Kitabı oxu: «FriesenFlut»
Alles darf nicht so ernst genommen werden!
Im Verlag CW Niemeyer sind bereits folgende Bücher der Autorin erschienen:
SchattenHaut
SchattenWolf
SchattenGift
SchattenTod
SchattenGrab
SchattenSchwur
SchattenSucht
SchattenGier
SchattenZorn
SchattenQual
SchattenSchuld
SchattenSchnee
FriesenNerz
FriesenGeist
FriesenSpiel
FriesenLust
FriesenSchmutz
KurzKrimis und andere SchattenSeiten
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eISBN 978-3-8271-8402-3
Nané Lénard
FriesenFlut

Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.
Für Lisa und Enrico
Prolog
Es war auch jetzt am frühen Morgen schon wahnsinnig heiß in Neuharlingersiel. Ganz ungewöhnlich für den Landstrich an der Nordseeküste. Selbst die Einheimischen schüttelten mittlerweile den Kopf. Die Hundstage schienen in diesem Jahr nicht vergehen zu wollen. Man verschanzte sich jetzt gerne in den Kellern, wo man sowieso während der Saison wohnte, um seine eigenen Räume gewinnbringend zu vermieten. Dort war es schön kühl, während die Touristen schwitzten, aber die konnten ja auch ans Meer zum Baden gehen.
Weitere 14 Tage mit Extremtemperaturen hatte der Wetterfrosch angesagt. Inzwischen erhielt er anonyme Morddrohungen. Hitze machte manche Menschen zu Untieren. Ihre wahre Natur drang an die Oberfläche. Andere wiederum litten still oder nahmen sich Urlaub an der See, wo sie sich mehr im Wasser als an Land aufhielten. Wer unter dem Dach wohnte, hatte schlechte Karten. Der alte, hinkende Fischer Hinnerk außer Dienst war ein ebenso armes Opfer des Klimawandels wie die in Neuharlingersiel und Umgebung allseits bekannte Lotti Esen. Wie Hinnerk schwitzte auch sie unter ihren Dachschrägen. Eigentlich nannte Lotti jeder, der sie kannte, nur Oma Pusch. Sie war nicht nur wegen der legendären Rollmopsbrötchen aus ihrem Kiosk beliebt, sondern auch, weil sie immer ein wachsames Auge oder Ohr auf alles ringsherum hatte. Nichts blieb ihr verborgen. Wer etwas wissen wollte oder zu erzählen hatte, ging zu ihrem kleinen Verkaufsstand am Hafen. Dadurch blieb sie immer nah am Zahn der Zeit, und meist war sie sogar den Ermittlern bei Morduntersuchungen eine Nasenlänge voraus. Das ärgerte einen ganz besonders: Oberkommissar Eike Hintermoser, der ausgerechnet auch noch ein Neffe von Oma Pusch war, obwohl er so einen merkwürdigen Namen hatte, aber davon später mehr. Wir müssen dringend runter zum Strand, auch wenn die Morgenröte gerade erst verblasst, denn es ist Ebbe. Und die legt frei, was die Flut verborgen oder mitgebracht hat.
Fluch oder Segen
Kein Windhauch lag über dem Sand. Selbst die Möwen hörte man nicht. Sie hatten sich wohl längst ein schattiges Plätzchen gesucht. Aber einer tat, was er immer tat: Frühmorgens sah man ihn am Strand entlanghinken. Das eine Bein war kürzer als das andere. Einheimische wussten, dass Hinnerk seine Behinderung einem Unfall auf See zu verdanken hatte. Immerhin war er nicht ertrunken. Neptun hatte ihn irrwitzigerweise verschont. Warum auch immer. Manch einer munkelte, die Fische hätten ihn wieder ausgespuckt, weil er so sternhagelvoll gewesen sei. Konnte einer, der säuft, nicht ersaufen? Egal, er hatte überlebt, was er nur darauf zurückführte, dass der Alkohol ihn nicht hatte untergehen lassen. Mittlerweile fühlte er sich durch ihn zusätzlich konserviert und durchaus noch in der Lage, der schönen Witwe Hansen den Hof zu machen.
Heute war er wahnsinnig froh, dass sie ihn begleitete, während er nach Strandgut suchte, um seine magere Rente aufzubessern. Und obwohl die Sonne unbarmherzig auf Hinnerks spärliches Haupthaar brannte, klagte er nicht ein bisschen. Schließlich musste er stark für Lina sein, kein Waschlappen. Sein Handicap war schon schlimm genug. Er konnte froh sein, dass sie überhaupt Zeit mit ihm verbrachte. Das Herz ging ihm auf, wenn er sie beobachtete, wie sie da vor ihm in der Morgenröte hersprang mit ihren grauen Flechtzöpfen. Ja, sie war in der Tat eine ungewöhnliche Frau. Wenn sie ihn doch nur erhören könnte, dachte er, war aber zu schüchtern, sich zu erklären. Außerdem schwitzte er jetzt in seiner Cordhose und dem Flanellhemd. Das war peinlich.
Das Thermometer zeigte gegen sechs Uhr früh bereits 21 Grad. Und hier war es immer noch ein paar Grad kühler als im Inland. Alle Überlegungen, sich seiner warmen Kleidungsstücke zu entledigen, warf Hinnerk über Bord. Er hatte nun mal nichts anderes im Schrank. Sein letztes T-Shirt hatte ein großes Loch, die einzige dünne Hose, die er besaß, rutschte ihm von seinem mageren Gesäß. Wäre er allein gewesen, hätte er in der Feinripp-Unterwäsche weitergesucht. Doch das blieb wegen der Schicklichkeit ein Traum. Er musste sich ablenken, während der Schweiß inzwischen in Bächen von seinem heißen Schädel rann.
„Guck mal hier, Hinnerk!“, rief Lina Hansen und schwenkte eine Flasche.
„Toll“, freute sich der Fischer, „das gibt immerhin Pfandgeld.“
Wenig später sah er etwas im Sand blitzen. Er bückte sich und zog ein Klappmesser heraus.
„Ui“, sagte Lina, „das sieht doch noch ganz gut aus.“
Hinnerk nickte, während er seinen Fund betrachtete und eine der Klingen ausklappte. „Etwas rostig vielleicht, aber das kriege ich wieder hin. So ein Taschenmesser kann man immer gebrauchen.“
Lina lief ein Stückchen voraus. Sie hatte wohl ebenfalls etwas entdeckt.
„Wahnsinn, ein Handy“, jubelte sie und strahlte. „Ich wollte schon immer eins.“
„Geht es denn noch?“, erkundigte sich Hinnerk verwundert.
„Woher soll ich das wissen?“, fragte Lina. „Ich kann doch mit so was nich üm.“
„Giv moal her, dat Dingens“, bat Hinnerk und tippte auf dem Display herum. Es schaltete sich ein und forderte ein Passwort.
„Do is noch Licht in“, sagte Lina. Sie grinste glücklich.
„Schon, aber wir kommen nicht rein“, wandte Hinnerk ein.
„Aber das kriegst du doch bestimmt hin“, war sich Lina sicher und Hinnerk brummte dazu. Damit hatte er zumindest nicht gelogen, obwohl er stark anzweifelte, das sechsstellige Passwort knacken zu können.
Lina war vorerst zufrieden und steckte das Smartphone ein, das rotgolden in der Sonne geglänzt hatte. Dann hüpfte sie weiter und sang dabei. Hinter ihr ächzte Hinnerk in seinen warmen Klamotten. Er konnte sich nicht vorstellen, wie man bei den Temperaturen noch herumspringen konnte wie ein junges Reh.
„Nu hebb ick wat für di“, rief Lina zehn Meter weiter vorn.
Hinnerk hörte beim Näherkommen ein Summen. Als er seine Angebetete erreicht hatte, sah er, dass sie auf einen Strohhut zeigte, der Hunderten von Fliegen als Sitzplatz diente, während sich andere bemühten, ihre Konkurrenten zu verdrängen. Lina versuchte, die Plagegeister mit ihrer Tasche wegzuwedeln.
„Dat is doch noch een mojen Hood (schöner Hut )“, stellte Lina fest.
„Mit disse Flegen?“, hakte Hinnerk verwundert nach.
„Ja, seker! De Sünn brannst di. Dien Dööts is roodklöört!“, erwiderte Lina und zeigte auf seine knallrote Birne.
Der Einfachheit halber wird der folgende Dialog in Hochdeutsch wiedergegeben.
Hinnerks Gesichtsglut verfärbte sich wegen der Peinlichkeit noch dunkler. Sie hatte gesehen, dass ihm die Suppe hinablief.
„Ach was“, widersprach er vehement, „das kommt nicht von der Sonne, sondern vom Bücken, wenn der Kopf nach unten hängt. Ich brauche keinen Hut.“
Ärgerlich trat er nach dem fliegenübersäten Strohgeflecht und schrie auf. Die Kopfbedeckung hatte sich keinen Millimeter bewegt. Lediglich die Fliegen waren für einen Moment aufgeschwirrt, um sich in Sekundenschnelle wieder einen neuen Platz zu ergattern. Aber Hinnerk hatte sich gestoßen. Nun tat ihm zu allem Überfluss auch noch der Flunken weh.
„Scheiße!“, brüllte er, ließ sich in den Sand fallen und rieb sich seine Zehen.
Das sah so lustig aus, dass sich Lina bemühen musste, nicht zu grinsen.
„Was hast du denn?“, fragte sie so besorgt sie konnte. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Strohhut so hart sein kann.“
„Da muss ein Stein drunterliegen“, sagte Hinnerk mit verzerrtem Gesicht. Der Schmerz ließ nur langsam nach.
Jetzt war Lina doch in Unruhe. Und dabei hätte sie fast gelacht. Sie hatte ihm Unrecht getan. Das wollte sie wieder gutmachen.
„Warte“, erwiderte sie, „ich gucke mal nach. Und überleg dir, ob du ihn nicht doch aufsetzen solltest. Du bekommst sonst einen Sonnenstich.“
„Hast du Angst, dass sie mir auch noch das letzte Bisschen Hirn wegbrennt, das der Alkohol übrig gelassen hat?“, fragte er spitz. Er hatte wohl bemerkt, dass ihre Sorge anfangs nicht echt war.
„Wo denkst du denn hin“, konterte sie mit einem strafenden Blick.
„Entschuldigung“, sagte er kleinlaut. Er wollte es sich wirklich nicht mit ihr verscherzen. „Das ist mir im Schmerz so rausgerutscht. Na gut, ich setze diesen hässlichen Hut auf, aber nur deinetwegen.“
„Das machst du schön für dich selbst, Fischer Hinnerk, du Sturkopp“, schimpfte sie. „Von mir aus kannst du das Ding dann am Hafen in den Müll schmeißen und dir was anderes kaufen, wenn du es so dicke hast.“ Dabei wusste sie genau, dass das nicht so war.
„Wir könnten ihn auch abwaschen und in der Sonne trocknen, vielleicht wird er dann wieder schön“, lenkte Hinnerk ein.
Aber Lina zuckte nur mit den Schultern und wandte ihm den Rücken zu. Da fühlte er sich genötigt, zu dem blöden Hut zu hinken und ihn trotz des Fliegengewimmels vom Boden aufzuheben. Leider kam ein Glatzkopf anstatt eines Steins darunter zum Vorschein, der in Richtung Horizont blickte. Blicken war vielleicht zu viel gesagt, denn er konnte ja nichts mehr sehen. Nicht nur, weil er zu einer Leiche gehörte, sondern auch, weil da gar keine Augen waren. Hinnerk war heilfroh, dass Lina es nicht sehen konnte, aber sie war ihm längst gefolgt, weil er schon eine gefühlte Ewigkeit auf den Schädel stierte, von dem er nicht wusste, ob da unten noch was dranhing. Es war also unvermeidlich, dass Lina die leeren Höhlen sah, aufschrie und wie immer in Ohnmacht fiel. Die Fliegen ließen den Strohhut nun links liegen und nahmen direkt auf dem Objekt ihrer Begierde Platz.
Oma Puschs Rat ist gefragt
Die Temperatur war weiter gestiegen. Es trug nicht unbedingt zur Verbesserung der Situation bei, denn wie alter Fisch begann auch der Kopf in der Sonne einen üblen Geruch anzunehmen.
Hinnerk, dem ebenfalls nicht allzu wohl im Magen war, ließ sich nichts anmerken und kümmerte sich rührend um Lina. Schließlich wollte er was von ihr. Da konnte er doch jetzt nicht als Schwächling dastehen. Leider bekam sie es nicht mit. Sie war immer noch nicht wieder bei Sinnen. Das war gut und schlecht zugleich. Um der Optik und dem Dunstkreis des Glatzkopfs zu entgehen, hatte er etwas Ungeheuerliches gewagt. Nachdem er sich kurz umgesehen hatte, ob niemand in Sichtweite war, hatte er Lina bei den Füßen gepackt und die Angebetete fünf Meter weiter in Richtung Westen durch den Sand gezogen. Sie war schwer wie Blei, und ihre Arme zeigten jetzt nach oben. Schnell vergewisserte er sich, dass sie nicht auch tot war, aber zum Glück atmete sie noch. Hinnerk holte tief Luft. Er war schweißnass von der Anstrengung, aber auch, weil er von der Situation völlig überfordert war. Oma Pusch hätte gewusst, was zu tun wäre. Er musste sie anrufen, bevor jemand Wind von der Sache bekam.
Doch Hinnerk hatte sich verrechnet, denn während er an Lina zog, waren Touristen über den Deich gekommen, die das merkwürdige Spektakel da unten am Strand gesehen hatten.
„Hey, lassen Sie das“, schrie der Rentner und schwang seinen Stock. „Ich rufe die Polizei.“
Seine Frau zeterte neben ihm und rang mit den Armen.
Hinnerk blieb nichts anderes übrig. Er musste schnell weg, sonst würden sie ihn noch verdächtigen, etwas mit der Glatze zu tun zu haben. Aber vielleicht entdeckte die auch niemand, wenn er schnell den Hut wieder drüberstülpte, bevor er wegrannte. Um Lina würde sich schon jemand kümmern.
