Kitabı oxu: «Im Schellenhemd»
Nataly von Eschstruth
Im Schellenhemd
Roman
Mit Illustrationen von F. Schwormstädt.
Saga
Im Schellenhemd
© 1896 Nataly von Eschstruth
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711487327
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
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I.
Meinen hochverehrten Schwiegereltern
Herrn Oberstleutnant von Knobelsdorff-Brenkenhoff
und
Frau Ida von Knobelsdorff-Brenkenhoff
geb. von Naso
in herzlichfler Liebe zugeeignet
von
der Verfasserin.
Vorwort.
Es war vor Jahren. Der Novembersturm brauste um die Seehalde am Bodensee, und Meister Joseph Victor von Scheffel legte meine Erzählung „Wolfsburg“ aus der Hand und sprach: „Wissen Sie auch, Fräulein Nataly, dass Sie just für solche Schriften aus der guten alten Zeit eine ganz besondere Begabung haben? — Wie stehts mit einem neuen Stoff aus den Tagen der lieben Ahnherrn?“ — Der Stoff ist schon da, Meisterchen, aber ich habe keine Courage ihn zu bearbeiten!“ —
„Erzählen Sie!“ — Das tat ich mehr wie gern, rückte behaglich an den Ofen und kündete dem Meister die Geschichte vom Irregang! — Er hörte voll lebhaften Interesses zu. „Und warum wagen Sie sich nicht an diese prächtige Sache heran?“ — „Weil es für ein junges Mädchen eine schwierige, fast unlösliche Aufgabe ist, einen historischen Stoff fehlerfrei zu behandeln.“ Der Meister schüttelte lächelnd das Haupt. „Ganz recht, und weil dies die Welt weiss, wird man auch nicht einen historischen Roman im vollsten Sinne des Worts von Ihnen verlangen; erzählen Sie den Leuten frisch und harmlos die Schicksale des Irregang, dann werden sie einem jeden wohlgefallen und man wird um des Kernes willen nicht zu strengen Massstab an die Schale legen. Skizzieren Sie den Roman und lesen Sie ihn mir beim nächsten Wiedersehen in Karlsruhe vor.“ — —
Mit Feuereifer begab ich mich damals an die Arbeit, und als der Winterschnee zu schmelzen begann, lugten die ersten Kapitelköpfchen darunter hervor. In dem gastlichen Elternhause des Dichters Heinrich Vierordt zu Karlsruhe ward Joseph Victor von Scheffel der aufrichtige Freund des Irregang. Sowohl er, wie die geistig so hochbedeutende Mutter Vierordts, lebten sich mit mir völlig ein in jene Tage, wo noch das Schellenhemd die Brust des ehrlosen Mannes deckte, und Meister Scheffel reichte mir beide Hände und sprach: „Nun eine Bitte meine liebe Freundin: Der Irregang ist ein gar wackerer Gesell, der Ihren Namen einst in Ehren weit durch die Welt tragen wird, und darum dürfen Sie sich keine Mühe verdriessen lassen. Arbeiten Sie langsam an diesem Werk, wachsen Sie zusammen mit dem Irregang heran! Suchen Sie sich mehr und mehr in seine Zeit zu vertiefen, studieren, verbessern, feilen Sie, setzen Sie Ihre beste Kraft ein für den Irregang und er wird’s Ihnen Dank wissen; schaffen Sie in erster Linie einen guten Roman und die Welt wird es Ihnen gern verzeihen, wenn er als Zeitbild nicht völlig korrekt ist!“ —
Jahre sind vergangen, und ich habe nach des Meisters Wort getan. Der Irregang hat inzwischen das „Schellenhemd“ über sein geächtet Haupt gestreift, und ist getrost hinausgezogen in die Welt, denn wenn auch die lieben Augen, welche einst so freundlich über ihm gewacht, sich für ewig geschlossen haben, so geleitete ihn doch: Meister Scheffels getreuster Segenswunsch! — —
I.
Irregang hais ich,
mang land wais ich,
min vatter Irrgang was genannt,
er gab mir das erb in min Hand
ob ich in einem Land verdürb
daz ich im andern nimmer zeeren würb’.
Liedersaal Nr C. XXVII.
Huiho! wie der Sturm das Geäst peitscht! Huiho! wie die Wolken am Himmel jagen! Grau, — zerrissen, wüste Gespenster der Nacht. Die alten Götter sind lebendig geworden, haben die Felsen und Bergwände, dahinein sie das Donnerwort der Christenpriester ehemals gebannt, voll klirrenden Zorns zerbrochen, stürmen hervor aus Grab und Nacht und lassen ihre Stimme über das Land tönen, darinnen ihnen früher die Altäre mit blutigem Opfer geflammt! Die Erde zittert unter den Hufschlägen der Geisterrosse, der Buchwald ächzt unter dem Flug der Gewaltigen, und wo der entthronte Göttervater fluchend die Hand hebt, da prasseln rote Blitze durchs Gewölk. Aber sie zerschellen am goldschimmernden Kreuz, das hoch auf dem Kirchturm die Wacht hält, sie gleiten ab an den ehernen Glocken, welche den wilden Spuk der Nacht beschwören, und sie brechen ohnmächtig und verlöschend zusammen vor dem ewigen Lämplein, welches klein und still seine Flamme durch das Heiligtum des Königs aller Könige erstrahlen lässt. —
Da fliehts in den Lüften angstzitternd zurück, ein Heulen, Sausen und Wimmern füllt die Nacht, und die Tränenströme der alten Götter stürzen zur Erde, Tränen der Scham und Reue, und wo sie hinfallen, wächst tausendfache Frucht im Land und wes Menschen Haupt sie treffen, dess Fuss trägt Glück und Segen unters Dach.
Wes Menschen Haupt! Ja, eines jeden, der da geboren ist auf heimischer Scholle, eines jeden, der am eigenen Herd sitzt, dessen Hütte oder Schloss das Haupt des Vaters und Ahnherrn beschattet, dessen Fuss die Wege wandelt, welche die Altvordern für Kind und Kindeskind geebnet! Menschen sind sie mit Namen, Gut und Ehre, Menschen, für die Recht und Richter existieren, Menschen, welche mit erhobener Stirn sicher und geschützt unter guten Freunden und Nachbarn wandeln, — Menschen, welche voll Abscheu, Spott und grausamen Hohn’s jene unglücklichen Kinder der Freiheit verfolgen, die gleich vogelfreiem Wild durch die Lande gehetzt werden! —
Irrfahrend Volk! — Zigeuner und Gaukler, Lumpengesindel voll Teufelei und höllischer Schwarzkunst, Ausgestossene und Verworfene, geächtete Kreaturen, deren Leben weniger wert, als das eines räudigen Hundes ist, — nein, solche Landstreicher sind keine Menschen! Mögen die Tränenfluten der alten Heidengötter noch so gewaltig auf sie niederstürzen, sie waschen den Fluch nicht fort, sie tilgen nimmer das Kainszeichen auf der Stirn, dieses unheilvolle Erbteil, das einzige, welches der sterbende Vater auf Folter und Rad dem Sohn in’s Elend mitgeben konnte! —
Da gibts kein Glück und keinen Stern mehr, da gibts kein Dach, unter welches die flüchtige Sohle den Segen tragen könnte, da gibts nur ein rastlos ziehn und wandern, ein angstvoll hangen und bangen zwischen Volkesgunst und Volkeshass, ein demütigen, betteln, tollkühn wagen — wüster, erbitterter Kampf um’s Dasein, ein darben, überlisten und frohlocken über gelungene Gaunerei.
Wer will irrfahrend Volk in seinen Mauern aufnehmen? Wer nimmt sich den Landstreicher zum Kuecht? wer duldet die schwarze Hexe, die Teufelin, die das Brod auf dem Tisch in Stein, den Wein in Wasser und das Gold in Unrat wandeln kann — unter seinen Mägden? Da ist nirgends eine bleibende Statt für den Zigeuner, wollte er auch, er kann nicht zum Menschen werden, er muss weiter, immer weiter durch Sturm und Sonnenschein, ein Vieh unter den Tieren des Feldes, stehlend, raubend, gewaltsam und listig nehmend, was ihm die harte Hand des Sesshaften versagt, just wie die Wildkatz im Forst, die zum Raubtier wurde, weil man sie im Dorf von der Schwelle jagte! Huh — huiho! — wie die Wipfel brausen und niederbrechen! — Huiho! wie schwarz die Nacht ist! nur wenn die Blitze sprühen, sieht man die Balken des Hochgerichts drüben auf dem Berge gegen den Himmel ragen. — Schauerlich, dunkel und öde ists im herbstlichen Wald. Wagenräder und langsamer Hufschlag haben auf steinigem Boden geklungen, dann wird’s nach kurzem: „Höhü!“ — still. Unter den mächtigen Baumstämmen hervor, bis weit auf die freie Heide hinaus ist eine Karre von kleinem, dunkelstruppigem Rosse gezogen. Zwischen verblühtem Heidekraut und Ginster wird Halt gemacht. Der Himmel flammt auf und beleuchtet für einen Augenblick das plumpe Gefährt, welches durch Stricke zusammen gehalten, auf vier walzenförmigen Rädern ruht. Gebogene Weiden überspannen es gleich den gedrückten Rippen eines Skeletts, und ein starres, vielfarbig geflicktes Regentuch müht sich klatschend, im Sturme darauf fest zu halten.
Das Pferd duckt den mähnigen Kopf, der Strick, welcher ihm als Zügel durch das Maul gelegt ist, hängt schlaff hernieder. Hier bedarfs keiner Vorsicht; Hinde ist kein Pferd wie andere Pferde, sie hat Menschenverstand. — Vor acht Jahren hat Goykos sie dem Jud’ gestohlen, als die Feuerlohe aus Dach und Fugen schlug, als Leut und Vieh wie irrsinnig durch die Strassen rannten und der Sturm wie heute daher pfiff und den Brand über die halbe Stadt hinjagte. — Hinde war damals noch ein gar jung Rösslein und mochte ungern den Trödelkram von Burg zu Burg ziehen, sie wieherte hell auf, da der schlanke, schwarzäugige Gesell sich auf ihren Rücken schwang, da er sich festkrallte in ihre Mähne und seine Lippen leis in ihr Ohr zischten: „Jetzt gilts die wilde Jagd! Fangen sie uns, dann hangen sie uns!“ — und er zwang sie wie mit eisernen Klammern, und hui gings dahin durch Nacht und Nebel!
Fern im Wald, vor den überhangenden Felsen sprang der Goykos von ihrem Rücken und trat an das armselige Lager von Moos und Binsen und lachte, dass seine Zähne blinkten. „Sollst nicht mehr zu Fuss gehen, junge Mutter, sollst mit des Irrgangs Söhnlein daherfahren wie eine Königin!“
Das schwarzäugige Weib hob das Haupt und schaute nach dem Ross und dann traf ihr düsterer, tief umschatteter Blick den Sprecher: „Ich hab die Sturmglocke gehört und den roten Himmel gesehen, — hast um des Pferdes willen Brand gelegt, Goykos? —“
Er wandte sich ab, hob sein neugeboren Knäblein auf die Arme und schwang es in wilder, ungestümer Freude — Jû nârro! Jung Irregang! Haben die Glöcklein zu deiner Geburt geklungen, so sollst du dereinst in dem Schellenhemd einherspringen und ein Spassvogel und Lustigmacher werden! — Dessenthalb wird dir keiner mit Galgen und Rad drohen, denn Schalksliedlein sind keine Teufelskünste, und das grosse Volk der Narren wird seines Gleichen besser verstehen, denn den armen Gaukler, der Steine kaut und Feuer schlingt!“ — Und er warf sich neben dem braunen Weibe nieder, sah ihr mit flackerndem Blick ins Angesicht und sprach durch die Zähne: „Musst auf! Um des Rosses willen. — Spüren sie den Hufen nach und finden sie uns, so ist’s aus. — Nur wenige Stunden über das Stadthege hinaus, dann sind wir sicher und haben das Pferd.“ —
Ein tiefer, schwerer Seufzer ist die Antwort. Hinaus in die Nacht, ruhelos — krank und todesmüd. —
Hinde trägt die Zigeunerin und ihr Kind, und so wild sie zuvor daher gestürmt, so sacht und sorglich schreitet sie jetzt, als wüsste sie, welch eine Last man ihrem Rücken anvertraut. Durch Gebüsch und dornige Wildnis entfliehen sie. Oftmals wirft sich Goykos auf die Erde und neigt lauschend das Ohr. Dann geht’s weiter auf entlegenen Pfaden. Spät erst, als die Sonne wieder am Himmel steht, hebt er sein Weib zur Erde, schüttelt mit keckem Triumphgeschrei die lockigen Haare und streicht ungestüm mit der Hand um den nackten Hals, als fühle er ihn erst jetzt wieder frei vom hanfenen Strick. —
Und dann stieg er auf die Bäume und stahl den Vögeln die Eier, oder legte Schlingen ins Gras und grub die Pfifferlinge aus dem Waldmoos; viel, möglichst viel Nahrung um das Lager seines Weibes zu legen, denn bei Dunkelheit wollte er sich hinab schleichen ins Dorf ... und ob er stets von solchem Gange heimkehrt? — Bah! — Der Goykos ist ein listiger Teufel, der schon manches Bäuerlein hat raten lassen, wo sein Brot und Speck geblieben. Diesmal brachte er eine Karre heim, welche während der Nacht bei der Schäferhütte verblieben, und er sprach abermals hastig flüsternd zu seinem Weibe: „Musst auf! um der Karre willen.“
Wohl war’s besser daher zu fahren als zu gehen, und Zinkras Rock war schon oftmals zerfetzt von verfolgenden Hunden, darum nahm sie ihr Kind in die Arme und entwich abermals hinaus in Nacht und Finsternis. — So stahl Goykos nach und nach alles zusammen, was er noch brauchte, um aus der Schäferkarre ein rollend Häuslein für sich und die Seinen zu bauen, und er zog querfeldein durch Wald und Haide, durch Sommerglut und Winterkälte, ein Mann, der dem Schicksal ein Schnippchen schlägt, lustig mit den Schellen rasselt und zu seiner Narretei singt:
Dieweil ich heut noch pfeif und tanz’
Fault morgen mein Gebeine,
Jûhû! Bei Kann’ und Ridewanz
Und nächtens unter’m Steine!
Spring heute noch durch Laub und Klee,
Jûhû rings um die Linde,
Und morgen tanzt Freund Klapperbein
Mit mir im Abendwinde!“
Goykos konnte mit gar vortrefflichen Kunststücken Rittersmann und Bäuerlein eine Kurzweil schaffen, er schlang wirklich und wahrhaftig brennend Feuer ein, zermalmte feste Steine mit den Zähnen, dass die Zuschauer ein starres Staunen überkam, und er liess buntfarbene Kugeln auf spitzem Stabe tanzen, stand kerzengrad auf dem Kopf und konnte sich auf einem Fasse überschlagen, dass er nicht herniederfiel und zu Schaden kam. — Sein schwarzbraun Weib aber, mit dem Fluch- und Höllenbrand im Blick, wusste gar seltsam zwischen Eiern zu tanzen, schlug das Glockenbrett und die Maultrommel in tobend wilder Weise und sang mit ihrem kleinen Büblein die lustigsten Schalkslieder. Irregang war angetan mit possierlicher Kleidung, wie sie die Narren tragen, rollte sich in ergötzlicher Weise auf der Erde umher und bettelte fürnehmlich die Weibsleute um ein Almosen an. —
Und wenn der Rittersmann just satt und behaglicher Laune war, und der Bürger gut gehandelt und der Bauer siebenfach geerntet hatte, dann nahm man die fahrenden Leute wohl auf und lachte ihrer Gaukelkünste und beschenkte sie, oder beschenkte sie auch nicht, sondern hiess sie in des Satans Namen „ohne die wohlverdiente Straf’ für solche Teufelei“ weiter ziehen! Wenn aber böse Laune herrschte und der Finger des Gauklers zur unrechten Zeit anklopfte, dann musste er sich wohl hüten, den misstrauisch scheelen Mienen gar zu unerklärliche Künste zu zeigen, wenn er nicht der Roheit und Dummheit auf dem Richtplatz als Hexenmeister zum Opfer fallen wollte.
Seit Hinde den Karren mit des Goykos Familie zog, schien das Glück an seinen plumpen Walzrädern zu haften, denn nur zweimal hatte man den Zigeuner mit Not und Tod bedroht, und die Lande, da hinein das Ross seinen Weg nahm, gestalteten sich stets schöner und lieblicher und verringerten die Kälte und das Winterleid, welches dem heimatlosen Volk im Norden gar grausam zugesetzt hatte.
Des Goykos Knäblein und Hinde waren dem Zigeuner gleichsam an einem Tage geworden, und sie gewannen sich auch lieb wie Bruder und Schwester. Dieweil Vater und Mutter ihre Schaustellung gaben, hütete das Ross des nackten Knäbleins im Grase, und als der Kleine heran wuchs, gab’s keinen lieberen Spielkamerad für ihn, wie das kluge, verständige Ross mit der schwarzzottigen Mähne. Ja, die Hinde hatte Menschenverstand, sie lief schneller wie der Wind, wenn die Gefahr auf den Fersen sass, und sie stand stundenlang regungslos in Sturm und Sonnenglut, wenn der Knabe ihr den Hals klopfte und mit seiner leisen, wehmutsvollen Stimme sprach: „Verweil hier, Hinde! ich zieh mein Schellenhemdlein an und treib Spässe, auf dass die Burgfrau mir eine Hand voll Hirse schenkt und der böse Vogt den Vater nicht peitschen lässt!“ —
Goykos nannte seinen Knaben „Purzelmännchen“, weil solch ein Name die Leute ergötzte, und seine Mutter rief ihn zärtlich mit mancherlei Dingen: „kleine Mauskatz“ — oder „Faul Dächslein“ oder auch „Blankguckel!“ — da aber der Kleine ernsthaft fragte, wie denn wohl sein richtiger Namen laute, da nahm ihn der Zigeuner vor sich aufs Knie, fasste sein langes Haar in derber Liebkosung mit der Faust und sang ihm mit Lachen solch ein Lied:
Irregang hais ich,
Mang land wais ich,
Min Vatter Irrgang was genannt!“
und seit jener Stunde rief er ihn „Irregang“.
Huiho! wie der Regen stürzt, — wie der Donner in den Bergen dröhnt. —
Hinde stand mit geneigtem Kopfe und hängenden Ohren und liess die kühlen Bächlein durch die Mähne hernieder fliessen; Goykos aber war unter dem Plantuch hervor gekrochen, hatte die Jacke von sich geworfen und stand mit nackter Brust, wohlig sich dehnend, im kühlen Bade, seitlich der Karre zwischen Ginster und Brombeergerank.
Sein geächtet Haupt hob sich frei und keck auf den stämmigen Schultern, sein Blick haftete zwinkernd auf dem grauenvollen Dreieck schwarzer Balken, welches jählings aus der Dunkelheit tauchte und ihm, feuerumloht als Schreckbild gleichsam in den Wolken zu schweben schien!“ — Und Goykos spitzte die Lippen und pfiff leise ein Spottliedlein auf Henkersknecht und Hochgericht, und dann überlegte er, ob nicht von jenem Balken droben vielleicht ein Strick zu holen sei —; derjenige, welchen Hinde im Maul trug, war mürb und dünn geworden. „Der Regen lässt nach!“ — sprach sein Weib neben ihm, „wenn wir die Zeit wahrnehmen, können wir noch zur Abendstunde, da die Leute in der Halle beim Humpen sitzen, in der Burg Einkehr halten. — Schlecht Wetter ist der Freibrief des armen Volks, — man verlangt nach Kurzweil im Palas.“ —
„Und mich hungert!“ klang ein leises Stimmchen unter dem Regentuch hervor. —
„Sollst hungern! ein voller Bauch kann keine Sprünge machen, und vor der Burgfrau musst du deine Arme und Beinlein verrenken können, auf dass du sie erbarmest — Huhho, Hinde, — schab ab!“ — Goykos der Zigeuner riss am Strick und Hinde zog an. Zinkra aber schlang im Dunkel des Wagens den Arm um ihr Bübchen und tastete in ihrem Fürtuch nach der Wasserrübe, welche sie vor den Augen des hartherzigen Vaters daselbst verborgen, um ihrem darbenden Gauchlein heimlich einen Bissen zustecken zu können. Der Kleine aber schmiegte sich zärtlich an die Mutter und vergass für Augenblicke all sein Herzeleid, und während er voll Heisshunger das karge Mahl verzehrte, starrte er mit seinen dunklen, schwermütigen Augen in die wildjagenden Wolkengebilde hinauf. — Die Hände gegen sein knurrend Mäglein gedrückt, ersann er sich ein neues Lied — voll lauter Spass und Schalkheit, damit die Leute in der Burg lachen möchten. — Er selber lachte so selten, fast nie, er war ein griesgrämiger, unlustiger Bursch, wie sein Vater oft zürnend sagte, und darum bekam er gar viele Peitschenschläge, bis er es lernte, vor fremden Leuten den Narren zu machen. Eine gar absonderliche Gabe aber besass er, das war die Kunst, Verslein zu ersinnen. Am liebsten erdachte er sie voll trüben, wehmutsvollen Inhalts, aber sein Vater herrschte ihn zornig an: ob er etwan ein Totengräber anstatt eines Hanswursts sein wolle? — und Jung Irregang senkte gehorsam das Köpfchen, kratzte eine übermütige Weise auf der Geige und sang zwischen Purzelbaum und Grimasse die ergötzlichsten Schwänk’! — Da lachten die Leute und schrieen: „Jû narro! Du fröhlich Kasperlein!“ und zwickten und neckten ihn und sprachen: „So lustig wie dieser kleine Plippenplapp hat noch kein ander Ganklerkind das spitze Hütlein auf dem Ohr getragen!“ —
Und wenn die Bauern und Bürger ihre Söhne und Mägdlein bei der Hand fassten und wieder mit ihnen heimgingen in die festgebauten Häuser, vor denen die Kleinen ihre Spiele trieben, dann hockte Irregang bei seiner Karre, neben Hinde, und schaute mit langem, sehnsuchtsvollem Blick auf solch ein ewig verschlossen Paradies. — Die Peitsche knallte, und es ging weiter hinein in die Welt, und so jung der Knabe auch noch war, so wusste er doch, dass er keinen Augenblick seines Lebens sicher war, dass beim nächsten Spiel wieder wüste Männer seinen Vater fassen und fortschleppen können, dass man mit Steinen nach ihnen wirft und sie Teufelsbrut und Hexenmeister nennt! — Und wenn sie dem Menschenhass glücklich entronnen und in den tiefen Wald kommen, dann sind sie nicht sicher vor den Wölfen, welche aus dem Dickicht brechen und schon einmal der armen Hinde tiefe Wunden gerissen haben. Nun musste bei Nacht im Walde immer der Kien brennen, der Vater trug die blanke Axt im Ledergurt und auch Zinkra musste eines der langen Dolchmesser, damit sie sonst ihr Kunststücklein trieb, zur ernsten Wehre führen.
O, es war ein hartes, trauriges Los, durch Schnee und Winterkälte, Sturm und Sonnenglut von Dorf zu Dorf zu ziehen, geächtet und verachtet, ohne Heimat und Freunde; — landfahrend Volk. Goykos war ein wildes, echtes Zigeunerblut, ruhelos und friedlos bis in das Mark hinein; das Wandern, Wagen und Stehlen war sein Lebenselement, das leichtsinnige Spiel um Gut und Blut, der waghalsige Kampf gegen Strick und Rad der Nervenreiz, welcher ihm zum Dasein ebenso notwendig schien, wie Wasser und Brot.
Sein Weib hingegen hatte seit jeher einen schweren, träumerischen Sinn gehabt, denn sie war nicht von echter Art, sondern die Tochter einer sesshaften Jüdin, so man wegen des bösen Blicks hatte richten wollen. Mit ihr zu gleicher Zeit aber hatte ein listig Kesselflickerlein, ein brauner Bursch aus den Karpathenlanden im Turm gelegen, und da die Nacht vor dem Halsgericht gekommen, hatte er mit dem Schliesser ein gar pfiffig Spiel getrieben. Selbiger stellte den armen Sündern ihr letztes Roggenmehlsüpplein zum Henkersmahle auf und führte höhnische Reden, dass sie die Magen nicht allzu schwer beladen möchten, sonst reisse am Ende der Strick, daran sie morgen ihr Höllen-Tänzlein ausführen sollten! — Da reichte der Zigeuner ihm eine blanke Kugel dar und sprach: „So du unverwandt auf diesen Knopf schauen willst, bis ich das Häflein ausgelöffelt, will ich dir sagen, wo des Gildmeister Enzerle güldener Schatz vergraben liegt!“ — Sprach’s und schöpfte gelassen seinen Brei. Der Schliesser aber liess sich’s schwören, sass nieder und stierte auf die blanke Kugel. Bald danach verblieb er mit gläsernen Augen wie tot, und der schwarze Bursch schrieb wunderliche Zeichen mit der Hand und strich ihm Stirn und Arme; da ward der Alte steif wie ein Stück Holz. — Solchen Augenblick zur Flucht aber ergriff das arme Gesindel, und alle, die gefangen sassen, brachen aus und liefen an dem schnarchenden Landsknecht an der Pforte vorüber und waren frei. —
Da ist die Jüdin mit dem Zigeuner gezogen, ward eine Gauklerin und schenkte Zinkra das Leben. Aber sie war ein unglücklich Weib und vererbte ihrem schwarzbraunen, heimatlosen Mädel all ihre heisse Sehnsucht nach dem eigenen, festen Herd, davon man sie vertrieben. — Zinkra freite einen Zigeuner, den schönen Goykos, und alles, was auch sie ihrem Knäblein in das Leben mitgeben konnte, war jener Tropfen Blut, welches ein unauslöschlich Heimweh nach der eigenen Scholle, nach Ehr’ und Sessbarkeit nährte. — So war Irregang ein stiller, träumerischer Knabe geworden, den der wilde Sinn des Vaters ängstigte, und der nur ein einzig Glück kannte: seinem traurigen Mütterchen die Lieder zu singen, welche er auf einsamer Fahrt schier erstaunlich zu dichten wusste. —
Zinkra aber fasste die Hand ihres eigenartigen Söhnleins und las die Schicksalslinien, welche hineingegraben, und jauchzte hell auf und sprach: „Wirst einst sesshaft werden und ein ehrlicher Mann sein, Irregang, und wirst über deiner Mutter Leichnam ins Glück springen!„
Der Mond aber brach durch die Wolken, und der Wald zu Seiten des Weges verlief in niederem Knieholz; da sah man eine Burg auf klüftigem Bergfels ragen.
Tief inmitten der wilden Gebirgseinsamkeit lag sie düster und weltvergessen zwischen den endlosen Wäldern, eine trotzige, strenge Gebieterin, davon zeugten die Balken des Hochgerichts auf dem Nachbarberge.
Waren notwendig zu jener unsichern Zeit, da die Buschklepper und Wegelagerer in dem Odenwald ihr Wesen trieben, und manch verwildeter Landsknecht der Friedenszeit vergass und auf eigene Faust seinen Krieg führte, gegen Bauer und Handelsmann, so ihre Packesel hinab gen Frankfurt leiteten.
