Kitabı oxu: «Naturrituale»

Şrift:

Naturrituale

Wolf-Dieter Storl

NATURRITUALE

Mit schamanischen Ritualen zu den eigenen Wurzeln finden

AT Verlag

6. Auflage, 2012

© 2004

AT Verlag, Baden und München

Lektorat: Karin Breyer, Freiburg i. Br.

Umschlagbild: Kyllmeier, Kritzendorf

Fotos Farbbildteil: Gudrun Elpons, sofern nicht anders vermerkt

Lithos: AZ Print, Aarau

ISBN (ebook) 978-3-03800-131-7

www.at-verlag.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Ein Hinweis an die Leserinnen und Leser

Nicola Förg, die bekannte Allgäuer Krimi-Autorin, schrieb einmal im »Münchner Merkur« bezüglich Wolf-Dieter Storl: »Er ist kein Guru für Lebensbewältigungsfragen. Er ist kein Eso-Papst oder New-Age-Bewegter. Als ihn ein großes Magazin einmal als den ›Schamanen aus dem Allgäu‹ bezeichnete, musste er sich sehr ärgern. Er ist nämlich kein Schamane, sondern einer, der sich mit dem Schamanentum quer durch alle Kulturen beschäftigt hat. Allgäuer ist er auch nicht, sondern eigentlich ein gebürtiger Sachse mit US-Pass und einer Fülle von Lebensstationen rund um die Erdkugel. Auch wenn der Bart und die etwas wilde Haartracht solches assoziieren lässt: Ein Almöhi oder Wandereremit ist er auch nicht, kein Späthippie und auch kein Grüner. Parteien sind ihm wurscht, aus jeder vermag er Gutes und Schlechtes herauszufiltern. Und um es noch verwirrender zu machen: Die universitäre Wissenschaftskarriere hat der promovierte Anthropologe auch aufgegeben.«

Wolf-Dieter Storl will nicht als Wunderdoktor, spiritueller Weggefährte oder »Schamane« aufgesucht werden. Er ist kein Heilpraktiker. Seine Aufgabe oder sein Dharma ist es, Bücher zu schreiben, die Wissen vermitteln. Sein Geschenk ist das geschriebene Wort.

Inhalt

Heilung erfordert, tief in die Urgründe einzutauchen

Germanische Wurzeln

Eine neue Romantik

Facetten der Wirklichkeit

Verschwinden und Wiederkehr der Geister

Zeitenwende

Schamanensprache

Der Mensch als Tor ins Dasein

Was ist Puja?

Verschiedene Puja-Rituale

Pujas für die Flussgöttin

Der Berg der Chamunda

Kali-Tempel in Kalkutta

Wer ist der größte Verehrer?