Während der alte Mann vom Deich herabstolperte, setzte Hinnerk der Leiche wieder den Hut auf und schippte Sand über die Sache. Hunderte von Fliegen meuterten. Er hatte sie um Futter und Brutplatz gebracht. Dann floh der alte Fischer mit seinem einen kürzeren Bein so schnell er konnte. Dabei war er dem Rentner gegenüber im Vorteil, weil er den Weg über den gepflasterten Strandabschnitt wählte, während sich sein Verfolger erst mal durch den Sand kämpfen musste. Im Nu hatte er ihn abgeschüttelt und kam schließlich schweißtriefend an der alten Hafenkneipe „Dattein“ an, über der Lotti Esen alias Oma Pusch wohnte. Dort klingelte er Sturm, was dazu führte, dass sich die allseits bekannte Dame den Kopf in ihrem Alkoven stieß. Man hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Fluchend und noch nicht ganz wach wankte sie zur Tür, vor der ein Hinnerk stand, den sie beinahe nicht erkannt hätte. Er war nass und ächzte so sehr, dass er kein Wort herausbekam.
„Hinnerk, du? Um diese Uhrzeit?“, fragte sie verwundert und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Er sah grässlich aus. „Moin, komm erst mal rein. Hast du gesoffen und bist anschließend ins Sieltief gefallen?“
Der alte Fischer schüttelte den Kopf und keuchte. Er hatte seine Sprache immer noch nicht wiedergefunden. Oma Pusch schnupperte. Tatsächlich, von Alkohol war nichts zu riechen. Umso verwunderlicher erschien ihr sein Auftreten.
„Lina … wegen der Glatze, aber einer war hinter mir her“, kam es gepresst und stoßweise aus seinem Mund.
„Was?“, rief Oma Pusch voller Schreck. „Lina hat eine Glatze?“
Wieder schüttelte Hinnerk den Kopf.
„Toter Kopf am Strand“, stöhnte er und hielt sich am Türrahmen fest.
„Ich verstehe nur Bahnhof“, gab Oma Pusch zu, „lag da einfach so ein Schädel rum? Ein echter? Und wer war hinter dir her?“
„Darf ich mich erst mal setzen?“, bat Hinnerk. „Ich kann nicht mehr.“
Oma Pusch sah, dass er trotz des roten Gesichts ganz weiß um Mund und Nase war. Aber er war auch nass und dreckig. Geschickt warf sie fast im Vorbeigehen eine Decke über den Sessel und bat Hinnerk, Platz zu nehmen. Der rettete sich praktisch in letzter Sekunde mit zwei großen Schritten ins Wohnzimmer und ließ sich hineinsinken.
„Danke“, keuchte er, „ich bin zu alt für so was!“
„Wenn du mir jetzt noch erklären könntest, was du genau meinst“, sagte Oma Pusch. „Müssen wir was wegen Lina unternehmen?“
„Nein“, erklärte ihr Hinnerk. „Das wird der Alte schon erledigt haben, der hinter mir her war.“
„Also, jetzt mal der Reihe nach und schön von vorn“, befahl Oma Pusch und brachte ihm ein Glas Wasser. Sie trug wegen der Hitze nur eine dünne Bluse über ihren Shorts und beäugte ihn kritisch. „Aber zuerst runter mit den Klamotten. Denkst du, es wäre Winter? Warum trägst du so warme Sachen?“
Hinnerk machte ein zerknirschtes Gesicht. „Ich hab nix anderes.“
Oma Pusch seufzte. „Warte, ich habe noch was von meinem verblichenen Fridtjof. Das gebe ich dir. Was du jetzt anhast, packen wir ein. Ich wette, dass es dir schon besser gehen wird, wenn du nicht so überhitzt bist.“
Gesagt, getan. Sie kramte in ihrem Schrank und kam mit einem Hawaiihemd zurück. Es war schrecklich bunt. In der anderen Hand trug sie ein paar Knickerbocker, die knallgelb ins Auge stachen.
Am liebsten hätte Hinnerk sie gefragt, ob sie noch alle Steine auf der Schleuder hätte, aber er biss sich lieber auf die Zunge und quetschte ein „Danke“ heraus. Dass sie aber nun auch noch wartete, bis er sich auszog, ging überhaupt nicht.
„Kann ich mal dein Bad …?“, weiter kam er nicht.
„Nee, Hinnerk, da habe ich grade frisch gewienert. Zieh dich man gleich dort um, wo sowieso schon alles dreckig ist. Ich gehe unterdessen in die Küche“, kündigte sie an und verschwand. Jetzt war der auch noch etepetete, als ob sie noch nie einen Kerl in Unterwäsche gesehen hatte.
In Wirklichkeit war das aber mit Hinnerks Feinrippmodellen so eine Sache. Sie waren viel zu groß, mit ihrem Eingriff nicht wirklich modern und keineswegs sauber. Er hatte also allen Grund, damit nicht vor einer Dame zu posieren. Plötzlich kam ihm eine Idee.
„Du, Lotti“, rief er ihr zu, „hast du vielleicht auch noch was für drunter?“ Alles war besser, als das, was er anhatte.
„Ja, klar!“, kam es aus der Küche.
Hinnerk hätte schwören können, dass da etwas Schalk in ihrer Stimme gelegen hatte.
„Ich werf es dir zu und drehe mich weg, ja?“, erkundigte sie sich. Dann hörte man die Schranktür. „Für Fridtjofs Geschmack kann ich nichts“, sagte sie mit unterdrücktem Gnickern, als sie Unterhemd und -hose über ihre Schulter hinweg in Richtung Hinnerk schmiss.
Der staunte nicht schlecht, was er da in den Händen hielt. Das schwarze Netzhemd ging ja noch, aber was war das für eine Unnerbüx? So wenig Stoff. Da hatte man wohl gespart. Wie rum die nur gehörte, fragte er sich, wollte aber Oma Pusch nicht bemühen. Der dünne Faden konnte kaum vorne sein, also probierte er es andersherum. Nun lag der rot-schwarze Stoff notdürftig wie ein Feigenblatt über seinem Gehänge, das über die Jahre der Schwerkraft zum Opfer gefallen war. In seinem Hintern klemmte der Faden. So hielt es wenigstens. Den Rest würde die Kanarienvogelhose kaschieren, hoffte er. Außerdem war das Ensemble weniger warm und er musste sich ja glücklicherweise vor niemandem ausziehen.
„Kannst wieder reinkommen“, rief Hinnerk Oma Pusch zu.
Sie brachte eine Stofftasche für die ollen Klamotten mit und setzte sich aufs Sofa.
„So, und nu vertell mi alls!“, forderte sie ihn auf.
Hinnerk, der sich zwar verkleidet wie ein Clown vorkam, ging es trotzdem besser, darum holte er weit aus.
„Also, das war so …“, begann er und erzählte ihr brühwarm von den Ereignissen des frühen Morgens.
Schmiere stehen
Während Oma Pusch zuhörte, geriet sie mehr und mehr in Verzückung. Was Hinnerk da berichtete, klang aufregend und spannend. Sofort war ihre Neugier geweckt. In ihrem Kopf ratterte es. Sie musste überlegen, was nun zu tun war. Die Situation war nämlich wegen der Touristen nicht einfach. Bei früheren Mordfällen hatte sie noch vor der Saison ermitteln können. Aber jetzt lärmte es überall am knatschvollen Strand, nachdem die Hotelbüfetts abgeräumt oder die „Spätstücker“ aus ihren Ferienwohnungen gekommen waren. Trotzdem konnte man nicht davon ausgehen, dass sich die Menge nur mit sich selbst beschäftigte und Sandburgen um ihre Strandkörbe baute. Neugierige Augen gab es immer. Wenn Oma Pusch und Hinnerk also tätig werden und den Kopf genauer unter die Lupe nehmen wollten, brauchten sie einen Sichtschutz und am besten auch jemanden, der Schmiere stand. Da Lina mit Sicherheit ausfiel, weil man sie wegen ihrer Ohnmacht ins Krankenhaus gebracht hatte, blieb nur Oma
Puschs Freundin aus dem Süderriff. Rita war schon über Jahrzehnte hinweg ihre Wegbegleiterin und neuerdings ihre zuverlässige Partnerin in Sachen Mordermittlung. Meist saßen die beiden Frauen gemeinsam in Oma
Puschs Kiosk und verkauften die überall an der Küste bekannten, ja fast schon als legendär zu bezeichnenden Rollmopsbrötchen. Fischburger mit Pfiff sozusagen, denn Oma Pusch hatte etwas Einzigartiges erfunden: Sie spritzte einen Schuss Honig über den Bratrollmops, sodass sich eine wohlige Mischung aus süß und sauer im Mund der Kunden einstellte. Ein Genuss, der dermaßen gut ankam, dass seine Erfinderin darüber nachdachte, ihn zum Patent anzumelden.
Ein paar Kleinigkeiten sollten wir über Charlotte (Lotti) Esen noch erzählen. Nicht jeder, der dieses Buch in den Händen hält, kennt das Urgestein aus Neuharlingersiel bereits. Oma Pusch ist eine Dame ohne Alter, gewissermaßen ein zeitloser Mensch, der auf eine große Familie stolz sein kann und mit nahezu jedem in der Umgebung verwandt ist. Fünf Kinder und 13 Enkel sorgen für manche Turbulenzen in ihrem Dasein, aber auch für glückliche Momente. Drei Männer hat sie überlebt und ist finanziell unabhängig. Das hat sie ihrem letzten namens Fridtjof zu verdanken, der glücklicherweise eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte, bevor er auf hoher See beim Fischfang verunglückte und zu Nordseesand wurde. Man hat ihn nie gefunden. Böse Zungen munkelten, es hätte einen Deal zwischen den Ehepartnern gegeben und der olle Fischer läge längst an einem herrlich weißen Strand in der Karibik, aber das ist natürlich Humbug.
Ach, eins fragen Sie sich noch? Wieso nennt man die Hobbyermittlerin Oma Pusch? Doch das darf ich leider nicht mehr erwähnen. Ich höre ihre Standpauke heute noch, weil ich Familieninterna im ersten Buch „FriesenNerz“ ausgeplappert habe. Mir klingeln jetzt noch die Ohren. Also: Bitte einfach nachschauen! Doch nun zurück zur Geschichte:
Oma Pusch erreichte ihre Freundin an einem delikaten Ort, aber warum musste Rita ihr Smartphone auch mit aufs Klo nehmen?
„Moment, ich muss erst abziehen“, bat Rita. Man hörte Wasser rauschen. „Eben noch Hände waschen, bleib dran! So, jetzt bin ich ganz Ohr!“, sagte sie.
„Hinnerk ist hier“, begann Oma Pusch.
„Das ist doch nichts Außergewöhnliches“, erwiderte Rita, „oder ist er jetzt auf dich anstatt Lina scharf?“
„Keineswegs“, antwortete Oma Pusch und sah sich zu Hinnerk um, der wie ein bunter Vogel in ihrem Sessel saß. „Er hat einen Kopf am Strand entdeckt.“
„Bei dieser Flut von Touristen sollten da mehrere sein“, lachte Rita. „Ein abgeschlagener ist es sicher nicht, der wäre schließlich auch anderen aufgefallen.“
„Wissen wir nicht“, berichtete Oma Pusch, „weil wir keine Ahnung haben, ob unten an der Glatze noch was dranhängt.“
„Da hat wohl ein Kind seinen Vater aus Jux eingegraben“, vermutete Rita. „Schon mal an so was gedacht?“
„Ehrlich gesagt nein, denn der Kopf ist so tot wie nur irgendwas, und jemand hat ihm die Augen ausgestochen“, erklärte Oma Pusch. „Bist du jetzt überzeugt?“
Rita zuckte zusammen und war froh, dass das niemand sehen konnte.
„Ja, aber warum ist dann nicht längst die Kripo da und alle anderen? Kapier ich nicht“, sagte Rita.
„Weil Hinnerk einen Hut drübergestülpt und ihn mit Sand bedeckt hat. Es dauert jetzt zu lange, das alles haarklein zu erklären. Das machen wir später. Wir brauchen dich zum Schmierestehen. Hast du nicht so ein Wurfzelt im Keller für die Kinder deiner Urlaubsgäste?“
„Schon, aber was willst du denn damit?“, erkundigte sich Rita.
„Kommen! Mitbringen! Ich kauf es dir ab“, ordnete Oma Pusch an. „Wir labern schon viel zu lange. Schwing die Hufe! Treffpunkt ist am Kiosk.“
An Oma Puschs Ton erkannte Rita, dass sie sich besser sputen sollte. Normalerweise wäre sie jetzt eingeschnappt gewesen, aber sie wusste genau, dass ihre Freundin nur so mit ihr sprach, wenn sie extrem aufgeregt war. Und das hieß gemeinhin, dass eine turbulente Zeit bevorstand.
In Windeseile flitzte sie in den Keller, schnappte sich das Zelt und schwang sich auf ihr Fahrrad. Mit dem kunterbunten Vehikel erreichte sie in wenigen Minuten den Hafen. Hinnerk und Oma Pusch standen schon parat. Rita stutzte. Wie sah der denn aus? Ein Ara wirkte blass neben ihm. Nur mühsam konnte sie ein Lachen unterdrücken. Wahrscheinlich diente der Aufzug zur Tarnung.
„Wir tun so wie Touris“, befahl Oma Pusch, die einen Sandeimer mit Schaufel in der Hand trug und damit Ritas Vermutung insgeheim bestätigte. „Etwas Handwerkszeug trägt Hinnerk in seinem Rucksack.“
„Und was habt ihr jetzt vor?“, fragte Rita.
Oma Pusch grinste. „Ganz einfach! Wir gehen zu der Stelle, lassen dein Zelt aufpoppen und schlüpfen rein. Dann nehmen wir die Schere aus Hinnerks Rucksack und schneiden ein großes Loch in den Boden. Anschließend stülpen wir das Zelt über den verbuddelten Schädel und können ganz in Ruhe nachgucken, was sich dahinter verbirgt.“
„Darunter, meinst du wohl, Lotti“, wandte Hinnerk ein.
„Ja, das auch, aber wir wollen doch außerdem wissen, was es mit deinem komischen Fund auf sich hat.“
Der alte Fischer nickte.
„Und was ist mein Part?“, erkundigte sich Rita.
„Du sollst vor dem Zelt Schmiere stehen, damit uns niemand stört“, erklärte Oma Pusch.
Rita sah beleidigt zu Boden. Oma Pusch war in der Zwickmühle. Hinnerk hatte den Kopf gefunden und hielt sich deshalb für berechtigt, im Inneren des Zeltes mitzumischen. Ihre Freundin ermittelte sonst aber immer mit ihr und meinte daher, ihr Platz müsste zwingend an Lottis Seite sein. Doch wann immer Oma Pusch nicht weiterwusste, atmete sie einmal tief durch. Meist fiel ihr spontan eine List ein. Und so war es auch diesmal.
