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Über Morgan Rice

Morgan Rice ist #1 Bestseller und der Bestseller Autor von USA Today der epischen Fantasy-Reihe DER RING DER ZAUBEREI, die aus siebzehn Büchern besteht; von der #1 Bestseller Reihe DER WEG DER VAMPIRE, die aus zwölf Büchern besteht; der #1 Bestseller Reihe DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS, ein postapokalyptischer Thriller, der aus drei Büchern besteht, die epische Fantasie Reihe VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN, die aus sechs Büchern besteht; der epischen Fantasie Reihe FÜR RUHM UND KRONE, die aus 8 Büchern besteht Fantasie Reihe EIN TRHON FÜR SCHWESTERN, die aus fünf Büchern besteht (andauernd); und die neue Science-Fiction-Reihe CHRONIK DER INVASION. Morgans Bücher sind in Audio und Druckausgabe und in 25 Sprachen übersetzt erhältlich.

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Resonanz auf Bücher von Morgan Rice

„Wenn Sie dachten, dass es nach dem letzten Teil von THE SORCERER’S RING keinen Grund mehr gibt weiterzuleben, dann haben Sie falsch gedacht. Mit RISE OF THE DRAGONS hat Morgan Rice den Auftakt zu einer vielversprechenden neuen Romanreihe geschaffen, in der sie uns in eine Fantasy-Welt voller Trolle und Drachen, Heldenmut, Ehre, Tapferkeit, Magie und Vertrauen versetzt. Wieder hat Morgan es geschafft, ein starkes Set von Protagonisten zu erschaffen, das den Leser mit jeder Seite aufs Neue überzeugt … Diese Romanreihe ist für jede Büchersammlung überzeugter Fantasy-Leser absolut empfehlenswert.“

–-Buch- und Filmrezensionen

Roberto Mattos

„Action-geladene Fantasy, die allen Fans von Morgan Rice Geschichten definitiv gefällt, aber auch Fans von Werken wie THE INHERITANCE CYCLE von Christopher Paolini … und Fans von Fantasy für junge Erwachsene werden dieses neueste Werk von Rice verschlingen und um mehr betteln.“

--The Wanderer, Ein Literaturjournal (über Rise of the Dragons)

„Fantasy mit Geist, bei der auch Elemente von Mystery und Intrigen in den Handlungsstrang verwoben sind. In A Quest of Heroes geht es um Courage und um die Erkenntnis, dass der Sinn des Lebens in persönlicher Entfaltung, Reife und Vortrefflichkeit besteht … Für alle, die gehaltvolle Fantasy-Abenteuer lieben, bieten die Protagonisten, die einzelnen Elemente und die Action eine lebhafte Mischung von Begegnungen, die sich um Thors Entwicklung von einem verträumten Kind zu einem jungen Erwachsenen drehen, dessen Überleben schier unmöglich scheint … Der Beginn einer vielversprechenden, epischen Reihe für junge Erwachsene.“

--Midwest Book Review (D. Donovan, eBook Reviewer)

„THE SORCERER’S RING besitzt alle Zutaten für einen unmittelbaren Erfolg: Plots und Gegenplots, Mystery, tapfere Ritter, aufblühende Beziehungen und gebrochene Herzen, Täuschung und Betrug. Dieses Buch unterhält den Leser über Stunden hinweg und findet Anklang bei allen Altersgruppen. Für jede Fantasy-Sammlung nur zu empfehlen.“

–-Buch- und Filmrezensionen, Roberto Mattos

„In diesem Action-geladenen ersten Buch der epischen Fantasy-Reihe THE SORCERER’S RING (derzeit bestehend aus vierzehn Teilen) stellt Rice dem Leser den vierzehnjährigen Thorgrin „Thor“ McLeod vor, der davon träumt, der Silbernen Legion beizutreten – einer elitären Gruppe von Rittern, die dem König dienen … Rices Schreibstil ist solide, die Ausgangssituation fesselnd.“

–-Publishers Weekly

Bücher von Morgan Rice
CHRONIK DER INVASION
ÜBERMITTLUNG (Buch 1)
ANKUNFT (Buch 2)
STEIGFLUG (Buch 3)
OLIVER BLUE UND DIE SCHULE FÜR SEHER
DIE ZAUBERFABRIK (Buch 1)
DIE KUGEL VON KANDRA (Buch 2)
DIE OBSIDIANE (Buch 3)
EIN THRON FÜR SCHWESTERN
EIN THRON FÜR SCHWESTERN (Buch 1)
EIN GERICHT FÜR DIEBE (Buch 2)
EIN LIED FÜR WAISEN (Buch 3)
EIN KLAGELIED FÜR PRINZEN (Buch 4)
EIN JUWEL FÜR KÖNIGE (Buch 5)
EIN KUSS FÜR KÖNIGINNEN (Buch 6)
FÜR RUHM UND KRONE
SLAVIN, KRIEGERIN, KÖNIGIN (Buch 1)
SCHURKIN, GEFANGENE, PRINZESSIN (Buch 2)
RITTER, THRONFOLGER, PRINZ (Buch 3)
REBELL, SCHACHFIGUR, KÖNIG (Buch 4)
SOLDAT, BRUDER, ZAUBERER (Buch 5)
HELD, VERRÄTER, TOCHTER (Buch 6)
HERRSCHER, RIVALE, VERBANNTE (Buch 7)
SIEGER, BESIEGTER, SOHN (Buch 8)
VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN
DER AUFSTAND DER DRACHEN (Buch 1)
DER AUFSTAND DER TAPFEREN (Buch 2)
DAS GEWICHT DER EHRE (Buch 3)
DIE SCHMIEDE DES MUTS (Buch 4)
EIN REICH DER SCHATTEN (Buch 5)
DIE NACHT DER VERWEGENEN (Buch 6)
DER RING DER ZAUBEREI
QUESTE DER HELDEN (Buch 1)
MARSCH DER KÖNIGE (Buch 2)
FESTMAHL DER DRACHEN (Buch 3)
KAMPF DER EHRE (Buch 4)
SCHWUR DES RUHMS (Buch 5)
ANGRIFF DER TAPFERKEIT (Buch 6)
RITUS DER SCHWERTER (Buch 7)
GEWÄHR DER WAFFEN (Buch 8)
HIMMEL DER ZAUBER (Buch 9)
MEER DER SCHILDE (Buch 10)
REGENTSCHAFT DES STAHLS (Buch 11)
LAND DES FEUERS (Buch 12)
DIE HERRSCHAFT DER KÖNIGINNEN (Buch 13)
DER EID DER BRÜDER (Buch 14)
DER TRAUM DER STERBLICHEN (Buch 15)
DAS TOURNIER DER RITTER (Buch 16)
DAS GESCHENK DER SCHLACHT (Buch 17)
DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS
ARENA EINS: DIE SKLAVENTREIBER (Buch 1)
ARENA ZWEI (Buch 2)
ARENA DREI (Buch 3)
GEFALLENE VAMPIRE
VOR DEM MORGENGRAUEN (Buch 1)
DER WEG DER VAMPIRE
GEWANDELT (Buch 1)
VERGÖTTERT (Buch 2)
VERRATEN (Buch 3)
BESTIMMT (Buch 4)
BEGEHRT (Buch 5)
VERMÄHLT (Buch 6)
GELOBT (Buch 7)
GEFUNDEN (Buch 8)
ERWECKT (Buch 9)
ERSEHNT (Buch 10)
BERUFEN (Buch 11)
BESESSEN (Buch 12)
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Copyright © 2017 by Morgan Rice. Alle Rechte vorbehalten. Außer mit Genehmigung unter dem U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Veröffentlichung vervielfältigt, weitergegeben oder in jedweder Form durch jegliche Mittel übertragen oder in einer Datenbank oder einem Speichersystem gespeichert werden, ohne ausdrückliche Genehmigung des Autors. Dieses E-Book ist rein für Ihre persönliche Unterhaltung lizenziert.  Dieses E-Book darf nicht weiterverkauft oder an andere Leser weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch gerne mit anderen Personen teilen möchten, erwerben Sie bitte eine weitere Kopie für jeden weiteren Leser. Wenn Sie dieses E-Book lesen, ohne eine eigene Kopie erworben zu haben, geben Sie es bitte zurück und erwerben Sie eine eigene Kopie. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit des Autors respektieren. Dieses Buch beruht auf Fiktion. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Gegebenheiten sind entweder vom Autor ausgedacht oder fiktional verwendet. Jede Ähnlichkeit zu real existierenden Personen, lebend oder verstorben, ist absolut zufällig.

KAPITEL EINS

Kevin war sich ziemlich sicher, dass man mit dreizehn nicht gesagt bekommen sollte, dass man sterben würde. Es gab wahrscheinlich keinen guten Zeitpunkt dafür, um fair zu sein, aber es war definitiv nicht richtig, wenn man dreizehn war.

„Kevin“, sagte Dr. Markham und lehnte sich in seinem Stuhl nach vorne, „verstehst du, was ich dir sage? Hast du irgendwelche Fragen? Sie vielleicht, Ms. McKenzie?“

Kevin schaute zu seiner Mutter und hoffte, dass sie vielleicht eine Idee hatte, was man darauf antworten sollte. Er hoffte, dass er vielleicht alles falsch verstanden hatte und sie es erklären würde. Sie war klein und schlank, mit dem starken Wesen von jemandem, der hart gearbeitet hatte, um ihren Sohn alleine in Walnut Creek, Kalifornien großzuziehen. Kevin war bereits größer als sie und einmal, nur einmal hatte sie gesagt, dass er wie sein Vater aussah.

Im Moment sah es jedoch aus, als wenn sie versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten.

„Sind Sie sicher, dass das kein Irrtum ist?“, fragte sie. „Wir sind nur wegen der Dinge, die Kevin sieht, zum Arzt gegangen.“

Die Dinge, die er sah. Das war so eine nette Art es zu sagen, als wenn das ganze Gerede darüber es noch schlimmer machte oder mehr dabei herauskommen würde. Als Kevin seiner Mutter zum ersten Mal davon erzählt hatte, hatte sie ihn angestarrt und ihm dann gesagt, er solle das ignorieren. Als er dann in Ohnmacht gefallen und daraus wieder aufgewacht war, hatte einen Termin beim Familienarzt.

Sie waren dann vom Arzt für weitere Tests schnell ins Krankenhaus geschickt worden und dann in Dr. Markhams Büro, das ganz in Weiß gehalten und mit Erinnerungen gefüllt war, die von Reisen in alle Ecken der Welt zu stammen schienen. Als Kevin zum ersten Mal hier hereingekommen war, hatte es sich angefühlt, als wenn es ein Versuch wäre, einen kalten, klinischen Raum heimisch zu gestalten. Jetzt dachte er, dass Dr. Markham vielleicht gerne daran erinnert wurde, dass es ein Leben gab, in dem man den Menschen nicht sagen musste, dass sie starben.

„Halluzinationen können ein Faktor sein, wenn es um Krankheiten wie diese geht“, sagte Dr. Markham in einem vorsichtigen Ton.

Halluzinationen schienen für Kevin nicht das richtige Wort, um seine Visionen zu beschreiben. Das klang, als wenn sie nicht echt waren, als wären sie Geister. Aber die Dinge, die er sah, schienen die Welt zu erfüllen, wenn sie kamen. Bilder von Landschaften, die er nie gesehen hatte, Andeutungen von Horizonten.

Und natürlich die Zahlen.

„23h 06m 29.283s – 05° 02‘ 28.59“, sagte er. „Das muss etwas bedeuten. Es muss einfach.“

Dr. Markham schüttelte seinen Kopf. „Ich bin mir sicher, dass es sich so anfühlt, Kevin. Ich bin mir sicher, dass es dir lieber wäre, wenn all das hier eine Bedeutung hätte, aber im Moment, musst du einfach nur verstehen, was mit dir passiert.“

Das war der Teil, warum Kevin seiner Mutter überhaupt erst davon erzählt hatte. Es hatte ihn Wochen gekostet, ehe er sie überzeugen konnte, dass er keine Witze machte oder irgendein Spiel spielte. Sie war sich anfangs sicher gewesen, dass er es nicht ernst meinte. Als die Kopfschmerzen anfingen, hatte sie es ein wenig ernster genommen und ihn einen Tag zu Hause gelassen, als der Schmerz ihn lahmgelegt hatte. Als er das erste Mal zusammengebrochen war, hatte sie ihn sofort zum Arzt geschleppt.

„Was passiert mit mir?“, fragte Kevin. Das Merkwürdige daran war, wie ruhig er sich fühlte – na ja, nicht ruhig. Vielleicht eher taub. Taub war wahrscheinlich das richtige Wort dafür. Seine Mutter sah aus, als wenn sie kurz davor war, zusammenzubrechen, aber für Kevin schien das alles viel zu weit weg und er wartete immer noch darauf, dass es bei ihm ankam.

„Du hast eine Art degenerative Erkrankung des Gehirns, bekannt als Leukodystrophie“, erklärte Dr. Markham. „Hier, ich werde es dir aufschreiben, wenn du willst.“

„Aber davon habe ich noch nie gehört“, sagte Kevins Mutter mit dem Ton von jemandem, für den das einfach nicht wahr sein konnte. Er konnte die Tränen sehen, die sie zurückzuhalten versuchte. „Wie kann mein Sohn etwas haben, von dem man noch nie gehört hat?“

Seine Mutter so zu sehen, war vielleicht der schwerste Teil daran für Kevin. Sie war immer so stark gewesen. Er hatte nie ein Problem gehabt, dass sie nicht hatte lösen können. Er nahm an, dass ihre Gedanken in die gleiche Richtung gingen.

„Es ist eine sehr seltene Krankheit, Ms. McKenzie“, sagte Dr. Markham. „Oder eher eine Sammlung von Krankheiten, von denen sich jede anders zeigt. Es gibt verschiedene Formen, von denen jede durch eine genetische Anomalie verursacht wird, die die weiße Substanz − das, was wir die Myelinscheide nennen − des Gehirns betrifft. Es sind normalerweise nur ein paar hundert Personen von dieser Krankheit betroffen.“

„Wenn Sie wissen, was diese Krankheit verursacht, können Sie dann nicht irgendetwas machen?“, fragte Kevins Mutter. „Gibt es eine Gentherapie oder so etwas?“

Kevin hatte seine Mutter im Internet nachschauen sehen. Jetzt wusste er, wonach sie gesucht hatte. Sie hatte nichts gesagt, aber vielleicht hatte sie gehofft, dass sie falsch lag. Vielleicht hatte sie darauf gehofft, dass sie etwas übersehen hatte.

„Es gibt Therapien, die für einige Arten der Leukodystrophie infrage kommen“, erklärte Dr. Markham. Er schüttelte seinen Kopf. „Und wir hoffen, dass sie in der Zukunft helfen werden, aber in Kevins Fall gibt es keine standardisierte Behandlung. Die traurige Wahrheit ist: je seltener die Krankheit ist, umso weniger wird sie erforscht, weil umso weniger finanzielle Mittel für die Forschung bereitgestellt werden.“

„Es muss doch etwas geben“, sagte seine Mutter. „Irgendwelche Versuchsmöglichkeiten, eine Studie …“ Kevin legte seine Hand über die seiner Mutter. Es war merkwürdig, dass ihre Hände schon fast gleich groß waren.

„Es ist okay Mama“, sagte er und versuchte, so zu klingen, als hätte er alles unter Kontrolle.

„Nein, ist es nicht.“ Seine Mutter sah aus, als wenn sie der Schock über das Alles zerreißen würde. „Wenn es nichts gibt, was machen wir dann als Nächstes?“

„Wir werden Behandlungen nutzen, die uns zur Verfügung stehen, um Kevin die bestmögliche Lebensqualität zu geben“, erklärte Dr. Markham. „Für die Zeit, die ihm noch verbleibt. Es tut mir leid, ich wünschte, ich hätte bessere Nachrichten.“

Kevin sah, wie seine Mutter sich zwang, tapfer zu sein, sie riss sich ein wenig zusammen. Er konnte sehen, dass sie es ihm zu liebe tat und er fühlte sich schon fast schuldig, dass sie das musste.

„Was bedeutet das?“, fragte sie. „Was genau schlagen Sie für Kevins Behandlung vor?“

„Ich werde ihm Tabletten verschreiben, um den Schmerz zu lindern“, erwiderte Dr. Markham, „und um die Chancen der Vergrößerung zu reduzieren. Kevin, ich weiß, Halluzinationen können irreführend sein, also möchte ich gerne, dass du mit jemandem über Techniken sprichst, damit umzugehen und wie du am besten darauf reagieren kannst.“

„Sie wollen, dass Kevin zu einer Psychologin geht?“, fragte seine Mutter.

„Linda Yalestrom ist Expertin darin Menschen, besonders jungen Menschen, zu helfen, mit den Symptomen  umzugehen, welche diese seltene Krankheit verursachen kann“, erwiderte Dr. Markham.

„Ich empfehle Ihnen, Kevin zu ihr zu bringen – in Anbetracht der Dinge, die er sieht.“

„Es sind nicht nur Halluzinationen“, widersprach Kevin. Er war sich sicher, dass es mehr als das war.

„Ich bin sicher, dass es sich so anfühlt“, sagte Dr. Markham. „Dr. Yalestrom kann dir vielleicht helfen.“

„Was immer … was immer Sie glauben, dass es das Beste ist“, sagte Kevins Mutter. Kevin konnte sehen, dass sie nichts mehr wollte, als hier herauszukommen. Es gab jedoch noch etwas, das er wissen musste, etwas Offensichtliches, bei dem er das Gefühl hatte, das er vielleicht fragen sollte, auch wenn er die Antwort nicht wirklich hören wollte.

„Wie lange?“, fragte er. „Ich meine, wie viel Zeit habe ich, bis ich … sterbe?“

Das war immer noch schwer auszusprechen. Kevin selbst hoffte, dass das alles nur ein Fehler wäre, sogar jetzt, aber er wusste, dass dem nicht so war. Es konnte nicht sein.

„Es ist unmöglich, das mit Sicherheit zu sagen“, sagte Dr. Markham. „Das Fortschreiten bei Leukodystrophie kann variieren, jeder Fall ist anders.“

„Wie lange?“, wiederholte Kevin.

„Vielleicht sechs Monate“, sagte Dr. Markham und breitete seine Hände aus. „Es tut mir leid, Kevin. Ich kann es nicht genauer sagen.“

***

Kevin und seine Mutter gingen nach Hause, seine Mutter fuhr so vorsichtig, wie jemand der wusste, dass er wahrscheinlich zusammenbrechen würde, wenn er sich nicht ganz konzentrierte. Für den größten Teil der Fahrt zu dem Vorort, in dem sie wohnten, waren sie still. Kevin war sich nicht sicher, was er sagen sollte.

Seine Mutter sprach zuerst. „Wir werden etwas finden“, sagte sie. „Wir werden einen anderen Arzt finden und eine zweite Meinung einholen. Wir werden jede Behandlung ausprobieren, die wir finden können.“

„Das kannst du dir nicht leisten“, erwiderte Kevin. Seine Mutter arbeitete hart in ihrem Job in einer Marketing-Agentur, aber sie hatten nur ein kleines Haus und Kevin wusste, dass ihr Einkommen sie gerade so über Wasser hielt. Er versuchte, nicht allzu oft nach Extras zu fragen, weil seine Mutter dann nur traurig wurde, wenn sie kein Geld dafür hatten. Er hasste es, seine Mutter jetzt so zu sehen, das machte es ihm nur noch schwerer.

„Glaubst du, das macht mir etwas aus?“, fragte seine Mutter. Kevin konnte die Tränen sehen, die aus ihren Augen kullerten. „Du bist mein Sohn und du stirbst und … ich kann nicht … ich kann dich nicht retten.“ „Du musst mich nicht retten“, sagte Kevin, obwohl er wünschte, dass sie es könnte. Er wünschte sich, dass jemand kommen und all das beenden würde.

Die Bedeutung, von dem, was Dr. Markham gesagt hatte, kam langsam bei ihm an. Sechs Monate, das würde bedeuten, noch vor dem Ende des Schuljahres. Bis dahin würde er tot sein. Weg. Alles, worauf er sich gefreut hatte, würde nur von kurzer Dauer sein. Alles, worauf er in der Zukunft gehofft hatte, würde von der Tatsache zerstört werden, dass es keine Zukunft für ihn geben würde.

Kevin war sich nicht sicher, wie er sich dabei fühlen sollte. Traurig, ja, weil das die Art von Nachricht war, bei der man sich traurig fühlen sollte und natürlich, weil er nicht sterben wollte. Wütend, weil das, was er wollte, hierbei nichts zu bedeuten schien. Verwirrt, weil er nicht sicher war, warum es ihn traf, wenn es doch Millionen von anderen Menschen auf der Welt gab.

Im Vergleich zu seiner Mutter war er jedoch ruhig. Sie zitterte, während sie fuhr, und Kevin machte sich Sorgen, dass sie einen Unfall verursachen könnte. Er seufzte vor Erleichterung, als sie auf die Straße einbogen, in der ihr Haus stand. Es war eines der kleineren Häuser im Block, alt und an vielen Stellen notdürftig zusammen geflickt.

„Es wird alles in Ordnung kommen“, sagte seine Mutter. Sie hörte sich nicht so an, als ob sie selbst daran glaubte. Sie nahm Kevins Arm, während sie ins Haus gingen, aber es fühlte sich eher so an, als würde Kevin sie stützen.

„Das wird es“, antwortete Kevin, denn er nahm an, dass seine Mutter das hören musste − mehr als er selbst. Es hätte vielleicht geholfen, wenn es wahr gewesen wäre.

Sie gingen hinein und es fühlte sich schon fast falsch an, auch nur irgendwas zu machen. Als ob alle normalen Dinge eine Art Betrug wären, nach den Neuigkeiten von Dr. Markham. Kevin schob eine Tiefkühl-Pizza in den Ofen, während er seine Mutter auf dem Sofa weinen hören konnte. Er wollte zu ihr gehen, um sie zu trösten, aber zwei Dinge hielten ihn davon ab. Erstens, der Gedanke, dass seine Mutter das vielleicht nicht wollte. Sie war immer die Starke gewesen, diejenige, die sich alleine um ihn gekümmert hatte, nachdem sein Vater sie verlassen hatte, als er noch ein Baby gewesen war.

Das Zweite waren die Visionen.

Er sah eine Landschaft unter einem Himmel, der mehr lila als blau schien, die Bäume darunter waren merkwürdig geformt, mit Stämmen, die Kevin an die Palmen am Strand erinnerten, aber die auf eine Art verdreht waren, wie Palmen es nie taten. Der Himmel sah aus, als ob die Sonne dort schien, aber die Sonne sah irgendwie falsch aus. Kevin konnte nicht so recht herausfinden, was falsch daran war, denn er hatte nie viel Zeit damit verbracht, die Sonne anzusehen, aber er wusste, dass sie nicht dieselbe war.

In einer Ecke seines Kopfes erschienen immer wieder Zahlen.

Er ging in einen Raum, der jetzt mit rotem Sand bedeckt war, und konnte spüren, wie seine Zehen darin versanken. Dort gab es Kreaturen, klein und Echsen-ähnlich, die wegliefen, wenn er ihnen zu nahe kam. Er schaute sich um …

… und die Welt ging in Flammen auf.

Kevin wachte auf dem Küchenboden auf, die Ofen-Uhr piepte und zeigte damit an, dass die Pizza fertig war, der Geruch von verbranntem Essen brachte ihn vom Boden hoch und zum Ofen, ehe seine Mutter das tun musste. Er wollte nicht, dass sie ihn so sah, wollte ihr nicht noch mehr Grund zur Sorge geben.

Er nahm die Pizza heraus, schnitt sie in Stücke und brachte sie ins Wohnzimmer. Seine Mutter saß auf dem Sofa und auch wenn sie aufgehört hatte zu weinen, waren ihre Augen rot. Kevin stellte den Teller mit der Pizza auf den Kaffeetisch, setzte sich neben sie und machte den Fernseher an, sodass sie zumindest so tun konnten, als wenn die Dinge normal wären.

„Du hättest das nicht tun müssen“, sagte seine Mutter und Kevin wusste nicht, ob sie die Pizza oder etwas anderes meinte. Im Moment war das egal.

Die Zahlen waren ihm immer noch im Gedächtnis: 23h 06m 29.283s – 05° 02‘ 28.59.

KAPITEL ZWEI

Als seine Mutter und er auf den Schulparkplatz fuhren, war sich Kevin nicht sicher, ob er sich jemals so müde gefühlt hatte. Der Plan war, alles so normal wie möglich weiter laufen zu lassen, aber er fühlte sich, als wenn er jeden Moment einschlafen würde. Das war weit entfernt von normal.

Das Problem waren die Behandlungen. Es hatte viele Behandlungen in den letzten Tagen gegeben. Seine Mutter hatte mehr Ärzte gefunden und jeder hatte einen anderen Plan, um zu versuchen, den Fortschritt der Krankheit zu verlangsamen. Das sagten sie jedes Mal und ihre Wortwahl machte klar, dass sogar das etwas Besonderes wäre und dass sie nicht darauf hoffen konnten, die Dinge wirklich aufhalten zu können.

„Viel Spaß in der Schule mein Schatz“, sagte seine Mutter. Da war etwas Falsches an der Fröhlichkeit, eine spröde Kante, die verriet, wie sehr sie sich bemühen musste, um ein Lächeln herbeizuzaubern. Kevin wusste, dass sie sich seinetwegen zusammenriss und er gab sein Bestes.

„Ich werde es versuchen, Mama“, versicherte er ihr und konnte hören, dass auch seine eigene Stimme unnatürlich klang. Es war, als ob sie beide Rollen spielten, weil sie Angst vor der Wahrheit dahinter hatten. Kevin spielte, weil er nicht wollte, dass seine Mutter wieder weinte.

Wie oft hatte sie jetzt geweint? Wie viele Tage waren vergangen, seit sie das erste Mal bei Dr. Markham gewesen waren? Kevin hatte den Überblick verloren. Er war ein oder zwei Tage krank zu Hause geblieben, ehe es offensichtlich geworden war, dass keiner von ihnen beiden das wollte. Dann kam das: Schule und zwischendurch Tests und die Versuche einer Therapie. Es gab Spritzen und Bluttests, Nahrungs-Ergänzungsmittel −, weil seine Mutter im Internet gelesen hatte, das diese angeblich halfen − und gesundes Essen, das weit von Pizza entfernt war.

„Ich will einfach nur, dass die Dinge so normal wie möglich sind“, sagte seine Mutter. Keiner von ihnen sagte so etwas an einem normalen Tag. Kevin hätte den Schulbus genommen und sie hätten sich keine Sorge machen müssen, was normal war oder nicht.

An einem normalen Tag würde er nicht verstecken müssen, was mit ihm nicht stimmte oder dankbar sein, dass seine beste Freundin auf eine andere Schule ging, nachdem er und seine Mutter umgezogen waren, sodass sie nichts hiervon nichts mitbekam. Er hatte Luna seit Tagen nicht angerufen und ihre Nachrichten sammelten sich auf seinem Handy. Kevin ignorierte sie, weil er nicht wusste, was er ihr sagen sollte.

Kevin konnte die Blicke spüren, die er auf sich zog, als er in das Schulgebäude ging. Es gab Gerüchte, selbst wenn niemand sicher wusste, was mit ihm los war. Weiter vorn konnte er einen der Lehrer sehen, Mr. Williams, und an einem normalen Tag wäre Kevin einfach an ihm vorbeigegangen, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Jetzt hielt der Lehrer ihn an, schaute an ihm hoch und runter, als wenn er Anzeichen erwartete, dass er jeden Moment sterben würde.

„Wie geht es dir, Kevin?“, fragte er. „Geht es dir gut?“

„Ich bin okay, Mr. Williams“, versicherte Kevin ihm. Es war einfacher zu sagen, dass es einem gut ginge, als die Wahrheit zu erklären: wie besorgt er um seine Mutter war und wie müde er von den ganzen Behandlungen war, wie viel Angst er davor hatte, was als Nächstes passierte.

Die Zahlen waren immer noch in seinem Kopf: 23h 06m 29.283s – 05° 02‘ 28.59. Sie hockten dort im hintersten Winkel seiner Gedanken, wie eine Kröte, die sich nicht bewegte −  unmöglich zu vergessen und unmöglich zu ignorieren, egal wie sehr Kevin versuchte, die Ratschläge seiner Mutter zu befolgen.

„Nun gut, sag uns einfach Bescheid, wenn du irgendetwas brauchst“, sagte der Lehrer.

Kevin war sich nicht sicher, was er darauf antworten sollte. Es war diese Art von Sachen, die Menschen sagten und die dennoch ohne Bedeutung zu sein schienen. Die eine Sache, die er brauchte, war das Einzige, was sie ihm nicht geben konnten: alles ungeschehen zu machen, damit die Dinge wieder normal wurden. Lehrer wussten viel, aber davon hatten sie keine Ahnung.

Dennoch gab er sich Mühe, so zu tun, als wäre alles normal − während seiner Mathematik-Stunde und anschließend im Geschichts-Unterricht. Ms. Kapinski erzählte ihnen von der frühen europäischen Geschichte, bei der Kevin sich nicht sicher war, ob das überhaupt im Lehrplan stand, aber das war anscheinend, was sie studiert hatte und was sie ihnen ausführlicher auseinandersetzte, als sie eigentlich sollte.

„Wusstet ihr, dass die meisten der Römer in Nordeuropa eigentlich gar keine Römer waren?“, fragte sie. Kevin mochte eigentlich Ms. Kapinskis Unterricht, weil sie keine Angst davor hatte, vom Lehrplan abzuweichen und auch über anderen Epochen in der Geschichte zu sprechen, wenn sie ihr gerade in den Sinn kamen. Es war eine Erinnerung daran, wie viel bereits vor ihrer Zeit auf der Welt passiert war.

„Dann ist das also falsch?“, fragte Francis de Longe. Normalerweise wäre es Kevin gewesen, der diese Frage gestellt hätte, aber er genoss die Gelegenheit, ruhig und schon fast unsichtbar zu sein.

„Nicht wirklich falsch“, erwiderte Ms. Kapinski. „Wenn ich sage, sie waren keine Römer, dann meine ich, dass die Überreste von Menschen hinterlassen wurden, die nie in der Nähe des Landes waren, das jetzt Italien ist. Sie waren die einheimische Bevölkerung, aber als die Römer sich ausbreiteten und ihre Gebiete eroberten, erkannten die Einheimischen, dass es gut daran täten, sich den Römern anzupassen. Die Art, wie sie sich kleideten, die Gebäude, in denen sie lebten, die Sprache, die sie sprachen, sie haben alles verändert, um deutlich zu machen, wem ihre Loyalität galt und weil es ihnen eine bessere Gelegenheit bot, an gute Positionen in der neuen Rangfolge zu kommen.“ Sie lächelte. „Dann, während der Rebellion gegen Rom, war es für die Einheimischen leicht, sich daran zu beteiligen, indem sie sich einfach wieder von diesen Gewohnheiten abkehrten.“

Kevin versuchte, sich das vorzustellen: dieselben Menschen an ein und demselben Ort veränderten sich, wenn sich die politische Richtung änderte. Ihr ganzes Sein veränderte sich, je nachdem, wer sie gerade regierte. Er dachte, es wäre vielleicht ein wenig wie in einer der beliebtesten Cliquen in der Schule zu sein, zu versuchen die richtige Kleidung zu tragen und die richtigen Dinge zu sagen. Dennoch war es schwer, sich das vorzustellen − und nicht nur wegen der Bilder von ungewöhnlichen Landschaften, die weiterhin in seinem Hinterhirn abgespeichert waren.

Das war wahrscheinlich das einzige Gute an seiner Krankheit: die Symptome waren nicht sichtbar. Das war andererseits aber auch das Beängstigende daran. Da war diese Sache, die ihn umbrachte und wenn die Menschen nicht schon davon wussten, dann würden sie es nie herausfinden. Er könnte einfach hier sitzen und niemand würde jemals –

Kevin fühlte die Vision kommen, sie fuhr durch ihn hindurch, wie eine Art Druckwelle, die sich in seinem Körper aufbaute. Es folgte ein Schwindelgefühl, dass die Welt verschwimmen ließ, während er sich mit etwas anderem verband. Er stand auf und wollte fragen, ob er sich entschuldigen könne, aber da war es bereits zu spät. Er fühlte, wie seine Beine nachgaben und er in Ohnmacht fiel.

Er schaute auf dieselbe Landschaft, die er in seiner Erinnerung hatte, die falsche Farbe des Himmels, die Bäume zu verdreht. Er schaute zu, wie das Feuer hindurchwütete, blendend und hell, es schien von überall herzukommen. Er hatte das alles schon einmal gesehen. Jetzt aber gab es ein neues Element: ein schwacher Puls, der sich in regelmäßigen Abständen zu wiederholen schien, genau wie das Ticken einer Uhr.

Ein Teil von Kevin wusste, dass eine Uhr nur das war, was sie war, genauso wie er instinktiv wusste, dass es ein Countdown für etwas war, und nicht nur etwas, das die Zeit markierte. Er hatte das Gefühl, dass die Impulse subtil intensiver wurden, als ob sie sich zu einem fernen Crescendo hinbewegten. Es gab ein Wort in einer Sprache, die er eigentlich nicht hätte verstehen sollen, aber er verstand es.

„Warte.“

Kevin wollte fragen, auf was er warten sollte oder wie lange oder warum. Er tat es aber nicht, hauptsächlich, weil er sich nicht sicher war, wen er fragen sollte. Aber auch, weil der Moment, so schnell wie er gekommen war, auch wieder vorbei war und Kevin aus seiner Ohnmacht aufwachte und sich selbst auf dem Boden des Klassenzimmers wiederfand. Ms. Kapinski stand über ihn gebeugt.

„Bleib noch einen Moment ruhig liegen, Kevin“, sagte sie. „Ich habe den Schulsanitäter holen lassen. Hal wird gleich hier sein.“

Kevin setzte sich trotz ihrer Anweisungen hin, weil er bereits wusste, wie sich das anfühlte.

„Mir geht es gut“, versicherte er ihr.

„Ich denke, das sollten wir Hal beurteilen lassen.“

Hal war ein großer, runder Sanitäter, der dafür sorgte, dass die Schüler der St. Brendans Schule durch jeden medizinischen Notfall kamen, den sie erlitten. Manchmal argwöhnte Kevin, dass sie nur so schnell gesundeten, weil der Gedanke an die medizinische Versorgung durch den Sanitäter sie selbst die schlimmsten Verletzungen ignorieren ließ.

„Ich sehe Dinge“, schaffte Kevin es zu sagen. „Da war ein Planet und eine brennende Sonne und eine Art Nachricht … wie ein Countdown.“

In den Filmen hätte man jetzt darauf bestanden, jemanden wichtigen zu holen. Sie hätten die Nachricht als das erkannt, was es war. Es hätte Treffen und Ermittlungen gegeben. Jemand hätte etwas getan. Aber außerhalb der Leinwand war Kevin nur ein Dreizehnjähriger Junge und Ms. Kapinski schaute ihn mit einer Mischung aus Mitleid und leichter Verwunderung an.

„Ich bin mir sicher, es ist nicht so schlimm“, sagte sie. „Es ist wahrscheinlich normal, alle Arten von Sachen zu sehen, wenn man so einen … Schub hat.“

Um sich herum hörte Kevin das Murmeln seiner Klassenkameraden. Nichts davon ließ ihn sich besser fühlen.

„… einfach umgefallen und hat zu zucken begonnen …“

„… ich habe gehört, er ist krank, hoffentlich ist das nicht ansteckend …“

„… Kevin glaubt, er sieht Planeten …“

Letzteres tat weh. Es hörte sich an, als ob er verrückt wäre. Kevin war nicht verrückt. Zumindest dachte er, dass er nicht verrückt war.

Trotz seines Beharrens darauf, dass es ihm gut ging, musste Kevin mit Hal mitgehen. Er musste im Krankenzimmer sitzen, während Hal in seine Augen leuchtete und Fragen über die Krankheit stellte, die so selten war, dass er offensichtlich genauso wenig Ahnung hatte wie Kevin.

„Der Schulleiter möchte uns sehen, sobald wir sicher sein können, dass es dir gut geht“, sagte er. „Bist du in der Lage, in sein Büro zu gehen oder sollen wir ihn fragen, ob er hierherkommt?“

„Ich kann laufen“, sagte Kevin. „Mir geht es gut.“

„Wenn du das sagst“, erwiderte Hal.

Sie gingen zum Büro des Schulleiters und Kevin war nicht überrascht, seine Mutter dort vorzufinden. Natürlich hatten sie sie angerufen deswegen und natürlich wäre sie da, wenn er zusammenbrach. Das war aber nicht gut, nicht, wenn sie eigentlich auf der Arbeit sein sollte.

„Kevin geht es dir gut?“, fragte seine Mutter, sobald ihr Sohn hereinkam und sie ihn in die Arme nehmen konnte. „Was ist passiert?“

„Ich bin okay, Mama“, sagte Kevin.

„Ms. McKenzie, ich kann Ihnen versichern, dass wir Sie nicht angerufen hätten, wenn es nicht ernst wäre“, erklärte der Schulleiter. „Kevin ist umgekippt.“

„Es geht mir wieder gut“, wiederholte Kevin.

Es schien keinen Unterschied zu machen, wie oft er das sagte.

„Außerdem“, fuhr der Schulleiter fort, „schien es, dass er ziemlich verwirrt war, als er zu sich kam. Er redete über … na ja über andere Planeten.“

„Planeten“, wiederholte Kevins Mutter. Ihre Stimme war schwach, als sie das sagte.

„Ms. Kapinski sagte, es hat die Klasse ein wenig beunruhigt“, sagte der Schulleiter. Er seufzte. „Ich frage mich, ob Kevin vielleicht besser eine Weile zu Hause bleiben sollte.“

Er sagte es, ohne Kevin dabei anzusehen. Hier wurde eine Entscheidung getroffen und obwohl Kevin dabei war, war klar, dass er hier nichts zu sagen hatte.

„Ich möchte nichts in der Schule verpassen“, sagte Kevin und schaute seine Mutter an. Sicherlich wollte sie das auch nicht.

„Ich denke, wir müssen uns fragen“, fuhr der Schulleiter fort, „ob die Schule zu diesem Zeitpunkt das Beste ist, angesichts der Zeit, die ihm noch bleibt.“

Es war wahrscheinlich gut gemeint, aber all das erinnerte Kevin daran, was der Doktor gesagt hatte. Sechs Monate im Wert von Sekunden und jede davon tickte beständig in einem Rhythmus, der zu dem Countdown in seinem Kopf passte.

„Sie sagen also, dass es keinen Sinn für meinen Sohn macht, zur Schule zu gehen, weil er sowieso bald tot ist?“, keifte seine Mutter. „Wollen Sie das damit sagen?“

„Nein natürlich nicht“, erwiderte der Schulleiter eilig und hob eine Hand um sie zu beruhigen.

„Das hörte sich aber so an“, sagte Kevins Mutter. „Es hört sich an, als ob Sie genauso viel Angst vor der Krankheit meines Sohnes haben, wie die Kinder hier.“

„Ich sage, dass es schwer wird, Kevin zu unterrichten, wenn es so schlimm ist“, erklärte der Schulleiter. „Wir versuchen es, aber … wollen Sie nicht das Beste aus der Zeit machen, die er noch hat?“

Er sagte das in einem sanften Ton, der es jedoch immer noch schaffte, sich direkt in Kevins Herz zu bohren. Er sagte genau das, was seine Mutter gedacht hatte, nur in sanfteren Worten. Das Schlimme daran war, dass er recht hatte. Kevin würde nicht lang genug leben, um ins College zu gehen oder einen Job zu bekommen oder irgendwas anderes, für das er einen Schulabschluss brauchte. Warum also sollte er hier sein?

„Es ist okay, Mama“, sagte er und griff nach ihrem Arm.

Das schien ein ausreichendes Argument, um seine Mutter zu überzeugen und genau das zeigte Kevin, wie ernst das alles war. Bei einer anderen Gelegenheit hätte er erwartet, dass sie kämpfte. Jetzt schien es, dass der Kampf bereits das meiste ihrer Kraft gefordert hätte.

Stumm gingen sie zum Auto. Kevin schaute zurück auf die Schule. Es kam ihm der Gedanke, dass er wahrscheinlich nie wieder zurückkommen würde. Er hatte nicht einmal die Gelegenheit gehabt, auf Wiedersehen zu sagen.

„Es tut mir leid, dass sie dich auf der Arbeit angerufen haben“, sagte Kevin, als sie im Auto saßen. Er konnte die Spannung fühlen. Seine Mutter startete den Motor nicht, sondern saß einfach nur da.

„Das ist es nicht“, sagte sie. „Es ist einfach … es war so leicht sich vorzumachen, dass alles in Ordnung ist.“

Sie hörte sich so traurig an, sah so zerbrechlich aus. Kevin hatte sich an diesen Ausdruck gewöhnt, der bedeutete, dass sie versuchte, nicht zu weinen. Sie hatte keinen Erfolg.

„Geht es dir gut, Kevin?“, fragte sie, auch wenn er in dem Moment derjenige war, der sie festhielt. So fest, wie er nur konnte.

„Ich … ich wünschte, ich müsste die Schule nicht verlassen“, erwiderte Kevin. Er hätte nie gedacht, dass er das einmal sagen würde. Er hatte nie gedacht, dass irgendjemand das einmal sagen würde.

„Wir können wieder hineingehen“, sagte seine Mutter. „Ich könnte dem Schulleiter sagen, dass ich dich hier morgen wieder hierher bringe und jeden Tag danach, bis …“

Sie beendete den Satz nicht.

„Bis es mir zu schlecht geht“, sagte Kevin. Er kniff seine Augen zusammen. „Ich glaube, es geht mir bereits zu schlecht, Mama.“

Er hörte, wie sie auf das Armaturenbrett schlug, das dumpfe Echo hallte im Auto wider.

„Ich weiß“, sagte sie. „Ich weiß und ich hasse es. Ich hasse diese Krankheit, die mir meinen kleinen Jungen wegnimmt.“

Sie begann wieder zu weinen. Trotz seiner Versuche, stark zu bleiben, machte Kevin dasselbe. Es schien lange zu dauern, ehe seine Mutter ruhig genug war, um etwas anderes zu sagen.

„Sie sagen, du siehst … Planeten, Kevin?“, fragte sie.

„Ich habe sie gesehen“, erwiderte Kevin. Wie könnte er erklären, wie das war? Wie echt das war?

„Ich weiß, dass das nicht echt ist“, sagte seine Mutter. „Und ich hasse es, weil es einfach eine Erinnerung daran ist, dass mein kleiner Junge mir entgleitet. Und ich wünschte, ich könnte all das wegmachen.“

Kevin wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Er wünschte sich auch, dass es verschwinden würde.

„Es fühlt sich echt an“, sagte Kevin dennoch.

Seine Mutter war eine Zeit lang ruhig. Als sie endlich sprach, hatte ihre Stimme den spröden, Klang, den sie seit der Diagnosestellung gehabt hatte, und der ihm mittlerweile viel zu vertraut worden war.

„Vielleicht … vielleicht ist es Zeit, dass du zu dieser Psychologin gehst.“

KAPITEL DREI

Dr. Linda Yalestroms Büro sah nicht annähernd nach dem eines Arztes aus, wie all die anderen in denen Kevin erst kürzlich überall gewesen war. Es war ihr Zuhause in Berkeley, mit der Universität nah genug, sodass das ihre Zertifikate, die an der Wand hingen, noch zu unterstreichen schien.

Der Rest davon sah aus, wie sich Kevin ein Home Office vorstellte, abgesehen vom Fernseher, mit weichen Möbeln, die offensichtlich nach einem Umzug hierher verbannt worden waren, einem Tisch, auf dem sich aller Kleinkram vom Rest des Hauses angesammelt zu haben schien, und ein paar Topfpflanzen, die ihre Zeit abwarteten und bereit waren, den Raum zu übernehmen.

Kevin mochte Dr. Yalestrom. Sie war eine kleine, dunkelhaarige Frau in ihren Fünfzigern, deren Kleidung hell gemustert war und so weit weg von Arztkleidung, wie es überhaupt möglich war. Kevin nahm an, dass das einen Grund hatte, da sie viel Zeit damit verbrachte, mit Menschen zu arbeiten, die die schlechtesten Nachrichten bekommen hatten.

„Setz dich Kevin“, sagte sie mit einem Lächeln und zeigte auf die breite rote Couch, die mit den Jahren von den Menschen, die dort gesessen hatten, abgetragen worden war. „Ms. McKenzie warum lassen Sie uns nicht einen Moment alleine? Ich möchte, dass Kevin fühlt, dass er alles sagen kann, was er möchte. Meine Assistentin wird Ihnen einen Kaffee bringen.“

Seine Mutter nickte. „Ich werde draußen warten.“

Kevin setzte sich auf das Sofa, das genauso bequem war, wie es aussah. Er schaute sich im Zimmer um, schaute die Bilder von Angelausflügen und Urlauben an. Es dauerte eine Weile, ehe er etwas Wichtiges erkannte.

„Sie sind auf keinem der Fotos dort zu sehen“, stellte er fest.

Dr. Yalestrom lächelte. „Vielen meiner Patienten ist das nie aufgefallen. Die Wahrheit ist, dass das Orte sind, zu denen ich immer hinfahren wollte oder Orte, von denen ich gehört habe, dass sie schön sind. Ich habe sie dort hingehängt, weil junge Leute wie du viel Zeit damit verbringen, sich im Raum umzusehen. Sie machen alles, außer mit mir zu reden, und ich dachte, man sollte dann zumindest etwas haben, auf das sie schauen können.“

Kevin empfand das ein wenig wie Betrug.

„Wenn Sie viel mit Menschen arbeiten, die sterben“, sagte er, „warum haben Sie dann Bilder an der Wand von Orten, wo Sie immer hinwollten? Warum hängen Sie sie nicht ab, wenn Sie gesehen haben …“

„Wenn ich sehe, wie schnell alles enden kann?“, fragte Dr. Yalestrom sanft.

Kevin nickte.

„Vielleicht wegen der wunderbaren menschlichen Fähigkeit das zu wissen und die Dinge dennoch aufzuschieben? Oder vielleicht war ich an einem dieser Orte und der Grund, warum ich nicht auf den Bildern bin, ist nur, dass ich denke, dass es reicht, wenn eine von mir auf die Leute herabstarrt.“ Kevin war sich nicht sicher, ob das gute Gründe waren oder nicht. Sie schienen nicht ausreichend, irgendwie.

„Wo würdest du hingehen, Kevin?“, fragte Dr. Yalestrom. „Wo würdest du hingehen, wenn du irgendwo hingehen könntest?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete er.

„Dann denk mal drüber nach. Du musst mich das nicht gleich wissen lassen.“

Kevin schüttelte seinen Kopf. Es war merkwürdig, so mit einem Erwachsenen zu sprechen. Im Allgemeinen drehte sich das Gespräch im Alter von dreizehn um Fragen oder Anweisungen. Mit der Ausnahme von seiner Mutter, die sowieso den ganzen Tag auf Arbeit war, waren Erwachsene nicht wirklich daran interessiert, was jemand in seinem Alter zu sagen hatte.

„Ich weiß nicht“, wiederholte er. „Ich meine, ich habe noch nie darüber nachgedacht, irgendwo hinzugehen.“ Er versuchte, an Orte zu denken, wo er vielleicht hingehen wollen würde, aber es war schwer, sich irgendetwas vorzustellen, besonders jetzt, wo er nur noch ein paar Monate Zeit dafür hatte. „Ich frage mich, na ja, egal woran ich denke, wo ist der Sinn? Ich werde eh bald tot sein.“

„Was glaubst du, ist der Sinn?“, fragte Dr. Yalestrom.

Kevin gab sich Mühe, sich einen Grund einfallen zu lassen. „Ich meine … weil es schon ziemlich bald nicht mehr so sein wird wie jetzt.“

Die Psychologin nickte. „Ich denke, so kann man es gut ausdrücken. Also gibt es irgendwas, was du schon bald tun möchtest, Kevin?“

Kevin dachte darüber nach. „Ich glaube … ich glaube, ich sollte Luna erzählen, was passiert ist.“

„Und wer ist Luna?“

„Sie ist meine Freundin“, sagte Kevin. „Wir gehen nicht mehr auf dieselbe Schule, sie weiß also nicht, dass ich zusammengebrochen bin und all das und ich habe sie seit Tagen nicht angerufen, aber …“

„Aber du solltest es ihr sagen“, sagte Dr. Yalestrom. „Es ist nicht gut, seine Freunde wegzustoßen, wenn die Dinge sich verschlimmern, Kevin. Nicht einmal, um sie zu schützen.“

Kevin schluckte einen Widerspruch herunter, denn es war genau das, was er tat. Er wollte Luna nicht damit belasten, wollte sie nicht mit den Neuigkeiten belasten, was passieren würde. Das war Teil des Grundes, warum er sie so lange nicht angerufen hatte.

„Was noch?“, fragte Dr. Yalestrom. „Versuchen wir es doch noch einmal mit den Orten. Wenn du irgendwo hingehen wolltest, wo wäre das?“

Kevin versuchte, einen der Orte im Zimmer auszuwählen, aber die Wahrheit war, dass es nur eine Landschaft gab, die ihm einfiel, mit Farben, die keine Kamera einfangen konnte.

„Das würde sich dumm anhören“, sagte er.

„Oftmals gibt es nichts Schlimmes an dummen Dingen“, versicherte ihm Dr. Yalestrom. „Ich erzähle dir ein Geheimnis. Menschen glauben oftmals, dass alle außer ihnen selbst besonders sind. Sie glauben, dass andere Menschen schlauer oder mutiger oder besser sind, weil sie nur die Teile an sich selbst sehen, die nicht so perfekt sind. Sie machen sich Sorgen, dass alle anderen das richtige sagen und sie sich dumm anhören. Das stimmt nicht.“

Dennoch saß Kevin mehrere Sekunden da und untersuchte das Polster des Sofas im Detail. „Ich … ich sehe Orte. Einen Ort. Ich glaube, das ist der Grund, warum ich hier hergekommen bin.“

Dr. Yalestrom lächelte. „Du bist hier, weil eine Krankheit wie deine viele merkwürdige Nebenwirkungen erzeugen kann, Kevin. Ich bin hier, um dir zu helfen, damit umzugehen, ohne dass sie dein Leben dominieren. Möchtest du mir mehr über die Dinge erzählen, die du siehst?“

Wiederum untersuchte Kevin die Couch eingehend, studierte ihre Oberfläche und zupfte an einer winzigen Fluse, die sich von den anderen abhob. Dr. Yalestrom war still, während er das tat; die Art von Stille, die sich anfühlte, als wenn sie die Wörter aus einem herauslockte und ihnen Raum gab, in den sie fallen konnten.

„Ich sehe einen Ort, wo nichts so wie hier ist. Die Farben sind falsch, die Tiere und die Pflanzen sind alle anders“, erzählte Kevin. „Es sieht aus wie eine Zerstörung … zumindest glaube ich das. Es gibt Feuer und Hitze, einen hellen Blitz. Es gibt eine Anzahl von Zahlen. Und es gibt etwas, dass sich wie ein Countdown anfühlt.“

„Warum fühlt es sich wie ein Countdown an?“, fragte Dr. Yalestrom.

Kevin zuckte zusammen. „Ich bin mir nicht sicher. Weil die Pulse sich einander annähern, denke ich?“

Die Psychologin nickte und ging zu ihrem Tisch. Sie kam mit Papier und Stiften zurück.

„Wie gut bist du im Malen?“, fragte sie. „Nein, beantworte das nicht. Es macht nichts, ob das ein gutes Kunstwerk wird oder nicht. Ich will einfach nur, dass du malst, was du siehst, sodass ich mir vorstellen kann, wie es aussieht. Konzentriere dich nicht so sehr darauf, male einfach. Kannst du das für mich malen, Kevin?“

Kevin zuckte die Achseln. „Ich versuche es.“

Er nahm die Stifte und das Papier und versuchte die Landschaft aufzumalen, die er in seinen Gedanken sah. Er versuchte, sich an jedes Detail davon zu erinnern. Das war schwer, denn obwohl die Zahlen in seinem Kopf waren, fühlte es sich an, als wenn er tief in sich gehen musste, um die Bilder hervorzuholen. Sie waren unter der Oberfläche und um dahin zu gelangen, musste Kevin tief in seine Gedankenwelt eintauchen, sich auf nichts anderes konzentrieren, außer den Stift über das Papier flitzen zu lassen, …

„Okay, Kevin“, sagte sie und nahm das Blatt weg, ehe Kevin sich genauer anschauen konnte, was er gemalt hatte. „Lass uns mal sehen, was du …“

Er sah den schockierten Blick auf ihrem Gesicht, so kurz, dass er beinahe dachte, er hätte ihn sich nur eingebildet. Er war aber da und Kevin fragte sich, was jemanden so schockieren könnte, der jeden Tag Geschichten über sterbende Menschen hörte.

„Was ist los?“, fragte Kevin. „Was habe ich gemalt?“

„Weißt du das nicht?“, fragte Dr. Yalestrom.

„Ich habe versucht, nicht viel darüber nachzudenken“, erklärte Kevin. „Habe ich etwas falsch gemacht?“

Dr. Yalestrom schüttelte ihren Kopf. „Nein, Kevin, du hast nichts falsch gemacht.“

Sie hielt Kevins Zeichnung hoch. „Willst du dir anschauen, was du gemalt hast? Vielleicht wird dir das helfen, die Dinge zu verstehen.“

Sie hielt das zusammengefaltete Blatt zwischen ihren Fingerspitzen, als ob sie es nicht mehr als nötig anfassen wollte. Das machte Kevin ein wenig Sorgen. Was hatte er gemalt, dass einen Erwachsenen so reagieren ließ? Er nahm das Blatt und faltete es auseinander.

Es war die Skizze eines Raumschiffes und ‚gemalt‘ war wahrscheinlich nicht das richtige Wort dafür. Das war eher ein Plan, so detailliert, wie es in der Kürze der Zeit, die Kevin gehabt hatte, möglich war. Er hatte das noch nie zuvor gesehen, aber es war da auf dem Blatt und es sah riesig und flach aus, als wäre eine ganze Stadt auf eine Scheibe gequetscht worden. Es gab kleinere Scheiben darum, wie Arbeitsbienen um eine Königin.

Detailliert hieß, dass es etwas Technisches, schon fast Klinisches daran gab, an der Art, wie es gezeichnet wurde, aber da war noch mehr. Etwas an der Geometrie davon war einfach … irgendwie falsch, es schien Tiefen und Winkel zu haben, die man in so einer Zeichnung unmöglich hätte einfangen können.

„Aber das …“ Kevin wusste nicht, was er sagen sollte. Bewies das nicht, was passierte? Dachte jemand, dass er sich so etwas ausdenken konnte?

Anscheinend war Dr. Yalestrom nicht ganz überzeugt. Sie nahm das Bild wieder an sich und faltete es so sorgfältig, als ob sie vermeiden wollte, es noch einmal anzusehen. Kevin nahm an, die Eigenartigkeit seiner Zeichnung war zu viel für sie.

„Ich denke, es ist wichtig, dass wir über die Dinge sprechen, die du siehst“, sagte sie. „Glaubst du, diese Dinge sind echt?“

Kevin zögerte. „Ich bin … mir nicht sicher. Sie fühlen sich echt an, aber bisher haben mir viele Menschen gesagt, dass das nicht sein kann.“

„Das ergibt Sinn“, sagte Dr. Yalestrom. „Was du fühlst, kommt häufig vor.“

„Wirklich?“ Was er erlebte, fühlte sich überhaupt nicht normal an. „Ich dachte, meine Krankheit wäre selten.“

Dr. Yalestrom ging zu ihrem Tisch und legte Kevins Zeichnung in eine Akte. Sie nahm ein Notizblock und begann, sich Notizen zu machen. „Ist es wichtig, dass andere Menschen nicht das erleben, was du erlebst, Kevin?“

„Nein, das ist es nicht“, sagte Kevin. „Es ist nur, dass Dr. Markham sagte, das diese Krankheit wirklich nur wenige Menschen betrifft.“

„Das ist richtig“, stimmte Dr. Yalestrom zu. „Aber ich sehe viele Menschen, die Halluzinationen haben, aus ganz verschiedenen Gründen.“

„Sie glauben, ich werde verrückt“, riet Kevin. Jeder schien das zu denken. Sogar seine Mutter − sie war immerhin diejenige gewesen, die ihn hierher gebracht hatte, nachdem er darüber gesprochen hatte. Er fühlte sich dennoch nicht, als wenn er verrückt würde.