Goykos wandte sich und wies zu der Burg empor. „Streif dem Bub die Schellen an! Bis der Mond über dem Turm steht, sind wir droben!“ —
Bleiche Strahlen brachen durch die Wolken, und im Weggras zur Seiten raschelte es. Ein Hase lief aufgeschreckt über den Weg. Hinde stutzte und prallte zurück, ein Hieb mit dem Strick brachte sie wieder voran. —
„Der Has’ bringt Unglück, lass uns nicht zur Burg!“ — murmelte Zinkra. —
„Narretei!“
„Im Tal wehen Totenhemden über der Wiese, halt’s Ross und bleib’!“
„Bah! Herbstnebel sind’s! Hühho, Hinde! greif’ aus!“
Goykos pfiff ein übel Schelmenlied, und sein Weib griff hinter sich in den Kasten, nahm das Narrenkleid heraus und streifte es über das nackte, regenfeuchte Körperchen ihres Kindes. — Und dieweil sie den Knaben an die Brust drückte und ihm zusprach, gar übermütig und spasshaft, artig und demütig zu sein, — liefen ihr die Tränen über die Wangen und sie dachte im Herzen: „Es ist an der Zeit, dass sich das Schicksal erfülle, — hat schon manche brave Mutter ihr Kindlein mit Herzblut gesäugt.“ —
Hinde senkte den Kopf; langsam, ganz langsam und zögernd ging’s den Burgberg hinan. —
II.
Im falben Dämmerschein lag die Burg auf ihrem hohen, einsam ragenden Fels. Mächtige Buchen neigten ihre Häupter vor des Bergschlosses stolzer Majestät, rauschend in den letzten Schauern des Gewittersturms, welcher das phantastisch getürmte Gewölk fern ab nach Westen treibt. Der Weg windet sich steinig und hart zwischen den bemoosten Felsen empor, unwirtlich und verwahrlost, als geschehe es selten, dass ein Lastwagen zur Burg wuchtet, dass kecke Reiterschaar und zierlicher Damenzelter zu Jagd und Reiherbeize hernieder trabt.
Lautlos, einsam, grabesöd. —
Hindes Hufschlag klingt einzig durch den abendstillen Wald, und da sie vor dem geschlossenen Brückentor steht, lässt sie das struppige Haupt wie in trauriger Ergebung sinken. — Das braune Weib ist neben sie getreten und streicht liebkosend über die nasse Mähne, an welcher noch die Tropfen hernieder rollen. „Sollen wir hinein gehen, liebe, kluge Hinde?“ — flüstert sie mit bangem Seufzer.
Das Pferd schüttelt jählings den Kopf, um den Regen vollends abzustäuben, und Zinkra stöhnt schwer auf und sagt leise vor sich hin: — „die Hinde schüttelt den Kopf und sagt „nein“, — die kluge, kluge Hinde.“ — Goykos steht derweil und überfliegt mit scharfem Blick die Burg, und weil es so seine Gewohnheit und die Vorsicht die mächtigste Verbündete der fahrenden Leute ist, so klettert er neben den Brückenpfeilern an den Felsen hernieder, das Schlösslein, welches so leicht sein Gefängnis werden kann, zu umschleichen und mit Kenneraugen alles auszuwittern, was er vielleicht in Not und Gefahr brauchen kann. Ganz genau muss er die Baulichkeiten, die Bildung des Burgbergs und alle Stellen kennen, welche einem fliehenden Mann zum Vorteil gereichen können, und darum lässt er Weib und Kind, ohne dass er noch ein Wort darüber zu verlieren braucht, vor der Zugbrücke warten, bis er seinen Kundschaftsgang vollendet.
Und Zinkra setzt sich auf den Stein neben Hinde, nimmt ihr Knäblein vor sich, dass ihr Haupt mit der leis klingenden Münzkappe an seiner kleinen Schulter ruht, und schaut glanzlosen Blicks auf die Burg, welche wie ein düsteres, schwarzschattiges Rätsel vor ihr liegt. — Seine Lösung wird die nächste Stunde bringen, und wenn die Morgensonne wieder über den Landen aufgeht und um den finstern Turm ihre Strahlen webt, dann hört sie vielleicht ein Seufzen und Weinen aus ihm empor schallen. — —
Zinkra fuhr heftig mit der Hand über die Stirn, als wolle sie gewaltsam solche Gedanken fortwischen, sie zwang sich dazu, auch ihrerseits diese fremde Umgebung prüfend anzuschaun. Mondlicht fiel momentan durch das treibende Heer kleiner Lämmerwölkchen und beleuchtete die Steinmassen der dicken Mauern, welche trotz all ihrer gewaltigen Trutzigkeit dennoch das Gepräge des Verfalls trugen. Zwei kleine Turmaufsätze des Brückentores waren entweder zerschossen oder vom Sturm herniedergebrochen und noch nicht wieder aufgebaut, im Burggraben lag Schutt und Steinicht, und die äussersten Befestigungswerke schienen längst dem Zusammensturze preisgegeben zu sein. Die Burg musste wohl einen verarmten Edelmann herbergen, welchem die weitläufig gebaute Wiege der Ahnen ein zu unbequemer Wohnsitz geworden, und welcher darum gewissermassen nur noch den Kern inmitten überflüssiger Schalen benutzte. Ein stumpfer, wuchtiger Turm ragt hoch über das Felsennest empor, ein bedeutend kleinerer und schlankerer ist ihm gegenüber aufgeführt, um, wie Zinkra mit gutem Verständnis vermutet, zum Auslug über den jenseitigen Burggraben und die nahen Talschluchten zu dienen, welche von dem eigentlichen Bergfried nicht übersehen werden können. Er steht allem Anscheine nach frei, nur von dem Zinnengang aus zugänglich. —
Irregang berührt leise die Hand der Mutter und weist nach dem Torbogen empor: „Was ist dies für ein hölzernes Bildnis, Mutter, welches man an den Steinen aufgehängt hat?“ flüstert er.
Zinkra steht auf und tritt näher. Sonst prangen steingehauene Wappen über der Brücke, hier ist nur ein holzgeschnitten Wappenbild, welches schon arg verwittert dreinschaut, am Pfeiler aufgehängt. Ein aufrecht schreitender Löwe scheint sein Zeichen zu sein, und aus dem Helm steigen zwei schön gewundene Hörner. Drumher aber sind wunderliche Schriftzeichen gereiht, und weil jetzt das Mondlicht voll und hell darauf scheint, so hätte Zinkra sie wohl sesen können, wenn sie jemals solche Kunst erlernt hätte. Aber Goykos wird es leichtlich entziffern, denn er hat einst am schweren Beinbruch im Kloster gelegen, als er noch ein junger Bursch war und die Seinen ihn verlassen haben und weiter gezogen sind. Da wollten die frommen Brüder flugs sein Haupt scheren lassen, auf dass er bei ihnen bleibe, die Klosterforsten zu begehen und die Karpfen aus dem Teiche zu fischen, denn darauf verstand er sich mit gar geheimen Wundermitteln. Und die Zeit, da er siech darnieder gelegen, haben sie weislich ausgenutzt, die Mönche, und haben ihm lesen und schreiben gelehrt, weil er ein heller Kopf war und wohl angetan, solche Weisheit zu erfassen. Aber als der Goykos wieder hat springen und tanzen können, da ist der alte Wandertrieb mächtig in ihm erwacht, und er hat seine Lumpen heimlich wieder im Dachkämmerlein zusammengesucht, hat sie in die Jagdtasche gepackt und ist zum Tann hinab, ohne jemals mit einem Wildbrätlein heimzukehren. Der Mönche Gelehrsamkeit aber hat er zu kleinem Teile mit sich genommen, und hat sie ihm gute Dienste getan, wenn er bei fürnehmen Herren eingekehrt ist, und seine erstaunlichen Gaukelkünste, auf einem Pergament beschrieben und konterfeit, Ritter und hohen Ratspersonen demütiglich dargereicht hat.
So wartete Zinkra, bis der Zigeuner leise und lautlos wie ein Schatten wieder zwischen dem Buschwerk auftauchte und zu ihr sprach: „Hier pfeift der Wind durch manch ein ungeflicktes Loch! Die Mäuslein, so früher am Speck genagt, fallen sich jetzt gegenseitig an im Hungergrimme, und die Goldgülden, so früher im Kasten lagen, sind rund geworden und durch die Finger gerollt.“ —
„So wird’s einen schmalen Lohn geben für unsere Müh!“ — seufzte Zinkra, und sie wies nach dem Holzschild und sprach: „Wes Namens mag der Edle sein?“ —
Goykos trat hastig herzu: „Ein hölzern Schild? So ist die Burg wohl nicht von einem reichen Vater auf den Sohn gekommen, ist vielleicht eines Drittgeborenen Erbteil, ein überflüssig, ausgebranntes Nest, das ein tatkräftiger Rittersmann wieder hoch bringen soll zu Würd’ und Ansehn! Und selbe Schrift?“ — Der Gaukler schüttelte das Haupt und sagte: „Eine solche Sprach wird nicht zu Land geführt, und vermeine ich, dass es ein hochgelehrt Latein sein muss, das mir in allen Worten fremd ist, welches ich aber reichlich im Kloster gehört. Werden es schon drinnen erfahren, wie das alte Raubnest heisst, und ob es dem leibhaftigen Satanas oder nur einem, der sich ihm verschrieben, zugehört!“ Und lachend rückte er den zerrissenen, haubenartigen Hut, von welchem klappernde Schnüre von Muskatnüssen, Pfeffer und stark riechenden Nelken herniederhingen, auf das Ohr, fasste den schweren Metallklopfer und führte etliche dröhnende Schläge gegen das Tor.
Zinkra presste tief atmend die Hände gegen die Brust. Sie hatte das Gefühl gehabt, als müsse sie ihrem Manne jählings die Rechte halten mit dem Angstruf: „Lass ab vom Klopfen! Dreh um und bring uns fort!“ Aber sie kannte des Goykos starren Sinn, und sie biss die Zähne zusammen und dachte: „So es mein Schicksal ist, wird sich’s erfüllen, und ob ich auch fliehen möchte bis an das Ende der Welt!“
Der Zigeuner lauschte; es blieb totenstill in der Burg, und da er abermals gegen die Metallplatte schlug, dass sie dumpf erdröhnte, stampften jenseits der Mauer Schritte herzu, ein Schieber ward aufgetan und ein bärtig Männerhaupt lugte mit feistem, gerötetem Angesicht hervor. — „Fahrende Leut’! Gaukler und Spassmacher seid ihr?“ — lachte er mit weinschwerer Stimme:
„In drei Teufels Namen, da kehrt ihr zur guten Stunde auf dem Darsberge ein! Und zeitlebens will ich mit den Hunden fressen, wenn ich euch fortjag’ vom Tor, denn es ist eine artige Kurzweil, zuzuschauen, wie sich Gesindel das Genick bricht!
Sein Lachen hatte trotz der rohen Worte einen Klang heiterer Gutmütigkeit, und als die schweren Bohlen polterten, die Pforte sich auftat, und der riesenhafte Sprecher mit gespreizten Beinen und eingestemmten Armen vor des Goykos Familie stand, da lupfte der Zigeuner respektvoll die Kappe und sprach: „Ihr seid ein gütiger und edler Herr, und wir wollen all unsere Kunst aufbieten, um solch mächtigen Edlen, wie Ihr allhier in dieser Burg sitzet, wohlzugefallen! Seid Ihr der strenge Ritter selbst? Stattlich und fein wie ein solcher seht Ihr aus!“ — Und der Gaukler neigte sich mit schlauem Lächeln noch tiefer, dieweil der Burgwart ein geschmeichelt Grunzen hören liess und den Bart martialisch zwischen den Fingern zwirbelte. —
„Wäre mir neu, dass ein Edelmann eines Schliessers Amt verwalte“ — antwortete er, sich räuspernd, „aber solches Pöstlein gibt er dennoch nur dem Obersten unter seinen Knechten, und dem Gescheitesten ... und die Pest will ich kriegen, wenn ich nicht der Gescheiteste und Tapferste bin. Aber ein Lumpenkerl wie du kann nicht wissen, wie’s in vornehmen Burgen Brauch ist, darum will ich dir nicht zur Straf’ das Kreuz abschlagen, sondern dich mit heilen Knochen einlassen! — Heda! führ’ deine Schindmähr’ über die Brücken, sonst möchte sie am End’ ein Wolf anfallen und sich an solchem Geripp’ einen Schaden fressen!“ — und diesen Witz mächtig belachend, trat der Mann etliche Schritte vor, währenddes Goykos die Hinde am Strick nach sich zog. — Gleichsam, als gäbe sie sich selber einen Stoss, wankte Zinkra über die Schwelle, und Irregang hielt sich angstvoll an ihrem buntfarbigen Flitterrocke fest und glitt mit seinen nackten Füsschen, schmerzhaft zusammenzuckend, über das Steinicht.
Der Burgwart griff Zinkra mit derber Faust unter das Kinn und drehte ihr Antlitz nach dem Mondschein: „Pech und Schwefel über solch schwarze Hexenaugen!“ lachte er, „damit kannst du heute abend Glück machen, du braunes Schätzlein, denn der Vogt ist ein lebensfroher Herr, dessen Hauskreuz bei der edeln Frau von Jossa am Siechbette wachen muss! Da ist er wieder ein lockrer Zeisig wie einst, als er noch auf die Brautschau ging, und hat auch Silbergülden die Fülle, denn unser Ritter ist auf sieben Tage nach dem verhassten Zwingenberg geritten, um einen Tauschhandel briefen zu lassen, und derweil führt der Vogt das Regiment in der Burg.“ — Und der Sprecher fuchtelte mit den Armen durch die Luft und schnalzte fröhlich mit der Zunge: „Da gibt’s lustige Zeiten jetzt, statt Brunnwasser — Gernsheimer Alten — statt Haberbrei — Hirschziemer und speckgebratene Häslein! Denn der Vogt hält’s mit uns, weil der Jossa toll ist und geizig wie sieben alte Krämer, und uns knapp hält jahraus, jahrein, obwohl’s in Scheun’ und Keller von Fässern und Getreide voll liegt und das Wild im Forst sich gegenseitig totdrückt! Aber er lässt lieber die Gebäude zusammenfallen, ehe er einen Nagel drangibt! — Nun ist die Katz aus dem Haus und die Mäuslein tanzen auf Tisch und Bänken umher! Wer wehrt’s uns? Die Jossain liegt schwer darnieder und das Junkerlein? Hehe! Ist noch ein klein Bübchen und freut sich der Kurzweil in der Küche! So wahr ich leb’!“ —
Zinkra lauschte hoch auf bei den Worten des Schliessers, welchen der Wein redselig und mitteilsam gemacht, aber ihr Blick überflog scharf prüfend jeglich Mauerwerk, dazwischen sie hinschritten, als wolle sie genau den Weg kennen, welcher sie einzig zur Freiheit zurückführen konnte. — Zuerst durchschritten sie einen langgestreckten Vorhof, der Barbacan genannt, traten durch ein zweites Tor in einen doppelten Zwinger mit schlechterhaltenen Zinnenmauern und gelangten endlich durch das von einer Pechnase verteidigte innerste Tor in den eigentlichen Schlosshof. — Der Burgmann schien recht zu haben, sein Ritter liess lieber die Mauern zusammenfallen, ehe er einen Nagel einschlagen liess. Wüst und verwahrlost, in den tiefen Schatten der Nacht noch unheimlicher, sah alles aus.
Die Türen hingen in schlotternden Riegeln, das Pflaster war lückenhaft, die Verzierungen an den Wänden lagen niedergebrochen zur Erde.
Im Burghof selber schien es wohnlicher. Drei prachtvolle, hochgewachsene Lindenbäume standen in seiner Mitte, die Wipfel hoch über die Gebäude hebend. Das Herrenhaus, schmal und spitzgieblig, lag dunkel, ebenso die Stallungen und Kammern der Mannen, nur aus der grossen Küche, deren Tor weit offen stand, fiel ein mächtiger, grellflackernder Feuerschein, tönte lautes Gelächter, Gesang und Gejubel schriller Weiberstimmen.
Unter dem Schlot brannte ein loderndes Holzfeuer, welches russige Kessel erhitzte und mit seinen Rauchwolken den Duft eines starken Würzeweins in den Hof hinaus schickte. An langer Holztafel der Nordwand sassen ungefähr zwölf Reisige, zu oberst ein fetter kleiner Mann mit grauem Knebelbart, gebogener Nase und funkelnden Äuglein, einen Federhut schief auf dem Kopf und einen grünfarbenen Mantel über die Schultern geschlagen. —
Neben ihm lag ein langer, spindeldürrer Magister mit rotentzündeten, zusammengekniffenen Augen gegen die Wand zurück, und um den Tisch her liefen die Mägde lachend und schwadronierend, die leeren Kannen am Feuer zu füllen, oder den Eberbraten auf der geschweiften Holzschüssel mit heissem Fett neu zu übergiessen. Der Wein schien bereits seine Wirkung zu tun, die Köpfe waren rot und die Reden laut und schreiend. —
Der Torwart trat zu Tisch und verkündete es wie eine Heldentat, dass er fahrend Volk, so vorhin so herrisch an das Tor geklopft, eingelassen habe, damit sie Kurzweil in der Halle schaffen möchten. Ein beifällig und lärmend Halloh erhob sich, nur der Magister schlug mit seiner knöchernen Faust auf die Tafelplatte und überschrie die weinschweren Stimmen.
„Was unterfängt sich Lambert der Kettenhund! Denkt, weil ihn des Vogtes milde Hand heut aus seinem Torhaus herausgezogen und ihn an unsern Tisch gesetzt, kann er kläffen und bläffen wie ein Herrischer selbst! Führt fahrend Volk herein, als hätte er zu befehlen, nnd ist doch nicht besser wie ein Wetterhahn auf dem Turm, so ein dumm Vieh ist, und’s nur anzuzeigen hat, wenn ein Wind daher gefahren kommt!“ —
„Kettenhund heisset er mich und ein dummes Vieh, dieser Giftmischer und kauderwelsche Hansnarr?“ tobte der Schliesser entgegen, reckte und dehnte mit rollenden Augen seine derbe Gestalt und hob drohend die Faust; der Vogt aber erfasste diese, zwang sie nieder und sprach begütigend:
„Wisse wohl, Lambert, dass ein Kettenhund ein gar getreulich Tier ist, und der Wetterhahn den ganzen Bergfried tief unter sich schaut, — darum brauchst du keinen Eifrer tot zu schlagen. Dass du fahrend Volk einbringst, ist ein nicht gar so übel Ding, denn du hast Lebensart und weisst es wohl, dass die grossen Herren bei Wein und Braten dem Hanswurst die Zahl sieben grad sein lassen!“
„Dennoch hätt’ der Knecht den Vogt fragen müssen!“ zeterte der Magister.
„Selber Knecht ist des Vogts Amadeus oberster Marschall heut und schafft ihm Kurzweil nach seinem Sinn! Darum lasset solch töricht Streiten und du, mein braver Pförtner, walte deines Amts, tu’ die Tür auf und lass uns schauen, welch ein Ungeziefer du von der Landstrass’ aufgelesen!“
„Das will ich gehorsam tun!“ nickte der Torwart mit grollender Stimme, „aber ein Schandbub will ich heissen, wenn ich dem Lateiner nicht noch alle Knochen im Leibe zu Staub zerschlage, Gott straf’ mich der Sünd’!“ und er wandte sich kurz um, nach der Hoftür zurück zu stampfen. Wie ein leibhaftiger Graf oder Herzog war der Vogt Amadeus anzuschauen, als er breitbeinig auf dem Fellsessel sass, die rotgearbeitete Hand auf das Knie stützte, und den Hut so verwogen auf dem linken Ohre trug, dass die verwitterten, ehemals rot gewesenen Hahnenfedern kopfüber in die Luft starrten. Mit leutseligem Schmunzeln blickte er auf Goykos den Zigeuner, welcher seine Klapperhaube ehrerbietig abgezogen hatte, sich ununterbrochen verneigte und in wohlgesetzter Rede sprach: „Vieledler Herr, junger und schöner Herr, reichsfreier, ernsttugendsamer und hochedler Herr Ritter! Eine armselige Kreatur, Goykos der Wunderkünstler, der fernher aus einem Lande kommt, da die Rose von Jericho wächset und die Palmen, davon die Kreuzfahrer euch Wunder erzählt, — neiget vor dir hochedlem Grafen und Herrn das Haupt, und er flehet dich an, wie das jammervolle Gewürm den König Löwe erflehet: Lasse deine Huld gross sein, dass du uns ein fröhlich Narrenspiel allhier in deinem Schlosse gestatten wolltest. Siehe, wir haben schon unsere Künste gezeigt vor Königen, vor Herzögen und Fürsten, aber es war keiner von allen so mächtig und hochlöblich wie du, und darum wollen wir vor dir das Beste zeigen, was wir können!“
Der Burgvogt Amadeus hörte mit eitel Wohlbehagen solche Rede, nickte mit dem Haupt, dass ihm die Hahnenfedern um die Ohren wirbelten, und blickte sich im Kreise seiner Untergebenen um, als kämen ihm wirklich all die Ehren und Titel zu, welche des Zigeuners Ansprache ihm so reichlich verliehen. Sein Marschall Lambert kratzte sich behaglich hinter den Ohren, die Burgmannen kamen sich sämtlich wie hohe Herren vor, weil sich der Goykos auch vor ihnen ehrfurchtsvoll verbeugte, sie seine edlen Wohltäter nannte und um ihre Fürsprache bei dem gnädigen Ritter bat, und die dicke Schaffnerin blähte sich vollends vor Hochmut, weil Zinkra ihr den Saum des Rockes geküsst hatte, wie einer Königin.
Der Vogt schaute noch einen Augenblick voll ernster Würde auf den Gaukler nieder, musterte dessen schönes Weib mit begehrlichem Blicke und sprach mit einer Handbewegung, so hohe Gunst und Herablassung ausdrückte: „Es mag dir eine seltene Ehre sein, Gaukler, vor Herrschaften und würdigen Manns- und Weibspersonen zu spielen, wie du sie jetzt vor dir siehst. — Wirst du uns des Erstaunlichen und Närrischen genug zeigen, so will ich dich belohnen, denn ich kann’s; wirst du aber unsere Langmut durch plumpe Bauernspässe missbrauchen, so lasse ich dich peitschen, denn also ist es ritterliche Hantierung und Sitte in den Burgen der Grossen.“
Ein allgemeines Beifallsmurmeln und Knurren erhob sich, da Amadeus sich nach solch trefflicher Rede stolz umschaute, und Goykos warf mit einem hellen Juhuschrei seine Haube in die Lust, fing sie wieder auf mit einem buntgemalten Stäblein, stellte selbes auf die Nase und hielt’s im Gleichgewicht. Dazu fing er an zu springen und zu tanzen, ohne dass Stock und Kappe hernieder fielen, und die Zuschauer johlten laut auf vor Lachen und vergassen all des feierlichen Ernstes, der zuvor geherrscht. Als aber der kleine Irregang mit gellendem: „Jû nârro!“ plötzlich gar wundersam wie ein Fröschlein mit verrenkten Gliedern hinter seiner Mutter hervor kugelte und sich rund in dem freigelassenen Platz der Halle herumschnellte, da sprach die dicke Schaffnerin: „Ich hol’ das Junkherrlein, auf dass er solche Kurzweil schaue!“ und wollte gravitätischen Schrittes davon. Herr Amadeus aber hielt sie sorgsam am Gewand und flüsterte: „Machet es aber fein heimlich, Frau Margaret, auf dass meine Hausehre nichts von selbem Firlefanz erfahre!“ — Und dabei sah der Vogt gar nicht mehr so herrisch aus wie zuvor und rückte den Schlapphut sänftiglich auf die Mitte des Hauptes.
Frau Margaret aber schritt nickend davon, und da sie wiederkam, führte sie einen Edelknaben an der Hand, stark und kräftig gebaut, um eines Hauptes höher denn Jung Irregang, dem fiel ein goldblond Lockenhaar auf die Schultern, und sein Gesicht war rosig, frisch und fröhlich, mit zwei blauen, guten Augen darin. — Viel Kraft und starke Muskeln schien er zu haben, und seine Bewegungen waren von gedrungener vierschrötiger Derbheit. Er trug ein schlichtes Wämmslein von Hirschleder, aber einen linnenen Kragen darüber aufgeschlagen und ein kunstlos Wehrgehäng’ um die Hüften. Mit grossen, starren Blicken des Erstaunens schaute er auf die Gaukler, und da er neben dem Vogt niedergesessen war, und Irregang abermals seine Purzelbäume begann, da sass er wie gelähmt vor Bewunderung, und erst ganz allmählich fand er sich in die Fröhlichkeit der andern.
Der schwarzäugige Bub, mit dem blassen, feingeschnittenen Gesichtchen, den verwilderten Locken und dem grellbunten Narrenkleide, daran die Schellen rasselten, schien ihm eine Erscheinung aus anderer Welt, und als Irregang gar die Geige spielte, voll ausgelassener Lustigkeit dazu tanzte und seine derbspasshaften Liedlein sang, da nickte er leuchtenden Auges Beifall, als der Vogt dem Bürschlein lachend winkte, ihm den Humpen reichte und sprach: „Trink, du fröhlich Kasparlein! deine Weisen werden noch ergötzlicher sein, wenn du voll des süssen Weines bist!“ —
Irregang trank mit durstigem Zug, und während dessen streichelte der kleine Junker schüchtern sein fremdartig Gewand und betastete neugierig den glimmernden Zierrat darauf.
Hatte Jorg von Jossa doch noch niemals fahrend Volk geschaut, denn Burg Darsberg lag fernab der Strasse in tiefster Weltvergessenheit, und solange der Ritter daheim war, blieben ihre Pforten geschlossen für jedermann.
Der Lärm und die Lustbarkeit in der Halle hatten schon eine gute Weile gewährt, als Goykos sich abermals vor dem Vogt neigte und bat, aus seiner Karre allerhand Gerät zu holen, um nun erst die schönsten und erstaunlichsten Kunststücke zu zeigen!“ — Das ward ihm gern gewährt, und einer der Dienstbaren geleitete ihn in den Hof zurück, auf dass er den Weg zu seinem Rösslein fände. Und das war wohl gut, denn der Jagdgesell musste weidlich lachen, da er den Zigeuner so dumm und wirr im Schlosshof tappen sah, — das listige Lächeln des Gauklers aber sah er nicht dabei. Derweil hatte Zinkra Mühe gehabt, sich der Liebkosungen des Vogtes freundlich zu erwehren. Auf viel absonderliche Weise machte sie auf fremden Instrumenten Musik und hatte dann zu schallendem Gelächter aus des Lamberts spitzem Hut fünf echte Hühnereier, bunte Steinkugeln, zwei Eisenküchlein und einer Magd Brusttuch hervorgeholt. Auch an der Schaffnerin Ledertasche knusperte sie herum, und als alle schauten, zog sie zu grossem Staunen rot Band herfür, so viel, dass es nachher nimmer wieder Platz in der Tasche fand. — Da man sich aber genug des Rätsels verwundert hatte, hielt Frau Margaret das braune Weib am Rock, dass dessen Glöcklein zart erklangen, wies die Hand entgegen und sprach: „So du eine junge Freiheit bist, sage mir, was solche Linien hier verheissen!“ — Da sagte Zinkra die Zukunft, und die Matrone kreischte auf und sprach: „Hat mir schon eine andere Taterin den zweiten Eheherrn verheissen! Christe Blut, nun wird’s wahr!“ Kaum dass sie noch sprach, stand auch schon der kleine Junker Jorg neben der Zigeunerin, schaute sie treuherzig an und bat: „Künde mir auch!“ — Da schaute Zinkra lächelnd in des Knaben Hand, aber ihr Antlitz ward fahl und starr, und ihre Lippen weiss wie Schnee. Und sie wankte und griff hastig nach Irregangs Hand, — legte beider Knaben Rechte zusammen und stiess keuchend hervor: — „Da! — schaut da!“ — —
Aller Köpfe neigten sich, und man sah ein seltsam Zeichen in beiden Kinderhänden, vier feine, rote Linien die den römischen Buchstaben W bildeten. —
Wie gebannt hing Zinkras Blick am Antlitz des Junkers, und sie legte die zitternde Hand auf sein Haupt und murmelte: „So wirst Du des Irregangs Genosse sein!“ —
III.
