Kitabı oxu: «Die Aussenseiter und die Rache des Poltergeists»
Kapitel 1• Tennis und andere Probleme
Kapitel 2• Planeten ohne Sonne
Kapitel 3• Café "La Cuisine"
Kapitel 4• Wieder im Buchladen
Kapitel 5• Kleinere und größere grüne Punkte
Kapitel 6• Die Komtesse lässt nicht bitten
Kapitel 7• Geisterstunde
Kapitel 8• Wie man einen Poltergeist loswird
Kapitel 9• Mit offenen Augen in die Gefahr
Kapitel 10• Schwarze Engel und unterbrochene Träume
Kapitel 11• Traum und Realität I
Kapitel 12• Der Poltergeist
Kapitel 13• Wut und Erkenntnis
Kapitel 14• Maria
Kapitel 15• Unerwünschte Verwandtschaft
Kapitel 16• Das Wesen
Kapitel 17• Traum und Realität II
Kapitel 18• Plan B
Kapitel 19• Befallen
Kapitel 20• Mut ist, wenn man es trotzdem macht
Kapitel 21• Erstens kommt es anders ...
Kapitel 22• Pyjamaparty eins, die Zweite
Kapitel 23• Erwischt
Kapitel 24• Stimmen im Nebel
Kapitel 25• Getrennte Wege
Kapitel 26• Wieder im Keller
Kapitel 27• Irrwege
Kapitel 28• Von der Liste
Epilog
Impressum
Impressum neobooks
Nicole Fünfstück
Die Aussenseiter
Und die Rache des Poltergeists
"Und wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan losgelassen werden aus seinem Gefängnis und wird ausziehen, zu verführen die Völker an den vier Enden der Erde, Gog und Magog, und sie zum Kampf zu versammeln; deren Zahl ist wie der Sand am Meer.“
Neues Testament, Johannes Offenbarung 20.7 ff
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Kapitel 1• Tennis und andere Probleme
Als ich nach Hause kam und in die Wohnung trat, beschlug meine Brille dermaßen, dass ich sie abnehmen musste, damit ich etwas sehen konnte. Ein Grund mehr, den Winter zu hassen. Kälte war überhaupt nicht mein Ding. Ebenso wenig wie heftige Wärme, wenn ich es mir richtig überlegte. Ich war kein Mensch für Extreme, sondern eigentlich eher der mittelmäßige, laue, langweilige Typ. Eigentlich. Ich legte die Brille auf unseren zitronengelben Schuhschrank und wehrte Kleine, meine Katze, ab, die mich überschwänglich begrüßte, was mich vermuten ließ, dass meine Mutter nicht zuhause war. Seit ich wusste, dass es Dinge gab, die sich durch geschlossene Fenster, Türen und Wände nicht aufhalten ließen, war ich zwar nicht gerne alleine in der Wohnung, doch heute war es mir sogar recht. Ich hatte keine Lust, Rede und Antwort zu stehen. Außerdem gewöhnte man sich an alles.
Meine Mutter war vermutlich noch im Museum. In ein paar Tagen sollten die magischen Artefakte ausgestellt werden, die man nach dem Abriss des Thorstensen Hauses, in dessen Kellerräumen gefunden hatte. Gleichwohl meine Mutter es inzwischen so einrichtete, dass sie abends rechtzeitig zu Hause war, um zu kochen, war ich mir da heute nicht so sicher. Je näher die Eröffnung der Ausstellung rückte, desto nervöser wurde sie. Obwohl nur klein, war es doch die erste Ausstellung, die sie organisierte, seit wir hierher gezogen waren. Einige persönliche Besitztümer von Cecile von Kastanienburg, geborene Schönbrunn, die der Altgraf von Kastanienburg kurz vor seinem Tod dem Museum gestiftet hatte, würden ebenfalls ausgestellt werden. Da das Thorstensen Haus früher im Besitz der von Kastanienburgs gewesen war, fand meine Mutter, dass dadurch alles prima zusammenpasste. Was vollkommen richtig war, denn auch die magischen Artefakte hatten Cecile gehört. Das wusste meine Mutter allerdings nicht.
Cecile von Kastanienburg war die erste Wächterin unserer Stadt gewesen, mit einem besonderen Gen geboren, welches es ermöglichte, dunkle Wesen aufzuspüren und zu bekämpfen. Allerdings hatte Cecile es vermasselt. Bei dem Versuch, ihre Fähigkeiten zum eigenen Vorteil zu nutzen, hatte sie ungewollt einen Dämon erschaffen, und obwohl sie ihn am Ende zumindest hatte bannen können, war ihr der Wächterinnenstatus aberkannt worden. Ihr und all ihren Nachkommen. Und hier komme ich ins Spiel. Meine Urgroßmutter Carmen, ebenfalls eine Wächterin, war mit ihrem Mann lange nach Ceciles Degradierung in diese Stadt gezogen. Sie gründeten nicht nur unsere Familie, sondern Uroma Carmen vererbte mir auch das Gen der Wächter.
Ich zog die Handschuhe aus, stopfte sie in meine Jackentasche und bückte mich, um Kleine endlich ausgiebig zu streicheln, was mich heute zwar nicht in bessere Laune versetzen konnte, aber zumindest tauten dabei meine Finger wieder auf. Die Katze lag inzwischen auf dem Rücken und schnurrte laut und wie immer entlockte sie mir damit ein Lächeln. Nach einer Weile erhob ich mich und ging hinüber zum Wandschrank, um die Jacke aufzuhängen. Als ich ihn öffnete, stieg mir ein leichter Weihrauchduft in die Nase. Wahrscheinlich hatte meine Mutter etwas gesucht und dabei die Kiste mit der Weihnachtsdeko geöffnet, die hier, bereits seit Tagen, auf ihren Einsatz wartete, obwohl es bis zum ersten Advent noch eine Woche hin war.
Der Keller des Thorstensen Hauses kam mir in den Sinn. Auch hier hatte es stellenweise nach Weihrauch gerochen. Ich schauderte. Niemand außer meinen Freunden Noah Ahadi, Jo Dräxler und mir wusste, dass sich in dem Gang, der einen der Kellerräume mit dem Anwesen der von Kastanienburgs verband, ein verbotenes Tor befunden hatte, ein Nebenprodukt von Ceciles Experimenten. Nachdem Ceciles Dämon unbeabsichtigt von mir befreit worden war, hatte er Kinder ermordet und im Keller des Thorstensen Hauses zum ersten Mal versucht, auch uns umzubringen. Zum Schluss hatten wir ihn allerdings besiegt. Um ihn zu erledigen, waren Jo, Noah und ich gezwungen gewesen, um Mitternacht auf einem Friedhof zu sein. Leider hatten wir es nicht geschafft, ihn zu vernichten, ohne dabei selbst verletzt zu werden und waren im Krankenhaus gelandet. Das war unseren Eltern natürlich nicht verborgen geblieben und so war herausgekommen, dass wir sie belogen und die Nacht nicht, wie behauptet, als Gäste bei Sylvia von Kastanienburg verbracht hatten. Ich verstand bis heute nicht, wie sie überhaupt hatten glauben können, dass Sylvia uns wie ihresgleichen behandelte, aber das lag wohl daran, dass sie Sylvia nicht kannten. Jedenfalls hatten unsere Eltern, die natürlich nichts von dem wahren Grund unserer „Friedhofsmutprobe“ wussten, uns daraufhin mit einem sehr ausgedehnten Hausarrest bedacht.
