Kitabı oxu: «Trust me - Blindes Vertrauen»
Table of Contents
Prolog Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20 Kapitel 21 Epilog
Moni Kaspers
Trust me – Blindes Vertrauen


Copyright @ 2020 Doderer Verlag
Lektorat: Kristina Licht
Umschlaggestaltung: Kristina Licht
Titelabbildung: Shutterstock
Satz: Lina Jacobs
ISBN: 978-3-9821804-0-3
Nur der ist blind, der nicht sehen will

Verzweifelt und vom Glück vergessen,
Dämonen und Schatten, die Seelen fressen.
Vor Erinnerung und Unglück flüchtend,
Zuneigung und Liebe fürchtend.
Des Kämpfens müde, auf der Reise,
doch plötzlich klopft das Wunder leise.
Prolog
Nur langsam näherte er sich der massigen, männlichen Gestalt, die mit dem Rücken zu ihm auf einer Parkbank saß. Die herabhängenden Schultern und der auf die Brust geneigte Kopf erzählten eine kleine Geschichte über den inneren Zustand des Mannes. Leon kannte die Geschichte, er kannte sie viel zu gut. Es war schließlich auch seine. Sie waren untrennbar miteinander verbunden.
Einen Moment blieb Leon unter der ausladenden Kiefer stehen, deren Zweige beinahe hinüber bis zu jener Bank reichten. Er sog den beruhigenden und intensiven Duft ihres tropfenden Harzes ein, dann setzte er seinen Weg über den watteweichen Nadelboden fort zu der Gestalt, die dort auf ihn wartete. Als Jasper ihn bemerkte, drehte er den übergewichtigen Körper leicht in seine Richtung, dann wandte er ihm das Gesicht zu und sah ihm entgegen.
Leon hob kurz die Hand zum Gruß, doch sein Bruder drehte sich nur wortlos wieder um. Er schob Jaspers Rollator beiseite, um ihn begrüßen zu können, beugte sich zu ihm hinunter und umarmte ihn kurz. Für Außenstehende mochte es kühl wirken, doch das Band zwischen seinem jüngeren Bruder und ihm war innig.
„Schön, dass du da bist“, sagte Jasper und griff in eine Tüte mit Erdnüssen. Er nahm welche heraus und schob ihm den knisternden Beutel zu. „Auch welche?“ Leon lehnte dankend ab. „Meine Psychologin hat mir dazu geraten“, erklärte Jasper. „Immer wenn mich die Sucht überkommt, soll ich Nüsse essen. Die Mühe, sie zunächst aus der Schale zu brechen und herauszupulen, um dann die winzige Frucht zu essen, hält mich momentan von Fressattacken ab.“
„Es scheint zu helfen“, stellte Leon fest. „Du hast bereits abgenommen.“
„Ja, Gott, das habe ich. Dank eines Ernährungsprogrammes an der Uni. In Kürze bin ich sogar so weit, ein Magenband einsetzen zu lassen.“
„Das klingt super! Du machst offenbar Fortschritte. Was sagt Raven dazu?“
„Sie hat mich verlassen.“
Diese Nachricht hatte Leon nicht erwartet. War die Trennung etwa der Grund für Jaspers Bitte um ein Treffen?
„Ernsthaft? Sie ist weg?“, hakte er noch einmal nach. „Warum?“
„Sie hat ihre Klamotten gepackt, den Autoschlüssel genommen und Abflug.“ Er ahmte ein startendes Flugzeug nach, was im Zusammenhang irgendwie sinnlos war.
„Einfach so? Hat sie nichts gesagt?“
„Doch. ‚Fick dich‘, hat sie gesagt.“
Leon hätte beinah gelacht. Es war so unglaublich absurd.
„Hast du je mit ihr darüber geredet? Ich meine, du weißt schon …“ Er wollte die Sache nicht beim Namen nennen und eigentlich hatten sie das Arrangement getroffen, nie wieder drüber zu reden. Jasper warf ihm einen kurzen Seitenblick zu und schnaubte dabei.
„Was denkst du denn? Natürlich nicht. Ich habe jahrelang versucht, keinen Gedanken daran zu verschwenden. Jeder noch so kleine Dämon in meinem Kopf wurde sofort vernichtet. Meist mit Essen, leider. Denkst du, da will ich endlos lange Gespräche darüber führen? Womöglich hätte Raven sich dadurch zur Therapeutin berufen gefühlt und mich mit pseudoschlauen Sprüchen angeödet. Es hat mich überhaupt gewundert, dass sie sich auf mich eingelassen hat. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so lange durchhält. Sieh mich an. Ich bin ein Fettklumpen.“
„Aber du kämpfst dagegen an.“
„Zu spät, würde ich behaupten. Wir haben wohl beide unsere Zwänge, nicht wahr?“ Jasper betrachtete ihn von oben bis unten. „Obwohl ich neidisch zugeben muss, dass deine Zwänge dich verflucht gut aussehen lassen.“
Leon antwortete nicht darauf, aber Jasper hatte recht. Sie beide quälten sich, jeder auf seine Art. Sein Bruder, indem er wahllos alles in sich hineinstopfte und er, indem er seinem Körper immer das Letzte abverlangte. Muskeln und Verzicht bedeuteten alles für ihn. Ein Tag ohne schmerzende Glieder war ein verschwendeter Tag. Jaspers seelischer Panzer bestand aus einer gigantischen Fettmasse, seiner dagegen aus Kraft und Muskeln.
„Raven liebt dich. Und du liebst sie.“
„Ja, das tu‘ ich, aber auf meine Weise. Wenn sie das nicht mehr ertragen kann, dann verstehe ich das und dann muss sie eben gehen.“
„Du willst sie nicht zurückholen?“
„Da kennst du Raven aber schlecht.“
„Du wirst keine mehr finden, die das alles genauso akzeptiert, wie sie es getan hat. Du solltest versuchen, sie zurückzugewinnen.“
Jasper richtete sich auf, streckte sich ein wenig und drehte den Kopf schräg zu ihm. Sein Blick ging durch Leons Augen bis in seine Seele.
„Ich bin traurig, Leon, aber sie hat es verdient, glücklich zu sein und ich kann ihr nicht geben, was sie braucht. Was soll sie mit mir? Darum ist es besser so, auch wenn es mich zerreißt.“ Er beugte sich näher zu ihm, die Erdnusstüte zwischen ihnen knisterte. „Ich habe dich wegen etwas anderem hergebeten.“
Leon schob den Unterkiefer vor und atmete hörbar aus. „Also doch.“
„Du bist leider schwer zu erreichen. Ich habe oft angerufen.“
Leon blickte zu Boden, er bekam ein schlechtes Gewissen. Natürlich hatte er die zahlreichen Anrufe seines Bruders gesehen, doch er war nicht immer in der Lage, sofort zu reagieren, nur weil Jasper es wollte.
„Ja, ich weiß. Ich war unterwegs“, versuchte er abzutun.
„Natürlich. Wie immer. Gibt es noch einen Flecken Erde in unserem Land, auf dem du noch nicht gewesen bist?“
„Ein paar“, gab er knapp zurück.
„Deine ständige Flucht vor dir selbst bringt dich aber offenbar auch nicht weiter. Sieh uns an. Mein Fettpanzer fesselt mich an diesen Ort. Ich kann nicht weg, nirgendwo hin. Meine Bewegung ist völlig eingeschränkt. Zum Laufen brauche ich einen Rollator, wie ein alter Mann. Seit Raven weg ist, kommt ein bezahlter Dienst, der mich zum Arzt bringt, mich wäscht und meine Wohnung putzt. Der Weg bis zu dieser Parkbank hat mich fast umgebracht und nun sieh dich dagegen an. Dein Körper ist gestählt, topfit bis ins kleinste Haar. Sogar die Narbe in deinem Gesicht wirkt attraktiv und es gibt genug Frauen, die dich äußerst anziehend finden. Du kannst reisen, wohin du willst, kein Flugzeugsitz ist zu klein für dich, kein Weg zu weit, und doch bist du nicht besser dran als ich. Nichts hält dich lange an einem Ort. Stets bist du auf der Suche nach innerem Frieden, nach Ruhe und nach dir selbst.“
Jaspers Worte schnitten in seine Seele. „Vielleicht wird sich das irgendwann ändern. Warum hast du mich herbestellt?“, lenkte er ab. Jasper ging ihm mit seinen Analysen auf die Nerven.
„Er ist tot.“
Leon konnte nicht sofort antworten, diese drei Worte waren wie ein Faustschlag. Er wusste es bereits aus den Nachrichten, doch nun, da Jasper es aussprach, breitete sich das kalte Grauen in ihm aus und er war chancenlos, dagegen anzukämpfen.
„Warst du dort?“
„Nein, San Quentin ist zu weit für mich. Jede Entfernung ist zu weit für mich. Ich sehe sein Gesicht oft genug im Traum. Das reicht.“
Der Dämon in Leon wuchs weiter und schnürte ihm von innen die Kehle zu. Er machte sich hässlich grinsend im Brustkorb breit und zerquetschte dabei fast sein Herz. Die Bilder in seinem Kopf wurden so real, dass er die Hände vors Gesicht legte, um ihnen kein Licht zu geben, doch sie ließen sich nicht vertreiben. Er spürte Jaspers fleischige Hand auf seinem Schulterblatt. Sie sollte Mut machen, ihm Trost spenden, er musste es nur zulassen. Leon riss sich zusammen, nahm die Hände von seinem Gesicht und atmete tief ein.
„Nach fünfzehn Jahren haben sie nun das Urteil vollstreckt. Ist es nicht Ironie des Schicksals? An dem Tag, an dem er damals ins Gefängnis kam, wurde gerade ein Todesurteil vollstreckt. Dann fünfzehn Jahre keins mehr und nun, auf denselben Tag genau, hat man das Schwein hingerichtet.“
Noch immer war Leon nicht in der Lage zu antworten. Jasper spürte es offenbar und sprach weiter. „Ich habe mich gefragt, was es mit mir macht, sobald ich erfahre, dass er tot ist.“ Er zuckte mit den Schultern. „Sein Anwalt und eine Menschenrechtsorganisation haben mich angeschrieben und darum gebeten, ihm zu vergeben. Das erschien ihm wohl unheimlich wichtig.“
„Und? Hast du ihm vergeben?“ Leons Frage klang schärfer als gewollt.
„Anfangs nicht. Er hat alles zerstört.“ Jasper machte eine lange Pause, die Leon nutzte, um tief durchzuatmen. „Doch irgendwann dachte ich, was soll’s? Ich habe zurückgeschrieben, dass ich ihm vergebe. So seltsam es klingt, aber es hat mir auf eine gewisse Art Erleichterung verschafft.“
Leon stieß entrüstet die Luft aus der Nase. „Ach ja? So einfach ist das?“
„Ist es nicht!“ Jasper wiegelte ab. „Bei Gott nicht. Aber nun kann ich vielleicht endlich leben. Die Trauer und die innerliche Verstörung werden wohl nie vergehen, doch nun ist wenigstens der Hass weg.“
Leon schwieg, denn was ihm auf der Zunge lag, war nicht nett und bevor er etwas Bitterböses sagte, hielt er lieber den Mund. Aber denken durfte man und er fand, dass Jaspers Einstellung genauso wabbelig und weich war wie der Rest von ihm. Er würde diesem Schwein nie vergeben und es war schade, dass sie ihn nun hingerichtet hatten, denn die jahrelange Isolation in einem Todestrakt war sicher quälender. Er hätte diesem abartigen Individuum, das ihm alles genommen hatte, ein langes, ein sehr langes Leben gewünscht.
„Es wäre doch schön, wenn wir nun von vorne anfangen könnten. Mit seinem Tod können wir mit allem abschließen und endlich anfangen zu leben, findest du nicht?“
„Wovon redest du?“ Leon klang schärfer, als er wollte, und nahm sich vor, sich zusammenzureißen. Er griff in die Tüte mit den Erdnüssen und ließ seinen Unmut an ihnen aus.
„Davon, dass du aufhörst, ständig auf der Flucht zu sein. Ein paar Wochen hier, ein paar Wochen dort. Nie hält es dich irgendwo. Du nimmst Jobs an, die unter deiner Würde sind und die du gar nicht nötig hättest. Und wenn dir wieder mal alles zu viel wird, dann verschwindest du einfach. Du denkst, du bist stärker als ich, doch das bist du nicht. Du bist nicht einmal in der Lage, dich auf einen Flirt einzulassen, blockst sofort ab, wenn es zu nah wird. Ich habe dagegen angekämpft und es wenigstens versucht, im Gegensatz zu dir.“
„Was soll das hier werden? Hast du mich herbestellt, um zu streiten?“ Leon unterdrückte den Impuls aufzustehen und Jasper einfach sitzenzulassen. Stattdessen atmete er tief durch und starrte in den stahlblauen Himmel über ihnen.