Nicht ein jedes Auge vermochte allsogleich die Form der zarten Hautlinien herauszufinden. Mit gläsernem Blick starrte der Vogt darauf nieder und sprach mit einem Kuss auf der Gauklerin entblössten Nacken: „Was sollen wir denn schauen, du brauner Schatz? Dass beide Büblein ihre Finger spreizen? Dass es an jeglicher Hand deren fünfe sind? oder sonst ein Miraculum?“ und dabei legte er, auf den Füssen schwankend, den Arm keck um Zinkra. Der Magister aber nickte mit dem gelehrten Haupt und sprach gravitätisch: „Woher kommt dir eine solche Weisheit, Weib, dass du einen römischen Buchstab kennest? und wie magst du selbes Zeichen deuten?“ Da riss sich die Zigeunerin gewaltsam aus ihrem dumpfem Sinnen empor, machte sich los aus des Amadeus Armen, lachte und sprach: „Es ist nicht zum letzten Male, dass das Jungherrlein heute neben dem Irregang steht. Der Buchstab W wird beider Schicksal sein, er steht geschrieben auf der rollenden Kugel des Glücks und beide jagen danach und kämpfen darum. Wer siegt? das wird die Zeit lehren!“ und Zinkras Augen glühten wie im Fieber, sie wand sich geschickt aus den Fesseln des immer lüsterner dreischauenden Vogts, warf die Arme über das Haupt und wirbelte im Tanz in die Mitte der Halle zurück. Goykos aber, welcher just wieder in der Hoftüre erschien, legte viel haarscharfe Messer auf den Estrich umher, die Schneide noch oben, und die Zuschauer überkam ein Gruseln, da sie’s sahen. Mit den nackten Füssen sich rasend schnell im Kreise drehend, bewegte sich die junge Zigeunerin, zwischen den Klingen kaum den Platz findend, um die Fussspitzen aufzustellen, und dabei hing ihr Auge unverwandt an der gewölbten Decke, darunter die Rauchwolken des Kamins herzogen. — Lautlos starrten die Leute der Burg ein solches Schauspiel an, und da die Zigeunerin mit weitem Satz endlich aus den Messern heraussprang, vor dem Publikum das Knie beugte und die Arme über der atemlos wogenden Brust kreuzte, da erhob sich ein brüllender Beifallslärm, und Amadeus winkte der Tänzerin, zog sie mit derber Zärtlichkeit auf eine Knie und bot ihr den Humpen dar.
„Also hat der König und edle Held Huon de Bordeaux auch das Türkenmädel Bandamor, so vor ihm den Reigen geführt, an den Tisch gezogen, hat sie gespeist mit gebratenem Galander und getränkt mit Sinôpel, wie man lesen kann in der Historie von des Richard Löwenherz Kreuzfahrt. Da unsere Galander aber noch in freier Luft fliegen und den Wildmeister Hanno mit ihrem Spottliedlein äffen, kann der Vogt Amadeus an den Pfoten saugen und muss sich den Bauch mit Hirschfleisch füllen; gebet darum der Gauklerin anstatt des Vogelbrätleins eine Schnitte Ziemer! Und dieweil mein Kellermeister das Fässlein mit Sinôpel hat leer werden lassen, zu seiner eignen Mast, so muss mir statt seiner die kleine Hexe hier die Borgeraste kredenzen! Heda! trink’s doppelt, Weib! — Galander oder Ziemer, Sinôpel oder Würzewein — Huon oder Amadeus, ist dem Beelzbub ganz einerlei!“ — und er lachte mit dröhnender Stimme und kniff Zinkra in die bleiche Wange, die sich Sträubende immer inniger herzend. — Aber weder Tanz noch Wein noch alle Lustbarkeit der Halle und alle Scherze, welche die Taterin selbst noch eingelernterweise zum besten gab, verliehen ihrem Auge den früheren Glanz zurück. — Starr und tot war der Blick geworden, das erste Flackerfeuer jäher Aufregung war erloschen, und dieweil Goykos zum Schreck der kreischenden Mägde Feuer verschlang und dann aus seinem Mund lebendige Schlänglein zog, versank Zinkra in ein regungsloses Anschauen des Junkers Jorg, just, als wolle sie gewaltsam einen Blick in die Zukunft erzwingen. Vor ihrem geistigen Auge wuchs der blondlockige Knabe empor zur hohen Rittergestalt. Der Harnisch glänzt auf seiner Brust, Federn umwallen seinen Helm, ein schnaufend Ross bäumt stolz auf unter ihm, und wo er seine Strasse zieht, weichen die Leute ehrerbietig aus und ziehen die Kappe. Die kleine Hand, welche jetzt in zitternder Aufregung das Holzschwert umklammert, wird gross werden zur starken Männerfaust, und diese wird zweischneidigen Stahl führen. — Ein W ist in diese Hand geschrieben, ein Zeichen, welches dem Irregang Glück oder Unglück bringt? — Wie das? — Werden jene zarten Fingerchen einst in rohem Griff ihres Lieblings Gurgel fassen? werden sie die Waffe nach seinem Herzen zücken, werden sie den Stab über dem Haupt des fahrenden Mannes brechen? Fahrenden Mannes? Nein, Irregang wird ja sesshaft werden in Ehr und voller Genüge; und über seiner Mutter Leichnam sührt ihn der Weg zum Glück. O dass jene dunklen Schleier der Zukunft sich heben wollten, dem Auge der Geängstigten das Schicksal zu zeigen, welches beide Knaben einst zusammen, und in finstren Wirrsalen wieder auseinander führen wird!
Ihr Blick brennt auf dem Antlitz Jorgs, und sie sieht, wie der Sohn des Ritters in jäh aufwallender Zärtlichkeit empor springt, zu dem Irregang hineilt und die Arme um das schmächtige Körperchen des Zigeunerbuben schlingt, ihn stürmisch zu liebkosen und zu herzen! —
„Du sollst bei mir bleiben, Du lustiger, kleiner Gesell!“ ruft er mit glühenden Wangen: „Du sollst mich all diese Kunststücke lehren, und ich teile dafür alles mit dir, was ich habe! Mein Rösslein, aus Holz geschnitten und bunt bemalt, mein Kugelspiel und Blaserohr, auch die Ritterfiguren, die man am Faden zieht! — Sprich, fremder Bub, hast du es auch gelernt zu fechten und zu parieren, wenn ich dir hier mit meinem Schirmschwert zu Leibe geh’?“
Der Irregang schüttelte ernsthaft das Haupt: „Solches ist ritterliche Hantierung und keines Spassmachers Art! Aber wenn wir auf der Heide rasten, so darf ich den Bogen spannen und mit dem Speer werfen. Doch schafft mir solche Übung keine Kurzweil, da mein Arm noch zu schwach ist.“ —
„So musst du Steine werfen und ringen, auf dass er stark werde! Schau da meine Muskeln! wenn ich zuschlage, streckt’s schon einen Rüden zu Boden. Weisst du, mit den Kampfspielen halt ich’s lieber, als mit den Magistern! Und zur Jagd reit’ ich öfter, denn zum Bruder Godewin ins Kloster, wo ich mit dem Griffel meine Wachstäfelein beschreiben muss.“ —
„Ich möchte wohl bei dir bleiben“ — nickte Irregang traurig, „aber die Hinde scharrt den Boden und führt uns weiter!“ —
„So mein Herr Vater hier wäre, würd’ ich ihn bitten, dich in der Burg zu halten zu meinem Spielkamerad!“ —
„Das geziemet sich nicht für eines Gauklers Sohn!“ flüsterte der Kleine mit altklugem Gesichtchen: „Dein Ritter würd’ mich zu den Hunden sperren!“ —
„So kröch’ ich zu dir in den Zwinger!“ trotzte Jorg mit einem Griff nach seinem Schirmschwert, und dann umhalste er den Knaben abermals und küsste ihn: „Wenn du von dannen ziehst, will ich an dich denken, und wenn ich gross bin und ein freier Ritter, so lass ich mir vom Trossknecht ein Schlachtross satteln und zieh’ hinaus in die Welt, um dich zu suchen!“ —
„Wirst du mich alsdann noch kennen?“ —
„Solch ein närrisch Kleid wie du, trägt wohl kein andrer Bub’ im Land, und wenn ich dennoch mehrere Hanswursteln schauen sollt’, so sag ich: Weis’ deine Hand! trägst du ein römisch W darin, so bist du der Irregang!“ —
„Und dann nimmst du mich mit dir!“
„Dann gehen wir zusammen in fremdes Land und suchen Aventiure und das Glück, — wie Boge und Wolfdietrich in der Historie.“ —
„Und wer das Glück gewinnt?“ —
„Ei, der behält’s!“ —
„Ich teil’s mit dir!“ sprach Irregang.
„Der Magister sagt, das Glück sei ein Weib, teilt man’s, so tötet man’s.“ —
„Ein Weib? — ein einz’ges nur? Warum gibt’s nicht für jedermann ein Glück?“ —
Da schüttelte Jorg die blonden Locken aus der Stirn und legte die Hände rückwärts zusammen.
„Das weiss ich nicht! In der Kemnate haben sie sich jüngst eine Legende erzählt, die auch vom Glücksweib handelte, und da waren ihrer zwei Gesellen, die danach jagten. Hatten beide sich verschworen, selbes Weib zu gewinnen. Und waren doch zuvor Freunde gewesen, die Gold und Ehr’ brüderlich geteilt hatten; da aber das Weib ins Spiel kam, konnten sie nimmer teilen, sondern mussten kämpfen.“ —
„Blieb einer tot?“ —
„Da das Ende kam, nahm mich Frau Margaret bei der Hand und führte mich ins Schlafgemach, denn es war sehr spät geworden.“ —
„Hör’“ — sprach Irregang — „wenn wir einer solchen Teufelin begegnen, soll sie keiner begehren, auf dass sie uns nicht den schlimmen Weg bereite!“ —
„Und schlagen ein Kreuz vor ihr, wie vor dem bösen Feind!“ — Jorg bot plötzlich mit ernsthaft würdevollem Angesicht die Hand entgegen und fuhr fort: „Ich werde niemals mein Schwert wider dich kehren, ich schwör’s!“ —
„Du wirst ein Ritter sein, ich ein Hansnarr, der keine Rüstung tragen darf“ — murmelte Irregang mit düster gesenktem Blick: „aber ich halte auch dir die Treue, wenn du sie mir hältst!“ —
„Du darfst nicht Harnisch, Schwert und Helm tragen? Ei, womit wirst du dich wehren, wenn dich einer kampflich angeht?“
Da bekam des Kindes Zigeunergesicht einen gar seltsamen Ausdruck und zeigte zum erstenmal eine Ähnlichkeit mit seinem Vater: „Fahrend Volk muss sich schlagen lassen und sich ducken. Aber es kann sich rächen, wenn es klug ist. Wenn wir auf unsrer Fahrt Feinde hatten, verbargen wir uns während des hellen Tags im Forst, weil wir uns im offnen Kampf nicht rühren dürfen, — wenn aber die Nacht kam, dann schlich der Vater herzu an seine Peiniger nnd sprach: „Für jeden Schlag einen Stich, — für jeden Hieb einen Biss!“ — und dann hat er ihnen Schaden getan, dass sie seiner gedenken mussten.“
„Nein, da ists mir lieber, im ehrlichen Zweikampf dreinzuschlagen, zu ringen, oder den Speer zu werfen im hellen Sonnenlicht! Überfall und Hinterlist sind feig. Wenn du aber bei mir bliebst, Jung Irregang, so würdest du auch ein Rittersmann werden und das Schwert führen!“
„Hoho!“ lachte des Lambert tiefe Stimme hinter ihnen: „Was redet der Junker für artige Märlein! Ist noch niemals aus einem Spatz ein Aar geworden, wenn man solch Gelbschnäblein auch zehnmal in den Adlerhorst einsetzen wollte! Ist gelenk wie eine Blindschleich’, der braune Bub’, aber Kraft sitzt nicht drinn! Wird zeitlebens ein Kasparlein bleiben und nicht von seiner Art lassen, denn Nachtvolk muss kriechen und schleichen, und wenn’s auch ans Tageslicht herauf wollt’, es kann’s nicht, die Sonn’ sticht ihm die Augen aus.“ —
Irregang liess den Kopf tief auf die nackte Brust herabsinken; sein Blick schweifte unter den dunklen Wimpern zu Jorg empor: „So werden alle Leute zu dir sagen, und dein Wort wird dir leid sein, und wirst nimmer daran denken auszureiten, um des Irregang Spur zu finden.“
Da zog der junge Jossa eine finstere Stirn und sprach: „Wenn du nicht zu den Türken oder den Kreuzigern gehst, werd’ ich dir folgen! Schau, ich habe eine Armbrust droben, die mir lieb ist, ich schenke sie dir, weil du mir gefällst!“
„So geb’ ich dir mein vierfarben Hütlein dafür! Die Mutter hat noch Flicken und näht mir ein neues!“ — erwiderte der kleine Zigeuner nach kurzem Sinnen: „Und so will ich’s halten immerdar, denn ich denk — hast du mich lieb, so lieb’ ich dich auch, und hassest du mich, so hasse ich dich wieder!“ —
Jorg schritt eilends durch die Halle, die Armbrust aus dem Herrnhaus zu holen, und als er wiederkehrte, schaute ihm Irregang leuchtenden Auges entgegen, zog seine Schellenkappe vom Hanpt und bot sie zur Gegengabe dar. — Er wusste, dass sein Vater ihn darum schlagen würde, aber solche Prügel litt er gern, weil er sah, dass sein neuer Freund schier närrisch tat vor Freude über solch ungewohnten Tand, und dass er so gut und freundlich zu ihm war, wie noch nie ein anderes Kind gegen den Sohn eines fahrenden Mannes. —
In dem weiten Raum war währenddessen eine tiefe, feierliche Stille nach dem wüsten Beifallslärm eingetreten. Goykos hatte viel des Erstaunlichen gezeigt, und nun trat sein Weib herfür und sprach: „Habet Ihr hochlöblichen Ritter bisher unserer Kurzweil Huld gespendet, so möget Ihr nun als zum letzten ein Kunststück sehen, welches auf der ganzen Welt kein Gaukler uns nachtut, und so Ihr es geschaut, Ihr reichen und mächtigen Herrn, so wollet fein darauf sinnen, dass Ihr uns armem Volke ein Scherflein reicht, und wir wollen zu Tal fahren und es Euch segnen und gedenken in unsres Herzens Freud’ und Dankbarkeit!“
„Heda, was soll’s werden?!“ rief der Vogt, dessen Blicke immer heisser auf ihr brannten, mit lallender Stimme, „ist es wahrlich ein Wunderbares, was ihr zeigt, so will ich euch lohnen wie ein Fürst, denn ich hab Geld wie ein solcher und bin just so fürnehm, wie sechs Könige zusammen! Eia, was will der Goykos mit den Messern schaffen?!“
„Seht, edler Herr“ — rief der Zigeuner keck, „jetzt wird sich jenes Weib gegen die hölzerne Tür stellen und die Arme ausspannen, wie Ihr es seht, und ich will die Messer nach ihr werfen, dass sie wie ein Strahlenkranz rings um ihr Haupt stehen, und doch soll kein Wurf fehl gehn! Haarscharf neben Wang’ und Schädel sollen die Klingen in das Holz treffen, und kein Tröpflein Blut wird fliessen und mit keiner Wimper wird Zinkra zucken, dass es Angst oder Schreck bedeute!“ —
„Hoho!“ schrie der Vogt, schüttelte das Haupt und kratzte sich hinter dem Ohr, dass sein Hut weit in den Nacken flog: „Das ist ein Unding, Bursch. Bin selber ein Meister im Messerwerfen, das ein gefährlich Waffenspiel ist und im Zweikampf auf Leben und Tod geht! Heda, Wildmeister! Hast’s damals mit angesehn, wie ich beim Maigang in Werlau drunten Händel bekam! Um des Gildmeister Pfaffus wild’ Mägdlein kam’s, so mit einem Liebsten nicht Genüge hatte! Da begehrte ich dem Krämerlein auf, dem Hänfling, vermaldeiten, und“ — —
„Beim Satanas, Vogt — er hat dran denken müssen! Seh dich noch stehn unter den Linden ... nackte Brust und ohne Hauptwehr ... mit Muskeln wie Schiffstaue, — als einzig Rüststück ein kleines Schildlein zum parieren! Und man gab einem jeden von euch drei lange Dolchmesser, die zischten durch die Luft wie Blitzfunken — —
„Hähä! — und der Amadeus sprang und schnellte zur Seite, so rasch und behende wie ein Seiltänzer, dass des Krämers Klinge fern ins Erdreich fuhr, oder von des Gegners Schild gefasst wurde, wie ein Fisch, so auf Köder stösst!“ —
„Wie des Lanzelot, des wackren Ritter Tapferkeit, da er gegen Galagandreiz sein Leben durch die Messer schirmte!“ nickte der Magister mit schriller Stimme und hochgelehrtem Gesicht.
„Der Lanzelot war ein Held, und ich bin’s ihm gleich!“ schrie Amadeus, mit Wucht auf den Tisch schlagend, „denn meine Klingen fuhren dem Quacksalber zwischen die Rippen und in die Eingeweid’, dass er des Aufstehns vergass!“
„Bist ein tapfrer Mann, Amadeus!“ nickte der Lambert mit schläfriger Miene.
„Gott verzeih mir die Sünd’, aber ich will nicht selig werden, wann ich nicht der beste Messerwerfer war, der jemals sich wider den Dolch geschirmet, und jener Lausbub, jener Landstreicher da will ein Ding vollführen, das nicht zu machen ist, so wahr als ein Brunnesel keinen Psaltrion spielt!“
„Wollet Euch doch erst überzeugen, gestrenger Herr!“ rief der Goykos, beim Anblick des trunkenen Mannes immer dreister werdend: „Ein Leichtes ist es nicht um solche Kunst, und da Ihr edler und reicher Ritter diese so trefflich versteht, so werdet Ihr sie auch durch reichen Lohn anerkennen!“
Auf des Vogtes Stirn schwoll die Ader, seine Augen funkelten: „Prahlhans, betrügerischer Schalksnarr du! willst mich lehren, was Messerkunst sei? Will meine heile Haut drein geben, dass ein solches Kunststück, wie du’s soeben beschrieben, kein menschenmöglich Werk sei! Wirfst meinem Schatz die Augen aus dem Kopf und die Klingen ins Hirn, dass sie direkten Wegs zur Höllen fährt!“
„Eia, so waget doch einen Einsatz!“ beharrte der Zigeuner trotzig, ungeachtet der angstvoll warnenden Flüsterworte seines Weibes: „Euere heile Haut aber ist ein Preis, nach welchem es mich nicht jucket, und so Ihr ein reicher und mächtiger Herr seid, so nennet besseren Gewinn, darum wir handeln!“ —
Amadeus erhob sich und stützte sich wankend gegen den Tisch: „Teufelskerl ... willst mir taube Nüsse zwischen die Zähne schieben? — Heda, ihr Leut’, ist etwa der Vogt Amadeus, der jetzt in dieser Halle Hoflager hält wie ein König, ist der etwa ein Bettler und Lump, dass er’s nicht mit einem solchen Gewürm, davor der Rittersmann ausspuckt, aufnehmen könnte?“
Ein wüster Lärm erhob sich, die Mannen sprangen von ihren Sitzen empor und überschrien einander in johlender Versicherung, dass der Vogt Amadeus der Herr der Burg sei und tun und lassen könne, was ihm just behage. Dazwischen heulten und bläfften die Hunde auf, welche unter der Tafel ins Gedränge gerieten, und der Magister rieb sich mit boshaftem Zwinkern die Knochenfinger und krähte: „Mag selbst der edle Amadeus den besten Hengst aus des Darsbergs Ställen einsetzen, so der Gaukler ihn gewinnt, soll er drauf reiten, und hat er Lust, das Ross mit sich führen, so soll’s ihm geschenkt sein!“ —
„Hast recht, Lateiner, der Vogt kanns, wenn er will!“ schrie Amadeus mit rollenden Augen und schmetterte abermals mit der Faust auf den Tisch, dass die Steinhumpen erbebten: „Um das beste Ross! um des Ritters Leibross wag’ ich’s mit dem Schalksnarr hier, dass er die Messer nicht so werfen kann, als wie er prahlt!“ —
„Ein Ross! juhu, ein edel Ross!“ — zeterte Goykos mit hellem Gelächter, stiess Zinkra, welche voll zitternder Angst seinen Arm umklammerte und zur Vernunft beschwor, zurück und trat mit frecher Miene vor die Tafelrunde. Er hatte seinen Hohn über die trunkenen Männer und wollte jeden Vorteil benutzen: „Ihr alle habt’s gehört, Ihr Herrn Ritter und Edelleute, und auch Ihr, schöne Damen, dass es diesem hohen Gebieter wohlgefällt, es mit mir um ein edel Ross zu wagen! Dass er aber sein Wort hält, ist die erste Tugend des Fürsten, und darum rufe ich Euch alle zu Zeugen auf, dass Ihr dieses, sein Wort vernommen habt!“
„Der Schurke bekommt das Pferd, wenn er recht behält!“ keuchte Amadeus „das verpfänd’ ich mit meinem Ehrenwort und Handschlag; was aber, du Tagdieb, gibst du mir, wenn dein Weib am Haupte blutet, oder die Messer weiter entfernt von ihrem Schädel sitzen, denn eine Spanne Raum?“ —
„Joho! was setzest du denn ein, Zigeuner?!“ —
„Ein Gleiches! der Herr mag sich mein Pferd, die Hinde, von der Karre spannen und da behalten!“
Ein leiser Klagelaut Irregangs, — er erstickt unter den Händen Zinkras, welche den Knaben zitternd an sich presst und ihm den Mund schliesst. Brüllendes Gelächter: „Solch eine Mähre in eines Burgherrn Stall? — wäre Jammer und Schad’ um den Häcksel, so man in dies räudige Maul stopfte!“
„Hab ich Besseres zu bieten?“ —
„Hihi!“ kicherte der Magister: „willst du Galgenvogel mit einem Held und fürnehmen Mann wetten, so gibts für solchen Lump wie du nur einen Einsatz. Bist selber nicht mehr wert denn ein Ackergaul, oder ein Maulesel, darum heisst es: „Der Gaukler wird gehängt, wann er verspielt!“ —
„Goykos — wahr’ dich!!“ —
Ein rüder Lärm: „Der Doktor kennt sich aus auf gute Gerichtsbarkeit! Er hat recht! Gehängt wird der Landstreicher! Hat sowieso seit des Jud’ Aaron Halsgericht keiner mehr die schöne Aussicht genossen, die man vom Rabenstein auf den Melibocus hat! Heda, Zigeunerlein, hast du Lust, den Zappelmann zu spielen? Juhu, solches gäb feine Kurzweil in der Darsberger Landheg’.“ Goykos verschränkte spöttisch die Arme über der Brust: „Wohlan! ich trag’ mein Fell zu Markte, und ich halte Wort, wie der Vogt. Will die Sonne nicht mehr sehen, wenn ich im Kunststück verspiel’!“ —
„Goykos .. Mann .. hat dich der gute Geist verlassen?“ stöhnte Zinkra neben ihm. —
„Wahr kalt Blut, Weib, zuckest du, so hänge ich!“
„Vorwärts Gaukler! an die Arbeit Gaukler!“ lachte und schrie es im Kreise, und mit stieren Augen stand der Vogt vor seinem Sessel, lehnte sich schwerfällig gegen die schwere Tischplatte und lachte triumphierend: „Gehängt wird er! Gott straf’ mich, das soll einen Spass geben!“ —
Zinkra wankte nach der Türe nnd stellte sich auf. Der Feuerschein warf zuckende Lichter über ihr leichenfahl Gesicht, welches sich gespenstisch aus den schwarzen Haarmassen abhob. Tiefe Schatten lagen um ihre Augen, gross, unheimlich fast in ihrem starren Blick richteten sie sich auf ihren Knaben, welcher der Mutter gegenüber stand und mit keuchendem Atem die kleinen Arme über der Brust verschlang. Es lag ein fremder Ausdruck in seinen Zügen, und die Art, wie er den Vogt anschaute, hatte etwas Feindseliges.
Jorg stand in angstvoll neugieriger Spannung an seiner Seite: „Bist du nicht bange, Irregang?“
Der Kleine presste die Lippen zusammen und schüttelte heftig den Kopf.
„Wenn er nun deine Mutter trifft?“
„Des Vaters Hand ist sicher und verfehlt kein Ziel“ ..
„Tut er’s doch, so hängt man ihn!“
Da traf ihn des Knaben sprühender Blick: „Du bist des Ritters Sohn und darfst’s nicht leiden! Jene Männer dort sind nur Knechte, und lediglich, weil er ihnen schmeicheln will, heisst sie der Vater: Herren!“
„Nicht doch, der Vogt ist ein Mann, dem auch ich gehorchen muss, bis ich ein Ritter bin. — Aber wart“ — und des Junkers Augen blitzten auf: „ich helf euch dennoch, so man euch übel will, und ich weiss auch wie!“
„So werd ich’s dir danken mein Leben lang.“
Dann schwieg Irregang. Er hob lächelnd den Kopf und schaute seiner Mutter fest und zuversichtlich in das Auge. Die ersten Messer sausten durch die Luft und bohrten sich dicht neben Zinkras Schläfen in das Holz. Der Griff zitterte noch momentan, dann haftete die Waffe so regungslos, wie das bleiche Weib, welches mit ausgebreiteten Armen, gleichwie ein Opfer am Marterpfahl, behangen mit buntem Gauklertand, an der Türe lehnte.
Ihr Narrenkleid! — Jedes Zucken, jeder Pulsschlag von des Goykos Hand kann es zu ihrem Totenhemde machen.
Und die Messer sausen pfeilschnell durch die Luft, mehr, immer mehr. — Mit hohlen Augen starrt ihnen Zinkra entgegen, keine Wimper zuckt in ihrem Angesicht, nur die Münz- und Perlketten zittern auf der schwer atmenden Brust.
Das letzte Messer fliegt, splittert das Holz und sitzt fest in der Türe und langsam, wie eine Mondsüchtige tritt die Zigeunerin aus dem Strahlenkranz der Klingen herfür, wankt gegen Amadeus, sinkt in die Knie und hebt flehend die Hände zu ihm empor.
Was will sie erbitten von ihm? Der Sieg ist ja auf ihres Mannes Seite, die Wette ist gewonnen, und Goykos, der Heimatlose, wirft mit hellem Triumphgeschrei seine Kappe in die Luft, stellt sich breitbeinig inmitten der Halle auf und weist nach der Türe, darauf die Messer blinken. Ein Zittern geht durch die Glieder des gehetzten Weibes, sie umschlingt krampfhaft die Knie des Vogtes: „Vergebt ihm, Herr, — er tat’s, um sein Leben zu retten!“ — stöhnt sie auf.
Amadeus aber hört’s nicht. Er steht unbeweglich auf demselben Fleck denn zuvor; sein Angesicht ist blaurot gefärbt, die Augen rollen im Kopf und treffen mit furchtbarem Blick jenen Tollkühnen, welcher es gewagt hat, ihn zu übertrumpfen. Das war des Vogts Amadeus Punkt, da er sterblich ist, und just ihn hatte der Gaukler getroffen. — Nun Gnade ihm Gott. — Totenstill ward’s in der Halle.