Meine Mutter hatte mir vor einiger Zeit angeboten, diesen aufzuheben, wenn ich mich zur Aufnahmeprüfung für die Tennismannschaft unserer Schule anmeldete. Als würde es nicht reichen, dass ich Sylvia von Kastanienburg, die Mannschaftskapitänin, täglich im Unterricht ertragen musste. Ich hatte mich ziemlich lange geweigert, doch gestern hatte meine innere Wächterin, der Teil von mir, den ich erst hören konnte, seit ich herausgefunden hatte, dass ich eine Wächterin war, darauf bestanden. Während unseres Gefechts auf dem Friedhof war nämlich ein heftiges Gewitter niedergegangen und das konnte nur bedeuten, dass ein neues, mächtiges schwarzes Wesen in unsere Dimension eingedrungen war. Ich musste es also finden und vernichten, was aber unmöglich war, wenn ich die Wohnung nicht verlassen durfte. Deshalb hatte ich mich heute Nachmittag zähneknirschend zum Tennisclub begeben. Dem Wesen war ich dadurch natürlich keinen Schritt näher gekommen. Rein theoretisch hatte ich die Fähigkeit, dunkle Wesen zu erkennen, aber die musste ich zuerst trainieren und mein erster Dämon, der von Cecile erschaffene Kindermörder, hatte sich mir von selbst gezeigt. Daher hatte ich bis jetzt keine Möglichkeit, mich im Aufspüren zu üben. Es wurde also Zeit.
>Wohl wahr<, meldete sich die Wächterin zu Wort. >Und hör auf, so ein Drama aus dem Beitritt zum Tennisteam zu machen! Du spielst wesentlich besser als Sylvia. Und das weißt du auch.<
»Ja«, erwiderte ich. Wenn uns niemand zuhörte, konnte ich ihr in normaler Lautstärke antworten, ohne wie eine Irre zu wirken, die Selbstgespräche führte. »Und dafür wird sie mich nicht gerade lieben. Seit ihr klargeworden ist, dass Noah es vorzieht, mit Jo und mir befreundet zu sein, ist ihre Zunge noch spitzer geworden.«
>Dann wird es Zeit, dass du etwas dagegen tust, findest du nicht?<, fragte die Wächterin genervt.
Sie hatte natürlich recht, doch bevor ich mich Sylvia entgegenstellte, jagte ich lieber ein weiteres dunkles Wesen. Aber selbst das ging gerade nicht, denn dafür brauchte ich die Hilfe meiner Freunde und Jo hatte immer noch Stubenarrest. Ich vermutete, dass Frau Dräxler, Jos Mutter, überhaupt nicht damit klarkam, dass ihr gehbehinderter Sohn, der bisher seine Freizeit lesend auf seinem Bett verbracht hatte, mit einem Mal nachts auf Friedhöfen abhing. Da sie außerdem Noah und mir verbot, Jo zu besuchen, ging ich davon aus, dass sie uns die Schuld an Jos Wandel und der nächtlichen Aktion gab. Ganz Unrecht hatte sie da nicht. Ich konnte zwar nichts dafür, dass ich den Dämon nur um Mitternacht und auf dem Grab seines ersten Opfers hatte vernichten können, aber ohne mich wäre Jo erst gar nicht auf Dämonenjagd gegangen. Er hatte zwar eine große Klappe, doch er war, wie er selbst gesagt hatte, immer etwas knapp an Freunden gewesen, mit denen er Blödsinn hätte anstellen können. Und dann waren Noah Ahadi, der mit seinen Eltern aus Afghanistan geflüchtet war, und ich in seine Klasse gekommen und sofort zum neuen Angriffsziel der Klassenschläger geworden. Zusammen mit Jo, der ganz oben auf ihrer Abschussliste stand, hatten wir uns bereits am ersten Tag gegen sie verteidigen müssen. Das war der Beginn unserer Freundschaft gewesen.
Kleine riss mich aus meinen Erinnerungen. Sie hatte sich in einen Wollschal verwickelt, der am Boden des Schranks lag und versuchte, sich nun mit allen Mitteln daraus zu befreien. Ich bückte mich, zog ihre Krallen aus den Maschen und legte die zappelnde Katze frei. Kopfschüttelnd scheuchte ich sie aus dem Schrank, besah mir den Schaden am Schal, der zwar etwas gerupft aussah, aber meiner Meinung nach noch tragbar war, und schloss die Schranktür. Nicht ohne Kleine, die einen zweiten Angriff plante, mit dem Fuß daran zu hindern wieder in den Schrank zu klettern.
Als Kleine aufgab und entspannt Richtung Küche und Futternapf sprang, atmete ich erleichtert auf. Mir war gar nicht aufgefallen, wie verkrampft ich gewesen war. Jedes Mal, wenn ich unsere Wohnung betrat, rechnete ich unbewusst mit dem Schlimmsten, denn ich hatte hier mehrmals Begegnungen mit der dunklen Art gehabt und ich entspannte mich erst, wenn Kleine keinen Grund zur Sorge zeigte. Die Katze war zwar erst knapp ein Jahr alt, aber trotzdem der perfekte Dämonendetektor. Wenn für sie alles in Ordnung war, dann war es das für mich auch. Ich schickte ein Dankgebet an denjenigen, der Kleines Wege mit den meinen verknüpft hatte. Kurz nachdem wir hierhergezogen waren, hatte sie maunzend vor der Haustür gesessen. Ein Fellball, erst ein paar Wochen alt, und es war unmöglich gewesen, sie nicht sofort zu lieben. Meine Mutter hatte mir erlaubt sie zu behalten, damit ich nach der Scheidung und dem Umzug in diese Stadt nicht so alleine war.