Puja ist universal

Indianische Friedenspfeife

Krankenheilritual der Cheyenne

Vorbereitung für die Puja

Spiritistische Geisterbeschwörung

Vorbereitungen

Begründung

Reinigung

Kleidung und Schmuck

Ausrichtung

Magische Zeiten

Aufrufung und Begegnung mit dem Hüter der Schwelle

Die Mitte finden, zentrieren

Auf der Suche nach dem Puja-Baum

Medizinbeutel und Kraftgegenstände

Blumensträuße für Pujas

Der Medizinbeutel

Die Hörner des Rehbocks

Das Muschelhorn

Die Trommel

Federn

Sonstiges Zubehör

Hüter der Schwelle

Peterchens Mondfahrt

Einweihung: Das Erwachen in der Traumzeit

Heimdal, der germanische Schwellenhüter

Wölfe

Ganesha, der Elefant

Sphingen

Feuer, Wasser und Gesang

Feuer und Wasser

Das Zünden des Notfeuers

Wassergießen

Sensibles Wasser

Singsang, Satsang

Rauchweihung

Zunderschwamm und Kohle

Gerüche: Offenbarungen der Seele

Geruchssinn und Sexualität

In jedem Duft eine Gottheit

Düfte: Heimat der Seele

Die Kräuter in der Friedenspfeife

Essigbaum oder Hirschkolbensumach

Der Rauch der Ahnen

Beifuß, das Kraut des Übertritts

Das Kraut der Göttin Artemis

Sage, der falsche Beifuß

Wacholder, der Feuervogelbaum

Mariengras, der Duft der Göttin

Tannenharz, der Duft der Innigkeit

Opfergaben und Windhorn

Blumendarbietung

Aufladen von Kraftgegenständen

Opfergaben

Elfenneid, Elfengeschosse

Windhorn: Von der Ekstase zur stillen Meditation

Das Yedaki

Wie aus dem Didgeridoo das Windhorn wurde

Das rote Blut der Erde

Blutopfer

Substitution: Die Geistwesen lassen sich nicht foppen

Ocker

Andere sakrale Färbemittel

Blóta, der germanische Blutsegen

Tieropfer und Schlachten

Segnung

Zauber

Ocker für die Puja

Ausklang

Laechentum, das germanische Schamanentum

Weise Frauen und andere Schamanen

Wie heilte der Lachsner, die Lachsnerin?

Der Finger des Lachsners

Berufskräuter

Von den Geistern lernen

Wegerich, das Laechenblatt

Würmlein klein, ohne Haut und Bein

Wahre Halluzinationen

Krankheitsbringende Entitäten in indigenen nordeuropäischen Kulturen

Magische Helminthologie (Wurmkunde)

Wurm, Wurz und Wort

Die neun Kräuter Wotans

Feldthymian oder Quendel

Kamille

Entsorgung der Elbenwürmer

Der Durchzug der Perchten

Schneegeisterbesuch

Nachwort

Literatur

Dem Kundigen, der da in Nordhuglen, einer kleinen Insel südlich vor Bergen, vor ungefähr1600 Jahren diese Runen ritzte und rötete: Ek gudija ungandir.


Mammutgravierung aus der europäischen Altsteinzeit (Font de Gaume).

Heilung erfordert, tief in die Urgründe einzutauchen

»Und es ist notwendig, dass wir es trotzdem versuchen,

das Unsagbare zu sagen.

Und mein Hoffen dabei ist,

dass jeder Satz aus mehr besteht

als nur aus den Worten, die ihn bilden.«

Werner Sprenger, Das Höhlenbuch

Im Sommer veranstalte ich gelegentlich Heilkräuterkurse, Kräuterwanderungen oder Seminare. Dabei spaziere ich mit den Teilnehmern über die Wiesen und durch den Wald, lasse sie barfuß laufen, damit sie den lebendigen Erdboden, den frischen Tau unter ihren Füßen spüren, ermutige sie, an den Kräutern und Beeren zu riechen, sie zu betasten oder zu kosten, und erzähle die dazugehörigen Geschichten und Sagen. Meistens, wenn es passt und stimmig ist, feiern wir dazu ein einfaches Naturritual, eine so genannte Puja (»Pūdscha« mit langem u ausgesprochen). Man spürt sofort, dass es sich um ein uraltes Ritual handelt. Es verbindet mit der Landschaft, mit den Kräutern, Bäumen und Tieren. Das Ritual wirkt wie ein Schluck Wasser auf die dürstende Seele. Es hebt die Teilnehmer aus der Hast und den Spannungen des Alltags heraus und hilft ihnen, in das Wunder der Schöpfung einzutauchen.

Da ich immer wieder nach Sinn und Bedeutung des Puja-Rituals und nach der Art und Weise seiner Durchführung gefragt werde, habe ich mich entschlossen, dieses Buch zu schreiben. In den ersten Kapiteln geht es darum, den Ablauf des Rituals zu schildern und die Ritualgegenstände – Wasser, Feuer, Hirschgeweihe, Muschelhorn, Rötel usw. – im kulturanthropologischen Zusammenhang zu erläutern.

Eine Puja ist eine archaische, schamanische »Technik«, die einen sakralen Raum schafft, in dem sich die Seele der Natur manifestieren kann. Es ist eine feierliche Handlung, die es den Menschen ermöglicht, sich den tieferen Dimensionen des Seins zu öffnen, nämlich den Wesen, welche die »nicht alltägliche Wirklichkeit« bevölkern: den Naturgeistern, den Devas der Pflanzen und Tiere, den Ahnengeistern und Gottheiten. Diese Wesen reden ständig mit uns, wir haben nur verlernt oder vergessen zuzuhören: Puja hilft uns, besser zuzuhören. Puja hilft den Menschen, diese Wesenheiten zu spüren, sie zu erleben und vielleicht sogar zu »sehen«. Puja tut nicht nur dem Menschen gut; das Ritual ist auch »Nahrung« und Stärkung für die Natur und ein Segen für das Land. Es ist ein heilmachendes Ritual, ein Heilritual, oder wie die nordamerikanischen Indianer sagen würden: Es ist eine machtvolle »Medizin«. Es ist echte Magie.

