Kitabı oxu: «An das Wilde glauben»

Şrift:

NASTASSJA MARTIN

AN DAS WILDE GLAUBEN

Aus dem Französischen von

Claudia Kalscheuer


An alle Wesen der Metamorphose,

hier wie dort.

»Ich war bereits einmal Knabe, Mädchen, Pflanze, Vogel und flutentauchender, stummer Fisch.«

Empedokles, Über die Natur, Fragment 117

Inhalt

Herbst

Winter

Frühling

Sommer

Anmerkungen

Zitierte Literatur

HERBST

Der Bär ist seit ein paar Stunden weg, und seitdem warte ich, ich warte darauf, dass der Nebel sich auflöst. Die Steppe ist rot, die Hände sind rot, das geschwollene, zerrissene Gesicht gleicht sich nicht mehr. Wie in den Zeiten des Mythos herrscht die Ununterschiedenheit, ich bin diese undeutliche Form, deren Züge in den offenen Breschen des mit Blut und Sekreten verschmierten Gesichts verschwunden sind – es ist eine Geburt, da es ganz offensichtlich kein Tod ist. Um mich herum liegen blutverklebte braune Fellbüschel über den Boden verstreut und erinnern an den Kampf. Seit acht Stunden, vielleicht auch länger, hoffe ich, dass der Hubschrauber der russischen Armee den Nebel durchdringen wird, um mich abzuholen. Nach der Flucht des Bären habe ich mein Bein mit dem Riemen meines Rucksacks abgebunden, und als Nikolai zu mir gestoßen ist, hat er mir geholfen, mein Gesicht zu verbinden, er hat unsere kostbaren Spirt-Reserven über meinen Kopf ausgeleert und sie sind mir mit den Tränen und dem Blut über die Wangen gelaufen. Dann hat er mich alleingelassen, er hat mein kleines Feld-Alcatel mitgenommen, um von einem hohen Felsen aus den Rettungsdienst anzurufen, wobei er bestimmt an das unsichere Netz, das uralte Telefon, die fernen Antennen dachte, ob das alles funktionieren würde, denn wir sind von Vulkanen umringt, die noch vor Kurzem für unsere Freiheit standen und jetzt von unserer Gefangenschaft künden.

Mir ist kalt. Ich taste nach meinem Schlafsack, wickle mich darin ein, so gut es geht. Mein Geist wandert zu dem Bären, kehrt hierher zurück, kreist, stellt Verbindungen her, analysiert und zergliedert, schmiedet Überlebenspläne. In meinem Kopf müssen die Synapsen Sturm laufen, schneller denn je Informationen senden und empfangen, im lodernden, blitzartigen, verselbstständigten und unregierbaren Tempo des Traums, dabei ist nie irgendetwas realer oder gegenwärtiger gewesen. Alle Geräusche, die ich höre, sind verstärkt, ich höre wie das Raubtier, ich bin das Raubtier. Ich frage mich einen Moment lang, ob der Bär zurückkommen wird, um mich vollends zu töten, oder damit ich ihn töte, oder damit wir in einer letzten Umklammerung beide zusammen sterben. Aber ich weiß bereits, ich spüre, dass das nicht passieren wird, dass er schon weit weg ist, dass er durch die Hochsteppe wankt, dass auf seinem Pelz Blut perlt. Indem er sich entfernt und ich in mich einkehre, bemächtigen wir uns wieder unserer selbst. Er ohne mich, ich ohne ihn, wir müssen trotz dem, was wir im Körper des anderen verloren haben, überleben; weiterleben mit dem, was in unserem Körper hinterlassen worden ist.

Ich höre ihn lange, bevor er in Sicht kommt. Für Nikolai und Lanna, die wieder bei mir sind, ist er unhörbar, er kommt, sage ich, aber nein, da ist nichts, antworten sie, nur wir in der endlosen Weite und dem Auf und Ab des Nebels. Doch ein paar Minuten später landet ein aus Sowjetzeiten stammendes, oranges Metallungeheuer, um uns diesem Ort zu entreißen.


Es ist Nacht in Kljutschi, tiefe konkrete Nacht. Kljutschi. Das »Schlüsseldorf«. Das Übungszentrum, der geheime Stützpunkt der russischen Armee in der Region Kamtschatka. Ich sollte eigentlich nicht wissen, dass dieses arme Stück Land das Ziel der Raketen ist, die jede Woche von Moskau aus abgeschossen werden, um ihre Reichweite zu testen und im Kriegsfall über die Meerenge hinweg den amerikanischen Kontinent zu treffen; ich sollte auch nicht wissen, dass alle Ureinwohner der Gegend, die paar Ewenen, Korjaken, Itelmenen, die noch übrig sind, hierher eingezogen werden, denn ohne Rentiere und ohne Wälder wird die Absurdität zur Norm, sodass sie schließlich für ihre Unterdrücker kämpfen. Aber ich weiß es von Anfang an, ich weiß es, weil es mein Beruf ist, diese Dinge zu wissen. Die Ewenen, deren Alltag im Wald ich seit mehreren Monaten teile, haben mir von den Bomben erzählt, die abends in der Nähe der Schlafbaracken explodieren. Sie haben über meine Fragen gelacht, mich forschend angeschaut, sie haben mich oft eine Spionin genannt, mal freundlich, mal böse, mal ironisch, sie haben mich in alle Rollen gesteckt, aber sie haben mir immer alles gesagt. Das Dorf, der Alkohol, die Prügeleien, der Wald, der immer weiter in die Ferne rückt, und mit ihm die Muttersprache, die man allmählich vergisst, die Arbeit, an der es fehlt, das Vaterland, das rettet; das ihnen im Tausch das Lager von Kljutschi bietet.

Ironie des Schicksals. Die Erste-Hilfe-Station befindet sich im Schlüsseldorf, hier sind wir gelandet, hinter dem Stacheldraht und den Zäunen, hinter den Wachtürmen, mitten in der Höhle des Löwen. Ich, die ich mir ins Fäustchen lachte, weil ich all die verbotenen Dinge über diesen geheimen Ort wusste, finde mich im Herzen der medizinischen Einrichtung für die Soldaten und Verwundeten des Quasi-Krieges wieder, der hier im Gange ist.

Es ist eine alte Frau, die meine Wunden verschließt. Ich sehe sie unendlich sorgfältig mit Nadel und Faden hantieren. Ich bin jenseits aller Schmerzen, ich spüre nichts mehr, aber ich bin immer noch bei Bewusstsein, nicht das Geringste entgeht mir, meine Sinne sind über das Menschliche hinaus geschärft, ich bin von meinem Körper losgelöst und bewohne ihn zugleich noch. Wsjo budet choroscho, alles wird gut. Ihre Stimme, ihre Hände, nichts sonst. Ich sehe meine langen Haare in blonden und roten Büscheln zu Boden fallen, sie schneidet sie nach und nach ab, um die Wunden auf meinem Schädel zu nähen, der wie durch ein Wunder nicht gespalten ist, ich kämpfe, um einen Lichtschimmer zu erkennen, aber es ist nicht viel zu machen, die tiefe Nacht ist undurchsichtig, schmerzvoll, endlos, da kommt man nicht so einfach heraus. Und da sehe ich ihn plötzlich. Der fette, schwitzende Mann, der gerade hereingekommen ist, streckt sein Telefon in meine Richtung, er fotografiert mich, er will den Moment verewigen. Das Grauen hat also tatsächlich ein Gesicht, es ist nicht meines, sondern seines. Ich koche vor Wut. Ich will mich auf ihn stürzen, ihm den Bauch aufreißen, seine Eingeweide packen und ihn mit seinem verfluchten Telefon in der Hand zwingen, das schönste Selfie seines entweichenden Lebens zu schießen, aber ich kann nicht. Ich kann ihn nur anknurren, er solle auf hören, und ungeschickt mein Gesicht verbergen, ich bin erschlagen, gebrochen. Die alte Frau versteht, schiebt ihn hinaus und schließt die Tür, die Leute, sagt sie, Sie wissen ja, wie sie sind.

Der Rest der Nacht geht so weiter, mit ihr, die näht, säubert, schneidet und wieder näht, ich verliere das Zeitgefühl, sie fließt dahin, wir treiben beide auf einer dunklen, nach Alkohol riechenden See dahin, getragen vom Auf und Ab der Wellen. Gegen Mitte des folgenden Tages werde ich abgeholt, der Hubschrauber ist da, man verlegt mich nach Petropawlowsk. Eine Art russischer Feuerwehrmann taucht auf, groß, lächelnd, rot gekleidet, beruhigend. Er bietet mir einen Rollstuhl an, ich lehne ab, stehe auf, stütze mich auf seine Schulter, um die Treppe hinunterzugehen, weiß grau weiß grau, durch die Tür, hinaus auf den Beton. Dort ist ein Pulk von Leuten zusammengelaufen, um das Schauspiel zu bewundern, sie lauern mir mit ihren Telefonen auf, mit meiner freien Hand verberge ich wieder mein Gesicht, schütze mich vor den Blitzlichtern, und von meinem Retter gestützt tauche ich zum zweiten Mal in den Bauch des Hubschraubers ein.


Während des Flugs dämmere ich dahin, ich erinnere mich, dass mir kalt ist, dass mir Blut die Kehle hinunterläuft und das Atmen erschwert. Nach der Landung zwingen mich die Ärzte, mich auf eine Trage zu legen, auf den Rücken. Ich sage ihnen, das geht nicht, ich kann so nicht atmen, aber sie versteifen sich darauf, sie halten mich zu mehreren fest, es kommt mir vor, als wäre die ganze Station versammelt, ich bekomme keine Luft. Es wird geschrien, gezetert, ich spüre einen Einstich in meinen ruhiggestellten Arm, dann hört plötzlich alles auf, die Lichter tanzen, ich verliere zum ersten Mal seit dem Bären das Bewusstsein, nichts mehr, überhaupt nichts mehr, Leere, Stille, kein Traum.

Als ich wieder aufwache, bin ich vollkommen nackt, allein, am Bett festgebunden. Riemen schnüren meine Handgelenke und meine Knöchel ein. Ich prüfe meine Lage. Ich befinde mich in einem großen Saal mit abblätternder weißer Farbe an den Wänden, leere Betten stehen in einer Reihe mit meinem, es sieht aus wie eine dieser alten Erste-Hilfe-Stationen der Sowjetzeit, weit weg hallen ein paar Stimmen wider. Durch meine Nase, meine Kehle verläuft ein Schlauch; ich brauche eine ganze Weile, bis ich begreife, warum ich so merkwürdig atme und was dieses grün-weiße Plastikding an meinem Hals ist: Luftröhrenschnitt. In meinem Halbdelirium erwarte ich jeden Moment, Doktor Schiwago auftauchen zu sehen, der Rahmen würde stimmen. Aber es ist eine blonde Krankenschwester, die lächelnd hereinkommt. Du wirst es schaffen, Nastjenka, sagt sie. Hinter ihr erscheint ein großer, breitschultriger Mann, knallende Stiefel auf dem gefliesten Boden, Goldkette, Goldzähne, Golduhr. Es ist der Chefarzt, das ist unverkennbar, er hat das Sagen bezüglich der jetzigen und kommenden Operationen, meiner Zwangsjacke und alles Übrigen. Den muss ich auf meine Seite ziehen, sage ich mir auf Anhieb.

Er ist ganz sympathisch, der König des Krankenhauses mit seinem gelben Lächeln. Er beglückwünscht mich: Niemand weiß, wie es sein kann, dass du am Leben bist, aber du bist es, bravo. Molodjez. Du bist eine sehr starke Frau, fügt er hinzu. Ich antworte ihm, ich möchte nur, dass man mich losbindet. Nein, nein, das ist nicht möglich, du bleibst so, um dich vor dir selbst zu schützen. Aha. Die nächsten beiden Tage sind eine Qual. Der Schlauch in meinem Hals tut mir entsetzlich weh und die lächelnde Krankenschwester des ersten Tages ist verschwunden, es ist eine andere, sehr junge, zu junge, die sich um mich kümmert. Die Oberschwester beaufsichtigt sie von Weitem, man muss ja lernen … Die Anfängerin wird zu meinem schlimmsten Alptraum. Und es wird zur Zwangsvorstellung, ich kann an nichts anderes mehr denken: Wie kann ich meine Fesseln loswerden. Ich klügele aberwitzige Methoden aus, sobald meine Wärterinnen aus der Tür sind. Zweimal schaffe ich es, mich zu befreien, ich reiße den Schlauch heraus, der einen schwarzbraunen Brei in meinen Magen leitet, ich erinnere mich an diese Farbe. Es ist Zeit zu füttern, höre ich es gegen Ende des Tages durch die Flure rufen. Hast du gefüttert?, fragt die Oberschwester die Schülerin. »Gefüttert«, so sagen sie. Kormit. Ich sehe meinen alten Freund Ilo in Manatsch vor mir, wie er aus der Jurte heraus seinem Neffen Nikita zuruft: Hast du die Hunde gefüttert? Geh füttern! Idi kormit! Ich kann seitdem dieses Wort nicht mehr hören, ohne dass sich tief in meinem Bauch alles zusammenkrampft. Ich erinnere mich ganz deutlich an die gemeinen schwarzen Augen des gerade erst der Kindheit entwachsenen jungen Mädchens, die mich böse anschauen; ich sehe sie die Nahrung mit einem Ruck in den Schlauch spritzen, sie will mich bestrafen und sie rächt sich, für meine Existenz, für ihr eigenes elendes Leben, was weiß ich, für alles, was ihr nicht gehorcht, alles, was sich ihr widersetzt, sie zeigt mir, dass endlich einmal sie die Macht hat.

Wenn der Brei mit einem Schlag in meinem Magen landet, heule ich vor Schmerz auf. Die Tränen laufen mir über die Wangen, ich bin noch nie so ohnmächtig gewesen, Männern, Frauen und sogar Rotzgören ausgeliefert, entblößt, festgebunden, gestopft wie eine Gans, an der Grenze des Menschlichen, am äußersten Rand dessen, glaube ich, was man ertragen kann. Von meinen Schreien aufgeschreckt kommt die Oberschwester in den Saal gelaufen, tritt an mein Bett und staucht die Jüngere zusammen, die mir einen mörderischen Blick zuwirft. Sie lassen es mich teuer bezahlen, sage ich mir, dass ich als Frau gegenüber dem Bären überlebt habe. Hast du Schmerzen?, fragt mich die Krankenschwester. Ja!, antworte ich so überzeugend, wie ich nur kann, in der Hoffnung, dass sie mir etwas gibt, egal was, eine Droge, um meine Leiden etwas zu lindern. Dann halt durch, poterpi, sagt sie und kehrt zu ihren Beschäftigungen zurück. Poterpi kann ich auch nicht mehr hören.

Nach der Episode mit dem Brei beschließe ich zu kapitulieren, die Waffen zu strecken, es bleibt mir nichts anderes übrig. Ich bemühe mich, lammfromm zu sein, nicht zu protestieren, nichts zu verlangen und nichts zu erwarten, den Schmerz, den Schlauch und alles andere zu ertragen, bis es vorbei ist, oder vielmehr, bis irgendetwas passiert. Wäre da nur nicht diese Musik im Saal, alle drei Sekunden ein Trommelwirbel, gefolgt von einem kräftigen Schlag, als Hintergrund einer schlechten Symphonie, dann könnte ich mich leichter auf meine Besänftigung konzentrieren. Als ich mich nach dem Wesen dieser repetitiven Symphonie erkundige, erfahre ich, dass eine alte, jedoch sehr seriöse Studie gezeigt hat, dass eine Dauerbeschallung mit diesem Requiem den Patienten hilft, das Atmen nicht zu vergessen: Wirrrrrrrrrrrrrrrrrrrbel Bumm! Wirrrrrrrrrrrrrrrbel Bumm! Und man atmet. Tja. Im Herzen des russischen Gesundheitssystems ich bin. Eine Eigentümlichkeit des Fernen Ostens, der noch in den alten Methoden feststeckt? Ich bezweifle, dass die Intensivpatienten in Moskauer Krankenhäusern die gleiche Musik hören wie ich. Aber sie befinden sich eben auch nicht in dieser gulagähnlichen Anstalt. Ich sage mir, wenn ich hier herauskomme, wenn ich davonkomme und das erzähle, wird man mir nicht glauben. Ich sage mir: Ich werde darüber schreiben, sobald ich kann.

Zum Glück sind meine Nächte unterhaltsamer, wenn auch nicht weniger surreal. Annja folgt auf Inna, bis wiederum Julija sie ablöst. Es ist jeden Abend das Gleiche. Die Krankenschwester, die mich überwacht, sitzt an einem kleinen Pult am Ende des Saals. Im Halbdunkel, nur mit einem winzigen Nachtlicht für ihre Arbeit, fertigt sie Kompressen an. Sie schneidet zu, faltet, schneidet und faltet wieder. Hier gibt es nichts geschenkt. Alles wird von Frauenhand gemacht. Jede Nacht etwa um die gleiche Uhrzeit erklingt aus dem Nebenraum der Name der diensthabenden Krankenschwester, es ist eine Männerstimme, die ruft. Annja! Diese steht gemächlich auf, wirft einen Blick auf mein Bett und geht dann nach nebenan. Ich brauche nicht lange die Ohren zu spitzen, um zu verstehen, was da im Gange ist. Ich höre kaum unterdrücktes Stöhnen, männliches Grunzen, der Chefarzt versüßt sich seine Bereitschaftsdienste. Es ist jede Nacht das gleiche Spiel, nur der Vorname wechselt: Julija! Inna! Das erklärt einiges. Beim ersten Mal, als ich den Chefarzt eine meiner Krankenschwestern am helllichten Tag auf den Mund habe küssen sehen (auch wenn ich in diesem Teil der Intensivstation natürlich die einzige Augenzeugin bin), habe ich naiverweise geglaubt, sie sei seine Lebensgefährtin, ein Arzt und eine Krankenschwester, warum auch nicht. Als ich dann beobachtete, dass alle Krankenschwestern den Chefarzt auf den Mund küssten, dachte ich, es handle sich um einen lokalen Brauch – die Ewenen küssen sich zur Begrüßung immer auf den Mund, wenn sie der gleichen Familie angehören. Aber das Nacht für Nacht wiederkehrende Grunzen brachte meine Thesen ins Wanken. Es musste sich um eine andere Art von unbekanntem Brauch handeln. Was für ein Treiben! Mit diesen sexuellen Betrachtungen gewann mein menschliches Leben wieder die Oberhand, kam ich aus der Zwischenwelt heraus, in der ich schwebte – wie eigenartig, sich seiner selbst wieder zu bemächtigen, indem man hört, wie andere jede Nacht Liebe machen. Das war der Beginn einer Linderung meiner Leiden.

Die Krankenschwestern sind mit meiner Fügsamkeit in den letzten Tagen zufrieden, sie binden mich endlich los. Wirst du den Schlauch auch nicht herausziehen? Nein ich werde nichts herausziehen, ich will nur meinen nackten Körper berühren, um mich an seine Formen zu erinnern. Und am gleichen Tag erziele ich noch einen weiteren Sieg: Die Oberschwester erklärt sich bereit, die Atemsymphonie auszuschalten. Es ist eine Erlösung.

Über meine gute Führung erfreut, kommen andere Ärzte (alles Männer) mich besuchen, stets in Begleitung des Chefarztes, der seine Überlebende mit Argusaugen bewacht. Man bespricht sich, ich auf dem Bett, mein armseliges Laken so hoch wie möglich gezogen, um meine Brust zu verbergen; sie an der Seite oder am Fußende des Bettes. Offenbar geht es mir besser. Natürlich weigern sie sich noch, mir meine Sachen zurückzugeben, vor allem mein Telefon, das ist auf dieser Station verboten, behaupten sie. Ich erkläre ihnen, dass ich mich tödlich langweile. Hätten Sie nicht irgendetwas, um mich zu beschäftigen, egal was, ein Buch? Einer der Ärzte überlegt und kommt dann mit einem Buch voller Witze über die Medizin, die Patienten, das russische Gesundheitssystem zurück. Der Umschlag ist schwarz, der Text ist großgedruckt, den Titel habe ich vergessen. Tut mir leid, ich habe nichts anderes hier … Es ist ihm sichtlich unangenehm. Macht nichts, das ist sogar genau das Richtige, ich nehme es, sage ich.

Sie können es nicht fassen. Nastjenka liest, fünf Tage, nachdem sie aufgewacht ist, fünf Tage nach ihrem Kampf mit dem Bären liest sie. Und noch dazu Witze! Es muss sich wohl herumsprechen, denn die Besuche im Saal reißen nicht mehr ab. Sie kommen schauen, wie ich mich in das Buch vertiefe, fragen mich, ob es lustig ist, sehr, antworte ich jedes Mal. Sie kommen vorbei, um Hallo zu sagen, um mich zu beglückwünschen. Am nächsten Tag erscheint gegen Abend der Chefarzt, er schiebt einen kleinen Fernseher auf Rädern herein. Hier, sagt er. So kannst du dir interessantere Dinge anschauen!

Die Krankenschwester stellt ihn am Fußende des Bettes auf, schaltet ihn aufs Geratewohl ein und lässt mich vor dem kleinen Bildschirm allein. Entgeistert starre ich auf die vorbeiziehenden Bilder, zuerst ohne sie wirklich aufzunehmen, es ist derart unglaublich, ich kann einfach nicht wahrhaben, was ich da sehe. Der Film, der auf der heruntergekommenen Intensivstation von Petropawlowsk auf mich einstürzt, erzählt von Nastjenka (so heißt die Figur im Film), sie sucht im Wald nach ihrem Liebsten und findet ihn nicht, sie ruft und ruft, aber woher sollte sie auch wissen, dass der, den sie sucht, einem Fluch zum Opfer gefallen ist und sich in einen Bären verwandelt hat, und als sie ihm schließlich begegnet, erkennt sie ihn nicht wieder. Er stirbt vor Verzweiflung darüber, dass er sich ihr nicht zu erkennen geben, sich nicht von innen sichtbar machen kann.

Ich bin wie vor den Kopf geschlagen angesichts dieses Rotkäppchens, das meinen Namen trägt und von diesem verliebten Bären verfolgt wird, der ihr nichts mehr sagen kann; die ihrerseits diesen Bären verfolgt, ohne es zu wissen, ohne zu wissen, dass der, den sie liebt, schon in einer anderen Haut steckt. Sie sind dazu verdammt, in verschiedenen Welten zu leben, sie verstehen einander nicht mehr. Ihre Seelen, oder das, was in ihrem Inneren ist, sind nunmehr in einer Haut gefangen, die alter ist, deren Existenz sich nicht mehr auf die gleiche Weise ausdrückt. Ich denke an meine eigene Geschichte. An meinen ewenischen Namen, matucha1. An den Kuss des Bären, an seine Zähne, die sich über mein Gesicht schließen, an meinen krachenden Kiefer, meinen krachenden Schädel, an die Dunkelheit, die in seinem Maul herrscht, an seine feuchte Wärme und seinen stark riechenden Atem, an das Nachlassen des Drucks seiner Zähne, an meinen Bären, der es sich plötzlich auf unerklärliche Weise anders überlegt, seine Zähne werden nicht die Werkzeuge meines Todes sein, er wird mich nicht verschlingen.

Eine Träne läuft mir über die Wange, meine ausgespülten Augen starren weiter auf den Bildschirm, der nichts mehr als mein eigenes Leben widerspiegelt. Ich schaue in den Spiegel. Es gibt nichts Absurdes, nichts Seltsames, nichts Zufälliges mehr. Es gibt nur Resonanzen.

In dem Augenblick kommt die Krankenschwester herein, schaut auf mein Bett, sieht die Tränen in meinen abwesenden Augen, wirft einen Blick auf den Bildschirm. Sie verzieht betreten die Mundwinkel. Das war jetzt nicht so passend, sagt sie. Pause. Machen wir aus? Wir machen aus.


Weil der Bär mit einem Stück meines Kiefers im Maul verschwunden ist und mir das rechte Jochbein gebrochen hat, muss bald noch einmal operiert werden. Als ich angekommen bin, haben sie mir eine Platte eingesetzt, um den rechten aufsteigenden Unterkieferast zu halten; jetzt muss der Wangenknochen angehoben werden. Warum sie das nicht vorher gemacht haben, ist ein Rätsel, aber der Chefarzt versichert mir heute Morgen, dass ich danach aus der Intensivstation herauskomme, normal atmen kann und sogar »alleine essen«, wie er mit einem Lächeln hinzufügt.

Seit mehreren Tagen bitte ich darum, dass man mir meine Sachen zurückgibt, vor allem mein Telefon, um meine Familie anrufen zu können, vergebens. Doch an diesem Tag kommt auf einmal der Assistent des Chefarztes hereingestürmt und tritt an mein Bett. Kennst du einen gewissen Charles? Da erwacht die Hoffnung plötzlich, meine Worte überschlagen sich, als ich ihm zu erklären versuche, wer das ist. Charles, mein Forschungsgefährte, mein Freund, mein Kollege im Laboratorium für soziale Anthropologie, Charles, mit dem ich das erste Mal hierher nach Kamtschatka gekommen bin, Charles, der in ebendiesem Moment solche Angst haben muss, solche Angst um mich. Sagen Sie ihm, dass es mir gut geht, sagen Sie ihm, dass ich nicht tot bin, sagen Sie ihm … Er schneidet mir das Wort ab. Das nächste Mal, wenn er anruft, sagen wir es ihm.

Am nächsten Tag kommt der Assistent gemächlich wieder. Wir haben mit Charles gesprochen. Er sagt, dass deine Mutter und dein Bruder unterwegs sind. Freudentränen laufen mir über das verschwollene, zusammengeflickte Gesicht, das sicher leuchtet wie eine rote Abendsonne, ich habe sie so sehr herbeigesehnt, so sehr gerufen mit den stillen Worten des Herzens, die Kontinente und Meere überwinden. Meine arme Mama. Sie hat sich so viel gesorgt um ihre Tochter, die in den letzten fünfzehn Jahren immer Gott weiß wo unterwegs war, in Alaska, in Kamtschatka, auf den Bergen, in den Wäldern oder unter den Meeren, und sich oft in heikle, gefährliche Situationen gebracht hat; mein Mütterchen, dieses eine Mal gestehe ich ihr alle ihre mütterlichen Sorgen zu, sie hatte vielleicht nicht unrecht. Aus meinem Bett in meinem heruntergekommenen Zimmer versetze ich mich an ihre Stelle, und da wird es noch schlimmer, fast unerträglich – um zu überleben, muss ich auf hören, mich in ihr Mutterherz zu versenken, sonst gehe ich unter. Ich erinnere mich deutlich an einen ihrer Sätze, kurz bevor ich dieses Jahr wieder ins Feld aufgebrochen bin, einen Satz, den sie aussprach, ohne zu lächeln, mit der Autorität der Mutter, die weiß, dass ihre Tochter dabei ist, sich aufzulösen, aufgesogen zu werden von dieser anderen Welt, von der sie nichts weiß, deren Macht, Einfluss, Faszination sie jedoch spürt; was ihre Tochter natürlich weit von sich weist, »ich bin Anthropologin«, wiederholt sie unablässig, ich bin nicht fasziniert, ich verliere mich nicht in meinem Feld, ich bleibe ich, alles, was man sich so einredet, weil man sonst nie auf brechen würde. Meine Mutter sagte mir also vor ein paar Monaten: Wenn du diesmal nicht wiederkommst, gehe ich dich holen. Zu wissen, dass sie sich irgendwo zwischen Frankreich, Sibirien und Kamtschatka befindet, lässt mein Herz vor Freude und Traurigkeit zugleich bersten. Ich denke an Niels, der Mama begleitet. Mein älterer Bruder, der den Beschützer spielt, mein Bruder, der immer zarter war als ich trotz seiner großen Statur, mein Koloss mit den tönernen Füßen, Titan der Gefühle und der Sensibilität, ohne es zu wissen, zum Glück ist Mama für ihn da, sage ich mir. Sie wird immer die Stärkste von uns dreien sein. Meine Mutter hat schon andere Kriege erlebt, und auch wenn es noch niemand sicher weiß, wird dieser hier mit einer Geburt enden, nicht mit einem Tod.

An diesem Abend, dem letzten auf der Intensivstation, dringen unerwartete Schreie durch meine Nacht. Sie haben jemanden auf der Straße aufgelesen, der sehr betrunken ist, jenseits aller Vorstellung. Oder vielleicht ist er auch selbst hergekommen, wer weiß. Jedenfalls belegt er das Zimmer nebenan. Ich höre ihn, ich höre ihm zu, es ist eine unglaubliche Litanei, die da einsetzt und erst am frühen Morgen enden wird. Die Nachtschwester hat die schmierigen Hände des Chefarztes gegen andere Beleidigungen eingetauscht; auf den Fluren wird gebrüllt, geflucht. Eine Tür schlägt zu, der Mann nebenan ist jetzt eingesperrt; und da beginnt er zu singen. Er stimmt einen langen melancholischen Gesang an, der von den früheren Zeiten erzählt, von der Kolchose, der Roten Armee, von Kühen, Milch, Rentieren, Büchern und Kino, Pelzen und Handelsplätzen, Wodka. Ich möchte sein Gesicht sehen, den Schmerz sehen, der seine von Schluchzern unterbrochene Stimme beben lässt. Um welche Welt weint er? Wie alt ist er, um diese vergangenen Zeiten zu betrauern? Ich stelle ihn mir vor, ein paar Stunden früher mit der Flasche in der Hand durch die matschigen Spurrillen einer der kaputten Straßen der Stadt wankend, im fahlen Licht eines dieser Supermärkte, die vor nicht mal fünf Jahren inmitten der rissigen Wohnblocks aus der Sowjetzeit aus dem Boden geschossen sind und von einer Welt zeugen, die sich zu schnell zu stark gewandelt hat und schon wieder zerfällt, noch bevor sie ihre räuberische Reife erreicht hat.

Ich lausche meinem delirierenden Zimmernachbarn und fühle mich nach Twajan versetzt, in die Jurte. Ich sehe den alten Wassja vor mir, wie er im Morgengrauen auf einem Rentierfell sitzt, die Augen halb geschlossen, wahrscheinlich noch in diesem angenehmen Zwischenzustand kurz vor dem Erwachen, wenn unser Körper noch ganz unter der Macht der Träume steht. Kolchos direktor, knasnaja armija, sowchos direktor, in Endlosschleife. Direktor der Kolchose, Rote Armee, Direktor der Sowchose, murmelt er unablässig vor sich hin und wiegt sich dabei sachte im Licht der Dämmerung, das durch das Dach hereindringt. Ich erinnere mich an die Heftigkeit des Schocks, des Zusammenpralls zwischen der Kuppel der Jurte, den Flammen des Feuers, die von der Welt des Unsichtbaren erzählen, welche er, Wassja, abends in ein paar geflüsterte Worte zu übersetzen weiß, und der sowjetischen Moderne, die bis in die Träume dieser Menschen, die am weitesten entfernt, am andersartigsten, am wenigsten darauf vorbereitet waren, gesickert ist. In den Tiefen von Wassjas Innerem kreist eine Geschichte. Welcher Erinnerungsfetzen, welches Detail einer Begegnung, welches Bruchstück eines Ereignisses? Ich weiß nicht, ob mein Zimmernachbar auf der Intensivstation Ewene, Itelmene, Korjake oder Russe ist; ich weiß jedoch, dass er von der gleichen vergangenen Schwere heimgesucht wird wie mein alter Freund in Twajan.


Die letzte Operation steht an. Um mein Bett drängt sich ein ganzer Pulk von Menschen. Die Stimmung ist fröhlich. Sie sind mindestens zehn, Ärzte und Krankenschwestern, die ihre Arbeit machen oder einfach nur beobachten, sie reden mit mir, sie sind guter Dinge, weißt du, dass du danach rauskannst und ins normale Krankenhaus kommst?, fragt einer von ihnen, während er die Narkose vorbereitet. Dann tritt der Chefarzt auf, offener Hemdkragen, behaarte Brust, Goldkette im Wind. Es wird alles gut gehen, sagt er und krempelt die Ärmel hoch. Gelb blitzendes Lächeln, Augenzwinkern. Dann, zum zweiten Mal seit dem Bären, tanzen die Lichter.

Als ich wieder aufwache, glaube ich einen Moment lang, dass ich noch im Medikamentenrausch träume, so komisch ist die Szene. Alle Betten ringsum sind beiseitegeschoben worden und durch den Saal schallt ein russischer Rock’n’Roll-Song. Es ist niemand mehr da außer der Krankenschwester, die beim Bodenaufwischen tanzt und lauthals mitsingt. Ich muss lachen. Nastja, du bist wach!, kreischt sie los. Es ist soweit du kommst heute raus los wach richtig auf bald wirst du abgeholt!

Später kommt der Chefarzt wieder. Alles in Ordnung, sagt er, ich habe das Nötige getan, du wirst sogar essen können. Kein Schlauch mehr, stimmt. Auch kein Luftröhrenschnitt mehr, nur ein Klebepflaster auf dem Loch in meiner Kehle. Ich kann es nicht fassen, ich bin glücklich wie nie zuvor. Draußen wartet jemand auf dich, sagt er dann noch. Jemand, aber wer? Schon meine Familie? Dazu ist es doch noch zu früh … Nein, meint er. Jemand, der … und er deutet mit der Hand eine kreisförmige Bewegung an und zeigt mit einer Grimasse auf sein Gesicht. Jemand, der braun ist?, übersetze ich. Dunkel? Ja, dunkel. Er ist da, er wartet am Ausgang, er will dich sehen.

Die Krankenträger kommen, wir rollen aus meiner Zelle hinaus, ich sehe zum ersten Mal die langen Flure, die Einrichtung, die anderen Räume, die Orte, die ich mir in all den Nächten ausgemalt habe. Keine Spur von dem Sänger von gestern, schade, denke ich, ich werfe im Vorbeifahren einen Blick in das Zimmer, aus dem seine Gesänge drangen, aber es ist leer, die Laken sind abgezogen und liegen zusammengeknäuelt am Fußende einer auf den Boden geworfenen Matratze. Dann kommt die Tür immer näher, das Licht überflutet meine Liege, und das erste Gesicht, das mich im Tageslicht empfängt, ist das von Andrei. Ich möchte ihn umarmen weinen ihm die ganze Geschichte erzählen, aber schon bringen mich die Pfleger weit weg von diesen Augen, von diesem endlich wohlwollenden Blick, dem Blick eines Freundes.

Pulsuz fraqment bitdi.

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19 sentyabr 2025
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