IV.
Verloren hätt’ ich mein Wagnis, verloren an selben Lumpenkerl, der mit dem Satanas im Bund steht und mit behexten Messern wirft?“ keuchte Amadeus endlich, und drückte mit beiden Händen den Hut so gewaltig auf das Haupt, dass die Hahnenfedern knickten. „Ich frag euch beisammen, ob ich verloren hab’?!“
„Gibt die Tür nicht Antwort darauf, edler Herr Ritter?“ höhnte Goykos; „an selber Tür steht’s mit zwölf haarscharfen Dolchen geschrieben, dass ich mir das Pferd verdient hab’!“ —
Ein Murmeln ging durch die Reihen der Dienstbaren. Teils argwöhnisches Staunen über solch seltene Kunst, die wahrscheinlich mit dem bösen Feind Gemeinschaft zu haben schien, teils ein scheues Unbehagen bei dem Gedanken an das Pferd, über welches der Vogt doch allzu voreilig verfügt hatte.
Die Lage war misslich und der Wein spukte in den erhitzten Köpfen. Keiner mochte eine Antwort auf des Amadeus Frage geben, und nur der Magister erhob sich mit seinem boshaften Lächeln, trommelte mit den Spinnenfingern auf der Tischplatte und rief mit krähender Stimme: „Hihi! Natürlich hast du deine Wette verloren, Vogt Amadeus! Der Gaukler hielt, was er versprach, und hat sich das Ross verdient! hihi! ich gönn’s ihm, das Ross, hihi!“
Der Mann mit dem Federhut keuchte vor Wut.
„Glaub’s wohl, dass dich Teufelslateiner solch ein Ding erfreut! Bist du’s doch gewesen, der mich zu solcher Narretei beredet hat, der mir’s in das Maul schob, um ein Pferd zu wetten! Nun magst du helfen, den Handel austragen, und von dem Brei, den du mir gerühret, sollst du jetzt die harten Brocken schlingen!“ — Und damit drang er auf den Magister ein, reckte den Arm hoch empor nach der Gurgel des Langen und stiess ihn gegen die Wand, dass es krachte.
Mit derben Fäusten warf sich der Wildmeister dazwischen, dieweil Lambert, plötzlich wieder völlig ermuntert, mit behaglichem Lächeln die Arme kreuzte und murmelte: „Schad’, dass der Torwart kein Kettenhund ist, möcht’ sonst dem Hallunk von einem Skribenten in diesem Augenblick gern in die Beine fahren!“
„Heda! Amadeus! Plaget dich der Böse, dass du dich um eines Landstreichers willen an dem hochgelahrten und wackern Magister vergreifst? Lass ihn aus, Mann! sonst möchte dir seine zerbrochene Hirnschale teurer zu stehen kommen, denn der Gaul, den du im Rausche verwettet!“
„Sticht einen eine Bremse, so schlägt man sie tot, und sticht einen eine giftige Zunge, so reisst man sie dem Schandbub aus dem Halse!“
„Hihi! .. so höret mich doch, liebwerter Herr Amadeus!“ — zeterte der Gewürgte, sich losreissend und hinter dem Hanno Deckung suchend, „wer sagt, dass ich Euch einen argen Rat gegeben? Dass ich nicht wohlweislich und mit Fürbedacht geredet? So Ihr mich fraget: „Wie soll der Gaukler seinen Willen haben, ohne dass es mich schädigt,“ ei, so werd’ ich Euch ein Wörtlein ins Ohr flüstern, das euch schon behagen wird!“
Der Vogt zog die Arme zurück, wischte langsam mit dem Ärmel über die schweissperlende Stirn und bohrte die funkelnden Blicke drohend in das aschfarbene Gesicht des Sprechers. „Gott verdamm mich“ — grollte er — „wenn ich dich nicht in Stücke hau’, so du abermals eine Lüge gesagt! Gib mir ein Ross für den Zigeuner — — oder“ — — und dabei machte er Miene, abermals auf ihn einzudringen.
Der gelehrte Beistand des Ritters Jossa krallte sich am Wildmeister fest und schob ihn als Schirmwehr noch breiter vor sich, mit freundlichstem Grinsen über die Schulter des vierschrötigen Mannes zu dem kleinen Gegner hernieder sprechend: „Gewiss, mein Herzbrüderlein, werde ich dir helfen! So du dich nur der feindseligen Miene begeben und mein Wort in Frieden hören willst!“ — und der Magister winkte die Mannen herzu, kicherte so boshaft, dass seine Augen nur wie zwei rote Striche aussahen, und flüsterte: „Wisset ihr nicht, lieben Freunde, dass fahrend Volk ein vogelfrei Geniste ist? Hat noch kein Mann sich jemals verantworten müssen, wenn er einem Zigeuner begegnet und ihn gleich wie einen Hasen oder Fuchs zu Schanden geschlagen hat! — Hihi! was schaut ihr so betroffen drein? Gedenket der ergötzlichen Mär, so uns der rühmliche Ardensis erzählet in seiner historia Comitum Ardensium et Ghisnensium, — so von dem Grafen Arnold von Ardres erzählet, der fahrend Volk hat aufgegriffen, es auszurotten und zu verderben. Aber nicht dahinaus will ich mit meinem Rate, will den Goykos nicht zum toten Manne machen, wiewohl es seine Unehrlichkeit und sein betrügerisch Spiel also verdient hätte! Aber einen Schelmstreich wollen wir aushecken und wollen den braunen Bursch ein Liedlein hoch zu Rosse pfeifen lassen, das nicht nach eitel Wohlbehagen klingen soll! Heda, Vogt! hast dem Galgenvogel ein Ross verheissen und musst dein Wort halten! Darum greifet den Hund von einem Possenreisser, so man „scurra“ nennet, führt ihn hinab in die Turmkammer und sattelt ihm das Rösslein Equeleus, und lasset ihn reiten, bis seine Beine lang genug sind! Hat er alsdann noch Lust, das Pferdlein mit sich zu führen, so schenket es ihm getrost, denn es ist die beste Mähre für Gesindel, dieweil sie nicht Heu noch Hafer braucht!“
Ein brüllendes Gelächter erhob sich in der Halle, Amadeus taumelte dem Sprecher entgegen, umhalste und drückte ihn, nannte ihn eine Weisheitsleuchte und ein Bruderherz und lachte, dass ihm das Wasser in die stieren Augen trat. Und die Mannen schrieen wüst durcheinander und lobten solchen Streich, nur der Lambert schüttelte finster des Haupt und sprach: „Das ist ein teuflischer Rat und böse Sitte für ehrliche Gesellen! Der Goykos hat uns Kurzweil geschaffet; jaget ihn mit Weib und Kind über die Zugbrücke, aber foltert ihn nicht wie einen Bösewicht, der das Halsgericht verdienet!“
Amadeus aber fuhr ihn mit zornigen Worten an, und der Lateiner schrie höhnisch: „So man den einen Hund prügelt, heulet der andere mit!
Werfet den Schliesser hinaus, denn er ist trunken!“
Da gab es noch ein kurzes, grimmiges Handeln, und Zinkra presste ihren Knaben an das Herz, brach nieder auf die Knie und schrie mit gellender Stimme: „Erbarmet euch, ihr edeln Herren, und treibet keinen grausamen Scherz! Wenn ihr jenen armen Narren foltert, zerreisset ihr ihm die Gelenke und macht ihn untauglich zu aller Kunst!“
„Der listige Teufel soll künftighin keine Messer mehr werfen!“ — schüttelte Amadeus grimmig das Haupt, „denn er hat mir dadurch ein gross Ärgernis gegeben! Auf ihn, ihr Mannen! — fasst den Hallunken und auf das Folterross mit ihm!“
Da schlang Zinkra voll Verzweiflung die Arme um die Knie des grausamen Sprechers. Ihr bunt Gewand löste sich auf der nackten Schulter, das Haar wogte in wilder Pracht über den schönen, verführerischen Hals und den Arm des braunen Weibes, die Gluten der Leidenschaft flammten in ihren Augen: „Nehmet mein Leben, das kurze, verlöschende, aber schonet Mann und Kind!“ schrie sie auf.
Des Vogtes Blick traf die Knieende, eine jähe Wandlung seiner rachsüchtigen Züge, — und keuchenden Atems, wie ein Raubtier schleichend, unverwandt auf die Gauklerin starrend, trat er neben Goykos —: „Gib mir dein Weib — so geb ich dir’s Leben!“ — stiess er leis flüsternd hervor.
Des Zigeuners Zähne blinkten grell durch die Lippen, ein Gelächter, wie das Brüllen eines wunden Stiers schütterte durch die Halle.
„Narr! sie ist in meiner Gewalt! Gibst du sie nicht, so nehme ich sie!“
Da wand sich die schmeidige Gestalt des braunen Gesellen wie in jähem, wildem Kampfe; einen Augenblick — dann blitzte die Messerklinge in seiner Hand und zischte durch die Luft nach dem Herzen seines Weibes. — Gleicherzeit ein gellender Schrei aus seinem eignen Munde, und die andern Messer in den Köcher auf seiner Hüfte zurückstossend, schnell, lautlos wie ein Schatten war er entschwunden. Schmetternd schlug die Türe hinter ihm zu. Zinkra aber starrte auf die Waffe, welche dicht neben ihr hergesaust und in das Holz des Vogtsessels mit furchtbarer Gewalt eingedrungen war. Ihre Hände krampften sich zitternd zusammen. Leichenblässe deckte ihr Angesicht. Es war das erste Mal, dass Goykos der Zigeuner sein Ziel verfehlt hatte.
Amadeus stürzte sich wie ein Rasender über den zusammenbrechenden Körper des schönen Weibes, und da er sah, dass sie lebte, dass sie wortlos die gerungenen Hände zu ihm hob, gellte ein wüstes Triumphgeschrei von seinen Lippen.
„Nun ist’s dein Tod, du Hund!“ schrie er durch den allgemeinen Lärm: „heda, Lambert — Hanno — Gesellen! machet euch auf, den schwarzen Satan zu fangen! Ihr aber, Mägde, bürgt mir für dies braune Liebchen, dass sie meiner an selber Stelle harre! Erst wollen wir richten — und dann herzen!“
Ein furchtbarer Tumult erhob sich: „Hunde los! Er kann nicht entwischen! — Ihm nach! fasst ihn!“ — wetterte und schrie es durcheinander, und in wüster Hast stürzten die Männer dem Flüchtling nach, ihn in der sicher geschlossenen Burg mit Jubel und Halloh wie ein eingelapptes Wild zu jagen.
„Sie werden ihn bald zurückbringen!“ flüsterte Jorg, den Arm um Irregang legend und zärtlich die Wange des niedergebeugten Weibes streichelnd: „Fürchtet euch nicht! ich springe jetzt davon, sag’s der Mutter und schicke des Vogtes Hausfrau! Dann darf er ihm nichts zu leide tun!“ — und der kleine Junker stürmte atemlos davon, um Schutzgeist seines neuen Freundes zu werden.
Auf dem Hof, durch den Barbacan und den Zwinger tobte der Lärm, und da Zinkra mit stockendem Herzschlag ihm lauschte, ward ihre Schulter berührt. Frau Margaret und Lambert standen neben ihr. —
„Flugs von dannen, armes Weib! Nimm deinen Bub zur Hand und mach, dass du aus der Gewalt der trunkenen Männer kommst! Hast mir den zweiten Eheliebsten verheissen, darum soll der Lambert dich und den Irregang entwischen lassen, denn fangen sie den Goykos, nachdem er sich mit seinen Messern zur Wehr gesetzt, so hat auch euer letzt’ Stündlein geschlagen!“
Zinkra erhob sich mit irrem Blick, nahm ihren Knaben hastig auf den Arm, raffte der Schaffnerin Gewand in stummem Dank an die Lippen empor und eilte an Lamberts Seite durch ein Nebenpförtlein aus der Küchenhalle. —
„Laufen wollen wir, dass uns die Hunde nicht auswittern!“ flüsterte der Schliesser: „Beim Satanas, es sollte mein redlich Herz kränken, wenn sie den flinken Bursch zum Krüppel machten! — Hierher! — Dieses Tor hier ist ein Ausfallpförtlein, das dich auf einen Bergpfad führet! Lauf immer grad aus durch den Wald nach Mittag zu, dann triffst du nach einer kurzen Tagereise auf die Stadt Zwingenberg. Da gibt’s Unterschlupf. — Will’s dem Goykos sagen, wo er euch finden mag! Und da .. hier ist noch ein Dolchmesser, das euch zugehöret, magst’s vielleicht brauchen im Tann, und ein Brocken Brot, den ich just vom Tisch genommen, — der Bub wird hungrig werden.“ — Lambert schloss nach etlichen vergeblichen Schlüsselproben die gewölbte Pforte auf, riss sie gewaltsam in den rostigen Angeln zurück und schob die Zigeunerin über die bemoste Schwelle: „Armes Weib!“ murmelte er. —
Da fasste Irregang plötzlich den Arm des Mannes: „Gib uns Hinde mit auf den Weg!“ — flehte er angstvoll, mit schluchzender Stimme. —
„Wenn es geschehen kann, treibe ich euch Vater und Ross gen Zwingenberg, — aber ich fürchte“ ... und Lambert kraute sich traurig hinter dem Ohr, „die Bracken haben das fremde Pferd bei der Hetzjagd jetzt schon angefallen und gerissen!“ — Da weinte Irregang laut auf und hob seine kleinen Fäuste drohend wider die Burg, Zinkra aber flehte aller Heiligen Segen auf den braven Torwart herab, küsste seine schwielige Hand und stürmte, selber einer verfolgten Hinde gleich, an dem steilen, buschbewachsenen Bergabhang hernieder. —
Das Geheul der Hunde schallte wie ein Echo jenseits der Burg herüber, hinter ihr knarrte der Riegel der Pforte, und vor ihr lag eine mächtig dunkle, fremde, unheimliche Welt.
Ohne Rast, ohne Aufenthalt jagte die Heimatlose den Fels hernieder, den Knaben voll zitternder Leidenschaft an die Brust gedrückt, fiebernd in dem Gedanken, dass sich droben die Burgtore öffnen, dass jene blutgierige Meute ihre Fährte findet und sie zerfleischt wie die arme Hinde.
Der Mond brach durch die Wolken; die Wipfel des Buchwaldes rauschten über den Häuptern der Fliehenden, kalte Nebel fielen auf den blitzenden Gauklertand und feuchteten ihn, just, als ob der Himmel über seine armen, geächteten Kinder weine.
Zinkras Füsse bluteten auf dem scharfen Felsgestein, das kühle Waldmoos aber linderte ihre Qual, und da sie keine Kräfte mehr hatte Irregang zu tragen, so setzte sie den Knaben nieder, redete ihm gut zu und eilte weiter mit ihm in den finstern, gespenstischen Wald hinein. —
Dort hatte das Bild des Dreigestirns am Himmel gestrahlt, dort hinaus musste sie, und so dem Goykos die Flucht gelang, folgte er ihr nach in dieser Richtung; — also war’s ein Zeichen unter dem fahrenden Volk, sich wiederzufinden, wenn ein böser Zufall sie versprengte. —
Währenddessen hatte die wilde Hetzjagd den Hof der Burg Darsberg nach allen Richtungen durchtobt. Die Spürhunde jagten unsicher hin und her, und da der Zigeuner zweimal den Weg zum Burgtor geschritten war, so steckte ihnen diese Fährte hauptsächlich in der Nase und leitete sie stets von neuem auf diesen Weg zurück. Der Mond schien so hell und voll, dass man jeglicher Leuchten entbehren konnte, und Amadeus fasste den langen Speer, welcher an der Treppe des Ritterhauses lehnte, stach unter deren Wölbung und sprach: „Ist ein fürnehmlicher Schlupfwinkel für Gesindel. Heda, Hanno! Schau einmal in die Liewe, ob er sich vielleicht dort hinein verkrochen, und dann an die Mauern! Die Hunde schnüffeln an der offenen Turmtür! — So der Galgenvogel hinauf ist, schreiet ihm zu, dass er seine Messer von sich wirft, wenn er nicht den elendesten Tod sterben wolle, so jemals eine Seele aus dem Leibe gejagt! — Ho! er muss dort hinauf sein! Der Boredank kläfft auf der Treppe und gibt Blutlaut!! Lasset mich voran! wirft der Teufel mit der Klinge, fühlt er mein Eisen zu gleicher Zeit in den Rippen! ra, ra, ra, taho, taho!“ Und mit johlendem Geschrei polterten die trunkenen Mannen die Steinstufen des Mauerturms empor, um die Vorratskammern, wozu die Mauertürme bei Friedenszeiten dienten, bis in den kleinsten Winkel zu durchsuchen. Die Hunde aber drängten vorwärts, auf die Mauer. — Ra, ra, ra, taho! taho! —
Als Goykos aus der Küchenhalle entsprungen war, hatte er sofort die Richtung nach jenem Mauerturm eingeschlagen, dessen Pforte weit geöffnet stand. — Während der Rede des Magisters hatte der gefahrgewohnte Mann hastig seine nackten Füsse in den Wein getaucht, welcher auf dem Estrich verschüttet lag, um den Geruchsinn der Bracken zu täuschen, falls man diese auf seine Fährte hetzen sollte. Und er hatte sich nicht verrechnet. Die Hunde verfolgten seine Spur nach dem Burgtor, fielen die unglückliche Hinde an und liessen dem Flüchtling Zeit, den Turm an der westlichen Mauerseite zu gewinnen. Dort war — wie er bei seinem Rundgang um die Burg ausgekundschaftet hatte — eine Kiefer dicht neben der Steinwand aufgewachsen und von dem nachlässigen Burgherrn in dieser Friedenszeit nicht beachtet worden. Jener Baum bot die einzige Möglichkeit, von der beträchtlich hohen Mauer jenseits hernieder zu gelangen, ohne sich alle Glieder zu zerbrechen.
Der Zigeuner stürmte die Turmtreppe empor, — aufatmend und zuversichtlich, — da sperrt ein Hindernis den Weg. Die Ausgangstür auf die Plattform der Mauer ist geschlossen; Goykos muss in der Dunkelheit mit beiden Händen tasten, ob sie geschlossen oder nur geriegelt ist. Das hält ihn lange auf, er hört bereits den Lärm im Hofe — die Hunde haben ihn gewittert.
Endlich greift er den Riegel, aber er ist verrostet und sitzt fest wie ein Stein; — mit knirschenden Zähnen stemmt er sein Dolchmesser ein — es bricht. — Da schimmert Licht, — seitlich von der Wand her fällt Mondlicht in den finstern Raum. Goykos stürzt darauf zu. — Ein Schalter! Er stösst ihn auf und blickt durch eine schmale Längslucke auf die Mauer; kann er sie im Sprung erreichen, ist er gerettet. Da heult ein Hund bereits auf der Treppe. Besser das Genick als die Knochen auf der Folter gebrochen! —
Mit einem zischenden Fluch auf der Lippe schnellt er sich ab, behend und geschmeidig wie ein Marder, — fasst Fuss und steht auf der Mauer. — Wie ein Schatten fliegt er über die Bleideckung der Plattform hin, schaut durch die Zinnen nach der Kiefer und sieht sie jenseits eines kleinen Erkers, welcher den Gang sperrt, aufragen. Der Erker ist leicht zu überklettern, nur nicht mehr in diesem Augenblick, wo ihm heftige Schläge gegen den störrischen Riegel der Holzpforte verkünden, dass man ihm dicht auf den Fersen ist, und den Zinnengang in jedem Augenblick betreten kann.
Da kreischt das Eisen in den Angeln, die Türe schmettert auf — und Goykos schwingt sich ohne Besinnen über die Brüstung, krallt sich mit den Händen an einem Giessloch fest und schwebt an schwindelnd hoher Mauer hülflos zwischen Himmel und Erde. —
Kundschaften ihn seine Verfolger aus — verlässt ihn die Kraft, so zerschmettert er im Sturz — und solcher Tod ist ihm lieber, denn Folterqual. — Seine Füsse tasten an der Mauer — und sie finden einen Stützpunkt in der Rinne, welche das siedende Wasser oder Öl auf den Feind herabführen soll.
Über ihm werden bereits die Stimmen seiner Verfolger laut.
„Er muss hier sein! Da schaut sein gebrochen Messer! ra, ra, ra! taho! taho!“ —
„Hetz — hetz! hutada! fasst, ihr Hunde fasst! — Der Narr läuft um die Zinnen!“ —
„Er ist über den Erker!“ —
„Sollt er gar hinab sein? Solch Teufelsgesindel kann hexen! Verwandelt sich in ein Käuzlein und fliegt zum Schlot hinaus!“
Des Goykos Herzschlag stockt: unwillkürlich hebt er sein Gesicht und schaut auf, ob nun die Köpfe über die Mauer lugen werden. Ein eisiges Frösteln überkommt ihn, des Torwart Lambert Haupt neigt sich forschend über die Brustwehr — Auge ruht in Auge. — Dann schnellt der droben zurück. „Heda! dort drüben! seht dort drüben läuft der Hallunk nach der Cisterne zu! — Hat uns übertölpelt! Auf! fangt ihn! ehe er neuen Winkel findet!“
„Satan, gottverfluchter!“ wettert der Vogt, „ist er jenseits im Turm wieder herunter! Auf — hetz, hetz!! — an die Cisterne!! Soll sein letzter Gang gewesen sein!“ — Und in wüster Hast dröhnen die Schritte zurück, jagt die Meute die Turmtreppe hinab — „Ra, ra, ta! taho! taho!!“
Der Zigeuner aber hängt keuchend an der Mauer, kalter Schweiss rinnt ihm von der Stirn.
Da neigt sich Lambert abermals über die Brüstung, — „Armer Schelm!“ lacht er gutmütig, „das war Hülf’ in der Not! Hätten dich des Vogts Augen statt der meinen erschaut, so wärest du jetzt der Wölfe Frass! Steig auf! ich werd’ dich mit den Armen greifen, wenn deine Kraft versaget! — Huha! Solch ein Lumpenkerl wie du wieget weniger denn ein Sack voll Wind! Werd’ dich am Wamms fassen, wie einen Dachs im Genicke — so .. hol’ über .. hoppla! und Gott in deine Hände, wie der arme Fratz so miserabel drein schaut!“
Goykos brach — als Lambert ihn über die Brüstung gezogen hatte, zitternd auf die Knie nieder, einen Augenblick rang er gegen seine Schwäche, dann zuckte sein Blick zu dem Schliesser empor. —
„Willst du mich verraten, Mann, oder bist du ein Fremdling in dieser Burg?“ —
„Eine ehrliche Haut bin ich, so nicht von etlichen Kannen Borgeraste trunken wird und harmlose Spassmacher auf die Folter spannt, wie der heillose Henkersknecht, der Magister, dem Angstschrei lieblicher in die Ohren klingt, wie ein Organistrum! Hab dein Weib und den Buben auch schon entwischen lassen, und ihnen geheissen, dass sie die Strasse nach Zwingenberg ziehen sollen! Dort werdest du sie wiederfinden!“ —
Ein tiefer Atemzug hob des Zigeuners Brust.
„Ich will dir’s gedenken, du braver Mann, und will dir’s vergelten, wenn mich die guten Geister aus des Amadeus Krallen lösen!“ —
„Prahl nicht! wäre ein bös Ding, wenn sich eines ritterlichen Herrn Torwart Entgelt geben liesse von Landstreichern und Gauklern. Sieh, mich verdriesset es, wenn man den Brunnenesel mit dem Fuss tritt, oder einen Rüden peitscht, wenn er mutwillig ist, und sollt’ einen fahrenden Mann, der auch ein wehrlos Vieh ist, peinigen lassen?“ — Und Lambert zuckte mit den breiten Schultern und wandte sich verächtlich ab: „Kriech’ in die Vorratskammer zurück, ich werde den Turm drunten schliessen und den Schnäpper bei mir tragen, dann bist du geborgen! Und wenn der Vogt seine Jagd beendet, lass ich dich entwischen. Verstehst du? — Sie haben die Cisterne durchsuchet und wenden sich wieder gegen die Mauer, darum tut Eile not!“ —
Und der Schliesser stampfte die Steintreppe hinab, warf die Turmtüre zu und verschloss sie.
Goykos schaute ihm mit misstrauischem Blicke nach. War er jetzt gefangen, oder aus den Händen seiner Feinde befreit? Auf jeden Fall ist derjenige ein verlassener Mann, der sich auf die Worte eines andern verlässt. —
Und darum dehnte er prüfend die Arme, deren Muskeln zäh und fest waren, und jenes hangen zwischen Leben und Tod schon wieder verwunden hatten, — benutzte den günstigen Augenblick, da seine Verfolger jenseits im Hofe wüteten, und kletterte über den Mauererker auf die andere Seite der Mauer. — Wenige Schritte nur, und seine Retterin, die Kiefer, streckte die Äste durch die Schiessscharten zwischen den Zinnen. „Nun erst bin ich geborgen, braver Torwart!“ murmelte er mit funkelndem Blick, „denn wolltest du jetzt noch zum Verräter an mir werden, möchte dir all deine Klugheit nichts mehr frommen!“
Und mit einem Gefühl grausigen Behagens setzte sich der Geächtete auf die Plattform nieder, die Glieder in kurzer Rast auszuruhen, und wilde Pläne boshafter Rache zu ersinnen, wie er jenen Peinigern diese Stunde wohl am schärfsten könnte vergelten! Feuer legen? Solches würde mehr ein Schaden für den Ritter sein, und dessen Sohn hatte seinen Irregang geherzt wie seinesgleichen, — nein, dem kleinen Junker alles Gute, aber dem Magister — dem musste er einen Denkzettel geben!
Da sah er, wie die Schar seiner Feinde schon bedeutend ermatteter in den Hof zurückkam und sich just wieder mit wilden Schimpfreden, zwischen welche sich aber schon manch scheues Wort über „Hexenmeister“, „Zauberer“ und desgleichen mischte, der Mauer zuwenden wollte. —
Plötzlich aber verstummte der Lärm. Eine hohe, schrille Weiberstimme gellte durch die Nacht, und hell vom Mond beschienen, trat eine knochige Frauengestalt, der Junker Jorg an der Hand, aus dem Pallas und schritt gradeswegs auf den Vogt zu. —
Dieser aber knickte jählings in die Knie, warf seinen Speer bei Seite und ruckte den Hut auf die Mitte des Hauptes, als sei er plötzlich nüchtern worden. Sein strenges Ehgemahl aber erhob ein heftig Räsonieren und verschwor sich hoch und teuer, solch einen gotteslästerlichen Unfug dem Ritter zu vermelden! —
Der Magister aber, welchen sie auch mit drohenden Reden anging, zog sich stille zurück in den Mauerschatten, und da solches der Goykos sah, hob er sich hassfunkelnden Blicks auf die Knie, schlich dann dicht an den Mauerrand und murmelte: „Für jeden Schlag einen Stich — für jeden Hieb einen Biss!“ und er zog eines der Dolchmesser aus dem Gürtel und schleuderte es gegen den Stifter all seines Unheils.
Es war ein Meisterwurf. Mit gellendem Schrei brach der Lateiner zusammen, und da die Darsbergischen zu ihm her eilten und das Messer zwischen seinen Schultern sahen, da schrie einer auf: „Sehet, dort fliegt noch die Fledermaus! Der Gaukler hat sich darein verwandelt und wird uns nun allesamt mit seinen Messern töten!“ —
Ein wilder Schreck erfasste die Umstehenden, sie stoben in zügelloser Hast auseinander, und nur zwei Beherzte fassten den Magister, ihn mit sich fort zu ziehen.