Das Wort »Puja« ist indisch. Es entstammt einer obskuren dravidischen Sprache, die auf dem Subkontinent von den vorarischen, nichtvedischen Völkern gesprochen wurde. Der Begriff wurde aber bald ins Sanskrit entlehnt, die Sprache der Indogermanisch sprechenden arischen Einwanderer. Und obwohl ich den heute üblichen hemmungslosen Gebrauch von Fremdwörtern erschreckend finde, da es den inneren Zusammenhang einer Sprache zerreißt, habe ich mich in diesem Fall dennoch entschieden, diesen fremden Begriff zu übernehmen. Denn Worte wie Andacht, Gottesdienst, schamanisches Ritual, Zeremonie, Kulthandlung und dergleichen sind entweder nicht ganz zutreffend oder mit anderen Assoziationen belastet.

Germanische Wurzeln

Puja-ähnliche, schamanische Rituale gehören nicht nur den Hindus oder außereuropäischen Naturvölkern. Einst gehörten sie auch zu unserer eigenen indigenen Kultur, zur Kultur der Kelten, Germanen, Slawen und anderen früheuropäischen Völkern. Auch wir kannten ein auf eigenem Boden gewachsenes Schamanentum. Da es nicht mein Anliegen ist, weitere schwer verständliche Kulte aus fernen Ländern einzuführen, sondern die eigenen nährenden Wurzeln zu finden, versuche ich in diesem Buch einige der verschütteten Quellen unserer Kultur freizulegen. In einem anderen Werk, Die Pflanzen der Kelten (AT Verlag 2003), habe ich mich mit den vorchristlichen keltischen Wurzeln auseinander gesetzt. In diesem Fall wird der Schwerpunkt mehr bei den Germanen liegen. Denn bei diesen nordeuropäischen Völkern ist der schamanische Hintergrund besonders offenkundig. Die Hauptgottheit, Wotan (nordisch Odin, angelsächsisch Woden, wandalisch Guodan, alemannisch Woutan, Woutis) ist vor allem eine Schamanengottheit.

Der Lachsner oder die Lachsnerin, die traditionellen Heiler der germanischen Völker, heilten und zauberten insbesondere mit schamanischen Methoden. Mit diesen Heilmethoden und dem dazugehörigen Weltbild werden wir uns eindringlich befassen.

Die Germanen gehen uns ebenso an wie die Kelten oder die Römer, da ein Großteil des indigenen Volksbrauchtums – die Volksmedizin, die Sprachen, Märchen und Sagen, Jahresfeste, Aberglauben – in weiten Teilen Europas von ihnen geprägt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Beschäftigung mit der germanischen Kultur im deutschen Sprachraum leider zum Erliegen gekommen und ist, abgesehen von verunglimpfenden Schriften, praktisch tabu. Dafür sind nationalsozialistische Ideologen verantwortlich, die die »Germanen« zu »arischen Übermenschen« hochjubelten. Glücklicherweise sind die Gelehrten in anderen, vorwiegend germanischen Ländern nicht an dieses Tabu gebunden. Meine Quellen sind vor allem englische, amerikanische, belgische und skandinavische.1


Odin (Skizze von Lorenz Fröhlich, 1845).

