Kitabı oxu: «Nebelrache»

Für Harold
Mögen wir die Insel der Seligen gemeinsam finden
Danksagungen
Mein tief empfundener Dank gilt den Lektoren, die mich aus dem Stapel herausgezogen und meine Karriere vorangetrieben haben: Richard Jackson, Susan Hirschman und Sharon November.
Ich danke auch Emma Dryden und Carol Chou, die mich beim Schreiben dieses Buches immer wieder angefeuert haben.
Und natürlich möchte ich mich auch bei meinem Sohn Daniel und meinem Neffen Nathan Stout für die Inspiration zu Olaf Einbraue bedanken.
Inhalt
Ein Gewitter zieht auf
Die wilde Jagd
Der Haselwald
Seefahrer
Ein Schrei in der Nacht
Heitere Wehklage
Die Meerjungfrau
Der Draugr
Rachsucht
Die Hobgoblins
Hazel kommt nach Hause
Die Tanner-Mädchen
Die Pfade öffnen sich
Schlaup
Alles an Bord
Wahre Liebe
Eine Burg in Rosa
Pangur Ban
Suche nach den Tanners
Die Mission
Ethnes Zelle
Schlaups Verlobung
Der Opferstein
Björn Schädelspalter
Prinzessin Thorgil
Der Hogboon
Fluchtpläne
Vollmond
Die tote Mauer
Das Wasser des Lebens
Reise nach Notland
Das Meervolk
Die Stadt unter dem Meer
Shoneys Festessen
Das Grab des Draugr
Ein Leben für ein Leben
Grims Insel
Die Höhle des heiligen Kolumban
Odin
Freudiges Wiedersehen
Rettung
Fliegendes Gift
Wulfhilda
Die Schutzrune
Aufbruch
Thorgil Silberhand
Die Insel der Seligen
Personenverzeichnis
Anhang
Quellen
Pangur Ban
Ich und mein Kater Pangur Ban
verfolgen beide einen ähnlichen Plan:
Mäuse fangen ist der seine,
Wörter fangen ist der meine.
Besser als der schnelle Ruhm
ist des Schreibers fleiß’ges Tun.
Pangur auch ganz ruhig bleibt
und sein eignes Spiel betreibt.
Beide sind wir frei und froh,
denn es gefällt uns beiden so,
wenn wir sitzen beieinand
und erproben den Verstand.
Er fängt manchmal eine Maus,
welche schleicht durch unser Haus,
während ich am Arbeitstische
mal ein gutes Wort erwische.
Er beäugt meist unverwandt
die verheißungsvolle Wand;
ich lieg ständig auf der Lauer
vor der Wissenschaften Mauer.
Wenn ein Mäuslein flitzt heran,
o wie freut sich Pangur Ban!
O wie erlöst fühl ich mich dann,
wenn ein Problem ich lösen kann.
So tun wir beide unsre Pflicht,
mein Kater Pangur Ban und ich.
Unser Tun macht uns Vergnügen,
jeder findet sein Genügen.
Durch viel Übung Tag und Nacht
hat er’s zum Meister schon gebracht.
Und auch ich ein Lob erringe,
indem ich Licht ins Dunkel bringe.
An den Rand eines Manuskripts geschrieben von einem unbekannten Mönch aus dem 8. Jahrhundert, der eigentlich die Bibel kopieren sollte.
Ein Gewitter zieht auf
Jack taten die Finger weh und seine Handflächen waren voller Blasen. Er erinnerte sich an Zeiten, als ihm die Arbeit viel leichter gefallen war. Da hatte er noch Schwielen an den Händen gehabt und die Sichel mühelos geschwungen. Aber das war jetzt anders. Er war schon seit drei Jahren von der Landarbeit befreit und hatte seitdem nur Gedichte gelernt und an einer Harfe herumgezupft – natürlich war sein Spiel nicht mit dem des Barden zu vergleichen. So gut würde er es niemals können. Doch jetzt floss ihm der Schweiß von der Stirn. Jack fuhr sich übers Gesicht und schaffte es, sich dabei Dreck in sein Auge zu reiben. „Diese Mistarbeit“, fluchte er und warf die Sichel hin.
„Wenigstens hast du zwei Hände“, sagte Thorgil, die ein Stück weiter schuftete und schwitzte. Sie musste den Adlerfarn in der Ellbogenbeuge einklemmen und ihn dann mit dem Messer abschneiden. Ihre rechte Hand war steif und nutzlos, aber sie gab trotzdem nicht auf. Das beeindruckte Jack, aber es ärgerte ihn auch.
„Warum kann das nicht jemand anders machen?“, beschwerte er sich und ließ sich ins Farnkraut fallen.
„Selbst Thor verrichtet auf einer Mission manchmal niedere Arbeiten“, verkündete Thorgil und ließ einen weiteren Packen Farnwedel auf den stetig wachsenden Haufen fallen. Ohne Unterbrechung erntete sie weiter.
„Das ist aber keine Mission! Es ist Thrall-Arbeit.“
„Du musst es ja wissen“, stichelte die Schildmaid.
Bei der Erinnerung an seine Zeit als Sklave im Nordland glühte Jacks Gesicht noch mehr. Aber er verschluckte die Erwiderung, dass auch Thorgil als Kind ein Thrall gewesen war. Schließlich neigte sie zu Wutausbrüchen, die alles verpesteten. Ein Pesthauch, dachte Jack bissig. Ein Pesthauch, der alles gelb werden lässt.
Es war fast alles schiefgegangen, seit sie ins Dorf gekommen war. Es bedurfte der schlimmsten Drohungen des Barden, sie daran zu hindern, damit herauszuplatzen, dass sie ein Nordmann war; einer der mörderischen Piraten, die einst über die Heilige Insel herfielen. Aber die Dorfbewohner waren auch so schon misstrauisch genug. Thorgil weigerte sich, Frauenkleider zu tragen. Sie war schnell beleidigt. Sie hatte keine Manieren. Sie war immer mürrisch. Kurz gesagt, gab sie den perfekten Nordmann ab.
Und doch, so musste Jack sich in Erinnerung rufen, hatte sie auch ihre guten Seiten – so weit man bei einer wie ihr überhaupt von guten Seiten reden konnte. Thorgil war mutig, treu und absolut vertrauenswürdig. Wenn sie doch nur auch ein bisschen anpassungsfähiger wäre!
„Wenn du deinen Hintern da wegbewegtest, könnte ich den Farn ernten. Oder wolltest du ihn als Bett benutzen?“, fragte Thorgil gehässig.
„Ach, halt doch den Mund!“ Jack schnappte nach seiner Sichel und verzog das Gesicht, als eine Blase an seiner Hand aufplatzte.
Sie arbeiteten lange Zeit schweigend vor sich hin. Die Sonne schickte ihre heißen Strahlen in den stickigen Wald. Der Himmel – zumindest das, was sie davon sehen konnten – war blau und wolkenlos. Er lastete auf ihnen wie ein umgestülpter See: heiß, feucht und vollkommen unbewegt. Jack konnte sich kaum vorstellen, dass ein Gewitter aufziehen sollte, aber das hatte der Barde gesagt. Und niemand stellte den Barden infrage. Er hörte den Vögeln zu und beobachtete das Meer von dem einsamen Aussichtpunkt in der Nähe des alten Römerhauses, in dem er lebte.
Ein Geräusch ließ Jack und Thorgil aufschauen. Die beiden Sklaven des Hufschmieds waren mit einem Ochsenkarren gekommen. Einen Moment später trampelten die beiden großen, schweigsamen Männer durchs Unterholz, um den geernteten Farn zusammenzuraffen. Sie brachten eine Ladung nach der anderen zum Wagen, ohne ein Wort und ohne jemals Augenkontakt aufzunehmen. Sie waren in Bebbas Town von ihrem Vater verkauft worden, weil sie nicht die Hellsten waren, und Jack fragte sich manchmal, was sie wohl dachten. Sie schienen nie miteinander oder mit jemand anderem zu sprechen.
Sogar Tiere dachten etwas. Der Barde hatte Jack beigebracht, dass Tiere denen viel zu sagen hatten, die ihnen zuhörten. Was hatten Gog und Magog, wie die Sklaven hießen, wohl zu sagen? Bestimmt nichts Gutes, entschied Jack nach einem Blick in ihre verschlossenen Gesichter.
Als der Ochsenkarren beladen war, machten sich Jack und Thorgil auf den Heimweg. Die meiste Zeit lebten sie im Haus des Barden, aber wegen des drohenden Gewitters waren sie auf die Farm von Jacks Eltern gezogen. Die hatte sich in den letzten drei Jahren deutlich vergrößert.
Außer den Feldern, dem Farmhaus, der Scheune und dem Heulager gab es jetzt einen neuen Kuhstall, den Jacks Vater gebaut hatte. Darin standen drei stämmige schwarze Kühe, die von Pega versorgt wurden, dem Mädchen, das Jack aus der Sklaverei befreit hatte. Sie war auch für die Hühner, die neugeborenen Lämmer und den Esel zuständig. Aber die Pferde durfte sie nicht anfassen. Sie gehörten Thorgil und wurden von ihr eifersüchtig bewacht, vor allem gegenüber den Töchtern des Gerbers.
Am Rand des Grundstücks, wo der Boden für den Ackerbau zu steinig war, stand eine aus Torf errichtete Hütte. Dort lebte die Witwe des Gerbers mit ihren beiden Töchtern auf so engem Raum zusammen wie Erbsen in einer Schote. Sie waren im letzten Jahr gekommen, um Jacks Mutter zu helfen, und seitdem geblieben.
„Ich wünschte, dieses Gewitter würde endlich kommen!“, rief Thorgil und warf einen Stein nach einer Krähe. Die Krähe wich dem Geschoss mühelos aus. „Die Luft ist so drückend! Es ist, als müsste man Schlamm einatmen.“
Jack schaute auf in den wolkenlosen blauen Himmel. Von der verdächtigen Stille abgesehen, hätte es ein normaler Frühsommertag sein können. „Der Barde hat mit einer Schwalbe aus dem Süden gesprochen. Sie hat gesagt, dass die Ströme der Luft durcheinandergeraten und alle Zugvögel verwirrt sind. Warum redest du eigentlich nicht mehr mit den Vögeln, Thorgil?“ Die Schildmaid besaß diese Fähigkeit, seit sie versehentlich etwas Drachenblut geschluckt hatte.
„Die sagen mir ja doch nichts“, murrte sie.
„Vielleicht solltest du nicht mit Steinen nach ihnen werfen …“
„Vögel sind dumm wie Stroh“, verkündete Thorgil entschieden.
Jack zuckte mit den Schultern. Es war typisch für sie, die Gaben zu ignorieren, die sie besaß, und stattdessen etwas zu wollen, was sie nie haben konnte, nämlich eine ruhmreiche Karriere als Kriegerin. Aber mit ihrer gelähmten Hand konnte sie das vergessen. Sie wollte außerdem eine großartige Geschichtenerzählerin sein, und Jack musste zugeben, dass sie nicht schlecht war. Ihre Stimme war zwar rau und sie hatte eine Vorliebe für blutige Sterbeszenen, aber spannend waren ihre Geschichten immer.
An den langen Winterabenden saßen die Dorfbewohner oft um den Herd des Ältesten, lauschten den Geschichten und tranken warmen Apfelmost. Der Barde spielte Harfe, und wenn er müde wurde, wechselten sich Jack und Thorgil mit dem Erzählen ab. Bruder Aiden, der kleine Mönch von der Heiligen Insel, beteiligte sich mit Erzählungen über Jesus und wie der es geschafft hatte, tausend Menschen mit nur fünf Broten und zwei Fischen satt zu bekommen, und anderen Wundergeschichten. Aber der eigentliche Star dieser Abende war Pega. Ihre Stimme hatte etwas so Fesselndes, dass selbst ein Sturm verstummte, um besser zuhören zu können.
„Bei Thor, diese Tanner-Gören sind bei meinen Pferden!“ Thorgil rannte los, und Jack sprintete hinter ihr her, um den unvermeidlichen Streit zu schlichten. Die Töchter des Gerbers waren fasziniert von den Pferden – ein Geschenk von König Brutus im Jahr zuvor. Im Grunde war nicht genau geklärt, wessen Pferde es waren, weil die ganze Pilgergruppe sie für den Rückweg aus Bebbas Town bekommen hatte. Jack fand, dass sie eigentlich dem Barden gehören sollten, aber Thorgil bestand darauf, dass sie das alleinige Anrecht darauf hatte, weil sie die einzige Kriegerin unter ihnen war.
„Schert euch da runter, ihr räudiges Pack! Ihr werdet die Tiere verderben!“ Thorgil pfiff und die Pferde fuhren so schnell herum, dass ihre kleinen Reiterinnen im Dreck landeten. Die Pferde bremsten vor der Schildmaid und tänzelten nervös. Jack lief zu den weinenden Mädchen. „Sag ihnen, dass sie damit aufhören sollen, oder ich gebe ihnen einen wirklichen Grund zum Heulen“, fauchte Thorgil und strich ihren Pferden über die Mähnen.
Jack vergewisserte sich, dass die Mädchen unverletzt waren. Die beiden waren acht und zehn Jahre alt, aber klein für ihr Alter, was an den Jahren der Unterernährung und den giftigen Dämpfen der alten Gerberei lag, in der sie bis zum Tod ihres Vaters gelebt hatten.
„Es sind doch nur Kinder“, schalt Jack und wischte den Mädchen die schmutzigen, verweinten Gesichter mit dem Saum seines Hemds ab. „In ihrem Alter hast du bestimmt genau dasselbe gemacht.“
„Ich war eine Schildmaid. Ich war die Tochter von –“
„Vorsicht!“, unterbrach Jack sie scharf. Die Mädchen hörten auf zu weinen und musterten Thorgil neugierig.
„Wer war denn dein Papa?“, fragte die Ältere.
„Bestimmt ein Troll“, sagte die Jüngere kichernd. Thorgil bückte sich, doch die beiden rasten davon, bevor sie einen Stein nach ihnen werfen konnte.
„Blöde Sumpfratten“, knurrte sie.
„Du musst dich nur einmal verplappern“, warnte Jack. „Ein Wort, dass du kein Angelsachse bist, und sofort wird sich das ganze Dorf gegen dich stellen. Und gegen meine Eltern und mich, weil wir dich bei uns aufgenommen haben.“
„Diese Schuld ist das Einzige, was mich davon abhält, ihnen meine wahre Herkunft ins Gesicht zu schreien.“ Thorgil legte die Arme um den Hals eines der Pferde, und es pustete ihr einen langen Pferdekuss in die Haare. Jack war wieder einmal beeindruckt, wie sehr die Tiere sie liebten. Wirklich schade, dass Thorgil diese Wirkung nicht auch auf Menschen hatte.
„Lass uns ins Haus gehen“, sagte Jack. „Ich verhungere, und wir müssen noch den ganzen Nachmittag Farnkraut schneiden.“
„Das verfluchte Zeug“, wütete Thorgil. „Dieses ganze verfluchte sinnlose und langweilige Leben in diesem Dorf. Ich würde mich schon für eine verfaulte Rübe von einer Klippe ins Meer stürzen!“
„Würdest du nicht“, sagte Jack und ging voraus.
Die wilde Jagd
Thorgils schlechte Laune folgte ihnen bis nach Hause. Sie nahm Mutters Essen mürrisch entgegen und wollte wortlos anfangen, sich damit vollzustopfen.
„In diesem Dorf ist es üblich, sich für das Essen zu bedanken“, sagte Mutter.
Jack seufzte unhörbar. Der Schildmaid zumindest ein paar Manieren beizubringen – das war wohl eine Schlacht, die niemals ein Ende finden würde.
„Wieso?“, fragte Thorgil bockig.
„Um seine Dankbarkeit zu zeigen.“
„Ich bin dankbar. Ich esse diesen Fraß, oder etwa nicht? Außerdem macht das genauso viel Sinn, als würdest du mir dafür danken, dass ich Farn schneide. Wenn wir damit anfangen, dass sich jeder beim anderen für jede kleine Handreichung bedankt, werden wir nicht mehr zum Arbeiten kommen.“
„Darum geht es nicht“, widersprach Mutter geduldig. „Die Menschen hören gern ein paar nette Worte. Es ist dasselbe wie ‚Guten Morgen‘ oder ‚Wie geht es dir?‘.“
„Und wenn es ein lausiger Morgen ist oder es mich nicht die Bohne interessiert, wie es jemandem geht?“
„Ach, mach doch, was du willst!“, rief Mutter aus. „Manchmal wünschte ich, dass ein Nordmann-Schiff kommt und dich mitnimmt!“ Sie stürmte hinaus, und Jack hob die Brauen. Es passte nicht zu seiner Mutter, dass sie so die Beherrschung verlor. Aber wenn Thorgil eine ihrer Launen hatte, machte sogar der sanfte Bruder Aiden Tintenkleckse auf seine Manuskripte.
Jack hörte, wie seine Mutter mit Pega besprach, auf welche Weise sie das Vieh vor dem aufziehenden Gewitter schützen konnten. Die Kühe und Pferde würden sich in der Scheune zusammendrängen müssen. Die robusteren Schafe konnten draußen bleiben.
„Sogar Olaf Einbraue hat den Leuten einen Guten Morgen gewünscht“, bemerkte Jack und bezog sich damit auf Thorgils verstorbenen Pflegevater.
„Aber nur, wenn es auch ein guter Morgen war. Er hat nie gelogen.“ Thorgil fuhr sich mit der Hand über die Augen.
„Weinst du etwa?“
„Natürlich nicht. Es ist nur dieser stinkige Qualm in dieser stinkigen Hütte.“ Die Schildmaid rieb immer noch an ihren Augen herum.
„Willst du etwas von meinem Brot haben?“
„Wieso sollte ich deine wurmzerfressenen Essensreste haben wollen?“, fuhr Thorgil ihn an, doch an der Art, wie sie aß, war deutlich zu erkennen, wie viel Hunger sie hatte.
Mitgefühl war bei ihr total verschwendet, dachte Jack. Sie betrachtete es als Schwäche. Ihre Wutausbrüche waren mit Sommergewittern zu vergleichen, die Blitze flogen in alle Richtungen, aber wenn man geduldig war – und die Beleidigungen einfach ignorierte –, verzogen sich die schwarzen Wolken irgendwann wieder. Jack war nicht sicher, was ihm lieber war, Thorgils schlechte Laune oder ihre gelegentlichen Anfälle von Freude. Manchmal bekam sie eine Art Rappel und geriet über Farben, Gerüche oder Geräusche vollkommen aus dem Häuschen. Dann packte sie seinen Arm und zwang ihn, sich auf das zu konzentrieren, was es gerade war.
Der Barde sagte, dass das passierte, weil Thorgil als Berserkerin aufgezogen und damit dem Tod geweiht war. Aber seit sie die Schutzrune trug, stand sie unter dem Schutz der Erdmagie. Da war es nur verständlich, dass diese beiden Instinkte einander bekämpften.
Pega kam mit einem Huhn im Korb an die Tür, und Jacks Laune besserte sich schlagartig. Bei Pega fühlte man sich nie schlecht. Sie war immer vernünftig und stets bemüht, andere Leute glücklich zu machen. Sie half Mutter beim Kochen, jätete Unkraut im Kräutergarten des Barden und wachte darüber, dass Bruder Aiden das Essen nicht vergaß. Sie war als Sklavin geboren worden und für jedes nette Wort rührend dankbar. Jack fand, dass sie beinahe hübsch war, wenn man nicht auf das entstellende Muttermal achtete, das die Hälfte ihres Gesichts bedeckte. Der Barde sagte, dass es an ihrer Seele lag, die durchschimmerte, so wie Thorgils ewiges Grollen ihre tatsächliche Schönheit verbarg.
„Wir müssen die Hühner hier unterbringen“, erklärte Pega und stellte den Korb an der Wand ab. „Du solltest den Himmel im Süden sehen! Er ist ganz komisch und dunkel, aber es sind keine Wolken zu erkennen.“
„Brauchst du Hilfe?“, fragte Jack hoffnungsvoll.
„Ich brauche dich, um den Arbeitern ihr Essen aufs Feld zu bringen“, sagte Mutter, die mit einem weiteren Huhn unter dem Arm die Tür aufstieß. „So wie der Himmel aussieht, schafft ihr es nicht, noch mehr Farn zu schneiden. Sieh auf dem Rückweg noch einmal nach den Bienen.“
Sie lächelte nicht, und Jack fand es unfair, dass er zusammen mit Thorgil in Ungnade gefallen war. Es war schließlich nicht seine Schuld, dass die Schildmaid nicht zu zügeln war. Sogar Olaf Einbraue hatte sie gelegentlich von einer Klippe baumeln lassen, um sie wieder zur Vernunft zu bringen. Leider hatte Olaf sie auch für schlechtes Benehmen belohnt, denn die Nordmänner hatten mit guten Manieren nichts im Sinn.
Jack und Thorgil beluden den Esel mit Brotkörben und Schläuchen voll Apfelmost. Die meisten Dorfbewohner ernteten Heu, so schnell sie konnten. Ein paar wie Mutter und die Frau des Ältesten sorgten für die Verpflegung, damit die Männer keine Zeit verloren. Der Himmel hatte sich in den letzten Minuten dramatisch verändert. Im Norden war er blau, aber wenn man Richtung Süden schaute, verwandelte sich seine Farbe in Schiefergrau. Doch wie Pega gesagt hatte – es waren keine Wolken zu sehen.
„Was ist das auf einmal für ein komischer Geruch?“, fragte Thorgil.
„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Jack. „Es riecht ein bisschen wie Kleidung, die in der Sonne trocknet.“
„Es riecht … schön. Ich habe das Gefühl, als müsste ich rennen oder singen. Vielleicht wird dieses Gewitter doch ein großer Spaß.“ Ihre finstere Miene hellte sich auf. Jack fand es typisch für sie, dass sie von etwas aufgeheitert wurde, vor dem sich alle anderen fürchteten.
„Ich habe noch nie so einen Himmel gesehen“, bemerkte er.
„Ich schon“, sagte die Schildmaid, „als ich noch sehr klein war. Meine Mutter hat mich in den Keller getragen, in dem das Gemüse gelagert wurde. Sie hat versucht, mich zu beschützen, und ich erinnere mich, dass sie auf mir lag. Ich habe die Hunde heulen gehört oder vielleicht auch den Wind –“
„Lass uns das Essen verteilen“, sagte Jack schnell, um das Thema zu wechseln. Thorgils Mutter war eine Sklavin gewesen, die man bei der Einäscherung von Thorgils richtigem Vater auf dem Scheiterhaufen verbrannt hatte. Alle Erinnerungen, die Thorgil an dieses Leben hatte, waren grausig. Und wenn sie wirklich einmal darüber sprach, machte sie das so wütend, dass sie geradezu unausstehlich wurde.
Sie rannten von einer Farm zur nächsten und lieferten das Essen auf Feldern und in Scheunen ab. Die Scheunen hatten Schieferböden, die mit einer Schicht Adlerfarn bedeckt waren. Die Farnwedel schützten das Heu nicht nur vor der aufsteigenden Feuchtigkeit, sie schnitten den Ratten auch in die Mäuler, was die Schädlinge vom Heu fernhielt. Das Vieh war auf das Heu als Winterfutter angewiesen. Wenn es verregnete, verdarb es und die Tiere würden verhungern. Das frische Heu verbreitete einen angenehmen Duft.
Auf jeder Wiese sah Jack, wie die Leute sich bückten und Garben banden. Wenn es möglich war, benutzten sie den Karren des Hufschmieds für den Transport. Aber es war Eile geboten, und so trugen viele der Dorfbewohner ihr Heu eigenhändig nach Hause. Wer keine Scheune hatte, schützte seine Heustapel mit einer Haube aus Riedgras und hoffte das Beste.
Vor Monaten hatte Jack versucht, Thorgils Pferde vor einen Karren zu spannen, aber sie hatten gegen das Geschirr gekämpft und waren nicht zu bändigen gewesen. Das war noch etwas, das man ihm vorwarf, obwohl es nicht seine Schuld war. Er hatte doch keine Ahnung, wie man Pferde trainierte! Es war Thorgil, der sie vertrauten, aber sie weigerte sich, die beiden Tiere zur Farmarbeit auszubilden. Es wären schließlich Kriegspferde und keine Thralls, wie sie ihm an den Kopf geworfen hatte.
Thorgil war auch sonst ein Problem. Jack sah, wie ungern die Dorfbewohner das Essen aus ihren Händen nahmen und wie sie sich danach wegdrehten und ein Kreuz schlugen.
Jack und Thorgil ließen den Esel in der letzten Scheune und machten sich auf den Weg zu den Bienenstöcken. „Wir sollten uns beeilen“, sagte Jack und schaute in den schwarzen Himmel im Süden. Waren da Wolken? Irgendetwas war da, und doch war die Luft still und wie tot. Die Blätter an den Bäumen hingen schlapp herunter.
Sogar die Bienen wussten, dass etwas nicht stimmte. Sie flogen nicht mehr auf der Suche nach Nektar hin und her, und die Aufpasser summten vor dem Eingang herum, als rechneten sie mit einem Feind, der aus dem Hinterhalt angriff. Die Nester waren mit umgestülpten Körben geschützt, ähnlich den Hauben auf den Heustapeln. In einer Scheune wären die Bienen entschieden sicherer gewesen, aber es verwirrte die Tiere immer ganz furchtbar, wenn die Bienenkörbe umgestellt wurden. Sie würden also überleben müssen, wo sie waren.
Im Frühjahr hatte Vater eine Steinmauer um die Körbe gebaut, damit die Schafe ihnen beim Grasen nicht zu nahe kamen, und jetzt war Jack froh über den zusätzlichen Schutz. „Die benehmen sich, als wäre es Nacht“, stellte er verwundert fest. „Sie sind fast alle drinnen. Hör dir das Summen an!“
„Weißt du was? Ich kann beinahe verstehen, was sie sagen“ Thorgil presste ihr Ohr gegen einen der Körbe. „Es ist so ähnlich wie mit den Vogelstimmen. Ist das nicht verrückt?“
„Bienen sind doch auch Kreaturen der Lüfte. Was sagen sie?“
„Sie haben Angst. Sie spüren den nahenden Tod – au!“ Thorgil schlug sich aufs Ohr und sprang zurück.
„Geh lieber weg. Wenn eine sticht, machen die anderen es ihr nach“, rief Jack.
Aber die Bienen blieben in ihren Körben. Jack und Thorgil hockten sich ein Stück entfernt hin und beobachteten sie. Welchen Feind die Bienen auch immer ausgemacht hatten, er war offensichtlich zu gefährlich, um sich ihm entgegenzustellen.
„Sieh doch!“, rief Jack fassungslos. Im Süden türmten sich jetzt Wolken am Himmel auf. Aus der verschwommenen Schwärze hatten sich nebelartige Fetzen gebildet, die mit solchem Tempo auf sie zurasten, dass Jack sich instinktiv auf den Boden warf und Thorgil mit sich riss. Eine Sekunde später war das Gewitter da.
Aus der vollkommenen Stille war plötzlich ein Orkan geworden, der sie über den Boden schob. Einer der Bienenkörbe kippte um und fiel gegen die Steinmauer. Der Wind heulte so laut, dass Jack ihn nicht überschreien konnte. Auf dem Bauch robbten er und Thorgil auf einen Schafstall zu, der am Feldrand stand. Er konnte ihn nicht sehen, bis ein Blitz alles in weißes Licht tauchte, dicht gefolgt von einem Donnern, das den Boden beben ließ.
„Bei Thor!“, formten Thorgils Lippen im gleißenden Licht. Sie robbten, so schnell sie konnten, und erstarrten jedes Mal, wenn ein Blitz vom Himmel schoss. Bis jetzt regnete es noch nicht. Sie erreichten den Schafstall und quetschten sich zu den drei Mutterschafen, die dieselbe Idee gehabt hatten. Der Wind fauchte über die schützende Steinmauer hinweg, aber auf dem Boden, in einem Haufen feuchter Wolle, fühlte Jack sich beinahe sicher.