Der kleine Jorg faltete treuherzig die Hände und sprach ein Gebetlein; das war gut gegen bösen Spuk. — Wenn es wahr war, dass auch die Gauklerin und Klein-Irregang als schwarze Vögel durch den Kamin gefahren waren, so würden sie ihm dennoch kein Leids antun, denn er hatte dem fremden Bub seine Armbrust geschenkt, und selber hatte ihm Treue gelobt. —
Goykos aber stand auf der Zinne und er lachte, lachte sein „Jû nârro!“ dass es laut und schauerlich durch die Burg gellte, und dieweil sich die Leute drinnen neben dem sterbenden Magister bekreuzten, schwang sich der Zigeuner in die Äste der Kiefer, glitt hinab und stürmte hinein in Nacht und Finsternis dahin, wo das Bild des Dreigestirns am Himmel winkte, um in Wald und Feld nach seinem Weib, nach seinem Sohn zu suchen! —
V.
Schaurig ist’s! — wie geheimnisvoll es raschelt, wenn der Wind das herbstliche Laub von den Zweigen schüttelt, wenn er seufzend dahinfährt durch die hohen Wipfel mit dem seit Jahrhunderten fest und dicht verschlungenen Geäst. Die Waldrebe webt ihre flatternden Banner von Stamm zu Stamm, Brombeerranken und wilder Wein streben zu ihm empor und flechten sich zum fast undurchdringlichen Teppich, und mannshohe Farren, gefallenes Reisig und bemooste Steine sperren vollends den Weg für gejagtes Wild und gehetzte Menschen!
Da reisst der Dorn tiefe Wunden, Nesseln züngeln stechend um den nackten Fuss, Morast und Waldbach kommen hemmend in den Weg der Flüchtigen.
Schaurig ist’s! Von fern heult es auf im dichten Unterholz, das Raubtier streift von Busch zu Busch, und in den Baumkronen hockt die gespenstische Waldeule, mit greulicher Stimme Antwort lachend, wenn der Triel fernher von der Au herüber klagt. — Über dem schilfigen Altwasser dampft der weisse Schwaden im Mondlicht, das Bruchholz prasselt, — Hufschläge treffen den aufspritzenden Morast, und in wilder Flucht bricht ein Rudel Edelwild aus dem Knirks und zieht quer über die Schneise.
Irregaug hat sich aufschreckend an die Mutter gedrückt: „Lass uns nicht jenen Berg hinan!“ fleht er, „dort ist’s so dunkel und frostig! Hier im Mondlicht haust kein Wolf, und am Bach entlang läuft sich’s besser denn auf dem Waldboden! Mein Fuss schmerzt mich, — hab’ auf ein spitzig Astwerk getreten!“
Zinkra blieb hochatmend stehen, — sie neigte sich hastig und untersuchte die Wunde, wusch sie aus am nahen Wasser und setzte sich auf einen gestürzten Baumstamm nieder, den Knaben auf ihren Schoss zu heben.
„Wir sind weit hinaus gekommen, hier finden uns die Rüden nicht mehr. Wollen Rast halten und verschnaufen, und wenn du müde bist, schlaf.“
„Und der Vater?“
„Er wird entkommen, — die Lebenslinie in seiner Hand ist lang und klar. — Wenn die Sonne wieder scheint, machen wir uns auf nach Zwingenberg und warten vor dem Tor, bis der Vater kommt.“ —
„Aber die Hinde? sie ist tot, die Bracken haben sie gerissen!“
Die Zigeunerin presste den schluchzenden Knaben fester an die Brust; auch über ihre Wangen stürzten die Tränen. „Arme Hinde!“ murmelte sie, „hat den Kopf geschüttelt, da sie zur Burg sollte, aber der Goykos verlachte solche Warnung. — Je nun, so wird der Vater ein ander Rösslein schaffen, wenn die Gelegenheit ihm günstig ist.“
„Mutter“ — Irregang schrak jählings empor und wies nach dem dunklen Tann: „Dort glüht etwas, dort brennt ein Licht im Wald!“
Zinkra schaute auf: — „Hast recht, es ist ein Licht!“
„Wenn es hüpfte oder im Kreise schwebte, würde ich sagen, es seien böse Hexen oder Unholde!“
„Bist du ein dummer Bauer, der an solche Narrheit glaubt? Sieh, das Volk der Sessbaren wandelt in arger Finsternis und glaubt an Spuk und Zauberwerk! — Der Ritter und Bürger brennet die Hexen und Meister der Schwarzkunst, und er zittert, wenn der Sturm im Schlot heult, und er bebt, wenn ein rotäugig Weib den bösen Blick auf ihn geworfen! Wir aber, Irregang, wir lachen solcher Dummheit, denn unser Auge ist hell und schauet auf der Dinge Grund! Jene Sesshaften liegen an Leib und Seel’ in Ketten, aber fahrend Volk ist frei am Leben und am Geist, und nutzet dies aus! Da bekreuzen sich die klugen Herrn und sagen: „Ob des Spuks! schaut jenen Galgen an! des Nachts brennt er wie Feuer!“ — Und der Zigeuner schreit mit ihm: „Ob des Spuks!“ und wendet sich verstohlen und lacht der Dummheit; denn er weiss, dass jener Galgen lediglich leuchtet, weil das Holz faul ist! — Und der hohe Rat und die Magister und Mönche schreien: „Ob des grausigen Wunders! der Herrgott wird eine Pestilenz über das sündige Volk schicken, denn es fallen blutige Kreuze vom Himmel und legen sich auf jedermann!“ — Und der Zigeuner bekreuzt sich auch und schreit noch lauter denn sie: „Ob des grausigen Wunders!“ und wendet sich und lacht über solchen Wahnwitz; denn er nächtigt und lebt unter freiem Himmel und weiss, dass solch blutig Kreuz einzig von einer seltenen Raupenart stammet. Aus der Raupe wird ein hässlicher Schmetterling, und der gibt einen rötlichen Saft von sich, sobald er berührt wird, und solchen Saft deuten sie als Kreuz!“ —
„Wenn wir aber klüger sind, denn jene Leute, warum dürfen sie uns verachten und verfolgen?!“ —
Da hob Zinkra das Antlitz zu dem klaren Nachthimmel, und ihr Auge leuchtete in wundersamem Glanz: „Es hasset die Finsternis das Licht, weil dieses sie tötet, und wenn einer ein helles Auge hat, so reissen es ihm die Blinden aus dem Kopf, und führt einer eine redende Zunge der Wahrheit, so schneiden sie ihm die Stummen aus dem Munde, denn sie wissen: lassen sie sehen und reden — so ist ihre Zeit um. — Aber sie töten nur das Fleisch, der Geist lebt weiter, und er wird lebendig werden in der Kraft, und durch dieses einen Mannes Kraft wird er lebendig in Tausenden. Dann steigt das Licht empor, und alle schwarzen Kutten der Welt werden es nicht mehr verdunkeln und nicht löschen können!“ —
„Jenes Licht, welches dort im Tann brennt, Mutter?“ Das bleiche Weib schrak leicht zusammen, sie stand langsam auf und schaute zum Wald: „Was mag’s sein? Ein Köhler oder eines Buschkleppers Versteck? Wenn er nicht Lust am Mord allein hat, wird er ein flüchtig Weib nicht feindlich angehn, und so es brave Holzbrenner sind, schützen sie uns vielleicht gegen Nacht und Raubzeug. Wohlauf, klein Irregang, lass uns fein behutsam heranschleichen, auf dass wir schauen, ob’s eine Klause oder eine Räuberhöhle ist!“ —
„Wenn man uns aber von neuem verfolgt?“ — schauderte der Kleine.
„Wir kundschaften von fern! Der Wind rauscht im Laub und übertönt unsre Schritte, und die Dunkelheit im Walde birgt uns.“ —
Leise, behutsam sichernd wie ein scheues Wild, schlich die Gauklerin herzu. Hochstämmiger Tannenwald gewährte freien Ausblick, und bald schon unterschied ihr geübter Blick die Umrisse einer niederen Borkenhütte, welche gegen die Felswand eines jäh aufsteigenden Bergkammes gelehnt war. Die Tür war festgeschlossen, aber durch eine lange, schmale Fensterluke leuchtete die Dochtflamme einer offenen Lampe. Nichts regte sich, kein Anzeichen von Leben weder vor, noch in der Hütte. — Näher und näher, ihren Knaben an der Hand führend, wagte sich Zinkra. Ein Mondstreif schimmerte über das Dach der Hütte, welches sich alt und gebrechlich, mit Moos und Laub gedeckt und durch Felssteine beschwert, bis tief hernieder zur Erde neigte. Ein morscher Pfahl, unter dessen spitzem Holzverschlag ehemals wohl ein Heiligenbild gestanden, neigte sich sturmgebrochen gegen die Hauswand, und neben ihm hing noch ein zerrissener Strick vom Dachstuhl hernieder, daran man ehemals wohl eine Betglocke geläutet; jetzt war eine solche nicht mehr zu sehen. —
Die Zigeunerin stand einige Augenblicke in stummem Lauschen — ihr Blick flog wieder und immer wieder prüfend über die Einsiedlerklause, als müsse sich irgend etwas zeigen, was auf die jetzigen Bewohner schliessen liess. — Aber es blieb still und einsam wie zuvor. Da gebot ein Wink dem Irregang, im Schatten zu verweilen, während die Heimatlose vorsichtig gegen die Fensterluke herzu schlich und einen spähenden Einblick tat. —
Da erschaute sie ein gar Seltsames. Inmitten der Hütte stand ein schwerer Holztisch, bedeckt mit gewaltigen Stössen von Folianten und in Leder gebundenen Büchern, mit absonderlichen Instrumenten, einem Stundenglas und einer blaufarbenen Himmelskugel, darauf mit grellen Punkten die Sternbilder gemalt waren. Eine Öllampe aber brannte mit dickem Docht, sich in einem eisernen Kettengehäng schaukelnd, über dem Haupt eines Mannes, welcher in talarartigem Gewand im Armsessel vor dem Tische sass. Eine Fellmütze bedeckte seine wüsten, lang niederwallenden Haare, welche im Licht eine unsichere Farbe, halb grau, halb blond zeigten, und ein pelzausgeschlagener Mantel mit weiten Ärmeln hing um die Schultern der anscheinend sehr grossen und hagern Gestalt.
Er sass tief über ein Pergament geneigt und schrieb. Zeitweise hob er die Hand mit dem verbrauchten Gänsekiel in absonderlichem Gebaren gegen den Tisch, als ob hinter diesem Leute stünden, zu denen er gar eindringlich zu reden habe, — und dann schlug er zornig mit der Faust auf den Tisch, und obwohl keine Menschenseele bei ihm zu erschauen war, brach er in ein dröhnendes Lachen aus und schrie: „Und ich sage euch: Es ist nur ein Gott und eine Göttin! aber es sind viele Gestalten und viele Namen: Sol, Jupiter, Apoll, Christus, Luna, Maria! Aber hütet euch, ein solches auszubreiten! man muss es in Schweigen hüllen wie eleusinische Mysterien! Du mit Jupiters, des besten und grössten Gottes Gnade, verachte stille die kleinen Götter! Wenn ich Jupiter sage, so meine ich Christus und den wahren Gott. Rock und Bart verehren? Fastenspeise? Haha! Die Bettelmönche sind kuttentragende Untiere, und die Knochen gehören auf den Rabenstein! Wo aber hat die Scholastik und die Finsternis noch ihren Sitz? Da schauet auf die Katheder von Köln! Ein Rabe krächzet dort, heisst Tungern! hacket einem Cäsárius — einem Busche, einem Rhagius Aesticampianus nach den hellen Augen! — Wie soll des Humanismus Wurzel Nahrung saugen aus den Gräbern des Magnus und Duns Scotus?! Ich aber sage euch: — schauet gen Morgen, ihr Jünglinge, dort steigt die Sonne!“ —
Und der Sprecher hielt keuchend inne, stöhnte schwer auf und presste die Hände gegen die Brust, als fühle er Schmerz bei dem grimmen Husten, welcher ihn plötzlich erfasste. Vorn übergebeugt sass er und schien grad aus ins Leere zu starren, dann fasste er abermals die Feder und schrieb.
Zinkra vermochte sein Gesicht nicht zu sehen, aber bei der heisern, scharfen Stimme, welche so seltsame Worte in die Nacht hinaus schrie, hatte sie ein heimlicher Schauder erfasst. Wer war jener Mann? ein vom Teufel Besessner, oder ein Aufständiger wie der Wittenberger Mönch, oder ein Gelehrter, der nach dem Stein der Weisen sucht, der Gold macht und sich der schwarzen Magie verschworen hat? Drinnen in der Hütte schlug die magere Faust abermals dröhnend auf die Folianten, riss eine Phiole um und stiess sie klirrend auf die Erde, gleichzeitig aber erhob sich knurrend ein mächtiger Wolfshund unter dem Tisch, tat einen Sprung nach der Fensterluke und heulte wild auf. —
Zinkra wich nicht zurück. Sie hatte ein Brot auf einem Schemel entdeckt, und der Hunger quälte sie; jener Mann war kein Räuber, er wird sie und ihren Knaben herbergen. So hob sie mutig die Hand und klopfte gegen die hölzerne Schalter. —
Der Mann sprang auf. Ein scharfgeschnittenes, hageres, lederfarbenes Angesicht, mit kühn gebogener Nase und machtvollen Augen wandte sich ihr zu. — Und die Hand fasste ein Kruzifix und hob es ihr stumm entgegen
„Ach lieber Herr, erbarmet Euch!“ flehte Zinkra, „fahrend Volk klopft an Euere Türe!“
Da fasste der Einsiedler einen dicken Eisenspeer, hielt den Hund am Halsband und trat zur Tür. — Als er sie aufstiess und wehrhaft herfür trat, stand die Gauklerin und Jung-Irregang vor ihm, und da Zinkra ihn anflehte um Obdach, Speis und Trank, und mit kurzen Worten ihr Elend erzählte, da nickte er, duckte den Hund und sprach: „So du lesen könntest, fremdes Weib, würdest du auf dem Schild über der Tür hier folgendes erkennen: „Bonis concta Pateant!“ — und ferner: „Beata Tranqvillitas! — So du Ruhe suchest, wird die Klause des Homus Eremitus aufgetan sein! Denn gehetztes Wild und gescholtener Mann sind Genossen, und ob gezwungen — oder ungezwungen, wir haben selbander hinausziehen müssen in die Einsamkeit! — Gott segne dich!“ — und der Sprecher, welcher sich Homus Eremitus geheissen, tat eine feierliche Handbewegung, winkte und schritt über die Schwelle zurück. —
Die Gauklerin und ihr Söhnlein folgten sonder Scheu, und ihr Gastgeber schritt zu einer Kiste, welche in der Ecke stand, gegenüber einer hölzernen Bettlade, die mit Decken und Fellen gefüllt war, öffnete sie und entnahm ihr Brot, Käse und Fleisch.
„Setzt euch nieder und esset und trinkt aus dem Wasserkrug, und so ihr gesättigt seid, leget euch aufs Bett und schlaft“ — und dabei schob er den Wolfshund zur Seite und sprach zu ihm: „Wahr’ dich, Konrad Rollin! Glaubst du, diese Leute seien Freigeister wie dein Herr und seine Genossen, dass du sie anfallen willst?“ — und da nach kleiner Weile der Rüde sich abermals knurrend erhob, des fremden Weibes Mahl zu stören, da nannte er ihn lachend: „Mutianus“ und sprach: „Gaukler und Poeten sind eines Stammes! Die Welt sagt von beiden, dass sie Volk und Universitäten verdürben, dass es um ihr Christentum schlecht bestellt sei. So wirst du nicht unseres Gleichen reissen wollen. Fass den Bär im schwarzen Rock und zaus ihn, und so die Krähe sich gefangen, würg’ sie! aber Gaukler und Poeten lass ein bei uns!“ —
Und dann setzte er sich nieder und fuhr fort, sein Pergament zu füllen.
Da Zinkra und Irregang sich gesättigt, harrten sie vergebens, dass ihr wunderlicher Wirt das Wort an sie richten werde, er schien sie völlig vergessen zu haben, und so legten sich die Todmüden bescheidentlich auf eine Felldecke neben dem Bett nieder und fielen gar bald in einen tiefen, behaglich sichern Schlaf. Einmal noch schrak die Zigeunerin empor. Homus Eremitus stand abermals vor dem Tisch und redete laut in fremder Sprache, — seine Faust schlug zornig auf den Tisch, und er fügte deutsch hinzu: „Denn die Theologen heissen uns hoffen, um uns zu betrügen; während wir auf den Himmel warten, den sie uns versprechen, eignen sie sich unsere irdischen Güter zu!“
Zinkra hörte die letzten Worte noch wie einen fernen Nachhall, dann schlossen sich ihre Augen abermals zu tiefem, traumlosem Schlaf. — — — —
Die ersten Strahlen der Morgensonne fielen durch die Fensterluke, als die Zigeunerin sich verwundert die Augen rieb und um sich schaute.
Blitzschnell kam ihr die Erinnerung an Vergangenes. Irregangs Kopf lag noch schlummernd auf ihrem Schoss, sein zerfetztes Narrenkleid redete eine stumme Sprache von den Schrecknissen der verflossenen Nacht und seine Füsse, dicht an den Körper herangezogen, waren bedeckt von blutrünstigen Schwielen und Dornrissen. Dafür werden die Ellernblätter am Bach drunten bald guten Rat schaffen; Zinkra sorgte sich darum nicht, denn zu jener Zeit waren die Augen gewohnt, viel grausigere Wunden zu schauen! —
Am Tisch, in seinem Holzsessel zusammengesunken, sass Homus Eremitus und schlief. Der Gänsekiel war seiner Hand entfallen und lag auf der Erde, die Lampe brannte noch in kleinem Funken über seinem Haupt.
Wie das fahle, hohläugige Angesicht eines Toten zeichnete sich des Schläfers Gesicht von dem schwarzen Tuchrock ab, und die bläulichen Lippen, schmal zusammengepresst, verliehen ihm den Ausdruck von Unglück und Erbitterung. Wer mochte er sein? Es gab in den letzten Jahren so viel absonderliche Heilige, denen spukte, gleichwie den irrfahrenden Kindern der Freiheit, der Geist der Aufklärung hinter der Stirn, die hoben todmutig die Hände, Schranken niederzureissen, welche die Scholastik zwischen Welt und Licht baute. — Scholastik — Freiheit! — Aufklärung und Licht! Das waren die Stichwörter, welche gleich grellen Funken durch manch eine Predigt hindurch blitzten und das Ohr der Menge an ihren Klang gewöhnten. —
Zinkra erhob sich lautlos, bettete ihren Knaben, auf dass er weiter träume, und schaute sich in dem armseligen Raume um.
Dort schob ein baufälliger Rauchfang seine Kappe vor, und unter ihr hing ein Kessel in der Holzgabel über der Feuerstelle. —
Tannäpfel, Reissig und Kienholz lagen zur Seite, auch ein Feuerstein und Zunder, die Gauklerin wollte ihrem Wirt eine dankbare Gastin sein; sie füllte den Wasserkessel, rieb Feuer auf, entzündete das Reissig. Dann sammelte sie die Brotbrocken ihres Mahles, schaute sich um nach Salz und Mehl und begann ein kräftig Brotsüpplein zu brauen. Der Wolfshund erhob sich von den Füssen seines Herrn, umschritt leise knurrend die Fremde und streckte sich, jede ihrer Bewegungen mit wachsamem Auge verfolgend, neben den Herd. —
Das Feuer flackerte lustig auf, in dem Kessel brodelte es, und eine Stimme sprach leise hinter ihr: — „Es ist doch ein Gutes um Weiberhände, und der liebe Herrgott hat es wohlgewusst, warum er dem Mann eine Gefährtin gab!“ — und da Zinkra sich hastig wandte und ihren Morgengruss sprach, da nickte Homus Eremitus freundlich mit dem Haupt, ohne seine Stellung zu ändern und fuhr wie im halblauten Selbstgespräch fort: „Ja, wenn die Gretula noch am Leben wär, dann würde sie jetzt bei mir sein. — Wäre wohl sonder Murren gefolgt, hier im Tann bei mir zu hausen! Aber tot ist tot und kommt nicht wieder; nicht hier, nicht dort. Was im Grabe liegt und fault, das bleibet verfault, denn es ist das Ende. Das Paradies ist schon von dieser Welt, denn es ist des Frommen gut Gewissen, das Fegfeuer aber ist das Bewusstsein eigner Schuld.“ —
Da schöpfte die Zigeunerin ein Häflein voll Suppe und stellte es schweigend vor den Sprecher hin, — der nickte abermals, als sei solches ein ganz selbstverständlich Ding, kostete und schlürfte mit grossem Wohlbehagen. Und da er gegessen und den Holznapf zurück gab, fragte er ohne sonderliche Einleitung: „Glaubst du wohl, dass sie deinen Mann in der Burg gerichtet haben?“ —
Zinkra schüttelte das Haupt: „Der Goykos hat schon gar manches Mal seinen Hals unversehrt aus der Schlinge gezogen. — Meine Stunden sind gezählt, aber seine Lebenslinie ist stark und lang. So er flüchtig geworden, werden wir einander vor der Zwingenberger Stadtheg’ wiederfinden.“
„Zwingenberg? nach Zwingenberg wollt ihr?“ — der Einsiedler schlug den Pelzmantel über die Knie und lachte herb auf: Was suchet ihr in solchem Teufelsnest? Wenn die Ritter in der Burg euch schon verfolgen, was soll erst ein grausam und übermütig Kaufherrngeniste mit euch treiben? Der Rat von Zwingenberg ist ein Unrat, und so lang er herrschet, ist’s ein übel Ding, an seine Tore zu klopfen!“ —
Angstvoll schaute das braune Weib auf: „O lieber Herr, so erzählet mir, was Ihr von der Stadt wisst, und ich werde mein Knäblein weitab führen, auf dass uns kein Unheil treffe!“ —
„So tuest du wohl daran. Sieh’ die Bürger von Zwingenberg haben eine feste Stadt mit Türmen und Zinnen, und haben einen breiten Graben nach dem Rheinstrom gelegt, darauf ihre Schiffe gehen und den Reichtum herzubringen. Das Gold hat der Peter Helzinger fässerweise im Gewölb stehen, und die Kaufleute sitzen im Überfluss und gebaren sich hoffärtiger und übermütiger denn die Ritter und Edelleute, treten auf wie freie Herrn und pochen auf ihre vollen Säckel! Der Peter Helzinger ist ihr Bürgermeister, der regieret wie ein König, hält Halsgericht und zieht Steuern ein und kommandieret und maltraitieret, ohne dass man ihm solch Handwerk legen kann. Denn die drei Ratsherrn, die unter ihm stehn, sind in seiner Hand, weil sie auch Kaufleute und bei ihm verschuldet sind. Die tun es ihm nach im wüsten Treiben, denn der Peter Helzinger ist ein Säufer, Schlemmer und Liederjahn, der nicht Pflicht und Gewissen kennt in seiner Roheit. Ein Vetter aber von ihm ist ein Dominikaner,“ — die Stimme des Sprechers ward furchtbar und seine Augen rollten — „einer jener kölnischen Dunkelmänner, so den Rhagius Ästicampianus vertrieben, und durch ihn haben sich etliche der Ordensbrüder nach Zwingenberg gezogen. Wo die aber hausen, da ist ein schlimm Regiment. Die drei Ratsherrn heissen Michel Raak, auch ein Wüstling, und Tobias Frommstädter, der alles andere ist, als fromm, und zum Schluss der Konrad Pfalz, ein weisser Rabe unter den Aasgeiern. Dieser ist ein braver Mann, der gerechten Weg geht und manches armen Teufels Retter geworden ist, aber er fährt mit drei Schiffen des Helzingers, und so kann er ihm nicht aufbegehren, sondern muss sich unter sein Regiment ducken.“ —
„Und Ihr waret selber in der Stadt und habt all diese Leute kennen gelernt?“
Abermals ein scharfes, bitteres Auflachen. „Nicht allein diese Leute, sondern gar mancherlei Menschen habe ich kennen gelernt! Und weil ich sie ganz und gar kennen lernte, darum ... hab’ ich jenen Hund dort lieb gewonnen! Solch eines armseligen Viehes Treue schätzet man erst dann, wenn man im Verkehr mit der Schöpfung Herrn gestanden.“
Zinkra seufzte schwer auf. „Solches ist ein hartes, aber gerechtes Wort. — Doch sprecht, lieber Herr, wie weit ist es wohl des Weges bis zur Stadt? Mag mein Büblein sie in einer kurzen Tageswanderung erreichen?“
Homus Eremitus hatte das Haupt wieder tief zur Brust sinken lassen und nickte nachdenklich vor sich hin, — ein Sonnenstrahl fiel durch die Luke und schien dem einsamen Mann behaglich wärmend auf die knöchernen Hände, welche regungslos verschlungen im Schosse ruhten. „Wenn man den Weg über den Berg kennt, ist man längstens in einer Stunden am Ziel. Des Meister Sebaldus Baccalaureus Mangold bringet mir an jedem Samstag einen Rucksack heraus, Brot, Fleisch, Käs, Papier und Tinte, der wieget oft ein Beträchtliches, und dennoch ist der Bursch nicht länger denn ein und eine halbe Stunde auf der Wanderung. Die Forsten, die sich von hier bis an die Stadtmauer erstrecken, sind Zwingenbergisch Besitztum, und die Weinberge, die sich bis hinab an den Rheinstrom ziehen, gehören auch in die Stadtmarken. Die Bürger von Zwingenberg sind reiche Leute, und sie sitzen so kecklich und trutzig hinter ihren Wällen, als sei in Nürnberg niemals eine Feldschlange gegossen, als habe nimmer eine „Mette“ zu Braunschweig gestanden! Seit man mit Kugeln nach den Mauern schiesst, ist der Übermut der festen Städte bald gebrochen. Aber sie gebaren sich nicht mehr als Krämer und Handelsmänner, sondern spielen sich als Edelleut auf und treiben ritterlich Gewerke. Da tobet es oft im Tann von ihren Jagden, sie sprengen daher zu Ross, und der grobe Peter Helzinger hat seine Lust am morden, denn eine kunstgerechte Jagd und eine edle Beiz’ kennen sie nicht; sie schlagen und stechen zusammen, was die Bracken wund gebissen!“
„Und der Herr Konrad Pfalz tut ein solches auch?“ — fragte ein erregtes Stimmchen hinter dem Sprecher.
Erstaunt wandte dieser das Haupt und schaute Jung-Irregang mit grossen Augen lauschend auf seinem Lager empor gerichtet. Da ging zum erstenmal ein Lächeln über sein finsteres Gesicht, wie ein Röslein, das über dunkle Wellen gleitet, und er erhob sich, streichelte des Kindes Lockenhaupt und sprach: „So der Pfalz mit zur Jagd reitet, ist’s zum Heil und Segen für manch gehetztes Wild. Siehst du den freundlichen Herrn, du kleiner Hansnarr, so lupfe dein Käpplein mit Ehrfurcht, denn er verdient’s. — Und nun speise deinen Kleinen, fremd Weib, und so du ihn waschen willst, geh’ zum Bach. Ich tue ein Gleiches, und dann will ich zum Tann. So die Menschen ihre Universitäten und Kirchtürme vor einem freien Geiste schliessen, muss man den Steinen und Blumen der Freiheit Worte künden: Seid getrost, die ihr in Finsternis gelegen, es hebet sich bald ein Licht empor, das einer bessern Menschheit Leuchte wird!“ — und Homus Eremitus hob die Hände wie ein Prophet, und der Sonnenschein fiel über sein Haupt und verklärte sein begeistert Angesicht.