Wer sind nun die Germanen? Es handelt sich um die Nachkommen der nordeuropäischen Megalithkultur (Trichterbecherkultur), jenes jungsteinzeitliche Bauernvolk, das vor fast 6000 Jahren die Hünengräber und Steinkreise aufstellte. Es sind die wahren nordeuropäischen Ureinwohner, die hiesigen Aborigines (Storl 2003: 56). Sie gehörten ursprünglich nicht zu den »arischen Völkerschaften« – den Proto-Kelten, Slawen, Balten, Illyrern, Latinern und Hellenen –, jenen ehemaligen Hirtennomaden, die zwischen dem 1. und dem 2. Jahrtausend in mehreren Wellen aus den westasiatischen Steppen einwanderten und sich in Europa niederließen. Zu den germanischen Stämmen, deren Urheimat sich von der Nordsee zur Ostsee und nach Südskandinavien erstreckte, gehören die späteren Dänen, Norweger und Schweden, die Angelsachsen, die die britischen Inseln besiedelten, die Friesen, Flamen und andere niederländische Ethnien, die Franken, die Frankreich seinen Namen gaben, die Alemannen, die heute in der Schweiz, im Elsass und im Bodenseeraum zu Hause sind, die Schwaben in Südwestdeutschland, die Bajuwaren, die den bayrisch-österreichischen Raum besiedelten, die Langobarden in Norditalien, die Burgunder, die zwischen Lyon und Genf ihr Königreich hatten, die Westgoten und Wandalen, die bis Südspanien zogen und dort den Adel stellten, die Ostgoten, die auf der Krim siedelten, und die Wikinger, deren Siedlungen sich von Island, Irland, Schottland, Grönland, Russland und vorübergehend bis Vinland (Nordamerika) erstreckten. In anderen Worten, sie sind ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Völkerschaften. Und wenn wir unsere eigenen lebendigen Wurzeln finden wollen, dann sollten wir uns mit ihnen befassen.

Eine neue Romantik

Schamanentum ist uralt. Es hat seine Wurzeln in der alten Steinzeit und ist noch immer Teil der Lebensweise der naturnahen Völker. Schamanentum fasziniert uns, denn auch in unserer schrillen, schnell lebenden, globalen Gesellschaft ist nicht alles Gold, was glänzt. Wie Vampire saugen wir das schwarze Blut der Erde aus, um die summenden, knatternden, rauschenden Maschinenroboter zu füttern, die unsere Wälder und Wildnisse schwinden lassen und Luft und Wasser verschmutzen. Und das Bewusstsein der Menschen, die wie Stallkaninchen in ihren Lebensumständen eingeengt sind, wird entsprechend bizarrer. Bewusstsein und Sein hängen zusammen. Terrorismus, Drogenabhängigkeiten, sexuelle Ausbeutung und Abartigkeit, das Ertrinken der Jugend in den virtuellen Realitäten einer elektronischen Unterhaltungs- und Ablenkungsindustrie sind die soziale Seite desselben Prozesses. Kein Wunder, dass im allgemeinen Bewusstsein, wie auch in der ethnologischen Wissenschaft, das Bild des Schamanen, des berufenen und befähigten Urheilers, immer stärker in den Vordergrund rückt. Das zunehmende Interesse am Schamanentum stellt so etwas wie eine Rückbesinnung dar, ein Anfragen bei denen, die (vermutlich) noch wissen, wie man im Einklang mit sich selbst und mit der Natur lebt. Es geht darum, sich befruchten zu lassen von den Ursprüngen, so dass man neu geboren werden kann.

Zugegeben, es ist ein romantisches Bild, das in diesen Gedankengängen beschworen wird. Zugegeben, in mir - wie auch in der Seele vieler Ethnologen, die andere, einfühlsamere, einfachere Lebensweisen kennen gelernt haben - schlummert ein Romantiker. Novalis, Hölderlin, Wordsworth, Coleridge, Emerson, Thoreau sind mir nicht fremd, und die Gebrüder Grimm verehre ich geradezu.

Aber ist der romantische Idealismus nicht längst überholt? Haben uns nicht Kolonialismus und die Härte der industriellen Revolution, linker und rechter Totalitarismus, die Weltkriege mit ihrem Terror, Wirtschaftsnot, globale Marktzwänge und dergleichen unsanft aus dem romantischen Traum geweckt? Was ist aus dem sauvage noble, dem »edlen Wilden« des Jean-Jacques Rousseau, aus dem »wilden Naturkind« des Südseeforschers Louis Antoine de Bougainville geworden? Die hungernden, bettelnden, in Lumpen gehüllten, im Plastikmüll erstickenden, Drittwelt-Slumbewohner haben seinen Platz eingenommen. Für den modernen Intellektuellen ist die Romantik, auch in ihrer seichten Neuauflage als »New Age« und Esoterik, wirklichkeitsfremde Schwärmerei.

Realisten warnen uns: Schauen wir den Tatsachen, den wissenschaftlich bewiesenen, konkreten Fakten ins Gesicht. Welchen Sinn haben steinzeitliche, archaische Ideen und Techniken in einer überbevölkerten, naturdegradierten Welt? Die Bedingungen sind heutzutage gänzlich andere. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind auf dem Weg in eine brave new world.