„Streiten? Nein, sicher nicht. Ich wollte dir vorschlagen, zu mir zu ziehen. Es wäre schön, wenn du bleiben könntest. Ich hätte dich gerne in meiner Nähe und Platz habe ich in dem Haus nun mehr als genug.“
„Danke, aber das geht nicht, ich habe ein neues Jobangebot.“
Jasper lachte kurz auf. „Was ist es diesmal? Trucker? Cowboy? Soldat? Ach nein, das hatten wir ja bereits alles.“
Leon mochte den Spott in Jaspers Worten gar nicht und es passte auch nicht zu seinem Bruder, der sonst so sanft und freundlich war.
„Ich fange bei einer Ölgesellschaft an. Gleich nächste Woche.“
Jasper sah ihn verständnislos an und schüttelte leicht den Kopf. „Na da lohnt sich endlich mal, dass du studiert hast. Warum nimmst du solche harten Jobs an, statt das Geld zu nehmen und …“
„Ich fasse das Geld nicht an. Es ist dreckiges Geld. Ich will es nicht“, unterbrach er ihn schneidend und Jasper verstummte. Wieder langte Leon in die Erdnusstüte, nahm eine Handvoll heraus und knackte die Schalen auf. Während dieser wortlosen Stille spulte sich vor seinem inneren Auge ein Film ab. Ein Film, den er nie mehr hatte sehen wollen und der sich doch immer wieder in seine Albträume drängte. Der ihn mehr ängstigte, als alles andere und der innerlich mit einem kurzen Peitschenhieb zerstörte, was er in vielen Jahren immer wieder aufs Neue versuchte aufzubauen.
Auf einem Ast der Kiefer begann ein Vogel lauthals in den Nachmittag zu zwitschern. Sie sahen beide kurz nach oben, dann trafen sich ihre Blicke erneut.
„Aber du wirst dich öfter melden?“
„Ja … sicher.“
„Und du wirst meine Anrufe beantworten?“
„Versprochen.“
Jasper erhob sich schwer. Erst wippte er vor und zurück, damit er genug Schwung hatte, seinen massigen Körper von der Bank zu hieven, um sich dann mit einem heftigen Schnaufen auf die Füße zu stellen. Er langte nach seinem Rollator, um sich abzustützen und Leon sprang auf, um ihm zu helfen, doch Jasper winkte ab. Stattdessen deutete er auf die Erdnusstüte, die noch auf der Bank lag, und Leon gab sie ihm. Sein Bruder verstaute das knisternde Tütchen im Korb seiner Gehhilfe und holte tief Luft.
Leon tat es in der Seele weh, ihn so zu sehen, und er hoffte inständig, dass Jasper sein Leiden in den Griff bekommen würde.
„Leon?“
„Hm?“
„Es wäre wirklich schön, wenn du das in den Griff bekommst.“
„Was meinst du?“
„Deine ständige Flucht.“
Jasper setzte sich in Bewegung und Leon sah ihm stumm hinterher, wie er davonging. Zuerst hinkte er leicht, das immense Gewicht drückte auf die Gelenke, doch dann hatte er sich offenbar eingelaufen, die Muskeln und Sehnen waren bereit, ihn zu tragen. Seine steifen Bewegungen wurden runder und bald schon war er schlurfend hinter der Krümmung des Parkwegs verschwunden.
Kapitel 1
Eywa streckte die Hand aus, bis ihre Finger den sündhaft teuren Konzertflügel erreichten. Aufregung durchflutete sie, so wie jedes Mal, wenn July sie in dem Musicstore absetzte, der neben Gitarren, Schlagzeugen und Klavieren seit Neuestem auch diesen atemberaubenden Flügel zum Verkauf stellte. Bislang hatte sie jedoch nicht gewagt, sich ihm zu nähern, zu groß war ihre Ehrfurcht. Während July die Wocheneinkäufe erledigte, machte sie es sich meist in der Lounge des Stores gemütlich, trank einen Kaffee und lauschte mit Begeisterung den Musikern, während sie die verschiedenen Instrumente ausprobierten. Es gab große Talente unter ihnen und wäre sie Musikproduzent, würde sie nach dem Star von Morgen genau in solchen Stores suchen.
Eywa ließ ihre Fingerspitzen über die lackierte Oberfläche gleiten. Kühl und glatt fühlte sie sich an. Wie das Wasser des kleinen Sees vor ihrem Zuhause, wenn er im Winter zu Eis gefror. Der Traum, einen eigenen Konzertflügel zu besitzen, würde ewig einer bleiben und das war auch der Grund, warum es für sie so faszinierend war, den Diamanten unter den Tasteninstrumenten berühren zu dürfen. In der Regel kam sie ihnen nicht besonders nah. Sie ließ die Hand sinken und fuhr mit den Fingerknöcheln den Rand des geschwungenen Resonanzkörpers entlang, bis sie ihn einmal umrundet hatte und die Klaviatur erreichte. Aufgeregt tippte sie leicht auf den geschlossenen Deckel, doch ihn anzuheben, wagte sie nicht. Sie atmete tief den Geruch ein, der unter dem aufgeklappten Flügel herausströmte. Feinste Stahlsaiten, im Bass mit Kupfer umsponnen. Edelste Hölzer sorgten für satte Klänge. Das waren vorausgesetzte und unabdingbare Grundmaterialien für diese edlen Instrumente. Eywa konnte die jubelnde Menge nahezu hören. Begeisterter Applaus und stehende Ovationen für die grandiose Pianistin, die sich tief vor ihrem begeisterten Publikum verneigte. Das gefächerte Licht der Scheinwerfer brach sich bei jeder ihrer Bewegungen in ihrem Kleid, das über und über mit Pailletten überzogen war. Es ließ sie funkeln wie mit Diamanten überschüttet. Und dann, wenn Stille einkehrte und niemand mehr wagte zu atmen, wenn die Blicke gebannt auf dem glänzenden und gewaltigen Flügel ruhten, verließ der erste Ton wie ein Herzschlag die Brust seines Körpers. Er flog davon, mit der Gewaltigkeit und Wahrhaftigkeit der Harmonie, hinein in die beseelten Ohren seiner Zuhörer, um in ihren Herzen ein neues Zuhause zu finden und dort ewig weiterzuschlagen. So wie auch Eywas Herz schon seit der Kindheit für dieses Instrument schlug.
Sie verdankte das den Genen ihrer wundervollen Mutter. Sicher wäre sie stolz gewesen, dass ihre Tochter in ihre Fußstapfen trat, doch das Unglück wollte, dass sie nach einem gefeierten Konzert in der Metropolitan Oper in New York mit einem Kleinflugzeug tödlich verunglückte. Eywa erinnerte sich noch genau an diesen letzten Auftritt, den sie aufgeregt mit ihrem Vater zusammen am Fernseher verfolgt hatte und dabei ihre strahlende Mutter mit tiefer Ehrfurcht bewunderte.
Leider war sie heute bei weitem keine Konzertpianistin. Eher eine bescheiden, bemühte Klavierspielerin, doch Musik zu erschaffen, war das Wertvollste in ihrem Leben. Es gab ihr alles und ersetzte mühelos, was sie sonst nicht mehr konnte.
„Interessieren Sie sich für unseren Flügel, Miss?“, erklang eine männliche Stimme gleich neben ihr. Diese Stimme war neu, sie kannte sie nicht.
„Jeder Mensch sollte sich für ein Instrument interessieren, finden Sie nicht?“
„Da haben Sie recht. Die Welt wäre eine bessere, wenn sich die Menschheit mehr für Musik, statt für Reichtum interessieren würde.“ Die Stimme hatte sich genähert und befand sich nun genau neben ihr. „Möchten Sie ihn ausprobieren?“
„Lieber nicht, ich würde ihm kaum gerecht.“
„Ach kommen Sie, versuchen Sie es.“
„Sie arbeiten noch nicht lange hier?“
„Woran haben Sie das gemerkt?“ Er lachte zu seinen Worten und Eywa mochte den Klang seines Lachens.
„Ich bin sehr oft hier, aber Ihre Stimme kenne ich noch nicht.“
Eine Pause entstand zwischen ihnen. Eywa lächelte in seine Richtung, um ihm die Scheu zu nehmen, die sich meistens aufbaute, sobald die Leute bemerkten, dass sie blind war.
„Sagen Sie mir bitte, welche Farbe er hat.“
„Verzeihung, ich habe nicht bemerkt … es tut mir leid“, stammelte er hörbar verunsichert.
„Was sollte Ihnen leidtun?“ Doch sie gab ihm keine Gelegenheit, das zu erörtern, und sprach weiter. „Ich spiele Klavier und gebe ab und an Unterricht, doch ein solcher Flügel bleibt wohl immer ein Traum.“
„Er ist schwarz“, beantwortete er ihre Frage leise. „Ich weiß ja nicht … kennen Sie Farben?“
Eywas Herz wärmte sich, er war so liebenswürdig und freundlich. „Ja, ich kenne Farben. Ich war nicht immer blind.“
„Möchten Sie es nicht doch einmal versuchen? Ich würde mich sehr freuen.“
Anhand seiner Stimme schätze sie ihn auf Mitte vierzig. Er atmete schwerer als andere, wahrscheinlich hatte er etwas Übergewicht. Sein Rasierwasser war intensiv und blumig, möglicherweise war er Single. Je mehr Rasierwasser sie auftrugen, desto größer die Garantie, dass sie alleinstehend waren oder ein Abenteuer suchten. Ja, auch sie hatte ihre Schubladen für den ersten Eindruck, nicht nur sehende Menschen.
„Ich fürchte, mir fehlt die Zeit. Meine Cousine wartet sicher schon auf mich. Wenn wir zum Einkaufen in die Stadt kommen, lädt sie mich hier ab.“
„Wie Kinder im Bälle-Paradies?“
Eywa musste herzlich lachen und freute sich, dass er zu seiner Ungezwungenheit zurückfand.
„Mein Name ist übrigens George.“ Sie hörte ein klickendes Geräusch. Er tippte offenbar mit dem Finger auf sein Namensschild. „Ich arbeite seit drei Wochen hier. Wenn Sie wenigstens so tun, als wollten Sie den Flügel kaufen und ihn ausprobieren, dann würden Sie mir in meiner Probezeit sehr weiterhelfen.“
Er war wirklich zauberhaft und wärmte Eywas Herz.
„Netter Versuch, George, aber man kennt mich hier sehr gut. Ihr Chef weiß, dass ich mir keinen Flügel leisten könnte.“
Er lachte wieder. „Und nur aus Spaß?“
„Sie sind ein Quälgeist.“
„Sagt meine Frau auch immer. Also?“
Wieder musste Eywa lächeln. Vor allem, weil ihre Schublade heute offenbar klemmte und sie ihn falsch eingeschätzt hatte.
„Also gut.“ Da sie noch immer vor der Klaviatur stand, tastete sie mit der Hand nach dem Klavierhocker, den George ihr sofort zurechtrückte. „Aber nur, wenn wir gemeinsam spielen.“ Sie klopfte mit der Handfläche leicht auf den Platz neben sich.
„Ob das eine gute Idee ist …“ Sie hörte ihn leise lachen, spürte aber, dass er sich neben sie setzte.
„Wie wäre es mit einer Sonatine von Clementi?“
„Ich sage es gleich, mein Fachgebiet sind Gitarren, hauptsächlich elektronische und Schlagzeuge. Auf Tasteninstrumenten reicht es gerade für den Flohwalzer.“
„Jeder Pianist, der etwas auf sich hält, distanziert sich händeringend vom Flohwalzer.“ Sie musste lachen und hörte ihn neben sich amüsiert glucksen.
„Da wäre es doch ganz wunderbar, wenn wir nun vierhändig einen Flohwalzer spielen. Vielleicht ist es für diesen edlen Flügel eine wahre Erholung, einen albernen Flohwalzer aus der Brust zu schmettern.“
Sie vernahm das Öffnen der Klappe, dann nahm er ihre Hand und führte sie auf die Tasten. Ein ehrfürchtiges Gefühl durchfuhr sie, als sie ein paar Akkorde und über zwei Oktaven die Tonleiter rauf und runter spielte. Bereits bei den ersten Tönen verbreitete sich ein feiner, transparenter Klang mit einem sehr schönen perlenden Diskant und kraftvollen Bässen. Sie schlichen sanft in ihre Ohren, drangen durch ihren Körper und ließen ihre Nervenstränge hauchdünn vibrieren. Die Mechanik war leichtgängig und schnell. Der Unterschied zu ihrem alten Pianino zuhause einfach sensationell.
„Also nun“, sagte sie beschwingt. „Lassen wir die Flöhe los. Sie beginnen, ich steige ein.“
Sie hörte, wie er die ersten Töne spielte und dabei fröhlich mitsang. „La-La-La-La-La, Ta-da-da-da-taaa …“
„Dubi dumdum-dumdum-dumdummdumm“, sang sie spaßeshalber mit und lachte dazu. Ach, das war herrlich. Aus dem hinteren Bereich des Ladens fiel plötzlich eine E-Gitarre laut mit ein und jemand klatschte johlend dazu. George und sie waren nicht mehr zu bremsen. Als sie lachend ihr Duett beendeten, ernteten sie den Beifall der Anwesenden. Es schien ihr, als hätte sogar der Flügel ein albernes Kichern von sich gegeben.