VI.
Eine fiebrische Unruhe trieb die Zigeunerin hinaus in die Welt, ihrem schwebenden Unstern entgegen. Wohl hatte der Einsiedler im Borkenhaus mit wehmütigem Lächeln klein Irregangs heitere Liedlein gehört und seine Purzelbäume angeschaut, und er hatte das Bübchen gar auf die Knie gehoben und zu seiner Mutter gesagt: „So du der Ruhe pflegen willst und die wunden Füsse heilen, so bleib mit dem Bürschlein so lange Zeit bei mir zu Gaste, als dir immer behagen mag. Das Brot im Kasten nährt uns drei, und so der Samstag kommt und mit ihm der brave Mangold, so werde ich ihn zu deinem Führer machen, auf dass er dich sicher geleite. Willst du vor den Mauern auf deinen Mann warten, so ist’s wohlgetan, plaget dich aber der Hunger, dass du in die Stadt hinein musst, so soll der Meister Sebaldus seine Hände über dich halten; des will ich ihm in einem Briefe Weisung geben.“
Zinkra aber schüttelte traurig das Haupt und sprach: „Die Wälder sind gross und dicht, und wenn der Goykos unsere Spur verliert, sind wir auf immerdar zersprengt. Unser Weg führte uns nach Zwingenberg und Gernsheim, und wenn er uns auf dieser Strasse sucht, so muss er uns bereit finden, denn wir haben Vorsprung.“ — Und die Heimatlose küsste des freundlichen Wirtes Mantel und dankte ihm und befahl ihn in Gottes Schutz, und da Homus Eremitus ihr noch einen Mundvorrat gegeben und den Weg so genau beschrieben hatte, als er selber ihn anzugeben wusste, schieden sie. — Er reichte der Geächteten mit festem Druck die Hand, und da er seine Rechte auf des Irregang lockig Haupt legte, sprach er leise: „Werde ein Mann, du Büblein, und so du hörest, dass man einen Holzstoss schüret für einen Propheten, der aus der Asche des Johann Huss erstanden, so nimm die Axt zur Hand und klopf’ an die Klause des Homus Eremitus! dann wird ein Wolf herfür treten und wird mit dir kämpfen im grossen Hauf aller derer, die die Freiheit gesäuget!“
Irregang nickte mit ernsthaftem Gesichtchen, und der Einsiedler stand vor seiner Tür und schaute den fahrenden Leuten nach, wie sie im Sonnengold durch den herbstlichen Wald davon schritten. Zinkra wandte sich und grüsste zurück, und da sie des Mannes flammend Adlerauge auf ihrem Knaben ruhen sah, da ging es ihr wie eine Ahnung durch die Seele, dass der Irregang wohl nicht zum letztenmal vor diesem wundersamen Einsiedler gestanden.
— — — Welch eine Wonne war solch Wandern durch die würzige, duft’ge Haide! — warm und wohlig schien die Sonne, tausend Blütenglocken breiteten einen rotleuchtenden Mantel über die ruhende Welt, Summen, — Surren, — Vogelgesang allüberall, von den Buchenkronen am Waldsaume träuft es hernieder wie geschmolzenes Gold, und von Eiche und Esche prunkt’s wie flatternd Purpurbanner. Hier ist die Welt so zaubrisch wie ein lichter Traum, den ein überglücklicher Phantast im Schoss der Minne träumt. — Frieden und paradiesische Schöne, und jene Waldeinsamkeit, welche des fahrenden Volkes sorgenfreie Heimat ist.
Mit trunkenem Blick stand die Zigeunerin und schaute über die lachenden Gefilde des Odenwalds. Sie hatte eines Berges Gipfel erklommen, schirmte mit der Hand die Augen und schaute hinab über das farbenhelle Wipfelmeer, über blumige Wiesen und klüftiges Felsgestein. Und da sie wohl schon an anderthalb Stunden gegangen und nur wenig gerastet hatten, so warf sie sich nieder in das schwellende Gras, zog ihr Knäblein an die Seite, auf dass es sich wohlig dehne zwischen Herbstlosen und buntem Klee, und stützte das Haupt, das ruhelose, vogelfreie voll Entzücken in die Hand. Da schaute sie noch einmal alle Pracht und Herrlichkeit ihrer Welt, der weiten Natur ohne Menschenhass und Menschenelend, so wie sie in sonniger Einsamkeit zum Troste derer geschaffen war, die hinter Wall und Mauer keine bleibende Stätte suchen durften. Und sie schaute lange, lange, wie der Bergmann zur Sonne aufschaut, ehe er auf Tod und Leben zur Finsternis hinabsteigt. — Da .. horch .. was gellt und schmettert im Wald? Hussaruf, Meutengekläff und wüst Geschrei.
Zinkra springt empor, — ein Zittern und Beben fliegt durch ihre Glieder, ein Todesweh, welches ihr wie bange Ahnung eisig durch das Mark schauert. — Sie lauscht, verwirrt und unsicher, — fasst des Knaben Hand und stürzt in wilder Flucht in den Wald zurück. — Hat sie ein Echo getrogen? Der Lärm nähert sich, anstatt sich zu entfernen, und da sie sich in sinnloser Hast seitlich wendet, schmettert plötzlich ein Horn dicht vor ihr, es knattert und rauscht im Wald, flüchtig Wild bricht hervor, verfolgt von tobender Meute. Hinter einen Knirksbusch reisst die Zigeunerin ihr Kind, drückt es nieder und wirft sich schützend über den Knaben. Schon fletschen die Bracken vor ihr die Zähne, weichen aufheulend zurück und verbellen das seltene Wild. Da erscheint eines Rosses Haupt über dem Gebüsch, ein rotes, dick aufgedunsenes Gesicht mit ein paar Augen, daraus Roheit und Brutalität drohen, wird hinter ihm sichtbar. — Zinkra streckt ihm die gefaltenen Hände voll flehender Todesangst entgegen. Ein böses Lachen verzerrt die wulstigen Lippen, — eine schnelle Bewegung, und der Jagdspiess zischt durch die Luft, der Gauklerin Brust zu durchbohren. Ohne einen Laut, wie eine Blume unter scharfem Sensenschnitt, bricht das braune Weib zusammen. Ihre Hände zucken nach der Brust, dann krampfen sie sich, ein Röcheln und Zittern ... und die Sonne strahlt am Himmel und ein Vöglein jubelt hoch über der Sterbenden in blauer Luft.
Da knattert es von allen Seiten an Rosses Hufen herzu, und der Mörder des schutzlosen Weibes stösst gellend ins Horn und schreit mit lachender Stimme: „Heho, Michel Raak, diesmal hab ich den Königspreis erjaget! Habt Ihr jemals solch ein Wild zur Strecke gebracht? Da schaut die Landstreicherin, die ehrlose, wie sie an des Helzingers sichre Hand glauben musste!“
Michel Raaks Lachen dröhnt im tiefsten Bass und findet ein Echo bei den Weidgesellen, welche sich von den Pferden schwingen, die seltene Beute näher zu schauen, schon aber ist ihnen ein anderer zuvorgekommen. Sein Apfelschimmel schnauft im Zügel, und die hohe, würdige Männergestalt mit dem schwarzen Knebelbart und dem langgelockten Haar neigt sich hastig über die Zigeunerin, voll Zorn und Entrüstung zu schauen, ob er die Untat durch schnelle Hülfe ungeschehen machen kann. Umsonst, vor ihm liegt eine Tote, und da er sie emporrichten will, erhebt sich ein gellend Wehgeschrei, — des Weibes Knäblein, welches mit angstverzerrtem Gesicht aus den roten Rockfalten der Mutter hervorschaut. „Haha! heben wir auch noch das Nest mit der Brut aus?“ — schreit Peter Helzinger, „mach dich zur Seite, Gevatter, auf dass ich mit diesem Gewürm auch ein Ende mach, — sonst schnappt mir der Michel noch die Beute weg!“
Jammernd klammert sich der Irregang an den Mann mit dem Knebelbart, und dieser hebt jählings den Knaben auf den Arm, tritt mit blitzendem Auge vor den Bürgermeister von Zwingenberg und ruft mit einer Stimme, halb erstickt in Zorn und Abscheu: „Wenn Ihr dieses wehrlose Kind würget, so treffet meine Brust mit! — Pfui der Pest über Männer, die Menschenfleisch auf die Strecke liefern!“
„Hoho! Zigeuner sind keine Menschen, sind schlimmer wie das liebe Vieh, denn man heisset sie ehrlose Zauberer und Hexenmeister und hat sie für vogelfrei erklärt!“
„So ein Schandbub sie mordet, ist’s eine Greueltat, die der Herrgott anschreiben wird, wenn es kein weltlich Gericht dafür gibt! Ihr aber, Peter Helzinger, seid ein Christ und hättet nicht Menschenblut vergiessen sollen!“
„Haha! der Tugendspiegel hält wieder einen gar ergötzlichen Sermon!“ spottete Raak, „bist ein guter Kerl, Freundchen, aber kein Weidmann. Wer einen solchen Schinder und Gaukler antrifft, den jucket es in den Fingern, solch stinkend Lebenslichtlein auszublasen!“
„Ist die schwarze Hex’ abgefahren zur Höllen?“
„Maustot, Peter Helzinger!“
„So mag sie der Füchse Frass sein, wenn sie nicht zwischen Has und Rehlein aufgelegt werden soll.“
„Und der Bub, der braune Landstreicher? He, Gevatter, willst ihn an Sohnesstatt nehmen und ihn ehrbar machen, auf dass solches Gesindel fein sorglich grossgezogen und aufgespart werde?“
Abermals ein allgemeines Gelächter; der Angeredete aber setzte das zitternde Kind zur Erde, fasste seine Hand und hob stolz das Haupt: „Da du es fragst, Peter, magst du’s wissen. Da man dem Kind die Mutter gemordet, wäre es ein teuflisch Beginnen, es auszustossen oder es der Alten nachzuschicken. Da schaut sein fröhlich Schellenhemdchen, es ist gewiss ein artig Spassmacherlein und weiss die Leute zu ergötzen. Meine Walpurg daheim aber ist ein gar verwöhnt Prinzesslein, hat erzählen hören vom Hofnarr, den man der Königin Isold gehalten, und wünscht sich solchen Lustigmacher. Der Kleine hier ist mein Eigentum, ich schenk ihn drum dem Töchterlein zum Hausgesind.“
„Hollah! Solches ist ein närrisch Beginnen! Aber du hast recht! Wohlauf denn, lass das Kasparlein zeigen, ob es artige Schelmstücke kann!“ und hart gegen Irregang vortretend, schrie er ihn mit gewaltiger Stimme an: „So geh’ herfür und mach dein Späss, und falls du ein tauglicher Possenreisser bist, magst du leben, sonsten aber schlagen wir dich tot!“
Da rang es sich wie ein Jammerschrei der Verzweiflung von des Kindes Lippen: „Jû nârro! jû nârro!“ Die bebenden Glieder überpurzelten sich in eingelernter Weise, und wie die Weidgesellen und Ratsherrn über die drolligen Kunststücke lachten, hob sich der Irregang wieder auf die Füsse, tanzte einher neben dem blutenden Leichnam der Mutter und sang mit tränenerstickter Stimme und zitternden Lippen seine lustigen Narrenlieder. Diese waren im derben Geschmack der Zeit, und darum fand Peter Helzinger ein grosses Wohlgefallen daran und rief im dröhnenden Bass: „Beim Satanas! So du diesen kleinen Hallunk nicht bereits für dich zu eigen genommen hättest, Gevatter, würd ich ihn jetzt selber mit mir führen, den Hanswurst in meinem Haus zu halten!“
Da schoss unbemerkt unter des Knaben gesenkten Wimpern ein Blick zu dem Mörder der Mutter empor, der barg eine furchtbare Prophezeiung; der gütige Mann aber mit dem Knebelbart nahm Irregang abermals auf den Arm empor und fragte ihn: „Willst du mit mir gehn, Büblein, und meiner kleinen Tochter dienstwilliger Hofnarr sein, so soll’s dir gut gehn in meinem Hause und sollst sesshaft sein und eine Heimstätt’ haben!“ Ein halberstickter Laut rang sich von des Kleinen Lippen, er schlang jählings die Arme um den Hals des Ratsherrn und rief: „Ja, Herr Konrad Pfalz, mit Euch will ich gehn, und Euch will ich gehorchen! Denn Euch hat mein Mütterlein gesegnet, bevor sie Euch geschaut!“ —
Ein grosses Staunen erhob sich unter den Umstehenden, und Herr Konrad schaute überrascht in des Knaben dunkeläugig Angesicht und fragte: „Woher weisst du meinen Namen, da du mich doch zum ersten Male erblicktest!“
Da sprach Irregang in der geheimnisvollen Weise, welche er von Zinkra und Goykos gewohnt war, wenn sie eine Wissenschaft verwerten wollten: „Siehe, Herr, dein Name ist lebendig, und die Blätter im Wald sind Zungen, die ihn sprechen! Du bist gut und brav, und darum nennet dich alle Kreatur und die Sonne leuchtet auf deinem Haupte heller, denn auf andern!“
Des Peter Helzinger gedunsen Angesicht entfärbte sich im abergläubischen Grauen, und alle andern drängten näher und starrten auf das Wunder solch eines übernatürlichen Kindes.
„Hast du den hellen Blick, dass du Sterne, Vögel und Blumen verstehen und deuten magst?“ fragte der Bürgermeister, näher tretend und in feiger Betretenheit den Hals in die Schultern drückend. Der braune Bub nickte mit stolzem Gesicht, und Michel Raak drängte herzu und rief:
„Ich bin der Bürgermeister von Zwingenberg, sag’ mir die Zukunft!“
„Du lügst, Herr Michel Raak, ein so hoher Herr bist du nicht und wirst es nimmer sein, denn der Bürgermeister herrscht gleich wie ein König und hat einen Vetter, der ist kahl geschoren und obwohl kein Ratsherr, so dennoch mächtiger wie du!“
Da bog Peter Helzinger den Rücken in schallendem Gelächter und fühlte sich geschmeichelt und sprach: „Ei, so nenne uns doch den Höchsten allhier!“
„Selbiger bist du!“
„Heisa! hast’s getroffen! und hier ... schau meine Hand ... was wird mein Schicksal sein?“
Da brach abermals ein Blitz aus des Knaben Auge, und er sah seinem Vater ähnlicher denn je und sprach durch die Zähne: „Glück über dich, Peter Helzinger, wirst alles haben, was du begehrst. Die Bürger und Ritter werden dir nichts anhaben können, aber dein Fuss hat auf ein Gewürm getreten, das ist dein Todfeind geworden. Aus dem Wurm macht die Zeit eine Schlange, die spricht: „Für jeden Schlag einen Hieb, für jeden Tritt einen Biss!“ — — und so die Zeit gekommen, sticht sie dich. — Aber des fürchte dich noch nicht, denn du bist gross und machtvoll und geniessest ein langes Leben.“
Die stieren Augen des Bürgermeisters richteten sich in ängstlicher Frage auf einen Mann im schwarzen Wamms, der hinter ihm stand: „So du ein gelahrter Doktor bist, Tobias, so deute mir die Schlang!“
Frommstädter zog die Augenbrauen hoch und krähte lachend auf: „Die Schlang heisset auf zwei Namen „Wein und Weib!“ — solche ziehest du an deinem Herzen gross, und wirst unmässig sein, dass der Wurm zur Schlang wird und dich sticht! Wirst dich totsaufen, Gevatter, und deine Herzliebsten werden dich im Schellenkleid zu Grabe tragen und singen:
„Und die Glöcklein klingen
In regis curia!“ —
Ein grosses Gelächter erhob sich, in welches der Helzinger am unbändigsten einstimmte.
Herr Konrad Pfalz aber hatte sich wieder zu Ross gesetzt, hatte den Knaben vor sich genommen und war seitlich zum Heimweg in den Wald eingeritten. Da las keiner die wahre Deutung der Schlange, welche in des Kindes Angesicht mit krassen Linien geschrieben stand.
Nie zuvor im Leben hatte klein Irregang eines Bürgers Stüblein, geschweige eines Ratsherrn Haus betreten. Fahrend Volk liess kein Christenmensch gern über seine Schwelle, und man hielt darum die Gaukler auf dem Hof, auf Plätzen und Strassen, um ihre Kunststücke anzuschauen. Da war es für den Sohn des Zigeuners, als träte er in ein Wunderland, in eine fremde, nie geahnte Welt, als er zum erstenmal die geschnitzte Decke eines solchen Prunkzimmers zu seinen Häupten sah, welche zu jener Zeit den Reichtum und den Glanz eines Kaufherrnhauses überwölbte. Da gleisste es von Gold- und Silbergerät auf den breiten Wandborden, da lagen köstliche, bilderreiche Gewebe auf den Dielen, und jed’ Möbel trug ein geschnitzt Bildwerk an sich, und die Kissen, welche die Sitze deckten, waren bezogen mit Pfeller, Triblât, Baldekîn, durch Goldbleche und blitzende Nadelköpfe herrlich verziert. Bilder von Frauen und Männern so deutlich, dass man vermeinte, sie lebend zu schauen, hingen an den Wänden, auch Kreuze mit dem Herrn darunter, und in den Ecken prunkten Laden, mit Edelstein und Elfenbein verziert.
Regungslos stand der Sohn des fahrenden Mannes und starrte auf solche Pracht, Herr Konrad Pfalz aber schritt davon, sein Töchterlein zu holen.
Währenddes kam ein kleines, dürres Frauenbild durch die Tür, stemmte die Arme in die Seite und begann ein furchtbar Wettern, dass Herr Konrad in seiner törichten Güte gar das Ungeziefer auf der Gasse auflese, es heim in sein ehrlich Haus zu bringen! — Irregang aber war so geblendet von all der Pracht, dass er solche Worte nicht vernahm, sondern mit übervollem Herzen andächtig die Hände vor der geputzten Frau faltete und sprach: „So dies das Himmelreich ist, in welches ich gekommen, so bist du wohl einer von den lieben Engeln, die darin wohnen, und darum will dich fein bitten, du schöne Jungfrau, dass du mich in deine Huld nehmen mögest!“
Verblüfft schaute die Wirtschafterin Marlies auf das Kind nieder, und da just das andere Gesinde, darunter auch der Schreiber Jonathus, neugierig in das Zimmer einschauten, hob sie geschmeichelt das scharfknochige Haupt und fragte mit lauter Stimme: „Für einen Cherubim nimmst du mich, du gescheites Büblein? Hast du denn nicht schon viel schönere Frauenbilder im Leben geschaut?“ Treuherzig schüttelte Irregang den Lockenkopf.
„So schön wie du war wohl noch keine, denn eine solche güldene Haube erblickte ich noch nie zuvor!“
Der Marlies giftige Miene ward zuckersüss, und sie klopfte seine Wange und nickte: „So es Herr Konrad befiehlt, magst du bei uns bleiben, und sollst’s gut haben, denn sieh, ich bin nicht nur von aussen gleich einem guten Engel anzuschauen, sondern bin auch von Herzen eine gar sänftigliche Jungfrau!“ — Sprach’s und blickte den kleinen Schreiber herausfordernd an.
Ein Küchenbub aber zog hinter ihrem Rücken eine arge Grimasse und wies auf seine Wange, darauf fünf Fingernägel ihre Schrift geschrieben. — Gleicherzeit tat sich die Tür auf; Herr Konrad Pfalz, der reiche Ratsherr, führte sein Töchterlein an der Hand, und da Irregang sie schaute, glaubte er, des Kaisers Mägdlein höchstselber schreite über die Schwelle.
Die Walpurg war wohl an drei Jahre älter als der braune Bub, aber sie war nicht gekleidet wie andre Dirnlein ihres Alters, sondern trug ein Gewand von köstlichem Seidenstoff, das fiel bis auf die spitzen Schuhe, und einen gekrausten Kragen und steinbesetztes Gürtelband. Ein Häublein von Goldstoff, noch viel, viel schöner wie jenes der Marlies, lag auf dem schlanken Köpfchen und unter ihm hervor fiel das Haar, so lockig und licht wie geschmolzen rot Gold, schier unbegreiflich anzuschauen. Ihr Gesichtlein aber blickte streng und prüfend auf den kleinen Schalksnarr, und es dauerte wohl eine geraume Weile, bis die grossen, stahlgrauen Augen ihre kühle Musterung beendet.
„Lass ihn zeigen, was er kann!“ — entschied sie endlich mit herbem Ton, und just, als habe eine Königin ihm geboten, wartete Irregang gar nicht erst den Wink des Pfalz ab, sondern begann mit glühenden Wänglein alles aufzuführen, was er konnte. Ein Liedlein wusste er, das war ein Lob für die schönen Frauen und Mädchen und endete damit, dass er selbe bat, ihn freundlich zu herzen; das sang er. Und wie er’s gewohnt war, reichte er zum Schluss der Walpurg die Lippen dar, dass sie ihn küssen möge. Da brach ein stolzer Zornesblitz aus ihren Grauaugen, und sie hob das Köpfchen und sprach: „Ein solches ist Frechheit und Unding! hebe dich hinweg, und vergiss es künftighin nicht wieder, dass ich die Herrin und du der Narr bist!“
Irregang aber neigte tief beschämt das Kinn zur Brust, und es war ihm, als müsse er weinen, — nicht um der Schmach willen, denn an solche war er gewöhnt, wohl aber, weil es ihm im Herzlein drängte, der wunderholden kleinen Ratstochter etwas Liebes zu tun.
Walpurg hatte sich in ihrer frostigen Weise zu dem Vater gewandt und gebieterischen Tons gesprochen: „Der Narr gefällt mir, er soll bleiben; aber sein Schellenhemd sind Lumpen. Befiehl dem Meister Siltler, dass er ihm ein richtig, buntgeschlitzet Zwerggewand und ein eng Höslein macht, davon ein Bein gelb und eins rot sei. So gehört sich’s. Und dann ist der Irregang mein Eigentum. — Höret ihr alle vom Hausgesind, der Kaspar ist wohlgelitten hier und keiner von euch erdreiste sich, ihm unwirsch zu begegnen. Verdient er Straf’, so schlag’ ich ihn mit eigner Hand und peitsch’ ihn, — keiner sonst!“ — Und des Konrad Pfalz eigenwillig Töchterlein wandte sich kurz ab und schritt durch den geteilten Türteppich ihres Weges davon.
Irregang aber schaute ihr ehrfurchtsvoll nach und dachte zufriedenen Herzens: „Mag die kleine Herrin mich züchtigen! solch ein Schlag wird nicht hart sein und soll durch keinen Biss vergolten werden!“ — Vor dem Ratsherrn beugte er das Knie und zog seine Hand inbrünstig an die Lippen: „Ich danke Euch, dass Ihr mich sesshaft gemacht habt und mir ein Dach zu Häupten gabt,“ sprach er voll altkluger Art: „ich will zeitlebens ein lustiger Narr sein und es Euch vergelten, was Ihr mir Gutes tut.“
Der Konrad nickte ihm freundlich zu: „Holet den Schneider, dass er meines Töchterleins Hofnarr kleide, und führet den Bub hinauf in eine Kammer, darin er künftighin hause.“
So geschah’s, — und der Irregang war über seiner Mutter Leichnam ins Glück gegangen und war sesshaft geworden im Kaufherrnhaus.
„Jû nârro!“ war der Schmerzensschrei seines Lebens gewesen, heute hatte er ihn vor der Walpurga zum erstenmal aus frohem Herzen gejauchzt! — — — —
Die Nacht war bereits tief hernieder gesunken, als der Sohn des Zigeuners sich noch immer ruhelos auf seinem so ungewohnt weichen Lager umherwarf. — Bitteres, leidenschaftliches Heimweh nach dem toten Mütterlein quälte seine Seele, und erst jetzt, da er sein Schellenhemdlein von sich gestreift, durfte er Schmerz und Klagen freien Lauf lassen. Er war ein Kind seiner Zeit. Er fühlte wild und unbändig, er weinte sich schier die Augen aus dem Kopf. Trockneten aber die Tränen, so war auch, schnell wie sie, das Leid vergessen. Dunkel und windstill war die Nacht; im Haus des Ratsherrn lag alles in tiefem Schlaf. Da ... horch ... was war das? — Eine Vogelstimme schreit durch die Nacht. Irregang zuckt jählings empor. Der Vater! — Und der Ruf wiederholt sich, klingt dicht unter dem Fenster. Ja, es ist der Vater. Er hat ihn ausgewittert, er ruft ihn zur Flucht. — Ein Zittern geht durch des Knaben Glieder. Sein Liebstes, die Mutter und Hinde sind tot; soll er abermals hinaus in jenes entsetzliche Leben voll Schmach, Gefahr und Elend? Nein! um alle Heiligen, nein! ... Horch ... wie er ruft und lockt! — Irregang krampft sich fest an die Bettlade und presst das Angesicht in die Kissen. Die Türen stehen unverschlossen, er kann fliehen, wenn er will, — aber er will nicht. Draussen in der Welt ist’s eine blutige Hetzjagd zwischen Folter und Rad, hier ist tiefer Frieden, lange, lange Ruhe. Und Irregangs ganze Sehnsucht ist Ruhe. Hier ist nur eine Hand, die ihn schlagen wird, und diese Hand ist weich. — Er drückt die Finger auf die Ohren und verharrt regungslos. Die Vogelstimme entfernt sich; Goykos umkreist das Haus. Da springt der Sohn des fahrenden Mannes empor und verkriecht sich in den fernsten, dunkelsten Winkel. Des Zigeuners Ruf schweigt allmählich und verhallt, und Irregang schlüpft zurück auf sein Lager und atmet tief und beruhigt auf. — Stille bleibt’s; totenstill. — Da schläft er endlich ein, erschöpft und sterbensmüde. Er hört auch nicht, wie die Sturmglocke gellt, wie plötzlich der Ruf: „Feuerjo! Bürger heraus!“ ertönt. Das Dach des Peter Helzinger brennt. Aber ein furchtbarer Regen stürzt hernieder und löscht, ehe die Flammen um sich greifen.
Auf dem Berg steht Goykos und ballt die Hand gegen Zwingenberg! „Rache! früh oder spät!“ keucht er, und er schaufelt mit den Händen ein Grab für sein Weib.
VII.
Burg Darsberg war im Jahre 1310 von den Herren von Jossa erbaut, aber bereits um 1346 an die Schenken von Erbach übergegangen, in deren Besitz sie lange Zeiten verblieb. Die Herren von Jossa aber erstrebten ihr ehemaliges Besitztum zurück, gaben all ihr Hab und Gut dahin, das einsame Felsennest wieder zu gewinnen, und hatten infolgedessen nicht die ausreichenden Mittel, die Burg in dem früheren Wohlstand zu erhalten. Die Ritter verarmten mehr und mehr, und die Burg Darsberg beherbergte schliesslich einen Edelmann, welcher ausser Wald, Wiesen und etlichen Hufen Ackerlandes keine goldenen Schätze mehr sein eigen nannte. Leberecht von Jossa war ein finsterer, verschlossener Mann, welcher sich, zerfallen mit Gott und der Welt, nach viel bösen Erfahrungen auf sein einsam Bergschloss zurückgezogen hatte, wie ein grillenhafter unwirscher und menschenfeindlicher Einsiedler daselbst zu leben. Jegliche Neuerung war ihm verhasst, und da weder Krämer noch landfahrende Gäste oder Scholaren Einlass in der Burg fanden, so zog die Zeit spurlos an den grauen Mauern vorüber, alles hinter diesen belassend, wie es zu der Ahnherrn Tagen einfach, anspruchslos und unbekannt gewesen. —
Die Sanduhr streute ihre Körnlein rastlos und gewissenhaft, und solange noch die kränkliche Burgfrau, welche an den Folgen eines schweren Sturzes langsam ihrem Ende entgegen siechte, die milde Hand über des Gatten Faust legte, war das Regiment auf Darsberg ein nicht gar zu rauhes gewesen; da man sie aber eines Morgens kühl und bleich, wie das steingehauene Engelsbild in der Kapelle, auf ihrem Schmerzenslager gefunden hatte, da waren gleicherzeit mit ihren gebrochenen Augen auch die freundlichen Sterne des Ritterschlosses untergegangen. —
Herr Leberecht ward noch unzugänglicher denn zuvor, schloss die Tore gegen jedermann und waltete als strenger, schroffer Gebieter in seiner kleinen freudelosen Welt. Von aller Gelehrtheit und Wissenschaft hatte er eine gar üble Meinung, üppig Leben war ihm ein Greuel, und die Kampfrufe, welche auf dem Gebiet der Kirche laut wurden und die Gemüter der Menschheit zu nie gekannter Leidenschaft erhitzten, drangen entweder gar nicht bis in diese Weltvergessenheit heraus, oder nur in solch schwachem Echo, dass sie bei dem Edeln von Jossa auf taube Ohren stiessen. —
Was kümmerte ihn der Streit der Parteien?
