Kitabı oxu: «Comödie. Band 2»

Şrift:

Nataly von Eschstruth

Comödie
Band II

Roman

Mit Illustrationen von F. Schwormstädt.

Saga

Comödie. Band 2

German

© 1892 Nataly von Eschstruth

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711487372

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

XIV.

So bin ich heruntergekommen —

Und weiss es doch selber nicht, wie?! —

Uhland.

Nach welchem Bahnhof befehlen der Herr Baron?“ fragte der Diener mit erwartungsvollem Gesicht, den Hut in der Hand am Wagenschlag stehend.

„Zuerst bei Herrn Bankier Sauthing vorfahren.“

Derselbe rüstete sich gerade zur Fahrt in die Oper, aber er empfing zuvor den Kommerzienrat. Auch dieser war eilig. „Lieber Freund, eine grosse Bitte, verwahren Sie während meiner Reise diese drei Teilschlüssel von meinen Geldschränken, mein Schwiegersohn empfing die dazugehörigen Partner und ist die einzige Persönlichkeit, welche weiss, dass ich Ihnen dieses Trio in Haft gab!“

„Teuerster Baron, ich verreise selber morgen für vier Wochen!“

Lehnberg lächelte, seine Augen glühten auf: „Ah, thatsächlich, Sie verreisen? Hörte bereits davon läuten! Aber gleichviel, ich kehre unter zwei Monaten auf keinen Fall zurück. Schliessen Sie die Schlüssel ruhig in Ihren Sekretär, sie haben ja für Uneingeweihte nicht den mindesten Wert! Ich bitte von Herzen darum, habe wahrhaftig keine Zeit, noch zu jemand anderem zu fahren, mein Zug geht bereits in einer halben Stunde ab!“

„Wo reisen Sie so plötzlich hin, lieber Baron?“

Lehnberg lächelte verschmitzt: „In Wien, sagt er, muss man sein, sagt er!“ sang er, bereits zum Hut greifend, „das Gastspiel der kleinen Dorelli ist hier beendet — da gebe ich ein Stück Wegs das Geleite!! Also hier die Schlüssel.“

„Ja, ich verschliesse sie gern, aber während vier Wochen sind sie alsdann für niemand, auch für Sie nicht zu erreichen!“

„Gut! Gut! — Ganz famos! — Glückliche Reise!!“

„Viel Vergnügen!“

Und abermals sprang der Kommerzienrat in den Wagen; sein feistes Gesicht glänzte, er rieb sich die Hände und warf sich sehr behaglich zurück! „Zum Centralbahnhof!“ befahl er.

Dort entliess er den Wagen und die Dienerschaft sehr eilig, da die Frau Vicomtesse in das Theater fahren wolle. „Sollte die Gnädigste fragen, wohin und wie lange ich reise, so sagen Sie: „In geschäftlichen Angelegenheiten nach Wien, in fünf Tagen bin ich zurück. Den Brief an die Frau Vicomtesse liess ich bereits besorgen.“ — Als die Diener ihn verlassen, engagierte Lehnberg einen Dienstmann, nahm eine Droschke zweiter Klasse und fuhr zum Nordbahnhof. Er vertauschte den Klapphut mit einem weichen Reisefilz, schlug den Kragen hoch empor und setzte sich eine blaue Brille auf — beinahe unkenntlich gemacht, betrat er den Perron.

Vier Wochen waren vergangen. Eine Neuigkeit allarmierte die Residenz, wie sie seit Menschengedenken nicht annähernd sensationell die Gemüter erregt hatte.

Der Vicomte von Saint Lorrain hatte sowohl sein eigenes, wie auch das Vermögen seiner Gemahlin bis auf den letzten Heller durchgebracht. Man sprach von Spielverlusten, unglücklichen Spekulationen, und seiner grenzenlosen Verschwendungssucht. Die Scheidungsklage war von der jungen Frau bereits eingereicht. Man sagt, ein Zufall habe sie von dem Geschehenen in Kenntnis gesetzt, kurz nachdem in die bereits recht unglückliche Ehe eine kleine Wendung zum Bessern eingetreten sei. Der Vicomte sei von der Reise zurückgekommen, um sich mit seiner Gemahlin auszusöhnen. Sein Verlangen, mit ihm nach Paris überzusiedeln, habe sie jedoch auch jetzt wieder hartnäckig zurückgewiesen. Ja, man wollte wissen, dass sie bereits einen Prozess gegen ihren Mann anstrenge, welcher sich schier unglaubliche Eigentumsrechte auf ihr und sogar ihres Vaters Vermögen anmasse.

Eine hohe Schuld habe der Vicomte am Zahlungstermin nicht abtragen können, weil der Herr Schwiegervater verreist und seine Geldschränke für ihn verschlossen gewesen wären, und nun hätten sich die Gläubiger an Frau Aglaë gewandt. Da sei die Bombe zum platzen gekommen. Sogar die Diamanten wie der ganze Schmuck der Vicomtesse sei bereits von ihm versetzt worden, und die Gläubiger legten Beschlag auf das Palais mit dem gesamten kostbaren Inventar, weil in der Ehe des jungen Paares Gütertrennung nicht ausgemacht sei.

Man erwarte voll fiebernder Aufregung die Rückkehr des alten Lehnberg, der diesem Skandal ein Ende bereiten solle.

Aglaë habe sich jedoch sofort von ihrem nichtswürdigen Gatten getrennt und bewohne das Haus des Vaters. Hatte schon diese Nachricht in der ganzen Stadt gewirkt wie ein Funken im Pulverfass, so ward sie an Überraschendem und Sensationellem doch noch übertroffen durch das folgende Gerücht, welches anfänglich nur als „on dit“, bald aber als effektive Tatsache bekannt und mit nie gekannter Aufregung besprochen wurde.

Der Kommerzienrat Baron von Lehnberg war mit einer Balleteuse durchgegangen! Sein ganzes Vermögen hatte er flüssig gemacht und mitgenommen und nebenbei so viel Schulden hinterlassen, dass seine Tochter vollkommen mittellos und verarmt zurückbleibt.

Wie ein Sturmwind daher fegt und alles emporwirbelt in die Lüfte, so schüttelte die hochgradige Aufregung das Publikum fast aller Gesellschaftsschichten, und erst jetzt zeigte es sich so recht, wie ausserordentlich unbeliebt Aglaë und Lehnberg überall gewesen. Man hörte kaum ein Wort des Mitleids, im Gegenteil, manch’ schadenfrohes Lachen wurde laut, und man sagte achselzuckend, dass die Bäume doch niemals in den Himmel wachsen sollen! Unter einer Grafenkrone wollte es ja das hochmütige Fräulein nie thun! Und als der Herr Vicomte glücklich angebissen hatte, platzten Vater und Tochter beinahe vor Hochmut! Jetzt aber würde Frau Aglaë wohl Gott auf den Knien danken, wenn sie statt ihrem so sehr vornehmen Herrn Gemahl den schlichtesten bürgerlichen Ehrenmann geheiratet hätte!

In den Hofkreisen erregte es grossen Unwillen und Entrüstung, dass der Franzose in solch’ empörender Weise seine hiesige Gastrolle abschloss. — Man hatte ihm nie so recht getraut und ihn für etwas abenteuerlich gehalten, aber die Empfehlung seiner herzoglichen Tante erzwang ihm gewissermassen die Aufnahme in der Gesellschaft.

Man erzählte sich als sehr bezeichnende Tatsache, dass der Vicomte sein ganzes Vermögen längst durchgebracht und in Paris für einen berüchtigten Spieler gegolten habe; nach dem Lebenswandel des Schwiegersohns hätte sich der Kommerzienrat jedoch niemals erkundigt, ihm sowohl wie Aglaë habe es genügt, vor der Verlobung das sichere Factum zu erforschen, dass Saint Lorrain aus einer sehr vornehmen und alten Familie stamme. Das war allerdings eine Thatsache, — aber fast an jedem Baum gibt es eine wurmstichige Frucht, und auch der Stammbaum der Saint Lorrain hatte in dem letzten Sprossen Louis eine solche getragen. Er war ein leichtsinniger Fant, in schlechter pariser Gesellschaft völlig verdorben und ein Glücksritter geworden, welcher, auf den leider noch immer so leicht geblendeten deutschen Michel bauend, in Deutschland nach einer Millionärin gesucht hatte, welche eitel und thöricht genug war, sich und all ihr Hab und Gut einem Abenteurer mit der Grafenkrone anzuvertrauen!

Der alte Lehnberg war doch nicht so einfältig und beschränkt gewesen, wie man ihn genommen hatte. Er durchschaute endlich den Herrn Schwiegersohn, sah die Katastrophe kommen und machte sich rechtzeitig aus dem Staube.

Aber Aglaë? Was wird aus ihr?!

Man zuckte gleichgültig die Achseln. Wie man’s treibt, so geht’s! Mag sie sehen und es nun erkennen lernen, wie es armen Leuten zu Mute ist, auf welche sie früher voll Verachtung herabgeschaut.

Der Vicomte war ohne weiteres abgereist, als er von der Flucht des Schwiegervaters und den absolut trostlosen Verhältnissen überzeugt gewesen war. Der Scheidungsprozess nahm seinen Verlauf, und die Vicomtesse von Saint Lorrain versuchte, so gut es ihr bei der völligen, verzweifelten Fassungslosigkeit möglich war, die Angelegenheiten mit den Gläubigern zu ordnen. Wie man sagte, sollte die Herrschaft Moosdorf, welche der Baron seiner Tochter noch als Eigentum hinterlassen, zwangsweise verkauft werden.

Aglaë sass in dem ehemaligen Arbeitszimmer ihres Vaters, wo sie soeben den nunmehrigen Besitzer des Hauses empfangen hatte. Diese Angelegenheit war geregelt, und blieb ihr vorerst nichts, als die wenigen Schmuckstücke, welche sie in einer kleinen Schatulle in ihrem Ankleidezimmer für den täglichen Gebrauch bereitstehen hatte. Auch auf ihre Toiletten hatten die Gläubiger, meist selber sehr reiche Leute, verzichtet, und nun handelte es sich nur noch darum, ob durch den Verkauf von Moosdorf so viel einkam, dass ihr nach Abzug der Schulden noch ein kleines Kapital übrig blieb. Dann musste es sich entscheiden, ob aus der Millionärin thatsächlich über Nacht eine Bettlerin geworden. Leichenhafte Blässe bedeckte das Antlitz der jungen Frau; ihre Augen schauten aus tiefem Schatten müde und übernächtig, und das schwarze Wollkleid liess ihr elendes Aussehen noch schärfer hervortreten. Aber trotzdem lag kein leidender oder unglücklicher Zug in dem schönen Antlitz, vielmehr eine Energie, welche ihm sonst fremd gewesen, und eine leidenschaftliche Erbitterung, welche voll düsterer Glut aus ihren Augen sprühte. — Das Unglück hatte sie getroffen, und sie hatte es dem Namen nach kennen gelernt, der eigentliche Begriff des Wortes Armut aber war ihr noch fremd. Noch war in ihrer Umgebung alles unverändert, noch liess sie die Grossmut ihrer Gläubiger im Besitz des Hauses, bis Moosdorf verkauft war, noch quälte sie keine Sorge um ihr tägliches Brot. Und darum war ihr Stolz, ihre schroffe Heftigkeit noch nicht gebrochen, im Gegenteil, das Bewusstsein, durch ihren furchtbaren Sturz aus der Höhe, durch ihr entsetzliches Schicksal der Gegenstand der Schadenfreude der ganzen Residenz geworden zu sein, reizte sie auf zu feindseligster Opposition, und weil sie annahm, dass nur Neugierde die ehemaligen Freunde zu ihr trieb, schloss sie sich unversöhnbar ab von der Mitwelt und gab Befehl, keinerlei Besuch bei ihr zu melden oder vorzulassen.

Mit sarkastischem Lachen warf sie die Visitenkarten von sich und ballte die kleinen Hände unter den Folterqualen der Scham und Demütigung. Da hob sie den bittern Kelch ihres Elendes abermals an die Lippen, aber auch jetzt nippte sie nur daran, und es waren noch viele, viele Wermutstropfen zu schlürfen, bis er zum Boden geleert war, bis sie durch die schwere Schule des Schicksals gegangen, welche ihr beschieden war.

Eine Karte von einem ehedem sehr treuen Freund des Hauses, Professor Wendhausen, welcher ihr voll herzlicher Aufrichtigkeit seine Hilfe und seinen Beistand anbietet. Aglaë knäult das Papier zwischen den Händen und beisst die Zähne zusammen. Sie will und braucht keine Hilfe, sie wird schon fertig werden in der Welt! Es wäre ja schlimm, wenn alle Frauen, die plötzlich verarmen, gleich Hungers sterben sollen! Sie will kein Mitleid! Sie will allein ihren Weg gehen und ihr Fortkommen niemand zu danken haben! — Sie hasst die Menschen! Sie mag niemand mehr hören und sehen, sie hat abgeschlossen mit allem.