„Ritalein“, begann sie vorsichtig, „das ist bestimmt kein schöner Anblick. Diese leeren Höhlen sind wahrscheinlich richtig ekelig. Ich dachte, das will ich dir lieber ersparen.“
Hinnerk nickte. „Boah, wirklich fies, wie der so mit nix auf das Meer starrt.“
„Schon gut“, sagte Rita etwas besänftigt, „muss man sich ja in echt nicht antun, und du hast den Kopp sowieso schon gesehen.“
„Ich mache auch Fotos von allen Seiten“, versprach Oma Pusch. „Das ist dann weniger schlimm, als wenn man auch noch mit der Nase drüberhängt.“
„Sehr liebenswürzig von dir“, brummte Rita.
„Du hast im Grunde die wichtigste Aufgabe“, erklärte ihr Oma Pusch. „Wir müssen uns voll und ganz darauf verlassen, dass uns niemand stört oder gar entdeckt. Sonst kommen wir in Teufels Küche.“
„Ja, ja, lass gut sein“, erwiderte Rita. „Nun los, ab zum Strand!“
Der Glatzenkopp
Hinnerk, Oma Pusch und Rita taten so, als ob sie normale Touristen wären. Scheinbar sorglos bummelnd und kichernd überquerten sie den Deich, liefen über die Sandfläche und peilten den Platz an, den Hinnerk in Erinnerung hatte. Leider hatte sich dort ganz in der Nähe eine Familie mit einer Strandmuschel niedergelassen. Von Lina, dem älteren Herrn, der hinter Hinnerk hergewesen war, und dessen Gattin fehlte jede Spur.
„Herrje, ich fürchte, man hat Lina ins Krankenhaus gebracht“, sorgte sich der alte Fischer.
„Da ist sie doch in guten Händen“, versuchte Oma Pusch ihn zu beruhigen.
„Schon, schon“, erwiderte er.
„Ja, ganz bestimmt. Sie wird sich dort gut erholen. Und ihr könnt euch ganz in Ruhe um die Angelegenheit im Sand kümmern. Das hat doch auch was“, flüsterte Rita den beiden zu, damit die Leute nebenan nichts mitbekamen.
Sie waren ein bisschen zu dicht an der vermuteten Stelle. Dort zeigte sich ein kleiner Huckel auf dem Boden. Mist, und jetzt steuerte deren nackiger Spross direkt darauf zu.
„Mama, da ist ein Berg, kann ich da buddeln?“, rief der Pöks seiner Mutter zu.
Hinnerk, Rita und Oma Pusch blieb die Luft weg.
„Um Himmels willen, wir müssen ihn aufhalten“, wisperte Rita.
„Mir wär’s lieber, wir könnten die ganze Familie von hier weglocken. Nicht, dass die auch nur das Geringste von unseren Aktivitäten mitkriegen“, flüsterte Hinnerk.
„Ich überleg mir was“, zischte Oma Pusch, die ein weiteres Pärchen mit Argusaugen fixierte, das sich diesem Ort am Strand näherte. Verständlich im Grunde, denn hier war man etwas weiter ab vom Schuss und musste nicht in der Masse der anderen Leute liegen. Während die Sonne mit fast 30 Grad unbarmherzig von oben brannte, kam Oma Pusch eine Idee, denn der kleine Junge war bereits gefährlich nah.
„Hilfe!“, schrie sie so laut sie konnte. „So helft mir doch! Eine Kreuzotter! Nehmen Sie Ihren Sohn weg! Um Himmels willen, so einen Biss überlebt man nicht unbedingt, vor allem nicht, wenn man noch so klein ist.“
Ringsherum fielen die Menschen in Schockstarre. Kurzerhand packte Oma Pusch den Knirps und trug ihn zu seinen Eltern.
„Es ist am Rand des Strandes nicht ungefährlich. Die Biester halten sich hier gerne zwischen Sand und Erde auf. Besser, Sie gehen etwas weiter nach dort.“ Oma Pusch zeigte in Richtung Hafen.
Die Eltern, die ihre Sprache immer noch nicht wiedergefunden hatten, aber den Jüngsten sich mit Bisswunden windend vor ihren Augen sahen, bauten in Nullkommanichts ihre Strandmuschel ab und suchten das Weite. Das Pärchen mit fester Liegeabsicht im Gefahrenbereich schwenkte sofort zur Seite ab und schaute nach einem anderen Plätzchen.
Hinnerk grinste. „Kreuzotter? Du bist ja echt mit allen Wassern gewaschen. Hier kriecht nicht mal ein Wattwurm vorbei.“
„Ist doch egal“, schmollte Oma Pusch. „Haben wir unser Ziel erreicht, oder nicht? Los, lass das Zelt aufpoppen, damit wir loslegen können. Und du, Rita, geh auf deinen Beobachtungsposten. Von jetzt an darf uns niemand stören.“
„Aye, aye, Kapitän“, sagte Rita und salutierte.
Während Hinnerk kurz an der buckeligen Stelle nach dem Hut grub, um den richtigen Platz für das Zelt zu finden, stand Rita wie ein Zinnsoldat mit Blick Richtung Strand und Hafen. In ihrer Hand hielt sie den Eimer, jederzeit bereit, ihn einem Spanner über den Kopf zu hauen, wenn er zu neugierig wurde. Schaufel und Schere waren unterdessen mit Hinnerk und Oma
Pusch ins Zelt gewandert. Da es draußen schon wahnsinnig heiß vom Himmel stach, kam es den beiden im Inneren zunächst wie eine Erleichterung vor, aber nur, bis die Sonne den dünnen Stoff durchdrungen hatte und die Luft unbarmherzig aufheizte. Dann saßen sie auch hier in ihrem eigenen Saft.
Den Kopf hätte man inzwischen nicht nur optisch finden können. Auch ihm hatte die Wärme zugesetzt, obwohl der Sand das Schlimmste verhindern konnte. Oma Pusch, die erst einmal nur einen Schnitt durch den Boden des Zeltes gemacht hatte, um es über den Schädel zu stülpen, fuhr nun beherzt fort und entfernte das untere Gewebe weiträumig rings um den Hut herum, der schon sichtbar war.
„Ist die Luft rein?“, fragte sie, bevor sie nun das zu untersuchende Objekt freilegte.
„Alles paletti“, erwiderte Rita. „Niemand mag Schlangen. Das wird sich herumsprechen. Falls einer kommt, sage ich, ihr sucht ein ganzes Nest von Kreuzottern.“
„Das ist ein guter Plan“, freute sich Oma Pusch und nahm einen Pinsel aus der Tasche.
„Uh“, sagte Hinnerk, „vorhin hat der noch nicht so gemüffelt.“
„Echt?“, fragte Oma Pusch und rümpfte die Nase. „Bist du sicher, dass es die Glatze ist?“
Beleidigt schwieg der alte Fischer. Was konnte er dafür? Er hatte geschwitzt und zum Duschen war keine Zeit geblieben. Das wusste Lotti doch.
„Kannst du bitte mal mit der Lampe genau auf den Schädel leuchten“, bat Oma Pusch. „Ein schlanker Mensch war das nicht. Eher ein Dickschädel!“ Sie kicherte nervös. „Ich will von allen Seiten Aufnahmen mit dem Smartphone machen.“
Jetzt im grellen Licht sah der Kopf irgendwie gruselig aus. Man sah, dass die Haut teilweise aufgeplatzt war, und da, wo einmal die Augen gewesen waren, klafften nur zwei Höhlen. Wobei Oma Pusch stutzte, als sie mit dem Smartphone noch genauer hineinleuchtete. Da steckte doch irgendwas Blinkendes drin, wenn man es direkt anstrahlte. Das war merkwürdig. Sie hatte keine Ahnung, was es sein konnte.
„Hast du was zum Prokeln?“, erkundigte sich Oma Pusch.
Widerwillig zog Hinnerk sein Schweizer Taschenmesser aus der quietschgelben Hose. Das hatte er immer dabei, ohne Wenn und Aber. Doch eigentlich wollte er nicht, dass sie sein Heiligtum dazu verwendete, um in den Augenlöchern eines Toten herumzustochern. Das war ekelig. Wie sollte er das je wieder sauber bekommen? Richtig sauber, so mit Desinfektionsmittel. So etwas hatte er nicht.
„Nun gib schon her!“, befahl Oma Pusch, die seine Gedanken erriet. „Ich sprüh dir das nachher ein oder wir legen es in Brennspiritus, keine Bange. Das ist nachher so keimfrei wie ein frisch gewickelter Babypopo, versprochen.“
Nicht wirklich überzeugt, aber ohne dass er eine Alternative in petto hatte, reichte ihr Hinnerk das geliebte Werkzeug mit ausgeklappter Klinge. Zuerst hatte er überlegt, ihr den Korkenzieher anzubieten. Den benutzte er nie, weil er immer nur Bier und Köm trank, aber wenn das nicht gegangen wäre, hätte sie zwei Teile beschmutzt. Das wollte er auch nicht. Was für ein Dilemma.
„Sei vorsichtig, das ist scharf“, warnte Hinnerk noch, aber Lotti bohrte schon und förderte zwei Steine zutage, die zu leicht waren für ihre Größe.
„Habt ihr das Schlangennest schon gefunden?“, rief Rita plötzlich laut von draußen.
„Wir graben noch, das müssen mindestens zehn Kreuzottern sein“, brüllte Oma Pusch zurück.
Das Ehepaar mit Baby in der Trage nahm sofort Reißaus.
„Die Luft ist wieder rein“, ließ Rita die beiden im Zelt wissen. „Schon was Neues?“
„Ja“, berichtete Oma Pusch, „anstatt Augen hatte der Bernstein in den Höhlen. Wenigstens glaube ich, dass es welcher ist. Guck du mal!“ Sie reichte Rita zwei Klumpen, die sie in ihrem Seidentuch hielt.
Die kreischte. „Bist du wahnsinnig? Das fasse ich nicht an.“
„Dann nimm halt ein Taschentuch raus und leg sie da rein“, grummelte Oma Pusch. Rita war manchmal umständlich. „Du musst sie ins Sonnenlicht halten, aber ich denke, das Gewicht spricht schon für sich. Sie wiegen fast nichts.“
„Moment“, bat Rita und nestelte in ihrer Jackentasche herum. Schließlich zog sie ein umhäkeltes Spitzentuch heraus und nahm die Steine widerwillig entgegen. Sie würde es auskochen müssen, aber ob die Spitze das aushielt?
„Denkst du echt, das ist Bernstein? Dann ist es wahnsinnig viel wert“, vermutete Hinnerk. Er konnte jeden Cent gebrauchen, und es würde ja niemand wissen, dass da im toten Kopf Kostbarkeiten gesteckt hatten. Sie konnten durch drei teilen.
„Nee, Hinnerk, so viel sind die Klunker heute bestimmt nicht mehr wert“, bedauerte Rita.
„Da muss ich dir aber entschieden widersprechen“, schaltete sich Oma Pusch ein, „denn das Gramm wird teurer als Gold gehandelt. Ich wollte mir neulich Ohrringe machen lassen und bin hinten übergefallen, als ich den Preis hörte.“
„Steck sie ein, Rita“, rief ihr Hinnerk aus dem Zelt zu. „Wir teilen dann.“
„Nix da, die stecken wir schön wieder in die Tiefe, damit alles unversehrt und an seinem angestammten Platz ist, wenn mein Neffe, der emsige Oberkommissar Eike Hintermoser, den Schädel später findet.“
„Mist“, brummte der alte Fischer und sah seine Felle davonschwimmen.
„Wir gucken jetzt erst mal, ob da an dem Kopf noch wer unten dranhängt“, beschloss Oma Pusch, „und dann brechen wir unsere Zelte ab, im wahrsten Sinne des Wortes. Hinnerk, du gräbst, hier ist die Schaufel!“
Der Angesprochene war nicht gerade begeistert, denn er schwitzte trotz der leichteren Klamotten inzwischen wieder wie verrückt. Das Wasser lief ihm den Rücken hinab. Aber Hinnerk schippte natürlich. Er war selbst neugierig.
Während er grub, blieb Oma Pusch mit ihrem Smartphone ständig auf der Lauer. Mittlerweile mussten sie den Sand aus dem Eingang des Zeltes werfen, damit sie sich innen noch bewegen konnten.
„Ich sehe Schultern“, sagte Oma Pusch angespannt. „Scheint wohl doch eine ganze Leiche zu sein.“
Doch da fiel der Kopf mit einem Mal nach vorn um, und sie entdeckten das ganze Dilemma. An dem Schädel waren zwar ein Hals und auch eine Schulterpartie dran, aber mehr nicht. Darum hatte das Stillleben Übergewicht bekommen.
„Ih“, klagte Hinnerk beim Anblick des fehlenden Körpers.
„Ah, nur eine Büste“, freute sich Oma Pusch, „so etwas hatten wir noch nie.“
Vor lauter Neugier steckte Rita ihre Nase durch den Zelteingang. „Das will ich sehen!“
„Bleib draußen“, zischte Oma Pusch, „nicht, dass uns jetzt noch jemand entlarvt. Das wäre eine Katastrophe!“
„Ist ja schon gut“, maulte Rita, „dass du mir das alles aber schön auf Bildern festhältst.“
„Ehrensache“, erwiderte ihre Freundin und drehte den Körperteil mit Hinnerks Hilfe um, damit sie Fotos von allen Seiten machen konnte. „Wo der Rest wohl ist?“, sinnierte sie.
„Stimmt, das wäre interessant“, gab Hinnerk zu, „es fehlt ja ziemlich viel. Könnte sein, dass der Rest an verschiedenen Stellen hier am Strand verbuddelt worden ist. Das braucht weniger Platz, als wenn du einen ganzen Kerl einbuddeln musst.“
„Ist es ein Mann?“, fragte Rita von draußen.
„Schwer zu sagen“, gab Oma Pusch zu. „Das dachte ich zuerst, aber jetzt bin ich mir ehrlich gesagt nicht mehr so sicher.“
„Komm, dann lass uns jetzt Schluss machen und schnell von hier weggehen“, drängte Hinnerk. Ihm war nicht nur heiß von der Sonne. Er hatte auch ein schlechtes Gewissen. „Streuen wir jetzt nur Sand drüber und hauen schnell ab!“, schlug er vor.