Ich zog die Schuhe aus, stopfte sie in den Schuhschrank und ging durch den Flur zu meinem Zimmer. Die Tür war nur angelehnt und obwohl das Schutzamulett, das ich an einer Kette um den Hals trug, nicht warm wurde, zog ich es unter meinem Pullover hervor, um einen Blick darauf zu werfen. Prima, es leuchtete nicht. Es war also wirklich alles in Ordnung. Während ich das Amulett zurück an seinen Platz gleiten ließ, fiel mein Blick auf die Innenfläche meiner rechten Hand. Eine glänzende runde Narbe, etwa so groß wie ein Tischtennisball, prangte dort. Sie stammte von dem dämonischen Samenkorn, das ich auf dem Friedhof versehentlich ohne Handschuhe berührt hatte. Inzwischen war sie zwar verheilt, doch es hatte lange gedauert, bis es so weit gewesen war. Magische Narben entzogen sich anscheinend der modernen medizinischen Erkenntnisse.
Ich hatte mir gerade eine Scheibe Brot mit Leberwurst gemacht, als mein Handy klingelte. Es war Jo.
»Hallo Fremder.« Ich hievte mich auf unsere Kücheninsel und biss in mein Brot.
Jo ignorierte den Gruß und legte gleich los: »Vulkanchen, du glaubst nicht, was gerade passiert ist!«
Ich verzog das Gesicht. Jos Spitzname für mich resultierte aus seinem unerschütterlichen Glauben daran, dass in mir ein Vulkan schlummerte und obwohl ich mich inzwischen daran gewöhnt hatte, fand ich ihn immer noch nicht berauschend.
Bevor ich dazu kam, etwas zu sagen, sprach Jo bereits weiter: »Als ich vorhin mit meiner Mutter in der Stadt gewesen bin, haben wir Pater Daniel getroffen. Er hat mich begrüßt und dann nach dir und Noah gefragt. Als ich ihm sagte, dass ich immer noch Hausarrest hätte, hat er es mit ein paar gut gewählten Worten geschafft, meine Mutter davon zu überzeugen, dass sozialer Einsatz viel besser ist, als Hausarrest. Und dann hat er nebenbei fallen lassen, dass eine Bekannte von ihm dringend jemanden bräuchte, der ihr hilft, Bücher zu katalogisieren. Rate mal, wer diese Bekannte ist! Vulkanchen, ich bin fast frei! Der Hausarrest ist für die beiden Tage aufgehoben, an denen ich Mathilde helfe, ihre Bücher zu ordnen. Jetzt musst du dich nur noch im Tennisclub anmelden und wir können wieder loslegen.«
Ich lächelte. Pater Daniel wusste nicht nur, dass ich eine Wächterin war, sondern hatte uns auch schon mehrfach geholfen. Und Mathilde? Mein Lächeln wurde noch breiter und ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus. Mathilde war eine Freundin von Pater Daniel, das stimmte, aber sie war auch so viel mehr. Sie war die Hüterin des Wissens, und bis jetzt hatte noch jede Wächterin der Stadt den Weg zu ihr gefunden. In ihrem Buchladen, versteckt in einem Turm, der innen höher war als außen, befand sich der Raum der Bücher. Seine Wände waren mit gefüllten Bücherregalen bedeckt, die bis fast unter die Decke reichten, und es gab dort einen magischen Karteikasten, der mit Hilfe von Querverweisen zu den Büchern jede Frage beantwortete, die eine Wächterin oder ihre Helfer haben konnten. Plötzlich hatte ich den dringenden Wunsch, das alles wiederzusehen. Wir waren viel zu lange nicht mehr dort gewesen.
»Vulkanchen?« Jos Stimme holte mich zurück in die Wirklichkeit.
»Ich habe mich schon angemeldet, direkt nach der Schule.« Ich fuhr fort, bevor Jo etwas erwidern konnte: »Und ich frage mich, ob du Pater Daniel auch dann begegnet wärst, wenn ich es nicht getan hätte.«
»Du meinst, es geht wieder los?«
Ich konnte sowohl Aufregung als auch Unbehagen in Jos Stimme hören.
»Nichts passiert zufällig«, erinnerte ich ihn. »Ich glaube, durch den Entschluss weiterzumachen, habe ich alles wieder in Schwung gebracht. Wenn ich nämlich ganz ehrlich bin, war ein Grund für meine Weigerung, mich im Tennisclub anzumelden, dass ich mich so keinem neuen Wesen stellen musste. Der Hausarrest hat es verhindert.«
>Hört, hört!<, ließ sich die Wächterin vernehmen.
Ich ignorierte sie und sprach weiter: »Es ist, wie Domino spielen. Der erste Stein bringt alles ins Rollen.«
»Und da ist sie wieder, die Gänsehaut der Vorahnung, die ich so vermisst habe.« Jo seufzte dramatisch.
Ich musste lachen. »Ich werde mal Noah anrufen und ihm mitteilen, dass morgen der Buchladen auf dem Programm steht, nur für den Fall, dass er was anderes vorhat.«
»Ach komm, Vulkanchen, was soll Noah schon vorhaben?«, erkundigte sich Jo. »Der wird begeistert sein, dass endlich wieder etwas Interessantes ansteht!«
Ich war mir da nicht so sicher. Im Gegensatz zu mir, die mit einer dicken Brille und fest betonierter Zahnspange gestraft war, war Noah, mit seinen schwarzen Haaren und leicht schrägen, dunklen Augen, attraktiv. Und im Gegensatz zu Jo, der durch seine Gehbehinderung keinen Sport treiben konnte, war Noah fit wie ein Turnschuh. Er hatte sich für die Fußballmannschaft der Schule qualifiziert, was Jo entweder vergessen oder verdrängt hatte, und es war somit durchaus möglich, dass er bereits etwas vorhatte. Zumal Sylvia nicht lockerließ und immer wieder versuchte, ihn von uns wegzulotsen. Noah hatte zwar versichert, dass er nicht daran interessiert war, zum Fan Club von Sylvia überzulaufen, aber ich verspürte einen leisen Stich bei dem Gedanken, dass es ihr vielleicht doch noch gelingen könnte, ihn in ihre Fänge zu bekommen.
Das alles sagte ich Jo allerdings nicht, sondern fragte stattdessen: »Wann sollst du im Buchladen sein?«
»Gegen vierzehn Uhr. Meine Mutter fährt mich nach dem Mittagessen hin.«
»OK.« Ich streichelte Kleine, die zu mir auf die Insel gesprungen war, um an mein Brot zu gelangen, übers Köpfchen und schob sie ein Stück von mir. »Ich sage Noah Bescheid. Wir sehen uns morgen in der Schule.«
Jo verabschiedete sich und wir legten auf. Auch wenn es schien, als ob wieder Gefahr im Verzug war, hatte sich meine Laune deutlich gebessert.
Kapitel 2• Planeten ohne Sonne
Bevor ich Noah anrief, schubste ich Kleine, die langsam aufdringlich wurde, von der Insel und vertilgte mein Brot. Mein Magen ließ sich dadurch besänftigen und gab das Knurren endlich auf. Das Fischbrötchen, das ich mir auf dem Weg zum Tennisclub besorgt hatte, war ihm eindeutig zu wenig gewesen. Ich sprang von der Kücheninsel, holte den Orangensaft aus dem Kühlschrank und kippte ein bisschen hinterher, direkt aus der Flasche, was meine Mutter hasste. Es bereitete mir ein klein wenig Genugtuung. Schließlich wählte ich Noahs Nummer.