Aber ganz so ist es auch nun wieder nicht. Das Wissen der Naturvölker und der Steinzeitmenschen geht uns mehr an, als wir denken. Unsere Urgeschichte und das Leben in den Wäldern und Tundren haben uns grundsätzlich geprägt. Wir müssen das verstehen, um uns selbst zu verstehen. Die so genannte Steinzeit kündigte sich vor ungefähr 3 Millionen Jahren mit behauenen Steinwerkzeugen an; vor 1 Million Jahren brannten die ersten Lagerfeuer; vor rund 300000 Jahren trugen die Neandertaler schon genähte Lederkleidung und bestatteten ihre Toten mit Blumen, rotem Ocker und Grabbeigaben. Ja, unsere kulturellen Wurzeln gehen tief, tiefer als die vor erst knapp 10000 Jahren gegründeten ersten sesshaften Siedlungen, tiefer als die vor 2500 Jahren gegründete »ewige Stadt« Rom. In der alten Steinzeit wurzeln unsere Sprachen und die Symbole, mit denen wir das Wunder unseres Daseins zu umschreiben und zu begreifen versuchen. Grundtechniken des Wohnens und Jagens, Märchenmotive, Kinderspiele und viele Elemente unserer Heilkunde, vom Kräuterwissen bis zur Schwitzhütte, gehen auf die paläolithische Urzeit zurück. Ebenso das Schamanentum, das Wissen um den Umgang mit den Geistwesen, die in der Natur, hinter der Oberfläche wirksam sind. Der Mensch kann es sich nicht leisten, diese, sein Wesen bestimmende Prägung zu ignorieren. Er kann es sich nicht leisten, sich von dem spirituellen Hintergrund, von der Erde und der Natur abzusondern, ohne dem Wahn und der Zerstörung zu verfallen.

Facetten der Wirklichkeit

Schamanentum ist keine Religion im Sinne der großen Glaubenssysteme. Diese sind erst spät entstanden und beruhen auf charismatischen Stifterpersönlichkeiten, deren Lehren es zu glauben gilt. Schamanentum hat aber nichts mit Glauben zu tun, sondern mit Erfahrung. Ein Schamane ist jemand, der die Begabung hat und die Techniken beherrscht, um mit den Geistwesen, den Gottheiten und Dämonen umgehen zu können. Dazu gehören Methoden – Trommeln, Tanzen, Trance induzierende Entheogene2, Fasten, Enthaltsamkeit, Askese usw. –, die den Zugang zu diesen Dimensionen öffnen. Der Schamane, der in diese Dimension hineinschlüpft, hat auch gelernt, wie man mit den Geistwesen umgeht, wie man mit ihnen verkehrt, wie man sie dazu bewegt, sich den Menschen gegenüber freundlich und wohlwollend zu verhalten. Berufene Schamanen arbeiten in der »Traumzeit«, in der nichtstofflichen »Anderswelt«, im Bereich des Werdenden und nicht - wie unsere Wissenschaftler es tun - im Bereich des Gewordenen. Sie wirken, wie es in dem sehr alten, schamanisch geprägten Text des Tao-Te-King heißt, in der »Leere«, nach dem Prinzip:

»Handle, ehe es da ist,

Lenk es, ehe es wirr wird …

Der Weise (der Schamane)

geht zurück den Weg, den die Menschen gingen

um den Dingen zurückzuhelfen zu ihrer Natur

und wagt nur eines nicht: wider die Natur zu handeln.«

Lao-tse, Tao-Te-King, 64; Übersetzung Ernst Schwarz

Einer der Grundsätze der Kulturanthropologie ist es, dass jede Gesellschaft ihre eigene Wirklichkeit konstruiert. Auch die facts, die vermeintlich bewiesenen Tatsachen, an die wir uns festklammern, erweisen sich als eine »kulturelle Konstruktion der Wirklichkeit«, als Vorstellungen (Schopenhauer), als Maya oder Illusion, wie die Inder sagen. Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte macht das deutlich: Die Feststellungen von heute sind die Irrtümer von morgen. Das Gebäude unserer Realität ist, wie die australischen Eingeborenen sagen würden, ein »Traum«, der sich vermaterialisiert hat; es ist der verdinglichte, verdichtete, dingfest gemachte Gedanke, wie einst die Germanen glaubten. In unseren Träumen, durch unsere Wünsche, Gedanken, Entscheidungen, durch unsere Opfer und Anstrengungen schaffen wir die Wirklichkeiten, in denen wir leben. Die mentale oder körperliche Handlung (Sanskrit Karma, »Tat«) wird zur Ursache unseres Schicksals. Das materialistische, experimentalwissenschaftliche Weltbild, welches die absolute Wirklichkeit des modernen Bürgers ausmacht, ist letztlich auch eine Traumwirklichkeit. Es ist der kollektive Traum, der Spell3, die Verzauberung dieser heutigen Zivilisation. Es ist ein unduldsamer Traum, der für sich den Alleingültigkeitsanspruch erhebt.