In Fetzen fliegt das Billet zum Kamin hinab, und Aglaë stützt zornig das Köpfchen in die Hände und denkt gar nicht daran, dem Professor überhaupt zu antworten. Was soll diese Freundlichkeit auch anderes bedeuten, als einen versteckten Hohn, als eine edle Rache für die Beleidigung, welche sie ihm und Hans Burkhardt damals auf dem Bazar angethan? Er liess sich seit jener Zeit nicht mehr in ihrem Hause sehen, weil er beleidigt war, jetzt aber, wo sie im Elend ist, will er über sie triumphieren und will seine Genugthuung haben in dem Gedanken, dass die stolze Schöne sich nun demütig und hilfeflehend an seine rettende Hand klammern soll. Und so wie er — so denken alle, die ihr solch’ gnädige Anerbieten machen, die sie aufnehmen oder ihr Unterstützung angedeihen lassen wollen.

Ein wilder, leidenschaftlicher Kampf durchtobt ihr Herz. Sie geht mit erregten Schritten in dem Zimmer auf und nieder, sie überlegt mit fiebernden Pulsen, was sie beginnen soll, wenn der Erlös von Moosdorf ihr keine Existenz sichert. Sie besitzt keine Talente — kann weder malen, noch sticken, noch schriftstellern; das bisschen Musik nützt ihr leider nichts!

An ihrem Kleidersaum raschelt etwas. Sie blickt mechanisch danach zurück. Ein Stück Theaterzettel: „Die Hochzeit des Figaro!“ Sie war noch vor kurzer Zeit in die Oper gefahren und hatte spottend einer bekannten Dame gesagt: „Welch eine entsetzliche Debutantin! — Die Person benahm sich ja wie ein Stock und vergass vollkommen, dass sie Comödie zu spielen hatte, und so gut wie sie, singe ich die Arien der Gräfin auch noch! Ich hoffe nicht, dass man uns diese Thränenweide dauernd engagiert!“

Aglaë zuckte jählings zusammen, ihr Auge blitzte auf. Singen! — Sagte man nicht, sie besitze eine schöne, kräftige und klangvolle Stimme? Hatte man ihr nicht unzählige Elogen und Komplimente über ihren dramatischen Vortrag gesagt? — O, sie glühte stets vor Wonne und Begeisterung, wenn sie in strahlender Pracht, befriedigt und fröhlichen Herzens im Musiksaal ihres Vaters stand und eine höfliche Menge in atemlosem Lauschen an ihren Lippen hing. — Wie sang die Tochter des Millionärs die „Bettelarie“ so wunderbar ergreifend, dass kaum ein Herz ungerührt blieb? Wie konnte sie, der aller Herzen zu Füssen lagen, so unaussprechlich traurige und klagende Lieder von verlorener Liebe und verlorenem Glück, von Falschheit und Verrat singen! — Und sie sang meisterhaft. Sie hatte ja stets im Leben so vorzüglich Comödie gespielt und immer damit Glück gemacht, warum soll sie, die Priesterin der Comödie, dieselbe nicht auch zum Beruf, zum Inhalt ihres Lebens machen?

Die dunklen Augen der jungen Frau glühen auf, ihre Wangen brennen plötzlich in heissem Purpur. Ihre alte, ungestüme Lebensfreude überkommt sie. — Sie will Sängerin werden! — Ihr Entschluss ist gefasst! — Wie viel teure Stunden hat sie genommen! Es wird nur noch einer kurzen Ausbildung bedürfen, um sie reif für die Bühne zu machen. Ihre wundervollen Toiletten werden ihr dabei noch sehr zu statten kommen, sie erspart durch sie die grosse Anschaffung kostbarer Kostüme. All ihr Leid und ihr Elend ist vergessen, Aglaë lebt nur noch in dem Gedanken an ihre künstlerische Laufbahn.

Der Himmel hängt ihr voller Geigen — sie sieht in rosige, lockende Fernen, sie sieht plötzlich das Ideal und den Traum ihrer Jugend verwirklicht! Das flotte, übermütige Bretterleben hatte sie stets gereizt und angezogen! Sie verkehrte ja früher mit Vorliebe mit Künstlern, bis sie in Paris in allzu nahe Berührung mit einem derselben kam und ihr Hochmut eine Scheidewand zwischen ihr und „diesen Leuten da unten!“ aufrichtete. Das alles aber war vergessen; sie dachte nur an die Zeit, wo sie alle Bühnengrössen noch im Hause ihres Vaters empfing, wo sie mit den Herren kokettierte und mit den Damen sehr intim war, um desto besser in die Mysterien jener Welt hinter den Coulissen eindringen zu können!

Alle diese Leute waren ja sehr liebenswürdig zu ihr gewesen, und wenn nun auch der Verkehr aufgehört hatte, seit sie Baronesse Lehnberg geworden, je nun, so war dies ja doch nur ganz begreiflich gewesen! Als sie in die Hofkreise eintrat, konnte sie doch unmöglich noch derartige Beziehungen aufrecht erhalten.

So wie sich die Sache mit Moosdorf entschieden hat, wird sie sofort zu einer der Damen fahren und ihren Plan mit ihr besprechen. Man wird ihr gewiss allseits behilflich sein, und sie wird dann nach Wien oder Prag, München oder Berlin an die Oper gehen und sich allabendlich applaudieren lassen.

Aglaë schellte — es kam niemand. — Sie schellte abermals, zornig und anhaltend. — Seit sie nicht mehr die Millionärin war und die Verhältnisse sich im Hause so sehr geändert hatten, waren die Dienstboten unerträglich geworden. Auch jetzt trat endlich ein Diener mit mürrischem und undevotem Wesen ein.

„Dieser Brief sollte an den Rechtsanwalt besorgt werden! Wie kommt es, dass er noch hier liegt?“ herrschte sie den Mann an.

Er zuckte nachlässig die Achseln. „Es wird wohl niemand Zeit gehabt haben!“ entgegnete er frech.

Aglaë stieg das Blut in die Wangen. „Ist jetzt etwa mehr Arbeit wie sonst? — Ist es früher jemals vorgekommen, dass ein Befehl ignoriert wurde?“

Der Bursche lächelte spöttisch.

„Ja, früher! früher bekamen wir auch unsern Lohn bezahlt!“

Die junge Frau zuckte zusammen. „Nun — und geschieht das jetzt etwa nicht?!“

„Na — wer soll uns denn nach dem allgemeinen Bankrott bezahlen?“ — war die rüde Antwort, „wir halten aus, weil wir vertröstet sind, dass die Frau Vicomtesse nach dem Gutsverkauf noch etwas ausgezahlt bekäme, und auch nur darauf hin geben die Kaufleute noch Kredit, dass wir die Wirtschaft führen können!“

Aglaë war wie schwindelnd stehen geblieben. Dies war das erste Mal, dass man ihr derartig zu begegnen wagte, dass man ihr die Missachtung zeigte, welcher die Armut zumeist ausgesetzt ist. — Je höher sie stand, desto schwerer und fühlbarer der Fall.

In ihrer alten, imponierend stolzen Weise richtete sich Gräfin Saint Lorrain empor. „Sie werden noch heute Ihren Lohn sämtlich ausgezahlt bekommen!“ sprach sie blitzenden Auges. „Und nun augenblicklich den Brief hier besorgt, sonst sind Sie auf der Stelle entlassen.“

Dieser Ton verblüffte. War der Bankrott am Ende doch nicht so arg? — Einen scheu schielenden Aufblick, eine unterthänige Verneigung und James verschwand.

Aglaë aber sank auf einen Sessel nieder und weinte heisse Thränen schwer verletzten Stolzes. — Sie erwartete Sauthing, den einzigen Menschen, mit welchem sie in kalter Geschäftsmässigkeit als Konkursverwalter verkehrte. Er sollte die Leute sofort ablohnen und entlassen. Aglaë wollte allein fertig werden.

Und wieder war es der Gedanke an ihre künstlerische Laufbahn, welcher sie aus ihrer verzweifelten Stimmung emporriss! Ein fieberndes Interesse für alles, was die Bühne anbetraf, ergriff sie, und sie fasste nach den Zeitungen, die Opernkritiken der letzten Zeit gründlich zu studieren! Hatte ihr doch einst eine berühmte Sängerin gesagt, ihre besten Lehren habe sie aus den Recensionen ihrer Rivalinnen empfangen, daraus habe sie gelernt, was sie thun und lassen müsse, um jene in ihren schwachen Seiten zu überflügeln.

Aglaë hatte fast nie zuvor eine Zeitung in die Hand genommen. Politik, Börse, Marktberichte und Annoncen waren ihr unendlich gleichgültig, der Geruch der frischen Druckerschwärze geradezu widerwärtig. — Jetzt empfand sie nichts davon, mit Ungestüm durchforschte sie die Blätter.

Plötzlich stutzte sie. Ein gross gedruckter Name fiel ihr in die Augen. „Doktor Hans Burkhardt, Privatdozent an der Universität zu X. veröffentlichte in einer sechsten Vorlesung der überstark besuchten Versammlung ärztlicher Autoritäten seine neueste sensationelle Forschung auf dem Gebiete krebsartiger Leiden.“

Wer? Hans Burkhardt?— Der kleine Pächtersohn, der Bauernjunge aus Moosdorf?! — Aglaë starrt auf die Zeitung nieder wie im Traum, „er hält Vorlesungen? Er ist der plötzlich aufgetauchte Wunderapostel, welcher ein Mittel gefunden haben will, Krebsleiden zu heilen? Ja, richtig ...“ Aglaë entsinnt sich, dass man davon gesprochen, dass das neue Heilverfahren einen Sturm der Aufregung entfacht hat, dass es ein ganz junger Arzt sei, welcher sich mit dieser Forschung in die Reihe der ersten medizinischen Grössen emporgeschwungen habe, — aber den Namen? Nein, den hatte sie nie beachtet, denn sie hielt sich schaudernd die Ohren zu, wenn von einer so ekelhaften Krankheit die Rede war! Gott sei Dank, sie war gesund an Leib und Seele! Sie brauchte sich nicht für Leute und Dinge zu interessieren, welche sie absolut nichts angingen!

Jetzt mit einemmal fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Dieser neue Stern am Himmel der Wissenschaft war ihr Hans, ihr alter, lieber Freund Hans. — Und sie hatte das soeben erst durch einen Zufall erfahren — soeben erst! Wie war’s nur möglich gewesen, dass er nie davon geschrieben! Geschrieben? Die junge Frau zuckte plötzlich zusammen und legte die Hand über die Augen. Wie konnte sie das wohl erwarten, nach der schändlichen Behandlung, welche sie ihm angedeihen liess! — Sie sah ihn noch stehen in der Kirche, fernab unter der Menge, den klaren Blick auf sie gerichtet — verächtlich, beinahe empört über diese stolze, Comödie spielende Braut! Nicht unter den Gästen wollte sie ihn an jenem Tage sehen, denn er hätte ja den glänzenden Zug schimpfiert durch sein ärmlich, schmucklos Kleid und seinen klanglosen Namen, sie verleugnete ihn, weil sie sich seiner schämte!

Und er sollte ihrer noch gedenken? Die Zeit, da er wahrlich ihr Freund Hans gewesen, die war lange, lange vorüber. — Aus dem Freund aber war ein Feind geworden, der die hochmütige Frau Vicomtesse hasste um ihrer Treulosigkeit willen, der ihr schon damals gegenübergetreten war mit dem Betteldünkel der Armut, welcher sich ihren Millionen nicht beugen wollte. So stolz und feindselig hatte ihr kein Mann je zuvor gegenübergestanden wie Hans Burkhardt, denn damals war ihre goldgefüllte Hand noch frei, und welch ein anderer Mann in der Lebensstellung Hans Burkhardts hätte sie wohl zurückgewiesen, wenn sie ihm entgegengeboten worden wäre?

Er aber, er warf stolz das Haupt in den Nacken und zertrat die goldschillernde Schlange, welche ihm als Versucherin aus dem Tausendgüldenkraut entgegenfunkelte!

Aglaë ist verbittert bis zum Hass gegen Gott und die Welt. Früher hatte sie noch oft an Hans gedacht, mit mildem, versöhnlichem Herzen, welches ihn herbeirief wie eine liebe Traumgestalt in die grauenvolle Wirklichkeit! Da wähnte sie ihn noch arm, vergessen und bedauernswert, da hatte es noch einen gewissen Reiz für sie, aus ihrer Höhe nach ihm hinab zu schauen, wie die gefangene Königstochter sich herniedersehnt zu dem Schäfer, der allmorgens seine Herde am hohen Schloss vorübertreibt. — Jetzt hatten sie aber die Rollen getauscht, und Aglaës eitles Herz zuckte auf und revoltierte gegen den Gedanken, dass er, der Verachtete, plötzlich hoch stehe im Glanz, und dass sie und ihr Lebensschifflein gesunken seien, so tief, tief, dass kein Emporkommen wieder möglich war!