Er nahm bereits nach dem zweiten Klingeln ab. »Hallo Christina. Ist etwas passiert? Ich hatte so ein Gefühl.«
»Kompliment«, sagte ich und fügte schnell hinzu: »Keine Sorge, es ist nichts Schlimmes!«
Ich hörte, wie Noah aufatmete.
»Schieß' los«, sagte er.
»Ich habe mich endlich aufgerafft und für die Aufnahmeprüfung der Tennismannschaft angemeldet und Jo hat gerade angerufen. Sein Hausarrest ist fast aufgehoben!«, berichtete ich, während ich in mein Zimmer ging und mich aufs Bett schmiss.
»Was genau bedeutet fast?«, wollte Noah wissen und ich erklärte es ihm.
»Das ist doch schon mal ein Anfang. Wir sind also wieder im Spiel«, sagte er, nachdem ich geendet hatte. »Ich komme morgen allerdings etwas später, denn ich habe Fußballtraining.«
»Für mich ist das kein Problem«, erwiderte ich, obwohl ich insgeheim gehofft hatte, dass Jos Vermutung stimmen könnte und Noah begeisterter reagieren würde. Ich setzte mich auf und fuhr fort: »Aber Jo wird das wahrscheinlich falsch verstehen. Willst du ihm nicht lieber sagen, dass du zum Zahnarzt musst?«
»Jeden Dienstag und Donnerstag?«, erkundigte sich Noah. »Das ist doch Blödsinn. Ich spiele Fußball und du wirst Tennis spielen. Das ist die Wahrheit und mit der muss Jo klarkommen.«
»Wenn ich im Team aufgenommen werde«, entgegnete ich pro forma und warf einen Blick zu meinem Tennisschläger.
»Zweifelst du daran?«, erkundigte sich Noah.
»Nein«, gab ich zu und seufzte. »Ich befürchte, ich werde Sylvia auch nach der Schule ertragen müssen.«
»Siehst du.«
Ich wusste, dass er recht hatte, trotzdem konnte ich nicht anders und sagte: »Ja, aber Jo ist alleine. Er hat nichts, was er nach der Schule unternehmen kann.«
»Doch, hat er«, entgegnete Noah. »Ich denke, Pater Daniel hat das mit dem Ordnen der Bücher nicht nur vorgeschlagen, damit Jos Hausarrest aufgehoben wird. Jo liebt Bücher. Erinnerst du dich an das erste Mal, als wir bei Mathilde im Buchladen waren? Jo hat gesagt, er würde darin gerne tagelang stöbern. Nun kann er es.«
Ich merkte erstaunt auf. So hatte ich das noch gar nicht gesehen. »Stimmt. Dann bleiben wir bei der Wahrheit. Wir sehen uns morgen in der Schule.«
Noah verabschiedete sich und legte auf. Ich überlegte, ob ich mir noch ein Brot machen sollte, beschloss aber, zu warten. Wenn meine Mutter in den nächsten zwei Stunden nicht nach Hause kam, würde es im wahrsten Sinne des Wortes Abendbrot geben. Und bis dahin, hatte ich Zeit, die Schularbeiten zu machen.
Meine Mutter kam gerade, als ich auf dem Weg zur Küche war, und brachte Pizza mit, was definitiv besser war als Brot und mich fast vergessen ließ, dass ich sauer auf sie war.
»Entschuldige, Tinchen. Wolfgang ... von Kastanienburg hat mir heute noch zwei Möbelstücke aus dem Jugendzimmer seiner Urgroßmutter mitgebracht, um die Ausstellung ein bisschen zu erweitern. Bei einem davon, einem traumhaft schönen Biedermeier Schreibtisch, war die Rückwand total zerstört. Es sieht fast so aus, als hätte sich etwas daraus mit Zähnen und Klauen befreien wollen.« Sie stellte die Pizzaschachtel auf die Kücheninsel und sprach sofort weiter: »Ich habe mit der Grundrestauration angefangen und werde wohl auch morgen und übermorgen spät kommen, sonst schaffe ich es nicht mehr bis die Ausstellung eröffnet wird. Daher gibt es zur Entschädigung Pizza. Holst du mal Teller?«
Ich nickte wortlos. Mein ganzer Körper war mit einer Gänsehaut überzogen. Ein Schreibtisch, der einer ehemaligen Wächterin gehört hatte und aussah, als hätte sich etwas daraus befreit? Das konnte nichts Gutes bedeuten. Meine innere Wächterin schien der gleichen Meinung zu sein, denn ich konnte regelrecht spüren, wie sie vibrierte.
»Tinchen, die Teller«, erinnerte mich meine Mutter. Ich beeilte mich, sie aus dem Küchenschrank zu nehmen und auf die Kücheninsel zu stellen, die uns an gewöhnlichen Tagen auch als Tisch diente. »Findest du nicht, dass du jetzt genug geschmollt hast?«, erkundigte sie sich und legte mir ein großes Stück meiner Lieblingspizza auf den Teller. Eindeutig ein Bestechungsversuch, trotzdem hatte ich sofort wieder schlechte Laune.
»Da ich nicht vorhabe, den Rest meiner Jugend in dieser öden Bude zu verbringen, war ich heute im Tennisclub«, sagte ich schnippisch. »Die Aufnahmeprüfung ist nächsten Montag. Und morgen treffe ich mich mit Noah und Jo. Jos Mutter hat ihm den Hausarrest an den Tagen erlassen, an denen er Sozialdienst schiebt und Noah und ich wollen ihm helfen.«
Ich sah sie herausfordernd an. Dass der Sozialdienst in einem Buchladen stattfinden würde, hatte ich wohlweislich nicht erwähnt. Meine Mutter hätte sich garantiert daran erinnert, dass wir vor der Nacht auf dem Friedhof jeden Moment unserer freien Zeit in einem Buchladen verbracht hatten. Angeblich zur Recherche für ein Schulprojekt. Auch wenn es Frau Dräxler scheinbar entgangen war, oder sie es nicht in Zusammenhang brachte, wollte ich nichts riskieren. Meine Mutter hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant, und obwohl sie Magie und alles, was damit zusammenhing, kategorisch ablehnte, war sie doch die Enkelin einer Wächterin und mit mehr Intuition ausgestattet, als für unsere Aktivitäten gut war.