„Bei Thor!“, brüllte Thorgil wieder und zeigte nach draußen.
Jack schaute hinaus und sah eine röhrenförmige Wolke vom Himmel herunterhängen. So etwas hatte er noch nie gesehen. Sie brüllte wie tausend wütende Bienen und Jacks Haut kribbelte, als liefen Ameisen darüber. Der Mund der Röhre klaffte auf, und er sah, wie Blitze darin herumwirbelten und Äste und etwas, das aussah wie ein Teil von einem Haus. Dann war es weg.
Die Schafe blökten entsetzt und drängten sich noch dichter zusammen. Jack vergrub sich in ihnen, aber Thorgil versuchte plötzlich, aus dem Schafstall zu kommen. Der Wind schob sie wieder hinein. Sie rappelte sich erneut auf und reckte die Arme zum Himmel. Ihre Stimme war im Heulen des Sturms kaum lauter als das Zirpen einer Grille, aber Jack konnte die Worte trotzdem verstehen: „Nimm mich mit!“
„Geh in Deckung!“, brüllte Jack und warf sich gegen ihre Beine.
„Nein! Nein!“, schrie sie. Er schaffte es, sie umzuwerfen, und sie schlug ihm dafür in den Magen. Er klappte zusammen und japste nach Luft, und sie sprang wieder auf. „Nimm mich mit!“, schrie sie noch einmal. Dann fing es an zu regnen, wahre Eimerladungen voller Wasser, die den Schafstall so schnell volllaufen ließen, dass die Schafe kaum noch Luft bekamen. Ihre Hufe trommelten auf Jack herum, und eines stand sogar auf ihm. Doch dann kippte der Wind es um, und Jack hörte das entsetzte Blöken, als der Sturm das Schaf mit sich riss.
Jack hätte nicht sagen können, wie lang der Regen auf ihn herunterprasselte. Es kam ihm vor, als wären es Stunden. Es wurde plötzlich ganz kalt, und eine Weile hagelte es – dicke Körner, die wehtaten und die Schafe zum Blöken brachten. Danach rauschte wieder der Regen herab, und die ganze Zeit zuckten Blitze vom Himmel und Donner rollte über den Horizont.
Doch irgendwann beruhigte sich der Himmel wieder. Die Blitze wurden seltener und der Donner verzog sich grummelnd nach Norden. Im Süden hatte der Himmel wieder eine wunderschöne blassblaue Farbe.
Jack rappelte sich zögernd auf und musste feststellen, dass rund um ihn herum alles verwüstet war. Jeder Busch war platt gedrückt. Äste vom weit entfernten Wald lagen überall herum, und ein Stück entfernt lag das Schaf, das auf ihm gestanden hatte – tot.
Auch Thorgil lag ausgestreckt im Matsch. Er hatte nicht einmal mitbekommen, dass sie so weit vom Schafstall weggelaufen war! „Oh, Thorgil!“, rief Jack, kletterte über die Mauer und rannte zu ihr. Er hob sie auf seine Knie. „Oh, meine Liebste!“
Ihre Augen waren weit offen, der Blick starr. Aber sie waren nicht glasig wie bei einer Toten. Jack war so erleichtert, dass er sie fest drückte und sich erst dann Sorgen machte, ob sie womöglich eine gebrochene Rippe hatte. „Er wollte mich nicht mitnehmen“, murmelte sie niedergeschlagen.
„Wer wollte dich nicht mitnehmen?“, fragte Jack, der annahm, dass sie fantasierte.
„Er hat meine nutzlose Hand gesehen und gewusst, dass ich nicht länger ein Krieger bin. Er wollte mich trotzdem, aber Odin hat es verboten. Oh, Freya, ich wünschte, ich wäre tot!“ Thorgil begann zu weinen, was Jack noch mehr beunruhigte, als wenn sie angefangen hätte zu fluchen.
„Bist du innendrin verletzt?“, fragte er besorgt.
„Wenn ja, ist es nichts, das der Tod nicht kurieren würde“, antwortete sie mit einem Hauch ihrer alten Schlagfertigkeit. „Auch wenn ich ihn dann trotzdem nie wiedersehe.“
„Wen? Von wem redest du?“ Im Süden kam die Sonne heraus, und über ihnen hatten sich weiße Wolken am Himmel verteilt.
„Olaf Einbraue“, sagte die Schildmaid und seufzte abgrundtief. „Er war in den Wolken, aber er musste mich zurücklassen.“
Der Haselwald
„Wie kann sie Olaf gesehen haben?“, wollte Jack wissen. „Sie hat gesagt, Odin hätte eine wilde Jagd angeführt, aber alles, was ich gesehen habe, waren Wolken und dieses … dieses Ding, das vom Himmel herunterhing.“
„Dieses Ding ist vermutlich eine Windhose gewesen“, erklärte der Barde und warf eine Handvoll trockener Fichtennadeln ins Feuer. Ein angenehmer Duft verbreitete sich. Thorgil schlief auf einem Bett aus getrocknetem Heidekraut. Einem Schlaftrunk des Barden hatten sie es zu verdanken, dass Thorgil jetzt nicht mehr im Schlaf um sich schlug oder sich die eigenen Haare auszureißen versuchte. Es war die längste Stunde in Jacks bisherigem Leben gewesen, sie zum Haus des Barden zurückzuschleppen, ohne dass sie sich etwas antat.
Ihr Haar war im letzten Jahr deutlich gewachsen, und es war erstaunlich sauber. Es hing ihr auch nicht mehr zottelig ins Gesicht wie zu den Zeiten, als man es mit einem Fischmesser in Form gesäbelt hatte. Es war hellgolden, fast wie Sonnenschein auf Schnee. Trotz der blauen Flecken – und Thorgil kannte man eigentlich nie ohne – hatten ihre Gesichtszüge eine Feinheit, die Jack bisher nie bemerkt hatte. Erst jetzt erkannte er, dass sie sich im letzten Jahr verändert hatte, dass sie größer und hübscher geworden war.
Jack wendete sich ab, und seine Wangen glühten vor Verlegenheit. Was machte das für einen Unterschied? Sie war immer noch dieselbe ewig missgelaunte Thorgil, egal, wie sie aussah.
„Ich habe noch nie erlebt, dass eine Windhose solche Verwüstungen anrichtet“, bemerkte der alte Mann und wühlte in einer Truhe herum. „Sie hat eine Schneise in den Wald geschlagen und offenbar auch Gog und Magog mitgerissen.“
„Was?“, fragte Jack entgeistert. Nachdem er nach Hause gerannt war, um nach seinen Eltern zu sehen, hatte Jack den Rest des vergangenen Nachmittags damit verbracht, dem Barden bei der Zubereitung seiner Elixiere zu helfen. Jetzt war es Morgen, und Jack war seit dem Gewitter nicht mehr in der Nähe des Dorfs gewesen.
„Der Sohn des Schmieds hat mir erzählt, dass Gog und Magog verschwunden sind.“
„Vielleicht sind sie weggelaufen“, sagte Jack hastig. Der Gedanke, dass die beiden Männer in den Himmel gesaugt worden waren, war zu schrecklich.
„Ich fürchte, nein. Der Schmied sagt, dass sie gern bei Gewitter draußen gesessen haben. Das waren die einzigen Gelegenheiten, bei denen er sie lächeln gesehen hat, und da sie sonst keine Vergnügungen hatten, wollte er es ihnen nicht verbieten. Was anscheinend ein Fehler war.“
Jack hatte Gog und Magog auch schon während eines Gewitters im Schlamm hocken sehen. Damals schienen sie von einer wilden Freude erfüllt, die Jack weder verstehen konnte noch ansehen wollte, und er war weggerannt, so schnell er konnte. Er schauderte. „Wo sind sie jetzt, Herr?“
„Das hängt davon ab, wer für diese wilde Jagd verantwortlich war.“ Der Barde stellte eine Reihe von Gefäßen auf, schnupperte an jedem einzelnen und wählte eines aus. Dann nahm er einen großen Mörser von einem Bord. „Oh, ja, es hat eine Jagd stattgefunden“, versicherte er und fing an, die Kräuter zu zermahlen. „Wer sie anführt, das hängt vom Betrachter ab. Bruder Aiden war als Kind auch mal ein Gejagter, bis Pater Severus ihn gerettet hat. Aiden war damals überzeugt, dass er den Herrn des Waldes mit seinen Hunden gesehen hat. Severus dagegen glaubte, dass es Satan war, der die Seelen der Verdammten anführte.“
„Und Thorgil hat Olaf Einbraue gesehen“, fügte Jack hinzu.
„Wenn sie recht hat, sind Gog und Magog jetzt in Walhall. Das würde Thorgil schön wütend machen, meinst du nicht?“ Die blauen Augen des Barden funkelten. „Aber Thorgil wäre nicht Thorgil, wenn sie nicht immer wütend wäre.“
„Wenn Ihr es sagt.“ Wenn es nach Jack ginge, hätte die Schildmaid gern umgänglicher sein dürfen – mehr wie Pega zum Beispiel. Es war wirklich anstrengend, ständig zwischen ihr und den Feinden zu vermitteln, die sie sich überall machte. Aber dennoch, als er sie vor dem Schafstall hatte liegen sehen, so tot wie das arme Schaf …
„Es geht ihr gut“, sagte der Barde, der wieder einmal Jacks Gedanken zu lesen schien. „Und jetzt möchte ich, dass du den Inhalt dieses Mörsers mit einem Klumpen Butter von der Größe eines Hühnereis vermischst. Knete eine Handvoll Mehl mit genügend Wasser, bis eine feste Paste entsteht, vermische alles und forme daraus Pillen, so groß wie Erbsen. Dann trockne sie am Feuer.“
„In welches Gefäß soll ich sie tun?“, fragte Jack, der diese Arbeit schon öfter gemacht hatte.
„Für Kopfweh – das grüne. Du meine Güte, der Garten ist beinahe leer gepflückt. Ich werde Kräuter aus dem Wald brauchen.“
Kurze Zeit später gingen sie den Pfad hinunter. Thorgil ließen sie schlafen. Der Barde hatte seine gute Robe angezogen und mit einem Gürtel so hochgerafft, dass sie vor dem Schlamm geschützt war. Der weiße Bart wehte ihm über die Brust, und seine Füße steckten in hellen Lederstiefeln, die vorn geschnürt wurden. Obwohl er so alt war, musste er sich kaum auf seinen schwarzen Eschenstab stützen, doch er brauchte Jack, um die Elixiere und die Harfe zu tragen.
Jack spürte die Erdmagie, die die Luft rund um den Stab erfüllte. Sie weckte Sehnsucht in ihm. Auch er hatte einmal einen solchen magischen Stab besessen. Und er hatte die Schutzrune besessen, sofern man überhaupt von Besitz sprechen konnte. Die Rune wechselte von einem Menschen zum nächsten und folgte dabei ihrem eigenen Schicksal. Niemand konnte darauf Einfluss nehmen, schon gar nicht der, der sie unbedingt besitzen wollte. Einmal fortgegeben, konnte sie nie zurückkehren. Jack seufzte, als er an die eingravierte Weltesche Yggdrasil dachte. Die Rune hatte viele Jahre über den Barden gewacht, bevor Jack sie bekommen hatte, der sie dann – in einem Anfall geistiger Umnachtung, wie er verbittert dachte – an Thorgil weitergegeben hatte.
Die Felder waren merkwürdig kahl, wie gerupfte Hühner, und bei mehr als einem Haus fehlte das Dach. Wasser quoll an verschiedenen Stellen aus den Hügeln. Bäche hatten neue Furchen in die Erde geschnitten und hier und dort glitzerte das Sonnenlicht auf einem Teich.
Jack warf einen Blick zurück auf das Haus des Barden, das gefährlich nah am Rand einer Klippe stand. Es hatte den Sturm gut überstanden. Ob es nur Glück gewesen war oder etwas mit der Zauberei des alten Mannes zu tun hatte, wusste Jack nicht, aber das Haus klammerte sich immer noch an den Felsen wie eine Napfschnecke.
Sie gingen durchs Dorf, verteilten Medizin, wo sie gebraucht wurde, und erteilten gute Ratschläge. Beim Haus des Schmieds spielte der Barde auf seiner Harfe, um die Familie ein wenig aufzumuntern.
„Gog und Magog waren für mich wie meine eigenen Söhne – also, zumindest, wenn sie ein bisschen klüger und vorzeigbarer gewesen wären“, behauptete der Schmied und ließ den Blick stolz über seine gut aussehenden Söhne und Töchter schweifen. „Ich hatte mich so an sie gewöhnt. Sie haben immer zwischen den Kühen geschlafen, und wenn ein Wolf kam, haben sie so laut gemuht, dass ich nie auch nur ein einziges Kalb verloren habe. Bei Gott, ich werde sie vermissen, diese armen, einfältigen Kreaturen.“
Ja, jetzt hast du niemanden mehr, den du für ein paar Brotrinden schuften lassen kannst, dachte Jack boshaft.
Der Barde spielte auf seiner Harfe. Die Frau des Schmieds wippte im Takt der Musik mit dem Fuß, und ihr jüngster Sohn Colin fing sogar an zu tanzen.
Aber wenn Gog und Magog nicht hierhergekommen wären, überlegte Jack, wer weiß, was sie dann für ein Schicksal gehabt hätten? Vielleicht als Sklaven in einer Bleimine schuften? So hatten sie wenigstens ein paar kleine Freuden gehabt, mit den Kühen gemuht und Blitz und Donner angebetet. Was war denn eigentlich Glück? Er dachte an Thorgil, deren Hoffnung es gewesen war, in der Schlacht zu fallen, und an seinen Vater, Giles Krummbein, der sich an Enttäuschungen erfreute; und an Pater Severus, der eiskalte Bäder nahm und mit Freuden fastete. Die Elfen gingen immer nur ihrem Vergnügen nach – was ihnen nicht viel brachte, weil sie am Ende doch dazu verdammt waren, einfach zu verblassen.
Glück besteht aus unendlich vielen Einzelteilen, erkannte Jack schließlich.
Der Barde stieß ihn an, und sie machten sich wieder auf den Weg. Nebelschwaden stiegen von den unzähligen kleinen Rinnsalen auf, die das Gewitter hinterlassen hatte, und auf einem verwüsteten Feld stand eine in der Mitte geknickte Vogelscheuche. „Die hat gar nichts beschützt“, bemerkte Jack, als sie durch den aufgeweichten Boden daran vorbeistapften.
„Es braucht mehr als ein bisschen Stroh, um Odins Krähen zu vertreiben“, sagte der Barde.
Sie setzten ihren Weg fort und betrachteten die ruinierten Weizen- und Haferfelder. Die Dorfbewohner hatten berichtet, dass die Hälfte der Schafe fehlte, doch die meisten davon würden wohl wieder auftauchen. Hühner und Rinder waren rechtzeitig in die Ställe gebracht worden, und auch Thorgils Pferde hatten überlebt. Die Tanner-Mädchen hatten sie in ihre Hütte gezerrt, als sie die schwarzen Wolken heranstürmen sahen.
Das war eine beachtliche Leistung, wenn man bedachte, dass drinnen kaum genug Platz für die drei Menschen war. Die Mädchen hatten die Pferde gezwungen, sich hinzulegen, und sich dann auf sie gelegt, mit ihrer Mutter zwischen sich. Weder Mensch noch Tier hatten sich rühren können, aber sie alle hatten überlebt.
„Das bedeutet, dass wir uns jetzt das Recht verdient haben, sie zu reiten“, verkündete Ymma, das ältere der beiden Tanner-Mädchen, als Jack und der Barde bei ihnen ankamen, um nachzusehen, wie es ihnen ging.
„Besprich das mit Thorgil“, sagte der Barde.
„Pah! Sie bildet sich ein, dass ihr alles gehört. Wer ist denn ihr Vater, frage ich Euch?“, fuhr das Mädchen den Barden grob an. „Und wo ist ihre Familie?“
„Alle sagen, dass sie sich benimmt wie ein Nordmann“, fügte ihre jüngere Schwester Ythla hinzu.
Der Barde fuhr so schnell zu ihnen herum, dass die Mädchen zurückzuckten und ihre Mutter sie hastig an den Armen packte.
„Was fällt euch ein, so mit dem Barden zu sprechen?“, fuhr sie ihre Töchter an. „Auf die Knie mit euch – bittet um Verzeihung. Ehrlich, Herr, ich weiß nicht, was mit den beiden los ist, seit ihr Vater gestorben ist.“ Sie stieß die Kinder auf den Boden, und die beiden entschuldigten sich lautstark.
Jack war nicht überrascht. Ein Blick in das Gesicht des alten Mannes reichte, um zu erkennen, warum er Drachenzunge genannt wurde und warum sogar Nordmann-Könige Angst vor ihm hatten. Jack wusste aber auch, dass die Mädchen eigentlich nur ausgesprochen hatten, was alle anderen flüsterten.
Sie fanden Mutter bei ihren Bienenkörben. Nur zwei Völker hatten überlebt. Die übrigen waren an Kälte und Nässe gestorben; etliche krochen über den Boden oder zappelten schwach im Schlamm herum. Mutter hatte in der Nähe ein Feuer entzündet – nicht zu nah, weil auch Rauch den Tieren schadete – und hatte mit Honig bestrichene Brotstücke ausgelegt. Die Insekten drängten sich gierig um das Futter.
„Es sind die Letzten einer königlichen Zucht“, sagte Mutter traurig, „die die Römer mitgebracht haben. Die Frauen meiner Familie hüten sie schon seit urdenklichen Zeiten. Keine angelsächsische Biene ist so stark und fleißig, aber es grenzt an ein Wunder, wenn sie den Winter überleben.“
Der Barde spielte Harfe und Mutter sang dazu und setzte die kleine Magie ein, mit der sie nervöse Tiere beruhigte. Ihre Stimme klang so ähnlich wie das Summen zufriedener Bienen. Sie erzählte von sonnigen Tagen, die kommen würden, von neuen Blüten und warmer Luft.
„Wie steht es um deinen Vorrat an Kerzen?“, fragte der Barde sie, als er die Harfe wieder an Jack abgegeben hatte.
„Ich weiß, woran Ihr denkt“, antwortete sie. „Die Ernte ist vernichtet, und wenn wir den Winter überleben wollen, müssen wir Getreide eintauschen. Was immer ich habe, gehört Euch.“
„Auf dich kann ich immer zählen, Alditha“, sagte der Barde freudig und nahm ihre Hände in seine.
Jack und der Barde machten sich auf den Weg zum Haselwald, der im Schatten des Eichenwaldes lag. Hier war der Boden zwar überall mit abgebrochenen Ästen übersät, aber ansonsten war das Waldstück verschont geblieben. Zwischen den Bäumen und knorrigen Wurzeln führten gewundene kleine Pfade hindurch, die mit Glockenblumen bewachsen waren. Im Haselwald konnte man alles Mögliche sehen – langohrige Hasen, Dachse, einen Wolf, der durchs Zwielicht huschte, und manchmal sogar einen Bären. Es war ein geheimnisvoller Ort, den man nach Einbruch der Dunkelheit nicht ohne guten Grund aufsuchte. Aber jetzt funkelten die Blätter schon fast unheimlich hell und die Luft war frisch und angenehm.
„Hier sieht es aus, als hätte es das Gewitter nie gegeben“, stellte Jack verblüfft fest.
„Haselwälder sind geschützt“, sagte der Barde. „An der Bardenschule – wo ich übrigens ein hervorragender Schüler war – musste jeder Neuankömmling eine Nacht in einem Haselwald verbringen. Am Morgen haben ihn die Lehrer dann gefragt, was er gesehen hat. Du kannst dir nicht vorstellen, wie manche der Jungen sich in dem Versuch, das zu sagen, was die alten Barden hören wollten, förmlich verknotet haben. Aber wer log, wurde fortgeschickt und durfte nie wiederkommen.“
„Nur dafür?“, murmelte Jack und musste daran denken, wie oft er schon gelogen hatte, um den Prügeln seines Vaters zu entgehen.
„Der Erdmagie zu dienen ist eine ernste Sache“, verkündete der Barde.
„Was habt Ihr gesehen, Herr?“, fragte Jack mutig, denn der Barde beantwortete gewöhnlich keine Fragen über sich selbst.
Der alte Mann schob mit seinem Stab einen abgebrochenen Ast zur Seite. „Gerade jetzt sehe ich Steinpilze.“ Am Fuß eines Baums wuchs eine ganze Gruppe der Pilze mit den braunen Kappen. „Wir haben Glück, Junge. Die geben ein leckeres Abendessen ab.“
Jack hockte sich hin, um die Pilze zu ernten, und ihr erdiger Duft ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen.
„Haselwälder sind voller Erdmagie“, fuhr der Barde fort und schob weitere Äste aus dem Weg. „Sie liegen dicht an den Grenzen zwischen den neun Welten, und unter ihrem Laub verbirgt sich so mancher geheime Weg. Ein wahrer Barde weiß, wie man einen solchen findet.“
Jack verspürte einen Anflug von Angst, versuchte ihn aber schnell zu unterdrücken. Seine Erfahrungen mit anderen Welten waren überwiegend unerfreulich gewesen. Es hatte allerdings auch Momente gegeben – zum Beispiel, als er und Thorgil das Tal von Yggdrasil gefunden hatten –, die so glorreich gewesen waren, dass ihm bei der Erinnerung daran auch jetzt noch die Tränen kamen. Und dann kam ihm ein schrecklicher Gedanke: Was, wenn der Barde ihn gerade jetzt auf die Probe stellte? Vielleicht würde sich jetzt erweisen, ob er das Zeug zu einem wahren Barden hatte oder ob er lieber zu seinen Rüben und den Schafen zurückkehren sollte.
Jack sah sich um, in der Hoffnung, dass sich die Blätter auflösen und ihm einen geheimen Pfad zeigen würden. Aber es tat sich nichts. Es war ein ganz normales Wäldchen voller Moos und Flechten. Die Bäume am Rand der Felder waren knapp über dem Boden abgesägt worden, damit gerade Äste nachwuchsen, die als Zaunpfähle taugten. Ein Eichhörnchen zeterte von einem Ast herunter, und er sah, wie der buschige rote Schwanz zuckte.
„Was siehst du?“, fragte der Barde halblaut.
Jack schnürte es die Kehle zu. Das Sonnenlicht schwebte über dem schützenden Blätterdach. Eine Drossel klappte den Schnabel auf und fing laut an zu singen. Ein Spinnennetz schwang in einem Windstoß hin und her. „Ich sehe … ach, Mist! Ich sehe gar nichts. Nein, das stimmt nicht. Ich sehe ein Eichhörnchen, einen Käfer, eine Drossel, ein Spinnennetz, aber nichts von Bedeutung. Ich werde nie ein wahrer Barde sein!“
„Und was könnte mehr Bedeutung haben als ein Eichhörnchen, ein Käfer, eine Drossel und ein Spinnennetz?“, fragte der alte Mann.
„Wieso …?“ Jack schaute zu ihm auf.
„Genau. Seit du mein Lehrling bist, habe ich dich gelehrt, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Solange du das nicht kannst, brauchst du auch keine Hoffnung haben, darüber hinauszusehen. Ich werde schon bald von dir verlangen, dass du eine Nacht hier verbringst.“
Jack schluckte nervös. Bei Tage wirkte der Wald friedlich und sicher, aber er wusste, dass sich manche Dinge nach Einbruch der Dunkelheit änderten.
„Du hast gefragt, was ich bei meiner Prüfung an der Bardenschule gesehen habe“, sagte der alte Mann. „Beim ersten Mal sind mir dieselben Wesen begegnet wie dir – ein Igel, eine Fledermaus, eine Ricke mit ihrem Kitz. Aber beim zweiten Mal –“ Er verstummte.
Was war beim zweiten Mal?, dachte Jack panisch. Der Barde setzte sich wieder in Bewegung und an seinem energischen Schritt erkannte Jack, dass er keine weiteren Fragen beantworten würde.
Sie folgten einem der vielen Wege durch den Haselwald. Glockenblumen streiften ihre Knöchel, und sie hörten das Plätschern eines Baches.
„Sieh dorthin“, verlangte der Barde. Jack stockte der Atem. Wo noch vor Kurzem uralte Eichen dicht an dicht gestanden hatten, war jetzt eine Schneise geschlagen worden, als hätte jemand ein gigantisches Schwert geschwungen und sich einen Weg durch das Herz des Waldes gebahnt.
„Typisch für Olaf und seine Bande von Dickschädeln, dass sie so eine Verwüstung hinterlassen“, bemerkte der Barde und ließ den Blick über die Schneise schweifen.
„Hatte Thorgil recht?“, fragte Jack. „Hat Odin hier wirklich eine wilde Jagd angeführt?“
„Irgendetwas hat diese Eichen vernichtet.“
Die breite Schneise war mit Zweigen und Ästen übersät und in der Mitte, wo der Boden tiefer gefurcht war, standen Pfützen. „Wenn es eine Jagd war“, sagte Jack nachdenklich, „was war dann die Beute?“
„Nicht Gog und Magog, die armen Kerle. Sie hatten nur das Pech, den Jägern in die Quere zu kommen“, sagte der Barde. „Die wilde Jagd treibt das Unglück vor sich her. Und es folgen ihr Seuchen, Hungersnöte und Kriege. Ich denke, dass uns eine interessante Zeit bevorsteht.“
Der Himmel war so strahlend blau, als wäre nie etwas geschehen, und die Luft hatte die gewohnte Sommerwärme. Jack entdeckte Bruder Aiden, der sich einen Weg durch das Unterholz bahnte, indem er wie ein Spatz von einem Ast zum nächsten hüpfte. Der Mönch hielt ein Holzkreuz hoch und aus seinem Mund kam ein merkwürdiger Singsang auf Lateinisch. Jack konnte zwar nichts davon verstehen, aber es war klar, dass die Worte voll von christlicher Magie waren.
„Aiden, mein Freund“, rief der Barde, „seht Euch vor, damit Ihr nicht gleich bis zu den Ohren im Schlamm steckt.“
Der kleine Mönch schaute auf und wäre dabei beinahe von einem Ast gerutscht. „Ich muss diesen Ort weihen“, sagte er und suchte sich einen sicheren Stand. „Hier ist Böses geschehen.“
„Das ist wahr, und nicht nur hier – auch die Farmen hat es hart getroffen. Wir müssen Getreide eintauschen, bevor es Winter wird.“ Der Barde überquerte die Schneise – für einen alten Mann war er erstaunlich trittsicher – und half Bruder Aiden auf festen Boden.
„Ich kann Tinte anmischen. Die Leute kaufen sie gern“, bot der Mönch an. Bruder Aiden war berühmt für seine leuchtenden Farben, die dazu verwendet wurden, die heiligen Manuskripte zu bebildern.
„Hervorragend! Ich schicke Euch Pega zum Helfen. Jack und Thorgil können Kräuter für meine Elixiere sammeln. John der Böttcher hat einen ganzen Packen Hirschfelle, und ich bin sicher, dass ich den Ältesten überreden kann, ein paar Münzen aus seinem privaten Schatz herauszurücken. Meine Sterne! Diese Schneise ist so schnurgerade, als hätten die Römer hier eine Straße gebaut.“
Jack schaute die Schneise entlang bis hin zu einer weit entfernten Wiese und zu den dahinterliegenden Hügeln. Ein einsamer Vogel flog von einer Seite der Schneise zur anderen. Seine Rufe ertönten aus dem Schatten einer Eibe. „Das klingt so … traurig“, murmelte Jack.
Der Barde musterte ihn scharf. „In der Tat. Er betrauert den Verlust seiner Küken. Hast du bei Thorgil Unterricht in der Vogelsprache genommen?“
Jack verzog das Gesicht. „Nein, Herr. Thorgil würde niemals zugeben, dass sie die Vögel verstehen kann.“
„Dieses unausstehliche Kind. So viel Sturheit gibt es wirklich kein zweites Mal. Bleib hier und hilf Aiden, Junge. Ich erwarte dich zum Essen.“ Der alte Mann nahm seine Harfe und den Korb mit den Pilzen und wendete sich zum Gehen. Jack wusste nicht genau, was jetzt von ihm erwartet wurde.