„Nun muss ich aber wirklich los“, sagte sie. „July wartet sicher bereits auf mich.“
„Darf ich meine Begleitung anbieten?“
„Danke George, das ist sehr zuvorkommend, aber ich muss nur ein paar Türen weiter ins Diner. Den Weg kenne ich wie meine Westentasche.“ Sie streckte ihre Hand aus und spürte kurz darauf, wie seine Hand die ihre umschloss. Sie war groß, fleischig und warm.
„Wenigstens bis zur Tür.“
„Wie könnte ich da nein sagen?“, erwiderte sie mit einem Lächeln und ließ sich von ihm zur Tür bringen. Er öffnete sie, die Umweltgeräusche verstärkten sich.
„Ich hoffe, ich sehe Sie bald wieder.“

Leon massierte seine Schläfen und versuchte sich währenddessen auf die Straße zu konzentrieren. Seine Kopfschmerzen hatten sich in den letzten hundert Meilen massiv verstärkt und obwohl er Tabletten verabscheute, war er entschlossen, die nächste Ortschaft anzufahren und sich ein Medikament gegen das hämmernde Pochen zu besorgen. Neben ihm auf dem Beifahrersitz lag Twister, eine mittelgroße Promenandenmischung. Den Namen hatte er ihm gegeben, nachdem er ihn nach einem Tornado aus den Trümmern gezogen hatte. Er war nur zufällig an dem Ort vorbeigefahren, der Tage zuvor dem Erdboden gleichgemacht worden war. Die meisten Menschen waren rechtzeitig gewarnt worden und hatten sich vor der Naturgewalt retten können, doch an den kleinen Kacker hatte offenbar niemand gedacht. Er fand ihn in den Resten einer alten Scheune, als er anhielt, weil er pinkeln musste. Verdreckt, durchnässt und verletzt hatte der Hund zwischen den Brettern gelegen. Leon hatte ihn herausgezogen und sich bemüht, ihn in einem hoffnungslos überfüllten Tierheim abzugeben, doch die gestresste Mitarbeiterin bat ihn, sich des Hundes anzunehmen, bis sich eventuell jemand meldete. Sie erklärte ihm, dass die Menschen ihre Tiere oft sich selbst überließen und lieber ihre Wertsachen retteten. Um dem drohenden Unwetter zu entkommen, rannten die panischen Tiere oft kilometerweit davon, wenn sie es überlebten. Viele fanden ihre Besitzer nie wieder. Weidevieh wie Rinder, Schafe oder Pferde hatten die größeren Chancen auf eine Rückkehr zu ihren alten Besitzern, denn sie waren von Wert für die Farmer. Hunde oder Katzen waren es nicht, und wenn sie nicht das seltene Glück hatten, von liebevollen Besitzern vermisst und gesucht zu werden, wurde einfach ein neues Haustier besorgt. Twister gehörte zu den Hunden, die nicht vermisst wurden. Der kleine Kerl hatte ihm leid getan und er erklärte sich einverstanden, ihn mitzunehmen. Er hatte seine Nummer hinterlassen, doch die Dame aus dem Tierheim machte ihm wenig Hoffnung auf einen Anruf.
„Wenn sie ihn mitnehmen“, hatte sie gesagt, „dann richten Sie sich darauf ein, dass Sie nun einen Hund besitzen.“
Sie sollte recht behalten, denn seit über einem Jahr hatte sich niemand gemeldet. Wer nun dachte, Twister und er wären sofort ein Herz und eine Seele, der dachte falsch. So ganz war der Hund nicht davon begeistert, ihn als sein Herrchen zu akzeptieren, und auch er hatte zunächst gehofft, ihre Zweckgemeinschaft wäre eine zeitlich begrenzte Beziehung mit respektvoller Distanz. Doch nach und nach hatten sie sich damit abgefunden, Leon sogar eher als der Hund, dass sie es wohl miteinander aushalten mussten. Twister liebte das Autofahren und seinen Stammplatz im Fußraum. Er war oft kaum zu bewegen, den Wagen zu verlassen, als hätte er diesen zu seiner Schutzzone erwählt. Manchmal fragte er sich, ob es das Richtige für den Hund war. Ob es nicht besser wäre, eine Familie für ihn zu finden. Vor kurzem hatte Twister tatsächlich erst seine Pfote und dann die Schnauze auf Leons Oberschenkel gelegt und ihn mit freundlichem Blick angesehen. Das war das Netteste, was er je getan hatte. Das Eis war seither zwar gebrochen, doch da sie offenbar beide nicht zu Gefühlsausbrüchen neigten, beschränkten sich ihre gelegentlichen Zuneigungsbeweise auf ein leichtes Tätscheln oder ein Wippen mit der Schwanzspitze.
Nun waren sie also unterwegs nach Tillamook. Irgendeinem Nest, auf ihrem Weg zu den Ölfeldern in der Nähe von Bakersfield. Hoffentlich war dieses Dorf wenigstens so groß, dass es eine Drogerie besaß und die Einwohner Tillamooks ebenfalls gelegentlich unter Migräne litten. Als er das Ortsschild passierte, breitete sich plötzlich der Gestank von Käse im Wagen aus. Leon öffnete angewidert das Fenster und bedachte Twister mit einem vorwurfsvollen Blick, doch der Geruch verstärkte sich, als die Luft in den Wagen strömte. Twister hielt die Nase in die Höhe, dann schubbelte er mit der Pfote über die Schnauze und nieste zweimal kräftig. Ihm schien der Käsegeruch auch nicht zu liegen. Der Übeltäter war schnell ausgemacht, sie näherten sich einer riesigen blauen Fabrikhalle, auf deren Wänden in monumentalen gelben Buchstaben ‚Tillamook Cheese Factory’ geschrieben stand. Mit einer Käsefabrik hatte er am Rande des Pazifiks nicht gerechnet. Eine Fischfabrik vielleicht, aber Käse? Entschädigt wurde er jedoch von der grandiosen Aussicht, die sich eröffnete, als er die Fabrik hinter sich ließ. Die Straße führte am Rande der Klippen vorbei und der Blick über den unendlich scheinenden Pazifik war atemberaubend. Ungezähmt und wild preschten die Wellen mit roher Gewalt gegen die hunderte Meter hohe Felsküste, die sich bis zum Horizont erstreckte. Wehe dem, der dort unten in Seenot geriet.
Leon nutzte die Gelegenheit, um kurz anzuhalten und den Geruch von Käse aus den Lungen zu verjagen. Er ließ Twister sein Geschäft verrichten und legte ein paar Schritte Richtung Steilwand zurück. Schilder warnten vor zu nahem Herantreten an die Abbruchkante, also blieb er stehen und füllte seine Lungen mit kühler Seeluft. Wo die Gischt der brechenden Wellen in die Höhe stieg, war es dunstig, doch weiter hinaus legte sich der Schleier und gab den Blick auf tiefblaues Wasser frei.
In diesem Moment hatte er unerwartet ein seltsames Gefühl im Bauch und er musste darüber nachdenken, was es bedeuten könnte. Er forschte in seinem Inneren und empfand so etwas wie Frieden. Als fiele etwas von ihm ab. Das war ihm fremd, so seltsam das klingen mochte, doch er kannte dieses zufriedene, geradezu glückliche Gefühl nicht. Es war wohl irgendwann verloren gegangen. Ohne es zu wollen, atmete er erneut tief ein, als hätte seine Lunge einen eigenen Impuls. Als schlüge sein Herz, ohne sein Dazutun plötzlich schneller. Was mochte die Ursache dafür sein? Der Blick auf den Pazifik? Den kannte er zur Genüge, er war nicht das erste Mal am Meer. Es war ein Gefühl, als wäre er endlich dort angekommen, wo er nie hinwollte. Wie wenn man etwas fand, was man nie gesucht hatte. Leon schüttelte den Kopf über seine wirren Gedanken und beobachtete Twister. Auch der verhielt sich anders als sonst. Statt nur schnell das Bein zu heben und gleich wieder auf seinen gewohnten Platz im Wagen zurückzukehren, schnüffelte er an den Wildblumen, trabte mit fröhlich erhobener Rute über die ausgestreckten Wiesen und schien ihren Stopp ausgiebig zu genießen.
Das Pochen in Leons Schläfen erinnerte ihn jedoch schmerzlich an sein eigentliches Vorhaben und so rief er Twister zu sich und setzte seine Fahrt fort. Sie erreichten Tillamook und erstaunlicherweise gab es eine richtige Einkaufsmeile mit Geschäften, einer Tankstelle und einem Restaurant. Das hatte er dem Miniaturpunkt auf der Landkarte mit dem lustigen Namen nicht zugetraut, doch es kam ihm sehr gelegen. Er könnte seine Tablette einnehmen, etwas essen, tanken und dann würde ihn nichts mehr stoppen auf dem Weg nach Bakersfield. Er hatte noch eine Woche Zeit, seinen neuen Job anzutreten, und wollte sich nach einer Unterkunft umsehen, auch wenn er dafür etwas spät dran war. Das Treffen mit Jasper war schuld, dadurch war er einen Umweg gefahren. Er hätte sonst längst etwas finden können, doch nun drohte ihm die vorrübergehende Unterkunft in einer Arbeiterbaracke. Er hoffte, dass Twister dort kein Problem darstellte.
Mit Schwung parkte er in der einzigen freien Lücke unmittelbar vor dem Drugstore und besorgte sich schnell eine Packung Schmerztabletten. Als er zum Wagen zurückkehrte, hörte er Twister aufgeregt bellen. Eine Ordnungshüterin tippte mit wichtiger Miene sein Kennzeichen in ihr Erfassungsgerät und als er sie erreichte, zückte sie ihr Mobiltelefon und machte Beweisfotos.
„Ist das denn wirklich nötig?“, sprach er sie freundlich an. „Ich war nur zwei Minuten weg.“
„Sir, Sie parken auf einem Behindertenparkplatz. Das sollte Ihnen aufgefallen sein.“
„Hören Sie“, er bemühte sich seiner Stimme einen verständnisvollen Klang zu verleihen. Auf ein Ticket hatte er nun wirklich keine Lust. „Selbst wenn nun ausgerechnet in diesem Augenblick ein Mensch mit Handicap parken möchte, so war ich doch sofort zur Stelle und hätte ihm Platz machen können.“
„Es ist ein Behindertenparkplatz, Sir. Sind Sie gehandicapt?“
„Nein.“
„Das sollte die Antwort auf Ihre Aussage sein.“
Es hatte offenbar keinen Zweck, darum blieb er jetzt still. Sie tippte minutenlang auf ihrem Gerät herum und machte dann erneut Bilder. Ihm riss allmählich der Geduldsfaden.
„Fällt Ihnen auf, dass Sie mich mittlerweile länger aufhalten, als meine Parkzeit gedauert hat?“
Sie warf ihm stumm einen abschätzigen Blick zu, zückte einen Block und schrieb auf diesem weiter. Dann riss sie mit Schwung das oberste Papier ab und überreichte es ihm.
„Hundertachtundzwanzig Dollar?“, rief er fassungslos.
„Da Sie keinen Hydranten oder wichtige Einfahrten blockieren, will ich mal nicht so sein.“
„Wa…“ Ihm blieb der Rest seiner Worte im Halse stecken, als sie sich auch schon umdrehte und mit ihren dicken X-Beinen davonwatschelte. Er sah ihr sprachlos hinterher, als es neben ihm ohrenbetäubend hupte und er zusammenzuckte.
„Ist das Ihr Wagen, Sir?“, krähte eine sehr zierliche und sehr kleine ältere Dame mit Sonnenhut aus dem Seitenfenster. „Sie haben keinen Aufkleber! Ist das Ihr Wagen, dann fahren Sie ihn weg! Los!“ Dafür, dass sie so winzig war, war sie offenbar sehr herrisch.
Leon schnaubte, warf ihr einen wütenden Blick zu, setzte sich in seinen Wagen und fuhr aus der Parklücke. Der erste Impuls war, diese Stadt so schnell wie möglich zu verlassen, doch er hatte Hunger und sein Wagen brauchte Benzin. Also entschied er sich trotz des nervigen Erlebnisses, seinen Aufenthalt auszudehnen.
Nachdem er getankt hatte, fuhr er zurück zu dem Diner, den er zuvor entdeckt hatte. In einiger Entfernung fand er einen geeigneten Parkplatz und achtete diesmal peinlich genau darauf, ob er dort parken durfte. Noch mit leichtem Zorn im Magen und reißenden Schmerzen im Kopf, lief er hinüber zum Restaurant. Twister blieb im Wagen zurück, denn er hasste nichts mehr, als seinen geliebten Platz im Fußraum zu verlassen. Da es Leon nie lange an einem Ort hielt, hatte auch der Hund den Wagen zu seinem Zuhause erwählt.
Im Schnellschritt lief Leon an den Geschäften entlang zum Restaurant. Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass sich die Tür eines Geschäfts öffnete und bevor er sich versah, prallte er mit jemandem zusammen. Beim dem heftigen Zusammenstoß hatte er für Sekunden das Gefühl, dass sein Kopfschmerz explodierte, und er taumelte kurz. Er fing sich jedoch schnell wieder, seine Kontrahentin dagegen hatte weniger Glück. Sie war unsanft auf ihrem Hintern gelandet.
„Können Sie nicht aufpassen?“, schnauzte er ungehalten. Die schlummernde Wut in ihm und seine Migräne ergaben keine gute Mischung. „Machen Sie gefälligst die Augen auf!“
Er rieb sich den Arm an der Stelle, an der sie zusammengeprallt waren, und warf einen Blick auf die Gestalt, die auf dem Gehsteig saß. Plötzlich geschah etwas Unerwartetes. Als er die junge Frau musterte, breitete sich dasselbe Gefühl in ihm aus, das er zuvor an den Klippen erlebt hatte. Ein unglaublich warmes und wundervolles Empfinden. Verwirrt versuchte er es zu analysieren, doch es verpuffte leider zusammen mit dem kräftigen Typ, der plötzlich aus dem Laden stürzte und ihn anpflaumte.
„Herrgott, können Sie nicht aufpassen?“
„Ich?“, fragte er entrüstet und sah dabei zu, wie der Kerl der jungen Frau auf die Beine half. Das hätte ihm allerdings auch einfallen können, dachte er etwas beschämt.
„Ist alles in Ordnung?“, wollte der Typ von der jungen Frau wissen. Er war offensichtlich Verkäufer in dem Laden, denn er trug ein Shirt mit der Aufschrift ‚Tillamook Musicstore’ und ein Namensschild, auf dem ‘George‘ stand. Leons Blick fiel wieder auf die blonde Schönheit, die sich mit schmerzverzerrtem Blick das Handgelenk hielt.
„Ich glaube, es ist verstaucht.“
„Sehen Sie, was Sie angerichtet haben?“, ranzte George ihn erneut an. Leon wurde innerlich ungehalten, auch wenn es ihm leid tat, dass sie sich offenbar verletzt hatte. Gerade als er sich rechtfertigen wollte, tauchte neben ihm eine weitere junge Dame auf und stieß ihn auf ihrem Weg unsanft beiseite.
„Eywa, oh mein Gott, ist alles in Ordnung?“
„Mein Handgelenk …“
„Verflucht, konnten Sie nicht aufpassen?“, herrschte der blonde Feger ihn an.
„Aber …“
George warf ihm einen vernichtenden Blick zu. So langsam fand Leon das Ganze etwas übertrieben. Sie waren nur zusammengeprallt, er hatte sie nicht umgebracht. Doch als der Typ sich nach einem weißen Stock bückte und ihn der aufregenden Schönheit in die Hand gab, wurde ihm siedend heiß klar, warum die beiden ihn so hart angingen. Die Traumfrau war blind.

July ließ sich weder davon abbringen, sie zu stützen, obwohl sie versicherte nichts an den Füßen zu haben, noch davon, sie zu einem Arzt zu bringen.
„July, es ist nur verstaucht. Ich benötige keinen Arzt.“
„Sorry, aber ich habe gesehen, wie du gefallen bist. Dieser Idiot!“
„Er konnte sicher nichts dafür und hör auf mich zu stützen, bitte.“
„Wir sind am Auto. Du kannst einsteigen“, entgegnete July nur knapp und es klang beleidigt. Eywa streckte die Hand aus und ertastete erst die Wagentür, dann den Griff. Sie zog daran, setzte sich jedoch nicht hinein, sondern blieb neben dem Wagen stehen.
„Sei nicht sauer, ich weiß es wirklich zu schätzen, dass du dich immer so für mich einsetzt, aber du hättest ihn nicht derart zerfleischen müssen.“
July war schon auf dem Weg zur anderen Seite des Wagens, ihre Schritte kehrten jedoch zurück und sie blieb vor ihr stehen.
„Immerhin will er nun für deine Arztrechnung aufkommen. Ich denke nicht, dass er das getan hätte, wenn ich freundlich zu ihm gewesen wäre“, rechtfertigte sie sich.
„Er klang sehr höflich, im Gegensatz zu George und dir.“
„Können wir jetzt losfahren?“, drängelte sie.
„Ich will nicht zum Arzt, sag mal hörst du mir nicht zu?“
„Herrgott Eywa und wenn es etwas Schlimmes ist? Du bist Pianistin! Lass Doktor Malcom sich das wenigstens mal ansehen.“
„Meine Mutter war eine Pianistin, eine Weltklasse Pianistin, ich besitze lediglich ein altes Pianino.“
„Auf dem du Unterrichtsstunden für Kinder gibst.“
„Nur, wenn ihre Eltern davon überzeugt sind, dass eine Behinderte ihren Kindern etwas beibringen kann.“
„Eywa!“
„Stimmt doch. Sobald der kleine, hochtalentierte Nachwuchsstar daheim die verkehrten Töne trifft, geschieht das natürlich nicht mangels Talent oder Fleischwurstfingern, sondern die Blinde ist schuld.“
„Hat wieder einer deiner Schüler abgesagt?“ Julys Stimme klang mitfühlend.
„Was denkst du?“
Sie hörte sie seufzen.
„Komm, wir gehen etwas trinken.“
„Endlich wirst du vernünftig.“ Eywa gab der Tür Schwung und sie fiel zurück ins Schloss. Sie hörte das Klacken des automatischen Türverrieglers, dann schob July den Arm unter ihren und hakte sich ein. Wenig später betraten sie Joe’s Diner und setzten sich an den Tresen auf die gemütlichen Barhocker.
„Na Mädels, wie immer?“, begrüßte sie Joes tiefe Stimme.
„Für mich Wasser“, entgegnete July und pappte Eywa ihre schwere Handtasche auf den Schoß. „Halt mal, ich muss aufs Klo.“
„Und was möchtest du trinken, Eywa?“
„Überrasch mich mit einem deiner legendären Cocktails. Und spar nicht mit dem Alkohol.“ Sie klang frustriert.
„Hat wieder einer abgesagt?“
Eywa winkte ab, was sie sofort bereute, denn es war das lädierte Handgelenk.
„Nimm’s nicht tragisch“, hörte sie ihn sagen. „Dein Cocktail kommt sofort!“
Eywa ließ Julys Handtasche vorsichtig an ihrem Bein entlang zu Boden sinken und hielt den Henkel mit dem Fuß.
„Darf ich Sie einladen?“
Ihr Herz machte einen Satz, und was für einen! Sie hatte nicht viel von ihm hören können, die meiste Zeit hatten July oder George ihn angekeift, doch seine Stimme erkannte sie sofort wieder.
„Sie sind es …“
„Ja, der Zusammenstoß.“
„Oh …“ Himmel, sie sprühte ja vor Geisteswitz.
„Ich habe den Moment genutzt, in dem Ihre Schwester verschwunden ist.“ Sein Ton klang leicht erschreckt und Eywa musste lachen.
„Normalerweise ist sie nicht so rabiat“, erklärte sie. „Aber sie ist nicht meine Schwester.“
„Sie sehen sich sehr ähnlich.“
„Meine Cousine.“
„Ah, verstehe.“
Na Gottseidank schien auch er etwas beklommen zu sein.
„Sie sind fremd hier, oder?“
„Ja, ich bin nur zufällig in der Stadt. Darf ich mich vorstellen, mein Name ist …“
Joe unterbrach ihn leider, als er ihr das Getränk in die Hand schob.
„Bitteschön, Eywa. Lass ihn dir schmecken. Und was kann ich Ihnen bringen, junger Mann?“
Aus Nervosität nahm Eywa einen viel zu großen Schluck ihres Cocktails. Joe hatte, wie gewünscht, nicht mit dem Alkohol gespart und sie hätte beinahe angefangen zu husten, als das scharfe Getränk ihre Kehle herunterlief. Gerade noch konnte sie den Reiz unterdrücken.
„Nur Wasser, danke.“
Leider kehrte July in diesem Moment zurück.
„Sie schon wieder“, sagte sie, doch es klang bei Weitem versöhnlicher.
„Wie geht es Ihrem Handgelenk?“, fragte er, ohne auf July einzugehen.
„Nicht der Rede wert.“
„Das sehe ich anders“, warf July dazwischen, „aber leider ist sie stur wie ein Esel und möchte nicht zum Arzt.“
Eywa empfand ihre Anwesenheit und den Ton, mit dem sie ihn anging, als störend. Sie hätte gerne mehr von ihm erfahren, sie war neugierig geworden. Vor allem seine Stimme hatte es ihr angetan. Zu gerne hätte sie gewusst, wie er aussah und ob seine Erscheinung zu dieser sanften Stimme passte. July würde ihr das sicher später verraten.
„Sie ist eine großartige Pianistin und wenn sie nicht mehr spielen kann …“
„July, bitte!“
„Ich komme selbstverständlich für alles auf.“
„Sie können sicher nichts dafür und außerdem ist alles in Ordnung“, versuchte sie die Schärfe aus der Situation zu nehmen. „Sie wollten mir Ihren Namen verraten.“
„Leon Marshall und es tut mir wirklich leid.“
„Ihre Gestik kann sie nicht sehen, Mister Marshall“, warf July ein. „Wenn Sie auf ihr Handgelenk deuten, kann sie es nicht bemerken. Sie müssen es ihr schon sagen. Wie auch Kopfschütteln, oder nicken.“
„Verzeihung! Man ist leider so eingefahren in seinen Gewohnheiten.“
Er tat Eywa leid, weil ihre Cousine ihren leicht schnippischen Unterton offenbar nicht ablegen konnte. Sie fürchtete, July könnte ihn verjagen, bevor sie mehr von ihm erfahren konnte. Sie fand ihn nämlich sehr interessant. Joe stellte derweil das Wasser für ihn auf den Tresen und er bedankte sich höflich.
„Nun“, sagte er, „ich möchte nicht weiter stören.“
Bevor Eywa ihm antworten konnte, kam überraschend die Wende von July.
„Sie stören doch nicht. Wie wäre es, wenn wir das Kriegsbeil begraben?“
Eywa ärgerte sich, denn July war ihr zuvorgekommen und mehr noch, ihr Ton wurde plötzlich zuckersüß.
„Das würde mich freuen“, gab er zurück.
„Wie gefällt es Ihnen in unserem schönen Tillamook?“, wollte July wissen.
Er lachte leise und Eywa gefiel der tiefe Klang. Er erzählte, dass er in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes einen deftigen Strafzettel kassiert hatte, dass es in diesem Hafenstädtchen überraschend nach Käse, statt nach Fisch roch, und er bedauerte noch einmal seinen Zusammenprall mit ihr.
„Diese Stadt und ich werden wohl keine Freunde“, schlussfolgerte er über seinen ersten Eindruck. July kicherte. Tatsächlich, sie kicherte wie ein Teenie!
„Dann sind Sie auf der Durchreise?“
Das hatte Eywa ihn auch fragen wollen, doch July war erneut schneller. Es grummelte in ihrer Magengegend, denn sie fühlte sich ausgeschlossen.
„Das stimmt, ich bin auf dem Weg nach Bakersfield.“
„Zu den Ölfeldern?“
„Ja richtig. Ich habe dort einen Job angenommen.“
„Ein Ölwurm“, sagte July und ihre Stimme war hell und vibrierte leicht. Sie lächelte offenbar, während sie mit ihm sprach. Eywa kannte die verschiedenen Timbres in Stimmen. Wer blind war, musste gut hören können und hier war es ganz offensichtlich, sie flirtete mit ihm! „Das soll ein ziemlich harter Job sein. Wenn Sie keine Lust mehr darauf haben, kommen Sie her. Hier werden immer starke Männer gebraucht.“
„Für die Käsefabrik?“
July lachte glockenhell und Eywa kam sich sehr deplatziert vor.
„Nein, aber auch die suchen immer Arbeiter. Meine Familie besitzt hier eine …“
Eywa erhob sich.
„Wo willst du hin?“
„Mir die Nase pudern.“ Sie verpasste es, die Enttäuschung aus ihrer Stimme zu nehmen und war verärgert über sich. Nun wirkte es, als wäre sie eifersüchtig. Um Himmelswillen. Warum reagierte sie so verspannt, anstatt July den Spaß zu gönnen?
„Ich begleite dich.“
Eywa wollte verneinen, doch das hätte sie noch zickiger erscheinen lassen.
„Ich muss sowieso los“, sagte der Mann. „Es war nett, euch beide kennenzulernen und Eywa, rufen Sie mich an, wenn es Probleme gibt. Meine Nummer haben Sie ja.“
July hatte seine Nummer, sie nicht. „Ihre Cousine kann für Sie anrufen“, schob er schnell hinterher, weil ihm das offenbar auffiel.
„Sie werden es nicht glauben, Mister Marshall, aber ich bin durchaus fähig zu telefonieren, ja mehr noch, ich bin sogar in der Lage zu essen, ohne mich zu bekleckern, zu trinken, mich allein anzuziehen, oder mich zu unterhalten, ohne dass andere für mich antworten müssen.“
„Eywa!“
Gottseidank, July stoppte sie, sonst wäre es vermutlich noch schlimmer geworden. In diesem Moment war sie froh, sein Gesicht nicht sehen zu können. Ein sehr peinlicher Auftritt und nun wurde es höchste Zeit, zu verschwinden. Den Weg zu den Toiletten kannte sie. Blieb nur die Hoffnung, dass nichts im Weg stand. Als hinter ihr die Schwingtür der Toiletten hin und her pendelte, lehnte sie sich an die Wand und fragte sich, was mit ihr los war. Sekunden später trat July zu ihr. „Alles ok?“
„Ich hatte einen scheiß Tag.“
„Wegen dem Schüler?“
„Mit dem fing es an.“
„Sollen wir heimfahren?“
„Ist er weg?“
„Ja, er ist weg.“
„Ok, lass uns fahren.“
Bis zum Auto sprachen sie kein Wort und auch auf den ersten Meilen blieb es still zwischen ihnen.