Meine Mutter ließ sich nicht provozieren. »Ich freue mich, dass ihr mit eurer Freizeit etwas Vernünftiges anfangen wollt, und früher hast du Tennis geliebt!«
»Früher«, sagte ich betont deutlich, »habe ich mit meiner besten Freundin gespielt, nicht mit meiner ärgsten Feindin und deren Anhängerinnen.« Dann biss ich in die Pizza, um jegliche weitere Unterhaltung zu beenden. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass meine Mutter etwas erwidern wollte, es aber zusammen mit einem großen Bissen Pizza hinunterschluckte.
Als ich am nächsten Morgen verfroren den Pausenhof betrat, entdeckte ich Jo und Noah bei „unserer“ Bank. Sie stand in der Nähe einer alten Eiche, etwas abseits vom Trubel auf dem Schulhof. Bereits am ersten Schultag hatten Noah und ich hier unsere Klassenschläger Michel und Klaus daran gehindert, Jo zu zwingen, Hundekot zu essen. Hier hatte unsere Freundschaft ihren Anfang genommen. Jetzt schwiegen sich Jo und Noah allerdings an. Wahrscheinlich hatte Noah Jo berichtet, dass er heute Nachmittag erst zum Fußballtraining gehen würde, bevor er in den Buchladen kam und Jo hatte darauf reagiert, wie von mir erwartet.
Ich war noch nicht richtig bei den beiden angekommen, da legte Jo auch schon los. Kleine weiße Atemwölkchen entwichen seinem Mund, während er hastig redete, wie immer, wenn er aufgeregt war: »Du hattest recht, Vulkanchen. Mr „ich will nicht zum Kreis der populären Schüler gehören, tue aber was ich kann, um aufzufallen“ hat heute Nachmittag schon etwas Besseres vor, als mit uns Dämonen aufzuspüren!«
»Also erstens habe ich nicht gesagt, dass Noah vielleicht etwas Besseres, sondern, dass er vielleicht etwas Anderes vorhat«, stellte ich ruhig klar, grub meine kalten Hände tiefer in die Taschen meiner Winterjacke und fuhr fort: »Und zweitens hat er mir das bereits gestern am Telefon gesagt. Wenn wir mal davon ausgehen, dass ich im Tennisteam aufgenommen werde, was mehr als wahrscheinlich ist, und du bis Mitte des nächsten Jahres zweimal wöchentlich bei Mathilde Bücher sortierst, dann ist die Frage nicht, wer was macht, sondern wie wir es hinkriegen, dass wir alle unsere Aktivitäten auf die gleichen Tage legen, damit wir genug Zeit für den Rest haben!«
Jo sah mich einen Augenblick an und sagte dann griesgrämig: »Super, ihr amüsiert euch und ich langweile mich bei Mathilde zu Tode.«
»Ach komm, Jo. Ich werde mich bestimmt großartig mit Sylvia und dem Dreigestirn amüsieren und überhaupt sprechen wir hier von Mathilde. Ich glaube nicht, dass du dazu kommst, dich zu langweilen! Wenn du zum Ordnen und Katalogisieren zu ihr bestellt wurdest, dann wird sie darauf achten, dass du dies auch tust. Wahrscheinlich in der Sektion, die Informationen enthält, die wir in naher Zukunft brauchen. Außerdem kribbelt es dir doch schon in den Fingern, wenn du an all die Bücher denkst, die du lesen kannst, während du im Laden bist!« Ich grinste ihn an und warf einen schnellen Blick zu Noah, der mir lächelnd zunickte. Ohne seine Eingebung gestern am Telefon hätte ich nicht so gut auf Jos Schmollen reagieren können.
Jo versuchte verzweifelt, seine finstere Miene beizubehalten, doch dann verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln.
»OK«, sagte er, »solange wir uns überhaupt noch sehen.«
»Selbstverständlich!« Noah knuffte ihn leicht. »Ich ziehe nicht auf den Mars, sondern spiele Fußball. Und unsere Freundschaft bedeutet mir viel zu viel, um sie zu zerstören.«
»Mir auch.« Jo sah Noah an und fügte grinsend hinzu: »Einer von uns muss ja als Dämonenfutter fungieren, während Christina und ich die Welt retten.«
»Das nächste Mal lässt du dich vom Dämon beißen und knallst anschließend gegen den Grabstein«, sagte Noah entschieden. »Dein Schädel ist dicker als meiner!«
»Falls wir für das nächste Mal gewappnet sein wollen, sollten wir uns jetzt auf den Weg machen. Es klingelt schon wieder und wenn wir Nachsitzen müssen, reagieren unsere Eltern bestimmt nicht geschmeidig«, mischte ich mich ein und hob Jos Rucksack vom Boden auf, damit dieser die Hände frei hatte und mit Hilfe beider Krücken aufstehen konnte.
»Howgh, die Wächterin hat gesprochen«, sagte er und erhob sich ächzend. »Es wird Zeit, dass wieder was passiert, ich bin total eingerostet«, stellte er fest und setzte sich in Bewegung.
Als wir das Klassenzimmer betraten, wusste ich sofort, dass etwas geschehen war. Die Stimmung im Raum war anders und es herrschte ein höherer Lärmpegel als sonst. Während ich mich setzte und die Tasche über meine Stuhllehne hängte, sah ich mich um und mein Blick blieb an dem leeren Platz schräg vor mir hängen. Sylvia von Kastanienburg fehlte. Ich sah hinüber zu ihrem Hofstaat. Ramona, Michelle und Janine hatten wie gewöhnlich die Köpfe zusammengesteckt und tuschelten, trotzdem wirkten sie ohne Sylvia irgendwie verlassen. Wie hatte Jo sie genannt? Planeten, die um eine Sonne kreisen, die sich Sylvia nennt? Nun fehlte die Sonne plötzlich, was die Schwerkraft der drei ziemlich durcheinanderzubringen schien. Mit einem Mal wirkten sie wesentlich weniger einschüchternd.
»Irgendwie komisch, die drei so zu sehen, was?«, fragte Jo. »Sie kommen einem fast hilflos vor. Man könnte glatt Mitleid mit ihnen haben.«
Ich lächelte schief. »Wir sollten herausfinden, was mit Sylvia geschehen ist. Die Wächterin liegt auf der Lauer!«
Jo sah mich überrascht an, dann beugte er sich vor und rief den dreien zu: »Hey, Dreigestirn, was ist mit eurer Sonne los? Ist sie vom Himmel gefallen und verglüht, oder hat sie etwa eine Grippe, wie sie der Rest von uns Untermenschen ab und zu bekommt?«
»Keine Ahnung wie das heißt, was du ab und zu bekommst, und noch weniger das, was du ständig hast, aber bevor du über andere herziehst, solltest du über die Fakten informiert sein!« Ramona fauchte es fast, während sie sich zu uns umdrehte.
»Hört, hört«, sagte Jo, »das ist ja mal was ganz Neues!« Dann fügte er mit einer angedeuteten Verbeugung in Ramonas Richtung hinzu: »Erleuchte mich, was ist geschehen? Hat sich ihre Hoheit einen Nagel abgebrochen, als sie versucht hat, sich die Schuhe alleine zuzubinden?«
Aus dem hinteren Teil des Klassenzimmers ertönte ein Kichern. Mein Blick huschte in die Richtung, aus der es gekommen war, und blieb an einem aschblonden Mädchen hängen, das mir verschwörerisch zuzwinkerte. Sie war mir bisher kaum aufgefallen, ich erinnerte mich nicht einmal an ihren Namen. Das war es, was anders war! Die Schüler, die sich ansonsten unsichtbar machten, um nicht die Aufmerksamkeit von Sylvias spitzer Zunge auf sich zu lenken, beteiligten sich heute am allgemeinen Getuschel. Sylvias Abwesenheit machte sie mutig.
»Sehr witzig, Hinkebein!«, sagte Ramona und ich wandte mich wieder zu Jo und dem Dreigestirn. »Wenn du es genau wissen willst«, erklärte Ramona von oben herab, »Sylvia ist im Krankenhaus. Sie ist gestern Abend die Treppe hinuntergestürzt und hat sich dabei das Bein gleich mehrfach gebrochen. Der Bruch ist so kompliziert, dass mein Vater sie gestern Nacht noch operiert hat. Aber mach ruhig weiter deine Witze.« Beim letzten Satz bebte ihre Stimme vor Empörung.
Jo nickte ernst. »Ich verspreche, ich tue mein Möglichstes, um meinen Humor nicht zu verlieren. Und glaube mir, das ist nicht einfach mit Klassenkameraden wie euch.«
»In welchem Krankenhaus liegt sie denn?«, erkundigte ich mich und wurde rot.
Es war Michelle, die an Ramonas Stelle antwortete: »Das geht dich gar nichts an, Brillenschlange! Du bist die Letzte, die Sylvia sehen will. Sie würde eher sterben, als sich mit jemandem wie dir abzugeben. Du bist so was von unter ihrem Niveau!«
Ich spürte, wie die Wächterin in mir vor Wut kochte.
>Wenn du jetzt nichts sagst, dann kannst du das nächste dunkle Wesen ohne meine Hilfe erledigen<, schimpfte sie, doch obwohl sie recht hatte, konnte ich nicht aus meiner Haut.
Ich tat so, als würde ich etwas aus meiner Tasche nehmen, und überlegte mir eine Erwiderung, von der ich wusste, dass ich sie nie aussprechen würde. Wenig später ging die Tür auf und Herr Dr. Katzhausen, unser Klassenlehrer, betrat den Raum. Er stellte seine Tasche in den Unterschrank des Lehrerpults und zog das Klassenbuch zu sich herüber. Bevor er wie gewohnt unsere Namen aufrief, hielt er jedoch inne, sah uns ernst an und sagte: »Ehe wir beginnen möchte ich euch noch etwas mitteilen. Wie ihr wahrscheinlich schon wisst, hatte Sylvia einen schweren Unfall. Sie liegt im Waldkrankenhaus und Herr von Kastanienburg bat mich, euch auszurichten, dass sie ab übermorgen Besuch empfangen darf und sich freut, euch zu sehen. Sie liegt auf Station C in Zimmer 102.«
Ich schenkte Michelle, die mir einen Blick über die Schulter zuwarf, ein aufmüpfiges Lächeln, das mir allerdings fast gefror, als ich den Ausdruck sah, der daraufhin über ihr Gesicht glitt. Ich fragte mich unbehaglich, ob ich das irgendwann bereuen würde.
>Du bist ein hoffnungsloser Fall<, sagte die Wächterin. Ihre Stimme klang resigniert.
Jo rückte ein Stückchen näher zu mir und murmelte: »Also entweder ist Herr von Kastanienburg unglaublich naiv, oder er kennt sein Töchterchen überhaupt nicht. Er denkt doch wohl nicht wirklich, dass Sylvia vor Freude jubiliert, wenn wir sie besuchen, oder?« Er warf mir einen Blick zu und stöhnte. »Aber genau das werden wir tun, richtig?«
Ich nickte.
»Mir fällt da noch was ein«, sagte Herr Dr. Katzhausen und sah mich an: »Sylvia wird nun für eine ganze Weile ausfallen, daher braucht unsere Tennisschulmannschaft dringend Verstärkung. Wie sieht es aus, Christina? Es ist immer gut, eine Bezirksmeisterin in der Mannschaft zu haben, aber jetzt wäre es besonders wichtig.«
Mein Gesicht, das gerade erst seine normale Farbe zurückgewonnen hatte, begann erneut zu glühen und ich murmelte etwas Unverständliches.
»Überlege es dir«, meinte Herr Dr. Katzhausen freundlich und wandte sich endgültig dem Klassenbuch zu.
Ich betrachtete angestrengt, wie er es aufschlug und etwas eintrug, dann gab ich auf. Ich schaute hinüber zu Jo, der mich mit verschränkten Armen ansah.
»Bezirksmeisterin«, formulierte er tonlos und zog die Augenbrauen hoch.
»Ja, OK, ich spiele gut«, flüsterte ich. »Mach einfach keine große Sache daraus!«
»Ich doch nicht«, entgegnete Jo ebenso leise. »Aber ich befürchte, bei unseren sonnenlosen Planeten hat diese Nachricht gerade ein Erdbeben ausgelöst und ihr Weltbild arg ins Wanken gebracht.«
Ich sah hinüber zu Sylvias Fan Club. Jo hatte Recht. Ramona, Michelle und Janine starrten mit offenem Mund zu mir herüber und sahen schnell nach vorne, als sie bemerkten, dass ich sie ertappt hatte.
»So viel dazu, dass nur populäre Menschen fähig sind, Tennis zu spielen«, sagte Jo wesentlich lauter, als mir lieb war. Doch Dr. Katzhausen beschloss, den Einwurf nicht zu kommentieren, und auch Ramona, Michelle und Janine ignorierten ihn.
Nach Schulschluss standen Jo, Noah und ich vor der Schule und warteten auf Frau Dräxler, die sich erstaunlicherweise verspätete. Ich hibbelte herum und stampfte mit den Füßen, denn mir war kalt und obwohl mir klar war, dass es albern aussah, ruderte ich auch noch mit den Armen.
»Du tust gerade so, als wäre eine neue Eiszeit ausgebrochen«, sagte Jo kopfschüttelnd.