„Ich würde mich freuen, wenn du für mich singen könntest“, sagte Bruder Aiden schüchtern. „Mir ist das Herz ganz schwer, weil wir diese beiden armen Männer verloren haben.“ Die Augen des kleinen Mönchs waren voller Tränen, und Jack war klar, dass er daran dachte, wie er damals entkommen war, als der Herr des Waldes oder Satan oder wer auch immer hinter ihm hergewesen war.
Und so sang Jack von der Erde, wenn sie sanft und nicht wild war, vom Wind, der durch die Blätter wehte und auf den Bäumen Harfe spielte. Er sang von grünen Wiesen, auf die die Rehe ihre Kitze brachten, weil sie wussten, dass sie dort sicher waren, und von den Rufen der Lerchen hoch oben in der Luft.
Langsam hellte sich das Gesicht von Bruder Aiden auf und er sah wieder hoffnungsvoll aus. „Ich danke dir“, sagte er. „Deine Stimme hat eine heilende Wirkung, fast so gut wie die von Pega.“ Er begann erneut, die klaffende Wunde im Wald zu weihen.
Jack starrte die Schneise an und dachte: Wenn Thorgil richtig gesehen hat, ist dies der Pfad, den Odin mit seinen Kriegern genommen hat. Sie haben Thorgil nicht geholt, sie ignoriert, obwohl sie sich ihnen anschließen wollte, und stattdessen Gog und Magog genommen, die es nicht wollten. Wieso vergleicht mich eigentlich jeder mit Pega?
Leicht gereizt verabschiedete er sich von Bruder Aiden und machte sich auf den Weg zu seinen Eltern, um nachzusehen, ob sie Hilfe bei der Reparatur der Sturmschäden brauchten.
Seefahrer
Die letzten Sonnenstrahlen fielen auf die Federn der Schwalben, als Jack sich auf den Heimweg zum Haus des Barden machte. Auf dem Meer, das immer noch von weit entfernten Stürmen aufgewühlt war, lag Schaum. Die Luft war jedoch wundervoll klar, und alle Geräusche waren meilenweit zu hören. Jack hörte, wie Bruder Aiden in seiner kleinen Hütte, die die Form eines Bienenkorbs hatte, die Glocke läutete. Der Ton vibrierte wie eine singende Harfensaite, bevor er im tief dunkelblauen Himmel verklang – ganz anders als eine Kuhglocke. Diese Glocke hatte mit einer Kuhglocke so viel gemeinsam wie eine Kuh mit einer Nachtigall.
König Brutus hatte diese Glocke tief unten in einer alten Truhe im Kloster des heiligen Filian gefunden. Und da das Kloster schon eine Glocke besaß und die neu gefundene ohnehin zu klein für eine so große Anlage war, hatte der König sie ins Dorf geschickt. Bruder Aiden war begeistert davon. Noch vor einer Woche hatte er ein rostiges Instrument benutzen müssen, das eher gescheppert als geklungen hatte.
Jack hörte die neue Glocke jetzt zum ersten Mal, und ihr Klang erfüllte ihn mit einer Sehnsucht, die er nicht recht begreifen konnte. Es läutete wieder. Bruder Aiden kniete wahrscheinlich schon und betete; die Glocke sollte diejenigen herbeirufen, die am Gottesdienst teilnehmen wollten. Jack fand es merkwürdig, dass Geräusche weiter getragen wurden, als er sehen konnte, denn Bruder Aiden war so weit weg, dass Jack nicht einmal das Feuer vor seiner Hütte ausmachen konnte.
Thorgil sagte, dass Laute niemals starben. Sie behauptete auch, dass die Nordmänner in Nächten, wenn Lichter am Himmel tanzten, ihre Toten rufen hörten. So etwas hatte Jack noch nie erlebt, und er konnte auch gut darauf verzichten.
Die Glocke läutete zum dritten Mal, und gleich im Anschluss ertönte vom Meer ein grauenvolles Heulen. Jacks Hand fuhr zum Messer. Das Heulen verblasste zu einem Schluchzer, dann verstummte es. Jack stand da wie erstarrt, und sein Blick suchte die Wellen ab. Er sah einen langen, andersfarbigen Fleck im Meer, der sich aufs Land zubewegte, doch dann verschwand er wieder.
Wahrscheinlich Seetang, dachte Jack. Trotzdem starrte er aufs Meer hinaus, bis die einbrechende Dunkelheit ihn zum Aufgeben zwang.
Im Haus des Barden brannte ein Feuer aus Treibholz mit grünen, roten und gelben Flammen. In einem Eisentopf brodelte es, und der Duft von Pilzen stieg daraus auf. Alles war so, wie es sein sollte. Die gemalten Vögel an den Wänden bewegten sich im Feuerschein, und die Blätter eines ebenfalls gemalten Blumengartens schienen in der Brise zu wehen.
Jack wollte den Barden fragen, ob er den Schrei gehört hatte, als ihm auffiel, dass der alte Mann einen sehr großen, zerrupft aussehenden Vogel mit Fischstückchen fütterte. Thorgil hockte neben ihm und schien sich – dem Gekrächze nach zu urteilen – angeregt mit ihm zu unterhalten. Sehr glücklich sah sie nicht aus, und Jack vermutete, dass der Barde sie mit Drohungen dazu gebracht hatte.
„Sieh mal, was der Sturm hergetrieben hat“, sagte der Barde. „Hol uns etwas von dem Eintopf, während ich unseren Freund zu Bett bringe.“ Er drängte den Vogel in eine mit Stroh ausgelegte Ecke. Jack fiel auf, wie unsicher der Vogel hüpfte und dass einer seiner Flügel auf dem Boden schleifte.
„Was ist das?“, fragte er.
„Ein wahres Wunder“, antwortete der Barde begeistert. „Er ist ein – was sagtest du, Thorgil?“
„Ein Albatros“, knurrte sie mürrisch. Sie war blass und hatte eine schlimme Prellung im Gesicht, aber davon abgesehen schien sie sich erholt zu haben.
„Er ist ein Besucher aus dem fernen Süden, und damit meine ich sehr fern“, sagte der Barde. „Stell dir das vor! Es gibt ein Land, von dem selbst ich noch nie gehört habe. Es ist ein Land voller Berge aus Eis, die den ganzen Winter ächzen und in Inseln zerbrechen, wenn es Sommer wird.“
„Das klingt wie Jötunheim“, stellte Jack fest.
„Das dachte ich anfangs auch, aber Seefahrer – das ist der Name des Vogels – sagt, dass dort nur Vögel und Robben leben. Es ist so abgelegen, dass ich seine Sprache nicht verstehe. Zum Glück kann Thorgil ihn verstehen.“
Jack holte die Schalen, legte ein Stück Brot in jede und löffelte den Eintopf darauf.
„Der arme Kerl hat die volle Wucht des Sturms abbekommen und sich dabei den Flügel ausgerenkt. Thorgil hat ihn in der Brandung herumzappeln sehen und ihn hergetragen.“ Der Barde war ganz aufgeregt wegen ihres neuen Gastes, und Jack nahm an, dass Grund dafür nicht der Vogel an sich war, sondern die Geschichten über ein ganz neues Land, die sie zu hören bekommen würden. Der Barde war an Neuem immer sehr interessiert.
Jack und Thorgil setzten sich zum Essen auf den Boden. „Eine so große Möwe habe ich noch nie gesehen“, sagte Jack und beobachtete den Vogel, der unruhig in seiner Ecke herumhüpfte.
„Etwas wie ihn habe ich auch noch nie gesehen“, bestätigte der Barde. „Als er hier ankam, war er auch nicht besonders freundlich – er hat versucht, mir die Augen auszuhacken –, aber ich habe ihn mit einem Angstzauber unter Kontrolle gebracht. Jetzt herrscht zwischen uns eine Art Waffenstillstand. Er braucht meine Hilfe, aber er wird sie nur bekommen, wenn er sich benimmt.“
„Diesen Angstzauber würde ich gern lernen“, bemerkte Thorgil und spießte ein Fleischstück mit dem Messer auf.
„Nicht im Traum würde ich daran denken, ihn dir beizubringen“, sagte der Barde. „Du würdest damit jedes Mal das ganze Dorf in Angst und Schrecken versetzen, wenn du schlechte Laune hast.“
Der Albatros klackte mit dem Schnabel. Jack hielt ihm auf Armeslänge ein Stückchen Fleisch hin. Der Vogel schnappte es sich, bevor er sich wieder in den Schatten zurückzog.
„Er vertraut dir“, sagte der Barde anerkennend. „Das ist sehr interessant. Deine Kräfte sind gewachsen, seit du deinen Stab verloren hast.“
Jack konzentrierte sich auf sein Essen. Es tat immer noch weh, wenn er an seinen Stab dachte. Er hatte ihn vom Baum Yggdrasil abgeschnitten. Es war ein echter Bardenstab gewesen, aber leider hatte er, Jack, nie die Chance gehabt, herauszufinden, welche Kraft tatsächlich in ihm steckte. Er hatte mit ihm die Kluft zwischen Leben und Unleben überbrückt, um Din Guardi von einem Fluch zu befreien. Und jetzt war der Stab verschwunden wie Asche im Wind.
„Diese Tat hat dir eine Tür in die unsichtbare Welt geöffnet“, sagte der Barde, der mal wieder wusste, was in Jacks Kopf vorging. „Ein Opfer, zur rechten Zeit dargeboten, ist stärker als jede Magie.“
„Die Nordmänner opfern Sklaven“, mischte sich Thorgil ein. „Aber ich habe nie gesehen, dass es denen etwas Gutes gebracht hätte.“
„Ich spreche hier nicht vom Abschlachten wehrloser Sklaven. Ich spreche von einem Mann, der sein Leben opfert, damit andere leben, oder von einer Frau, die sich zu Tode hungert, nur um die Münder ihrer Kinder zu füllen.“
„Ihr klingt wie einer von diesen jämmerlichen Christen“, sagte die Schildmaid verächtlich. Jack hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. Es dauerte zwar eine ganze Weile, bis der Barde wütend wurde, aber es war trotzdem nicht ratsam, ihn zu weit zu treiben.
„Ich würde die Christen nicht so abtun, Thorgil Spatzenhirn“, sagte der alte Mann. „Sie mögen schwach wirken und einige von ihnen sind zweifellos Spitzbuben, aber sie haben oft genug Situationen überstanden, bei denen selbst dem größten Helden das Blut in den Adern gefroren wäre.“
„Die taugen doch nur, um Mistkarren zu ziehen“, sagte Thorgil unvorsichtig. „Die Zukunft gehört immer den Starken.“
„Genau dieser Glaube wird der Untergang der Nordmänner sein.“
„Untergang?“ Thorgil sprang auf. „Mein Volk wird nie besiegt werden! Unser Ruhm wird niemals sterben!“
Einen kurzen Moment loderten die Flammen im Herd hoch auf, und der Schatten des Barden wurde riesengroß. Thorgil sank auf den Boden, die Augen weit aufgerissen und verängstigt. Der Albatros stöhnte, und Jack war plötzlich ganz verschwitzt. Dann nahmen die Flammen wieder ihre normale Größe an. Der Barde war wieder der freundliche alte Mann, normal groß und ein bisschen gebrechlich.
„Guter Angstzauber“, murmelte Jack.
„Danke“, sagte der alte Mann. „Ich habe ihn von einer Seehexe auf den Orkney-Inseln gelernt.“
Die Schildmaid rappelte sich auf und setzte sich so würdevoll hin, wie sie nur konnte. Ihre Augen schossen Blitze auf den Barden.
Er achtete nicht darauf und sprach weiter. „Hier sind viele merkwürdige Dinge geschehen: die wilde Jagd, der Verlust von Gog und Magog, die Ankunft von Seefahrer, dieser Schrei vom Meer.“
„Dann habt Ihr ihn auch gehört, Herr?“, fragte Jack.
„Er war ja nicht zu überhören. Ich war auf den Klippen und habe die Wellen beobachtet“, berichtete der Barde. „Ich hatte gehofft, noch einen Albatros zu finden. Der Schrei ertönte direkt unter mir, und als ich gerade hinuntersteigen und nachsehen wollte, hat etwas den Kopf aus dem Wasser gestreckt. Es war so lang wie ein Nordmann-Schiff und hatte einen langen geringelten Schwanz.“
„Eine Seeschlange?“, rief Jack entsetzt.
„Ein noch viel selteneres Wesen. Es war eine piktische Bestie.“
„Ich wusste doch, dass wir vom Pech verfolgt sind“, sagte Jack.
„Du meine Güte“, schalt der Barde. „Nicht alles Piktische ist schlecht. Nun, jedenfalls schien die Bestie von dem Schrei angelockt worden zu sein. Sie schwamm direkt auf den Strand zu, und ich rannte zu meinem Stab. Man weiß ja nie, ob ein Monster hungrig ist oder nur neugierig. Aber es war verschwunden, als ich zurückkam.“
„Und die andere Kreatur?“
„Die konnte ich nicht finden“, antwortete der Barde. „Ich weiß aber, dass ich diesen Schrei schon einmal gehört habe … Wenn ich mich nur erinnern könnte, wo das war.“
„Wir sollten es jagen“, sagte Thorgil. Sie zog ihr Messer und hielt es ins Licht des Feuers. Ihre Bewegungen waren nach einem Jahr des Übens mit der linken Hand viel fließender geworden, aber so geschickt wie früher würde sie sicher nie werden. Ihre rechte Hand sah ganz normal aus, wenn man von dem merkwürdigen silbrigen Schimmer absah, aber sie war ungefähr so nützlich wie ein Holzklotz.
Jack wusste nicht genau, ob Thorgils Lähmung aus ihrem Kopf kam oder ob der Dämon, den sie attackiert hatte, ihr irgendeine furchtbare Krankheit verpasst hatte. Der Barde hatte versucht, sie zu heilen. Sogar Bruder Aiden hatte für sie gebetet (allerdings als sie schlief und ihn nicht anspucken konnte). Nichts von alldem hatte geholfen.
„Da draußen ist es so schwarz wie in einer Bleimine“, sagte der Barde. „Es ist wesentlich wahrscheinlicher, dass du von diesem Etwas gefunden wirst als umgekehrt. Außerdem muss ich Jack einen neuen Zauber beibringen.“
Jack war begeistert. Endlich! Er hatte die letzten Monate nur damit verbracht, die Zauber zu wiederholen, die er schon kannte. Er hatte Feuer gemacht, den Wind beruhigt und das Herbeirufen von Visionen geübt. Wobei seine Visionen immer nur bedeutungslose Strände und nichtssagende Felsen gewesen waren. Der einzige neue Zauber, den er gelernt hatte, war, die Spreu vom Weizen zu trennen, indem er die Erdmagie in den Körnern anrief.
„Was ist mit mir? Wieso kann ich nicht zaubern lernen?“, fragte Thorgil bockig.
„Weil ich nicht dich als meinen Lehrling ausgewählt habe. Aber falls es dir ein Trost ist – du hast bereits gewisse Kräfte. Als du das Drachenblut geschluckt hast, wurdest du zum Teil Drache. Deswegen verstehst du jetzt die Sprache der Lüfte.“
„Ein Teil Drache?“, wiederholte Thorgil interessiert. Jack konnte beinahe sehen, was in ihrem Kopf vorging. Wenn sie zum Teil Drache war, konnte sie über ihre Feinde hinwegfliegen und Feuer auf sie speien.
Der Barde lächelte etwas gezwungen und bewies damit, dass auch er ihre Gedanken erkannt hatte. „Rechne nicht damit, dass dir in nächster Zeit Flügel wachsen. Du hast eine nützliche Fähigkeit erhalten, und als du deine Hand geopfert hast, vermutlich noch einige weitere. Vielleicht wird aus dir einmal eine Heilerin.“
Jack konnte nicht anders, er musste losprusten.
„Ganz sicher nicht“, fauchte Thorgil. „Ich bin keine Heilerin, die Zaubersprüche über Schwächlingen murmelt. Ich bin eine Schildmaid und werde eines Tages im Kampf fallen – mit dem Schwert in der Hand, auch wenn es die falsche Hand ist.“
„Dieser Weg steht dir nicht länger offen“, sagte der Barde. „Ich habe gesehen, wie die Pferde zu dir kommen und jeden deiner Befehle befolgen. Und ich habe gehört, wie du die Krähe aus dem Schlamm gehoben und Hoffnung in ihr Gefieder geblasen hast.“
„Welche Krähe? Niemand hat mich gesehen. Das habe ich nicht getan“, rief Thorgil.
„Sie ist am Haus vorbeigekommen und hat es mir erzählt“, widersprach der Barde amüsiert.
„Sie gehörte zu Odins Gefolge. Das war das Mindeste, was ich tun konnte“, gestand die Schildmaid.
„Du brauchst dich deines Mitgefühls nicht zu schämen, Thorgil. Sogar der große Olaf Einbraue hat einmal einem Mädchen die Hand hingestreckt, das sonst keiner wollte. Und jetzt werde ich Jack einen Schlafzauber beibringen. Wir müssen Seefahrers Flügel richten, bevor er für immer in dieser Haltung bleibt.“
„Das kann ich auch lernen“, sagte Thorgil eifrig.
„Nein, kannst du nicht. Aber du kannst Seefahrer für mich aus seiner Ecke holen.“
Seefahrer war nicht in der Stimmung, jemanden an seinen verletzten Flügel zu lassen. Er schnappte und schrie, als Thorgil ihn zu greifen versuchte. Sie musste ihn schließlich mit einer Spur aus getrockneten Fischstücken aus der Ecke locken. Er verschlang das Futter, hielt dabei aber immer ein Auge auf die Menschen gerichtet und stieß eine stetige Folge von Zisch- und Grunzlauten aus. Sogar Jack, der keine Vogelsprache verstand, erkannte darin einen Schwall von Beleidigungen.
„Jetzt kommt der schwierige Teil“, sagte der alte Mann, als sie den Vogel herausgelockt hatten. „Ich muss Seefahrers Flügel wieder einrenken und das wird höllisch wehtun. Ich wage es aber nicht, ihm Mohnsaft zu geben. Die Mixtur ist zu stark und könnte ihn umbringen.“
„Soll ich ihn festhalten?“, fragte Jack und betrachtete misstrauisch den scharfen Schnabel.
„Zu gefährlich. Selbst intelligente Vögel geraten leicht in Panik, wenn man ihre Bewegungsfreiheit einschränkt. Thorgil, du musst Seefahrer ablenken. Wir brauchen ihn entspannt, damit der Zauber wirken kann. Frag ihn nach dem Land, aus dem er kommt. Du kannst ihm auch von Nordland erzählen.“
Thorgil grinste, und Jack wusste ganz genau, dass sie fest entschlossen war, diesen neuen Zauber zu lernen. Sie begann, in der Vogelsprache zu sprechen. Es war eine merkwürdige Sprache voller Stöhn- und Klicklaute, und Seefahrer antwortete ihr mit Krächzern und Seufzern. Manchmal hörte es sich an, als käme seine Stimme aus weiter Ferne, wie etwas, das einem der Nachtwind zutrug. Dann wieder schrillte sie einem in den Ohren. Worüber die beiden sich auch unterhielten, der große Vogel schien davon fasziniert zu sein.
„Jetzt, Junge. Achte auf meine Hände“, wies ihn der Barde leise an. „Ich werde den Zauber nicht nur sprechen, sondern auch in die Luft malen. Seefahrer kann unsere Sprache zwar nicht verstehen, aber bei Tieren ist der Tonfall wichtig. Hör also gut zu.“
Der Barde hockte sich vor Seefahrer und begann seine Hände zu bewegen wie Seetang in ruhiger See. Es war eine schöne Bewegung, so fließend und friedvoll, dass man ihr stundenlang hätte zusehen können. Jack fand, dass es aussah wie sichtbar gemacht Musik. Der Barde begann in einer einschläfernden Stimme zu sprechen, bei der Jack sich innerlich plötzlich warm und sicher fühlte. Die Worte waren dabei nebensächlich. Der Barde hätte genauso gut „tra-la-la“ sagen können, aber sein Singsang ergab tatsächlich einen Sinn.
Du treibst auf einem stillen Teich … treibst … und treibst … es ist das weichste Bett, das du jemals hattest und … treibst … treibst … weicher als die Schwingen deiner Mutter … sicherer als deines Vaters Schatten … niemand kann dir etwas tun … alles ist friedlich … du treibst … du wirst seeeeehr müüüüüde …
Jacks Kopf fuhr hoch. Vor seinen Augen verschwamm alles, und er musste sich zur Konzentration zwingen. Einen Moment lang sahen die Hände des Barden tatsächlich genau wie Seetang aus, und Jack erkannte, dass der Zauber ihn zu überwältigen drohte. Er kniff sich selbst mit aller Kraft.
Seefahrer hockte mit halb offenem Schnabel da. Er blinzelte das langsame Blinzeln der Seevögel, bei dem sich eine milchige Haut von der Seite über die Augen schiebt, bevor sich die Lider schließen. Seine Beine klappten langsam unter ihm zusammen, bis er auf dem Boden saß. Jack kniff sich noch einmal. Warm … sicher … du treibst …
Thorgil kippte um, ohne einen Laut von sich zu geben. Sie wird einen neuen blauen Fleck haben, dachte Jack vage und versuchte, seine Sinne beisammenzuhalten. Dann fiel auch Seefahrer auf die Seite.
„Schnell, bevor er aufwacht“, murmelte der Barde. „Drück seinen guten Flügel dicht an den Körper.“ Jack gehorchte, und während er den Anweisungen folgte, umfing sie der langsame Singsang des alten Mannes wie in einer riesigen schimmernden Spirale. Der Barde packte den anderen Flügel und zog ihn mit einer schnellen Bewegung lang. Es ertönte ein hörbares Klicken. Seefahrer schrie auf, aber seine Augen blieben geschlossen. Er lag immer noch auf dem Boden und schlief.
„Das ging doch gut“, sagte der Barde energisch und klopfte sich die Hände ab. „Ich lasse ihn noch eine Weile schlafen. Du solltest Thorgil auf die Seite drehen, Junge. Sie liegt auf dem Gesicht und wenn ich mich nicht irre, steckt ihr ein Strohhalm in der Nase.“
Ein Schrei in der Nacht
Thorgil hatte am nächsten Morgen tatsächlich einen blauen Fleck im Gesicht, aber mehr als das ärgerte es sie, dass sie sich nicht an den Schlafzauber erinnern konnte.
„Manche Leute beherrschen ihn und andere sind nicht in der Lage, ihm zu widerstehen.“
„Ich kann allem widerstehen“, protestierte die Schildmaid.
„Das wissen wir, aber gegen den Schlafzauber bist du machtlos. Das ist eben so. Du kannst auch nicht fliegen, egal, wie heftig du mit den Armen wedelst.“
„Das hat Olaf auch immer gesagt, wenn ich mich im Dichten versucht habe“, sagte Thorgil. „Aber seit ich aus Mimirs Brunnen getrunken habe, bin ich genauso gut wie Jack.“
„Das glaubst du“, widersprach Jack, den Thorgils Niederlage diebisch freute. Er konnte sich noch perfekt an die Musik des Zaubers erinnern und brannte darauf, ihn an einem der schwarzgesichtigen Schafe auszuprobieren.
„Ich werde jedenfalls nicht aufgeben“, verkündete sie. „Überleg mal, wie nützlich es wäre, seine Feinde in den Schlaf zu versetzen – wenn es auch nicht sehr ehrenvoll ist, einen Schlafenden zu töten.“
Der Barde schüttelte den Kopf. „Deine Motive sind wie üblich abstoßend. Sei so nett und sag Seefahrer, dass er in den nächsten Tagen nicht fliegen darf.“ Der Vogel hatte sich in seine Ecke zurückgezogen, nachdem sie ihn geweckt hatten, und er grummelte missmutig vor sich hin.
Thorgil kniete sich hin und sprach mit ihm. „Er ist nicht glücklich damit, hierbleiben zu müssen. Er sagt, dass er sich auf die Suche nach einem Weibchen machen muss.“
„Wo will er das tun?“, fragte der Barde.
Thorgil übersetzte. „Er sagt, dass er südlich von hier einige Weibchen gesehen hat, die fast die richtige Größe hatten.“
„Fast? Wölfe sind fast so groß wie Lämmer. Hat er irgendwelchen Erfolg gehabt?“
„Nein, aber er gibt die Hoffnung nicht auf.“
„Erkläre ihm, dass sein Flügel noch sehr schwach ist und dass er warten muss. Und dann möchte ich, dass ihr Wiesenpflanzen für mich sammelt. Ich brauche Beinwell, Mutterkraut, Minze und Baldrian. Und falls ihr Bilsenkraut findet, bringt es auch mit. Denkt aber daran, es von den übrigen Kräutern getrennt zu halten. Beifuß kann ich auch gut brauchen. Sucht auf sandigem Boden danach.“
Jack holte die Beutel, die sie immer für die Kräutersuche verwendeten, und kurz darauf waren sie auf dem Weg in das wilde Land, das jenseits der Felder rund um das Dorf lag. Es war warm, und die Dorfbewohner pflanzten bereits Erbsen und Bohnen für den Winter. Thorgil fand ein paar Büschel Lattich und Jack sammelte Beinwell. Inzwischen waren sie am Rand des Haselwalds angekommen.
„Puh, ist das heiß“, rief Thorgil aus und warf ihre Beutel in die Glockenblumen. Dann legte sie sich am Bach auf den Bauch und spritzte sich Wasser in den Mund. „Aaaah! Das schmeckt so gut wie Met!“
Jack gab ihr die Häfte der Haferfladen, die beim Frühstück übrig geblieben waren. „Der Barde sagt, dass wir in ein paar Wochen nach Bebbas Town gehen werden.“
„Ich weiß. Wir müssen Getreide kaufen. Sieht das Licht, das durch die Blätter scheint, nicht wunderschön aus? Und diese Schmetterlinge sind wie weiße Blütenblätter, die durch die Luft wirbeln.“
Jack wappnete sich gegen einen von Thorgils Gute-Laune-Anfällen. „Ich frage mich nur, wie wir das Getreide nach Hause bringen sollen. Die Straße ist so voller Löcher, dass dort unmöglich ein Karren fahren kann.“
„Der Barde sagt, dass wir ein Boot nehmen“, berichtete die Schildmaid und setzte sich auf. „Stell dir nur vor, endlich wieder Planken unter den Füßen zu haben! Wellen, die gegen den Bug krachen, der Wind, der in den Ohren heult! Erinnerst du dich an die Farbe, die das Meer bei Sturm annimmt – so grau und grün, und der Wind bläst den Schaum von den Wellen? Dann kann man fast in das Reich von Ägir und Ran sehen“, sagte sie voller Verehrung für die Meeresgötter der Nordmänner. „Weißt du noch?“
„Ja“, sagte Jack.
„Sehr glücklich scheinst du bei dem Gedanken aber nicht zu sein.“
„Wer ist denn schon scharf aufs Ertrinken? Das ist doch die einzige Möglichkeit, um Ran und Ägir zu begegnen.“
„Darum geht es doch gar nicht!“, rief sie erbost. „Es geht um die Schönheit dieser Farben! Und um die kalte Gischt, die dir ins Gesicht spritzt. Und das Schwappen des Wassers um deine Stiefel. Und das Gefühl, wenn sich das Boot in den Wind legt. Olaf hat immer Münzen verteilt, wenn wir zu kentern drohten, damit wir ein Geschenk für Ran haben, wenn wir ihre Hallen betreten. Das Seekönigreich ist nicht so glorreich wie Walhall, aber es ist nicht schlecht –“
„Thorgil“, sagte Jack.