„Sag mal“, unterbrach July die Stille. „Fandest du ihn irgendwie … nett?“
„Mach dich nicht lächerlich.“
„Wieso? Du bist eine junge Frau, du hast Gefühle, du bist wunderschön.“
„Ich bin behindert.“
Wieder blieb es eine Weile still, doch diesmal war es Eywa, die das Gespräch wieder aufnahm. Vor allem, weil ihre Neugier sie nicht ruhen ließ. „Wie sah er denn aus?“
„Er sah sehr gut aus, wirklich, so richtig gut. Er war groß, sehr sportlich, breite Schultern …“
„Jaja. Ich meine sein Gesicht.“
„Sehr attraktiv, würde ich behaupten. Kurze dunkle Haare, aber einen langen Schopf, der ihm in die Stirn fällt, männliche Züge, schöne Lippen …“
„Du verstehst nicht. Ich möchte wissen, wie seine Mimik war, der Ausdruck seiner Augen, sein Lächeln, seine Ausstrahlung.“
„Also gut. Er wirkte zurückhaltend, beinah schüchtern. Kaum zu glauben bei der attraktiven Erscheinung. Er hat übrigens sehr oft zu dir rüber gesehen. Wenn er lächelt, zieht er dabei nur einen Mundwinkel leicht nach oben und es bilden sich kleine Fältchen um seinen Mund. Außerdem hat er wirklich schöne Zähne. Seine Augen sind braun oder grün, konnte ich nicht genau erkennen, aber mit ungewöhnlich dichten Wimpern und eine lange rote Narbe zieht sich von seiner Schläfe hinunter bis zur Wange. Vielleicht hatte er mal einen Unfall.“
„Schade, dass wir ihn nicht mehr wiedersehen.“
„Ja, schade. Er war wirklich nett.“
Kapitel 2
Dunkles Herz in großer Not.
Jeden Tag der Schatten droht.
Deine Seele ist so blind,
sie keine Liebe in sich find‘.
Und du mehr und mehr erkennst,
dass du in den Abgrund rennst.
Knapp neunhundert Meilen lagen zwischen Tillamook und Bakersfield. Eine Strecke, die er sonst in sich versunken hinter sich brachte. Er fuhr meist vor sich hin, hörte Musik, bis er sie nicht mehr hörte, weil sie irgendwann in seinen Ohren mit den Fahrgeräuschen und seinen Gedanken verschwamm. Bis er nicht mehr sagen konnte, wie weit er gefahren war, was er gedacht hatte, oder welches Lied sie gespielt hatten. Stumm hatte er bislang seine Linien quer durch die Staaten gezogen, mal hier, mal dort, meist Nirgendwo. Heute aber hatte er jede Menge nachzudenken und es trübte seine Stimmung, dass das schöne, seltsame Gefühl, das er erstmals oben auf den Klippen empfunden hatte, schwächer und schwächer wurde, je mehr Strecke zwischen ihm und Tillamook lag. Er hätte es gerne länger festgehalten. Dasselbe Gefühl, als er diese Frau zum ersten Mal gesehen hatte. Er spulte immer wieder ihr Bild vor sein inneres Auge, um es zu festigen und nicht mehr zu verlieren.
Ihre kurzen strohblonden Haare, mit noch helleren Strähnchen passten so ganz wunderbar zu ihrer leicht gebräunten Haut. Ihre schlanke Figur fand seine Bewunderung, ihre langen Beine hatten ihn kurz den Atem anhalten lassen und er war voller Respekt darüber, wie sicher sie sich trotz ihrer Erblindung bewegte. Warum auch immer, aber zuerst hatte er gedacht, es wäre ein abgekartetes Spiel und sie wollten ihn hereinlegen. Dass sie ihm die Blindheit nur vorspielte, vielleicht, um daraus Kapital zu schlagen. Heutzutage war alles möglich und er traute niemandem. Immer wieder hatte er verstohlen in ihre bernsteinfarbenen Augen gesehen, weil es ihm so unmöglich schien, dass sie ihn nicht sah. Er hatte noch nie Kontakt mit einem blinden Menschen gehabt und er musste zugeben, dass er völlig befangen gewesen war. Es war ein seltsames Gefühl, jemandem gegenüber zu stehen, dem es offensichtlich völlig egal war, wie man aussah. Ob man modische Klamotten trug, ob man die neueste Frisur hatte, ob man ausgeschlafen war oder einem ein Pickel auf dem Kinn wuchs. Selbst seine Narbe wäre ihr egal. Seltsam, und so schrecklich es klingen mochte, aber ihm hatte das gefallen. Er hätte nicht den Gockel herauskehren müssen, um sie zu beeindrucken, wenn er denn gewollt hätte. Es wirkte beruhigend auf sein Inneres, auch wenn es einen leichten Beigeschmack hatte, in dieser Form über ihr Handicap nachzudenken.
Je mehr Meilen sich zwischen sie und ihn schoben, desto mehr bemühte er sich, auch gedanklich Abstand zu ihr zu gewinnen. Er hatte noch nie so viel über eine Frau nachgedacht und das sollte auch so bleiben. Sie hatte ihn wahrscheinlich nur so sehr beschäftigt, weil sie blind war. Wäre sie wie alle anderen, hätte er sie nicht weiter beachtet. Obwohl sie auffallend hübsch war. Sehr hübsch.
Mittlerweile fielen ihm beinahe die Augen zu, während Twister auf seiner Decke im Fußraum lag und vor sich hin schnarchte. Es war wohl die bessere Idee, in dieser Nacht ausnahmsweise ein Motel anzusteuern, damit er am nächsten Tag ausgeruht und geduscht vor seinen neuen Arbeitgeber treten konnte, um den Vertrag zu unterschreiben. Ansonsten hatten er und Twister bereits so viele Nächte im Wagen hinter sich, dass er sie nicht mehr zählen konnte. Obwohl sie auch nicht schlechter geschlafen hatten, als in durchgelegenen Motel Matratzen, in denen sich die Wanzen tummelten.
Er hatte Glück. Nach einigen Meilen durch schier unendlich anmutendes Waldgebiet verhieß ein Leuchtschild eine nächtliche Unterkunft. Er folgte den Hinweisschildern und fuhr auf den Parkplatz.
Das Motel wirkte freundlich, nicht so heruntergekommen wie die meisten dieser Kette. Wenige Augenblicke später besaß er einen Zimmerschlüssel und hatte das letzte Sandwich aus einem Automaten ergattern können. Twister stellte glücklicherweise kein Problem dar, um ein Zimmer zu mieten, und selbst wenn, dann hätte er sicher gerne im Auto übernachtet.
Das Zimmer war nichts Besonderes, aber sauber. Das meiste Gepäck ließ er im Wagen und nahm nur das Nötigste zum Wechseln mit. Die Müdigkeit machte ihn so mürbe, dass er das Duschen verschob, sein Sandwich aß und ins Bett fiel. Twister rollte sich auf der kleinen Matte vor der Tür ein und Leon hätte schwören können, dass er sich genau dort hinlegen würde. Er löschte das Licht, doch statt, dass ihn bleierne Müdigkeit sanft ins Land der Träume schickte, war er plötzlich hellwach. Das Rauschen des wilden Ozeans drang zurück in seine Erinnerung, die Klippen und der Blick über den weiten Pazifik, der Geruch des salzigen Wassers. Dabei musste er an die Käsefabrik denken und an die schreckliche Politesse und - natürlich, er dachte wieder an Eywa. Verflucht, gab es denn wirklich nichts anderes mehr, an das er denken konnte? Er drehte sich verärgert auf die Seite und schlief dann endlich ein.
Nach einer unruhigen Nacht, in der ihn wirre Träume oft aufwachen ließen, fühlte er sich am Morgen wie gerädert. Er machte sich nicht die Mühe, sich an die Träume erinnern zu wollen. Es waren meist Albträume und die waren eine der Begleiterscheinungen seit … Leon ballte die Faust. Verflucht, er wollte nicht in diese Erinnerungen fallen. Er sprang auf und ging schnell unter die Dusche. Das Wasser belebte und vertrieb den Schwachsinn in seinem Kopf. Es blieb noch genug Zeit für ein Frühstück, bevor er seinem neuen Arbeitgeber gegenübertrat. Der Job würde sicher nicht einfach. Körperliche Fitness und der Wille, hart zu arbeiten, waren die Voraussetzungen und das war genau sein Ding. Schmerzen. Der ganze Körper musste sich anfühlen, wie durch den Fleischwolf gedreht. Lahme Muskeln und abends so müde zu sein, dass man kaum mehr in der Lage war, ins Bett zu kriechen. Nur dann hatte das Gehirn nicht mehr genug Strom, um selbstständig denken zu können, weil es ihn sonst immer wieder in Abgründe manövrierte, in die er dann hilflos hineinstürzte.
Er packte seine Sachen zusammen und nachdem er bezahlt hatte, gab er die Adresse der Ölfirma in sein Navigationssystem ein. In ein paar Stunden würde er seinen nächsten Vertrag unterschreiben. Mit ein wenig Optimismus könnte es diesmal ein Job sein, in dem er länger bleiben würde, denn meist war schon während der Probezeit Schluss. Wenn die Kollegen vertraulicher wurden und von privaten Problemen mit Frau und Kindern erzählten. Wenn er zu Grillpartys und Geburtstagen eingeladen wurde. Wenn man Telefonnummern austauschen und sich zum Bowling treffen wollte, dann war für ihn der Zeitpunkt, an dem er sein Bündel schnürte und schnell das Weite suchte. Er konnte diese Annäherungen nur schlecht ertragen, denn das bedeutete, dass sie auch von ihm alles wissen wollten. Es war überhaupt verwunderlich, warum Männer ständig diese Verbrüderung suchten. Am besten noch, wenn sie sich zuerst spinnefeind waren, um dann, durch welche Umstände auch immer, mit kräftigen Schulterklopfern und überschwappenden Bierkrügen in die brüderlichen Arme fielen. Man fand dieses Phänomen in allen Schichten. Wo immer sie geballt aufeinandertrafen, dürsteten sie nach wahren Männerfreundschaften.
Ihn nervte dieses Verhalten. Er hatte keinerlei Interesse an diesen gesellschaftlichen Spielchen. Als er in der Army diente, waren die anderen Soldaten regelrecht süchtig nach tiefen Freundschaften und dieser ständige Gruppenzwang. Einer für alle, alle für einen. Semper Fi – Ewig treu! Am besten noch tätowiert auf den Unterarm. Als er die Army verließ, war das für ihn die größte Befreiung. Leon erinnerte sich dabei an seinen Ausflug in die Welt der Cowboys und musste leise lachen. Einsam am Lagerfeuer zu hocken, war eine Illusion. Auch dort starrten sie nicht wortkarg in die Flammen, sondern sangen christliche Lieder und hielten dabei voller Inbrunst ihre Hüte vor die Brust. Lobet den Herrn für gute Ernte, Regen, Sonne oder ansehnlichen Rinderschiss. Als wenn es einen lieben Gott interessieren würde. Als Leon von dem neu angesetzten Datum der Hinrichtung in den Nachrichten gehört hatte und Jaspers Kontaktversuchen nachgab, die er bis dahin stets ignoriert hatte, machte er sich auf der Ranch sprichwörtlich aus dem Staub. Unterwegs hatte er durch Zufall die Stellenanzeige des Ölkonzerns gelesen und dort angerufen. Da sie dringend Leute brauchten, war ein neuer Job kein Problem, zumal er durch sein Studium sowieso qualifiziert war.
Da war er nun und näherte sich Bakersfield und weil das, was sich nach der Kurve plötzlich seinen Augen bot, so unglaublich war, hielt er an und stieg aus. Er befand sich auf der Straße einer grün bewaldeten Hochebene und der Blick hinunter ins Tal war … gruselig. Das war das einzige Wort, das ihm dazu einfiel. Verbrannte, blasse Erde, soweit das Auge durch den Smog blicken konnte. Eine Armee von Aberhunderten Pumpen. Eine neben der anderen. Wie eine Hautkrankheit verteilten sie sich über die farblose Ebene, in der weder Busch, noch Baum wuchs. Stählerne schwarze Pferdeköpfe, die ständig auf und ab nickten und ihre Stacheln tief und tiefer in den Boden trieben. Hier und da qualmte es, wahrscheinlich handelte es sich um Versickerungsteiche, in denen das Abwasser in der prallen Sonne verdunstete. Der Anblick erinnerte an ein Endzeit Szenario. Der Geruch nach Öl und faulen Eiern, definitiv Schwefel, der in der Brühe suppte, drang in seine Nase. Ein netter, einladender Arbeitsplatz in freundlicher Umgebung sah anders aus.