Er war als braver Katholik erzogen, er ging gleichgültig den Weg weiter, welchen er bislang gewandelt war, ohne viel danach zu fragen, wie andere ihre Schritte lenkten. — Wozu auch? — Ob so, oder so, am Ende deckt einen jeden die kühle Erde, und er schläft gleich still und fest im engen Kämmerlein, ob er ein Heiligenbild, nur ein schlicht Kreuzlein, oder einen Stein zu Grabeshäupten stehen hat. — Darüber zerbrach sich der alte Reitersmann nicht den Kopf, fand es auch überflüssig, dass sein Söhnlein mehr lerne, denn just schreiben und lesen, was seiner Meinung nach bereits ein erkleckliches Wissen war, denn er verstand beides nicht. Aber er hatte es manchmal doch vermisst, und der Jorg sollte selber ein Pergament und eine Urkunde lesen können, damit ihn Fremde nicht betrügen, wie einst den Vater.
Aber damit war es auch genug des Guten. Der bejahrte Kaplan verblieb als einziger Vertreter der studierten Leute auf Darsberg zurück, und der Ritter nickte Beifall, als sein halbwüchsiger Sohn ungeduldig Papier und Feder in die Ecke warf, und lieber ein tüchtiger Haudegen, als ein Scribente sein wollte. — Leberecht von Jossa kannte nur ein Vergnügen und eine Beschäftigung, die Jagd, und sein Stammhalter hatte keine Gelegenheit, an etwas anderem Geschmack zu finden. Seit frühester Jugend auf war er angehalten, in allen ritterlichen Tugenden ein Meister zu werden. Jagen, reiten, lanzenwerfen, fechten und armbrustschiessen war sein Tagewerk gewesen, und darum wuchs Jorg empor wie ein kraftvoll schlanker, jugendfrischer Eschenstamm, eben so zäh und schmiegsam wie schmuck zu schauen.
Die Mauern der Burg und die Grenze seiner Waldungen war sein engbemessen, tief abgeschieden kleines Reich, denn sein Vater hielt ihn voll finsteren Hasses den Menschen fern, die er hatte verachten lernen. Die Welt lag fern, fern da draussen, und alles, was der junge Edelmann von ihrem Leid und Glück, Hassen und Lieben wusste, das hatte er aus den sagenhaften Heldengeschichten des Gawein, Artus, Alexander und Tristan, des Parzival und Lancelot erlauscht. Ein heisser Drang nach Wanderzug und Aventiure, nach einem heldenhaft kühnen Ritt durchs Land erfüllte seine Seele, und er empfand es als herbe Sklaverei, dass Leberecht Jossa ihn mit strenger Hand daheim hielt, dass er nie und nimmer erfahren sollte, wie es auf der bunten Heerstrasse der Welt ausschaut.
Da begab es sich eines Tages, dass es an das Burgtor klopfte und der einzige Sohn des Wildmeisters Hanno, des jüngst verstorbenen, zur Heimat kehrte. Der Ritter liess ihn vor sich treten, musterte ihn mit finsterm Blick und sprach: „So du des toten Vaters Pöstlein wacker ausfüllen willst, magst du bei mir bleiben; ist mir lieber, bekannten Mannes Kind, denn fremde Rumtreiber bei mir aufzunehmen.“ — Der Synold Wackerstein blieb, und dies war für den Junker Jorg eine bedeutungsschwere Neuerung. Da er den flotten Weidgesell mit dem wetterbraunen verschmitzten Gesicht, den schalkhaften Augen und dem nimmer müden Mundwerk zuerst erblickte, wie er den schwarzen Schnurrbart mit Pech zusammengedreht hatte, dass er wie zwei lange Stacheln rechts und links zur Seite stand, wie er den Hut so keck auf dem Ohre trug und die Hände in die weiten Hosen steckte, da erschien er ihm wie ein fremdes höheres Wesen. Und da er gewahrte, was für ein gereister und landerfahrener Mann der Synold war, wie er nicht müde wurde, die ergötzlichsten Schwänke zu erzählen, und bei den Jagdritten dem Junker die launigste Kurzweil schaffte, da schloss er ihn voll warmer Freundschaft in das Herz, und es gab hinfort keinen besseren Freund für ihn, als der Weidgeselle Synold, sein Bediensteter mit dem übermütigen Gebaren und der nie getrübten Laune. —
Aber des Burschen Erzählungen fachten einen Funken zur Flamme, und da es dem Wackerstein, der an ein abenteuerlich Wanderleben gewöhnt war, gar einsam und langweilig in der Burg ward, so schürte er mit Vorbedacht des jungen Ritters Ungestüm, ihn zu bewegen, eine lustige Fahrt in die Welt zu tun!
Das Schicksal kam den Plänen in günstigster Weise entgegen.
Herr Leberecht hatte seiner siebenzig Jahre nicht gedenken wollen, war bei Frühlingssturm und Regen zum Tann geritten und hatte in durchnässtem Wamse viele Stunden lang ein Wild verfolgt. Da er heimkam, war er ein kranker Mann. Der Kaplan, der sich ein wenig auf Arzneikunde verstand, versuchte nach bestem Willen das Übel zu bekämpfen, aber der brave Torwart Lambert schüttelte den Kopf und sprach: „Es ist ein Lungenfieber, dawider ist kein Kraut gewachsen. Kenne es, hat meine Mutter selig auch aufs Bahrtuch gebracht!“
Er hatte recht gesagt. Nach kaum fünf Tagen klang das Glöcklein über der Kapelle und kündete es den rauschenden Wipfeln im Walde drunten, dass der Edle von Jossa heimgegangen sei als ein braver Christ. Und sein Sohn vergoss aufrichtige Tränen des Schmerzes und küsste zum letztenmal die erkaltete Hand, welche schwer aber dennoch voller Liebe auf ihm gelegen.
Die dunkle Pforte der Gruft tat sich auf, und Herr Leberecht ging ein in das Kämmerlein darin sein Weib schon ruhte. Die Hammerschläge klangen dumpf herauf auf den Hof, wo die Dienstbaren in feierlichem Schweigen verharrten, der Weihrauch duftete, der Gesang verhallte, und die Riegel legten sich wieder vor das morsche Holz der Türe.
Ein frischer Windzug aber blies durch Hof und Hallen, als wollte er sagen: Das Alte ist gesunken, und eine neue Zeit bricht an! — und die Linden im Hof hatten über Nacht die Knospen gesprengt, als schauten sie mit hoffnungsvollen Augen hernieder auf den jungen Rittersmann, welcher ein ebenso frisch aufblühend Reis auf altem Stamme war, als ihre maiengrünen Zweige.
Ja, Junker Jorg war ein frisches Reis! — Hoch und schlank und doch eine kraftvoll markige Gestalt, trug er sein Haupt auf eisenfesten Schultern, mit etwas täppisch ungeschickten, aber sichern Schritten in das Leben tretend. Sein ganzes Wesen war Kraft und strotzende Jugendfrische, derb und ungeschliffen, wie das eines Jünglings, welcher unter Männerhänden in tiefster Einsamkeit emporgewachsen. Treuherzig, grundehrlich und voll heitern Mutes lachten seine Blauaugen im frischgeröteten Angesicht, und die blonden Haare lockten sich hernieder auf die Schultern, just so, wie sie der liebe Herrgott hatte wachsen lassen. —
Die Fahrstrasse lag weit ab von Burg Darsberg! Es war kein giftiges Stäublein herüber geweht worden in die Jagdgründe und den Pallas des jungen Ritters und obwohl Jorg bereits in seinem vierundzwanzigsten Lebensjahre stand, war er dennoch ein Kind an Herz und Seele geblieben, ein braves, unverdorbenes Gemüt, welches glaubt und vertraut, welches in beinah weichherziger Gutmütigkeit nur Liebe und Freundschaft gibt und wieder verlangt. —
Auch Synold, obwohl er die Welt auf zerrissenen Schuhsohlen gemessen und als leichter Vogel hin und her geflattert war, hatte wohl als Landsknecht und Wanderbursch manche Narbe in sein lustig Angesicht, aber keinen dunklen Fleck auf sein Gewissen gezeichnet. Er war ein gutherziger, braver Gesell, leichtlebig und nicht sonderlich zur ernsten Arbeit aufgelegt, hatte stets den Kopf voll Schelmenstreiche und mochte lieber mit flinkem Arm ein fröhlich Abenteuer ausfechten, als daheim sitzen und Pflug oder Axt im Burgfried führen.
So hatte er denn abgewartet, bis die Trauerzeit verstrichen, und sein junger Gebieter wieder Lust und Freude am heitern Verkehr zeigte, und hatte alsdann das Eisen mit kräftigem Hammer geschmiedet und noch viel dringlichere Wanderlustliedlein gesungen, denn die Schwalben, welche heimgekommen waren und ihre Grüsse durch die blaue Luft jubelten. —
Da hatten Jorg von Jossas Augen aufgeleuchtet in ungestümer Sehnsucht, und er war mit dem Synold hinauf zur Rüstkammer geschritten, ihr geheimnisvolles Reich zum erstenmal als Burgherr zu betreten. Hei, wie es ihm da so wehrhaft und köstlich entgegenblinkte! Voran stand des Vaters Rüste, ein schlichtes, dunkles Eisenkleid, prunklos, aber schier steinern in seiner trefflichen Arbeit. Das war ein Zaubermantel für gefahrvolle Streifzüge durch fremdes Land. Und hier das Schwert „Sigenôt“, der mächtige Zweihänder, der seinen Herrn nun und nimmer im Stich lassen wird, und wenn ihn sechs Sarazenenräuber auf einmal anfallen! — Jorg fasste den schweren Griff und liess die alte Waffe mit kraftvollen Armen durch die Luft sausen. Ein scharfer, pfeifender Laut, — der junge Körper neigte sich in elastischer Muskelkraft und eine Blutwelle stieg heiss in des Jünglings frisches Angesicht. — Hier gar der Helm! Da Synold ihn auf des Gebieters blonde Locken drückt, schaut er beinah zärtlich auf diesen schmucken Ritter, den man für ein rotwangig Mägdelein halten könnte, wenn der Schnurrbart sich nicht allzu männlich über den Lippen kräuselte. „So, nun schnalle mir auch den Harnisch zur Probe auf den Leib!“ lacht der Junker, „auf dass ich fix und fertig mein Bild als Reitersmann spiegeln kann! Fehlt nichts mehr, Synold, denn mein Rapp im Stall!“
„Und die Feldbinde? das vornehme Anzeichen dafür, dass Ihr ein edelgeboren Ritterblut seid?“
„Eine Feldbinde? Schau hin, diese, die dort hängen, sind mürbe und farblos vom Alter.“
„Ei, so müsst Ihr Euch bald ein feines Jungfräulein als Herzliebste anschaffen, auf dass sie Euch die Farben heimlicher Minne um die Brust schlingt!“
Jorg wurde blutrot und lachte: „Damit hat’s noch gute Wege! Habe schon manch dralles Dirnlein im Dorf drunten gesehen, und hat keine mein Herz gewonnen!“
Synold zuckte die breiten Schultern. „Bauerndirnen! wie mögen die in eines Edeln Auge stechen! Habt fein acht, Junker, wenn wir einreiten in die Hofburgen und die grossen Städte, da gibt’s viel schöne Schätzelein zu schaun! Aber auf diese können wir nicht mit dem ritterlichen Abzeichen warten! Lasst uns schauen, ob Eure Frau Mutter nicht die seidenen Schärpen in der Truhe verwahrt hat, — in der Trödelkammer zur Seiten steht alles Gerät, das von der Seligen Leibeskleidung und Nachlass herrührt.“
Der Riegel wich knarrend zurück, und der Erbe vo Darsberg stampfte auf seinen schweren Reiterstiefeln über die Schwelle. Er musste sich bücken in dem niedern Raum, über welchen das Dach schräg zur Seiten abfiel.
Da standen buntgemalte Laden und Truhen an den Wänden umher, und die beiden wanderlustigen Gesellen machten sich daran, sie zu durchwühlen. Da lag ein verknotetes Päcklein obenauf, und da Jorg es öffnete, fiel ihm ein Stück scharlachfarbene Seide, wohl an drei Ellen lang, entgegen, und darin lag ein zierlich gefalteter Brief. — Das Datum nannte just den Todestag der Edlen von Jossa, und der Brief war geschrieben aus der Stadt Zwingenberg. Nicht ohne Mühe entzifferte der Junker die verschnörkelte Schrift und las mit Staunen, dass eine Frau Edelgarde von Hardenau (deren Eheherr Gerhard von Hardenau sich ein Haus in Zwingenberg erbauet, weil er alle seine Liegenschaften und das Schloss an den Landgrafen Philipp verkauft) seine Mutter vielliebe und ernsttugendsame Base nennt und ihr zum Namenstag beiliegend Stück Scharlach zu einem Ärmelfutter sendet. Und selbe Frau Edelgarde erzählt von dem Wohlergehn ihrer Lieben und gedenkt auch ihres jungen Töchterleins Britta, so ein gar liebliches Dirnchen sei und jetzt mit Gottes Hülfe ein tückisch Rotfieber bestanden habe.“
Der Edle von Jossa schaute mit hochgerötetem Antlitz von dem Schreiben auf. „Eia über solch einen trefflichen Fund! Habe ich in der Stadt Zwingenberg Blutsverwandte sitzen, davon mir nie eine Menschenseel’ gesprochen. War ein wortkarger Mann, mein Vater, und mit der ganzen Sippe zerfallen. Nun aber weiss ich unsrer Reise ein erstes Ziel, Synold, heisset Zwingenberg, und selben Scharlach schneidet mir die Vogtin zur Feldschärpe, auf dass ich prächtig geschmückt durchs Stadttor reite!“
Dabei wandte sich der Junker, um hastig zur Hausfrau des Amadeus hinab zu schreiten, aber er wandte das Haupt jählings und schaute noch einmal zurück. In einem Winkel lag hoch zu Hauf all sein Kinderspielwerk, seine Armbrust, Schirmschwert, Vogel- und Kugelspiel, und wie der junge Ritter voll freudiger Rührung herzutritt, solch lieben Tand näher zu schauen, da neigt er sich plötzlich nieder und zieht mit leisem Ruf des Staunens ein buntfarbig Narrenkäpplein unter dem Kram hervor. „Des Irregangs Schellenhaube! Ei, über solch eine Freude! Hab es vor Jahren gesucht mit weinenden Augen, da es mir verloren war, und nun fällt’s mir so unvermutet in die Hand! — Klein Irregang! hab’ ihn nicht vergessen, den absonderlichen Bub, war er doch das einzige Kasparlein, das ich jemals geschaut!“ — und der Junker sah die bunte Kappe mit denselben leuchtenden Kinderaugen an, wie dazumal, als ihn dieses Geschenk so hoch beglückte, und legte die Hand gewichtig auf seines dienstbaren Freundes Schulter. „Ist ja der Zierrat vom Irregang, von dem ich dir soviel des Erstaunlichen erzählte!“ erinnerte er eifrig.
Synold stand breitbeinig in der Tür, strich den Bart noch kühner und steifer empor gegen die leicht gerötete Nase und sagte gelassen: „Habe viel fahrende Leut geschaut in der Welt, — am verwunderlichsten aber in der italienischen Stadt Venedig, wo ein schwarzer Kerl ein Stückfass guten Weins gesoffen hat, ohne das Maul einmal von dem Krane abzubringen!“
„Sollte man’s schier glaublich halten!“
„Und ein anderer hat sich an einen gebratenen Ochs gemacht und ihn vor aller Augen mitsamt den Knochen gefressen; das hat gesplittert und geknackt, als ob unsereins einen Spatz oder ’ne Schnepf’ zermalmet mit dem Gebiss!“ — — Jorg schlug in starrem Staunen die Hände zusammen, und da der Synold sah, dass man ihm seine Geschichte glaubte, so hielt er es für seine Pflicht, den Brotherrn auf Kosten der Wahrheit noch mehr zu ergötzen, und übertrieb weiter: „Und da man nun dachte, der Vielfrass müsse schier zerplatzen an solch einem Mahl, da schrie er, man solle ihm flink ein gebraten Kalb bringen, sonst sterbe er Hungers!“
„Und man brachte es?“
„Freilich brachte man’s!“
„Und der Gaukler?“
„Nahm sich dabei nicht einmal die Mühe, die Knochen zu beissen, sondern schlang das Kalb herab, wie der Bischof Thilo von Trotha in Merseburg einst die jungen Mäuslein im Nachttrunk mit herunterschluckte und vermeinte, es seien Hopfenkern’ gewesen!“
Wenn es der Synold erzählte, so musste es wohl wahr sein, und darum nahm Jorg seine Worte auf Treu und Glauben und rief noch erregter denn zuvor: „Heia, wie gelüstet es mich nun auf einmal, solch Wunderwerk in der Welt zu schauen! Dich erstaunet nichts mehr, Gesell, denn du hast mehr Aventiure erlebt, als der Richard Löwenherz und der Gawein! Aber ich bin gleich einem Adler, den man im Kasten gehalten, und der erst flügge wird, da seine Schwingen bereits ausgewachsen! Hör’, was ich dir sage! Jedes Wort, das ich mit dem fremden Zigeunerbub Irregang geredet, ist mir wohl verwahrt im Gedächtnis, und habe ich ihm damals mein Wort gegeben, dass ich ausziehn will als freier Ritter, ihn zu suchen in der weiten Welt! Die Zeit ist gekommen, und so will ich des fahrenden Mannes Narrenkappe auf die Lanze stecken und will mit dir hinaus reiten, das Haupt zu suchen, darauf sie einst gesessen!“
Synold nickte mit überlegener Miene und sprach: „So man den Landstreicher nicht längst mit Feuer gebrannt, oder ihn aufgeknüpft hat, wollen wir ihn schon finden! Hab eine Spürnase, die schon mehr im Leben ausgewittert hat, denn einen fahrenden Mann! Da ich als frommer Pilger durch die Wüste, die längs dem Jordan liegt, wanderte, verlor ich den Nagel, damit mein Kreuzfähnlein an die Lanze genagelt war. Ohne dieses mochte ich nicht wandern, und so liess ich den Zug vorauf gehn, wandte mich, obwohl es sehr gefährlich war, und suchte meinen Nagel in der Wüste. Da hatte ich viele Kämpfe mit den ungläubigen Räubern zu bestehn, und hätte ich nicht deren Blut getrunken, wäre ich verschmachtet. Aber meinen Nagel fand ich nicht, besonders da der heisse Wind Schirokko sich erhoben und mich dreimal im Sand begraben hatte, so dass es mir nah ans Leben ging. Als ich just voll Missmut nach der dritten Tagereis’ das Ding will sein lassen, — da seh’ ich einen mächtigen Löwen, der hinkend und langsam einher kam. „Eia, denk ich, sollte sich selbes Ungeheuer vielleicht meinen Nagel in die Pfote gerannt haben?“ — Mache mich flugs an ihn heran, und da ich all meine Pfeile wider die Räuber verschossen hatte, würg’ ich ihn mit der Faust zu Tode und untersuch seine Tatze! — Richtig, da stak mein Nagel, und so kehrte ich denn fröhlich zu dem Pilgerzug zurück und ward hochgeehrt, und noch heutigen Tages spricht man im Lande Palästina von dem „Helden Synold mit dem Nagel!“
Wie hätte der Einsiedler von der Burg Darsberg eine solche Historie bezweifeln wögen? Schier ehrfurchtsvoll und stolz schaute der junge Ritter auf den Sprecher, und schämte sich beinah, dass ein solcher als Vasall mit ihm, dem tatenlosen, unberühmten Jüngling, reiten soll! Aber seine Augen blitzten in kampflustiger Ungeduld, und er ordnete alles in der Burg für die Zeit seiner Abwesenheit.
Der Vogt Amadeus war mit den Jahren ein gichtkranker, kopfhängeriger Mann geworden, der sich gehorsam dem Regiment seiner gestrengen Hausehre fügte. Und das war gut, denn die Vogtin war ein kraftvoll Weibsbild; die alles wohl in Orduung hielt und eine gerechte Zucht führte, der konnte man eine so einsam und sicher gelegene Burg getrosten Herzens anvertrauen.
Ein zuverlässiger Schutz ist auch der Torwart Lambert, der noch eisenfest und rüstig auf den Beinen steht, obwohl sich sein Haar schon silberweiss auf dem Schädel lockt. Der ist das treue Auge, welches über Darsberg wacht, das nicht ruhen und schlummern wird, wenn ein verdächtig Wölkchen am Himmel treibt. Was soll auch geschehen und was soll man hier rauben? So lange Jorg denken kann, läuft alles in der Burg im gewohnten Geleise, unverändert seit Grossvaters Zeiten, soll just zu der Zeit, da der junge Herr eine Fahrt in die Welt und das Leben tut, das Fundament erzittern und aussergewöhnliches geschehn? — Narretei! Hat doch der edle Sänger Wolfram auch den Stab zur Hand genommen, hat lachend sein Tüchlein rückwärts geschwenkt und sich nicht halten lassen von seiner Scholle.
„Jedoch er sprach: got huete din!“
und machte sich davon und fuhr in die Welt!
Die Linden auf dem Burgtor standen in weisser Blütenpracht, just, als wollten sie mit lichten Schleiern ihrem jungen Herrn ein „Behüt dich Gott“ in die Ferne nachwinken.
Die Rosse scharrten im Hof, und Junker Jorg, strahlend vor Freude und Jugendlust, klirrte einher in seinem Eisenkleid und achtete es gering, dass solches ihm viel Last und Hitze bereiten werde. Synold aber schnallte sich wohlweislich die einzelnen Rüststücke an den Sattel, denn er war nicht mehr gar so jung wie er tat und schien, und zumeist nur mit dem Munde ein grosser Held, der gewaltige Taten tat.
Eine kraftvolle, schier königliche Gestalt war der junge Jossa in des Vaters dunkler Wehre, und da man in der Burg nichts von Welt und Mode gewahrte, so dachte auch niemand daran, dass der Jüngling ein gar altertümlich Ansehen hatte, dass sein Wamms vertragen, seine Stiefeln schrunstig und die scharlachfarbene Feldbinde ein absonderlich Gebilde war. — Er selber gedachte dessen am wenigsten, und stieg so wohlgemut und zuversichtlich in den Sattel, als reite er durch offene Tore direkt in sein Glück hinein! — An nichts hatte er mehr gedacht, und sogar geglaubt, er nehme genug des Gepäckes mit, wenn er sein Schwert Sigenôt in Händen halte und ein Dolchgehänge seine Hüfte schmücke, aber Synold Wackerstein hatte Sorge getragen, dass ein Lederbeutlein, gefüllt mit den wenigen Goldgülden, welche Herr Leberecht in den Kasten gespart, auf des jungen Herrn Brust liege, und er hatte einen ganz beträchtlichen Schnappsack hinter den Sattel eines jeden Rosses geschnallt.
Der „Held mit dem Nagel“ hatte zwar erzählt, dass er sich einst gleich dem frommen Täufer viele Monate lang von Heuschrecken habe nähren müssen und diese krabbelige Kost sehr possierlich gefunden habe, — aber er vermeinte: „Auf die Maikäfer wollten sie sich lieber nicht mehr verlassen, sondern eine kräftige Wegzehrung einpacken, die dem Satanas ein Schnippchen schlüge!“ Junker Jorg war’s wohl zufrieden, denn er war ja kein Held, sondern ein ganz gewöhnlich Menschenkind, dessen Magen bislang noch niemals ein unfreiwillig Fasten gehalten.
Die Zugbrücke dröhnte hernieder. Zum letztenmal hub das Burggesinde ein Tücherschwenken, Weinen und Lamentieren an, und dem jungen Ritter ward davon so weich und unsicher um das Herz, dass er beinah’ sein schweres Ross angehalten hätte, solch ein Herzeleid nicht an seinen Lieben zu verschulden! Aber der Synold sang ein gar keckes Wanderlied, das von Herrn Heinrich von Marungen gedichtet war und also begann:
Ich will varn eine reise,
wünschet, daz ich wohl gevar.
da wirt mannic weise,
Din lande will ich brenen gar!
Er lachte mit übermütigem Sinn, gab dem dicken Apfelschimmel die Sporen und galoppierte schmetternden Hufes dem Junker voran. — Da gab’s auch für diesen kein Halt mehr! Got huete din! und dann wogten die schwarzen Straussfedern von seinem Helmbusch hoch auf, das Schwert tanzte klirrend an der Seite und Jorg von Jossa sprengte hinaus in die sonnenlichte Welt, hinaus in die Fremde, hinaus in das Glück! Funken stob das Steinicht des Burgbergs, und wo ehemals des Irregangs flüchtige Füsse geeilt, wo seine Tränen geflossen, da klang des jungen Ritters jauchzendes: „Heisa, johe!“
Die Eichen spannten ihr lichtdurchflammtes Geäst über sein Haupt, der Sommer streute ihm seine duftigen Blumen auf den Weg, und die Vögel am Himmel mochten nicht glückseliger ihre Schwingen in der Unendlichkeit baden, denn Jorg von Jossa den Odem der Freiheit um seine Brust wehen liess! Got huete din!
VIII.
Es ist ein gar absonderlich reiten, wenn es so ohne Ziel und Zweck in die Welt hinein geht! —
Das Edelwild zog flüchtig vor den beiden Reitern vorüber, setzte über die Strasse und verschwand in dem rauschenden Buschwerk, und gewohnheitsgemäss zuckte es in des Junkers Hand, den Speer zu fassen und zu folgen mit Hussa und Trara! Aber er liess lächelnd die Finger vom Schwertgriff abgleiten und gedachte daran, dass der Sigenôt es gewohnt war, andre Gegner anzugehn, dass jetzt eine friedliche Zeit für den heimischen Forst anbrechen werde, und dass der Edle vom Darsberg diesmal ausgeritten sei, um andrer Hantierung als der eines harmlosen Gejaides willen.