Der Traum ist vorerst etwas Geistiges. Erst wenn sich die Gesellschaft diesem Traum hingibt, ihn lebt und verwirklicht, dann nimmt er Fleisch und Blut an, dann wird er materiell konkret. Es gibt Träume, die – wenn verwirklicht – das Leben schöner, angenehmer, glücklicher machen. Es gibt auch Träume, die, wenn sie ausgelebt werden, leidvoll und destruktiv wirken. Es scheint, als ob der Traum der modernen materialistisch geprägten, technokratischen Welt kein guter Spell ist, denn er hinterlässt viel Leid und Zerstörung: Pflanzen und Tiere sterben aus und verlassen die Erde für immer; die Kulturen der kleinen traditionellen Stämme und Völker werden zerstört; Sprachen, von denen jede eine einmalige kostbare Sicht der Welt beinhaltet, verschwinden.

Schamanische Rituale, wie auch die Puja, können dazu dienen, aus einem Alptraum aufzuwachen. Es ist möglich, weil das Ritual das Bewusstsein in die geistige Dimension hineinträgt, festgeronnene Konturen auflöst und erstarrte Seelen für neue Inspirationen öffnet. Woher kommen die Inspirationen? Sie kommen aus den geistigen Dimensionen, aus der »Leere«, aus dem Bereich des Potenziellen, des Möglichen, aber noch nicht materiell Kondensierten. Sie kommen von den Göttern, Engeln, von den Elfen, Zwergen und anderen Geistwesen der Natur, die uns umgibt; sie werden uns von den Urahnen zugeraunt, von jenen Vorfahren, die Sorge um jene trugen, die nach ihnen kommen und in denen ihr Lebensblut weiterfließt. Diesen gilt es sich zu öffnen. Diese gilt es um Rat zu bitten. Den Indianern, Tibetern, australischen Aborigines, all diesen Völkern, die treu an altbewährten geistigen Wahrheiten und heiligen Ritualen festhielten, gilt unser Respekt und auch unser Dank, denn sie erinnern uns an vieles, was wir vergessen haben. Sie können uns Anregungen geben. Aber ihre Brauchtümer, Lebensweise und ihre Rituale gehören ihnen und sind, wie sie, eingebettet in der sie umgebenden Natur. Viele indianische Medizinmänner, die ich kenne, sind entsetzt, wenn man ihre Rituale nachmacht: »Findet eure eigenen Wurzeln«, mahnen sie, »verbindet euch mit der Spiritualität, die in eurem Land in der freien Natur vor euren Augen ausgebreitet ist.«

In diesem Buch nehmen wir den gut gemeinten Rat an. Wir gehen in den Wald, wir suchen das Wissen der einheimischen Völker, der Kelten, der Slawen, der Romanen und vor allem der Germanen. Wir versuchen, uns mit ihren Götterimaginationen, ihren hellsichtigen Visionen zu verbinden. Wir nehmen Kontakt mit den Naturgeistern, Zwergen und Elfen auf, die in den hiesigen Wäldern, Wiesen und Matten, den Bergen, Tälern und Flüssen zu Hause sind. Voller Ehrfurcht wenden wir uns der Erde zu, jener Erde, in der die Knochen der Verstorbenen - unsere eigenen Vorfahren - ruhen. Spiritualität, die nicht mit der umgebenden Natur und mit den eigenen Ahnen verbunden ist, bleibt blutleer und abstrakt; sie ist etwas für das Hirn, aber nicht für den Bauch, die Leber, die Füße.