Leon stieg zurück in den Wagen, in den Twister schnell hineingesprungen war und ihn aus dem Fußraum vorwurfsvoll anblickte.
„Ja ich weiß, es gibt schönere Orte.“
Tillamook kam ihm wieder in den Sinn. Leon wischte den Gedanken beiseite, trat aufs Gaspedal und schon wenig später erreichte er die Adresse, die man ihm gegeben hatte. Ein typischer Industrie Flachbau, nicht besonders groß, vor dem einige Autos geparkt waren. Auf der gläsernen Eingangstür stand in goldenen Buchstaben:
Wellshare Industries
Oil Company
Kran Field Eastern Valley
Leon ließ Twister im Wagen und betrat das Gebäude. Hinter der Theke eines kleinen Eingangsbereichs telefonierte eine junge Frau und als sie ihn erblickte, winkte sie ihn zu sich. Sie deutete auf einen der Stahlrohrstühle und Leon folgte der Aufforderung, bis sie kurze Zeit später das Telefonat beendete. Er stellte sich vor und nannte den Grund seines Besuchs.
„Mister Marshall, natürlich, Sie werden bereits erwartet.“ Sie kam hinter dem Tresen hervor und er folgte ihr in einen schmalen Gang. An den Wänden hingen Bilder von Pferdekopfpumpen. Was auch sonst? Selbst hier roch es leicht nach Öl. Sie klopfte an eine Tür und nachdem sie ihn angekündigt hatte, durfte er eintreten.
„Mister Marshall“, empfing ihn der Mann hinter dem Schreibtisch. „Wir hatten telefoniert. Ich bin Luiz Hernandez.“ Sie reichten sich die Hände und Leon nahm vor dem Schreibtisch Platz. „Wie Sie bereits wissen, suchen wir dringend Leute. Ihre Aufgabe wäre die Instandhaltung der Pumpen. Dazu gehört das Säubern, Befreien von Dreck, Rost oder Tierkadavern. Sie werden eingearbeitet, müssen jedoch vorab einen Sicherheitskurs absolvieren, der Erste Hilfe Maßnahmen und Brandvorkehrungen beinhaltet. Er dauert nur zwei Tage und wird ohne Prüfung absolviert. Soweit klar?“
„Ja, Sir.“
Hernandez sah ihn einen Moment an, schob seine Kappe mit der Aufschrift der Ölgesellschaft nach oben und wischte mit den Fingerspitzen die Schweißtropfen von der Stirn.
„Sie sehen durchtrainiert aus, hätten Sie Interesse an einem Job auf einer Bohrinsel?“ Er griff nach einem Informationsblatt und ließ es über die Tischplatte zu Leon hinübergleiten. „Offshore können Sie viel Geld verdienen. Zu dem normalen Kurs käme ein Schwimmkurs hinzu, selbstverständlich werden die Kosten von uns getragen. Man frischt dort Ihre Paddelkünste auf, falls Sie von der Bohrinsel fallen.“ Er lachte. „Wie wär’s?“
„Nun …“
„Sagen Sie mir einfach Bescheid“, unterbrach er ihn und winkte mit der Hand ab. Ein weiteres Info-Blatt schwebte in Leons Richtung. „Das sind unsere Vorschriften. Gut durchlesen! Drogen-, Alkohol- und Zigarettenverbot auf dem gesamten Gelände, das sollte klar sein. Noch Fragen?“
Er griff einen weiteren Stapel zusammengehefteter Blätter und schob auch die in seine Richtung. Ohne abzuwarten, ob Leon eventuell tatsächlich Fragen hatte, sprach er weiter. „Das ist Ihr Vertrag. Ich habe ihn bereits unterzeichnet. Ich brauche ihn bis morgen Mittag zurück. Überlegen Sie sich das Angebot mit der Bohrinsel. Sie liegt vor Alaska. Ein harter Job, härter als hier in dieser Hitze, und die frisst einen bereits auf. Es gibt keinen einzigen schattigen Platz hier, während Sie die Pumpen warten oder reparieren. Kein Baum, kein Strauch, kein Grashalm. Nur Sand, der Ihnen bei Wind bis in die Arschritze dringt.“ Er lachte. „Beim Gehen fühlt es sich irgendwann an, als hätten Sie Schmirgelpapier zwischen den Arschbacken.“ Er lachte noch mehr und Leon tat ihm den Gefallen, die Lippen zu einem Grinsen zu verziehen. „Alles klar soweit?“
Er stand auf, um ihn zu verabschieden, doch Leon blieb sitzen.
„Haben Sie Unterkünfte?“
Hernandez setzte sich wieder.
„Ja sicher.“ Er schrieb eine Telefonnummer auf einen Zettel. „Melden Sie sich bei Jerome, er wird Ihnen eine Baracke zuweisen. Es sind immer zwei Männer in einer Unterkunft. Hoffen Sie nicht, dass Sie eine für sich allein bekommen. Wir nehmen weder Rücksicht auf ethnische noch religiöse Hintergründe. Hier geht es um Öl, das ist wichtiger als die Tatsache, in welche Richtung jemand betet. Soweit klar?“
Er griff hinter sich in ein Fach, zog ein weiteres Blatt heraus und auch dieses schwebte hinüber zu ihm.
„Die Vorschriften in den Unterkünften. Gut durchlesen. Auch dort gilt: Alkohol-, Zigaretten- und Drogenverbot. Haustiere sind nicht erlaubt, bis auf Geckos und Schlangen. Die haben hier Hausrecht.“ Er lachte wieder.
„Ich habe einen Hund.“
„In Bakersfield ist ein Tierheim. Nette, wirklich sehr nette Leute da.“ Er kritzelte eine Adresse auf einen Zettel, auch den packte Leon zu seinem Stapel dazu. „Verstehen Sie, so ein Tier ist hinderlich. Der eine kommt mit einer Katze, der nächste besitzt einen Hund, ein anderer bringt seinen Affen mit. Wir sind hier kein Streichelzoo. Und es geht auch nicht, dass man nicht zum Dienst erscheint, weil der Hund gekotzt hat. Noch Fragen?“
Leon fühlte sich etwas überrollt.
„Dann sehen wir uns morgen. Denken Sie daran, den Vertrag zu unterschreiben.“
Leon verließ das Büro, ging hinaus und atmete tief durch. Die Sekretärin lächelte ihm zu, als er zu seinem Wagen ging. Er setzte sich hinein und Twister schenkte ihm zu seiner Rückkehr ein leichtes Zucken mit der Schwanzspitze. Das war offenbar das Ende ihrer gemeinsamen Reise. Leon gab die Adresse des Tierheims in das Navi ein und fuhr los. Während der Fahrt musste er feststellen, dass Bakersfield die dreckigste und staubigste Stadt war, die er je gesehen hatte. Manche Leute trugen sogar Atemmasken. Die Käsefabrik kam ihm erneut in den Sinn und der Blick über den Ozean. Was für ein Unterschied zu dem verbrannten Narbengewebe der unendlich scheinenden Ölfelder und ihren gruseligen Pumpen. Vielleicht sollte er tatsächlich über das Angebot auf der Bohrinsel nachdenken. Als er das Tierheim erreichte und mit Twister zum Eingangstor ging, bemerkte er die hübschen Einfamilienhäuser auf der gegenüberliegenden Seite. Zwei davon waren mit gelbem Flatterband abgesperrt und wirkten verlassen. Warnschilder wiesen darauf hin, die Grundstücke nicht zu betreten, da unter den Häusern Gas aus einer defekten Leitung gesickert war.
Was für eine Stadt!
Bevor er den Klingelknopf am Tor drückte, blickte er hinunter auf Twister, der abwartend zu ihm aufsah.

Eywa erwachte und spürte die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Das lenkte die heutige Laune doch gleich in die richtige Richtung. Sie tastete mit den Fingerspitzen über ihre Wangen, spürte die Wärme und es fühlte sich an, als könnte sie so die Sonnenstrahlen berühren. Der Duft der Kornfelder drang durch das geöffnete Fenster in ihre Nase und als sie die Hand hob, spürte sie den leichten Wind, der den Vorhang sanft bewegte.
Eywa liebte ihren Onkel Mike und ihre Tante Tessa dafür, dass sie ihr ein Leben auf ihrer Ranch ermöglichten. Nirgends fühlte sie sich wohler und besser aufgehoben als hier, im Kreise der Menschen, die sie akzeptierten, wie sie war. Sie besaß diese kleine Hütte, etwas abseits vom Haupthaus, in der auch ihr Pianino stand. So konnte sie niemanden mit ihren Übungen nerven und spielen, wann immer ihr danach war. Wohlig streckte sie ihre Glieder und atmete tief ein. Der Sommer war einfach herrlich, er duftete himmlisch nach Getreide, Heu und Wildblumen. Wenn nur die Verpflichtungen im Leben nicht wären, dann würde sie noch Stunden unter dem Fenster in der Sonne liegen und den leichten Wind genießen.
Sie gab sich einen Ruck und setzte sich auf, doch so ganz war ihr Körper noch nicht mit ihrer Motivation im Einklang. Eywa musste herzlich gähnen und war nahe dran, sich rückwärts wieder ins Kissen fallen zu lassen. Ihr Pflichtgefühl und vor allem ihre knappe Kasse verhinderten das verlockende Vorhaben, also stand sie auf und ging unter die Dusche. Innerhalb der Wohnung verzichtete sie auf ihren Stock, auch wenn sie dann und wann noch immer gegen die Tischkante lief, oder sich den Zeh stieß. Das verbuchte sie unter Trottelei und war sich sicher, auch sehende Menschen waren ab und an mal trottelig. In ihrem Leben musste leider alles seine Ordnung haben. Wenn die Dinge nicht immer genau dort waren, wo sie hingehörten, fand sie sie nur schwer, oder gar nicht wieder. Vor allem ihre Schlüssel! Die waren offenbar prädestiniert dafür, verlegt zu werden. Darum hatte ihrer einen Anhänger und wenn sie pfiff, antwortete er.
In einer knappen Stunde hatte sie die erste Klavierstunde mit einer neuen jungen Schülerin und sie freute sich sehr darauf. Es würde ihre Haushaltskasse ein wenig aufbessern. Mutter und Töchterchen hatten sie aufgesucht und so, wie Eywa heraushören konnte, war Misses Coffman von dem musikalischen Talent ihrer Jüngsten überzeugt. Das Mädchen dagegen hatte kaum ein Wort gesprochen, darum würde sie heute zunächst versuchen mit kleinen und lustigen Spielchen das Eis zu brechen. Meist verhielten Kinder sich lockerer, sobald die Eltern nicht mehr anwesend waren und dann würde sie herausfinden, ob das musikalische Talent tatsächlich vorhanden, oder der Ehrgeiz der Eltern größer war.
Gerade als sie sich abtrocknete, läutete das Telefon.
„Eywa Green“, meldete sie sich.
„Hier spricht Misses Coffman.“
Nanu, dachte Eywa und hörte am Klang heraus, dass sie etwas bedrückte.
„Hallo Misses Coffman, gibt es ein Problem?“
„Nun ja“, druckste sie herum. „Ich muss die Stunde leider absagen.“
Ein Ziehen ging durch Eywas Magengegend. Nicht schon wieder!
„Fühlt sich Harriet nicht wohl? Ist sie krank?“ Eywa kannte die Antwort längst. Sie war allerdings gespannt darauf, ob Misses Coffman ehrlich genug war.
„Vielleicht ist Klavierspielen doch nichts für sie. Ich werde selbstverständlich für den Ausfall aufkommen.“
„Sparen Sie Ihr Geld, wenn Sie mir dafür den wahren Grund nennen.“
Die Frau räusperte sich. „Es ist mir äußerst unangenehm, aber Harriet hat Angst vor Ihnen. Bitte seien Sie nicht böse, sie ist ja noch ein Kind.“
„Sie hat Angst?“
„Sie hat gefragt, ob das ansteckend sei und sie auch blind werden würde. Oh Gott, Miss Green, es tut mir so leid, aber Sie wollten es wissen.“
Das war mal eine ganz neue Variante. Sie hatte ja bereits einiges erlebt, aber das toppte definitiv alles.
„Machen Sie sich nichts daraus. Ich verstehe das.“
„Was soll ich tun? Sie hat angefangen zu weinen und sagte, Sie hätten immer an ihr vorbeigesehen, das fand sie unheimlich.“
Eywa beendete höflich das Gespräch, nachdem sie versichert hatte, dass es ihr rein gar nichts ausmachte.
„Es sind halt Kinder“, hatte Misses Coffman noch entschuldigend hinzugefügt.
„Ja, es sind halt Kinder“, hatte sie so gefasst wie möglich wiederholt, doch es waren die Eltern, die ihren Kindern beibringen mussten, dass Menschen mit Handicap keine Aussätzigen mit ansteckenden Krankheiten waren. Es lag an den Eltern, ihnen vorzuleben, wie man miteinander umging. Erst jetzt bemerkte sie, dass sich ihre Hand derart in ihr Handtuch verkrampft hatte, dass sie ihre Faust nur unter Schmerzen wieder öffnen konnte.
Sie setzte sich auf den Toilettendeckel und brauchte eine ganze Weile, um das zu verdauen. Ansteckend! Sie atmete tief durch und beschloss, sich davon nicht den Tag verderben zu lassen. Eywa wuschelte mit dem Handtuch durch ihre Haare, nahm ihr Farberkennungsgerät, das immer neben dem Schrank auf dem Regal lag, und suchte ihre Kleidung aus. Nach diesem Schlag in die Magengrube konnte nur ein Ausritt helfen. Auf einem Pferderücken durch die Gegend zu reiten, machte Kopf und Seele wieder frei. Sie nahm Jeans und Stiefel aus dem Schrank, zog sie über, nahm ihren Blindenstock und ging hinüber zum Stall. Dort begegnete sie Benny, der sie wie immer höflich begrüßte. Er war einer der Jugendlichen, die schon früh auf sich selbst gestellt, mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Auf der Ranch ihres Onkels bekamen diese Kinder vom Gericht eine zweite Chance. Sie mussten sich bewähren und lernten Verantwortung zu übernehmen. Auf der Ranch spürten sie die Obhut einer Gemeinschaft, lernten für sich und andere einzustehen, übernahmen Pflichten und bekamen Grenzen aufgezeigt. Das war nicht immer einfach, oft gab es Rückschläge, doch die Arbeit ihres Onkels verdiente höchsten Respekt. Für ihn waren diese jungen Menschen ein Produkt einer kranken Gesellschaft und „Einer muss ihnen verdammt nochmal helfen“, pflegte er zu sagen. Dafür liebte Eywa ihn umso mehr.
Sie wechselte ein paar Worte mit Benny und er half ihr, ihre Stute zu satteln. Da der Junge sie hinausführte, konnte sie bereits im Stall aufsitzen. Wenn sie allein war, konnte sie nur auf der umzäunten Weide reiten, aber die war riesig und es dauerte eine kleine Ewigkeit, sie zu umrunden. Ihr Onkel hatte Cinnamon mit Hilfe eines Freundes zu einem Behindertenpferd ausgebildet. Die Stute kannte ihre Aufgaben und lief stets brav entlang des Zauns, bis sie wieder am Tor angekommen waren. Dort blieb sie stehen und schnaubte sogar manchmal kurz. Dieses wunderbare Pferd gab Eywa für ein paar Momente das Gefühl zurück, ganz normal zu sein. Sich tragen lassen, das sanfte Schaukeln genießen, eins zu sein mit dem Lebewesen unter ihr und der Natur. Da fühlte sie sich schon nach wenigen Minuten um vieles besser. Alle Harriets und Misses Coffmans der Welt konnten sie mal gern haben.
Als die Stute sich kurz schüttelte und Eywa zur Sicherheit nach dem Sattelhorn griff, um nicht herunterzufallen, fuhr ein Stich durch ihr lädiertes Handgelenk. Sie umfasste es mit der anderen Hand und ertastete, dass es sogar noch ein wenig geschwollen war. Sie dachte an diesen jungen Mann, der so nett geklungen hatte. Seine Stimme war ihr unter die Haut gegangen. So sanft und leise. Seine Worte waren mit Bedacht gewählt gewesen, nicht einfach laut hinausposaunt. Er hatte eine wohltuende Ruhe verströmt und selbstbewusst gewirkt. Offenbar kein typischer Draufgänger, wie die meisten Männer, die ihr aus Tillamook bekannt waren. Sie hatte Empfindungen für ihn gehabt, die sie nicht erklären konnte. Er hatte eine ganz spezielle Wirkung und etwas Besonderes ausgestrahlt. Das hatte sie noch nie in dieser Intensität gespürt.
July hatte gut reden, wenn sie sagte, dass sie sich endlich verlieben sollte. Eywa hatte nicht die Möglichkeit, jemanden umwerfend zu finden, weil er so hinreißende Augen, eine tolle Figur oder schöne Haare hatte. All die visuellen Eindrücke, durch die sich Menschen ineinander verliebten, fehlten ihr. Es musste sich schon jemand intensiver mit ihr befassen, sie ansprechen, sich ernsthaft für sie interessieren. Doch das tat leider niemand. Die meisten scheuten sich, mit ihr zu reden oder gar mit ihr zu flirten und es war ihnen nicht zu verdenken. Niemand wollte eine blinde Frau. Vielleicht dachten die Männer, es wäre eine zu große Belastung, dabei kam sie sehr gut damit klar. Allerdings war Tillamook auch nicht unbedingt mit Junggesellen im heiratsfähigen Alter gepflastert.
Cinnamon furzte plötzlich dermaßen laut in ihre Gedanken, dass Eywa vor Lachen fast vom Sattel fiel.
„Genau!“, rief sie laut und klopfte ihren seidigen Hals. „Scheiß drauf!“
Kapitel 3
Alte Schrecken,
die ihre Zähne blecken.
Sind zum Sprung bereit,
niemals bist du befreit.
Lauf nur fort,
an jeden Ort.
Sie kommen dich holen,
haben deine Seele gestohlen.
Leons Körper fühlte sich an, als hätte keiner seiner Muskeln mehr genug Kraft für die kleinste Bewegung. Er schaffte es nicht einmal, die Augenlider zu heben, so fix und fertig war er. Sein Rücken schmerzte und er war todmüde, obwohl er bereits einige Stunden geschlafen hatte. Und in dieser Sekunde, als sein volles Bewusstsein und seine Erinnerung zurückkehrten, musste er lächeln und sein Lächeln wurde breiter, als er den Ozean roch, die Wellen rauschen hörte, und was noch besser war – als jemand in diesem Moment seine Hand leckte.
Leon öffnete die Augen und sah Twister neben sich auf der Ladefläche seines Trucks sitzen. Er wedelte verhalten mit dem Schwanz und ließ es zu, dass er über seinen Kopf streichelte.
Als die Frau vom Tierheim Twister eine Schlaufe um den Hals gelegt und mit ihm davongegangen war, hatte er sich fest vorgenommen gehabt, nicht zurückschauen, doch er hatte es nicht fertig gebracht und als er sich für einen letzten Abschiedsblick umgesehen hatte, hatte auch Twister sich zu ihm gedreht. Ein letzter Blick aus traurigen Augen hatte ihn tief getroffen und alles, was er in ihnen hatte lesen können, war: Du Idiot!
Und Twister hatte recht. Er war ein Idiot. Sein ganzes Leben hatte er bereits oberflächlich und ohne jegliche Bindung zu irgendwem verbracht. Glücklicher war er dadurch nicht geworden. Im Gegenteil. Er befand sich in einer Art Blase und konnte weder vor noch zurück. Er hatte sich vorgemacht, dass der Hund es nur besser haben konnte als bei ihm, auch wenn es in einem Tierheim war. Doch wie sehr er sich irrte, hatte er an Twisters Reaktion gemerkt, nachdem er der Frau nachgelaufen war und ihn wieder an sich genommen hatte. Als wenn er eine dunkle Ahnung gehabt hatte, was ihm beinahe geblüht hätte, denn als sie zurück zum Auto gingen, war Twister freudig vorweg gehüpft, hatte schwanzwedelnd gewartet, bis Leon ihm die Tür öffnete und sich dann auf seinem Lieblingsplatz eingerollt. Als Leon ebenfalls eingestiegen war, hatte der Hund ihm einen Blick zugeworfen, als wollte er sagen: „Tu das nie wieder.“
In dieser Sekunde war ihm bewusstgeworden, dass er auf schnellstem Wege diese hässliche Stadt mit ihrem Öl-Geruch und dem Gestank nach faulen Eiern verlassen musste. Es zog ihn dorthin, wo er das erste Mal seit er sich erinnern konnte, eine Art Wohlbehagen empfunden hatte. Ein unerklärlich warmes Gefühl, das leider immer eisiger geworden war, je weiter er sich Richtung Bakersfield entfernt hatte. Darum war er die ganzen Stunden wie im Wahn durchgefahren und als er spät in der Nacht die Stelle an den Klippen erreicht hatte, waren Twister und er auf die Ladefläche geklettert und hatten es sich dort gemütlich gemacht. Sie hatten in den Himmel gestarrt, ein Sandwich geteilt und waren mit Meeresrauschen eingeschlafen. Und nun, wo sie auf den Ozean hinaussahen, wusste er, er hatte endlich mal etwas richtiggemacht. Es war das erste Mal, dass er an einen Ort zurückkehrte und es fühlte sich großartig an. Aber auch hier würde er einen Job brauchen, denn nur rumsitzen und auf das Meer hinaussehen, war fürs Erste sicher schön, aber auf Dauer lag ihm das nicht. Vielleicht ergab sich etwas, wenn er in Joes Diner ein Frühstück einnehmen würde. Meist war so eine Bar die Anlaufstelle einer Kleinstadt, in der jeder jeden kannte und jeder alles über jeden wusste. Sicher konnte Joe ihm einen Tipp geben, wo er Arbeit finden konnte. Ansonsten würde er es am Hafen versuchen, die brauchten in der Regel immer Leute.
Er setzte seinen Gedanken sofort in die Tat um und fuhr nach Tillamook hinein. Als er vor dem Diner einen Parkplatz ergattern konnte und aus dem Truck stieg, grüßte ihn die ruppige Politesse, erstaunlicherweise sogar mit Namen. Sie warf seinem Wagen einen strengen Blick zu, nickte dann jedoch wohlwollend und zog ihrer Wege. Dieser Moment, auch wenn er noch so verrückt war, gab ihm für eine Sekunde das Gefühl, Zuhause zu sein. Ein Ort, an dem die Politesse einen mit Namen grüßte, auch wenn es hundertachtundzwanzig Dollar gekostet hatte. Kurz wunderte er sich über sich selbst und seinen seltsamen Wunsch nach Heimatgefühlen. Das war völlig neu, denn falls er jemals über einen festen Wohnsitz nachgedacht hätte, dann höchstens in Jaspers Nähe. Ob es nur eine momentane Laune war? In den letzten Tagen stellte er alles infrage, überwarf sogar seine Entscheidungen. Wege, die er fest geplant hatte, empfand er plötzlich als Sackgassen. Leon schüttelte innerlich den Kopf und versuchte diese verwirrenden Gedanken loszuwerden. Diese ganze Denkerei verursachte sowieso nur Läuse im Kopf, wie sein Vater immer zu sagen pflegte, und bevor er bei dem Gedanken an das größte Monster in seinem Leben das Kotzen bekam, betrat er schnell Joes Diner.
Er bestellte ein Frühstück und nachdem Twister und er reichhaltig gegessen hatten, erkundigte er sich bei Joe nach einem Arbeitsplatz.
„Es gibt hier einige Jobs, denn viele junge Kerle verschwinden aus Tillamook. Es zieht sie in die größeren Städte, hier ist es ihnen zu langweilig. Was kannst du denn?“ Bevor Leon antworten konnte, sprach er weiter. „Wenn du dir nicht zu schade zum Arbeiten bist und gut anpacken kannst, dann frag‘ unten am Hafen nach, die suchen immer Leute für die Fischerboote. Aber ich sag’s dir gleich, du wirst immer nach Fisch stinken, da kannst du noch so oft duschen.“
Joe lachte laut und ein Mann am Nebentisch lachte mit. Er drehte sich zu ihnen und mischte sich in die Unterhaltung ein. „Da hat er recht, aber wenn du danach in der Käsefabrik arbeiten gehst, riechst du wie überbackener Fisch.“
Die Männer lachten laut. Leon lachte nicht, aber er verzog aus Höflichkeit den Mund zu einem schrägen Grinsen.
„Was ist mit dem alten Mick?“, sagte der Mann über Leons Kopf hinweg zu Joe. „Der sucht doch bestimmt eine helfende Hand.“
„Ja genau“, gab Joe zurück und schlackerte mit dem erhobenen Zeigefinger. „Der alte Mick ist vom Scheunenboden gestürzt. Wir dachten erst, nun ist er hin“, erklärte er grinsend, „doch das alte Schlachtross ist nicht totzukriegen.“ Der Kerl neben ihm war sehr amüsiert und obwohl Joes Worte makaber klangen, spürte Leon, wie sehr sie diesen alten Mick schätzten.
„Der knurrige Zausel hat sich den Oberarm gebrochen und ist alleine draußen auf seiner Farm. Es wäre nur für ein paar Wochen, aber es ist sicher besser, als auf dem Fischkutter.“
„Was sagst du?“
Beide Männer sahen ihn abwartend an.
„Sicher, warum nicht?“
Der Mann am Nebentisch klatschte in die Hände. „Na prima. Man muss Arbeitskräfte schnell von der Straße holen, bevor die Fabrik sie einsaugt.“ Er lachte dazu und während Joe eine Adresse aufschrieb, stellte er sich vor. „Ich bin Wilbur, und wenn ich nicht in meinem Truck sitze, bin ich hier. Das ist mein Wohnzimmer.“ Joe bekräftigte das, indem er Wilbur auf die Schulter klopfte.
„Wir sehen uns sicher, Junge. Grüß Mick von mir und sag ihm, ich komme die Tage vorbei.“ Er tippte an den Schirm seiner Kappe und ging hinaus. Joe reichte Leon derweil den Zettel mit der Adresse. Er bedankte sich, bezahlte sein Essen und machte sich mit Twister auf den Weg.