Während er zu Hause essen würde, wollten Noah und ich in ein neu eröffnetes Café, das sich nur eine Querstraße von der Schule entfernt befand. Wir hatten gehört, dass dort nicht nur die typischen Snacks, sondern auch Hausmannskost zum kleinen Preis angeboten wurde, was nach einer echten Alternative zur Schulkantine klang. Wer auch immer das Café eröffnet hatte, wusste, dass unzählige Schüler das Essen in der Schulkantine nicht mehr sehen konnten, und hatte dementsprechend reagiert. Gerade, als Frau Dräxlers Auto vorfuhr, erklang hinter uns die Stimme von Michel Petersen: »Wir haben dich scheinbar unterschätzt, Brillenschlange, obwohl es mir im Moment schwerfällt, das zu glauben!«
Ich hörte auf, mit den Armen zu rudern, und drehte mich um. Noah und Jo stellten sich neben mich. Durch die Nachricht von Sylvias Unfall und vor lauter Freude über Jos Freiheit, hatten wir total vergessen, Michel und Klaus im Auge zu behalten. Jetzt war es zu spät für Fluchtpläne. Michel lehnte nur eine Armeslänge von mir entfernt am Zaun, der den Schulhof umgab. Sein Freund Klaus Müller stand einen Schritt hinter ihm. Klaus machte ein mürrisches Gesicht und schien Michel am Weitersprechen hindern zu wollen, doch dieser warf seinem Kumpel nur einen warnenden Blick zu, wandte sich dann wieder an mich und sagte: »Falls du dich entschließen solltest, für unsere Schule Tennis zu spielen, hast du Schonfrist bis zu den Schulmeisterschaften. Wenn wir die gewinnen, könnten wir uns dazu durchringen, dich von unserer Liste zu streichen. Falls nicht …« Er ballte seine Fäuste.
»Das gilt übrigens nicht für den Ausländer und das Badekappenkind da neben dir«, sagte Klaus, bevor Michel fortfahren konnte.
»Was gilt nicht für wen?«, erkundigte sich Frau Dräxler, die plötzlich hinter uns stand.
Wir hatten sie nicht bemerkt, weil unsere ganze Aufmerksamkeit Michel und Klaus galt, bei denen man nie wusste, was sie als Nächstes tun würden.
»Was sag ich?«, sagte Klaus zu Michel und dieser brach in spöttisches Gelächter aus. Dann gingen beide ihres Weges, nicht ohne vorher noch Noah kräftig anzurempeln.
»Entweder alle oder kein Deal«, rief ich Michel und Klaus hinterher, wartete aber ihre Reaktion nicht ab, sondern wandte mich zu Frau Dräxler und Jo.
Frau Dräxler sah fragend in die Runde, doch keiner von uns hatte vor, sie aufzuklären.
»Dir ist klar, dass du meinen sozialen Status ruinierst, oder?«, erkundigte sich Jo stattdessen missmutig bei ihr.
»Du wirst es überleben«, erwiderte Frau Dräxler, aber es klang nachdenklich. »Und ihr zwei, fahrt ihr auch nach Hause? Soll ich euch mitnehmen?«, wandte sie sich Noah und mich.
Noah warf mir einen überraschten Blick zu, dann schüttelten wir die Köpfe.
»Danke, aber wir wollen ein neu eröffnetes Café ausprobieren. Es ist hier ganz in der Nähe. Ich habe heute Nachmittag Fußballtraining und schaffe es nicht, zwischendurch nach Hause zu fahren«, sagte Noah höflich.
»Ich werde ihn begleiten, denn meine Mutter ist mit der Vorbereitung der Ausstellung im Museum ausgelastet und kocht erst heute Abend«, fügte ich hinzu.
»Falls dir mein Sozialleben doch irgendetwas bedeuten sollte, könntest du darüber nachdenken, mich an den Tagen, an denen ich keinen Strafdienst schieben muss, auch dort essen zu lassen«, sagte Jo.
»Übertreibe es nicht!«, warnte seine Mutter. »Sei froh und glücklich, dass du wieder vor die Tür darfst! Und jetzt beeile dich bitte. Ich möchte nicht, dass du nachher zu spät kommst.«
Jo warf uns einen letzten, vielsagenden Blick zu und folgte dann seiner Mutter zum Auto.
Kapitel 3• Café "La Cuisine"
Noah und ich machten uns auf den Weg und hatten das neue Café schnell erreicht. Es war in einem Eckladen im Erdgeschoss eines Mietshauses untergebracht und im Stil alter französischer Straßencafés aufgemacht. Die uns zugewandte Front des Cafés war in gedecktem lindgrün gestrichen und dort, wo sich die Fenster befanden, war die Mauer zurückversetzt, so dass sie eine Nische bildete, in der eine Holzbank mit weinroten Kissen stand. Vor der Bank befanden sich drei runde, weiße Eisentische mit verschnörkelten Füßen und darum verteilt standen Eisenstühle im gleichen Stil, mit gleichfarbigen Kissen bestückt. Ich fragte mich, wer sich bei dieser Eiseskälte nach draußen setzen sollte, musste aber zugeben, dass die Dekoration super aussah. Die Fenster des Cafés waren umgeben von lindgrünen Holzrahmen. Der Eingang befand sich genau an der Ecke des Hauses. Auf die Wände rechts und links davon waren Frauen im Jugendstil gemalt worden. Sie erinnerten mich an Feen. Über dem Café, direkt unterhalb des ersten Stockwerks, befand sich sowohl zur optischen Trennung als auch zum Schutz vor Regen, ein schmales Glasdach mit unzähligen grünen Streben, das mich an Libellenflügel erinnerte. Direkt unter dem Glasdach, auf einem schwarzen Schild mit verschnörkeltem Rahmen, stand in geschwungener Schrift: "La Cuisine". Noah und ich näherten uns einem altmodischen Holzkasten, der neben der Bank an der Wand hing und in dem sich die Speisekarte befand. Das Angebot war reichhaltig und günstig. Ich wollte gerade zur Eingangstür gehen, als Noah mich zurückhielt und nach oben wies.
»Guck mal«, sagte er.
Ich folgte seinem Finger mit dem Blick. Unterhalb des Daches, auf einem schmalen schwarz gestrichenen Wasserrohr, hockte einer von diesen hässlichen Wasserspeiern, die man sonst nur an den Außenwänden von Kirchen fand. Er war nicht sehr groß, ebenfalls schwarz und schien mit angelegten Flügeln und verzerrter Fratze auf etwas zu lauern. Obwohl er kaum auffiel oder vielleicht gerade deshalb, fand ich, dass er überhaupt nicht dorthin passte. Wenn man sich schon so ein Ding unter das Dach packte, warum tarnte man es dann? Manche Menschen hatten merkwürdige Ideen, aber der Rest des Cafés war zumindest von außen traumhaft.
»Ich finde, der Wasserspeier passt da überhaupt nicht hin.«
Noah nickte. »Sehe ich genauso. Lass uns schauen, wie es innen aussieht.« Er ging zum Eingang.