„Nee, nee“, kam es von Oma Pusch. „Ihn oder sie buddeln wir feinsäuberlich genau so wieder ein, wie wir ihn gefunden haben. Es soll doch alles ganz Original sein.“
Hinnerk seufzte. Er hatte es befürchtet. Doch das Ganze war nicht so einfach. Wieder und wieder rieselte der Sand nach, sodass es nur mit Oma Puschs Hilfe gelang, die Büste ordnungsgemäß zu vergraben. Nun kam auch sie ins Schwitzen.
„Wer von uns verständigt denn gleich die Polizei?“, fragte Oma Pusch scheinheilig. Sie hatte nämlich keine Lust, sich von ihrem Neffen Oberkommissar dumme Sprüche anzuhören. Das kannte sie zur Genüge. Und sie wusste auch, dass Hinnerk mit Sicherheit nicht dazu bereit war, weil er bisweilen schlechte Erfahrungen mit den Beamten gemacht hatte. Blieb also nur Rita übrig. Sie schien es aber nicht zu kapieren, denn es blieb still. Also legte Oma Pusch nach.
„Ritalein“, säuselte sie, „du bist doch immer so verbindlich und höflich. Diese Aufgabe solltest du übernehmen. Dir kann man einfach nicht böse sein.“
Die Freundin fühlte sich einerseits gebauchpinselt, andererseits hatte sie keine Lust, bei der Kripo anzurufen.
„Ich mach’s bestimmt nicht. Da könnt ihr euch auf den Kopf stellen“, funkte Hinnerk dazwischen und schaufelte Sand über die toten Schultern.
„Wir müssen noch bis zu den Ohren“, überlegte Oma Pusch. „Dann setzen wir ihm oder ihr die Kopfbedeckung wieder auf und fertig. Rita könnte doch so tun, als sei sie am Strand entlanggegangen und hätte den Hut aufgehoben. Dann muss sie nicht mal anrufen. Einfach ein bisschen schreien und zetern. Ich wette, irgendein Depp wird dann schon die Polizei verständigen. Sind ja genug Leute hier.“
Rita stöhnte. „Na gut, wenn ich nicht selbst anrufen muss, mache ich es, aber ich will keinesfalls befragt werden.“
„Dann musst du ganz schnell wegrennen, während du schreist und am besten vorher den Strohhut wegschleudern, damit man die Glatze sieht. Später mischst du dich einfach unters Volk. Das ist die beste Tarnung“, sagte Oma Pusch. „Vorher müssen Hinnerk und ich aber weg sein. Klar?“
„Ja, ja, schon gut“, erwiderte Rita, „dann macht mal, dass ihr wegkommt. Wir treffen uns gleich im Kiosk.“
Das ließen sich die beiden nicht zweimal sagen. Ruckzuck rollte Hinnerk das Zelt ein. Oma Pusch nahm Rita den Eimer ab, legte Schere und Sandschaufel hinein und schlenderte eingehakt mit dem alten Paradiesvogel in Richtung Hafen zurück. Heimlich im Gepäck trug sie eine ganze Menge Fotos des merkwürdigen Torsos. Der Hut blieb auffällig zurück.
Ritas Schauspiel
Sehnsüchtig blickte die Freundin hinter Oma Pusch her. Dies hier war eine Aufgabe, der sie sich nicht wirklich gewachsen fühlte. Eigentlich log sie nicht, sondern sagte immer die Wahrheit, bis auf ein paar kleine Notlügen vielleicht, aber das machte ja jeder. Dafür musste man sich nicht schämen, doch hier am Strand jetzt ein Riesenzinnober zu veranstalten, das war so gar nicht ihre Art. Na ja, es half nichts, mit seinem Schicksal zu hadern. Sie hatte es versprochen und wollte Lotti nicht im Stich lassen. Damit Rita nicht wie Piksieben herumstand, hielt sie ihre Hand über die Augen und tat so, als ob sie aufs Meer starren und nach irgendeinem imaginären Schiff Ausschau halten würde. Als die beiden Totengräber außer Sicht waren, fasste sie sich ein Herz und schlenderte wie zufällig in Richtung Hut, hob ihn auf und fing wie wild an zu kreischen. Dabei trampelte sie auf der Stelle. Es sah eher komisch aus, tat aber seine Wirkung. Die Leute wurden neugierig und wollten ihr zur Hilfe eilen.
„Hilfe, eine tote Leiche!“, schrie Rita, um für noch mehr Tumult zu sorgen. „Mit ohne Augen, ihh!“
Jetzt gab es kein Halten mehr. Die menschliche Natur war im Grunde schlicht. Sensationslust trieb all die Touristen wie von Zauberhand herbei, die in Hörweite am Strand waren. Das wollte man sehen. Nachdem sich eine Traube um den bedauernswerten Schädel gebildet hatte, zog sich Rita unauffällig aus der Affäre, indem sie mit kleinen, leisen Schritten rückwärtsging. Zur Tarnung zog sie sich den Dekoschal, den sie um den Hals trug, wie ein Kopftuch über. Die Enden baumelten über die Schulter. Ihre Brille steckte sie in die Tasche, dann schlüpfte sie aus der Hose. Glücklicherweise war ihre Bluse lang genug. Bisher hatte sie sie in den Bund gesteckt. Jetzt sah es aus, als ob sich eine ältere Dame im Strandkleid vor der sengenden Sonne schützte. Die Verwandlung war perfekt. In einiger Entfernung blieb sie stehen und blickte zurück. Die Menschentraube war noch größer geworden. Sie konnte den Kopf ganz getrost seinem Schicksal überlassen. In Kürze würde er geborgen werden. Damit würde auch die Suche nach dem Mörder beginnen. Denn eins war ja wohl sonnenklar: Niemand, der keinen Dreck am Stecken hatte, wäre auf die Idee gekommen, einen Torso am Strand zu vergraben.
Konspirative Sitzung im Kiosk
Als Rita am Kiosk ankam, hatte Oma Pusch alle Hände voll zu tun. Hinnerk stand hinten an der Anrichte und schmierte Brötchen, während ihre Freundin einen großen Eimer mit Rollmöpsen öffnete. Die Schlange vor dem Kiosk war lang. Dass Oma Pusch die besten Rollmopsbrötchen in Neuharlingersiel anbot, war längst kein Geheimtipp mehr. Mit einem Spritzer aus der Honigflasche verlieh sie den Snacks einen besonderen Pfiff. Außerdem geizte sie nicht mit dem Fisch und legte ein Röllchen mehr drauf. Jetzt, so kurz vor Mittag, regte sich der Appetit der sonnenhungrigen Strandlieger.
Aber heute konnte man behaupten, dass sich eine wahre Invasion vor dem Tresen tummelte. Das war einerseits gut, weil Oma Pusch viele Menschen ausfragen konnte, andererseits sprengte die Masse an Touristen schon fast die Kapazität ihrer Ressourcen.
„Rita, hol mal bitte schnell noch 20 Brötchen bei Hinrichs“, bat Oma Pusch. „Wir sind gleich ausverkauft.“
„Schick doch Hinnerk und ich schmiere weiter. Das geht mit Sicherheit schneller“, schlug Rita vor.
„Auch wieder wahr“, gab Oma Pusch zu. „Du hast mehr Routine.“
„Hab’s schon kapiert“, sagte Hinnerk und schmunzelte. „Ihr Weiber wollt unter euch sein, aber glaubt ja nicht, dass ihr mich ausbooten könnt. Ich bin gleich wieder mit von der Partie, dass das klar ist.“
„Ja, ja, du oller Meckerheini“, zischte Oma Pusch, ohne dass der Fischer es hören konnte. Dann drückte sie ihm einen Zehneuroschein in die Hand.
„Das sind ja mindestens 20 Mann, die da anstehen“, wunderte sich Rita. „So was hatten wir noch nie.“
Oma Pusch machte ein nachdenkliches Gesicht. „Das liegt alles an der Klimaerwärmung, weißt du. Bei über 40 Grad hältst du es im Inland ja auch nicht aus. Darum flüchten jetzt alle entweder in die Berge oder an die Nordsee. Ans Mittelmeer will überhaupt niemand mehr. Wer möchte sich schon grillen lassen! Du hast es doch vorhin gesehen. Der ganze Strand war bunt von Touristen. Ich mag es ja, wenn viel los ist, aber das ist mir ehrlich gesagt schon einen Schlag zu viel. Wo soll das noch hinführen?“
„Ich hoffe, Hinnerk beeilt sich, sonst sitze ich hier bald auf dem Trockenen. Nur drei Brötchen sind noch da“, seufzte Rita. „Wie sieht es denn mit den Rollmöpsen aus?“
„Keine Bange, alles andere ist reichlich da, auch der Honig“, beruhigte Oma Pusch ihre Freundin.
Doch mit einem Mal lief jemand auf die Warteschlange zu, gestikulierte wie wild und die Leute liefen in Richtung Strand. Nur zwei Hartgesottene blieben am Tresen stehen. Der Rest hatte sich verflüchtigt.
„Oha“, stöhnte Oma Pusch. „Was ist das denn jetzt? Wo sind die alle hin?“
„Wir hörten was von Polizei“, erklärte die Kundin, die mit ihrem Mann auf zwei Rollmopsbrötchen wartete.
„Echt? Hoffentlich kein Badeunfall“, sagte Oma
Pusch scheinheilig. „Mit vollem Magen sollte man ja nicht ins Wasser, und jetzt zur Mittagszeit hält sich vielleicht nicht jeder dran.“
„Das ist gut möglich“, erwiderte die Frau, „aber dass die da alle gleich hinrennen müssen.“
Oma Pusch zuckte mit den Schultern und reichte dem Ehepaar zwei Teller. Sie wollten direkt am Kiosk speisen. Darum war nur ein ganz leises Gespräch mit Rita möglich.
„Unser Plan ist aufgegangen“, freute sich Oma Pusch, „und wir sind fein raus. Wenn Hinnerk wieder hier ist, soll er die Stellung halten. Ist ja nix mehr los. Höchste Zeit für uns, schnell zum Strand runterzudüsen. Wo ist das Zelt? Wir könnten uns von der Drachenwiese her anschleichen. Ich hab ja den Boden rausgeschnitten. Wenn wir uns klein machen und langsam auf
Knien ranrobben, sieht niemand, dass das Zelt wie von Geisterhand immer mehr in Richtung Fundort wandert. Möglicherweise gelingt es uns, meinen Kommissarneffen Eike zu belauschen oder Enno zuzuhören, wenn er aus dem rechtsmedizinischen Nähkästchen plaudert.“
Hinnerk stutzte, als er zurückkehrte. „Huch, wo sind die denn alle hin?“
„Die Polizei ist am Strand“, erklärte Oma Pusch und hatte damit die beste Garantie, dass Hinnerk lieber im Kiosk bleiben würde. „Was hältst du davon, wenn Rita und ich schnell mal spionieren gehen? Anschließend beratschlagen wir zu dritt, was zu tun ist. Einverstanden?“
„Ja, ja, geht ihr ruhig, ich bleibe lieber hier. Mir ist so heiß. Der Weg zum Bäcker hat mich richtig geschafft“, ächzte Hinnerk zur Untermalung.
„Okay, bis gleich“, erwiderte Oma Pusch.
Mit dem Zelt in der Hand liefen die beiden Frauen an Hinnerk vorbei.
„Was wollt ihr denn damit?“, fragte er.
„Keine Zeit, erklären wir dir später“, rief Rita ihm zu.
Dann waren die zwei Hobby-Ermittlerinnen schon außer Sicht.
Spionage im Zelt
Oma Pusch und Rita hatten beschlossen, sich der Sache von Westen aus zu nähern. Auf der Drachenwiese war im Gegensatz zum Strand weniger los. Während sie auf dem Deich entlangliefen, hatten sie von oben eine gute Sicht auf den Fundort. Doch auch hier standen bereits einige Gaffer, denen sie ausweichen mussten. Unten, wo der Torso vergraben lag, hatte sich eine Traube von Menschen rund um die Absperrung gebildet. Das war Mist, denn es behinderte ihre geplante Aktion. Sie mussten unbedingt auf Hörweite an das Geschehen herankommen und wussten noch nicht wie.
Oma Pusch zog ihr Smartphone heraus und stellte die Kamera ein.
„Was machst du denn da?“, wunderte sich Rita. „Wir wollten doch möglichst schnell da hin.“
„Nur Geduld, meine Liebe“, antwortete Oma Pusch. „Ich will nicht fotografieren, sondern mit dem Zoom nachgucken, wer alles schon da ist.“
„Den Leichenwagen deines Sohnes Nils habe ich vorhin aus den Augenwinkeln gesehen“, informierte Rita ihre Freundin.
„Kein Wunder“, lachte Oma Pusch, „dem hab ich ja auch eine WhatsApp-Nachricht geschickt. Nicht, dass die anderen Geier vor ihm da sind und er keine Geschäfte macht. Er braucht das Geld. Du weißt doch, dass er seit Kurzem eine Perle hat. Endlich!“
„Kennt sie seinen Beruf?“, hakte Rita nach.
„Ja, aber das hat sie nicht abgeschreckt, eher meine Wenigkeit, weil ich kürzlich mal zufällig und aus Versehen bei ihm reingestürmt bin, weil ich dachte, dass es ihm schlecht ging. War aber echt nicht meine Absicht, in so eine delikate Situation . . .“
„Ja, ich erinnere mich an die Geschichte“, fiel Rita wieder ein. „Wenn sie trotzdem noch da ist, könnte das nun doch noch was werden mit den Enkeln. Desinfiziert Nils sich eigentlich hinterher?“
„Nach dem Sex?“, fragte Oma Pusch perplex. Sie war in Gedanken noch in Nils’ Schlafzimmer.
„Nein, nach der Arbeit, Lotti, was sonst?“
„Keine Ahnung, wahrscheinlich ja. Was interessiert mich das denn? Warte, ich erkenne Eike da am Strand und in Uniform den Martin Hinrichsen. Mein Schwager Enno ist auch schon da mit seiner Arzttasche. Er steht aber bei den Gaffern an der Absperrung. Keine Ahnung, warum. Ach, guck, da ist auch die Nele von der Spurensicherung. Wo wohl ihr Chef Bodo Siebenstein rumschwirrt? Den kann ich nirgends entdecken. Aber Nils und Rico sind mit einem schwarzen Leichensack da, glaube ich. Wir müssen uns beeilen, wenn wir noch irgendwas mitkriegen wollen.“
Gesagt, getan. In Windeseile rannten die Seniorinnen über die Wiese. Man sollte nicht meinen, wie fit sie noch waren. Das Radfahren, die Ermittlungen und der Kiosk hielten sie auf Trab. Da blieb einfach keine Zeit zum Älterwerden. Vorsichtig näherten sie sich über das Gras hinweg und stülpten sich dann das Zelt über. Jetzt ging es nur noch im Zeitlupentempo und auf Knien weiter.
„Mensch, wie kommen wir denn da nur ganz dicht ran?“, überlegte Rita flüsternd. „Sehen tun wir ja sowieso kaum was, aber hören wäre toll.“
„Ich hab eine Idee“, wisperte Oma Pusch zurück und lugte durch das kleine Dreieck an der Vorderseite, das nur mit einem Fliegengitter bespannt war. Als sie sich nahe genug an die Menschenmenge herangerobbt hatten, verstellte sie ihre Stimme. „Achtung, Achtung! Aus dem Weg! Bitte Platz machen für die Spurensicherung! Sie behindern sonst die Bodenuntersuchungen.“
Diese Aussage war nicht ganz ungefährlich. Sie musste in der richtigen Lautstärke erfolgen. Leise genug, um die echten Ermittler nicht zu erreichen, aber kräftig genug, um die Gaffer zu beeindrucken. Kurzfristig erwog Oma Pusch, auch die vermeintlichen Kreuzottern erneut ins Spiel zu bringen, aber das hätte möglicherweise zu einer Panik geführt und ungewollt Aufmerksamkeit erregt. Das konnten die beiden Frauen auf keinen Fall gebrauchen. Sie robbten langsam weiter. Aber die Ansage aus dem Dunkel des Zeltes hatte Wirkung gezeigt. Wie ein Heringsschwarm teilte sich die Menge und ließ sie durch, um danach wieder zusammenzuschwappen. Rita und Oma Pusch waren unsichtbar eingeschlossen in den Reihen der Touristen und daher in der besten Deckung, die man sich vorstellen konnte. Als Oma
Pusch jedoch vorsichtig die Nase aus dem Reißverschluss steckte, blickte sie direkt auf den Zipfel eines durchscheinenden Nachthemdes und ein Paar sehr alte, nackige Beine. Der Seewind ließ vermuten, dass sich unter dem geblümten Kleidungsstück nichts weiter befand, aber das wollte Oma Pusch nicht so genau wissen, denn sie hatte bereits erkannt, wer da vor ihr stand und sich auf seinen Rollator in Violett metallic stützte.
„Direkt vor uns steht die alte Marga“, flüsterte Oma Pusch ihrer Freundin zu.
„Wie ist die denn bis hierhergekommen?“, wunderte sich Rita.
„Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht“, wisperte Oma Pusch, „aber ich glaube, sie hat keine Unnerbüx an.“ Dann lauschte die heimliche Ermittlerin in Richtung Fundort, indem sie ihre Hände wie einen Trichter an die Ohren hielt.
„Kannst du denn was verstehen?“, erkundigte sich Rita.
Oma Pusch schüttelte den Kopf. „Aber ich kann ein bisschen was sehen. Warte!“ Sie zog wieder das Smartphone hervor und stellte auf zehnfache Vergrößerung. Dann lachte sie leise. „Du, die pinseln an der Glatze herum. Wahrscheinlich wissen die noch nicht mal, dass da unten kaum was dranhängt.“
„Hast du das Nils denn gesagt? Ich meine, damit er und Rico nicht erst mit so einem großen Transportsarg anrücken“, erklärte Rita.
„Bin ich bescheuert?“, fragte Oma Pusch. „Damit hätten wir uns doch verraten. Ich weiß aber, dass die neuerdings sowieso nur noch mit den schwarzen Säcken rumlaufen. Der Junge kommt auch langsam in die Jahre, weißt du. Ich glaube, er hat es mit dem Knie. Tagtäglich diese Schlepperei! Und oft der Weg durch den Sand, da sinken sie sonst noch mehr ein, wenn dann auch noch das Gewicht vom Sarg dazukommt. Rico hat sich schließlich durchgesetzt. Jetzt haben sie diese Säcke. Okay, die sind sicher praktisch, aber ich finde trotzdem, dass so ein Körper auf diese Weise wie Abfall verpackt wird. Daran werde ich mich nie gewöhnen.“
„Do geiht wat för!“, dröhnte es plötzlich krächzend über ihren Köpfen. „De Düvel is överall!“
Oma Pusch konnte sehen, wie die Ermittler am Strand zusammenzuckten. Jeder kannte die hochbetagte Marga, die der Zahl 100 bereits näher war als der 90. Meist erzählte sie vom Teufel und seinen Heimsuchungen. Wer konnte, wich ihr aus und suchte das Weite, doch oftmals erschien sie direkt bei der Polizei und erzählte ihre unheimlichen Geschichten. Man nahm sie nicht ganz ernst, aber über den Grad ihrer Demenz war sich niemand bewusst. Klar war nur, dass sie nicht mehr alle Lichter am Christbaum hatte. Nichtsdestotrotz hatten Oma Pusch und Rita herausgefunden, dass immer ein Körnchen Wahrheit in ihren Erzählungen steckte. Wenn man ihr genau zuhörte und pfiffig kombinierte, konnte man aus ihren Worten einen Teil herauslesen, der der Realität nahe kam. Das eine oder andere Mal hatte dieser Umstand Rita und Oma Pusch in die Lage versetzt, Fälle zu lösen, bevor die Kripo eine Ahnung hatte.
„De hätt sin Kopp verloren“, wusste Marga und schrie es gegen den Wind.
Nele Freese, die blonde Schönheit von der Spurensicherung, stöhnte. „Nicht wieder die olle Schnepfe!“
„Ist denn da nur ein Kopf?“, erkundigte sich Oberkommissar Eike Hintermoser neugierig. Wer sich über den merkwürdigen Namen wundert, bei dem Vorne und Hinten nicht zusammenzupassen scheint, schaut mal eben schnell ins Personenregister am Ende des Buches.
„Nee, ich sehe auch schon Schultern“, erwiderte Nele genervt. „Insofern hat die Alte unrecht.“
„Sie scheint mir auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel zu haben“, vermutete Oberkommissar Niklas Müller, der seit Kurzem das Team von Eike verstärkte. „Vielleicht ist sie nicht mehr ganz richtig im Kopf. Was hat sie überhaupt an? Ist das nur ein Nachthemd?“
Eike grinste frech. „Glaube mir, du wirst sie noch eher kennenlernen, als dir lieb ist, mein Freund.“
Eike Hintermoser und Niklas Müller hatten zusammen studiert. In dieser Zeit waren sie gute Kumpel geworden. Krischan Hansen, auch „Der Kaiser“ genannt, weil er im Grunde schon vor seiner Pension abgedankt hatte, würde nämlich bald in den Ruhestand gehen, und wegen der häufigen Mordfälle rund um Neuharlingersiel hatten sich die Oberen endlich entschlossen, eine weitere Kommissarenstelle zu bewilligen. Ob Hansens Posten wieder besetzt werden würde, war noch nicht bekannt, aber Eike hoffte es inständig.
„Wo ist eigentlich dein Chef, Bodo Siebenstein?“, fragte Eike.
„Der hat heute Urlaub, weil er im Garten helfen soll“, sagte Nele und grinste frech. „Ihr wisst schon, seine Lieblingsbeschäftigung. Ich wette, er wäre viel lieber hier.“
„Vielleicht tust du ihm einen Gefallen und rufst ihn an?“, schlug Eike augenzwinkernd vor. „Bei einem aktuellen Fall ist seine Anwesenheit doch bestimmt vonnöten, oder?“
„Seine Frau Trude wird mir den Kopf abreißen, aber okay, ich riskier’s, dann hab ich bei ihm was gut.“
Oma Pusch und Rita sahen, wie Nele sich ein Stück vom Fundort entfernte und telefonierte.
„Die brauchen Verstärkung!“, frohlockte Oma Pusch. „Wer weiß, was die noch entdeckt haben.“
„Vielleicht weitere Teile im Sand?“, überlegte Rita.
Neugierig beobachteten sie, dass sich Nele weiter an der Stelle zu schaffen machte.
„Aus dem Weg!“, dröhnte es plötzlich vom gegenüberliegenden Rand der Absperrung.
Die wohlbekannte Stimme gehörte einem älteren Herrn mit halblangem, weißem Haar. Er hatte einige Zeit dort gestanden und das Treiben beobachtet. Aber jetzt hielt er den Moment für gekommen, sich ins Geschehen einzubringen. Doktor Enno Esen hielt sich selbst für einen Müller-Wohlfahrt des Nordens. Doch seine Zeit als Schicki-Micki-Modearzt war längst abgelaufen. Die jungen, hübschen Touristinnen interessierten sich nicht mehr für ihn. Also war er vor einiger Zeit umgestiegen. Seine Praxis hatte er geschlossen, um als Rechtsmediziner an der Küste tätig zu sein. Das hatte gleich mehrere Vorteile. Von seinen Patienten bekam er keine Körbe mehr, sie quatschten auch nicht dumm rum, und seine Arbeitszeiten waren besser. Außer im akuten Fall teilte er sie sich einfach selber ein. Mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, dass er ein alter Sack war, auf den die Damen nicht mehr flogen. Also waren andere Prioritäten gesetzt worden. Enno genoss lieber einen schönen Wein bei gutem Essen und hatte ein Auge auf seine Schwägerin Lotti Esen geworfen. Klar, sie war kein knackiger Hüpfer mehr, aber durchaus amüsant, ziemlich intelligent und ließ ihn zappeln. Das liebte er. Heutzutage war es ihm wichtiger, sich in der Gegenwart einer besonderen Frau wohlzufühlen als die schnelle Nummer auf dem Schreibtisch im Arztzimmer. Ja, selbst er war mit den Jahren ruhiger geworden.
Am Leichenfundort kam er genau im richtigen Moment an. Nele Freese stand etwas fassungslos vor dem Torso, der ihr soeben auf die Knie gekippt war. Vorsichtig rutschte sie rückwärts.
„Na, was haben wir denn da?“, fragte Enno mit väterlicher Stimme. „Verbeugt sich da jemand vor dir?“
„Nicht witzig“, erwiderte Nele. „Das war echt nicht schön. Ich wollte nur den Sand entfernen, um die ganze Leiche für dich freizulegen.“
„Verstehe“, sagte Enno nach einem kurzen Blick auf das Unterteil der Büste, „fehlt wohl ein Stück, was? Also, dann lass mich mal ran. Ich schätze, du bist hier fertig. Wo ist denn Bodo?“
„Kommt gleich“, antwortete Nele knapp.
„Wär ganz gut, den Rest vor jemand anderem zu finden“, überlegte Enno laut.
„Was du nicht sagst“, war Neles Kommentar. „Und wenn du mir jetzt auch noch erzählst wo, bin ich hin und weg.“
Eike Hintermoser schaltete sich galant in das kleine Streitgespräch ein. „Ich hätte nicht übel Lust, den gesamten Strand zu sperren, aber wir hätten überhaupt nicht genug Leute, um den ganzen Sand umzugraben.“
„Stell dir mal vor, du würdest hier alle wegschicken“, gab Niklas zu bedenken. „Was meinst du, was das für einen Tumult gäbe. Meiner Meinung nach ist das Absperren auch gar nicht möglich. Meerseitig käme man immer ran, wenn man wollte.“
„Nun ja, man bräuchte zumindest etliche Kilometer Flatterband, wenn man nur den Sandbereich einkreisen wollte. Und wer sollte das bewachen?“, gab Enno zu bedenken.
„Das stimmt natürlich, aber was ist, wenn einer der Touristen auf weitere Leichenteile stößt? Zum Beispiel ein Kind beim Buddeln?“, fragte Eike.
Nele seufzte. „Wenn wir ehrlich sind, wissen wir, dass wir das sowieso nicht verhindern können. Ich glaube allerdings, dass das nicht passieren wird. Und wisst ihr auch warum?“
„Nee“, antwortete Eike.
Die anderen schüttelten den Kopf.
„Ganz einfach“, fuhr sie weiter fort. „Der Kopf guckte doch eindeutig aus dem Sand heraus, damit man ihn findet. Also muss das Absicht gewesen sein. Er sollte auffallen. Man könnte doch davon ausgehen, dass der Mörder das auch mit dem Rest des Körpers gemacht hat. Warum sollte er den verstecken?“
„Eine sehr mutige und zugleich fahrlässige Vermutung“, sagte Bodo Siebenstein plötzlich von hinten. Er hatte sich unbemerkt genähert und zugehört. „Eike hat recht, wir sperren weiträumig ab.“
„Guck mal!“, zischte Rita, „jetzt ist der Siebenstein da. Ich bin gespannt, was jetzt passiert.“
„Wenn du mich fragst, stehen die nur rum und labern“, ärgerte sich Oma Pusch leise. „Enno hat noch nicht mal die Büste untersucht. Was ist das nur für ein Saftladen? Da sind wir schon weiter.“
„Achtung, Achtung“, dröhnte es mit einem Mal vom Deich her. „Bitte verlassen Sie augenblicklich das Strandgelände! Dies ist ein Polizeieinsatz. Der gesamte Bereich zwischen Deich und Wasser wird augenblicklich abgeriegelt.“
„Das ist doch Krischan Hansen“, flüsterte Rita. „Wieso sperren die plötzlich alles? Und was ist mit uns?“
„Rückzug, würde ich sagen und zwar schleunigst“, antwortete Oma Pusch.
„Achtung, Achtung. Passen Sie auf Ihre Kinder auf. Ganze Abschnitte des Sandes sind verseucht. Es besteht Lebensgefahr“, fuhr Hansen fort. „Bei Zuwiderhandlungen wird ein Bußgeld von 300 Euro verhängt.“
„Jetzt trägt er aber viel zu dick auf“, meinte Oma Pusch.
Doch die Menschenmenge reagierte prompt. Familien rafften ihr Hab und Gut zusammen. Strandkorbmieter flohen über den gepflasterten Streifen am Meer, Kinder weinten und wurden von ihren Eltern fortgetragen. Nur Marga blieb wie angewurzelt stehen.
„Wat is denn nu los? Hebbt se ook de Düvel seggen?“, fragte die Alte verblüfft.
„Wir müssen ihr helfen“, sagte Rita. „Sie kapiert doch gar nicht, worum es hier geht.“
„Und wie soll das unauffällig gehen?“, erkundigte sich Oma Pusch. „Ehrlich gesagt hab ich noch überhaupt keine Lösung, wie wir hier überhaupt unentdeckt wegkommen sollen. Es lichtet sich bereits. Zurück bleibt nur unser Zelt. Wir werden auffallen.“
„Warte“, wisperte Rita und nestelte am Stoff ihres Verstecks herum.
„Was machst du denn da?“, erkundigte sich Oma Pusch.
„Das wirst du gleich sehen“, versprach Rita und riss den gesamten Boden heraus, teilte ihn und überreichte ihrer Freundin ein Dreieck.
Oma Pusch verdrehte die Augen. „Nicht dein Ernst. Soll ich das etwa als Kopftuch aufsetzen?“
„Klar, wir gehen im Partnerlook als Betreuerinnen von Marga ganz locker über die Strandpromenade zurück. Besser geht’s nicht!“, erklärte Rita.
Wider Willen musste Oma Pusch zugeben, dass das eine geniale Idee gewesen war. Wieso hatte sie die nicht gehabt? Gemeinsam banden sie sich die Tücher um und mussten grinsen. Das sah echt bescheuert aus, denn es entstellte sie total.
„Okay, dann stehen wir jetzt einfach auf und stülpen das Zelt über unsere Köpfe“, schlug Oma Pusch vor. „Anschließend haken wir Marga unter und schieben ab. Unser Versteck rollen wir ein und packen es in den Korb vom Rollator. Einverstanden?“
„So machen wir das“, stimmte Rita zu.
Niemand bekam die Verwandlung mit. Die Urlauber hatten sich bereits verstreut und befanden sich im Aufbruch. Niemand achtete auf ein Zelt, das plötzlich Beine bekam und verschwand.
„Marga“, sprach Oma Pusch die Alte an, „büschen frische Luft schnappen?“
„Nee, ihr lütten Deerns“, erwiderte sie.
Der Einfachheit halber wird der folgende Dialog auf Hochdeutsch wiedergegeben. Marga spricht nämlich nur Platt.
„Ich muss alles im Blick behalten. Der Teufel treibt hier wieder sein Unwesen“, erklärte sie den beiden Seniorinnen. In ihren Augen blieben die beiden immer kleine Mädchen. „Die Erde hat sich aufgetan“, berichtete sie weiter, „und einer ist zur Hölle gefahren.“
„Nicht so ganz“, wandte Oma Pusch ein, „denn der Kopf ist auf dem Weg nach unten wohl stecken geblieben. Sonst hätte man ihn nicht gefunden.“
„Ja, das ist merkwürdig“, wunderte sich Marga jetzt. „Ich hab mich schon gefragt, was die alle hier wollen. Es ist doch so heiß.“
„Sag mal, Marga, hast du eigentlich nur ein Nachthemd an?“, erkundigte sich Oma Pusch.
„Sicher, was Dünneres hatte ich nicht.“
„Und wo ist deine Unnerbüx?“, bohrte Oma Pusch weiter.
„Die hab ich wohl vergessen“, gab Marga zu. „Ist aber besser, dann kann ich laufen lassen. Merkt hier am Strand ja keiner. Haben wir früher überall so gemacht. Auf dem Weg zur Kirche, beim Bäcker …“
Rita verdrehte die Augen. „Weiß deine Tochter, dass du am Strand bist?“
„Gott bewahre“, sagte Marga mit schreckgeweiteten Augen. „Das darf die auf keinen Fall wissen, sonst komme ich ins Heim.“
„Keine Bange“, versprach Oma Pusch, „bei uns bist du in guten Händen. Aber komm, wir bringen dich jetzt nach Hause. Ist doch zu heiß draußen, selbst im dünnsten Hemd.“
Rechts und links eskortiert, schob die alte Frau von dannen. Sehr zur Beruhigung des Ermittlerteams, das schon befürchtet hatte, selbst tätig werden zu müssen. Wer die beiden unbekannten Frauen waren, die der Hochbetagten halfen, wusste man nicht. Man tippte auf hilfsbereite Touristen.
Wieder im Kiosk
Es hatte eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis Rita und Oma Pusch wieder an der Hafenpromenade angelangt waren. Außer Sichtweite konnten die beiden endlich ihre Kopftücher aus Zeltstoff ablegen. Die Kunstfaser hatte dafür gesorgt, dass ihnen der Schweiß überallhin rann. Inzwischen waren sie klatschnass, denn sie hatten sich auch sportlich betätigen müssen. Marga war einfach zu langsam vorangekommen. Also hatten sie sie kurzerhand auf die Sitzfläche ihres Rollators bugsiert und geschoben. Auf dem Pflaster am Strand war das noch halbwegs gegangen, aber zum Deich hin ging es steil bergan. Nur mithilfe eines freundlichen Rentners hatten sie schließlich den Spazierweg auf der Deichkrone erreicht, der zum Hafen führte. Doch kurz vor dem Parkplatz wartete die nächste Herausforderung auf sie.
„Mist, hier geht es steil bergab“, stöhnte Oma Pusch. „Glaubst du, wir können sie halten?“
„Das wäre mir zu heikel“, gab Rita zu.
„Aber zu Fuß wird sie es auch nicht schaffen“, sagte Oma Pusch, „weder auf den Treppen noch auf der Rampe. Ich frage mich allen Ernstes, wie sie überhaupt da zum Strand gekommen ist.“
Marga grinste. „Das wollt ihr wohl wissen, wie? Ganz einfach. Ich ruf immer den lütten Heinz an. Der hilft mir dann. Hier ist seine Nummer.“ Die Alte hielt Oma Pusch ihren Arm vor die Nase. Darauf stand in großen Lettern eine Nummer. „Siehste, min Deern, da rufste an. Und denn kommt der Heinz mit dem Taxi und holt mich hier oben ab.“
„Einen Versuch ist’s wert“, überlegte Rita laut.
„Um Himmels willen“, rief Oma Pusch plötzlich. „Mach du das mal mit dem Anruf. Ich muss sofort zurück zum Kiosk. Guck bloß, wie lang die Schlange jetzt wieder ist.“
„Kein Wunder“, erwiderte Rita, „die ganzen Menschen mussten doch auch vom Strand runter. Sie werden die Badepause nutzen, um schnell was zu essen.“
„Kann sein, aber ich wette, das wird heute nix mehr mit dem Baden“, wandte Oma Pusch ein, „die werden nämlich den gesamten Strand mit Baggern umgraben, wenn du mich fragst.“
„Da könntest du schon recht haben, aber ich glaube, die Mehrzahl wird rund um den abgesperrten Bereich herum lauern, um anschließend den besten Platz auf der Sandfläche zu ergattern“, sagte Rita.
„Egal, sollen sie machen“, antwortete Oma Pusch, „ich sause jetzt, bis später. Komm nach, sobald ihr Marga ins Taxi verfrachtet habt.“
Rita und Marga winkten ihr noch zu, während Lotti Esen den Deich hinabstürmte und so schnell sie konnte zum Kiosk rannte. Darin stand ein bunter Hinnerk mit rotem Kopf. Er war der Sache nicht gewachsen und versuchte, die Meute mit Ostfriesenwitzen zu erheitern. Eine Katastrophe!
Oma Pusch hörte gerade noch mit halbem Ohr, dass er nach drei Orten für Irrenanstalten fragte und selbst dabei grinste, als hätte er gesoffen. Eine sei natürlich in Ostfriesland, erklärte er, das wäre ja klar und eine im Osten, tja, und Bayern würde komplett überdacht. Nur er kicherte aus vollem Hals, denn der Witz kam bei allen jenseits der Elbe und des Weißwurstäquators überhaupt nicht gut an. Und die machten einen Großteil der Urlauber aus. Oma Pusch musste dringend eingreifen. Er verprellte ihr sonst die ganzen Kunden.
„Kleiner Witzbold, unser Hinnerk“, schaltete sie sich ein und zwinkerte den Wartenden zu. „Das liegt nur daran, dass er so einen platten Hinterkopf hat, was, Hinnerk? Es liegt am Trinken.“
„Ich weiß nicht, was du meinst“, versuchte sich der alte Fischer rauszureden, denn dem kühlen Hellen und dem Köm gegenüber war er weiß Gott nicht abgeneigt, „die paar Glas Bier.“
„Nee, als kleiner Junge, meine ich“, sagte Oma Pusch schelmisch.
Hinnerk machte ein richtig dummes Gesicht, denn er hatte absolut keine Ahnung, wovon sie eigentlich sprach.
„Na ja, Hinnerk, das hast du bestimmt vergessen, dass dir beim Trinken immer der Klodeckel auf den Kopf gefallen ist.“
Mit einem Mal war Stille vor dem Tresen. Diejenigen, die dem Gespräch gelauscht hatten, suchten das Weite und nahmen mit einem Backfischbrötchen von woanders vorlieb oder ihnen war der Appetit vergangen. Doch die lange Schlange rückte einfach auf. Oma Puschs Worte waren glücklicherweise nicht bis nach hinten durchgedrungen.
„Haben Sie keine Rollmopsbrötchen mehr?“, fragte eine junge Frau verwundert. „Wir stehen schon so lange an.“
„Doch, doch“, beruhigte Oma Pusch sie, „es ist genug für alle da. Manch einer will halt nicht warten“, redete sie sich raus.
„An den Strand dürfen wir im Moment sowieso nicht“, erzählte die Kundin. „Sie haben alles abgesperrt. Ob die da wohl eine Bombe gefunden haben?“
„Möglich“, erwiderte Oma Pusch, die es weiß Gott besser wusste, „aber ich glaube eher, dass da ein Verbrechen im Spiel ist“, flüsterte sie verschwörerisch. „Vielleicht sogar Mord …“
„Was?“, kreischte die Urlauberin vor Schreck und beugte sich dann aber neugierig vor. „Woher wissen Sie das?“, erkundigte sie sich leise.
„Ich habe da so meine Quellen“, flüsterte Oma Pusch geheimnisvoll. „Was glauben Sie, warum die jetzt den ganzen Strand abgesperrt haben und dort mit großen Baggern und Treckern umgraben?“
„Ja, aber wenn doch schon eine Leiche gefunden worden ist, warum suchen sie dann noch nach einer zweiten?“, wunderte sich die Kundin und nahm ihr Rollmopsbrötchen entgegen. Sie konnte ja nicht ahnen, dass nur der Teil eines Toten gefunden worden war. „Ich werde unten spionieren gehen. Falls ich was erfahre, komme ich wieder, versprochen. Mhhh, das Brötchen ist so was von lecker.“
„Das freut mich, meine Liebe, und falls Sie tatsächlich Neuigkeiten haben, gibt’s noch eins aufs Haus, versprochen!“, sagte Oma Pusch und winkte ihr hinterher.
„Hab ich da eben was von einer Leiche gehört?“, fragte ein Herr mittleren Alters. Er war als Nächster dran.
„Ja, wundern Sie sich denn nicht über diese groß angelegte Räumaktion?“, wollte Oma Pusch wissen. „Man sperrt doch mitten in der Saison nicht so einfach plötzlich den Strand. Wo kämen wir denn da hin?“
„Es könnte sich auch um eine andere Gefahrenlage handeln“, wandte der Mann ein. „Wenn zum Beispiel etwas angespült worden wäre, etwas Giftiges oder Kontaminiertes, das die Bevölkerung schädigen könnte.“
„Das glaube ich nicht“, antwortete Oma Pusch. „Außerdem reichen mir schon die ganzen Bierdosen und die weggeworfenen Pappen vom Pommesstand. Beim Backfisch gibt es auch so Papiertüten. Alles wird später einfach in die Gegend geschmissen. Darum sind wir dazu übergegangen, unsere Brötchen in Salatblätter zu wickeln. Erstens ist es gesund und zweitens nicht schädlich, wenn es unachtsam in die Natur geworfen wird.“
„So etwas hat es früher nicht gegeben!“, rief eine Seniorin aus der zweiten Reihe. „Keine Erziehung mehr heutzutage. Fressen und wegwerfen, wie es einem passt. Wo kommen wir denn da hin?“
„Manche entsorgen auch Tote“, kam Oma Pusch wieder auf ihr Thema zurück. „Die werden dann ebenfalls giftig, vom Leichengift nämlich. Darum muss der Sand drumrum großzügig abgetragen werden.“
Der Herr direkt vor dem Tresen verdrehte die Augen. „Also, Ihre Brötchen sind wirklich lecker, aber Ihre Fantasie geht mit Ihnen durch. Sie sollten vielleicht lieber Bücher schreiben.“
„Das wäre das Letzte, was ich täte“, lachte Oma
Pusch herzlich. „Im stillen Kämmerlein allein hocken und in die Tasten hauen. Ich brauche Menschen um mich herum!“
„Opa, bist du schon dran?“, rief es neben der Schlange. „Ich muss dir was erzählen.“
„Du solltest doch auf der Drachenwiese bleiben“, schimpfte der Senior.
„Das wollte ich auch, aber sie haben mich weggeschickt, und jetzt habe ich Hunger“, erklärte der kleine Justus.
„Dann nimm hier mal schnell ein Brötchen“, sagte Oma Pusch. Ihr wurde warm ums Herz. Sie liebte Kinder und wollte so gerne noch Enkel von Nils, dem Bestatter.
„Wer hat dich denn weggeschickt?“, wollte der Opa wissen.
„So ein Polizist mit riesengroßen Ohren“, erklärte der Pöks. „Ich habe aber trotzdem gesehen, dass die eine Schaufensterpuppe in den Sack gesteckt haben, aber nur das Oberteil.“
Der Großvater atmete tief durch.
„Ach, das war Martin Hinrichsen“, erklärte Oma
Pusch und kicherte. „Mein Neffe Eike nennt ihn heimlich Rhabarberblattohr, aber das darf er natürlich nicht wissen“, sagte sie mit einem Augenzwinkern zu dem Lütten.
„Nu such dir doch schon mal eine schöne Bank hier am Hafen, wo wir uns hinsetzen können“, schlug er seinem Enkel vor. „Ich komme gleich.“
„Wird gemacht!“, rief der und düste ab.
„Schaufensterpuppe“, seufzte er. „Na, dann haben Sie wohl doch nicht ganz recht mit Ihrer Vermutung, aber sind die nicht immer glatzköpfig?“
Oma Pusch nickte wissend. „Und sie können dennoch aus Fleisch und Blut sein.“
„Nun geben Sie mir schon mein Brötchen, sonst brauche ich gleich keins mehr, wenn Sie weitererzählen“, seufzte er. „Mir scheint, hier spinnen nicht nur Fischer Seemannsgarn.“
Das hatte Hinnerk im hinteren Bereich des Kiosks gehört.