„Ja?“
„Hör auf zu plappern.“
„Ich plappere nicht“, sagte sie zu glücklich, um beleidigt zu sein. „Vielleicht mieten wir in Bebbas Town eine knorr. Die sehen zwar nicht besonders gut aus, aber sie können Unmengen Vorräte befördern und machen die ganze Nacht das wundervollste Geräusch – knorr, knorr, knorr. Ein drekar wäre natürlich noch besser.“
„Wenn die Dorfbewohner einen drekar sähen, würden sie fluchtartig in die Hügel rennen“, sagte Jack.
„Das sollten sie auch besser. Ein Drachenboot voller Berserker – gibt es einen schöneren Anblick?“ Thorgil lächelte hinauf ins Sonnenlicht, das grün durchs Blätterdach fiel.
„Allerdings. Einen Lastkahn voller Getreide.“
„Du bist so langweilig wie eine Wegschnecke. Sag mal, Jack, ich muss dauernd über etwas nachdenken, das während des Gewitters geschehen ist. Ich weiß noch, dass ich über die Mauer des Schafstalls gestiegen bin und dass mich die Hagelkörner getroffen haben. Und dann lag ich dort draußen neben dem toten Schaf. Du hast mich hochgehoben –“
„In Ausnahmesituationen kann einem der Geist schon mal einen Streich spielen“, sagte Jack hastig und hoffte nur, dass sie sich nicht mehr daran erinnern würde, was er gesagt hatte.
„Ich weiß, aber mir ist, als hätte ich – ganz klar und deutlich – die Worte ‚Oh, meine Liebste‘ gehört. Ist das nicht komisch? Ich muss es mir eingebildet haben.“
„Das hast du ganz bestimmt. Der Sturm war viel zu laut, um etwas zu hören.“
„Die Worte waren aber sehr deutlich.“
„Wir sollten wieder anfangen zu sammeln“, sagte Jack.
Thorgil schnitt ihm eine Grimasse. „Von mir aus. Aber zuerst will ich im Bach ein Bad nehmen.“ Sie verschwand hinter ein paar Büschen, und einen Moment später hörte Jack sie herumplanschen.
Er wendete sich ab und vertrieb sich die Zeit damit, an einem y-förmigen Stock herumzuschnitzen. Ein paar Minuten später kam Thorgil zurück.
„Das ist eine Wünschelrute“, erklärte Jack und reichte sie ihr. „Sie muss aus Haselnussholz sein, weil die Haselbäume in der Erdmagie wurzeln. Du hältst die Wünschelrute an beiden Enden, und wenn du in der Nähe eines unterirdischen Stroms bist, zuckt die Spitze nach unten.“
„Hier kann man doch keine fünf Schritte machen, ohne auf einen Strom zu treffen“, sagte Thorgil lachend, „aber trotzdem danke. Ich hebe mir deine Wünschelrute für später auf.“ Sie steckte sich den Zweig in den Gürtel. „Würdest du gern die Vogelsprache lernen?“
„Wieso – ja!“, antwortete Jack verblüfft. Thorgil hatte ihm tatsächlich gedankt! Und sie hatte angeboten, ihr Wissen mit ihm zu teilen. Und gebadet, ohne dass man sie mit Drohungen dazu zwingen musste. Sie hatte wirklich ungewöhnlich gute Laune.
„Also gut: So begrüßt du Seefahrer. Als Erstes musst du ihm ein Kompliment zu seinen Flügeln machen.“ Thorgil krächzte – es klang wie eine Mischung aus Stöhnen und Kreischen.
Jack versuchte, es ihr nachzumachen, und sie verbesserte ihn, bis er es richtig hinbekam. „Wieso muss man ihm Komplimente machen?“, fragte er.
„Albatrosse sind stolz auf ihre Flügel, und wenn man sie nicht lobt, greifen sie sofort an. Mit Komplimenten jedoch bringst du ihn dazu, in seine Ecke zu gehen. Du bietest an, ihm das Gefieder zu putzen, aber du brauchst es nicht wirklich zu tun. Es ist nur ein Ausdruck für ‚bitte beruhige dich‘.“ Sie gab ein leises Brummeln von sich, gefolgt von einem Seufzer.
Diesen Ausdruck lernte Jack schnell, weil er wie Musik klang. „Woher weißt du das alles? Selbst der Barde hat noch nie einen Albatros gesehen.“
„Es ist einfach … ein Teil von mir“, versuchte Thorgil zu erklären. „Seit ich das Drachenblut geschluckt habe, fühle ich mich mit den Wesen der Luft verbunden. Als wir nach Mittelerde zurückkamen, musste ich mich anfangs sehr konzentrieren, um die Vögel zu verstehen, aber im Laufe der Zeit sind ihre Stimmen immer deutlicher geworden.“
„Das ist eine wundervolle Gabe“, stellte Jack voller Neid fest und fügte hinzu: „Ich wünschte, ich würde sie ebenfalls besitzen.“
„Nein, ist es nicht.“ Thorgil ließ sich ins Gras fallen. Ein paar Drosseln zwitscherten sich in den Bäumen etwas zu und Jack fragte sich, was sie wohl sagten. Plötzlich bekam er ein Gefühl für das miteinander verwobene Leben im Haselwald – für die Maulwürfe, die blind die Erde vor sich herschoben, die Fische auf ihrer Wanderung den Bach hinauf, die Libellen, die in den Sonnenflecken herumsurrten, die durch die Baumkronen fielen. Der ganze Wald war wie ein großes Lebewesen, das nach etwas strebte – aber nach was?
Thorgil unterbrach seine Gedanken. „Anfangs war es lustig, etwas zu können, was kein anderer konnte. Aber dann wurde ein Fluch daraus. Du musst wissen, dass Vögel nie den Schnabel halten. Du kannst dir nicht vorstellen, wie grässlich es ist, jeden Morgen nach dem Aufwachen als Erstes Gejammer über Regenwürmer und juckende Federn hören zu müssen.“
Sie ließ den Kopf hängen. Dabei sah sie so verzagt aus, dass Jack nicht mehr daran dachte, wie sehr sie Mitgefühl verabscheute, und ihr aus einem Impuls heraus den Arm um die Schultern legte.
„Bemitleide mich gefälligst nicht!“, fauchte Thorgil ihn an und schubste ihn grob zur Seite.
„Was ist los mit dir? Ich wollte doch nur nett sein!“, fuhr Jack sie an.
„Du behandelst mich wie ein dummes Mädchen.“
„Du bist ein Mädchen“, erwiderte Jack.
„Ich bin eine Schildmaid, keine rotznäsige angelsächsische Kuh!“
„Wann hörst du endlich auf, meine Leute zu beleidigen, und siehst dich mal selbst an?“, rief Jack empört aus. „Du zeigst weniger Dankbarkeit als eine Sumpfratte. Musst du jeden beleidigen, der dir über den Weg läuft?“
„Ich werde meine Ansprüche bestimmt nicht herunterschrauben, nur weil ich in einem Schweinestall leben muss“, konterte Thorgil hochnäsig.
„Schweinestall? Wie kannst du es wagen, so etwas zum Haus meiner Eltern zu sagen? Ich weiß noch gut, dass du im Nordland bei den Hunden geschlafen hast, weil das die Einzigen waren, die dich geduldet haben.“
„Selbst ein Nordmann-Hund hat mehr Ehre als ein winselnder Angelsachse.“
„Tatsächlich? Nun, jeder winselnde Angelsachsen-Hund hat mehr Ehre als ein Thrall, der außerdem nur ein halber Nordmann ist!“, brüllte Jack ihr ins Gesicht.
„Ich bin kein Thrall!“, kreischte Thorgil und schnappte nach ihren Sammelbeuteln. „Und ich werde das Haus deiner Eltern nie wieder betreten!“ Bevor er etwas dazu sagen konnte, war sie schon davongestürmt.
So viel zu Thorgils guter Laune, dachte Jack und rieb sich die Beule an seinem Kopf. Dann ging er in die andere Richtung davon.
Nach einer Weile hatte er sich wieder beruhigt und bedauerte ihren Streit. Aber Thorgil konnte einen auch zur Weißglut treiben! Sogar Olaf Einbraue hatte sie regelmäßig umgehauen, wenn sie einen ihrer Wutanfälle hatte. Natürlich hatte Olaf jeden regelmäßig umgehauen, auch Jack. Das war bei den rauen Nordmännern eben so üblich.
Jack setzte sich in den Schatten eines Baums, horchte in sich hinein und versuchte, das merkwürdige Gefühl wiederzufinden, das er zuvor gehabt hatte; dass der Wald ein Wesen mit einem einzigen Streben war. Vielleicht lag es an der starken Konzentration der Erdmagie oder vielleicht – ein eisiger Finger schien plötzlich Jacks Herz anzutippen – herrschte hier der Herr des Waldes; vielleicht war ja der Haselwald ein Ausläufer seines Reiches. Jack erinnerte sich noch gut an das gedämpfte Wispern der Blätter in diesem Reich und daran, wie die Wurzeln plötzlich hochgekommen waren, um nach seinen Knöcheln zu schnappen.
Das hier ist nicht das Land der silbernen Äpfel. Ich mache mich nur selbst verrückt, sagte er sich. Der Herr des Waldes hätte nie erlaubt, dass seine Bäume so stark zurückgeschnitten wurden, wie es hier gemacht worden war. Dies war Jacks Land, wo die Leute vernünftig waren. Hier geisterten keine piktischen Götter herum.
Er vertrieb alle Gedanken, um die Erdmagie zu rufen. Komm zu mir. Zeig dich. Zeig mir die Pfade, auf denen du reist. Aber der Wald blieb unverändert, die Vögel flatterten von Ast zu Ast, Frösche quakten, und in den Zweigen arbeiteten Spinnen an ihren Radnetzen.
Im Westen neigte sich die Sonne, und Jack fiel ein, dass er die Kräuter noch nicht gesammelt hatte, die der Barde brauchte. Er suchte die Grenze zwischen dem Eichen- und dem Haselwald ab. Dort fand er ein paar Büschel Minze und kaute eine Handvoll der Blätter, um seinen Hunger zu betäuben. Er sammelte Alant gegen Husten, Fenchel gegen Bauchweh und Baldrian gegen unruhigen Schlaf. Er pflückte auch Beifuß gegen das Fliegende Gift, das von Haus zu Haus zog und Fieber mitbrachte.
Unter einer Birke entdeckte Jack Fliegenpilze, die zwar sehr hübsch, aber auch sehr gefährlich waren. Ihr leuchtend roter Hut war mit weißen Tupfen übersät, und der Barde hatte gesagt, dass die Nordmänner diese Pilze manchmal benutzten, um zu Berserkern zu werden. „Sie bekommen davon Visionen und gelegentlich bringt es sie auch um“, hatte der Barde erzählt. „Zu schade, dass das nicht häufiger passiert.“ Jack fragte sich, ob Thorgil jemals davon gegessen hatte.
Wo steckte sie? Sie würde ihre Drohung wahr machen, sich von Jacks Elternhaus fernzuhalten. Wenn sie so etwas sagte, war das bei ihr stets gleichbedeutend mit einem Schwur. Er würde Mutter und Vater erklären müssen, warum sie nicht mehr kam, aber die beiden würden erleichtert sein. Mittlerweile hatten alle Thorgils ewige Streitereien mit den Tanner-Mädchen satt. Wohin würde sie gehen? Vielleicht würde John der Böttcher sie in seiner Scheune schlafen lassen. Er hatte ihr Geschick im Umgang mit Pferden bewundert. Und wenn es Winter wurde, konnte sie beim Barden einziehen.
Jack sammelte ein paar der Fliegenpilze ein und achtete darauf, dass sie keinen Kontakt zu den anderen Kräutern bekamen. Ein Eichhörnchen flitzte an einem Stamm hoch, und es hatte einen Fliegenpilz im Maul. Jack warf einen Stock nach ihm, damit es den giftigen Pilz fallen ließ, aber das Eichhörnchen kletterte so hoch, dass er es nicht mehr erreichen konnte, und knabberte an der giftigen Beute. Vielleicht haben Eichhörnchen gern Visionen, dachte Jack und hoffte nur, dass das Tierchen nicht tot vom Baum fallen würde.
Die Sonne versank hinter den Hügeln. Die Dämmerung verbreitete sich über dem Wald, und Dunst stieg aus dem feuchten Boden auf, sodass es aussah, als trieben die Bäume in einem weißen Meer. Und plötzlich verstummten die Vögel. Das ausgelassene Gezwitscher, das sonst immer den Sonnenuntergang begleitete, war auf einmal weg, als wäre zwischen den Bäumen ein unsichtbarer Feind aufgetaucht. Die Dämmerung wurde dunkler, die Kühle kälter, die Erde feuchter.
Jack rührte sich nicht.
War es ein Wolf? Oder, Gott behüte, ein Bär? Merkwürdigerweise konnte er Seetang riechen, obwohl es vollkommen windstill war. Hat sich einer der Pfade zwischen den Welten geöffnet?, dachte Jack aufgeregt und ein wenig ängstlich zugleich. Wenn ja, was war hindurchgegangen?
Eine kalte Erscheinung verbreitete sich im Nebel. Sie umhüllte ihn mit solcher Bosheit, dass er nach Luft schnappte und beinahe seine Beutel fallen ließ. Eine solche Kälte hatte er seit seiner Begegnung mit Frith Halbtroll nicht mehr gespürt. Es war wie eine Tür ins Herz des Winters. Sein Körper wurde eiskalt, und sein Kopf war wie leer gefegt.
In weiter Ferne läutete Bruder Aiden zum Gebet. Es war ein zartes Klingen, kaum lauter als das Zwitschern eines Nestlings, aber so klar, dass es die hereinbrechende Düsternis durchdrang. Der Zauber war verflogen. Jack drückte sich die Sammelbeutel an die Brust und rannte den langen, von Glockenblumen gesäumten Pfad entlang, der im Zwielicht hellgrau schimmerte. Nebel waberte um seine Beine. Der Herzschlag pochte ihm in den Ohren. Seine Füße versanken in einem Schlammloch, was ihn beinahe zu Fall gebracht hätte, aber er hetzte weiter, bis er offenes Feld erreichte.
Er rannte, bis der Haselwald sich gegen den Eichenwald nur noch als Schatten abzeichnete. Hier draußen war der Himmel noch blau, und das Sonnenlicht, das hinter dem Hügel hervorstrahlte, beleuchtete die kleinen weißen Wolkenfetzen. Obwohl das Feld stark unter dem Sturm gelitten hatte, sah es für Jack ganz normal und freundlich aus. Er beugte sich nach vorn, um wieder zu Atem zu kommen.
Bruder Aiden läutete die Glocke zum zweiten Mal, und aus dem Wald ertönte ein Schrei. Er hielt länger an, als jedes Lebewesen schreien konnte, und endete mit einem tiefen, bebenden Stöhnen. Doch da war Jack schon am anderen Ende des Feldes. Neben ihm rannte ein Reh, das so in Panik war, dass es den Menschen, der nur eine Armeslänge von ihm entfernt ebenfalls floh, überhaupt nicht wahrnahm.
Sie brachen gleichzeitig zusammen. Das Reh sah ihn mit seinen schönen dunklen Augen an, und er legte die Hand auf die warme Flanke des Tieres. „Keine Angst“, flüsterte er. „Es wird nicht ins Licht kommen.“ Er hoffte nur, dass das stimmte. Das Reh starrte ihn an, und seine Seiten hoben und senkten sich wie ein Blasebalg. Bruder Aidens Glocke ertönte erneut, und Junge und Reh sahen sich hektisch zum Wald um.
Aber es passierte nichts mehr. Nach einer Weile erhob sich das Reh und wanderte davon. Auch Jack stand auf und hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Er dachte an den Barden. Der alte Mann wartete auf seine Kräuter, und vielleicht war auch Thorgil dort.
Jack sah zurück zum Wald. Als er die Schildmaid zuletzt gesehen hatte, war sie auf dem Weg in die Felder gewesen. Sie hatte sicher das Bestreben gehabt, eine möglichst große Entfernung zwischen sich und ihn zu legen, was bedeutete, dass sie ans Meer gelaufen war. Dort ging sie immer hin, wenn sie etwas bedrückte. Sobald sie sich beruhigt hatte, würde sie vermutlich beim Barden aufkreuzen.
Der Gedanke an das römische Haus und an den alten Mann, der dort wartete, hatte etwas sehr Verlockendes. Aber – der Schrei war durch Bruder Aidens Glocke ausgelöst worden. Am vergangenen Abend war die Kreatur am Strand gewesen, und diesen Abend war sie schon im Wald, viel dichter an Bruder Aidens Hütte. Und was immer es war, es hatte eindeutig böse Absichten. Der Schrei im Wald war voller Hass gewesen. Es war nicht der Hungerschrei eines Jägers gewesen, sondern eher die Stimme von etwas, dem alle irdischen Freuden versagt worden waren.
Seufzend schlug Jack den Weg ins Dorf ein. Er rannte über die dämmrigen Wiesen, vorbei an Schuppen und Hütten, bis er den kleinen Mönch vor seiner Hütte am Feuer knien sah.
Heitere Wehklage
Jack kniete sich ebenfalls hin, weil er Bruder Aiden nicht stören wollte. Er konnte die Gebete zwar nicht verstehen, aber die Worte beruhigten ihn. Pega sagte oft, dass es sich rund um die Hütte des Mönchs immer anfühlte, als wäre Sommer, egal wie kalt der Wind blies. Bruder Aiden hatte etwas so Engelhaftes an sich, dass sogar die Frostriesen einen Bogen um sein Haus machten.
Jack spürte, wie sich eine Gelassenheit in ihm ausbreitete, als hätte die Kreatur im Haselwald gar nichts so Schreckliches an sich gehabt. Bestimmt war es nur ein versprengter Wolf gewesen, der nach seinem Rudel geheult hatte oder eine Robbe, die zu weit von der Küste weggewandert war. Schließlich hatte es nach Seetang gerochen.
„Ich sollte dir Latein beibringen“, sagte Bruder Aiden. „Dann würdest du beim Gebet nicht mehr einschlafen.“
Jack fuhr hoch. „Es tut mir leid, Herr. Es waren die Wärme und die Stille hier. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet.“
„So schlimm ist das nicht“, sagte der Mönch fröhlich. „Ich würde dich hereinbitten, aber drinnen ist kein Platz.“ Er deutete auf die Tür seines Häuschens in der Form eines Bienenkorbs. Jack war ein- oder zweimal darin gewesen und wusste, dass es kaum mehr als eine von Menschen gemachte Höhle war. Der Platz reichte gerade für einen winzigen Altar, einen kleinen Vorrat an Pergament und Tinte und einen Haufen getrocknetes Heidekraut als Bett. Wer größer war als der Mönch, konnte nicht einmal aufrecht stehen.
Draußen, wo Bruder Aiden an seinen Manuskripten arbeitete, standen ein Tisch und ein Stuhl. In einer stabilen Kiste unter dem Tisch waren Geschirr und Lebensmittel untergebracht. Die Glocke hing in der Nähe des Feuers an einem Holzgestell.
„Aber ich kann dir etwas von Pegas ausgezeichnetem Rüben-und-Aal-Eintopf anbieten“, sagte der Mönch und deckte den Tisch mit Schalen, Löffeln und einem Messer für sich. Wie die meisten Dorfbewohner hatte Jack sein eigenes Messer bei sich. Seines war etwas Besonderes, denn er hatte es von der Bergkönigin geschenkt bekommen. „Ich will nur eben ein letztes Mal läuten – meine Güte! Was ist in dich gefahren?“, rief Bruder Aiden aus, als Jack seinen Arm packte.
„Entschuldigt, Herr“, sagte Jack hastig, „aber das dürft Ihr nicht. Zumindest nicht heute Abend.“
„Und wieso nicht?“, fragte der Mönch und rieb sich den Arm.
„Ich – ich bin nicht sicher. Aber da ist etwas im Wald, das furchtbar schreit, wenn Ihr die Glocke läutet. Gestern Abend war es am Strand und jetzt ist es näher gekommen. Wir sollten lieber den Barden fragen, was zu tun ist.“
„Iss erst mal, Junge. Mit vollem Magen erklärt es sich besser.“ Bruder Aiden löffelte Eintopf aus einem Kessel am Feuer und wickelte einen kleinen Laib Brot aus. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Glocke jemanden zum Schreien veranlasst. Sie hat einen so schönen Klang, der ihr den Namen gab: Heitere Wehklage.“
„Heitere Wehklage?“, wiederholte Jack undeutlich durch einen Mund voll Brot. „Das klingt gar nicht gut.“
„Das hängt davon ab, was man beklagt“, sagte Bruder Aiden. Er nahm sich weniger Eintopf als Jack und nur eine hauchdünne Scheibe Brot. „Es gibt eine Sehnsucht, die einen überkommt, wenn man etwas sieht, das so perfekt ist, dass es nur göttlich sein kann – zum Beispiel ein Lamm, das zum ersten Mal auf eigenen Beinen steht, oder eine Schwalbe, die aus einer Wolke heraussegelt. Diese Momente sind so wundervoll, dass man sie am liebsten in alle Ewigkeit festhalten würde, was natürlich nicht geht. Und so kann man wehklagen und gleichzeitig Freude empfinden.“
Jack bemühte sich, diesem Gedankengang zu folgen. Anscheinend war dies ein weiteres Rätsel rund ums Glücklichsein. Er bezweifelte allerdings, dass Gog und Magog beim Muhen mit den Kühen viel Anlass zur „heiteren Wehklage“ gehabt hatten. Die Kühe wiederum schienen recht glücklich zu sein. Sie machten sich keine Sorgen darüber, ob das Muhen jemals aufhörte.
„Was man in solchen Momenten wirklich sieht, ist ein Stück vom Himmel, denn im Himmel endet dieses Gefühl niemals“, erklärte der Mönch. „Der Klang der Heiteren Wehklage erinnert uns an die Freuden, die jenseits der Mühsal dieser Welt liegen. Wusstest du, dass dies die Glocke ist, die der heilige Kolumban aus Irland mitgebracht hat?“ Ehrfürchtig nahm Bruder Aiden die Glocke vom Haken und stellte sie auf den Tisch. „Sie war es, die die Pikten von den Hügeln heruntergelockt hat.“
„Ich habe gehört, dass sie herbeigeströmt sind, um den heiligen Kolumban zu töten, aber er hat sie mit der Drohung, sie alle in den Wahnsinn zu treiben, zu Tode erschreckt“, sagte Jack, der diese Geschichte von den Hobgoblins gehört hatte.
Bruder Aiden runzelte die Stirn. „Das kann nicht stimmen. Das klingt gar nicht nach einem Heiligen.“
„Vielleicht ist es nur ein Gerücht“, sagte Jack, der den sanftmütigen Mönch nicht unnötig aufregen wollte. Um abzulenken, berichtete er schnell von dem Ungeheuer im Haselwald, aber Bruder Aiden schien davon wenig beeindruckt.
„Durch den Sturm wurden viele Tiere in alle Winde verstreut. Mich hat erst heute eine Kuh furchtbar erschreckt, die nach ihrem Kalb gebrüllt hat. Man täuscht sich leicht, wenn es dunkel und man allein ist. Als ich mal nachts unterwegs war, sah ich plötzlich am Wegrand ein Paar riesiger blau glühender Augen aufleuchten.“
„Wirklich? Was habt Ihr dann getan?“
„Es gab kaum etwas, das ich hätte tun können. Der Mond war hinter einer Wolke verschwunden, und ich konnte kaum erkennen, wohin ich meine Füße setzte. Ich schickte ein stummes Gebet zum heiligen Kolumban und ging langsam weiter, das Kreuz um meinen Hals fest umklammert. Und dann – keine fünf Schritte entfernt – tauchte auf der anderen Straßenseite ein zweites leuchtendes Augenpaar auf.“ Bruder Aiden biss von seinem Brot ab und kaute bedächtig. Er konnte fast genauso gut Geschichten erzählen wie der Barde und wusste genau, wann er eine Pause machen musste, um die Spannung zu erhöhen.
Jack wartete ungeduldig, dass der Mönch endlich schluckte.
„Ich ging ein paar Schritte weiter“, fuhr Bruder Aiden fort, „und das Nächste, was ich sah, war ein drittes Augenpaar direkt vor mir auf der Straße. Möchtest du etwas Most? Deine Mutter hat mir heute Morgen einen Schlauch voll bringen lassen.“
„Nein! Ich meine, nein, vielen Dank. Bitte erzählt weiter“, drängte Jack. Der Mönch lächelte zufrieden.
„Also gut. Ich stand bewegungslos und wagte keinen Schritt mehr zu machen. Wenn ich mich umgedreht hätte, wären mir die Bestien in den Rücken gesprungen. Ich schickte ein Gebet zum heiligen Christophorus, der die Reisenden beschützt. Dann habe ich Jesus meine Seele anempfohlen, für den Fall, dass Christophorus gerade anderweitig beschäftigt war. Jemand muss aber zugehört haben, denn plötzlich kam der Mond hinter den Wolken hervor und die Straße war von wundervollem Licht erfüllt. Und ob du es glaubst oder nicht – die Augen waren verschwunden. An ihrer Stelle waren nun Schafe – ganz normale Schafe. Du siehst also, welche Streiche uns der Verstand spielt, wenn wir Angst haben. Ich bin sicher, dass dein Ungeheuer etwas ebenso Normales ist.“
Jack unterdrückte den Drang, ihm zu widersprechen. Er hatte ein außergewöhnlich gutes Gespür für die Dinge, die jenseits des Alltags lagen. Manchmal wurde ihm vom Zaubern richtig schlecht, und der Barde sagte, das läge daran, dass seine Abwehr zu schwach war. Es brauchte Jahre, bis man gewisse Kenntnisse ertragen konnte, und Jack hatte viele davon erlangt, bevor er reif dafür gewesen war. Der unglaubliche Hass, den das Ungeheuer ausgestrahlt hatte, war real gewesen. Er brauchte es nicht zu sehen, um zu wissen, dass es ein Feind war.
Jack legte die Glocke auf die Seite und achtete sehr darauf, den Klöppel festzuhalten. Die Glocke war eckig mit abgerundeten Ecken, und im Feuerschein schimmerte sie rötlich. Trotz ihrer schlichten Machart hatte sie eine edle Ausstrahlung, die Jack an Paläste und Könige denken ließ. „Die ist schön“, stellte er fest.
„Mit Gold überzogene Bronze“, sagte Bruder Aiden stolz. „Das gibt ihr diesen tiefen, musikalischen Ton.“
„Der Klöppel sieht aber aus wie Eisen“, bemerkte Jack.
„Gut beobachtet. Bronze wäre zu hart und würde die Glocke beschädigen.“
„Warum ist er geformt wie ein Fisch?“, fragte Jack. Tatsächlich war der Klöppel ein richtiges Kunstwerk mit Flossen und Schuppen und zwei runden Fischaugen, die über den unteren Rand der Glocke hinausragten. Der Fischklöppel war etwas mitgenommen vom Gebrauch.
„Pater Severus sagt, dass der Fisch die Kirche symbolisiert. Möchtest du noch Eintopf?“
„Nein, danke“, sagte Jack höflich, obwohl er ohne Mühe den Topf hätte leer essen können. Aber er wusste, dass der Eintopf eigentlich das morgige Frühstück des Mönchs war. So räumten sie ab, Jack scheuerte ihre Schalen mit Sand aus, und Bruder Aiden verstaute die Essensreste in seiner Truhe.
Der Halbmond am Himmel schickte gerade genügend blasses Licht zur Erde, dass Jack sich auf den Rückweg zum Haus des Barden machen konnte. Er sammelte seine Beutel ein und steckte das Messer wieder in die Scheide am Gürtel. „Warum begleitet Ihr mich nicht?“, schlug er vor. „Der Barde schätzt Eure Gesellschaft.“
„Ich komme morgen früh“, sagte Bruder Aiden. „Heute Abend muss ich über vieles nachdenken. Ich will wissen, was es mit dem Schrei auf sich hat, den du gehört hast.“
Jack schaute erschrocken auf. Also ahnte der Mönch doch etwas, von dem er nicht erzählen wollte. „Seid Ihr hier sicher?“, fragte Jack besorgt, denn gerade waren ihm die ums Haus lauernden Schatten und die große Entfernung zu den nächsten Nachbarn bewusst geworden.
„Niemand ist in dieser Welt vollkommen sicher“, antwortete Bruder Aiden. „Wenn es Gott gefällt, mich heute Nacht zu sich zu rufen, hoffe ich, tapfer zu gehorchen. Ich werde ausharren. Es gibt allerdings keinen Grund, Was-immer-es-ist in Versuchung zu führen. Ich werde die Glocke zu mir ins Haus nehmen, wenn auch nur der Herr allein weiß, wo ich dann noch Platz für meinen Kopf finden soll.“
Auf dem Heimweg über die Felder sah Jack sich immer wieder um, weil er sehen wollte, ob der Mönch noch draußen saß. Er glaubte zu erkennen, wie die Tür der Hütte geschlossen wurde und das Feuer plötzlich verblasste, als wäre etwas daran vorbeigelaufen. Riesige blau glühende Augen, dachte er und suchte die Dunkelheit ab. Wieso blau? Irgendwie war die Farbe der gruseligste Teil der Geschichte.
Rechts vom Weg lag das Meer, dessen graue Wellen an den Strand schwappten und sich dann wieder zurückzogen. Auf der linken Seite schlängelte sich ein schwarzer Bach entlang. Es roch nach Seetang und Mädesüß und in der Luft hing ein feiner, salziger Dunst. Auf dem letzten Stück des Weges konnte Jack das Meer nicht mehr sehen, aber er hörte, wie es rauschte und den Kies überspülte. Endlich erreichte er das Haus des Barden und war dankbar, wie schön warm es war.
„Das wird auch Zeit“, schimpfte der Barde, der mit Seefahrer zu seinen Füßen am Feuer saß. „Ich wollte schon eine Fledermaus nach dir ausschicken. Wo ist Thorgil? Erzähl mir nicht, dass sie jetzt auch noch Mondstrahlen sammelt.“
„Ich habe dir gesagt, du sollst keinen Streit anfangen“, sagte der alte Mann und spannte Schnüre quer durch den Raum. „Sie ist wie ein Schiff ohne Ballast, dem Wind hilflos ausgeliefert.“
„Ich habe den Streit nicht angefangen“, widersprach Jack missmutig und hängte die Kräuter zum Trocknen auf die Leinen. Er hatte berichtet, was am Tag vorgefallen war, und seinen Bericht mit dem Schrei und seinem Besuch bei Bruder Aiden beendet.
„Nein, aber du hast deinen Teil dazu beigetragen. Nur Freya weiß, wo Thorgil sich verkrochen hat.“ Der Barde öffnete den Beutel mit den Fliegenpilzen und schnupperte daran. „Hervorragend! Ich wollte dich schon bitten, nach diesen Pilzen Ausschau zu halten.“ Er fädelte die Pilze auf eine Schnur.
„Ihr wollt die aber … nicht essen, oder?“, fragte Jack zögernd. Er erinnerte sich daran, wie die Nordmänner die Pilze dazu benutzt hatten, zu Berserkern zu werden.
„Meine Sterne, Junge. Ich bin doch nicht verrückt. Sobald diese Pilze getrocknet und zu Pulver zerrieben sind, kommen sie in eine meiner besten Mixturen: Beelzebubs Wunderwaffe gegen Fliegen. Ich habe das Rezept entdeckt, damals, als ich Hrothgars Thronsaal ausräucherte. Du kannst dir nicht vorstellen, wie widerwärtig ein Raum sein kann, nachdem sich ein Monster dort ausgetobt hat. Habe ich dir schon mal erzählt, wie ich Beowulf das Leben gerettet habe?“
„Ja, Herr“, sagte Jack. Er mochte diese Geschichte, aber jetzt wollte er lieber erfahren, was es mit den Fliegenpilzen auf sich hatte.
„Hrothgar nagelte den Arm des Monsters an die Wand wie eine Trophäe. Dieser Dummkopf! Du machst dir keine Vorstellung, wie viele Fliegen das Ding angezogen hat. Um etwas frische Luft zu schnappen, bin ich in den Wald gegangen, und worauf stoße ich? Auf ein Fleckchen voller Fliegenpilze. Während ich es betrachtete, landete eine Fliege auf einem der Pilzhüte. Eine Minute später fiel sie tot zu Boden. Das war alles, was ich wissen musste. Ich zerdrückte die Pilze in Milch, tauchte Wolleklumpen in die Mixtur und hängte sie an der Decke von Hrothgars Halle auf. Du weißt ja, dass Fliegen gern in der Mitte des Raums kreisen. Wenn sie müde werden, ist es ganz normal für sie, dass sie den nächstbesten Landeplatz anfliegen. Auf Beelzebubs Wunderwaffe landen sie allerdings nur einmal.“
„Das ist genial“, staunte Jack.
„Das ist es. Ursprünglich habe ich das Gift als Drachenzunges Rache verkauft, bis Bruder Aiden den anderen Namen vorgeschlagen hat. Er meinte, Beelzebub würde den Christen besser gefallen.“
Jack nahm sich eine Schale voll Eintopf aus dem Kochtopf des Barden, der immer wieder aufgefüllt wurde. Nach einer zweiten (noch größeren) Portion fegte er den Boden und machte sich sein Bett an der Tür und lockerte das Stroh im Korbbett des Barden auf, das am anderen Ende des Hauses stand. Das Bett war oval, und der alte Mann lag darin so gemütlich wie eine Katze in ihrem Korb.
Aber der Barde wollte noch nicht schlafen gehen. „Scheuch Seefahrer in seine Ecke. Wir haben noch etwas zu tun.“
Jack brachte den Blubber-Zischlaut hervor, den Thorgil ihm beigebracht hatte. Er musste den Ton richtig getroffen haben, denn der große Vogel grummelte zufrieden, bevor er sich an seinen Schlafplatz verzog.
„Anscheinend hast du dich nicht den ganzen Tag mit Thorgil gestritten“, bemerkte der Barde.
„Das war wahrscheinlich das Letzte, was sie mir beigebracht hat, für immer und ewig“, seufzte Jack.
„Zähl deine Drachen nicht, bevor sie geschlüpft sind. Vielleicht ist sie gar nicht so wütend auf dich, wie du glaubst.“ Der Barde holte eine Flöte aus Metall aus einer seiner Truhen. Jack kannte Flöten, die aus Holz geschnitzt waren, aber diese hier sah wesentlich kunstvoller aus.
„Die sieht aus wie der Klöppel von Bruder Aidens Glocke“, stellte er überrascht fest. Die gleichen Flossen und Schuppen zierten die Seiten, und die gleichen runden Augen starrten über einem breiten Fischmaul in die Welt.
„Ah! Dann hast du sie dir also angesehen“, sagte der Barde. „Ich nehme an, dass Aiden dir gesagt hat, es wäre ein Symbol seiner Kirche. Nun, da irrt er sich. Es ist der Lachs, der die Hälfte des Jahres bei den Inseln der Seligen verbringt und im Herbst in die Gewässer seiner Jugend zurückkehrt. Manche nennen ihn den Lachs der Erkenntnis, weil er die Pfade zwischen dieser Welt und der nächsten kennt.“
„Bruder Aiden hat gesagt, dass die Glocke Heitere Wehklage heißt. Wenn die Leute sie hören, werden sie an den Himmel erinnert“, berichtete Jack.
„Sie zeigt den Menschen, was jenseits der untergehenden Sonne liegt. Nenn es Himmel, wenn du willst.“ Der Barde polierte die Flöte mit dem Saum seiner Robe. „Die Glocke hieß schon Heitere Wehklage, lange bevor ein Mönch seinen Fuß auf irischen Boden setzte. Sie wurde für Amergin gemacht, den Begründer meines Ordens. Im Laufe der Zeit kam sie dann in die Hände des heiligen Kolumban, der in jenem Jahr übrigens der Klassenbeste war.“
„Der heilige Kolumban war ein Barde?“, fragte Jack.
„Einer der besten. Er war es, der meine Schule ins Tal der Lieder verlegt hat, um sie vor den Christen zu schützen. Er selbst wurde auch Christ, doch er vergaß nie, was er gelernt hatte. Er konnte Wind herbeirufen und Sturm vertreiben, Wasser aus der Erde locken und mit Tieren sprechen. Als er alt war, kam ein weißes Pferd auf ihn zu und legte den Kopf an seine Brust. Da wusste er, dass der Wind nach Westen wehte und es an der Zeit war zu gehen. Es heißt, dass der heilige Steuermann Brendan ihn auf die Inseln der Seligen gebracht hat.“
Einen Moment lang wusste Jack nicht, was er sagen sollte. Die Vorstellung, wie das Pferd dem alten Barden die letzte Ehre erwies, rührte ihn irgendwie. Vor seinem inneren Auge sah er das Boot, mit dem Kolumban fortgebracht wurde. Es musste ein bescheidenes Boot gewesen sein, wie es sich für einen christlichen Heiligen gehörte, aber sein Platz im Meer war ihm sicher.
„Ich dachte immer … Heilige kämen in den Himmel“, sagte er schließlich.
„Vielleicht tun sie das. Aber die Inseln sind eine Zwischenstation für alle, die ihre Angelegenheiten in dieser Welt noch nicht geregelt haben. Die alten Götter leben dort, aber auch die großen Helden und Heldinnen. Amergin ist dort, es sei denn, er hat sich für eine Wiedergeburt entschieden. Aber es wird spät, und wir haben noch Arbeit zu erledigen.“
Sie gingen nach draußen. „Lass deinen Geist mit dem Wind treiben“, wies der alte Mann Jack an. „Spüre die Lebewesen der Lüfte.“
Der Junge hatte oft den Flug der Vögel verfolgt, das stetige Schlagen ihrer Flügel gespürt. Er hatte sie nur zum Spaß Wendungen und Sturzflüge machen lassen. Er hätte auch eine fette Ente in den Tod stürzen lassen können, obwohl das natürlich streng verboten war. Und jetzt suchte er wiederum den Himmel nach etwas ab, das dort flog. Sehr hoch oben entdeckte er einen Schwarm Gänse. Weiter unten segelte eine Eule auf der Suche nach Mäusen mit dem Wind. Und noch tiefer –
Jack hörte einen feinen, piependen Ton und seine Aufmerksamkeit ließ so weit nach, dass er mitbekam, wie der Barde auf seiner Flöte spielte.
Iiii iii iii, machte die Flöte. Ein schlichter Ton, aber dennoch nicht eintönig. Er hatte Schicht um Schicht eine tiefere Bedeutung, ähnlich einem von Blättern übersäten Teich, bei dem man zuerst auch nur die Oberfläche sieht und bei genauerem Hinschauen die Tiefe. Iiii iii iii machte die Luft an hundert Stellen gleichzeitig.
Und plötzlich wirbelten Unmengen von Fledermäusen um den alten Mann herum. Der Barde spielte auf seiner Flöte, und die Fledermäuse antworteten. Jack konnte Unterschiede in Lautstärke und Eindringlichkeit der Schreie heraushören, aber er hatte keine Ahnung, was sie bedeuteten.
Der Barde setzte die Flöte ab. Mit einem trockenen Rascheln verzogen sich die Fledermäuse, und einen Moment später waren sie verschwunden. „Sie machen sich auf die Suche nach Thorgil“, erklärte der Barde. „Ich werde die Tür einen Spaltbreit offen lassen für den Fall, dass eine von ihnen zurückkommt.“
„Ist die Flöte dafür? Um Fledermäuse zu rufen?“, wisperte Jack. Er hätte nicht sagen können, wieso er die Frage flüsterte.
„Man kann viele Dinge mit ihr herbeirufen, und es sind ein paar dabei, die du bestimmt nicht sehen willst. Auf dem Weg nach Bebbas Town werde ich dir zeigen, was sie noch kann.“ Mehr sagte der alte Mann nicht. Jack war trotzdem begeistert. Er würde einen neuen Zauber lernen. Er hatte bereits ein wenig Vogelsprache gelernt und den Schlafzauber. Das Leben war schön.
Jack machte sein Bett am anderen Ende des Hauses. Er hatte keine Lust, die Nacht neben einer offenen Tür zu verbringen, durch die Fledermäuse hereinkamen – ganz zu schweigen von dem Ungeheuer, das im Haselwald herumgeisterte. Er behielt sein Messer in Reichweite und den Blick auf einen dicken Knüppel gerichtet, der im Feuer glimmte, nur für alle Fälle.
Der Barde schlief wie ein Murmeltier und wachte erfrischt auf, als es Jack gerade erst gelungen war, die Augen zu schließen.
Die Meerjungfrau
Es war Bruder Aiden, der Jack etwas später weckte. Der kleine Mönch trat gegen die Tür, weil er mit beiden Händen die Glocke festhielt. „Da ist ein Ungeheuer“, schnaufte er und setzte die Glocke auf dem Boden ab. „Etwas hat den Kampfhahn von John dem Böttcher getötet und all seine Hühner. Und der Älteste hat ein totes Lamm vor seiner Haustür gefunden.“
„Setzt Euch und kommt zu Atem“, befahl der Barde. „Jack, hol unserem Gast etwas Most.“
Jack setzte sich auf und schüttelte sich das Stroh aus den Haaren. Er griff nach dem Schlauch mit dem Most und schenkte einen Becher voll.
Der Mönch stürzte den Most hinunter und hielt Jack den Becher zum Nachschenken hin. „Ich bin so verschwitzt, ich könnte darin baden. Jack hatte recht damit, dass sich irgendein Wesen von der Heiteren Weklage angezogen fühlt. Es hat im Dorf danach gesucht.“
„Vielleicht war der Angriff ein Zufall. Auch ein Bär oder ein anderes wildes Tier könnte die Tiere getötet haben“, gab der Barde zu bedenken.
„Ein Bär tötet, um zu fressen. Aber diese Bestie hat die Tiere in Fetzen gerissen und liegen gelassen. Ich danke Gott, dass sie kein Kind erwischt hat.“ Bruder Aiden setzte den Becher ab. „Der Älteste hat befohlen, dass die Frauen und Kinder in den Häusern bleiben, und John der Böttcher hat einen Suchtrupp aufgestellt.“
„Die werden nichts finden“, bemerkte der Barde ruhig. Er und der Mönch tauschten einen bedeutungsvollen Blick.
„Thorgil!“, rief Jack plötzlich. „Sie war die ganze Nacht draußen!“
„Es geht ihr gut“, versicherte ihm der Barde. „Eine Krähe hat heute Morgen beobachtet, wie sie am Strand saß.“
„Ich werde nach ihr sehen.“
„Sie wird kommen, wenn sie so weit ist“, widersprach der Barde energisch. „Und nun, Aiden, lasst uns über diese Bestie sprechen.“
Jack war hin- und hergerissen. Natürlich wollte er alles über die Bestie hören, aber er machte sich auch Sorgen um Thorgil. Sie fror bestimmt und hatte Hunger. Mit ihrer gelähmten Hand konnte sie nicht einmal ein Feuer machen.
„Hör auf, herumzuzappeln, Junge. Sie trägt doch die Schutzrune“, sagte der alte Mann. „Und nun von Anfang an –“
Die Rune hilft einem nur, Leiden zu ertragen. Sie schützt einen nicht davor, dachte Jack verbittert und erinnerte sich nur zu gut an die Schläge, die er von Olaf Einbraue hatte einstecken müssen.
„… etwas ist von der Heiteren Wehklage geweckt worden, das besser weitergeschlafen hätte.“
„Ich weiß nicht, wie es die Glocke aus dieser Entfernung hat hören können oder wieso es gerade jetzt aufgetaucht ist“, bemerkte Bruder Aiden.
Es?, dachte Jack. Wovon redet der eigentlich?
„Die Glocke von Amergin ist in allen Welten zu hören, und dazu kommt, dass sie lange Zeit nicht mehr benutzt wurde“, sagte der Barde. Er stellte die Glocke aufrecht hin und ein leises Klingen ertönte. Alle drei Zuhörer zuckten zusammen. „Ich werde sie in Wolle wickeln müssen.“
„Pater Severus hat einiges zu verantworten“, sagte Bruder Aiden betrübt.
„Allerdings. Vor allem hätte er die Glocke auf Grims Insel lassen sollen.“
Grims Insel? Wo ist denn das?, fragte sich Jack.
Der Mönch seufzte und fuhr mit einer Hand über das strahlende Gold der Heiteren Wehklage. „Es war der Abt, der die Glocke unbedingt mitnehmen wollte. Vergesst nicht, dass sie einst dem heiligen Kolumban gehört hat.“
„Der sie auch versteckt hat“, fügte der Barde hinzu.
„Und doch war die Heitere Wehklage eines der wenigen Dinge, die die Zerstörung der Heiligen Insel überstanden haben“, sagte Bruder Aiden. „Das kann doch nur bedeuten, dass die Glocke heilig ist. Und es konnte ja keiner ahnen, dass es eine so weite Strecke zurücklegt.“
„Man sagt, solche Wesen können selbst durch Fels schwimmen“, sagte der Barde.
Jetzt hielt Jack es nicht länger aus. „Wovon redet Ihr? Was ist es? Wo ist Grims Insel? Wie kann etwas durch Fels schwimmen?“ Mit hochrotem Kopf starrte er auf den Boden. Der Barde hatte schon öfter mit ihm geschimpft, wenn er so ungeduldig auf schnelle Antworten drängte. Die meisten Dinge, die es zu wissen lohnt, brauchen ihre Zeit, sagte er dann immer. Man musste warten, bis sich einem die Antwort zeigte. Eine Erklärung zu erzwingen, bevor die Zeit reif war, war so, als würde man eine Apfelblüte pflücken und erwarten, dass sie schmeckte wie ein Apfel.
„Ich bin erstaunt, dass du so lange gewartet hast“, bemerkte der Barde. „Ich konnte sehen, wie sich in deinem Kopf die Fragen auftürmten, aber in diesem Fall kann ich das gut verstehen. Dies ist ein Geheimnis, das wir schon viel zu lange gehütet haben, und jetzt müssen wir schnell handeln, um den Schaden zu begrenzen.“ Der alte Mann setzte sich auf die Truhe, in der er die silberne Flöte aufbewahrte. „Fangt Ihr an, Aiden. Ihr seid es, dem diese Geschichte zuerst anvertraut wurde.“
„Du musst wissen, dass Pater Severus der selbstloseste Mensch ist, den man sich vorstellen kann“, begann Bruder Aiden. „Er hat seine Güte immer wieder unter Beweis gestellt.“
Jack nickte. Er erinnerte sich noch gut an den trübsinnigen Mönch, der auf dem Schiff von Olaf Einbraue dauernd von der Sünde gepredigt hatte und später den Elfen glühende Predigten hielt, worüber sich diese prächtig amüsiert hatten. Aber dieser Mann hatte auch Mitgefühl für drei eingekerkerte Kinder gezeigt. Ohne ihn wären sie jetzt nicht mehr am Leben.
„Unter anderen Umständen hätte Pater Severus ein großer König werden können“, fuhr der Mönch fort. „Er hat die Gabe, Menschen dazu zu bringen, ihm bedingungslos zu gehorchen.“
Jack musste wieder daran denken, wie die verrohten Mönche im Kloster des heiligen Filian vor Pater Severus gekuscht hatten wie geprügelte Hunde. Die Bürger von Bebbas Town hatten seinen Führungsanspruch sofort anerkannt und auch gehorcht, als er ihnen befahl, Brutus zu ihrem König zu machen. Ohne die Hilfe von Pater Severus hätte Brutus in seinem Leben sicher nichts anderes erreicht, als gut auszusehen.
„Lasst uns nicht vergessen, dass Euer Held auch die eine oder andere Schwäche hat“, warf der Barde ein.
Bruder Aiden lächelte verlegen und erzählte weiter. „Grims Insel ist ein kalter, unwirtlicher Ort, so weit im Norden, dass die Sonne dort den ganzen Winter nicht scheint. Im Sommer herrschen entweder Nebel oder arktische Stürme. Aber für Pater Severus war es ein Paradies der Seele. Er war des gemütlichen Lebens auf der Heiligen Insel überdrüssig geworden.“
„Ich dachte, die Mönche hätten dort hart gearbeitet“, sagte Jack.
„Oh, das haben wir. Wenn wir keine Steinbrocken aus den Feldern gegraben haben, haben wir Dächer repariert, Zäune geflickt und Schafe gejagt. Wir haben siebenmal am Tag gebetet und zweimal in der Nacht. Wir haben auf dem Boden geschlafen und im Winter in Schneewehen meditiert. Aber wir hatten auch unsere Freuden.“ Der kleine Mönch lächelte bei der Erinnerung daran.
„Ich weiß noch, wie wir in der Kapelle gesungen haben, und erinnere mich an das wunderschöne Buntglasfenster. Ich habe viele glückliche Stunden in der Bibliothek verbracht und Tinte gemischt – solch wundervolle Farben! Ich habe Blattgold ausgewalzt, um damit meine Manuskripte zu schmücken. Und das Essen! Sonntags gab es Huhn und jeden Tag Brot und Bier. An Festtagen haben wir wundervollen Joghurt gemacht. Und erst der Flammeri …“
„Die beste Art mit Muskat und Sahne“, murmelte Jack. „Vater hat mir davon erzählt.“
„Ich verstehe, wieso Severus es dort nicht mehr ausgehalten hat“, bemerkte der Barde trocken.
„Nun, er ist ein sehr religiöser Mensch“, verteidigte ihn Bruder Aiden. „Grims Insel war wie geschaffen für Helden wie ihn. Es ist das unwirtlichste Stück Fels, das man sich vorstellen kann, und sogar Pater Severus war entsetzt von der Kargheit dieser Insel. Er landete dort in einem winzigen Boot mit nichts außer einem Sack Saatgut und ein paar Werkzeugen. Er musste sich die Steine für den Bau einer Hütte auf der ganzen Insel zusammensuchen. Die einzigen Bäume wuchsen in der Mitte der Insel auf einem Berg, der zu hoch und steil war, um ihn zu besteigen.
Nachts rollte sich Pater Severus in einer Höhle aus Sandstein zusammen, die kaum groß genug war für eine Fuchsfamilie. Am Tag arbeitete er unablässig und schuf Saatbeete. Er lebte von Seetang und Schnecken und trank das Regenwasser, das sich in den Felsen sammelte.
Der Winter kam früh. Es waren keine Schnecken mehr da, und seine Ernte war erfroren. Die Hütte war noch nicht fertig, also zog Pater Severus in die Höhle. Er rechnete nicht damit, am Leben zu bleiben. Jeden anderen hätte diese Aussicht bedrückt, aber er sah es nur als Chance, früher in den Himmel zu kommen.“
„Ich erinnere mich“, sagte Jack. „Er sagte immer, je länger man lebt, desto mehr Gelegenheit hat man zu sündigen.“
„Ich werde diese Christen nie verstehen“, murmelte der Barde kopfschüttelnd.
„Es gab eine Pflicht, die Pater Severus nie vernachlässigte, auch wenn es ihm noch so schlecht ging“, berichtete Bruder Aiden. „Er sprach immer seine Gebete – siebenmal an jedem Tag, auch wenn die Uhrzeit in der immerwährenden Dunkelheit schwer zu bestimmen war. Zwischen den Gebeten bearbeitete er den Sandstein der Höhle, um sie zu vergrößern. Eines Tages rutschte sein Messer in einen Spalt, und als er es wieder befreite, fiel ein Steinbrocken aus der Wand. Dahinter war eine kleine Kammer.
Pater Severus konnte etwas darin fühlen, das in mehrere Schichten Wolle gewickelt war. Er zog es heraus und trug es an den Strand. Es war eine der seltenen Nächte, in denen die Sterne nicht von Wolken verdeckt waren und in der der Vollmond schien. Die Wolle war von feinster Qualität, weiß im Mondlicht und mit Goldfäden durchwirkt. Pater Severus wickelte sie ab und fand –“
„Die Heitere Wehklage“, sagte Jack.
„Ganz recht. Sie war in einen Umhang gewickelt, der viel zu edel war, um der eines Mönchs zu sein.“
„Es war die Robe von Kolumban, als er noch meinem Orden vorstand“, sagte der Barde. „Er ließ seine Magie an einem Ort zurück, von dem er dachte, dass sie dort keinen Schaden anrichten würde. Er konnte ja nicht ahnen, dass ein hergelaufener Dummkopf sein Vermächtnis finden würde.“
„Ich würde es eher ehrliche Unwissenheit nennen“, protestierte Bruder Aiden mild, „und etwas in der Art kann jedem von uns passieren. Aber um weiterzuerzählen – Pater Severus läutete die Glocke. Ihr Klang trug hinaus aufs Meer und sofort wurde seine Oberfläche glatt wie Glas. Der Wind legte sich, und eine Wärme wie im Sommer breitete sich am Strand aus. Diesen Ton zu hören, war schöner als ein Festessen, hat mir Pater Severus später berichtet. Hunger, Kälte und Angst waren wie weggeblasen. Trotz seiner Schwäche betete er lange Zeit voller Freude, und in dieser Nacht schlief er wie ein Baby. Als er erwachte, lag vor dem Eingang seiner Höhle ein fetter Lachs neben einem Haufen Treibholz.“
„Das war seine erste Begegnung mit einer Meerjungfrau“, fügte der Barde hinzu.
Jack war sofort hellwach. Er hatte schon Gerüchte über Pater Severus und eine Meerjungfrau gehört, aber niemand hatte ihm Genaueres sagen wollen. Pega war überzeugt, dass die beiden eine Liebesbeziehung gehabt hatten. Sie glaubte, dass es an irgendeinem Strand eine kleine Familie aus Halbmönchen gab.
„Diesen aberwitzigen Gedanken kannst du dir sofort wieder aus dem Kopf schlagen“, sagte der Barde, der Jacks Gesichtsausdruck richtig gedeutet hatte. „Die Wahrheit ist wesentlich weniger aufregend.“
„Mehrere Wochen lang fand Pater Severus beim Aufwachen Nahrung und Feuerholz am Eingang seiner Höhle“, berichtete Bruder Aiden. „Seine Kraft kehrte zurück, und allmählich kam auch das Sonnenlicht wieder. Er ging hinaus, um an seiner Hütte zu arbeiten, und stellte zu seiner großen Verblüffung fest, dass sie bereits fertig war. Sie hatte nicht die Form eines Bienenkorbs – es war eher eine Art Spirale wie das Haus einer Seeschnecke –, aber sie war groß genug, um darin leben zu können.
Pater Severus nahm an, dass Engel über ihn wachten. Er baute einen Altar aus Treibholz und dankte Gott für seine Gnade. Dann errichtete er einen Rahmen für die Glocke. Als er sie läutete, hörte er weit entfernt einen liebreizenden Schrei und nahm erneut an, dass es sich um einen Engel handeln musste. Dies ging weiter bis zum Frühjahr, als es Zeit zum Pflanzen wurde.
Eines Nachmittags wendete er sich nach stundenlanger schwerer Arbeit voller Dankbarkeit seinen Gebeten zu. Er läutete die Glocke. Wie üblich kam von See die Antwort. Er läutete ein zweites Mal, und diesmal erhob sich eine Kreatur aus den Wellen, hinter der Seetanggrenze, dort, wo das Wasser tief wird. Da die Sonne hinter dem Wesen stand, war es schwer zu erkennen, aber es hatte eine menschliche Form. Es hob grüßend einen Arm.
Dann glitt es über den Seetang, und als es den Strand erreichte, robbte es voran wie ein Seehund. Pater Severus wich zurück. Dies war kein Engel, und es war auch kein Seehund, denn seine Haut war weiß wie die eines Kindes, und es hatte langes, goldenes Haar. Vom Bauch an verwandelte sich die weiße Haut in silberne Schuppen und der Rest des Körpers endete in einem Fischschwanz. Erst da begriff Pater Severus, dass er es mit einer Meerjungfrau zu tun hatte.
Die Meerjungfrau robbte dichter an ihn heran und streifte schnell wie der Blitz ihre Schuppen ab. Sie fielen an ihr herab wie der Rock einer Frau, und sie stand auf zwei normalen Beinen vor ihm – allerdings auf dünnen und schwachen Beinen, weil sie normalerweise nicht mit ihnen lief. Ich habe mich all diese Monate um dich gekümmert, sagte sie. Ich liebe dich. Komm mit mir ins Königreich meines Vaters und lass uns Mann und Frau werden.
‚Retro, Satanas! Hinweg, Satan!‘, schrie Pater Severus und machte das Zeichen für die Teufelsaustreibung.
Aber sie kam auf ihn zu, nackt wie ein Aal. Ich wurde von der Heiteren Wehklage angezogen, denn sie ruft das Herz aller Dinge. Aber als ich dich hilflos in der Höhle liegen sah, wusste ich, dass mein Schicksal mit deinem verbunden ist. Und nun komm mit mir. Jenseits der Wellen erwartet dich ein Königreich von unübertroffener Schönheit, in dem das reine Glück herrscht.
‚Retro! Retro!‘, schrie Pater Severus immer wieder und versuchte, sie abzuwehren.
Sie verfolgte ihn, so gut sie konnte, aber ihre Füße waren zart und sie konnte sich nicht schnell bewegen. Pater Severus kletterte in die Felsen, wohin sie ihm nicht folgen konnte.
Ich werde wiederkommen, sagte sie schließlich. Sieben Tage lang werde ich wiederkommen, und am achten Tag nehme ich dich mit, ob du willst oder nicht. Dann schlüpfte sie wieder in ihre Schuppen und schwamm flink wie ein Otter davon.“
Der Draugr
Das Licht des Spätvormittags fiel durch die Tür in das römische Haus und weckte Seefahrer in seiner Ecke auf. Der Vogel hüpfte zur Tür, streckte prüfend die Flügel aus und grunzte vor Schmerz. „Du kannst nicht erwarten, dass es nach einem Tag schon besser ist, mein Freund“, sagte der Barde. Er öffnete einen Beutel mit getrocknetem Fisch und warf etwas davon auf den Boden. Seefahrer, der ein Auge auf Bruder Aiden gerichtet hielt, hüpfte vor und schnappte nach dem Futter.
Dem Mönch klappte vor Erstaunen die Kinnlade herunter. „Das ist wahre Zauberei, eine solche Kreatur zu zähmen.“
„Er ist nicht zahm. Passt auf Eure Augen auf“, warnte der Barde. Der Mönch fuhr zurück, als der Albatros plötzlich bösartig nach ihm hackte.
„Jack, mach einen Spaziergang mit unserem Freund, bevor er irgendwelchen Schaden anrichtet. Aiden und ich bereiten inzwischen das Frühstück zu.“ Jack unterdrückte ein Seufzen, doch sich zu beschweren, wagte er nicht. Den Barden konnte man nicht hetzen, und Bruder Aiden würde seine Geschichte erst zu Ende erzählen, wenn es ihm passte.
Jack ging mit dem Vogel oben auf den Klippen entlang. Seefahrer eilte voraus und reckte begierlich den Kopf in den blauen Himmel. Nach einer Weile setzten sie sich hin und rasteten. Der Albatros schrie eine Herausforderung, und ein halbes Dutzend Möwen fiel vor Schreck von der Klippe.
„Fühlt sich gut an, nicht wahr?“, sagte Jack kumpelhaft. „Es gibt nichts Besseres, als den Tag mit einer guten Drohung zu beginnen.“ Seefahrer brummelte etwas zurück. Der Wind trug Jack den Duft von Hafermehlkuchen zu. „Ich würde gern mal eine Meerjungfrau sehen“, vertraute er Seefahrer an, „aber eine heiraten? Ich denke mal, dass man ertrinkt, sobald man bei ihr einzieht. Was glaubst du, wie sie unter Wasser atmen?“
Seefahrer machte ein Geräusch, das sich anhörte wie eine Mischung aus Schnurren und Krächzen. Jack war beinahe sicher, dass es die Antwort auf seine Frage war. Plötzlich stieß der Vogel einen Schrei aus und sprang von der Klippe. Fast gelang es ihm, zu fliegen, aber dann gab sein verletzter Flügel nach und er stürzte ab. Jack schlitterte die Felswand hinunter, so schnell er konnte. Unten taumelte der Vogel wie betrunken über den Strand, kreischte und klapperte mit dem Schnabel.
„Du blödes Vieh!“, schrie Jack. „Du wirst unsere ganze Arbeit zunichtemachen!“ Und dann sah er Thorgil auf sie zurennen. Sie krächzte in Vogelsprache und verteilte im Rennen ihre Habseligkeiten über den Strand. Als sie bei Seefahrer ankam, tanzten die beiden ausgelassen umeinander herum.
„Oh, Jack! Du rätst nie, was passiert ist!“, schrie sie. „Skakki ist hier! Mein Bruder! Er ist in der Bucht vor Anker gegangen, in der wir dich und Lucy zurückgelassen haben. Er hat versprochen, uns nach Bebbas Town zu bringen.“
„Du sagst, dass ein Nordmann-Schiff in der Nähe unseres Dorfes ankert?“, vergewisserte sich Bruder Aiden mit vor Angst weit aufgerissenen Augen.
„Skakki hat geschworen, uns nicht auszuplündern“, berichtete Thorgil sorglos. „Vielleicht nimmt er von woanders ein paar Sklaven mit, aber das stört ja keinen.“
„Es stört keinen?“, schrie der Mönch. „Hörst du denn nicht die Schreie der Eltern, denen die Kinder aus den Armen gerissen werden? Hast du ein Herz aus Stein?“
„Wir stehlen eigentlich keine Kinder“, sagte die Schildmaid. „Die halten nicht lange und es gibt auch kaum Nachfrage nach Gören.“
„Hör auf, ihn zu ärgern“, warnte der Barde. Thorgil grinste boshaft und fischte einen Hafermehlkuchen aus der Asche. Sie hielt ein Stückchen davon Seefahrer hin, der es vorsichtig aus ihrer Hand nahm. Er traute heißen Dingen nicht mehr.
„Ist die ganze Mannschaft mitgekommen?“, fragte Jack. Er konnte es plötzlich kaum noch erwarten, die Nordmänner wiederzusehen.
„Die meisten“, sagte die Schildmaid, nachdem sie sich den Mund voll mit Hafermehlkuchen gestopft hatte. „Da sind Skakki und natürlich Rune, Sven der Rachsüchtige, Erik der Schöne, Erik der Hitzige. Schlaup ist neu. Erik Breitschulter ist von Trollen gefressen worden.“
„Du meine Güte“, sagte Bruder Aiden entsetzt.
„Mein Ziehvater Olaf Einbraue hat wiederum einmal ein Stück Troll probiert. Er hat gesagt, dass es widerlich schmeckt.“
„Thorgil!“, fuhr der Barde sie an. „Treib es nicht zu weit, oder ich verwandle dich in einen Frosch.“
Sie lachte nur und schnappte sich einen weiteren Hafermehlkuchen. Jack war froh, sie so glücklich zu sehen. Anscheinend hatte sie ihren Streit im Haselwald vergessen, denn sie hatte ihn freundlich begrüßt. Wie er vermutet hatte, war sie an den Strand geflüchtet. Als sie dann Richtung Norden losgegangen war, hatte sie es als logisch empfunden, immer weiterzugehen. Die Wellen hatten sie beruhigt und der Geruch der See hatte ihre Laune verbessert. Nach einiger Zeit hatte sie dann einen Abstecher landeinwärts gemacht und war auf der alten Römerstraße in die abgelegene Bucht gekommen.
„Skakki hat nie geglaubt, dass ich tot bin“, berichtete sie. „Er war schon früher in diesem Jahr an der Stelle, an der er mich zurückgelassen hat, und hat dort meine Runen in einen Baum geschnitzt gesehen. Als er mich nicht finden konnte, hat er gedacht, dass ich an dem einzigen Ort sein würde, an dem ich willkommen bin. Er ist viel größer geworden. Ich dachte früher schon, er wäre ausgewachsen, aber jetzt ist er fast ein Riese. Wie Olaf.“ Ein Schatten fiel auf das Gesicht der Schildmaid.
„Und er will uns nach Bebbas Town bringen?“, fragte Jack schnell, damit sie gar nicht erst anfing zu trauern.
„Sobald er seine Geschäfte im Süden erledigt hat. Und Bruder Aiden will sicher nicht wissen, was das für Geschäfte sind – schon gut! Ich höre ja schon auf!“
Thorgil duckte sich hastig weg, als der Barde seinen Stab hob.
Sie gönnten sich ein zweites Frühstück mit frischem Brot aus dem Dorf und einer gebratenen Gans, die Thorgil vom Abendessen mit ihren Freunden auf dem Schiff mitgebracht hatte. Bruder Aiden wiederholte ihr zuliebe noch einmal die Geschichte der Heiteren Wehklage. „Ich habe eine Frau weinen gehört, als ich am Strand entlangging“, berichtete die Schildmaid nachdenklich. „Ich konnte sie aber nicht finden. Skakki glaubt, dass er einen Draugr gesehen hat, als er vor Anker gegangen ist.“
„Einen Draugr?“, fragte Jack.
„Du weißt schon. Einen Untoten. Einen Geist. Wir haben das Lager mit einem Kreis aus Silbermünzen umgeben, um ihn fernzuhalten.“
„Das ist genau, was ich befürchtet habe“, sagte der Barde. „Erzählt den Rest von Severus’ Geschichte, Aiden. Wir müssen Pläne schmieden.“
„Sieben Tage lang unternahm Pater Severus, was er konnte, um die Meerjungfrau loszuwerden. Er versuchte es mit Teufelsaustreibungen, schwenkte das Kreuz und verfluchte sie, aber sie ließ sich nicht abschrecken. Sie verfolgte ihn jeden Nachmittag. Sie war ungeheuer stark. Sie konnte gewaltige Felsbrocken anheben und sie so mühelos werfen wie unsereins einen Kieselstein. Damit wollte sie ihn natürlich nicht töten, sondern ihm nur so viel Angst machen, dass er seinen Widerstand aufgab.
Die Meerjungfrau befehligte auch die Wellen. Am vorletzten Tag rief sie eine Welle herbei, die bis zu den Felsen hochschlug, zwischen denen Pater Severus sich versteckte. Beinahe hätte sie ihn aufs Meer hinausgezogen. Da wusste er, wie sie ihn am letzten Tag holen wollte. In dieser Nacht kämpfte er sich auf den Berg in der Mitte der Insel. Fast hätte er es bis auf die Spitze geschafft, doch vor ihm lag eine senkrechte Felswand, die er nicht überwinden konnte.
Also kehrte er ans Wasser zurück, sank verzweifelt zu Boden und beklagte den Tag, an dem er die Heilige Insel verlassen hatte. Und da kam ihm ein Gedanke. Was, wenn sie mit ihm auf der Insel lebte?
Er konnte sie natürlich nicht heiraten. Nicht, weil er ein Priester war – manche Priester nahmen sich Frauen, obwohl man es in Rom nicht gern sah. Er konnte es nicht, weil sie ein Tier war, so einfach war das. Oh, sie sah menschlich aus, aber unter diesem Äußeren hatte sie nicht mehr Seele als ein Ochse. Ein Ochse, ging es ihm im Kopf herum.
Sie war unglaublich stark. Das hatte er oft genug sehen können. Und sie war geschickt – man musste sich nur die Hütte ansehen, die sie gebaut hatte. Sie konnte Fische fangen und Treibholz sammeln. Sie konnte pflanzen.
Am letzten Nachmittag entzündete Pater Severus am Strand ein großes Feuer. Er läutete die Heitere Wehklage, und die Meerjungfrau erhob sich aus den Fluten. Sie kam sofort an Land und ließ ihre Schuppen am Strand fallen. ‚Schöner Tag zum Schwimmen‘, bemerkte Pater Severus.
Du bist nicht geflohen, sagte die Meerjungfrau.
‚Wozu auch? Du hättest mich doch gefangen.‘
Ich würde es vorziehen, wenn du freiwillig kämst, sagte sie. Es ist eine armselige Ehe, die mit Zwang beginnt. Sie streckte die Arme aus, um ihn zu umarmen.
‚Vorher muss ich noch etwas erledigen‘, sagte Pater Severus lächelnd. Er stürmte an ihr vorbei, schnappte den Schuppenschwanz und warf ihn mitten ins Feuer.
Die Meerjungfrau schrie wie am Spieß. Sie ließ eine Welle heranrollen, um das Feuer zu löschen, aber es war zu spät. Ihr Fischschwanz war zu Asche verbrannt. Du hast mich auf ewig vom Meer getrennt, heulte sie. Du grausamer, grausamer Mensch! Wie kannst du mir das antun nach allem, was ich für dich getan habe? Ich werde die weite Strecke bis in meine Heimat nie mehr schwimmen können.
‚Dann musst du wohl hier bei mir bleiben‘, sagte Pater Severus.
Er brachte ihr bei, Saatbeete zu graben, und ließ sie Wasser von einem Bach herbeitragen, der vom Berg herunterfloss. Sie baute einen Wall, damit der Nordwind nicht länger die magere Erde davonwehte. Sie lockte Lachse mit Gesang in ihre Hände. Allerdings musste Pater Severus ihr das Kochen beibringen, weil ihresgleichen den Fisch lieber roh verzehrte. Nachts schlief sie nackt am Strand. Nach einigen Monaten wurden ihre Hände rau, ihr Haar verfilzt und schmutzig. Pater Severus war es egal. Bei einem Ochsen war Schönheit unwichtig.“
„Bei Thor, was für eine feine Geschichte“, unterbrach Thorgil. „Er hat die Meerjungfrau ausgetrickst und einen Thrall aus ihr gemacht.“
„Sie sollte dir leidtun“, sagte Bruder Aiden.
„Wieso? Sie hat mit Steinen nach ihm geworfen.“
„Thorgil hat recht“, sagte der Barde. „Dass Severus sie für sich arbeiten ließ, was sie meiner Meinung nach verdient hat, kann man ihm nicht vorwerfen, wohl aber, dass er geglaubt hat, sie hätte keine Seele. Er hat sie behandelt wie einen Stuhl oder einen Becher, den man wegwerfen kann, wenn er kaputt ist. Aber sprecht weiter, Aiden.“
„Pater Severus war zufrieden mit seinem Leben“, fuhr der Mönch fort. „Er konnte beten und meditieren, wann immer er wollte. Die Meerjungfrau belästigte ihn nicht mehr mit Reden. Sie sagte gar nichts mehr. Der Garten gedieh, und er konnte Vorräte für den Winter einlagern. Wenn ihm nach Fleisch gelüstete, schickte er sie zum Fischen. Es gab immer genügend Treibholz für sein Feuer.
Die Meerjungfrau hasste das Feuer. Sie rollte sich sommers wie winters in der kleinen Höhle zusammen, ohne einen Fetzen Kleidung am Leib. Pater Severus nahm an, dass sie ähnlich einer Robbe die Kälte nicht spürte, also dachte er nicht länger darüber nach. Er nahm auch nicht wahr, wie sie sich allmählich veränderte.
Eines Tages entdeckte er in der Ferne ein Schiff, das auf Grims Insel zuhielt. Es war der Abt der Heiligen Insel, der gekommen war, um nach ihm zu sehen. ‚Es freut mich, Euch wohlauf zu sehen‘, sagte der Abt, als er an Land kam. ‚Guter Gott! Was ist das?‘ Die Meerjungfrau schlurfte mit Armladungen voll Treibholz hin und her.
‚Nur ein Wesen aus dem Meer, das ich zur Arbeit abgerichtet habe‘, sagte Pater Severus.
‚Aber es ist weiblich! Und es ist nackt!‘
‚Es ist nicht menschlich‘, verteidigte sich Pater Severus gelassen. ‚Viele Mönche halten sich eine Kuh, und niemand sagt etwas dagegen.‘
‚Es hat die Form eines Menschen‘, sagte der Abt und kniff die Augen ein wenig zusammen, um sie besser sehen zu können. ‚Bei der heiligen Brigida, das ist die hässlichste Frau, die ich je gesehen habe.‘
Da sah sie auch Pater Severus zum ersten Mal genauer an. Die Meerjungfrau hatte sich so allmählich verändert, dass es ihm nicht aufgefallen war. Sie war viel größer geworden, und die Nägel ihrer Hände und Füße hatten sich zu Klauen geformt. Ihre Haut war rau, die Zähne gelb, das Haar fiel ihr aus und das, was sie noch hatte, war so zerzaust wie ein Rattennest. Ihre Bewegungen, die an Land noch nie elegant ausgesehen hatten, waren jetzt die eines plumpen Tieres. ‚Als ich sie bekam, sah sie besser aus‘, musste Pater Severus zugeben.“
„Das ist so beim Meervolk“, unterbrach der Barde. „Solange die Frauen noch unreif sind, blenden sie mit ihrer Schönheit. Heiraten sie einen Menschen, bleibt ihnen diese Schönheit ein Leben lang erhalten. Aber wenn sie einen ihrer eigenen Art auswählen oder von einem Menschen abgewiesen werden, verwandeln sie sich in die erwachsene Form: die Meervettel.“
„Eine Meervettel“, wiederholte Jack fasziniert. Aus dieser Geschichte konnte er ein großartiges Gedicht machen, mindestens so gut wie Beowulf oder die Geschichte von Olaf Einbraue, wie er Ivar den Knochenlosen vor den Trollen gerettet hatte. Auch Thorgils Augen funkelten angespannt.
„Leider“, sagte Bruder Aiden, „fand der Abt, dass Pater Severus lange genug auf einer einsamen Insel meditiert und gebetet hatte. Er warf ihm vor, sich vor seinen Pflichten im Kloster zu drücken, und befahl ihm, sofort zurückzukehren. Und so packten sie die Heitere Wehklage und Kolumbans Robe ein und stachen in See.
Die Meerjungfrau – jetzt eine Meervettel – sprang ins Wasser und versuchte, ihnen zu folgen. Die Ruderer gaben, was sie konnten. Allmählich fiel die Vettel zurück, und das Letzte, was sie von ihr sahen, war ihr schmutziger Haarschopf, der von den Wellen wie treibender Tang angehoben wurde.“
Es herrschte betretenes Schweigen. Der Barde legte Holz ins Feuer, und Thorgil streichelte tief in Gedanken versunken Seefahrers Gefieder. Bruder Aiden ließ den Kopf hängen. Schließlich sagte Jack: „Das ist ja schrecklich. Sie haben sie dem sicheren Tod überlassen.“
„Ich war nie sicher, ob sie es geschafft hat, zu Grims Insel zurückzuschwimmen“, sagte der Barde. „Aber jetzt sieht es aus, als wäre sie ertrunken und ein Draugr geworden.“
„Ein untoter Geist“, sagte Thorgil.
„Und sie ist hier“, fügte Bruder Aiden hinzu.
Rachsucht
Wie der Barde vorausgesagt hatte, fanden John der Böttcher und sein Suchtrupp nichts. Der Draugr war verschwunden wie Morgennebel. „Sie ist aber immer noch da draußen“, sagte der alte Mann, als er und Jack Elixiere für den Verkauf in Bebbas Town mischten. „Ich habe alle angewiesen, die Häuser und Viehpferche mit Stechpalmenzweigen zu umgeben. Sie geht nicht gern über Dornen. Wenn eine Meervettel ihren Schwanz verloren hat, sind die Füße ihr wunder Punkt.“
Jack reihte die Gefäße auf, deren Farben anzeigten, welche Pillen sie enthielten: Rot für Fieber, Grün für Kopfschmerzen, Blau für Magenprobleme und Schwarz für Beelzebubs Wunderwaffe gegen Fliegen.
„Draugr können zum Vierfachen ihrer Normalgröße anwachsen“, sagte der Barde. „Einer ist mal auf das Dach von König Ivars Halle gestiegen, als ich noch dort lebte, und hat den Bau fast zum Einsturz gebracht. Er hat mit den Fersen aufs Dach gehämmert. So etwas passiert im Nordland oft nach Beerdigungen – sie nennen es dort Hausreiten.“
„Hausreiten“, echote Jack und maß sorgfältig getrockneten Wermut für ein Elixier ab.
„In diesem Fall war es Ragnar Feuchtbart – er bekam diesen Namen wegen all des Biers, das er verschüttet hat. Eines Nachts fiel er in ein Bierfass und ertrank. Gib noch Honig in das Elixier. Der Wermut macht es bitter.“
„Ja, Herr“, sagte Jack.
„Ragnar war einfach einsam, die arme Seele. Er war aus seinem Grab gewandert und hat gesehen, wie seine Freunde das Totenfest feierten. Nachdem wir das Problem erkannt hatten, haben wir ihm Bier in sein Grab gegeben. Und seine großen Zehen zusammengebunden, damit er nicht weit kam.“
Jack steckte sich den Finger in den Mund, ohne daran zu denken, dass er voller Wermut war. Er rannte nach draußen, um auszuspucken. Hausreiten! Es war typisch für die Nordmänner, dass es ihnen vollkommen gleichgültig war, wenn Draugr Löcher in ihre Dächer schlugen. Er war nur froh, dass so etwas nicht passiert war, während er im Nordland gewesen war.
Jack spülte sich den Mund aus und hielt mit der Hand über den Augen Ausschau nach Thorgil. Sie war mit Seefahrer zu einem Übungsflug aufgebrochen. Der Albatros hatte sich eng an sie angeschlossen, und Jack hatte den Verdacht, dass er nicht mehr fortwollte. Thorgil hatte Jack noch mehr Vogelsprache beigebracht, aber so fließend wie sie würde er diese Sprache wohl nie beherrschen. Aber zumindest konnte er jetzt Dinge sagen wie Komm her oder Lass das oder Hast du Hunger? Seefahrer hatte eigentlich immer Hunger.
Irgendwo im Süden erledigten Skakki und seine Besatzung ihre Geschäfte, wie Thorgil es genannt hatte. Vermutlich plünderten sie. Brannten Dörfer nieder. Jack wusste nicht, wie er ihnen gegenübertreten sollte, wo er doch von ihren Untaten wusste. Er ging wieder ins Haus.
Der Barde band gerade die Deckel auf die vollen Gefäße. „Ekliges Zeug, dieser Wermut“, bemerkte er. „Ich finde, dass es nichts bringt, aber die Menschen vertrauen einer Medizin mehr, wenn sie widerlich schmeckt.“
„Wieso war Ragnar Feuchtbart noch da?“, fragte Jack. „Ich dachte, Krieger gehen nach Walhall.“
„Nur die, die in der Schlacht fallen.“ Der Barde stellte die Wermutfläschchen für den Transport zu Skakkis Schiff in einen Korb. Jack war sicher, wenn man vorher noch keine Bauchschmerzen hatte, dann würde ein Schluck von dem Elixier ausreichen, um welche zu bekommen. „Der arme alte Ragnar hat diese Chance verpasst. Er lungerte ein paar Monate herum, stöhnte und hämmerte gegen Türen. Sehr weit konnte er mit den zusammengebundenen Zehen ja nicht hüpfen. Schließlich verzog er sich dann doch in Freyas Himmel – oder, wenn man bedenkt, dass er ertrunken ist, ist er vielleicht doch im Reich von Ran und Ägir unter dem Meer gelandet.“
„Es klingt, als wäre er ein netter Kerl gewesen“, sagte Jack. Fast alle Kräuter, die er gesammelt hatte, waren aufgebraucht. An der Wand standen zehn volle Körbe, aber zehn weitere warteten auf Füllung. Das bedeutete einen weiteren Ausflug in den Haselwald, eine Wanderung, auf die Jack gut verzichten konnte.
„Ragnar? Der war so sanft wie ein Kätzchen, außer wenn er zum Berserker wurde. Unser Draugr ist allerdings ein ganz anderes Problem. Zum einen ist sie eine Meervettel, und die sind immer gefährlich. Und zum anderen hat sie einen guten Grund für ihre Wut.“
„Wir haben ihr doch nichts getan“, sagte Jack.
„Die Heitere Wehklage hat sie aus ihrem Grab geholt. Und jetzt wird sie nicht eher ruhen, bis sie sich gerächt hat, und wir waren am leichtesten zu finden.“ Der Barde setzte sich und bedeutete Jack, es ihm gleichzutun. Einen Moment lang schwieg er, strich sich über den Bart und betrachtete die gemalten Vögel an den Wänden des römischen Hauses. „Wir können in Bebbas Town kein Getreide kaufen, solange sie dort nicht die Ernte eingebracht haben. Außerdem ist Skakki noch unterwegs. Ich hatte vor, den Draugr mit uns zu locken, wenn wir aufbrechen, aber das Dorf kann jetzt nicht ungeschützt bleiben.“
Es gefiel Jack gar nicht, was er da hörte. Er hatte erwartet, dass der Barde die untote Meervettel mit einem Zauber vertreiben würde. Was sollte das bedeuten, sie mit sich zu locken?
„Es gibt Gesetze in der Welt, die ich nicht brechen darf“, erklärte der alte Mann, der wieder einmal Jacks Gedanken gelesen hatte. „Da die Meervettel einen echten Grund für ihre Rachegelüste hat, darf ich keine Magie einsetzen. Sie hat ein Recht auf Vergeltung. Deswegen werden wir beide heute Nacht in den Haselwald gehen und ihr einen Handel vorschlagen.“
„Wir beide?“ Jack war so überrascht, dass er es beinahe schrie.
„Bei Odins Augenbrauen! Hast du etwa geglaubt, um ein Barde zu sein, reicht es, an einer Harfe zu zupfen und Kräuter zu pflücken?“ Aus den Augen des Barden blitzte Empörung, und Jack wurde ganz verlegen. Aber nachts in den Haselwald? Wenn er dieses Heulen noch einmal hören müsste, wäre er schneller weg als eine verbrühte Katze. „Du bist einem Drachen gegenübergetreten und Frith Halbtroll“, erinnerte ihn der alte Mann. „Du hast den Bann des Unlebens gebrochen, unter dem Din Guardi stand. Stell dein Licht nicht unter den Scheffel, Junge. Morgen wirst du mit den Fingern schnippen, wenn dir eine Meervettel begegnet.“
Wenn ich dann noch lebe, dachte Jack mürrisch. Gerade kam Thorgil mit Seefahrer zurück, und es gab viel Gekrächze und Eigenlob. Seefahrer hatte ein junges Schwein aus seinem Versteck gescheucht, und Thorgil hatte es fürs Abendessen erlegt.
„Halte sie gut fest“, warnte der Barde auf ihrem Weg über die dunklen Felder. „Wir wollen den Draugr nicht hier treffen. Erst im Haselwald – dort kann ich aus verschiedenen Quellen Kraft schöpfen.“
Jack umklammerte die eingewickelte Glocke fester. Durch ihre Größe und Form war sie schwierig zu tragen. Das ist totaler Wahnsinn, dachte er. Wenn es nach ihm ginge, würde er die Heitere Wehklage an der tiefsten Stelle ins Meer werfen, aber der Barde hatte gesagt, dass es dafür schon zu spät war.
Ein Kiebitz schoss unter seinen Füßen hoch, und er sprang zurück. Die Glocke gab ein leises Kling von sich, wie eine Muschelschale, die auf Gestein fällt.
„Pass auf!“ Der Barde fuhr herum und legte die Hand auf das Bündel. „Der kleinste Laut hallt durch die neun Welten.“
Sie hasteten weiter. Der Boden war sumpfig, und es tauchten Bäche auf, wo Jack nicht mit ihnen gerechnet hatte. Wasser drang in seine Stiefel ein. Außerdem juckte eine Stelle an seinem Rücken ganz furchtbar, und dort nicht kratzen zu können, machte ihn fast verrückt.
Der Mond war gerade etwas über halb voll. Er schien über den weit entfernten Eichenwald und beleuchtete die Lücken zwischen den Bäumen, vor allem die Schneise, die Odin und seine Reiter in den Wald geschlagen hatten. Im Haselwald waren keine Lücken zu sehen, obwohl Jack wusste, dass es darin ein paar kleinere Grasflächen gab. Er wünschte, sie hätten Thorgil mitnehmen können. Sie würde nicht jedesmal zusammenzucken, wenn ein Vogel aufflog. Außerdem – und das gestand Jack sich nur sehr ungern ein – würde er vermutlich viel weniger zu panischer Flucht neigen, wenn sie dabei war.
Aber der Barde hatte gesagt, dass sie diese Aufgabe überlegt angehen mussten. Sie konnten nicht riskieren, dass Thorgil wieder einer ihrer verrückten Eingebungen folgte.
Der Haselwald ragte vor ihnen auf. Noch vom Mondlicht angestrahlt, blieben sie vor dem dunklen Schatten des Waldes stehen. „Hätten wir nicht eine Lampe mitnehmen sollen?“, begann Jack.
Der Barde brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Sieh zu und lerne. Vielleicht wirst du dies eines Tages allein machen müssen. Und jetzt richte deinen Geist auf die Magie dieses Waldes. Hier gibt es Pfade, die das Tagauge nicht sieht.“
Na, sehr gut, dachte Jack. Vermutlich treffe ich gleich einen Trupp Oger bei ihrem Nachtspaziergang. Ich hoffe nur, dass sie kein Problem damit haben, einen Draugr zu fressen. Er atmete tief ein. Die Luft unter den Bäumen war mit dem Geruch nach feuchter Erde und verborgenen Blüten gesättigt. Er suchte nach der Erdmagie und fand sie sofort. Alles im Wald wirkte angespannt. Jack spürte einen Hasen, der unauffällig aus einer Mulde im Boden schlüpfte, und dann war er selbst in dieser Mulde, in der sich vier winzige Kopien der Hasenmutter zusammendrängten.
Dort war es so gemütlich, dass Jack verharrte. Er konnte beinahe spüren, wie die winzigen Pfoten zuckten, wie sich ein kleiner Mund zu einem Gähnen öffnete.
„Schlüpfe auf keinen Fall in den Körper eines Tieres.“ Die Stimme des Barden kam von weit weg. „Das ist ein gefährlicher Trick, für den du noch nicht bereit bist.“
Jack zog sich zurück. Genau das hätte er beinahe getan! Wie sehr hatte er den Barden immer um seine Fähigkeit beneidet, mit den Habichten zu fliegen oder mit den Hirschen zu laufen. Er selbst hatte es schon ohne Erfolg versucht, aber in dieser Nacht ging es wie von selbst. Vielleicht lag es am Haselwald.
Jack spürte einen Igel, der am Fuß eines Baumes herumschnupperte. Doch plötzlich quiekte er auf und rollte sich zu einer Kugel zusammen.
„Hast du das gehört?“, fragte der Barde halblaut. „Die Tiere wissen, dass etwas Gefährliches in ihren Wald gekommen ist.“
Jack fand die Hasenmutter wieder. Sie lag geduckt auf einer Wiese. Sie wollte fliehen, aber noch stärker zog es sie zu ihren Jungen. Sie schaute auf und sah direkt in ein Paar großer, blau glühender Augen.
„Ah!“, schrie Jack und zog sich aus dem Körper der Häsin zurück.
„Erinnere mich daran, dich nächstes Mal zu Hause zu lassen, wenn ich mich an etwas anschleichen will“, sagte der Barde.
„Ich … ich habe Augen gesehen“, stammelte Jack. „Sie h-haben geglüht.“ Dann fiel ihm Bruder Aidens Geschichte wieder ein. „Ach, Mist, es war nur ein Schaf.“
„Aiden hat dir die Geschichte erzählt, nicht wahr?“, sagte der Barde. „Du hast tatsächlich ein Schaf auf der Wiese gesehen, aber was die Häsin erschreckt hat, lag dahinter.“ Plötzlich ertönte hektisches Blöken und das Geräusch von vielen Hufen, die durch Gebüsch trampelten. Die Laute verklangen allmählich. „Anscheinend ist der Draugr an Schafen nicht interessiert“, stellte der Barde fest.
„Ich b-bitte um E-erlaubnis, H-herr, die G-glocke abzustellen und m-mein M-messer zu ziehen“, stotterte Jack, der es nicht schaffte, das Zittern aus seiner Stimme herauszuhalten.
„Gleich, Junge. Dein Messer wird den Draugr übrigens nicht beeindrucken. Du kannst genauso gut versuchen, Stein zu schneiden.“ Der alte Mann horchte angespannt. „Sehr interessant.“
„W-was?“, fragte Jack.
„Ein Pfad hat sich geöffnet, durch den ein paar sehr interessante Besucher gekommen sind. Wir können nicht riskieren, dass sie auf die Vettel treffen. Pack die Glocke aus, Junge, und läute sie.“
„Was?“
„Mach schnell. Wir müssen den Draugr zu uns herlocken.“
Jack ließ die Glocke beinahe fallen, als er sie von ihrer Umhüllung befreite. Ihm war klar, dass er gehorchen musste, ohne über die Folgen nachzudenken. Er schwang die Heitere Wehklage. Der Klöppel schlug gegen das Metall der Glocke und ein goldener Ton drang durch den Haselwald, vertrieb jegliche Angst und erfüllte den Jungen mit reiner Freude. So etwas Wundervolles hatte er noch nie gehört.
Es war, als würden die besten Augenblicke seines Lebens alle gleichzeitig ablaufen – die Zeit, als er seinem Vater beim Hausbau zugesehen hatte und seine Mutter den Bienen etwas vorsang; der Moment, als der Barde ihn gefragt hatte, ob er sein Lehrling sein wollte, oder der, als er, Thorgil und Pega sich vor den abweisenden Mauern von Din Guardi in den Armen gelegen hatten. Es war aber auch eine Erinnerung an seinen Großvater, der an seinem Bett gesessen hatte, als er fieberte, und an die Schwester von John dem Böttcher, die ihm ein Apfeltörtchen gegeben hatte, nachdem er in den Teich gefallen war. Diese Menschen waren schon lange tot. Aber in der glorreichen Musik der Glocke tauchten sie wieder vor ihm auf.
Jack ließ die Glocke fallen. Erst da stellte er verblüfft fest, dass sein Gesicht tränennass war.
„Deswegen nennt man sie Heitere Wehklage“, sagte der Barde leise. „Und jetzt pass gut auf. Sie kommt.“
Sie hörten Weinen. Es klang wie eine Frau, die so sehr schluchzte, als würde ihr das Herz brechen. Es kam näher, und die Luft wurde deutlich kühler. Nebel waberte über den Boden, und ein undefinierbarer Modergeruch hüllte sie ein. Jack zog sein Messer.
Der Barde hob im Mondschein am Waldrand seinen Stab. „Ich befehle dich her, bei Wurzel, bei Stein, bei Meer!“, rief er.
Etwas Dunkles materialisierte sich zwischen den Bäumen. Wer ruft?, fragte eine Stimme, die sich anhörte wie rasselnder Kies.
„Ich bin der Erbe von Amergin“, sagte der Barde. Jack schaute verblüfft auf. „Ich bin hier, um mir deinen Wunsch nach Vergeltung anzuhören.“
Meine Liebe war innig; mein Schicksal bitter, sagte der Draugr. Meine Knochen angespült an meines Vaters Strand, seine Verzweiflung unermesslich, als er mich zu Grabe trug. Doch er hat die Grabstätte nicht versiegelt, denn ich konnte nicht ruhen. Solange mir keine Gerechtigkeit widerfährt, kann ich nicht neu geboren werden.
„Das verstehe ich“, sagte der Barde, „aber du kannst nicht herumziehen und töten, denn das bindet dich nur noch stärker an diese Existenz.“
Der Bodennebel verdichtete sich. Nebelfetzen krochen an Jacks Beinen hoch. Unwillkürlich wollte er nach der Schutzrune greifen, die er schon lange nicht mehr um den Hals hängen hatte.
Ich glaube dir nicht, sagte der Draugr.
„Es ist die Wahrheit“, beteuerte der alte Mann. „Jeder Mord zieht seinen eigenen Ruf nach Vergeltung gegen dich nach sich. Du hast bereits dein Recht auf das Leben von Pater Severus verwirkt – wage nicht, das zu bestreiten!“, brüllte er, als die Dunkelheit plötzlich anschwoll und Äste brachen.
Wer bist du, dich mir in den Weg zu stellen? Ich werde Rache nehmen, wo ich will. Die Bäume ächzten, als sie zur Seite gebogen wurden. Ein Teil des Himmels über dem Wald war plötzlich tiefschwarz.
„Ich bin der Gesandte der Erdmagie! Ich stehe gegen das Unleben! Wenn du mit der Sonne zurückkehren willst, musst du mir zuhören!“
Der Nebel waberte hoch und drückte gegen Jacks Brust, bis er kaum noch atmen konnte.
Der Barde hob seinen Stab. „Zwing mich nicht, dich zu unterwerfen!“
Dasselbe grausige Heulen, das Jack schon einmal gehört hatte, erfüllte die Nacht. Rehe brachen aus dem Haselwald hervor. Dachse, Füchse, ein Wolf und drei Wesen, die beinahe menschlich aussahen, rasten über die Felder davon. Jack hätte nur zu gern dasselbe getan, aber er konnte den Barden nicht im Stich lassen.
Der alte Mann hob beide Arme, und Blitze zuckten über seinen Körper. Er schien immer größer zu werden, bis er genauso groß war wie die Dunkelheit. Jetzt war unmöglich zu sagen, wer von beiden angsteinflößender war. Einen Moment lang standen sie sich gegenüber. Der Boden bebte, und die Luft vibrierte. Dann brach das Heulen ab. Der Nebel löste sich auf, und die Dunkelheit schrumpfte zusammen, bis sie nur noch die Größe einer Frau hatte.
Welch großartiger Angstzauber, dachte Jack, der nur am Rande mitbekam, dass er auf die Knie gefallen war. Der Barde hatte wieder seine normale Größe angenommen, aber seine Robe schimmerte immer noch in einem merkwürdigen Licht.
„Das ist besser“, sagte er. „In ein paar Wochen werde ich nordwärts reisen und Severus sehen. Die Gerechtigkeit verlangt, dass er für das bezahlt, was er dir angetan hat, aber die Art seiner Strafe ist mir noch verborgen. Es wird geschehen, wie es geschehen soll.“
Ich habe so lange gewartet, sagte eine Stimme, die sich nicht mehr anhörte wie der Tod, sondern wie die einer jungen, sehr besorgten Frau. Ich habe ihn doch so sehr geliebt.
„Du musst Geduld haben, mein Kind. Kein Töten mehr. Lieg still unter den ziehenden Wolken, bis ich dich rufe. Ich schwöre vor dem Rat der neun Welten, dass ich dich sicher in die ewige Ruhe geleiten werde.“
Durch den Haselwald hallte ein Seufzer, der sich anhörte wie eine Welle, die sanft vom Strand zurückströmt. Die Dunkelheit wurde immer dünner, bis nur noch ein gewöhnliches Gewirr aus Büschen und Gestrüpp zurückblieb. In einem nahen Bach quakte ein Frosch. Der Barde senkte die Arme und stöhnte ein wenig vor Anstrengung. „Was würde ich jetzt für einen Becher heißen Most geben“, murmelte er und stützte sich schwer auf seinen Stab.
„Das war wundervoll!“, rief Jack und stürzte auf ihn zu, um ihm zu helfen.
„Das war es, nicht wahr? Ich kann es immer noch – und dafür danke ich allen Göttern und Göttinnen, die gerade zuhören“, sagte der Barde. „Ich kann allein laufen, Junge. Trag du die Glocke, aber lass sie um Himmels willen nicht mehr läuten. Ihr könnt herauskommen, meine Freunde“, rief er in die Dunkelheit.
In einiger Entfernung sah Jack zwei plumpe Wesen aus dem Boden auftauchen.
Die Hobgoblins
„Verwesende Pilze!“, brüllte eines der Wesen. „Mit was für Leuten habt Ihr Umgang, Drachenzunge? Ich dachte schon, der Große Wurm und seine neun Würmchen wären gekommen, um mich zu fressen!“ Eine Kreatur mit großen, im Mondlicht schimmernden Augen und einem breiten lippenlosen Mund sprang auf sie zu.
„Nemesis?“, staunte Jack, der seinen Augen kaum traute.
„Wer denn wohl sonst?“, fauchte der Hobgoblin. „Ganz sicher nicht dieser königliche Dummkopf hier. ‚Lass uns Jacks Dorf besuchen‘“, zitierte er. „‚Lass uns sehen, ob die entzückende Pega ihre Meinung geändert hat und mich nun doch heiraten will.‘ Schwachkopf! Was soll ein hübsches Mädchen wie sie wohl mit einem tumben Kerl wie ihm anfangen?“
Jack musste sich das Lachen verkneifen. Während Nemesis eine Beleidigung nach der anderen ausstieß, tauchte der Bugaboo auf, schlammverschmiert und tropfnass. „In einem Sturm tut es jeder Hafen, stimmt’s?“, sagte der Hobgoblinkönig fröhlich. „Als ich dieses Heulen gehört habe, bin ich im nächsten Loch in Deckung gegangen. Pech, dass es ausgerechnet ein Schlammloch war!“
„Ihr könnt auf dem Heimweg in einem Bach baden“, sagte der Barde.
„Ich bin entzückt, Euch wiederzusehen“, versicherte der Bugaboo dem alten Mann. „Und dich natürlich auch, Jack. Was für eine Freude! Sag, ist Pega noch immer so hinreißend schön? Vermisst sie mich?“
Jack wusste nicht, was er sagen sollte. Pega dankte Gott jeden Tag auf den Knien, dass sie den Hobgoblinkönig nicht geheiratet hatte und nicht mit ihm in seine muffige Höhle voller Pilze gezogen war.
„Ich bin sicher, dass sie sofort in Ohnmacht fällt, wenn sie dich sieht“, stichelte Nemesis.
„Es ist vielleicht ratsam, die Zahl der Menschen, die Euch sehen sollen, zu beschränken“, schlug der Barde vor. „Die Leute hier könnten Euch mit Dämonen verwechseln, und wir wollen ja nicht, dass sie Euch mit Steinen und Forken auf den Pelz rücken.“
„So werden wir doch immer willkommen geheißen“, seufzte der Bugaboo. „Was war das für ein grauenhafter Schrei, den wir im Wald gehört haben?“
„Diese Geschichte erzählt sich besser bei Tageslicht.“ Der alte Mann beugte sich tief über seinen Stab, und Jack erkannte, dass sein Meister vollkommen erschöpft war.
„Wir sollten jetzt heimgehen“, sagte Jack. „Ich bin sicher, dass wir bei uns ein Plätzchen für zwei alte Freunde finden.“
„Eigentlich sind wir nicht nur zu zweit“, sagte der Bugaboo. „Du kannst jetzt rauskommen, Blewit. Es droht keine Gefahr mehr.“
Ein knochiger Hobgoblin kam hinter einem Busch hervor, auf dem Arm ein zappelndes Bündel. Jack war verblüfft, das lange, missmutige Gesicht von Mr Blewit zu sehen. Das Bündel befreite sich und plumpste zu Boden.
Es war Hazel, Jacks lange verlorene Schwester.
Das kleine Mädchen hüpfte über das Gras wie ein kleiner Sprogling, ein junger Hobgoblin. „Oh, juchhuu! Schlamm-Menschen! Meine Lieblingsspielzeuge“, jubelte das Kind.
Jack nahm sie in die Arme und wollte sie herumschwenken, aber sie war etwa doppelt so schwer, wie er erwartet hatte. Er setzte sie wieder ab.
„Ich bin mitgekommen, um sicherzugehen, dass ihr mir nicht mein Baby stehlt“, knurrte Mr Blewit. „Dies ist ein Besuch, vergiss das nicht. Gewöhn dich nicht zu sehr an sie.“
An sie gewöhnen? Jack war nicht sicher, dass er das jemals tun würde. Natürlich liebte er sie. Sie war seine Schwester. Aber sie war als Baby von den Hobgoblins geraubt worden. Als er sie schließlich im Land der silbernen Äpfel fand, hatte Hazel nicht einmal gewusst, dass sie ein Mensch war. Sie machte die froschigen Ausdrucksweisen der Hobgoblins nach und zwinkerte mit einem Auge nach dem anderen, wie sie es taten. Sie versuchte, Motten mit der Zunge aus der Luft zu schnappen. Sie gliepte sogar, ein hässliches ploppendes Geräusch, das Freude ausdrückte.
„Hör auf zu jammern, Blewit“, befahl Nemesis. „Wir schlagen noch Wurzeln, bis du endlich fertig bist. Ich werde Drachenzunge tragen.“ Der Hobgoblin hob den Barden so mühelos hoch, wie ein Mann ein Kätzchen hochnimmt. Jack war erleichtert, dass der missgelaunte Nemesis die Erschöpfung des alten Mannes bemerkt hatte. Getragen zu werden wie ein Baby, war vielleicht nicht die würdevollste Art zu reisen, aber der Barde beklagte sich nicht. Jack ging voraus, und die Gruppe steuerte das alte römische Haus an.
„Ich erinnere mich an diesen Ort“, sagte der Bugaboo, als sie oben auf der Klippe ankamen. „Das Haus hat sich gut gehalten, aber der Mann, der es gebaut hat, war auch ein guter Architekt.“
„Ihr wisst, wer es gebaut hat?“, fragte Jack, dem wieder eingefallen war, dass die Hobgoblins seit dem letzten Mal kaum gealtert waren. Der Bugaboo konnte also schon sehr alt sein.
„Ich habe gesehen, wer es gebaut hat“, antwortete der König. „Es war ein Dichter, den man vom Hofe verjagt hatte, weil er unhöfliche Gedichte über seinen Kaiser verfasst hat. Er hat die Wände bemalt wie einen römischen Garten, um seine Frau aufzuheitern. Dort drüben war früher einmal ein Badehaus, bis dieser Teil der Klippe abbrach und ins Meer stürzte.“
„Er hatte ein paar Gören, die Steine nach mir geworfen haben, als ich sie einmal im Wald überraschte“, berichtete Nemesis und grinste boshaft.
Jack spürte einen Schauder, so ähnlich wie beim Erscheinen des Draugr, nur nicht so schlimm oder unheimlich. Diesmal war es eher so etwas wie ein flüchtiges Bedauern, eine vage Erinnerung an ein geliebtes Heim, das in der Zeit verlorengegangen war.
Nemesis setzte den Barden ab und stützte ihn, bis er wieder sicheren Stand hatte. „Danke, alter Freund“, sagte der Barde. „Die Zauberei strengt mich heutzutage mehr an als früher.“
„Blödsinn“, widersprach der Hobgoblin resolut. „Ungeheuer zu bekämpfen, ist immer anstrengend, egal wie alt man ist.“ Jack war erstaunt, wie respektvoll Nemesis war.
Hazel flitzte an ihm vorbei. „Dad! Da ist die hässliche Schlamm-Frau!“, rief sie. „Wo ist die hübsche?“
„Fass diese Körbe an und du bist tot“, drohte Thorgil.
Hazel lachte wie ein Hobgoblin. Es hörte sich an, als würde ihr ein Stück Knochen im Hals feststecken. Gütiger Himmel, dachte Jack. Was werden Vater und Mutter sagen, wenn sie sie sehen?
Mr Blewit rannte ins Haus und rettete die Kleine, bevor Thorgil ihre Drohung wahr machen konnte.
Leicht angewidert musste Jack feststellen, dass Thorgil auf der Jagd gewesen war und die Jagdbeute zu einem Eintopf verarbeitet hatte. Normalerweise verweigerte sie solche Arbeiten, aber ihre gute Laune musste sie zum Kochen veranlasst haben. Sie konnte zwar Pfeil und Bogen nicht mehr benutzen, aber mit Speer und Schleuder war sie kaum zu schlagen. Ihre Kochkünste waren jedoch eher begrenzt und meistens fanden sich irgendwelche Fellstücke im Essen. Jack sah etwas im Topf auftauchen, das nach einem ganzen Eichhörnchen aussah.
„Riecht interessant“, sagte der Bugaboo und öffnete seine Nasenlöcher, so weit er konnte. „Noch besser wäre es vielleicht mit ein paar Pilzen –“
„Wie immer mäkelst du am Essen, ohne vorher die Köchin zu begrüßen“, schimpfte Nemesis. „Ich entschuldige mich für meinen unhöflichen König, Thorgil, und dafür, dass wir ohne Ankündigung hereinplatzen – großer Fliegenpilz!“ Der Hobgoblin sprang aus dem Weg, als Seefahrer nach ihm hackte. Jack hatte vergessen, wie flink die Hobgoblins sein konnten. Nemesis hing mit seinen klebrigen Fingern und Zehen an der Decke.
Thorgil lachte sich halb tot. Sie sagte etwas zu dem Albatros, und er tappte zurück in seine Ecke. „Also ich heiße euch jedenfalls willkommen“, sagte sie. „Seefahrer hat so etwas wie euch noch nie gesehen.“
„Ich habe auch noch nie etwas wie ihn gesehen“, erwiderte Nemesis und ließ sich von der Decke fallen. „Ist er eine Troll-Möwe oder was?“
„Ein Albatros aus dem fernen Süden. Seefahrer sagt, dass es dort Tausende von seiner Sorte gibt.“
„Die hoffentlich dort bleiben“, murmelte Nemesis.
„Sei gegrüßt, edle Schildmaid“, sagte der Bugaboo und verbeugte sich tief. „Es ist mir eine Freude, dich wiederzusehen.“
Sie setzten sich rund ums Feuer, und jeder bekam eine Schale voll Eintopf, der nicht so schlecht war, wie Jack befürchtet hatte. Glücklicherweise hatten sie viel Brot, denn die Hobgoblins schienen unersättlich zu sein. Hazel leckte ihre Schale aus und verlangte nach mehr. Nachdem sie gegessen hatten, erzählte der Barde von der geplanten Handelsreise nach Bebbas Town.
„Ihr habt nicht genug zu essen! Das hättet Ihr uns sagen müssen“, rief der Bugaboo aus. „Nemesis und ich werden fischen gehen. Es gibt nichts Besseres als die Zehen von Hobgoblins, um Fische anzulocken.“ Er streckte einen Fuß aus und wackelte einladend mit den langen Zehen. Hazel klatschte vor Begeisterung in die Hände.
Der Barde schreckte hoch. „Bei meinen Sternen, ich schlafe schon fast im Sitzen ein. Bitte entschuldigt mich, liebe Freunde, aber ich muss ins Bett.“ Die Hobgoblins entschuldigten sich dafür, ihn so spät noch wachgehalten zu haben, und Jack half ihm zu seinem Korbbett im hinteren Teil des Hauses. „Kümmere dich um die Betten, Junge“, sagte der Barde. „Im Lagerraum müsste genügend Stroh sein.“
Jack schob Körbe und Truhen an die Wand, um Platz zu schaffen. Nemesis und Mr Blewit halfen ihm beim Bettenmachen, und als sie fertig waren, war der Boden von einer Wand zur anderen mit Hobgoblins und Menschen bedeckt. Wenn noch mehr Besuch kommt, dachte Jack, können wir ihn nur noch an der Decke aufhängen.
Mr Blewit deckte Hazel mit seinem Umhang zu. Er war aus Buntschafwolle, und als sie darin eingehüllt war, schaute nur noch ihr runder Kopf heraus. Der Rest von ihr schien verschwunden zu sein. Der trübsinnige Hobgoblin streichelte ihren Kopf und sie gliepte im Schlaf.
Jack hatte ein hohles Gefühl in der Mitte seines Herzens. Die Blewits liebten Hazel abgöttisch. Sie würden sie niemals aufgeben. Aber Mutter und Vater würden sie natürlich zurückhaben wollen, und das Recht war auf ihrer Seite. Es war ein Problem, für das es keine Lösung geben würde, mit der alle zufrieden waren.
Jack verstaute die Heitere Wehklage in einer der Truhen des Barden. Als er fertig war, schlief auch er schon fast im Stehen ein. Dankbar ließ er sich in einen Haufen Heidekraut und Stroh sinken.
„Erzähl mir, was mit dem Draugr passiert ist“, flüsterte Thorgil und hockte sich neben ihn auf den Boden.
Jack lauschte dem Nachtwind, der über seinem Kopf am Reetdach zerrte, und beobachtete die flackernden Schatten an der Wand. „Nicht heute Nacht“, sagte er und musste wieder an den kalten Nebel denken, der ihm die Brust zusammengequetscht hatte. „Der Barde sagt, solche Geschichten erzählt man nur bei Tageslicht“, sagte er. „Ich glaube, das hat gute Gründe.“
Nemesis sprang mit Gebrüll auf. „Das Monster hat versucht, meine Zehen zu fressen!“, schrie er, bebend vor Wut.
„Ist es schon Morgen?“, fragte Thorgil verschlafen und wühlte sich tiefer ins Stroh.
„Dein Haustier hat versucht, mich umzubringen, und dir fällt nichts anderes dazu ein?“, kreischte Nemesis.
Jack stand hastig auf und öffnete die Tür. Die Sonne war noch knapp unter dem Horizont, aber die Wolken über dem Meer schimmerten schon rosa. „Komm“, sagte er in der Vogelsprache. Der Albatros ignorierte ihn.
„Du musst erst etwas Nettes zu seinen Flügeln sagen“, murmelte Thorgil. Als Jack die richtigen Worte gefunden hatte, wendete sich der große Vogel zögernd von den Zehen des Hobgoblins ab und folgte dem Jungen nach draußen.
„Die sehen aus wie Würmer, stimmt’s?“, sagte Jack und führte Seefahrer hinunter an den Strand. Er setzte sich in den Sand und genoss nach der Nacht in dem modrig riechenden Haus die frische Luft. Jetzt wusste er wieder, dass Hobgoblins immer nach Pilzen rochen. „Was sollen wir mit dir machen, wenn wir nach Norden fahren?“, fragte Jack.
Seefahrer breitete die Flügel aus und prüfte den Wind. Ein Flügel hing herunter. Trotzdem machte er einen Testlauf am Strand, doch statt abzuheben, landete er als würdeloser Haufen.
„Mach dir nichts draus“, tröstete Jack. „So etwas braucht seine Zeit. Und wenn es zum Schlimmsten kommt, können wir dich vielleicht mitnehmen. Ich würde den Nordmännern aber an deiner Stelle nicht zu sehr vertrauen. Womöglich halten sie dich für eine Art seetüchtiges Hühnchen.“
Seefahrer hatte ein Gezeitenbecken voller Krebse entdeckt und war damit beschäftigt, es leer zu fressen. Inzwischen konnte auch Jack sein Frühstück riechen. Er stand auf und ging zurück in Richtung Pfad. Hinter sich hörte er patschende Geräusche. Seefahrer rannte hinter ihm her, so schnell er konnte.
„Ich hätte dich nicht allein zurückgelassen“, sagte Jack gerührt. Er streichelte das Gefieder des Vogels und wurde dafür mit einem leisen Pfeifen der Zufriedenheit belohnt. „Ich wünschte, ich könnte mehr Vogelsprache. Thorgil ist ein Naturtalent, aber ich muss hart daran arbeiten. Aber immerhin habe ich auch schon gelernt, mit Riesenspinnen zu sprechen, und schwieriger kann die Vogelsprache auch nicht sein.“ Er sprach immer weiter, obwohl er keine Ahnung hatte, ob Seefahrer ein einziges Wort davon verstand. Aber der Barde hatte gesagt, dass Tiere mehr auf den Tonfall achteten als auf die Sprache. Seefahrer schien zumindest an seiner Stimme interessiert zu sein.
„Halt bloß dieses Ungeheuer von mir fern“, sagte Nemesis, als die beiden ins Haus zurückkamen.
„Nun, nun, du kannst ihm ruhig einen von deinen Zehen gönnen“, sagte der Bugaboo. „Es ist schließlich nicht so, als würde er nicht nachwachsen.“
Jack brachte Seefahrer in seine Ecke und setzte sich zu den anderen ans Feuer. Der Barde hatte schon von ihrem Zusammentreffen mit dem Draugr berichtet, die gruseligeren Teile aber ausgelassen, weil Hazel zuhörte.
