund hatte er zuvor ja extra geprüft, ob die Bemalung der Yin-Anziehungsflaggen Fehler aufwies. Als mehrere Hände ihn nach draußen zerrten, streckte er sich und ließ es einfach geschehen. So sparte er sich die Mühe, selbst zu laufen.

In der Ost-Halle war so viel los wie am helllichten Tag, als die Dorfbewohner sich hier versammelt hatten. Alle Diener und Familienangehörigen waren gekommen, einige trugen noch ihre Schlafgewänder und hatten es nicht einmal mehr geschafft, sich zu kämmen. Und sie alle waren entsetzt.

Frau Mo saß wie gelähmt auf ihrem Stuhl, als wäre sie gerade aus der Bewusstlosigkeit erwacht. Auf ihren Wangen sah man eine Tränenspur, ihre Augen waren noch feucht. Als Wei Wuxian jedoch hereingeschleppt wurde, verwandelte sich das Leid in ihren Augen augenblicklich in Hass. Eiskalt blickte sie ihn an.

Auf dem Boden vor ihr entdeckte er eine Gestalt in der Form eines Menschen. Sein Leib war mit einem weißen Tuch zugedeckt worden und nur noch der Kopf schaute hervor. Mit ernster Miene beugten sich Lan Sizhui und die anderen Kultivierer gerade über den Körper, um ihn zu untersuchen. Leise diskutierten sie. Die Worte drangen an Wei Wuxians Ohr: »… Sie wurde vor weniger als dreißig Minuten entdeckt?«

»Wir hatten die Untoten gerade unter Kontrolle gebracht und eilten vom West- zum Ost-Hof, da lag die Leiche schon im Korridor.«

Bei der Gestalt handelte es sich um Mo Ziyuan. Wei Wuxian warf einen kurzen Blick zu ihm hinüber und konnte nicht anders, als erneut hinzusehen.

Diese Leiche sah aus wie Mo Ziyuan, dann wiederum aber auch nicht. Die Kopfform und die Gesichtszüge waren zwar eindeutig die dieses kleinlichen Cousins, aber die Wangen und Augenhöhlen waren tief eingefallen und die Augäpfel traten hervor, während die Haut ganz faltig war. Verglichen mit dem eigentlichen Mo Ziyuan, einem jungen Mann, schien diese Person um zwanzig Jahre gealtert zu sein. Auch schien es, als wäre ihm sein gesamtes Fleisch und Blut ausgesaugt worden zu sein, sodass er nur noch aus Knochen bestand, die von einer dünnen Schicht Haut umhüllt wurden. Wenn Mo Ziyuan zuvor nur hässlich gewesen war, dann war sein jetziger Leichnam nun hässlich und alt.

Wei Wuxian betrachtete die Leiche gerade genauer, als Frau Mo angestürmt kam. In ihrer Hand blitzte etwas in einem kalten Licht auf. Es war ein Dolch.

Lan Sizhui reagierte im Bruchteil einer Sekunde und wandte den Angriff ab. Noch bevor er etwas sagen konnte, kreischte Frau Mo los: »Mein Sohn ist grausam ermordet worden, ich muss ihn rächen! Wieso hältst du mich auf?«

Wei Wuxian versteckte sich hinter Lan Sizhui und ging in die Hocke. »Was hat das mit mir zu tun, dass dein Sohn grausam ermordet wurde?«

Lan Sizhui hatte die Szene miterlebt, die Wei Wuxian tagsüber in der Ost-Halle gemacht hatte. Anschließend hatte er zahlreiche ausgeschmückte Gerüchte über diesen unehelichen Sohn vernommen. Er hatte großes Mitleid mit diesem Geisteskranken und konnte daher nicht anders, als ihn zu verteidigen. »Werte Frau Mo, dem Erscheinungsbild der Leiche Eures Sohnes nach zu urteilen sind Blut, Fleisch und seine gesamte Energie vollständig aus ihm herausgesogen worden. Was eindeutig darauf hinweist, dass er bösen Geistern zum Opfer gefallen ist. Dieser Mann war es also sehr wahrscheinlich nicht.«

Frau Mos Brustkorb bebte. »Was wisst ihr denn schon?! Der Vater dieses Verrückten war ein Kultivierer, er hat sicher auch einiges an dunklen Zaubern gelernt!«

Lan Sizhui wandte sich um, schaute den anscheinend bedröppelten Wei Wuxian an und sagte: »Nun, dafür habt Ihr keine Beweise, daher …«

»Den Beweis findet ihr am Körper meines Sohnes!« Frau Mo wies auf die Leiche am Boden. »Schaut ihn euch doch selbst an! A-Yuans Leiche hat mir bereits verraten, wer sein Mörder ist!«

Keiner der Umstehenden musste etwas tun, denn Wei Wuxian zog mit Freude das weiße Tuch weg. Er riss es vom Hals runter bis zu den Füßen.

An Mo Ziyuans Leiche fehlte etwas.

Sein linker Arm war von der Schulter abwärts einfach verschwunden!

Frau Mo war außer sich. »Seht ihr das?! Ihr habt es hier und heute doch alle gehört, oder? Was der Verrückte gesagt hat. Er meinte, wenn A-Yuan noch einmal seine Sachen anfasst, würde er ihm den Arm abschlagen!« Nach diesem emotionalen Ausbruch verbarg sie schluchzend ihr Gesicht. »Aber mein armer A-Yuan hat überhaupt nichts von diesem Verrückten genommen. Und jetzt wurde er nicht nur von ihm verleumdet, ihm wurde auch noch irrsinnig und ohne jeden Skrupel das Leben genommen …«

Irrsinnig und ohne jeden Skrupel!

Viele Jahre waren vergangen, seit jemand ihn mit diesen Worten beschrieben hatte, und trotzdem fühlte es sich sehr vertraut an.

Wei Wuxian zeigte auf sich, hatte aber nichts zu erwidern. Er wusste auch nicht, ob nun er oder Frau Mo verrückt war. Drohungen dieser Art, etwa, dass er ganze Familien und Clans ausrotten und Abertausende Menschen töten, oder dass er ein Blutbad anrichten würde, hatte er in jungen Jahren oft ausgesprochen. Meist hatte er das allerdings nur so dahingesagt. Hätte er alles, was er je von sich gegeben hatte, auch wirklich wahr machen können, wäre er längst der Herrscher über die gesamte Kultivierungswelt.

Frau Mo wollte überhaupt keine Rache für ihren Sohn, sie suchte nur nach jemandem, an dem sie ihre Wut auslassen konnte.

Wei Wuxian wollte sich auf keinen weiteren Streit mit ihr einlassen und dachte kurz nach. Dann streckte er seine Hand aus, durchsuchte Mo Ziyuans Brust und zog etwas unter seiner Kleidung hervor. Als er es aufrollte, stellte er fest, dass es eine Yin-Anziehungsflagge war.

Augenblicklich begriff er. »Daran ist nur er selbst schuld!«

Als Lan Sizhui und die anderen sahen, was er von Mo Ziyuans Brust hervorgezogen hatte, verstanden auch sie. Wenn man an das Drama von zuvor zurückdachte, konnte man sich nämlich denken, was vorgefallen war: Mo Xuanyu hatte Mo Ziyuan in einem Anfall von Wahn bis auf die Knochen blamiert, sodass dieser sich an ihm rächen wollte. Da Mo Xuanyu jedoch draußen herumgestreunt war, war von ihm den halben Tag lang keine Spur zu finden gewesen. Also war Mo Ziyuan stattdessen in der Nacht heimlich zur Tat geschritten und hatte ihm eine Lektion erteilen wollen. Als die Nacht anbrach und er heimlich hinausging, kam er am West-Hof vorbei und entdeckte die Yin-Anziehungsflaggen auf den Mauerdächern. Er dachte, die eindringliche Warnung, abends das Haus nicht zu verlassen, nicht zum West-Hof zu gehen und schon gar nicht diese schwarzen Flaggen anzufassen, diente nur der Abschreckung jener, die diese kostbaren Schätze stehlen wollten. Er hatte keine Ahnung, welche Wirkung die Flaggen in Wirklichkeit besaßen und verwandelte sich, sobald er eine eingesteckt hatte, in eine lebendige Zielscheibe. Seit er seinen verrückten Cousin um dessen Talismane und magische Gegenstände gebracht hatte, hatte sich dieses Verhalten zur Sucht entwickelt. Er war ein notorischer Dieb und beim Anblick dieser wundersamen Zaubermittel brannte es ihm unter den Nägeln. Er musste sie unbedingt in die Finger bekommen.

Als die Besitzer der Flaggen im West-Hof mit den Untoten beschäftigt waren, passte er die Gelegenheit ab und steckte heimlich eine ein.

Für die Flaggenformation wurden insgesamt sechs Yin-Anziehungsflaggen verwendet, wovon fünf im West-Hof angebracht worden waren. Die Kultivierer des Lan-Clans dienten als Köder, trugen jedoch unzählige spirituelle Waffen zum Schutz bei sich. Mo Ziyuan hingegen hatte zwar nur eine Flagge gestohlen, trug jedoch nichts bei sich, das ihn hätte beschützen können. Er war somit ein leichtes Opfer und die bösen Geister wurden auf ganz natürliche Weise von ihm angezogen.

Wenn es nur Untote gewesen wären, wäre das nicht weiter tragisch gewesen. Sie hätten ihn vielleicht ein paar Mal gebissen, aber er wäre nicht sofort gestorben und man hätte ihn noch retten können. Zu seinem Pech hatte diese Yin-Anziehungsflagge jedoch etwas Gefährlicheres als Untote angelockt: Einen unbekannten bösen Geist, der ihn nicht nur tötete, sondern auch noch seinen Arm entwendete!

Wei Wuxian warf einen Blick auf sein Handgelenk und tatsächlich, die Wunden am linken Unterarm waren vollständig verheilt. Anscheinend erkannte der Pakt Mo Ziyuans Tod als seinen Verdienst an. Immerhin hatte er die Yin-Anziehungsflaggen ja überhaupt erst erfunden, und man konnte sagen, dass durch eine Aneinanderreihung von Zufällen und durch Umwege das Ziel letztendlich erreicht worden war.

Frau Mo kannte das ungebührliche Verhalten ihres Sohnes zwar nur zu gut, würde jedoch niemals zugeben, dass Mo Ziyuans Tod eigenverschuldet war. So wurde sie erst unruhig und wirkte beschämt, dann rastete sie schließlich aus. Sie nahm eine Teeschale und schleuderte sie Wei Wuxian an den Kopf. »Hättest du ihn gestern nicht vor all den Leuten gedemütigt, wäre er nachts nicht rausgegangen! Das ist alles deine Schuld, du Bastard!«

Wei Wuxian war längst darauf vorbereitet und wich aus.

Frau Mo wandte sich zu Lan Sizhui um und fuhr ihn schrill an: »Und ihr! Ein nutzloser Haufen seid ihr! Schimpft euch Kultivierer und wollt Dämonen vertreiben, dabei schafft ihr es nicht mal, ein Kind zu beschützen! A-Yuan war doch noch so jung!«

Die anwesenden Kultivierer waren ebenfalls noch jung und hatten bisher nur bei wenigen Gelegenheiten praktische Erfahrungen sammeln können. Sie hatten nicht mit den ungewöhnlichen Ereignissen an diesem Ort gerechnet, geschweige denn mit solch bestialischen Geistern. Sie waren sich bereits darüber bewusst, dass sie etwas übersehen hatten und hatten dementsprechend Schuldgefühle. Aber derart willkürlich beschimpft zu werden, ließ sie dennoch erbleichen. Immerhin kamen sie von einem angesehenen Clan und niemand hatte es bisher gewagt, so mit ihnen umzuspringen.

Die Lehren des Gusu-Lan-Clans waren sehr streng und untersagten es, die Hand gegen normale Menschen zu erheben, die sich nicht wehren konnten. Sie durften nicht einmal unhöflich werden. Und selbst wenn es ihnen nicht behagte, mussten sie alles mit unglücklicher Miene herunterschlucken.

Wei Wuxian konnte das nicht mehr mit ansehen. Selbst nach all den Jahren ist der Lan-Clan immer noch so tugendhaft. Wozu soll diese sinnlose Selbstbeherrschung gut sein? Man kann doch nicht all seine Emotionen unterdrücken. Schaut mich an!

»Pah!«, platze es aus Wei Wuxian heraus. »Was glaubst du, wen du da beschimpfst?! Behandelst du wirklich helfende Fremde wie deine hauseigenen Diener? Diese Leute kommen von weither, um die Dämonen und Geister zu vertreiben – ohne dafür Geld zu fordern. Und plötzlich schulden sie dir was? Wie alt war dein Sohn? Dieses Jahr wäre er doch siebzehn geworden. Er soll noch ein Kind gewesen sein? Wie alt ist denn ein Kind, dass es die menschliche Sprache nicht versteht? Wurden wir gestern nicht mehrmals eindringlich gewarnt, nichts innerhalb der Formation anzufassen und uns dem West-Hof nicht zu nähern? Dein Sohn geht mitten in der Nacht hinaus, um Sachen zu stehlen, und dafür gibst du mir die Schuld? Und ihnen?«

Lan Jingyi und die anderen atmeten auf und in ihre Gesichter trat endlich wieder Farbe.

Frau Mo war in tiefster Trauer und hegte zugleich einen unbändigen Hass. In ihrem Kopf schwirrte überall das Wort »sterben« herum. Es war aber nicht sie, die sterben und ihren Sohn begleiten wollte, es sollten stattdessen alle anderen Menschen auf der Welt sterben – besonders die, die vor ihr standen. Wie immer, wenn etwas vorfiel, kommandierte sie ihren Mann herum. Also packte sie ihn und keifte: »Ruf die Leute zusammen! Sie sollen alle reinkommen!«

Ihr Mann jedoch war geistig abwesend. Vielleicht war der Tod seines einzigen Sohnes ein zu schwerer Schlag für ihn, jedenfalls stieß er sie zurück.

Darauf war seine Gattin nicht vorbereitet und fiel zu Boden, starr vor Schreck.

Normalerweise hätte Frau Mo ihn nicht einmal packen müssen, sie hätte nur etwas lauter werden müssen und er hätte sich darum gekümmert. Doch jetzt wagte er es plötzlich, sich zu wehren!

Die Diener des Hauses erschraken beim Anblick ihres Gesichtsausdrucks. A-Ding wollte ihr zitternd aufhelfen. Ihre Herrin jedoch ballte nur die Hand vor der Brust zusammen und befahl ihrem Mann mit bebender Stimme zu verschwinden. »Du … Du … Geh mir aus den Augen!«

Ihr Mann schien sie nicht zu hören, sodass A-Ding A-Tong mit Blicken Signale gab und A-Tong ihn schließlich hastig hinausbrachte.

Im Ost-Hof herrschte überall großes Durcheinander. Als es endlich ruhiger wurde, machte sich Wei Wuxian wieder daran, die Leiche zu untersuchen. Er hatte jedoch kaum einen Blick auf sie geworfen, als ein schriller Schrei aus dem Hof ertönte.

Die Menschen in der Halle strömten hinaus. Im Ost-Hof entdeckten sie zwei Personen verkrampft auf dem Boden. Eine davon war A-Tong, der zusammengesackt dasaß. Er lebte. Die andere lag am Boden. All sein Blut und Fleisch schien ihm ausgesaugt worden zu sein. Er war faltig und vertrocknet. Sein linker Arm fehlte und sein Körper war so blutleer, das aus den Wunden nichts mehr floss. Der Zustand der Leiche glich dem von Mo Ziyuan.

Frau Mo hatte gerade A-Dings stützenden Arm abgeschüttelt, doch als sie die Leiche auf dem Boden sah, wurde ihr Blick leer. Die Kraft, um eine Szene zu machen, verließ sie und sie fiel in Ohnmacht.

Wei Wuxian stand gerade in ihrer Nähe, fing sie auf und übergab sie der herbeieilenden A-Ding. Dann schaute er auf sein rechtes Handgelenk, von dem nun auch Wunden verschwanden.

Sie waren gerade über die Türschwelle der Halle getreten und noch nicht einmal aus dem Ost-Hof heraus gewesen, als Frau Mos Mann an Ort und Stelle einen grausamen Tod gestorben war. Es war in Sekundenschnelle geschehen.

Lan Sizhui, Lan Jingyi und die anderen waren alle etwas bleich um die Nase. Lan Sizhui gewann als Erster seine Fassung zurück und fragte A-Tong, der immer noch auf dem Boden saß: »Hast du etwas gesehen?«

A-Tong war zu Tode erschrocken und bekam den Mund nicht auf. Er war nicht imstande zu antworten, sondern schüttelte nur ununterbrochen den Kopf.

Lan Sizhui war höchst beunruhigt. Er wies seine Gefährten an, ihn ins Haus zu bringen und drehte sich dann zu Lan Jingyi um. »Hast du das Signal gesendet?«

»Habe ich. Aber wenn gerade keine erfahreneren Kultivierer in der Nähe sind, die uns zu Hilfe kommen können, befürchte ich, dass unsere Leute frühestens in einer Stunde hier sind. Was machen wir jetzt? Wir wissen noch nicht mal, was das überhaupt für ein Wesen ist«, entgegnete ihm Lan Jingyi.

Sie konnten natürlich nicht einfach verschwinden. Wenn die Schüler eines Clans bei einer Auseinandersetzung mit bösen Geistern nur an sich selbst dachten und flohen, war das nicht nur eine Schande für ihren Clan, auch sie selbst würden anderen nie wieder unter die Augen treten wollen. Die zu Tode erschrockene Familie Mo konnten sie auch nicht mitnehmen, da sich der böse Geist aller Wahrscheinlichkeit nach unter sie gemischt hatte und es somit sinnlos war zu fliehen. Mit zusammengebissenen Zähnen gab Lan Sizhui schließlich die Anweisung: »Wir müssen hier ausharren, bis Verstärkung eintrifft!«

Da das Notsignal abgefeuert worden war, würden ihnen andere Kultivierer zu Hilfe eilen. Um weitere Unruhe zu vermeiden, hätte Wei Wuxian sich eigentlich zurückziehen sollen. Es wäre zwar kein Problem, wenn die Kultivierer, die kamen, ihn nicht kannten. Doch falls jemand auftauchen würde, mit dem er einst zu tun gehabt oder mit dem er auf dem Schlachtfeld die Klingen gekreuzt hatte, wusste er nicht, wie das ausgehen würde.

Da er aber mit diesem Fluch belegt war, konnte er das Dorf Mo vorerst nicht verlassen. Außerdem hatte das herbeigelockte Wesen innerhalb kürzester Zeit zwei Menschenleben genommen und war somit von außergewöhnlicher Brutalität. Wenn Wei Wuxian jetzt einfach so fortginge, waren die Straßen bis zur Ankunft der Verstärkung höchstwahrscheinlich mit Leichen gepflastert, denen der linke Arm fehlte. Und unter ihnen wären dann sicher auch einige Schüler des Lan-Clans.

Er überlegte einen Moment, dann sagte er zu sich selbst: Wir müssen das schnell erledigen.