„Nee, da hast du recht, min Jung. Die Weiber sind viel schlimmer mit dem Klönschnack als wir. Sieh dich bloß vor! Aber in dem Fall hat sie recht“, versicherte Hinnerk und winkte ihm zum Abschied zu.
„Dass diese Kerle immer so auf uns Frauen rumhacken müssen“, beschwerte sich die Seniorin. „Ein Rollmopsbrötchen, bitte.“
Hinnerk hatte unterdessen Routine bekommen und konnte sofort liefern. Einen Kommentar sparte er sich. Zufrieden ging die Alte weg.
„Was war das da eben mit der Schaufensterpuppe?“, erkundigte sich ein Mittdreißiger mit Vollbart. „Findet der ganze Zinnober nur statt, weil sie eine Plastikdame aus dem Sand gefischt haben? Hat sich da jemand einen Scherz erlaubt? Falls ja, fühle ich mich um einen
Urlaubstag am Meer betrogen.“
„Mein Lieber“, begann Oma Pusch besänftigend, „sei du mal froh, wenn das bei einem einzigen Tag bleibt, denn falls sich herausstellen sollte, dass wir es hier nicht mit Kunststoff zu tun haben, sondern“, sie räusperte sich, „sondern mit menschlichen Überresten, dann solltest du morgen lieber nach Benser-, Harle- oder Hooksiel fahren, denn ich fürchte, dass dann der Strand noch ein bisschen länger untersucht wird.“
„Danke für den Tipp“, sagte er und schob mit seinem Brötchen ab.
„Hallo, hallo“, rief es aufgeregt von hinten. „Kann mir jemand sagen, was hier los ist? Da hinten steht ein Leichenwagen.“
Nun wurde es Oma Pusch zu bunt. Sie entschloss sich, eine Ansage zu machen.
„Meine lieben Urlauber“, rief sie so laut sie konnte, „Verbrechen machen auch vor den schönsten Urlaubszielen nicht halt, aber seien Sie unbesorgt. Der Kommissar hier ist mein Neffe. Wir werden ruckzuck für Aufklärung sorgen, egal, was passiert ist. Wenn es gut läuft, arbeiten sie die ganze Nacht durch, damit der Strand morgen früh wieder freigegeben werden kann. Bis dahin empfehle ich Ihnen einen Besuch der Seriemer Mühle oder des Badewerks. Vielleicht setzen Sie auch nach Spiekeroog über. Da können Sie nahtlos weiterbaden. Oder Sie setzen sich in ein schönes Café hier am Hafen. Wer eine Ferienwohnung mit Balkon oder Terrasse hat, könnte im Schatten auch ein Buch lesen. Hier in der Tourist-Information können Sie zum Beispiel spannende Krimis kaufen, die an unserer Küste spielen. Damit Sie nicht so enttäuscht sind, gibt es jetzt für jeden von Ihnen ein Rollmopsbrötchen gratis, so lange der Vorrat reicht. Wir schmieren, Sie greifen zu!“
Ein Raunen ging durch die Reihe der Wartenden, aber Oma Pusch war nicht nur großzügig, sondern auch extrem neugierig. Hier im Kiosk verschwendete sie ihre Zeit, was mögliche Ermittlungen anging. Den Verdienst hatte sie nicht nötig. Sie lebte von Vermietungen an Feriengäste und von Fridtjofs Lebensversicherung. Ihr Mann, der zugleich Enno Esens Bruder gewesen war, hatte ihr ein schönes Sümmchen hinterlassen. Das Schicksal und die See waren tückisch. Ihn hatte es beim Fischen förmlich auf den Grund des Meeres verschlagen, als der Mast durch eine Windböe umgeschwenkt war und ihn am Hinterkopf getroffen hatte. Wie ein Stein war er in die Tiefe gesunken. Die Fische, die er hatte fangen wollen, kicherten jetzt noch. Er konnte sie seitdem nur noch von unten betrachten. Das vermutete man zumindest, denn er war im wahrsten Sinne des Wortes nie wieder aufgetaucht.
In Windeseile hatten Oma Pusch und Hinnerk die restlichen Brötchen geschmiert. Ausgerechnet für die letzten beiden Kunden musste sie einen neuen Eimer Rollmöpse öffnen. Und damit begann das Dilemma.
Auf dem Tisch
Während Bagger und Trecker den Strand in Eikes Auftrag unter die Lupe nahmen, tat Enno es im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Fragment auf seinem Sektionstisch. Er untersuchte die mysteriöse Büste.
Die Rechtsmedizin befand sich im Kellergeschoss des Bestattungsinstitutes Fritsche & Esen. Das war aufgrund der kurzen Wege praktisch.
In diesem Sommer hatte Doktor Enno Esen einen Hospitanten, der ebenfalls Rechtsmediziner werden wollte. Doktor Fokke Petersen war im Gegensatz zu ihm jung und attraktiv. Allerdings konnte diese Augenweide seinen Patientinnen egal sein. Sie waren ja schon tot. Enno hielt es für eine nahezu unzumutbare Verschwendung, dass dieser Mann nicht Gynäkologe oder zumindest Hausarzt geworden war.
Wie viele Frauenherzen hätten ihm offen gestanden? So viele vergebene Chancen, schwelgte er in Erinnerungen an seine Zeit als Modearzt für Touristinnen, die er reihenweise flachgelegt hatte. Ein bisschen trauerte er dieser Zeit immer noch nach, auch wenn er mittlerweile ruhiger geworden war und sich in seine Schwägerin verguckt hatte. Wenn man bei den jungen Dingern nicht mehr landen konnte, musste man seinen Fokus auf andere Werte legen. Auf ein pfiffiges Köpfchen zum Beispiel, falls man sich gerne intelligent unterhielt oder darauf, dass jemand gut kochen konnte. Auch eine gewisse Bettwärme war nicht zu verachten, selbst wenn sie eher vom Kuscheln kam als von genüsslichen gymnastischen Übungen. Im Alter wurde der Mensch bescheiden und gab sich mit dem zufrieden, was sich ihm noch bot. In Oma Pusch vereinten sich für Enno all die Vorzüge, an denen ihm gelegen war. Er konnte sich sozusagen als Glückspilz bezeichnen, falls sie ihn jemals erhörte.
„Ach, guck, was haben wir denn da?“, riss Fokke den älteren Kollegen aus dessen Gedanken.
„Das wirst du mir hoffentlich gleich sagen“, erwiderte Enno und umschiffte so, dass er überhaupt nicht bei der Sache gewesen war.
Mit einem scharfen Löffel förderte Fokke zwei Steine zutage, einen aus jeder Augenhöhle. Enno nahm einen davon in die Hand und wusste sofort Bescheid.
„Bernstein“, konstatierte er. „Soll uns das irgendetwas sagen?“
„Falls ja, hätte ich nicht die geringste Ahnung was“, gab Fokke zu.
„Hmm, Bernstein anstatt Augen“, überlegte Enno laut. „Baumharz ist es, versteinertes.“ Er hielt beide Klunker nacheinander vor die große OP-Lampe, die über dem Sektionstisch hing. „Die funkeln und leuchten richtig. Wie Gold zum Beispiel oder ein Feuer. Geschliffen sind sie auch.“
„Ohne Augen ist man blind“, schaltete sich Fokke in den Denkprozess mit ein, „daran ändern auch die Steine nichts.“
„Blind“, sinnierte Enno, „auf beiden Augen blind. Bernsteine leuchten. Licht, leuchten, Erleuchtung. Ich hab’s. Das könnte es sein.“
„Jemand, der auf beiden Augen blind ist, erlangt durch die Bernsteine Erleuchtung? Meinst du das?“, erkundigte sich Fokke.
„Ganz genau“, freute sich Enno über das helle Kerlchen.
„Bisschen weit hergeholt, finde ich“, erwiderte Fokke und machte jegliche Sympathie, die sein Gegenüber gerade für ihn fühlte, zunichte. „Aber wir können es auf jeden Fall im Hinterkopf behalten.“
„Sehr großzügig“, murmelte Enno.
„Was hast du gesagt?“
„Uns sollte zunächst einmal die Frage beschäftigen, ob wir es hier mit Männlein oder Weiblein zu tun haben“, lenkte Enno ab.
„Na ja“, begann Fokke, „in dem etwas zu üppigen Gesicht sehe ich Bartstoppeln, aber nur partiell. Haare waren auf dem Schädel wohl auch mal drauf, doch irgendjemand hat sie abrasiert, wahrscheinlich posthum. Ein wenig sprießt wieder. Sieht ziemlich schütter aus.“
„Sprießen ist ja wohl zu viel gesagt“, korrigierte ihn Enno. „Dir muss ich doch nicht sagen, dass nach dem Tod überhaupt nichts mehr wächst.“
„Nee, musst du nicht, aber der Mythos hält sich hartnäckig. Ich hab das eher im übertragenen Sinne gemeint“, erklärte Fokke. „Sicher weiß ich, dass lediglich die Haut schrumpft und es deswegen so aussieht, als ob was wächst.“
Enno nickte beruhigt. „Jetzt wissen wir aber immer noch nicht, ob es ein Er oder eine Sie ist. Hast du eine Idee oder Vorschläge, um das schnellstmöglich herauszufinden?“
„Ehrlich gesagt kann ich anhand der Optik auf keinen Fall sagen, welches Geschlecht unser Kopf hat“, gab Fokke zu, „also empfehle ich, ihn zu röntgen. Ich denke, dann kommen wir weiter.“
„Guter Junge“, freute sich Enno, und Fokke verdrehte im Geiste die Augen, hielt aber lieber den Schnabel. Er war ja zu Gast. „Na, dann leg mal los und schlepp unsere Büste unter den Röntgenapparat. Ich mache uns unterdessen einen Kaffee.“
Fokke nickte, packte sich das Leichenteil unter einigen Schwierigkeiten, denn er hatte das Gewicht stark unterschätzt. Es wäre einfacher gewesen, wenn er den Hals in den Schwitzkasten hätte nehmen können, aber er musste vorsichtig mit dem Exponat umgehen, damit keine Ergebnisse verfälscht wurden.
Während Enno die Kaffeemaschine füllte, klingelte plötzlich sein Smartphone. Sofort wusste er, dass das nur seine angebetete Lotti sein konnte – selbstverständlich auf der Suche nach Informationen und leider nicht wegen seiner tollen Ausstrahlung.
„Ennolein“, flötete sie in den Hörer und machte sich daher sofort verdächtig. Sonst sagte sie nie so etwas zu ihm. „Du, Ennolein, sag mal, was machst du gerade?“
„Scherzkeks“, erwiderte Enno. „Woher weißt du das mit der Leiche? Hat es sich schon unter den Urlaubern herumgesprochen? Am Strand habe ich dich nämlich gar nicht gesehen. Muss ich mir Sorgen machen?“
„Ach was“, sagte Oma Pusch, „habt ihr den Rest auch schon gefunden? Zumindest einen Teil?“
Enno schüttelte den Kopf. Diese Frau war unglaublich.
„Nein, Lotti, tut mir leid, da kann ich dir echt nicht weiterhelfen. Ich bin hier mit Fokke in der Rechtsmedizin und versuche, dem Geheimnis der Büste auf den Grund zu gehen.“
„Fokke? Wer ist Fokke? Hieß der Tote so?“, erkundigte sie sich.
Enno stöhnte. „Nein, keine Ahnung, wir wissen doch noch nicht mal“, er unterbrach sich abrupt. Beinahe hätte er ihr wichtige Informationen gegeben. „Also, Fokke ist zurzeit in der Lehre bei mir, einfach ausgedrückt. Er will auch so was werden wie ich.“
„Leichenschnippler?“, fragte sie amüsiert.
„Danke, dass du wenigstens nichts mit Fleddern gesagt hast“, erwiderte Enno erleichtert. „Ja, er möchte auch Rechtsmediziner werden. Das ist nämlich ein höchst anerkennenswerter und nützlicher Beruf.“
„Stimmt, genau wie Bestatter“, konterte Oma Pusch. „Findet die Damenwelt aber genauso ekelig.“
Enno schnaubte. „Hier geht es steriler und akkurater zu als in mancher Küche, glaube mir! Davon können sich viele eine Scheibe abschneiden.“
„Lieber nicht“, kam es prustend von Oma Pusch. „Scheibchen Lende oder Schulter. Nee, darauf kann ich echt verzichten. Ich möchte nur wissen, ob du schon irgendetwas herausgefunden hast, das für die Ermittlungen nützlich ist.“
„Nein, noch nicht, und falls doch, würde ich es dir nicht sagen“, zischte Enno leicht beleidigt in den Hörer.
„Ist wohl eher ’ne Frau“, blökte Fokke mit dem Röntgenbild in der Hand durch die Tür. „Hab aber noch was höchst Interessantes entdeckt.“
„Ja, warte eben, ich komme“, versuchte Enno das Schlimmste zu verhindern. Nicht auszudenken, wenn Fokke aus Versehen weitere Interna ausgeplaudert hätte. Er konnte ja nicht ahnen, mit welchen listigen Weibern man es hier zu tun hatte.
„So, so, also eher eine Frau. Dachte ich mir schon“, berichtete Oma Pusch.
„Warum?“, fragte Enno perplex.
„Wegen des Fingers“, erklärte Oma Pusch.
Enno verstand nun gar nichts mehr.
„Soll ich ihn dir nach Esens bringen oder muss die Spurensicherung herkommen?“, erkundigte sich Oma Pusch.
„Wohin denn um Himmels willen?“
„Na, zu mir in den Kiosk. Mach ich vorhin den Kühlschrank auf und will ganz hinten an die Rollmöpse“, erzählte sie. „Du weißt schon, die kleinen, durchsichtigen Eimerchen vom Großmarkt, und da liegt er da. Oder besser gesagt, er stand da wie ein mahnender Zeigefinger, vielleicht auch wie ein Stinkefinger. Wer will das wissen? Auf jeden Fall nicht schön das Teil. Das sage ich dir.“
„Erstens, was ist es für einer? Zeige- oder Mittelfinger? Zweitens, fass nichts an!“, bat er. „Und was um alles in der Welt soll an einem toten Finger schon schön sein. Vor allem, wie kommt er in deinen Kühlschrank?“
„Moment mal“, sagte Oma Pusch. Es raschelte. „Der steht da am Rand und lehnt an der Wand“, versuchte sie zu beschreiben. „Der ist irgendwie dick und bläulich verfärbt, aber ich kann dir echt nicht sagen, an welcher Stelle der abgetrennt worden ist.“
„Und wie kommst du auf die Behauptung, dass es sich um eine Frau handeln könnte? Ob dein Finger mit unserer Büste zusammenhängt, ist darüber hinaus völlig unklar“, wandte er ein.