„Das ist kein Wort, das ich dafür benutzen würde“, sagte Dr. Yalestrom. „Ich glaube, dass oftmals das Verhalten, das wir als verrückt bezeichnen, aus einem guten Grund da ist. Häufig ergeben diese Gründe aber nur Sinn für die betroffenen Personen. Menschen flüchten sich in Vorstellungen, um sich vor Situationen zu schützen, die nicht oder nur schwer für sie zu handhaben sind, die … ungewöhnlich scheinen.“

„Sie glauben, das ist es, was ich mit diesen Visionen mache?“, fragte Kevin. Er schüttelte seinen Kopf. „Sie sind echt. Ich denke mir das nicht aus.“

„Darf ich dir sagen, was ich denke, Kevin? Ich glaube, ein Teil von dir hängt vielleicht an diesen ‚Visionen‘, weil es dir hilft zu glauben, dass du deine Krankheit aus einem bestimmten Grund bekommen hast. Ich glaube, dass für dich deine Krankheit durch diese ‚Visionen‘ vielleicht einen Sinn erhält. Die Bilder darin … es ist ein merkwürdiger Ort, der nicht der Normalität entspricht. Könnte das die Art darstellen, wie die Dinge sich verändert haben?“

„Ich glaube schon“, erwiderte Kevin. Er war nicht überzeugt. Die Dinge, die er gesehen hatte, drehten sich nicht um irgendeine Welt, in der er keine Krankheit hatte. Sie drehten sich um einen Ort, den er nicht verstand.

„Dann hast du das Gefühl des drohenden Untergangs mit Feuer und Licht“, erklärte Dr. Yalestrom. „Das Gefühl von Dingen, die zu Ende gehen. Du siehst sogar einen Countdown, einschließlich Zahlen.“

Die Zahlen waren nicht Teil eines Countdowns, das war einfach das langsame Pochen, das Stück für Stück schneller wurde. Kevin nahm an, dass er sie jetzt nicht davon überzeugen konnte. Wenn Erwachsene entschieden hatte, was die Wahrheit war, dann würde er ihre Meinung nicht ändern können.

„Was kann ich also tun?“, fragte Kevin. „Wenn Sie glauben, dass sie nicht echt sind, sollte ich sie dann nicht loswerden?“

„Willst du sie loswerden?“, fragte Dr. Yalestrom.

Kevin dachte darüber nach. „Ich weiß nicht. Ich glaube, sie sind vielleicht wichtig, aber ich habe nicht darum gebeten.“

„Genauso wie du auch nicht darum gebeten hast, eine degenerative Erkrankung des Gehirns zu haben“, sagte Dr. Yalestrom. „Vielleicht sind diese beiden Dinge miteinander verbunden, Kevin.“

Kevin hatte bereits darüber nachgedacht, dass seine Visionen irgendwie mit der Krankheit in Verbindung standen. Dass sie vielleicht sein Gehirn soweit verändert hatte, dass er für diese Visionen empfänglich war. Er dachte dennoch nicht, dass es das war, was die Psychologin meinte.

„Was kann ich tun?“, fragte Kevin erneut.

„Es gibt Dinge, die du tun kannst, die sie zwar nicht beseitigen, aber zumindest wärst du in der Lage, damit umzugehen.“

„Was zum Beispiel?“, fragte Kevin. Er musste zugeben, dass er einen Moment Hoffnung hatte. Er wollte nicht, dass diese Visionen ihm ständig im Kopf herumgingen. Er hatte nicht darum gebeten, Nachrichten zu erhalten, die niemand verstand und die ihn einfach nur verrückt erschienen ließen, wenn er darüber sprach.

„Du kannst versuchen Dinge zu finden, die dich von den Halluzinationen ablenken, wenn sie kommen“, sagte Dr. Yalestrom. „Du kannst versuchen dich selbst daran zu erinnern, dass das nicht echt ist. Wenn du Zweifel hast, dann finde Wege, das zu überprüfen. Vielleicht fragst du jemand anderen, ob er dasselbe sieht. Erinnere dich daran, es ist okay, zu sehen, was du siehst, aber wie du darauf reagierst, liegt an dir.“

Kevin nahm an, er konnte sich an all das erinnern. Dennoch half das nicht dabei, den schwachen Puls des Countdowns ruhiger zu stellen, der im Hintergrund trommelte und immer ein wenig schneller wurde.

„Und ich glaube, du musst es den Menschen erzählen, die es nicht wissen“, sagte Dr. Yalestrom. „Es ist nicht fair, sie darüber im Unklaren zu lassen.“

Sie hatte recht.

Und es gab eine Person, der er dringender als anderen davon erzählen musste.

Luna.

KAPITEL VIER

„Also“, sagte Luna, als sie und Kevin auf den Wegen des Lafayette Reservoir Erholungsparks umherliefen und Touristen und Familien auswichen, die ihren freien Tag genossen, „warum bist du mir aus dem Weg gegangen?“

Luna kam immer schnell zum Punkt. Das war eines der Dinge, die Kevin an ihr gefielen. Nicht, dass sie ihm so gefiel. Die Leute schienen das immer anzunehmen. Sie dachten, weil sie hübsch und blond war und wahrscheinlich Cheerleader-Material − wenn sie das nicht alles für absolut bescheuert halten würde − dass sie zweifellos ‚miteinander gingen‘. Sie nahmen einfach an, dass die Welt so funktionierte.

Sie waren nicht zusammen. Luna war seine beste Freundin. Die Person, mit der er die meiste Zeit außerhalb der Schule verbrachte. Wahrscheinlich die einzige Person auf der Welt, mit der er über fast alles reden konnte.

Außer über das hier.

„Ich war nicht …“, Kevin verstummte bei dem Blick auf Lunas Gesicht. Sie war gut im Starren. Kevin nahm an, dass sie das heimlich übte. Er hatte jeden, von Mobbern bis zu unhöflichen Ladeneigentümer zurückrudern sehen, nur damit sie sie nicht länger anstarrte. Wenn sie einen so anstarrte, war es unmöglich, sie anzulügen. „Okay, ich bin dir aus dem Weg gegangen, aber es gab einen Grund, Luna. Ich habe etwas … na ja, etwas von dem ich nicht weiß, wie ich es dir sagen soll.“

„Oh sei nicht dumm“, sagte Luna. Sie hatte eine leere Soda-Dose gefunden und trat sie den Weg hinunter, sie schubste sie von Fuß zu Fuß mit einer Routine, die davon kam, wenn man das viel zu oft tat. „Ich meine, wie schlimm kann es sein? Ziehst du um? Gehst du wieder auf eine andere Schule?“

Vielleicht erwischte sie etwas in seinem Ausdruck, denn sie wurde nach ein paar Sekunden still. Es lag etwas Verletzliches in der Stille, als würden beide um etwas drumherum redeten, um zu vermeiden, dass es brach. Dennoch musste er es tun. Sie konnten nicht für ewig hier herumlaufen.

„Ist es so schlimm?“, fragte sie und kickte die Dose mit einem letzten Stoß ihres Fußes in den Mülleimer.

Kevin nickte. Schlimm war das richtige Wort dafür.

„Wie schlimm?“

„Schlimm“, sagte er. „Gehen wir zum Stausee?“

Der Stausee war der Ort, an den sie beide hingingen, wenn sie über etwas reden wollten. Sie hatten über Billy Hames gesprochen, der Luna gefiel, als sie neun waren, und über Kevins Katze Tiger, die gestorben war, als sie zehn waren. Nichts davon schien eine gute Vorbereitung auf das hier gewesen zu sein. Er war keine Katze.

Sie gingen zum Wasserrand und schauten auf die Bäume an der Längsseite und die Menschen mit ihren Kanus und Paddelbooten auf dem Stausee. Im Vergleich zu anderen Orten, an denen sie gewesen waren, war es nett hier. Die Leute nahmen an, dass Kevin der Junge von der falschen Seite der Stadt war, der einen schlechten Einfluss auf Luna hatte, aber sie war diejenige mit dem Talent, über Zäune zu klettern und an verfallenen Gebäuden hochzuklettern, während Kevin ihr folgte, wenn er konnte. Hier gab es nichts von dem, nur Wasser und Bäume.

„Was ist denn los?“, fragte Luna. Sie zog ihre Schuhe aus und ließ ihre Füße in das Wasser gleiten. Kevin war nicht danach, dasselbe zu tun. Im Moment wollte er rennen, sich verstecken. Alles, nur um ihr nicht die Wahrheit sagen zu müssen. Er dachte, je länger er es von Luna fernhalten konnte, umso länger war es nicht echt.

„Kevin?“, sagte Luna. „Du machst mir Angst. Hör zu, wenn du mir nicht sagst, was los ist, dann werde ich deine Mutter anrufen und es so herausfinden.“

„Nein, tu das nicht“, sagte Kevin schnell. „Ich bin nicht sicher … Mama kann damit nicht gut umgehen.“

Luna sah jede Minute besorgter aus. „Was ist los? Ist sie krank? Bist du krank?“

Kevin nickte bei Letzterem. „Ich bin krank“, sagte er. Er legte eine Hand auf Lunas Schulter. „Ich habe etwas, dass sich Leukodystrophie nennt. Ich sterbe Luna.“

Er wusste, er hatte es zu schnell gesagt. Bei so etwas sollte es eine lange Erklärung geben, ein richtiger Aufbau, aber ganz ehrlich: das war der Teil, der wichtig war.

Sie schaute ihn an und schüttelte ihren Kopf in offensichtlichem Unglauben. „Nein, das kann nicht sein, das ist …“

Sie umarmte ihn, fest genug, sodass Kevin kaum noch atmen konnte.

„Sag, dass das ein Witz ist. Sag, dass das nicht wahr ist.“

„Ich wünschte, das wäre so“, sagte Kevin. Er wünschte es sich mehr, als alles andere, in diesem Moment.

Luna zog sich zurück und Kevin konnte sehen, wie sie sich bemühte, nicht zu weinen. Normalerweise war Luna gut dabei, nicht zu weinen. Jetzt aber konnte er sehen, dass es sie viel Selbstbeherrschung kostete.

„Das … wie lange?“, fragte sie.

„Sie sagen, vielleicht sechs Monate“, sagte Kevin.

„Und das war vor Tagen, also ist es jetzt noch weniger“, gab Luna zurück. „Und du musstest die ganze Zeit damit alleine umgehen und …“ Sie wurde wieder still, als das ganze Ausmaß sie traf.

Kevin konnte sehen, wie sie die Menschen auf dem Stausee anschaute, die mit ihren kleinen Booten fuhren und ihre Paddel durchs Wasser zogen. Sie schienen so glücklich hier. Sie starrte sie an, als wenn sie der Teil waren, den sie nicht glauben konnte, und nicht die Krankheit.

„Das ist nicht fair“, sagte sie. „All diese Menschen, die einfach so weitermachen, als wenn die Welt dieselbe ist, die Spaß haben, während du stirbst.“

Kevin lächelte traurig. „Was sollen wir sonst tun? Ihnen sagen, dass sie keinen Spaß mehr haben dürfen?“

Zu spät wurde ihm die Bedeutung seiner Worte bewusst, als Luna aufstand, ihre Hände an ihrem Mund zu einem Trichter formte und, so laut sie konnte, schrie.

„Hey, ihr alle da, ihr müsst aufhören. Mein Freund stirbt und ich verlange, dass ihr alle sofort aufhört, Spaß zu haben!“

Ein paar Menschen schauten sich um, aber niemand hörte auf. Kevin nahm an, dass das nicht der Punkt war. Luna stand für mehrere Sekunden da und dieses Mal, war er derjenige, der sie umarmte und sie festhielt, während sie weinte. Das geschah so selten, dass der reine Schock darüber Kevin erstarren ließ. Luna, die Leute anschrie, die sich auf eine Art und Weise verhielt, die man von jemandem wie ihr nicht erwarten würde, war normal. Lunas Zusammenbruch nicht.

„Fühlst du dich besser?“, fragte er nach einer Weile.

Sie schüttelte ihren Kopf. „Nicht wirklich. Was ist mit dir?“

„Na ja, es ist schön zu wissen, dass es da jemanden gibt, der versuchen würde, die Welt für mich anzuhalten“, erwiderte er. „Weißt du, was das Schlimmste ist?“

Luna schaffte ein weiteres Lächeln. „Nicht in der Lage zu sein, die Krankheit auszusprechen, die du hast?“

Kevin konnte das Lächeln nur zurückgeben. Er vertraute darauf, dass Luna wusste, dass sie so normal sein musste wie möglich und sich über ihn lustig machen sollte.

„Kann ich, ich kann üben. Das Schlimmste daran ist, dass all das heißt, dass mir niemand glaubt, wenn ich sage, dass ich Dinge sehe. Alle glauben, das ist einfach die Krankheit.“

Luna legte ihren Kopf schief. „Was für Dinge?“

Kevin erklärte ihr die merkwürdigen Landschaften, die er gesehen hatte, das Feuer, die diese sauber wischte, das Gefühl eines Countdowns.

„Das …“, begann Luna, als er fertig war, wusste aber nicht, wie sie es beenden sollte.

„Ich weiß, das ist verrückt … ich bin verrückt“, sagte Kevin. Sogar Luna glaubte ihm nicht.

„Du hast mich nicht ausreden lassen“, sagte Luna und atmete ein. „Das … ist so cool.“

„Cool?“, wiederholte Kevin. Das war nicht die Reaktion, die er erwartet hatte, auch nicht von ihr. „Jeder andere denkt, ich werde verrückt oder mein Gehirn schmilzt oder so.“

„Alle anderen sind dumm“, erklärte Luna − um fair zu sein, das schien ihre Standardeinstellung gegenüber der Menschheit zu sein. Für sie war jeder dumm, bis er das Gegenteil bewies.

„Du glaubst mir also?“, fragte Kevin. Sogar er war sich nicht mehr ganz so sicher, nach all dem, was die Ärzte ihm gesagt hatten.

Luna hielt ihn an seinen Schultern fest und sah ihm direkt in die Augen. Bei einem anderen Mädchen hätte Kevin vielleicht gedacht, dass sie ihn küssen würde. Aber nicht bei Luna.

„Wenn du mir sagst, dass diese Visionen echt sind, dann sind sie echt, ich glaube dir. Und in der Lage zu sein, die Welt von Aliens zu sehen, ist definitiv cool.“

Kevins Augen weiteten sich ein wenig dabei. „Warum glaubst du, dass es eine Alien-Welt ist?“

Luna trat mit einem Achselzucken zurück. „Was sollte es sonst sein?“

Als sie das fragte, bekam Kevin das Gefühl, das sie genauso erstaunt davon war, wie er. Es gelang ihr nur besser, das zu verstecken.

„Vielleicht …“, sagte sie, „… vielleicht hat all das dein Gehirn verändert, sodass es eine direkte Leitung zu diesem Alien-Ort hat?“

Wenn Luna jemals Superkräfte erwerben würde, dann wäre es wahrscheinlich die Fähigkeit, große Schlüsse in einem einzigen Satz zu ziehen. Kevin gefiel das an ihr, besonders wenn das hieß, dass sie die einzige Person war, die ihm glaubte, aber dennoch fühlte es sich an, als wenn es viel zu entscheiden gäbe, sehr schnell.

„Du weißt, wie verrückt sich das anhört?“, fragte er.

„Nicht verrückter als der Gedanke, dass meinen Freund aus keinem guten Grund aus dieser Welt gerissen wird“, gab Luna zurück. Ihre Fäuste ballten sich auf eine Art zusammen, die erahnen ließ, dass sie gerne dagegen ankämpfen würde. Oder vielleicht presste sie sie auch nur so zusammen, damit sie nicht wieder weinen musste. Luna neigte dazu, sauer zu werden oder Witze zu machen oder verrückte Dinge zu tun, anstelle sich aufzuregen. In dem Moment konnte Kevin ihr keine Vorwürfe daraus machen.

Er sah zu, wie sie sich beruhigte und stattdessen ein Lächeln erzwang.

„Also, schreckliche Krankheit, coole Visionen von Alien-Welten … gibt es irgendwas, dass du mir noch nicht erzählt hast?“

„Ja, das mit den Zahlen“, sagte Kevin.

Luna schaute ihn mit offensichtlicher Genervtheit an. „Du verstehst schon, dass du hier nicht ja sagen solltest?“

„Ich wollte, dass du alles weißt“, sagte Kevin, obwohl er annahm, dass es dafür wahrscheinlich ein bisschen zu spät war. „Tut mir leid.“

„Okay“, sagte Luna. Wieder hatte Kevin das Gefühl, dass sie darum kämpfte, das alles zu verarbeiten. „Zahlen?“

„Ich sehe sie“, erklärte Kevin. Er wiederholte sie aus seinem Gedächtnis. „23h 06m 29.283s – 05° 02‘ 28.59“

„Okay“, sagte Luna. Sie schürzte ihre Lippen. „Ich frage mich, was sie bedeuten.“

Dass sie vielleicht gar nichts bedeuteten, schien ihr nicht einzufallen. Kevin liebte das an ihr. Sie holte ihr Handy heraus. „Es ist zu lang für ein Autokennzeichen und es wäre merkwürdig für ein Passwort. Was sonst?“

Kevin hatte nicht daran gedacht, zumindest nicht mit der Art von Direktheit, die Luna bei dem Problem anwandte.

„Vielleicht ist es wie eine Artikelnummer, eine Seriennummer?“, schlug Kevin vor.

„Aber es gibt Stunden und Minuten“, widersprach Luna. Sie schien sehr in dem Problem der Bedeutung gefangen zu sein. „Was noch?“

„Vielleicht eine Lieferzeit und eine Lage?“, schlug Kevin vor. „Der zweite Teil hört sich wie Koordinaten an.“

„Das ist nicht ganz richtig für einen Kartenhinweis“, sagte Luna. „Vielleicht, wenn ich es google dann … oh cool.“

„Was?“, fragte Kevin. Ein Blick auf Lunas Gesicht sagte, dass sie einen Volltreffer gelandet hatten.

„Wenn man diese Zahlenfolge in die Suchmaschine eingibt, dann erhält man nur Ergebnisse zu einer Sache“, erklärte Luna. Sie ließ das so sicher klingen. Sie drehte ihr Handy, um es ihm zu zeigen, die aufgelisteten Seiten waren alle Verweise auf eines: „Das Trappist 1 Sternensystem.“

Kevin konnte Aufregung fühlen. Noch mehr, er konnte fühlen, wie sich Hoffnung aufbaute. Er hoffte, dass das etwas bedeutete und das es nicht nur seine Krankheit war, egal was die anderen sagten. Er hoffte, dass das vielleicht wirklich echt war.

„Warum sollte ich Zahlen sehen?“, fragte er.

„Vielleicht weil das Trappist Systems eines ist, auf dem es wahrscheinlich Leben gibt?“, sagte Luna. „So wie es hier steht, gibt es mehrere Planeten dort, die anscheinend bewohnt sind.“

Sie sagte es, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Der Gedanke an Planeten, auf dem es vielleicht Leben gab, schien zu sehr ein Zufall, da Kevin dieses Leben doch gesehen hatte. Oder ein merkwürdiges Leben zumindest.

„Du musst mit jemandem darüber sprechen“, forderte Luna. „Du bist … wie der erste Beweis für außerirdischen Kontakt oder so. Wer waren diese Menschen, diese Wissenschaftler, die nach außerirdischem Leben suchten? Ich habe mal etwas im Fernsehen über die gesehen.“

„SETI?“, fragte Kevin.

„Das sind sie“, sagte Luna. „Und sie sitzen in San Francisco oder San José oder so?“

Kevin hatte das nicht gewusst, aber je mehr er darüber nachdachte, umso mehr zerrte die Idee an ihm.

„Du musst gehen Kevin“, sagte Luna. „Du musst zumindest mit ihnen reden.“

***

„Nein“, sagte seine Mutter und setzte ihre Tasse so schnell ab, dass der Kaffee darin überschwappte. „Nein, Kevin auf gar keinen Fall!“

„Aber, Mama –“

„Ich fahre dich nicht nach San Francisco, nur, damit du einen Haufen von Spinnern nerven kannst“, sagte seine Mutter.

Kevin hielt sein Handy hoch und zeigte ihr die Information von SETI darauf. „Sie sind nicht verrückt“, sagte er. „Das sind Wissenschaftler.“

„Wissenschaftler können auch verrückt sein“, erwiderte seine Mutter. „Und diese ganze Idee … Kevin kannst du nicht einfach akzeptieren, dass du Dinge siehst, die nicht da sind?“

Das war das Problem, es wäre zu leicht zu akzeptieren. Es wäre leicht, sich zu sagen, dass es nicht echt war, aber etwas nagte in seinem Hinterkopf, das ihm sagte, dass es eine schlechte Idee wäre, wenn er das täte. Der Countdown lief immer noch und Kevin nahm an, dass er mit jemandem darüber sprechen musste, der ihm glauben würde, ehe der Countdown zu Ende war.

„Mama, diese Zahlen, die ich sehe, … sie sind die Lage eines Sternensystems.“

„Es gibt so viele Sterne da draußen, dass ich mir sicher bin, dass eine zufällige Zahlenreihenfolge zu einem von ihnen passt“, antwortete seine Mutter. „Es wäre dasselbe wie die Masse an Sternen oder …oder ich weiß nicht genug über Sterne, dass mir noch mehr einfällt, aber es wäre irgendwie so etwas.“

„Das meine ich nicht“, sagte Kevin. „Ich meine, dass es genau dieselbe ist. Luna hat die Zahlen eingegeben und das Trappist 1 System war das Erste, was dabei herausgekommen ist. Das Einzige, was herausgekommen ist.“

„Ich hätte wissen müssen, dass Luna da mit drinhängt“, seufzte seine Mutter. „Ich mag das Mädchen, aber sie hat viel mehr Vorstellungskraft, als ihr guttut.“

„Bitte Mama“, sagte Kevin. „Das ist ernst.“

Seine Mutter legte ihre Hände auf seine Schultern. Seit wann musste sie dafür nach oben fassen? „Ist es nicht Kevin! Dr. Yalestrom hat gesagt, dass du Probleme hast, all das zu akzeptieren. Du musst verstehen, was hier los, ist und ich muss dir helfen, das zu akzeptieren.“

„Ich weiß, dass ich sterbe, Mama“, sagte Kevin. Er hätte das nicht so sagen sollen, denn er konnte die Tränen in den Augen seiner Mutter sehen.

„Weißt du das? Denn das –“

„Ich werde einen Weg finden, um dort hinzukommen“, versprach Kevin. „Ich nehme den Bus, wenn es sein muss. Ich nehme den Zug in die Stadt und laufe. Ich muss zumindest mit ihnen sprechen.“

„Und ausgelacht werden?“ Seine Mutter zog sich zurück und schaute ihn nicht an. „Du weißt, dass das passieren wird, richtig, Kevin? Ich versuche nur, dich zu beschützen.“

„Ich weiß, dass du das willst“, sagte Kevin. „Und ich weiß, dass sie mich wahrscheinlich auslachen werden, aber ich muss es zumindest versuchen, Mama. Ich habe das Gefühl, dass dies wirklich wichtig ist.“

Er wollte noch mehr sagen, aber er war sich nicht so sicher, ob das helfen würde. Seine Mutter war ruhig, sie dachte nach und im Moment war das das Beste, worauf Kevin hoffen konnte. Sie dachte weiter nach, ihre Hand klopfte auf die Küchentheke und markierte die Zeit, bis sie einen Entschluss gefasst hatte.

Kevin hörte seine Mutter seufzen.

„Okay“, sagte sie. „Ich mache es. Ich fahre mit dir, aber nur, weil ich annehme, dass ich sonst einen Anruf von der Polizei bekommen werde, die mir sagt, dass mein Sohn irgendwo im Bus zusammengebrochen ist.“

„Danke Mama“, sagte Kevin und ging auf sie zu, um sie zu umarmen.

Er wusste, dass sie ihm nicht wirklich glaubte, aber auf eine Art machte dies den Beweis ihrer Liebe noch beeindruckender.

KAPITEL FÜNF

Es dauerte eine Stunde von Walnut Creek bis zum SETI-Institut in Mountain View, aber für Kevin fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Der Verkehr in der Stadt kroch durch Baustellen und Umleitungen; jeder Moment war eine Verschwendung, wenn er dort sein konnte, wenn er herausfinden konnte, was mit ihm los war. Sie würden es wissen, da war er sich sicher.

„Versuche nicht zu aufgeregt zu sein“, warnte seine Mutter ihn zum gefühlten zwanzigsten Mal. Kevin wusste, dass sie nur versuchte, ihn zu beschützen, aber dennoch wollte er seine Aufregung nicht dämpfen. Er war sich sicher, dass dies hier der Ort wäre, wo er herausfinden würde, was mit ihm los war. Hier waren Wissenschaftler, die außerirdisches Leben beobachteten. Sicherlich würden sie alles darüber wissen?

Als sie dort ankamen, war das Institut jedoch nicht das, was er erwartet hatte. 189 Bernardo Avenue sah mehr wie eine Kunstgalerie oder wie ein Teil einer Universität aus, als die Art von Ultra-modernem Gebäude, das Kevins sich ausgemalt hatte. Er hatte Gebäude erwartet, die aussahen, als wenn sie aus dem Weltall kamen, aber stattdessen sahen sie aus wie die teure Version von der Art Gebäude, in der seine Schule untergebracht war.

Sie fuhren darauf zu und parkten vor dem Gebäude. Kevin nahm einen tiefen Atemzug. Auf geht‘s. Sie gingen in die Lobby, wo eine Frau sie anlächelte und es schaffte, das in eine Frage zu verwandeln, sogar noch, ehe sie zu sprechen begann.

„Hallo, sind Sie sicher, dass Sie hier am richtigen Ort sind?“

„Ich muss mit jemandem über Alien-Signale sprechen“, sagte Kevin bestimmt, noch ehe seine Mutter versuchen konnte, es zu erklären.

„Es tut mir leid“, sagte die Frau. „Wir machen keine öffentlichen Führungen.“

Kevin schüttelte seinen Kopf. Er wusste, dass er ihr das erklären musste. „Ich bin nicht wegen einer Führung hier“, begann er. „Ich glaube … ich glaube, ich erhalte eine Art Signal von Außerirdischen.“

Die Frau sah ihn nicht schockiert oder ungläubig an, wie andere Menschen es vielleicht getan hätten oder überrascht wie seine Mutter, als er ihr das offenbart hatte. Das hier war eher ein resignierter Blick, als ob sie solche Dinge öfter hören würde, als es ihr lieb war.

„Ich verstehe“, sagte sie. „Leider sind wir nicht befugt mit Menschen zu sprechen, die einfach von der Straße hereinkommen. Wenn Sie uns per E-Mail kontaktieren wollen, dann werden wir das sicherlich überdenken, aber im Moment …“

„Komm, Kevin“, sagte seine Mutter. „Wir haben es versucht.“

Zu seiner eigenen Überraschung schüttelte Kevin jedoch seinen Kopf. „Nein, ich gehe nicht.“

„Kevin, du musst gehen“, drängte seine Mutter.

Kevin setzte sich direkt in die Mitte der Lobby. Der Teppich war nicht besonders bequem, aber das war ihm egal. „Ich gehe nirgendwo hin, bis ich nicht mit jemandem darüber gesprochen habe.“

„Moment einmal, das geht nicht“, widersprach die Dame am Empfang.

„Ich gehe nirgendwo hin“, erklärte Kevin.

„Kevin …“, begann seine Mutter.

Kevin schüttelte seinen Kopf. Er wusste, dass es kindisch war, aber er war dreizehn und seiner Meinung nach durfte er das. Außerdem war das wichtig. Wenn er jetzt ging, war es vorbei. Das würde er nicht zulassen.

„Steh auf oder ich rufe den Sicherheitsdienst“, sagte die Empfangsdame. Sie kam zu ihm und nahm ihn fest am Arm.

Sofort lenkte seine Mutter ihre Aufmerksamkeit von ihm zu der Empfangsdame. „Nehmen Sie Ihre Hände von meinem Sohn, sofort.“

„Dann sehen Sie zu, dass Ihr Sohn aufsteht und geht, ehe ich die Polizei rufe.“ Die Rezeptionistin ließ ihn dennoch los, obwohl das vielleicht auch etwas mit dem Blick zu tun hatte, dem seine Mutter ihr zuwarf. Kevin hatte das Gefühl, dass jetzt, wo sie einen Grund hatte, ihren Sohn zu beschützen, würde seine Mutter es tun, was immer es kostete.

„Drohen Sie uns nicht mit der Polizei. Kevin fügt niemandem Schaden zu.“

„Glauben Sie, hier kommen nicht andauernd Verrückte herein?“

„Kevin ist nicht verrückt!“, rief seine Mutter, in einer Lautstärke, die sie normalerweise an Kevin richtete, wenn er etwas wirklich Schlimmes angestellt hatte.

In den nächsten Minuten wurde mehr gestritten, als Kevin lieb war. Seine Mutter rief ihm zu, er solle aufstehen. Die Rezeptionistin schrie, dass sie den Sicherheitsdienst rufen würde. Sie schrien sich gegenseitig an, da Kevins Mutter entschieden hatte, dass sie nicht wollte, dass jemand ihrem Sohn mit dem Sicherheitsdienst drohte und die Frau schien anzunehmen, dass diese Mutter nicht in der Lage war, Kevin zum Gehen zu bewegen. Kevin saß währenddessen die ganze Zeit mit überraschender Gleichgültigkeit da.

Es machte ihn müde und in diesen Tiefen, sah er etwas …

Die kühle Dunkelheit eines Raumes war um ihn, Sterne blitzen und die Erde sah so anders aus von oben, dass es Kevin fast den Atem nahm. Es gab ein silbernes Objekt, das dort im Weltraum schwebte, eines von so vielen, die im Weltraum unterwegs waren. Die Worte Pioneer 11 waren auf der Seite eingeprägt.

Dann lag er auf dem SET1 Institutsboden und seine Mutter half ihm auf, zusammen mit der Rezeptionistin.

„Ist er okay?“, fragte die Rezeptionistin. „Soll ich einen Krankenwagen rufen?“

„Nein, mir geht’s gut“, antwortete Kevin.

Seine Mutter schüttelte den Kopf. „Wir wissen, was mit ihm los ist. Mein Sohn stirbt. All das hier … ich dachte, es würde ihm helfen die Tatsache zu akzeptieren, dass das, was er sieht, nicht echt ist, dass es die Krankheit ist.“

So gesehen fühlte es sich wie Betrug an, als ob Kevins Mutter es geplant hatte, dass seine Träume so plötzlich zerplatzen.

„Ich verstehe“, sagte die Rezeptionistin. „Okay, komm hoch Kevin. Kann ich Ihnen beiden irgendetwas bringen?“

„Ich will nur mit jemandem reden“, antwortete Kevin.

Die Empfangsdame biss sich auf die Lippe und nickte dann. „Okay, ich schaue mal, was ich tun kann.“

Einfach so hatte sich ihr ganzes Verhalten geändert.

„Warten Sie hier. Setzen Sie sich. Ich werde sehen, ob es jemanden gibt, der zumindest mit dir reden oder dich herumführen kann. Auch, wenn es nicht wirklich viel zu sehen gibt.“

Kevin setzte sich zu seiner Mutter. Er wollte ihr alles erzählen, was er gerade gesehen hatte, aber er konnte in ihrem Gesicht sehen, dass es sie nur verletzen würde. Stattdessen wartete er stumm.

Endlich kam eine Frau heraus. Sie war in ihren frühen Fünfzigern, in einem schwarzen Anzug gekleidet, der vermuten ließ, dass sie Meetings hatte, bei denen lässige Kleidung nicht angemessen wäre. Etwas an ihr sagte ihm, dass sie eine Wissenschaftlerin war – vielleicht etwas an dem neugierigen Blick, mit der sie Kevin anschaute. Sie gab erst seiner Mutter die Hand und dann Kevin.

„Hallo Kevin“, sagte sie. „Ich bin Dr. Elise Levin. Ich bin die Direktorin des Instituts.“

„Sie sind die Direktorin?“, fragte Kevin und Hoffnung stieg in ihm auf. „Von dieser ganzen Alien-Forschung?“

Sie lächelte ein wenig amüsiert. „Ich glaube, das ist ein wenig drastisch ausgedrückt. Die meiste Forschung nach außerirdischem Leben findet woanders statt. Die NASA bietet Daten, einige Universitäten sind involviert und wir mieten uns oft Zeit an anderen Teleskopen. Aber ja, ich leite das Institut und bin verantwortlich für die Dinge, die hier vor sich gehen.“

„Dann muss ich Ihnen etwas sagen“, sagte Kevin. Er sprach schneller, als wollte er versuchen, die Worte herauszubekommen, ehe diese Erwachsene Zeit hatte, ihm nicht zu glauben. „Etwas passiert. Ich weiß, wie merkwürdig sich das anhört, aber ich habe Dinge gesehen, es gibt eine Art Countdown …“

Wie konnte er den Countdown erklären? Es war nicht wie Zahlen, es gab keinen offensichtlichen Punkt, der das Ende markierte. Es gab nur ein schwaches Pochen, mit dem Signal in seinem Kopf, das immer beständiger wurde, schon fast schneller, während es um etwas herum arbeitete, was Kevin nicht erkennen konnte.

„Warum erzählst du mir nicht davon, während wir uns umsehen?“, schlug Dr. Levin vor. „Ich zeige dir, was wir hier machen.“

Sie führte Kevin und seine Mutter durch die Korridore des Instituts und um ehrlich zu sein, hatte Kevin gedacht, dass es aufregender sein würde. Er hatte gedacht, es würde weniger wie ein Bürogebäude aussehen.

„Ich dachte, hier gäbe es große Teleskope oder Labore voll mit Ausrüstungen, um Dinge aus dem Weltall zu testen“, sagte Kevin.

Dr. Levin zuckte die Achseln. „Wir haben einige Labore und wir testen manchmal Material, aber wir haben keine Teleskope. Wir arbeiten jedoch mit Berkeley zusammen, um ein eigenes Radioteleskop zu bauen.“

„Wie suchen Sie dann nach Außerirdischen?“, fragte Kevins Mutter. Sie schien genauso überrascht von dem Fehlen eines Riesen-Teleskops und von Abhör-Einrichtungen, wie Kevin.

„Wir arbeiten mit anderen Instituten zusammen“, erklärte Dr. Levin. „Wir erbeten oder erkaufen Zeit an Teleskopen und Sensoren. Wir arbeiten mit Daten von der NASA. Wir schlagen ihnen Orte vor, die sie sich vielleicht näher betrachten sollen oder die Art von Daten, die sie vielleicht sammeln sollten. Es tut mir leid, ich weiß, es ist nicht so aufregend, wie die Allgemeinheit manchmal glaubt. Hier entlang, bitte kommen Sie mit.“

Sie ging zu einem Büro, das zumindest ein wenig interessanter aussah, als die anderen. Es hatte mehrere Computer, viele der Poster bezogen sich auf das Solarsystem, ein paar Magazine, welche SETIs Arbeit erwähnten und einige Möbel sahen so aus, als wären sie ergonomisch, stilvoll und ungefähr so bequem wie ein Ziegelstein.

„Lass mich dir ein paar Dinge zeigen, an denen wir arbeiten“, sagte Dr. Levin und rief Bilder von großen Teleskop-Arrays auf, die gerade gebaut wurden. „Wir planen die Entwicklung von Radioteleskop-Arrays, die möglicherweise stark genug sind, um Funkfrequenzen aus der Umgebung aufzunehmen, anstatt nur darauf zu warten, dass jemand uns mit einem Signal anvisiert.“

„Aber ich denke, jemand signalisiert uns“, sagte Kevin. Er musste sie dazu bringen, es zu verstehen.

Dr. Levin hielt inne. „Ich wollte dich fragen, ob du dich auf die Theorie einiger Leute beziehst, das hochfrequente Radiobündel von einem Pulsar vielleicht verständliche Signale sind, aber das tust du nicht, oder?“

„Ich habe Dinge gesehen“, sagte Kevin. Er versuchte, das mit den Visionen zu erklären. Er erzählte ihr von der Landschaft, die er gesehen hatte und von dem Countdown.

„Ich verstehe“, sagte Dr. Levin. „Aber ich muss dich etwas fragen, Kevin. Du verstehst, dass SETI daran arbeitet, diese Themen mit wissenschaftlichen Methoden zu erforschen und anerkannte Beweise zu erbringen? Das ist der einzige Weg, um sicher zu sein, dass alles was wir finden, wissenschaftlich belegt und echt ist. Also muss ich dich fragen, Kevin woher weißt du, dass das was du siehst, echt ist?“

Kevin hatte das bereits mit Luna zusammen beantwortet. „Ich habe Zahlen in meiner Vision gesehen. Als ich im Internet nach ihnen gesucht habe, hat sich herausgestellt, dass sie die Position für etwas, was sich das ‚Trappist 1 System‘ nennt, sind.“

„Einer der vielversprechendsten Kandidaten für außerirdisches Leben“, sagte Dr. Levin. „Dennoch, Kevin verstehst du mein Problem? Du hast gesagt, du hast diese Nummern gesehen und ich glaube dir, aber vielleicht hast du sie gesehen, weil du sie irgendwo gelesen hast. Ich kann darauf basierend keine SETIs Ressourcen umleiten und ich bin mir nicht sicher, ob wir überhaupt etwas tun könnten, wenn es um das Trappist 1 System geht. Für so etwas bräuchten wir etwas Neues. Etwas, was man nicht auf anderen Wegen auch bekommen kann.“

Kevin merkte, dass sie versuchte, ihn so behutsam wie möglich abzuweisen, aber dennoch tat es weh. Wie konnte er ihnen den Beweis bringen? Dann dachte er darüber nach, was er in der Lobby gesehen hatte. Er hatte das aus einem bestimmten Grund gesehen, oder?

„Ich glaube …“ Er war sich nicht sicher, ob er das sagen sollte oder nicht, aber er wusste, er musste es sagen. „… ich glaube, Sie werden ein Signal von etwas, was sich Pioneer 11 nennt erhalten.“

Dr. Levin sah ihn ein paar Sekunden lang an. „Es tut mir leid Kevin, aber das hört sich nicht sehr wahrscheinlich an.“

Kevin sah seine Mutter die Stirn runzeln. „Was ist Pioneer 11?“

„Es ist eine der Weltraumsonden, die die NASA ins All geschickt hat“, erklärte Dr. Levin. „Sie ist durch unser Solarsystem geflogen, hat Daten zurückgeschickt und hatte ausreichend Geschwindigkeit, um es hinter die Grenzen unseres Solarsystems zu schaffen. Leider war der letzte Kontakt, den wir mit ihr hatten im Jahr 1995, also glaube ich nicht –“

Sie hielt inne, als ihr Handy zu klingeln begann, sie nahm es heraus und wollte den Anruf erst ignorieren. Kevin bemerkte den kurzen Moment, als sie innehielt und darauf starrte.

„Es tut mir leid, ich muss da rangehen“, sagte sie. „Ja, hallo, was ist los? Kann es einen Moment warten, ich bin gerade inmitten … okay, wenn es so dringend ist. Ein Signal? Sie rufen mich an, weil die NASA Daten hereinbekommen hat? Aber die NASA hat immer …“ Sie machte erneut eine Pause und sah ungläubig zu Kevin herüber. Dennoch sagte sie es. „Darf ich raten?“, sagte sie ins Handy. „Sie hatten gerade ein Signal von einer Art Pioneer 11? Wirklich? Nein, das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie mir glauben würden, wenn ich es täte.“

Sie legte auf und starrte Kevin an, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen.

„Wie hast du das gemacht?“, fragte sie.

Kevin zuckte zusammen. „Ich habe es gesehen, als wir in der Lobby gewartet haben.“

„Du hast es gesehen? So, wie du auch diese Alien-Landschaft gesehen hast?“ Dr. Levin starrte ihn an und Kevin hatte das Gefühl, als würde sie versuchen, etwas herauszufinden. Wahrscheinlich versuchte sie herauszufinden, wie er gemogelt oder wie er es vor ihr herausgefunden hatte.

Es dauerte fast eine Minute, ehe sie einen Entschluss traf.

„Ich glaube“, sagte Dr. Levin in dem vorsichtigen Ton von jemandem, der versuchte, sicherzugehen, dass sie nicht verrückt geworden war, „du kommst besser mit mir mit.“

KAPITEL SECHS

Kevin und seine Mutter folgten Dr. Levin vom SETI-Bürogebäude zu einem Auto, das viel zu klein aussah, um jemanden in ihrer Position zu gehören.

„Es ist sehr umweltfreundlich“, erklärte sie, in einem Ton, der sagte, dass ihr diese Frage viel zu oft gestellt wurde. „Kommen Sie, es wird einfacher sein, wenn ich Sie beide dorthin fahre. Sie sind dort recht streng mit den Sicherheitsvorschriften.“

„Wohin denn?“, fragte Kevins Mutter.

„Zur NASA.“

Kevin hielt den Atem an. Sie würden mit den Leuten von der NASA sprechen? Wenn es um Außerirdische ging, dann war das noch besser als SETI.

Die Fahrt durch Mountain View war kurz und dauerte nur ein paar Minuten. Dennoch reichte sie für Kevin, um aus dem Fenster auf die Gebäude der hoch entwickelten Unternehmen zu starren, die sich in dem Bereich befanden, offensichtlich dort von der NASA und Berkely wegen der Anwesenheit von so vielen schlauen Menschen an einem Ort angesiedelt.

„Wir gehen wirklich zur NASA?“, fragte Kevin. Er konnte es nicht so recht glauben, was seltsam war, wenn man all die Dinge bedachte, die er in den letzten Tagen glauben musste.

Der NASA-Campus war alles, was das SETI-Gebäude nicht gewesen war. Es war groß, streckte sich über mehrere Gebäude und lag an einem Ort, von dem man auf die umgebenen Berge und die Bucht schauen konnte. Es gab ein Besucherzentrum in Form eines Zeltes, unglaublich groß, mit einer ungewöhnlichen Form, strahlend weiß und mit dem NASA-Logo bemalt. Sie fuhren jedoch daran vorbei und zu einem Bereich, der für die Öffentlichkeit gesperrt war, mit einem Maschendrahtzaun und einer Schranke, an der Dr. Levin einen Ausweis vorzeigen musste, um hineinzukommen.

„Ich werde erwartet“, sagte sie.

„Und wer sind die, Ma’am?“, fragte der Wachmann.

„Das ist Kevin McKenzie und seine Mutter“, erwiderte Dr. Levin. „Sie gehören zu mir.“

„Sie sind nicht auf der –“

„Sie gehören zu mir“, wiederholte Dr. Levin und zum ersten Mal hatte Kevin eine Ahnung von der Härte, die ihre Position mit sich brachte. Der Wachmann zögerte einen Moment und stellte dann ein paar Besucherpässe aus, die Dr. Levin ihnen überreichte. Kevin hing seinen um seinen Hals und es fühlte sich wie eine Trophäe, ein Talisman, an. Damit konnte er überall hingehen. Damit glaubten ihm die Menschen tatsächlich.

„Wir müssen in den Forschungsbereich gehen“, sagte Dr. Levin. „Bitte seien Sie vorsichtig und fassen Sie nichts an, einige der Experimente sind sehr knifflig.“

Sie führte sie in das Gebäude, das hauptsächlich aus einem Stahlgerippe und Glas bestand. Das war die Art von Ort, den Kevin erwartet hatte, als er nach Mountain View gekommen war. So sollte ein Ort, der Weltraumforschung betreibt, aussehen. Es gab Labore auf beiden Seiten, mit der Art von fortschrittlicher Ausrüstung darin, die vermuten ließ, dass sie fast alles untersuchen konnte, was das Weltall ihnen gab. Es gab Laser und Computer, Labortische und Geräte, die für chemische Untersuchungen ausgelegt waren. Es gab Werkstätten voller Schweißausrüstung und Teile, die vielleicht für Autos bestimmt waren, aber Kevin wollte gern glauben, dass es Fahrzeuge für andere Planeten waren.

Dr. Levin fragte herum, während sie liefen, anscheinend versuchte sie herauszufinden, wer mit den Neuigkeiten über die Pioneer 11 Nachricht vertraut war. Wann immer sie an jemandem vorbeikamen, hielt sie an und es schien für Kevin, als wenn sie hier jeden kannte. SETI schien zwar getrennt von all dem zu arbeiten, so wie sie gesagt hatte, aber es war offensichtlich, dass Dr. Levin hier viel Zeit verbrachte.

„Hey Marvin, wo sind denn alle?“, fragte sie einen bärtigen Mann in einem karierten Shirt.

„Die meisten sind im Zentrum für Supercomputer-Forschung“, sagte er. „Bei so etwas, wie dem hier wollen sie sehen, was die Kisten hervorbringen werden.“

„Die Kisten?“, fragte Kevin.

Dr. Levin lächelte. „Du wirst schon sehen.“

„Wer sind die?“, fragte der bärtige Mann.

„Wie würdest du reagieren, wenn ich dir sage, dass Kevin hier Außerirdische sehen kann?“, fragte Dr. Levin.

Marvin lachte. „Du kannst versuchen, dem Ruf der verrückten Alien-Jägerin so viel gerecht zu werden, wie du willst, Elise. Du bist genauso skeptisch wie der Rest von uns.“

„Dabei vielleicht nicht“, erwiderte Dr. Levin. Sie schaute zurück zu Kevin und seiner Mutter. „Hier entlang.“

Sie ging voran in einen anderen Teil des Gebäudes und jetzt sah Kevin die extra Sicherheitsmaßnahmen mit ID-Scanner und Kameras an fast jeder Ecke. Noch mehr, es war wahrscheinlich der sauberste Ort, an dem er je gewesen war. Viel sauberer als zum Beispiel sein Kinderzimmer. Es schien, dass nicht ein bisschen Staub hier hereinkommen durfte, erst recht keine Haufen von dreckiger Kleidung, welche sein Zimmer solange füllten, bis seine Mutter ihm sagte, er solle aufräumen.

Die Labore waren größtenteils leer im Moment und das auf eine Art, die besagte, dass sie eilig verlassen wurden, weil etwas Aufregenderes passiert war. Es war einfach zu sehen, wohin die Menschen gegangen waren. Die Menschen versammelten sich auf den Fluren, als die Drei ihrem Ziel näherkamen, sie tauschten Gerüchte aus, von denen Kevin ein paar Worte aufschnappen konnte.

„Es gibt ein Signal, ein aktuelles Signal.“

„Nach all dieser Zeit.“

„Es sind keine Telemetrie-Daten oder sogar Scans. Da ist etwas … anderes.“

„Wir sind da“, sagte Dr. Levin, als sie an einem Raum ankamen, bei dem die Tür offengelassen worden war, offensichtlich damit die Menschenmenge sich hineindrängen konnte. „Lasst uns bitte durch. Wir müssen zu Sam.“

Da entpuppte sich als großer Raum, gefüllt mit blinkenden Lichtern am Boden und unterteilt in Ränge, die ihn ein wenig wie ein Theater erscheinen ließen, indem die Schauspieler allerdings Computer waren. Kevin erkannte sie als Computer, obwohl sie nichts mit dem kleinen, kaum funktionierenden Laptop zu tun hatten, den seine Mutter gekauft hatte, damit er Schularbeiten machen konnte. Das waren Geräte von der Größe von Couchtischen, Autos, Zimmern, die alle mattschwarz waren und glitzernde Lichter hatten. Die Menschen, die in der Nähe standen oder saßen, trugen Overalls wie die Gerichtsmediziner im Fernsehen.

„Beeindruckt?“, fragte Dr. Levin.

Kevin konnte nur nicken. Er hatte keine Wörter für so einen Ort. Es war … unglaublich.

„Was ist das hier für ein Ort?“, fragte seine Mutter und Kevin wusste nicht, ob das gut war oder nicht, dass nicht einmal seine Mutter das zu verstehen schien.

„Hier macht die NASA ihre Computer-Forschungen“, erklärte Dr. Levin. „Sie arbeiten an AI, Quanten-Computing, fortgeschrittenen Supraleitern. Es ist auch die Ausrüstung, die sie bei … komplexeren Themen nutzen. Kommen Sie, wir müssen zu Sam.“

Sie ging durch die Menge voran und Kevin folgte ihr, versuchte schnell genug zu sein, um sich durch die Lücken zu drücken, die sie schuf, ehe sie sich wieder schlossen. Er eilte in ihrem Schatten bis sie zu einem großen, leicht stoischen Mann kamen, der an einem der Computer stand. Anders als die anderen trug er keinen Overall. Seine langen, knochigen Finger schienen sich in Knoten zu verwandeln, während er tippte.

„Professor Brewster“, sagte Dr. Levin

„Dr. Levin, ich freue mich, dass … warten, Sie haben Besucher mitgebracht. Das ist nicht wirklich der Moment für Sightseeing, Elise.“

Wenn Dr. Levin sich darüber ärgerte, dann zeigte sie es nicht. „David, das sind Kevin McKenzie und seine Mutter. Sie sind nicht hier zum Sightseeing. Ich glaube, dass Kevin eventuell ganz hilfreich hierbei sein kann. Wir müssen Sam sehen.“

Professor Brewster deutete mit der Hand auf das Gerät vor ihnen. Es war sogar größer als er, mit Schläuchen, die an den Seiten hoch liefen, die so kalt waren, dass sie Dampf in die Luft stießen. Erst da sah Kevin ein Schild an der Seite, ‚Signal Analyse Machine‘ und er erkannte, dass Sam nicht der Name einer Person, sondern ein Akronym war.

„Sie wollen ein Kind mit einem Multi-Million-Dollar teurem Stück Technik spielen lassen?“, fragte Professor Brewster. „Ich meine, er ist wie alt? Zehn?“

„Ich bin dreizehn“, sagte Kevin. Der Unterschied bedeutete für jemanden in Professor Brewster Alter vielleicht nichts, aber für ihn war es ein Viertel seines Lebens. Es war mehr Leben, als er übrighatte. So gesehen waren drei Jahre eine ganze Menge.

„Na ja, ich bin dreiundvierzig, ich habe einen Doktortitel aus Princeton, ein Gebäude voller oft unmöglicher Genies, die ihre Arbeit erledigen sollten“ – er schaute sich gezielt im Raum um, aber niemand bewegte sich – „und jetzt anscheinend einen Dreizehnjährigen,  der an meinem Supercomputer spielen will, gerade wenn der im Begriff steht, auf ein Signal von einer Sonde zu reagieren, die wir lange für tot hielten.“

Er schien wie ein Mann, dem Stress nicht so wirklich gefiel. Kevin nahm an, dass das wahrscheinlich ein Nachteil in seinem Job war.

„Kevin ist wegen des Signals hier“, sagte Dr. Levin. „Er … na ja er hat vorausgesagt, dass das passieren wird.“

„Unmöglich“, sagte Professor Brewster. „Elise, du weißt, dass ich deine Bemühungen, die SETI-Forschung im Bereich der seriösen Wissenschaft zu halten, immer respektiert habe, aber das scheint in die völlig entgegengesetzte Richtung zu gehen. Es ist offensichtlich ein Trick.“

Dr. Levin seufzte. „Ich weiß, was ich gesehen habe David. Er hat mir gesagt, dass etwas mit Pioneer 11 passieren wird und dann haben wir ein Signal bekommen. Würdest du es wenigstens für uns abspielen?

„Oh, na schön“, sagte Professor Brewster. Er deutete auf einen der Wissenschaftler, die um den Supercomputer herum arbeiteten. „Spiel es ab, damit wir mit unserer Arbeit weiter machen können.“

Der Wissenschaftler nickte und klickte ein paar Mal auf die Steuerkonsole. Daten erschienen auf dem Bildschirm in Reihen von Nummern, aber Kevin war mehr an dem Audio-Signal interessiert, das dabei entstand. Es war ein merkwürdiges mechanisches Geräusch, das sich nicht wie eine Sprache anhörte, eher wie eine Art von Störung, die vielleicht davon kam, dass ein Computer nicht richtig lief.

Dennoch verstand er es. Er wusste einfach nur nicht wie.

„Sie müssen eines ihrer Radioteleskope anpassen“, gab Kevin das wieder, was in seinem Kopf auftauchte. Da waren auch Zahlen. Zwei Reihen davon, eine geringfügig anders, als die andere. „Ich glaube … das Erste ist irgendwie falsch und das Zweite ist so, wie es sein sollte.“

„Was?“, fragten Professor Brewster und Dr. Levin fast gleichzeitig, gleichwohl mit sehr unterschiedlichen Mienen. Dr. Levin sah begeistert aus, Professor Brewster eher irritiert.

„Das ist, was es bedeutet“, sagte Kevin. Er zuckte die Achseln. „Ich meine, ich glaube das. Ich weiß nicht, woher ich das weiß.“

„Du weißt es nicht“, bestand Professor Brewster darauf. „Wenn es überhaupt eine Bedeutung dabei gibt, was ehrlich gesagt nicht sehr wahrscheinlich ist, dann wird SAM Stunden brauchen, um es zu entschlüsseln, wenn es überhaupt möglich ist.“

„Ich habe doch gerade gesagt, was es heißt“, sagte Kevin erneut. „Ich kann … es ergibt einfach Sinn für mich.“

„Du solltest ihn anhören, David“, sagte Dr. Levin. „Suche zumindest nach den Zahlen, um zu sehen, ob sie etwas bedeuten. Kannst du sie aufschreiben, Kevin?“

Sie hielt Kevin ein Blatt Papier und einen Stift hin und Kevin notierte die Zahlen, so ordentlich er konnte. Er hielt sie Professor Brewster hin, der sie schlecht gelaunt entgegennahm.

„Wir haben Besseres zu tun, als das, Elise“, sagte er. „Das reicht. Raus. Wir haben hier zu arbeiten.“

Er scheuchte sie weg und Dr. Levin schien nicht mit ihm streiten zu wollen. Stattdessen nahm sie Kevin und seine Mutter wieder mit auf den Flur des Forschungsinstituts.

„Kommen Sie“, sagte sie. „David ist wohl gerade zu beschäftigt, um dieses riesige Gehirn, das er hat zu benutzen, aber hier gibt es jede Menge Menschen, die mir Gefallen schulden.“

„Welche Arten von Gefallen?“, fragte Kevins Mutter.

Dr. Levin schaute wieder auf Kevin. „Die Art von Gefallen, bei der wir genau herausfinden können, ob Kevin wirklich Signale aus dem Weltall empfangen und entschlüsseln kann.“

***

„Du musst stillhalten, Kevin“, sagte ein übergewichtiger Forscher mit einem Hawaii Shirt unter seiner Laborkleidung. Er hieß einfach ‚Phil‘, auch wenn sein Namensschild an der Tür sagte, dass er mindestens genauso viele PhDs wie jeder andere hatte. Er schien ein Freund von Dr. Levin zu sein, obwohl das vielleicht auch etwas mit dem riesigen Sandwich zu tun hatte, das sie vor ihrem Besuch bei ihm aus der Kantine für ihn geholt hatte. „Es wird kein klares Bild produzieren, wenn du dich bewegst.“

Kevin gab sich Mühe, lag still in dem beengten Inneren eines MRT-Gerätes. Er fühlte sich wie ein Torpedo, der in den Ozean fallen würde und der beengte Platz wurde noch schlimmer durch ein regelmäßig, dumpfes Klopfen, das sich anhörte, als wenn jemand von außen darauf hämmerte, während er da drin lag. Seine Erfahrungen aus dem Krankenhaus sagten ihm, dass das wahrscheinlich normal war und kein Zeichen dafür, dass das ganze Ding kurz vor dem Zusammenbrechen war. Dennoch war es schwer, so lange stillzuhalten, wie das Ding brauchte, um ihn zu scannen.“

„Wir sind fast fertig“, rief Phil. „Halte mal kurz den Atem an. Und entspann dich.“

Kevin wünschte sich, er könnte entspannen. Die letzten Stunden waren so anstrengend gewesen. Es hatte Wissenschaftler und Labore und Tests gegeben. Viele Tests. Es gab kognitive Tests und Scans, Dinge wie Röntgen und Wortassoziationstests, während Kevin mehrere Arten von Geräten auf sich gerichtet fand, die dafür gedacht waren, verschiedene Signale durch seinen Körper zu jagen.

Schließlich schien es selbst Phil leid zu sein, Strahlen auf Kevin zu schießen.