„Wir sind auf unseren Reisen einem oder zwei Draugr begegnet“, berichtete Nemesis. „Jenny Grünzahn zum Beispiel. Also das ist jemand, den ihr bestimmt nicht am Fußende eures Bettes stehen haben wollt. Erinnerst du dich an die Nacht, die wir in der Halle der Geister verbracht haben?“
„Und ob!“ Die Erinnerung ließ die Augen des Bugaboo aus den Höhlen quellen. „Als sie auftauchte, waren wir so schnell weg, dass nicht einmal ein Hirsch mit uns hätte mithalten können – aber jetzt ist nicht die Zeit für alte Geschichten. Mein guter Drachenzunge, ist es nicht gefährlich, den Draugr fortzulocken? Erscheinungen wie dieser müsst Ihr stets ein paar Hüpfer voraus sein.“
„Natürlich ist es gefährlich“, sagte der Barde und stocherte mit der Spitze seines Stabs im Feuer herum. Jack hatte schon öfter beobachtet, dass dieser Stab nie brannte, obwohl der alte Mann ihn manchmal eine halbe Ewigkeit ins Feuer hielt. „Aber ich kann ihn nicht hierlassen, sonst wird er zum Dauergast wie Jenny in der Halle der Geister. Jenny ist schon vor so langer Zeit Unrecht getan worden, dass sie sich nicht mehr daran erinnern kann, was es war. Wenn man so etwas nicht rechtzeitig sühnt, verschwinden diese Geister nie mehr.“
„Aber Ihr könnt doch nicht für den Rest Eures Lebens einen Draugr auf den Fersen haben.“
„Nein“, sagte der Barde nachdenklich und stocherte weiter im Feuer herum. „Es hängt alles davon ab, was das Schicksal mit Pater Severus vorhat. Er ist eigentlich kein schlechter Mensch, nur ein unglaublich sturer, engstirniger Idiot. Er fühlt sich schuldig.“
„Das nützt uns herzlich wenig“, sagte Nemesis.
„Er wird seiner Strafe nicht entkommen, es wird wahrscheinlich irgendeine Form der Buße sein. Ich bezweifle allerdings, dass der Draugr sich mit weniger als seinem Tod zufriedengibt.“
„Was passiert, wenn er nicht zufrieden ist?“, fragte Nemesis.
Die Augen des Barden richteten sich in die Ferne und sahen durch die Wand auf etwas, das Jack nur ahnen konnte. „Dann … nehme ich an … müssen wir eine andere Lösung finden.“
Seefahrer hatte die ganze Zeit ein Selbstgespräch geführt. Jack hatte schon gemerkt, dass der Albatros gern an Unterhaltungen teilnahm. Wahrscheinlich erinnerten sie ihn an die Geräusche, die sein Schwarm machte, wenn die Vögel irgendwo brüteten. Seefahrer klickte, pfiff, klapperte mit dem Schnabel und stöhnte, als wollte er seine Meinung zu dem Problem kundtun. Hazel war immer unruhiger geworden. Der gefährliche Vogel zog sie magisch an, und sie mussten alle aufpassen, dass sie nicht versuchte, ihm Federn auszureißen.
Jetzt rutschte sie von Blewits Schoß und steuerte Seefahrers Ecke an. Blewit erwischte sie gerade noch rechtzeitig. „Lass uns zum Strand gehen, Liebes, und mal sehen, ob dein alter Dad ein paar Fische fangen kann“, flüsterte er ihr zu. Sie nickte glücklich und wackelte genauso mit ihren Knubbelzehen, wie er es mit seinen langen machte. Jack war schließlich erleichtert, als die beiden fort waren.
„Es tut mir leid zu unterbrechen, Herr“, sagte er, um Blewits Abwesenheit auszunutzen. „Ich wollte fragen, ob Hazel ab jetzt hierbleibt.“
„Nein!“, schrie Nemesis, bevor der Barde etwas dazu sagen konnte.
„Er hat recht. Es würde die Blewits umbringen, sie hergeben zu müssen“, bestätigte der Bugaboo. „Und Hazel von ihnen wegzureißen, würde auch ihr schreckliches Leid zufügen.“
Jack ließ den Kopf hängen. Er wusste nicht, was er sagen sollte.
„Ich weiß, dass wir für das Problem verantwortlich sind“, sagte der Hobgoblinkönig. „Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um es zu lösen. Wir werden jeden Sommer zu Besuch kommen und Hazel die Möglichkeit geben, ihre Menschenfamilie kennenzulernen.“
„Warum bleibt Ihr nicht die ganze Zeit hier?“, fragte Jack.
Der Bugaboo und Nemesis tauschten einen Blick. Sie schienen diese Frage nur ungern zu beantworten.
„Weil die Dorfbewohner sie für Dämonen halten würden“, sagte der Barde. „Was natürlich Unsinn ist – niemand hat ein reineres Herz als ein Hobgoblin –, aber alte Gewohnheiten sterben nur langsam aus. Wir dürfen nicht einmal durchsickern lassen, dass Hazel von ihnen aufgezogen wurde. Und es wird ihr auch so schon schwer genug fallen, sich einzufügen.“
„Außerdem ist da noch – du weißt schon was“, fügte der Bugaboo zögernd hinzu.
„Was?“, fragte Jack.
„Schlammsucht.“ Der Hobgoblinkönig flüsterte es, als wäre es ein peinliches Geheimnis.
Jack sah den Barden fragend an.
„Menschen oder Schlamm-Menschen, wie sie sie nennen, üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Hobgoblins aus“, erklärte der alte Mann. „Schon als sie uns das erste Mal gesehen haben, waren sie unsterblich in uns verliebt. Du hast gesehen, wie sie unsere Häuser und unsere Kleider nachahmen. Das Problem ist, dass sie nicht mehr nach Hause wollen, wenn sie zu lange bei unsereinem waren. Es wird zu einer Art Sucht, so, wie das Verlangen der Nordmänner nach starken Getränken.“
„Viele Häuser von Christenmenschen haben ihren Haus-Hobgoblin“, berichtete der Bugaboo traurig. „Er wacht zuverlässig über die Familie und erledigt heimlich kleinere Arbeiten wie das Ausräumen der Feuerstelle oder das Schaukeln der Wiege, wenn ein Baby im Haus ist. Allmählich siecht er dann vor lauter Einsamkeit dahin. Er wird nie anerkannt, obwohl er sein Leben für seine Familie geben würde. Und wenn man ihn entdeckt, wird er mit Steinen beworfen.“
„Also das ist mit Schlammsucht gemeint“, murmelte Jack.
„Bitte! Wir benutzen dieses Wort nicht in höflicher Gesellschaft“, knurrte Nemesis.
„Und jetzt ist es Zeit für mich, das Kind seinen wahren Eltern vorzustellen“, sagte der Barde. Er stand auf und wischte sich ein paar Ascheflocken von der Robe. „Jack und Thorgil werden mich begleiten. Ihr Hobgoblins könnt gern hier warten.“
„Blewit wird seinen Schatz niemals aus den Augen lassen“, sagte der Bugaboo. „Er wird darauf bestehen, Euch zu folgen, und wir müssen ihn natürlich dabei unterstützen. Aber sorgt Euch nicht. Wenn wir nicht gesehen werden wollen, sieht uns auch niemand.“
Hazel kommt nach Hause
Es sah wirklich niemand die Hobgoblins. Nicht die Bauern, die ihre Felder bestellten, und auch nicht John der Böttcher, der immer noch nach dem Draugr suchte, der seine Hühner getötet hatte. Auch nicht die Frauen auf dem Weg zum Bäcker, aus dessen Backstube der Duft von frischem Brot zog. Nicht einmal die Jungen, die Bulle im Stall spielten, bemerkten die fleckigen Gestalten, die von einem Schatten zum nächsten huschten. Natürlich halfen die Umhänge aus Buntschafwolle, aber selbst ohne sie schafften es die Hobgoblins, mit jedem Hintergrund zu verschmelzen. Jack konnte sie nur ausmachen, weil er wusste, worauf er achten musste.
Hazel dagegen fiel jedem auf. Kein Wunder, dachte Jack niedergeschlagen. Sie blies die Backen auf und wackelte begeistert mit den Ohren. Für sie war das alles ein großes Abenteuer. Sie sah mehr Schlamm-Menschen, als sie jemals für möglich gehalten hatte, und war überzeugt, dass sie sich auch freuten, sie zu sehen. Sie hoben die Brauen und öffneten den Mund zu einem O, genau wie Hobgoblins es machten, wenn sie glücklich waren.
„Wer ist denn das Kind?“, fragte eine Bauersfrau, nachdem sie zugesehen hatte, wie Hazel nach einem Schmetterling schnappte.
„Jacks Verwandte aus dem Norden“, antwortete der Barde. „Die Enkelin des Bruders seiner Großtante. Sieht sie nicht genauso aus wie Giles Krummbein?“
„Äh … ja“, sagte die Frau, die noch nicht ganz kapiert hatte, wessen Kind dieses Mädchen sein sollte.
„Wir müssen ihr Manieren beibringen“, zischte Jack, als sie wieder allein waren. Hazel hüpfte die Straße hinunter. Das machte sie ganz prima, aber sie hatte ja auch genügend Übung darin. „Alle werden denken, dass sie zurückgeblieben ist.“
„Das glaube ich nicht“, widersprach Thorgil. „Alle werden denken, dass sie nur spielt. Sie ist wie ein Welpe, der ausprobiert, wozu seine Pfoten gut sind.“
„Sehr weise, Schildmaid“, lobte der Barde.
Die Hobgoblins waren zwar unsichtbar für die Menschen, aber nicht für die Tiere. Mit viel Geblöke ergriffen die schwarzgesichtigen Schafe die Flucht. Eine Katze machte einen Buckel und fauchte, als Nemesis sie angrinste. Hühner rannten in alle Richtungen davon, als Mr Blewits langes, missmutiges Gesicht plötzlich in einem Stachelbeerstrauch auftauchte.
Sie erreichten den Weg, der zu seinem Elternhaus führte, und Jack verlangsamte unwillkürlich seine Schritte. Jetzt kam der Augenblick, den er gefürchtet hatte. Wie gern würde er jetzt zum Haus des Barden zurückgehen, sich besser auf diese Begegnung vorbereiten und Hazel beibringen, mehr zu sein wie …
Lucy.
Lucy war die Tochter, die seine Eltern all die Jahre, in denen Hazel verschwunden war, geliebt hatten. Lucy war wie ein Sonnenstrahl, der über einem See tanzt, die ganze Freude seines Vater vom ersten Moment an. Ihr Haar war golden wie die Wolken bei Sonnenuntergang, ihre Augen blau wie Vergissmeinnicht. Die Leute hielten den Atem an, wenn sie sie sahen, denn noch nie hatte es im Dorf ein so schönes Kind gegeben. Wie sollte die stämmige, kurzbeinige Hazel jemals ihren Platz einnehmen?
Pega kam mit einem Armvoll Heu aus der Scheune. Hazel jubelte und rannte auf sie zu. „Die hübsche Dame!“, kreischte sie. Sie prallte mit Pega zusammen, und Heu flog in alle Richtungen.
„Wie … was … wie kommst du hierher?“, schnaufte Pega und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.
„Dad hat mich hergebracht“, rief Hazel. „Bitte sag, dass du unsere Königin wirst. Der Bugaboo ist schon ganz traurig deswegen.“
„Gütiger Himmel, ist er auch hier?“, fragte Pega und sah sich hektisch um. Sie versuchte zu gehen, aber Hazel hielt ihre Beine fest.
„Die Hobgoblins haben versprochen, sich unsichtbar zu machen“, sagte der Barde amüsiert. „Ich nehme an, dass Giles und Alditha zu Hause sind? Gut. Lass diesen trübseligen Ausdruck von deinem Gesicht verschwinden, Jack, und mach deine Schwester von Pegas Beinen los.“
Jack schaffte es, eine von Hazels Händen zu lösen und sie hinter sich herzuziehen, aber mit der anderen Hand krallte sich das Mädchen in Pegas Rock. „Du bist aber ein kräftiges kleines Mädchen“, sagte Pega, die mitgehen musste, damit Hazel ihr nicht die Sachen zerriss.
„Ich werde in der Scheune warten“, sagte Thorgil herablassend. „Ich habe einen Eid geschworen, dieses Haus nie wieder zu betreten.“ Jack widersprach nicht. Er hatte auch so schon genug Probleme.
Alle saßen im sonnigen Kräutergarten. Mutter webte und Mrs Tanner drehte Wolle zu Garn. Die Tanner-Mädchen verlasen Getreide, indem sie die Körner in Körben schüttelten, um die schweren auszusortieren, die als Saatgut taugten. Vater reparierte einen Melkeimer.
Mutters Hand flog zu ihrem Mund, und beim Aufspringen kippte sie ihren Webstuhl um. „Oh, Giles! Oh, Giles, sieh doch!“
Vater schaute auf und schien einen Moment lang nichts zu begreifen. Er streckte die Hand aus und riss sie sofort wieder zurück, als hätte er glühende Kohlen berührt. „Bei allem, was heilig ist, sie sieht aus wie mein Vater“, flüsterte er.
Hazel ließ Pegas Rock los. Ihre Augen wurden riesengroß.
„Sie sieht aus wie du, Giles“, sagte Mutter.
Jack erkannte, dass sein Vater vergessen hatte, wie er selbst aussah. Er schaute niemals in den Spiegel des Ältesten, den einzigen im Dorf, und er sah auch nur selten sein Spiegelbild in einer Pfütze. Er sagte oft, dass es sündhafter Hochmut wäre, wenn man sich mit seinem eigenen Aussehen abgab. Aber Hazel sah tatsächlich aus wie er. Sie hatte dieselben grauen Augen und das braune Haar, denselben kräftigen Körperbau und denselben entschlossenen Gesichtsausdruck.
„Nun, Hazel, was meinst du?“, fragte der Barde. „Gefallen sie dir?“
Hazel drückte sich schüchtern an Pega. „Für Schlamm-Menschen sind sie nicht schlecht“, sagte sie. Mutter schaute verwundert auf.
„So nennen ihre Pflegeeltern die Menschen in diesem Teil der Welt“, erklärte der Barde. Jack fiel auf, dass er das Wort Hobgoblin vermieden hatte.
„Dann ist sie … was ich denke, dass sie es ist“, sagte Vater. Der Barde nickte.
„Mein liebes, liebes Kind“, sagte Mutter und streckte die Arme aus. „Ich bin so froh, dass du wieder zu Hause bist.“
Das kleine Mädchen zuckte zurück. „Das ist nicht mein Zuhause, und du bist nicht meine Mumsie!“, schrie Hazel. „Meine Mumsie ist hübsch. Du bist eine alte Schlamm-Frau. Dad sagt, dass ihr mich stehlen und nie wieder nach Hause lassen wollt!“ Sie begann zu schluchzen und kreischte dann los, wie es junge Sproglinge taten, wenn ihnen etwas nicht passte.
„Hey!“, brüllte Pega und verpasste Hazel eine Kopfnuss mit den Fingerknöcheln. „Wie kannst du so etwas Gemeines sagen! Du solltest froh sein, dass du mehr als eine Mumsie hast. Ich hatte nicht einmal eine, und wenn doch, erinnere ich mich nicht an sie. Wahrscheinlich hat sie mich für einen Laib Brot verkauft.“
Hazel schaute auf und ihre Augen blinzelten abwechselnd wie wild. So wütend hatte sie Pega noch nie erlebt.
„Hör gefälligst zu, du Göre. Du hast zwei Mütter und zwei Väter. Und für dieses Glück solltest du Gott auf Knien danken. Und jetzt geh und entschuldige dich bei der netten Dame.“
Hazel schniefte und wischte sich die Nase an Pegas Rock ab. „Ehrlich? Man kann mehr als eine haben?“
„Natürlich, du dumme Nuss.“
Das kleine Mädchen sah Mutter an. Hazel klammerte sich zwar immer noch an Pega fest, aber sie weinte nicht mehr. Sie machte einen Hobgoblin-Knicks, ähnlich einem Frosch, der sich auf ein Seerosenblatt setzt. „Es tut mir leid, nette Dame.“
Jack sah Pega über Hazels Kopf hinweg an, und sie nickte kaum merklich. Er kniete sich neben Hazel und strich ihr übers Haar. „Du hast leider nur einen Bruder, aber er liebt dich so sehr, als wären es zwei. Willkommen zu Hause, kleine Schwester.“
Hazel musterte ihn ernst von Kopf bis Fuß. Jack überlegte kurz und beschloss dann, es zu riskieren. „Vor langer Zeit habe ich dir meine Hände gezeigt. Weißt du das noch?“
Hazel verzog das Gesicht. „Kann schon sein.“
„Ich habe gesagt, dass unsere Hände gleich aussehen. Unsere Finger sind nicht lang und klebrig wie die der … anderen. Das beweist, dass wir zusammengehören. Hast du darüber nachgedacht?“
Das kleine Mädchen ließ den Kopf hängen. „Als du fort warst, habe ich in einen Eimer Wasser geschaut. Da habe ich gesehen … gesehen …“ Ihre Lippen bebten und sie schien kurz davor, wieder in Tränen auszubrechen.
„Schon gut“, sagte Jack liebevoll. „Du musst nicht darüber reden, wenn es dich aufregt.“
„Ich habe ihn gesehen!“ Sie richtete den Finger anklagend auf Giles Krummbein. „Ich habe mein Gesicht gesehen, und es war wie seins. Da wusste ich, dass ich der hässlichste Sprogling bin, der je gelebt hat!“ Sie heulte los und vergrub das Gesicht in Pegas Rock.
„Wir haben eine Menge Arbeit vor uns“, stellte der Barde fest.
Gegen Abend war Jack total erschöpft. Der Barde und Thorgil waren gegangen – und Pega übernachtete bei Bruder Aiden, in der Hoffnung, auf diese Weise einem weiteren Heiratsantrag des Bugaboo aus dem Weg zu gehen. Jack blieb bei seinen Eltern, um Hazel aus Schwierigkeiten herauszuhalten.
Der Barde hatte Hazel eingeschärft, ihre Vergangenheit nicht zu erwähnen, aber die Tanner-Mädchen hatten schon gemerkt, dass mit diesem Kind etwas nicht stimmte. „Was ist ein Sprogling?“, fragten sie bei der ersten Gelegenheit.
„Das ist das piktische Wort für Kind“, log Jack schnell. Sie hatten abgesprochen, dass Hazel von piktischen Händlern geraubt und hoch im Norden aufgewachsen war. Jack fürchtete erst, dass seine Schwester mit der Wahrheit herausplatzen würde, aber sie war offenbar reifer, als er gedacht hatte. Hazel sah zwar aus, als wäre sie erst fünf, aber sie war tatsächlich schon acht. Die Blewits hatten sie zwar regelmäßig nach Mittelerde gebracht, aber im Land der silbernen Äpfel war sie nicht gealtert.
„Ist sie deswegen so winzig? Weil sie bei den Pikten gelebt hat?“, bohrte Ymma, das ältere der Tanner-Mädchen. Sie hatte schmutzigblonde Zöpfe, und ihr Körper war so drahtig wie der eines Wiesels.
„Ma sagt, dass sie im selben Jahr geboren ist wie ich“, sagte Ythla, die jüngere Schwester. „Das bedeutet, dass sie acht ist, aber sie ist viel kleiner als ich.“ Mit ihrer spitzen Nase und dem rötlichen Haar erinnerte Ythla Jack an einen Fuchs.
„Pikten sind so klein, weil sie kleine Dinge essen“, behauptete Jack und fabulierte munter drauflos. „Zwerg-Kohlköpfe, Zwergäpfel und Hühner so groß wie Spatzen. Etwas anderes wächst bei ihnen nicht.“ Allmählich tat ihm von all der Lügerei der Kopf weh.
„Essen Riesen dann Riesen-Kohlköpfe?“, fragte Ymma interessiert.
„Gog und Magog müssen welche gegessen haben“, alberte Ythla. „Die waren riesig. Und dumm. Ich bin froh, dass die wilde Jagd sie mitgenommen hat.“
„Es ist gemein, so etwas zu sagen“, schimpfte Jack. „Gog und Magog sind wahrscheinlich tot.“ Die Tanner-Mädchen lachten nur.
Mutter und Vater hatten sich bemüht, Hazel willkommen zu heißen, aber sie waren unsicher, wie sie mit dieser merkwürdigen Tochter umgehen sollten. Hazel war so aktiv und ihr Verhalten so bizarr. Weil sie so selten und wertvoll waren, verwöhnten die Hobgoblins ihre Sproglinge nach allen Regeln der Kunst. Deshalb verlangten diese ständig nach Aufmerksamkeit. Beim Essen schnappten sie sich die besten Bissen und beschimpften jeden, der ihnen in den Weg kam. Jack musste so oft Bitte, Hazel; Lass das, Hazel und Das tut man nicht, Hazel sagen, dass es ihn beinahe wahnsinnig machte.
Vater hob die Hand, um Hazel eine Ohrfeige zu verpassen, wie er es früher mit Jack gemacht hatte, doch dann erstarrte er. „Ich habe es nicht anders verdient“, murmelte Giles Krummbein leise. „Es ist meine Schuld, die Sünde des Stolzes.“ Jack wusste, dass er daran zurückdachte, wie er Lucy mit nach Hause gebracht hatte, weil sie so schön war, und die Tatsache verleugnet hatte, dass sie gegen Hazel ausgetauscht worden war.
Mutter versuchte das kleine Mädchen mit Liebe zu erziehen – „Nein, Hazel. Du kannst dir keinen ganzen Apfel in den Mund stecken“ – und Hazel hörte kurz mit dem auf, was sie gerade tat. Einen Moment später hatte sie es wieder vergessen. Die Hobgoblin-Angewohnheiten waren zu stark, um sie sofort abzulegen.
„Mehr! Mehr! Mehr! Mehr!“, plärrte Hazel nach dem Abendessen.
„Es ist nichts mehr da“, sagte Mutter.
„Das ist mir egal! Ich will mehr!“, schrie Hazel, bis Jack sie am Arm packte und nach draußen schleppte.
„Du kannst Mutter nicht so anschreien“, schimpfte er, als sie draußen im dunklen Kräutergarten angekommen waren. „Das ist ungezogen und es verletzt ihre Gefühle. Verstanden?“ Hazel zappelte, um sich zu befreien, aber Jack schaffte es – wenn auch nur mit Mühe – sie festzuhalten. Sie war ungeheuer stark. „Mit deiner Hobgoblin-Mumsie redest du doch auch nicht so“, sagte er.
„Tu ich doch. Die ganze Zeit“, verkündete Hazel.
Jack seufzte. „Aber das solltest du nicht, und solange du hier bist, darfst du es auch nicht. Außerdem haben wir nicht viel zu essen. Eine wilde Jagd hat fast die gesamte Ernte zerstört.“
„Was ist eine wilde Jagd?“, fragte Hazel neugierig.
„Odin und seine Krieger sind durch die Wolken geritten und haben eine Schneise in den Wald geschlagen. Ich zeige sie dir morgen.“ Jack erzählte die Geschichte, wie ein Barde es tun würde, angefangen mit dem schwarzen Himmel und der bedrohlichen Stille. Als er zu der Stelle kam, wo der Sturm das Schaf mit sich gerissen hatte, hing Hazel an ihm, als hätte sie Angst, ebenfalls von einem Sturm weggeweht zu werden. Jack war stolz auf sein Erzähltalent. Er beendete seine Geschichte mit dem Höhepunkt, dass alle wichtigen Leute überlebt hatten. Hazel war an ihn gelehnt eingeschlafen. Er fragte sich, wie er sie jemals ins Haus zurücktragen sollte.
„Das ist Stoff für Albträume“, beschwerte sich Blewit, der hinter einem Büschel Rosmarin auftauchte. „Vollkommen unpassend für einen zarten Sprogling. Es würde mich nicht wundern, wenn sie schreiend aufwacht.“
„Sie ist nicht zart, und sie war begeistert von meiner Geschichte“, widersprach Jack.
„Sie ist meine zarte kleine Leinkrautblüte, ja, das ist sie“, flötete der Hobgoblin und ergriff eine von Hazels dicklichen Händen. Sie rührte sich nicht. Wie die meisten Sproglinge war sie es gewöhnt, selbst auf Partys zu schlafen, bei denen der Nachwuchs immer wieder hochgehoben und bewundert wurde.
„Ich habe gehört, wie sie um Essen gebettelt hat“, beschwerte sich Blewit. „Ihr lasst sie verhungern.“
„Tun wir nicht“, sagte Jack.
„Lügner!“
„Reg dich ab, Blewit“, sagte der Bugaboo, der plötzlich mit Nemesis aus dem Dunkeln auftauchte. „Wir wissen doch alle, dass Hazel so viel isst wie der große Wurm und seine neun Würmchen.“ Blewit grummelte etwas vor sich hin, doch er widersprach nicht.
Sie setzten sich zusammen unter den fast vollen Mond. Der Duft von zerquetschter Minze stieg von dort auf, wo sie saßen, und auf einem Baum fing eine Nachtigall an zu singen. Das Dorf wirkte so friedvoll – und es war einst auch friedvoll gewesen, dachte Jack. Er sehnte sich nach diesen Tagen zurück. Da waren die Abläufe so angenehm gleichförmig gewesen – pflügen, pflanzen, ernten, dann Winterruhe. Keine Überraschungen. Alles war vorhersehbar gewesen, bis der Barde auftauchte.
Da war die Welt aufgewacht und hatte das verschlafene kleine Dorf an der Küste der Nordsee entdeckt. Erst war der Nachtmahr vom Meer herangestürmt. Jack schauderte noch immer bei dem Gedanken daran, wie die dornigen Beine des Reiters den Bauch des Pferdes umklammert hatten und wie das Blut heruntergetropft war. Dann hatten die Nordmänner das Dorf nur um Haaresbreite verfehlt, aber ihn und Lucy erwischt und als Sklaven verschleppt.
Und in diesem Jahr war das Dorf in nur wenigen Tagen Opfer einer wilden Jagd geworden, ein Draugr hatte sich im Haselwald häuslich eingerichtet, und jetzt kampierte auch noch ein Trupp Hobgoblins in Jacks Garten. Er seufzte innerlich. Er war der Lehrling des Barden, und wie der alte Mann gesagt hatte, bedeutete das mehr, als nur zu singen und Kräuter zu pflücken. Es war die Aufgabe eines Barden, sich um das zu kümmern, was nachts schiefging.
„Ich muss jetzt zurück ins Haus“, sagte Jack. „Ich weiß aber nicht, ob ich Hazel tragen kann.“
„Schwächling!“, höhnte Mr Blewit. Er hob das kleine Mädchen mühelos hoch und trug es zur Tür. Der Buntschaf-Umhang des Hobgoblins ließ ihn mit dem Hintergrund verschwimmen wie die Schatten von Büschen, die im Wind tanzten.
Plötzlich musste Jack wieder an die Mission des Bugaboo denken. „Habt Ihr Pega noch einmal gefragt, ob sie Euch heiraten will?“, fragte er.
„Darüber will ich nicht reden!“, murmelte der Bugaboo. Er warf sich den Umhang über den Kopf und verschwand.
„Das bedeutet Ja, und es bedeutet außerdem, dass sie Nein gesagt hat“, erklärte Nemesis. Dann wünschten alle drei Jack eine gute Nacht und verschmolzen mit der Dunkelheit.
Jack zerrte Hazel über die Schwelle und rollte sie auf einen Haufen aus Heidekraut und Stroh. Trotz der rauen Behandlung rührte sie sich nicht und wachte auch in der Nacht nicht schreiend auf, wie Blewit es vorhergesagt hatte. Sie schlief so tief wie ein Sprogling, was sehr tief war. Das Erste, was Jack bei Morgengrauen von ihr hörte, war ein monotones „Essen … Essen … Essen …“.
Pulsuz fraqment bitdi.