Für die jungen Kultivierer war es eine ihrer ersten Missionen. Jeder von ihnen war sichtlich nervös, nahm aber dennoch verantwortungsbewusst seine Position ein, um das Anwesen der Familie Mo zu schützen. Sie brachten Talismane in- und außerhalb der Halle an.

Der Diener A-Tong war bereits hineingebracht worden. Lan Sizhui fühlte mit der linken Hand seinen Puls, während er mit der rechten Frau Mo am Rücken stützte. Er konnte beiden nicht helfen und gerade, als er sich den Kopf darüber zerbrach, stand A-Tong plötzlich vom Boden auf.

A-Ding war überrascht. »A-Tong, du bist wach!«

Sie hatte ihre Freude noch gar nicht richtig zum Ausdruck bringen können, als A-Tong auch schon seinen linken Arm hob und sich am Hals würgte.

Bei diesem Anblick drückte Lan Sizhui schnell einige Akupressurpunkte an A-Tongs Körper jeweils drei Mal hintereinander. Wei Wuxian wusste, dass der Clan elegant und sanftmütig wirkte, ihre Kampfkraft jedoch alles andere als elegant und sanft war. Egal um wen es sich handelte, durch diese Technik konnte sich die betroffene Person augenblicklich nicht mehr bewegen.

A-Tong schien das allerdings nicht zu begreifen und je mehr er versuchte, seinen linken Arm zu bewegen, desto stärker zog sich sein Körper krampfend zusammen und desto schmerzhafter und qualvoller wurde sein Gesichtsausdruck.

Lan Jingyi wollte den unheilvollen Arm abreißen, doch der war hart wie Stahl und bewegte sich kein Stück.

Kurz darauf gab es ein Knacken. A-Tongs Kopf fiel schräg herab und die Hand lockerte sich endlich. Das Genick war gebrochen.

Er hatte sich vor den Augen aller selbst erwürgt!

Bei diesem Anblick zitterte A-Dings Stimme, während sie sprach. »E… Ein Geist! Hier ist ein unsichtbarer Geist, der A-Tong dazu gebracht hat, sich umzubringen!«

Ihre schrille, schmerzerfüllte Stimme ging den Umstehenden durch Mark und Bein. Sie glaubten ihr augenblicklich. Wei Wuxian kam jedoch zu einem gegenteiligen Schluss: Das war kein bösartiger Geist.

Er hatte die Talismane gesehen, die die Kultivierer angebracht hatten: Sie wehrten böse Geister ab. Und der ganze Ost-Hof war lückenlos mit ihnen zugeklebt. Wenn wirklich ein böser Geist in die Ost-Halle eingedrungen wäre, würden die Zauberformeln sofort grün aufflammen und nicht wie jetzt regungslos bleiben.

Und es war auch nicht so, dass die Menschen hier zu langsam reagierten. Das Wesen, das sich an diesem Ort eingeschlichen hatte, war einfach nur zu mächtig.

In der Kultivierungswelt gab es eine strenge, genau festgelegte Definition des Begriffs bösartiger Geist. Man bezeichnete damit jene Geister, die drei Monate lang ihr Unwesen trieben und dabei jeden Monat einen Menschen töteten. Diese Definition hatte Wei Wuxian selbst festgelegt und wahrscheinlich wurde sie noch immer genutzt. Mit derlei Dingen kannte er sich also bestens aus.

Und um einen bösartigen Geist, der häufig tötet, handelte es sich seiner Ansicht nach, wenn dieser jeweils innerhalb von sieben Tagen einen Menschen umbrachte. Das Wesen, mit dem sie es hier zu tun hatten, hatte jedoch drei Menschen direkt nacheinander getötet, und das innerhalb kürzester Zeit. Selbst erfahrene Kultivierer hätten Schwierigkeiten, sich auf die Schnelle eine passende Taktik auszudenken, von dieser Gruppe junger, unerfahrener Schüler ganz zu schweigen.

Gerade als Lan Jingyi genau das Gleiche dachte, flackerte das Feuer in den Laternen auf und ein schwarzer Wind voller böser Energie rauschte an ihnen vorbei. Alle Laternen und Kerzen im Hof und in der Ost-Halle erloschen.

Dann gellte ein Schrei durch die Nacht.

Die Menschen drängten und schubsten, während sie flüchteten und zu Boden fielen.

»Bleibt alle, wo ihr seid, nicht rumrennen! Wer rennt, wird von uns zum Anhalten gezwungen!«, rief Lan Jingyi.

Er sagte das nicht, um den Menschen Angst einzujagen. Es entsprach der Natur böser Geister, in der Dunkelheit Chaos zu stiften, um es zu ihrem Vorteil zu nutzen. Je mehr man weinte und je unruhiger man war, desto eher zog man also das Unheil an, wenn auch unbewusst. Es war sehr gefährlich, in solchen Momenten allein zu sein oder in Panik zu verfallen. Doch alle hatten Todesangst, wie hätte er da nicht auf taube Ohren stoßen sollen?

Nach einer Weile kehrte Ruhe in der Ost-Halle ein. Außer leisen Atemgeräuschen hörte man schwaches Schluchzen. Es war zu befürchten, dass nicht mehr viele Menschen übrig waren.

In der Finsternis erstrahlte plötzlich ein Licht. Es kam von dem Feuertalisman, den Lan Sizhui entfachte.

Seine Flammen konnten nicht durch einen bösen Wind gelöscht werden. Mit dem Feuertalisman zündete er die Kerzen wieder an, während die restlichen Kultivierer die Menschen trösteten.

Im Kerzenlicht stehend warf Wei Wuxian zufällig einen Blick auf sein Handgelenk. Eine weitere Wunde war verheilt. Als er das sah, stellte er plötzlich fest, dass etwas mit der Anzahl der Wunden nicht stimmte.

An seinem linken und rechten Unterarm waren ursprünglich je zwei Schnitte gewesen. Als Mo Ziyuan starb, verheilte eine Wunde. Als sein Vater starb, eine weitere. Als der Diener A-Tong starb, die dritte. Rechnete man alle zusammen, hätten eigentlich drei Schnitte verheilt und nur noch die letzte, die tiefste und hasserfüllteste Wunde, übrig sein müssen. Doch seine Handgelenke waren frei von Schnitten. Es befand sich keine einzige Wunde mehr an seinen Unterarmen.

Wei Wuxian war der Überzeugung gewesen, dass Frau Mo unter allen Umständen zum Personenkreis gehörte, an dem Mo Xuanyu sich hatte rächen wollen. Der längste und tiefste Schnitt galt ihr. Aber jetzt war er plötzlich verschwunden.

Hatte Mo Xuanyu plötzlich eine Eingebung und gab seinen Hass auf? Das konnte nicht sein. Seine Seele hatte er bereits als Preis für die Beschwörung Wei Wuxians geopfert. Die Wunde konnte nur verheilt sein, wenn Frau Mo tot war.

Er ließ seinen Blick langsam schweifen und blieb an der Person haften, die gerade erst wieder zu sich gekommen war. Die Person, die von der Menschenmenge umringt im Zentrum stand und weiß wie ein Leichentuch war: Frau Mo.

Nur, wenn sie bereits tot war …

Wei Wuxian war sich sicher, dass etwas von ihrem Körper Besitz ergriffen hatte. Wenn es keine Seele war, was war es dann?

Plötzlich hörte er A-Ding schluchzen. »Der Arm … Der Arm … A-Tongs linker Arm!«

Lan Sizhui schwenkte das Feuer über A-Tongs Leiche. Sein linker Arm war tatsächlich ebenfalls verschwunden.

Der linke Arm!

Plötzlich ging Wei Wuxian ein Licht auf. Ein Wesen, das sein Unwesen trieb, linke Arme, die verschwanden – die Puzzleteile fügten sich. Er lachte laut auf, was Lan Jingyi wütend machte. »Dieser Dummkopf, wie kann er in so einer Situation lachen?!« Allerdings war er ja eh nur ein Dummkopf, wieso sollte er sich also mit ihm streiten?

Wei Wuxian packte ihn am Ärmel und schüttelte den Kopf. »Das stimmt nicht, das stimmt nicht!«

Entnervt zog Lan Jingyi seinen Ärmel zurück. »Was stimmt nicht? Bist du kein Dummkopf? Hör mit dem Unfug auf! Keiner hat gerade Zeit für dich.«

Wei Wuxian zeigte auf die Leichen von Mo Ziyuans Vater und A-Tong am Boden und sagte: »Das sind sie nicht.«

Lan Sizhui stoppte Lan Jingyi, der kurz vor einem Wutausbruch stand, und fragte: »Du sagtest ›Das sind sie nicht‹, was meinst du damit?«

»Der hier ist nicht Mo Ziyuans Vater und der dort drüben ist auch nicht A-Tong«, sagte Wei Wuxian ernst.

Je ernster sein Gesichtsausdruck unter der Schminkschicht wurde, desto mehr gewann man den Eindruck, dass er wirklich verrückt war. Doch wenn man bei mattem Kerzenschein eine derartige Aussage hörte, ging einem das durch Mark und Bein. Lan Sizhui war so verdutzt, dass ihm unwillkürlich ein »Warum?« entglitt.

Wei Wuxian antwortete stolz: »Na, der Arm, sie sind keine Linkshänder. Sie haben mich immer mit der rechten Hand geschlagen, soviel weiß ich noch.«

Lan Jingyi konnte es nicht mehr ertragen und seine Wut platzte aus ihm heraus. »Worauf bist du bitte gerade stolz? Wie selbstgefällig!«

Lan Sizhui jedoch lief es kalt den Rücken herunter. Er ließ die Szenen Revue passieren: Als A-Tong sich erwürgt hatte, hatte er es mit der linken Hand getan. Und als Frau Mos Mann sie weggestoßen hatte, hatte er dafür ebenfalls seine linke Hand benutzt. Doch als Mo Xuanyu am helllichten Tag den Aufruhr in der Ost-Halle verursacht hatte und die beiden ihn fortgejagt hatten, hatten sie beide die rechte Hand benutzt. Dass sie kurz vor ihrem Tod plötzlich Linkshänder wurden, war sehr unwahrscheinlich.

Auch wenn sie den Grund nicht kannten, mussten sie mit dem Hinweis »linke Hand« arbeiten, wenn sie herausfinden wollten, was für eine Kreatur hier ihr Unwesen trieb.

Als Lan Sizhui das erkannte, zweifelte er einen Moment, sah Wei Wuxian an und konnte einen Gedanken einfach nicht beiseiteschieben: Dass er das plötzlich gesagt hat … wirkt nicht wirklich wie ein Zufall.

Wei Wuxian lächelte. Er wusste, dass der Hinweis zu offensichtlich gewesen war, er hatte jedoch keine andere Wahl. Glücklicherweise hakte Lan Sizhui nicht nach.

»Egal wie man es auch betrachtet, dass der junge Herr mich darauf aufmerksam gemacht hat, entstammt höchstwahrscheinlich keiner schlechten Intention.« Er wandte seinen Blick von ihm ab und sah stattdessen hinüber zu A-Ding, die gerade von ihrer Trauer überwältigt wurde und das Bewusstsein verlor. Sein Blick blieb schließlich an Frau Mo hängen. Seine Augen wanderten von ihrem Gesicht abwärts zu ihren beiden Händen. Ihre Arme hingen gleichmäßig nach unten und waren vollständig durch die Ärmel verdeckt, nur die Finger schauten etwas darunter hervor. Die Finger ihrer rechten Hand waren schneeweiß und schlank. Es waren die Hände einer gut situierten Edelfrau, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet hatte. Die Finger ihrer linken Hand waren jedoch um einiges länger als die der rechten, und zudem auch dicker. Sie waren gekrümmt und voller Kraft. Das war keine Hand, die zum Körper einer Frau gehörte, sondern – ganz eindeutig – die Hand eines Mannes!

Lan Sizhui schrie: »Haltet sie fest!«

Die Kultivierer reagierten sofort und packten Frau Mo.

»Verzeiht mir bitte«, entschuldigte sich Lan Sizhui. Er hielt einen Talisman in der Hand und wollte ihn an ihr anbringen, als sich ihr linker Arm in einem unvorstellbar anormalen Winkel verrenkte und auf seine Kehle zuschoß.

Wenn der Arm eines lebenden Menschen sich derart verdrehen würde, würden die Knochen brechen. Ihr Arm schnellte jedoch in einer unfassbaren Geschwindigkeit vor. Sie war kurz davor, seinen Hals zu greifen, als Lan Jingyi im letzten Moment aufschrie, sich vor Lan Sizhui stürzte und den Angriff für ihn blockte.

Das Licht des Feuers flackerte kurz und als der Arm Lan Jingyis Schulter packte, loderten dichte grüne Flammen auf. Sofort ließ Frau Mo von ihm ab.

Lan Sizhui war entkommen und wollte sich bei Lan Jingyi bedanken, der ihn unter Einsatz seines Lebens beschützt hatte. Da bemerkte Lan Jingyi, dass die äußere Stoffschicht seiner Robe bereits zur Hälfte zu Asche verbrannt war, was ihn sehr ramponiert aussehen ließ. Er zog die übrige Hälfte aus, drehte sich um und schimpfte verärgert: »Wieso trittst du mich, du verdammter Irrer?! Willst du mich umbringen?!«

Wei Wuxian machte sich eilig aus dem Staub. »Ich war’s nicht!«

Und wie er es gewesen war.

Die Innenseiten der Roben des Lan-Clans waren mit Zaubersprüchen versehen, die mit dünnem, gleichfarbigem Faden aufgestickt wurden und die den Träger der Kleidung schützten. Bei einem so starken Gegner wurden sie nach einer Nutzung jedoch bereits unbrauchbar. In dieser Notsituation war Wei Wuxian nichts anderes übrig geblieben, als Lan Jingyi einen Tritt zu verpassen, damit dieser mit seinem Körper Lan Sizhuis Hals schützte.

Lan Jingyi wollte weiter schimpfen, als Frau Mo plötzlich zu Boden fiel. Fleisch und Blut in ihrem Gesicht waren völlig ausgesaugt. Zurück blieb nur eine dünne Hautschicht, die am Schädel klebte.

Der Männerarm, der nicht zu ihr gehörte, fiel von ihrer linken Schulter ab. Die fünf Finger krümmten und streckten sich und man konnte klar das Zucken der Adern und Venen auf ihnen erkennen. Ganz so, als würden sich Knochen und Muskeln sportlich betätigen.

Das war also die teuflische Kreatur, die von den Yin-Anziehungsflaggen herbeigelockt worden war!

Bei Leichen mit abgetrennten Gliedmaßen handelte es sich der Definition nach um solche, die eines grausamen Todes gestorben waren. Diese Art zu sterben galt als etwas würdevoller als die, auf die Wei Wuxian gestorben war – wenn auch nur ein wenig.

Anders als wenn die Überreste pulverisiert wurden, blieb etwas vom Groll des Toten an den zurückgebliebenen Gliedmaßen und Leichenteilen haften und sie strebten nach dem Rest ihres Leibes, um als ganzer Körper zu enden. Die Teilstücke ersannen daher alles Mögliche, um die restlichen Teile ihrer einstigen irdischen Hülle zu finden. Waren sie erfolgreich, ruhten sie entweder in Frieden oder aber stifteten noch mehr Unheil. Und wenn sie ihren restlichen Körper nicht fanden, blieb ihnen nichts anderes übrig, als die nächstbeste Option zu wählen.

Und welche konnte das wohl sein? Das Teilstück suchte sich den Körper eines Lebenden und versuchte, irgendwie mit diesem zurechtzukommen.

Genauso machte es dieser Arm: Er verschlang den linken Arm eines Lebenden, nahm dessen Platz ein und saugte die Energie, das Blut und das Fleisch der Person auf, um den Körper anschließend zurückzulassen und sich auf die Suche nach dem nächsten Wirt zu machen. Das würde so weitergehen, bis er alle Körperteile seines Leichnams fand.

Sobald dieser Arm sich in einem Körper einnistete, war der Wirt augenblicklich tot. Doch solange sein Fleisch und Blut noch nicht vollständig verzehrt war, konnte er sich unter der Kontrolle des Arms noch wie gewohnt weiterbewegen – ganz so, als würde er noch leben.

Nachdem er angelockt worden war, war der erste Wirt, den er gefunden hatte, Mo Ziyuan gewesen. Der zweite Mo Ziyuans Vater.

Als Frau Mo ihren Mann fortgejagt hatte, hatte er sie in untypischer Weise fortgestoßen. Wei Wuxian hatte ursprünglich gedacht, er habe da gerade den Tod seines Sohnes betrauert und die Tyrannei seiner Frau sattgehabt. Doch wenn er jetzt daran zurückdachte, hatte er in keinster Weise wie ein Vater gewirkt, der gerade seinen Sohn verloren hatte. Diese Taubheit war nicht von seiner Trauer gekommen. Es war das Schweigen von jemanden gewesen, der gerade gestorben war. Das Schweigen eines Toten.

Der dritte Wirt war A-Tong gewesen. Und der vierte schließlich Frau Mo.

Der Geisterarm hatte das Chaos genutzt, das beim Erlöschen der Lichter entstanden war, und hatte zu ihrem Körper gewechselt. Und in diesem Moment, in dem Moment ihres Todes, war schließlich auch die letzte Wunde auf Wei Wuxians Handgelenk verschwunden.

Als die Kultivierer des Lan-Clans bemerkten, dass die Talismane keine Wirkung erzielten, ihre Kleidung aber sehr wohl, zogen sie eilig einen Teil ihrer Roben aus, warfen sie auf den linken Arm und deckten ihn damit zu. Schicht für Schicht umwickelten sie ihn, sodass er schließlich aussah wie ein dicker Kokon. Sofort entflammte der Klumpen weißer Kleidung und grüne, bösartige Flammen stiegen zum Himmel empor. Für einen Moment erzielte dies zwar die gewünschte Wirkung, doch bereits kurze Zeit später war die Kleidung vollständig verbrannt und der Arm tauchte wieder aus der Asche auf.

Als niemand darauf achtete, rannte Wei Wuxian zum West-Hof.

Über zehn Untote waren von den Kultivierern gefangen worden. Still standen sie im Hof. Auf den Boden waren Sprüche und Formeln aufgemalt, die sie einschlossen. Wei Wuxian trat mit dem Fuß auf eines der Schriftzeichen, womit er die gesamte Formation zerstörte, und klatschte zweimal in die Hände. Plötzlich schnellten die Untoten hoch. In ihren Augenhöhlen saßen lediglich noch pupillenlose, weiße Augäpfel. Sie blickten drein, als hätte man sie mit einem Paukenschlag geweckt.

»Aufstehen! An die Arbeit!«, sagte Wei Wuxian.

Um Untote als Marionetten unter seine Kontrolle zu bringen, hatte er noch nie komplizierte Formeln und Sprüche gebraucht. Einfache und direkte Befehle reichten vollkommen aus.