Die Rosse griffen so wacker aus, als es ihnen bei der ansehnlichen Bürde und den schlechten Wegen möglich war. — Heisse Sonnenstrahlen glühten hernieder, wenn der Tann sich lichtete und die Felder einzelner Dorfschaften die Fahrstrasse säumten, und obwohl erst eine ganz kurze Zeit vergangen war, aber eine frischsprudelnde Quelle am Wiesenhang just zum rasten einlud, räusperte sich Synold, wischte sehr bemerklich den Schweiss von seinem blauroten, hiebdurchnarbten Angesicht und sprach: „So wir in gleichem Trabe weiter reiten, Junker, klopfen wir in sieben Tagen schon an die Tore der ewigen Stadt; aber unsere Rosse sind Schindmähren geworden, und ihre Herren steife Besenstiele, die ein Trossknecht aus dem Sattel heben muss. Dafür aber muss bei Zeiten eine Rettung geschaffen werden, und so vermeine ich, wir binden die Gäule an jenes Lindenstämmlein neben dem Bach, dann können sie fressen und saufen, so viel es ihnen behagt, und wir tun uns nieder im Schatten und greifen zum Rucksack.“
Jorg belobte solchen Vorschlag, stieg ab und hielt eine behagliche Mittagsrast, fröhlich der leckeren Bissen, welche des Synold Fürsorge eingepackt. Dieser aber sprach: „Harte Brocken allein schaffen’s freilich nicht! So einer will mit Kräften reisen, muss er pokulier’n mit Fleissen!“ und zog den glatten Steinkrug hervor, ihn dem jungen Gebieter darzureichen. Der war freilich mehr an klares Brunnenwasser gewöhnt, denn an Wachholder- und Kirschengeist, aber er gedachte daran, dass des Vaters strenges Auge sich geschlossen hatte, und dass es sich für einen echten Rittersmann geziemet, jedweden Strauss auszufechten, auch den mit dem Belzebub, der aus einer Flasche heraus den nüchternen Gesellen eine Memme schilt!
Erst, als die Schatten der Bäume schräg über den Sand fielen, rüsteten die Wanderer zum Weiterritt. Und da sich Ross und Mann gestärkt und die Luft erquicklicher daher strich, ging es lustig waldeinwärts, die Berge empor, an deren südwestlichem Hange die Stadt Zwingenberg liegt.
Zum erstenmal gelangte Jorg von Jossa so weit heraus auf fremdes Gebiet, zum erstenmal näherte er sich einer wohlbefestigten, landbekannten und reichbegüterten Stadt, welche sein Vater so bitterlich gehasst hatte um eines alten Streites willen.
Licht und lichter ward der Tann, des Berges Gipfel schien durch die kahlen Stämme, und nach wenigen Minuten stampften die Rosse heraus auf die freie Heide, ihre Reiter urplötzlich vor ein gar unerwartet wundervolles Bild zu stellen. Zu ihren Füssen, weit gedehnt, lag das glückselige Hessenland, die lachenden Gefilde der Rheinebene, das majestätische Wipfelmeer des Odenwaldes. Fernhin blitzte und wogte das breite Silberband des Rheins, Weinberge säumten es nach Norden zu, fruchtbare Felder grenzten es mit üppigem Teppich. Die Höhen der Bergstrasse, welche hier zum Anbeginn die malerischen Häupter aufragen lassen, ziehen sich weit hin, im bläulichen Duft am Horizont verschwimmend; und als funkelnder Edelstein in ihrem Bergkranz hebt dicht zu der Reiter Füssen die Stadt Zwingenberg ihre zinkenkronige Stirn. Die Abendsonne vergoldet die trutzigen Mauern, die keck aufsteigenden Wachttürmchen, die zahllosen schmucken Hausgiebel, welche sich gleich wie die Küchlein um eine Glucke, um den stolzen, hochgelegenen Kirchenbau des Grafen Eberhard des Dritten zu Katzenellenbogen drängen. Wahrlich ein reiches, üppiges Bild, aus welchem prunkend das Rathaus hervorsticht, sowie noch etliche andre Häuser, die ganz besonders gross und prächtig erbaut sind. —
Junker Jorgs Blick weilt besonders auf einem. Hart an der Stadtmauer liegt es, so nah, dass man von einer Altane direkt auf den Mauergang heraustreten kann. Da Friedenszeit ist, hat man dem Bürger gestattet, sich ein herrlich Gärtlein dort auf der Mauer anzulegen. Die Blütenbeete und Ziersträucher leuchten in lieblichen Farben bis hier herauf, ein künstlich Wasserwerk speit einen Strahl empor, dass er in der Sonne flimmert wie ein Regenbogen. Das Haus selber ist sehr gross, in einem winkeligen Viereck gebaut, ausgeschmückt mit unzähligen Erkern, geschnitzten Galerien und kleinen bleigefassten Fensterscheiben, welche wie hundert helle Sternaugen im Abendrot brennen. Muss ein reicher Mann sein, der ein solch Besitztum sein eigen nennt.
Der junge Ritter hat das seltene Bild schier verschlungen mit den Augen, er atmet so entzückt, wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum und ruft mit jauchzender Stimme: „Ja, dies ist Zwingenberg! und so ich hinabschaue auf ein solch lustig und anmutig Gelände, so kann ich wohl die Mär begreifen, welche vor Jahren der Kaplan Benedikt erzählte, der Einkehr bei uns hielt, der Mutter einen Patenbrief von der Frau Edelgarde zu bringen! — Er erzählte, dass einst ein hochgelehrter Mann aus dem Wunderlande der Schönheit, Italien, gekommen sei, Herr Theologus Zauchius mit Namen, der habe auf der Höhe von Zwingenberg gestanden, davon man in zehn Herren Länder schauen könne, — vielleicht allhier auf dem nämlichen Flecke! — und da er das blühende Hessenland zu seinen Füssen geschaut, da habe er die Hände zum Himmel gehoben und ausgerufen: „O Germania! Germania! qvam libenter velles esse Italia!“ Das bedeutet auf Deutsch: „O Deutschland, Deutschland, wie gut möchtest du Italien sein!“ — und der Edle von Jossa schaute stolz ob solchen Wissens seinen Gefährten an, was er darauf sagen werde.
Synold Wackerstein aber sass sehr gravitätisch in seinem Sattel, rieb sich die rote Nase, darum die Mücken schwirrten und sprach mit geringschätziger Miene: „Die italische Sprache verstehe ich, denn ich war dort zu Lande und habe sie weidlich erlernt, wie ich auch die kauderwelschen Sprachen der Türken, Heiden, Muselmänner, Mahommedaner und Allahanbeter, jede einzelne gründlich erfasste. Aber was nützt ein solches? Wo finde ich allhier so gelehrte Leute, dass sie möchten morgenländisch mit mir parlieren? Da stelle ich halt eben mein Lichtlein unter den Scheffel und weiss keiner, was für einen bedeutsamen Mann er vor sich hat. — Dass aber Deutschland könnte Italien sein, das hat ein ganz infames Lügenmaul ersonnen, denn ich habe dieses Land geschaut. Bäume, wie hier? oh misericordia! So man in Italia einen Dattelbaum fället und schleifet ihn durch tausend starke Rosse ans Meer, so kann man trockenen Fusses über ihn ins Morgenland gehen.
„Ei, warum tut man’s nicht, und schaffet sich so viele Not durch Schiffe?“
Synold hob die Achseln: „Wo soll man wohl in einem Land, da es nur Affen, Nashörner und Löwen gibt, an tausend Pferde hernehmen? Da lieget der Hase im Pfeffer!“ und er zuckte die Zügel und ritt fröhlich bergab: „Und die Datteln sind dort wie die Kürbisse, und wenn Ihr Korn säet, wie bei uns, müsset Ihr es mit der Säge schneiden, denn es wird stark wie Ellernstecken. Hab’ ich Euch noch nicht erzählet, wie ich in selbem Land Streit bekam mit einem Riesen, hoch wie ein Weberbaum und dick wie der Mausturm im Rhein, den ich hatte um ein Logament gebeten und der ein Räuber und Menschenfresser war?“
Junker Jorg verneinte mit weit aufgerissenen Augen, und während die Gäule behaglich ausgriffen, berichtete der Schalk von einem schier unglaublichen Abenteuer! „Und wie ich nun da lag — an Händen und Füssen geknebelt, und der Räuber grad sein Messer nimmt ... fass ich in die Hosentasch —“
„Warest doch an den Händen geknebelt?“
„Der Strick war morsch ... aus Bast gedreht — ich zerbiss ihn flink mit den Zähnen! fass in die Hosentasch’, zieh meine Schalmei hervor und blas in meiner Todesangst die schönsten Stückchen. Das war aber eine verzauberte Schalmei, die ich von einer Hexe hatte, und musste jeder, der sie hörte, tanzen.“
„Du auch?“
„Natürlich!“
„Warest aber doch geknebelt?“
„Ei freilich! war ja just das Wunder, dass ich mit geknebelten Füssen tanzte! Und der Riese tanzte auch und hätte sich wohl tot getanzt, wenn ich nicht einen Schlucksen bekommen hätte, der mich unterbrach. Da rettete mich aber des Riesen Knecht, der kam gelaufen und sprach: „Auf der Strasse kommt ein reicher Kaufmann!“ — Sie rannten mordgierig davon, aber schlossen mich ein und legten mich, an Händen und Füssen in Ketten, in einen festen Turm, da weder Sonn’ noch Mond schien. Da dacht ich: „Fiducit, Freund Hein, jetzt ist’s aus!“
„Was tatest du?“
„Es kam mir ein Gedanken! Ich griff in die Hosentasche“ —
„Warest doch in Ketten?“
„Allerdings. Aber ich biss mir in die Finger, da floss das Blut aus der Hand und machte sie ganz dünn, und ich schlüpfte aus dem Ring. Hier in Deutschland hätte solch ein Biss freilich keine solch wundersame Wirkung wie in Italia. Also ich hole aus der Hosentasch’ ein Brennglas und fange einen Sonnenstrahl.“
„Ich denke, es fiel weder Sonne noch Mond in den Turm?“
„Just zuvor hatte es ein kleines Erdbeben gegeben, das sprengte einen schmalen Riss in die Mauer und durch diesen schien der Strahl. Den fing ich im Brennglas, steckte den ganzen Turm in Brand, und da meine Finger noch bluteten, feuchtete ich meine Kleider daran an und kam glücklich durch die Flammen. — Aber der Riese hinter mir her! Ich lockte ihn flugs in einen Sumpf, der verschlang ihn, weil er so schwer war.“
Der Edle von Jossa schüttelte bedenklich den Kopf. Sonst hatte er nie des Synold Historien bezweifelt, aber es schien, als ob die Luft der Freiheit bereits kräftig hinter der Jünglingsstirne revoltierte. Er schlug an das Schwert und sprach: „Dein Wort in Ehren, aber eine solche Sache glaub’ ich nicht!“
Synold runzelte die Augenbrauen und sah tief gekränkt aus: „So man nimmer vom Herd gekommen, verlacht man gar leicht die Aventiure gereister Leute! Aber wollet mir doch Erlaubnis geben, meines Weges feldein zu reiten, auf dass nicht die Bürger von Zwingenberg Euch schelten, Ihr führet einen Aufschneider und Maulhelden bei Euch! Solches wäre übler Dank, den sich ein Getreuer an Euch erworben!“
Da tat dem jungen Ritter seine sündhafte Zweifelsucht bitter leid, und er ersann die besten Worte, den beleidigten Freund wieder zu versöhnen!
„Wenn wir in die städtische Herberge kommen, sollst du auch Gernsheimer Alten trinken, soviel als dein rund Bäuchlein fassen kann!“ schmeichelte er zum Schluss. Synold sah bedeutend versöhnlicher aus und erwiderte: „So der Katz keine Milch wird, säufet sie aus der Pfützen, und so man nicht Malvasier und Cypernwein zapfet, nimmt man mit Gernsheimer fürlieb. Aber da fället mir ein! Hab ich Euch schon die Historie erzählt, wie ich um einen Krug Malvasier an die hundert Heiden bezwang?“
„Nein, bislang verschwiegest du’s!“ beeilte sich Jorg sehr höflich zu versichern, und der Waidgeselle räusperte sich kniff das rechte Auge schmunzelnd zusammen und begann mit ungetrübter Laune einen Bericht zu geben, der noch viel, viel erstaunlicher war wie der erste. Diesmal aber war der Junker von der Wahrheit der Erzählung völlig überzeugt und nickte ernsthaft mit dem Haupt und sprach: „Du bist ein ganzer Mann, Synold mit dem Nagel, und so ich im Leben nur soviel Krautköpfe spalten möcht’, wie du Menschenschädel, so würde ich mit Ehren dereinst in die Grube fahren!“
Über ihnen in der Luft tirillierten Schwalb und Heidelerch, und aus den Schornsteinen von Zwingenberg kräuselte der blaue Rauch. Die Bürger kochten ihre Abendsuppe, und als die Glocke der kleinen Spittelkapelle Sankt Agneten das Ave Maria kündete, klopften zwei fröhliche Reiter an das Stadttor, gastliche Einkehr zu halten.
— Hei, wie riss der Einsiedler der Feste Darsberg die grossen Kinderaugen auf, da sie in die giebligen Strassen einlenkten, wo so viel buntes Leben herrschte und so viel geschäftige Leute einherrannten, wie sie Jorg sein Lebenlang noch nicht beisammen gesehn. —
Auf dem breiten Kanal, welcher Zwingenberg und den Rheinstrom verbindet, wohlgesäumt durch dornige Hecken und steinernen Schutzwall, liegen die stattlichen Schiffe im Hafen. Ein lustig Gewirr von Masten, Wimpeln und Fahnen steigt zum blauen Himmel, hier kreuzt ein Obstkahn mit blankem Segel und fährt davon, dort kommt ein Ruderschiff und füllet sogleich seine verlassene Stelle. Am Ladeplatz wimmelt’s wie ein Ameisenhauf. Der mächtige Kran stöhnt und knarrt unter der sauern Arbeit, Ballen um Ballen von dem Verdeck zu holen, — ruhig und sittig schafft die Zunft der Schiffer, und seitlich öffnet das Zollhaus die breiten Tore.
Stolzen Schritts lustwandelt der Kaufherr und Bürgermeister auf der steinernen Brücke. Sein Wamms ist feinstes Kammertuch, sein Säckel wiegt schwer in der seidenen Pluderhose. An seiner Hand gleisst in güldenem Reif der Edelstein; eine weisse, weichliche Hand. Sie tut auch keine Arbeit, sie erntet ohne Karst und Pflug und lässt die Bauernstiere für sich ackern. Leichtbeschwingte Segler schickt er hinaus in aller Herren Länder, und sie kehren als schwerrudernde, tieffurchende Lastschiffe mit vollen Kisten und Säcken heim, Salz, Pfeffer, fremde Gewürze und Goldstaub, Papegân und feine Seide aus Zagamank und Libia heim zu bringen! Und wo der reiche Peter Helzinger mit dem rotgedunsenen, brutalen Gesicht unter dem grauen Haar, der Mann mit Mantel und Kette sich zeigt, da krümmen sich ehrfurchtsvoll die Rücken, da fliegen die Käpplein vom Haupt, und die Dirnen drängen sich knixend herzu, einen huldvoll grinsenden Blick aus den gequollenen Augen zu erringen. —
Jorg von Jossa ritt langsam fürbass und schaute sinnend auf diesen Mann, welcher so vornehm einher stolzierte wie ein Gaugraf, und obwohl ihm sein Gesicht und sein Gebaren einen unerklärlich widerwärtigen Eindruck machten, so hielt er es doch für Sitte und Anstand, den hohen Herrn respektvoll zu grüssen.
Wohl war es ihm schon aufgefallen und hatte ihn befremdet, dass man allerorts die Köpfe zusammensteckte, lachte, zischelte und auf ihn hinwies. Die geputzten Bürgersfrauen im offenen Erker neigten sich vor, ihm voll Heiterkeit nachzuschauen, die dünkelhaften Mägde am Brunnen wiesen frech mit dem Finger und die Männer schauten mit breitem Grinsen, ohne die Mütze zu ziehen, zu ihm auf. Der vornehme Mann jedoch, mit der dicken Goldkette, trieb’s vollends zu arg. Er blieb beim Anblick der Reiter stehn, legte die Hände auf dem goldenen Griff des Spazierstockes zusammen und hub mit zwinkerndem Blick ein leises Lachen an, und da der Junker ihn freundlich grüsste, ward seine hässliche Miene noch viel unleidlicher, und er nickte mit dem Haupt zum Gegengruss, wie der Kaiser einem Landsknecht dankt. —
„Woher soll der Mann wissen, dass ich ein edler Ritter bin!“ dachte Jorg versöhnlichen Herzens, „hier reiten gewiss die Edelleute ebenso selten ein, wie die Bürger auf der Feste Darsberg!“ — Aber er zupfte seine scharlachrote Binde noch leuchtender auseinander und schwenkte wohlgemut in die nächste Gasse ein. Ein wüst Geschrei, Hundegebell und Gezeter schallte ihm entgegen. Ein johlender Volkshaufen knäulte sich vor einem Hause — beim Himmel, jenes prächtige Haus an der Stadtmauer! — und schien eine gar absonderliche, wilde Belustigung in seiner Mitte zu haben. —
Mit blitzenden, neugierhellen Augen ritt der junge Jossa herzu, und hoch von seinem Rosse schaute er auf ein ganz wundersames Schauspiel hernieder. Ein abgeschirrtes Karrenwäglein, mit Reisig beladen, stand zur Seite, und die beiden grossmächtigen Doggen, welche es mutmasslich gezogen, waren just dabei, sich in wahnsinniger Wut mit noch zwei andern Rüden zu zerfleischen. Da hatte irgend ein roher Gesell sich den Scherz gemacht und jedem Hund ein Stück blutig Fleisch an den Schwanz gebunden, und nun fielen sie sich an in furchtbarem Grimme, so zornig und wild, dass sie sich bereits schwere Wunden gerissen und darauf und daran waren, sich zu Tode zu würgen. Johlend und lachend stand die Menge und gaffte dies ergötzliche Schauspiel an, durch Steinwürfe und Knüppelschläge die Wut noch anreizend. Nur abseits auf der Karre sass ein alt Weiblein, krank und gebrechlich, mit verrunzeltem Angesicht und zerlumpter Gewandung, die rang in bitterem Wehklagen die Hände und wandte sich hülfeflehend von einem der Gaffer zum andern; aber man stiess sie zurück und höhnte sie mit derben Reden, aus welchen Jorg erfuhr, dass sie die „Wichusgundel“ geheissen und Besitzerin der beiden Karrenhunde war. — Das gute Herz des Junkers empörte sich gegen eine solche Roheit. Er liess sein Ross kräftig in den Volkshaufen gehn, dass die Mägde schreiend auseinanderstoben, und rief das Holzweiblein mit kraftvoller Stimme, aber freundlich an: „He! sind jene Rüden dein Eigentum, und hast du Angst, dass sie sich gegenseitig die Gurgel abbeissen?“
Die Alte hob die zitternden Hände zu der ritterlichen Gestalt des Sprechers empor. Ein Schimmer der Freude flog über die tränenfeuchten Wangen, und sie hielt ein in dem zornigem Keifen, mit welchem sie die Schmähreden der Leute beantwortet, drängte sich dicht zu dem Ross heran und jammerte mit zahnlosem Munde: „Ach, edler Herr! Heil Euch, dass Ihr daher kommt wie Sankt Georg, der liebe Streiter! Wollet Euch eines alten, unglückseligen Mütterleins erbarmen, dem ein gottverfluchter Spassvogel des Alters Stützen nehmen will! Fahret dazwischen mit Eurem Schwert, dass meine Hunde ablassen, sich zu würgen!“ —
Jorg lachte, riss den Sigenôt aus der Scheide und schlug mit flacher Klinge auf die wütenden Doggen ein. Aber zum grossen Gaudium des Volks schürte er den Kampf, anstatt ihn zu enden, und das trieb ihm heisse Blutwellen in die Stirn. Zeigen wollte er, dass er ein geschickter Schwertschläger war, und so machte er bittern Ernst, holte aus und traf des einen Köters Schwanz so richtig, dass sein Ende mitsamt dem Brocken Fleisch davonflog. —
Aufheulend fuhr die Dogge zurück, aber schon sauste der Sigenôt zum zweitenmal durch die Luft und kürzte auch des andern Hundes Schwänzlein noch um ein beträchtlich Stück. Da liessen sie jählings von einander, klemmten den blutenden Stummel jaulend zwischen die Beine und suchten Schutz bei Karre und Weiblein.
Junker Jossa schüttelte lachend die Haare aus der Stirn, zwang sein unruhig Pferd durch die schreiende und johlende Menge und warf der Wichûsgundel einen Gulden in den Schoss. — „Hab’ eine derbe Arznei verschreiben müssen, Alte! Aber besser einen hässlichen, denn einen toten Hund! Da hier, magst den schlimmen Beissern ein Krankensüpplein kochen, damit sie von ihren Wunden genesen mögen!“
Und schnell das Ross wendend, flüchtete er vor dem Dank des Mütterleins, winkte fröhlich mit der Hand und kehrte an Synolds Seite zurück. Noch staute sich die Menge, teils höhnende, ärgerliche oder anerkennende Reden führend, vor den Rossen, und der Weidgesell rührte leise den Arm seines Herrn und sprach: „Ei, so schaut doch einmal empor zu jenem Giebel, da blühen ein paar zuckersüsse Röslein!“
Jorgs Blick folgte der angegebenen Richtung, und abermals schoss ihm das Blut zu Kopf und er sass regungslos, wie aus Stein gehauen im Sattel, unbekümmert, ob ein solch auffälliges Anstarren zweier Jungfrauen schicklich sei oder nicht.
Droben, zwischen dem Efeugerank des breiten Glaserkers zeigte sich ein absonderliches, unendlich anmutreiches Bild. Ein schlanker Jüngling mit dunkelblitzenden Augen und schwarzlockigem Haupthaar, angetan mit einem grellfarbig, aber kostbar verzierten Narrengewand von gelb-, rot- und grüngestreiftem Marokk, sass mit übergeschlagenen Beinen, die Füsse zur Strasse herabhängen lassend, auf der holzgeschnitzten Brüstung und war der Störenfried gewesen, welcher die kämpfenden Hunde mit Walnüssen und kleinen Steinen geworfen hatte. Er lachte dazu ein „Ju narro!“ dass seine weissen Zähne blitzten nnd sein braunes Gesicht so keck und schön aussah wie das eines italienischen Sängerknaben, — nach Synolds Versicherung. Neben ihm zur Linken lehnte ein junges Frauensbild mit einem Angesicht, so lächelnd und lilienhaft milde, wie das eines guten Engels, die trug ein schlichtes, lichtblaues Wollenkleid mit weissem Brustlatz und Ärmelfutter, und der Blick ihrer sanften, rehbraunen Augen begegnete dem Junker, und sie lächelte ihm dankbar und freundlich zu, dafür, dass er dem grausamen Scherz ein Ende bereitet.
Jorg sah diesen Blick und atmete freudig auf, aber sein Auge stand im Dienst einer andern, der wundersamen Schönen zur Rechten des Hausnarrs. —
Diese war ein Jungfrauenbild, wie der Edle von Jossa selbst in seinen phantastischsten Träumen noch keines geschaut. Auf einer prachtvoll hohen Figur thronte ein Haupt, so stolz, so kalt und so zauberschön wie das der Frau Hulde, wenn sie zürnt. Ein Zornesblitz traf den Störer des ergötzlichen Spiels aus ihren grauen, tief beschatteten Auge und die Lippen wölbten sich schier verächtlich über den blendenden Zähnen. Ein wallendes Lockenhaar, wie aus Sonnenglut gesponnen, flimmerte hernieder über Nacken und Arme, gehalten von einem köstlichen Stirnreif, juwelblitzend wie der einer Königin. Werktag war es, und dennoch fiel ein seidenes Gewand in schneeweissen Falten, wie glänzendes Taubengefieder, an ihren stolzen Gliedern nieder, auf dem tiefentblössten Hals funkelte das Geschmeide und ein goldgesticktes Bruststück spannte sich knapp über den Busen. —
Noch einen Augenblick stand sie und starrte mit umwölkter Stirn auf die sich zerstreuende Menge, und da Jorg in jäher, leidenschaftlicher Aufwallung die Hand hob, das wundervolle Weib zu grüssen, da flammte abermals ein Blick zorniger Nichtachtung zu ihm hernieder, und sie wandte sich jählings ab und trat zurück in das Gemach. —
Die blaugekleidete Jungfrau aber neigte in holdem Dank das Köpfchen, dass ihre braunen Zöpfe sich wie glänzende Schlangen über der Brust regten, trat gleichfalls zurück und folgte errötend der Genossin. Der Hausnarr aber, welcher das Vorkommnis gar wohl beachtet hatte, schwang sich in den Erker, lachte leise und spöttisch und warf, ehe es sich der Junker versah, einen Hagel welscher Nüsse prasselnd auf die Reiter nieder: „Jû nârro!“ — Ein Halloh und Gelächter erhob sich unter den Leuten, Jorg aber schrak empor wie aus einem Traum.
„Beim Satanas, es war Zeit, dass der Kaspar mich gemahnte, sonst wären meines Rosses Hufen am Ende festgewachsen!“ lachte er gutmütig, schnalzte mit der Zunge und ritt, den Blick unverwandt zu dem Erker gehoben, langsam weiter.
Synold aber schimpfte in den gotteslästerlichsten Reden, denn er hatte just ein paar Nüsse in das Gesicht bekommen und hielt sich das Auge.
„Heda, Büblein! kannst du mir wohl sagen, wem selbes schöne Haus gehört?“ fragte der junge Ritter einen Bacchantenschüler, welcher gaffend neben seinem Pferd stehen blieb.
„Ihr müsst gar weither kommen, dass Ihr solche Frage tut! Das Haus des Ratsherrn Konrad Pfalz ist bekannt am ganzen Rhein herauf!“
„Und wer war jenes schöne Frauenbild, in dem milchfarbenen Seidengewand? Am Ende gar des Herrn Conrads ehrsame Hausfrau?“
„Die liegt seit vielen Jahren schon unter der Erde! Die Walpurgis aber ist des Ratsherrn Töchterlein, die gerühmteste Bürgerin von Zwingenberg, denn sie ist noch schöner wie Frau Uhde, die als Wasserfee in den Wogen des Rheinstroms hauset!“
„Mag wohl sein. Aber halt da! Willst du uns wohl den Weg nach einer guten Herberge weisen, kleiner Gesell? Es soll dein Schaden nicht sein!“
„Wendet Euer Ross und kommt!“
Ein weisser Hirsch auf grasgrünem Felde prangt über der gewölbten, schwarzgeräucherten Haustür. Der Wirt, ein unfreundlicher, pockennarbiger Kumpan schüttelt den Kopf, ohne das Lederkäppchen zu ziehen, und sagt: „Ihr klopfet dergeblich an. Sind heute drei Schiffe von Basel gekommen, die haben mir die Stube mit Gästen gespickt!“ — sagt’s und wendet sich, ohne Antwort abzuwarten, in die Schankstube zurück.
Der Schüler ist in sein Haus geschlüpft; ratlos reiten die beiden Wanderer fürbass, zu dem zweiten und dritten Wirtshaus. Anch hier weist man sie mit dem unhöflichen Dünkel reicher Leute ab. Die Nacht kommt herauf, es wird still und dämmerig auf den Strassen. Jorg fragt nach dem Edeln von Hardenau und nach seinem Hause, und die Leute zucken mit schier beleidigendem Blick die Achseln: „Der Edle und seine Hausfrau sind tot, und das Grundstück hat der Helzinger gekauft.“
Der Bescheid wird kurz gegeben, und die Leute eilen weiter. Auf das höchste betroffen überlegen Herr und Geselle, was sie beginnen sollen. Haustüren werden abgeschlossen, die Lichter löschen aus. Da zupft jemand an Jorgs Mantel, und als er sich umschaut, steht die Wichusgundel hinter ihm.
Pulsuz fraqment bitdi.