Verschwinden und Wiederkehr der Geister

Aufgabe der Wissenden und Weisen der alteuropäischen Völker, der keltischen Druiden oder der hellsichtigen Schamaninnen der Germanen war es, die Beziehung zu der Welt der Geistwesen auf gute Weise zu regulieren. Es war ihre Angelegenheit, dass der »Traum«, der Spell, der die Gesellschaft in seinem Bann hielt, ein guter blieb. Die christlichen Missionare, die die nordeuropäischen Waldlandvölker bekehrten – bei ihnen handelte es sich oft um zum Christentum bekehrte ehemalige keltische Druiden –, kannten diese Wesen sehr gut und zweifelten nicht an ihrer Existenz. Die christlichen Glaubensverkünder brachten, davon waren sie überzeugt, einen neuen guten Zauber, einen »guten Spell« – so nannten sie das Evangelium einen good Spell oder, im modernen Englisch, Gospel. Um die Einmaligkeit des Christus hervorleuchten zu lassen, erklärten sie viele alte Götter zu Dämonen und Teufeln; aus Freya wurde Maria, und altes Brauchtum, wie die Kräuterweihe, das Lichtmessfest und Wochenbettbräuche, wie das »Frauenstroh«4, wurden auf sie übertragen; an Donar/Thors Stelle trat der Petrus oder der Streiter wider den Drachen, Michael; andere alte Gottheiten wandelten sich zu christlichen Heiligen und Märtyrern, oder nahmen wenigstens deren Stelle ein; die Wichtel, Feen, Elfen und anderen Wesen der niederen Mythologie blieben im Volkschristentum ungeschoren.

Erst im späten Mittelalter, nachdem die fanatischen Katharer (griechisch katharoi, »die Reinen«) die im Volkschristentum übrig gebliebenen Reste des Heidentums anprangerten, Ehe, Eid, Bilder und Reliquienverehrung ablehnten und den absoluten Gegensatz zwischen Gott und Satan formulierten, änderte sich das. Die verunsicherte römische Kirche reagierte mit der Einführung der Inquisition, um diese Ketzer zu bekämpfen, übernahm aber zugleich auch deren dualistisches Weltbild. Schließlich wollte man nicht die Anschuldigung auf sich ruhen lassen, man sei zu lax mit dem Teufelstreiben. Nach der Unterdrückung des Ketzertums ging man vehementer gegen »Aberglauben« und Hexerei vor, bei der es sich lediglich um Reste eines indigenen keltischen oder germanischen Schamanentums handelte.

Der pferdefüßige »Teufel«, der dem Bauern gelegentlich über den Weg lief, der so genannte Klaubauf, der Hans-spring-ins-Feld, der grüne Junker, der Hinkefuß, der Heinrich, der schillernde Kavalier, der wilde Jäger, war wohl eher einer der vielen rauen, neckischen Naturgeister5, die seit heidnischen Zeiten bekannt waren. Diese armen Teufel trieben Schabernack und konnten die Menschen plagen, zugleich aber hatten sie Angst vor Johanniskraut, Quendel und Dill, vor Weihwasser und Lauch. Dem klugen Bauer gelang es fast immer, sie zu überlisten; und gelegentlich verschenkte ein solcher Waldteufel dem Wanderer Rossäpfel, die sich in Gold verwandelten. Aus listigen Waldschratten wie diesen wurde – in der Zeit der Inquisition und Hexenverfolgung – der mächtige »Fürst dieser Welt«, der Gegengott, Satan, gegen den einzig und allein die Kirche Schutz bieten konnte. Ein für die Kirche profitables Monopol! Mit den Menschen, die in alter Manier mit den Naturgeistern Umgang zu pflegen wussten, räumte die Inquisition auf. Sie wurden als Hexen verfolgt; viele wurden verbrannt.


Mittelalterliche Vorstellung von Teufeln (aus Jacobus de Teramo, Das Buch Belial).