„Büste, aha, mehr nicht?“, frohlockte Oma Pusch, denn Enno hatte sich nun doch verplappert. Natürlich wusste sie das längst, aber das würde sie ihm doch nicht unter die Nase reiben.
Enno hingegen hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen.
„Wenn wir Arme mit Händen hätten, wäre es leichter“, überlegte Oma Pusch. „Aber du hast überhaupt noch nicht gefragt, was da so richtig ekelig ist.“
„Dann sag es mir doch“, forderte Enno.
„Ein widerlich langer Kunstnagel!“, erklärte Oma Pusch. „So richtig primitiv. Du weißt schon, wenn man mal rumzappt und aus Versehen bei RTL landet. Da sitzen solche Weiber im Reality-TV: Fett, mit Dreifachkinn, meist tätowiert und noch so Metallgedöns im Gesicht, rote oder grüne Haare und Nägel, mit denen du Saatreihen ziehen könntest. Mir ist schleierhaft, wie man sich damit den Hintern …“
„Lotti“, schimpfte Enno jetzt, obwohl sie durchaus recht hatte. „Du machst sofort deinen Kiosk dicht, und ich schicke dir unseren Bodo Siebenstein von der SpuSi.“
„Wenn’s denn sein muss“, seufzte Oma Pusch. „Wir hatten eh keine Brötchen mehr. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was hier heute los war.“
Doch“, sagte Enno, denn das konnte er sehr wohl, weil er es sich nicht hatte nehmen lassen, auf dem Rückweg vom Strand bei seiner Lotti vorbeizuschlendern. Gerne hätte er auch angehalten, aber als er die lange Warteschlange entdeckt hatte, war er abgeschwenkt und sofort zu seinem Wagen gegangen. Zumindest hatte er sie von Ferne am Tresen gesehen. Und er ahnte, dass er in den nächsten Tagen zu beschäftigt sein würde, um ihr nahezukommen. Darum verabschiedete er sich etwas wehmütig von ihr.
„Hast du jetzt Zeit, Chef?“, fragte Fokke mit einem Augenzwinkern.
„War beruflich“, versuchte Enno allen Spekulationen vorzubeugen.
„Da bin ich mir ganz sicher“, erwiderte Fokke. „Und ich hab jetzt auch was Berufliches. Stell dir vor, was mir beim genaueren Hinsehen noch aufgefallen ist. Du warst ja beschäftigt, da habe ich eigentlich nur mal nachschauen wollen, auf welche Weise die Augäpfel denn entfernt worden sind, und siehe da, ich entdeckte etwas, das ich vorher für vertrocknetes Fleisch gehalten hatte. Ist es aber nicht.“
„Ich verstehe nur Bahnhof“, gab Enno zu.
„Dann will ich nicht um den heißen Brei herumreden. Siehst du das hier?“ Er hielt Enno etwas Rötliches vor die Nase. „Riech mal dran!“
Enno schnupperte. „Kommt mir bekannt vor, aber es fällt mir nicht ein.“
„Tomaten“, sagte Fokke, „und zwar getrocknete.“
„Sehr merkwürdig. Damit kann ich überhaupt nichts anfangen“, antwortete Enno. „Wer steckt denn so was da rein?“
„Keine Ahnung“, kam es von Fokke, „aber ich werde mir jetzt auch noch die anderen Körperöffnungen der Büste genau ansehen. Wer weiß, was wir da noch finden.“
„Ich rechne mit allem“, seufzte Enno, und da sollte er recht behalten.
Heiße Gespräche im Kiosk
Unbarmherzig schien die Sonne auf den kleinen Kiosk am Hafen. Da Hinnerk selbst bei Bäcker Johann Hinrichs keine Brötchen mehr bekommen hatte, war der Weiterverkauf von Spezialitäten mit Rollmops unmöglich geworden. Doch nicht nur dieser Umstand hatte dazu geführt, dass die kleine Bude mittlerweile von Oma Pusch verrammelt worden war. Man wollte auch keine Gaffer. Lieber saß man in einer Sauna und fachsimpelte im Geheimen. Auch Rita war inzwischen wieder mit von der Partie. Der hässliche Finger hatte bei ihr zu Magenbeschwerden geführt, die Oma
Pusch mit entflammtem Friesengeist kurierte. Jeder wusste schließlich, dass Pfefferminze bei so etwas gut war. Na ja, und der Alkohol schadete dabei nicht. Er brannte die Magenwände blitzrein. Hinnerk und Oma Pusch hatten sich solidarisch erklärt und sich selbst vorsichtshalber ebenfalls desinfiziert. Wer konnte schon wissen, ob Leichengift übersprang?
„Herrje“, rief Rita plötzlich. „Was machst du denn jetzt mit dem Kühlschrank? Hicks. Willst du den auch mit Friesengeist ausspülen?“
Oma Pusch schüttelte den Kopf. Rita vertrug wirklich überhaupt nichts. „Den alten Mistbock schmeiße ich weg. Der war mir sowieso zu laut. Außerdem hab ich den schon, seit …“ Sie überlegte. „Ja, den hab ich tatsächlich schon gehabt, als Fridtjof, Gott hab ihn selig, noch lebte. Er kann also weg, zumal er kühlte, wie es ihm passte, egal, was du eingestellt hast.“
„Können wir denn das Ding dann da nicht wieder reinlegen?“, bat Rita. Sie wollte den Anblick nicht länger ertragen. Ihr kam dieser Körperteil wie ein mahnender Zeigefinger vor. „Ich meine, wenn du den Kühlschrank eh entsorgen willst.“
„Wo denkst du hin?“, schimpfte Oma Pusch. „Dieser Teil einer weiblichen Hand muss von allen Seiten abgelichtet werden. Vielleicht erkennt den jemand schon allein aufgrund des überlangen Nagels.“
„Du, sach mal“, schaltete sich Hinnerk ein, „was ist denn das überhaupt für ein Finger? Eher so ein Mittelfinger? Für den kleinen ist er zu groß, finde ich.“
„Was macht das denn für einen Unterschied?“, stöhnte Rita immer noch leicht beduselt.
„Oha, das könnte einen beträchtlichen ausmachen“, wandte Oma Pusch ein, „je nachdem, warum man ihn abgeschnitten hat.“
„Also bei diese Mafiafilme nehmen sie meist erst den lütten Finger zuerst, quasi so als Anfang oder Vorgeschmack auf mehr, weil man auf den am besten verzichten kann, aber Eindruck macht das allemal“, wusste Hinnerk.
„Und wenn’s was zu bedeuten haben, also was ausdrücken sollte, dann könnte man eher den Zeige- oder den Mittelfinger brauchen“, überlegte Oma Pusch und knipste mit ihrem Smartphone drauflos. „Kannst du den mal drehen, Hinnerk?“
Angewidert nahm der alte Fischer ein Stück Küchenrolle, faltete es und legte den Finger in die gewünschten Positionen. „Fühlt sich kalt an“, sagte er, „und komisch. Ganz schön wulstig überhaupt.“
„War ja auch im Kühlschrank, Mensch“, erwiderte Oma Pusch. „Aber er hat recht. Das ist kein zierliches Fingerchen. Denkt ihr, dass dieses Prachtstück zu dem üppigen Schädel gehört?“
„Wäre wohl ein Wunder, wenn nicht“, antwortete Rita. „Sonst müssten wir davon ausgehen, dass mehrere Leichen in Teilen irgendwo herumliegen. Stell dir mal vor, wie das die Menschen erschrecken könnte, wenn sie hier an der Küste Urlaub machen. Gar nicht auszudenken.“
„Sollen sie eben nicht so viel rumbuddeln“, sagte Oma Pusch mit einem Augenzwinkern. „Immerhin wissen wir eins, falls Finger und Büste zusammengehören: Es muss sich um eine Frau handeln!“
„Also, wenn ich alles geglaubt hätte“, entfuhr es Rita. Sie schlug sich vor den Kopf. „Ich war immer von einem Kerl ausgegangen.“
„So kann man sich irren“, frohlockte Hinnerk. „Frauen können auch hässlich sein.“
„Und männlich“, fügte Oma Pusch noch hinzu.
„Puh“, sagte Hinnerk, „ich bin schon wieder ganz durch. Das ist aber auch eine Hitze hier drinnen.“
Mit süffisantem Schmunzeln sah Oma Pusch ihn an. „Das ist doch genau das Richtige für den guten Bodo Siebenstein und seine Spurensicherungsmeute. Die sollen mal schön schwitzen. Ich habe nämlich langsam die Nase voll davon, dass die hier in meinen Sachen herumwühlen.“
„Stimmt“, fiel Rita wieder ein, „die waren doch im letzten Jahr erst wegen der vergif…“, sie verschluckte den Rest des Satzes lieber.
„Erinnere mich bloß nicht daran“, stöhnte Oma
Pusch.
„Mich braucht ja wohl niemand mehr, oder?“, fragte Hinnerk eher rhetorisch. „Es wär aber schön, wenn ihr mich mit ins Boot nehmt, wenn es was Spektakuläres gibt oder wenn ihr einfach wieder mal meine Hilfe braucht.“
„Das ist ja wohl selbstverständlich“, sagte Oma
Pusch. „Schließlich verdanken wir den Fall doch überhaupt erst dir.“
Hinnerk strahlte. „Ja, genau. Dann werde ich jetzt duschen gehen, mir was Manierliches anziehen und nach Lina gucken. Wobei die ganz froh sein wird, ein bisschen Ruhe im Krankenhaus zu haben, schätze ich, bei diese neuen Nachbarn. Stimmt’s, Rita?“
„Zum Glück kriege ich davon nicht so viel mit, aber wer direkt daneben wohnt, der kann schon die Krise kriegen. Da gebe ich dir recht“, antwortete sie.
Nun war Oma Pusch hellhörig geworden. „Wieso weiß ich davon nichts?“
Rita machte ein betretenes Gesicht. „Du hattest immer so viel zu tun. Wir kamen beim Schmieren kaum zum Quatschen, weil immer wer am Tresen stand. Außerdem stecke ich mir meist was in die Ohren, wenn es zu unerträglich wird.“
„Wolltest du deswegen ein Wochenende mit mir verreisen?“, erkundigte sich Oma Pusch.
Verschämt nickte Rita. „Wegziehen will man ja nicht. Das ist wie eine Sturmflut oder ein Tsunami. Man kann nur hoffen, dass es vorbeigeht.“
„Feriengäste reisen doch immer wieder ab“, beruhigte Oma Pusch ihre Freundin. „Da haben wir doch auch schon so manches erlebt.“
„Es sind aber Friesen, Ostfriesen sogar, von Thunum oder so und nun unterhalten die das gesamte Süderriff mit ihren vier Rotzlöffeln“, schimpfte Rita. „Du weißt, ich habe wirklich nichts gegen Kinder, aber diese haben weder eine gute Kinderstube noch irgendwelches Benehmen. Keine Rücksicht auf ältere Menschen – weder jung noch alt. Beschämend ist das!“ Sie hatte sich richtig in Rage geredet.
„Da wird uns schon was einfallen“, versprach Oma Pusch.
Es klopfte. Vorsichtig öffnete Hinnerk die Tür. Er wollte sowieso gerade gehen, und mit den Behörden hatte er nichts am Hut. Also schlüpfte er gleich durch den Spalt und winkte nur noch einmal.
Der Finger hatte jetzt Vorrang. Anschließend würde Oma Pusch sich die Sache im Süderriff mal mit eigenen Augen ansehen. Schließlich hatte sie selbst fünf Kinder und 13 Enkel. Da wusste man Bescheid, wie der Hase lief.
Strandsucher
Zu ihrem Leidwesen mussten die Polizeibeamten Krischan Hansen und Martin Hinrichsen die Arbeiten am Strand überwachen. Schon die Absperrung war ein Fiasko gewesen, weil sie dauernd angesprochen worden waren und doch nichts sagen durften. Auf der Deichkrone standen nun die ganzen Gaffer. Sie glotzten auf die Bagger und Trecker. Dabei ersannen sie die tollsten Geschichten und tratschten sie weiter.
Manche hatten das Glück gehabt, eine Bank ergattern zu können. Andere hatten sich von ihren Campingplätzen Stühle nach oben geholt. Martin dachte bei sich, dass diese Leute einen Sockenschuss haben mussten, denn es passierte rein gar nichts, außer dass schwere Maschinen den Sand umgruben. Ihm war es ein Rätsel, wie man so eine belanglose Tätigkeit stundenlang beobachten konnte. Er selbst fand den ganzen Mist stinklangweilig und darüber hinaus höchst überflüssig, denn wenn man ein bisschen nachdachte, sprach alles dagegen, dass sie hier noch Leichenteile finden würden. Aber er war ja kein Kommissar und hatte nichts zu sagen. Wenn doch der Kopf so auffällig aus dem Sand geguckt und Oma Pusch dieser Finger in ihrem Kühlschrank so ins Auge gestochen hatte, musste man davon ausgehen, dass weitere Leichenteile ebenso sichtbar verborgen lagen. Er musste grinsen. Das hatte er schön gesagt. Es widersprach sich vom Wortlaut her, aber es war wirklich wahr. Jemand versteckte etwas so, damit man es fand, aber nicht so, dass es sofort auffiel. Hinnerk hatte ihm unlängst von dem ekeligen Kunstnagelfinger erzählt. Privat natürlich und außerhalb des Dienstes. Der alte Fischer war da ein bisschen komisch, aber das störte ihn nicht. Im Gegenteil, denn unter der Uniform war Martin Hinrichsen schließlich auch nur ein Mensch.
Oma Pusch hätte ihn und seine Theorie verstanden und ganz bestimmt unterstützt, wenn sie denn etwas von dem Schädel mitbekommen hatte. Wunderbarerweise war sie nirgends zu sehen gewesen. Auch jetzt nicht. Hinrichsen überlegte, ob ihn das stutzig machen sollte. Normalerweise war sie immer mit von der Partie. Das kam ihm komisch vor. Er konnte ja nicht ahnen, wie recht er hatte.
Pulsuz fraqment bitdi.