Wahrlich nicht? Aglaës Augen blitzten auf. — Noch ist das Lied nicht aus! — Noch gibt es eine lockende, strahlende Zukunft, reicher an Lorbeer und Gunst, als wie die eines armseligen Doktors, der vor seinen Studenten und Ärzten ein paar Reden hält und seine ganze Kunst nur in dumpfe Krankenstuben tragen kann! — Er wird zeitlebens am Boden kleben, da, wohin ihn Elend, Not und Krankheit seiner Patienten bleischwer ziehen und festhalten! Aglaë aber wird auch künftig ein Schmetterling mit goldenen Flügeln sein, wird lachend, singend und sorglos über Rosen und Lorbeer dahinschweben, eine Genie des Glücks, der Gesundheit und Lebenslust!

Und dennoch ärgert sie sich, als sie stets neue Nachrichten in der Zeitung findet, welche Hans Burkhardt feiern, welche sein Verdienst lobpreisend anerkennen und von Auszeichnungen und Beweisen der Liebe und Bewunderung erzählen, welche ihm allseits gezollt werden. — Sie schleudert das Blatt von sich, und wandelt, aufs heftigste erregt, in dem Gemach auf und nieder: Wie mag er jetzt triumphieren und über den Sturz der Frau Vicomtesse von Saint Lorrain höhnen! — Sie sieht im Geiste sein stolzes, mitleidloses Gesicht, wie er kalt lächelnd vor sich hinnickt und sagt: „Wie man’s treibt, so geht’s! Sie hat eine grosse, grosse Lügencomödie vor der Welt gespielt, und die Millionen, in welchen sie gestrahlt, und mit welchen sie einem Abenteurer die Augen blendete, waren von Flittergold! — Nun ist die Comödie aus, aber der Schluss war ein böser Knalleffekt, — die ganze Herrlichkeit rutschte in die Versenkung! — Ich aber! Ich bin als Selfmademan emporgestiegen auf die Höhe, welche sie nicht mehr behaupten kontte, — nun stehe ich oben und blicke auf sie herab!“

Heisse Glut steigt in die farblosen Wangen der jungen Frau. Stolz, Eitelkeit, brennende Scham! Ihr Trotz ist aber noch ungebrochen, und jener Bettelhochmut, den sie früher so oft verspottet, der zeichnet nun auch ihr sein finster Mal auf die Stirn. Mit gefalteten Brauen und einem gereizt aufsprühenden Blick starrt sie auf den Diener, welcher zwischen den Portieren steht.

„Was wollen Sie?“

„Gräfliche Gnaden, es ist ein Herr drunten, welcher sich absolut nicht abweisen lässt. Er hat mir befohlen, seine Karte abzugeben und ihn bei Frau Vicomtesse zu melden.“

„Welche Zudringlichkeit! — Vielleicht ein Käufer oder Auktionator, welcher mich persönlich behelligen will! — Zeigen Sie die Karte, wie heisst er?“

Unwirsch nimmt sie das weisse Blatt entgegen. Sie zuckt zusammen, ihr Haupt neigt sich jählings vor, ein scharfes, höhnisches Lächeln spielt um ihre Lippen. „Doktor Hans Burkhardt!“ murmelt sie lesend. Und dann steht sie da, schwer atmend, mit zitternden Lippen.

„Darf ich den Herrn eintreten lassen, Gräfliche Gnaden?“

Ein flammender Blick trifft den Frager: „Nein!“ ruft sie leidenschaftlich, „tausendmal nein! — Bestellen Sie, ich sei für niemand zu sprechen, für niemand!“

„Befehl!“

Die Portiere schliesst sich; wie ein Aufstöhnen ringt es sich aus Aglaës Brust!

Auch er kommt, sie durch sein Mitleid zu demütigen, auch er kommt, sich an ihrem Elend zu weiden! — Was soll er, der arme Schlucker, der wohl eine grosse Entdeckung machte, aber keine Millionen erwarb, was soll er wohl anderes bei ihr wollen? — Helfen kann er ihr nicht, Trost und Mitleid will sie aber nicht! Und sie will dem „berühmten Mann“ nicht die Genugthuung gewähren, dass er sich schulmeisternd vor sie hinstellt und ihrer Comödie eine Kritik schreibt! Sie ist und bleibt die Vicomtesse von Saint Lorrain, die Trägerin eines der vornehmsten Namen, den ihr keine Macht der Welt, weder Armut noch Elend und Verlassenheit rauben können und er wird ewig der Sohn eines armen Pächters bleiben, wenn er auch zehnmal Professor wird! — Sie wird nie vergessen können, dass er auf dem Besitztum ihres Vaters der Sohn eines Untergebenen war, dass ihr Platz im Schloss, der seine nur im Pachthaus gewesen!“

Noch ist ihr Stolz durch diesen Schicksalsschlag nicht zerschmettert, und Aglaë räumt niemand, selbst Hans Burkhardt nicht, das Recht ein, sie zu bemitleiden und sich über sie zu erheben!

Ein Gefühl leidenschaftlichen Ingrimms überkommt sie, der sinnlose Trotz eines Kindes, welches dem Abgrund entgegen läuft und dennoch eigensinnig nach der Hand schlägt, welche es rettend erfassen will.

Ein lauter Schritt im Nebenzimmer.

Aglaë wendet jäh das Haupt und starrt auf die Portiere, welche mit energischer Hand zurückgeschlagen wird. Leichenblässe bedeckt ihr Antlitz, sie krampft die Hände zusammen und ringt nach Atem.

Vor ihr steht Hans Burkhardt.

XV.

Was hast du in dem Spiel gewonnen?

Was blieb der wunden Brust?!

Eichendorff.

Wie ein Aufschrei klingt sein Name von ihren Lippen: „Hans! Hans Burkhardt!!“

Sein Antlitz war düster, jetzt hellte es sich plötzlich auf zu einem strahlenden Lächeln. Hastig trat er näher und reichte ihr beinahe ungestüm die Hand entgegen. „Es erstaunt und überrascht Sie, mich zu sehen, Frau Vicomtesse?!“ ruft er, „Gott sei Lob und Dank! So habe ich also doch mit meiner Vermutung recht gehabt, so hat man mich Ihnen gar nicht gemeldet, weil Sie jeden Besuch abweisen lassen! So haben Sie mich nicht auch fortgeschickt, wie jeden Fremden, und ich that recht daran, hier einzudringen, wo meine Anwesenheit zur Zeit notwendig ist!“

Sie hatte sich gefasst, kalt und stolz musterte sie ihn vom Scheitel bis zur Sohle und umschloss mit bebenden Händen fest die Lehne des vor ihr stehenden Stuhls, ohne von seiner dargebotenen Rechten Notiz zu nehmen.

„Sie irren!“ antwortete sie mit fast feindseligem Blick, „Sie sind mir gemeldet worden wie jeder, der hierher kommt, mit dem Verlangen, sich persönlich zu überzeugen, dass die Vicomtesse von Saint Lorrain wahrlich das stolze Genick gebrochen! Da liegt Ihre Karte, Herr Burkhardt! Ich war allerdings durch Ihren Anblick in hohem Grade überrascht, weil ich es nicht für möglich hielt, dass ein Herr und Kavalier die Thürschlösser einer Dame gewaltsam sprengt, wenn er nicht freiwillig von derselben Eintritt erhält!“

„Aglaë!“ — Halb entsetzt, halb unwillig klang es. Er sah sie einen Augenblick an, als verstehe er sie nicht, dann trat eine tiefe Falte zwischen seine Brauen, und gleichsam, als zwinge er sich, seine Ruhe zu wahren, antwortete er kühl: „Da Frau Vicomtesse den Besuch eines langjährigen Freundes und Spielkameraden so schroff ablehnen, darf ich wohl notgedrungen darum bitten, geschäftlich mit Ihnen verhandeln zu dürfen. — Herr Sauthing, welcher zur Zeit in seinem Büreau unabkömmlich ist, verwies mich direkt an Sie, da meine Pflicht mich schon mit dem nächsten Zug wieder von hier abruft. Herr Sauthing schien wohl einen andern Empfang vorausgesetzt zu haben, sonst hätte er mich Ihnen gewiss als ‚unabwendbares Übel‘ annonciert!“

Erstaunt blickte die junge Frau auf, ihre Haltung war noch immer eine unnahbare. „Geschäftlich? Was haben Sie Geschäftliches mit mir zu besprechen?“ Sie betonte das Wort „Sie!“ so spöttisch herausfordernd, dass ihm das Blut ins Antlitz schoss; der geübte Blick des Arztes erkannte aber sofort, dass er es mit einer nervös überreizten und durch das Unglück kopflos gemachten Dame zu thun habe, mit welcher man nicht rechten darf. Er legte gelassen seinen Hut nieder und antwortete ebenso spottend wie sie: „Das ist eine längere Geschichte, und obwohl Sie mir noch keinen Stuhl angeboten, Frau Vicomtesse, bitte ich dennoch um die Erlaubnis, mich setzen zu dürfen. Ich durchwachte die Nacht an einem Krankenbett und nahm mir auch am Tage keine Zeit zum Ruhen, da mich die Depesche meines Vaters und mein eigenes, aufrichtigstes Mitgefühl unverzüglich hierher zu Ihnen trieb! Hätte ich allerdings geahnt, wie überflüssig dasselbe hier ist, ich hätte mich weniger abgehetzt, um Ihnen zu Hilfe zu eilen!“

Aglaës Antlitz färbte sich höher, sie nahm schwer atmend ihm gegenüber Platz und vermied es, ihn anzusehen. „Hilfe?“ lachte sie bitter auf, „mir kann nur Hilfe durch Gold und Silber werden — und ... verzeihen Sie das harte Wort — ein Mann, der selber unterstützt wird, kann unmöglich ein Füllhorn Hunderttausender ausschütten!“

Er lächelte beinahe amüsiert: „Sehr richtig, ich bin nach wie vor ein armer Schlucker, der vorerst noch gerade genug zu thun hat, um sich selber über Wasser zu halten, aber Sie vergessen, Frau Vicomtesse, dass ich noch einen Vater besitze!“

Sie blickte schnell auf, lehnte hochmütig den Kopf zurück und kniff die Augen zusammen, als habe sie ihn nicht recht verstanden. „Ihr Vater? ... Wie sollte der Pächter meines Gutes in der Lage sein, mir Hilfe zu leisten! Höchstens durch Rat und That — und mit dieser Münze lasse ich mich gerade jetzt durchaus nicht unterstützen. Ich bin meine eigene Herrin, und mein Lebensweg ist mir klar und sicher vorgezeichnet — es bedarf also keinerlei fremder Einmischung.“

„Um so besser!“ Aglaë schlug unwillkürlich die Augen nieder vor dem Blick, welcher sie traf. „So wird meine Mission hier um so kürzer sein. Es scheint, dass Herr Sauthing Sie von den letzten Ereignissen in Moosdorf noch nicht unterrichtet hat?“

„Ereignissen in Moosdorf? Heute ist die Herrschaft unter den Hammer gekommen, es können noch keine Nachrichten von dem Resultat hier sein.“

„Sie unterschätzen unsere Telegraphen. Wollen Frau Vicomtesse sich überzeugen?“

Sie griff hastig und sehr erregt nach der Depesche, welche er aus der Brusttasche zog. Ihre Hand bebte dermassen, dass sie das Papier kaum öffnen konnte. Mit stockendem Herzschlag las sie: „Habe soeben Moosdorf käuflich erworben, ohne Hypothek wird es allerdings nicht abgehen. Reise augenblicklich zu unserer armen Aglaë ab und sage ihr, was ich dir schon brieflich mitteilte. Burkhardt.“

Leichenblässe überzog das Antlitz der Lesenden; wie schwindelnd hob sie die beiden eiskalten Hände an die Schläfen und schloss momentan die Augen. Dann zuckte sie leicht zusammen und starrte Hans mit gläsernem Blick an.

„Ihr ... Ihr Vater ... hat Schloss Moosdorf gekauft?“ flüsterte sie.

Der junge Arzt nickte gleichgültig. „Mein praktischer Vater hat sich diesmal von seinem gutmütigen Herzen übertölpeln lassen, ebenso wie sein Sohn, der nicht ass und trank, weil ihn die Freundschaft und Sorge für Sie zum Bahnhof trieb, die Sorge um eine Frau, welche solch ein Opfer weder verlangt noch würdigt. Mein guter Vater gehört zu dem alten biedern Menschenschlag, der in der Not die treueste Freundschaft hält. Er hat zwar nicht sonderlich viel Grund gehabt, sich dem Baron von Lehnberg verpflichtet zu fühlen, aber die arme, kleine Aglaë, die er ehemals auf dem Arm gehalten, die jammerte ihn in ihrer hilflosen Lage. ‚Hans‘, schrieb er mir, ‚es ist zwar ein Unsinn, solch ein Gut zu kaufen, wenn der Sohn ein Bücherfuchser und Quacksalber geworden ist, aber ich kann nicht fort von hier, ich klebe an der Scholle mit all dem sauern Schweiss, den sie mich gekostet! Und dann um der armen Aglaë willen! Habe gedacht, es sei ihr vielleicht eine rechte Hilfe in der Not, wenn ihr die Heimat erhalten bliebe. Darum fahre selber hin zu der Frau Vicomtesse und sage ihr, die alten Burkhardts liessen sie aus treuem Herzen grüssen, und sie solle nicht jammern und sich grämen — Moosdorf sperre alle Thüren auf, sie heim zu holen! Wir sind ja allerdings nur schlichte, einfache Bauersleute, aber wir wollen die arme, verlassene junge Frau aufnehmen bei uns, als wäre sie unser eigen Kind. Das grosse Schloss ist leer, denn mein Mutterchen und ich, wir bleiben hier in unserm gewohnten, kleinen Nest. Die Frau Vicomtesse aber, die soll nach wie vor in dem Schloss wohnen, und was sie zum Leben braucht, das soll ihr herzlich gern gegeben werden. Luxus kann ich ihr freilich nicht bieten, aber ich denke, ein Frauenherz, das so viel erschrecklich Schweres durchgemacht hat, das hängt nicht mehr an Plunder und Flitterkram. Hörst du, Hans? fahre gleich hin zu ihr — bringe der armen, einsamen Frau Trost und Hilfe, denn sie hat ja wohl niemand auf Gottes weiter Welt. Wir aber meinen es gut mit ihr, und wenn’s ihr recht ist — dann soll sie gleich am nächsten Tage kommen, und der liebe Herrgott segne ihren Eingang bei uns!‘“ Hans schwieg. Er hatte leise, mit wunderbarer Innigkeit gesprochen. Sein Blick leuchtete immer glückseliger, je mehr er die Wirkung dieser seiner Worte in ihrem schönen Antlitz las. Zuerst hatte sie ihn gross, mit weit aufgerissenen Augen, beinahe erschrocken angeschaut, dann trieb ihr die Scham heisse Glut in die bleichen Wangen, und wie gebrochen durch die Wucht solch unverdienter und überraschender Liebe und Güte neigte sie das Haupt in die Hände und schluchzte leise auf wie in verzweiflungsvollem Weh. Sie antwortete nicht, und auch Hans verharrte still, das wunderthätige Wirken dieses Thränenregens nicht zu stören.

Er war nicht nur ein Arzt des Körpers, sondern auch der Seele, und er hatte erkannt, dass Aglaë wohl die kränkste Patientin war, welche er je auf rettende Wege geleitet.

Wie eine Erlösung kam es über sie, es war, als ob diese Thränen die hässliche Schminke unwahren Stolzes und falscher Kälte von ihrem Antlitz fortwuschen, als ob etwas Eisigkaltes in ihrer Brust zu schmelzen beginne. Sie sprang empor und streckte dem jungen Arzt leidenschaftlich beide Hände entgegen. „Ich danke Ihnen!“ stiess sie schluchzend hervor. „Ihnen und Ihren Eltern! — Ich bin nie im Leben solch treue Liebe gewohnt gewesen — ich kann’s nicht begreifen, dass jemand wahrlich von Herzen gut zu mir ist! — Sagen Sie es Ihren Eltern ... und sagen Sie ihnen, dass ich tausendmal danken lasse! Sie haben mir eine grosse Wohlthat erwiesen durch ihr Anerbieten, aber annehmen kann ich dasselbe nicht!“

Hans hielt ihre Hände fest: „Und warum nicht, Frau Vicomtesse? Haben Sie eine andere Heimat gefunden?“

Sie schüttelte trostlos das Haupt.

„Besitzen Sie treuere Freunde, welche für Ihre Existenz sorgen wollen und können?“

„Freunde?“ Das alte, bittere Lachen gellte durch ihr Schluchzen.

„Also auch das nicht. Moosdorf ist mit dem heutigen Tag verkauft, dieses Haus hier müssen Sie räumen, und es bleibt Ihnen nach Abzug aller Kosten und Deckung der Schulden nur ein so kleines Kapital, dass Sie selbst darbend nicht von seinen Zinsen leben können. Was also wollen Sie beginnen? Ich beschwöre Sie zu Ihrem eigenen Besten, sagen Sie, warum lehnen Sie die Einladung meiner Eltern ab?“

Sie rang voll Qual die Hände frei und schlug sie vor ihr brennendes Angesicht. — „O fragen Sie nicht! — Ich kann nicht nach Moosdorf, ich kann nicht von Almosen leben — ich werde wahnsinnig in dem Gedanken, dass ich von einer Barmherzigkeit leben soll, die ich nicht verdiente! — Warum sammeln Sie solch feurige Kohlen auf mein Haupt, Hans?! — Ich bin nie im Leben Ihre ehrliche Freundin gewesen, ich habe nie einen Funken von all den hochherzigen Gefühlen für Sie oder die Ihren empfunden, welche Sie mir jetzt so beschämend entgegenbringen! Lassen Sie mich ausreden! Es ist ein bittersüsses Selbstkasteien! Es ist eine grausige Wohlthat, vor dem Menschen zu stehen und sich selber zu richten in einer Stunde, wo nur von diesem Einzigen noch Rettung kommen kann! — Gehen Sie! Gehen Sie, Hans, ich hab’s nicht verdient, dass Sie mich mit solch unaussprechlich guten und treuen Augen ansehen! Ich bin falsch und untreu gegen Sie gewesen, so lange ich zurückdenken kann! — Mein Spielzeug waren Sie! Mein Zeitvertreib, welchen man missachtend in die Ecke wirft, wenn sich besseres bietet! Geschämt habe ich mich Ihrer und Ihrer Eltern, habe Sie verleugnet und gekränkt bis ins tiefste Herz hinein, habe voll kaltherziger Berechnung die Hände nach Ihnen ausgestreckt, Sie herabzuziehen vor meine Füsse, um Ihnen Herz und Seele zu vergiften, so wie sie mir von Kindesbeinen an durch den Pesthauch modernen Lebens gemordet wurden! — Gespottet habe ich über die Leute im Pächterhaus, habe mein Kleid ängstlich zusammengefasst, wenn ich über ihre Schwelle treten musste, weil ich glaubte, die Atmosphäre der Armut wirke wie Schmutz! — Ich habe den alten Leuten den Sohn nehmen wollen, ihm Bravheit und Redlichkeit zu stehlen, weil es mir für einen kurzen Fastnachtstraum amüsant gewesen wäre, ihn an seiner unglücklichen Liebe verkommen zu sehen, und zu diesen — diesen Leuten sollte ich jetzt gehen, um aufgenommen zu werden wie ein Kind in der Heimat? Ihnen sollte ich alles danken, was ich noch auf Erden wäre?! — Niemals, Hans! — beim ewigen Himmel, ich kann es nicht!“

Er sah ihr traurig, aber voll warmer Herzlichkeit in das flammende Angesicht: „Meine Eltern wissen nichts von all dem Unrecht, dessen Sie sich anklagen, und ich, der es anhören musste, ich vergebe Ihnen von ganzem Herzen, Frau Vicomtesse, und habe nur eine Bitte, welche Sie mir als Sühne zu erfüllen versprechen müssen: Betrachten Sie Moosdorf zeitlebens als Ihre Heimat und vergessen Sie die trüben Bilder, welche Sie sich selbst als Schreckgespenst vor meiner Eltern Thür stellen!“

Sie antwortete nicht, sondern schüttelte nur voll düsterer Schwermut das Haupt.

„Nun, so lassen Sie uns wenigstens einmal vernünftig über Ihre Zukunft sprechen!“ fuhr er in seinem alten, energischen Ton fort, „und wenn Sie es wirklich als Ihre Schuld erachten, ehedem falsch gegen mich gewesen zu sein, so büssen Sie dieselbe jetzt dadurch ab, dass Sie mir künftighin um so ehrlicher vertrauen. Wollen Sie das versprechen, Aglaë?“

Sie schlug mit aufleuchtendem Blick in seine Hand ein. „Ja, das will ich“, atmete sie auf, „Sie sollen wenigstens den Weg kennen, auf welchem ich mich vorwärts kämpfen will, und welcher uns für alle Ewigkeit trennen wird!“

Ein wehmütiges, aber dennoch zuversichtliches Lächeln spielte momentan um seine Lippen. „Lassen Sie mich hören!“ nickte er freundlich.

Sie liess das Haupt wie müde zur Brust sinken und starrte nachdenklich auf das bunte Teppichmuster zu ihren Füssen nieder: „Leider Gottes war mein Vater schon ein reicher Mann, als ich geboren wurde“, begann sie herbe, „und meine Erziehung ist das Resultat seines Parvenüdünkels, welcher von sich und seiner Familie alles fernhielt, was an die niedrige Vergangenheit erinnerte. Die Arbeit, welcher er seinen Reichtum verdankte, verachtete er, weil sie der Lebensinhalt des niedrigen Mannes ist, und jedwede praktische und nützliche Beschäftigung hielt er schmachvoll für die Tochter eines Millionärs, welche Dienstboten genug befehligt, ihre Wünsche sofort erfüllt zu sehen. Meine Mutter war krank und schwach, sie drang mit ihren Ansichten nicht durch und ich ward, was ich jetzt leider Gottes bin, ein unwissendes, hilfloses, nutzloses und überflüssiges Geschöpf. — Ich habe weder ein Examen gemacht, noch so viel gelernt, um es vielleicht jetzt noch nachholen zu können; nicht einmal zur Kindergärtnerin würde ich brauchbar sein, denn ich bin ungeduldig und unduldsam und würde mich niemas in die Rolle einer Untergebenen fügen können. Daran scheitert auch die Möglichkeit, Gesellschafterin zu werden. Wer mag ein unliebenswürdiges, verbittertes und launenhaftes Geschöpf um sich sehen, welches gewöhnt ist, zu befehlen, ohne selber gehorchen zu können. — Vom Haushalt oder wirtschaftlichen Arbeiten habe ich keine Ahnung und gestehe es Ihnen zu meiner Schande ein, dass ich nie im Leben eine Küche betreten habe. Das hielt ich selber unter meiner Würde, denn da ich in den Ansichten meines Vaters erzogen wurde, habe ich dieselben ganz natürlicherweise auch zu den meinen gemacht! — Ich kann also nichts, gar nichts, weder nähen, noch stricken oder kochen, kann nicht malen, nicht unterrichten. Das einzige, was meine ungeschickten Finger als ‚nobele Passion‘ betreiben durften, war Musik. Ich leiste auch nicht viel im Klavierspiel, aber doch genug, um meinen Gesang zu unterstützen, denn eine Gabe legte auch mir die Natur in die Wiege — eine Stimme, welche in viel teuren Stunden geschult wurde, und welche vielleicht für das Theater ausreicht —!“

„Für das Theater?!“ — Hans zuckte leicht empor und blickte die Sprecherin fast entsetzt an: „Was verstehen Sie darunter, Vicomtesse? — Wollen ... wollen Sie etwa zur Bühne gehn?!“

Sie hob resolut das schöne Haupt, ihr Blick war finster, und die alte Bitterkeit durchklang abermals ihre Stimme: „Ja, ich will zur Bühne!“ wiederholte sie beinahe heftig, „denn mir bleibt keine Wahl! Sie haben meinen Entschluss bereits durch Ihr erschrockenes Gesicht und den Ausdruck Ihrer Stimme gerichtet! Sie sehen die leichtsinnige Tochter des leichtsinnigen und gewissenlosen Vaters bereits untergehen in den Flammen, welche das Schicksal auch heutzutage noch über die verderbten Sodomskinder regnen lässt!“ — Sie biss die Zähne zusammen und lachte scharf auf: „Ich kenne die Bühnenlaufbahn, mache mir keine naiven Vorstellungen und betrete resigniert einen Weg, auf welchem man Schmetterling sein muss, um manchen Abgrund überschweben zu können!“

„Warum werden Sie nicht Konzertsängerin?!“

„Weil diese Carriere sehr langsam und unergiebig ist. Ich muss Geld verdienen — eine Konzertsängerin aber braucht viele, lange Jahre, ehe sie sich einen Namen macht und bezahlt wird. Die Opernsängerin hat feste Gage und hat täglich Gelegenheit, sich dem Publikum bekannt zu machen und vorwärts zu kommen! Warum sehen Sie mich so wunderlich an? — Zweifeln Sie etwa an meinen Erfolgen?“

„Ja, ich zweifle stark daran!“

„Und warum? Hörten Sie mich je singen?“

„Nein.“

„Nun also! Was befürchten Sie? Bitte, seien Sie ehrlich und wahr!“

„Ich befürchte, dass gerade die Bühnenlaufbahn sehr wenig geeignet ist für eine Dame, welche nicht Gesellschafterin werden will, weil sie sich da dem Willen einer Gebieterin fügen muss. Einer einzigen Dame! Die Theatercarriere aber ist ein unaufhörliches Sichfügen, Ducken, Demütigen, ein Gehorchen, Bitten und Flehen! — Sie haben nicht eine feine, gebildete Dame zur Brotherrin, deren Wünschen Sie sich unterordnen, sondern eine Reihe der egoistischsten, kaltberechnendsten und rücksichtslosesten Männer, deren Wesen sich von der Energie des Direktors bis zur Roheit des Coulissenschiebers variiert! — Sie sind nicht sogleich Diva, — Sie sind lange Jahre Anfängerin. Sie müssen Rivalinnen neben sich dulden, welche die schöne, vornehme und geistvolle Genossin in Ihnen hassen werden! Man wird Sie und Ihren Stolz kränken bis zur Schmach! Der Weg, welchen Sie gehen wollen, Vicomtesse, ist nicht so blütenreich, wie es für den Fernstehenden den Anschein hat, und ich fürchte, er führt Sie, anstatt empor, so tief hinab, dass Sie für Kreise, darinnen eine Gräfin Saint Lorrain verkehrsberechtigt ist, ein für allemal verloren sind!“

Aglaës kleine Hand, welche in ihrem Schosse lag, erzitterte unmerklich. Sie schüttelte aber energisch das Köpfchen: „Ihre Sorge um mich lässt Sie zu schwarz sehen! Ich habe viele Freundinnen und Freunde beim Theater, welche mir gewiss sehr schnell empor helfen werden!“

„Diese Illusion ist die erste Klippe, an welcher Sie scheitern werden!“

„Warten wir’s ab. — Jedenfalls will ich lieber alles ertragen und dulden, ehe ich von Almosen lebe oder eine dienende Stellung annehme!“

„Sie sprechen von „Ertragen und Dulden“ wie der Blinde von der Farbe! — Haben Sie schon jemals im Leben gehungert? Haben Sie gefroren in dem Bewusstsein, zu arm zu sein, um den Ofen heizen zu können?!“

„Nein, — wie sollte ich!“

Er trat wie in leidenschaftlicher Angst näher und fasste beschwörend ihre Hände: „Aglaë! Seien Sie kein unvernünftiges Kind, welches blindlings in sein Verderben rennt! Ich weiss es, wie bitter die Armut, das Notleiden und Entbehren ist — ich, der willensstarke, körperlich abgehärtete Mann bin in dem Kampf um das Dasein beinahe unterlegen, — wie viel mehr werden Sie, die zarte, sonnenlichtverwöhnte Blüte in solchem Sturm zu Grunde gehen!“

Sie sah ihm voll in die Augen — ein warmer, dankerfüllter Blick, welcher dennoch durch Thränen glänzte.

„Sonnenlichtverwöhnte!“ wiederholte sie leise, — „o nein, Hans, ich bin nicht so verwöhnt, wie es wohl der Welt gegenüber den Anschein hat! Ich habe in der Dunkelheit eines Lebens, dem keine Sonne von Liebe und Glück gestrahlt, manch heimlich Leid erduldet, ich habe an der eigenen Herzenskälte gefroren bis in die Seele hinein! Und doch spielte ich die grosse Comödie der beneidenswerten glücklichen Frau! — Haben Sie meine bösen, frivolen Worte von damals ganz vergessen? — Ich habe sie wahr gemacht, Hans, und habe eine Maske vor das Antlitz gelegt, welche alle Welt getäuscht hat! — Man muss in der Welt Comödie spielen, um zum Ziel zu gelangen, — das sagte ich schon damals und wiederhole es auch heute aus vollster Überzeugung. Und ich will mich auch jetzt wieder danach richten, will weiter Comödie spielen, nicht nur auf der grossen Schaubühne des täglichen Lebens, sondern auf den Brettern, welche die Welt bedeuten! Warum sorgen Sie sich um mich? Ich bin ja eine so gute Comödiantin! Ich habe mir den Titel einer Vicomtesse von Saint Lorrain erspielt, warum nicht auch mein täglich Brot? — Und ob ich dem Sturm gewachsen bin? — Eine schwache Birke ist biegsamer als ein starker Eichbaum, jener wird leichter herabgesplittert in den Staub als sie! — Und nun seien Sie bedankt, lieber Hans, für alles, was Sie mir in dieser traurigen Stunde Liebes gesagt! — Sagen Sie es auch Ihren braven Eltern! Mich aber überlassen Sie getrost meinem Schicksal — mir sind Schmetterlingsflügel gewachsen, die tragen leichter über die Miseren des Lebens hinweg, als Sie glauben!“

Hans atmete schwer auf. „Ist dies mein Abschied, Aglaë?“ —

Sie nickte und lächelte. — „Vielleicht auf Wiedersehen, vielleicht auch nicht. — Ich werde Sie nie in die Verlegenheit bringen, mich verleugnen zu müssen.“

Ein schmerzliches Lächeln bebte über sein schönes, ernstes Angesicht. „Ich sehe ein, dass Sie erst bei der Erfahrung in die Schule gehen müssen, ehe Sie den Weg zurück in die Heimat finden! — Aglaë — vergessen Sie nicht, dass Sie in mir einen Freund besitzen, und wann und wo es auch sei, rufen Sie mich, falls Sie Hilfe brauchen! Verleugnen werde ich Sie nie, Aglaë, — es sei denn ...“

Er stockte und biss sich auf die Lippe, sein Antlitz ward blutrot, — hastig wollte er sich von ihr abwenden. Sie hielt seine Hand fest. Angstvoll sah sie zu ihm auf. „Vollenden Sie, Hans! — bei allein, was Ihnen heilig ist, — wann würden Sie sich meiner schämen?! Wenn ich keine Erfolge habe und ausgepfiffen werde? Wenn ich in Armut und Elend verkomme?!“ —

Er schüttelte beinahe heftig das Haupt, sein Auge flammte.

Wie die verkörperte, edle Männlichkeit stand er ihr gegenüber. „Nein, Aglaë, nicht dann! Im Gegenteil, Ihre Armut, Ihre Not würden mir lieb sein wie ein Feierkleid der Unschuld, welches die Märtyrerin schmückt! — Aber das Gegenteil davon — das gleissende Gewand der Üppigkeit, — das, Aglaë, würde ich verleugnen vor Gott und der Welt, und ein Weib, welches Triumphe und Lorbeeren mit der Ehre bezahlt — das würde für mich vergessen und verloren sein — bis in den Tod!“

Sie stand vor ihm, bleich und ernst, aber hocherhobenen Hauptes. Stumm reichte sie ihm die Hand. Ihre Lippen bebten, es lag etwas feierlich Keusches in ihrem Auge, was er zuvor nie gekannt. —

Krampfhaft presste er ihre schlanken Finger in seiner Rechten, die volle, leidenschaftliche Angst einer Liebe, welche nie erloschen, urplötzlich wieder aufflammt und um ihr Teuerstes zittert, brach durch seine Worte. „Aglaë!“ rief er beschwörend, „nur eines, — eines gelobe bei dem Andenken an deine Mutter; bleibe brav und gut! Strauchle nicht auf dem schlüpfrigen Weg! — Hungere und friere, aber lass nicht von der Tugend!“ —

Eiskalt war ihre Hand. — Fest blickte sie ihm ins Auge, und ihre Stimme klang wie ein Gelöbnis. „Ja Hans, ich will gut und brav bleiben!“ —

„Gott segne dich!“ — — und er riss sich los und stürmte davon. —

Aglaë aber strich langsam über die Stirn, es war ihr, als habe sie geträumt. Mechanisch faltete sie die Hände. Wie lange hatte sie keines Menschen Mund mehr gesegnet — wie lange hatte sie nicht mehr gebetet! —

Ja, es ist hart und schwer arm zu sein, aber arm zu werden ist noch viel tausendmal schwerer. — Ein Fuss, welcher nicht gewohnt ist auf Stein und Dorn zu wandeln, leidet Qual bei jedem Schritt und eine Hand, welche nicht arbeiten lernte, trägt gar manche Schwiele davon, bis sie es nur versteht zuzugreifen und sich zu regen. —

Wie ist es schon so ungewohnt und unbequem, ein einziges kleines Zimmer bewohnen zu müssen; welch eine fremde Beschäftigung, alles, was man braucht, zusammen zu suchen und fort zu legen! Aglaë hatte sich stets von ihrer Kammerfrau bis zur kleinsten Kleinigkeit bedienen lassen, und nun stand sie plötzlich allein und sollte sich sogar selbst frisieren! — Völlig ratlos hielt sie die prachtvollen Haare in Händen und hatte keinen Begriff, wie sie diese ungefügige Lockenfülle in die knappe Modefrisur, welche sie gewohnt war, eindrehen und aufnesteln sollte. — Stundenlang mühte und quälte sie sich ab, bis sie endlich die Arme erschöpft sinken liess und in Thränen der Ungeduld und Verzweiflung ausbrach. — Aber nur einen Augenblick, dann probierte sie die Arbeit aufs neue. Es fiel ihr ein, wie oft sie in wilder, launischer Heftigkeit Madame Laurence faul und langsam gescholten hatte, wenn sie nicht schnell genug mit der Frisur fertig war; wie sie die Ärmste oft zur Verzweiflung gebracht, wenn sie den Kopf auf die Romane neigte und dennoch jähzornig schalt, wenn die Kammerfrau jammerte: „Es ist unmöglich! Vicomtesse müssen das Köpfchen hoch und gerade halten!“ —

Nun hielt sie den Kopf hoch und gerade, aber es war ihr dennoch unmöglich, das Haar zu bändigen. Voll Heftigkeit schüttelte sie es schliesslich in den Nacken zurück. „Nun gut — dann hänge, wie du hängen willst!“ und sie band es mit einer Schleife zusammen und freute sich, dass sie künftig hin schneller fertig sein werde. — O Himmel, welch eine Last ist es doch, für sich selber sorgen zu müssen! Jeder abgerissene Knopf, jedes Band, jeder Nadelstich werden zu den schwierigsten Hindernissen! Aglaë sehnt Madame Laurence nicht zurück. Die Person hat unendlich viel Wohlthaten von ihr genossen, und dennoch versetzte auch sie der toten Löwin noch den Eselstritt beim Scheiden! — Brutal, impertinent markierend, dass aus der Millionärin eine Bettlerin geworden, so verabschiedete sich Laurence ebenso wie alle anderen Dienstboten, welche es Aglaë zuerst in nacktester, ungeschminktester Klarheit zeigten, dass nur das Gold krumme Rücken erzwingt, und dass es ein gar kläglich Ding ist, arm und verlassen zu sein! —

Seit ihren bösen Erfahrungen, welche sie in der Gesellschaft gemacht, hatte Aglaë den Glauben an die Menschheit verloren und das Benehmen ihrer Dienstboten erbitterte sie vollends und riss noch den letzten rosigen Schleier von ihren Augen, welcher die Welt in lichten Farben erscheinen liess. — „Des Daseins ganzer Jammer“ fasste sie an, ein Gefühl grausamster Ernüchterung stahl sich in ihr Herz, und am schwersten und herbsten, was sie in all ihrer Armut betraf, empfand sie den Verlust ihres Glaubens an die Menschheit. — Das Benehmen ihrer Dienstboten hatte sie immer noch mit der Ungebildetheit dieser Leute entschuldigen wollen, aber die Erfahrungen, welche sie auch in den Kreisen derer machte, welche sie für ihre Freunde gehalten, die nahmen ihr auch noch den Rest der freudigen Zuversicht, mit welcher sie ihre neue Laufbahn betreten. —

Welch absonderliches Gefühl, als Aglaë Besuche abstatten wollte und kein Diener, kein Kutscher und keine Equipage mehr da waren, welche ihrer Befehle harrten. — Der Gedanke, eine Droschke oder gar eine Pferdebahn besteigen zu müssen, war ihr entsetzlich, sie zog vor, stolz zu Fuss zu gehen. —

Wenn man in dem weichen Atlaspolster eines Wagens liegt, kennt man keine Entfernung, aber wenn man die langen Strassen Schritt für Schritt messen muss, dann merkt man erst, wie weit das Ziel ist. —

Todmüde erreichte Aglaë die Wohnung der ersten Säugerin, welche früher so manches Diner im Hause des Kommerzienrats besucht und sich stets himmlisch dabei amüsiert hatte! — Lehnberg hatte ihr einmal als Dank für ein Lied ein Brillantarmband überreicht’, welches mehr wert war, wie das ganze Vermögen, welches die Vicomtesse jetzt noch ihr eigen nannte. —

Das Kammerzöfchen musterte die ihr wohlbekannte verarmte Millionärin mit neugierig dreisten Blicken und schien es als grosse Huld zu betrachten, wenn sie sich überhaupt die Mühe nahm, sie zu melden. —

Nach recht langer Zeit erschien sie wieder und brachte die schnippische Antwort, dass ihre Herrin beim Frühstück sei, und da sie Gäste bei sich sähe, könne sie sich nicht gut stören lassen! Wenn Frau von Saint Lorrain ein Anliegen habe, möge sie sich doch schriftlich an ihre gnädige Frau wenden.“ —

Das Blut stieg Aglaë in die Wangen und raubte ihr fast die Besinnung; sie neigte kurz den Kopf und ging. —

Bei einer andern Künstlerin traf sie es nicht viel besser. Sie begegnete ihr allerdings auf der Strasse, aber Fräulein Dornée schien sie zuerst gar nicht zu erkennen und entschuldigte sich alsdann recht malitiös, sie habe die Frau Vicomtesse wirklich gar zu lange nicht gesehen, — als der Herr Kommerzienrat geadelt worden sei, habe sie ihren Besuch gemacht, um zu gratulieren, aber sie habe nie wieder etwas von den Herrschaften gehört! — Die junge Frau glaubte in den Boden sinken zu müssen vor Verlegenheit und begriff es selber nicht, wie sie den Mut gefunden, dieser Dame von ihren Zukunftsplänen zu sprechen. „Wie? Sie wollen zur Bühne? Singen Sie denn überhaupt? O — ja! ich entsinne mich jetzt — eine kleine, zarte Stimme! Mon Dieu, damit wollen Sie eine Opernpartie riskieren? Undenkbar, Verehrteste! ich rate Ihnen energisch ab! Warum werden Sie nicht Schauspielerin? Sie haben dabei doch bedeutend mehr chance! Sie glauben, ich könne etwas für Sie thun? O, Teuerste, welche Naivität! Ich bin einer Regie und Intendanz gegenüber direkt machtlos! — Bedaure sehr, Ihnen bei dieser Carriere absolut nicht behilflich sein zu können!“ —

Und so ging es weiter. Bei den meisten Damen ward sie überhaupt nicht empfangen; die eine hatte Migräne — die andere rief mit lauter Stimme im Nebenzimmer: „Sagen Sie, ich sei ausgefahren!“ — Und wo Aglaë angenommen ward und bereits sehr mutlos ihre Bitte vortrug, sie wünsche Stunden zu nehmen, um sich für die Bühne ausbilden zu lassen, da wehrte man mit solcher Hast ab und versicherte, dass jede Stunde „besetzt, — und beim besten Willen keine mehr einzuschieben sei“, — dass es die junge Frau sehr schnell empfand: Man hatte Angst von dieser Bettlerin keine Bezahlung für die Stunden zu erhalten! —

Es war Aglaë zu Mute, als müsse sie laut aufschreien vor Qual, Scham und Verzweiflung. Sie mied die Strassen, wo ihr Bekannte begegnen konnten, sie zitterte in dem Gedanken an neue Demütigungen. — Der Boden brannte ihr unter den Füssen.

Da kam ein letztes, welches ihren Entschluss, die Residenz zu verlassen, zur Reife brachte. — Ein bereits älterer Sänger, welchen sie aus früherer Zeit auch persönlich als einen der cynischsten und frivolsten Menschen kannte, schrieb ihr ein Billet. Er hatte davon gehört, dass sie Gesangstunden nehmen und zur Bühue gehen wollte. Er bot ihr seine Hilfe und Unterstützung an, ja er verlangte nicht einmal sein Stundenhonorar in klingender Münze ausgezahlt! — Der Inhalt und Ton dieses Schreibens trieben Aglaë Thränen der Empörung und der Scham in die Augen. Sie schleuderte den Brief von sich und presste voll leidenschaftlichen Schmerzes die Hände gegen die Brust. „O Hans! Hans!“ stöhnte sie auf, „ja, du hast recht gehabt — Kränkungen bis zur Schmach!“ — und sie trat zum Licht und vernichtete das Billet in der Flamme. Der rote Feuerschein zuckte über ihr bleiches Antlitz, welches den Blick voll stolzer Energie so starr geradeaus richtete, als sähe sie im Geiste eine hohe Männergestalt vor sich stehen wie damals, als sie aus ihres Vaters Hause scheiden musste. — „Ja, Hans — ich bleibe brav und gut!“ murmelte sie. Und dann ging sie energisch an das Werk, ihre Koffer zu packen. — Fort von hier! Hinaus in die fremde Welt, wo niemand sie und ihr traurig Schicksal kennt, wo sie sich flüchten und verbergen kann vor all den Geisselhieben des Spottes und der Erniedrigung, welche sie hier gefoltert haben. Auf die Hilfe ihrer Freunde durfte sie nicht zählen, sie musste vorwärts aus eigener Kraft, vorwärts zum fernen, fernen Ziel. —

An einem Konservatorium kann sie wohl am besten und unbemerktesten ihre Studien machen, und sie wird in jener fremden Stadt unbekannt sein wie all die tausend dunklen, schlichten Frauengestalten, welche arm und verlassen durch die Strassen schreiten, sich ihr täglich Brot zu verdienen. Der hochklingende Name, welcher ehedem ihr höchstes Ziel und ihre stolzeste Sehnsucht gewesen, den wirft sie von sich wie ein schweres, auffallend buntes Gewand, welches bei der Arbeit hindert und der Hand und dem Fuss nur im Wege ist. —

„Aglaë Lorrain“ steht auf dem weissen Papier, welches drei Treppen hoch an der Flurthür der Frau Rätin Barnexius angeheftet ist. — Unter dem Schutz dieser alten Dame, welche möblierte Zimmer an Schülerinnen des Konservatoriums vermietete, lebte die Vicomtesse von Saint Lorrain still und zurückgezogen, voll fiebrischen Eifers studierend von früh bis spät. Und niemand kannte sie, und niemand ahnte es, dass dieses kleine, unscheinbare Fünkchen unter der Asche ehemals ein so hellfunkelnder Stern am Himmel der Millionenanbeter gewesen.

XVI.

Mich friert! Was thut’s? Im Grab ist’s kälter noch als hier! —

(Prophet.)

Das war ein rastloses Lernen und Studieren! Man hatte ihr freilich gesagt, die Stimme sei nicht sehr bedeutend, aber es könne doch wohl noch etwas Brauchbares aus ihr gebildet werden! — Das war der Strohhalm, an welchen sich Aglaë klammerte.

Frau Rätin Barnexius hatte sich anfänglich sehr um ihre junge Chambregarnistin bemüht und manchen Versuch gemacht, Aglaës Vertrauen und ihre Zuneigung zu gewinnen. Sie lebte mit den drei andern jungen Damen in sehr herzlichem, mütterlichem Verhältnis und bildete mit ihnen gewissermassen eine Familie; an Aglaës beinahe feindseliger Verschlossenheit und ihrem abweisenden Benehmen scheiterte jedoch jede Möglichkeit, sie heranzuziehen und ihr die Einsamkeit erträglicher zu machen, eine Einsamkeit, welche der lebhaften, gesprächigen Frau Rat schier entsetzlich dünkte.

Aglaë empfand dieselbe jedoch als eine Wohlthat. Sie brauchte Ruhe und Stille, um sich von den entsetzlichen Stürmen der letzten Vergangenheit zu erholen, und sie benötigte die Einsamkeit, um ihr krankes, verbittertes Herz von den Wunden zu heilen, welche ihr das Leben und die laute Welt so erbarmungslos geschlagen.

Ihr Zimmer war verhältnismässig behaglich und hübsch, wenngleich es auf die Augen einer der verwöhutesten Millionärinnen einen unbeschreiblich ärmlichen Eindruck machte. Aber mit dem Gefühl eines trotzigen Kindes, welches seinen Willen durchgesetzt, voll Genugthuung in einen sauren Apfel beisst, gewöhnte sich die Vicomtesse an all das Ungewohnte, und da sie sich ihr Leben einrichten konnte, wie sie wollte, so hatte es auch in dieser Gestalt einen gewissen Reiz.

Allerdings war es vorerst eine Unmöglichkeit für die vollständig ungeübte und unpraktische junge Frau, sich nach der Decke zu strecken und eine richtige Einteilung des Geldes zu treffen. Die kleine Summe, über welche sie noch zu verfügen hatte, teilte sie in drei gleiche Teile, um drei Jahre von derselben leben zu können. In drei Jahren musste sie ja auf alle Fälle eine Anstellung an einer Oper gefunden haben, dann bezog sie ihr gutes Gehalt und ernährte sich selber, und während dieser drei Jahre musste sie wohl oder übel alles was sie besass, zusetzen.

Aber es ist unbeschreiblich schwer, sich einzuschränken und sich ein üppiges, elegantes Leben, welches man geführt, so lange man denken kann, abzugewöhnen. Jeder kleine Luxus, der ehemals selbstverständlich gewesen, wird nun zum fressenden Kapital, und Aglaë begriff es gar nicht, wie ihr die Thaler durch die Finger rollten, wenn sie nur die notwendigsten Einkäufe für ihren Toilettentisch machte. — Bis sie einsah, dass es jetzt nicht mehr angehe, täglich das Waschwasser durch köstlich duftende Essenzen angenehm zu machen, Parfüms, Puder, Crêmes, elegante Nadeln und Haarwasser zu gebrauchen, hatten diese kleinen Liebhabereien, die ehedem selbstverständlich gewesen, schon tief in das Geld eingerissen. Auch musste sie viel Reugeld bezahlen, bis sie auf den Gedanken kam, dass sie ihre Kleider, welche begannen, sich abzutragen, auffrischen müsse. Früher wurde alles, was nur im mindesten durch den Gebrauch unansehnlich geworden, ausrangiert und durch neue Kostbarkeiten ersetzt und als die spinnwebfeine, spitzenbesetzte, meist seidene Leibwäsche zu reissen begann, da glaubte die Vicomtesse auch, es müsse sofort neue gekauft werden, und es sei doch unmöglich für eine Dame, andere Wäsche als solch allerfeinste und eleganteste zu tragen! Zum erstenmal aber geriet sie in peinlichste Verlegenheit, denn der Preis der Hemden allein betrug mehr, als sie in einem ganzen Vierteljahr ausgeben durfte.

So schwer und kümmerlich hatte sie sich das Armsein doch nicht gedacht, und so schwer hatte sie das Berechnen und Einteilen auch nicht geglaubt. Wie viel hatte sie vergessen in ihre Wochenrechnung aufzunehmen, was nun ganz entsetzliche, unerwartete Lücken in ihre Kasse riss! — Ein Gefühl der Unruhe und Angst überkam sie, und es kostete sie manch bittere Thräne, stets aufs neue auf alte Passionen und Gewohnheiten verzichten zu müssen. Es war ein zu furchtbar greller Umschwung und Wohl ein Glück für Aglaë, dass ihre beinahe kindliche Naivität sie bewahrte, ihr ganzes Elend und ihre trostlose Lage in voller Schwere zu erfassen.

Wie wunderlich kam ihr der so einfache Mittagstisch der Rätin vor. Ausgekochtes Rindfleisch sollte sie essen! Mit einem einzigen, oft entsetzlich derben und bäurischen Gericht fürlieb nehmen! Anfänglich hatte sie oft die Zähne bei Tisch gehoben und gedankt und war nachher in ein Restaurant gegangen, um zu essen, was ihr behagte. Bald aber sah sie ein, dass es eine Unmöglichkeit sei, derart hohe Preise noch ausser ihrer Pension für Speise und Trank zu zahlen. — Sie weinte Thränen hilfloser Verzweiflung, und weil der Hunger weh that, so lernte sie es, allerdings mit grösstem Widerstreben, mit Fleisch und Gemüse fürlieb zu nehmen!

Voll fieberhaften Eifers übte und sang sie, bis ihr die Lehrer Mässigung anbefahlen, um die Stimme nicht zu überreizen. Ihre gründlichen Vorstudien kamen ihr wesentlich zu Hilfe und brachten sie schneller vorwärts als die meisten ihrer Mitschülerinnen. — Die Zeit zog dahin, und Aglaës kleines Vermögen schmolz mehr und mehr zusammen. Ihre Stimme war zart und wohlklingend, und ihr reizendes Gesichtchen, ihre graziöse Gestalt liessen die Lehrer hoffen, dass Aglaë Lorrain vielleicht doch als eine zweite oder dritte Sängerin noch ihr Glück machen könne.

Endlich, endlich ist die schreckliche Zeit des Studiums beendet. Die junge Frau hat sich über ihre Kräfte angestrengt, sie sieht bleich und gealtert aus und ist bedeutend magerer geworden. — Sie hat ihr Abgangszeugnis erhalten, und weil dasselbe nicht so glänzend ausgefallen, wie sie erwartet, steht sie mit stolz zurückgeworfenem Haupt und zusammengepressten Lippen vor ihren Lehrern, um sich zu verabschieden. Dieselben sind es gewohnt, dass sie um ihre fernere Protektion und Empfehlung gebeten werden, und auch jetzt stehen frische, liebenswürdige junge Mädchen vor ihnen, welche mit dankbar herzlichen Worten Abschied nehmen und sehr bescheiden und höflich bitten, dass die Herren Professoren doch bei Gelegenheit ihren weitgehenden Einfluss und ihre Beziehungen zu Intendanten und Direktoren geltend machen möchten, den unbekannten Anfängerinnen zu einem Engagement zu verhelfen.

Stumm und kalt steht Aglaë beiseite. — Sie hat sich stets abgesondert und zurückgezogen, sowohl von den Schülern, wie von den Lehrern des Konservatoriums, und dieses stolze, verschlossene Wesen hat sie unbeliebt gemacht. Sie steht auch jetzt beim Abschied isoliert, und kein Mensch beachtet sie, obwohl manch ärgerlicher Blick sie streift.

Die einfachen Kleider sind aufgetragen, und Aglaë hat kein Geld, dieselben zu ersetzen. Die Not hat sie gezwungen, eine ihrer ehemaligen eleganten Toiletten anzulegen, und nun steht sie geputzt und prunkend unter den schlichten Genossinnen, die sie stets für sehr reich gehalten haben. Als sie gegangen, wendet sich der alte Professor Kolsch zu einem Kollegen. „Ich weiss, dass das Hoftheater zu X. eine junge Sängerin gebrauchen kann, für deren Partien die kleine Lorrain wohl ausreichen und besonders gut passen würde! Hätte sie mir ein Wort gesagt, würde ich sie gern empfohlen haben!“

„Die Lorrain? — Nein, sie hat auch mir keine derartige Bitte vorgetragen, und ich bezweifle überhaupt, dass sie zur Bühne gehen will! — Allem Anschein nach ist sie recht vermögend und bildete sich aus Passion zur Sängerin aus, um vielleicht hie und da in einem Konzert mitzuwirken!“

„Recht vermögend? Hat sie nicht bei der Rätin Barnexius gewohnt?“

„Das wohl, aber ich denke mir, es geschah dies weniger aus Sparsamkeit als dem Bedürfnis entspringend, sich unter den Schutz dieser sehr gut renommierten Dame zu stellen! Ich entsinne mich, dass man sich in der ersten Zeit erzählte, das Fräulein speise privatim in den ersten Restaurants, weil ihr die Pensionsküche nicht genüge. Ausserdem war sie bis auf das Taschentuch herab geradezu fabelhaft equipiert! Eine Notentasche aus gepunztem Leder mit Silberornamenten und echten Edelsteineinlagen, ein Regenschirm mit massivem Goldgriff, Taschentücher von echten Spitzen, Pelzwerk, wie es kaum eine Fürstin trägt, und soeben — nun, Sie sahen ja selbst diese Toilette, welche sich kaum eine Diva leisten kann!“

„Solche Dinge sind bei einem hübschen Mädchen eher Zeichen der äussersten Armut, einer Mittellosigkeit, welche auf jedwede Weise Geld verdient!“ sagte Kolsch mit ironischem Lächeln.

Der Andere schüttelte hastig das Haupt: „Nein, nein, um Vergebung, Herr Kollege! Die Lorrain hat einen tadellosen Lebenswandel geführt! Unsere Stadt ist gross, aber nicht gross genug, um ein solches Geheimnis bergen zu können! — Die Kleine ist wegen ihres hübschen Gesichtchens aufgefallen, und ich weiss, dass man ihr nachgestellt hat, sogar mit den redlichsten Absichten, aber Stolz und Tugend haben eine chinesische Mauer um sie her gezogen!“

„So, so! freut mich! — Das bestärkt mich allerdings auch in der Annahme, dass sie vermögend ist! Ja, da werde ich das Engagement besser einer andern Schülerin zuwenden, welche bedürftiger ist!“

„Ganz recht! Ich bitte dringend in erster Linie der talentierten Cläre Holz zu gedenken. Sie kennen die Schicksale der armen Waise! Sie will bei ihren wohlhabenden Verwandten kein Aschenbrödel abgeben und zieht vor, ihr Brot selber zu verdienen! Nettes, liebenswürdiges Mädchen, überall bekannt und beliebt, die verkörperte Assimilation!!“

„Gut, gut, — werde an sie denken! Haben recht, lieber Freund, man muss stets zuerst die Bedürftigen versorgen!“

Und man versorgte sie, Aglaë aber war vergessen. Sie stand ernst und resigniert in ihrem kleinen Zimmer und packte ihre grossen Koffer. — Sie wollte nach einer bedeutenden norddeutschen Stadt übersiedeln, wo sie besonders thätige Theateragenten wusste. Die Sonne blinkte durch Wolken und lugte so wässrig in ihr Zimmerchen wie ein Auge, das voll Thränen steht. — Nachdenklich blickte die junge Frau empor, und atmete tief auf. Ihrer Ansicht nach lag nun die schwerste Zeit hinter ihr. — Ja, eine schwere Zeit, in der sie zuerst das Einschränken und Entbehren lernte! Noch liegt sie mit all ihrer Erinnerung auf ihr wie eine Centnerlast, und Aglaë weiss es auch, dass sie nicht spurlos an ihr vorüber gegangen — weder am äussern noch am innern Menschen.

Sie hat das Gefühl, als seien die bunten, schillernden Schmetterlingsflügel, welche sie in heiterem Tanz über Rosen und Lorbeeren dahin tragen sollten, wie sie ehedem Haus Burkhardt so siegesfroh versicherte, als seien diese lustigen Schwingen müde und schwer geworden, als seien sie erlahmt unter dem ersten, mühseligen Flug nach der Tempelpforte der Euterpe!

Ein kleines Stück Wegs war erst zurückgelegt, und doch deuchte es der einsamen Frau, als sei sie viele, viele Jahre älter in dieser kurzen Spanne Zeit geworden. Not und Armut sind zwei Bleigewichte, welche sich sowohl an den Körper, wie den Geist hängen, welche niederziehen aus all den rosigen Wolken der Illusion und Lebensfreudigkeit, hinab in die grauen Nebel trostloser Verzagtheit, die allen Humor ersticken. — Und dieses Stück Lebensweg, arm an Glück und Gold, aber dennoch nicht arm genug, um auch die Not der Verzweiflung kennen zu lehren, ist ein Boden, auf dem das Kräutlein Leichtsinn zumeist still und kraftlos wurzelt. Es wächst nicht und trägt nicht Blüte und Frucht, dennoch treiben Hunger und Durst nicht zum äussersten, aber es verdorrt und vergeht auch nicht, denn dazu fällt immerhin ein zu reichlicher Thränentau darauf nieder. — Auch die kleinen und grossen Keime des Leichtsinns, welche Leben und Erziehung in Aglaës Herz gesenkt, ruhten still unter den Trümmern des Glücks, und noch hatte die junge Frau keine Ursache und Veranlassung gehabt, sie zu geistiger Blüte gross zu ziehen; sie trug stolz das Haupt im Nacken, sass noch im warmen Zimmer bei Speise und Trank, und warf die rosa Brieflein, welche ihr zuflogen, selbstgefällig in die Flammen: „Du sollst dich meiner nicht schämen, Hans Burkhardt, ich bleibe brav und gut!

Der grosse, traurige Wechsel ihrer Verhältnisse und die schwere Lehrzeit, welche der Umschwung von reich zu arm mit sich gebracht, hatten Aglaë wohl viele schwere und bittere Stunden geschaffen, der Umstand aber, dass sie wieder „Aglaë Lorrain“ hiess, dass sie alle gräfliche Herrlichkeit und ihre vornehmen Titel verschweigen musste, der fiel als bitterster Tropfen in den Kelch ihrer Leiden. — Der Hochmut hatte viel zu tiefe, unlösliche Wurzeln geschlagen, um in einer kurzen Spanne Zeit gerodet werden zu können, und dass sie nun, wo sie endlich das höchste Ziel ihres Lebens, eine Grafenkrone, erreicht, dieselbe unbenutzt ignorieren musste, das war die tiefste Wunde, welche das Schicksal ihrer Eitelkeit geschlagen. — Und selbst jetzt, wo sie neben den Koffern sass, welche ihre ganzen Habseligkeiten bargen, wo sie nicht mehr wusste, womit sie in einem halben Jahr ihren Hunger stillen sollte, selbst jetzt galt ihre Sehnsucht nicht dem verlorenen Reichtum, sondern hauptsächlich der Stunde, wo sie es der Welt wieder als interessantes Faktum mitteilen konnte, dass die junge Sängerin droben auf den Brettern eine Vicomtesse sei, welche freiherrlichem Hause entstamme!

Im Geiste las Aglaë bereits die geheimnisvollen Zeitungsnotizen, welche über die vornehme Herkunft der ‚jungen Sängerin aus Passion‘ — ihre Andeutungen machen und sie mit dem Nimbus der Fee im Bettlerkleid umgeben! Wenn nur erst an einem grossen Theater ein festes, glänzendes Engagement erfolgte, dann kann sie ihre bescheidene Maske wieder von sich werfen und sich unbeschadet wieder als Frau Vicomtesse respektieren und feiern lassen! O, was hätte sie darum gegeben, wäre es ihr beim Abschied vom Konservatorium vergönnt gewesen, all den eingebildeten, aufgeblasenen Menschen mit verächtlichem Lächeln sagen zu können: „Nun wisst auch, welche Ehre euch widerfahren! Ich bin die Vicomtesse von Saint Lorrain!“ — Aber es hätte ihr in der jetzigen hilflosen Stellung mehr geschadet wie genützt, — und ausserdem war jetzt noch die traurige Katastrophe des Lehnbergschen Hauses zu weltbekannt, um sich mit diesem gräflichen Namen brüsten zu können. Aglaë beabsichtigt auch nicht, ihn als berühmte Sängerin bekannt werden zu lassen. Geheimnisvolle Andeutungen sind bei weitem interessanter und aufregender als eine bekannte Thatsache. Man soll sich die Köpfe über das Grafenkrönchen, welches ihre Wäsche und all ihre anderen Sachen schmückt, zerbrechen, nun, und dann findet sich wohl ein Prinz oder Fürst, welcher um Herz und Hand dieser aristokratischen Sängerin wirbt. — Ein Prinz! Aglaës müde Augen blitzen auf. —

Wie viele Prinzen führten schon eine Theaterprinzessin heim! Und wie würde ihr dann der gräfliche Titel zu statten kommen! — Sie kehrte zurück zur Gesellschaft! Die Stunde ihres höchsten Triumphes wäre gekommen! Dann hätte sie erreicht, was sie stets ersehnt und trotz der grössten Opfer nicht zuwege gebracht!

Aglaës Phantasie arbeitet wie im Fieber. All die Bilder trotzigen Hochmuts, welche sie blendeten, als sie zum erstenmal den Fuss auf höfisches Parkett setzte, verwirren ihr auch jetzt den Sinn und werden zu trügerischen Irrlichtern, welche in Sumpf und Verderben locken.

Dieser Wahn ist ihr Verhängnis geworden, und er fordert sein Opfer.

Gibt es nicht viele Wege, die nach Rom führen? Der erste, welchen sie einschlug, hat sie irre geleitet, und ihr Schifflein mit den stolz geblähten Segeln litt in den Klippen Havarie; nun bindet sie sich glänzende Flügel an die Schultern, um als lachende, glückselige Genie der Kunst empor zur Sonne zu steigen! Ehemals hielten ihre Hände den schweren goldgefüllten Beutel als Attribut, aber er half ihr nicht empor, im Gegenteil, er zog sie tief hinab in ihr Verderben. — Jetzt schwingt sie die goldene Lyra und die lachende Maske über ihrem Haupt und ist nicht nur mit Worten, sondern auch in der That eine Priesterin der Comödie geworden! Comödie! — Ist sie nicht die mächtigste Göttin des neunzehnten Jahrhunderts! Liess sie jemals ihre Jünger sterben und verderben? Bah, die Comödie, welche Baron Lehnberg und seine Tochter vor der Welt aufgeführt, war zu plump und ungeschickt gewesen, darum machte sie Fiasko. Ihr Vater hatte kein Talent zum Schauspieler, darum verdarb er alles, was die Tochter geschickt insceniert hatte. Diesmal wird Aglaë ihre Rolle besser spielen, und ihre mächtige Protektorin, das Weib mit dem doppelten Gesicht und der zwiefachen Zunge, wird ihr Sieg und Triumph bringen. Und Hans Burkhardt? — Wunderlich, warum muss sie immer wieder zurückdenken an ihre Unterredung mit ihm, nach jenem ersten Diner in ihres Vaters Haus?

Da stand er vor ihr, der Millionärin, als armer, unbekannter, verachteter Bauernsohn, der Sohn des Pächters ihres Landbesitzes! Und er hob stolz und zuversichtlich das schöne Haupt und nahm die Rolle, welche ihm die Priesterin der Comödie angepriesen und trat sie verächtlich unter die Füsse. Da standen sie einander schroff gegenüber, sie, die leichtlebige Evastochter, welche die Maske aufs Schild hebt und Lug, Trug und Verstellung die Wege zum Glück und zur Höhe nennt, und er, der schlichte, ehrliche Mann, dessen Sinn viel zu gerade ist, um krumme Pfade zu gehen, der voll kindlichen Glaubens empor zum Himmel blickt und spricht: „Ich kenne nur einen Weg, den die Füsse des Rechtschaffenen wandeln können. — Das ist der Weg der Wahrheit. Spiele du immerhin Comödie, ich will geradeaus und wahr sein, so wie Gott mich geschaffen, so wie ich bin! Und dann lass uns sehen, wer von uns beiden das Glück erreicht!“

Die Jahre sind vergangen — das Blatt hat sich gewandt! — Sie, die Millionärin, ist ein verlassenes, betrogenes Weib, eine Bettlerin geworden, die kaum noch ein Fleckchen auf der Erde weiss, wo sie ihr Haupt niederlegen soll, und er, der Bauernsohn, dessen sie sich damals schämte, er ist der Herr ihres Schlosses, er ist ein weltberühmter Professor, dessen Wissen ein Segen für die Menschheit, dessen Name eine Ehre fürs deutsche Vaterland geworden.

Er steht hoch in Ansehen, Ehre und Gunst der Welt, ein reicher Mann, der den Schild der Wahrheit so rein und blank gehalten wie seine Ehre und seinen Ruf. — Und Aglaë? — Sie schämt sich ihres Namens, und sie muss es leiden, dass die Menschen die Achseln zucken und sagen: „Sie gehört nicht mehr in unsere Gesellschaft — die Wege, welche durch Lampenlicht und Coulissen führen, sind schlüpfrig und abschüssig, und man weiss genau, wie viele auf ihnen zu Fall gekommen!“

Aglaë hatte das Gefühl, als müsse sie laut aufstöhnend die Hände vor das Antlitz schlagen, aber sie beisst trotzig die Zähne zusammen und hebt das Haupt: „Noch ist nicht aller Tage Abend, Hans Burkhardt, und noch gestehe ich dir den Sieg nicht zu! Eines Tages Wende verändert oft viel, und die, welche bei Sonnenschein ihr Schifflein bestiegen, endeten oft bei Nacht in Sturm und Regenflut! Sieh! Die Sonne draussen hat sich hinter Wolken versteckt, Wind und Hagelschauer geben mir das Geleit ins Leben hinaus, lass sehen, ob mich die Dunkelheit verschlingt, oder ob mir ein neuer Stern aufgeht, welcher noch höher steht und strahlender erglänzt als der deine! Va banque, Hans Burkhardt!“

Monate sind vergangen.

Grau in grau lasten die Nebel auf der nordischen Gross- und Handelsstadt, Winterkälte hat alles blühende Leben zu Tode gefroren, und wo Karneval seine lärmende Musik nicht hinträgt, wo der Strassentrubel fernab verhallt — da ist’s, als liege die Welt in traumlosem Schlaf wie ein armes Weib, welches unter schwerer Last zusammengebrochen.

Im Hafen liegen die Schiffe, ernst, düster und still, wie unheimliche, gespenstische Riesen, welche das Unheil mit schwarzen Fittichen herbeitragen und das Glück auf Nimmerwiedersehen von dannen führen. Der Wind pfeift über das Wasser, in welchem sich mächtige Eisschollen übereinanderdrängen und aufstauen, um in wildgetürmten Blöcken zusammen zu frieren. Es saust und knirscht und pfeift im Tauwerk, und die Stimmen der heimkehrenden Hafenarbeiter verklingen in der Nacht. Wenig Laternen erhellen den Weg.

Auf der Brücke schreitet langsam eine dunkle Gestalt. Eine Dame, fest eingewickelt in dunkeln Mantel, das Haupt durch ein wollenes Tuch geschützt. Sie lehnt sich auf das Brückengeländer und starrt in das dunkle, sich langsam dahinwälzende Wasser hinab. Die gefalteten Hände zittern, ein leises, krampfhaftes Schluchzen erschüttert den vorgeneigten Körper. — Das trübe Laternenlicht streift das bleiche, vergrämte Angesicht. — Aglaë.

Ein Ausdruck dumpfer Verzweiflung liegt auf ihren Zügen, gross und brennend starren die Augen aus tiefen Schatten. Sie ist allein, kein Mensch hört und sieht sie. Ein Sprung in diese düstere, grausige Tiefe hinab, und sie hat überwunden, — sie ist frei von allem Elend und aller Not! — Ein Aufstöhnen der Todesqual! Aglaë krampft die Hände zusammen und lässt den Kopf schaudernd vornüber auf das eisglitzernde Geländer sinken — — es ist so schwer zu sterben!

„Mich friert! — Was thut’s? Im Grab ist’s kälter noch als hier!“ klingt ihr die Melodie wie ein verworrenes Getöse durch den Sturm — und die Vicomtesse von Saint Lorrain taumelt mit leisem Wimmern zurück und klammert sich an den Laternenpfahl. Nein, sie kann nicht sterben — es ist so unheimlich, so schauerlich drunten in der Wassertiefe — und sie möchte so gern — ach so gern noch leben. Ist denn keine Menschenseele auf Gottes weiter Welt, welche sich ihrer erbarmen möchte?

„Hans! Ach, Hans!“ schluchzt sie auf — und wie sie mit irrem Blick in das Schneegestöber starrt, welches beginnt die Luft zu füllen, da steht er wieder vor ihr, der Freiwillige auf der Schildwacht — der verachtete, verleugnete Freund, an welchem sie ehemals vorübereilte, als sei der liebevolle Ruf ihres Namens aus seinem Munde eine Schande für sie! — Und nun soll sie ihn rufen? Soll ihn um Hilfe und Mitleid anflehen — ihn, der es weiss, wie schändlich sie an ihm gehandelt? — Aglaë presst die Hände vor das Angesicht. — Sie will nicht sterben und kann sich doch auch nicht demütigen vor ihm, den sie ehemals unter die Füsse trat.

Warum sagte sie ihm das letzte Mal in kindischem Trotz, wie falsch und schlecht sie gegen ihn gewesen? Warum bekannte sie ihre Schuld und riss damit einen Abgrund zwischen ihm und ihr auf, — den nichts wieder überbrücken kann?

Närrin, die sie ist! Bedurfte es einer Beichte? Hat es der Worte gebraucht, um ihm erst ihr Benehmen klar zu machen? Hat er es nicht längst schon selber gewusst und empfunden, wenn sie ihn durch die verletzendsten Worte kränkte und ihn, den einzigen Freund, nicht wieder in ihres Vaters Haus lud, weil sie sich seines schlichten Namens und geraden Wesens schämte?

Nein, es hätte ihrer Beichte nicht bedurft, er kannte sie und ihr erbärmliches Sein und Wesen! Und sie, gerade sie soll in dem niederdrückendsten Schuldbewusstsein zu ihm kommen, soll ihn zu Hilfe rufen und sagen: „Du hast abermals recht gehabt, Hans Burkhardt, ich bin wie ein eigensinniges Kind in mein Verderben gerannt, nun komm und rette mich vor dem Untergang!“

Aglaë beisst die Zähne zusammen und hebt im alten, starren Trotz das Haupt. Nein, sie kann sich nicht demütigen — nicht vor ihm! Vorwärts — ein paar Wochen kann sie wohl noch das Leben fristen, wenn sie die rote Sammetschleppe und ihr letztes Armband verkauft. — Ihre Koffer sind allerdings schon sehr leer geworden, aber wenn sie ein Engagement findet, gibt man ihr entschieden Kredit, neue Kostüme anzuschaffen. Ein Engagement! Sie hat Wochen und Monate vergeblich darauf gewartet! Sie hat kein Geld gehabt, sich die Wege zu ebnen, und wenn die Armut tugendhaft bleiben will, dann wird sie überall unter die Füsse getreten.

Langsam schleppt sich Aglaë weiter. — Welche Erfahrungen hat sie gemacht, welch eine nichtswürdige Sorte von Menschen hat sie kennen gelernt! Ein hilf- und schutzloses Weib ist ein vogelfrei Wild, — Wolf und Fuchs stellen ihm nach, es niederzureissen.

Eine menschenbelebte Gasse mmmt die Einsame auf. Hellschimmernde Fenster! Musik und wüstes Gejuchze tanzender Matrosen und Dirnen! — Da drinnen ist’s, warm, warm und lustig! Und daheim in Aglaës elender Mansarde brennt kein Feuer im Ofen und kein Licht auf dem Tisch, es ist bitter kalt, — so kalt, dass die verwöhnte Millionärin sogar vor Frost zittert, wenn sie sich auf das harte Lager niederstreckt.

Bratenduft strömt aus den geöffneten Fenstern des Restaurants — — und Aglaë hungert bereits seit dem frühen Mittag. Sie ist ausgegangen, sich für die letzten Groschen Brot zu kaufen. — Ach, und wie weh thut der Hunger! — Sie presst die erstarrten Arme fest gegen sich, aber ihre Schritte werden zögernder, und ihr fieberglänzender Blick schweift in die Fenster. — Es scheint ein übles Lokal zu sein, eines jener berüchtigten Tanzlokale, an denen Hafenstädte besonders reich sind.

Ein altes Weib hat in der Thür gestanden und die junge, schlanke Frauengestalt beobachtet. Sie tritt schlürfend vor und schaut ihr scharf prüfend in das Gesicht. — Ein befriedigtes Grinsen. — Vertraulich fasst sie den Arm der Fremden und flüstert ihr ein paar Worte ins Ohr: „Komm mit Täubchen! Kannst dich selber überzeugen!“ schliesst sie kichernd und will Aglaë zur Thür ziehen.

Mit einem leisen Aufschrei des Abscheus und Entsetzens reisst sich Aglaë los und flieht wie gepeitscht in die kalte, trostlose Nacht hinaus.

Ihr verstörtes Antlitz wendet sich zum Himmel. Thränen stürzen aus ihren Augen: „Ich bin elend, Hans Burkhardt, arm und verlassen, hungernd und frierend, aber ich weiss dennoch, was ich dir gelobt habe, — und ich vergesse es nicht — ich bleibe brav und gut!“

Viele hohe Stiegen führen bis zu der armseligen Dachstube der Vicomtesse von Saint Lorrain. — Schwer atmend, matt zum Umsinken steigt Aglaë Stufe um Stufe empor. Es flimmert ihr vor den Augen, wie ein Schauder des Entsetzens rieselt’s durch ihre Glieder: „Nicht noch krank werden! Herr Gott des Himmels — nur das nicht! Ein schwerer Schritt klingt ihr entgegen. Der Postbote kommt die Treppe herab. Er greift an die Mütze und blickt teilnehmend in das bleiche Gesichtchen des armen Fräuleins.

„Na, Fräuleinchen! Heute habe ich einen Brief gebracht, und er sieht gerade so aus, als ob ’was Gutes drin stünde!“

Sie zuckt empor und nickt ihm hastigen Dank, dann stürmt sie wie neubelebt die schmalen Stufen empor. — Auf der Thürklinke liegt ein Brief. Sie greift mit zitternden Fingern danach. Ein grosser roter Stempel verschliesst ihn. Aglaë nimmt sich keine Zeit, Licht in ihrem Stübchen anzuzünden, sie tritt an die Gasflamme des Treppenhauses und reisst den Umschlag von dem Briefbogen. Die Direktion des Stadttheaters zu X. fragt an, ob Fräulein Lorrain unter nachstehenden Bedingungen die Stellung einer zweiten Sängerin annehmen wolle und bereit sei, in dreimaligem probeweisen Gastspiel zuvor aufzutreten. Falls dem Fräulein die Mittel zu der Reise fehlen sollten, sei die Direktion bereit, den nötigen Vorschuss zu gewähren.

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