Die Untoten legten zitternd einige Schritte zurück, doch als sie sich Wei Wuxian näherten, wirkte es ganz so, als würden sie Angst bekommen. Ihre Knie schlotterten wie bei lebenden Menschen, sodass sie schließlich zu Boden fielen.

Wei Wuxian wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Er klatschte erneut zweimal in die Hände, diesmal jedoch deutlich sanfter. Diese Untoten hatten wahrscheinlich vom ersten bis zum letzten Atemzug nur im Dorf Mo gelebt und kannten sonst nichts anderes. Instinktiv mussten sie den Befehlen des Beschwörers gehorchen, aber da sie mysteriöser Weise eine derartige Angst vor ihm verspürten, lagen sie wimmernd am Boden und wagten es nicht, aufzustehen.

Je grausamer ein Wesen war, desto einfacher war es für Wei Wuxian, es zu kontrollieren. Diese Untoten waren allerdings nicht von ihm abgerichtet worden und ertrugen seine direkte Kontrolle nicht. Er hatte keine Materialien bei sich und konnte somit auf die Schnelle kein Werkzeug herstellen, das sie beruhigte. Und irgendetwas aus den umliegenden Gegenständen zusammenschustern konnte er auch nicht. Als er sah, wie die lichterlohen grünen Flammen im Ost-Hof allmählich verglühten, kam ihm plötzlich noch eine Idee.

Wozu draußen nach einem extrem hasserfüllten und grausamen Toten suchen?! In der Ost-Halle waren doch welche, und zwar nicht nur einer!

Er eilte in den Ost-Hof zurück.

Nachdem die eine Methode fehlgeschlagen war, versuchte Lan Sizhui es dort nun mit einer anderen. Die Kultivierer hatten alle ihre Schwerter gezogen und sie in den Boden zu einer Art Käfig zusammengesteckt, in welchem sich der Geisterarm gerade gegen die Klingen warf. Sie hatten alle Hände voll damit zu tun, die Schwertgriffe in den Boden zu pressen, damit er nicht ausbrechen konnte, und bemerkten daher nicht im Geringsten, wer in der Halle ein- und ausging.

Wei Wuxian trat in die Ost-Halle und ließ sich neben den Leichen von Frau Mo und Mo Ziyuan nieder. Mit tiefer Stimme sagte er: »Steht ihr wohl auf!«

Ein Schrei ertönte und ihre Seelen kehrten augenblicklich zurück!

Wenige Momente später rollten die Pupillen von Mo Ziyuan und seiner Mutter zurück und das Weiß ihrer Augen trat hervor.

Beide stießen ein spitzes, kraftvolles Fauchen aus, was typisch war für bösartige Geister, nachdem ihre Seelen wiedererweckt worden waren.

Während sie fauchten, erhob sich eine weitere Leiche mit wackligen Beinen, und mit einer Stimme, die nicht leiser hätte sein können, stimmte jemand schwach in den Chor ein. Es war Frau Mos Mann.

Die Schreie waren laut und der Groll groß genug. Wei Wuxian war sehr zufrieden und lächelte. »Erkennt ihr den Arm da draußen? Zerfetzt ihn!«, befahl er.

Wie schwarze Winde preschten die drei vor.

Gerade hatte der linke Arm eines der Schwerter mit einem mächtigen Stoß zerbrochen und war dabei, aus dem Käfig auszubrechen. Doch kaum, dass er es geschafft hatte, stürzten sich die drei bösartigen Untoten, denen allen der linke Arm fehlte, gleichzeitig auf ihn.

Ganz abgesehen davon, dass sie es nicht wagen würden, sich Wei Wuxians Befehl zu widersetzen, hegte die dreiköpfige Familie auch einen tiefen Hass gegen das Wesen, das sie getötet hatte, und ließ ihre Wut nun an dem Geisterarm aus.

Die Anführerin war zweifellos Frau Mo. Weibliche Untote waren nach der Transformation häufig besonders brutal.

Ihre Haare waren zerzaust und ihre Augen blutunterlaufen. Ihre Finger schossen um ein Vielfaches in die Länge und in ihren Mundwinkeln schäumten weiße Bläschen, während ihr schriller Schrei das ganze Haus erbeben ließ. Sie war extrem tollwütig.

Mo Ziyuan folgte seiner Mutter und griff mit ihr gemeinsam mit Klauen und Zähnen an, während sein Vater hinter ihnen blieb und die Lücken füllte, die zwischen den Angriffen der beiden entstanden.

Die Kultivierer, die den Arm zuvor noch mühevoll im Zaum gehalten hatten, waren fassungslos.

Sie wussten bisher nur aus Büchern und Geschichten, dass sich bösartige Untote gegenseitig bekämpften. Somit war es das erste Mal, dass sie ein derart blutiges Spektakel mit eigenen Augen sahen. Sie waren wie gebannt und konnten ihre Augen nicht davon abwenden. Es war einfach … fantastisch!

Die drei Untoten und der Arm lieferten sich gerade einen harten Kampf, als Mo Ziyuan plötzlich zischte und zur Seite auswich. Der Arm hatte sich in seinen Bauch gebohrt und einige Gedärme traten hervor. Daraufhin heulte Frau Mo auf und stellte sich schützend vor ihren Sohn. Sie griff nun noch energischer an, ihre Finger zerschnitten mit der Schärfe von Säbeln und Schwertern die Luft. Wei Wuxian erkannte jedoch, dass sie nicht mehr lange durchhalten würde.

Selbst drei bösartige, gerade erst verstorbene Untote zusammen konnten diesen einen Arm nicht aufhalten!

Konzentriert beobachtete Wei Wuxian den Kampf. Er rollte seine Zungenspitze leicht zusammen, hielt den schrillen Pfiff zwischen seinen Lippen aber noch zurück. Er war unentschlossen, ob er es tun sollte oder nicht. Dieser Pfiff würde noch größere böse Energien in den Untoten freisetzen, was zu einer Wende im Kampf führen konnte. Dies zu bewerkstelligen, ohne dass jemand bemerkte, dass er sie kontrollierte, war allerdings ein schwieriges Unterfangen.

In Sekundenschnelle, rasant wie ein Blitz, brach der Arm gnadenlos und treffsicher Frau Mos Genick.

Als er sah, wie die drei allmählich besiegt wurden, war Wei Wuxian allmählich doch bereit, den langen Pfiff, der ihm unter seiner Zunge brannte, auszustoßen. Aber dann vernahm er plötzlich das Zupfen zweier Saiten.

Die Töne klangen frei und klar und eine kalte Brise schwang mit ihnen mit.

Die Dämonen und Geister, die sich soeben noch im Hof einen erbitterten Kampf geliefert hatten, erstarrten augenblicklich, als sie sie vernahmen.

Die jungen Kultivierer des Lan-Clans schöpften umgehend neuen Mut, als wären sie wiedergeboren worden. Lan Sizhui wischte sich mit einer Hand die Blutflecke aus dem Gesicht, hob rasch den Kopf und strahlte den Kultivierer, der soeben aufgetaucht war, freudig an.

»Hanguang-Jun!«

Als Wei Wuxian von weit oben die Melodie der Zither hörte, wandte er sich um und ging.

Eine weitere Saite wurde gezupft. Der Ton war diesmal etwas höher und zerriss harsch die Wolken am Himmel. Die drei Untoten zogen sich eilig zurück und bedeckten mit der rechten Hand ein Ohr. Vor der Melodie der Auslöschung des Gusu-Lan-Clans konnte man sich so jedoch nicht schützen.

Nachdem sie wenige Schritte zurückgewichen waren, ertönte das Geräusch ihrer explodierenden Schädel.

Als nach dem harten Kampf nun auch noch diese Melodie erklang, ging der linke Arm sofort zu Boden. Die Finger krümmten und streckten sich zwar noch, aber der Arm lag bereits ruhig da.

Nach einer kurzen Stille konnten die jungen Kultivierer ihre Freude nicht mehr zurückhalten und jubelten. In den Freudenschreien schwang die Erleichterung mit, überlebt zu haben. Nachdem sie eine entsetzliche Nacht durchgestanden hatten, war endlich die Verstärkung des Clans eingetroffen. Und selbst wenn sie später für unsittliches Verhalten, Lärm und Schädigung des Ansehens des Clans eine saftige Strafe bekommen würden, scherten sie sich nicht darum.

Als sie ihre Hände zum Mond emporstreckten, bemerkte Lan Sizhui plötzlich, dass eine Person nirgends mehr zu sehen war. Er zog an Lan Jingyis Arm und fragte: »Wo ist er?«

Lan Jingyi war noch im Freudentaumel. »Wer? Wen meinst du?«

»Der junge Herr Mo«, entgegnete Lan Sizhui.

»Ach? Wieso suchst du den Verrückten? Vielleicht hatte er Angst davor, von mir geschlagen zu werden. Keine Ahnung, wo er hingerannt ist«, erwiderte Lan Jingyi.

»…« Lan Sizhui wusste, dass Lan Jingyi unachtsam und direkt war. Er zerbrach sich selten über Dinge den Kopf und hinterfragte sie meist auch nicht groß, daher wollte er lieber Hanguang-Jun über die Geschehnisse und jene Person unterrichten, sobald sie reden konnten.

Das Dorf Mo schlief noch. Wobei es unklar war, ob es wirklich schlief oder sich nur schlafend stellte. Obwohl es im Ost- und West-Hof der Familie Mo blutige Auseinandersetzungen zwischen Untoten gegeben hatte, konnten die Bewohner ja nicht einfach so mitten in der Nacht aufstehen und zuschauen. Selbst wenn man schaulustig war, wählte man den Ort, von dem aus man zusah, mit Bedacht. Bei schrillen Schreien, die bis in den Himmel schallten, tat man gut daran, nicht näher ranzugehen.

Wei Wuxian beseitigte, so schnell er konnte, alle Spuren des Körperopferungsrituals in Mo Xuanyus Zimmer und stürmte aus der Tür.

Wieso musste unbedingt der Lan-Clan herkommen? Und jetzt auch noch ausgerechnet Lan Wangji! 5

Er war eine der Personen, mit denen er zu tun gehabt hatte und mit dem er auf dem Schlachtfeld gekämpft hatte. Nichts wie weg hier. Eilig suchte er nach einem Reittier und kam an einem Hof vorbei, in dem, angebunden an einen großen Mühlstein, ein vor sich hin kauender Esel stand. Als der sah, wie Wei Wuxian hastig angerannt kam, wirkte er überrascht und schaute ihn, einem Menschen gleich, skeptisch an. Sie musterten sich gegenseitig für einen Moment und Wei Wuxian war sofort von seinem leicht verächtlichen Blick angetan.

Er ging zu seinem Kopf, nahm den Führstrick und zog den Esel nach draußen. Dieser rammte ihn jedoch und beschwerte sich lauthals mit einem Schrei. Wei Wuxian lockte ihn mit allen Mitteln und umgarnte ihn mit süßen Worten, bis er ihn schließlich überzeugen konnte und sie in der Morgendämmerung über die Hauptstraße davonritten.

14 In China ist Weiß die traditionelle Trauerfarbe.

15 »Hanguang-Jun« ist der Titel von Lan Wangji.


Bereits nach wenigen Tagen kam es Wei Wuxian in den Sinn, dass er vielleicht eine falsche Entscheidung getroffen hatte.

Der Esel, den er einfach so mitgenommen hatte, war überaus schwer zufriedenzustellen.

Obwohl er nur ein Esel war, hatte er den Anspruch, lediglich frisches, saftiges Gras zu fressen, auf dem noch der Morgentau lag. Sobald es auch nur etwas gelb verfärbt war, rührte er es nicht an.

Als sie bei einer Bauernfamilie vorbeikamen, stahl Wei Wuxian etwas Stroh, um ihn zu füttern – doch der Esel kaute nur einige Male darauf herum und spuckte es dann, lauter als ein Mensch es je könnte, wieder aus.

Wenn er nichts Gutes zu essen bekam, weigerte er sich, weiterzulaufen. Obendrein war er launisch und trat mit den Hinterhufen aus, wenn ihm etwas nicht passte – wobei er Wei Wuxian einige Male fast erwischt hätte –, von seinen entsetzlichen Schreien ganz zu schweigen.

Sowohl als Reittier als auch als Haustier war er zu nichts nutze!

Wei Wuxian konnte nicht anders, als sein flugfähiges Schwert zu vermissen. Es hing wahrscheinlich als Kriegsbeute bei dem Oberhaupt irgendeines berühmten Clans an der Wand, damit dieser damit vor anderen prahlen konnte.

Nachdem er ziehend und zerrend einige Straßen mit dem Esel vorangekommen war, kamen sie an dem großen Feld eines Dorfes vorbei.

Es war ein heißer sonniger Tag. Am Rand des Ackers stand ein prächtiger Baum, der viel Schatten spendete. Zudem gab es noch einen alten Brunnen, neben den die Dorfbewohner einen Eimer mit einer Schöpfkelle gestellt hatten, damit Reisende ihren Durst stillen konnten.

Der Esel rannte hin und machte Anstalten, sich keinen Millimeter weiter fortzubewegen. Wei Wuxian sprang herunter, tätschelte seinen ehrenwerten Hintern und sagte: »Ich wusste gar nicht, dass du von adeliger Abstammung bist. Dein Gemüt ist schwieriger zufriedenzustellen als meins.«

Der Esel spuckte ihn an.

Nachdem Wei Wuxian auf alle möglichen Arten die Zeit totgeschlagen hatte, näherte sich ihm von Weitem auf der Straße, die kreuz und quer verlief, eine Gruppe Menschen.

Sie trugen handgeflochtene Bambuskörbe, Leinenhemden und Strohsandalen. Von Kopf bis Fuß sahen sie aus wie Bauern aus der tiefsten Provinz. Unter ihnen war ein junges Mädchen mit einem runden Gesicht, das gerade noch als hübsch durchging.

Wahrscheinlich waren sie zu lange in der sengenden Hitze unterwegs gewesen und wollten sich hier abkühlen und etwas trinken, doch als sie den zeternden Esel sahen, der am Baum angebunden war und mit den Hufen ausschlug, und dann auch noch einen Verrückten mit zerzausten Haaren, dessen Gesicht mit roter und weißer Farbe bepinselt war, trauten sie sich nicht näherzukommen.

Wei Wuxian brüstete sich stets damit, ein Gentleman zu sein, also entfernte er sich ein Stück, um ihnen Platz zu machen und sich mit dem Esel abzuplagen.

Erst als die Menschen erkannten, dass er harmlos war, kamen sie erleichtert rüber. Sie schwitzten und ihre Gesichter und Wangen waren gerötet. Sie fächerten sich Luft zu und holten Wasser. Das junge Mädchen ließ sich am Brunnen nieder, und als ob es wüsste, dass er ihnen absichtlich Platz gemacht hatte, lächelte es ihn schüchtern an.

Einer von ihnen hielt einen Kompass in der Hand, schaute erst in die Ferne und senkte dann besorgt seinen Kopf. »Wir sind doch bald am Fuß des Dafan-Bergs, wieso bewegt sich die Nadel immer noch nicht?«

Die eingravierten Symbole und die Nadel waren sonderbar. Es handelte sich nicht um einen gewöhnlichen Kompass. Er wurde nicht zur Bestimmung der Himmelsrichtungen verwendet, sondern diente als Kompass des Bösen und ortete dämonische Kreaturen.

Wei Wuxian wurde klar, dass er hier auf eine Familie in finanziellen Nöten getroffen war, die ihr Glück mit der Geister- und Dämonenjagd versuchte. Außer der Elite der Kultivierer, die gut bezahlt wurde, gab es wahrscheinlich viele kleinere inoffizielle Kultivierer, die es sich selbst beigebracht hatten. Wei Wuxian fragte sich, ob sie ihr Dorf verlassen hatten, um Unterschlupf bei einem großen Clan zu suchen, zu dem sie irgendwelche verwandtschaftlichen Beziehungen hatten, oder ob sie auf Nachtjagd gingen.

Der Anführer der Gruppe war ein Mann mittleren Alters, der die anderen zum Trinken aufforderte. »Vielleicht ist der Kompass kaputt, ich besorge dir später einen neuen. Der Dafan-Berg ist weniger als fünf Kilometer entfernt, wir können hier nicht so lange Rast machen. Wir haben so einen schweren Weg hinter uns, da wäre es unsinnig, wenn wir jetzt zurückfallen und uns jemand die Beute wegschnappen würde – nur, weil wir uns hier zu lange ausgeruht haben.«

Sie gingen also tatsächlich auf Nachtjagd.

Viele Kultivierer, die Eleganz und Bildung schätzten, bezeichneten es als »Wanderjagd«, wenn man durch das ganze Land streifte, um Geister und Dämonen zu vernichten. Da diese Wesen häufig nachts auftauchten, war diese Jagd aber im Allgemeinen unter der Bezeichnung »Nachtjagd« bekannt.

Unter den vielen Kultivierungsclans gab es nur wenige, die sich einen Namen gemacht hatten. Sofern nicht bereits die Vorfahren Ruhm und Ehre errungen hatten, mussten normale Clans sich durch ihre Leistung behaupten, wollten sie in ihrem Rang aufsteigen und sich in der Kultivierungswelt Anerkennung und Respekt verdienen. Sie gewannen erst dann an Einfluss, wenn sie böse Geister und Unheil bringende Dämonen fingen.

Eigentlich war das Wei Wuxians Spezialgebiet, doch in den letzten Tagen hatte er in den paar Gräbern, die er unterwegs geöffnet hatte, nur niedere Dämonen gefunden. Ihm fehlte ein Geist, der ihm dienen konnte. Also beschloss er, ebenfalls auf dem Dafan-Berg sein Glück zu versuchen. Wenn ihm ein nützliches Exemplar in die Hände fiele, würde er es mitnehmen und von ihm Gebrauch machen.

Die Wanderer hatten sich genug ausgeruht und machten sich wieder auf den Weg. Bevor sie aufbrachen, holte das Mädchen mit dem runden Gesicht einen kleinen Apfel, der auf der einen Seite rot und auf der anderen grün war, aus dem Korb und überreichte ihn Wei Wuxian. »Der ist für dich.«

Wei Wuxian lachte und streckte die Hand aus, um ihn entgegenzunehmen. Da hob der Esel den Kopf und schnappte sich den Apfel mit den Zähnen. Wei Wuxian holte ihn sich jedoch geschwind zurück. Als er bemerkte, wie sehr dem Esel beim Anblick des kleinen Apfels das Wasser im Mund zusammenlief, kam ihm eine Idee.

Er holte einen langen Ast und eine Angelschnur, befestigte die Frucht an ihr und hielt sein Werk dem Esel vor die Nase. Angelockt vom köstlichen Duft des Apfels, jagte dieser ihm hinterher. Er schien immer nur noch ein ganz kleines Stück entfernt zu sein! Also hob er den Kopf, preschte vorwärts und war schneller als alle Fohlen, die Wei Wuxian je zu Gesicht bekommen hatte, sodass schon bald nichts weiter als eine Staubwolke von ihnen zu sehen war!

Der Esel rannte ohne Pause und so kam Wei Wuxian noch vor Einbruch der Dunkelheit am Dafan-Berg an. Erst am Fuß des Berges verstand er, worum es sich bei dem Schriftzeichen »fan« im Namen des Berges eigentlich handelte. Die Kombination der Schriftzeichen des Dafan-Bergs bedeutete so viel wie »Großer-Buddha-Berg« und nicht, wie er ursprünglich angenommen hatte »Großer-Reis-Berg«. Von Weitem ähnelte die Form des Berges einem dicken Buddha. Am Fuß des Berges befand sich eine kleine Stadt, die Fojiao 6 hieß.

Hier waren weit mehr Kultivierer versammelt, als er angenommen hatte, und er konnte sie kaum auseinanderhalten. Bei all den unterschiedlichen Roben der verschiedenen Clans und Schulen wurde ihm fast schwindelig, während er die vielen Menschen beobachtete, die auf den Straßen auf und ab gingen. Aus irgendeinem Grund wirkten alle nervös. Selbst als sie ihn in seinem grotesken Aufzug sahen, hatten sie keine Zeit, ihn auszulachen oder ihm Beachtung zu schenken.

In der Mitte der langen Straße hatte sich eine Gruppe Kultivierer versammelt, die ernst miteinander sprachen. Anscheinend hatten sie eine große Meinungsverschiedenheit.

Wei Wuxian belauschte ihr Gespräch von Weitem. Anfangs schien noch alles in Ordnung zu sein, doch dann wurde die Diskussion auf einmal hitziger.

»Ich denke nicht, dass es hier Seelen fressende Bestien oder Geister gibt. Es ist offensichtlich, warum unsere Kompassnadeln nicht ausschlagen.«

»Wenn es hier keine gibt, wie kommt es dann, dass sieben Personen in der Stadt ihre Seelen verloren haben? Sie haben ja wohl kaum plötzlich alle die gleiche seltsame Krankheit bekommen? Außerdem habe ich noch nie von so einer Krankheit gehört!«

»Nur weil der Kompass des Bösen es nicht anzeigt, soll das der Beweis dafür sein, dass hier nichts ist? Er zeigt doch eh nur die ungefähre Richtung an und ist somit nicht akkurat. Man kann sich nicht vollständig auf ihn verlassen. Vielleicht ist hier in der Nähe etwas, das das Signal blockiert.«

»Du hast wohl vergessen, wer den Kompass erfunden hat! Außerdem habe ich noch nie gehört, dass etwas sein Signal stören könnte.«

»Was redest du denn da bitte für einen Blödsinn? Natürlich weiß ich, dass Wei Ying ihn erfunden hat, aber das heißt ja wohl nicht, dass all seine Erfindungen unfehlbar sind. Darf man nicht an ihnen zweifeln, nur weil die Sachen von ihm sind?«

»Ich habe doch gar nicht gesagt, dass du es nicht infrage stellen darfst, und es war auch nie die Rede davon, dass seine Erfindungen unfehlbar sind. Der werte Herr muss mich dafür nicht in Verruf bringen!«

Und so schlug der Streit eine andere Richtung ein und Wei Wuxian ritt lachend auf dem Esel an ihnen vorbei. Er hätte nicht gedacht, dass er selbst nach so vielen Jahren Anlass für hitzige Wortgefechte unter Kultivierern bot. Es hieß nicht umsonst, »wenn es um Wei geht, streitet man«. Keiner würde ihn schlagen, wenn man eine Abstimmung darüber machen würde, wessen Popularität bereits am längsten anhielt.

Nüchtern betrachtet hatte der Kultivierer aber durchaus einen Punkt. Der Kompass des Bösen, den diese Kultivierer nutzten, war Wei Wuxians erste Version und tatsächlich nicht sehr akkurat. Er war eigentlich dabei gewesen, ihn zu optimieren. Selbst schuld, dass sie die Grabhügel in Grund und Boden gestampft hatten, bevor er fertig geworden war. Also hatte er der Nachwelt die Unannehmlichkeit bereitet, weiterhin die erste Version benutzen zu müssen.

Um zum eigentlichen Thema zurückzukommen: Für gewöhnlich waren es niedere Dämonen wie Untote, die Fleisch fraßen und an Knochen nagten. Nur vornehmere, höherrangige Monster und Geister waren in der Lage, ihre Opfer auszusaugen, ihre Seelen zu verschlingen und zu verdauen. Das Wesen, um das es hier ging, hatte sogar sieben Menschen auf einmal auf dem Gewissen. Kein Wunder also, dass sich hier so viele Clans versammelten. Die Beute, die hier gejagt wurde, war keine gewöhnliche Kreatur, sodass es kaum verwunderlich war, dass der Kompass des Bösen nicht eindeutig reagierte.

Wei Wuxian zog am Strick, sprang vom Rücken des Esels und hielt ihm den Apfel, der den ganzen Weg lang über ihm gebaumelt hatte, direkt vor die Nase. »Einen Bissen, nur einen Bissen … Hey, so frisst du meine ganze Hand auf!«

Wei Wuxian biss zweimal von der anderen Seite ab und stopfte den Apfel anschließend zurück in das Maul des Esels. Er fragte sich, wie er nur so tief hatte sinken können, dass er sich mit einem Esel einen Apfel teilte. Plötzlich lief von hinten jemand in ihn hinein. Als er sich umdrehte, sah er eine junge Frau, die ihn trotz des Zusammenstoßes völlig ignorierte. Ihr Blick war leer, lediglich ein leichtes Lächeln trug sie auf den Lippen, während sie unbeirrt in eine Richtung starrte.

Wei Wuxian folgte ihrem Blick. In dieser Richtung lag der unheilvolle Gipfel des Dafan-Bergs.

Dann, ganz spontan, fing sie ohne jede Vorwarnung an zu tanzen.

Ihre Bewegungen waren grob und wild. Wei Wuxian schaute ihr mit großem Vergnügen dabei zu, als eine Frau, den Rock angehoben, angerannt kam, sie weinend umarmte und sagte: »A-Yan, lass uns zurückgehen, bitte!«

A-Yan schüttelte die Frau mit aller Kraft ab, während sie die ganze Zeit über unverändert lächelte. Diese Hingabe ließ es einem eiskalt den Rücken herunterlaufen. Dann setzte sie ihren Tanz fort und der Frau blieb nichts anderes übrig, als ihr schluchzend hinterherzulaufen. Ein Straßenhändler kommentierte schließlich die Situation. »Wie schrecklich! A-Yan, die Tochter des Schmieds Zheng ist wieder ausgebrochen.«

»Ihre Mutter kann einem leidtun. A-Yan, ihr Vater und auch ihr Mann, keiner von ihnen ist in einem guten Zustand …«

Wei Wuxian schlenderte durch die Gegend und puzzelte sich anhand der Gesprächsfetzen, die er überall aufschnappte, ein Bild der seltsamen Vorfälle dieser Gegend zusammen.

Auf dem Dafan-Berg gab es einen alten Friedhof, auf dem die meisten Vorfahren der Bewohner Fojiaos beerdigt lagen. Manchmal schaufelte man auch ein Grab für unbekannte Leichen und stellte eine Holztafel für sie auf. Einige Monate zuvor hatte es in einer Nacht besonders heftig geblitzt und gestürmt. Und nach dem starken Regen, der mit Unwetter einhergegangen war, hatte sich ein Stück Land auf dem Dafan-Berg gelöst und einen Erdrutsch verursacht. Bei diesem Stück Land hatte es sich um ebenjenen Friedhof gehandelt. Viele der alten Gräber waren dabei zerstört, andere wiederrum freigelegt worden. Ein Sargdeckel wurde durch einen Blitzeinschlag gespalten und verkohlte mitsamt der darin liegenden Leiche.

Die Bewohner der Stadt Fojiao waren sehr beunruhigt gewesen und beteten ständig für Glück. Nachdem sie den Friedhof wieder aufgebaut hatten, nahmen sie an, damit das Unheil abgewendet zu haben. Doch unerwarteterweise verloren danach viele Menschen ihre Seele.

Beim ersten Vorfall handelte es sich um einen Landstreicher. Dieser war arm wie eine Kirchenmaus gewesen und hatte nicht viel zu tun gehabt. Da er sich oft einen Spaß daraus machte, auf den Berg zu steigen und Vögel zu fangen, wurde er in der Nacht des Erdrutsches auf dem Dafan-Berg verschüttet, kam aber zum Glück mit einem Schrecken davon. Er heiratete wenige Tage darauf unverhofft, veranstaltete eine große Hochzeitsfeier und verkündete, von nun an Gutes tun zu wollen und friedlich seine Tage zu verleben.

In der Hochzeitsnacht betrank er sich reichlich, legte sich anschließend ins Bett und wachte nicht mehr auf. Auf die Rufe seiner Braut reagierte er nicht, und erst, als sie ihn schüttelte, merkte sie, dass sein Blick starr und sein Körper eiskalt war. Man hätte ihn für tot halten können, nur unterschied ihn etwas grundlegend von einer Leiche: Er atmete noch.

So lag er mehrere Tage da, ohne Nahrung oder Wasser zu sich zu nehmen, und verstarb schließlich friedlich, was die arme Braut bereits kurz nach ihrer Hochzeit zur Witwe machte.

Die zweite Person war A-Yan, die Tochter des Schmieds gewesen. Sie hatte sich gerade frisch verlobt, als ihr zukünftiger Gatte zwei Tage später während der Jagd auf dem Berg von einem Wolf totgebissen wurde. Als sie davon erfuhr, erging es ihr wie zuvor dem Landstreicher. Glücklicherweise besserte sich ihr Zustand jedoch nach einer Weile von selbst. Seitdem benahm sie sich allerdings wie eine Verrückte und tanzte jeden Tag lachend draußen vor den Leuten herum.

Der dritte war A-Yans Vater gewesen, der Schmied Zheng.

Bis zum heutigen Tag waren sieben Menschen betroffen.

Wei Wuxian grübelte und kam zu dem Schluss, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Seelen fressenden Geist handelte und nicht um eine Seelen fressende Bestie.

Obwohl ihre Bezeichnungen ähnlich klangen, hatten sie nichts gemein. Geister gehörten zur Kategorie der Geisterwesen, während Bestien zu den Monstern zählten.

Er vermutete, dass beim Einsturz des alten Friedhofs und durch den Blitzeinschlag, der den Sarg geöffnet hatte, ein alter Geist freigesetzt worden war, der friedlich darin geruht hatte. Um das zu überprüfen, musste er einen Blick auf den Sarg werfen und herausfinden, ob ein Siegel zurückgeblieben war. Aber die Bewohner von Fojiao hatten die verkohlten Reste bestimmt längst an einer anderen Stelle vergraben und wahrscheinlich auch die Überreste eingesammelt und unter die Erde gebracht. Es dürften nicht allzu viele Spuren übrig geblieben sein.

Der Weg auf den Berg führte durch die Stadt und Wei Wuxian ritt ihn gemütlich auf dem Esel entlang. Nach einer Weile kamen ihnen Menschen entgegen, die gerade den Berg hinabgingen und keinesfalls glücklich wirkten.

Sie hatten Wunden im Gesicht und redeten wild durcheinander. Es war bereits dunkel und als sie aufblickten und sahen, dass sie auf einen Mann auf einem Esel und geschminkt wie ein Gespenst getroffen waren, erschraken sie. Sie gingen dann aber einfach fluchend an ihm vorbei, dem Weg Richtung Tal folgend.

Wei Wuxian schaute ihnen nach und fragte sich, ob ihre Beute zu schwer zu erlegen gewesen war und sie sich daher gerade auf dem Rückweg von der erfolglosen Jagd befanden oder ob etwas anderes dahintersteckte. Er überlegte kurz, klatschte dann dem Esel auf den Hintern und trabte mit ihm den Berg hinauf. So verpasste er die wütenden Klagen der Gruppe:

»Ich habe noch nie so einen Tyrannen erlebt!«

»Hat das Oberhaupt eines so großen Clans es etwa nötig, hierherzukommen und uns einen Seelen fressenden Geist wegzuschnappen? In seiner Jugend hat er doch sicher unzählige erlegt!«

»Was sollten wir denn machen, er ist nun mal ein Clan-Oberhaupt. Mit welchem Clan auch immer man vorhat, sich anzulegen, sich den Jiang-Clan zum Feind zu machen, wäre überaus dumm. Genauso wie man unter allen Menschen auf keinen Fall Jiang Cheng provozieren sollte. Lasst uns unsere Sachen packen, verschwinden und uns einfach damit abfinden, dass wir Pech hatten!«

Als es noch dunkler wurde, war eine Fackel nötig, um sich in den Bergwäldern zurechtzufinden. Je länger Wei Wuxian ritt, umso seltener traf er auf Kultivierer. Was ihn etwas verwunderte. Waren etwa nur Clans anwesend, die entweder große Reden schwangen, während sie in Fojiao blieben, oder denen die Hände gebunden waren, sodass sie kläglich den Rückzug antreten mussten, wie die Gruppe gerade eben?

Plötzlich hörte er vor sich Hilfeschreie.

»Hilfe!«

»Zu Hilfe!«

In dem Stimmengewirr fanden sich sowohl Männer- als auch Frauenstimmen, die verängstigt und hilflos klangen. Es wirkte nicht gespielt.

Hilfeschreie in abgelegenen Bergen stammten in acht oder neun von zehn Fällen von bösen Wesen, die so Unwissende in eine Falle lockten. Wei Wuxian aber freute sich sehr.

Je bösartiger, desto besser. Sie konnten ihm gar nicht böse genug sein!

Er lenkte den Esel in die Richtung, aus der die Stimmen kamen, fand jedoch niemanden. Erst als er den Kopf hob, sah er, dass es sich gar nicht um bösartige Wesen handelte, die um Hilfe schrien, sondern um die Bauern, die er zuvor getroffen hatte. Sie hatten sich als Geisterjäger versucht und hingen nun in einem riesigen, goldschillernden Netz an einem Baum.

Eigentlich hatte der Anführer mit der restlichen Gruppe die Bergwälder auskundschaften wollen. Dabei waren sie jedoch nicht auf die erhoffte Beute getroffen, sondern stattdessen in diese Netzfalle getappt, die irgendeine reiche Person aufgestellt hatte. Nun baumelten sie dort oben und riefen verzweifelt um Hilfe. Ihre Freude war grenzenlos, als sie bemerkten, dass jemand vorbeikam, doch sie wich sofort herber Enttäuschung, als sie den Verrückten wiedererkannten.

Das Seil des magischen Netzes war zwar dünn, bestand jedoch aus hochwertigem, stabilem Material. Ob Mensch, Gott, Geist, Dämon oder Monster, sobald man in diesem Netz gefangen war, kam man nicht so einfach wieder heraus. Außer man hatte ein besonderes spirituelles Werkzeug, das es durchtrennen konnte. Sie wagten gar nicht zu hoffen, dass dieser Verrückte ihnen herunterhelfen konnte. Wahrscheinlich wusste er nicht einmal, was das überhaupt war.

Gerade, als sie ihn darum bitten wollten, Hilfe zu holen, vernahmen sie das Geräusch von Schritten, die vermuten ließen, dass sich der Verursacher agil auf sie zu bewegte und dabei auf dem Boden liegende Äste und Blätter zertrat.

In der Dunkelheit der Wälder erschien ein junger Mann, gekleidet in eine blasse Robe. Zwischen seinen Augenbrauen befand sich ein zinnoberroter Punkt. Er sah gut aus, wirkte aber auch etwas bissig. Er war zudem sehr jung, etwa in Lan Sizhuis Alter, also noch ein halbes Kind. Auf dem Rücken trug er einen Köcher und ein goldglänzendes Langschwert. In der Hand hielt er einen Langbogen. Die Stickereien auf seiner Kleidung waren äußerst filigran und liefen im Brustbereich zu einer weißen Pfingstrose von besonderer Schönheit zusammen. Das goldene Garn schimmerte leicht in der Nacht.

Wei Wuxian schrie insgeheim: Der ist reich!

Das war bestimmt ein junger Herr des Lanling-Jin-Clans. Nur der nutzte die weiße Pfingstrose als Clansymbol. Sie galt als Königin unter den Blumen. Sich der Bedeutung bewusst, deutete der Clan hiermit an, der Herrscher-Clan in der Kultivierungswelt zu sein. Der zinnoberrote Punkt auf der Stirn symbolisierte »Weisheit und Ideale, die die Welt mit einem roten Licht erhellen«.

Der junge Mann wollte gerade einen Pfeil abschießen, als er bemerkte, dass es Menschen waren, die sich in seinem magischen Netz verfangen hatten. Enttäuscht drehte er sich ruckartig um und schimpfte gereizt: »Jedes Mal nur Idioten. Ich habe über vierhundert magische Netze in diesen Bergen angebracht. Die gewünschte Beute habe ich noch nicht erwischt, stattdessen haben Leute wie ihr über ein Dutzend meiner Fallen unbrauchbar gemacht!«

Erneut dachte Wei Wuxian: Der ist reich!

Ein einziges magisches Netz war bereits kostspielig, er jedoch hatte vierhundert davon in Benutzung. Für einen kleineren Clan würde das den Ruin bedeuten. Der Lanling-Jin-Clan machte seinem Ruf alle Ehre. Aber bei diesem Missbrauch magischer Netze, die wahllos alles fingen, was vorbeihuschte, war das doch keine Nachtjagd mehr. Ganz offensichtlich sollten die Leute vertrieben werden und kein anderer ein Stück vom Kuchen abbekommen. Anscheinend hatten die Kultivierer von vorhin nicht kehrtgemacht, weil die Beute so schwer zu erlegen war, sondern weil man sich lieber nicht mit prominenten Clans anlegte.

Nach einigen Tagen seiner gemütlichen Reise und durch die interessanten Geschichten in Fojiao, denen er gelauscht hatte, hatte Wei Wuxian so einiges über die Geschehnisse in der Kultivierungswelt mitbekommen. Als letztendlicher Gewinner der großen hundertjährigen Schlacht führte der Lanling-Jin-Clan nun die Kultivierungswelt an. Das Oberhaupt des Clans wurde sogar respektvoll als das »Oberhaupt der Kultivierungswelt« bezeichnet.

Der Jin-Clan war im Allgemeinen für seine Prahlerei und Verschwendungssucht bekannt. Seit Jahren genoss er viel Macht und eine hohe Stellung. Seine Schüler tyrannisierten andere nach Lust und Laune und wenn sie Mitglieder eines auch nur etwas niedereren Clans beleidigten, blieb denen nichts anderes übrig, als es zu erdulden und die Wut hinunterzuschlucken. Folglich konnte sich die Bauernfamilie, die mit knallroten Köpfen im Netz hing, erst recht nicht gegen die Spitzzüngigkeit des jungen Mannes wehren. Mit gesenkter, wenn auch unterschwellig wütender Stimme meldete sich ihr Anführer zu Wort. »Wenn Ihr es einrichten könntet, bitten wir den jungen Herrn, uns runterzulassen.«

Der junge Mann war unruhig. Weil die Beute einfach nicht auftauchen wollte, ließ er mit verschränkten Armen seine Wut an diesen Bauern aus. »Ihr bleibt hier hängen, so könnt ihr wenigstens nicht überall herumlaufen und mich behindern! Wenn ich die Seelen fressende Bestie erlegt habe und ihr mir dann noch einmal in den Sinn kommen solltet, lasse ich euch herunter.«

Sollten sie wirklich die ganze Nacht dort so hängen bleiben und es würde zufällig das Monster vorbeikommen, das auf dem Dafan-Berg herumwanderte, so würden sie sich nicht bewegen können und es bliebe ihnen nichts anderes übrig, als sich die Seelen aussaugen zu lassen. Das junge Mädchen mit dem runden Gesicht, das Wei Wuxian zuvor den Apfel geschenkt hatte, weinte vor Angst.

Wei Wuxian hatte mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem Esel gesessen und abgewartet. Doch als das Tier ihr Schluchzen hörte, spitze es seine langen Ohren und stürmte plötzlich los.

Beim Lospreschen stieß es einen gellenden Schrei aus. Wenn der nicht so fürchterlich geklungen hätte, hätte man ihn mit seiner unaufhaltsamen, heldenhaften Haltung fast für ein edles Ross halten können.

Wei Wuxian, der nicht rechtzeitig reagieren konnte, fiel von seinem Rücken, wobei er sich beinahe den Kopf aufgeschlagen hätte. Der Esel rannte schnurstracks auf den jungen Mann zu, anscheinend in dem festen Glauben, ihn mit einem Kopfstoß himmelwärts befördern zu können.

Der junge Mann nahm einen Pfeil aus dem Köcher, wandte sich ihm zu und spannte den Bogen, woraufhin Wei Wuxian, der keine Lust hatte, sich ein neues Reittier suchen zu müssen, mit aller Kraft am Strick zog.

Der junge Mann musterte Wei Wuxian und wirkte kurz erschrocken. Dies schlug jedoch blitzartig in Verachtung um, und er verzog den Mund, als er sprach: »Du bist das also.«

In diesem Satz lag ein wenig Verwunderung und jede Menge Abscheu. Was Wei Wuxian jedoch nur zu einem Blinzeln bewegte.

Der junge Mann fuhr fort: »Na, was ist? Bist du durchgedreht, nachdem man dich nach Hause geschickt hat? Dass man dich mit diesem Gesicht überhaupt nach draußen, geschweige denn unter Menschen lässt, so zugekleistert wie du bist!«

Wei Wuxian hatte anscheinend gerade etwas äußerst Wichtiges gehört?!

War sein Vater etwa … Wei Wuxian schlug sich aufs Bein. War Mo Xuanyus Vater etwa gar nicht das Oberhaupt irgendeines kleinen, unbedeutenden Clans, sondern der berühmt-berüchtigte Jin Guangshan?!

Jin Guangshan war das vorherige Oberhaupt des Lanling-Jin-Clans gewesen und bereits lange tot. Einen Mann wie ihn konnte man nicht in wenigen Sätzen beschreiben.

Seine strenge Gattin kam aus einer angesehenen Familie und sein Ruf als Pantoffelheld eilte ihm weit voraus. Doch so groß seine Angst vor ihr auch gewesen sein mochte, er hatte einfach nicht die Finger von anderen Frauen lassen können. Und so streng sie auch war, sie konnte ihn nicht vierundzwanzig Stunden lang überwachen. Also hatte er sich keine Gelegenheit entgehen lassen, die sich ihm geboten hatte, sei es mit schönen Frauen aus angesehenen Familien oder billigen Prostituierten auf dem Land. Und obwohl er überall Affären und unehelichen Kinder gehabt hatte, war er weiterhin sehr flatterhaft gewesen und hatte sich schnell gelangweilt. Sobald er genug von einer Frau gehabt hatte, vergaß er sie völlig und brachte ihr gegenüber keinen Funken Verantwortungsbewusstsein auf. Unter all seinen Kindern war jedoch eins gewesen, das besonders talentiert gewirkt hatte, also brachte er es mit nach Hause. Dabei handelte es sich um das jetzige Oberhaupt des Lanling-Jin-Clans, Jin Guangyao.

Auch Jin Guangshans Tod war nicht besonders glorreich gewesen. Um sich selbst zu beweisen, dass er trotz seines hohen Alters immer noch ein Mann von Stärke war, hatte er sich mit einer Gruppe weiblicher Geister vergnügt und verstarb unglücklicherweise während des Akts. Da man das kaum publik machen konnte, hatte der Lanling-Jin-Clan der Öffentlichkeit verkündet, das Oberhaupt wäre an Überanstrengung gestorben. Und obwohl jeder insgeheim den wahren Grund gekannt hatte, stellten sich alle unwissend. Letztendlich war das der wahre Grund, warum man ihn mit den Worten »berühmt-berüchtigt« beschrieb.

Bei der Belagerung der Grabhügel war Jin Guangshan nach Jiang Cheng derjenige gewesen, der am meisten zur Schlacht beigetragen hatte. Nun, da Wei Wuxian im Körper von dessen unehelichem Sohn steckte, wusste er nicht, ob sie damit quitt waren.

Der junge Mann wurde wütend, als Wei Wuxian gedankenverloren vor sich hinstarrte, und schrie ihn an: »Gehst du mir wohl aus den Augen! Dein Anblick ist echt widerlich. Elender Homo!«

Vom Alter her hätte Mo Xuanyu der Onkel dieses Jungen sein können. Eine derartige Beleidigung durch einen Heranwachsenden musste er vergelten, wenn auch nicht für sich, sondern für Mo Xuanyu. »Also wirklich! Deine Mutter hat dich zwar geboren, aber erzogen hat sie dich nicht.«

Bei diesen Worten flammte Wut in den Augen des Jünglings auf und er stürmte auf Wei Wuxian zu. Er zog das Langschwert auf seinem Rücken und mit einem Zorn, der einem Angst einflößen konnte, fuhr er ihn an: »Was … hast du da gerade gesagt?«

Die Klinge erstrahlte in einem hellen goldenen Licht. Wieder handelte es sich um eine seltene, hochwertige Waffe. Viele Clans hätten ihr ganzes Leben dafür sparen müssen und wären trotzdem niemals auch nur in die Nähe eines so wertvollen Stücks gekommen. Konzentriert betrachtete Wei Wuxian es genauer. Es kam ihm irgendwie bekannt vor, allerdings hatte er bereits viele hochwertige und wertvolle Schwerter gesehen, die golden glänzten, sodass er nicht weiter darüber nachdachte, sondern lieber einen kleinen Stoffbeutel in seiner Hand drehte.

Es handelte sich um einen Seelen-Verschlussbeutel, den er vor einigen Tagen aus Materialien, die er unterwegs gefunden hatte, provisorisch zusammengeschustert hatte. Das Schwert des jungen Mannes raste frontal auf ihn zu, während Wei Wuxian ein kleines Papierstück in Form eines Menschen aus dem Beutel zog. Er wich seinem Angreifer aus, drehte seine Hand und klatschte es mit einem Patt auf seinen Rücken.

Der junge Mann war unglaublich schnell, doch Wei Wuxian hatte Erfahrung darin, Leute zum Stolpern zu bringen und ihnen Talismane auf ihre Rücken zu kleben, und hatte daher noch schneller reagiert. Der junge Mann spürte nur, wie sein Rücken auf einmal taub und schwer wurde, dann ging er unkontrolliert zu Boden und das Schwert fiel ihm klirrend aus der Hand. So wütend er auch war, er konnte einfach nicht aufstehen. Es war, als würde ihn die Last eines Berges zu Boden drücken.

Tatsächlich saß auf seinem Rücken ein Geist, der an Fresssucht gestorben war und ihn nun so fest zu Boden drückte, dass er kaum noch Luft bekam. Niedere Geister waren zwar schwach, aber sehr effektiv gegen Rotzbengel wie ihn. Wei Wuxian hob das Schwert auf, schätzte das Gewicht in der Hand und durchtrennte dann mit einem Schnitt das magische Netz über sich.

Die Familie fiel kläglich zu Boden, sagte jedoch nichts, sondern eilte nur hastig davon. Das Mädchen mit dem runden Gesicht schien ihm danken zu wollen, wurde aber von einem Erwachsenen mitgezogen. Womöglich würde der Groll des jungen Herrn Jin ihnen gegenüber noch größer werden, wenn sie zu viel redeten.

Dieser lag fluchend am Boden. »Du verdammter Homo! Nur weil du zu wenig spirituelle Energie hast und an der Kultivierung gescheitert bist, schlägst du nun den dämonischen Weg ein?! Pass bloß auf! Weißt du, wer heute hergekommen ist? Mein …«

Wei Wuxian hob gestellt beide Hände vor die Brust. »Ah! Jetzt hab ich aber Angst!«

Seine Kultivierungslehre war seit jeher von den Menschen kritisiert worden, da sie langfristig dem Körper des Kultivierers schadete. Allerdings brachte sie schnell Resultate hervor und war nicht an spirituelle Energie oder Talent gebunden, was sie sehr verlockend machte. Es hatte noch nie an Leuten gemangelt, die nach Abkürzungen suchten, oder im Geheimen kultivierten. Dieser Junge war der Ansicht, Mo Xuanyu hätte, nachdem er damals aus dem Lanling-Jin-Clan geworfen worden war, den Pfad der Dämonenlehre eingeschlagen. Diese Annahme war durchaus berechtigt und ersparte Wei Wuxian auch einiges an unnötigem Kopfzerbrechen.

Der junge Mann stemmte sich einige Male mit den Händen vom Boden ab, schaffte es jedoch immer noch nicht aufzustehen. Mit knallrotem Kopf und zusammengebissenen Zähnen schrie er Wei Wuxian an. »Wenn du mich nicht sofort davon befreist, erzähle ich es meinem Onkel, dann bist du dran!«

Wei Wuxian war verwundert. »Warum deinem Onkel und nicht deinem Vater? Wer ist denn dein Onkel?«

Hinter ihm erhob sich plötzlich eine Stimme, kalt und bitter. »Das bin ich. Hast du noch irgendwelche letzten Worte?«

Als Wei Wuxian die Stimme hörte, schoss ihm augenblicklich all sein Blut in den Kopf. Es verließ diesen allerdings auch genauso schnell wieder, wie es gekommen war. Glücklicherweise war sein Gesicht bereits weiß, sodass es keinen Unterschied machte, dass er jetzt noch blasser wurde.

Ein Mann kam mit selbstbewussten Schritten näher. Er trug eine violette, leichte Robe, seine Hand ruhte auf dem Griff seines Schwerts. An seiner Hüfte hing ein silbernes Glöckchen, das beim Gehen jedoch nicht klingelte.

Dieser Mann hatte schmale Brauen, mandelförmige Augen und war auf eine durchdringende Weise attraktiv. Er hatte einen intensiven Blick, in dem Angriffslust verborgen lag, und als er Wei Wuxian ansah, war es, als würden ihn zwei kalte Blitze durchfahren. Zehn Schritte von diesem entfernt blieb er still stehen. Seine Gesichtszüge waren so angespannt wie ein spitzer Pfeil, der nur darauf wartete, abgeschossen zu werden. Selbst seine Haltung strahlte einen Hauch von Arroganz und Hochmut aus.

Er runzelte die Stirn. »Jin Ling, was verschwendest du so viel Zeit? Soll ich etwa rüberkommen und dir eine Extraeinladung geben? Schau dich doch nur an! Wie jämmerlich du aussiehst, steh endlich auf!«

Nachdem er aus der anfänglichen Schockstarre erwacht war, war Wei Wuxian schlagartig wieder bei Sinnen. Er krümmte einen Finger, verdeckt von seinem Ärmel, und rief so das Papiermännchen zurück.

Als Jin Ling fühlte, wie die Last von seinem Rücken wich, rollte er sich sofort zur Seite, griff nach seinem Schwert und kam wieder auf die Beine. Dann eilte er an Jiang Chengs Seite und zeigte wütend auf Wei Wuxian. »Ich werde dir die Beine brechen!«

Als Onkel und Neffe so nebeneinanderstanden, konnte man erkennen, wie ähnlich sie sich sahen – sie hätten Brüder sein können.

Jiang Cheng machte eine kleine Bewegung und das Papiermännchen flog aus Wei Wuxians Hand in seine eigene. Er betrachtete es einen Moment und in seinen Augen trat ein unsagbarer Groll zutage. Er zerknüllte das Papierstück in seiner Hand und es ging in Flammen auf. Unter den schrillen Schreien des Geistes verbrannte es schließlich zu Asche.

Unheilvoll sagte Jiang Cheng: »Seine Beine brechen? Ich habe dir doch gesagt, wenn du verruchten Anhängern der Dämonenlehre begegnest, tötest du sie und verfütterst sie an deinen Hund!«

Wei Wuxian hatte jetzt keine Zeit mehr, seinen Esel einzufangen, sondern nahm augenblicklich die Beine in die Hände und floh. Eigentlich hatte er gedacht, dass sich Jiang Chengs Hass ihm gegenüber, so groß er auch gewesen sein mochte, nach all den Jahren in Luft aufgelöst hätte. Dem war jedoch keineswegs so. Und nicht nur war er nicht verschwunden, sondern er schien auch noch wie guter Wein über die Jahre gereift zu sein und erstreckte sich nun auf alle, die Wei Wuxians Art der Kultivierung imitierten!

Mit einer ihn schützenden Person hinter sich ging Jin Ling diesmal umso aggressiver mit dem Schwert auf Wei Wuxian los. Dieser schob zwei Finger in den Seelen-Verschlussbeutel und wollte gerade den nächsten Schritt ausführen, als ein blau leuchtendes Schwert wie ein Blitz aus dem Nichts hervorschnellte und sich fliegend mit Jin Lings Schwert einen Kampf lieferte. Das goldene Licht seines hochwertigen, spirituellen Schwertes erlosch in Sekundenschnelle.

Dieser ungleiche Kampf war nicht der Qualität der Waffen geschuldet, sondern dem grundlegenden Kräfteunterschied der beiden Schwertbesitzer.

Wei Wuxian, der sein Timing eigentlich genau berechnet hatte, hatte nicht erwartet, dass ihn eine weitere Schwertspitze behindern würde, sodass er stolperte und direkt vor einem Paar schneeweißer Schuhe zu Boden fiel. Er erstarrte für einen Moment und hob dann langsam den Kopf.

Das Erste, das sich in seinen Augen widerspiegelte, war eine schmale, lange Schwertspitze, kristallklar wie gefrorenes Eis.

In der Welt der Kultivierer war dieses Schwert eine Berühmtheit und Wei Wuxian hatte seine Kraft unzählige Male demonstriert bekommen, sowohl als Mitstreiter als auch als Gegner. Die Schmiedetechnik des Schwertgriffs, der aus reinem Silber gefertigt war, unterlag der Geheimhaltung. Die Klinge war hauchdünn und durchsichtig. Sie strahlte eine eisige Kälte aus und war so scharf, dass sie durch Eisen glitt, als wäre es Butter. Dadurch wirkte das Schwert zwar leicht und elegant, besaß jedoch in Wirklichkeit ein enormes Gewicht, sodass gewöhnliche Menschen es nicht einmal anheben konnten.

— »Bichen.« 7

Die Klinge machte kehrt und über seinem Kopf hinweg hörte Wei Wuxian, wie sie in die Schwertscheide zurückflog. Gleichzeitig ertönte Jiang Chengs Stimme von Weitem: »Na sieh mal einer an. Der zweite junge Herr des Lan-Clans.«

Die weißen Schuhe bewegten sich, weder hastig noch langsam, um Wei Wuxian herum und weitere drei Schritte nach vorne, während Wei Wuxian den Kopf hob und aufstand.

In dem Moment, als Lan Wangji an ihm vorbeiging, trafen sich ihre Blicke für einen kurzen Augenblick, doch Wei Wuxian tat so, als wäre es nicht von Bedeutung.

Lan Wangji wirkte sanft wie das Mondlicht und trug eine siebensaitige Guqin 8 auf dem Rücken, die schmaler war als für dieses Instrument üblich. Das Holz der Guqin hatte einen rabenschwarzen, aber weichen Farbton.

Um seine Stirn trug er ein Band mit einem Federwolkenmuster. Seine Hautfarbe war von eleganter Blässe und mit seinem außergewöhnlich guten Aussehen und seiner Eleganz glich er einem polierten Jadestein. Durch seine ungewöhnlich helle Augenfarbe, die wie Glas schien, wirkte sein Blick übermäßig kalt. In seinem Gesichtsausdruck lag etwas Eisiges und seine Miene war so streng, dass er unglaublich ernst wirkte. Selbst jetzt, als er Wei Wuxians urkomisches Gesicht sah, verzog er keinen Muskel.

Von Kopf bis Fuß haftete nicht ein einziges Staubkorn an seiner Kleidung. Sein Erscheinungsbild war tadellos. Man fand nichts an ihm, das nicht den Regeln entsprach oder gegen die Etikette verstieß. Trotz all dem kam Wei Wuxian nur ein Begriff in den Sinn: Trauerkleidung!

Die Robe, die er trug, wirkte tatsächlich wie eine Form der Trauerkleidung. Aber es herrschte allgemeiner Konsens darüber, dass die Gewänder des Gusu-Lan-Clans die schönsten waren – sie wurden mit Lobgesängen beschrieben. Und Lan Wangji galt als ein attraktiver Mann, wie er nur alle paar hundert Jahre einmal vorkam. Nichts von alledem änderte jedoch etwas an der Tatsache, dass sein Gesichtsausdruck dem eines von Schmerz erfüllten Mannes glich, der gerade seine geliebte Ehefrau verloren hatte.

Wenn man Pech hatte, begegnete man seinen Feinden immer wieder. Glück kam nie im Doppelpack, Unglück hingegen nie allein.

Lan Wangji sagte nichts und sein Blick wanderte auch nicht. Still stand er Jiang Cheng gegenüber.

Jiang Cheng war unbestreitbar ebenfalls außergewöhnlich gutaussehend, doch jetzt, im direkten Vergleich, zog er den Kürzeren.

In dem Clan-Oberhaupt breitet sich leichte Unruhe aus. Er hob die Augenbrauen und fragte: »Hanguang-Jun, du wirst deinem Ruf gerecht, dort zu erscheinen, wo es Ärger gibt. Wie kommt es, dass du Zeit dafür gefunden hast, heute in diese abgelegene Berggegend zu kommen?«

Als ranghohe Mitglieder von Kultivierungsclans kümmerten sie sich normalerweise nicht um Beute derart niederen Ranges. Lan Wangji stellte jedoch eine Ausnahme dar. Nie war er wählerisch bei Nachtjagden und niemals blieb er fort, nur weil ein Dämon nicht bösartig oder seine Erlegung nicht prestigeträchtig genug war. Sobald jemand Hilfe brauchte, war er zur Stelle. Und daran hatte sich auch seit seiner Jugend nichts geändert. Die Aussage, »dort zu erscheinen, wo es Ärger gibt«, spielte daher auf sein Auftauchen bei Nachtjagden an, gleichzeitig lobte sie aber auch seinen Charakter. Jiang Chengs Tonfall jedoch war nicht sonderlich höflich, sehr zum Missfallen der jüngeren Kultivierer des Lan-Clans, die nun hinter Lan Wangji auftauchten. Lan Jingyi fragte daher geradeaus: »Ihr seid ebenfalls anwesend, Oberhaupt Jiang?«

Jiang Chengs Antwort war von Kälte durchzogen. »Tse, wenn Ältere reden, hast du den Mund zu halten. Der Gusu-Lan-Clan brüstet sich damit, auf Etikette und Anstand zu achten, und so erzieht er seine Schüler?!«

Lan Wangji schien nicht mit ihm diskutieren zu wollen und warf stattdessen Lan Sizhui einen kurzen Blick zu. Dieser verstand sofort und richtete, entsprechend seines Ranges, sein Wort an Jin Ling. »Junger Herr Jin, die Nachtjagd ist seit jeher als fairer Wettstreit für alle gedacht. Du jedoch hast auf dem Dafan-Berg vierhundert Netze ausgelegt und erschwerst somit den Kultivierern anderer Clans das Auskundschaften, weil sie Angst haben müssen, in diese Fallen zu treten. Würdest du daher nicht zustimmen, dass du es bist, der hier gegen die Regeln der Nachtjagd verstoßen hat?«

Mit seinem kalten Blick wirkte Jin Ling wie sein Onkel, als er ihn anfuhr: »Die Dummköpfe sind selbst schuld, wenn sie in die Fallen treten, was soll ich denn da machen?! Wenn es etwas zu bereden gibt, können wir das tun, nachdem ich die Beute erlegt habe.«

Lan Wangji runzelte die Stirn. Jin Ling wollte noch etwas sagen, konnte aber plötzlich seinen Mund nicht mehr öffnen. Kein Ton konnte mehr seiner Kehle entrinnen. Und er wurde mit einem Mal blass vor Schreck.

Bei Jin Lings Anblick, dessen Lippen wie zusammengeklebt waren und sich nicht öffnen ließen, schimmerte Jiang Chengs Wut beim Sprechen durch und er gab die zuvor erzwungene Höflichkeit auf: »Du! Was soll das werden? Jin Lings Erziehung obliegt nicht deiner Verantwortung. Lös auf der Stelle den Zauber!«

Mit diesem Verstummungszauber bestrafte man im Lan-Clan bei Fehlverhalten die Schüler. Auch Wei Wuxian konnte ein Lied davon singen. Obwohl keine hochkomplexe Magie im Spiel war, konnte nur jemand aus dem Lan-Clan den Zauber aufheben. Versuchte man dennoch, gewaltsam die Stimme zu erheben, rissen entweder die Lippen blutig auf oder die Kehle schloss sich gleich für einige Tage. So wurde man gezwungen, den Mund zu halten und sein Verhalten zu reflektieren, bis die Strafe ausgesessen war.

»Oberhaupt Jiang, Ihr braucht nicht zu erzürnen. Solange er nicht gewaltsam versucht, den Zauber zu brechen, wird er sich in einer halben Stunde von selbst lösen«, entgegnete Lan Sizhui.

Jiang Cheng kam nicht dazu, etwas zu erwidern, da ein Mann, gekleidet in der violetten Tracht des Jiang-Clans, rufend durch den Wald auf sie zu gerannt kam. »Oberhaupt!« Als er Lan Wangji entdeckte, zögerte er.

»Sprich! Welche schlechte Nachricht hast du für mich?«, spottete Jiang Cheng.

Leise entgegnete der Bote: »Soeben hat ein fliegendes blaues Schwert die magischen Netze durchschnitten, die Ihr angeordnet hattet.«

Jiang Cheng warf Lan Wangji einen bösen Blick zu. Seine Wut stand ihm nun unverhohlen ins Gesicht geschrieben. »Wie viele wurden zerschnitten?«

Der Mann antwortete zögerlich. »… Alle …«

Über vierhundert Netze!

Jiang Cheng tobte innerlich vor Wut.

Mit so viel Pech hatte er nicht gerechnet. Eigentlich war er gekommen, um Jin Ling zu helfen, der dieses Jahr fünfzehn wurde und nun bereits in dem Alter war, in dem man seinen Weg als Kultivierer antrat und sich mit den Sprösslingen anderer Clans maß.

Nach reichlicher Überlegung und sorgfältigen Vorkehrungen hatte Jiang Cheng schließlich den Dafan-Berg als Jagdgebiet ausgesucht und überall Netze angebracht. Außerdem hatte er die anderen Kultivierer eingeschüchtert, sodass sie angesichts der Schwierigkeiten den Rückzug angetreten hatten und Jin Ling sich ohne viel Konkurrenz hätte hervortun können. Obwohl die vierhundert magischen Netze ein Vermögen gekostet hatten, konnte der Yunmeng-Jiang-Clan diesen finanziellen Verlust ohne Weiteres verschmerzen. Verglichen mit der erlittenen Blamage waren die zerstörten Netze unbedeutend.

Lan Wangjis Einmischung ließ ihn vor Wut kochen, bis er überschäumte. Er kniff die Augen zusammen und strich einige Male geistesabwesend mit den Fingern seiner linken Hand über den Ring an seinem rechten Zeigefinger.

Diese Bewegung war hochgefährlich.

Jeder wusste, dass der Ring eine tödliche magische Waffe war. Jedes Mal, wenn das Oberhaupt des Jiang-Clans ihn berührte, war es ein Zeichen seiner Mordlust.

Nachdem er allerdings eine Weile über den Ring gefahren war, beherrschte er sich und unterdrückte seine Feindseligkeit. Auch wenn es ihm gegen den Strich ging, musste er als Oberhaupt eines Clans mehr Dinge berücksichtigen und konnte nicht mit der gleichen kindischen Impulsivität wie Jin Ling handeln. Nach der Schwächung des Qinghe-Nie-Clans hatten von den drei derzeit existierenden großen Clans die Oberhäupter des Lanling-Jin-Clans und des Gusu-Lan-Clans eine sehr enge, fast schon familiäre Bindung, während er selbst den Yunmeng-Jiang-Clan allein beherrschte. Man konnte also sagen, dass er von den anderen Clans abgeschottet war.

Hanguang-Jun Lan Wangji war ein angesehener Kultivierer und sein älterer Bruder, Zewu-Jun 9 Lan Xichen, das Oberhaupt des Gusu-Lan-Clans. Die beiden hatten ein harmonisches Verhältnis zueinander, sodass Jiang Cheng eine direkte Konfrontation mit Lan Wangji tunlichst vermeiden wollte – wenn es im Bereich des Möglichen lag.

Weiterhin hatten Jiang Chengs und Lan Wangjis Schwerter »Sandu« 10 und »Bichen« noch nie wirklich die Klingen gekreuzt und es war ungewiss, wer die Oberhand gewinnen würde. Und auch wenn er den Familienschatz besaß, den Ring »Zidian« 11, hatte Lan Wangjis Zither »Wangji« 12 ebenfalls einen gefährlichen Ruf.

Jiang Cheng konnte es nicht ausstehen, den Kürzeren zu ziehen, und solange er sich seiner Sache nicht sicher war, würde er es nicht in Erwägung ziehen, sich mit Lan Wangji anzulegen. Langsam zog er daher seine linke Hand, mit der er über den Ring strich, zurück. Da sich Lan Wangji in diese Angelegenheit eingemischt hatte, konnte er nicht einfach weiter den Bösen spielen. Fürs Erste würde er es dabei belassen und die Sache im Hinterkopf behalten.

Nachdem Jiang Cheng diese Entscheidung getroffen hatte, drehte er sich zu dem aufgebrachten Jin Ling herum und sah, dass dieser noch immer nicht den Mund öffnen konnte. »Dieses Mal hat Hanguang-Jun dich bestraft und du musst es wohl über dich ergehen lassen. Mutig, dem Nachwuchs anderer Clans eine Lektion zu erteilen.« Sein Ton war spöttisch, auch wenn unklar war, wem der Spott letztendlich galt.

Lan Wangji hatte noch nie versucht, ein Wortgefecht zu gewinnen, und tat daher so, als hätte er nichts gehört.

Ein bissiger Unterton lag in Jiang Chengs Worten, als er sich erneut an seinen Neffen wandte. »Was stehst du hier noch rum? Wartest du etwa darauf, dass die Beute sich selbst mit deinem Schwert erlegt? Wenn du dieses Wesen auf dem Dafan-Berg heute nicht erlegst, brauchst du mir nie wieder unter die Augen zu treten!«

Jin Ling funkelte Wei Wuxian wütend an, traute sich aber nicht, das Gleiche bei Lan Wangji zu tun, der ihn ja bereits mit dem Verstummungszauber belegt hatte. Er steckte sein Schwert zurück in die Scheide, verabschiedete sich stumm von den beiden Älteren, nahm seinen Bogen und verschwand.

»Oberhaupt Jiang, die zerstörten magischen Netze wird Euch der Gusu-Lan-Clan vollständig ersetzen«, sagte Lan Sizhui.

Jiang Cheng lachte kalt. »Nicht nötig.« Dann wandte er sich in die entgegengesetzte Richtung und stieg mit festen Schritten den Berg hinunter.

Der Bote folgte ihm still. Wohlwissend, bei der Rückkehr eine gehörige Strafe zu erhalten, machte er bereits jetzt ein leidendes Gesicht.

Als ihre Silhouetten nicht mehr zu sehen waren, sagte Lan Jingyi: »Wie kann sich das Oberhaupt des Jiang-Clans nur so aufführen!« und erinnerte sich erst, nachdem er seine Worte bereits ausgesprochen hatte, an die Regel des Lan-Clans, nicht schlecht hinter dem Rücken anderer zu reden. Er erschrak und warf einen Blick zu Hanguang-Jun hinüber. Dann hielt er den Mund und nahm sich zurück.

Lan Sizhui lächelte Wei Wuxian leicht an. »Junger Herr Mo, so sieht man sich wieder.«

Wei Wuxian hob die Mundwinkel.

»Geht, erledigt eure Aufgaben«, befahl Lan Wangji in gewohnt wortkarger Manier.

Jetzt erst fiel den Schülern wieder ein, weshalb sie hergekommen waren. Sie schoben alle anderen Gedanken beiseite und warteten ehrerbietig, ob noch weitere Anweisungen folgten. Direkt darauf fuhr Lan Wangji fort: »Gebt euer Bestes, aber werdet nicht übermütig.«

Seine Stimme war tief und klangvoll. Würde man direkt neben ihm stehen, würde einem sicher das Herz zittern. Die Schüler gehorchten. Sie wagten es nicht, länger zu bleiben, sondern machten sich auf, tiefer in den Wald vorzudringen.

Wei Wuxian dachte sich, dass Jiang Cheng und Lan Zhan 13 zwei völlig gegensätzliche Persönlichkeiten besaßen. Selbst die Art, wie sie die Sprösslinge ihrer Clans ermahnten, unterschied sich gänzlich voneinander. Gerade als ihm dies durch den Kopf ging, sah er plötzlich, wie Lan Wangji ihm kaum merklich zunickte, und konnte seine Irritation darüber nicht verbergen.

Lan Wangji war bereits seit seiner Jugend so ernst, dass man Zahnschmerzen davon bekam. Er war streng, steif wie ein Brett und vermittelte den Eindruck, als hätte er in seinem Leben nicht einen ausgelassenen Moment erlebt. Selbst die kleinsten Regelverstöße waren ihm ein Dorn im Auge und er hatte zutiefst missbilligt, dass Wei Wuxian sich der dämonische Lehre angenommen hatte. Wahrscheinlich hatte Lan Sizhui ihm bereits von Wei Wuxians suspekten Verhalten im Dorf Mo berichtet, und dennoch nickte er ihm grüßend zu, als würde er sich dafür bedanken, dass er den Schülern des Lan-Clans aus der Patsche geholfen hatte.

Ohne groß nachzudenken erwiderte Wei Wuxian die Geste, doch als er den Kopf wieder hob, war Lan Wangji bereits verschwunden.

Nachdem er einen kurzen Moment innehielt, drehte er sich um und machte sich auf den Weg bergab.

Welche Beute auch immer auf dem Berg wartete, er wollte sie nicht mehr. Wei Wuxian wäre mit jedem in den Wettstreit getreten, aber sicher nicht mit Jin Ling.

Es war tatsächlich Jin Ling.

Unter all den Schülern des Lanling-Jin-Clans hätte er niemals erwartet, ausgerechnet auf ihn zu treffen. Hätte er vorhin gewusst, wer er war, hätte er ihn zu keiner Zeit mit »Deine Mutter hat dich zwar geboren, aber erzogen hat sie dich nicht« verspottet. Hätte das jemand anderes zu Jin Ling gesagt, hätte Wei Wuxian der Person gezeigt, welche Konsequenzen ein loses Mundwerk haben konnte. Doch in diesem Fall war er selbst derjenige gewesen, der die Worte ausgesprochen hatte.

Nach einem Moment der Stille hob Wei Wuxian die Hand und gab sich selbst eine Ohrfeige.

Sie war laut und kraftvoll, sodass seine rechte Gesichtshälfte brannte. Als es plötzlich im Gebüsch raschelte und vor seinen Augen der Esel erschien, ließ er die Hand sinken. Der Esel kam diesmal von sich aus zu ihm.

Wei Wuxian zog an seinen langen Ohren und sagte mit einem bitteren Lachen: »Du wolltest die Schöne in Nöten retten und hast mich dann den Helden spielen lassen.«

Der Esel wieherte, als ihnen eine Gruppe Kultivierer von unten den Berghang hinauf entgegenkam. Nachdem alle vierhundert magischen Netze von Lan Wangjis fliegendem Schwert durchtrennt worden waren, strömten nun die Kultivierer, die zuvor in Fojiao gezögert hatten, den Berg hinauf. Diese Menschen waren Jin Lings Konkurrenten, daher dachte Wei Wuxian einen Moment lang darüber nach, ob er sie nicht wieder nach unten vertreiben sollte. Er machte ihnen dann aber doch still Platz.

Die Gruppe bestand aus Schülern verschiedener Clans, die alle unterschiedliche Roben trugen. Während sie gingen, schimpften sie: »Der Jin-Clan und der Jiang-Clan lassen diesem jungen Herrn Jin eine derartige Sonderbehandlung zukommen, dass er bereits in diesem jungen Alter so ein gebieterischer Tyrann ist. Wenn der später mal den Lanling-Jin-Clan übernimmt, wird was los sein. Dann können wir einpacken!«

Wei Wuxians Schritte verlangsamten sich.

Eine mitfühlende Kultiviererin seufzte: »Wie könnte man ihn denn nicht verwöhnen? In so einem jungen Alter hat er bereits beide Eltern verloren.«

»Shimei 14, so kann man das nicht sagen. Dann sind seine Eltern halt tot, na und? Es gibt unzählige Waisen auf der Welt. Nicht auszumalen, was passieren würde, wenn die sich alle so aufführen würden wie er!«

»Unfassbar, dass Wei Wuxian das wirklich fertigbringen konnte. Dabei war Jin Lings Mutter doch Jiang Chengs große Schwester und hatte ihn als seine Shijie 15 mit großgezogen.«

»Jiang Yanli hatte wirklich Pech, einen so undankbaren Hund aufzuziehen. Und Jin Zixuan erging es noch schlechter. Nur weil er sich früher mal leicht mit Wei Wuxian in die Haare gekriegt hatte, erlitt er gleich so ein grausames Schicksal.«

»Wei Wuxian hat sich doch mit jedem in die Haare gekriegt …«

»Aber echt. Außer mit dem Rudel verrückter Hunde, das er aufzog, hatte er doch zu keinem ein gutes Verhältnis. Wo er auch hinging, erzürnte er die Menschen und den Himmel. Selbst mit Hanguang-Jun war er sich spinnefeind, die beiden waren wie Hund und Katz …«

»Wo wir gerade von Hanguang-Jun sprechen, dank ihm haben wir heute …«

Nachdem Wei Wuxian eine Weile gelaufen war, vernahm er das Plätschern eines Bachs. Auf dem Hinweg hatte er ihn nicht gehört. Jetzt erst bemerkte er, dass er den falschen Weg bergab genommen und auf einen anderen Pfad abgebogen war.

Er führte den Esel zum Bachlauf. Weit über ihnen hing der Mond. Weder Blätter noch Äste bedeckten das Ufer, im Strom brach der Frost.

Wei Wuxian sah in der Wasserspiegelung ein durch die Strömung verzerrtes Gesicht.

Wütend schlug er ins Wasser und das lächerliche Gesicht zerstob. Dann hob er seine triefnasse Faust und wischte am Bach sitzend den Puder aus dem Gesicht.

Nun reflektierte das Wasser einen überaus eleganten, anmutigen Mann. Das Gesicht war so rein, als hätte es im Mondschein gebadet. Er hatte fein geschwungene Brauen, klare Augen und seine Mundwinkel waren leicht nach oben geformt. Während er sich über die Wasseroberfläche beugte und sich selbst intensiv studierte, rannen die Wasserperlen von seinen Wimpern unaufhörlich wie Tränen herunter.

Es war ein junges, fremdes Gesicht und nicht das des Yiling-Patriarchen Wei Wuxian, der einst die Weltordnung umgestürzt und ein Meer aus Blut und Leichen hinterlassen hatte.

Er betrachtete dieses Gesicht noch lange, wischte es noch einige Male ab, rieb sich die Augen und saß schwermütig am Ufer.

Es war nicht so, dass er die verbalen Angriffe der anderen nicht ertragen konnte. Immerhin war er sich von Anfang an im Klaren darüber gewesen, welcher Weg von dem Moment seines Entschlusses an vor ihm liegen würde. Bereits früh ermahnte er sich immer wieder selbst: Merke dir diese eine Regel des Yunmeng-Jiang-Clans: »Tu das Unmögliche.«

Und obwohl er dachte, er hätte ein Herz aus Stein, war auch er letztendlich nur ein Mensch.

Es schien, als würde der Esel spüren, dass es ihm gerade nicht gut ging, sodass er ausnahmsweise einmal nicht ungeduldig zeterte, sondern für eine Weile ruhig dastand und schließlich mit wedelndem Schwanz fortging. Wei Wuxian blieb weiterhin am Ufer sitzen und reagierte nicht darauf. Also drehte der Esel sich um und stampfte mit den Hufen, doch es kam noch immer keine Reaktion. Wütend kehrte der Esel um und zerrte mit seinen Zähnen an Wei Wuxians Ärmel.

Es war ihm vollkommen gleich, ob er weiter mit dem Esel reiste oder nicht. Aber jetzt, wo sich dieser schon an ihm festgebissen hatte, konnte er auch genauso gut mitgehen.

Der Esel führte ihn unter ein paar Bäume und umkreiste eine Stelle im Gras. Dort lag ein Kosmos-Beutel. Darüber hing ein zerschnittenes goldenes Netz. Wahrscheinlich hatte irgendein unglücklicher Kultivierer ihn verloren, als er befreit worden war. Wei Wuxian hob den Beutel auf und entdeckte beim Öffnen eine Menge Krimskrams, Flaschen mit Tinkturen, Talismane, kleine Dämonenspiegel und Ähnliches.

Er kramte eine Weile darin herum und zog schließlich einen Talisman heraus, der in seiner Hand in Flammen aufging.

Es handelte sich um einen Yin-Entflammungstalisman. Als Brennmaterial diente, wie der Name bereits verriet, Yin-Energie, und sobald er mit dieser in Berührung kam, entzündete er sich von selbst. Je stärker die Yin-Energie war, desto stärker loderten die Flammen. Da er sofort angefangen hatte zu brennen, als Wei Wuxian ihn herausgezogen hatte, bedeutete dies, dass sich ganz in der Nähe eine dunkle Seele befand.

Als Wei Wuxian die Flammen sah, war er augenblicklich in Alarmbereitschaft. Er hielt den Talisman in die Höhe und lokalisierte die Richtung. Wandte er sich nach Osten, wurde die Flamme etwas schwächer, sobald er sich jedoch nach Westen drehte, loderte sie auf. Er ging einige Schritte in Richtung Westen und entdeckte eine weiße, gebückte Gestalt unter einem Baum.

Der Talisman verbrannte und die Asche rieselte durch seine Finger zu Boden.

Ein alter Mann stand mit dem Rücken zu ihm gewandt und man hörte ihn murmeln.

Wei Wuxian näherte sich dem alten Mann mit langsamen Schritten und das Murmeln wurde klarer.

»Es tut so weh, es tut so weh.«

»Wo tut es weh?«, fragte Wei Wuxian.

»Am Kopf, am Kopf. Mein Kopf schmerzt«, antwortete ihm der alte Mann.

»Lass mich mal sehen«, erwiderte Wei Wuxian.

Er ging seitlich einige Schritte auf ihn zu, bis er neben dem alten Mann stand. Nun konnte er ein großes, blutrotes Loch in dessen Stirn erkennen. Er war ein Totengeist, wahrscheinlich von jemandem, dem mit einer Waffe der Schädel eingeschlagen worden war. Er trug ein Totenhemd, das aus hochwertigem Material bestand und gut verarbeitet war. Folglich war er ordentlich begraben worden und nicht die verlorene Seele einer lebenden Person.

Allerdings sollte es solche Geister auf dem Dafan-Berg überhaupt nicht geben.

Wei Wuxian konnte sich diese Ungereimtheit nicht erklären und ihn beschlich ein ungutes Gefühl. Er sprang auf den Rücken des Esels, gab ihm als Kommando einen Klaps auf sein Hinterteil und sie trabten in die Richtung von Jin Ling und den anderen bergauf.

Viele Kultivierer durchforsteten die Gegend in der Nähe der alten Gräber und warteten darauf, dass sich das Wesen zeigen würde. Einer hatte sogar den Mut, eine Yin-Anziehungsflagge hochzuheben, lockte damit jedoch nur eine Gruppe weinender dunkler Seelen an.

Wei Wuxian zog am Strick, blickte sich um und fragte mit lauter, klarer Stimme: »Verzeiht die Störung, wo sind denn die jungen Herren des Jin- und des Lan-Clans?«

Jetzt, da er sich das Gesicht gewaschen hatte, ignorierte man ihn nicht mehr und ein Kultivierer antwortete: »Sie haben diese Gegend verlassen und sind zum Göttinnen-Schrein gegangen.«

»Göttinnen-Schrein?«, hakte Wei Wuxian nach.

Die Bauernfamilie war ebenfalls wieder den Berg hinaufgestiegen, als sie gehört hatte, dass die magischen Netze zerstört worden waren und befand sich nun unter den Nachtjäger-Truppen. Der Anführer erkannte ihn anhand der Kleidung und dem bissigen Esel als den Verrückten wieder, der sie gerettet hatte. Er war peinlich berührt und tat so, als wäre nichts vorgefallen, doch das Mädchen mit dem runden Gesicht zeigte ihm den Weg. »Dort! Auf dem Berg dort befindet sich ein heiliger Schrein in einer Steingrotte.«

Wei Wuxian hakte erneut nach: »Welche Gottheit wird denn in dem heiligen Schrein verehrt?«

»Hm, ich glaube die natürlich entstandene Steinstatue einer Göttin«, antwortete ihm das Mädchen.

Er nickte. »Danke.«

Sofort eilte Wei Wuxian in Richtung des Schreins.

Ein Vagabund, der eine Braut gefunden hatte. Ein Sarg, der durch einen Blitzeinschlag geöffnet worden war. Ein Verlobter, der von Wölfen totgebissen worden war. Vater und Tochter, die ihre Seelen verloren hatten. Und jetzt auch noch dieses prächtige Totenhemd … Alle Ereignisse reihten sich wie Perlen auf eine Schnur und ergaben nun die ganze Kette. Kein Wunder, dass der Kompass des Bösen keine Richtung anzeigte und die Yin-Anziehungsflagge erst recht nicht wirkte. Sie alle hatten das Wesen auf dem Dafan-Berg unterschätzt.

Es war nicht das, wofür sie es hielten!

Lan Sizhui und die anderen suchten den Schrein nach Hinweisen ab, nachdem sie keine Spuren bei den alten Gräbern gefunden hatten.

Auf dem Dafan-Berg gab es außer den Gräbern der Vorfahren Fojiaos noch einen Schrein. In diesem wurde kein Buddha und auch keine Guanyin 16 verehrt, sondern eine »tanzende Göttin«.

Vor einigen Jahrhunderten begab sich ein Jägertrupp Fojiaos tief in die Berge und entdeckte dabei einen wundersamen Stein in einer Steingrotte. Er war über drei Meter groß und obwohl er auf natürliche Weise geformt worden war, erinnerte seine Gestalt stark an die eines Menschen. Die Statue hatte vollständig ausgebildete Glieder und eine tanzende Haltung. Noch wundersamer waren ihre Gesichtszüge, die man vage erahnen konnte. Man erkannte in ihnen eine junge Frau, die sanft lächelte.

Die Bewohner von Fojiao waren erstaunt und der Meinung, dass es sich um einen göttlichen Stein handeln musste, in dem sich die spirituelle Energie der Erde und des Himmels gesammelt hatte, und erdachten zahlreiche Sagen und Legenden dazu. In einer der Geschichten hatte sich ein Unsterblicher heimlich in Jiutian Xiannü, die Göttin der neun Himmel 17, verliebt und die Skulptur nach ihrem Ebenbild geschaffen, um seinen Liebeskummer zu verarbeiten. Doch als die das herausfand, war sie so erzürnt, dass die Statue nur halb fertig wurde. Einer anderen Sage nach hatte ein wohlhabender Kaiser eine geliebte Tochter gehabt, die jedoch früh verstorben war. Um ihr Andenken zu ehren, ließ er diese Statue herstellen. Die Menge an Geschichten, die die Stadtbewohner erfanden, verschlug einem die Sprache, und am Ende glaubten sie sogar selbst an ihre eigens erdachten Legenden. Sie benannten die Steingrotte schließlich in »heiliger Schrein« um. Aus einer Steinplatte wurde ein Altar und die Steinstatue verwandelte sich in eine »tanzende Göttin«, zu deren Ehren sie das ganze Jahr über Räucherstäbchen anzündeten.

Das Innere der Grotte war so geräumig wie ein großer Tempel. In der Mitte stand die Statue der Göttin. Wenn man die Augen zusammenkniff, sah sie tatsächlich einem Menschen zum Verwechseln ähnlich. Selbst ihre Taille konnte man als schön und anmutig bezeichnen. Aus der Nähe betrachtet wirkte sie um einiges grober, doch dass etwas, das natürlich entstanden war, so menschenähnlich sein konnte, war bemerkenswert.

Lan Jingyi bewegte den Kompass des Bösen umher, doch die Nadel rührte sich immer noch nicht. Auf dem Tisch für die Opfergaben, den eine dicke, von den Räucherstäbchen verursachte Ascheschicht bedeckte, lagen Kerzenreste verstreut und ein faulig süßer Geruch ging von den dargebotenen Obsttellern aus. Die Mitglieder des Gusu-Lan-Clans hatten alle einen mehr oder weniger ausgeprägten Sauberkeitstick, weshalb er sich frische Luft zufächelte. »Die Menschen hier behaupten, dass dieser Schrein besonders viele Wünsche erfüllt. Wie kommt es dann zu so einem Chaos? Die sollten hier mal dringend aufräumen!«

Lan Sizhui erwiderte: »Sieben Menschen haben innerhalb kürzester Zeit ihre Seelen verloren und es geht das Gerücht um, dass der Blitzeinschlag einen bösen Geist aus dem Sarg eines Ahnen freigelegt hat. Wer würde sich da noch auf den Berg trauen? Natürlich denkt gerade niemand daran, die Asche der Räucherstäbchen wegzuräumen.«

Außerhalb der Grotte ertönte eine verächtliche Stimme. »Wer hat denn so einen zerfallenen Steinklumpen zur Gottheit erklärt? Unfassbar, dass dies hier tatsächlich zum Schrein erklärt worden ist, damit Leute davor niederknien!«

Jin Ling trat mit den Händen auf dem Rücken ein. Die Wirkung des Verstummungszaubers hatte nicht lange angehalten, sodass er mittlerweile wieder sprechen konnte. Kaum hatte er jedoch seinen Mund geöffnet, kam schon wieder nichts Gutes heraus. Er betrachtete die Statue und schnaubte verächtlich. »Diese Dorfbewohner strengen sich kein bisschen an, wenn sie mal mit Problemen zu kämpfen haben, und zünden stattdessen den lieben langen Tag Räucherstäbchen an, um für göttlichen Beistand zu beten. Es gibt zigtausend Menschen auf der Welt und die Götter kommen nicht einmal dazu, ihre eigenen Angelegenheiten zu erledigen. Als ob sie da die Zeit hätten, sich auch noch um sie zu kümmern! Und dann beten sie auch noch so eine wilde, namenlose Gottheit an. Wenn die tatsächlich so viele Wünsche erfüllt, versuch ich’s mal: Ich wünsche mir, dass dieses Seelen fressende Ungeheuer vom Dafan-Berg sofort vor mir erscheint! Na, schafft sie das?«

Eine Gruppe Kultivierer kleinerer Clans folgte ihm, lachte laut über das Gesagte und bekundete Zustimmung. Durch die vielen Menschen wurde es in der sonst so ruhigen Grotte laut und eng.

Lan Sizhui schüttelte still den Kopf, drehte sich in die andere Richtung und schaute sich beiläufig um. Sein Blick wanderte zum Gesicht der Statue. Ihre Gesichtszüge waren nur vage zu erkennen, es schien aber, als würde sie barmherzig lächeln.

Dieses lächelnde Gesicht kam ihm merkwürdig bekannt vor, als hätte er es schon einmal irgendwo gesehen. Aber wo?

Lan Sizhui hatte das Gefühl, dass dies ein sehr wichtiger Hinweis war, und trat unwillkürlich näher an den Altar heran, um das Gesicht der Göttin näher zu betrachten. Genau in dem Moment stieß er mit jemandem zusammen.

Ein Kultivierer, der zuvor hinter ihm gestanden hatte, fiel ohne jede Vorwarnung zu Boden. Erschrocken gingen alle sofort in Habachtstellung.

»Was ist mit ihm?«, fragte Jin Ling alarmiert.

Lan Sizhui griff nach seinem Schwert und trat näher an den Körper, um ihn zu untersuchen. Der Kultivierer atmete unverändert, als wäre er nur unvermittelt in einen tiefen Schlaf gefallen, doch egal wie sehr er auch nach ihm rief und ihn rüttelte, er wachte einfach nicht auf.

Lan Sizhui stand auf und begann: »Er scheint wohl …«

Bevor er jedoch den Satz beenden konnte, wurde es plötzlich hell. Die zuvor dunkle Grotte erstrahlte in einem roten Glanz, als hätte sich plötzlich ein Blutschwall über die Wände ergossen. Die Kerzen auf dem Altar und in der Ecke der Grotte entflammten von selbst.

Schwerter klirrten, als alle in der Grotte ihre Waffen zogen. Einige hielten Talismane in die Höhe.

Genau in diesem Moment stürmte Wei Wuxian von draußen herein und übergoss die Statue mit medizinischem Alkohol aus einem Flaschenkürbis, sodass die ganze Grotte mit einem Mal von einem starken Alkoholgeruch erfüllt war. Dann hob er einen Talisman und malte damit etwas in die Luft, bevor er ihn auf die Statue warf. Sofort brannte der Altar lichterloh und in der Grotte wurde es taghell.

Wei Wuxian brauchte alle Dinge auf, die er im Kosmos-Beutel hatte, dann warf er ihn weg und rief: »Zieht euch zurück! Seid vorsichtig, in dem Stein befindet sich eine Seelen fressende Göttin!«

»Sie hat sich bewegt!«, schrie jemand schockiert.

Gerade eben noch waren beide Arme der Statue eindeutig erhoben gewesen. Ein Arm hatte anmutig in den Himmel gezeigt, ein Fuß war angehoben gewesen. Nun aber senkten sich die Arme und der Fuß im lodernden Licht der rot-gelben Flammen. Ein Irrtum war ausgeschlossen, ihre Augen spielten ihnen keinen Streich!

Im nächsten Moment hob die Statue wieder ihren Fuß – und trat aus den Flammen heraus!

Wei Wuxian schrie erneut: »Rennt, rennt, rennt! Na los! Es ist zwecklos, ihr könnt nichts gegen sie ausrichten!«

Ein Großteil der Kultivierer ignorierte ihn.

Endlich zeigte sich das Seelen fressende Monster, das sie so lange gesucht und nicht gefunden hatten. Wie hätten sie es entkommen lassen können! Doch selbst mit all ihren magischen Schwertern, den Talismanen und sonstigen magischen Waffen waren sie nicht in der Lage, auch nur einen einzigen Schritt der Statue aufzuhalten.

Sie war über drei Meter hoch. Sobald sie sich bewegte, glich sie einem Riesen und man hatte das Gefühl, jeden Moment zertreten zu werden.

Sie packte zwei Kultivierer und hob sie direkt vor ihr Gesicht. Für eine Sekunde schien es, als würden sich ihre steinernen Lippen öffnen. Dann fielen die Schwerter der beiden klirrend zu Boden und ihre Köpfe sackten schlaff zur Seite. Offensichtlich waren soeben ihre Seelen ausgesaugt worden.

Als keiner ihrer Angriffe auch nur irgendeine Wirkung zeigte, befolgten die Kultivierer schließlich Wei Wuxians Rat, schwärmten hinaus und flohen in alle vier Himmelsrichtungen.

Je verzweifelter Wei Wuxian in dem Chaos nach Jin Ling suchte, desto schwieriger fiel es ihm, ihn zu finden. Er ritt auf dem Esel in einen nahe gelegenen Bambuswald. Als er sich umdrehte, sah er die Schüler des Lan-Clans und rief ihnen zu: »Kinder!«

Lan Jingyi war empört: »Wer bitte soll hier ein Kind sein?! Ist dir überhaupt bewusst, welchem Clan wir angehören? Glaubst du, nur weil du dir das Gesicht gewaschen hast, müssen wir jetzt Respekt vor dir haben?!«

Wei Wuxian lenkte schnell ein. »Na gut, dann halt ›Brüder‹. Sendet ein Notsignal und ruft diesen … diesen Hanguang-Jun!«

Die Schüler nickten. Während sie rannten, tasteten sie suchend ihre Kleidung ab.

»Die Notsignal-Feuerwerke … Wir haben sie alle in der Nacht im Dorf Mo aufgebraucht«, erkannte Lan Sizhui kurze Zeit später.

Wei Wuxian erschrak. »Und ihr habt sie danach nicht wieder aufgestockt?!«

Die Feuerwerke wurden sonst vielleicht einmal im Jahrtausend benutzt. »Vergessen«, antwortete Lan Sizhui beschämt.

Einschüchternd schrie Wei Wuxian die beiden an: »Wie könnt ihr so etwas vergessen?! Wenn das euer Hanguang-Jun herausfindet, möchte ich nicht in eurer Haut stecken!«

Lan Jingyis Gesicht wurde leichenblass. »Wir sind erledigt. Dieses Mal wird Hanguang-Jun uns ordentlich bestrafen …«

»Ja, das sollte er auch! Anders lernt ihr es ja anscheinend nicht«, bestätigte Wei Wuxian ihre Sorge.

»Junger Herr Mo! Junger Herr Mo! Woher wusstest du denn, dass das Wesen, das die Seelen verschlungen hatte, kein Geist und keine Bestie war, sondern die Statue der Göttin?«, fragte Lan Sizhui.

Wei Wuxian suchte weiterhin nach Jin Lings Gestalt, während sie rannten. »Woher ich das wusste? Ich habe es gesehen.«

Lan Jingyi holte sie beide ein, sodass nun je einer von ihnen links und einer rechts von ihm lief. »Was hast du gesehen? Wir haben uns doch auch umgeschaut!«

»Ihr habt also was gesehen? Und? Was war in der Nähe der alten Gräber?«

»Na was wohl. Die Seelen von Toten.«

»Genau, da waren welche. Daher konnte es auf keinen Fall ein Seelen fressendes Monster oder Geist sein. Ist doch offensichtlich: Wenn es sich um eines dieser beiden Wesen gehandelt hätte, hätte es dann die vielen herumschwirrenden Seelen verschont? Wohl kaum.«

»Warum?«, fragten diesmal beide im Kanon.

»Ihr vom Gusu-Lan-Clan …« Wei Wuxian hielt es nicht mehr aus. »Widmet euch in euren Lehrstunden mal etwas weniger der Etikette und dem Anstand und all diesem endlos langen Quatsch über die Geschichte und die Ursprünge der Kultivierungsclans, den ihr dann auch noch auswendig lernt, und fokussiert euch zur Abwechslung mal mehr auf die Praxis! Was gibt’s daran nicht zu verstehen? Die Seelen von Toten sind wesentlich leichter zu verschlingen als die Seelen von Lebenden! Der Körper von Lebenden ist quasi ein Schutzschild und wenn man eine solche Seele verschlingen will, muss man diesen erst einmal durchbrechen. Das ist in etwa so …«, er schaute zu seinem Esel hinüber, der hechelnd die Augen verdrehte, »… wie wenn man euch einen Apfel vor die Nase hält, während ein anderer in einer verschlossenen Schachtel liegt. Welchen würdet ihr wählen? Natürlich den, der sich direkt vor euch befindet! Dieses Wesen aber frisst nur die Seelen Lebender, und weiß auch, wie es an sie rankommt. Es ist unglaublich wählerisch und unglaublich stark.«

Lan Jingyi war überrascht. »Ach, so ist das also. Das scheint Sinn zu ergeben! Aber warte, das heißt, du bist eigentlich gar nicht verrückt!«

»Wir dachten alle, dass der Erdrutsch und der durch den Blitz freigelegte Sarg die Ursache für die Vorfälle war. Daher gingen wir natürlich davon aus, dass wir es hier mit Seelen fressenden Geistern zu tun haben«, erklärte Lan Sizhui.

»Falsch«, erwiderte Wei Wuxian.

»Was ist falsch?«

»Die Reihenfolge und das Ergebnis sind beide falsch. Frage an euch: Was kam zuerst, der Erdrutsch oder die Vorfälle, bei denen die Seelen ausgesaugt wurden? Was war die Ursache, was das Resultat?«

Ohne zu zögern antwortete Lan Sizhui: »Der Erdrutsch kam zuerst, dann die Vorfälle. Das erste ist die Ursache, letzteres das Resultat.«

»Völlig falsch! Die Vorfälle begannen zuerst, dann der Erdrutsch. Die gefressenen Seelen sind die Ursache, der Erdrutsch das Resultat! Erinnert euch! Am Abend des Erdrutschs regnete und blitzte es heftig und ein Blitzeinschlag öffnete einen Sarg. Der erste, dem die Seele geraubt wurde, war ein Vagabund, der für eine Nacht in den Bergen eingeschlossen war und wenige Tage später heiratete«, erklärte Wei Wuxian.

Lan Jingyi stutzte. »Und was stimmt daran nicht?«

»Alles! Wo soll ein bettelarmer Herumtreiber denn das Geld für eine so große Hochzeit auftreiben?«, stellte Wei Wuxian klar.

Den jungen Kultivierern verschlug es die Sprache. Kein Wunder, wenn man bedachte, dass der Gusu-Lan-Clan sich keine Sorgen um finanzielle Angelegenheiten machen musste. Also fuhr Wei Wuxian fort. »Ihr habt doch die herumschwirrenden Totengeister hier auf dem Dafan-Berg gesehen. Einer davon ist ein alter Mann, dem man den Schädel eingeschlagen hat. Das Material und die Verarbeitung seines Totenhemds ist erstklassig. Und wenn sein Totenhemd bereits so edel ist, wird sein Sarg sicher auch nicht leer gewesen sein. Er wurde garantiert mit einigen Grabbeigaben beerdigt. Bei dem Grab, das durch den Blitzeinschlag geöffnet wurde, handelt es sich höchstwahrscheinlich um seins. Doch derjenige, der später seine Überreste aufgesammelt hat, fand nichts. Der Vagabund muss alles gestohlen haben. Nur so lässt sich sein plötzlicher Geldsegen erklären. Genau eine Nacht nach dem Erdrutsch heiratete er plötzlich, was bedeutet, dass in jener Nacht etwas Merkwürdiges passiert sein muss. Wahrscheinlich lief es so ab: In der Nacht regnete es heftig, also wird er sich einen Unterschlupf gesucht haben. Und wo auf dem Dafan-Berg kann man sich unterstellen? Beim Göttinnen-Schrein. Und wenn man schon mal beim heiligen Schrein ist, gibt es für gewöhnlich eine Sache, die man dort unbedingt tun muss.«

Bei Lan Sizhui fiel langsam der Groschen. »Sich etwas wünschen?«

»Korrekt. Zum Beispiel großes Glück, Geldsegen, Liebe oder Ähnliches. Die Göttin erfüllte seinen Wunsch: Durch das Gewitter öffnete sich das Grab, wodurch er die Schätze entdeckte. Nachdem sich jedoch sein Wunsch erfüllt hatte, nahm sie ihm im Gegenzug in der Hochzeitsnacht seine Seele!«

»Das ist geraten, oder?«, fragte Lan Jingyi skeptisch.

»Ja, ich rate. Folgt man aber diesen Vermutungen, werden alle Ereignisse schlüssig«, entgegnete Wei Wuxian.

»Und wie erklärst du das mit Fräulein A-Yan?«, hakte Lan Sizhui nach.

»Gute Frage. Ihr habt sie euch sicherlich auch schon gestellt, bevor ihr den Berg hochgestiegen seid. A-Yan hatte sich frisch verlobt. Und alle frisch verlobten jungen Frauen haben in der Regel den gleichen Wunsch.«

Lan Jingyi war verwirrt. »Welchen?«

»So was in der Art wie ›Ich wünsche mir, dass mein Mann mich sein ganzes Leben lang lieben und ehren wird, und zwar nur mich allein‹«, klärte Wei Wuxian ihn auf.

Die Irritation stand den jungen Männern ins Gesicht geschrieben. »Kann so ein Wunsch denn wirklich erfüllt werden …?«

Wei Wuxian breitete die Arme aus. »Ganz einfach sogar. Wenn das Leben des Mannes beendet wird, zählt es doch als ›Er hat sein ganzes Leben lang nur eine Person geliebt‹, oder?«

Lan Jingyi ging ein Licht auf und er sagte aufgeregt: »Oh, oh! A… Also ist Fräulein A-Yans Zukünftiger höchstwahrscheinlich zwei Tage nach der Verlobung in den Bergen von Wölfen getötet worden, weil sie sich am Tag zuvor am Schrein etwas gewünscht hatte!«

Wei Wuxian schmiedete das Eisen, solange es noch heiß war. »Schwierig zu sagen, ob es Wölfe waren oder doch etwas anderes, das ihn getötet hat. Außerdem gibt es in A-Yans Fall eine Besonderheit: Wieso ist unter all den Vorfällen nur ihre Seele zurückgekommen? Was ist der Unterschied zwischen ihr und den anderen? Der Unterschied liegt darin, dass noch ein anderes Familienglied seine Seele verloren hat. Oder genauer gesagt: Es hat an ihrer statt den Preis gezahlt! Der Schmied Zheng war A-Yans Vater und er liebte seine Tochter über alles. Und welche Möglichkeit bleibt einem, wenn die Tochter ihre Seele verloren hat, jede Medizin wirkungslos ist und einem die Hände gebunden sind?«

Diesmal war es Lan Sizhui, der rasch verstand. »Er konnte seine letzten Hoffnungen nur noch in den Himmel setzen. Also ging auch er zum Schrein und wünschte sich, dass seine Tochter A-Yan ihre Seele zurückbekommt!«

Wei Wuxian stimmte zu. »Deshalb kehrte nur A-Yans Seele zurück, und das ist auch der Grund, weshalb der Schmied Zheng als dritter seine Seele verlor. Doch obwohl die Statue A-Yans Seele wieder ausspuckte, waren Schäden unvermeidbar. Nachdem die Seele zurückgekehrt war, fing A-Yan unfreiwillig an, den Tanz und sogar das Lächeln der Göttin zu imitieren.«

Die Vorfälle hatten also eins gemein: Die Betroffenen hatten sich alle etwas von der Statue gewünscht. Und der Preis für die Erfüllung ihrer Wünsche war ihre Seele gewesen.

Die Statue der Göttin war ursprünglich nur ein gewöhnlicher Stein gewesen, der zufällig eine menschenähnliche Form besessen hatte. Durch die jahrhundertlange Anbetung hatte er jedoch auf unerklärliche Weise magische Kräfte entwickelt. Die Gier der Statue wurde dadurch jedoch nicht gestillt, und ihr kam der düstere Gedanke, mit dem Aussaugen von Seelen schneller an mehr Macht zu gelangen. Da sie die Seelen nur nahm, wenn sich die Besucher des Schreins etwas wünschten, erschien es so, als hätten die Wünschenden ihre Seelen freiwillig geopfert. Das Ganze wurde somit als ein schlüssiger, äquivalenter Tausch betrachtet, bei dem jeder das bekam, was er wollte. Die Nadel des Kompasses des Bösen schlug daher nicht aus und die Yin-Anziehungsflaggen lockten nichts an. Genauso wenig erzielten die magischen Schwerter und Talismane eine Wirkung – einzig aus dem Grund, da sie es hier nicht mit einem Geist, Dämon oder Monster zu tun hatten, sondern mit einer Gottheit!

Sie war eine wilde Gottheit, genährt durch jahrhundertelange Anbetung und Ehrerbietung. Sie mit den gleichen Waffen anzugreifen wie Geister oder Bestien, war, als würde man Feuer mit Feuer bekämpfen!

Lan Jingyi rief: »Moment mal! Gerade eben wurde aber jemandem am heiligen Schrein die Seele ausgesaugt, ohne dass jemand von uns gehört hat, wie er einen Wunsch geäußert hätte!«

Wei Wuxians Herz pochte wild und er bremste die Schritte des Esels. »Am Schrein wurde jemandem die Seele genommen? Erzähl mir jedes Detail!«

Lan Sizhui berichtete ihm den Hergang im Schnelldurchlauf und als er zu der Stelle kam, an der Jin Ling den Satz »Wenn die tatsächlich so viele Wünsche erfüllt, versuch ich’s mal: Ich wünsche mir, dass dieses Seelen fressende Ungeheuer vom Dafan-Berg sofort vor mir erscheint! Na, schafft sie das?« fallen ließ, entgegnete Wei Wuxian: »Und das soll kein Wunsch gewesen sein? Das ist sehr wohl einer!«

Bei denjenigen, die ihm zustimmten, wurde stillschweigend angenommen, sie hätten denselben Wunsch geäußert. Da die Statue zu dem Zeitpunkt direkt vor ihnen stand, hatte sie ihren Wunsch erfüllt. Nun forderte sie den Preis dafür!

Plötzlich bremste der Esel und schlug einen Haken in die entgegengesetzte Richtung.

Wei Wuxian war darauf nicht vorbereitet, sodass er fiel. Mit Mühe und Not konnte er sich am Strick festhalten, als er es im Unterholz vor sich Knacken und Kauen hörte.

Eine gigantische Gestalt erschien vor ihm im Gebüsch. Ihr riesiges Haupt war zu Boden gesenkt während ihr Unterleib hin und her schwankte. Als sie Wei Wuxian hörte, hob sie ruckartig den Kopf und ihre Blicke trafen sich.

Ursprünglich waren die Gesichtszüge der Seelen fressenden Göttin nur angedeutet gewesen, Augen, Nase, Ohren und Mund lediglich grob umrissen. Doch nun, nachdem sie die Seelen mehrerer Kultivierer verschlungen hatte, waren sie klar definiert. Es war das Gesicht einer lächelnden Frau, aus deren Mundwinkeln frisches Blut tropfte. Ein abgerissener Arm hing ihr aus dem Mund – sie war gerade dabei, ihn zu fressen.

Sofort schlossen sich die anderen dem Esel an und flohen mit ihm in die entgegensetzte Richtung.

Lan Sizhui war verzweifelt. »Da stimmt etwas nicht! Der Yiling-Patriarch hat doch gesagt, höherrangige Wesen verschlingen Seelen, nur niedere fressen Fleisch!«

Hilflos rief Wei Wuxian ihm zu: »Glaub das doch nicht blind, der hat doch selbst seine eigenen Sachen nicht auf die Reihe gekriegt! Keine Regel ist unveränderlich. Betrachte die Statue vielmehr als einen Säugling. Ohne Zähne kann der nur Reisbrei, Wasser und Suppe trinken, doch sobald er größer wird, will er auch seine Zähne benutzen und Fleisch essen. Die spirituellen Kräfte der Göttin sind enorm gewachsen, natürlich will sie da auch mal was Neues probieren!«

Die Göttin stand vom Boden auf. Sie war massiv und verlieh ihrem Tanz ekstatisch mit Händen und Füßen gleichzeitig Ausdruck, ganz so, als wäre sie in Hochstimmung. Plötzlich schnellte ein Pfeil an ihnen vorbei, traf ihre Stirn und trat am Hinterkopf wieder heraus.

Wei Wuxians Blick folgte dem Geräusch der Sehne.

Unweit entfernt stand Jin Ling auf einem hohen Abhang und legte bereits den zweiten Pfeil an, spannte erneut die Sehne und ließ los. Wieder durchbohrte der Pfeil den Kopf der Statue und die Wucht des Einschlags ließ sie einige Schritte rückwärts schwanken.

Lan Sizhui schrie: »Junger Herr Jin! Feuer das Notsignal ab, das du bei dir trägst!«

Jin Ling ignorierte ihn, entschlossen das Monster zu erlegen. Mit ernster Miene spannte er diesmal drei Pfeile auf einmal.

Obwohl sie zweimal am Kopf getroffen worden war, wurde die Göttin nicht wütend, sondern lächelte immer noch über das ganze Gesicht und ging nun zum Gegenangriff auf Jin Ling über. Obwohl sie beim Gehen tanzte, war sie erschreckend schnell und hatte die Distanz zwischen ihnen binnen Sekunden um die Hälfte verringert.

Von der Seite kamen nun einige Kultivierer dazu, die mitkämpften und die Schritte der lebenden Statue verlangsamten. Jin Ling traf mit jedem Pfeil und wirkte fest entschlossen, zuerst all seine Pfeile zu verbrauchen, bevor er zum Nahkampf überging. Seine Hand war ruhig und er zielte genau. Nur leider hatte keine der magischen Waffen eine Wirkung auf die Göttin!

Jiang Cheng und Lan Wangji warteten in Fojiao auf Neuigkeiten. Es war ungewiss, wann sie von selbst bemerken würden, dass etwas nicht stimmte und ihnen zu Hilfe eilten.

Feuer muss man mit Wasser löschen. Wenn die magischen Waffen der Kultivierer keine Wirkung erzielten, musste man es eben mit dämonischen Mitteln versuchen!

Wei Wuxian zog das Schwert, das um Lan Sizhuis Hüfte hing, schnitt damit ein dünnes Stück Bambus ab und schnitzte daraus geschwind eine Flöte. Diese legte er an seine Lippen und atmete tief ein.

Der folgende hohe, schrille Ton der Flöte schoss wie ein Pfeil durch den Nachthimmel.

Hätte er eine andere Wahl gehabt, wäre er nicht so vorgegangen. Doch so, wie die Dinge gerade standen, war es ihm völlig gleich, was er beschwor – solange es boshaft und teuflisch genug war, diese Seelen fressende Göttin in Stücke zu reißen!

Lan Sizhui war wie vom Donner gerührt, während Lan Jingyi sich die Ohren zuhielt. »Was spielst du denn in so einem Moment Flöte?! Das klingt ja grauenvoll!«

Bereits drei oder vier Kultivierern, die gegen die Statue gekämpft hatten, war die Seele ausgesaugt worden. Nur noch wenige Meter trennten Jin Ling von ihr, also zog er sein Schwert

Sein Herz pochte wie wild. Das Blut schoss ihm in den Kopf.

»Wenn ich ihr mit diesem Schlag nicht den Kopf abschlagen kann, ist das hier und jetzt mein Ende – wenn ich sterbe, dann sterbe ich eben!«

Genau in diesem Moment erklang ein metallisches Rasseln aus den Wäldern des Dafan-Berges.

Rassel, Rassel, Rassel, Rassel.

Mal schnell, mal langsam, mal gedämpft, mal hallend hörte man das Echo im stillen Wald. Es schien von Eisenketten zu stammen, die gegeneinander schlugen, während sie über den Boden geschleift wurden.

Das Rasseln kam immer näher und wurde immer lauter.

Aus unerklärlichen Gründen hörte es sich extrem bedrohlich an, sodass selbst die Göttin aufhörte zu tanzen, die Arme hob und in die Dunkelheit starrte, aus der das Geräusch kam.

Wei Wuxian steckte die Flöte weg und sah gebannt in dieselbe Richtung.

Obwohl ihn mehr und mehr eine böse Vorahnung beschlich, konnte er sich zumindest sicher sein, dass es ein Wesen war, das seinen Befehlen gehorchen würde, wenn es sich schon von ihm beschwören ließ.

Der Lärm endete abrupt und eine Gestalt trat aus der Dunkelheit.

Als man sie deutlich erkennen konnte, veränderte sich der Ausdruck auf den Gesichtern der Kultivierer schlagartig. Obwohl sie der Statue einer Göttin gegenüberstanden, die jederzeit ihre Seelen aussaugen konnte, hatten sie bislang weder den Rückzug angetreten noch hatten sie sich auch nur eine Spur von Angst anmerken lassen. Jetzt jedoch waren ihre Schreie von blankem Ersetzen erfüllt.

»Der Geistergeneral! Es ist der Geistergeneral! Es ist Wen Ning!«

Wie »der Yiling-Patriarch« war auch »der Geistergeneral« ein Name, der überall Schrecken verbreitete. Beide wurden oft in einem Atemzug genannt.

Gemeint war damit eine ganz bestimmte Person: Die einstige rechte Hand des Yiling-Patriarchen Wei Yin. Er war derjenige, der ihn bei seinen Gräueltaten unterstützt und mit ihm Chaos und Schrecken verbreitet hatte. Vor ihnen stand der bösartige Untote, dessen Knochen längst hätten eingeäschert und in alle Winde verstreut sein sollen: Wen Ning!

Wen Nings Kopf war leicht gesenkt und seine beiden Arme hingen schlaff herunter, ganz wie bei einer Marionette, die auf die Befehle ihres Puppenspielers wartet. Sein fein geschnittenes Gesicht war leichenblass und besaß eine gewisse melancholische Schönheit. Da jedoch statt Pupillen nur totes Weiß seine Augäpfel zierte und sich vom Hals bis zu den Wangen mehrere schwarze Risse zogen, wich der Eindruck von Melancholie schnell dem erschreckender Trübseligkeit.

Der Saum und die Ärmel seiner Robe waren zerschlissen und entblößten seine Handgelenke, die genauso blass waren wie sein Gesicht, sowie die pechschwarzen Handschellen und Eisenketten, die an seinen Fesseln befestigt waren. Das rasselnde Geräusch kam von eben diesen Ketten, die er beim Laufen hinter sich her schleifte. Sobald er anhielt, trat Totenstille ein.

Es war nicht schwer zu verstehen, weshalb die anwesenden Kultivierer vor Furcht zitterten. Auch Wei Wuxian war innerlich nicht ruhiger als sie. Die Angst fuhr ihm durch Mark und Bein.

Es war nicht nur so, dass Wen Ning nicht hier sein sollte, er sollte überhaupt nicht mehr in dieser Welt existieren. Lange vor der Belagerung der Grabhügel hätte seine Asche in alle Winde verstreut sein sollen!

Als Jin Ling hörte, wie die anderen Wen Nings Namen riefen, wandte er sein Schwert, das bis eben noch auf die Göttin gerichtet war, reflexartig in dessen Richtung. Diese nutzte seine Unachtsamkeit, streckte freudig ihren langen Arm nach ihm aus und hob ihn hoch.

Sie hatte den Mund bereits weit geöffnet und näherte sich Jin Lings Gesicht.

Wei Wuxian hatte keine Zeit, schockiert zu sein. Erneut holte er seine Flöte hervor. Seine Hände zitterten etwas und mit ihnen die Töne, die erklangen. Da er die Flöte außerdem nur grob auf die Schnelle geschnitzt hatte, waren die Klänge kratzig und schmerzten in den Ohren. Aber mit seinem Spiel fing Wen Ning an, sich in Bewegung zu setzen.

Mit einem Mal erschien er vor der Seelen fressenden Göttin, schlug mit der Handkante zu und brach ihr mit einem Knacken den Hals.

Pulsuz fraqment bitdi.

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9783842074446
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