„Okay, du kannst rauskommen.“

Er half Kevin von dem Gerät herunter und führte ihn dann wieder dorthin, wo Dr. Levin und seine Mutter warteten. Der Forscher schüttelte seinen Kopf, als er auf den Bildschirm und eine Reihe von schwarz-weiß Bildern deutete, von denen Kevin annahm, dass sie das Innere seines Gehirns waren. Wenn dem so war, dann sahen Gehirne merkwürdiger aus, als er gedacht hatte.

„Es tut mir leid Elise, aber es gibt kein Anzeichen von etwas Merkwürdigen an ihm, dass nicht von seiner Krankheit erklärt werden würde“, sagte er.

„Such weiter“, sagte Dr. Levin.

„Wie genau?“, fragte er. „Ich sage dir, ich habe fast jeden Test gemacht, der an einem Menschen möglich ist – MRT, CT-Scan, du weißt schon. Ich habe so viele verschiedene Frequenzen auf Kevin geworfen, dass es ein Wunder ist, dass er nicht das lokale Radioprogramm empfängt. Wir sind kurz davor, ihn radioaktiven Isotopen zu unterziehen oder ihn tatsächlich zu sezieren −“

„Nein“, sagte Kevins Mutter streng. Kevin gefiel der Gedanke auch nicht.

Phil schüttelte seinen Kopf. „Es gibt einfach nichts zu finden.“

Kevin konnte die Enttäuschung bei dem Mann hören. Anders als Professor Brewster hatte er anscheinend den Gedanken gemacht, dass jemand Signale von Außerirdischen empfangen konnte. Die Enttäuschung spiegelte seine eigene wider.

Er war sich sicher gewesen, dass diese Menschen mit all ihren Gehirnen und ihren Laboren in der Lage wären, herauszufinden, was passierte, aber es sah so aus –

Ein Mann stürmte in den Raum und es dauerte einen Moment, ehe Kevin die schlaksige Gestalt von Professor Brewster erkannte. Er sah − wenn das überhaupt möglich war − noch erregter aus, als vorhin, als er sie aus dem Raum mit den Supercomputern herausgeworfen hatte. Er hielt ein Tablet in der Hand, so fest, dass Kevin Angst hatte, dass er es zerbrechen könnte.

„David, wenn das hier um die Nutzung der Ressourcen …“, begann Dr. Levin.

Der hochgewachsene Wissenschaftler sah sie an, als wenn er nicht wüsste, wovon sie sprach, dann schüttelte er seinen Kopf. „Nein, nicht darum. Ich will einfach nur wissen, wie er das gemacht hat. Woher wusstest du das?“

„Woher wusste ich was?“, fragte Kevin.

„Tu nicht so blöd“, sagte der Wissenschaftler. Er hielt ihm ein Tablet hin, damit er darauf schauen konnte. „Einer unser Mitarbeiter hat diese Zahlen, die du uns gegeben hast durch unser System laufen lassen. Es hat sich herausgestellt, dass sie aktuelle Einstellungen für eins von unseren Radio-Teleskopen waren, so wie du gesagt hast. Niemand, der nicht am Observatorium arbeitet, kann das wissen. Also, woher wusstest du das?“

„Woher wusste ich was?“, fragte Kevin erneut.

„Woher wusstest du, was passiert, wenn wir es ändern!“

Professor Brewster drückte etwas auf seinem Tablet.

Er schob das Tablet zu Kevin und hielt es ihm wie eine Anschuldigung hin. Ein summendes, klickendes Signal ertönte, es hörte sich wie ein Rauschen an oder wie ein mechanisches Problem oder wie Grillen, die irgendwie in der Maschine steckten.

Für Kevin waren die Worte klar.

Wir kommen. Seid bereit, uns zu akzeptieren.

KAPITEL SIEBEN

„Wir?“, fragte Dr. Levin. Sie hörte sich an, als ob sie kaum noch ihre Aufregung zurückhalten könnte.

„Wer ist wir? Reden wir über irgendeine Art von außerirdischem Leben?“

„Warte eine Sekunde“, keifte Professor Brewster und hörte sich skeptisch an. „Vielleicht ist Kevins Übersetzung falsch. Vielleicht gibt es nicht einmal etwas zu übersetzen – vielleicht sind es einfach nur eine Menge Geräusche. Vielleicht ist es nur das Hirngespinst der Vorstellungskraft des Jungen.“

„Woher kannte er dann die Koordinaten?“, fragte Dr. Levin. „Wir wissen, dass jemand dieses Signal geschickt hat. Denk nur an die Möglichkeiten …“

Sie beendete den Satz nicht, als ob sie selbst all die Möglichkeiten nicht begreifen könnte.

„Vielleicht hat sie niemand geschickt“, warf ein weiterer Wissenschaftler ein. „Das Weltall ist voll von Signalen, die keinen Sender oder Empfänger haben.“

„Trotzdem“, bestand Dr. Levin darauf, „Wir können die Möglichkeit nicht ignorieren, dass dies wirklich ein Signal von einer anderen Gesellschaft ist. Und das Kevin das wirklich direkt übersetzt hat. Was, wenn er das getan hat? Seid ihr bereit diese Möglichkeit auszuschließen? Seid ihr bereit das fallenzulassen? Die Konsequenzen zu akzeptieren?“

Brewster verfiel in ein widerwilliges Schweigen.

„Wir brauchen mehr Informationen“, sagte er endlich. „Wir müssen Kevin weiter untersuchen.“

„Ihn weiter untersuchen?“, sagte seine Mutter. „Das ist mein Sohn.“

„Stimmt“, entgegnete Dr. Levin. „Und dennoch ist Ihr Sohn vielleicht die einzige Person auf unserem Planeten, um sich mit dem außerirdischen Leben zu verbinden.“

*

Kevin saß in dem Zimmer, dass sie ihm gegeben hatten, schaute sich um und fragte sich, wofür das da war. Es sah aus, als ob es für die Langzeit-Beobachtungen von Menschen entworfen worden war. Entweder das oder für riesige Goldfische.

Es war bequem, aber es war unmöglich zu vergessen, dass er sich inmitten eines Labors befand. Das Bett befand sich in der Mitte des Zimmers und alles schien makellos klinisch weiß zu sein. Kevin nahm an, dass es hier auch Kameras gab. An einer Wand gab es eine Glasscheibe, die offensichtlich nur von einer Seite durchsichtig war. Er fühlte sich ein wenig wie ein Frosch, der darauf wartete, in der Biologieklasse von jemandem seziert zu werden.

„Hast du alles, was du brauchst?“, fragte seine Mutter. „Haben sie dir überhaupt schon was zu essen gegeben?“

Er konnte sich immer darauf verlassen, dass seine Mutter ihn blamieren würde, sogar in einer Situation wie dieser.

„Ja, Mama, sie füttern mich“, versicherte Kevin ihr.

„Ich mache mir eben Sorgen“, sagte sie.

„Du musst arbeiten“, sagte Kevin. Er verstand das. Seine Mutter konnte es sich nicht leisten, noch länger freizunehmen. Nicht einmal dafür. Es gab so viele Rechnungen zu bezahlen und Kevins Krankheit hatte der langen Liste nun auch noch die medizinischen Kosten hinzugefügt. Er wollte die Schuld in ihrer Stimme nicht hören, die klang, als wäre es falsch, ihn an einen Ort zu bringen, wo sie nach Außerirdischen suchten.

„Das ist der beste Ort für dich“, sagte seine Mutter. Sie hörte sich an, als würde sie versuchen, sich selbst zu überzeugen.

„Es ist cool hier“, versicherte Kevin ihr. „Sie erforschen hier so viele Dinge.“

Es war toll, Teil von so etwas Wichtigem zu sein.

„Hi, Kevin“, sagte Phil und steckte seinen Kopf zur Tür hinein. Er schien noch erfreuter bei dem Anblick von Kevins Mutter. „Hi, Ms. McKenzie.“

„Nennen Sie mich Rebecca“, sagte seine Mutter. Es war merkwürdig, vielleicht weil es etwas war, was sie nicht so oft sagte.

„Ich habe gedacht, dass ich mit Kevin die große Führung machen könnte“, sagte Phil. „Vielleicht wollen Sie mitkommen?“

„Das hört sich gut an“, sagte seine Mutter und wieder hatte Kevin das Gefühl, dass da etwas … nein, er sollte nicht so denken. Das war einfach widerlich. Eltern sollten nicht einfach herumlaufen und Menschen mögen. Das war praktisch … na ja es ließ den Gedanken an eine Alien-Welt normal erscheinen.

„Wenn ihr beide mitkommen wollt“, sagte Phil und führte sie den Flur herunter. „Ich meine, offiziell, glaube ich, sollten wir nicht einfach umherwandern, weil einige der Projekte wirklich sensibel sind, aber ich glaube auch, dass wir es manchmal ein wenig übertreiben, wisst ihr?“

Er führte sie zu einem Raum, indem Wissenschaftler anscheinend Laser auf eine weiße Oberfläche warfen, wieder und wieder, und zwischen jedem Versuch Anpassungen vornahmen.

„Sie suchen nach Wegen, wie Laser in Bergbau-Asteroiden eingesetzt werden können“, erklärte Phil. Etwas an dem Blick, den er Kevins Mutter zuwarf, sagte, dass er versuchte, sie zu beeindrucken. Kevin fand das recht lustig. Seine Mutter war seine Mutter. Sie würde nicht von Lasern beeindruckt sein. Auch, wenn sie irgendwie cool waren.

Danach zeigte er ihnen einen Ort, wo Drohnen in großen Zimmern wie Insekten herumflogen. Sie bewegten sich schnell, aber irgendwie stießen sie dennoch andauernd miteinander zusammen.

„Wir arbeiten daran AI zu verwenden, sodass Drohnen interagieren können, ohne zusammenzustoßen“, erklärte Phil.

Kevin sah seine Mutter dabei lächeln. „Sodass es die Chance minimiert, das nächste Paket zu verlieren, das ich bestelle?“

Phil nickte. „Na ja, das oder sie können auch bei Gebäudebauten benutzt werden oder für Arbeiten in extremen Umgebungen.“

Kevin war sich nicht sicher, wie er sich dabei fühlen sollte, dass seine Mutter und Phil so gut miteinander auskamen. Er sollte sich wahrscheinlich glücklich für sie fühlen oder so, aber das war seine Mutter. Er ging zu einer weiteren Tür und hoffte, dass er die Führung vorantreiben konnte, ehe die beiden sich bedeutungsvoll in die Augen schauen konnten oder Ähnliches.

Er öffnete sie und starrte auf ein Ding aus seinen Albträumen.

Kevin stolperte zurück, als er sich Angesicht zu Angesicht mit einem Roboter wiederfand, der fast so groß war wie er selbst, mit Spikes und Klingen bedeckt war und an dessen Vorderseite zwei große Scheren herausragten, wie bei einer hungrigen Ameise. Es dauerte einen Moment, ehe er merkte, dass es sich nicht bewegte, dass es keine Bedrohung darstellte, obwohl es so grimmig aussah.

„Ist das eine Art Waffen-Projekt?“, fragte Kevin. „Etwas für das Militär?“

Es sah aus wie die Art von Ding, vor dem man auf einem Schlachtfeld Angst haben musste, wenn es auf einen zukam. Es schaffte es, selbst im ausgeschalteten Zustand echt Angst-einflößend auszusehen.

„Das ist für die lokale Roboter-Kampfliga“, sagte Phil. „Einige der Absolventen von Berkeley haben sich dieses üble Ding ausgedacht.“

Er schaute zu Kevins Mutter, als ob er hoffte, dass sie sich als großer Fan von Roboter-Kämpfen outen würde. Als sie nicht wirklich beeindruckt aussah, traute sich Kevin, erleichtert zu seufzen. Es schien, als wäre die Welt wieder normal, ein wenig zumindest.

Seine Mutter umarmte ihn. „Ich muss gehen Kevin. Ich wünschte, ich könnte bleiben, aber …“

Kevin erwiderte die Umarmung. „Ich weiß.“

Auch wenn er wusste, dass sie schon bald wiederkommen würde, war es schwer, sie gehen zu lassen.

Als sie weg war, drehte Kevin sich zu Phil. „Also“, sagt er. „Was jetzt?“

„Jetzt haben wir noch eine ganze Menge mehr Tests, die wir machen müssen“, sagte Phil.

Ein paar der Leute hatten offenbar noch nicht genug. Obwohl Phil schon vorher ganze Reihen von Tests mit Kevin gemacht hatte, waren Professor Brewster und Dr. Levin entschlossen, weiterzumachen. Dr. Levin schien zu hoffen, dass, wenn sie besser verstehen konnten, was mit Kevin los war, sie dann in der Lage wären, besser Kontakt mit außerirdischen Zivilisationen aufzunehmen. Professor Brewster … na ja, Kevin nahm an, er hoffte, es würde sich alles als unbedeutend herausstellen, als ein Fehler.

So oder so, es bedeutete Test um Test mit verschiedenen Gruppen von Wissenschaftlern und Fragen über Fragen, auf die Kevin meistens keine Antworten hatte.

„Ich habe keine Kontrolle darüber, was ich übersetze“, betonte Kevin, als einer der Wissenschaftler wissen wollte, ob er sich in der fremden Welt umsehen könne, um ihnen mehr Daten darüber zu geben. „Ich weiß nicht einmal, wie ich das mache. Wenn man die Signale abspielt, dann ist es einfach … offensichtlich.“

Er vermutete, dass die Wissenschaftler damit nicht sehr zufrieden waren, aber Kevin wusste nicht, was er sonst noch sagen sollte. Er hatte, was er hatte und für den Moment schien das hauptsächlich der Countdown in seinem Kopf zu sein, der immer schneller pulsierte, zusammen mit der Erinnerung an eine Welt, die von einem hellen, alles verzehrenden Licht verdunkelt wurde. Bisher war es das einzige Bild, das er bekommen hatte. Das Signal schien nur aus Worten zu bestehen.

Kevin brauchte eine Pause und fand eine ruhige Ecke in einem der Aufenthaltsräume des Forschungszentrums und zog sein Handy heraus, um mit Luna zu skypen.

Er lächelte, als er sie sah; er hatte nicht gemerkt, wie sehr er es vermisst hatte, ihr Gesicht zu sehen.

Sie lächelte zurück.

„Hey Fremder“, sagte sie. „Drehen sie dich durch den Fleischwolf?“

„Sie machen jeden Test, den du dir vorstellen kannst.“

„Herumgestoßen und gepikst zu werden, muss schlimm sein“, sagte Luna. „Aber es bedeutet wahrscheinlich, dass du von mehr Ärzten untersucht wirst, als es sonst der Fall wäre. Das ist gut, oder?"

„Ich glaube nicht, dass das bedeutet, dass sie irgendetwas für mich tun können“, sagte Kevin. Er hatte kurz darüber nachgedacht, aber entschieden, dass er sich diese Art von Hoffnung nicht leisten konnte, wenn es um seine Krankheit ging. Er wusste, was passieren würde. „Viele von ihnen sind nicht einmal diese Art von Arzt.“

„Aber einige von ihnen schon und ich wette, wenn es irgendeine Art von Forschung über …“, Luna schaute nach unten und Kevin nahm an, dass sie es aufgeschrieben hatte, damit sie es nicht vergaß, „… Leukodystrophie gibt, dann irgendwo bei dir in der Nähe.“

„Wenn es das gibt, dann habe ich nichts davon gehört“, sagte Kevin. Niemand war zu ihm gekommen und hatte ihm gesagt, dass es auf einmal eine Heilung für seine Krankheit gab.

„Und hast du gesucht?“, fragte Luna. Sie hatte ihren entschlossenen Gesichtsausdruck aufgesetzt, der bedeutete, dass sie ein Nein als Antwort nicht akzeptieren würde.

„Ich war zu sehr damit beschäftigt, Nachrichten von einer fremden Spezies zu übersetzen“, antwortete Kevin. „Okay“, antwortete Luna, „das gilt als Entschuldigung. Ich gebe zu, das ist ziemlich gut. Stell dir mal vor, sie kommen hierher und sagen „Bringt mich zu eurem Anführer, dann wirst du der Einzige sein, der das übersetzen kann, also wirst du da sein. Dein Name wird in den Geschichtsbüchern stehen.“

„Und wann hast du das letzte Mal in Geschichte aufgepasst?“, entgegnete Kevin. „Ich erinnere mich, dass ich dir geholfen habe, für Tests zu lernen, erinnerst du dich?“

„Na ja, vielleicht hätte ich besser aufgepasst, wenn es mehr Aliens darin gegeben hätte.“

„Kevin?“ Professor Brewster erschien und sah ungeduldig aus. „Wenn du fertig bist, dann wartet das Signal.“

„Sieht so aus, als müsste ich gehen“, sagte Kevin zu Luna.

„Ich vermisse dich“, sagte sie und es gab eine Art wehmütige Note, die normalerweise nicht in Lunas Stimme war.

„Nun, vielleicht könntest du mich besuchen“, sagte Kevin, aber dann sah er den Blick von Professor Brewster. „Ich muss gehen.“

„Du solltest vorsichtig sein, was du sagst“, sagte Professor Brewster, als Kevin auflegte. „Unsere Arbeit hier ist streng vertraulich.“

„Ich vertraue Luna“, sagte Kevin.

„Und wenn sich das alles als Unsinn herausstellt, dann schadet das dem Ruf, den wir uns so hart erarbeitet haben, was sich wiederum auf unsere Fördergelder auswirken wird.“

„Es ist kein Unsinn“, sagte Kevin. Warum konnte Professor Brewster das nicht verstehen? „Ich sehe und höre das wirklich.“

„Sieht so aus“, erwiderte Professor Brewster. „Obwohl, wenn man sich deinen Zustand anschaut …“

Kevin stand auf. Im Moment fühlte er sich müde und nicht nur wegen der Krankheit, die langsam sein Gehirn auffraß. Er fühlte sich müde davon, nicht ernst genommen zu werden.

„Sie sind einfach entschlossen, alles abzulehnen, was auch immer ich tue“, sagte er. „Ich habe es geschafft, die Nachricht zu übersetzen.“

„Sieht so aus“. Wieder diese Worte. „Das erinnert mich an etwas. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass du bereits zu Beginn dieser Signale zugehört hast, also wollen wir, dass du dir unser Archiv mit Signalen aus anderen Sektoren anhörst, um zu sehen, ob du auch die übersetzen kannst.“

Er sagte das, als wäre er nicht gerade hereingeplatzt und sie hätten sich nicht darüber gestritten. Er sagte es, als ob es bereits entschieden wäre, dass Kevin es tun würde. Kevin stand da und war bereit, ihm Nein zu sagen. Bereit, einfach wegzugehen.

Er konnte es aber nicht, und zwar nicht nur, weil er erst dreizehn war, während dies ein angesehener Wissenschaftler war, der wahrscheinlich wusste, wovon er sprach. Er konnte es nicht riskieren nicht zu hören, was die Außerirdischen zu sagen hatten.

„Okay“, sagte Kevin.

Professor Brewster brachte ihn nicht zu dem Super-Computer, sondern zu einem kleinen Laborraum, in dem nichts außer einem schlichten weißen Tisch stand, ein paar einfache Kopfhörer und ein Venezianischer Spiegel, der annehmen ließ, dass Dutzende von Wissenschaftlern dahinter warteten.

„Geh rein und setzt die Kopfhörer auf und wir werden sehen, ob eines der Signale Übersetzungen bei dir auslöst“, sagte Professor Brewster in einem Ton, der ahnen ließ, dass er wusste, wie das Ergebnis ausfallen würde.

*

Die nächsten Stunden waren die langweiligsten in Kevins Leben und das beinhaltete die Zeit, die er im Mathematik-Unterricht verbracht hatte. Wer immer in dem anderen Raum war, spielte ihm Geräusche über Geräusche, Signale über Signale vor, alles vermutlich aus Lichtmustern oder elektromagnetischen Entladungen interpretiert. Kevin erwartete, dass eine von ihnen jeden Moment etwas entfachen würde, aber da war nichts und nichts und …

„Wenn jemand das empfängt, dann werden weitere Mitteilungen folgen“, sagte er, als sie ein weiteres Signal abspielten. Es hörte sich kaum noch nach seiner Stimme an, sondern eher nach etwas, das durch ihn sprach. Es schien einfach natürlich, das zu sagen, sobald das Geräusch in sein Ohr kam.

Es schien sofortige Aktivität hinter der Scheibe zu geben und Phils Stimme erklang in seinem Kopfhörer.

„Was war das, Kevin?“

„Das letzte Signal, ich glaube das heißt, dass wir auf mehr warten sollen“, sagte Kevin.

„Bist du sicher?“

Kevin wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er war schließlich kein Experte dafür, was hier passierte. Er wusste wahrscheinlich weniger als die Wissenschaftler, die versuchten, einen Sinn darin zu erkennen. Er hatte einfach übersetzt, was er gehört hatte und hatte sich auf sein degeneriertes Gehirn verlassen, das zu verstehen.

„Vielleicht, wenn wir versuchen, mehr Signale aus diesem Bereich abzuspielen“, sagte Phils Stimme über die Kopfhörer, und Kevin konnte nicht sagen, ob er mit ihm, sich selbst oder anderen Wissenschaftlern sprach.

Wie auch immer, es folgten weitere Signale. Einige waren nur Geräusche. Andere aber …

„Wir kommen, seid bereit uns zu empfangen.“

Es waren alles Variationen über dasselbe Thema, dieselbe Nachricht, obwohl keine von ihnen irgendetwas Nützliches besagte. Kevin wunderte sich, wie lange diese Nachrichten sich schon im Weltall verbreiteten und darauf warteten, dass sie von jemandem gehört wurden. Vielleicht hatten sie die Erde für Monate oder sogar Jahre gestreift und erst jetzt war jemand in der Lage, sie zu verstehen.

Phil schien denselben Gedanken zu haben. Er kam herein und trug etwas, was ziemlich genau wie das Hawaii Shirt von gestern aussah, und sah aufgeregt aus.

„Diese Signale … einige gehen Monate zurück, vielleicht länger, alles vom Bereich im Weltall, den wir mit dem Trappist 1 System in Verbindung bringen. Das heißt, wenn sie mit Lichtgeschwindigkeit geschickt wurden, dann hat es fast vierzig Jahre gedauert, bis sie angekommen sind. Und du bist die erste Person, die in der Lage ist, sie zu verstehen.“ Im Gegensatz zu Dr. Brewster schien Phil mehr als glücklich über die Aussicht zu sein. Er klang wirklich aufgeregt.

„Ich glaube, deine Krankheit muss dein Gehirn auf Arten verändert haben, die wir nicht verstehen“, sagte er. „Ich glaube, es hat dir die Fähigkeit gegeben, dich da hinein zu schalten auf eine Art, wie wir es nicht können. Das würde erklären, warum wir nichts außer dem Fortschritt deiner Krankheit sehen können. Deine Krankheit bewirkt das.“

Kevin lächelte gezwungen. „Also bin ich im Grunde genommen ein Freak.“

„Aber ein sehr wichtiger“, sagte Phil mit einem eigenen Lächeln. „Wir haben es vielleicht bislang nicht geschafft, das vollständig zu verstehen. Mehr noch, es klingt, als würde eine größere Botschaft kommen, etwas so Wichtiges, dass sie sicher sein wollten, dass niemand sie verpassen würde.“

Kevin dachte an den Countdown. Er wurde schneller.

Jetzt, so dachte er, wusste er, worauf der Countdown abzielte.

Der einzige Weg, das zu testen, war, weiterzumachen, im Testlabor des Instituts mit seinen Kopfhörern zu arbeiten und zuzuhören, während sie die Signale von ihren Geräten abspielten. Er saß da und tat sein Bestes, um die Signale zu übersetzen, die Phil nacheinander durchschickte.

„Da ist nichts“, sagte Kevin und schüttelte seinen Kopf.

„Ich hatte gedacht, da wäre etwas“, antwortete Phil, seine Stimme erklang in Kevins Ohren, während er auf der anderen Seite der Glasscheibe arbeitete.

Kevin hatte das ebenfalls gedacht, aufgrund des Countdowns, der so schnell in ihm pulsierte. Er konnte das Pulsieren fühlen, so schnell wie ein Kolibri und unmöglich zu ignorieren und es ließ annehmen, dass, was immer kam, schon bald da wäre. Er war erschöpft vom Warten und es leid, dass Menschen ihn anstarrten und manchmal auch einfach so müde.

„Kevin sollte eine Pause machen.“ Die Stimme seiner Mutter klang von außerhalb des Raumes. Kevin war froh, dass sie da war. Er war sich nicht sicher, was das für ihre Arbeit bedeutete, aber er war froh, dass sie da war.

„Es tut mir leid, Rebecca, Dr. Brewster war ziemlich deutlich in seiner Anordnung, dass wir Kevin die Signale weitergeben sollen, so nahe am Ende des Countdowns.“

„Und werden Sie auf ihn hören oder auf mich?“

Kevin nahm an, er würde eine Pause bekommen. Er lächelte bei dem Gedanken. Dann wurde dieser von einem Beunruhigenderen ersetzt. Was, wenn nichts passierte? Was, wenn er hier tagtäglich saß und der Countdown bei null ankäme, ohne dass etwas passierte? Was wäre, wenn sie sich so anstrengen würden und alles umsonst war? Wie würden sie alle darauf reagieren?

Ein noch schlimmerer Gedanke kam ihm, ein Gedanke, der Kevin seine Augen zusammenkneifen ließ, in dem Versuch ihn wegzuschieben. Es funktionierte nicht. Was, wenn das alles seine Krankheit war? Was wäre, wenn der Countdown nicht auf eine Nachricht, sondern auf eine Art Anfall zurückzuführen wäre? Was wäre, wenn dieses schnelle Pulsieren sein eigener Herzschlag wäre, oder die Blutgefäße um sein Gehirn herum, die bereit waren zu platzen? Die Leute des Instituts hatten sich um Kevin versammelt, wie um einen Propheten, der im Begriff war zu sprechen, aber was ist, wenn er wirklich nur im Sterben lag?

Dann kam das Signal und rauschte durch ihn durch.

Und er wusste, dass die Zeit gekommen war.

***

Kevin konnte sehen, wie Leute in den Raum auf der anderen Seite der Glaswand eilten, um dabei zu sein, wenn die Nachricht eintraf. Er schenkte ihnen kaum Beachtung. Die Botschaft war dafür zu wichtig.

„Wenn ihr das hört“, sagte Kevin und übersetzte automatisch, auch wenn er nicht wusste, wie er das tat, „ist unsere Welt weg.“

Er hörte das Keuchen der Menschen draußen, die zuhörten und die Bedeutung der Nachricht erkannten. Ein paar der Wissenschaftler begannen sich Notizen zu machen und Kevin hörte sie im Hintergrund sprechen.

„Das würde bedeuten, dass es seit mindestens vierzig Jahren keine Außerirdischen mehr gibt.“

„Wenn es stimmt“, warf ein weiterer ein. „Wir haben nur das Wort des Kindes für die Übersetzung.“

Die anderen ignorierten ihn. Sie schienen genauso in dem Moment gefangen zu sein wie Kevin.

Die Nachricht ging weiter und Kevin übersetzte weiter. „Wir senden diese Botschaften aus, um das Beste für unser Volk zu erlangen und sicherzustellen, dass unser Wissen nicht ausstirbt.“

Das Signal schien sich zu verstärken und jetzt war es wie ein Strom, den Kevin nicht hätte zurückhalten können. Es gab nur die seltsamen Geräusche der fremden Sprache und die Worte, die kamen, als er sie fast automatisch übersetzte.

„Unser Planet war einer von sieben, von denen drei bewohnt waren. Die Kolonien brachen zuerst zusammen. Die Feuer haben unsere Häuser zerstört und alles in Asche verwandelt. Das ist unsere Geschichte, sind unsere Aufzeichnungen. Vielleicht können andere demselben Schicksal entgehen, wenn sie uns anhören.“

Kevin sprach die Wörter aus, fast ohne das Signal zu registrieren, dass sie auslösten. Das Signal war ein Komplex, ein schwatzendes Ding, und wenn er sich konzentrierte, konnte er gerade die Klicks und das Surren hören, aus das es bestand. Hauptsächlich jedoch verstand er nur die Bedeutung, die ihm gerade in seine Gedanken kam, während er zuhörte.

Es fühlte sich an, als wenn es bereits einer riesigen Anstrengung bedürfte, sein Gehirn mit diesem Signal zu verbinden und Kevin merkte, wie sich Schweiß über seinen Augen bildete, während er weiter zuhörte.

„Wir müssen diese Botschaften vorsichtig senden, Stück für Stück, aber wenn ihr zuhört, werdet ihr lernen.“

Das Signal wurde unterbrochen. Kevin wartete und wartete weiter, lauschte nach mehr, aber es schien nichts anderes zu geben.

Schließlich sah Kevin auf. Er konnte sehen, wie Phil und seine Mutter ihn von jenseits des Glases anstarrten, aber es waren noch andere da, viele andere. Professor Brewster und Dr. Levin waren beide anwesend, zusammen mit so vielen Mitarbeitern, wie in den Raum dahinter passen konnten. Er konnte den Schock auf so vielen ihrer Gesichter sehen und er konnte erraten, warum: sie hatten es nicht gewagt zu glauben, dass dies real war. Sie hatten gedacht, dass nichts dabei rauskommen würde.

Dies jedoch war alles andere als nichts.

Er konnte auch einen anderen Grund für ihren Schock sehen: sie hatten einfach erwartet, dass die Nachrichten weitergingen würden.

Niemand hatte erwartet, dass sie so plötzlich aufhören würden.

KAPITEL ACHT

Kevin saß ziemlich ruhig in Professor Brewsters Büro, während um ihn herum Erwachsene versuchten herauszufinden, was all das bedeutete und was sie als Nächstes tun sollten. Hauptsächlich machten sie das, in dem sie alle durcheinander redeten.

Professor Brewster sah auf einmal überraschend zufrieden aus. „Das war sehr beeindruckend, Kevin. Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Tag erleben würde. Richtiger Kontakt mit einer anderen Zivilisation! Obwohl wir natürlich vorsichtig sein und die alternativen Möglichkeiten bedenken müssen.“

Wie schaffte es Professor Brewster gleichzeitig so aufgeregt und skeptisch zu klingen?

„Du glaubst es noch immer nicht?“, fragte Dr. Levin.

„Wir müssen sehr vorsichtig vorgehen“, sagte Professor Brewster. „Immerhin haben wir die Botschaften nicht direkt gehört, sondern sie nur durch Übersetzungen von einem Jungen bekommen, der an einer degenerativen Krankheit leidet.“

„Sie glauben immer noch, ich denke mir das aus“, sagte Kevin.

„Das habe ich nicht gesagt“, erwiderte Professor Brewster. „Dennoch … direkter Kontakt …“

„Ich glaube nicht, dass es direkter Kontakt war“, sagte Kevin. „Es hat sich … eher wie eine aufgezeichnete Nachricht angefühlt.“

„Wenn überhaupt macht es das noch plausibler“, sagte Professor Brewster. „So ein Signal würde Jahre brauchen, auch wenn es sich mit höchster Geschwindigkeit bewegt. Das Trappist 1 System ist fast vierzig Lichtjahre entfernt.“

Kevin wusste das. Sie hatten ihm das erzählt, ehe die Nachrichten gekommen waren. Phil und er hatten das diskutiert und er war sich nicht sicher, ob es ihm gefiel, dass Professor Brewster das so sagte, als wäre das etwas, das er gerade erst geschlussfolgert hatte.

Außerdem hatte ein Teil von Kevin trotz allem etwas anderes erwartet, etwas Lebendiges.

„Ich glaube nicht, dass ich alles verstanden habe“, sagte er. „Ich denke, da ist noch mehr.“

„Das spielt keine Rolle, Kevin“, sagte seine Mutter. „Das Wichtigste ist, dass du in Sicherheit bist.“

„Und weil du in Sicherheit bist“, fügte Professor Brewster hinzu, „kannst du auch noch mehr herausfinden.“

Die Vision hatte versprochen, dass noch mehr kommen würden. Eine ganze Reihe von Botschaften. Eine Chance, alles zu lernen, was es gab, um eine andere Welt kennenzulernen, und Kevin war der Schlüssel dazu.

Einige der anderen schienen genauso aufgeregt zu sein, wie er sich fühlte.

„Wir müssen das veröffentlichen“, sagte Dr. Levin.

Professor Brewster hielt eine Hand hoch. „Elise, es ist wichtig, dass wir das nicht zu voreilig angehen. Wir haben die ersten Botschaften, aber wir brauchen mehr, bevor wir jemand anderen einbeziehen.“

„Wie viel mehr dennoch?“, fragte Dr. Levin. Kevin ahnte, warum sie so frustriert klang. Sie hatte ihr ganzes Leben damit verbracht, nach Außerirdischen zu suchen. Jetzt hatte sie den Beweis und natürlich wollte sie es veröffentlichen. Sie wollte, dass die Leute es wussten − und Kevin … nun, er war irgendwie ihrer Meinung.

„Warum können wir es den Menschen nicht sagen?“, fragte er. „Warum können wir sie nicht wissen lassen, was wir gefunden haben? Wenn ich da draußen wäre, ich würde wissen wollen, dass unsere Leute außerirdisches Leben gefunden haben.“

„Es ist noch zu früh“, erklärte Professor Brewster. „Wir sollten vollständige Daten haben, ehe wir irgendwas bekannt geben. So können wir –“

„So kann niemand sagen, dass Sie sich das ausgedacht haben?“, riet Kevin.

Zu seiner Überraschung stellte sich seine Mutter auf Professor Brewster Seite. „Vielleicht ist das keine so gute Idee im Moment, Kevin. Wir haben alle gesehen, was du kannst, aber andere Menschen …“

„Du glaubst, sie würden mir nicht glauben?“, fragte Kevin.

Professor Brewster nickte. „Ich glaube, die Menschen werden viele Beweise brauchen, ehe sie so etwas glauben“, sagte er. „Wir müssen behutsam sein und ihnen zeigen, dass dies mehr als nur deine Vorstellung ist und tatsächlich eine Kommunikation mit einer fremden Zivilisation darstellt.“

„Aber ich übersetze es“, sagte Kevin.

„Das sieht so aus“, sagte Professor Brewster. „Wir müssen Muster zwischen dem, was du sagst und den Signalen, die wir erhalten festlegen. In der Zwischenzeit wird uns das viele Probleme ersparen, wenn wir es für uns behalten.“

„Welche Art von Problemen?“, fragte Kevin. Er konnte nicht verstehen, wie so etwas Großartiges ein Problem sein konnte. Die Nachrichten, dass Menschen nicht alleine im Universum waren, hörten sich für ihn unglaublich an. „Wir machen hier viel Forschung, die aus Gründen der nationalen Sicherheit geheim gehalten wird“, erklärte Professor Brewster. „Ich nehme an, dass meine Vorgesetzten dies als einer der Geheimnisse bezeichnen würden.“

„Sie machen sich also Sorgen wegen Ihrer Vorgesetzten?“, fragte Kevin. Es schien kein ausreichend guter Grund, um es den Leuten draußen nicht zu sagen.

„Es stellt sich auch die Frage, wie die Menschen darauf reagieren“, warf Professor Brewster ein. „Die Menschen könnten in Panik verfallen.“

„Das verstehen wir“, sagte Kevins Mutter und legte eine Hand auf Kevins Schulter.

Kevin verstand es jedoch nicht. Er konnte nicht verstehen, wie Menschen bei solchen Neuigkeiten, dass sie nicht alleine im Universum waren, in Panik verfallen konnten. Für ihn schien es so gut wie das Coolste, das man erfahren konnte. Er schaute zu Dr. Levin herüber und erwartet wenigstens von ihr Hilfe. Aber es schien, dass sogar sie vorerst überzeugt war.

„Ich nehme an, wenn wir eine Weile warten“, sagte sie, „könnten wir vielleicht noch mehr Nachrichten empfangen.“

„Sie sagen, ich könnte nur immer Teile der Information erhalten“, sagte Kevin. „Warum sollten sie das tun? Warum senden sie nicht alles auf einmal?“

„Vielleicht mussten sie es so tun“, sagte Dr. Levin. „Vielleicht hatten sie beschränkte Energiereserven oder vielleicht wollten sie die Chancen maximieren, dass ihre Botschaften von jemandem gehört werden.“

„Oder möglicherweise haben sie eine größere Menge an Informationen zu verschicken“, schlug Professor Brewster vor. „Wie Dateien bei einer E-Mail, die man aufteilt, sodass der Empfänger sie nicht in so einer großen Menge herunterladen muss.“

Das ergab alles Sinn, auch wenn Kevin sich nicht sicher war, ob es ihm gefiel, einfach nur als der Empfänger bezeichnet zu werden. Das hörte sich an, als wenn er irgendeine Maschine wäre, anstelle eines Menschen und er nur für das, was er konnte, nützlich war. Seine Mutter oder Luna würden ihn nie so sehen. Wenn Luna hier gewesen wäre, hätte sie gesehen, wie sehr ihn das verletzte.

„Wie dem auch sei“, beeilte Dr. Levin sich zu sagen, „Ich glaube, dass dies schon das Ende ist. Was glaubst du Kevin? Wann glaubst du, dass es noch mehr geben könnte?“

Kevin konnte die Hoffnung in ihrer Stimme hören. Das war die Art von Moment, auf den sie während ihrer ganzen Karriere hingearbeitet hatte. Nach so langem Fragen und vielleicht Hoffen, wer wäre mit nur einer Kommunikation zufrieden? Er würde mehr wollen, wenn er sie wäre. Er wollte mehr. Er wollte alles hören, was die Außerirdischen zu sagen hatten.

Kevin versuchte, nach irgendeinem Hinweis für eine weitere Nachricht zu suchen. Der beständige Puls des Countdowns der Nachrichten war nicht mehr da, aber er hatte immer noch das Gefühl von Erwartung tief in ihm drin, als wenn da noch mehr wäre. Die Außerirdischen hatten das gesagt, nicht wahr?

„Ich glaube schon, dass es mehr gibt“, sagte er. Es war merkwürdig, so viele Erwachsene an seinen Lippen hängen zu sehen, die ihm tatsächlich zuhörten. Er nahm an, dass das nicht viele Dreizehnjährige von sich sagen konnten.

„Dann müssen wir Kevin wieder zurückbringen und ihn weiter die Signale anhören lassen“, sagte Professor Brewster.

„David“, sagte Dr. Levin. „Kevin hat gerade erst die Übersetzung des ersten Signals beendet. Er ist auch sehr krank. Es ist nicht richtig, ihn zu bitten, sich wieder darauf einzulassen, ohne ihm etwas Zeit zur Erholung zu geben.“

„Aber die Information –“, begann Professor Brewster.

„Niemand sorgt sich darum mehr als ich“, sagte Dr. Levin. „Ich bin nicht umsonst Direktorin bei SETI. Aber ich weiß auch, dass man nichts lernt, indem man dreizehnjährige Jungen zu sehr drängt. Gib ihm Zeit, David. Wir können alle Signale aufzeichnen, die in der Zwischenzeit aus diesem Bereich des Weltalls kommen. Das wird uns auch deren Aufzeichnung ermöglichen.“

Zu Kevins Überraschung schien Professor Brewster nachzugeben. Er war sich nicht sicher gewesen, ob der große Wissenschaftler auf Dr. Levin hören würde.

„Okay“, sagte Professor Brewster. „Wir geben Kevin Zeit, sich zu erholen. Es wird uns ermöglichen, den besten Weg herauszufinden, mit dieser Information zu arbeiten. Aber ich erwarte Ergebnisse.“

***

Kevin lauschte und versuchte in der Stille noch etwas mehr zu hören. Um ihn herum konnte er die Wissenschaftler warten sehen, einige hielten ihre Tablets bereits, andere Kameras. Er konnte den Druck spüren, hier für sie zu arbeiten, dies auf Befehl zu tun, wenn die Wahrheit war, dass er nur warten konnte.

Es gab eine Art Rhythmus beim Warten, wenn er mit einem Set tragbarer Kopfhörer, die mit den Radio-Teleskopen verbunden waren, unter ihnen saß. Er konnte spüren, wie der Raum sich vor Erwartung füllte, bevor die Übertragungswellen kamen, das Gefühl eines Pulsierens in seinem Gehirn, das ein Frühwarnsignal einbaute, das die Wissenschaftler dazu brachte, es aufzuzeichnen.

Es kam und Kevin sah hoch.

„Ich glaube, da ist eine Nachricht auf dem Weg“, sagte er.

Das war alles, was es brauchte, um die Wissenschaftler sich eilig vorzubereiten lassen, die meisten bewegten sich schneller als sonst. Dennoch waren sie kaum rechtzeitig zur Stelle, bevor die Worte durchkamen.

„Unsere Zivilisation begann einfach am Rande der Ozeane unseres Planeten“, übersetzte Kevin.

„Wir haben uns über viele Jahrhunderte ausgebreitet und gelernt. Wir haben Häuser gebaut. Wir haben Städte gebaut. Wir haben –“

Die Übertragung wurde unterbrochen, so plötzlich, wie sie begonnen hatte. Kevin wartete einen Moment, falls es noch einmal beginnen sollte, aber das tat es nicht. Das schien der Rhythmus zu sein: kurze Botschaften und lange Pausen, ohne Anzeichen dafür, wann es wieder beginnen würde.

Die Wissenschaftler standen herum und nahmen alles auf, was er ihnen geben konnte, während sie Kevin dazu gebracht hatten aufzuschreiben, was er konnte, nur falls die Eindrücke dort anders waren. Auf Wissenschaftler war eben Verlass, dass sie einen Weg fanden, damit sich so etwas wie Hausaufgaben anfühlt.

Es war nicht einfach und nicht nur, weil einige der Forscher entschlossen zu sein schienen, den ganzen Spaß daran auszusaugen. Das Übersetzen erforderte eine mentale Anstrengung, sodass Kevins Gehirn dabei brummte und er danach nur unsicher stehen konnte. Er hatte nicht erwartet, dass dies körperlich so schwer sein würde. Andererseits hatte er nichts davon erwartet.

„Das ist nicht gut für dich“, sagte Phil, als er sah, wie zittrig Kevin war. „Nimm dir Zeit. Treib es nicht zu weit als unbedingt nötig. Nicht in deinem Zustand.“

Sein Zustand war es, der Kevin dazu brachte alles zu versuchen, was er konnte. Es war schwer darüber nachzudenken, aber wie viel Zeit hatte er noch? Wie viele Nachrichten könnte er empfangen, ehe sein Gehirn sich änderte, sodass er sie nicht mehr verstehen konnte? Was wenn … was, wenn er starb, ehe das hier fertig war? Was wenn er es nicht beenden konnte, ehe sein Körper und sein Geist nachgaben?

Es war aber noch mehr als das. Jedes Mal, wenn er dort saß und übersetzte und über seine Kopfhörer die neuesten Informationen hörte, hatte Kevin das Gefühl, als ob all das etwas bedeuten könnte. Es war eine Erinnerung daran, dass er nicht nur ein dreizehnjähriger Junge war, der an einer Krankheit starb, von der praktisch niemand gehört hatte. Er tat etwas, was niemand sonst in der Geschichte der Welt getan hatte. Wenn all das für etwas war, dann war das eine gute Sache.

„Ich muss einfach weitermachen“, sagte Kevin. „Wir müssen alles davon bekommen.“

Das meiste was Kevin herausfiltern konnte waren Fakten und jedes davon schien die Wissenschaftler um ihn herum mehr aufzuregen. Einige davon, wie die Anwesenheit von sieben Planeten um den Stern oder die ineinandergreifenden Gravitationsbahnen ihrer Monde, waren Dinge, die sie durch die Beobachtung mit dem Teleskop auf der Erde herausgefunden hatten. Andere Informationen, wie die Anwesenheit von so viel Leben stellte sie vor ein Rätsel.

„Wir glauben, dass die Planeten alle rotierend verbunden sind“, sagte einer. „Gibt es Beweise dafür, dass der Tag in die Nacht übergeht? Wenn nicht, dann sollte eine Seite des Planeten glühen, während die andere friert.“

Kevin konnte es ihnen zunächst nicht sagen, bis eine andere Nachricht erklärte, dass sich die Planeten drehten, auf eine Weise, die die Wissenschaftler noch mehr zu begeistern schien.

„Wir müssen alles, was wir darüber wissen, neu durchdenken. Was ist mit der Strahlenbelastung durch die Nähe zum Stern?“

Immer wieder stellten sie Fragen, auf die Kevin die Antworten nicht kannte. Sie schienen nicht zu verstehen, dass er keine Kontrolle darüber hatte, was die Außerirdischen in ihren Nachrichtensendungen schickten. Sie schickten, was sie schickten, Kevin übersetzte es, und die Wissenschaftler mussten versuchen einen Sinn daraus zu finden.

Seltsamerweise war Dr. Levin die einzige Person, die das nicht zu stören schien.

„Es ist einfach erstaunlich, dass sie sich dafür entschieden haben, auf diese Weise zu kommunizieren“, sagte sie. „Sie senden so viele Informationen über sich selbst und versuchen, ein gewisses Verständnis davon zu übermitteln, wer sie sind.“

„Wer sie waren“, korrigierte Kevin sie. Das war eine Sache, bei der die Nachricht klar gewesen war. Die Leute, die sie schickten, waren schon lange weg. Das war sowohl unglaublich traurig aber auch ein wenig cool − zu wissen, dass er die so ziemliche letzte Verbindung zu einer ausgestorbenen Zivilisation war.

Merkwürdig war noch, wie einfach und sachlich das alles war. Kevin hatte irgendwie erwartet mehr über die Kultur oder die Sprachen der Wesen zu lernen, die den Planeten bewohnten, dennoch hatte er nicht genug davon gesehen, um zu verstehen, was sie wirklich waren. Welche der Kreaturen auf der Planetenoberfläche waren sie? Waren sie die Chitin-beschlagenen Kreaturen, die dort herumkrochen, oder die langhalsigen Dinge, die wie schuppige Giraffen aussahen? Kevins Fantasie ließ ihn etwas Menschliches und Vertrautes erwarten, aber bisher hatte er noch keinen Hinweis darauf gehört.

Kevin wünschte sich nur, dass er mehr von diesen Worten mit der Welt teilen könnte. Als er es nicht mehr aushalten konnte, suchte er Dr. Levin auf, weil er vermutete, dass sie sein größter Verbündeter sein würde. Er fand sie in der Kantine mit Phil.

„Ich mache mir Sorgen, dass ich all das sage und es am Ende irgendwo als Geheimnis verwahrt wird“, sagte er.

„Professor Brewster ist einfach nur vorsichtig“, erwiderte Dr. Levin. Für Kevin klang sie, als ob sie versuchte, sich selbst zu überzeugen.

„Was, wenn er so vorsichtig ist, dass niemand von den Außerirdischen erfährt?“, fragte Kevin. Es war eine echte Sorge. Er konnte sich vorstellen, wie der große Wissenschaftler das allzu einfach tat. „Was, wenn meine Mutter nur zustimmt, weil sie nicht will, dass die Menschen mich auslachen?“

„Ich bin mir sicher, das wird nicht passieren“, sagte Dr. Levin. Wieder hörte sie sich nicht überzeugt an.

„Was sagen Sie mir nicht?“, fragte Kevin. Er war sich nicht sicher, ob Dr. Levin das beantworten würde oder nicht.

„David … Professor Brewster … muss sich vor den Leuten innerhalb der Regierung verantworten“, erklärte Dr. Levin. „Einige seiner Fördermittel sind vom Militär. So etwas in der Art … sie wollen es vielleicht geheim halten.“

Kevin konnte sehen, dass sie nicht glücklich darüber war. „Also wird er es den Leuten nie sagen?“

„Sie machen sich wahrscheinlich Sorgen, dass eine Panik ausbricht“, sagte Dr. Levin. Wieder hatte Kevin das Gefühl, dass sie nicht einverstanden war.

„Sie wollen es den Leuten doch bestimmt erzählen“, versuchte Kevin es erneut. „Ihre ganze Organisation will außerirdisches Leben finden.“

Dr. Levin lächelte müde. „Ich kann das nicht“, sagte sie. „Wenn ich das tue, macht es die Dinge noch schwerer für SETI.“

„Professor Brewster würde das nicht auf sich sitzen lassen und einiger seiner Vorgesetzten … na ja sie würden das als Verrat sehen.“

„Auch wenn die Leute ein Recht darauf haben, das zu wissen?“, fragte Kevin.

„Sie würden sagen, dass die Menschen nur ein Recht darauf haben zu wissen, was ihnen gesagt wird“, sagte Dr. Levin.

Kevin schüttelte seinen Kopf. „Das ist nicht richtig. Professor Brewster sollte das nicht tun.“

„Ich werde versuchen mit ihm zu sprechen. In der Zwischenzeit, Phil, warum zeigst du Kevin nicht das Gebäude? Ich bin mir sicher, es muss ziemlich langweilig sein deine ganze Zeit hier oder in deinem Zimmer zu verbringen.“

Das stimmte auf eine Weise, die sogar Schule im Vergleich dazu interessant schien ließ. Kevin war vielleicht nie eines dieser Kinder gewesen, die jeden Tag eine andere Aktivität machten und im Sommer campen gingen, aber er hatte auch nie nur Zeit in einem Zimmer verbracht, in dem er nichts tat, außer als irgendeine Art menschlicher Satellitten-Schüssel für Nachrichten fremder Zivilisationen zu fungieren.

Er war bereits vorher im Gebäude unterwegs gewesen, aber es war gut, ein wenig Zeit mit etwas anderem zu verbringen, als nur das Kind zu sein, das die Nachrichten hörte. Phil ging voran und nutzte seine Zugangskarte. Obwohl er jetzt hier wohnte, hatte Kevin keine. Anscheinend vertrauten sie ihm genug, um Alien-Signale zu empfangen, aber nicht, um überall herumzulaufen, wo er wollte.

„Wir arbeiten daran, Pflanzen herzustellen, die in extremer Umgebung überleben können“, sagte Phil und zeigte auf ein Zimmer, das voll mit Tomatenpflanzen war. „Vielleicht, wenn all das hier dazu führt, dass Menschen und Außerirdische sich treffen, dann können wir ihnen eine nette Pflanze anbieten, die sie mit nach Hause nehmen können.“

Kevin lächelte bei diesem Gedanken. „Die Außerirdischen sind tot, schon vergessen? Sie sagten, dass ihr Planet zerstört wurde.“

„Aber jemand muss das Signal gesendet haben“, sagte Phil. „Also müssen sie überlebt haben, um es zu tun.“

„Ich denke schon“, sagte Kevin, aber dennoch war er nicht hoffnungslos. Was wäre, wenn sie nur lange genug überlebt hätten, um ihre Nachrichten zu versenden? Was wäre, wenn sie noch ein paar Jahre gelebt hätten, nur um in einer fernen Welt zu sterben? Der Kontakt mit den Außerirdischen fühlte sich auf lange Sicht fast so verhängnisvoll an wie alles andere in seinem Leben.

„Und dieser Aufzug führt hinunter in den Bunker“, sagte Phil und zeigte auf ein paar Türen.

„Ein Bunker?“, sagte Kevin. „Wie ein Nuklear-Bunker?“

„Nuklear, chemisch, biologisch“, sagte Phil. „Der Gedanke ist, einen in der Nähe zu haben, falls es irgendeine Art Krieg oder Angriff oder so etwas gibt. Es gibt überall Bunker und sie geben einigen Führungskräften Schlüssel um die ‚Besten und Klügsten‘ zu retten, wenn es so aussieht, als würde die Welt untergehen.“ Er schien nicht besonders glücklich über den Gedanken. Vielleicht vermutete er, dass er nicht auf der Liste stehen würde.

„Diese Bunker gibt es also überall?“, fragte Kevin.

Phil nickte und zog sein Handy heraus. „Es gibt eine ganze Karte davon“, sagte er. „Obwohl Professor Brewster nicht weiß, dass ich das hier habe.“

Er zeigte Kevin die Karte, die mit roten kleinen Punkten bedeckt war. Es gab einen direkt unter ihnen und ein weiterer versteckter im Osten im State Park unter Mount Diablo.

„Das scheint ein merkwürdiger Ort für einen Bunker“, sagte Kevin.

„Er liegt weit außerhalb der Stadt“, antwortete Phil. „Es bedeutet, dass es wahrscheinlicher ist, einen Angriff zu überleben. Außerdem spricht niemand darüber, aber sie haben da oben Militärtests gemacht.“

Es schien wie die Art von Geheimnis, das Kevin nicht kennen sollte, aber dann nahm er an, dass Aliens die Art von Geheimnis waren, das er eigentlich auch nicht kennen sollte.

„Ich nehme an, ich würde es gar nicht in einen der Bunker schaffen“, sagte Kevin. Er konnte seinen Ärger nicht verstecken.

„Immer noch wütend, dass der Professor entschieden hat, dass du ein Geheimnis hier bist?“, fragte Phil.

Kevin wollte nein sagen, das sagen, was er sagen sollte, aber in Wahrheit war er wirklich wütend.

„Er kann das nicht machen“, beschwerte Kevin sich. „Die Außerirdischen senden eine Botschaft an die ganze Welt. Sollte nicht jeder es hören können?“

Phil zuckte die Achseln. „Das Problem ist, dass er es kann. Besonders, wenn seine Vorgesetzten alles, was du machst, für militärische Anwendungen behalten wollen. Dies ist eine Einrichtung, die vertrauliche Forschung betreibt und über eine hohe Sicherheit verfügt. Leute fernzuhalten ist einfach. Geheimnisse dagegen …“

„Was meinst du?“, fragte Kevin.

Der Forscher deutete darauf hin, dass er ihm folgen sollte und führte ihn zu einem breiten Fenster in der Nähe des Vordereingangs des Gebäudes, mit Blick auf das vordere Grundstück der Forschungseinrichtung. Hinter dem Zaun, wo der öffentliche Teil der NASA-Anlage stand, konnte Kevin eine große Menschenmenge sehen, die alle auf das Gebäude blickten. Einige von ihnen hatten Kameras.

„Wer sind die?“, fragte Kevin.

„Jemand muss verraten haben, dass wir an etwas arbeiten, das mit Außerirdischen zu tun hat“, erklärte Phil in einem Ton, der suggerierte, dass er wusste, wer derjenige war. „Wahrscheinlich ein Wissenschaftler, der beschlossen hat, dass man solche Dinge nicht geheim halten sollte.“

„Oder du“, schlug Kevin vor, weil er nie wirklich verstanden hatte, warum Erwachsene immer durch die Blume reden mussten.

„Es hätte auch deine Mutter sein können“, wies Phil ihn darauf hin, „und Dr. Levin würde liebend gerne der Öffentlichkeit sagen, das außerirdische Leben real ist. Ich meine, das ist ihr Job. Oder –“

„Aber sie waren es nicht“, sagte Kevin. „Du warst es, oder?“

„Shh“, sagte Phil. „Willst du, dass mich das meinen Job kostet? Nun, mir fällt ein, dass, wenn du da hinausgehen und mit diesen Leuten reden würdest, der alte Brewster nicht in der Lage wäre, dich einzusperren. Ich meine, nur hypothetisch, verstehst du.“

Kevin schaute zu den Türen. Sie waren solide, mit einem elektronischen Schloss, für das er keine Karte hatte. Sie schienen eine unmögliche Barriere zu sein. Sogar das Glas neben ihnen war verstärkt.

„Ich kann nicht hinausgehen“, sagte er.

„Warum solltest du nach draußen gehen?“, antwortete Phil mit dem Gesichtsausdruck eines schlecht gespielten Schocks. „Ich spreche nur hypothetisch. Ich hoffe, du verstehst, dass ich, wenn ich etwas tun würde, um dir zu helfen, Kevin, in große Schwierigkeiten geraten könnte.“

„Ich … ich glaube, ich verstehe“, antwortete Kevin mit einem leichten Zögern, weil er sich nicht sicher war, ob er es wirklich verstand. Ehrlich, warum sagten Menschen nicht einfach, was sie meinten?

„Oh“, sagte Phil, „da fällt mir gerade ein, ich sollte helfen, ein Sicherheitsproblem mit den Kameras an der Vordertür zu beheben.“

„Was für ein Sicherheitsproblem?“, fragte Kevin zögernd.

„Dasjenige, welches in zwei Minuten passieren wird. Jemand wird entscheiden, dass es eine gute Idee ist, einen der erfahrenen AIs mit ihnen Schach spielen zu lassen. Kannst du mir einen Gefallen tun, Kevin?“

Kevin schaute ihn an. „Welchen?“

Phil nahm etwas heraus, das wie eine Schlüsselkarte aussah. „Professor Brewster hat diese fallen lassen. Würdest du sie ihm die zurückgeben, wenn du ihn siehst? Ich bin mir sicher, er wird schon bald Antworten von dir verlangen.“

Kevin nahm sie entgegen. „Das werde ich“, sagte er. „Und Phil … danke.“

„Wofür?“, fragte der Forscher. „Ich habe nichts getan. Es ist wichtig, dass du dich daran erinnerst.“

„Das werde ich“, versprach Kevin.