Ebenso radikal verfuhr die darauf folgende Aufklärung. Sie machte tabula rasa, reinen Tisch, indem sie die Geistwesen vollkommen leugnete. Die rationale Aufklärung war der neue spell der westlichen Welt. Der Hohepriester und Visionär der neuen experimentellen Wissenschaft war Frances Bacon, ein ehemaliger Staatsanwalt bei Hexenprozessen. Er und seine Genossen, wie Descartes oder Newton, leiteten die Entmythologisierung der Welt ein. Für sie war die Welt eine Maschine, die nach materiellen, mechanisch-mathematischen Prinzipien funktioniert. Nachdem Gott, der kosmische Uhrmacher, die Weltenmaschine konstruiert hatte, zog sich dieser ins Nebulöse zurück. Erkenntnis hieß nun, die Logik der Konstruktion dieser Weltenmaschine zu verstehen. Keine Götter hielten mehr die Planeten in ihrer Bahn, sondern mechanische Gesetze; keine Wichteln oder Elfen treiben das Pflanzenwachstum voran, sondern chemische Reaktionen. Geister und Götter hatten ausgedient, es gab sie nur noch im Aberglauben alter Weiber, als Zeichen mentaler Verwirrung, bedingt durch Fehlfunktionen im Stoffwechsel des Hirns, oder als die irreale subjektive Fantasie der Künstler und Poeten. Es war der Traum einer leblosen, stofflichen Welt, geboren in toten Labors – ein tödlicher Traum für die Seele und für die lebendige Natur.

Die Romantiker lehnten sich auf. Sie wussten besser. In der »Walpurgisnachtszene« seines Faust lässt Goethe den empörten Rationalist, den Proktophantasmist (»Mastdarmgeisterseher«)6 über das Geistertreiben schimpfen:

»Seid ihr immer noch da! Nein, das ist unerhört.

Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt!

Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel.

Wir sind so klug, und dennoch spukt’s im Tegel.

Wie lange hab’ ich nicht am Wahn hinausgekehrt,

Und nie wird’s rein; das ist doch unerhört!«

Inzwischen hat sich wenig geändert. Noch immer tut sich die offizielle, materialistisch-positivistische Wissenschaftsideologie mit der Existenz der Geistwesen schwer, versucht sie zu psychologisieren, etwa als Projektionen verdrängter oder unbewusster psychischer Inhalte, oder auf biochemische Prozesse im Hirn selbst zu reduzieren, oder als Energiefelder zu definieren. Und dennoch kommen sie wieder – heimlich, unerkannt, und da niemand da ist, der mit ihnen richtig umgehen kann, zunehmend destruktiv. Sie haben Schlupflöcher, Ritzen gefunden in der Mauer, die uns schützen soll. Sie fluten in Gestalt von Orcs, ETs und Monstern aus dem All, als Gremlins, Killerbienen, als Goofys und Mickey Mäuse, als destruktive Enten, als Woody Woodpecker oder als Horrorfiguren durch die Kanäle der Medien, der Videospiele, Fernsehsendungen, Computerspiele, Gameboys, Werbespots. Hemmungslos schleichen sie sich in die Seelen der Kinder und bevölkern diese. Sie suchen sie heim in Fantasien, und vor allem nachts in den Träumen. Unruhig schlafen die Kleinen dann, sie schrecken oft auf.7 Kinder kennen keine objektive Distanzierung: Für die Seele sind die Bilder real, sie leben weiter in der inneren Seelenlandschaft; wie unsichtbare Würmer kriechen sie durch die Psyche; ohne dass der Betroffene es merkt, beeinflussen sie das Verhalten, die Stimmung, das Denken und das Entscheiden. Besonders verheerend wirken die von Produzentenehrgeiz und Profitgier motivierten Hollywood-Streifen. Um die Faszination8 auf das Publikum zu stärken, werden alle Register gezogen, was Brutalität und Perversionen betrifft. Wie viele Menschen können sich noch dem fröhlichen Planschen im Meer hingeben, nachdem sie Spielbergs Horrorfilm über den Weißen Hai gesehen haben? Wer wagt es noch heutzutage, nachts in den Wald zu gehen, wie einst Schiller oder Goethe, um im fahlen Mondlicht zu lustwandeln? Unsere Zeitgenossen könnten es nicht einmal, wenn sie wollten, denn unbewusst und heimtückisch schwimmt der Killerhai unter der Oberfläche, und im dunklen Gebüsch lauert möglicherweise die Blair Witch, der Psycho-Killer oder ein sonstiges unsichtbares Unheil. Ja, in dieser Gestalt erscheinen sie, die verdrängten, verleugneten Andersweltlichen, und rauben den Menschenkindern ihren inneren Frieden.

45,58 ₼
Yaş həddi:
0+
Həcm:
460 səh. 118 illustrasiyalar
ISBN:
9783038001317
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı: