Kitabı oxu: «The Grandmaster of Demonic Cultivation – Light Novel 01»



»Freudige Neuigkeiten – Wei Wuxian ist tot!«
Noch am selben Tag, an dem die Belagerung der Grabhügel ihr Ende gefunden hatte, verbreitete sich diese Nachricht schneller als ein Lauffeuer in der gesamten Kultivierungswelt.
Plötzlich redete jeder, angesehene Familienclans wie auch wandernde Kultivierer, über die Schlacht, die von den vier großen Clans angeführt worden war und bei der Hunderte weitere mitgekämft hatten.
»Großartig, das ist wahrlich ein Grund zur Freude! Welcher Held hat den Yiling-Patriarchen zur Strecke gebracht?«
»Na wer wohl?! Sein Shidi 1 Jiang Cheng, das junge Oberhaupt des Jiang-Clans. Angeführt von den vier großen Clans, dem Jiang-Clan aus Yunmeng, dem Jin-Clan aus Lanling, dem Lan-Clan aus Gusu und dem Nie-Clan aus Qinghe legten sie im Namen der Gerechtigkeit Wei Wuxians Versteck, den die Grabhügel, in Schutt und Asche.«
»Ich muss sagen, da haben sie vortreffliche Arbeit geleistet.«
Sofort klatsche jemand in die Hände und stimmte fröhlich zu: »Das stimmt allerdings! Hätte der Jiang-Clan ihn damals nicht aufgenommen und sich seiner angenommen, wäre Wei Ying 2 nichts weiter als ein herumstreunender Taugenichts gewesen. Doch das einstige Oberhaupt hat ihn wie sein eigen Fleisch und Blut aufgezogen. Und er besitzt doch tatsächlich die Unverfrorenheit, sie alle zu verraten! Er hat sich jeden zum Feind gemacht und das Ansehen des Jiang-Clans beschmutzt. Beinahe wäre seinetwegen der gesamte Clan ausgelöscht worden. So ein undankbarer Hund!«
»Jiang Cheng hat diesen Kerl viel zu lange gewähren lassen. Ich an seiner statt hätte ihn direkt getötet, als er abtrünnig wurde, und nicht nur niedergestochen. Dann hätte er auch keine Gelegenheit gehabt, diese abscheulichen Gräueltaten zu verüben. Bei so jemandem darf man keine Gnade walten lassen – auch nicht, wenn man zusammen aufgewachsen ist und gemeinsam kultiviert hat.«
»Da habe ich aber was anderes gehört. Erlitt Wei Ying damals nicht einen Rückschlag, als er sich an den dunklen Künsten versuchte und von seinen eigenen Geistern zerfleischt wurde? Er soll bei lebendigem Leib in Stücke gerissen worden sein.«
»Ha ha ha ha! Das nennt man Karma. Ich habe es doch gleich gesagt. Diese bösen Geister, die er immer beschworen hat, haben wie ein Rudel tollwütiger Hunde alles und jeden angefallen – letztendlich sogar ihn. Geschieht ihm recht!«
»Das mag ja sein, aber wer weiß, wie die Belagerung der Grabhügel ausgegangen wäre, wenn das junge Oberhaupt des Jiang-Clans die Schwachpunkte des Yiling-Patriarchen nicht gekannt und seine Pläne entsprechend geschmiedet hätte. Vergesst nicht, welchen Gegenstand Wei Wuxian sein Eigen nannte. Und wie damals in nur einer Nacht über dreitausend angesehene Kultivierer einfach ausgelöscht worden sind!«
»Waren es nicht fünftausend?«
»Ob dreitausend oder fünftausend, ändert doch nichts an der Sache. Vielleicht waren es aber wirklich eher fünftausend.«
»Wahrhaft abscheulich …«
»Zum Glück hat er das Yin-Tiger-Amulett vor seinem Tod zerstört – eine gute Tat kann man ihm also durchaus zuschreiben. Andernfalls würde dieses unheilvolle Ding noch immer in der ganzen Welt Schaden anrichten und all die Sünden, die er begangen hat, noch weiter verschlimmern.«
Als das Wort »Yin-Tiger-Amulett« fiel, breitete sich augenblicklich bedrückende Stille aus.
Einen Moment später seufzte jemand. »Hach … Wei Wuxian war früher so ein vielversprechender junger Kultivierer und hat durchaus Gutes getan. Bereits in jungen Jahren feierte er Erfolge und genoss das Ansehen vieler. Wie konnte es nur so weit kommen …?«
Der Themenwechsel belebte die Diskussion erneut.
»Wie man sieht, muss man bei der Kultivierung letztendlich doch den traditionellen Weg gehen. Der Pfad der Dämonenlehre mag zwar für eine Weile verlockend und eindrucksvoll erscheinen, doch, pah, was passiert danach?«
Die Menge antwortete einhellig: »Man stirbt einen grausamen Tod, bei dem der Körper nicht vollständig und unversehrt bleibt!« 3
»Es lag aber nicht ausschließlich an seiner Art der Kultivierung. Letztendlich besaß Wei Wuxian einfach einen miesen Charakter, der den Himmel und die Menschen erzürnte. Somit wird Gutes belohnt und Böses bestraft. Jeder bekommt, was er verdient …«
…
Nach seinem Ableben hatte die Allgemeinheit schnell ihr Urteil über ihn gefällt. Dieses fiel bei jedem mehr oder minder gleich aus – denn existierte es auch nur die geringste Gegenmeinung, wurde diese sofort im Keim erstickt.
Doch es gab einen besorgniserregenden Punkt, der den Menschen keine Ruhe ließ …
Obwohl es hieß, der Yiling-Patriarch Wei Wuxian wäre bei der Belagerung der Grabhügel gestorben, war es ihnen nicht möglich, seine Seele zu beschwören. Möglicherweise war sie in Stücke gerissen worden, als die unzähligen Geister ihn verschlungen hatten – oder aber sie war entkommen.
Wenn Ersteres zuträfe, wäre das ein Grund zum Feiern, doch der Yiling-Patriarch hatte unvorstellbare Kräfte besessen. Er konnte Berge versetzen und Meere umwälzen – zumindest besagten das die Gerüchte. Für so jemanden wäre es sicher ein Leichtes, sich einer Beschwörung zu widersetzen. Sollte seine Seele also zurückkehren und von einem Körper Besitz ergreifen, könnte er wiederauferstehen. Dann stünde der Kultivierungswelt, nein, vielmehr der gesamten Menschheit, eine grausame, finstere Rache bevor. Düstere, blutige Zeiten würden anbrechen.
Daher wurden auf den Grabhügeln einhundertzwanzig Steinstatuen von Bestien aufgestellt und die großen Clans führten unablässig Seelenbeschwörungszeremonien durch. Gleichzeitig wurden jegliche Körperbesitzergreifungen durch Geister strengstens überwacht. Man sammelte allerorts Informationen bezüglich übernatürlicher Erscheinungen und war in höchster Alarmbereitschaft.
Im ersten Jahr war alles ruhig und friedlich.
Im zweiten Jahr war alles ruhig und friedlich.
Im dritten Jahr war alles ruhig und friedlich.
…
Im dreizehnten Jahr war immer noch alles ruhig und friedlich.
So glaubten schließlich immer mehr Menschen, dass Wei Wuxian vielleicht doch nicht über eine derartige Stärke verfügt hatte und seine Seele vielleicht doch vollständig ausgelöscht worden war.
Derjenige, der einst die Rolle des Jägers gespielt hatte, war schließlich zum Gejagten geworden.
Niemand wird bis in alle Ewigkeit verehrt und Legenden sind letztendlich nichts weiter als Legenden.
11 Jüngeres, männliches Mitglied des gleichen Clans.
12 Geburtsname von Wei Wuxian.
13 Diese Art zu sterben galt im früheren China als besonders schlimm. Zudem deutete sie an, dass der Tote im Leben besonders schwerwiegende Sünden verübt hatte.

Wei Wuxian hatte kaum die Augen geöffnet, da wurde er auch schon von jemandem getreten.
Eine donnernde Stimme ertönte nah an seinem Ohr. »Was stellst du dich tot?!«
Der Tritt gegen seine Brust ließ ihn beinahe Blut spucken. Mumm hat er ja, den leibhaftigen Patriarchen zu treten, dachte er benommen, während er rücklings auf dem Boden lag.
Wei Wuxian wusste nicht mehr, wie lange es her war, dass er die Stimme eines Lebenden vernommen hatte – geschweige denn ein derartiges Gebrüll. Verschwommen nahm er eine junge, quakende Stimme wahr, die nervtötend in seinen Ohren widerhallte.
»Du weißt wohl nicht, unter wessen Dach du lebst, an wessen Tisch du isst und wessen Geld du ausgibst! Was ist schon dabei, wenn ich mir ein paar Sachen von dir nehme? Die gehören doch eigentlich sowieso alle mir!«
Das Klirren und Krachen von Regalen, die umgeworfen und zerschlagen wurden, war von allen Seiten zu hören. Nur langsam wurde Wei Wuxians Sicht klarer. Vor ihm erschien schemenhaft ein Dach. Dann entdeckte er ein Gesicht, grün vor Zorn, das ihn mit wütenden Augen anfunkelte. Sein Besitzer spuckte ihn wild von oben an, während krächzend Worte aus seinem Mund schossen: »Du wagst es sogar, mich zu verpetzen! Glaubst du ernsthaft, ich hätte Angst davor, dass jemand in diesem Haus auf deiner Seite steht?«
Zwei stämmige Männer, wahrscheinlich Diener, kamen angelaufen. »Junger Herr, wir haben alles zerschlagen!«
»So schnell?«, quakte der junge Mann.
»In diesem heruntergekommenen Zimmer gibt es nicht viel«, antwortete einer der Diener.
Der junge Mann mit der quakenden Stimme wirkte zufrieden. Also drehte er sich zu Wei Wuxian und schien mit seinem Zeigefinger zwischen seinen Augenbrauen ein Loch in seine Stirn bohren zu wollen. »Erst den Mut haben, mich anzuschwärzen, und sich dann tot stellen. Für wen führst du diese Scharade auf?! Als würde irgendjemand deinen Plunder haben wollen. Ich habe alles zerstören lassen. Wollen wir doch mal sehen, womit du mich jetzt noch verpetzen kannst! Nur weil du ein paar Jahre unter Kultivierern gelebt hast, hältst du dich für was Besseres?! Du wurdest doch fortgejagt wie ein streunender Hund!«
Sich mehr tot als lebendig fühlend dachte Wei Wuxian angestrengt nach. Dass er viele Jahre tot gewesen war, war nicht gespielt.
Wer war das?
Wo war er??
Und wann hatte er ein Ritual zur Körperbesitzergreifung durchgeführt???
Nachdem der quakende Mann ihn getreten, das Zimmer verwüstet und seiner Wut Luft gemacht hatte, trat er nun großspurig mit beiden Dienern aus der Tür und ließ sie mit einem lauten Knall hinter sich ins Schloss knallen. »Behaltet ihn gut im Auge und lasst ihn nicht raus! Er würde uns nur zum Gespött machen.«
Hastig stimmten die Diener zu.
Als sie fort waren, kehrte Ruhe ein.
Wei Wuxian wollte aufstehen, aber seine Glieder reagierten nicht auf seine Befehle, sodass er gezwungen war, liegen zu bleiben. Lediglich in der Lage, sich so weit zu drehen, dass er die fremde Umgebung und die Unordnung auf dem Boden betrachten konnte, wurde ihm erneut schwindelig.
Seitlich von ihm lag ein achtlos hingeworfener Bronzespiegel. Als er ihn aufhob und sich darin betrachtete, blickte er in ein ungewöhnlich weißes Gesicht. Auf die Wangenpartie war jeweils ein großer, roter, ungleichförmiger Fleck gemalt. Es fehlte nur noch die herausgestreckte blutrote Zunge, dann hätte er als der Geist eines Gehängten durchgehen können.
Ungläubig warf Wei Wuxian den Spiegel fort und rieb sich über das Gesicht, woraufhin weißer Puder herabrieselte. Glücklicherweise sah dieser Körper nicht von Natur aus so kurios aus, es handelte sich lediglich um extravaganten Geschmack.
Dass ein Mann sein ganzes Gesicht bemalte, war eine Sache, dass das Ergebnis aber derart hässlich und talentfrei ausfiel, eine andere.
Langsam erholte er sich von dem Schock und schaffte es endlich aufzustehen. Jetzt erst bemerkte er, dass sich unter seinem Körper ein Beschwörungskreis befand. Die Linien waren scharlachrot und die Form nicht richtig rund. Es wirkte ganz so, als hätte ihn jemand händisch mit Blut gemalt. Er war noch nicht vollständig getrocknet und so hing der Geruch von Eisen in der Luft. In das Innere des Kreises waren einige verworrene Beschwörungsformeln gekritzelt, die ein wenig von seinem Körper verwischt worden waren. Die übrigen Symbole und Formeln strahlten etwas Unbehagliches aus.
Wei Wuxian hatte über die Jahre alle möglichen Spitznamen bekommen, höchstes Übel, Gründer des dämonischen Wegs – alle in der Art. Er erkannte daher auf den ersten Blick, dass diese Anordnung nichts Gutes bedeutete.
Er hatte nicht von einem Körper Besitz ergriffen – ihm war einer geopfert worden!
Die Körperopferung war im Grunde genommen ein Fluch, bei dem der Beschwörer durch gewaltsame Selbstverstümmelung seinem Körper Wunden zufügte und die Formation des Bannkreises sowie die Beschwörungsformeln mit dem eigenen Blut malte. In der Mitte des Kreises sitzend, opferte er seinen Körper dann einem abgrundtief bösen Geist. Damit dieser einem einen Wunsch erfüllte, bat man ihn darum, vom Körper Besitz zu ergreifen. Der Preis für die Heraufbeschwörung war die eigene Seele, die zum großen Ganzen zurückkehrte.
Somit unterschied sich die Körperopferung vollkommen von der Körperbesitzergreifung. Bei beiden handelte es sich um verbotene Künste und sie besaßen daher auch beide keinen guten Ruf. Allerdings war erstere nicht so nützlich und beliebt wie letztere. Schließlich haben nur sehr wenige Menschen einen so starken Wunsch, dass sie sich selbst dafür opfern würden.
Da sich dementsprechend kaum jemand praktisch daran versucht hatte, war die Kunst im Laufe der Jahrhunderte beinahe in Vergessenheit geraten. Alten Überlieferungen aus zuverlässiger Quelle zufolge gab es in den vergangenen Jahrtausenden nur drei oder vier Beispiele. Und die Menschen, die sich geopfert hatten, wünschten sich alle ausnahmslos dasselbe: Rache.
Die beschworenen bösen Geister hatten diese stets perfekt ausgeführt, grausam und blutrünstig.
Wei Wuxian konnte es nicht fassen.
Wieso wurde er als »abgrundtief böser Geist« eingestuft?
Sicher, er hatte nicht den besten Ruf genossen und war einen grausamen Tod gestorben, aber er hatte erstens nie als Geist sein Unwesen getrieben und zweitens nie Rache verübt. Er konnte schwören, dass er der friedlichste und anständigste Geist zwischen Himmel und Erde war!
Problematisch war, dass es bei der Körperopferung nur um den Willen des Beschwörers ging – und egal wie sehr ihm das auch missfiel, er war bereits in diesen Körper gefahren und das Abkommen zwischen beiden Parteien galt damit stillschweigend als geschlossen. Er war verpflichtet, den Wunsch des Beschwörers zu erfüllen, andernfalls würde der Fluch auf ihn zurückfallen, seine Seele würde zerstört und er würde niemals wiedergeboren werden.
Wei Wuxian öffnete seinen Gürtel, um sein Gewand zu lockern, hob dann beide Arme und betrachtete die Handgelenke. Wie erwartet waren sie kreuz und quer mit Wunden übersät, die von einer scharfen Waffe stammen mussten. Zwar bluteten sie nicht mehr, aber Wei Wuxian wusste, dass es sich dabei nicht um gewöhnliche Verletzungen handelte. Sollte er den Wunsch des ursprünglichen Besitzers dieses Körpers nicht erfüllen, würden sie auch nicht verheilen. Je länger er brauchte, desto schlimmer würde es werden. Und überschritt er die Frist, würde es ihn, der diesen Körper erhalten hatte, mitsamt seiner Seele zerreißen.
Wieder und wieder vergewisserte sich Wei Wuxian, dass kein Fehler vorlag, und wiederholte innerlich immer wieder fluchend: Das darf doch nicht wahr sein!, bis er sich an der Wand abstützte und aufstand.
Das Zimmer war groß, aber leer und karg. Es war unklar, wann die Tagesdecke zuletzt gewaschen worden war, jedenfalls ging ein muffiger Geruch von ihr aus. In der Ecke lag ein Bambuskorb, der als Abfalleimer verwendet worden war. Bei der Auseinandersetzung war er umgestoßen worden, sodass nun überall Müll und Papier verstreut herumlag.
Wei Wuxian bemerkte Tintenflecke auf dem zusammengeknüllten Papier. Also hob er ein Knäuel auf, öffnete es und sah, dass es mit winzigen Buchstaben vollgekritzelt war. Er machte sich daran, auch alle anderen Papierknäuel vom Boden aufzusammeln.
Bei dem Geschriebenen handelte es sich um den Kummer und die Sorgen, die sich der Besitzer des Körpers verzweifelt von der Seele geschrieben hatte. Einige Passagen waren wirr und konfus, und die innere Unruhe des Verfassers wurde durch die verzerrte Schrift auf dem Papier noch verdeutlicht. Geduldig las Wei Wuxian Seite für Seite und immer mehr beschlich ihn das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte.
Allmählich konnte er sich einige Dinge zusammenreimen.
Der Besitzer dieses Körpers hieß Mo Xuanyu und er befand sich hier im Dorf Mo.
Mo Xuanyus Großvater war ein einflussreicher Mann in dieser Gegend gewesen. Die Familie war jedoch klein und er hatte keinen Sohn. Auch nach jahrelangen Bemühungen waren ihm lediglich zwei Töchter vergönnt gewesen. Die Namen der beiden wurden nicht genannt.
Die erste Tochter stammte von seiner Hauptfrau. Nach ihrer Vermählung zog ihr Mann bei der Familie Mo ein. Die zweite Tochter war zwar von außerordentlicher Schönheit, jedoch das Kind einer Dienerin. Daher war die Familie ursprünglich bei ihrem Zukünftigen nicht sehr wählerisch gewesen. Sie wollten sie einfach nur aus dem Haus haben. Wer hätte auch damit rechnen können, dass sie mit sechszehn Jahren dem Oberhaupt eines angesehenen Kultivierungsclans begegnen würde, der sich auf den ersten Blick in sie verliebte?
Ihre Treffen im Dorf Mo fanden heimlich statt und ein Jahr später gebar sie ein Kind: Mo Xuanyu.
Eigentlich zeigten sich die Bewohner des Dorfes solchen Angelegenheiten gegenüber stets verächtlich, aber die Menschen verehrten nun mal die Kultivierung. Und in den Augen Normalsterblicher wirkten Kultivierer mit ihrer mystischen und noblen Ausstrahlung wie Auserwählte des Himmels. Zudem half ihnen dieses große Oberhaupt gelegentlich aus, sodass sich das Blatt plötzlich wendete. Nicht nur die Familie Mo war stolz darauf, auch die anderen bewunderten sie zutiefst.
Nichts währt jedoch ewig.
Eine Weile konnte sie das Verlangen des Oberhaupts nach Frischfleisch zwar stillen, doch schon nach weniger als zwei Jahren war er ihrer überdrüssig und die Besuche wurden immer seltener. Als Mo Xuanyu vier Jahre alt war, kam er gar nicht mehr.
In dieser Zeit wandelte sich das Urteil der Dorfbewohner erneut in Missgunst, und zu Verachtung und Hohn kam nun auch noch spöttisches Mitleid. Die zweite Tochter der Familie Mo wollte ihr Schicksal nicht wahrhaben. Sie war fest davon überzeugt, dass der Kultivierer nicht einfach so seinen eigenen Sohn vergessen würde. Und tatsächlich sandte er eine Garde, um Mo Xuanyu zu sich zu holen, als dieser vierzehn Jahre alt war.
Die zweite Tochter konnte somit wieder erhobenen Hauptes nach vorne blicken, denn obwohl sie nicht mitgehen konnte, trat anstelle der vorherigen Schmach ein Gefühl von Stolz. Sie prahlte vor jedem damit, dass ihr Sohn in Zukunft zum Oberhaupt der Kultivierungswelt aufsteigen und seinen Vorfahren Ruhm und Ehre einbringen würde. Also änderte sich die Meinung der Dorfbewohner zum dritten Mal und sie diskutierten eifrig über das Geschehene.
Doch noch bevor Mo Xuanyu seine Ausbildung zum Kultivierer abgeschlossen hatte und in die Fußstapfen seines Vaters treten konnte, wurde er wieder zurückgeschickt – und das auf eine überaus peinliche Art und Weise. Mo Xuanyu, der homosexuell war und dies auch ohne Zurückhaltung auslebte, belästigte nämlich ein anderes Mitglied des Clans, sodass bald jeder von dieser hässlichen Angelegenheit erfuhr. Dazu kam, dass er nicht mit Talent gesegnet war und keine besondere Stärke für das Kultivieren besaß, sodass es keinen Grund gab, ihn weiter dazubehalten.
Zur Krönung führte sich Mo Xuanyu nach seiner Rückkehr auch noch wie ein Wahnsinniger auf. Niemand verstand, was in ihm vorging. An einigen Tagen ging es ihm gut, an anderen wiederum nicht, und seine Launen waren so instabil wie die eines Geisteskranken.
An dieser Stelle runzelte Wei Wuxian die Stirn.
Homosexuell und verrückt. Kein Wunder, dass er sich das Gesicht derart zu puderte und keiner sich über die blutigen Symbole auf dem Boden gewundert hatte. Selbst wenn Mo Xuanyu vom Boden bis zur Decke und zum Dach alles mit Blut beschmiert hätte, hätte das wahrscheinlich niemand seltsam gefunden. Weil jeder wusste, dass er verrückt war!
Nachdem Mo Xuanyu in sein altes Zuhause zurückgekehrt war, hatte es von allen Seiten Hohn und Spott gehagelt. Diesmal wirkte es allerdings nicht so, als könnte der Wind ein weiteres Mal drehen. Die zweite Tochter der Familie Mo ertrug diesen Rückschlag nicht. In ihr staute sich unaussprechliche Wut an, bis sie bei lebendigem Leibe daran erstickte.
Zu jenem Zeitpunkt war Mo Xuanyus Großvater bereits verstorben und seine erste Tochter hatte den Platz als Familienoberhaupt eingenommen. Diese konnte ihre kleine Schwester seit jeher nicht ausstehen und verachtete deren unehelichen Sohn nur umso mehr.
Frau Mo hatte einen Sohn, eben jenen quakenden jungen Mann, der gerade befohlen hatte, das Zimmer zu verwüsten: Mo Ziyuan.
Nachdem Mo Xuanyu so eindrucksvoll von den Kultivierern abgeholt worden war, hatte sie sich Hoffnungen gemacht, dass die Gesandten ihren Sohn ebenfalls mitnehmen und ausbilden würden. Sie waren ja schließlich verwandt. Allerdings hatte man ihn abgewiesen, oder besser gesagt: ignoriert.
Selbstverständlich. Das ist nicht wie auf dem Markt, wo man über Chinakohl verhandelt und zwei zum Preis von einem bekommt!
Es war Wei Wuxian schleierhaft, woher die Mitglieder dieser Familie ihr Selbstvertrauen hatten. Sie waren seltsamerweise alle fest davon überzeugt, dass Mo Ziyuan das Zeug und die Gabe zum Kultivierer besaß. Sie glaubten, dass, wenn er damals gegangen wäre, ihn die Kultivierer sicher anerkannt hätten und er erfolgreicher gewesen wäre als sein Cousin. Als Mo Xuanyu fortgegangen war, war Mo Ziyuan noch klein gewesen. Doch dieser Gedanke, der jeglicher Logik entbehrte, war ihm von Kindesbeinen an immer wieder eingetrichtert worden und so glaubte er nun fest daran. Ständig erniedrigte er Mo Xuanyu und warf ihm vor, er hätte ihm seine Chance zum Kultivieren genommen. All die Talismane, magische Pillen und kleinen Instrumente, die Mo Xuanyu von seiner Ausbildung mit nach Hause gebracht hatte, liebte Mo Ziyuan so sehr, dass er sie nicht mehr aus der Hand gab. Er erhob alleinigen Anspruch auf die Gegenstände und verfuhr mit ihnen, wie es ihm beliebte.
Mo Xuanyu stand zwar des Öfteren geistig vollkommen neben sich, aber auch er wusste, wann er gedemütigt wurde. Er schluckte es wieder und wieder. Mo Ziyuan wiederum nahm sich immer mehr heraus und plünderte fast sein gesamtes Zimmer. Schließlich hielt Mo Xuanyu es nicht mehr aus, trat vor seinen Onkel und seine Tante und beschwerte sich stotternd. Das erklärte den Ärger, den Mo Ziyuan gerade angezettelt hatte.
Die Schrift auf dem Papier war so klein und dicht, dass Wei Wuxian beim Lesen die Augen schmerzten und er sich fragte, was das heute nur für ein bescheuerter Tag war. Kein Wunder, dass Mo Xuanyu seinen Körper geopfert hatte, um einen bösen Geist zu beschwören, der Rache für ihn nehmen sollte.
Mittlerweile taten ihm nicht mehr nur die Augen, sondern der gesamte Kopf weh. Eigentlich musste der Beschwörer während des Rituals seinen Wunsch gedanklich präzise formulieren, und als beschworener Geist hätte Wei Wuxian diese Forderungen auch genau hören müssen. Mo Xuanyu hatte das Ritual jedoch anhand eines lückenhaften Buches über verbotene Künste durchgeführt, das er wohl heimlich irgendwo hatte mitgehen lassen. Da er das Ritual somit nicht vollständig erlernt hatte, ließ er diesen Schritt aus. Auch wenn Wei Wuxian vermutete, dass es ihm um Rache an der Familie Mo ging, blieb immer noch die Frage, wie er sie verüben sollte? Wie weit sollte er gehen? Sollte er die gestohlenen Sachen zurückholen? Die Familie Mo übel zurichten? Oder … die gesamte Familie auslöschen?
Wahrscheinlich war es das. Er sollte sie auslöschen! Immerhin wusste jeder in der Kultivierungswelt, mit welchen Worten Wei Wuxian am häufigsten beschrieben wurde: undankbar und grausam. Gab es jemanden, der den Titel »dämonischer Teufel« mehr verdiente als er?
Da Mo Xuanyu den Mut gehabt hatte, ausgerechnet ihn herbeizurufen, konnte es sich nicht um einen einfachen Wunsch handeln.
»Du hast dir den Falschen ausgesucht …«, sagte Wei Wuxian verzweifelt.
Eigentlich wollte er sich das Gesicht waschen und diesen Körper einmal begutachten, stellte dann jedoch fest, dass es im Zimmer kein Wasser gab – weder zum Trinken noch zum Waschen. Die einzige Schüssel im Raum schien für den Toilettengang gedacht zu sein.
Als er gegen die Tür drückte, stellte er fest, dass sie von außen verriegelt war. Wahrscheinlich befürchteten sie, dass Mo Xuanyu draußen herumlaufen und Unfug anstellen könnte.
Nichts veranlasste Wei Wuxian auch nur ansatzweise dazu, Freude über seine Wiedergeburt zu verspüren!
Er entschied, dass er genauso gut erst einmal meditieren konnte, um sich an seinen neuen Körper zu gewöhnen. Währenddessen brach ein neuer Tag an. Als er die Augen wieder öffnete, fielen Sonnenstrahlen durch die Tür- und Fensterspalten ins Zimmer. Obwohl er nun aufstehen und gehen konnte, schmerzte sein Kopf noch immer und es gab keine Anzeichen auf Besserung. Wei Wuxian konnte sich keinen Reim darauf machen.
»Mo Xuanyus spirituelle Energie ist verschwindend gering. Es kann also nicht sein, dass ich diesen Körper nicht kontrollieren kann. Wieso ist das nur so schwer?«
Erst als er ein Rumoren in der Magengegend verspürte, verstand er, dass sein Zustand nichts mit spiritueller Energie zu tun hatte – dieser Körper war lediglich nicht ans Fasten gewöhnt und nun hungrig. Wenn er jetzt nicht auf die Suche nach etwas Essbarem ging, würde er vielleicht als der erste böse Geist in die Geschichte eingehen, der direkt nach seiner Beschwörung den Hungertod starb.
Wei Wuxian atmete tief ein, hob einen Fuß und wollte gerade die Tür eintreten, als er plötzlich hörte, wie jemand sich näherte und der Tür schließlich einen ungeduldigen Tritt versetzte.
»Essen!«
Zwar brüllte die Person laut, machte jedoch keine Anstalten, die Tür zu öffnen.
Wei Wuxian senkte den Kopf und sah, wie sich eine Luke im unteren Teil der Tür öffnete und eine kleine Schüssel davor abgestellt wurde.
Der Diener draußen rief: »Beeil dich mal! Was trödelst du so rum?! Iss und stell dann die Schüssel wieder raus!«
Die Luke war kleiner als eine für Hunde. Durch sie passte kein Mensch, aber eine Schüssel schon. Zwei Gerichte und Reis, besonders appetitlich sah das nicht aus.
Wei Wuxian stocherte mit den Stäbchen, die im Reis steckten, im Essen herum und ein Gefühl der Traurigkeit erfüllte ihn.
Der große Yiling-Patriarch war gerade erst in die Menschenwelt zurückgekehrt, schon wurde er getreten und übel beschimpft. Sein Willkommensmahl bestand aus kalten Essensresten. Was war mit dem Blutbad? Dem Gemetzel? Der Ausrottung aller Clans? Wer würde das hier schon glauben? Er glich einem Tiger, der auf dem Flachland von Hunden schikaniert wurde. Oder einem Drachen, den im seichten Wasser Garnelen traktieren. Einem Phönix, dem man die Federn gerupft hatte, sodass er nun nicht besser war als ein Huhn.
In diesem Augenblick ertönte erneut die Stimme des Dieners, doch diesmal wirkte sie wie ausgewechselt. Er lachte fröhlich. »A-Ding! Komm mal her!«
Eine klare, sanfte Frauenstimme antwortete von Weitem: »A-Tong, bringst du dem da drinnen wieder das Essen?«
Abwertend erwiderte A-Tong: »Was sollte ich sonst in diesem unheilvollen Hof machen?!«
A-Dings Stimme war jetzt sehr viel näher. Sie musste mittlerweile vor der Tür stehen. »Du musst ihm nur einmal am Tag etwas zu Essen bringen. Und wenn du gelegentlich faulenzt, sagt auch niemand was. Es ist so eine entspannte Aufgabe und trotzdem beschwerst du dich noch darüber, wie unheilvoll der Hof ist. Schau mich mal an! Ich habe so viel zu tun, dass ich nicht mal ausgehen und mich etwas vergnügen kann.«
A-Tongs Beschwerde folgte prompt. »Ich bringe ihm ja nicht nur das Essen! In diesen Zeiten traust du dich noch auszugehen? Bei den vielen Untoten verriegelt doch jedermann fest seine Türen.«
Wei Wuxian hockte sich an die Tür. Mit der Schüssel und den beiden verschieden langen Stäbchen in der Hand aß er, während er nebenbei lauschte.
Anscheinend war es im Dorf Mo in letzter Zeit nicht allzu friedlich zugegangen.
Untote waren Verstorbene, die sich bewegen und laufen konnten. Sie gehörten einer relativ niedrigen Klasse transformierter Leichen an und waren keine Seltenheit. In der Regel hatten sie einen leblosen Blick, schlurften langsam herum und waren nicht besonders stark. Das reichte allerdings bereits aus, um gewöhnliche Menschen zu erschrecken. Allein ihr Fäulnisgeruch löste bei den meisten schon einen Brechreiz aus.
Für Wei Wuxian jedoch waren sie die am einfachsten zu kontrollierenden und gehorsamsten Marionetten, und es flackerte kurz ein Gefühl der Vertrautheit auf, als sie so plötzlich erwähnt wurden.
A-Tong schien der Dienerin beim Sprechen zuzuzwinkern. »Wenn du ausgehen willst, musst du mich mitnehmen. Ich beschütze dich …«
»Du? Mich beschützen? Du Angeber, kannst du diese Ungeheuer etwa abwehren?«
»Wenn ich es nicht kann, können andere es genauso wenig«, entgegnete er ihr ärgerlich, woraufhin A-Ding lachte.
»Woher willst du bitte wissen, dass andere es nicht können? Ich erzähl dir mal was: Heute sind Kultivierer bei uns eingetroffen und ich habe gehört, dass sie von einem berühmten Clan kommen! Die Herrin begrüßt sie gerade in der Empfangshalle und alle im Dorf wohnen dem seltenen Spektakel bei. Hör doch, es ist ziemlich laut, oder? Als ob ich da Zeit hätte, mit dir herumzualbern. Wahrscheinlich tragen sie mir gleich wieder etwas auf.«
Konzentriert horchte Wei Wuxian und vernahm vages Stimmengewirr aus östlicher Richtung. Einige Augenblicke dachte er nach, dann stand er auf und trat die Tür ein, sodass der Riegel mit einem Krachen zerbarst.
Die beiden Diener waren gerade dabei gewesen, kichernd verliebte Blicke und Worte auszutauschen, als die Tür zu beiden Seiten aufsprang und sie erschrocken aufschrien.
Wei Wuxian warf Schüssel und Stäbchen hin und trat geradewegs hinaus ins Sonnenlicht. Es stach so sehr in seinen Augen, dass er sie einen Moment lang nicht öffnen konnte. Auch auf der Haut spürte er ein leichtes Prickeln. Er hob die Hand vor die Augen und schloss sie für einen Moment.
A-Tongs Schrei war sogar noch schriller als der von A-Ding gewesen. Nach einem kurzen Moment des Schrecks erinnerte er sich jedoch daran, dass es der Verrückte war, der da vor ihm stand und auf dem jeder herumtrampelte. Also kehrte sein Übermut zurück. Er wollte die Blamage von eben wieder ausgleichen, sprang auf ihn zu, schimpfte ihn aus und versuchte, ihn mit einer wedelnden Geste fortzujagen wie einen Hund.