Als Phil wegging, zwang Kevin sich zu warten, er zählte die Sekunden. Er sah die Lichter der Kameras an der Tür dunkel werden und zog schnell die Karte durch die Tür.

Er ging hinaus und fühlte sich ein wenig merkwürdig, das erste Mal seit Tagen wieder an der frischen Luft zu sein. Die Luft in dem Gebäude war so unberührt, so sorgfältig gefiltert, dass es sich schon fast abgestanden zu dieser hier anfühlte. Es fühlte sich auch ein wenig komisch an herumzulaufen, überhaupt zu laufen, da er so viel Zeit im Sitzen oder Liegen verbracht und nichts getan hatte, als den Inhalt dieses goldenen Informationsfadens weiterzugeben. Er lief weiter, dann rannte er, als er ein Rufen hinter sich hörte. Er schaute kurz zurück und sah einen Wachmann, der unsicher aussah, was er als Nächstes tun sollte und in ein Funkgerät sprach.

Kevin lief weiter zum Zaun, nicht sicher, wie viel Zeit er noch hatte.

Professor Brewster war jetzt irgendwo hinter ihm, schrie, er solle zurückkommen. Kevin lächelte. Das würde es nur noch wahrscheinlicher machen, dass die Menschen glauben würden, was er als Nächstes tun würde. Es hieß, dass Menschen zuhören würden.

Er rannte zum Zaun und hielt an, schaute die Menschen dort an und schaute auf die Kameras. Einige waren von der lokalen Nachrichtenstation. Zumindest ein paar schienen von einem nationalen Sender zu sein. Kevin schluckte nervös. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

„Ähm … hi, ich bin Kevin. Sie haben wahrscheinlich schon von den Gerüchten gehört, was hier los ist? Na ja, sie sind wahr.“

KAPITEL NEUN

Kevin saß im Büro von Professor Brewster und hatte das Gefühl, dass der Wissenschaftler ihn gerne anschreien würde, wenn er nur genug Zeit hätte. Er sah wirklich wütend genug aus, um es zu tun. Ehrlich gesagt, sah er gerade so wütend aus, als würde er gleich explodieren. Er hatte jedoch nicht genug Zeit, weil er zu beschäftigt war, Telefonate zu beantworten und versuchte, zwischendurch mit Kevin und Dr. Levin zu sprechen.

„Ja, Sir. Ja, ich bin sicher, das ist es. Ja, es stimmt, dass der Junge … ja, ja, ja, ja, natürlich. Aber Sir, es ist unser Projekt und … ja, Sir, natürlich bin ich mir der Auswirkungen bewusst." Er legte den Hörer weg. "Das war der Direktor der NASA. Kannst du verstehen, wie schwierig das ist, Kevin? Wie kompliziert das ist mit dem …“

Als es wieder klingelte, nahm er den Hörer erneut ab.

„Hallo? Wer? Nein, es tut mir leid. Nein, nein, ich akzeptiere nicht, dass der Junge zu seiner eigenen Sicherheit in FBI-Gewahrsam genommen wird.“

Er legte den Hörer auf.

„Das ist erst der Anfang“, sagte er. Er schaute zu Kevin. „Verstehst du Kevin, das ist ein Teil des Grundes, warum ich das geheim halten wollte, weil ich wusste, wie die Menschen darauf reagieren würden. Die Nachricht vom außerirdischen Leben ist eine große Sache für dieses Land, für die Welt. Ich wollte dich vor all den verschiedenen Leuten schützen, die versuchen würden, deiner habhaft zu werden.“

Kevin starrte den älteren Mann an. Er hatte nicht gedacht, dass Professor Brewster sich für viel mehr interessierte als für den Erfolg seines Instituts. Es war seltsam zu denken, dass er versucht haben könnte, auf ihn aufzupassen. Erwachsene, entschied er, waren viel zu kompliziert.

Das Telefon klingelte erneut.

„Die CIA? Aber wir sind auf amerikanisch … ja, ich akzeptiere, dass der Weltraum jenseits der amerikanischen Grenzen liegt, aber …“

Während er damit beschäftigt war, mit seinem Gesprächspartner darüber zu diskutieren, legte Dr. Levin eine Hand auf seine Schulter.

„Wie wäre es, wenn wir dich zurück in dein Zimmer bringen, Kevin?“, schlug sie vor. „Ich bin mir sicher, dass sie sich noch eine Weile streiten werden.“

Kevin nickte und ging aus dem Zimmer. Er war sich nicht sicher, ob Professor Brewster das bemerkte, er war so beschäftigt mit dem Telefonieren. Kurz gesagt, fragte er sich, was passieren würde, wenn er einfach wieder aus der Anlage herauskäme und weiterlaufen würde, ohne zurückzukommen. Würde der Wissenschaftler etwas tun, um ihn aufzuhalten? Wäre er selbst in der Lage dazu?

Ein Blick aus dem Fenster deutete darauf hin, dass das nicht einfach sein würde. Wieder war die Menge der Reporter angewachsen, die hinein wollen, und die Sicherheitsmaßnahmen vor Ort reichten kaum aus, um sie zurückzuhalten. Es sah jedoch so aus, als ob diese Maßnahmen verstärkt werden würde, denn Militärfahrzeuge rollten heran und stellten sich rund um die Anlage auf, bewaffnete Männer sprangen heraus.

„All das, weil ich über Außerirdische im Fernsehen gesprochen habe?“, fragte Kevin. Es schien viel, wenn man bedachte, wie viele Menschen das taten.

„All das, weil wir ihnen die Existenz außerirdischen Lebens nachgewiesen haben“, korrigierte Dr. Levin ihn und Kevin nahm an, dass weitaus weniger Menschen das getan hatten. „Es wird noch viel mehr kommen.“

„Wie viel mehr noch?“, fragte Kevin. Er war sich nicht sicher, ob ihm der Gedanke gefiel von ihnen umgeben zu sein, nur weil er etwas gesagt hatte.

„Komm mit“. Sie ging zu einem der Aufenthaltsräume. Das Fernsehen lief, Wissenschaftler starrten auf den Nachrichtenkanal.

„Der Junge, identifiziert als Kevin McKenzie aus Walnut Creek, Kalifornien, behauptet in Kontakt mit einer außerirdischen Quelle an Informationen zu sein und gab umfangreiche Details über das Trappist 1 Planetary System bekannt, von dem viele Experten glauben, dass –“

Dr. Levin wechselte den Kanal und dort gab es ein Interview mit einem wild dreinblickenden Mann in einem dreckigen T-Shirt einer Band, die Kevin nicht kannte.

„Das ist alles eine Lüge“, sagte er. „Es ist eine Ablenkung. Die Regierung will, dass wir uns das ansehen, damit wir nicht die Wahrheit sehen! Es ist eine Ausrede, damit, wenn sie anfangen, das Trinkwasser zu betäuben, alles normal erscheint!“

Dr. Levin änderte den Kanal erneut. Jetzt war da ein Pastor auf dem Bildschirm zu sehen, der vor einer großen Gemeinde sprach.

„Es ist klar, dass das, was der Junge tatsächlich hört, die Stimme Gottes ist, die uns auf die Entrückung vorbereitet! Wir müssen …“

Sie machte den Fernseher aus und ignorierte den Protest der Wissenschaftler dabei.

„Das reicht“, sagte sie. „Ihr habt alle Arbeit zu erledigen und es wird jetzt schon kompliziert genug sein, ohne auf den ganzen Müll zu hören. Ihr kennt die Wahrheit. Ihr habt es gesehen. Geht wieder an die Arbeit.“

Zu Kevins Überraschung taten sie das, auch wenn Dr. Levin nicht ihre Vorgesetzte war. Vielleicht hatten sie einfach auf jemanden gewartet, der ihnen sagte, was sie tun sollten. Er wusste, dass er darauf wartete. Er verstand vielleicht die Nachrichten von Außerirdischen, aber er war sich nicht sicher, ob er wirklich verstand, was das alles hier bedeutete.

„Die Dinge werden komplizierter“, sagte Dr. Levin. „Es wird Leute geben, die versuchen werden, das, was du sagst, zu verdrehen und es für ihre eigenen Zwecke zu benutzen.“

„Also, was soll ich tun?“, fragte Kevin.

Sie zuckte mit den Schultern. „Beschreibe einfach immer wieder die Dinge, genauso, wie du sie siehst. Du bist das Herzstück von etwas Großem, aber du musst die Wahrheit sagen, dein Bestes tun. Das ist alles, was jeder von uns im Moment tun kann.“

Kevin nickte, aber er zweifelte, dass es einfach sein würde. Zumindest ein Grund, warum es nicht einfach sein würde, war seine eigene Mutter und die stand ihm jetzt vor dem Aufenthaltsraum gegenüber. Er merkte, dass er Angst hatte. Was würde sie sagen? Er wusste, sie war genauso dafür gewesen, das Geheimnis zu bewahren, genauso wie Professor Brewster − und doch hatte er den Leuten alles erzählt.

Sie kam auf ihn zu, um ihn zu umarmen. „Kevin, geht es dir gut? Ich dachte, sie würden dich zurück in dein Zimmer bringen, und dann ging ich zu Professor Brewsters Büro und er telefonierte mit dem Papst, und …“

„Es geht mir gut, Mama“, versicherte Kevin ihr. Im Moment hätte er das auch gesagt, wenn es nicht stimmte, nur um den besorgten Blick auf ihrem Gesicht verschwinden zu lassen.

„Es gibt jetzt so viele Leute da draußen“, sagte sie. „Kevin, wir haben nur versucht, deine Sicherheit zu gewährleisten."

Kevin schüttelte seinen Kopf. Es war wichtig, dass die Leute wissen, was passiert. Es spielte keine Rolle, ob er in Sicherheit war. „Ich musste es ihnen sagen.“

„Und ich glaube, jetzt werden die da draußen verrückt, wenn ihnen niemand mehr erzählt“, antwortete seine Mutter.

Dr. Levin legte ihren Kopf schief, dann schaute sie auf die Menge hinter dem Gebäude.

„Deine Mutter hat recht, Kevin. Jemand muss den Leuten das alles erklären."

„Woran denken Sie?“, fragte Kevin.

„Ich denke, wir müssen eine Pressekonferenz organisieren.“

***

„Wir müssen vorsichtig dabei sein“, sagte Professor Brewster, als er, Kevin und Dr. Levin in einen der Konferenzräume des Instituts traten. „Ich stimme dem nur zu, weil die Alternative darin besteht, dass die Leute erfinden, was sie wollen, und nicht die Wahrheit sagen.“

Kevin vermutete, dass ihm die Idee, dass Leute versuchen, sich in sein Forschungszentrum zu drängen, um die Wahrheit zu erfahren, auch nicht gefiel.

„Wir sagen ihnen also die Wahrheit“, sagte Kevin.

Zu seiner Überraschung schüttelte Professor Brewster den Kopf. „Im Idealfall, Kevin, denke ich, ist es das Beste, wenn du so wenig wie möglich sagst. Wir müssen die Erwartungen der Menschen an all das und was es für sie bedeuten könnte, managen.“

„Aber es gibt Aliens“, sagte Kevin.

„Und das wird vielen Menschen Angst machen“, erklärte Professor Brewster. „Wir müssen vorsichtig sein. Vertrau mir, ich war schon bei vielen Bekanntgebungen von wissenschaftlichen Entdeckungen dabei. Es ist wichtig, die Nachricht sorgsam zu überbringen, sodass die Menschen die potenziellen Auswirkungen von all dem verstehen können.“

Er ging zu einer kleinen Plattform, wo einige der Forscher einen kleinen Tisch aufgestellt hatten. Kevin saß in der Mitte, mit den beiden Erwachsenen an seiner Seite. Vor ihm schien ein ganzes Meer an Menschen zu stehen, einige davon mit Kameras. Sie begannen Fragen zu rufen, sobald Kevin und die anderen sich hingesetzt hatten.

„Professor Brewster, haben Sie bereits Beweis für außerirdisches Leben gefunden?“

„Können wir erwarten, in der nahen Zukunft von Aliens besucht zu werden?“

„Ist das alles eine Art Witz?“

„Wer ist der Junge?“

Kevin gab sich Mühe, einfach ruhig zu sitzen, während Professor Brewster sich nach vorne lehnte und begann, die Fragen zu beantworten, wobei er übereifrig aussah.

„Also, das sind alles umfangreiche Fragen“, begann der Institutsdirektor und Kevin konnte sehen, wie das ablaufen würde.

Anscheinend konnte Dr. Levin das auch. „Ja“, sagte sie. „Es gibt außerirdisches Leben. Nein, das ist kein Witz und viele von Ihnen haben Kevin bereits kennengelernt. Was ich von den Nachrichten bisher gesehen habe, hat die Hälfte von ihnen bereits begonnen, sich durch sein Leben zu wühlen. Dafür gibt es wirklich keinen Grund. Wir versuchen nicht, irgendwas zu verstecken. Um das zu beweisen, werden wir hier regelmäßig Pressekonferenzen abhalten und erklären, was wir herausgefunden haben.“

Professor Brewster sah aus, als hätte er etwas Unangenehmes verschluckt, aber die Fragen kamen schon wieder.

„Aber hat dieser Junge, hat Kevin wirklich mit einer außerirdischen Zivilisation kommuniziert?“, rief ein Reporter. „Er hat mit ihnen gesprochen?“

Als Dr. Levin ihn ansah, stand Kevin auf und versuchte nicht so nervös auszusehen, wie er sich fühlte.

„Ich spreche nicht mit Aliens“, sagte er. „Ich hatte … einige Visionen, nehme ich an … und ich kann ihre Signale übersetzen, wenn ich sie höre. Das ist alles.“

„Das ist alles?“, wiederholte ein Reporter mit einem Lachen. „Das hört sich nach einer Menge an. Werden wir diese Signale zu hören bekommen?“

„Ich bin mir nicht sicher, ob die jemand verstehen würde“, sagte Kevin. Obwohl, was, wenn das jemand tat? Was, wenn es jemanden da draußen gab, der wie er war? Wäre das gut oder schlecht? Kevin wusste das in dem Moment nicht.

„Aber wir haben dich zum Übersetzen, oder?“, rief ein weiterer Reporter. „Hat die Öffentlichkeit nicht das Recht, diese Nachrichten zu hören?“

„Das tun sie“, sagte Dr. Levin, und wieder hatte Kevin den Eindruck, dass sie sich zu Wort gemeldet hatte, bevor Professor Brewster etwas sagen konnte. „Deshalb werden wir von nun an regelmäßig Pressekonferenzen abhalten, bei denen Kevin versuchen wird, die Signale zu entschlüsseln, die wir aus diesem Bereich des Weltalls aufgenommen haben.“

Professor Brewster stand auf. Er hatte ein Lächeln aufgesetzt, das aussah, als würde es jeden Moment zusammenbrechen. „Okay, Leute. Ich denke, wir sollten Kevin nicht zu sehr ermüden. Das reicht für heute.“

***

Dieses Mal hatte Professor Brewster mehr Zeit zum Schreien.

„Du hast mich auflaufen lassen, Elise!“, rief Professor Brewster. „Regelmäßige Pressekonferenzen?“

„Komm schon, David", sagte Dr. Levin. „Du weißt, dass es das Richtige ist, und auf diese Weise kannst du alles unter Kontrolle behalten, anstatt Leute zu haben, die versuchen, einzubrechen, um Informationen zu erhalten. Du bist Wissenschaftler. Du versucht nicht, Dinge zu verbergen.“

„Ich glaube auch nicht an Finanzierungskürzung, weil jemand im Kongress denkt, dass ich etwas verschenke, an dem wir festhalten sollten“, sagte Professor Brewster, und Kevin konnte etwas von der Sorge unter der Wut hören.

Kevin fragte sich, wie es sein muss, den Job von Professor Brewster zu haben. Vermutlich wollte er Wissenschaftler werden, als er in Kevins Alter war, hatte Dinge entdecken wollen. Nun schien es, als ob er seine Zeit hauptsächlich damit verbrachte, Dinge zu organisieren und sich um Geld zu sorgen. Es klang wie die Art von Sache, die jemand tun musste, wenn er ein Manager oder so etwas war, nicht ein Wissenschaftler. Es war nichts, was Kevin hätte tun wollen.

„Wir haben sie jetzt angekündigt“, sagte Dr. Levin.

„Du hast sie angekündigt“, sagte Professor Brewster. „Wir können immer noch …“

Er wurde durch einen Anruf unterbrochen und etwas in seinem Gesichtsausdruck, sagte ihm, dass dieser anders war als die Anrufe, die er bisher wegen der Sache erhalten hatte.

„Hallo? Ja, das ist er … es tut mir leid, habe ich dich richtig verstanden? … Ja, sofort.“ Er sah aschfahl aus, als er das Telefon auflegte. „Wir müssen sofort in die Lobby gehen.“

„Warum?“, fragte Kevin.

„Weil sie sagen, dass der Präsident hier ist.“

Kevin hätte vielleicht gefragt, ob er Witze macht, aber ein Blick auf Professor Brewsters Gesicht machte klar, dass dem nicht so war. Bei dem Gedanken daran zog sich Kevins Herz in seiner Brust zusammen. Der Präsident kam hier her, um ihn zu sehen? Irgendwie schien sogar die Anwesenheit von Außerirdischen möglicher als das. Kevin fragte sich plötzlich, ob er das Richtige getan hatte und er wurde nervös. Es schien irgendwie nicht richtig, dass er den Präsidenten traf.

Er folgte Professor Brewster und Dr. Levin in die Lobby des Forschungsinstituts und musste sich beeilen, um Schritt zu halten. Es war offensichtlich, dass sie den Präsidenten nicht warten lassen wollten. Als sie näherkamen, blickte Kevin aus den Fenstern des Gebäudes und sah dort eine lange Autokolonne voller Fahrzeuge mit verdunkelten Scheiben.

Als sie die Lobby erreichten, befand sich der Präsident bereits im Gebäude − und er war nicht der Einzige. Geheimdienstagenten in dunklen Anzügen hatten sich so verteilt, als ob sie jeden Moment mit einer Bedrohung rechneten. Berater und Assistenten folgten ihm in einer Gruppe, einige von ihnen sahen ein wenig überrascht aus, dass sie da waren. Kevin sah auch andere Menschen mit Abzeichen, die sie als Angehörige vom Militär, der NASA, vom FBI und anderen Organisationen auszeichneten. Es schien, dass niemand die Gelegenheit verpassen wollte, ein Teil hiervon zu sein.

Der Präsident kam bei ihrer Ankunft zu ihnen hinüber, nahm Professor Brewsters Hand und richtete seine Aufmerksamkeit dann auf Kevin. Kevin schluckte nervös, als der ältere Mann ihn anstarrte.

„Das ist also der Junge?“, sagte der Präsident und sah an Kevin auf und ab, als ob er viel mehr erwartet hätte.

„Ja, Sir“, sagte Professor Brewster und hörte sich positiv respektvoll an. „Das ist Kevin.“

„Kevin? Alles klar, Kevin, du weißt, wer ich bin?“

„Sie sind der Präsident“, antwortete Kevin. In seinem Inneren wiederholte eine Stimme immer wieder die Wörter, du sprichst mit dem Präsidenten. Er tat sein Bestes, um sie zu ignorieren, denn wenn er zu viel zuhörte, vermutete er, dass er vielleicht nicht in der Lage war, etwas zu sagen.

„Guter Junge. Also jetzt sag mal ehrlich, kannst du mit Außerirdischen sprechen?“

„Nein, Sir“, antwortete Kevin.

„Ha, ich wusste es!“, erwiderte der Präsident. „Ich habe ihnen in der Sondersitzung zur Lage der Nation gesagt, dass –“

„Ich kann nicht mit ihnen sprechen, aber ich erhalte Nachrichten von ihnen“, fuhr Kevin fort. „Sie schicken Informationen über sich selbst und ihren Planeten und ich sie übersetzen.“

Der Ausdruck des Präsidenten veränderte sich, als wenn er nicht recht wusste, was er darauf sagen sollte. Kevin hatte sich inzwischen an diesen ungläubigen Gesichtsausdruck von Menschen gewöhnt.

„Okay“, sagte der Präsident und wackelte mit einem Finger. „Erinnere dich daran, dass diese Informationen uns Amerikanern gegeben wurde. Sie waren offensichtlich für uns, als die fortschrittlichste Nation der Welt, bestimmt.“

„Sir“, sagte Professor Brewster, „das Signal hat die ganze Welt getroffen. Kevin ist nur der Einzige, der es übersetzen kann. Sie sollten sich bewusst sein, dass wir Pressekonferenzen zugestimmt haben, sodass wir nicht beschuldigt werden können, Informationen zurückzuhalten.“

Kevin war überrascht zu sehen, dass der Mann sich dafür aussprach, die Informationen so zu teilen. Er sprach sich für ihn aus. Ein Berater kam zum Präsidenten und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

„Nun“, sagte der Präsident, „vielleicht ist das eine gute Sache. Andere Länder werden sehen, dass wir das teilen und wissen, dass sie es ohne uns nicht bekommen hätten.“

„Ja, Sir“, sagte Professor Brewster.

„Aber jetzt würde ich gerne eine Demonstration sehen. Kevin, kannst du mir zeigen, wie du das machst?“

Kevin sah die anderen an, die nickten. „Wir können das nur machen, wenn es ein neues Signal gibt“, sagte er. Aber schon, als er es sagte, konnte er den Druck in seinem Schädel spüren, der einem Signal vorausging. Ein Alarm ertönte und sie eilten in Richtung des Raumes, indem er übersetzte, saß und wartete. Kevin saß dort, während der Präsident und seine Berater herumstanden und aussahen, als wüssten sie nicht, was los war.

Worte filterten sich in sein Gedächtnis, die Übersetzung kam automatisch.

Unsere Welt wurde zerstört. Die Worte klangen flach, ohne Emotionen. Wir mussten fliehen. Nur wenige überlebten.

Kevin wiederholte die Wörter und er konnte sehen, wie sich die Miene des Präsidenten veränderte, zuerst zu überrascht und dann zu verwundert.

Wir versteckten alles, was wir waren, sagte die Stimme, und Kevin wiederholte es, so viel von uns selbst wie möglich, bevor das Feuer kam. Botschaften wurden verschickt, damit man von uns erfährt. Wir schickten Kapseln in alle Richtungen, zu allen bewohnten Welten.

Kevin versuchte sich das vorzustellen, Raumschiffe, die in jede Richtung geschickt worden waren und versuchten, einen sicheren Ort zu finden. Wie viel Mühe hatte diese Organisation gekostet? Wie konnte sie es organisieren, im Angesicht der drohenden Katastrophe?

Jede Kapsel enthält Aufzeichnungen unserer Geschichte, fuhr die Stimme fort.

Die Koordinaten werden auf diesem Weg geschickt, sagte die Stimme, aber das Siegel an den Kapseln wird fest sein, um uns zu schützen. Ihr müsst sie finden. Ihr müsst bereit sein, uns zu empfangen …

Kevin keuchte vor Bemühungen beim Übersetzen, die Welt um ihn herum kam wieder in seinen zentralen Mittelpunkt, als er aufhörte. Er konnte sehen, wie der Präsident ihn anstarrte, dann schaute er zu Professor Brewster.

„Was bedeutet das alles?“, fragte er. „Was versuchen sie uns zu sagen?“

Kevin konnte das beantworten.

„Ich glaube …“, sagte Kevin. „Ich glaube, die Aliens kommen hier her.“

Der Präsident starrte ihn an. Die anderen ebenso. Dann brach das Chaos herein, da ein Dutzend Leute versuchten, alle gleichzeitig zu reden. Der Präsident übertönte sie alle.

„Das reicht“, sagte er und machte eine Geste, damit sich alle beruhigten. „Ich kenne alle Ihre Sorgen. Professor Brewster, es gibt Menschen in meinem Team, die der Meinung sind, dass Kevin in ihrem Gebäude nicht sicher ist; dass er anfällig dafür ist, von unseren Feinden geschnappt oder angegriffen zu werden. Sie wollen ihn an einen sicheren Ort bringen.“

„Sie meinen, Sie wollen mich in irgendeiner Art Bunker verstecken“, sagte Kevin. Er schüttelte seinen Kopf. „Das will ich nicht.“

„Manchmal geht es nicht darum, was der Einzelne will, mein Sohn“, sagte der Präsident. „Es geht darum, was gut für das Land ist.“

„Bei allem Respekt, Mr. Präsident“, sagte Professor Brewster. „Kevins Wünsche bei der Angelegenheit sollten beachtet werden. Er hat kein Verbrechen begangen, es wäre also falsch, sogar illegal, ihn wegzusperren. Dies ist eine sichere Einrichtung und wenn die anderen hier zu dieser Sicherheit beitragen wollen, wäre das sehr hilfreich. Aber das sollten sie hier tun, wo es das technologische Know-how gibt, um zu untersuchen, was passiert.“

Kevin war überrascht, dass Professor Brewster so für ihn eintrat, auch wenn er wusste, dass es zum Teil daran lag, dass er nicht riskieren wollte, die Chance zu verlieren, Teil all dessen zu sein. Es schien, dass auch der Präsident ein wenig überrascht war, das zu hören.

„Das ist ein sehr … bedeutsamer Punkt, Professor“, erwiderte er. „Sehr gut, der Junge wird hierbleiben. Wir versorgen Ihre Einrichtung mit allem, was sie braucht, aber Sie stimmen sich mit meinem Büro ab. Ich möchte, dass Sie den Ernst der Lage verstehen.“

„Ja, Sir“, sagte Professor Brewster. „Danke, Mr. Präsident.“

Kevin war sich nicht ganz sicher, wozu der Professor gerade seine Zustimmung gegeben hatte. Es klang, als hätte er soeben einen Großteil der Kontrolle über das Projekt abgegeben.

„Ich will, dass du den Ernst der Lage verstehst, Kevin“, sagte der Präsident. „Ehe ich hierhergekommen bin, dachte ich, dass das alles Unsinn ist, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.“

„Es ist wahr“, sagte Kevin.

„Die Wahrheit ist, dass es keine Rolle spielt“, sagte der Präsident. „Nicht im Moment. Uns liegen Berichte vor, wonach Russland und China ihre Streitkräfte mobilisieren und in militärischen Übungen den Angriffsfall simulieren. Auf den Philippinen gab es Unruhen, weil die Menschen denken, dass dies das Ende der Welt bedeutet. Wir müssen bei all dem sehr vorsichtig sein, Kevin. Ich werde zulassen, dass die Dinge vorerst weitergehen, aber es werden Leute hier sein, die zusehen, was passiert.“

Das war Kevin egal. Was wichtig war, war, dass sie weiter machen konnten. Die Außerirdischen schickten etwas zur Erde und was auch immer es war, Kevin war entschlossen, es zu finden.

KAPITEL ZEHN

Kevin saß in seinem Zimmer und hörte nichts. Es gab Signale, die von den Wissenschaftlern durch ihre Langstreckenausrüstung aufgezeichnet wurden, aber keines dieser Signale wurde in seinem Kopf zu Worten. Keines von ihnen schien eine Bedeutung zu haben.

Kevin begann sich darüber Sorgen zu machen und es schien, dass er nicht der Einzige war.

„Warum hörst du nichts Kevin?“, fragte Professor Brewster. Er und Dr. Levin standen dort und schauten zu und warteten auf das, was als Nächstes kommen würde.

Kevin hatte keine Antwort. „Ich weiß nicht. Vielleicht gibt es dort nichts zu hören.“

„Du musst es versuchen, Kevin“, sagte Professor Brewster, mit einem missbilligenden Blick, als ob die Lösung dafür darin lag, einfach mehr zu tun oder die Schwierigkeit des Kontakts zu überwinden.

„David“, sagte Dr. Levin. „Setz Kevin nicht unter Druck. Siehst du nicht, dass er kränker wird?“

Kevin wusste, dass dieser Teil stimmte. Er hatte ein kleines Zittern in seiner linken Hand entdeckt, das aufhörte, wenn er sich konzentrierte, aber schnell wieder begann, wenn er gestresst war. Das bedeutete: die meiste Zeit im Forschungsinstitut.

„Dann müssen wir ihm mehr medizinische Hilfe verschaffen“, erklärte Professor Brewster. „Kevin, du musst verstehen, ich habe Regierungsabteilungen, von denen ich kaum je etwas gehört habe und die mich anrufen, um herauszufinden, was los ist. Vorhin hat ein Vier-Sterne-General angerufen, der wissen wollte, ob es irgendwelche potenziellen militärischen Anwendungen ob dieser Information gibt. Da der Präsident wissen will, was los ist, ist dies kein guter Zeitpunkt für uns, um nichts sagen zu können.“

„Ich kann keine Dinge übersetzen, die nicht da sind“, erwiderte Kevin. Was wollten sie, was er tat? Sich etwas ausdenken? Vielleicht dachten sie immer noch, dass er das tat, trotz allem. Kevin hasste diesen Gedanken.

„Vielleicht brauchst du einfach nur eine Pause“, sagte Dr. Levin. „Mache einen Spaziergang durch das Institut und versuche dich ein wenig zu entspannen. Wir können später wieder auf Signale hören, wenn du dich ein wenig ausgeruht hast.“

Kevin nickte und ging in das Institut und beschloss, seine Mutter zu suchen. Wenn sie nicht in seinem Zimmer war, dann war sie normalerweise in der Nähe, wo Phil arbeitete oder in dem kleinen Raum, den das Forschungszentrum ihr gegeben hatte, damit sie in der Nähe von Kevin bleiben konnte. Kevin entschied sich, es zuerst dort zu versuchen und machte sich auf den Weg.

Es schien heute mehr Menschen im Forschungsinstitut zu sein als zuvor. Kevin konnte Menschen in Militäruniformen und andere in Anzügen mit Ohrstöpseln sehen. Ein Trio mit NSA-Abzeichen hielt an, als Kevin vorbeikam und sah ihn an, als ob sie sich fragten, wie man ihm erlauben konnte, einfach so auf dem Flur herumzuspazieren.

Einer der Fremden dort war ein Mann, der aussah wie in seinen Vierzigern, mit den kurz geschnittenen Haaren und der aufrechten Haltung einiger der Militärangehörigen, obwohl er eine Lederjacke und Jeans anstelle einer Uniform trug und sich eine Woche lang eindeutig nicht rasiert hatte.

„Du fragst dich, wer ich bin“, sagte er, als Kevin ihn anstarrte.

Kevin nickte nervös. Er nahm an, einige Menschen würden nicht so gut reagieren, wenn man sie so anstarrte.

„Du hast gute Instinkte“, sagte er. „Die Anzahl der Wissenschaftler, die an mir vorbeigegangen sind, ohne sich das zu fragen … bei so vielen Menschen die kommen und gehen, kann hier jeder herein, wenn sie nicht aufpassen.“

„Jeder?“, fragte Kevin. „Wer sind Sie?“

„Ich bin Ted“, sagte er und streckte seine Hand aus. Eine Gruppe Soldaten kam vorbei und Ted nickte ihnen zu. Zu Kevins Überraschung erwiderte einer von ihnen seinen Gruß.

„Sind Sie vom Militär?“, fragte Kevin. „Der CIA? Der Polizei?“

„So etwas Ähnliches“, antwortete Ted. Er dachte einen Moment nach. „Eigentlich nichts dergleichen, heutzutage. Und du bist Kevin, der Junge der die Signale einer fremden Zivilisation entschlüsseln kann.“

Er war wahrscheinlich die erste Person, die das richtig verstanden hatte. Die meisten von ihnen schienen zu glauben, dass er einen Live-Stream von der Alien-Zivilisation bekam oder wirklich mit ihnen sprechen konnte. Ein Teil von ihm wollte stehen bleiben und mit diesem Mann sprechen, aber dennoch gab es etwas an seiner Anwesenheit hier, das Kevin zum Innehalten brachte. Er passte nicht richtig hinein.

„Es tut mir leid“, sagte Kevin. „Ich muss weiter.“

„Das ist in Ordnung Kevin“, sagte der Mann. „Ich bin mir sicher, wir werden uns wiedersehen.“

Kevin eilte davon. Er konnte praktisch fühlen, wie Ted ihm hinterher sah. Er fand seine Mutter in dem kleinen Zimmer, dass das Institut ihr zur Verfügung gestellt hatte, damit sie in der Nähe bleiben konnte.

„Kevin, geht es dir gut?“, fragte sie. „Du siehst ein wenig blass aus.“

„Ich bin okay“, sagte Kevin. „Mama, da draußen ist ein Mann und ich bin mir nicht sicher …

Er schwankte ein wenig, als das Zimmer verschwamm. In einem Moment war er aufrecht; im Nächsten lag er auf dem Boden, mit Menschen um sich herum. Es dauerte ein oder zwei Sekunden, bis Kevin feststellte, dass er einen Anfall gehabt haben musste. Es gab dort medizinisches Personal, Wissenschaftler und natürlich seine Mutter, aber keine Spur von dem Mann, den er zuvor getroffen hatte.

„Es geht mir gut“, sagte Kevin und setzte sich unsicher auf. Ihm war schwindelig und nur die Arme seine Mutter hielten ihn davon ab, wieder umzufallen.

„Dir geht es nicht gut“, sagte seine Mutter. „Komm wir bringen dich in dein Zimmer und dann werde ich Professor Brewster fragen, warum er nicht auf mein Baby aufpasst.“

„Mama“, schaffte Kevin zu sagen, denn er war kein Baby, er war dreizehn. Dennoch ließ er sich von seiner Mutter zurück in Richtung seines Zimmers helfen. Irgendwo unterwegs gesellte sich Phil zu ihnen, die Zwei stützten Kevin mehr oder weniger, bis sie ihn zurück in sein Bett bringen konnten.

„Ich werde herausfinden, warum sie nicht besser auf deine Gesundheit achten“, sagte seine Mutter und sie machte sich auf den Weg, mit dem entschlossenen Blick von jemandem, der über etwas wütend werden musste, bevor er anfing zu weinen.

„Ich schätze, wir sollten genau herausfinden, was passiert ist“, sagte Phil, als sie ging. „Was meinst du Kevin? Bist du bereit für ein paar weitere Tests?“

„Weitere Tests?“, entgegnete Kevin.

Die gab es, weil Phil ein MRT machen wollte und dann Bluttests. Kevin hatte erst in den letzten Wochen erkannt, wie sehr er es hasste, wenn man ihn mit Nadeln stach, denn es schien, dass jeder sein Blut für irgendetwas wollte. Forscher und medizinisches Personal kamen und gingen, alle erklärten, was sie taten, während sie es taten, fast keiner von ihnen benutzte Wörter, die Kevin tatsächlich verstehen konnte.

„Wir haben Fortschritte mit der Anti-Anfall Medizin gemacht“, sagte einer der Krankenschwestern zu Kevin, „aber die Ärzte diskutieren zurzeit mit den ganzen Leuten hier, ob es das Beste ist.“

Das hieß, dass sie sich Sorgen machten, dass es eventuell seine Fähigkeit blockieren würde, das Signal zu verstehen, wann immer es auftauchte. Kevin konnte sich vorstellen, wie sie versuchten, die Möglichkeit, die Informationen zu verpassen, welche sie zu den Außerirdischen führte, gegen die Möglichkeit, dass Kevin eventuell starb und ihnen nichts Weiteres liefern konnte, abzuwiegen. Wahrscheinlich dachten nur ein paar daran, was all das für ihn bedeutete und bis jetzt hatte niemand daran gedacht zu fragen, welche Behandlung er wollte.

„Ist es das Beste?“, fragte Kevin.

Die Krankenschwester zuckte mit den Achseln. „Offiziell bin ich nicht befugt, dazu eine Meinung zu haben. Inoffiziell … Ich habe gehört, dass ein paar Ärzte darüber reden, Variationen von Gentherapien zu verwenden, die für Menschen mit anderen Krankheiten, wie dem Alexander-Syndrom, entwickelt wurden.“

„Ich glaube nicht, dass es da irgendetwas für mich gibt“, sagte Kevin und dachte an das Gespräch mit Dr. Markham und all die Konsultationen, die darauf gefolgt waren.

„Es gab nichts, aber du hast derzeit die meisten der größten Genies des Landes auf deiner Seite. Wenn irgendjemand etwas auf deinen Zustand zuschneiden kann, dann sind es die Menschen hier.“

Und dann würde Kevin eine experimentelle Behandlung in Anspruch nehmen, die ihn heilen, nichts tun oder die Dinge noch schlimmer machen könnte. Wäre es das Risiko wert, das fremde Signal komplett zu verlieren?

„Im Moment allerdings hast du einen Besucher.“

Sie nickte zur Tür und eine kleine Person kam hinein. Kevins Augen weiteten sich beim Anblick von Luna, die so zwanglos aussah, als wäre sie gerade bei ihm zu Hause vorbeigekommen, um zu sehen, ob er vielleicht mit dem Fahrrad zum Stausee fahren wollte.

„Luna? Wie bist du hier hereingekommen?“

„Meine Mutter hat mich hergebracht“, sagte Luna mit einem Lächeln. „Weil deine Mutter dachte, du würdest mich vielleicht gerne sehen.“ Sie hielt eine Orange hoch und warf sie ihm zu. „Ich hatte keine Trauben.“ Kevin fing sie ungeschickt, während Luna sich auf die Kante des Bettes setzte. Ihre Miene veränderte sich − von glücklich, ihn zu sehen, zu besorgt.

„Wie schlimm ist es?“, fragte sie und die gewohnte Heiterkeit in ihrer Stimme war nicht mehr da.

„Ich weiß nicht“, erwiderte Kevin. Er schaute einen Moment weg. „Nun, ich schätze, wir wissen es irgendwie.“

Luna legte eine Hand auf seine Schulter. „Sie haben vielleicht gesagt, dass du sterben wirst, aber ich werde dich jetzt nicht sterben lassen, Kevin. Ich habe mich noch gar nicht richtig in dich verliebt bis jetzt.“

Kevin lachte darüber. „Wenn ich darauf warten muss, würde ich für immer leben.“

„Stimmt“, antwortete Luna, aber ihr Lächeln erreichte ihre Augen nicht. Kevin konnte sehen, wie schwer es ihr fiel, dass sie stark für ihn sein musste, dass sie fröhlich sein musste.

„Es ist okay zu weinen, wenn du willst“, sagte Kevin.

„Als ob ich weinen würde“, beschwerte sich Luna, obwohl sie für einen Moment so aussah, als würde sie es tun.

Sie weinte nicht, aber sie umarmte ihn, fest genug, sodass Kevin dachte, seine Rippen würden brechen. Es überraschte ihn, als er bemerkte, wie gut sie roch.

„Ich habe dich vermisst, weißt du“, sagte sie.

„Ich habe dich auch vermisst“, versicherte Kevin ihr. Er hatte ihr gesagt, dass es in Ordnung war zu weinen, aber jetzt war er derjenige, der Tränen in den Augen hatte.

„Hey, ich sollte dich nicht beunruhigen“, sagte Luna. „Einer der Militärs im Flur würde mich wahrscheinlich erschießen, wenn ich das täte.“

Das war genug, um Kevin zum Lachen zu bringen. Luna hatte es mal wieder geschafft.

„Wie ist es da draußen?“, fragte er. „Da in der realen Welt? Wie ist es in der Schule oder im Fernsehen? Ich bin es leid, dass sich alles nur um die Dinge dreht, die ich sehen kann.“

„Tut mir leid dich enttäuschen zu müssen“, sagte Luna. „Aber es gibt viel im Fernsehen über dich. Reporter stehen die meiste Zeit vor eurem Haus und die Menschen sprechen darüber, ob es echt ist oder eine Falschmeldung oder eine Werbekampagne, die außer Kontrolle geraten ist. Es hat sich sogar ein merkwürdiger Alien-Kult herausgebildet. Menschen tragen Antennen beim Spaziergehen und behaupten, dass die Außerirdischen uns vor allem bewahren werden − von Umweltschäden bis hin zu hohen Lebensmittelpreisen.“

„Du denkst dir das aus“, riet Kevin.

„Vielleicht den Teil mit der Antenne“, sagte Luna. Sie schaute sich um. „Es muss friedlich sein, hier zu sein. Es ist wirklich ruhig.“

„Es war hier schon mehr los, als die Menschen herausgefunden haben, was ich tun kann“, sagte Kevin. „Und ich habe die meiste meiner Zeit damit verbracht nach Signalen zu hören, also ist es nicht genau wie eine Bücherei.“

Luna lächelte das Lachen von jemandem, der normalerweise auch in Büchereien so viel sprach, wie er wollte.

Es blieb aber nicht so friedlich, denn Professor Brewster, Dr. Levin und Kevins Mutter betraten gemeinsam den Raum.

„Sie nehmen Kevin zu hart ran“, sagte seine Mutter.

„Wir versuchen wirklich, das zu vermeiden, Rebecca“, versicherte Dr. Levin ihr. „Wir haben keine Kontrolle über die Signale, die wir erhalten, und Kevin kann aufhören, wann immer er will.“

„Und Kevin hat heute kaum welche angehört“, sagte Professor Brewster. „Außerdem bekommt er eine bessere Behandlung hier als irgendwo anders im Land.“

„Das … stimmt“, gab seine Mutter widerstrebend zu.

„Wir kümmern uns um Ihren Sohn“, fuhr die Institutsdirektorin fort. „Und Kevin leistet hier wichtige Arbeit. Apropos, Kevin, fühlst du dich bereit, den Kameras ins Auge zu sehen?“

„Jetzt?“, fragte Kevin. Er war sich nicht sicher.

„Es gab Gerüchte, dass es dir heute nicht gut geht und es scheint eine gute Idee, den Menschen zu zeigen, dass du gesund bist“, sagte Professor Brewster.

„Auch wenn er es nicht ist?“, fragte Luna, neben Kevin.

„Gerade deshalb“, sagte Professor Brewster. „Und überhaupt warten die Menschen darauf, mehr von dem zu hören, was Kevin zu sagen hat. Kevin?“

„Du musst das nicht tun“, sagte seine Mutter.

Kevin nickte. „Das ist okay. Ich fühle mich jetzt viel besser. Wenn es hilft, werde ich es tun.“

***

Kevin dachte eigentlich, dass es mit der Zeit einfacher werden würde, vor Menschen zu sprechen. Er machte immerhin nichts, was er nicht vorher schon getan hatte. Er hatte ihnen an den Toren der Anlage und in einer Pressekonferenz gezeigt, was er tun kann. Dennoch war er nervös, da so viele Leute ihn anstarrten.

„Es wird gut“, sagte Luna. Wie konnte sie immer wissen, wann er sich schlecht fühlte? „Und du kannst jetzt nicht mehr zurück. Ich will zusehen, wie du deinen Alien-Kram machst.“

„Alien-Kram“, wiederholte Kevin. „Wir brauchen auf jeden Fall einen besseren Namen dafür.“

Dennoch trat er heraus, um sich der Menge zu stellen. Heute waren mehr Leute hier, die sich in jede Ecke des Konferenzraums quetschten, in dem Kevin für sie auftreten sollte. Es gab Reporter, Wissenschaftler, Regierungsmitarbeiter …

… und Ted, der ihn aufmerksam aus der Menge ansah.

„Der Typ ist da“, sagte Kevin.

„Welcher Typ?“, fragte Luna.

„Ich habe ihn in der Halle getroffen, als ich nach meiner Mutter gesucht habe und er schien einfach … ich weiß nicht, irgendwie anders. Er schien einer der Soldaten zu sein, aber er sagte, er ist es nicht mehr. Ich weiß nicht einmal, ob er überhaupt hier sein sollte.“

„Glaubst du, er ist irgendein Verrückter?“, fragte Luna. „Glaubst du, er ist hier, um jemanden zu töten?“

„Das habe ich nicht gedacht, bis du es gesagt hast“, sagte Kevin. Jetzt wo sie das gesagt hatte, hafteten Kevins Augen an der Stelle, wo Ted stand. Er fragte sich, ob er jemandem von ihm erzählten sollte.

„Zeit für deine Aufgabe, Kevin“, sagte Professor Brewster und schob ihn in Richtung Mitte der Plattform, die sie aufgestellt hatten. „Hallo, zusammen, wie Sie sehen können, geht es Kevin gut, und einige der Gerüchte da draußen sind stark übertrieben.“

„Welche Gerüchte?“, fragte Kevin ihn und merkte, wie seine Augen wieder zu Ted glitten. „Professor Brewster, da ist ein Mann da draußen …“

Professor Brewster ignorierte ihn. „Kevin ist heute allerdings ziemlich müde, also machen wir es kurz. Kevin?“

Kevin trat vor und setzte seine Kopfhörer auf und dachte, dass es wahrscheinlich am besten wäre, einfach damit weiterzumachen. Das Problem war, dass es immer noch Stille gab, nichts Neues zu übersetzen, kein Signal kam herein. Er stand einige Sekunden lang schweigend da und fühlte sich zunehmend verlegen. Schlimmer noch, er konnte seine Augen nicht von Ted abwenden, überzeugt davon, dass der Mann in dem Moment, in dem er anfing, etwas tun würde.

Dann begann plötzlich ein ganz anderer Mann von vorne in der Halle zu schreien.

„Du bist teuflisch“, schrie er. „Du wirst die Aliens über uns alle bringen!“

Er rannte nach vorne und auch wenn er einen Presse-Ausweis hatte und einem ordentlichen Anzug trug, lag etwas Wildes in seinen Augen. Er stürmte auf die Bühne und Kevin sah, wie er Luna zur Seite schob, als er nach vorne drängte und sie dabei auf den Boden schubste.

„Luna!“, rief Kevin, aber es blieb keine Zeit, ihr zu helfen, denn der Mann stürmte immer noch nach vorne und jetzt konnte Kevin sehen, dass er ein Messer hatte. Er packte Kevin und im nächsten Moment war der Mann hinter ihm, die Klinge drückte sich an Kevins Hals.

„Du versuchst, sie hierher zu bringen. Du willst zulassen, dass sie uns zerstören. Ich muss dich aufhalten, egal was es kostet.“

Kevin hatte noch nie vorher so viel Angst gehabt, aber das Merkwürdigste war, dass der größte Teil seiner Angst nicht ihm galt. Luna lag immer noch still dort, wo der Mann sie niedergeschlagen hatte und jetzt fragte Kevin sich, ob er sie vielleicht niedergestochen hatte, nur weil sie im Weg stand.

„Ganz ruhig, Freundchen.“

Während Kevin dort hingeschaut hatte, wo Luna lag, war ausgerechnet Ted auf die Bühne gestiegen − und er hatte eine Waffe in beiden Händen.

„Wenn Sie die Waffe weglegen, können wir darüber reden“, sagte er.

Der Mann hinter Kevin bewegte das Messer nicht von seinem Hals weg. „Das Reden ist das Problem. Er spricht mit ihnen. Er bringt sie hierher, damit sie uns töten. Nein, bleibt zurück!“

Er unterstrich den Befehl noch, in dem er das Messer auf Teds voranschreitenden Körper richtete. Da das Messer sich nicht mehr auf seinen Hals richtete, tat Kevin das Einzige, woran er denken konnte, und ließ sich auf den Boden fallen.

Zwei Schüsse erklangen, so laut, dass sie ohrenbetäubend wirkten. Kevin hörte etwas Metallisches auf der Bühne klappern, gefolgt von etwas Weiches einen Moment später. Eine Sekunde danach war Ted da und zog ihn auf die Beine.

„Dreh dich nicht um. Es gibt Dinge, die ein Kind nicht sehen sollte. Geh zu den anderen.“

Kevin wollte alles gleichzeitig tun. Er wollte weglaufen und sehen, ob es Luna gut ging. Er wollte zu seiner Mutter laufen, die sich auch jetzt noch durch das Chaos drängte. Er wollte das alles tun, aber er konnte es nicht, aus einem einfachen Grund.

„Da kommt ein Signal“, sagte er.

KAPITEL ELF

Kevin konnte die Nachricht fühlen, die kam, das Signal begann in seinen Kopfhörern, die Anfänge einer Übersetzung arbeiten sich ihren Weg durch ihn durch. Es passierte genau jetzt – egal, ob er wollte oder nicht.

„Ich glaube nicht, dass wir viel Zeit haben“, sagte er. „Ich spüre, wie es kommt.“

Die Menschen versammelten sich bereits wieder um ihn. Seine Mutter war da, schlang ihre Arme um ihn, als ob sie ihn vor allem schützen könnte, was kam. Dr. Levin und Professor Brewster waren da, beide sahen besorgt aus. Zu Kevins Erleichterung war Luna bereits wieder auf den Beinen. Sie war nicht niedergestochen worden. Kevin rannte auf sie zu und umarmte sie.

„Geht’s dir gut?“, fragte er.

„Das hängt davon ab“, sagte sie. „Wie viele von dir sollten da sein?“

Kevin schüttelte seinen Kopf. „Mach keine Witze. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“

„Du hast dir Sorgen um mich gemacht? Ich war nicht diejenige, die ein Messer an der Kehle hatte.“

Während all dem liefen die Kameras weiter. Sie wollten nicht inmitten so etwas Dramatischem aufhören.

Professor Brewster war da und sah aus, als wenn er Angst hätte, dass Kevin zerbrechen würde. Oder vielleicht starrte er auch nur auf den toten Mann hinter Kevin, den Kevin sich nicht traute anzusehen.

„Was ist los?“, fragte er. „Warum bringen wir Kevin nicht hier raus?“

„Er sagt, es kommt eine weitere Nachricht“, erklärte Ted.

Kevin wusste nicht, wie er es noch genauer erklären sollte.

„Na ja, halte sie zurück, bis wir dich in Sicherheit gebracht haben“, sagte Professor Brewster, aber eigentlich sollte er wissen, dass es so nicht funktionierte.“

Kevin biss die Zähne zusammen. „Ich kann nicht kontrollieren, wann die Nachrichten ankommen, ich empfange sie einfach und übersetze sie.“

„Warum … warum ist es ein Problem, wenn du die Nachricht hier bekommst?“, fragte Luna. Sie hörte sich zittrig an, was verständlich war, wenn man bedachte, was die beiden gerade durchgemacht hatten. Dennoch war sie diejenige, die die richtigen Fragen stellte, im Gegensatz zum Professor.

„Weil es die Koordinaten für die Rettungs-Kapsel sind“, sagte Kevin. „Ich bin mir sicher. Was sollte es sonst sein?“

„Du hast dich vorher auch an die Zahlen des Systems erinnert“, wies Luna ihn darauf hin. „Dann kannst du dich auch daran erinnern.“

„Was, wenn es eine lange Liste ist?“, entgegnete Kevin. „Was, wenn ich etwas verpasse?“

Luna zeigte auf die Kameras und Kevin erkannte, dass sie recht hatte. Alles, was er tun musste, war zu sprechen und alles, was er sagte, würde von so vielen Kameras aufgenommen werden, dass er sie gar nicht alle zählen konnte. Es würde sofort um die Welt gehen.

Er ging zu ihnen und noch während er das tat, traf ihn das Signal.

Die Zahlenreihen schienen ewig zu dauern. Kein Wunder, dass die Wesen, die sie schickten, Kevin eine Warnung gegeben hatten, dass sie kommen würden. Sie wollten ihm die Möglichkeit geben, sich darauf vorzubereiten, sie in irgendeiner Weise aufzuzeichnen, damit die Informationen nicht verloren gehen. Jedes Mal, wenn Kevin damit fertig war, eine Reihe von Zahlen zu wiederholen, begann eine neue Reihe von Ziffern und Symbolen, die ihm kaum genug Zeit zum Durchatmen gaben. Er übersetzte sie so, wie sie kamen und zitterte vor Anstrengung, oder vielleicht nur ob der Nachwirkungen von allem, was er in den letzten Minuten durchgemacht hatte.

Er rezitierte die Nummern und Buchstaben in langen, fast endlosen Reihen und zum ersten Mal, seit Luna ihm geholfen hatte, die Verbindung mit dem Trappist System herzustellen, wusste er nicht genau, was das alles bedeutete.

Endlich hörten die Zahlenreihen auf und Kevin versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

„Ist das alles?“, fragte Luna. „Kevin geht es dir gut?“

Kevin schaffte es zu nicken, obwohl selbst das ihm Mühe bereitete. Er war sich nicht sicher, welchen Teil er mit seinem Nicken bejahte.

Dr. Levin kam und legte ihre Arme um sie beide.

„Okay“, sagte Dr. Levin, „lasst uns wieder hineingehen. Nach allem, was passiert ist, denke ich wollen viele Menschen mit euch beiden sprechen, aber ich will euch zuerst untersuchen lassen und sichergehen, dass ihr in Ordnung seid. Mir gefällt es nicht, wie nahe ihr daran wart, verletzt zu werden.

Als sie sich zum Gehen wandten, konnte Kevin die Rufe von der versammelten Menge hören, als sie endlich aus ihrer fassungslosen Stille erwachten.

„Kevin, wann kommen die Außerirdischen zu uns?“, rief ein Mann.

„Kevin, was bedeutet Leben?“

„Wann wirst du zugeben, dass dies ein Schwindel ist?“

„Bist du verletzt?“

Es gab so viele verschiedene Fragen, die ihm gleichzeitig zugerufen wurden, dass Kevin einfach nur weggehen und sie mit den Fragen alleine lassen wollte. Er tat es aber nicht. Er spürte, dass er etwas sagen müsse, und diesmal hatte es nichts mit dem Druck von fremden Signalen zu tun.

„Ich weiß, dass viele von Ihnen eine Antwort von mir haben wollen, aber die Wahrheit ist, dass ich nicht viele habe“, sagte Kevin. „Ich bin nur ein Kind. Ich habe kein besonderes Wissen. Ich weiß nicht einmal, warum ich diese Nachrichten empfange, die die Außerirdischen schicken.“

„Was ist heute passiert?“, fragte ein Reporter. „Warum all diese Zahlen? Worum geht es da?“

Kevin neigte seinen Kopf und versuchte herauszufinden, wie viel er sagen durfte. Dann erkannte er, dass es wahrscheinlich falsch war, darüber nachzudenken. Jemand hatte heute versucht, ihn zu töten, weil er die Informationen, die er hatte, nicht verstand. Weil er, angesichts der Bandbreite, den er dafür hatte, zu einem falschen Schluss gekommen war.

„Jemand hat heute versucht mich zu töten“, sagte er, „weil er glaubte, dass die Information, die ich erhalte, gefährlich genug ist, um es wert zu sein, dafür getötet zu werden.“

„Ist sie das?“, rief jemand.

Kevin schüttelte seinen Kopf. „Zu wissen, dass es da draußen eine Alien-Zivilisation gibt, dass es da eine gab, ist wunderbar, aber es lohnt sich nicht, dafür Menschen zu töten und ich will nicht, dass sich jemand meinetwegen in Gefahr begibt.“ Er hielt fast inne, als er wieder an Luna dachte, die auf den Boden geschubst worden war, bei dem Geräusch von Teds Waffe, aus der gefeuert worden war. „Ich bin nicht wichtig. Was wichtig ist, dass die Welt der Außerirdischen im Sterben lag und dass sie die … ich nehme an, sie nannten sie Zeitkapseln, geschickt haben. Und wir jetzt wissen, wohin.“

Er wusste auch, wohin er jetzt gehen würde, denn seine Mutter zog Kevin von der Plattform zurück ins Institut.

***

„Wenn mein Sohn angegriffen wird, dann will ich nicht, dass er hier bleibt!“, sagte Kevins Mutter, während sie und Professor Brewster stritten.

Kevin beobachtete sie beide von der Kante seines Bettes aus. Er zuckte zusammen, als einer der Mediziner des Instituts einen winzigen Schnitt desinfizierte, den das Messer verursacht hatte. Neben ihm bekam Luna einen Verband um ihren Kopf, während Ted dastand und aussah, als wenn er halb erwartete, dass ein erneuter Angriff stattfand.

„Ich verstehe Ihre Sorge“, sagte Professor Brewster und sogar Kevin wusste, dass das in dem Moment die falschen Worte für seine Mutter waren.

„Verstehen Sie, wie es ist, wenn man sieht, wie das eigene Kind angegriffen wird, nur weil er in irgendwas Merkwürdigem verwickelt ist?“, fragte Kevins Mutter. „Haben Sie überhaupt Kinder?“

„Na ja nein, aber …“

„Wer sind Sie?“, fragte Kevin Ted und ignorierte den Streit zwischen seiner Mutter und dem Professor für einen Moment.

„Oh, ich bin nur ein Typ, der hilft, wo er kann“, antwortete Ted.

„Das ist keine Antwort“, sagte Luna.

Er schien einen Moment nachzudenken, dann zuckte er die Achseln. „Ich denke, es kann nicht schaden. Tut mir leid, ich habe einfach die Angewohnheit, mich nicht vorzustellen. Ich war mal in der Armee. Sondereinsätze. Dann wurde ich für eine Weile vom CIA ausgeliehen, dann … na ja dann habe ich versucht, mich zur Ruhe zu setzen, aber dann habe ich einen Anruf bekommen, als all das hier begonnen hat und ich konnte wirklich nicht ablehnen.“

„Sie haben vorhin gesagt, dass der Präsident Sie angerufen hat“, sagte Kevin. „Er würde das nicht tun, wenn Sie einfach nur ein ganz normaler Typ wären.“

„Na ja, vielleicht habe ich ein paar Dinge während meiner Zeit gesehen“, sagte Ted. Er sah hinüber, wo Professor Brewster und Kevins Mutter immer noch stritten. „Soweit ich gehört habe, hat er dich deswegen kennengelernt. Das macht dich noch Besonders, als mich. Wollt ihr beiden mitkommen und sehen, wie die Intelligenzbestien mit den Zahlen vorankommen, die du empfangen hast?“

Kevin nickte und zusammen machten sich die drei auf den Weg durch das Institut. Kevin fühlte sich jetzt ein wenig stärker. Die Erschöpfung, die er gespürt hatte, war anscheinend auf die Kombination, die Nachrichten zu erhalten, und dem Stress des Angriffs, zurückzuführen. Er fühlte sich auch merkwürdig leer und es dauerte einen Moment, ehe er erkannte, warum.

Zum ersten Mal, seit dies alles begonnen hatte, hatte er kein Gespür für die Außerirdischen.

Es gab keinen Countdown, der in seinem Kopf pulsierte. Es gab kein Signal, auf das er warten sollte. Es gab keine Nachrichten. Alles war still. Es hätte sich friedlich anfühlen sollen, aber zum ersten Mal seit er hier angekommen war, fühlte sich Kevin … nutzlos, als ob er nichts zu tun hätte.

Er schien jedoch der Einzige zu sein. Die Leute, an denen sie vorbeikamen, waren beschäftigt und alle schienen an dem Problem der Koordinaten zu arbeiten. Labore, die für andere Dinge genutzt wurden, standen leer und stattdessen hatten sich die Wissenschaftler in Konferenzräumen versammelt und arbeiteten an einer Reihe von Zahlen auf hundert verschiedene Arten. Einige der NSA-Mitarbeiter schienen ebenfalls involviert zu sein.

Kevin hatte gedacht, dass es vielleicht ein Problem mit der Sicherheit geben würde, als sie näher an den Raum kamen, der den Supercomputer beherbergte, aber Ted ging einfach hindurch, Soldaten und FBI-Agenten nickten ihm zu, als er vorbeiging, und ließen die Drei durch.

„Wow“, sagte Luna, als sie den Raum mit dem Supercomputer erreichten. „Stell dir vor, welche Spiele du darauf spielen könntest.“

Kevin zweifelte, dass er zum Spielen geeignet war, aber wenn es darum ging, Zahlenreihen zu zerlegen, schien er sehr gut zu sein. SAM spuckte Möglichkeiten hinsichtlich der Nutzung der Signale aus, während die Hälfte der anderen Maschinen ebenfalls angeschmissen wurden und Wissenschaftler zwischen ihnen hin und her rannten und sich die Ergebnisse zuriefen.

„Es ist ein weiterer Fehlschlag“, rief einer. „Ich glaube, dass hier ist irgendwo draußen bei den Plejaden.“

Kevin hörte ein frustrierendes Ächzen von den anderen Wissenschaftlern.

„Sie versuchen, die Suche einzuschränken“, erklärte Ted.

Dr. Levin war da und zu Kevins Überraschung schienen die Menschen ihr zuzuhören. Vielleicht machte es die Tatsache, dass es definitiv Außerirdische gab, einfacher, Befehle von der Leiterin von SETI entgegenzunehmen.

„Das Problem sind zu viele Informationen“, sagte sie. „Du hast uns so viele mögliche Treffer gegeben Kevin, dass wir die nicht alle durcharbeiten können, auch nicht mit unserer Computer Macht.“

„Haben Sie es im Internet versucht?“, fragte Kevin.

„Ich glaube nicht, dass das die Art von Ding ist, die wir im Internet finden“, sagte Professor Brewster und gesellte sich zu ihnen. „Wir haben einen der anspruchsvollsten Computer der Welt hier.“

Kevin schüttelte seinen Kopf. „Vielleicht. Als ich übersetzt habe, habe ich auch den Reportern die Information gegeben, oder? Haben dann nicht auch alle Menschen weltweit diese Informationen erhalten? Sie sagten, das Problem sei, genug Leute zu haben, um sich damit zu beschäftigen. Nun, bedeutet das nicht, dass jetzt die ganze Welt mithilft?“

„Der Junge hat recht“, sagte Ted. „Haben Sie das überprüft?“

„Nun … nein“, gab Professor Brewster zu.

Dr. Levin zuckte die Achseln. „Vielleicht ist es einen Versuch wert. SETI hat oft Rechenleistung von Menschen auf der ganzen Welt ausgeliehen.“

„Machen Sie es“, sagte Ted.

Dr. Levin ging für einen Moment weg. Sie kam mit einem Tablet-Computer und einem leicht geschockten Gesichtsausdruck zurück.

„Ich … ich glaube das nicht“, sage sie und begann darauf zu tippen. „Wartet, ich lege es auf einen größeren Bildschirm.“

Sie drückte ein paar Felder auf dem Tablet und ein Computer-Bildschirm vor ihnen hellte sich auf, groß genug, dass der ganze Raum es sehen konnte. Koordinaten erschienen auf dem Bildschirm, zusammen mit den Worten „Alien-Raumschiff trifft auf die Erde!“ Die Seite schien anonym zu sein, aber es gab keinen Zweifel darüber, was dastand.

„Wenn wir die Koordinaten einstellen“, sagte Dr. Levin, „dann schaut mal, was passiert.“

Eine Weltkarte erschien auf dem Bildschirm, zuerst so breit, dass Kevin nicht herausfinden konnte, wo die Absturzstelle sein sollte. Es stellte sich heraus, dass es Südamerika war und dann zoomte es noch weiter. Es wählte ein Land, dann eine Region, dann etwas, was wie ein Stück des Dschungels aussah.

„Das ist der kolumbianische Regenwald“, sagte Ted und starrte darauf.

„Seid ihr sicher?“, fragte Professor Brewster.

„Wir werden das natürlich noch überprüfen“, sagte Dr. Levin, „aber auf den ersten Blick … ja es sieht korrekt aus. Was auf eine Art erstaunlich ist. Der Gedanke, dass eine Zivilisation vorhersagen konnte, wo ihr Raumschiff landen würde, so genau aus so einer Entfernung … ist fast unglaublich.“

„Na ja, ich glaube wir müssen beginnen, daran zu glauben.“ Ted legte eine Hand auf Kevins Schulter. „Wenn du mit all dem recht hast, dann haben unsere Alien-Freunde ihre Fracht nach Kolumbien geschickt.“

„Ist das schlimm?“, fragte Kevin.

Ted zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht. Es macht die Dinge komplizierter. Ich bin mehr besorgt darüber, wie viele Menschen das gesehen haben. Dr. Levin?“

„Das können wir nicht wissen“, sagte die SETI Direktor. „Ich nehme an, wenn wir es finden, dann werden andere Menschen es auch finden.“

„Was heißt, dass die halbe Welt dort sein wird“, sagte Ted. „Was sagst du, sollen wir gehen, um sie zu treffen, Kevin?“

„Wen treffen?“, fragte Kevins Mutter und kam in den Computer-Raum. „Was ist los?“

Kevin versuchte, den besten Weg zu finden, es zu formulieren. „Mama, ähm … kann ich nach Kolumbien fliegen?“

KAPITEL ZWÖLF

„Du musst nicht mitkommen, Mama“, sagte Kevin, als er und die anderen durch die Security am San Francisco Flughafen gewinkt wurden. Sie war nur einen Schritt von ihm entfernt, als ob sie Angst hatte, dass sie ihn im Chaos des Flughafens verlieren könnte. Ted war ebenfalls in der Nähe, obwohl Kevin argwöhnte, dass das andere Gründe hatte.

„Natürlich muss ich mitkommen“, sagte seine Mutter und zog einen kleinen Koffer neben sich her, der aussah, als wenn sie für einen Urlaub gepackt hatte. „Erst versuchen Menschen dich zu töten und als Nächstes fliegst du einfach mitten in den Dschungel? Glaubst du, ich lasse dich das alleine machen?“

„Ich wäre nicht alleine, Mama“, sagte Kevin. Wenn überhaupt, schien es, als würde das ganze Institut nach Kolumbien fliegen, sie stiegen nicht in ein, sondern zwei gecharterte Flugzeuge und mit ihnen eine Auswahl an Ausrüstung, die geeignet war für die Suche nach der Rettungs-Kapsel.

„Ich komme trotzdem mit“, sagte seine Mutter und Kevin wusste anhand ihres Tonfalls, dass es besser war, nicht zu widersprechen.

Eine Person, die nicht mitkam, war Luna und Kevin merkte, dass er sie bereits vermisste. Sie war nach Hause gefahren, denn ihre Eltern hatten anscheinend strengere Ansichten über einen Flug nach Südamerika auf der Suche nach Außerirdischen.

Professor Brewster stand vorne und versammelte die Wissenschaftler und Soldaten, die Agenten und die ausgewählten Reporter, während die Flugzeuge beladen wurden.

„Bist du bereit, Kevin?“, fragte er. „Wir haben einen langen Flug vor uns.“

Kevin nickte. „Ich kann nicht glauben, dass wir das hier machen.“

„Wir auch nicht“, sagte Professor Brewster. „Viele Menschen mussten viele Beziehungen spielen lassen, um uns dafür nach Kolumbien fliegen zu lassen. Jetzt beeilt euch und geht an Bord.“

Kevin stieg ins Flugzeug und fand einen Platz, wo er aus dem Fenster schauen konnte. Seine Mutter setzte sich neben ihm, während Ted sich vor ihn setzte.

„Es ist ein langer Weg nach Kolumbien“, sagte Ted. „Es ist schon eine Weile her.“

„Sie waren schon einmal da?“, fragte Kevin.

„Offiziell?“, fragte er mit einem schwachen Lächeln. „Ich war noch nie in meinem Leben dort.“

„Und inoffiziell?“, fragte Kevin.

„Oh, es war ziemlich inoffiziell, als ich das letzte Mal da war“, sagte Ted. „Die Dinge sind jetzt ein wenig friedlicher dort. Es gibt immer noch ein paar Kartelle, aber ohne den Bürgerkrieg kann die Regierung ihnen etwas mehr Aufmerksamkeit schenken.“

„Das hört sich cool an“, sagte Kevin.

Seine Mutter war anderer Meinung. „Es hört sich nach einem gefährlichen Ort für meinen Sohn an.“

„Ich bin mir sicher, es wird in Ordnung sein“, sagte Ted. Kevin hörte, wie sich die Türen des Flugzeugs schlossen, nachdem die letzten Leute an Bord gekommen waren. „Außerdem ist es zu spät, um jetzt umzukehren. In neun Stunden sind wir in Bogota.“

Neun Stunden. Wie sollte man neun Stunden in einem beengten Raum mit einem Haufen voller Wissenschaftler rumkriegen? Es schien für Kevin, dass fast jeder hier eine Antwort auf diese Frage hatte. Einige spielten Spiele auf ihren Handys oder lasen oder schauten Filme. Kevins Mutter schlief die meiste Zeit. Kevin schaute aus dem Fenster und versuchte sich ein wenig auszuruhen und setzte sich gelegentlich die Kopfhörer mit dem Signal-Stream auf, nur für den Fall, dass es etwas zu hören gab. Aber es gab nichts.

“Ich weiß nicht einmal, ob diese soweit vom Forschungsinstitut entfernt funktionieren würden“, sagte Kevin, nach er es zum dritten Mal getan hatte.

„Ich habe die Wissenschaftler gefragt, ehe wir gegangen sind“, sagte Ted. „Sie haben es so eingestellt, dass das Grundsignal über das Internet bezogen wird. Überall, wo wir Verbindung haben, kannst du auf das Signal zugreifen.“

Kevin nahm an, dass ihn das nicht überraschen sollte. Natürlich wollten sie sichergehen, dass er hören konnte, was immer passierte. Sie wollten nicht, dass er eine wichtige Nachricht verpasste. Dennoch war der Gedanke, den Stream von überall auf der Welt hören zu können, beeindruckend.

Kevin verbrachte ein wenig Zeit damit auf die Orte zu schauen, die sie überflogen. Er war noch niemals außerhalb der Vereinigten Staaten gewesen und hier flog er jetzt über Wüsten und dichte Regenwälder, Städte und Streifen von Ozeanen. Er dachte an die Menschen da unten. Wussten sie von der Rettungs-Kapsel? Was dachten sie über die Möglichkeit, wirkliches außerirdisches Leben zu finden?

Er bekam eine teilweise Antwort, als sie in Bogota landeten. Er sah sofort ein Dutzend ähnlicher Gruppen, die alle Ausrüstung trugen, die der Ausrüstung verdächtig ähnlich sah, die sie mitgebracht hatten.

„Sieht so aus, als wären wir nicht die Einzigen, die herausgefunden haben, wohin diese Koordinaten führten“, stellte Ted fest, als er sich die Ansammlung vor ihnen anschaute. Er schien ziemlich entspannt dabei, aber Professor Brewster war alles andere als ruhig.

„Das ist einfach inakzeptabel“, sagte der Wissenschaftler. „Die Schweizer sind hier, und das sieht aus wie eine Gruppe aus dem privaten Tech-Sektor, und das sind die Kanadier. Nach all den Bemühungen, die wir unternommen haben, um diese Informationen aufzudecken, kann ich nicht glauben, dass sie planen, uns die Kapsel wegzuschnappen?“

Kevin wollte sagen, dass sie nicht sicher sein konnten, dass die anderen Gruppen deswegen hier waren, aber er konnte auch an keinen anderen Grund denken, warum sie sonst hier sein sollten. Er war sich nicht sicher, was er von ihrer Anwesenheit hielt.

Auf der einen Seite wollte er glauben, dass die Botschaft der Außerirdischen für die gesamte Menschheit bestimmt war und dass sie geteilt werden sollte. Er war froh, dass er die Koordinaten an die Nachrichtenkameras weitergeben musste, oder riskiert hätte, sie ansonsten zu verlieren. Gleichzeitig hatte Professor Brewster irgendwie recht: Kevin war derjenige, der in der Lage gewesen war, das fremde Signal zu übersetzen, nicht die anderen, und er wollte zumindest die Rettungs-Kapsel sehen, jetzt, wo sie ihren Standort kannten.

„Wir müssen nur die Ersten sein", sagte Professor Brewster, obwohl Kevin vermutete, dass es einfacher gesagt als getan sein würde. Er konnte nicht sehen, wie sie schneller als die anderen durch den Flughafen kommen würden, schneller im Dschungel sein oder schneller als die Anderen suchen konnten.

Sie versuchten es aber trotzdem. Kevin hätte gelacht bei dem Anblick von einem Dutzend Wissenschaftlern, die sich ein merkwürdiges Rennen durch den Flughafen in Bogota lieferten, aber er musste mit ihnen mithalten, also versuchte er Lücken in der Ansammlung von Menschen zu finden und gleichzeitig sicherzugehen, dass er seine Mutter nicht aus den Augen verlor.

„Hier entlang!“, rief Professor Brewster und ging voran auf etwas zu, das wie ein Mietwagenverleih aussah. „Hallo wir müssen ein Auto mieten … wahrscheinlich ein Dutzend Offroad-Autos und einen kleinen Truck.“

„Tut mir leid“, sagte die Frau am Tisch. „Wie ich den letzten Leuten, die danach gefragt haben schon gesagt habe, das ist nichts, was wir hier am Flughafen haben. Die meisten Menschen … na ja benötigen derartige Fahrzeuge nicht für ihren Urlaub, verstehen Sie?“

„Das ist kein Urlaub“, erklärte Professor Brewster. „Das ist eine wissenschaftliche Expedition von größter Wichtigkeit!“

„Trotzdem.“

Dr. Levin trat herbei. „Komm schon, David, du weißt, dass wir uns erst ausruhen müssen, und dann können wir an dem Plan für die eigentliche Expedition arbeiten.“

„Und währenddessen überholen uns die Kanadier!“, beschwerte er sich. „Wie sind sie so schnell hierhergekommen?“

Darauf schien es keine Antwort zu geben, aber Kevin wurde mitgerissen, als sie sich vom Flughafen auf den Weg zur amerikanischen Botschaft machten, die aussah wie ein großer grauer Block in der Mitte von Bogota.

Dort wurden sie bereits vom Botschafter erwartet. Er schüttelte Professor Brewster Hand und dann zu seiner Überraschung, auch die von Kevin.

„Vor ein paar Stunden habe ich einen Anruf vom Präsidenten bekommen. Es wird ein wenig eng für so viele Leute hier, aber ich habe für alle Zimmer vorbereitet und ich arbeitete daran, einen Transport für Ihr Team in den Regenwald zu arrangieren. Sie sollten sich bewusst sein, dass die kolumbianische Regierung nicht ganz glücklich darüber ist, aber wir arbeiten daran, Ihnen den Weg zu ebnen.“

Es hörte sich nicht gut an, dass die Regierung des Landes, in dem sie suchten, sie nicht dahaben wollte. Aber an dem Punkt war Kevin zu müde, um sich noch Sorgen darüber zu machen. Er schlief beinahe sofort ein, nachdem das Botschafterpersonal ihm sein Zimmer gezeigt hatte, und wachte erst wieder auf, als er Professor Brewsters Stimme von draußen rufen hörte.

„Kommt schon, Leute! Die Botschaft hat uns einen Transport organisiert und wir müssen fertig sein, ehe uns andere den Preis wegschnappen!“

Kevin tat sein Bestes, um sich schnell fertig zu machen. Trotzdem waren die meisten anderen schon bereit, als er da rauskam. Professor Brewster hatte sich ein Khaki-Shirt und eine Hose gekauft, was ihn wie das Klischee eines Forschers aussehen ließen. Seine Mutter trug ihre normale Kleidung, ergänzt durch einen breiten Sonnenhut. Ted sah einfach aus wie Ted.

„Schnell“, rief Professor Brewster und klatschte in die Hände. „Schnell! Wir können niemandem erlauben, einen Vorsprung zu haben.“

Er eilte davon und versuchte, alle aus dem Hotel zu bekommen.

„Werden alle anderen auch an der Kapsel sein?“, fragte Kevin Ted. Professor Brewster war vielleicht der Leiter der Expedition, aber Ted war derjenige, der wusste, was er tat. Die Hälfte der Menschen hier schien sich bereits an ihn zu wenden, um herauszufinden, was zu tun sei.

Der ehemalige Soldat schüttelte seinen Kopf. „Das bezweifele ich. Der Regenwald bei Nacht ist knifflig. Es ist leicht, darin umzukommen, auch ohne die wilden Tiere. Der vernünftigste Schritt war es, über Nacht hier zu bleiben und erst heute Morgen aufzubrechen.“

Kevin nahm an, das war auch die Überlegung der anderen Gruppen gewesen, zumindest, wenn die ausgebuchten Hotels, an denen sie vorbeikamen, etwas zu bedeuten hatten. Es mussten Menschen aus aller Welt hier sein, die versuchen, die Rettungs-Kapsel zu finden, und das alles wegen der Zahlen, die er übersetzt hat.

„Na ja, Kind“, sagte Ted. „Du hast uns bis hierhergebracht. Ich nehme an, es ist Zeit herauszufinden, was das hier alles auf sich hat.“

Sie gingen nach unten und wie es sich herausstellte, hatte die Botschaft es geschafft, Trucks und SUVs, ein paar alte Jeeps und ein paar noch ältere Autos zu finden.

„Bleib nah bei mir“, sagte Ted, als er einen Jeep auswählte und auf den Fahrersitz sprang. Sie fuhren zusammen in einem Konvoi, der sich mit der Geschwindigkeit des langsamsten Wagens dahinschlängelte, was Kevin als entsetzlich langsam empfand. Einem kleinen Teil von ihm machte das nicht viel aus, denn Kolumbien war wunderschön. Der größere Teil aber verfluchte die langsamen Autos und die immer schlechter werdenden Straßen, weil er die Kapsel sehen wollte, in welcher die Außerirdischen gereist waren. Er wollte das Ergebnis von dem, was er getan hatte, sehen.

Sie fuhren weiter und je näher sie dem Gebiet des Regenwaldes kamen, auf den die Koordinaten verwiesen, desto schlimmer wurden die Straßenverhältnisse. Dann, als die Bäume auf beiden Seiten der Straße immer dichter wurden, stockte der Verkehr und es dauerte ein wenig, bis Kevin erkannte, was da los war.

In der Mitte der Straße lag ein Truck auf der Seite und ein weiterer hatte Beulen, die groß genug waren, dass man einen Zusammenstoß vermuten konnte. Es gab noch mehr Trucks und Autos überall, Menschen standen herum und warteten oder versuchten herauszufinden, was sie tun sollten oder stritten in einem Dutzend Sprachen. Kevin erkannte einige der Menschen dort und er ahnte, wer sie waren.

„Sind die nicht von den anderen Forschungsgruppen?“, fragte Kevin, als sie anhielten. Er sah Ted nicken, aber ehe der ehemalige Soldat noch etwas sagen konnte, war Professor Brewster da und stieg aus einem der anderen Fahrzeuge.

„Warum halten wir an?“, fragte er.

„Sie sehen doch warum“, sagte Ted.

„Aber können wir nicht einfach drumherum fahren?“, fragte Professor Brewster.

Ted zeigte auf die Bäume, die in der Nähe auf beiden Seiten der Straßen wuchsen. „Wenn sie das schaffen, bitte sehr.“

Professor Brewster sah aus, als wenn er etwas erwidern wollte, schüttelte dann den Kopf und machte sich auf den Weg, um sich dem Streit anzuschließen.

„Glauben Sie, das macht einen Unterschied?“, fragte Kevins Mutter.

Ted zuckte die Achseln.

Vorne begann Professor Brewster mit einem halben Dutzend anderer Menschen zu diskutieren, einige zeigten einander den Stinkefinger, während sie versuchten, herauszufinden, wer für den Umgang mit den Problemen verantwortlich war. Da Kevin sich nicht vorstellen konnte, dass sich der Direktor des Forschungsinstituts damit zufriedengab, mit jemandem zu sprechen, der nicht seinem Rang entsprach, vermutete er, dass die anderen Leute, die dort auf der schlammigen Straße stritten, Leiter ihrer eigenen Organisationen sein mussten. Manchmal waren Erwachsene nur sehr schwer zu verstehen.

Er sprang vom Jeep, weil er sehen wollte, was los war und weil er wirklich dachte, er könnte helfen. Er ging nach vorne, wo zwei oder drei Personen wegen einer Winde stritten, während eine Menge von gelangweilt aussehenden Wissenschaftlern und Soldaten zusah.

„Wenn Sie eine Winde haben, warum benutzt sie dann niemand?“, fragte er.

Ein Mann mit einem schweren skandinavischen Akzent antwortete. „Weil es unsere Winde ist und unser Direktor möchte nicht, dass wir den anderen dabei helfen, zuerst … zu dem Objekt zu gelangen.“

„Aber das ist dumm“, erwiderte Kevin.

„Kevin“, sagte seine Mutter, die ihn eingeholt hatte. „All diese Menschen sind sehr klug. Sie haben wahrscheinlich alle einen Doktortitel.“

„Sie sind immer noch dumm“, sagte Kevin und er war überrascht, dass sie ihn anschauten, anstatt ihn zu ignorieren. Sie wussten, wer er war, erkannte er und sie schienen ihn anzusehen, als ob sie darauf warteten, dass er entschied, was zu tun war.

„Warum arbeiten Sie nicht alle zusammen?“, fragte er.

„Ich habe dir doch gesagt“, sagte der Mann, der zuerst gesprochen hatte. „Wir können sie nicht unsere Winde benutzen lassen.“

„Nicht die Winde“, sagte Kevin. „Das Ganze hier. Die Außerirdischen haben ihre Rettungs-Kapseln auf diesen Planeten geschickt, nicht in dieses Land, also warum arbeiten wir nicht zusammen daran, sie zu finden?“

„Und dann sehen wir zu, wie ihr das Ding nach Amerika bringt?“, fragte ein anderer.

„Na ja wir können einen anderen Ort finden“, sagte Kevin. „Irgendeinen, wo alle es ansehen können.“

Die Männer waren eine Weile still, während sie begannen nachzudenken. Einer zog eine Karte heraus.

„Es gibt eine UN-Einrichtung ein paar Meilen von Bogota“, sagte er.

Ein weiterer nickte. „Ich habe dort schon Arbeiten an neu entdeckten Pflanzen durchgeführt. Es hat gute Gerätschaften“.

„Unsere Bosse wollen vielleicht trotzdem erst darüber diskutieren“, sagte der Erste, ein wenig unsicher.

Kevin hatte eine Antwort darauf. „Dann können sie diskutieren, während wir alle die Alien-Rettungs-Kapsel öffnen.“

Nachdem er das gesagt hatte, schienen die anderen nicht mehr streiten zu wollen. Stattdessen begannen sie die Winde zu befestigen und die Forscher, die herumgestanden hatten, bewegten sich zu dem Truck, um ihn wieder aufzurichten.

„Gut gemacht“, sagte Ted, als Kevin sich zu ihm umdrehte. „Nicht viele Leute hätten sie überreden können, zusammenzuarbeiten.“

Kevin zuckte die Achseln. Es schien das Offensichtliche zu sein.

„Was hat das alles zu bedeuten?“, fragte Professor Brewster. „Was ist los? Warum bewegen sie sich wieder?“

„Wir werden die Rettungs-Kapsel zusammen finden“, erklärte Kevins Mutter.

„Aber niemand hat das genehmigt“, erwiderte Professor Brewster. „Ich habe das nicht autorisiert.“

„Aber das heißt, dass es weitergeht“, sagte Kevins Mutter. „Ist es so falsch, dass wir alle zusammenarbeiten?“

„Nein“, sagte Professor Brewster. Kevin nahm an, dass er einfach ein wenig überrascht war, nicht derjenige zu sein, der die Entscheidung traf. „Ich nehme an, das ist es nicht. Aber das heißt nicht, dass ich ihnen vertraue. Wenn es um Forschung und die akademische Debatte geht, würde ich diesen Kanadiern nicht so weit vertrauen, wie ich sie werfen könnte. Seid auf der Hut, ihr alle.“

Er ging davon und rief seinen Mitarbeitern Befehle zu und auch einigen der anderen Gruppen. Kevin fragte sich, ob irgendjemand zuhörte. Er schaute zu Ted.

„Sollten wir den anderen misstrauen?“, fragte er.

Der ehemalige Soldat zuckte mit den Achseln. „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Manchmal arbeitet man mit Menschen und man weiß nicht, wie sie sich in Zukunft verhalten werden. Im Moment ist nur eins wichtig.“

„Wir werden die Kapsel finden“, sagte Kevin.

Ted nickte. „Wir werden diese Kapsel finden.“

KAPITEL DREIZEHN

Kevin war noch nie zuvor im Dschungel gewesen und es war nicht so, wie er es immer im Fernsehen gesehen hatte. Dort bestand der Dschungel aus ein paar Palmenblätter im Hintergrund mit viel Platz für Menschen zum Laufen und Kämpfen und die Menschen bewegten sich schnell. Im echten Leben drängten sich von allen Seiten Pflanzen an ihn und es gab nur wenige Trampelpfade von Tieren und die Soldaten mussten einen Weg für sie frei hacken, als sie tiefer in den Dschungel eindrangen.

Im Fernsehen zeigten sie auch den Regen nicht. Der strömte regelrecht, während sie sich weiter vorwärts arbeiteten, und weichte ihre ganze Mannschaft auf, in Ausbrüchen, welche die ganze Welt unter dem Blätterdach zu erfüllen schien.

„Ist das immer so?“, rief Professor Brewster.

Einer der Guides zuckte die Achseln. „Es heißt aus einem bestimmten Grund Regenwald, Sir.“

Kevin war sich nicht sicher, wie schnell sie sich bewegten, aber es fühlte sich nicht so schnell an. Er hatte angenommen, dass er, so krank wie er war, nicht mit dem Rest mithalten würde können. Stattdessen wanderte er zusammen mit ihnen, der langsamste der Wissenschaftler bewegte sich langsamer als er. Wahrscheinlich half es nicht unbedingt, dass die Hälfte von ihnen alle paar Meter anhalten wollte, um Proben von Insektenleben oder ungewöhnlichen Pflanzen zu nehmen.

„Sie können nicht anders“, sagte Ted. Er hielt mit Kevin Schritt, war nie mehr als ein Meter von ihm entfernt, als hätte er Angst, dass Kevin sich im Dschungel verlaufen würde.

„Die klügsten Menschen, die du je treffen wirst, aber das heißt einfach nur, dass ein Ort wie dieser zu voll von potenziellen Entdeckungen ist. Es geht ihnen darum, der Erste zu sein, der eine neue Spezies an Schmetterlingen entdeckt oder eine Substanz findet, die Krebs heilt und sie vergessen, wie groß das Ding ist, womit wir es hier zu tun haben. Sie können nur daran denken, wie viel Leben es im Dschungel gibt.“

Kevin konnte ihnen keine Vorwürfe machen, denn der Dschungel war voll mit Leben auf eine Art, wie er es nie geglaubt hätte. Es schien, dass es überall wo er hinsah, Pflanzen gab, die er noch nie zuvor gesehen hatte und Riesenbäumen, deren Blätter Dächer bildeten, Kriechpflanzen, die sich ihren Weg zwischen ihnen suchten und kleinere Tiere, die versuchten, jedes bisschen Sonnenlicht auf dem Boden einzufangen. Es gab Insekten und kleine Eidechsen, kleine Säugetiere und gelegentliches Rascheln im Busch, das größere Tiere vermuten ließ.

Oh, und Spinnen, groß genug, dass Kevin nicht in ihre Nähe kommen wollte. Das einzig Lustige daran war, dass auch Professor Brewster eine besonders Angst vor ihnen zu haben schien, er sprang jedes Mal so hoch, wenn er eine sah, dass Kevin dachte, er würde das Blätterdach erreichen.

„Woran denken Sie, wenn Sie hier sind?“, fragte Kevin Ted.

„Abgesehen von der Mission?“ Der Soldat zuckte die Achseln. „Hauptsächlich Erinnerungen an das letzte Mal, als ich hier war. Du musst vorsichtig sein, Kevin.“

„Ich werde nicht weglaufen“, sagte Kevin. Manchmal behandelten die Leute ihn, als wäre er nicht schon dreizehn Jahre alt. Als wäre er nur … ein Kind oder so.

„Das meinte ich nicht“, sagte Ted. „Die Dinge sind nach dem Frieden mit den FARC besser geworden, aber es gibt immer noch Kartelle da draußen, die es nicht mögen, wenn Menschen in ihr Gebiet kommen. Auch nicht die Armee. Eine Ansammlung von verschiedenen Gruppen von Wissenschaftlern wäre einfache Beute für die falschen Leute.“

Er warf einen Blick auf eine Gruppe Soldaten aus einem halben Dutzend verschiedener Nationen, die halfen, den Weg freizumachen − sie hackten den Weg frei mit der Sicherheit von Menschen, die das schon viele Male zuvor an anderen Orten getan hatten.

„Es ist nicht nur das, oder?“, fragte Kevin. „Sie vertrauen den Menschen nicht, mit denen Sie arbeiten.“

„Nachdem ich den letzten Tag mit einem Wettlauf verbracht habe, um der Erste hier zu sein?“ Ted schüttelte seinen Kopf. „Aber das ist normal. Wir sind alle hinter etwas Wertvollem her. Wir haben etwas Wertvolles, dich, weil du die Signale übersetzen kannst. Vielleicht wird nichts passieren. Vielleicht wird alles gut gehen, aber du weißt, was sie sagen: Hoffe auf das Beste, bereite dich auf das Schlimmste vor.“

Aus dieser Sicht schien der Dschungel ein noch bedrohlicherer Ort zu sein als zuvor, voll von Stellen, wo es leicht schien, jemanden zu greifen. Kevin gab sich Mühe, das zu ignorieren.

Etwas, was er nicht ignorieren konnte, war die Hitze. Da er aus Kalifornien stammte, hatte er gedacht, dass der Unterschied nicht so gravierend wäre, eben nur ein paar Grad wärmer. Er hatte nicht die Auswirkungen des Regens bedacht, der in Verbindung mit der Hitze den ganzen Ort in eine Art riesigen Schnellkochtopf verwandelte, mit Dampf, der sichtbar von den Menschen abgegeben wurde, während sie liefen.

„Geht es dir gut Kevin?“, fragte Dr. Levin.

Er nickte. „Mir geht es gut.“

„Du sagst jemandem Bescheid, wenn sich das ändert?“, fragte sie. Sie schaute hinüber zu Kevins Mutter, die hinter ihnen herlief. „Deine Mutter ist recht besorgt, dass es falsch war, dich hierher mitzunehmen.“

„Ich wollte hier sein“, sagte Kevin. Er wusste, dass die Wissenschaftlerin nur versuchte, auf ihn aufzupassen, aber er wollte das sehen. Er wollte das Objekt finden, das die Außerirdischen auf die Erde geschickt hatten. Er wollte sehen, wohin alles, was er übersetzt hatte, führte.

„Na ja, ich hoffe, es ist nicht so weit weg“, sagte Dr. Levin. „Du bist vielleicht in Ordnung, aber ich schmelze in dieser Hitze.“

„Wir sind nicht weit von der Stelle, wo wir es im Internet lokalisiert haben“, sagte Ted und überprüfte ein robust aussehendes GPS-Gerät. „Nur noch ein wenig weiter in diese Richtung.“

Sie gingen weiter und fanden eine Lichtung, die sie als Basis-Lager nutzten konnten, während sie suchten. Einige der Soldaten begannen grobe Planen aufzustellen, um den Regen abzuhalten, während die verschiedenen Gruppen von Wissenschaftler ihre Ausrüstungen aufstellten, die sie durch den Dschungel getragen hatten. Sie bauten etwas auf, das wie Metalldetektoren aussahen und merkwürdige Geräte, die auf kleine Wagen passten, die mit der Hand gezogen werden konnten. Einige stellten so viel Computerzubehör auf, dass sie wahrscheinlich ihre üblichen Labore von dort aus hätten betreiben können, wenn sie nicht so von der Welt abgeschnitten gewesen wären. Das Merkwürdigste daran, war, dass es fast ein halbes Dutzend beinahe identischer Ausrüstung gab.

„Das Objekt, das auf die Erde gekommen ist, ist irgendwo hier in die Nähe heruntergefallen”, erklärte Professor Brewster, offensichtlich nahm er an, dass er hier das Sagen hatte. „Wir müssen es finden. Das heißt, wir schwärmen aus und suchen die Absturzstelle, indem wir nach Beschädigungen suchen, dann nutzen wir unsere Ausrüstungen, um das Objekt zu lokalisieren.“

„Passt auf euch auf“, warnte Ted und Kevin nahm an, dass es außer Ted niemand sonst getan hätte. Professor Brewster wäre es zufrieden damit, die Leute ohne weitere Anweisungen in den Dschungel schicken. „Arbeitet immer in Paaren, falls irgendetwas passiert, kann der andere Hilfe holen. Bleibt in der Nähe vom Camp und bleibt in Kontakt. Der Dschungel wird versuchen, euch zu verschlingen. Passt auf Tiere auf und geht nicht in die Nähe von Wasserquellen. Es gibt Kaimane und Schlangen in dieser Gegend.“

Die Wissenschaftler bewegten sich vorsichtig, begleitet von Soldaten und einheimischen Guides, die irgendwo aufgetrieben worden waren.

„Sollen wir hingehen und uns umschauen?“, fragte Kevin.

Ted schüttelte seinen Kopf. „Im Moment ist es besser zu warten. Lass die Anderen die Kapsel finden. Du wirst sie noch früh genug sehen und ich sollte jetzt besser einen Anruf machen.“

Er stand auf und nahm ein Satelliten-Telefon heraus, dass jetzt wahrscheinlich funktionieren würde, da sie auf einer Lichtung standen, mit freiem Blick auf den Himmel. Er ging ein wenig weiter weg und sprach leise. Kevin dachte daran, näher heranzuschleichen, um zu hören, was er sagte, aber etwas an der Art wie der Soldat, sprach ließ annehmen, dass das keine so gute Idee war.

„Ich glaube, wir haben etwas gefunden!“, rief einer der Wissenschaftler aus dem Dschungel. Kevin konnte nicht mehr still sitzen und die anderen in dem kleinen Camp anscheinend auch nicht. Er gehörte zu denen, die dem Ruf nacheilten und durch den Dschungel liefen, während die weiche Erde unter ihm nachgab, als seine Füße sie berührten. Er folgte den Wissenschaftlern auf eine weitere kleine Lichtung. Kevin hatte fast einen Krater erwartet, umgeben von Verwüstung. Stattdessen gab es dort nur ein paar Kratzer auf der Erde, die darauf hinwiesen, dass dort etwas war.

Das Merkwürdige war, dass die Bäume drumherum nicht beschädigt zu sein schienen. Wenn in jüngster Zeit etwas auf die Erde gefallen wäre, hätte es dann nicht Schäden, Trümmer und sogar glimmende Glut gegeben?

Dann erkannte Kevin, dass er es falsch anging. Die Außerirdischen hatten ihre Nachricht schon vor Jahren geschickt, waren sogar mit Lichtgeschwindigkeit gereist. Warum sollte dann ihre Rettungs-Kapsel gerade erst angekommen sein? Warum sollte sie nicht schon Jahre, ja Jahrzehnte hier sein und darauf warten, von jemanden entdeckt zu werden? Ihm gefiel die Idee, dass dort etwas Geheimnisvolles auf seine Entdeckung wartete. Es gab ihm das Gefühl, ein Schatzsucher zu sein.

Die Wissenschaftler hatten ihre Arbeit bereits begonnen, sie arbeiteten mit mehreren Geräten. Von dem, was Kevin hören konnte, schien es nicht so gut zu laufen.

„Ich bekommen keine Antwort vom Metalldetektor“, rief Phil. Der Forscher hatte sein Hawaii-Hemd bereits durchgeschwitzt. „Ich habe es noch nie so leise gehört.“

„Ich bekomme keine Antwort, wenn ich nach einer Wärmesignatur suche“, rief ein weiterer aus.

„Das sollten wir auch nicht“, rief Phil zurück. „Seitdem es gelandet ist, sollte es sich abgekühlt habe und wir wissen nicht, wann das war. Was ist mit dem Magnetometer?“

Ein Wissenschaftler, der das Ding, das wie ein Handkarren aussah, schleppte, schüttelte den Kopf. „Der Boden ist zu uneben. Ich kann nicht sagen, ob ich Signale erhalte oder einfach nur Störmeldungen.“

Anscheinend hatte der Bodenradar dasselbe Problem, obwohl Kevin nicht einmal gewusst hatte, dass es so ein Ding überhaupt gab. Er wusste nicht wirklich, wie die Hälfte der Ausrüstungen der Wissenschaftler funktionierte; es könnte Magie sein können, obwohl er bezweifelte, dass sie diesen Vergleich mögen würden. Von dort, wo er stand, bedeutete es nur, einen Haufen Wissenschaftler zu beobachten, die mit Geräten und Kabeln herumlaufen, Bildschirme beobachten oder Dinge piepen hörten. Es hatte Spaß gemacht, zuzusehen, zumindest für die erste Stunde.

„Dann müssen wir eben graben“, sagte Professor Brewster endlich. „Es muss hier irgendwo sein, wenn wir alles umgraben, dann werden wir es vielleicht finden.“

Es schien, dass ‚wir‘ Professor Brewster nicht einbezog, denn der Institutsdirektor bewegte sich nicht, um eine Schaufel aufzuheben. Viele der anderen Wissenschaftler taten es jedoch und sogar ein paar Soldaten halfen, hackten die Erde um sich herum auf, als ob sie ihre Geheimnisse enthüllen könnten, wenn sie nur hart genug arbeiteten.

Es schien für Kevin nichts zu tun zu geben, außer zu warten. Er hatte keine Schaufel und auf jeden Fall schien das nicht der beste Weg, etwas zu finden. Es war einfach nur wahlloses Herumstochern, in der Hoffnung, dass irgendwas passierte. Es schien ein wenig wie das Graben von zufälligen Löchern an einem Strand in der Hoffnung, dass man eine Piratenkiste finden würde. Er stand einfach da und versuchte, ihnen beim Graben nicht im Weg zu stehen.

Dann spürte er durch die Bäume die Verbindung zu einem Flüstern, fast undefinierbar. Es fühlte sich ein wenig wie der Puls des Countdowns in ihm an, außer dass dieses Pulsieren stärker zu werden schien, wenn er ein paar Schritte auf dem Weg machte, den die herabfallende Rettungs-Kapsel genommen haben musste. Als er in die andere Richtung trat, wurde es schwächer.

Kevin blieb stehen und versuchte, sicherzugehen, dass er sich nicht irrte. Er wollte nicht sagen, dass er wusste, was er tat, bis er sicher war, dass es mehr als nur ein Gefühl in ihm war. Was, wenn es einfach nur die Hitze war?

„Ist es nicht“, sagte Kevin sich selbst und wünschte, er wäre so sicher, wie er zu klingen versuchte.

Kevin lief weiter und versuchte dem Pulsieren zu folgen, blieb dran, wenn es stärker wurde und suchte sich seinen Weg durch die Bäume. Jedes Mal, wenn es schwächer wurde, hielt er an, ging im Kreis herum, bis er die Richtung gefunden hatte, die sich am stärksten anfühlte. Es dauerte nicht lange, bis er eine klare Route gefunden hatte, die ihn zu etwas führte, was wie ein kleiner Trampelpfad aussah. Kevin folgte ihm, bis er eine Fläche erreichte, die sich zu einem langen natürlichen Teich öffnete, so breit wie ein Swimming Pool, mit grünbraunem Wasser. Instinktiv wusste Kevin, dass das Objekt, das zur Erde gekommen war, irgendwo dort war, unter der Oberfläche. Er konnte seinen Sog so stark spüren, jetzt, da er einen Schritt in Richtung Pool machte, dann einen weiteren, und versuchte, sich an den Grund zu erinnern, warum ihm gesagt worden war, er solle genau das nicht tun …

Eine schuppige Form erhob sich aus dem Wasser und Zähne schnappten mit einem Schwung, der Kevin zurückweichen ließ, kaum schnell genug, um ihnen auszuweichen. Er hätte an Alligatoren gedacht, wenn Ted sie vorhin nicht alle vor etwas anderem gewarnt hätte. Die Schnauze der Kreatur war lang und spitz, seine Form ein wenig zu glatt. Der Kaiman kam weiter auf ihn zu, kam aus dem Wasser und auf den Boden, seinen Schwanz in einer S-Form hinter sich herziehend.

„Hilfe“, rief Kevin. Er wollte sich umdrehen und weglaufen, aber er nahm an, sobald er das versuchte, wäre das Ding auf ihm. Stattdessen ging er weiter zurück, während der Kaiman mit einem Knurren vorwärts kroch, das versprach, dass Kevin seine nächste Mahlzeit sein würde. Kevin spürte den Stamm eines Baumes an seinem Rücken und er wusste, dass er den Pfad verpasst hatte, was bedeutete, dass der Kaiman an Boden gewann. Es öffnete seinen Kiefer und zeigte seine anscheinend endlosen Zähne –“

Der Knall der Waffe erklang so laut in der Stille des Dschungels, dass Kevin dachte, er würde taub werden. Der Kaiman machte vor Schmerz ein zischendes Geräusch und sackte in sich zusammen. Kevin sackte auch zusammen, nur der Baum hielt ihn noch oben, als Ted mit einem Gewehr an seine Schulter gelehnt in sein Blickfeld kam. Er senkte es erst, als er sicher war, dass das Vieh tot war.

„Bist du okay?“, fragte er.

Kevin schaffte es zu nicken, trotz seiner Angst, die ihn noch immer im Griff hatte. „Ich denke schon.“

„Was hast du denn gemacht? Ich dachte, ich habe gesagt, du sollst nicht weggehen.“

Kevin wollte sagen, dass er kein kleines Kind mehr war. Stattdessen nickte er zu dem Teich mit dem dunklen Wasser. „Ich musste, ich habe etwas gefühlt … ich glaube, es ist hier drin.“

Er sah den Soldaten blinzeln, dann schaute er aufs Wasser. „Bist du sicher?“

„Ja“, sagte Kevin. „Ich weiß nicht, warum ich mir sicher bin, aber es ist da.“

Zu seiner Überraschung fragte Ted nicht weiter, er rief einfach die anderen. Sie kamen genauso eilig wie vorhin, als sie die ersten Anzeichen von Schäden gefunden hatten. Sie waren allerdings nicht so schnell damit, sich ins Wasser zu stürzen, offensichtlich hatten sie Angst vor dem, was darin lauerte.

Schließlich stiegen Ted und drei weitere Soldaten, zwei Skandinavier und ein Amerikaner hinein und wateten mit einer Plane als Netz hindurch.

„Wir haben etwas“, rief Ted zurück und sie wickelten die Plane um das Ding, zogen es gemeinsam an, um es zu heben, und trugen es aus dem Wasser. Es schien ewig zu dauern und Kevin erwartete etwas Großes, da sie sich so abmühten, es herauszuziehen. Ein Dutzend der Wissenschaftler schickte sich an, ihnen zu helfen.

Als es schließlich von der Plane auf den Boden rollte, war es nicht das, was Kevin erwartet hatte. Er hatte gedacht, dass es größer sein würde. Seine Fantasie hatte ihm suggeriert, dass es ein Fahrzeug wäre, das größer als ein Auto war, vielleicht fast so groß wie ein Haus. Er hatte gedacht, dass es silbern und glänzend sein würde oder so schwarz, dass es wie der Weltraum aussah, durch den es geflogen war.

Stattdessen lag hier eine perfekte Kugel, die noch schlammig vom Wasser war, aber glatt darunter. Sie sah aus, als hätte jemand eine Bowlingkugel aus Stein durch das Universum geschossen oder sie vielleicht aus einer großen Kanone auf die Erde geschossen.

Dennoch versammelten die Wissenschaftler sich darum, bis Kevin sie kaum noch sehen konnte, da es so viele waren.

„Ist es das?“, fragte Professor Brewster. „Lasst mich durch, lasst mich durch. Haben wir es gefunden?“

„Wir haben auf jeden Fall etwas gefunden“, sagte Dr. Levin. Sie hörte sich an, als ob sie sich zwang, ruhig zu bleiben und sich nicht zu sehr aufzuregen. „Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, was genau es ist.“

Ted schüttelte seinen Kopf. „Ehe wir irgendwas tun, gibt es zumindest eine Sache, die wir tun müssen. Wir müssen es zurückbekommen.“

KAPITEL VIERZEHN

Kevin konnte seine Augen nicht von der Kugel lassen, während sie das Objekt auf einer Art Trage zurücktrugen, und war sich nicht ganz sicher, was er davon halten sollte, während sie zurück durch den Dschungel zum Basiscamp gingen. Er war aufgeregt und verblüfft, gefangen zwischen Freude über den Fund, auf den die außerirdischen Signale sie hingewiesen hatten, und der Überraschung, dass es nicht das große silberne Raumschiff war, das er sich vorgestellt hatte.

Es fühlte sich merkwürdig an, es tatsächlich gefunden zu haben, auch wenn sie alle deswegen hierhergekommen waren. Es fühlte sich an, als wenn es nicht da sein sollte, aber es war da und jetzt konnte Kevin seine Aufregung kaum noch zurückhalten zu erfahren, was sich im Inneren befinden würde.

„Wir werden es öffnen, sobald wir es zurückbekommen, richtig?“, fragte er Dr. Levin, die aussah, wie jemand der auf Weihnachten wartete.

Neben ihm nickte Dr. Levin. „Das ist die Idee. Es wird auf uns in einem Labor auf dem UN-Gelände außerhalb von Bogota warten und dann werden wir sehen, was dort drinnen ist.“

Er konnte hören, dass sie versuchte nicht allzu aufgeregt wegen all dem zu sein. Tatsächlich schienen die meisten der Wissenschaftler hier genauso glücklich zu sein, diesen seltsam glatten Stein gefunden zu haben, wie sie es gewesen wären, wenn sie eine Art intaktes außerirdisches Raumschiff gefunden hätten, das mit fortschrittlicher Technologie übersät war. Vielleicht war es, weil sie Wissenschaftler waren und ein Stein irgendwie realer für sie war. Sie waren wahrscheinlich daran gewöhnt, Gestein aus dem Weltall zu testen, wenn sie von der NASA waren, während Raumschiffe unmöglich für sie schienen.

Dennoch hoffte Kevin, dass die Dinge noch viel cooler werden würden, wenn sie den Stein einmal geöffnet hatten. Vielleicht gab es Alien-Technologie im Inneren oder Nachrichten wie in einer Flaschenpost. Solange die Außerirdischen nicht wirklich winzig waren, bezweifelte er, dass sie dort drin waren, außer vielleicht sie waren wirklich klein oder hatten einen Weg gefunden, sich der Größe eines Raumes anzupassen, wenn sie mehr Platz benötigten, als ihnen zur Verfügung stand.

Was immer es war, es wäre wunderbar.

Sie gingen zurück zu dem Ort, wo sie die Trucks gelassen hatten und schon machten sich die Wissenschaftler daran, ihre Ausrüstung zusammenpackten. Es schien, als ob sie genauso begierig darauf waren, zusammenzupacken und den Stein zu öffnen, den sie entdeckt hatten, wie Kevin. Als sie ihre Ausrüstung herausgeholt hatten, waren sie sehr vorsichtig damit umgegangen, aber jetzt warfen sie praktisch alles in die Fahrzeuge zurück.

„Wir sollten in die Trucks steigen“, sagte Dr. Levin. „Wir sind fast startklar, glaube ich.“

Kevin nickte und begann zurück zum Jeep zu gehen. Er sah, dass Professor Brewster ebenfalls auf dem Weg dorthin war und wollte ihm aus dem Weg gehen, aber zu Kevins Überraschung sah der NASA-Institutschef tatsächlich glücklich aus. Er tänzelte praktisch vor Aufregung an Ort und Stelle.

„Wir haben es gefunden“, sagte der Professor. „Wir haben es tatsächlich gefunden. Es ist … ich weiß, ich war hart zu dir Kevin, aber das war nur, weil ich sicher gehen wollte. Seitdem ich … nun ja … seit ich in deinem Alter war.“

Kevin konnte es kaum glauben, von Professor Brewster hatte er am allerwenigstens einen derartig kindlichen Optimismus erwartet.

Er rannte zurück zum Jeep, wo Ted und seine Mutter auf ihn warteten. Zum ersten Mal, seit das hier begonnen hatte, hatte seine Mutter eine Art von Bewunderung auf ihrem Gesicht, das Kevin sagte, dass sie endlich verstand, was hier vor sich ging, dass sie es nicht nur Kevin Zuliebe machte. Ted schien ein weniger glücklich zu sein. Wenn Ted sich über etwas Sorgen machte, dann war das nicht gut. Immerhin hatte er ohne Schwierigkeiten einen Kaiman erledigt.

Das konnte Kevins Glück aber nicht dämpfen. Die Wissenschaftler waren mit ihren ganzen Testgeräten gekommen, aber er war derjenige gewesen, der die Stelle gefunden hatte, an der die außerirdische Kapsel lag. Es fühlte sich ein wenig an, als ob sie ihm gehören würde, selbst wenn sie sich jetzt in einem zwanzig Meter entfernten Lastwagen befand, bewacht von einer Mischung aus Wissenschaftlern und Soldaten verschiedener Nationen. Für ihn fühlte es sich an, als ob das, was von nun an geschah, von ihm abhingen würde.

„Was glaubst du, was in der Kapsel sein wird, wenn wir sie öffnen?“, fragte Kevin.

Ted dachte ein paar Sekunden darüber nach.

„Sie könnten eine Zeit-Kapsel voll mit Informationen geschickt haben. Vielleicht hoffen sie, dass jemand da draußen die Technologie hat, um sie von dem zurückzuholen, was ihnen widerfahren ist. Du wirst die Wissenschaftler fragen müssen. Sie wissen vielleicht mehr.“

Vielleicht würden sie das. Zumindest schienen die meisten darüber zu sprechen, sodass die Radios des Konvois voll mit Spekulationen in verschiedenen Sprachen waren. Kevin hatte sie nicht so aufgeregt gehört, seit diese Alien-Botschaften begonnen hatten. Vielleicht war es, weil sie jetzt mehr als nur ein Signal hatten, dass von einem Dreizehnjährigen übersetzt wurde. Vielleicht gefiel es Ihnen, dass sie etwas Solides hatten, um zu beweisen, was geschah.

Kevin konnte es ihnen nicht verübeln. Obwohl er gewusst hatte, dass das, was er sah, real war, war es eine Art Erleichterung, die Kugel gefunden zu haben. Sie war der Beweis dafür, wie bedeutsam all das war.

„Wie lange dauerte es noch, bis wir auf dem UN-Gelände sind?“, fragte Kevin. Er wollte jetzt sofort dort ankommen, sodass sie die Kugel untersuchen konnten.

„Das hängt davon ab“, sagte Ted. „Wir haben bereits gesehen, wie knifflig die Straßen sein können – Mist.“

Für einen Moment dachte Kevin, dass es vielleicht eine weitere Blockade an der Straße gäbe. Dann sah die Gruppe von uniformierten Personen, die ihre Waffen vor sich hielten.

Er starrte sie schockiert an. Kevin konnte die Bestürzung der anderen im Radio hören, als sie sahen, was geschah. Sogar Ted schien angespannt, wenngleich nicht überrascht. Er sah eher so aus, als hätte er das erwartet.

„Zu spät, um rückwärtszufahren“, sagte Ted und verlangsamte den Jeep. „Es sind zu viele Leute hinter uns. Sieht so aus, als müssten wir das auf die harte Tour machen.“

Er brachte das Auto zum Stehen und drehte sich zu Kevin. „Sie sehen aus wie kolumbianisches Militär und nicht wie eines der Kartelle, also sollte das in Ordnung sein, aber wenn nicht, bleibt im Auto und haltet die Köpfe unten. Verstanden?“

„Ja“, antwortete Kevins Mutter.

Ted sah zu Kevin. „Verstanden?“

„Okay“, sagte Kevin. Was dachte der ehemalige Soldat, was er tun würde? „Ähm … sie werden uns aber nicht erschießen, oder?“

„Wahrscheinlich nicht“, erwiderte Ted.

„Wahrscheinlich nicht?“ Das hörte sich nicht so überzeugend an. Kevin hätte ‚auf keinen Fall‘ oder sogar ‚mach dir keine Sorgen‘, bevorzugt.

Ted nickte dorthin, wo Professor Brewster bereits nach vorne zum Konvoi kam. „Ich nehme an, das hängt davon ab, wen wir sprechen lassen.“

Er sprang aus dem Truck und Kevin konnte mehrere Personen an sich vorbeilaufen sehen, entweder wollten sie helfen oder zeigen, dass sie eine Art Autorität hier hatten oder vielleicht wollten sie auch nur sehen, was geschah.

Das war auch der Grund, warum er ausstieg.

„Kevin“, sagte seine Mutter. „Ted hat gesagt, wir sollen im Auto bleiben.“

„Ich weiß Mama“, sagte er, „aber ich glaube nicht, dass es einen großen Unterschied machen wird, bei der Entscheidung, ob es eine Art Kampf gibt oder nicht.“

„Kevin“, sagte seine Mutter erneut, als Kevin aus dem Jeep sprang und nach vorne lief.

Er hörte, wie seine Mutter ihm folgte, aber er ging einfach weiter. Das wollte er nicht verpassen.

Als er die Gruppe der bewaffneten Personen erreicht hatte, diskutierten sie bereits in einem Ton, der sich gefährlich nah an einer Eskalation bewegte. Kevin hatte Kinder in der Schule gesehen, wenn sie sich gegenseitig beleidigten und nicht klein beigeben wollten, weil sie dachten, dass sie dann dumm dastanden. Sie vermittelten immer das Gefühl, dass sie nicht kämpfen wollten, dass sie Angst hatten und die ganze Sache dumm war, aber sie wollten es trotzdem. Kevin hatte nicht erwartet, dass es bei Erwachsene genauso war, aber zumindest einige von ihnen schienen sich so zu verhalten.

„… und ich sage Ihnen Professor, dass dies das souveräne Gebiet Kolumbiens ist“, sagte ein älterer Mann zu Professor Brewster. „Wollen Sie mir erzählen, dass sie uns erlauben würden, dieses Artefakt wegzunehmen, wie Sie es gerade versuchen, wenn es auf US-Territorium gefallen wäre?“

„Nein, natürlich nicht General“, keifte Professor Brewster. „Weil wir die besten wissenschaftlichen Einrichtungen der Welt haben.“

„Bestreiten Sie die Qualität der wissenschaftlichen Programme Kolumbiens?“, fragte der General.

„Ich sage, dass Sie nicht ein Zehntel der Ressourcen haben, die wir haben“, antwortete Professor Brewster.

„Das schien den anderen Mann nicht zu beeindrucken. Wenn überhaupt, schien es ihn nur noch mehr zu verärgern. „Das ist es also? Die USA sind die größten und die reichsten und wir müssen uns alle ihren Wünschen beugen?“ Kevin sah ihn den Kopf schütteln. „Wir hatten in der Vergangenheit genug davon. Glauben Sie, ich erkenne hier nicht einige der Männer von damals?“

„Als wir eingeladen wurden“, sagte Ted und kam nach vorne. „General Marquez, ich habe Sie sich nicht beschweren hören, als wir Ihrem Land im Kampf gegen die Kartelle geholfen haben.“

„Und jetzt bedient ihr euch selbst“, sagte der andere Mann.

„Wir haben durch diplomatische Kanäle Kontakt aufgenommen“, verteidigte Professor Brewster sich. „Wir haben Ihnen gesagt, dass wir kommen würden.“

„Aber Sie haben nicht auf die Erlaubnis gewartet“, erwiderte General Marquez. Kevin hatte das Gefühl, dass alles schnell bergab ging und er befand sich in der Mitte, mit Erwachsenen, die um ihn herum stritten. Erwachsene, die definitiv nicht auf jemandem wie ihn hören würden und die entschlossen schienen, zu streiten, bis alles in Gewalt endete.

„Wenn Sie mir eine Minute geben, Sir“, sagte Ted, dann kann ich unseren Präsidenten ans Telefon bekommen − für Sie und Ihren Präsidenten.“

„Damit sie zustimmen können, dass wir tun sollten, was Sie wollen, im Gegenzug für ein kleines Zugeständnis, ein leeres Versprechen?“, höhnte der General. „Unser Präsident ist ein guter Mann, aber das ist eine militärische Angelegenheit.“

„Sieht so aus, als wenn es eine wird“, sagte Ted. Das Merkwürdige für Kevin war, dass er seine Stimme nicht erhob, auch nicht inmitten einer gefährlichen Situation wie dieser hier. Professor Brewster schwitzte und Kevin konnte spüren, wie er selbst nervös wurde, aber es schien, dass der ehemalige Soldat einfach nur … ruhig war.

Es war jedoch eine gefährliche Art von Ruhe und bereitete Kevin fast genauso viel Sorgen wie der Rest.

„Ich werde das ganz einfach machen“, sagte General Marquez. „Das Artefakt, das Sie transportieren, gehört dem kolumbianischen Volk. Wir werden es in Besitz nehmen. Wenn Sie versuchen, uns daran zu hindern, werden Sie verhaftet und inhaftiert. Und jetzt − treten Sie zurück.“

Er machte eine Bewegung in Richtung des ersten Trucks im Konvoi, offensichtlich wollte er ihn auf Anzeichen von etwas Außergewöhnlichem überprüfen.

„Ich kann Ihnen nicht erlauben, diesen Truck anzufassen, Sir“, sagte Ted und jetzt hatte er auf einmal eine Waffe in seiner Hand und zeigte direkt auf den kolumbianischen General.

Sofort waren da noch mehr Waffen auf ihn gerichtet, mehr als Kevin je in seinem Leben gesehen hatte.

KAPITEL FÜNFZEHN

Kevin versuchte sein Bestes, nicht verängstigt auszusehen, als Dutzende von Waffen auf ihn zeigten. Es war nicht einfach. Die meisten kolumbianischen Waffen schienen auf Ted gerichtet zu sein, aber da Kevin nicht so weit wegstand, machte es für ihn keinen großen Unterschied. Die Soldaten auf ihrer Seite hatten in der Zwischenzeit die Gelegenheit genutzt, ihre eigenen Waffen auf die Kolumbianer zu richten. Was vor Sekunden eine einseitige Sache schien, hatte sich in Sekundenschnelle in eine gefährliche Pattsituation verwandelt.

„Sie sind immer noch unterlegen“, sagte General Marquez. „Wenn ihr schießt, werdet ihr alle sterben.“

Ted zuckte zusammen. „Bei allem Respekt Sir, Sie würden zuerst sterben.“

Er bewegte sich, sodass der General zwischen ihm und den anderen Kolumbianer stand.

„Denken Sie, das interessiert mich?“, forderte General Marquez. „Das hier ist wichtiger als Sie, wichtiger als ich, und ich habe immer noch eine überlegene Feuerkraft auf meiner Seite.“

„Dann ist es ja gut, dass ich Unterstützung aus der Luft angefordert habe“, erwiderte Ted.

„Sie bluffen.“

Aber Kevin konnte das Geräusch der Rotorblätter in der Ferne hören und es schien, dass auch alle anderen das konnten. Es hätte ihm das Gefühl der Sicherheit geben sollen, aber soweit er sehen konnte, machte es die ganze Situation noch gefährlicher. Es schien die Anzahl der Leute, die sich vielleicht entscheiden könnten, im falschen Moment das Feuer zu eröffnen, zu erhöhen.

Tatsächlich war ein Helikopter über den Baumwipfeln zu sehen, der irgendwie eckig und mit Waffen bespickt aussah. Kevin dachte an den Anruf, den Ted vorhin getätigt hatte. Er hatte das hier erwartet oder zumindest etwas Ähnliches. Er schaute hoch und dann auf all die Männer mit den Waffen, die sie aufeinander richteten. Noch ein paar Sekunden und es könnten überall Kugeln fliegen.

Also tat Kevin das Einzige, was er tun konnte und trat zwischen Ted und den General.

„Geh aus dem Weg, Kevin“, sagte Ted.

„Du solltest weggehen“, stimmte ihm General Marquez zu.

Kevin schüttelte seinen Kopf. „Nein.“

„Kevin!“, schrie seine Mutter von weiter hinten, aber ein paar Forscher hielten sie an den Armen fest, ehe sie nach vorne laufen konnte. „Geh dort weg!“

Kevin bewegte sich nicht. Er schaute von Ted zum kolumbianischen General, blieb eine Weile zwischen den beiden stehen, während der Helikopter oben als eine ständige Bedrohung schwebte.

„Sie sind beide Idioten“, sagte Kevin. Er war sich nicht sicher, wie er mit Erwachsenen sprechen sollte, erst recht nicht mit welchen, die schwer bewaffnet waren, aber soweit Kevin sehen konnte, war es nur die Wahrheit.

„Du verstehst nicht, was hier vor sich geht, Kevin“, sagte Ted.

„Er hat recht“, stimmte ihm General Marquez zu. „Du verstehst die Auswirkungen nicht.“

Warum dachten Erwachsene immer, dass sie die Einzigen waren, die Dinge verstanden? Warum glaubten sie, dass Kinder wie Kevin dumm waren?

„Sie wollen nicht, dass eine Menge von Leuten nach Kolumbien kommt und sich nimmt, was ihrem Land gehört oder dass man Ihnen sagt, was Sie tun sollen“, sagte Kevin, „weil Sie glauben, dass sie das nur tun, weil sie sich für etwas Besseres halten. Und Ted will die Kapsel nicht aufgeben, teils weil er denkt, dass wir die meiste Arbeit geleistet haben, um sie zu finden, teils weil er denkt, dass es uns schwach aussehen lässt, wenn wir sie loslassen, und teils, weil er Befehle hat und er die Art von Person ist, die sie befolgen wird, egal was passiert. Das alles ist dumm.“

Ted neigte seinen Kopf. „Kevin hat nicht ganz unrecht. Ich habe Befehle.“

„Und ich will nicht, dass Kolumbien beleidigt wird, indem es sich dieses Artefakt von den Amerikanern wegnehmen lässt“, sagte General Marquez. „Sie haben sich schon zu oft eingemischt.“

„Also sind Sie beide nur stur“, stellte Kevin fest. Es fühlte sich falsch an, so mit den beiden Erwachsenen zu reden, aber es war einfach die Wahrheit, und wenn er es nicht tat, würden sie wahrscheinlich alle erschossen werden. Es schien ein guter Grund weiterzumachen, also zeigte er auf die Wissenschaftler. „Schauen Sie sich an, wie all die verschiedenen Länder hier zusammenarbeiten. Wenn sie es schaffen, warum können Sie das nicht?“

„Was schlägst du vor?“, fragte General Marquez.

Zumindest darauf hatte Kevin eine Antwort. „Wir wollten die Kapsel zu einem UNO-Ort bringen …“

„Das WHO-Zentrum“, antwortete Ted.

„Also, warum machen wir das nicht?“, fragte Kevin. „Es würde so aussehen, als ob das alles passieren würde, weil Sie es zugelassen haben und Sie könnten dabei sein, wenn wir das Artefakt öffnen. Jeder würde es sehen.“

„Inklusive der Kameras“, sagte Ted. Er senkte seine Waffe. „Ich habe gehört, Sie denken darüber nach, in die Politik zu gehen, General.“

Der General war eine Weile ruhig, während er nachdachte und Kevin dachte, er verstand jetzt endlich.

„Es würde Sie nicht schwach aussehen lassen“, sagte er. „Es würde so aussehen, als wären Sie dafür verantwortlich, dass die Welt es zu sehen bekommt. Es wurde auf die Erde geschickt, nicht in ein bestimmtes Land. Es gehört allen. Es ist nicht Eigentum eines einzelnen Landes.“

General Marquez dachte erneut nach und nickte dann. „Okay“. Er rief seinen Männern etwas auf Spanisch zu und sie senkten ihre Waffen. „Wir werden Sie zum UN-Gelände begleiten und zusehen, wie dieses Artefakt dort geöffnet wird. Du warst sehr mutig, junger Mann.“

Kevin empfand Stolz, obwohl ein Blick auf das Gesicht seiner Mutter ihm sagte, dass er in Schwierigkeiten war, weil er sich in Gefahr begeben hatte. Ted legte einen Arm um seine Schultern und führte ihn zurück zum Jeep.

„Gut gemacht“, sagte er, „aber mach so etwas Dummes nie wieder. Wir hätten alle getötet werden können.“

Sie hätten getötet werden können, aber sie waren alle am Leben. Besser noch, die Trucks fuhren wieder im Konvoi und sie würden endlich zu dem Ort gelangen, an dem sie herausfanden, was das war, was die Außerirdischen aus ihrer Welt auf die Erde geschickt hatten.

„Wir werden die Kapsel öffnen“, sagte Kevin. Er konnte die Aufregung in seiner Stimme nicht verbergen.

„Das werden wir“, stimmte Ted zu und  ausnahmsweise klang er einmal fast so aufgeregt wie Kevin. „Wir werden sehen, was die Außerirdischen uns geschickt haben.“

KAPITEL SECHSZEHN

Kevin behielt den Truck im Auge, der die Kapsel bis nach Bogota fahren sollte. Er hatte beinahe das Gefühl, dass, wenn er für einen Moment die Augen davon abwandte, eine der verschiedenen Gruppen, die so viel Zeit damit verbracht hatten, sich darüber zu streiten, versuchen würde, sie an sich zu reißen.

„Die Kapsel wird nicht verschwinden“, sagte Ted. „Du hast gute Arbeit geleistet, um alle davon zu überzeugen, gemeinsam daran zu arbeiten, Kevin.“

Kevin wollte das glauben, aber die Kapsel war fast aus dem Nichts gekommen, oder? Warum sollte sie dann nicht auf dieselbe Art verschwinden können? Warum sollten sie nicht auf einen leeren Raum starren, so wie sie auf all die Geheimnisse hofften, die die Außerirdischen für sie vorbereitet hatten?

„Es wird alles gut, Kevin“, sagte seine Mutter und legte eine Hand auf seine Schulter. „Du hast bereits den schwierigen Teil erledigt.“

Kevin verstand das, aber dennoch beobachtete er den Truck. Es ging nicht nur darum, dass er sichergehen wollte, dass nichts passierte. Es war mehr ein Versprechen als eine Notwendigkeit. Es fühlte sich an, als ob man auf den Weihnachtsmorgen und eine Fahrt in die Arztpraxis wartete, alles gleichzeitig. Er ließ sie nicht aus den Augen, bis er Bogota vor sich sehen konnte.

„Die UN-Einrichtung ist nur noch ein wenig weiter“, erklärte Ted.

Das Gebäude vor ihnen sah fünfzig Jahre moderner aus, als die meisten anderen Gebäude in der Gegend. Es war aus Glas und Stahl gebaut, während die Häuser, die es umgaben eher idyllisch und altmodisch aussahen. Das umgebende Gelände war von Soldaten mit blauen Helmen besetzt. Sie machten keine Anstalten den Konvoi aufzuhalten, während dieser auf den Campus rollte und Kevin nahm an, das die Leute bereits vorab über ihr Kommen unterrichtet worden waren.

Das hieß, dass es keine Chance geben würde, die Kapsel schnell und unauffällig hineinzubringen. Es stand bereits UN-Personal bereit und schaute dem Konvoi entgegen, als dieser auf den Campus fuhr. Kevin konnte auch Reporter hinter einem Zaun sehen, die kaum durch die Anwesenheit der Soldaten zurückgehalten werden konnten. Kameras richteten sich auf sie und blitzen, als der Konvoi zum Stehen kam. Kevin wagte es, einen Seufzer der Erleichterung auszustoßen. Sie hatten es hierher geschafft. Sie hatten immer noch die Kapsel.

Er sah zu, als eine Gruppe von kräftig aussehenden Wissenschaftlern die Kapsel ins Gebäude trugen, die mit einer Plane abgedeckt war, sodass die Kameras nicht viel davon zu sehen bekamen.

„Ich wünschte, sie müssten sie nicht verstecken“, sagte Kevin.

Ted schaute von der Kapsel zu den Kameras. „Etwas sagt mir, dass sie das nicht allzu lange machen können. Komm, lass uns hineingehen.“

Kevin sprang vom Jeep und ging mit Ted, seiner Mutter und all den anderen auf das UN-Gelände. Er war nicht überrascht, hier weitere Reporter vorzufinden, die offensichtlich beschlossen hatten, die Chance auf ein erstes Bild gegen die Möglichkeit einzutauschen, Fragen zu stellen, sobald alle aus ihren Fahrzeugen stiegen.

„Ist es wahr?“, rief einer. „Haben Sie ein außerirdisches Raumschiff gefunden?“

Professor Brewster schien zu glauben, dass er es war, der antworten sollte und trat nach vorne. „Hallo, ich bin Professor David Brewster von der NASA. Wir haben etwas im Regenwald gefunden, aber im Moment können wir noch nicht sagen, was es ist. Meine Leute werden jetzt keine Fragen darüber beantworten, aber es wird in Kürze eine Pressekonferenz geben, auf der wir das gefundene Artefakt öffentlich untersuchen werden.“

Die Presse stellte weitere Fragen, aber Professor Brewster ignorierte sie und ging auf das Hauptgebäude der Anlage zu. Kevin und die anderen beeilten sich, mit ihm Schritt zu halten.

„Wir gehen wirklich direkt in eine Pressekonferenz?“, fragte Dr. Levin. Sie hörte sich nicht zu unglücklich darüber an, fand Kevin, nur überrascht.

„Die Dinge haben sich recht schnell entwickelt“, sagte Professor Brewster. „Die Streitigkeiten darüber, wer an dem Stein arbeiten darf, wurden ziemlich … laut und publik.“

Kevin hatte gehofft, dass die Wissenschaftler nach allem, was auf der Straße passiert war, besser miteinander auskommen würden.

„Es wurde entschieden, dass der einzige Weg, weitere Streitigkeiten zu vermeiden, ist, mit dieser Situation hier umzugehen. Es wird eine Pressekonferenz geben, um den Fund bekanntzumachen und da so viele meiner Kollegen darauf drängen, werden wir dort den Stein aufschneiden, um den Inhalt offenzulegen.“

„Sie wollen die Kapsel wirklich öffnen?“, fragte Kevin. Er war sich nicht sicher, ob sie das wirklich tun würden.

„Unter streng kontrollierten Bedingungen“, sagte Professor. „Wir können keine potenzielle Kontamination riskieren, weder im Gestein noch in der Umgebung. Der Raum, in dem wir die Öffnung durchführen werden, wird hermetisch abgedichtet sein.“

Er ging los, um das zu organisieren, und Kevin konnte spüren, wie sich seine Begeisterung steigerte.

„Sie werden sie wirklich aufmachen“, sagte er mit einem Grinsen. Das war so cool.

„Und wir sind Teil davon“, sagte Dr. Levin.

„Brauchen Sie Kevin bei der Pressekonferenz?“, fragte Kevins Mutter.

„Wahrscheinlich ja“, erwiderte Dr. Levin. „Er verdient es dabei zu sein, glauben Sie nicht?“

Kevins Mutter nickte. „Das tut er. Nach all dem, hat er das verdient.“

***

Der Presseraum war ein großer Konferenzraum, der offensichtlich für eine große Anzahl von Personen ausgelegt war. Dennoch fühlte er sich beengt an, als Kevin eintrat, so voll mit Reportern und Forschern, dass es fast unmöglich war, sich zwischen allen durchzudrängeln. An der gegenüberliegenden Wand war eine Leinwand aufgestellt worden, die ein reinweißes Labor zeigte, in dem die Kapsel auf einem Metalltisch lag, flankiert von einem Trio von Forschern. Sie trugen weiße Plastikanzüge, von denen Kevin annahm, dass sie dazu dienten, die Kapsel nicht zu verunreinigen. Sie trugen auch einen Gesichtsschutz und Schutzbrillen.

An der Vorderseite des Konferenzraums befand sich ein langer Tisch, an dem eine Vielzahl ernsthaft aussehenden Männern und Frauen saß. Kevin erkannte einige von ihnen von der Expedition, General Marquez saß in der Mitte. Kevin, Dr. Levin und Professor Brewster gingen hinauf, um sich ihnen anzuschließen.

„Danke, dass Sie alle gekommen sind“, sagte Professor Brewster. „Wie Sie wahrscheinlich schon wissen sind wir kürzlich von einer wissenschaftlichen Expedition in den Regenwald Kolumbiens zurückgekehrt. Während dieser Expedition haben wir das Objekt gefunden, das Sie hier sehen können.“

„Was ist das?“, rief einer der Reporter.

„Wo kam es her?“, fragte ein anderer.

Professor Brewster hielt inne, bevor er das beantwortete. Kevin fragte sich, wie es für ihn sein musste, etwas sagen zu müssen, was unmöglich klang, obwohl er wusste, dass es wahr war.

„Wir haben Grund zu der Annahme, dass es sich bei diesem Stein um eine Kapsel handelt, die von einer fremden Zivilisation geschickt wurde“, erklärte Professor Brewster.

Ein Keuchen kam aus dem Raum und alle Reporter begannen, gleichzeitig Fragen zu stellen.

Professor Brewster hob seine Hand und bat um Ruhe.

„Sie werden inzwischen wissen, dass die NASA Botschaften von einer fremden Zivilisation erhalten hat“, sagte er. „Diese wurden von Kevin McKenzie entschlüsselt und, basierend auf diesen Nachrichten, konnten wir dieses … Objekt lokalisieren.“

Er gestikulierte zu Kevin und fast sofort wurde Kevin von den Blitzen Dutzender Kameras geblendet.

„In Zusammenarbeit mit der kolumbianischen Regierung und einem internationalen Team von Wissenschaftlern“, fuhr Professor Brewster fort, „haben wir das Objekt gefunden und hierher gebracht.“

Er ließ es so klingen, als wäre alles viel friedlicher verlaufen, als es war, aber Kevin vermutete, dass das die Geschichte war, die sie alle erzählen sollten, von der Zusammenarbeit und der gegenseitigen Hilfe. Es schien keine schlechte Geschichte zu sein, wenn es die Leute ermutigte, es beim nächsten Mal tatsächlich zu tun.

„Wir werden zuerst Vorversuche an dem Objekt durchführen“, sagte Professor Brewster. „Und vorbehaltlich der Ergebnisse werden wir natürlich die Kapsel entsprechend der Nachrichten öffnen, die wir erhalten haben.“

Wieder fuhr ein aufgeregtes Raunen durch die Menge. Kevin stöhnte. All dieses Gerede war frustrierend. Er wollte zu dem Punkt kommen, an dem sie die Kapsel tatsächlich öffneten und sahen, was sich darin befand. Er versuchte sich vorzustellen, was da drin sein würde, aber die Wahrheit war, dass es unmöglich war, sich das vorzustellen. Es konnte alles von verschlüsselten Informationen auf einem versteckten Supercomputer bis zu Ampullen mit lebendem Material sein … alles.

„Kevin“, rief einer der Reporter. „Was denkst du, was das alles bedeuten wird? Wirst du weiterhin Nachrichten erhalten? Welche Auswirkungen wird das auf die Menschheit haben?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Kevin. „Ich glaube … ich glaube, mir würde es gefallen, wenn es irgendwie einen neuen Start für die Menschheit geben würde. Wenn wir wissen, dass es Außerirdische da draußen gibt, dann denke ich, müssen wir darüber nachdenken, wer wir sind.“

Es würde so viele Veränderungen auf der Welt geben und das Traurigste daran war, dass er wahrscheinlich die meisten davon nicht mitbekommen würde. Selbst dieser Gedanke konnte die Aufregung nicht beiseiteschieben. Er wollte sehen, was in dem Felsen ist. Das wollten wahrscheinlich jetzt alle.

„Wenn es keine weiteren Fragen mehr gibt“, sagte Professor Brewster, „werden wir mit dem Testprozess beginnen.“

Er gab den Wissenschaftlern auf dem Bildschirm, deren Namen Kevin nicht kannte, ein Zeichen, mit der Arbeit zu beginnen. Kevin merkte, wie er den Atem anhielt, während sie das taten.

„Röntgenstrahlen scheinen nicht schlüssig zu sein“, sagte einer der Wissenschaftler. „Es mag solide aussehen, aber es ist schwer zu sagen, wie ein normales Ergebnis für so ein Objekt aussehen sollte.“

„Die Spektrometrie weist auf eine Zusammensetzung hin, die mit einem jenseits der Erde liegenden Ursprung übereinstimmt“, sagte ein zweiter. „Ähnlich verschiedener Meteoriten-Zusammensetzungen in unserer Datenbank.“

Kevin fühlte, wie seine Erwartung weiter anstieg, während ein weiteres Raunen durch die Menge ging. Es schien, dass die Reporter dort genauso gerne herausfinden würden, was sich im Inneren der Kapsel befand. Oder fast genauso gerne, zumindest. Kevin konnte sich nicht vorstellen, dass es jemand noch dringender wissen wollte als er.

„Angesichts unserer vorläufigen Daten“, fragte Professor Brewster die Wissenschaftler auf dem Bildschirm, „gibt es einen Grund, warum wir nicht versuchen sollten, das Objekt zu öffnen?“

Für Kevin klang er, als wolle er so ruhig und autoritär wie möglich klingen. Kevin wünschte sich jedoch nur, dass sie sich beeilen würden. Er war sich nicht sicher, wie lange er noch dort sitzen und darauf warten konnte, bis sie endlich das taten, worauf alle warteten.

„Es gibt keine offensichtlichen Gefahren“, sagte der Wissenschaftler am anderen Ende der Videoverbindung. „Die Struktur des Gesteins scheint ausreichend zu sein, um den Prozess zu überleben, und die entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen sind getroffen.“

Es hörte sich umständlich für Kevin an, aber die Hauptsache war, dass sie sagten, sie konnten es tun.

„Sehr gut“, sagte Professor Brewster. „Beginnen Sie, in das Objekt zu schneiden.“

Er nickte den Wissenschaftlern auf dem Bildschirm zu und spannten die Kugel fest, damit sie daran arbeiten konnten. Einer kam mit einer elektrischen Säge zurück, die zu groß aussah, als dass eine Person sie halten konnte. Es sah aus wie etwas, was man mit Leichtigkeit durch Beton oder Metall schneiden konnte.

Kevin erwartete halb, dass sie trotzdem von der Oberfläche des Steines abprallen würde. Er dachte, dass eine außerirdische Kapsel, die stark genug war, um den ganzen Weg vom Trappist 1 System bis zur Erde zu schaffen, hart genug sein sollte, um einer Säge standzuhalten.

Die Säge schnitt jedoch hinein, Funken und Staub flog, als sie sich durch den Stein schob.

„Wir stoßen auf Widerstand“, sagte einer der Forscher. „Wir müssen vielleicht zu einer härteren Klinge wechseln.“

Sie machten weiter, indem sie zuerst einen Schnitt um den Stein herum machten, als ob sie erwarteten, dass er sich jeden Moment wie ein Osterei öffnen würde, dann stießen sie weiter mit der Säge hinein, als das nicht passierte.

Sie machten weiter, bis der Staub fast den Bildschirm füllte, und als er sich nur langsam lichtete, zeigte er zwei Hälften der Kugel, die ordentlich geteilt waren.

Kevin starrte auf das Bild und er nahm an, dass alle anderen hier und weltweit vor den Fernsehschirmen in diesem Moment darauf starrten, und versuchten einen Sinn darin zu sehen. Er schaute darauf, bis seine Augen wehtaten, versuchte jedes Detail zu erfassen, dass ihm sagen würde, was die Außerirdischen ihnen geschickt hatten. Was war in der Kapsel? Was war so wichtig gewesen, dass sie es Lichtjahre entfernt in eine ganz andere Welt geschickt hatten?

Er starrte das Objekt an, zuerst voller Hoffnung, dann mit Unglauben.

Was er sah, ergab einfach keinen Sinn.

KAPITEL SIEBZEHN

Im Raum hörte Kevin das Murmeln der Wissenschaftler und der Reporter, als sie das gleiche sahen, was Kevin bereits bemerkt hatte.

Das Innere der ‚Kapsel‘ war nur eine solide, felsige Oberfläche. Es gab keine Hohlräume, keine Anzeichen von fortschrittlicher Technologie. Der Stein, den die Wissenschaftler durchgeschnitten hatten, war …

… nun, er war nur ein Stein.

Sofort herrschte Aufruhr, als hundert Reporter gleichzeitig Fragen stellten. Auf dem Bildschirm sahen die Wissenschaftler genauso schockiert aus und standen da, als wüssten sie nicht, was sie als Nächstes tun sollten.

„Wie sollen wir vorgehen, Professor Brewster?“, fragte jemand. „Professor Brewster?“

Er antwortete nicht. Wie Kevin sehen konnte, war er zu sehr damit beschäftigt mit rotem Gesicht dazustehen und nicht zu wissen, was er antworten sollte.

„Professor Brewster, was ist los?“, rief ein Journalist lauter als die anderen.

„Ist das eine Art Witz?“, rief ein weiterer.

„Warum ist dieser Stein leer?“, rief ein Dritter.

Kevin konnte sehen, wie Professor Brewster sich umschaute, als wenn es irgendwo jemanden gäbe, der alle die Antworten für ihn hätte. Er sah so peinlich berührt aus in dem Moment, dass Kevin tatsächlich Mitleid mit ihm hatte.

„Ich … ich … weiß nicht“, stammelte Professor Brewster. Er schüttelte seinen Kopf. „Es tut mir leid, aber da gab es wohl eine Art Fehler …“

***

Kevin war noch sie so enttäuscht gewesen, wie auf dem Rückflug nach San Francisco mit den anderen. Sie wollten zurück zum Institut, weil sie Ausrüstung mitnehmen mussten und weil Professor Brewster etwas darüber gesagt hatte, dort eine ordentliche Nachbesprechung durchführen zu wollen. Das war der Punkt, an dem ein Teil von Kevin einfach nur nach Hause laufen und sich verstecken wollte.

Er saß da und hoffte auf das Gefühl, das vor einem Signal kommen würde, hoffte, dass es eine Art Antwort, eine Erklärung geben würde, aber es gab nichts. Es hatte so lange nicht mehr gegeben, dass es schwer war, sich daran zu erinnern, dass die Signale echt waren, dass sie nicht nur ein Produkt seiner Fantasie waren. Er kauerte sich in sich zusammen, nicht sicher, was er denken oder was er tun sollte.

Vielleicht lag es an den Kopfhörern, aber niemand störte ihn hier. Seine Mutter saß neben ihm im Flugzeug. Alle anderen schienen auf Distanz zu bleiben, sogar Leute wie Phil, Ted und Dr. Levin, als hätte sie jemand davor gewarnt, ihm zu nahezukommen, und ihnen gesagt hätte, dass ihnen die Verbindung mit Kevin ob seines Versagens schaden würde.

Es war seine Schuld. Er war derjenige, der all die Signale entschlüsselt hatte. Er war derjenige gewesen, der sie nach Südamerika geführt hatte und dann zu der Stelle, wo der Meteorit in dem kleinen See gelandet war. Etwas war falsch gelaufen und Kevin wurde das Gefühl nicht los, dass er derjenige war, der es falsch gemacht hatte.

„Mach dir keine Vorwürfe“, sagte seine Mutter und ahnte offensichtlich, woran Kevin dachte. „Du konntest nicht wissen, dass es so enden würde. Vielleicht hätten wir alle vorsichtiger dabei sein sollen.“

Das hörte sich an, als wenn seine Mutter sich selbst Vorwürfe machte, dass sie Kevin überhaupt erst zu SETI gebracht hatte. Vielleicht dachte sie, hätte sie strenger dabei sein müssen.

„Ich weiß nicht, was schiefgelaufen ist, Mama“, sagte Kevin. „Ich meine, ich habe die Signale gehört. Und wir haben die Kapsel genau dort gefunden, wohin sie gewiesen haben.“

„Wir haben etwas gefunden“, korrigierte ihn seine Mutter sanft. „Vielleicht waren wir alle so eifrig dabei es zu finden, dass wir angenommen haben, wir wüssten, was es sein würde. Wir waren alle überzeugt davon.“

Außer dass es Kevin gewesen war, der alle überzeugt hatte, denn er war derjenige gewesen, der die Signale gehört hatte. Sie waren echt. Sie waren durch die Lauschvorrichtungen des Instituts gekommen. Jeder hatte sie gehört. Warum also war die Kapsel nicht da gewesen, wo sie hätte sein sollen?

„Was wird jetzt mit der Kapsel passieren?“, fragte Kevin.

„Ich weiß es nicht“, sagte seine Mutter. „Ich glaube, ich habe gesehen, dass sie ins Flugzeug geladen wurde. Ich glaube, niemand kümmert sich noch, wem sie gehört, es ist einfach nur ein Stein. Das spielt aber im Moment keine Rolle. Das Wichtigste ist, dass wir dich sicher zurückbringen.“

Etwas an der Art, wie sie das sagte, sagte Kevin, dass seine Mutter sich Sorgen darüber machte. Sie klang, als ob sie Schwierigkeiten erwartete und Kevin konnte nicht verstehen, warum.

Er verstand es, sobald sie gelandet waren, aus dem Flugzeug stiegen und dann in die Ankunftshalle kamen. Sobald sie eintrafen, traf ihn eine Wand von Stimmen und Kameras blitzen überall auf.

„Warum hast du das getan, Kevin?“, rief ein Reporter.

„Sag uns, dass das kein Scherz ist!“, rief ein weiterer Mann im Hintergrund.

„Wir haben an dich geglaubt!“

Es gab dort Reporter, aber es gab auch andere Leute, einige mit Plakaten, einige schrien nur. Keiner von ihnen sah glücklich aus, Kevin dort zu sehen. Sie belagerten die Wissenschaftler, drängten sich ihnen in den Weg, als sie begannen, die Ausstattung auszuladen. Der Meteorit war irgendwo da drin. Jetzt wo es kein Zeichen von Außerirdischen gab, kümmerte sich niemand mehr darum, ob er zum NASA-Gebäude gebracht wurde.

„Ist es rechtens, dass die Öffentlichkeit für all das zahlt, wenn du nach Kolumbien fliegst, um Steine zu jagen?“, rief ein Reporter. „Glaubst du nicht, dass es Geldverschwendung ist, dass besser in Schulen oder dem Militär angelegt wäre?“

Menschen kamen nach vorne und schrien immer noch Fragen und für einen Moment wurde Kevin von allen Seiten mit Fragen bombardiert. In dem Gedränge verlor er seine Mutter aus den Augen und dann war es, als würde er in den Kamerablitzen ertrinken, die Fragen kamen so schnell, dass sie fast ohrenbetäubend waren.

„Warum hast du gelogen, Kevin?“

„Wolltest du nur Aufmerksamkeit?“

„Ging es nur um deine Krankheit?“

Kevin hielt seinen Kopf nach unten und wusste nicht, was er sagen sollte. Er suchte nach einem Weg durch die Menge, aber überall wo er hinschaute, schauten ihn die Menschen mit anschuldigenden Mienen an. Einige griffen nach ihm − nicht die Reporter −, aber sie schauten zu und waren glücklich, Fotos zu machen, während die Leute mit den Plakaten nach ihm griffen.

„Betrüger! Lügner!“

Kevin kauerte sich weiter in sich zusammen und fühlte sich, als wenn er jede Minute unter dem Gewicht von all dem, zu Boden fallen würde, erdrückt von schieren Anzahl der Menschen  um ihn herum. Eine weitere Hand legte sich auf ihn, aber diese blieb dort liegen und zog ihn durch die Menge. Kevin sah Ted, der jeden zurückdrängte, der ihnen zu nahekam, und seine Hand hoch hielt, um die Kamerablitze abzuhalten.

„Geh einfach weiter“, rief er über all dem Lärm. „Draußen wartet ein Auto!“

Kevin gab sich Mühe nicht stehenzubleiben, während sich Ted einen Weg durch die Reporter bahnte, wie jemand der sich seinen Weg durch tiefen Schnee freischaufelte. Kevin beeilte sich, in dieser Lücke zu laufen, ehe sie sich wieder schloss und folgte ihm, während sie sich ihren Weg nach draußen freikämpften, in Richtung des Haupteingangs des Flughafens.

„Hier draußen!“, sagte Ted und zeigte dorthin, wo ein Minivan stand und wo Kevins Mutter und ein halbes Dutzend Wissenschaftler bereits drinnen warteten. Kurz gab es eine Lücke und Kevin rannte zum Auto und setzte sich neben seine Mutter. Sie drückte ihn an sich, als ob sie Angst hätte, dass er verschwinden würde, wenn sie ihn losließ. Ausnahmsweise einmal beschwerte sich Kevin nicht.

Ted fuhr den Van, fädelte sich in einen Konvoi von Fahrzeugen, die sich in gewisser Weise so anfühlte, wie derjenige durch den Regenwald. Kevin sah, dass einige Autos nah an den Van heranfuhren, ihre Fenster rollten herunter und Kameras blitzten, aber Ted fuhr weiter.

Es schien ewig zu dauern, ehe sie die NASA-Einrichtung erreicht hatten. Die Menschenmenge, die zuvor dort herumgestanden hatte, war immer noch da, aber jetzt waren sie nicht mehr neugierig, sie waren wütend. Kevin konnte sie schreien hören, als sie hereinkamen, und als Ted vor den Türen des Instituts anhielt, rannte Kevin ohne zu zögern hinein. Er versuchte nicht einmal, mit ihnen zu reden und etwas zu erklären. Er war sich nicht sicher, ob er eine Erklärung hatte. Stattdessen rannte Kevin einfach zurück in sein Zimmer in der Einrichtung. Er ignorierte seine Mutter, die ihm folgte, und saß dort und hoffte, dass etwas davon irgendwie Sinn ergeben würde.

Als es das nicht tat, ging er zu einem der Aufenthaltsräume und benutzte einen Computer dort, um die einzige Person anzurufen, die vielleicht verstand, was mit ihm geschah.

Luna sah besorgt aus, als Kevin anrief und Kevin konnte sich denken, warum.

„Du hast die Sendung gesehen“, sagte er.

„Ich glaube, jeder hat die Sendung gesehen“, antwortete Luna. „Ich verstehe es nicht. Ich dachte, es sollte etwas Besonderes geben … ich weiß nicht, außerirdisches Zeug.“

„Das dachte ich auch“, erwiderte Kevin. „Jetzt … ich bin mir sicher, dass ich die Signale richtig verstanden habe.“

„Fang nicht damit an“, sagte Luna mit ihrer strengen Stimme. „Zweifel nicht an all dem. Ich war dabei, als du die Zahlen gesehen hast, erinnerst du dich? Ich weiß, dass das echt ist.“

Es fühlte sich gut an, dass ihm jemand glaubte, besonders Luna. Es gab etwas beruhigend Solides an Lunas Glauben. Es war die Art, auf die Menschen sich verlassen konnten, unerschütterlich und stark. Kevin brauchte das jetzt.

„Du willst vielleicht im Moment nicht in dein Haus zurückkehren“, sagte Luna. „Weißt du, wie viele Reporter dort herumhängen, seit das alles begonnen hat?“

Kevin nickte.

„Nun, jetzt sind es doppelt so viele, plus eine Menge anderer Leute, die nicht glücklich aussehen. Es ist wie ein Mob oder so etwas.“

„Es ist, weil ich ihnen einen Traum gegeben habe“, sagte Kevin. „Und sie glauben, dass ich sie angelogen habe.“

„Na ja, sie sollten dir keine Vorwürfe machen“, sagte Luna. „Ich meine, ich habe mir die Sendung angesehen. Professor Brewster hat selbst gesagt, der Stein wäre aus dem Weltall.“

Das war dennoch nicht genug, oder?

„Ich weiß nicht, ob es das besser macht“, erwiderte Kevin. „Sie werden sagen, dass es einfach nur irgendein Meteorit war. Es gibt viele davon.“

Tatsächlich vermutete er, dass es die Dinge noch schlimmer machen würde, denn wenn es eine Person gäbe, die nicht gerne dumm dastehen würde, dann war es …

„Kevin“, seine Mutter rief vom Flur. Sie stand dort mit Phil. „Du musst mitkommen. Professor Brewster möchte mit uns beiden sprechen.“

Kevin schluckte, weil sich das zu sehr danach anhörte, als ob der Direktor in der Schule mit einem sprechen wollte.

„Sieht so aus, als müsste ich gehen“, sagte Kevin zu Luna.

„Okay“, antwortete Luna. „Vergiss nicht, das ist nicht deine Schuld.“

Kevin versuchte sich daran zu erinnern, als er mit seiner Mutter und Phil durch die Einrichtung ging. Normalerweise hätte der Forscher herumgealbert, aber jetzt hatte er einen ernsten Blick und sagte kaum etwas, er öffnete einfach die Türen für sie. Als sie in Professor Brewsters Büro kamen, sagte Phil nichts, sondern drehte sich einfach um und ging.

„Was soll das?“, fragte Kevin seine Mutter.

„Ich glaube viele Menschen sind verletzt, wie die Leute wütend auf sie sind“, sagte sie. „Sie glaubten alle, dass sie Außerirdische finden würden und dann … haben sie keine gefunden, Kevin.“ Sie nahm seine Hand. Du musst darauf vorbereitet sein. Ich … ich glaube, dass hier wird nicht sonderlich erfreulich.“

Sie gingen in Professor Brewster Büro. Er wartete auf sie, saß hinter seinem Schreibtisch, sah formal aus, sah sogar imposant aus. Er begrüßte sie nicht, als sie hereinkamen, sondern gestikulierte nur, dass Kevin und seine Mutter sich auf zwei Stühlen vor seinen Schreibtisch setzen sollten.

„Kevin“, sagte er, „Ms. McKenzie, wir müssen reden.“ Er machte eine Pause und sah Kevin an, als wenn er versuchte in ihn hineinzublicken. „Kevin, ich muss dich fragen, ob du dir das alles ausgedacht hast.“

„Wie können Sie es wagen, meinen Sohn so etwas zu fragen?“, sagte seine Mutter und stand halb auf. „Kevin ist kein Lügner.“

„Bitte setzen Sie sich wieder, Ms. McKenzie“, sagte Professor Brewster. „Kevin, hast du dir das ausgedacht?“

Kevin konnte nicht glauben, dass er das fragte.

„Nein“, sagte Kevin und schüttelte seinen Kopf.

„Bist du sicher?“

„Das ist unangebracht“, sagte Kevins Mutter. „Sie haben kein Recht, das zu fragen.“

Professor Brewster legte seine Finger aufeinander. „Wenn man bedenkt, wie viel Geld die Regierung in das Projekt gesteckt hat, dann habe ich nicht nur das Recht das zu fragen, ich habe sogar die Pflicht dazu. Kevin?“

„Sie haben die Signale gehört“, sagte Kevin. „Ich habe mir das nicht ausgedacht!“

„Ich habe die Signale gehört, ja“, erwiderte Professor Brewster. „Aber du warst der Einzige, der sie ‚übersetzen‘ konnte und das Weltall ist voll von elektromagnetischen Merkwürdigkeiten.“

„Ich habe mir das nicht ausgedacht“, sagte Kevin. „Ich haben Ihnen die Zahlen für die Koordinaten gegeben. Ich habe Ihnen Informationen gegeben, über Planeten, die niemand anders kennt.“

„An die du dich hättest erinnern können“, sagte Professor Brewster. Er sah Kevins Mutter an. „Vielleicht wurdest du darauf trainiert.“

„Beschuldigen Sie mich wegen irgend etwas?“, gab Kevins Mutter zurück.

„Ich merke nur die Möglichkeit an“, sagte Professor Brewster. Er seufzte. „Wie so viele andere Menschen. Die Wahrheit ist, dass Sie zu uns gekommen sind und wir die Ressourcen geliefert haben, die wir nicht zur Verfügung hätten stellen sollen. Wir haben Kevin medizinische Versorgung und Tests geboten … und jetzt rufen mich wichtige Menschen an, die mich fragen, ob das alles ein Trick war.“

„Das war es nicht“, sagte Kevin. Warum glaubten ihm die Menschen jetzt nicht mehr?

„Warum gab es dann nichts als Stein, als wir in deine ‚Kapsel‘ geschnitten haben?“, fragte Professor Brewster.

„Ich … ich weiß nicht“, gab Kevin zu. Es hätte mehr sein müssen. Er verstand es nicht. „Sie haben gesagt, es kommt aus dem Weltall.“

Er sah, wie Professor Brewster bei diesen Worten zusammenzuckte. „Erinnere mich nicht daran. Ich habe meinen Ruf aufs Spiel gesetzt, indem ich dich unterstützt habe, Kevin. Ich habe mich für dich bei Entscheidungsträgern eingesetzt und ihnen gesagt, dass du das wirklich kannst. Aber aus dem Weltall kommen viele Steine. Die Erde ist immer gespickt mit Fragmenten aus dem All. Es gibt sogar Meteoritenjäger, die so etwas über das Internet verkaufen. Tatsache ist, dass dieser Stein hier keinen Beweis für außerirdisches Leben ist, wie du es versprochen hast.“

Kevin versuchte sich daran zu erinnern, was Luna gesagt hatte. „Das ist nicht meine Schuld.“

Professor Brewster legte seine Hände flach auf den Tisch und schüttelte seinen Kopf. „Das ist nicht der Punkt“, sagte er. „Tatsache ist, dass deine Anwesenheit hier für diese Einrichtung toxisch geworden ist. Mächtige Leute haben Ergebnisse von uns erwartet und wir waren nicht in der Lage, diese zu liefern. Ich habe bereits Anrufe erhalten, die darauf hindeuten, dass unsere Fördergelder gestrichen werden, wenn wir die Verbindung zu dir nicht sofort abbrechen.“

Kevin versuchte, das zu verstehen. „Sie … sie schicken mich weg?“

Professor Brewster hatte ein versteinertes Gesicht. „Ich weiß nicht, ob du dir das alles ausgedacht hast oder nicht, aber ich sage folgendes: Das FBI untersucht bereits, ob du und deine Mutter durch deine Handlungen hier ein Verbrechen begangen habt. Das Beste, was Sie im Moment tun könnt, ist zu gehen, Sie beide. Sie werden nichts mitnehmen und zu gegebener Zeit eine Rechnung für alle von uns erbrachten medizinischen Leistungen erhalten.“

„Komm, Kevin“, sagte seine Mutter. „Wir gehen.“

Sie schaffte es, es so klingen zu lassen, als ob es etwas wäre, das sie tun wollten, anstatt etwas, das ihnen gerade befohlen wurde. Sie marschierte wütend durch die Gänge, die aus dem Gebäude herausführten, und wenn Kevin nicht die Tränen in ihren Augenwinkeln gesehen hätte, hätte er vielleicht glauben können, dass sie wirklich nur wütend und nicht verletzt war.

Sie gingen an Dr. Levin vorbei, die sich halb von ihnen abwandte. Kevin hielt vor ihr, in der Hoffnung, dass sie in der Lage sein könnte, das alles zu regeln.

„Dr. Levin …“, begann er.

Die SETI-Direktorin gab ihm keine Zeit, den Satz zu beenden. „Es tut mir leid, Kevin. Ich habe gehört, was passiert ist.“

„Sie können mit Professor Brewster sprechen“, sagte er.

Dr. Levin schüttelte ihren Kopf. „Ich glaube nicht, dass David mir jetzt zuhören würde. Ich habe hier viel an Glaubwürdigkeit verloren, weil ich dich zu ihnen gebracht habe.“

„Aber ich denke mir das nicht aus“, bestand Kevin erneut darauf.

Dr. Levin seufzte. „Ich weiß, dass du das glaubst, Kevin“, sagte sie. „Es ist einfach … vielleicht hätte ich die Dinge besser überprüfen sollen. Vielleicht hast du die Dinge irgendwie anders herausgefunden und hast es nicht einmal bemerkt.“

„Das habe ich nicht“, sagte Kevin.

Seine Mutter nahm seinen Arm. „Komm, Kevin. Wir sind hier fertig. Wir gehen nach Hause.“

Sie führte ihn von Dr. Levin weg und als Kevin zurück auf die Wissenschaftlerin schaute, schaute Dr. Levin ihn nicht mehr an. Sie gingen zum Ausgang und durch ihn hindurch, in den Lärm der Fragen, die aus allen Richtungen gerufen wurden.

Zu seiner Überraschung wartete Ted dort neben dem Auto von Kevins Mutter. Er musste es für sie hierhergebracht haben.

„Sind Sie hier, um auch die Ehrlichkeit meines Sohnes infrage zu stellen?“, fragte Kevin Mutter und stellte sich zwischen ihn und Ted.

Zu Kevins Überraschung oder vielleicht nicht, schüttelte Ted seinen Kopf. „Nein nichts dergleichen. Ich wollte nur mit ihm reden.“

Kevins Mutter sah aus, als wenn sie sich nicht sicher wäre, aber Kevin legte eine Hand auf ihrem Arm.

„Es ist okay, Mama“, sagte er. „Ich vertraue Ted.“

Er hatte aber auch vielen der Wissenschaftler vertraut. Er schaute zu Ted hoch.

„Ich habe mir das nicht ausgedacht“, sagte er.

„Ich habe nie gesagt, dass du das getan hast“, antwortete Ted. „Menschen verändern ihr Denken, um sich anzupassen. Sie sind enttäuscht, weil die Dinge nicht klappen, und sie suchen nach jemandem, den sie beschuldigen können. Sie denken, dass Beweise, die sie mit eigenen Augen gesehen haben, ein Trick sein müssen.“

Er hielt ihm seine Hand hin und Kevin nahm sie. „Danke, Ted.“

„Pass auf dich auf“, sagte Ted. „Und … versuche einfach die Dinge, die sie sagen werden nicht so sehr an dich heranzulassen, okay?“

„Okay“, versprach Kevin.

Er konnte nicht sehen, wie er das vermeiden konnte. Er hatte der Welt Außerirdische versprochen und er hatte versagt.

Er hatte versagt.

War er ein doch ein Betrüger? Hatte er sich unbewusst die ganze Sache eingebildet?

KAPITEL ACHTZEHN

Reporter umzingelten Kevins Haus, als sie dort ankamen. Reporter und Demonstranten und sogar ein paar Polizisten, die offensichtlich da, um sie vor der Meute zu schützen. Kevin saß auf dem Beifahrersitz im Auto seiner Mutter und hielt seinen Kopf gesenkt. Er hoffte, dass niemand ihn sehen würde, aber das war illusorisch. In dem Moment, als sie das Auto sahen, waren sie von einer Menge Menschen umgeben und das Auto glitzerte praktisch von den Kamerablitzen.

„Wenn ich deine Tür öffne, dann komm einfach mit mir mit“, sagte seine Mutter. Sie stieg aus und Kevin machte sich bereit.

Sie zog die Tür auf seiner Seite auf und legte einen Arm beschützend um Kevin, auch wenn er größer war als sie.

„Zurück“, rief sie. „Verschwindet von meinem Grundstück.“

Die Reporter zogen sich ein wenig zurück, aber der Druck der Leute gab kaum nach. Kevin hielt sich an seiner Mutter fest, während sie sich durchkämpften. Die Polizisten schrien, dass die Leute zurückweichen sollten, aber sie machten keine Anstalten, ihnen beiden irgendwie zu helfen. Kevin bekam das Gefühl, das sie vielleicht genauso verärgert, wie alle anderen darüber waren, was passiert war. Wie viele von ihnen hatten geglaubt, dass sie im Begriff waren, direkt mit Außerirdischen zu sprechen? Wie viele von ihnen hassten ihn jetzt, weil die Kapsel nicht das war, was sie erwartet hatten?

Seine Mutter und er zwängten sich durch die Menge und schoben Menschen beiseite, die nach ihnen griffen und Antworten auf Fragen forderten, auf denen Kevin keine Antworten hatte.

„Warum gab es da keine Außerirdischen?“

„Warum hast du all das gemacht?“

„Weißt du, wie viele Menschen du verletzt hast?“

Kevin sah, wie sich seine Mutter wütend an sie wandte, und er versuchte, sie zurückzuziehen, aber dafür war zu spät.

„Lassen Sie meinen Jungen in Ruhe“, rief sie. „Er hat nichts falsch gemacht. Er ist krank!“

Sie gingen ins Haus und schlossen die Tür hinter sich. Kevin sah, wie seine Mutter sie so verriegelte, als ob sie annähme, dass die Leute versuchen würden, einzubrechen. Sie ging durch das Haus, zog die Vorhänge zu und blockierte so die Blitze der Fotografen zusammen mit dem Licht.

Kevin ging zum Fernseher und machte ihn an. Die Nachrichten liefen, mit Bildern von ihrem Haus und einem kurzen Clip von seiner Mutter, der sie wie eine Verrückte aussehen ließ, als sie Reporter zurückschob.

„Lassen Sie meinen Jungen in Ruhe. Er hat nichts falsch gemacht. Er ist krank!“

Die Worte Eingeständnis eines Schwindels? liefen über den unteren Teil des Bildschirms, in einer Frage, die es schaffte zu beschuldigen, ohne anzuklagen. Sie ließen es so klingen, als ob Kevins Mutter versuchte, ihn zu entschuldigen, etwas falsch gemacht zu haben, anstatt sich für ihn einzusetzen, so, wie sie es getan hatte.

Das hatte sie doch, oder?

„Du solltest das ausschalten“, sagte seine Mutter. Sie trat neben Kevin und machte genau das und der Bildschirm wurde schwarz. „Es ist nicht gut, wenn du siehst, was die alles über dich sagen.“

„Mama“, sagte Kevin, „was sie sagen … sie lassen es so klingen, als würdest du mir nicht wirklich glauben. Als würdest du glauben, dass ich mir Dinge ausdenke, weil ich krank bin.“

Seine Mutter antwortete eine Weile nicht.

„Du denkst das wirklich“, sagte Kevin. Er konnte es nicht glauben. Er war sich sicher gewesen, dass seine Mutter ihm glauben würde.

„Ich weiß nicht, was ich glauben soll, Kevin“, antwortete seine Mutter. Sie hörte sich so müde an. „Ich weiß, dass du all das glaubst.“

„Wir haben das Signal gefunden“, sagte Kevin. „Du hast mich vor Professor Brewster verteidigt.“

„Du bist mein Sohn“, sagte seine Mutter. „Ich werde nicht zulassen, dass sie schlechte Dinge über dich sagen, egal, was passiert. Ob es wahr ist oder nicht … ich weiß es nicht. Ich war überzeugt, aber alles mit dem Stein …“

Kevin fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. Er spürte, dass die Dinge wieder so waren, wie vor dem ersten Mal, als seine Mutter ihn zum SETI-Institut gefahren hatte, nur weil sie gedacht hatte, dass es etwas war, was Kevin tun musste. Er wollte nicht, dass sie die Dinge tat, weil sie seine Mutter war und das Gefühl hatte, sie tun zu müssen. Er wollte, dass sie ihm glaubte.

„Sie werden irgendwann verschwinden“, sagte seine Mutter. „Sie werden das alles vergessen. Wir können mit unserem Leben ohne sie weitermachen − ohne Außerirdische, ohne irgendwas davon.“

Sie klang, als ob sie versuchte, Kevin zu beruhigen, aber Kevin war sich nicht sicher, ob es eine beruhigende Wirkung hatte.

Gerade als er ihr das sagen wollte, klingelte das Telefon seiner Mutter.

„Hallo“, sagte sie. „Wer ist … nein, ich habe nichts zu sagen, nicht zu Ihnen oder irgendeinem anderen Reporter.“

Sie hatte kaum aufgelegt, bevor es einen weiteren Anruf gab, und noch einen. Jedes Mal legte sie nach nur wenigen Sekunden auf. Als das Telefon wieder klingelte, dachte Kevin, dass seine Mutter ihr Handy durch das Zimmer werfen würde. Sie hielt inne, als sie es hochhielt, und betrachtete den Bildschirm mit einem besorgten Ausdruck.

„Was ist los, Mama?“, fragte Kevin.

„Das ist meine Arbeit“, sagte seine Mutter und etwas daran, wie sie das sagte, sagte Kevin, wie viel Angst sie hatte. Sie nahm den Anruf entgegen und gestikulierte, dass Kevin ruhig sein sollte. „Hallo, Mr. Banks. Ja, es ist ziemlich schlimm. Ja, ich weiß, dass ich weg war, aber mein Sohn … ja, ich weiß. Nein, das verstehe ich, aber … das können Sie nicht machen. Ich weiß, dass das schlechte Presse ist, aber Sie können nicht …“ Sie verfiel ins Schweigen und hörte mehrere Sekunden lang zu. „Nein, ich verstehe.“

Sie beendete den Anruf und dieses Mal warf sie das Telefon auf den Boden, setzte sich auf den Rand des Sofas und stützte den Kopf in ihre Hände.

„Mama?“, sagte Kevin und ging zu ihr. „Was ist passiert?“

„Das war meine Arbeit“, sagte sie, ohne hoch zu sehen. „Sie … sie haben mich gefeuert. Sie haben gesagt, dass sie keine negative Presse haben wollen, indem sie jemanden für sich arbeiten lassen, der mit so etwas in Verbindung steht.“

„Können sie das tun?“, fragte Kevin. Es schien ihm nicht gerecht, dass es Arbeitgebern erlaubt sein sollte, so etwas zu tun, besonders da seine Mutter nichts falsch gemacht hatte.

„Sie sagen, sie können“, erwiderte seine Mutter, „und wenn ich dagegen angehe, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass sie es so teuer machen, dass ich nichts dagegen tun kann und vielleicht würde ein Richter zustimmen, dass ich dem Geschäft schade, in dem ich einfach nur da bin.“

Es hörte sich nicht fair an für Kevin. Es hörte sich nicht richtig an. Noch schlimmer, es hörte sich nicht an, als wenn sie irgendwas dagegen tun könnten.“

„Es tut mir leid, Mama“, sagte er. „Hätte ich das alles für mich behalten …“

„Das ist nicht deine Schuld“, sagte seine Mutter.

Kevin wusste, dass das nicht stimmte. Dank des Fernsehens wusste er, dass seine Mutter das nicht glaubte. Er war zur NASA gegangen und hatte über Außerirdische gesprochen und jetzt wurde seiner Mutter gekündigt, während ihm überhaupt niemand glaubte, was er gehört hatte.

„Es wird alles gut“, sagte seine Mutter. Sie hörte sich jedoch nicht so an, als ob sie das glaubte. „Wir werden einen Weg finden, das alles wieder in Ordnung zu bringen.“

Sie saßen dort auf dem Sofa, ohne den Fernseher anzuschalten, und keiner von ihnen wagte es, die Vorhänge zu öffnen. Schließlich ging Kevin in sein Zimmer und saß dort im Dunkeln, damit sich seine Mutter nicht so sehr um ihn sorgen musste.

Nach einer Weile nahm er die Kopfhörer, die Ted ihm gegeben hatte, ehe er das Institut verlassen hatte, und setzte sie auf, mehr, um die Geräusche der Reporter draußen auszuschalten, und weniger, weil er wirklich dachte, dass etwas passieren würde. Vielleicht hatte er darauf gehofft. Wenn er eine weitere Nachricht bekommen könnte, die helfen würde, den Sinn all dessen zu verstehen, könnte er vielleicht zu den Reportern dort hinausgehen und alles erklären. Vielleicht konnte er den Leuten dann klar machen, dass es echt war und dass er nicht gelogen hatte.

Es gab aber nur Stille. Kein Signal, keine Wörter in seinem Kopf, kein Zeichen von etwas, das helfen würde. Er nahm die Kopfhörer ab und warf sie zur Seite und legte sich zum Schlafen hin. Vielleicht würden die Dinge morgen schon besser aussehen.

***

Kevin ging zu seinem Schlafzimmerfenster und schaute hinaus. Er suchte nach den Journalisten und hoffte, dass es ihnen jetzt, sieben Tage später, vielleicht zu langweilig geworden war, hier herumzustehen und dass sie abgezogen waren.

Waren sie nicht. Es gab immer noch Kameras vor dem Haus, immer noch Reporter, die dort mit ihren Mikrofonen warteten, welchen Schritt auch immer er machen würde. Kevin wünschte sich, sie würden weggehen und dachte zum hundertsten Mal daran, einfach hinunterzugehen und ihnen das zu sagen, aber er tat es nicht. Es war nicht dasselbe, wie eine Nachricht zu übersetzen, während die Menschen auf einer Pressekonferenz zusahen und überhaupt, Kevin nahm an, dass das genau das war, worauf sie warteten.

Also zog er sich stattdessen an und taumelte leicht, als ihn eine Welle von Schwindel traf. Es folgten Schmerzen, die durch seinen Schädel flackerten, und Kevin fühlte Nässe an seinen Lippen. Als er seine Hand an seine Nase legte, war sie rot von seinem Blut. Er fühlte sich heute noch kränker, hatte Mühe, auf die Toilette zu gehen, und aufzuräumen hatte ihn fast erschöpft. Er hatte es dennoch getan. Er wollte nicht, dass seine Mutter sich sorgte. Er stellte sicher, dass er gut aussah, als er die Treppe hinunterging, und versuchte, das schwache Zittern in seinen Händen zu verbergen, das jetzt nicht mehr wegging.

Erst jetzt erkannte er, wie viel medizinische Zuwendung er im Forschungsinstitut bekommen hatte. Er hatte sich über all die Tests und Scans und den Rest beschwert, aber vielleicht hatte es irgendwo bei all dem etwas gegeben, das seine Krankheit verlangsamt hatte. Oder vielleicht waren sie nur so beschäftigt gewesen, dass er deren Voranschreiten nicht bemerkt hatte.

„Ich darf Mama nicht beunruhigen“, sagte er sich selbst.

Als er nach unten kam, hörte er Stimmen.

„Es tut mir leid, Ms. McKenzie, aber das ist kein Scherz. Es wurde ein Verfahren gegen Sie eingeleitet, weil Sie Ihren Sohn dazu benutzt haben, um Menschen zu betrügen und wir müssen das ernst nehmen.“

Kevin eilte nach unten und sah ein paar Menschen in Anzügen mit seiner Mutter sprechen. Sie sah aus, als wenn sie überhaupt nicht geschlafen hätte und als sie zu Kevin hinüberblickte, konnte er die violetten Schatten unter ihren Augen sehen.

„Ah, hier kommt ja Ihr Sohn“, sagte einer der Männer. „Vielleicht kann er jetzt eine Aussage machen, die helfen kann.“

„Nein“, sagte seine Mutter, „nicht jetzt, nicht so. Ich möchte, dass die Leute meinen Sohn in Ruhe lassen.“

„Das macht mir nichts, Mama“, sagte Kevin.

„Aber mir“, erwiderte seine Mutter. „Geh in die Küche Kevin. Ich muss mit diesen Leuten reden.“

Wenn sie geschrien hätte, hätte Kevin vielleicht widersprochen. Stattdessen hörte sie sich einfach nur unglaublich traurig an und Kevin tat, was sie verlangte, ging in die Küche und setzte sich an den Küchentisch. Die ganze Zeit versuchte er durch die Wand zu hören, was passierte.

„Ich muss das Haus verkaufen“, sagte seine Mutter. „Was das kosten wird … mir fällt kein anderer Weg ein.“

„Ich verstehe, dass das schwierig ist, Ms. McKenzie, aber es ist wichtig, dass wir uns darum kümmern. Die Alternative könnte eine Gefängnisstrafe für Sie oder Ihren Sohn bedeuten.“

Kevins Finger klammerten sich an die Kante des Küchentischs, so fest, dass es wehtat. Sie konnten das nicht tun, oder? Sie konnten seine Mutter nicht ins Gefängnis stecken, wenn er die Wahrheit gesagt hatte. Er saß da, ein Teil von ihm wollte da hineinplatzen, ein Teil von ihm wusste, dass es viel zu wichtig war, das zu tun.

Er saß immer noch still dort, als er eine Person entdeckte, die sich in ihren Garten schlich. Eine Beanie bedeckte ihren Kopf und ein dicker Mantel, dessen Kragen hochgeklappt war, verdeckte ihre Gesichtszüge. Sie sprang mit der Anmut von jemandem über den Zaun, der dies schon ziemlich oft gemacht hatte, bevor sie sauber im Garten landete.

Wenn es ein Reporter oder ein Fremder gewesen wäre, der über den Zaun kletterte, hätte er nicht gewusst, was er tun sollte. Wahrscheinlich nach Hilfe gerufen. Er hätte seine Mutter unterbrochen, trotz all der wichtigen Dinge, die hier passierten. Stattdessen machte er die Hintertür auf und ließ Luna ins Haus, als sie hinübereilte.

„Hey“, sagte sie und umarmte ihn so fest, dass Kevin schon fast überrascht war.

„Hey“, antwortete Kevin. „Ich nehme an, du konntest nicht vorne hereinkommen?“

„Zu viele Reporter“, stimmte Luna zu und trat zurück. Sie zog sich die Beanie vom Kopf. „Gefällt dir meine Verkleidung?“

„Ist toll“, sagte Kevin, aber er konnte sich kein Lächeln abringen.

„Was ist los?“, fragte Luna. Sie schüttelte ihren Kopf. „Dumme Frage.“

Kevin setzte sich wieder hin und Luna folgte ihm. Wie oft hatten sie schon so ihre Hausaufgaben gemacht? Das hier fühlte sich aber anders an, viel ernster.

„Da sind Anwälte im Wohnzimmer“, sagte er. „Sie sagen, dass meine Mutter vielleicht ins Gefängnis kommt und dass wir das Haus verkaufen müssen.“

„Weswegen?“, wollte Luna wissen, in dem empörenden Tonfall, der besagte, dass sie bereit war zu kämpfen, Anwälte hin oder her. „Du hast nichts falsch gemacht.“

„Sie denken, dass dem so ist“, sagte Kevin. „Sie glauben … ich glaube, sie denken, dass ich mir all das ausgedacht habe, um Aufmerksamkeit zu bekommen oder sie dazu zu bringen mir medizinische Behandlung oder so zukommen zu lassen.“

„Dann sind sie Idioten“, erklärte Luna mit der Art von felsenfester Sicherheit, die niemand sonst um ihn herum zu haben schien. „Du hast ihnen Botschaften aus einer anderen Welt gegeben. Du hast ihnen alles über einen Planeten erzählt, von dem sie sonst kaum etwas wissen würden. Du hast ihnen geholfen, das Meteoriten-Ding zu finden, auch wenn es leer war. Es ist nicht deine Schuld, dass Außerirdische seltsam sind und Steine als Geschenke an die Menschen schicken.“

Das war eine Sichtweise, von der Kevin annahm, dass niemand außer Luna sie haben konnte. Dennoch fühlte es sich gut an.

„Du glaubst mir also?“, fragte er.

Sie nickte. „Ich glaube dir. Ich glaube auch an dich. Du wirst einen Weg finden, damit umzugehen.“

„Und du bist über meinen Zaun geklettert, nur um mir das zu sagen?“, fragte Kevin.

Luna legte eine Hand auf seine Schulter. „Wofür sind Freunde da? Ich schleiche halt gerne herum. Das macht Spaß. Außerdem muss ich dich wohin bringen.“

Kevin sah sie überrascht an.

„Wohin?“, fragte er.

Sie lächelte breit.

„Es ist eine Überraschung.“

KAPITEL NEUNZEHN

Kevin schaute in den Spiegel, ehe er nach draußen ging. Es war keine Eitelkeit, er wollte sichergehen, dass ihn auf keinen Fall irgendjemand erkennen würde. Er hatte seine Kapuze über seinen Kopf gezogen, eine dunkle Brille aufgesetzt, um sein Gesicht zu verstecken. Es war nicht gut, aber indem er sich verkleidete − so redete er es sich selbst ein − konnten die Leute nicht sehen konnten, dass er es war.

„Es wird reichen müssen“, sagte er zu sich selbst.

Seine Mutter hatte das Haus vor ein paar Minuten verlassen, sie musste mit noch mehr Anwälten sprechen oder vielleicht versuchen, einen anderen Job zu finden, nicht das jemand die Mutter des Jungen, der gelogen hatte, einstellen wollte. Die Türen waren verschlossen wegen der ständigen Anwesenheit der Reporter da draußen und das würde wahrscheinlich auch bei ihrer Rückkehr noch so sein.

„Sie wird sauer sein, wenn sie herausfindet, dass ich das getan habe“, sagte Kevin, aber das war ein Grund, warum er eine Verkleidung trug. Er hatte zu lange drinnen gesessen, ohne zur Schule zu gehen, wegen seiner Krankheit und hatte jetzt keine Chance hinauszugehen − wegen der Reporter und der Angst seiner Mutter davor, was passieren würde. Er wurde verrückt hier drinnen und er nahm an, dass das die Dinge für seine Mutter nur noch schwieriger machte. Er musste zumindest für eine Weile nach draußen.

Sein Handy war voll mit Nachrichten von Leuten, die er nicht kannte. Einiges waren Fragen, andere Beleidigungen. Eine oder zwei waren Drohungen oder Versprechen, dass sie Kevin bezahlen würden, wenn er ihnen nur seine Geschichte erzählen würde.

Kevin war sich nicht sicher, ob er vorsichtig sein wollte. Er hatte das Gefühl, dass er explodieren würde, wenn er sich noch viel länger verstecken müsste. Er schaute in den Garten, versuchte abzuschätzen, ob er auf dieselbe Art herauskommen würde, wie Luna hineingekommen war. Vor ein paar Wochen hatte er sich darüber keine Sorgen machen müssen.

Jetzt dachte er über das Zittern nach, das nun immer häufiger auftrat und die Episoden mit Zeitverlust und Schwindel. Er nahm die Trittleiter, die seine Mutter in der Garage aufbewahrte, lehnte sie gegen den Zaun und nutze sie, um hinüberzuklettern auf einen kleinen Pfad, der zwischen den Grundstücken verlief.

Kevin hielt seinen Kopf gesenkt, als er weiterlief, um sicherzugehen, dass niemand sein Gesicht sah. Auch wenn der Teil der Stadt, in dem er lebte, nicht schlecht war, war er doch nur ein paar Blöcke von einem Industriebereich entfernt, in dem Fabriken wie eingezäunte Kisten dastanden und gelegentlich verrostete Maschinen auf die Unternehmen hindeuteten, die nicht so erfolgreich waren.

„Komm schon“, sagte Luna, nachdem sie über den Zaun gesprungen war und nun begonnen hatte, loszuschlendern, vorbei an verlassenen Gebäuden und mit Graffiti besprühten Mauern, die aussahen, als wäre sie mit geschlossenen Augen bemalt worden.

Sie kamen jetzt näher an das Stadtzentrum. Kevin behielt seine Kapuze auf, da er sich sicher war, dass er sogar hier, weit weg von seinem Haus, erkannt werden würde.

„Wir könnten ins Einkaufszentrum gehen“, sagte Luna.

Kevin schüttelte seinen Kopf. „Zu viele Menschen.“

„Dann der Platz“, schlug Luna vor.

Kevin nickte. Da würden wahrscheinlich fast genauso viele Menschen sein, aber sie würden sich bewegen und es wäre weniger wahrscheinlich, dass sie ein Kind bemerkten, das seinen Kopf gesenkt hielt. Im Einkaufszentrum würde die Security wahrscheinlich glauben, dass er etwas stehlen wollte, aber draußen im Freien konnten er und Luna gehen, wohin sie wollten, ohne dass es ein Problem war.

Sie machten sich auf den Weg ins Stadtzentrum, zu einem kleinen Platz, auf dem sie und ihre Freunde seit ihrer Kindheit herumgehangen hatten. Es gab dort einen kleinen quadratischen Bereich, mit Bäumen an jeder Ecke und einer Statue in der Mitte, die wahrscheinlich einmal ein Denkmal für jemanden Wichtigen gewesen war, aber jetzt vom Wind und Regen so abgetragen war, dass es so gut wie jeder sein konnte. Als sie endlich dort hinkamen, war Kevin so erschöpft, dass er nach einer Bank suchte, um sich hinzusetzen.

„Kevin“, sagte Luna, „was ist los?“

„Ich bin einfach nur müde“, sagte Kevin.

Luna runzelte die Stirn und glaubte es offensichtlich nicht. „Nun, wir könnten auch zu Frankie‘s gehen.“

Das Diner war schon lange einer ihrer Lieblingsplätze. Vielleicht, wenn er nicht so erschöpft wäre, hätte Kevin sich vielleicht Sorgen darum gemacht, aber so konnte er sich ein wenig vom Laufen ausruhen. Er nickte.

„Ich dachte, du hast es geschafft durch den Dschungel zu wandern“, sagte Luna.

„Ich glaube, es wird schlimmer“, sagte Kevin, als sie in Richtung Diner liefen. „Es ist, als müsste ich mich darauf konzentrieren, dass mein Körper funktioniert.“

Selbst das erklärte es nicht richtig, aber er war sich nicht sicher, ob es dafür Worte gab. Das war einer der schwierigsten Aspekte einer so seltenen Krankheit: Es bedeutete, dass es nicht wirklich die Worte gab, um alles zu beschreiben, was geschah.

„Du solltest ins Krankenhaus gehen“, sagte Luna und hörte sich an, als wenn sie sofort einen Rettungswagen rufen wollte.

Kevin schüttelte seinen Kopf. „Das hat keinen Sinn. Wir wissen, was mit mir passiert. Es ist nicht so, dass sie viel tun könnten, um mir zu helfen.“

„Das kann nicht sein“, sagte Luna. Für einen Moment hörte Kevin ihre Stimme brechen und er dachte, sie würde vielleicht weinen. „Ich weiß … ich weiß, sie können dich nicht heilen, aber sie können dir mit den Symptomen und solchen Dingen helfen, oder? Sie können die Dinge verlangsamen? Sie haben es bei NASA gemacht.“

„Weil sie dort einige der cleversten Wissenschaftler der Welt haben“, betonte Kevin. „Ich glaube nicht, dass sie mir jetzt noch helfen wollen. Und … wenn ich jetzt ins Krankenhaus gehe, dann wird das, glaube ich, zu viel kosten. Ich glaube nicht, dass Mama sich meine Behandlung wirklich leisten konnte, noch vor all dem hier. Jetzt mit den Anwälten und so …“

Kevin wusste nicht, wie viel ein Gerichtsverfahren kostete. Viel, nahm er an. Seine Behandlung kostet auch viel. War das dann zweimal so viel? Hoch zwei? Wenn er keine Ahnung von den Summen hatte, die hier involviert waren, dann konnte seine Vorstellung nicht einmal Beträge liefern.

„Okay“, sagte Luna, „aber wir sollten zumindest hineingehen. Komm, Frankie‘s ist nicht so weit weg.“

Sie gingen in das Diner, das zu der Zeit ziemlich leer war. Ein paar Kinder waren dort, die Kevin flüchtig kannte, ein paar ältere Jungs in einer Ecke und der Eigentümer, ein Mann in den Fünfzigern, der die meiste Zeit damit zu verbringen schien, die Theke mit einem Tuch abzuwischen. Es war ein altmodisches Lokal und normalerweise hätte es Kevins Freunden nicht gefallen, aber es gab tolles Eis hier.

„Ich hole das Eis“, sagte Luna und deutete auf eine Ecke. „Du setzt dich hin.“

Sie ließ das wie einen Befehl klingen und Kevin gehorchte. Er musste sich sowieso hinsetzen und wenn das hieß, dass Luna das Eis kaufte, dann war das noch besser. In der Ecke des Diners gab es einen Fernseher und für einen Moment dachte Kevin, das wäre kein Problem. Dann kamen die Nachrichten und wieder Bilder von der Belagerung vor seinem Haus.

Kevin gab sich Mühe, das zu ignorieren, aber das war nicht einfach. Dass die Fernsehsender das noch immer zeigten, überraschte ihn. Vielleicht glaubten sie, dass es Leute gab, die es immer noch nicht gesehen hatten oder vielleicht hatten sie noch nichts anderes gefunden. So oder so, er saß hier und kauerte sich in die Ecke. Es war schwer, sich vorzustellen, dass er und Luna vor ein paar Wochen noch regelmäßig hierhergekommen waren, dass alles normal gewesen war. Jetzt saß er hier und soweit Kevin sagen konnte, wartete er eigentlich nur darauf zu sterben.

Das war ein Gedanke, den er nicht wollte, aber er schlich sich ein, als er nicht aufpasste, setzte sich in seinem Kopf fest und wollte nicht weggehen, egal wie sehr er ihn dazu drängte. Er würde sterben. Er hatte das eine Weile ignorieren können, während er noch mit all dem Zeug um die Außerirdischen, den Botschaften und der Reise in den Regenwald beschäftigt gewesen war. Jetzt gab es nichts weiter zu tun, außer hier zu sitzen und darüber nachzudenken.

„Nun“, sagte Luna und kam mit zwei Gläsern zurück, die bis zum Rand mit Eis gefüllt waren, „du siehst erbärmlich aus. Kopf hoch, sonst gibt es kein Eis.“

Nur Luna würde sich über ihn lustig machen, wenn er so war. Nur Luna würde wissen, dass es genau das war, was Kevin brauchte.

„Du suchst nur nach einer Ausrede, um beides zu essen“, sagte Kevin.

Luna lächelte. „Vielleicht. Denkst du immer noch darüber nach, was du hättest anders machen können?“

Kevin nickte. „Ich weiß nicht, warum. Ich glaube … ich habe einfach gehofft, es würde einen Sinn ergeben.“

„Hoffnung ist gut“, sagte Luna. „Ich glaube, es ist gut, dass du immer noch zuhörst. Du solltest nicht aufgeben, auch wenn die Leute dir nicht glauben.“

Kevin nickte. Er brauchte das. Er brauchte etwas, an dem er festhalten konnte, ansonsten –

„Hey, warte mal, du bist doch Kevin McKenzie, oder? Der Junge, der sich all diesen Alien-Kram ausgedacht hat? Du warst auf unserer Schule.“

Kevin schaute hinüber und sah einige der Kids in seine Richtung schauen. Er wollte ihnen gerade sagen, dass er keinen Ärger wollte, aber Luna war bereits aufgestanden und ging zu ihnen.

„Kevin hat sich das nicht ausgedacht!“

„Natürlich hat er das“, sagte einer der Jungen. „Wer würde dumm genug sein, an Außerirdische zu glauben?“

„Du und jeder andere, anscheinend“, sagte Luna.

„Nennst du mich dumm?“

Kevin stand auf und schloss sich ihr an. „Wir wollen keinen Ärger.“

„Also, warum hast du es dann getan?“, fragte ein Mädchen im Hintergrund. „Meine Eltern haben sich so Sorgen gemacht, dass Aliens kommen, das sie davon geredet haben, das Haus zu verkaufen und aufs Land zu ziehen.“

Die meisten Leute starrten ihn jetzt an und holten ihre Handys raus. Kevin wusste, dass er so nicht gesehen werden durfte. Seine Mutter würde verrückt werden. Außerdem hatte er erlebt, wie große Gruppen von Menschen sich verhalten konnten.

„Wir gehen einfach“, sagte Kevin und hielt seine Hände hoch. „Wir wollen kein Problem verursachen.“

„Du gehst nirgendwo hin“, sagte der Junge, der zuerst gesprochen hatte. „Nicht ehe du zugegeben hast, was du getan hast.“

Er stand dort mit verschränkten Armen und sah aus, als ob er es auch so meinte. Das war ein Problem, denn je länger sie hierblieben, desto mehr Leute würden zuschauen. Luna schien dasselbe zu denken und da sie Luna war, ging sie das Problem direkter an. Sie ging zu dem Jungen, der die Tür blockierte und schubste ihn fest.

„Lauf, Kevin!“

Sie rannte bereits und es dauerte ein wenig, bis Kevin erkannte, dass er dasselbe tun sollte, aber nur einen Moment. So müde er auch gewesen war, er erholte sich schnell genug, um an dem Jungen vorbei zu rennen und Luna zu folgen, als sie auf die Straße lief. Er rannte, so schnell er konnte, ignorierte, dass sein Atem in kurzen Stößen kam und versuchte, mit ihr Schritt zu halten, als sie die Stufen erreichten und zurück durch das Industriegebiet und an dem rostigen Metall vorbeiliefen. Kevin rannte, bis er fühlte, dass sein Herz in seiner Brust explodieren könnte, seine Lungen brannten.

Als es offensichtlich war, dass ihnen niemand folgte, hielten er und Luna an und zu seiner eigenen Überraschung, begann Kevin zu lachen.

Luna lachte ebenfalls. „Das war lustig.“

„Meine Mutter wird mich umbringen“, sagte Kevin, aber in diesem klang selbst das nicht so schlecht. Die Wahrheit war, dass er sich viel besser fühlte, als er es seit Tagen getan hatte. Es schien so lange her, seit er so etwas einfach gemacht hatte: mit Luna in Schwierigkeiten zu geraten und wegzulaufen, bevor es sich in etwas Schlimmeres verwandeln konnte.

„Deine Mutter wird das verstehen“, antwortete Luna.

„Da bin ich mir nicht so sicher“, antwortete Kevin, denn sie würde wütend sein, dass er einfach so hinausgegangen war, wütend, dass er alles riskiert hatte, in dem er dort hingegangen war, wo Leute ihn sehen würden. „Wenn ich nach Hause komme, muss ich …“

Er stoppte sich, als ein Gefühl in ihm aufzusteigen begann. Ein Gefühl, das er viel zu gut kannte, weil es schon vor der NASA und all dem da gewesen war.

„Was ist los?“, fragte Luna. „Was musst du machen?“

Kevin schüttelte seinen Kopf. „Luna, ich glaube …“

„Was?“, fragte sie.

„Ich glaube, es kommt eine weitere Botschaft.“

KAPITEL ZWANZIG

Kevin stand zwischen den Fabriken und hörte der Übertragung zu, als sie begann. Er kämpfte, um die Botschaft mitzubekommen. Das war zuerst schwer, schwerer als zuvor und schwerer, als Kevin es erwartet hätte.

Er begann, sich Sorgen zu machen. Was, wenn das, was sich in seinem Gehirn mit der Übertragung verband, sich verändert hatte, sich mit dem schleichenden Fortschritt seiner Krankheit verschoben hatte? Was, wenn es nur ein kurzes Zeitfenster gegeben hatte, in denen sein Gehirn für das empfänglich war und es jetzt begann durchzurutschen? Er versuchte, sich zu konzentrieren, sich auf die Geräusche zu konzentrieren, um einen Sinn darin zu erkennen.

Ein Bild brannte sich in sein Gedächtnis, Zahlen erschienen in ordentlichen Reihen von Koordinaten. Kevin hätte sie nicht als das erkannt, aber er hatte die Zahlenfolgen schon vorher gesehen, als er gewusst hatte, dass man das Teleskop verrücken musste, um die Nachricht aufzunehmen.

„Kevin?“, fragte Luna. „Geht es dir gut?“

Kevin wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Der merkwürdigste Teil war, dass er sich besser fühlte als seit Tagen. Vielleicht bewirkte die Interaktion zwischen seiner Krankheit und der Botschaft, dass sich die Symptome für den Moment weniger schlimm anfühlten.

„Ich weiß es nicht“, sagte er. „Ich glaube … ich glaube, die Außerirdischen wollen, dass wir an einem neuen Ort nach Signalen suchen.“

Das hatten sie auch das letzte Mal gewollt, als sie ein Signal durch sein Gehirn geschickt hatten, mit solcher Kraft, dass es fast nicht auszuhalten gewesen war. Das war der Beginn von all dem gewesen.

„Also, wem sagen wir jetzt Bescheid?“, fragte Luna.

Kevin musste sie zu lange angestarrt haben, denn sie hob ihre Hände.

„Was? Wir müssen es jemandem sagen“, sagte sie.

Kevin wusste, dass sie wahrscheinlich recht hatte. Wenn es eine neue Nachricht gab, würden die Leute das wissen wollen. Das Problem war, dass er nicht sicher war, wie sie reagieren würden. Er hatte all die Reporter gesehen, die immer noch vor seinem Haus warteten. Er hatte den Schmerz gesehen, dem das seiner Mutter zugefügt hatte. Wäre es nicht besser, einfach still zu sein und sie zu beschützen?

„Ich bin mir nicht sicher, ob mir jemand glauben wird“, sagte er. „Sie glauben, ich lüge. Wenn ich es jemandem sage, dann werde sie annehmen, dass ich einfach nur Aufmerksamkeit haben will.“

Die Menschen würden ihm jetzt nicht mehr zuhören, egal, was er sagte. Wenn er mit einer weiteren Reihe von Zahlen aufwarten würde, würden sie nicht annehmen, dass er nur versuchte, wieder von vorne zu beginnen?

„Wir könnten es deiner Mutter sagen“, sagte Luna. „Sie wird dir glauben und sie wird wissen, was zu tun ist.“

Kevin schüttelte seinen Kopf. „Ich bin mir nicht sicher, ob sie es jetzt noch tun würde, nach all dem Ärger, den das verursacht hat. Selbst wenn sie es täte, weiß ich nicht, ob ihr jemand zuhören würde.“

„Wer dann?“, fragte Luna. „Wir müssen es jemanden sagen. Einem Reporter, vielleicht?“

Das würde zumindest die Nachrichten öffentlich machen, aber wieder fühlte es sich nicht richtig an. Wenn er zu den Reportern ging und versuchte, alles zu erklären, würden sie dann nicht darüber herziehen? Er musste in der Lage sein, es zu beweisen. Es gab nur einen einzigen Ort, an dem er das tun konnte, nur einen Ort, an dem sie ein Teleskop neu ausrichten konnten, um das zu erwartende neue Signal aufzunehmen.

„Wir müssen jemanden von NASA kontaktieren“, sagte Kevin.

Schon während er das aussprach, ahnte er, wie schwierig das werden würde. Er nahm sein Handy heraus und versuchte zu überlegen, wie er das am besten anstellte. Es war nicht so, als hätte er die Durchwahlnummern von Leuten, die helfen könnten.

Er entschied sich, bei Dr. Levin zu beginnen, weil die SETI-Direktorin immerhin sympathischer gewesen war, als Professor Brewster. Er fand eine Nummer im Internet für SETI und rief an, hörte, wie es klingelte und kam schließlich zur Rezeption durch.

„Hallo“, sagte die Rezeptionistin. „SETI-Institut. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich muss mit Dr. Levin über eine dringende Angelegenheit sprechen“, sagte Kevin und versuchte, so erwachsen wie möglich zu klingen. Vielleicht ließen sie ihn mit ihr sprechen, wenn er sich wie ein Kollege oder so anhörte.

„Wer ist da?“, fragte die Rezeptionistin.

„Nun … hm …“, Kevin sah zu Luna herüber, die die Achseln zuckte. „Hier ist Kevin McKenzie. Aber ich muss direkt mit ihr sprechen. Es gab eine weitere Nachricht und es gibt einen zweiten Satz Koordinaten und …“

Er hörte es klicken, als die Rezeptionistin auflegte.

„Sie hat es mich nicht einmal erklären lassen“, sagte Kevin. Es tat weh, dass sie nach all dem einfach auflegten, ohne ihn irgendetwas sagen zu lassen.

„Wir müssen es weiter versuchen“, sagte Luna. „Lass mich mal. Wir probieren es bei NASA. Sie haben immerhin Teleskope.“

Sie rief an und drückte auf einige Knöpfe. Es schien, dass sie es besser machte und sich älter anhörte, denn als sie sprach, hörte es sich für Kevin mehr wie ihre Mutter an, als nach seiner Freundin.

„Hallo, ich habe mich gefragt, ob Sie mich zu Professor Brewster durchstellen könnten? Es ist sehr dringend, ja. Hier ist Professor Sophie Langford von der University of Wisconsin. Ja, ich warte.“

Kevin hatte nicht gewusst, dass Luna so gut darin war, sich spontan solche Dinge auszudenken. Sie warf ihm ihr Handy zu und Kevin nahm es, gerade noch rechtzeitig, um Professor Brewsters Stimme am anderen Ende der Leitung zu hören.

„Hallo?“, sagte Professor Brewster. „Professor … Langford?“

Kevin nahm einen tiefen Atemzug. „Professor Brewster, ich bin es, Kevin. Bitte legen Sie nicht auf, es ist dringend.“

„Warum rufst du diese Nummer an?“, fragte Professor Brewster. „Und versuchst, unter Vorgabe falscher Tatsachen, zu mir durchzukommen? Denkst du nicht, dass du schon genug Probleme hast, junger Mann?“

„Hören Sie mir zu“, sagte Kevin. „Ich würde nicht anrufen, wenn es nicht wichtig wäre. Es gibt Dinge, die Sie wissen müssen.“

„Ich weiß genug über deine Situation“, sagte Professor Brewster.

„Darum geht es nicht“, sagte Kevin. „Es gab eine neue Nachricht! Eine neue Koordinatenreihe. Die Außerirdischen sagten –“

„Das reicht“, sagte Professor Brewster. „Wir alle haben genug Zeit und Mühe darauf verwendet, diese Scharade zu verfolgen und werden nicht noch einmal darauf hereinfallen. Ich werde jetzt auflegen, Kevin. Wenn du diese Einrichtung erneut kontaktierst, werde ich die Details an die Polizei weiterleiten.“

Er legte auf, genauso resolut wie die Rezeptionistin.

Kevin stand dort und versuchte herauszufinden, was er als Nächstes tun sollte. Er hatte keine anderen Telefonnummern, die er anrufen konnte, außer, er würde einen Journalisten anrufen oder das Weiße Haus. Er vermutete, dass er in beiden Fällen so ziemlich dieselbe Antwort bekommen würde wie eben. Er könnte nach Hause gehen und versuchen mit den Journalisten dort zu sprechen oder er könnte auf seine Mutter warten, aber bei beiden Optionen riskierte er, ignoriert zu werden, und −“

„Also“, sagte Luna und unterbrach seinen Gedankenprozess, „wie kommen wir zu SETI?“

„Was?“, sagte Kevin.

„Es ist die beste Option, die wir haben“, sagte Luna. „Wenn wir zu ihnen gehen, dann werden sie sehen, dass es ernst ist und sie werden die NASA überreden können, ihre Teleskope zu bewegen. Dr. Levin schien weitaus netter als Professor Brewster.“

Als sie es so ausdrückte, schaffte sie es, es so logisch klingen zu lassen, dass es keiner Diskussionen bedurfte. Luna hatte eine Art das zu tun, die ein wenig Angst-einflößend war. Dennoch dachte Kevin, dass er es zumindest versuchen sollte.

„Meine Mutter wird mich umbringen, wenn ich so etwas tue“, sagte er.

„Dafür liebt dich deine Mutter zu sehr“, sagte Luna. „So oder so, sie wird dir für immer Hausarrest geben, weil du weggelaufen bist. Dann kannst du auch gleich die Welt retten, wenn du eh schon Ärger kriegst.“

„Du musst aber deswegen keinen Ärger kriegen“, sagte Kevin. „Deine Eltern werden sauer sein, wenn du einfach so nach San Francisco fährst.“

„Denkst du, ich lasse dich das alleine machen?“, fragte Luna. „Denkst du, ich lasse dir die ganze Anerkennung dafür zukommen, dass du die Außerirdischen wiedergefunden hast? Denkst du, ich lasse dich den ganzen Spaß alleine haben?“

„Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich Spaß machen wird“, sagte Kevin.

Luna schüttelte bereits ihren Kopf. „Du bist ohne mich in den Dschungel gefahren, aber du wirst mich dieses Mal nicht zurücklassen, Kevin.“

KAPITEL EINUNDZWANZIG

Sie kauften Bustickets nach San Francisco von einem Angestellten, der sie argwöhnisch ansah. Kevin war sich nicht sicher, ob es daran lag, dass der Mann ihn aus den Nachrichten erkannte, oder weil er dachte, es wären wahrscheinlich Ausreißer, oder beides. Sie schafften es trotzdem, Tickets zu kaufen und setzten sich auf zwei Plätze im hinteren Teil des Busses, der halb voll in die Richtung der Stadt ratterte. Sie versteckten sich in den Sitzen und Kevin merkte, dass er froh war, dass Luna da war. Er war sich nicht sicher, ob er das ohne sie hätte tun können.

Die Busreise schien ewig zu dauern und Kevin verbrachte die meiste Zeit damit, sich zu überlegen, was er sagen könnte, um sie zu überzeugen, dass er die Wahrheit sagte. Er konnte sie nicht einfach bitten, ihm zu vertrauen, nicht nach dem letzten Mal.

„Natürlich kannst du das“, sagte Luna, als er ihr das sagte. „Du bittest sie, die Position des Signals zu überprüfen. Sie können vielleicht nicht herausfinden, was es bedeutet, aber sie werden es trotzdem hören.“

Sie ließ es einfach klingen, aber die Wahrheit war, dass es wahrscheinlich ihre beste Option war. Als der Bus an der Station hielt, stieg Kevin mit Luna aus, fand ein Taxi, dass sie in die richtige Richtung bringen würde, die Art und Weise zu ignorieren, wie sein Körper zu zittern begann.

„Geht ihr da wegen der Aufregung hin?“, fragte der Taxifahrer. „Ihr habt das meiste verpasst. Sie haben vor ein paar Tagen aufgehört, von den Aliens zu sprechen.“

„Vielleicht fangen sie bald wieder an“, sagte Luna. „Man kann nie wissen.“

Der Fahrer fuhr sie, so nah es ging, an den Eingang zu SETI heran. Da waren keine Leute, die dort campten, wie beim NASA-Gebäude und Kevin war froh darüber. Es bedeutete, dass er einfach hineingehen konnte, ohne dass die Leute ihn entdeckten oder nach ihm griffen oder –

„Du?“, fragte die Rezeptionistin, sobald er durch die Tür trat. „Hast du die Nachricht nicht verstanden, als ich aufgelegt habe? Du hast hier schon so viel Ärger gemacht. Verschwinde, bevor ich den Sicherheitsdienst rufe.“

Das letzte Mal war es Kevins Mutter gewesen, die sich ein Schrei-Duell mit der Rezeptionistin geliefert hatte. Jetzt schritt Luna nach vorne, offensichtlich streitlustig.

„Es ist okay“, sagte Dr. Levin und trat in die Lobby. „Ich mache das. Kevin, was machst du hier?“

„Er versucht zu Ihnen durchzukommen“, sagte Luna, die immer noch gereizt war, was man leicht in ihrer Stimme hören konnte. „Aber anscheinend sind die Leute, die ihn bereits verraten haben, nicht bereit zuzuhören.“

„Hallo, Luna“, sagte Dr. Levin. „Wissen eure Eltern, dass ihr beide hier seid? Ihr solltet wirklich nicht hier sein.“

„Es gab eine weitere Nachricht“, sagte Kevin und nahm an, dass er nicht viel Zeit hatte. Er hatte nicht das Gefühl, dass er besonders viel Zeit haben würde. Vielleicht war es die Anstrengung, den ganzen Weg hierhergekommen zu sein, aber Kevin konnte fühlen, wie sich der Druck in seinem Kopf aufbaute, zusammen mit dem Schwindelgefühl, das die Welt verschwimmen ließ. Er drängte es zurück. Das hier war wichtig.

„Kevin“, sagte Dr. Levin, „wir alle wissen inzwischen, dass die Nachrichten nicht echt sind. Auch wenn du glaubst, dass sie das sind, du musst damit aufhören.“

„Woher wusste ich dann von Pioneer 11?“, fragte Kevin. Er hatte eine ganze Busfahrt Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was er sagen sollte und wie er Dr. Levin überzeugen konnte. „Woher wusste ich, wo das erste Signal sein würde? Sie haben das mit ihren eigenen Augen gesehen, Dr. Levin.“

Die Wissenschaftlerin schüttelte ihren Kopf. „Das spielt keine Rolle.“

„Tut es doch“, sagte Kevin. „Wenn Sie nicht an Beweise glauben, die sie mit eigenen Augen gesehen haben, wofür ist dann die Wissenschaft da?“ Er machte eine Pause. „Wenn Sie es erklären können, dann sagen Sie es mir, denn das hier ist echt und es gibt eine weitere Nachricht.“

Er hätte noch mehr gesagt, aber er konnte den plötzlichen Druck in seinem Kopf nicht mehr zurückhalten.

Plötzlich brach er zusammen.

*

Dunkelheit umgab Kevin. Ausnahmsweise gab es keine Visionen, keine Nachrichten und keine Anzeichen von irgendwas.

Nur Leere.

Er wachte zu grellem Licht auf, blinzelte und versuchte herauszufinden, wo er war.

Luna und Dr. Levin schauten auf ihn.

„Kevin, geht es dir gut?“, fragte Luna.

„Wir sollten einen Arzt für dich kommen lassen“, sagte Dr. Levin.

„Nein“, schaffte Kevin es zu sagen und für einen Moment war nicht einmal er sicher, welche Frage er beantwortete. „Keine Ärzte mehr. Rufen Sie nicht meine Mutter an. Wir müssen das Signal anhören.“

Er erkannte, dass er zusammengebrochen war. Er lag auf dem Boden, auf der Stelle, auf der er nur wenige Momente zuvor gestanden hatte.

Er hörte Dr. Levin seufzen. Er war sich nicht sicher, was er tun würde, wenn sie ihn hinausschmiss. Die Informationen ins Internet stellen? Sie direkt an ein anderes Observatorium schicken, in der Hoffnung, dass sie etwas mit der Information anfangen können? Wahrscheinlich würde er bis dahin schon zu viele Probleme mit seiner Mutter haben. Er musste einfach hier stehen bleiben und hoffen.

Er sah, wie sie ihn mit mehr Mitgefühl als zuvor ansah; er vermutete, dass sein Zusammenbruch etwas in ihr verändert hatte.

„Okay“, sagte Dr. Levin, „okay, ich gebe es zu, ich habe über alles nachgedacht, seit du zum ersten Mal hierhergekommen bist. Wenn du nicht irgendwie die Kontrolle über alle NASA Systeme übernommen hast … nein, es funktioniert einfach nicht. Aber das heißt …“

„Es heißt, Sie glauben mir“, sagte Kevin.

Dr. Levin nickte. „Ja, ich glaube dir. Ich will nicht, aber ich habe wohl keine andere Wahl. Was sagt die neue Nachricht?“

„Koordinaten“, antwortete Kevin. „Wie das letzte Mal, als wir die Teleskopausrichtung geändert haben, nur anders. Sie wollen, dass wir uns auf einen anderen Ort konzentrieren.“

„Für weitere Nachrichten, die aus einer anderen Himmelsrichtung kommen?“, fragte Dr. Levin. Kevin hörte sie seufzen.

„Du weißt, dass niemand ein Teleskop nur auf meine Bitte hin bewegen wird? Nicht nach …“

„Nach allem was ich getan habe?“, riet Kevin.

Dr. Levin nickte.

„Es muss jemanden geben“, sagte Luna neben ihnen. „Professor Brewster muss das nicht wissen. Oder wir können einen Weg finden, uns einzuhacken.“

Es war manchmal überraschend, wie wenig Respekt Luna vor Regeln und Gesetzen haben konnte. Zu Kevins Überraschung schien Dr. Levin ihren Vorschlag ernst zu nehmen.

„Die NASA zu hacken ist schwer“, sagte sie. „Um das zu tun, bräuchten wir jemanden der …“

Dann hellten sich ihre Augen auf bei der Erkenntnis.

„Natürlich“, sagte sie zu sich selbst. „Phil.“

Kevin nickte bei der Erwähnung des Namens des Wissenschaftlers. „Glauben Sie … glauben Sie er würde helfen?“

„Er wird“, sagte Dr. Levin. „Er ist zumindest unsere größte Hoffnung.“

Sie und Luna halfen Kevin, wieder aufzustehen. Es kostete ein wenig Mühe, aber er würde es schaffen.

„Ich kann nicht glauben, dass ich das noch mal mache“, sagte sie, „aber ich schätze … ich schätze, wir müssen eine Fahrt zur NASA machen.“

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

Sie fuhren mit Dr. Levins Auto zum NASA-Gelände. Als sie vorfuhren, warteten immer noch ein paar Leute draußen, aber weniger als vorher. Sie fuhren in Dr. Levins Auto zum Tor. Dort stand ein Wachmann hinter der Schranke.

„Das kann ein wenig schwierig werden“, sagte Dr. Levin. „Ich war nicht mehr hier, seid das passiert ist.“

Sie fuhr darauf zu und der Wachmann hielt eine Hand hoch. „Sie können hier nicht rein. Wenn ich es einen von Ihnen gesagt habe, dann muss ich es auch … Dr. Levin, was machen Sie hier? Sie stehen heute nicht auf der Liste.“

„Wir müssen rein, Neil“, sagte sie. „Ich muss mit Phil sprechen.“

„Wir?“, sagte der Wachmann und schaute ins Auto. „Warten Sie, ist das nicht …“

Kevin ließ sich nicht von dem Blick des Wachmannes einschüchtern. Im Moment war es ihre einzige Hoffnung.

„Du? Du sollst nicht hier sein. Sie haben gesagt –“

„Sie haben wahrscheinlich alles Mögliche gesagt“, sagte Dr. Levin, „aber wir müssen rein. Bitte.“

„Es tut mir leid, Dr. Levin“, sagte der Wachmann. „Aber ich kann Sie nicht einfach so hier hereinlassen, besonders nicht, wenn Sie ihn mitbringen.“

Kevin schaute zu Luna, die nickte.

„Bitte Neil, das ist wichtig“, sagte Dr. Levin.

„Es tut mir leid, bitte drehen Sie um und … Hey!“

Kevin und Luna stiegen fast gleichzeitig aus dem Auto.

Kevin rannte an ihm vorbei fast gleichzeitig mit Luna. Der Mann konnte nicht für beide auf einmal greifen und so schafften sie es, an der Schranke vorbeizukommen und nun rannten sie auf die Türen des Gebäudes zu, während der Wachmann sich umdrehte, um ihnen nachzulaufen. Seine Bemühungen wurden aber von den wenigen Menschen, die noch da waren, um zu protestieren, ausgebremst, als diese entschieden, ihnen nachzulaufen, um zu sehen, was passierte.

Kevin rannte weiter und sprintete zur Tür. Er und Luna waren beide schneller als der Mann und schafften es zu den Türen, ehe der Wachmann die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte. Das hätte wahrscheinlich etwas gebracht, wenn die Türen nicht verschlossen gewesen wären. Kevin hämmerte darauf, aber er hatte nicht die Sicherheitsfreigabe, um hindurch zu kommen, er hatte nie die Freigabe gehabt, um durch sie hier hinein zu kommen, und jetzt kam der Wachmann näher.

„Ihr geht beide direkt zur Polizei!“, versprach er, als er näherkam.

Dann öffnete sich die Tür des Gebäudes und Kevin und Luna stolperten hinein, nur einen Schritt vor dem Wachmann. Die Tür knallte vor ihm zu und Kevin schaute hoch zu der Person, die die Tür geöffnet hatte.

„Ted?“ Er war die letzte Person, die Kevin hier erwartet hatte, aber wahrscheinlich auch die beste Person, die er hatte treffen können. „Sie sind immer noch hier?“

Ted nickte. „Ich musste hierbleiben, um ein paar Fragen zu beantworten. Aber das ist jetzt egal. Was machst du hier, Kevin?“, er schaute zu Luna, „Was macht ihr beide hier?“

„Es gab eine weitere Nachricht“, sagte Kevin.

Wo die anderen aufgelegt oder ihn angeschaut hatten, als wäre er verrückt, warf Ted ihm einen ernsten Blick zu. „Bist du sicher?“

Kevin nickte. „Wir brauchen jemanden, der das Teleskop ausrichten kann. Es gibt einen weiteren Satz von Koordinaten.“

Ted beobachtete, wie Dr. Levin auftauchte und nur ins Gebäude gelangen konnte, nachdem Ted die Wache dazu gebracht hatte, sich zurückzuziehen. „Sind Sie gekommen, um das zu überprüfen?“

Dr. Levin nickte. „Ich hatte gehofft, dass Phil vielleicht gewillt ist, die Dinge leise zu regeln. Der Trick ist, dort hineinzukommen.“

„Dafür kann ich sorgen“, sagte Ted. „Ich bin nur noch hier, um die Dinge abzuwickeln, aber ich habe immer noch vollen Zugang.“

Er nahm eine Schlüsselkarte heraus und ließ sie in das Gebäude. Einige der Leute in der Lobby starrten sie an, als sie hineinkamen, aber niemand sagte etwas. Kevin nahm an, dass das viel mit Teds Anwesenheit und der von Dr. Levin zu tun hatte.

„Wir sollten uns beeilen“, sagte Ted. „Jemand wird Professor Brewster, schneller als uns lieb sein kann, mitteilen, dass ihr hier seid.“

„Dann sollten wir bis dahin die neue Nachricht haben“, sagte Dr. Levin.

Sie ging zu Phils Büro, mit Kevin, Luna und Ted im Schlepptau. Kevin sah die Blicke, die einige der Leute ihm zuwarfen, hörte das Murmeln, als er vorbeikam. Sie hatten nicht vergessen, was passiert war. Kevin hoffte nur, dass Phil bereit sein würde, ihnen zu helfen.

Dr. Levin klopfte an die Tür des Wissenschaftlers und Kevin sah sein Gesicht, als er sie dort stehen sah. Es veränderte sich von Erkennen zu Überraschung und dann zu einer Art besorgtem Begreifen.

„Nein“, sagte er und hielt die Hände hoch. „Was immer es ist, nein.“

„Wir haben noch nicht einmal gesagt, um was es geht“, sagte Dr. Levin.

„Aber du wirst es sagen“, erwiderte Phil, „und Professor Brewster wird davon hören und −“

„Interessiert es dich, was David sagt?“, entgegnete Dr. Levin.

Phil zuckte mit den Achseln und seufzte. „Was braucht ihr?“

„Wir brauchen Sie, um die Teleskope auf einige neue Koordinaten zu richten“, sagte Kevin und antwortete für Dr. Levin. „Ich habe noch eine Nachricht bekommen.“

„Du willst, dass ich … weißt du, worum du mich da bittest?“, fragte Phil.

„Sieh es mal so“, sagte Dr. Levin. „Wenn du das machst, wirst du der Kerl sein, der bewiesen hat, dass Kevin die ganze Zeit recht hatte.“

Phil schluckte und nickte dann. „Okay, aber wir müssen das leise machen. Kommt.“

Er führte sie durch das Gebäude und brachte sie in einen Laborraum, der mit Monitoren und Bildschirmen ausgestattet war. Nach ein paar Klicks von Phil auf der Tastatur begann der Bildschirm, die Daten von einem der Teleskop-Arrays anzuzeigen.

„Okay“, sagte er, „es sieht so aus, als wenn wir hier fertig sind. Wir müssen nur … oh und da geht meine Karriere dahin.“

Kevin drehte sich um. Durch die Türen des Laborraums konnte er Professor Brewster kommen sehen, mit einem wütenden Ausdruck auf seinem Gesicht.

„Was machen die hier?“, fragte er, als er da war. „Hör sofort auf, was immer du da machst!“

Kevin hatte vermutet, dass es unvermeidbar war, dass ihm jemand sagen würde, dass sie hier waren. Er hatte nur gedacht, dass sie vielleicht ein wenig mehr Zeit hätten, ehe er auftauchte.

„Sieht so aus, als wären wir fertig“, sagte Phil.

„Nicht, wenn wir das schnell machen“, antwortete Kevin.

„Nicht einmal so schnell“, sagte Luna. Sie rannte zur Tür, machte sie zu und stellte einen Stuhl unter die Klinke. „Was?“, fragte sie, als die anderen sie anschauten. „Es ist einfach das Offensichtliche, was wir tun können.“

„Für dich vielleicht“, sagte Kevin mit einem Lächeln.

Draußen hämmerte Professor Brewster an die Glastür. „Macht auf! Ich rufe die Security! Jeder, der diesem Jungen hilft, wird wie ein Krimineller behandelt!“

Kevin schaute zu Phil hinüber. Ohne ihn wären sie nicht in der Lage, das Teleskop neu auszurichten, also wenn er sich entschließen würde, ihnen nicht zu helfen …

„Okay“, sagte er. „Was sind die Koordinaten?“

Kevin atmete erleichtert aus und wiederholte sie aus dem Gedächtnis. Genau wie bei den ersten Zahlenreihen fühlten diese sich schon fast an, als wären sie in sein Gedächtnis eingebrannt. Sie waren da, wenn er seine Augen schloss, sodass es schon fast eher wie Vorlesen war anstatt sich daran zu erinnern.

„Bist du sicher?“, fragte Phil.

Kevin nickte und öffnete seine Augen. Es waren jetzt mehr Leute vor der Tür, die sich versammelten, um zu beobachten, was geschah, oder versuchten, Professor Brewster zu helfen, in den Raum hineinzukommen.

„Okay, also los“, sagte Phil. Er drückte einen weiteren Knopf und Kevin sah die Zahlen sich auf dem Bildschirm verschieben, als das Radio-Teleskop sich drehte. Sie bewegten sich nach und nach, die Zahlen rückten näher an die, die er sah, und noch näher, bis …

In dem Moment, als sie passten, kam ein Signal durch, klar und stark. Geräusche kamen von dem System. Sie hatten ein vertrautes Gefühl, aber gleichzeitig schienen sie anders zu sein als diejenigen, die Kevin übersetzt hatte. Weniger genau und mechanisch, mehr fließend.

Dennoch übersetzte er sie automatisch.

„Wenn ihr das erhaltet, Achtung“, übersetzte er. „Ihr seid in großer Gefahr. Die letzten Nachrichten, die ihr erhalten habt, waren ein Trick.“

Kevin konnte Professor Brewster weiterhin an der Tür hämmern hören, aber er hörte zu und jetzt kam die Übersetzung fließend von ihm.

„Ihre Übertragungen waren eine Lüge, damit ihr die Kapsel öffnet. Es ist keine Zeitkapsel. Es ist eine Waffe. Sie hat uns komplett zerstört. Das ist unsere letzte Übertragung, um andere zu warnen, nicht denselben Fehler zu machen, den wir gemacht haben.“

Kevin zuckte zusammen, nicht sicher, ob er es richtig übersetzte, aber die Nachrichten waren noch nicht fertig.

Brewster und sein Team platzten durch die Tür.

„Was soll das alles bedeuten?“, fragte er – aber er hielt kurz inne, als er begann zuzuhören.

„Macht nicht den gleichen Fehler wie wir. Öffnet nicht, was sie euch schicken.“

Die Nachrichten hörten auf, dann wiederholten sie sich, als wenn sie in einer Art Schleife geschickt wurden.

„Jemand wollte wohl sichergehen, dass wir das hören“, sagte Luna.

Kevin nickte und versuchte einen Sinn darin zu sehen. Er schaute zu den Erwachsenen.

„Wo ist der Stein?“, fragte Brewster.

„Unten – Labor 3b.

„Ruft sie an!“, schrie Ted. „JETZT!“

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

Kevin versuchte, mit Dr. Levin, Luna und Ted Schritt zu halten, während sie durch das NASA-Gebäude rannten und versuchten zu dem Raum zu kommen, in dem der Stein aufbewahrt wurde. Er konnte die schockierten Blicke auf den Gesichtern der Wissenschaftler sehen, als sie an ihnen vorbeirannten, einige von ihnen erkannten ihn offensichtlich, andere waren wahrscheinlich einfach nur überrascht, dass jemand so schnell durch eine seriöse wissenschaftliche Einrichtung rannte.

Dr. Levin hielt Kevin einen Schlüsselbund hin.

„Wenn das hier falsch läuft“, sagte sie, während sie rannte, „wenn es etwas gibt, das man nicht eindämmen kann, gibt es einen sicheren Raum unter dem Gebäude im Keller. Einer dieser Schlüssel ermöglicht den Zugriff auf das Bunkernetz, wenn es verschlossen sein sollte. Benutzt den, der Fahrstuhl sollte euch direkt dort hinbringen.“

„Wo ist der Stein von der Expedition?“, rief Ted einer Gruppe von Wissenschaftlern zu, als sie vorbeikamen.

„Forschungslabor 3b“, sagte einer von ihnen. „Warum? Ist irgendwas –“

Aber sie waren schon längst weiter gerannt und versuchten, noch rechtzeitig dorthin zu kommen. Vor den Sicherheitstüren mussten sie stehen bleiben, aber diese verlangsamten sie nur ein wenig und ließen sich mit  Teds Sicherheitskarte öffnen.

Kevin konnte Professor Brewster hinter ihnen schreien hören, aber er wurde nicht langsamer.

Sie gingen tiefer in das Gebäude und vorbei an den Laborräumen, die Kevin gesehen hatte, als Phil ihm das Gebäude gezeigt hatte. Sie kamen an den Lasern und den Entwicklungs-Laboren vorbei, die Dinge, die der Menschheit eine Chance auf Überleben und Gedeihen versprachen, wenn sie je in eine andere Welt kamen und die Dinge, die das Versprechen trugen, dies zu einem besseren Ort zu machen. Aber im Moment war das Einzige, was wichtig war, die mögliche Bedrohung, wenn sie nicht sichergingen, dass der Stein unter Kontrolle war.

Sie pausierten bei einer Reihe von Schildern und rannten dann weiter, eine Treppe hinunter und in den Teil des Gebäudes, wo es nur künstliches Licht gab. Es fühlte sich für Kevin steril an, unwillkommen im Vergleich zum Rest des Ortes. Die Wissenschaftler, an denen sie vorbeikamen, trugen zumeist weiße Labor-Anzüge oder Laborkittel und versuchten offensichtlich, sich von kontaminierenden Experimenten fernzuhalten.

Als sie in das Labor kamen, musste Kevin zugeben, dass es wie ein sicherer Platz aussah. Es hatte verstärkte Glaswände an drei Seiten, während die vierte an die äußere Wand des Gebäudes grenzte. Der Stein befand sich in der Mitte davon, wie ein Osterei, das in zwei Hälften zerbrochen war. Drei Wissenschaftler standen in weißen, sauberen Plastikanzügen darum. Zwei trugen Masken, während einer das wohl nicht für nötig hielt, weil er nicht am Stein stand, sondern am Mikroskop arbeitete.

Das Glas war dick, aber Kevin konnte hören, was sie sagten, während Ted an dem Schloss fummelte, und versuchte hineinzukommen.

„Diese Proben sind immer noch interessant“, sagte der Wissenschaftler. „Auch wenn es nicht das ist, was uns versprochen wurde.“

„Lass Professor Brewster das nicht hören“, sagte ein anderer. „Was ihn betrifft, je eher wir diesen Stein als wertlos erklären und ihn loswerden können, umso besser.“

„Nun, er wird vielleicht warten müssen, das ist …“

„Was?“, fragte der dritte Wissenschaftler. „Und wirst du dir wohl eine Maske aufsetzen? Das ist Vorschrift.“

Kevin sah den Moment, als Dampf von der Oberfläche des Steines aufstieg. Er war fast durchsichtig und er hätte es für einen Dampfanstieg aufgrund einer Temperaturänderung in dem Gestein halten können, aber irgendwie wusste er, dass dem nicht so war.

„Das passiert immer wieder“, sagte einer der Wissenschaftler.

Kevin schlug mit seiner Hand gegen das Glas, während Ted weiter an dem Schloss arbeitete.

„Es braucht beides − einen Code und eine Karte“, sagte er. „Ich schätze, es ist eine doppelte Absicherung, weil es ein versiegelter Raum ist.“

„Ihr müsst hier raus“, rief Kevin. „Ihr seid alle in Gefahr.“

Sie drehten sich zu ihm um, als er immer noch mit der Hand gegen die Scheibe schlug, als er weiterhin mit der Hand gegen das Glas schlug, offensichtlich nicht sicher, warum er dort war oder was sie tun sollten. Die beiden mit den Masken sahen verwirrt aus. Derjenige ohne …

Die Augen desjenigen, der keine Maske trug, änderten sich plötzlich, die Pupillen verwandelten sich von Schwarz zu Weiß und schienen fast zu leuchten. Er starrte Kevin an und es gab dort eine Art Erkennen, das vorher nicht da gewesen war. Es lag auch eine Feindlichkeit in diesem Blick, der Kevin mit Angst erfüllte.

Es war intelligent und gefährlich.

Und alles andere als menschlich.

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

„Passt auf!“, schrie Kevin. „Etwas stimmt nicht mit ihm.“

Der Wissenschaftler drehte sich zu den anderen beiden um und griff nach ihnen, zog ihnen die Masken herunter, ehe sie merkten, was passierte. Kevin wollte eine Warnung rufen, aber es sah so aus, als wäre es schon zu spät. Er sah, wie sich die Augen der Wissenschaftler veränderten, ihre Pupillen wurden so weiß, wie die des anderen.

Kevin wich zurück vom Glas und schaute Luna an. Sie sah genauso ängstlich aus, wie er sich fühlte, was wahrscheinlich kein gutes Zeichen war. Luna bekam niemals Angst.

Ted sah aus, als wenn er versuchte herauszufinden, was er tun sollte und das war fast genauso beängstigend. Kevin war daran gewöhnt, dass er all die Antworten hatte. Er holte ein Handy heraus und rief jemanden an.

„Wir haben einen Level-4-Ausbruch“, sagte er hinein. „Ich arbeite daran, es einzudämmen, aber ihr müsst sofort die Notfallmaßnahmen starten.“

Da war ein Kasten an der Wand. Ted klappte ihn auf und tippte eine Reihe von Zahlen in ein Tastenfeld. Er drückte einen Knopf und die Lichter begannen rot zu blinken, während eine computergestützte Stimme über Lautsprecher erklang.

„Notfall, Notfall. Eindämmung im Prozess.“

Metallgitter glitten an den Seiten der Labore herunter, sie verwandelten sie wirkungsvoll in riesige Metallboxen, aus denen es kein Entkommen gab. Kevin hörte ein frustriertes Brüllen im Inneren des Labors und er wagte es, erleichtert aufzuatmen.

„Haben wir es geschafft?“, fragte er. „Haben wir sie aufgehalten?“

„Ich hoffe“, sagte Ted. Trotzdem ging er in einen Lagerraum und kam mit der Art Filtermasken wieder, die die Wissenschaftler getragen hatten. Er gab Luna und Kevin eine und nahm sich selbst auch eine.

„Was ist hier los? Warum ist der ganze Raum abgesperrt?“

Kevin drehte sich um und sah, wie sich Professor Brewster näherte, zusammen mit Dr. Levin und mindestens ein Dutzend weiterer Mitarbeiter. Ein Sicherheitsmann hielt Dr. Levin am Ellbogen fest und sah zwar ein wenig entschuldigend dabei aus, aber ließ sie dennoch nicht los.

„Ihr seid zu weit gegangen“, sagte der Direktor und zeigte mit einem Finger in ihre Richtung. „Ihr hattet kein Recht das zu tun.“

„Sie können sich glücklich schätzen, dass wir es getan haben“, sagte Luna, bevor weder Kevin noch Ted irgendetwas sagen konnten, „weil sie ansonsten jetzt von Außerirdischen umgeben wären.“

„Außerirdische“, sagte Professor Brewster mit einem Anflug von Verachtung. „Haben wir nicht genug von diesem Unsinn gehört?“

„Oh, es ist bei weitem kein Unsinn“, sagte Ted. „Ich habe es gesehen.“

„Es stimmt“, sagte Kevin. „Sie können die Körper von Menschen übernehmen. Aus dem Stein, den wir gefunden haben, kam Gas und hat die Wissenschaftler dort überwältigt.“

Professor Brewster schüttelte seinen Kopf. „Es gibt viele Gase, die unberechenbares Verhalten erzeugen können, und das ist hier der Fall − wenn überhaupt etwas passiert ist. Wir haben nur dein Wort dafür.“

„Mein Wort“, sagte Ted in einem Ton, der dem anderen Mann widersprach.

Dann erklang ein Klopfen.

„Klopfen“ war vielleicht das falsche Wort dafür. Das ließ es fast höflich, ja sogar zart klingen, aber der Klang, der in Kevins Ohren hallte, war von etwas, das hart gegen die Wände des Raumes krachte.

„Sind dort Menschen eingesperrt?“, fragte Professor Brewster.

„Die Außerirdischen kontrollieren sie“, sagte Kevin. „Ihre Pupillen wurden weiß, als das passiert ist.“

„Wahrscheinlich nur eine Auswirkung der chemischen Reaktion“, wandte Professor Brewster ab. „Wie auch immer, dieser Unfug hat lange genug gedauert. Ich werde meine Leute freilassen, den Sicherheitsdienst hier hinunterrufen und euch alle aus dieser Einrichtung entfernen lassen.“

Er ging zum Sicherheitsschaltfeld, den Ted genutzt hatte und Kevin sah, wie der Soldat eine Waffe zog.

„Ich werde jeden erschießen, der dieses Schaltfeld anfasst“, versicherte Ted.

Das schockierte Kevin ein wenig. Er wollte nicht, dass jemand deswegen erschossen würde. Obwohl, wenn es jemanden von hier traf, dann war Professor Brewster wahrscheinlich ganz oben auf der Liste. Der Wissenschaftler wandte sich ihnen zu, die Hände erhoben.

„Das würden Sie nicht wagen“, sagte er. Im Inneren der Stahlbox ging das Hämmern weiter.

„Ähm … ich glaube, das würde er“, antwortete Kevin. „Professor Brewster, wir können sie nicht aus dem Zimmer lassen. Wir müssen die Außerirdischen aufhalten, solange wir können.“

„Es gibt keine Außerirdischen“, sagte Professor Brewster. „Du hast meine Leute wegen eines Hirngespinstes eingesperrt und …“

Das Klopfen hörte auf und die Plötzlichkeit, mit der es dies tat, ließ sogar den Direktor der Einrichtung innehalten. Etwas klickte und surrte, dann hörten die Lichter im Flur auf, ihr mattes Rot zu blinken, und die Stahlgitter begannen hochzufahren.

„Das sieht nicht gut aus“, sagte Luna.

Das war noch untertrieben. Die Gitter hoben sich und Kevin sah die Wissenschaftler dort passiv herumstehen, sie sahen so ruhig aus, als ob sie nur auf die Chance warteten, frei zu sein.

Kevin vermutete, dass es Sinn ergab, dass Außerirdische in der Lage sein würden, einen Computer zu hacken. Schließlich hatten sie eine Technologie, die sie auf den Weg durch eine ganze Galaxie geschickt hatte. Im Vergleich dazu war ein Computer wahrscheinlich nicht sehr kompliziert.

„Siehst du“, sagte Professor Brewster. „Es gibt keine Außerirdische, nur drei ganz normale –“

Die Wissenschaftler öffneten ihre Münder und kreischten gleichzeitig, ein Geräusch, das eher Insekten-artig als menschlich klang − oder mehr nach Alien. Kevin sah den Schock im Gesicht der Wissenschaftler um ihn herum, als sie erkannten, dass das nicht mehr ihre Kollegen waren.

„Schaut euch die Augen an“, sagte einer der Forscher.

Kevin sah zu Ted hinüber. „Wir sind doch sicher hier, oder?“

„Solange sie nicht durchs Glas kommen“, sagte Ted. „Ihr braucht alle Gesichtsmasken. Wenn der Dampf irgendwie herausdringt, seid ihr alle in Gefahr.“

Professor Brewster sah aus, als ob er versuchte, sich zu sammeln, um zu sagen, dass es kein Problem gab, dass alles in Ordnung war, aber er schien Schwierigkeiten zu haben, das zu tun. Er versuchte immer noch, etwas zu sagen, als die Wissenschaftler, die von den Außerirdischen kontrolliert wurden, je einen Metallstuhl nahmen und begannen, damit gegen das Glas zu schlagen, wie ein Rammbock. Alle drei von ihnen arbeiten im Einklang, während das Geräusch davon durch das Gebäude hallte.

Auf dem Glas entstanden Risse. Kevin sah, wie sie sich wie ein Spinnennetz über die Oberfläche ausbreiteten und sich mit jedem Schlag vergrößerten. Ted richtete seine Waffe auf die Wissenschaftler, aber das hielt sie weder davon ab, noch ließ es sie langsamer werden.

Das Glas zerbrach und sie stürzten hinaus. Kevin hörte, wie Ted feuerte, aber es schien keinen Unterschied zu machen. Kevin sah die Wissenschaftler, die keine Masken trugen, auf der Stelle stehen bleiben und keuchen, während sie sich an die Kehlen griffen und sich dann plötzlich aufrichteten. Einer griff nach seinem Nachbarn, der maskiert war und riss ihm die Maske herunter und atmete einen klaren Dampf aus, der den Raum vor ihnen füllte. In wenigen Augenblicken wurde auch dieser Wissenschaftler bekehrt.

Einer griff nach Kevin und riss die Maske herunter, die er trug. Kevin versuchte den Atem anzuhalten, versuchte sich zu entziehen, aber es gab keinen Ausweg. Ein übel riechender Dampf kam über ihn …

… und nichts passierte.

Luna krachte in die Seite des Wissenschaftlers, der Kevin hielt. Sie war klein, aber sie hatte ziemlich viel Erfahrung darin, Menschen zu schlagen, die größer waren als sie selbst und es reichte zumindest aus, dass der Wissenschaftler den Griff lockerte.

„Lauft!“, schrie Ted. „Geht in den Bunker!“

Er begann, seine Waffe in die Masse zu feuern. Es hielt die Wissenschaftler nicht auf. Was immer sie kontrollierte, schien sich nicht um menschliche Dinge wie Schmerz oder Schaden an den Körpern, die sie in ihren Griffen hielten, zu kümmern. Während Kevin zuschaute, hielten drei Wissenschaftler Ted fest und drückten ihn nach unten.

Kevin wollte Ted helfen, wollte nach vorne stürmen und ihn aus der Masse ziehen, aber es gab keine Chance, nicht einmal ein Weg, um irgendwie zu helfen. Das Beste, was er tun konnte, war Luna am Arm zu greifen und sie zurückzuziehen, beide rannten vor den nun vorrückenden Wissenschaftlern davon.

Als er über seine Schulter blickte, sah Kevin, wie sie sich einer nach dem anderen verwandelten. Er sah, wie Dr. Levin keuchte, sich an den Hals griff, als der Dampf in ihren Körper eindrang und sich dann auf eine Art und Weise aufrichtete, die viel zu stoisch war.

Er sah, wie sich Professor Brewster in wenigen Augenblicken veränderte, als der Dampf ihn überwältigte.

Ein Teil von ihm dachte, dass Ted es irgendwie abwehren würde, dass er durchbrechen und kommen würde, um ihnen zu helfen. Kevin ließ einen herzzerreißenden Schrei los, als er sah, wie der Soldat erst stillstand, sich dann aufrichtete und den anderen anschloss, die sie verfolgten.

Sie eilten zusammen die Korridore des Gebäudes hinunter und mehr und mehr Wissenschaftler folgten ihnen mit einer Entschlossenheit, die nicht mehr menschlich war, nicht ansatzweise. Wenn er zurücksah, konnte Kevin Ted, Dr. Levin und Professor Brewster sehen, die genauso unter Kontrolle der Außerirdischen waren wie der Rest. Ein Teil von ihm wollte einfach vor Verzweiflung und Schock auf die Knie fallen. Nur Lunas Anwesenheit neben ihm ließ ihn weiterlaufen.

„Hier lang“, sagte Luna und zog ihm einen Nebenflur herunter, dann zu einer Reihe von Zimmern die wissenschaftliche Ausrüstung enthielten. Sie duckten sich hinter einer Reihe von großen Mikroskopen, verhielten sich eine Weile still, während die besessenen Wissenschaftler durch alle Türen der Einrichtung vordrangen und fast geistlos jeden packten, dem sie begegneten, um ihn zu bekehren.

Luna kniete sich hin und starrte auf Kevin. „Lass mich dir in die Augen sehen.“

Kevin wusste, nach was sie suchte. „Ich bin kein Alien.“

„Nein, bist du nicht, aber du solltest einer sein. Ich weiß nicht, warum du keiner bist.“ Sie schüttelte ihren Kopf. „Was machen wir jetzt?“

Sie schien es als selbstverständlich hinzunehmen, dass es überhaupt etwas geben könnte, was sie tun konnten. Kevin nicht. Wenn seine Krankheit ihn eins gelehrt hatte, dann, dass es Dinge gab, gegen die man unmöglich etwas tun konnte.

„Ted hat gesagt, wir sollen in den Bunker gehen“, sagte Kevin.

Luna nickte. „Hast du den Schlüssel?“

Kevin hielt ihn hoch.

„Okay“, sagte sie. „Dann los.“

Kevin ging voran, schlich sich durch die wissenschaftliche Ausrüstung und ging in Richtung der Aufzüge. Ab und zu hielten sie an und sowohl Kevin als auch Luna blieben wie erstarrt stehen und warteten, während Wissenschaftler vorbeikamen. Es waren nicht mehr viele. Kevin nahm an, dass sie sich wahrscheinlich durch den Rest des Gebäudes bewegten und alle Menschen, die sie unterwegs trafen bekehrten. Es war ein wenig wie damals, als sie sich an Orte schlichen, an denen sie nicht sein sollten, und sich vor Erwachsenen verstecken mussten, nur dass es nichts im Vergleich hierzu war. Sie würden nicht einfach eine strenge Verwarnung erhalten oder aufgefordert werden, weiterzumachen, wenn sie erwischt wurden.

Der Fahrstuhl lag vorne direkt hinter einem Raum voller Pflanzen, die zu Testzwecken eingesetzt wurden. Vor ihnen wartete ein halbes Dutzend Wissenschaftler, als wüssten sie, dass sie beide diesen Weg nehmen würden.

Sie wussten es wahrscheinlich, erkannte Kevin. Bei dem, was im Labor passiert war, sah es aus, als hätten sie Zugang zu den Gedanken und Erinnerung der Menschen, die sie kontrollierten, also warum sollten sie nichts von dem Bunker wissen?

„Was machen wir?“, fragte Luna.

Kevin versuchte nachzudenken. „Wir brauchen eine Ablenkung.“

Er nahm eine der Pflanzen und betrachtete ihren Keramiktopf. Er ging zur Tür des Raumes, der am weitesten vom Aufzug entfernt war, und wählte eine Richtung. Dann ließ er den Pflanzencontainer rollen, so schnell, wie er konnte und eilte zurück zu Luna, gerade noch rechtzeitig, um das Geräusch des anstoßenden Wagens aus der Entfernung zu hören.

Die Alien-kontrollierten Wissenschaftler gingen dem Geräusch nach und eilten vorwärts, in dieser schrecklichen synchronisierten Einförmigkeit, die ihnen innewohnte.

„Jetzt“, sagte Kevin und er und Luna rannten in Richtung Fahrstuhl. Dort war in Brusthöhe ein Schloss angebracht.

„Schnell“, sagte Luna, „nimm den Schlüssel.“

Kevin drückte ihn in den Schlitz am Fahrstuhl und ein grünes Licht erschien. Die Fahrstuhltüren glitten mit unglaublicher Langsamkeit auf. Wie lange würde es dauern, bis die Außerirdischen gemerkt hatten, was das Geräusch ausgelöst hatte und herausfanden, dass sie ausgetrickst wurden? Wie lange, bis sie ihnen beiden nachjagten?

Ein unmenschlicher Laut in der Nähe deutete darauf hin, dass es nicht lange dauern würde.

„Rein da“, sagte Luna und beide stolperten in den Fahrstuhl.

Es gab einen weiteren Kartenschlitz im Fahrstuhl sowie einem Knopf neben einem Schild, auf dem ‚Bunker‘ stand. Es gab noch weitere Tasten für die verschiedenen Ebenen der Anlage, für die Lobby und das Parkhaus. Kevin stand da und betrachtete sie.

„Worauf wartest du?“, fragte Luna. „Du hast Ted gehört, wir müssen in den Bunker.“

Kevin nickte. Er hatte es gehört. Es gab nur ein Problem.

„Was passiert mit unseren Eltern?“, fragte er.

Er sah, wie sich Lunas Augen weiteten.

Draußen sah er Außerirdische um die Ecke kommen, die sich alle mit perfekter Synchronisation auf die Aufzüge zubewegten.

„Wenn wir in den Bunker gehen, wer wird dann unsere Eltern retten?“, fragte Kevin. Er konnte seine Mutter einfach nicht im Stich lassen, sodass sie zum Alien wurde. Er konnte es nicht.

Als die Alien-kontrollierten Wissenschaftler näherkamen, drückte Kevin den einzigen Knopf, den für ihn in Frage kam.

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

Kevin konnte nur dastehen, als der Fahrstuhl nach oben in die Lobby fuhr. Die Sekunden schienen sich zu strecken und mit jeder, die verging, konnte er sich die Wissenschaftler vorstellen, die durch das Gebäude rannten und noch mehr Menschen packten  und Dampf in sie atmeten oder einfach warteten, während er sich durch das Gebäude verbreitete, vielleicht sogar darüber hinaus.

Der Fahrstuhl rumpelte nach oben, die Lichter blinkten auf eine Art, die annehmen ließ, dass irgendwo anders im Gebäude etwas passiert; etwas Gewalttätiges.

„Glaubst du, man kann das aufhalten?“, fragte Luna. Sie klang tatsächlich verängstigt. So verängstigt, wie Kevin sich in dem Moment fühlte.

„Ich weiß es nicht“, gab er zu und es nicht zu wissen, war der schlimmste Teil daran. Er hatte keine Ahnung, was passieren würde oder ob man das stoppen konnte oder so.

Langsam kam der Aufzug zum Stillstand, die Türen öffneten sich, um die Lobby dahinter freizugeben. Kevin und Luna schlichen sich leise hinein und wagten es nicht, ihre Masken auszuziehen, während sie hindurch eilten.

Ein Blick auf den Boden sagte Kevin, dass es genau richtig war. Er konnte sehen, wie der Dampf sich wie Nebel an einem kalten Morgen verteilte. Er kam unter den Türen hervor und breitete sich weiter nach draußen aus. Er konnte nicht sehen, wie er die Protestanten berührte, aber er konnte die Auswirkungen sehen, als sie ihn einatmeten. Er konnte sehen, wie sie einer nach dem anderen still wurden, hoch starrten, als wenn sie auf irgendwas warteten.

„Nein“, sagte Luna und Kevin konnte den Schrecken in ihrer Stimme hören. „Nein, es kann sich nicht so schnell ausbreiten.“

Kevin schluckte seine eigene Angst hinunter. Wie konnte der Dampf so schnell so viel anrichten? Aber er kannte die Antwort darauf: er war genau dazu entwickelt worden − und das war der schrecklichste Gedanke überhaupt, weil das hieß, dass die Menschen da draußen erst der Anfang waren.

Kevin konnte nicht herausfinden, wie sie an ihnen vorbeikommen sollten, aber es schien, dass Luna eine Idee hatte. Sie führte ihn bereits den Weg aus dem Institut heraus und steuerte auf den dortigen Parkplatz zu.

„Was machst du?“, fragte Kevin.

„Wenn wir noch rechtzeitig nach Hause wollen, können wir nicht mit dem Bus fahren“, erklärte Luna. „Wir brauchen ein Auto.“

„Also wirst du eins stehlen?“, fragte Kevin. „Kannst du überhaupt fahren?“

Es schien ihm unvorstellbar, dass jemand in seinem Alter dazu in der Lage sein könnte, aber Luna schien ziemlich zuversichtlich.

„Nicht stehlen, leihen“, sagte Luna. „Und ja, ich kann fahren. Wahrscheinlich. Einer meiner Cousins hat mich mal seinen Truck fahren lassen. Es ist nicht so schwer.

Sie gingen auf den Parkplatz und schauten sich die Autos dort an. Kevin war sich nicht sicher, was sie brauchen würden, um eines davon zu stehlen oder wie lange es dauern würde. Er war sich nicht sicher, ob sie viel Zeit hatten. Schon jetzt konnte er sehen, wie sich einige von ihnen außerhalb des Zauns der Einrichtung auf sie zubewegten.

„Ähm … Luna?“, sagte er. „Ich denke, wir müssen uns beeilen.“

„Da!“, sagte sie und zeigte auf ein Auto. Kevin erkannte Dr. Levins kompaktes Stadtauto sofort. „Sie hat dir alle ihre Schlüssel gegeben, oder?“

„Ich bin mir nicht sicher“, erwiderte Kevin. Er nahm sie heraus. „Sie hat mir einen für den Fahrstuhl gegeben, aber …“ Einer stach sofort heraus. „Sieht das wie ein Autoschlüssel aus?“

„Tut es“, sagte Luna. Sie riss ihn aus seiner Hand und lief zum Auto und öffneten die Autotüren. Hinter ihm konnte Kevin die Menschen sehen, auf welche die Außerirdischen jetzt zugingen, sie bewegten sich in ihre Richtung und in Richtung des Gebäudes als eine einzelne, synchronisierte Gruppe.

Kevin sprang in das Auto, wo Luna bereits mit dem Schlüssel arbeitete und versuchte, das Ding zum Laufen zu bringen.

„Ich dachte, du wüsstest, was du tust“, sagte er.

„Das ist etwas anderes als der Wagen meines Cousins“, antwortete sie. „Gib mir eine Minute.“

Kevin blickte über das Armaturenbrett auf die fortschreitende Horde von Wissenschaftlern. „Ich bin mir nicht sicher, ob wir noch eine Minute Zeit haben.“

„Warte, ich glaube, ich habe es!“ Der Motor brüllte nicht gerade zum Leben, angesichts der Größe des Autos, aber er startete. Luna legte den Gang ein und sie schossen vorwärts und knirschten es gegen das Auto davor.

„Anders herum“, sagte Kevin.

„Willst du fahren?“, blaffte Luna zurück. Sie schaffte es in den Rückwärtsgang und fuhr mit einem Kratzen von Metall auf Metall aus der Parklücke. Sie schaltete wieder in den Vorwärtsgang und sie fuhren zum Tor.

Ein Demonstrant warf sich vor das Auto, fiel von der Motorhaube und stand dann scheinbar unversehrt auf. Kevin hatte gesehen, wie Ted die von den Aliens kontrollierten Wissenschaftler erschossen hatte, ohne dass es sie aufhielt, also bezweifelte er, dass das Auto viel anrichten konnte. Ein weiterer warf sich auf die Motorhaube, hielt sich fest und starrte sie mit seinen weißen Pupillen an.

„Mach es weg! Mach es weg!“, schrie Luna.

Kevin war sich nicht sicher, wie er das machen sollte, aber er tat sein Bestes. Er ließ das Fenster an seiner Seite herunter, lehnte sich nach vorne und schüttelte an dem Mann. Er schrie und dann fiel er auf die Straße.

Jetzt war die Straße frei, sie fuhren über das NASA-Gelände und in Richtung der Autobahn, während die kontrollierten Menschen ihnen hinterherliefen. Das kleine Auto kam auf die Straße und Kevin sah sich um und hoffte, dass er Leute sehen würde, die einfach ihrer täglichen Arbeit nachgingen, halb hoffte er auch, die Polizei irgendwo zu sehen, die sie wegen ihrer wilden Fahrerei anhalten würden, sodass sie die Menschen davor warnen konnten, was passieren würde.

Stattdessen standen die Menschen am Straßenrand, ganz still, während sie in den Himmel starrten.

„Der Dampf verbreitet sich“, sagte Kevin.

Luna nickte. „Wir müssen zu unseren Eltern. Jetzt.“

Sie ratterten die Straße hinunter. Kevin konnte sehen, dass Lunas Knöchel auf dem Lenkrad vor Anspannung ganz weiß waren und ihr Gesicht konzentriert. Trotzdem schaukelten und bremsten sie, während sie darum kämpfte, sich an das Autofahren zu gewöhnen. Wenn es andere Menschen auf der Straße gegeben hätte, so war sich Kevin sicher, wären sie schon auf dem ersten Kilometer mit irgendjemandem zusammengestoßen. Stattdessen waren die einzigen anderen Autos auf den Straßen an den Seiten geparkt und verlassenen, gelegentlich stand ein Auto mitten auf der Autobahn, während sein Besitzer ausstieg, um in den Himmel zu starren.

Das war seine Schuld. Wenn er nie etwas darüber gesagt hätte, was er gesehen hatte, wenn er nie die Leute zu dem Stein geführt hätte, dann wäre das nicht passiert. Dann gäbe es jetzt keine Menschen, die so leer herumstanden wie Schaufensterpuppen, die Wirkung des Dampfes würde sich nicht ausbreiten …

Seine Mutter. Sie würde da draußen sein, nicht wissend, was passierte. Nicht wissend, was sie tun sollte. Wäre sie in Sicherheit? Was, wenn sie auch schon so war? Nein, Kevin konnte diesen Gedanken nicht ertragen. Kevin holte sein Handy heraus und versuchte, seine Mutter anzurufen, um sie zu warnen. Er war nicht überrascht, ein halbes Dutzend verpasster Anrufe von ihr zu haben, alles Nachrichten, in denen sie fragte, wo er war. Er rief sie zurück.

„Kevin?“, sagte sie, als sie abnahm. „Kevin wo bist du? Wo warst du? Du warst nicht zu Hause, als ich zurückgekommen bin. Ich bin hier fast verrückt geworden!“

Kevin seufzte vor Erleichterung, so wie sich das anhörte, war seine Mutter immer noch Herrin ihrer selbst.

„Mama, ich bin mit Luna unterwegs“, sagte er.

„Luna? Was macht ihr beiden? Wo seid ihr? Es gibt Dinge im Fernsehen … es werden alle Arten von Sachen erzählt.“

„Das ist schwer zu erklären, Mama“, sagte Kevin. „Wir sind zum NASA-Institut gefahren, um die Menschen zu warnen, dass die Außerirdischen uns hereingelegt haben, aber wir sind zu spät gekommen.“

„Die Außerirdischen?“, fragte Kevins Mutter. „Kevin, du bist bis dorthin gefahren? Das ist nicht sicher und –“

„Mama“, unterbrach Kevin sie, „du musst mir zuhören. Es gibt eine Art Dampf oder so in dem Stein. Es verändert die Menschen. Es bewirkt, dass die Außerirdischen sie kontrollieren können. Du musst eine Gesichtsmaske oder so finden oder einen Ort, in den keine Luft hineinkommt.“

„Kevin“, sagte seine Mutter. „Das hört sich wirklich nicht –“

„Ich bin nicht verrückt, Mama“, sagte Kevin erneut, ehe seine Mutter den Satz beenden konnte. „Ich bin nicht verrückt. Schalt den Fernseher an. Wenn du mir nicht glaubst, wird Luna es dir sagen.“

Er streckte das Telefon aus, damit Luna sprechen konnte. Er war sich nicht sicher, ob es so eine gute Idee war, sie so abzulenken, aber er musste etwas tun, um zu versuchen, seine Mutter in Sicherheit zu bringen.

„Ms. McKenzie es stimmt alles“, sagte Luna. „Sie müssen mir zuhören. Ich habe es gesehen. Ich habe gesehen, wie die Wissenschaftler sich verändert haben … ja, ich weiß, das hört sich verrückt an, aber ich schwöre, es stimmt. Wir kommen jetzt, um Sie abzuholen.“

Sie verriss das Lenkrad, um einem weiteren Auto auszuweichen und Kevin zog das Handy weg.

„Mama? Wir werden so schnell wie möglich da sein. Wenn jemand versucht, zu dir hineinzukommen, schau ihm in die Augen. Wenn die Pupillen weiß sind, lass ihn nicht rein. Auch nicht, wenn wir es sind. Und Mama? Ich liebe dich.“

Es war vielleicht nicht so cool, das zu sagen, aber in dem Moment war das Kevin egal. Er wollte, dass seine Mutter das wusste.

„Ich liebe dich auch“, sagte seine Mutter. „Was auch immer das ist, wir werden einen Weg finden, es in Ordnung zu bringen.“

Kevin war sich nicht sicher, ob es so einfach sein würde. Er legte auf und rief als nächstes Lunas Eltern an, da Luna das nicht tun konnte, ohne irgendwo dagegen zu fahren oder anzuhalten. Er rief ihre Mutter an, dann ihren Vater und jedes Mal ging die Mailbox ran.

„Keine Antwort“, sagte er.

Luna schaute zu ihm herüber. „Denkst du, das bedeutet –“

„Pass auf“, sagte Kevin und griff ins Lenkrad um sie von einer Ansammlung von Autofahrern wegzulenken, die ausgestiegen waren, um in den Himmel zu schauen. Ihr Auto kam kurz ins Schleudern und schrammte an der Leitplanke entlang, bevor es wieder geradeaus fuhr.

Luna verstärkte ihren Griff am Lenkrad und sagte jetzt nichts mehr, während sie immer schneller und schneller fuhr, als ihr Selbstvertrauen wuchs. Kevin dachte, sie sollte vielleicht ein wenig langsamer fahren, aber er würde ihr das jetzt nicht sagen, besonders nicht, da sie immer noch auf dem Weg zu seiner Mutter waren.

Es schien ewig zu dauern, bis sie in den Walnut Creek einfuhren, und alles dort schien zu ruhig zu sein, gespenstisch ruhig. Als Luna das Auto vor Kevins Haus zum Stehen brachte, fiel ihm ein, dass das nicht so einfach hätte sein sollen. Sie hätten von Reportern umgeben sein sollen, die alle begierig darauf waren, ihn bei etwas zu fotografieren, was er nicht tun sollte.

Stattdessen war die Straße leer.

„Wo sind alle?“, fragte Kevin laut.

„Willst du von den Reportern belästigt werden?“, entgegnete Luna. „Wahrscheinlich berichten sie darüber was gerade passiert oder sie haben sich entschieden, in Deckung zu gehen. Das hätte ich gemacht.“

„Das werden wir“, versprach Kevin. Sobald sie ihre Eltern geholt hatten. „Meine Mutter hat uns bestimmt schon gesehen.“

Er ging vom Auto zum Haus, klingelte und klopfte dann an die Tür.

„Mama“, rief er, „ich bin kein Reporter. Ich bin es, Kevin.“

Er wartete ein paar Sekunden, nicht sicher, ob die Stille davon kam, dass seine Mutter sich versteckte oder weil es etwas Unheimlicheres bedeutete. Er seufzte erleichtert, als er das Klicken des Schlosses hörte und die Tür sich öffnete.

„Mama!“, sagte Kevin und umarmte sie, es war ihm egal, ob das uncool war. Sie stand vor ihm und lächelte mit offenen Armen, sie sah sicher aus, glücklich …

Dann sah Kevin ihre Augen, weiß und starrend und er erkannte, dass seine Mutter ihn festhielt und nicht umarmte.

Es war zu spät, erkannte er, eine gähnende Grube öffnete sich in seinem Magen.

Die Außerirdischen hatten sie.

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

Für einen Moment stand Kevin einfach da, gelähmt von der Trauer, die er empfand. Er konnte spüren, wie Tränen über seine Wangen rollten. Sie hatten seine Mutter übernommen. Sie kontrollierten sie, wie sie so viele andere Menschen kontrollierten, aber das hier war anders, weil es seine Mutter war, nicht jemand anderes. Er fühlte sich wütend, traurig und schuldig auf einmal. Er hatte das getan. Er hatte ihnen gesagt, wo sie den Stein finden konnten. Er hatte –“

„Kevin, lauf!“, rief Luna und zog ihn von seiner Mutter weg.

Er schaffte es sich aus dem Griff seiner Mutter zu befreien, aber sie taumelte hinter den beiden her und atmete den Dampf aus, der sie verwandeln könnte.

Weitere Personen kamen aus dem Gebäude, strömten heraus, als ob sie nur auf Kevin und Luna gewartet hätten. Einige von ihnen waren Reporter, noch immer mit ihrer Kameraausrüstung ausgerüstet. Dann sah Kevin etwas noch viel Schlimmeres. Dort standen Lunas Eltern, mit weißen Augen und so kontrolliert, wie der Rest. Das Schrecklichste war, wie normal sie aussahen.

Es reichte, damit Kevin zum Auto zurück stolperte. Er erreichte es, als Luna gerade wieder hinter dem Lenkrad Platz nahm.

„Fahr!“, schrie er Luna zu, als er sich auf den Beifahrersitz fallen ließ.

„Das … das sind meine Eltern“, sagte Luna und trotz ihrer Maske, konnte Kevin sehen, wie blass ihre Züge waren, wie aufgeregt sie war.

„Ich weiß, Luna, aber wenn wir hier nicht rauskommen, werden wir so enden wie sie, oder schlimmer noch.“

Luna sah zu ihm hinüber und Kevin konnte die Tränen sehen. Dennoch nickte Luna und trat auf das Gaspedal, sodass das Auto vorwärts taumelte. Reporter prallten von der Motorhaube ab.

Kevin war einfach nur dankbar, dass es nicht Lunas Eltern waren, auch wenn die Reporter gleich wieder aufstanden.

Sie fuhren mehr als eine Meile, ehe sie anhielten, inmitten eines verlassenen Grundstücks, wo es kein Anzeichen von Leben gab. Luna stellte den Motor ab und weinte. Kevin wusste, wie sie sich fühlte. Seine Mutter war weg, die Außerirdischen hatten sie genommen, einfach so. Er hatte versucht, sie zu warnen. Hatte sie ihm nicht geglaubt und jemandem die Tür geöffnet? War es einfach zu spät gewesen?

Kevin wusste es nicht. Im Moment spielte es keine Rolle. Seine Mutter war weg, verwandelt, genauso wie Lunas Eltern. Genauso wie jeder andere Erwachsene, dem sie vertrauen konnten. Dr. Levin, Ted. Alle waren weg. Die Welt fühlte sich wie ein großer, Angst einflößender Ort an, ohne dass sie da waren, um ihnen zu helfen.

Er fühlte sich gerade leer, auf eine Weise, die all die Dinge, die er fühlte, als er erfahren hatte, dass er sterben würde, wie nichts erscheinen ließ. War es das, was seine Mutter gefühlt hatte, als sie erfahren hatte, dass er sterben würde? Dieses Gefühl von Verlust?

„Versprich mir etwas“, sagte Luna unter Tränen. „Versprich mir, dass du nicht zulässt, dass ich so werde.“

„Wir sind sicher“, sagte Kevin. Selbst für sich selbst hörte sich das nicht überzeugend an. „Wir haben Masken.“

„Eine Maske wird sie nicht aufhalten, wenn sie sie abziehen und diesen Dampf auf mich pusten“, sagte Luna. Sie hörte sich jetzt wütend an. Nicht wütend auf Kevin, wütend auf die Welt. „Es wird mich nicht davor bewahren, wie sie zu werden. Versprich mir also, dass du nicht zulässt, dass ich so werde.“

„Wie kann ich –“, begann Kevin.

„Du kannst mich töten“, sagte Luna. In ihren Augen glitzerten Tränen. „Ich will nicht so ein gedankenloses Ding sein, in meinem eigenen Körper gefangen. Wenn ich so werde, dann will ich, dass du mich tötest. Sag, dass du das tun wirst, Kevin.“

Kevin konnte es nicht sagen. Er konnte nicht versprechen, Luna zu töten. Wie konnte jemand das versprechen? Das Beste, was er tun konnte, war ruhig zu bleiben, während Luna weinte, seine Hand auf ihrer Schulter in stiller Unterstützung.

„Wohin gehen wir, Kevin?“, fragte Luna. Sie klang, als ob sie jetzt ihre Schluchzer zurückwürgen würde. „Wo können wir hingehen? Was können wir tun? Was wenn … wenn jeder so ist?”

Kevin war sich nicht sicher, ob er darauf eine Antwort hatte.

„Wir müssen irgendwo hin, wo wir sicher sind“, sagte er. „Ted wollte, dass wir das tun.“

„Er wollte, dass wir in den Bunker gehen“, sagte Luna. „Wir können jetzt nicht dorthin gehen, oder?“

Kevin dachte an all die Wissenschaftler, die dort sein und versuchen könnten, sie zu fangen. Er schüttelte seinen Kopf.

„Nein. Wir würden nicht durchkommen.”

„Wohin dann?“, fragte Luna. „Wir müssen irgendwo hingehen. Wir können die Masken nicht abnehmen, ehe wir sicher sind.“

Kevin war sich in Bezug auf sich selbst da nicht so sicher. Immerhin hatte einer der Wissenschaftler seine Maske heruntergezogen. Ich glaube … ich glaube, ich könnte es“, sagte er.

„Nun, ich kann es nicht“, sagte Luna schnippisch. „Wie soll ich essen, Kevin? Oder etwas trinken oder −“

„Wir denken uns etwas aus“, sagte Kevin, und dann erstarrte er, als ihm etwas klar wurde. „Es gibt noch weitere Bunker.“

„Weitere Bunker?“, sagte Luna. „Aber würden die nicht gut verborgen sein?“

„Phil hat mir etwas von ihnen erzählt, als er mich durch das Institut geführt hat“, sagte Kevin. „Er hat mir sogar eine Karte gezeigt.“

Hinter ihrer Maske sah Luna hoffnungsvoll aus. „Kannst du dich erinnern, wo die sind?“

„Ich …“

„Versuche es Kevin“, sagte Luna.

Kevin gab sich Mühe. Er konnte sich an ganz sicher an einen erinnern. „Phil sagte, dass es einen im Staatspark oben am Mount Diablo gibt. Er sagte, es ist ein Ort, der für Militärtests genutzt wird.“

„Bist du sicher?“, fragte Luna.

Kevin nickte. „Es wäre sicherer, als draußen zu sein“, meinte Kevin. Er versuchte, zu überlegen, was sie brauchen würden und wie es funktionieren könnte. „Wir bräuchten Lebensmittel. Essen und so.“

Am Ende nahmen sie das, was sie brauchten, von einer Tankstelle. Sie hatten kein Geld, um dafür zu bezahlen, aber der Angestellte stand auf der Rückseite des Ladens und starrte in den Himmel. Kevin hinterließ trotzdem eine Nachricht mit der Adresse seiner Mutter. Es fühlte sich nicht richtig an, etwas zu stehlen, selbst bei all dem, was gerade vor sich ging.

Sie fuhren weiter und jetzt schien Luna den Dreh herauszuhaben, den die ganze Fahrt schien reibungsloser zu verlaufen. Es gab weniger Beinahe-Zusammenstöße, obwohl sie immer noch um die Autos herumfahren musste, die mitten auf der Autobahn zurückgelassen worden waren, weil ihre Besitzer ausgestiegen waren, um nach oben zu schauen. Es gab sogar ein paar Polizeiautos und Luna fuhr fast automatisch langsamer, als sie an ihnen vorbeikamen. Aber die Polizisten waren genauso damit beschäftigt, in den Himmel zu starren, wie alle anderen. Es gab niemanden, der ihnen Probleme machen konnte – aber auch niemanden, der ihnen half.

„Glaubst du, wir können etwas tun, um unseren Eltern zu helfen?“, fragte Luna nach einer Weile.

„Ich weiß nicht“, gab Kevin zu. Er hatte fast die ganze Zeit darüber nachgedacht, seitdem er seine Mutter so gesehen hatte. „Ich nehme an, ich sollte es wissen.“

Er hatte so viele Nachrichten von den Außerirdischen bekommen, aber keine von denen hatte etwas darüber gesagt, wie er all das rückgängig machen könnte. Keine von ihnen hatte eine Heilung für das, was auch immer es war, angeboten oder sogar angedeutet, dass es ungeschehen gemacht werden konnte. Dann kam Kevin ein schrecklicher Gedanke: Die Außerirdischen hatten ihre eigene Welt verbrannt, um die Ausbreitung zu verhindern und zu versuchen, die Bedrohung abzubauen, und selbst das hatte sie nicht aufgehalten.

„Was, wenn es keinen Weg gibt?“, fragte Luna. „Was, wenn alle für immer so leben müssen?“

„Wenn es etwas gibt, werden wir es finden“, sagte Kevin, obwohl er nicht wusste, wie sie das anstellen sollten. Er hatte aber Hoffnung. Er wollte seine Mutter zurückhaben und sich nicht den Rest seines Lebens vor allen Menschen, die er traf, verstecken müssen.

Sie fuhren weiter in Richtung Osten. Die Straßen wurden kurvig und wanden sich für eine Weile den Berg hinauf. Sie fuhren weiter nach oben und Kevin gab sich Mühe, sich zu erinnern, wo der rote Punkt auf der Karte gewesen war. Das war schwer, denn er hatte die Karte nur kurz gesehen und seitdem war viel passiert.

„Ich glaube, er ist in der Nähe der Spitze.“

Luna nickte und fuhr weiter. Es gab weniger Menschen hier draußen, aber trotzdem taten sie die gleichen Dinge, die auch andere getan hatten: an der Straße stehen, in den Himmel starren. Einige liefen auch zurück in die Stadt, als würde dort etwas auf sie warten.

Es sollte einen Parkplatz auf der Bergspitze geben, aber Luna lenkte das Auto schon vorher von der Straße und versteckte es hinter einer Reihe von Bäumen.

„Damit es immer noch da ist, wenn wir es brauchen“, sagte sie. Kevin konnte nicht sehen, wer da sein könnte, um es zu stehlen, aber trotzdem klang es nach einer guten Idee. Er vermutete, dass es in den Touristengebieten Menschen geben könnte, die jetzt auch alle von den Außerirdischen kontrolliert werden.

Sie nahmen Lebensmittel und Vorräte aus dem Auto, ein paar Dosen und Packungen, die jetzt, da sie hier waren, nicht mehr auszureichen schienen. Sie schlichen sich durch die Bäume und versuchten, kein Geräusch zu machen.

„Wo geht es von hier zum Bunker?“, fragte Luna.

„Ich bin mir nicht sicher“, gab Kevin zu. „Ich denke, er ist ganz oben.“

Luna nickte und begann nach oben zu klettern. Es war schwer, so zu klettern, aber sie kletterten weiter. Sie waren fast schon oben und die Aussicht auf Sicherheit ließ sie weiter gehen.

Da waren Leute in der Nähe der Spitze. Kevin konnte sie sehen, als er näherkam. Einige sahen aus wie Touristen, aber es gab andere in Militäruniformen, was darauf hindeutete, dass Phils Andeutungen von einem geheimen militärischen Testgelände stimmen könnten. Alle schienen so erstarrt wie alle anderen, die sie gesehen hatten, als ob sie auf Befehle warteten. Er wusste, dass sie nicht einfach an ihnen vorbeigehen konnten. Wenn auch nur einer sie sehen würde, wie viele würden sich dann auf sie stürzen? Wenn es genug von ihnen waren, würde ihnen der Bunker nicht mehr viel nützen.

Sie schlichen, so gut sie konnten, weiter und versuchten, so viele Bäume wie möglich zwischen sich und den Menschen dort zu halten. Kevin hielt seinen Kopf gesenkt und versuchte, sich außer Sichtweite zu halten. Er sah, wie sich die Leute langsam umdrehten, um ihn durch die Bäume anzustarren, und er wusste, dass ihre Bemühungen, außer Sicht zu bleiben, nicht funktioniert hatten

„Lauf“, rief er Luna zu.

Sie rannte, während die Gruppe derer, die sie gesehen hatte, ebenfalls loslief, sich aber nur im Schritttempo bewegte und so aussah, als würden sie vor nichts zurückschrecken. Kevin und Luna rannten durch die Bäume, gingen tiefer in den Wald, um außer Sichtweite zu sein.

„Da“, flüsterte Luna und zeigte darauf.

Kevin seufzte vor Erleichterung. Sie hatte recht. Sie hatten ihn gefunden.

Der Eingang zum Bunker war übersät mit grünem und grauem Moos und kleinen Pflanzen.

Aus der Ferne sah der Eingang aus wie eine kleine Mulde im Boden, aber im Näherkommen konnten sie Stufen ausmachen, die nach unten führten. Es gab dort eine Tür, die mit einem altmodischen runden Griff verschlossen war, so wie bei einem Steuerrad oder einem Safe. In der Mitte befand sich ein Schlüsselloch. Kevin hoffte nur, dass Phil recht hatte und die Schlüssel überall passten.

„Schnell“, sagte Luna.

Kevin konnte hören, wie die Alien-kontrollierten Menschen hinter ihnen immer näher kamen … Sie eilten zur Tür. Kevin steckte den Schlüssel in das Schloss und so langsam, dass es ihm Angst machte, begann sich das Rad zu drehen.

Die Tür öffnete sich gerade noch rechtzeitig.

Luna und er rannten hinein, knallten die Tür hinter sich zu und drehten an dem Verschlussmechanismus.

Etwas schlug von der anderen Seite hinein, aber die Tür hielt.

„Das Dekontaminations-Verfahren beginnt“, sagte eine elektronische Stimme. Wasser kam in einem Schwall auf sie herunter und durchnässte sie beide bis auf die Haut, wie in einem schweren Sturm. In dem Moment war es Kevin egal.

„Wir haben es geschafft“, sagte er. „Wir sind in Sicherheit.“

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

Zu Kevins Überraschung war der Bunker leer, niemand war darin, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, die getroffen worden sein mussten. Es fühlte sich seltsam an, da drin gefangen zu sein, nur mit Luna für Gesellschaft.

Der Bunker verfügte über eine Zentrale mit Bildschirmen, die größer waren, als er selbst. Kevin drückte einen Knopf und war erleichtert zu sehen, dass die Bunker-Systeme ihnen Zugriff auf Fernsehen und das Internet, Satelliten-Bilder und vieles mehr boten. Es gab sogar Geräte, die aussahen, als würden sie auf militärische Kommunikationskanäle zugreifen, obwohl Kevin noch nicht herausgefunden hatte, wie diese funktionierten.

„Gibt es noch Leute, die noch nicht von den Außerirdischen kontrolliert werden?“, fragte Luna.

Kevin wusste nicht, was er darauf sagen sollte. „Es gibt immer noch Fernseh-Sendungen und solche Sachen“, sagte er, „es muss also jemand da sein.“

Es schien aber nicht zu viele Menschen zu geben. Aus dem versiegelten Inneren des Bunkers sahen Kevin und Luna zu, wie die Welt sich veränderte. Es gab Nachrichten im Internet, in denen über die Menschen gesprochen wurde, die verwandelt wurden. Es passierte nicht nur in Amerika und es breitete sich zu schnell aus, um es kontrollieren zu können. Vielleicht, wenn die Menschen es geschafft hätten, ihre Grenzen rechtzeitig zu schließen, hätten sie es aufhalten können, aber dennoch, was konnten sie gegen den Wind tun, der den Dampf weitertrug?

„Was glaubst du, machen unsere Eltern jetzt?“, fragte Luna.

„Ich weiß nicht“, gab Kevin zu. Es war ein seltsames, verstörendes Gefühl, es nicht zu wissen. Würde seine Mutter mit den anderen da draußen sein und nur starren? Würden diese Menschen essen oder trinken oder schlafen? Oder würden sie einfach nur dort stehen, bis sie vor Erschöpfung umfielen?

„Es gibt immer noch Menschen, die versuchen zu zeigen, was passiert“, sagte Luna. Sie zeigte Kevin Bilder von einem Fernsehsender, bei dem sie versuchten, alles auf einer Wetterkarte zu kartografieren, und eine Internetseite, bei der jemand es geschafft hatte, eine Reihe von Kameras weltweit anzuzapfen.

„London, Paris, Peking“, sagte Kevin und las die Bild-Unterschriften vor. Sie waren schwer zu unterscheiden, denn jedes Bild zeigte fast die gleiche Szene: Menschen, die einfach nur dort standen. Dann wurde es noch schlimmer, denn auf den Bildschirmen begannen sich die Bilder zu verschieben, sie zeigten Menschen, die jetzt in den Himmel starrten, zu Hunderten, zu Tausenden auf die Straße gingen und sich versammelten, um nach oben zu schauen.

Es dauerte einen Moment, herauszufinden, worauf sie schauten.

Kevin schaute den Bildschirm an und er konnte nicht glauben, was er sah. Er sah Menschen in den Himmel starren und er sah den Schatten, der sich über ihnen bildete, zu plötzlich, um etwas Natürliches zu sein.

Und viel zu groß, bei weitem zu groß, um von Menschenhand gebaut worden zu sein.

ANKUNFT
(Chronik der Invasion – Buch Zwei)

Die weltweite Nr. 1 Bestseller Fantasy-Autorin Morgan Rice ist die Verfasserin dieser lange erwarteten Science-Fiction-Reihe. SETI hat ein Signal von einer außerirdischen Zivilisation erhalten. Gibt es noch Zeit, die Welt zu retten?


„Tolle Handlung, die Art von Buch, die Sie abends einfach nicht mehr weglegen können. Das Ende war spannend, so spektakulär, dass Sie am liebsten gleich das nächste Buch kaufen wollen, nur um zu sehen, was passiert.“

–The Dallas Examiner (Loved)


„Eine weitere brillante Serie, lässt uns in eine Fantasie voll von Ehre, Courage, Magie und Glauben in unser Schicksal eintauchen … empfohlen für die Bibliothek von Lesern, denen eine gut geschriebene Fantasiereihe gefällt.“

–Books and Movie Reviews, Roberto Mattos re Rise of  the Dragons


„Schnelles und leichtes Lesen … Sie müssen unbedingt lesen, was als Nächstes passiert und wollen das Buch nicht wieder weglegen.“

–Fantasy Online.net, re A Quest of Heroes


Nach dem Empfang des Signals durch SETI erkennt der 13-jährige Kevin: Er ist der Einzige, der die Welt retten kann. Aber ist noch Zeit? Was muss er tun?


Und was planen die Außerirdischen als Nächstes?


„Aktionsgeladen … Rices Schreibstil ist solide und verspricht Faszinierendes.“

–Publishers Weekly, re A Quest of Heroes


„Eine gehobene Fantasy … ein zu empfehlender Gewinner, für alle die epische Fantasie lieben, bei der es um mächtige, glaubhafte junge erwachsene Protagonisten geht.“

–Midwest Book Review, re Rise of the Dragons


„Eine aktionsgeladene Fantasy, die sicherlich die Fans von Morgan Rices vorherigen Novellen zusammen mit Fans von Schriftwerken wie THE INHERITANCE CYCLE von Christopher Paolini begeistern wird … Fans von junger Erwachsener Fiction werden dieses neuste Werk von Rice verehren und mehr haben wollen.“

–The Wanderer, A Literary Journal (regarding Rise of the Dragons)


Buch Drei der Reihe wird bald verfügbar sein.


Ebenfalls erhältlich sind Morgan Rices viele Serien im Fantasy-Genre, darunter A QUEST OF HEROES (BOOK #1 IN THE SORCERER'S RING), ein kostenloser Download mit über 1.300 Fünf-Sterne-Rezensionen!


ANKUNFT
(Chronik der Invasion – Buch Zwei)
Wussten Sie, dass ich noch weitere Reihen geschrieben habe? Wenn Sie noch nicht alle meine Reihen gelesen haben, klicken Sie auf das Bild, um sich eine Reihe herunterzuladen!
Bücher von Morgan Rice

CHRONIK DER INVASION
ÜBERMITTLUNG (Buch 1)
ANKUNFT (Buch 2)
STEIGFLUG (Buch 3)

EIN THRON FÜR SCHWESTERN
EIN THRON FÜR SCHWESTERN (Buch 1)
EIN GERICHT FÜR DIEBE (Buch 2)
EIN LIED FÜR WAISEN (Buch 3)
EIN KLAGELIED FÜR PRINZEN (Buch 4)
EIN JUWEL FÜR KÖNIGE (Buch 5)
EIN KUSS FÜR KÖNIGINNEN (Buch 6)

FÜR RUHM UND KRONE
SLAVIN, KRIEGERIN, KÖNIGIN (Buch 1)
SCHURKIN, GEFANGENE, PRINZESSIN (Buch 2)
RITTER, THRONFOLGER, PRINZ (Buch 3)
REBELL, SCHACHFIGUR, KÖNIG (Buch 4)
SOLDAT, BRUDER, ZAUBERER (Buch 5)
HELD, VERRÄTER, TOCHTER (Buch 6)
HERRSCHER, RIVALE, VERBANNTE (Buch 7)
SIEGER, BESIEGTER, SOHN (Buch 8)

VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN
DER AUFSTAND DER DRACHEN (Buch 1)
DER AUFSTAND DER TAPFEREN (Buch 2)
DAS GEWICHT DER EHRE (Buch 3)
DIE SCHMIEDE DES MUTS (Buch 4)
EIN REICH DER SCHATTEN (Buch 5)
DIE NACHT DER VERWEGENEN (Buch 6)

DER RING DER ZAUBEREI
QUESTE DER HELDEN (Buch 1)
MARSCH DER KÖNIGE (Buch 2)
FESTMAHL DER DRACHEN (Buch 3)
KAMPF DER EHRE (Buch 4)
SCHWUR DES RUHMS (Buch 5)
ANGRIFF DER TAPFERKEIT (Buch 6)
RITUS DER SCHWERTER (Buch 7)
GEWÄHR DER WAFFEN (Buch 8)
HIMMEL DER ZAUBER (Buch 9)
MEER DER SCHILDE (Buch 10)
REGENTSCHAFT DES STAHLS (Buch 11)
LAND DES FEUERS (Buch 12)
DIE HERRSCHAFT DER KÖNIGINNEN (Buch 13)
DER EID DER BRÜDER (Buch 14)
DER TRAUM DER STERBLICHEN (Buch 15)
DAS TOURNIER DER RITTER (Buch 16)
DAS GESCHENK DER SCHLACHT (Buch 17)

DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS
ARENA EINS: DIE SKLAVENTREIBER (Buch 1)
ARENA ZWEI (Buch 2)
ARENA DREI (Buch 3)

GEFALLENE VAMPIRE
VOR DEM MORGENGRAUEN (Buch 1)

DER WEG DER VAMPIRE
GEWANDELT (Buch 1)
VERGÖTTERT (Buch 2)
VERRATEN (Buch 3)
BESTIMMT (Buch 4)
BEGEHRT (Buch 5)
VERMÄHLT (Buch 6)
GELOBT (Buch 7)
GEFUNDEN (Buch 8)
ERWECKT (Buch 9)
ERSEHNT (Buch 10)
BERUFEN (Buch 11)
BESESSEN (Buch 12)
Über Morgan Rice

Morgan Rice ist #1 Bestseller und der Bestseller Autor von USA Today der epischen Fantasy-Reihe DER RING DER ZAUBEREI, die aus siebzehn Büchern besteht; von der #1 Bestseller Reihe DER WEG DER VAMPIRE, die aus zwölf Büchern besteht; der #1 Bestseller Reihe DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS, ein postapokalyptischer Thriller, der aus drei Büchern besteht, die epische Fantasie Reihe VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN, die aus sechs Büchern besteht; der epischen Fantasie Reihe FÜR RUHM UND KRONE, die aus 8 Büchern besteht Fantasie Reihe EIN TRHON FÜR SCHWESTERN, die aus fünf Büchern besteht (andauernd); und die neue Science-Fiction-Reihe CHRONIK DER INVASION. Morgans Bücher sind in Audio und Druckausgabe und in 25 Sprachen übersetzt erhältlich.

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Yaş həddi:
16+
Litresdə buraxılış tarixi:
09 sentyabr 2019
Həcm:
252 səh. 5 illustrasiyalar
ISBN:
9781094310305
Müəllif hüququ sahibi:
Lukeman Literary Management Ltd
Yükləmə formatı:
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