Es führte ihn in die Berge und als er dachte, er hätte sich verfahren, sah er mit Glück einen kleinen Holzpfahl mit einer Hausnummer. Er bog in den steinigen Weg und fuhr auf ein typisches Farmhaus zu. Ein breitschultriger Kerl stand neben einem Holzklotz, auf dem er offenbar sein Brennholz hackte. Mit zu Boden gelassener Axt und einem Arm in einer Schlaufe sah er ihm entgegen.
Leon stoppte den Wagen, stieg aus und ging auf ihn zu. Der alte Mick, wie sie ihn betitelt hatten, schien nicht wesentlich älter zu sein als Joe und Wilbur. Sein sonnengegerbtes und verschwitztes Gesicht lag zur Hälfte im Schatten seiner Hutkrempe und obwohl Leon sich freundlich lächelnd näherte, verzog er keine Miene.
„Guten Tag, Sir“, grüßte er und erklärte den Grund seines Besuchs.
„Joe schickt Sie?“, gab er leicht verwundert und mit Skepsis in seiner tiefen Stimme zurück. „Hm, ich könnte schon jemanden brauchen, Sie sehen ja selber …“ Er hob seinen verletzten Arm, während sein Blick an Leon vorbei auf den Truck fiel. „Aus Portland kommen Sie? Was suchen Sie hier?“
Das war eine gute Frage, aber die konnte er nicht mal sich selbst beantworten. „Arbeit und Unterkunft.“
„So. Aha. Wer sagt mir, dass Sie kein Killer sind?“
„Ihr gesunder Menschenverstand.“
Er sah Leon abschätzig an und sagte eine ganze Weile kein Wort. Leon hielt das aus, er kannte den Argwohn. Es war überall dasselbe.
„Sie können sich drüben im Schuppen einrichten. Dort finden Sie, was Sie brauchen. Sie müssen dort sauber machen. Und der Hund …“ Er deutete auf Twister, der neugierig aus dem Seitenfenster herausschaute. „Passen Sie auf, dass er sich nicht an meinen Hühnern zu schaffen macht.“
„Das werde ich.“
Mick schob ihm die Axt zu, deutete mit der gesunden Hand Richtung Brennholz und verschwand mit einem „Sie können gleich damit anfangen. Also dann.“
Leon sah ihm lächelnd nach. So einfach konnte es sein … Also dann!

Eywa beschloss Tessa zur Hand zu gehen, bis July von der Arbeit kam und mit ihrer Rückkehr endlich Langeweile und Tristesse verschwanden, die sich immer dann einschlichen, wenn sie keine Schüler hatte. Sie war neben ihrem Onkel und ihrer Tante einer der wichtigsten Menschen in Eywas Leben und nicht nur Cousine, sondern auch beste Freundin. July hatte nach langer Suche Arbeit im Büro einer Schiffswerft gefunden und vor kurzem ihre Festanstellung gefeiert. Da die Fahrtzeit von der Ranch bis zur Werft täglich eine knappe Stunde in Anspruch nahm, hatte Eywa Sorge gehabt, July würde die Ranch verlassen und näher in die Stadt ziehen. Doch July hatte ihr versichert, dass keine zehn Pferde sie von der Ranch wegbekämen. Das hatte sie beruhigt, aber dennoch wusste sie, dass es nur ein Aufschub war. Heute oder morgen würde Prinz Charming angeritten kommen und dann wären die zehn Pferde sicher schnell vergessen. So war der Lauf des Lebens. Nicht ihrer, nein, sicher nicht. Da brauchte sie sich auch nichts vormachen. Sie hatte kaum Träume und das war auch okay. Was für andere bitter klingen mochte, war für Eywa nur realistisches Denken. Wenn jemand wie sie überhaupt Arbeit finden könnte, dann nur in einer der größeren Städte. Dann könnte auch sie eine Wohnung mieten, in schicken Cafés sitzen oder in tollen Restaurants essen gehen. Vielleicht sogar einen Mann kennenlernen, der sie so akzeptierte, wie sie war. Aber in Tillamook?
„Du bist heute so still, Eywa. Bedrückt dich etwas?“ Sie spürte Tessas Hand auf ihrem Kopf. Sie strich ihr über das Haar und es war ein angenehmes, beruhigendes Gefühl. Eywa legte das Messer beiseite, mit dem sie in einem speziellen Gerät für Blinde eine Tomate in Scheiben geschnitten hatte.
„Ich frage mich, was mich erwartet im Leben.“
„Oha! Also sehr tiefsinnige Gedanken. Möchtest du darüber reden?“
„Es gibt nicht viel zu reden, denn es gibt nicht viel zu erwarten.“
„Eywa, du bist noch jung, alles liegt vor dir.“
„Ich weiß, du willst mich trösten, aber dir ist sicher auch klar, dass mein Leben anders verlaufen wird als das von July, oder?“
„Jedes Leben verläuft anders.“ Sie setzte sich neben Eywa an den Tisch und legte ihre Hand tröstend auf ihren Arm. „Mein Leben ist auch anders verlaufen als das meiner Schwester. Sie ist in New York, lebt in einem luxuriösen Loft mit ihrem reichen Ehemann Nummer vier.“
Sie mussten beide lachen und Eywa spürte die Aufmunterung in sich wirken. „Ich dagegen schaffe es höchstens alle zwei Monate zur Maniküre und wenn ich den Laden betrete, schlagen sie sich die Hände über dem Kopf zusammen. Zuletzt, und da bin ich mir ganz sicher, sind sie hinter der Ladentheke in Sicherheit gegangen, als ich vorbeiging.“
Eywa musste so sehr lachen, das tat gut.
„Im Gegensatz zu meiner schicken Schwester lebe ich auf einer Ranch, habe viele Tiere und dazu unsere Gäste. Das hatte ich so nie geplant. Bis ich Mike kennenlernte und mit ihm seine Visionen verwirklicht habe.“
Tessa nannte die vom Gericht geschickten Jugendlichen immer ihre Gäste. Das fand Eywa sehr liebenswert. Sie sollten das Gefühl von Geborgenheit und Freiheit haben, nicht von Druck und Zwang.
„Für dich gab es immer eine Wahl. Egal was du gewollt hättest.“
„Aber die hast du doch auch?“
„Nicht wirklich. Die Vereinigung für Sehbehinderte hat mir ein Arbeitsangebot geschickt. Vielleicht nehme ich es an.“
„Was für ein Angebot?“ Tessas Stimme klang erschrocken.
„In einer Telefonzentrale. Ich müsste dafür nach Eugene ziehen.“ Sie verzog den Mund, denn Eugene war nicht das, was sie gewollt hätte.
„Na dann hast du doch die Wahl, die du wolltest. Du kannst in eine andere Stadt ziehen, wo dich niemand kennt, du dich nicht auskennst und einen Job erledigst, den du hassen wirst. Oder du bleibst bei uns und widmest dich dem, was dir Freude macht und dir wichtig ist, zum Beispiel deiner Musik. Die Entscheidung ist doch ganz einfach. Was ist mit deinen Klavierstunden?“
Noch bevor Eywa ihr antworten konnte, stürmte July ins Haus. Ihre Schritte waren schnell und sie wirkte hektisch, ihr Atem war sogar zu hören, als sie die Küche betrat. Tessa bestätigte Eywas Gespür.
„Nanu, July, was ist passiert?“
„Hi Mom“, sagte sie und gab ihr einen Kuss, dann kam sie auf Eywa zu und sie spürte Julys Lippen auf ihrer Wange. „Hi Cousinchen. Du glaubst nicht, wen ich gesehen habe.“
„Ein Gespenst?“
„Namens Leon!“
Eywas Herz machte einen so heftigen Satz, dass sie einen Augenblick verwirrt war.
„Wer ist Leon?“, wollte Tessa wissen.
„Der Typ, der Eywa über den Haufen gerannt hat.“
„Aha, und was ist daran so toll?“
Eywa war froh, dass Tessa so neugierig war und mehr wissen wollte, denn sie war zu überrascht, um zu reagieren. Am meisten über ihre Reaktion. Konnten andere sehen, wenn einem das Herz in der Brust schlug? Vorsichtshalber legte sie ihre Hand dorthin, wo es am heftigsten pochte.
„Er war auf der Durchreise, wollte nach Bakersfield.“
„Vielleicht hat er etwas vergessen? Ich zucke verwundert mit den Schultern.“
Eywa musste lächeln, denn ihre Tante war die Einzige, die ihre körperlichen Gesten manchmal laut aussprach, damit sie auch diese Dinge erfassen konnte. Oft klang das wirklich witzig.
„Eben nicht. Ich traf Joe an der Tankstelle und er hat mir erzählt …“
„Er hat getratscht!“, schnitt Tessa ihr scharf das Wort ab. Es war nicht so, dass Tessa Joe nicht mochte, aber sie konnte ihm nie ganz verzeihen, dass er mit seinem losen Mundwerk fast ihr Projekt mit den Jugendlichen gefährdet hätte. Nicht überall waren Straftäter gerne gesehen. Auch wenn sie noch jung waren. Joe war damals dagegen gewesen, dass man sich freiwillig ‚diese verdorbenen Subjekte‘ in die Stadt holte. Tillamook sei eine friedliche Stadt und sie sollte es auch bleiben. In seiner Bar animierte er die Einwohner zum Protest, verteilte Flugblätter und sammelte sogar Unterschriften. Als sogar die Behörden begannen, das Projekt anzuzweifeln, kostete es Mike und Tessa viele Nerven, Überzeugungskraft und jede Menge Kuchen, der die hitzigen Diskussionen bei Krisentreffen auf der Ranch versüßte. Was auch immer Tessas Rezept gewesen sein mochte, doch die köstlichen Stückchen schmolzen nicht nur auf ihren Zungen, sondern entlockten ihnen auch süßere Töne. Zum Schluss einigte man sich auf eine Art Probelauf für ein halbes Jahr und den bestanden sie mit Bravour.
„Mom, vergiss die Sache von damals“, gab July zurück und hatte offenbar dieselben Gedanken gehabt wie Eywa. „Also, Joe erzählte mir, dass ein Kerl namens Leon bei ihm nach einem Job gefragt hätte und er ihn zum alten Mick geschickt hat. Er sagte zu mir ‚Ich glaube, das ist der Typ, mit dem ihr zuletzt hier gesessen habt’. Da wollte ich wissen, ob ich mit meiner Vermutung richtigliege.“
„Und?“ Eywa platzte vor Neugier.
„Ich bin unter einem Vorwand zum Farmhaus, schließlich kümmert man sich in Tillamook um seine kranken Nachbarn.“
„Natürlich“, sagte Tessa mit spöttischem Unterton.
„Mick hat sich sehr gefreut, ich soll dich übrigens grüßen, Mom, und als ich gerade danach fragen wollte, ob er etwas benötigt, kam Leon aus der Scheune, und wow, er sah echt gut aus.“
Eywas Eingeweide zogen sich zusammen und darüber ärgerte sie sich. Sie war gerade dabei, sich in etwas zu verrennen und das war gar nicht gut. Denn ganz offenkundig schien er Julys Aufmerksamkeit ebenso auf sich gezogen zu haben. Und nur weil er in Tillamook war, hieß es nicht, dass sich ihre Wege noch einmal kreuzten.
„Was hast du zu ihm gesagt?“
„Ich habe natürlich so getan, als sei ich völlig erstaunt, ihn dort zu treffen. Ich habe nachgehakt, ob er nicht vorgehabt hatte, nach Bakersfield zu fahren, und er antwortete, dort mögen sie keine Hunde. Was auch immer er damit meinte.“ July lachte und in Eywa flackerte etwas auf, was sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Es brannte, es pochte, es brodelte und … es ärgerte sie. Sie war eifersüchtig! Das konnte doch nicht sein!
„Ich ziehe gerade überrascht meine Augenbrauen hoch, liebes Töchterlein. Dieser junge Mann scheint dich sehr zu interessieren.“
„Wie kommst du denn darauf?“ July lachte. Eywas Gefühle überrannten sie gerade und das musste sie schnell unterbinden. Wenn July sich in ihn verliebte, dann war das nun mal so und dann würde sie sich von Herzen für sie freuen. Fertig! Ihre Gedanken an ihn waren eine dumme Schwärmerei über eine schöne Stimme und ein höfliches Auftreten. July jedoch wäre stets die geeignetere Kandidatin. Sie hoffte nur, dass nicht ausgerechnet er der Prinz Charming war, der sie von der Ranch entführen würde.
„Ich habe ihn gefragt, ob er Lust hat, zum Essen zu kommen, doch er schien irgendwie schüchtern und ist mir ausgewichen. Aber er hat nach dir gefragt.“
Wieder machte ihr Herz einen unkontrollierten Satz. „Aus Höflichkeit. Er wollte sicher nur wissen, wie es meinem Handgelenk geht.“
„Nein, das glaube ich nicht, denn von deinem Handgelenk war nicht die Rede und außerdem war es die Art, wie er nach dir gefragt hat. Ich glaube, er findet dich toll und ist nur hier, um dich wiederzusehen.“
Pulsuz fraqment bitdi.