Als wir in die Wärme des Cafés traten, beschlug meine Brille und ich musste sie erst putzen, bevor ich irgendetwas erkennen konnte. Mit rotem Gesicht setzte ich sie wieder auf und sah mich um. An den Seitenwänden befanden sich Nischen mit Tischen und Bänken, die durch Glaseinsätze im Jugendstil voneinander getrennt waren und in der Mitte des Raums standen mehrere Tische und Stühle, an denen fast ausschließlich kichernde und flüsternde Mädchen aller Altersstufen saßen. Ich warf Noah einen überraschten Blick zu. Er zuckte mit den Schultern. Ich ließ meinen Blick weiterwandern und er blieb an einem altmodischen Glastresen hängen, der sich gegenüber dem Eingang befand. Belegte Brötchen, Kuchen und andere Gebäckstücke lagen darin. Ein Teil der Wand hinter dem Tresen war für eine Durchreiche geöffnet worden und man konnte einen Koch im Raum dahinter werkeln sehen. Ein junger Mann mit blondem Zopf, der mit dem Rücken zu mir stand, nahm gerade zwei Teller mit dampfendem Essen von einer Frau mit Küchenschürze entgegen. Als er sich umdrehte, klappte mir der Mund auf. Ich hatte noch nie einen so gut aussehenden Jungen gesehen. Er war etwa sechzehn Jahre alt und sein Gesicht war … ich suchte nach Worten. Mir fiel nur eins ein: Perfekt. Während ich dastand und ihn anstarrte, sah er hoch und zu mir herüber. Unsere Blicke trafen sich und ich wurde rot, weil er mich beim Starren erwischt hatte. Schnell folgte ich Noah, der den letzten freien Tisch in der Mitte des Raumes ansteuerte und sich setzte, bevor es ein Mädchen tun konnte, das diesen auch angepeilt hatte.
»Sorry, diesmal war ich schneller«, sagte Noah und schenkte ihr ein Lächeln, welches sie normalerweise hätte dahin schmelzen lassen, aber im Schatten des Jungen hinter dem Tresen eher lau wirkte.
Das Mädchen zog eine Grimasse und verschwand zwischen den Tischen, um sich dann in eine der noch freien Nischen zu setzen. Ich ließ mich auf den Stuhl neben Noah fallen. »Jetzt weiß ich, warum hier fast alle weiblich sind und in der Mitte des Raumes sitzen wollen. Guck mal unauffällig zum Tresen.«
Noah sah in die angegebene Richtung und dann zurück zu mir.
»Ja, ich schätze, das erklärt es«, sagte er trocken. »Willst du zuerst bestellen? Hier ist Selbstbedienung.«
Er reichte mir eine Karte, auf der sich, vorne und hinten, die gleichen Jugendstilbilder befanden wie neben der Eingangstür. Auf der Vorderseite stand unter dem Bild: Speisekarte – bitte am Tresen bestellen und abholen.
Ich schüttelte den Kopf. »Von mir aus kannst du zuerst gehen. Ich weiß noch nicht, was ich essen will, und du musst ja gleich wieder los.« Ich schlug die Karte auf.
Noah nickte, erhob sich und ging zum Tresen. Ich folgte ihm mit dem Blick. Er sagte etwas zu dem perfekten Jungen und zeigte kurz in unsere Richtung. Der Junge sah zu mir herüber und wieder schaute er mich länger an als nötig. Was sollte das? Er war mindestens zwei Jahre älter als ich und ich nun wirklich nicht die Queen of Attraction. Und dann dämmerte es mir. Genau das war wohl der Grund. Ich fiel hier zwischen den ganzen herausgeputzten und aufgestylten Mädchen noch mehr auf als sonst. Ich zuckte mit den Schultern. Und wenn schon, das war ich schließlich gewohnt. Auf der Speisekarte stand unter anderem „Großmutters Linsensuppe“ und ich beschloss, mein Glück zu versuchen, auch wenn sie wahrscheinlich nur halb so gut war wie die meiner Großmutter.
Als Noah zurückkam, stand ich auf, doch Noah hielt mich zurück: »Du musst bei der Bestellung unsere Tischnummer angeben«, sagte er. »Wir haben Tisch Nummer fünf. Wenn das Essen fertig ist, leuchtet die Tischlampe zweimal auf und du kannst es abholen. Genial einfach, oder?«
Ich nickte und machte mich auf den Weg, um zu bestellen. Dabei quetschte ich mich zwischen zwei Stühlen hindurch und warf eine Jacke zu Boden. Ich hob sie auf und wunderte mich über das plötzliche Schweigen am Tisch. Erst als ich die Mädchen ansah, erkannte ich, dass es Ramona, Michelle und Janine waren.
»Was willst du denn hier?«, fragte Janine von oben herab und strich sich anmutig die Ponyfransen ihres kastanienbraunen Pagenschnittes zurück, der wie immer aussah, als käme sie direkt vom Friseur.
»Meinen Freischwimmer machen«, sagte ich, reichte ihr die Jacke und ging weiter, ohne eine Antwort abzuwarten.
>Halla!<, entfuhr es der Wächterin begeistert.
Am Tresen erwartete mich Mr Perfect. Er war mehr als einen Kopf größer als ich und aus seinem kurzärmeligen, schwarzen T-Shirt schauten muskulöse Arme, die aber nicht die Ausmaße eines Bodybuilders hatten. Mit anderen Worten: Auch sein Körper war perfekt. Es war unfair. Der Junge sah mich abwartend an. Ich erwiderte den Blick und bemerkte, dass seine Augen grün waren. Meine Lieblingsaugenfarbe.
»Wenn du jetzt auch noch eine umwerfende Stimme hast, hasse ich dich!«, sagte ich, ohne nachzudenken.
Der Junge lachte laut auf. »Ich finde sie nicht umwerfend.«
»Ich hasse dich. Und ich hätte gerne Großmutters Linsensuppe!«
Der Junge grinste. »Ich könnte stottern, wenn es hilft«, schlug er vor.
»Zu spät«, sagte ich mürrisch.
»Und wenn ich mir Mühe gebe?«, erkundigte er sich und tippte etwas in die Kasse. Dabei konnte ich den Ansatz eines Tattoos entdecken, das ein Stückchen weit unter dem linken Ärmel herausschaute. Er sah hoch. »Ich werde nicht gerne gehasst!«
Zu meinem Erstaunen hörte ich mich sagen: »Ich denke, bei den vielen Mädchen, die dich anhimmeln, wirst du es überleben, wenn ich es nicht tue.« Die Gewissheit, dass ich viel zu unspektakulär für ihn war, schien meine Schüchternheit kurzfristig außer Gefecht gesetzt zu haben. Die Wächterin fand es klasse, ich konnte ihr breites Lächeln regelrecht spüren. »Soll ich gleich zahlen oder erst, wenn ich die Suppe abhole?«, erkundigte ich mich schnell und starrte angestrengt in mein Portemonnaie.
»Wenn du sie abholst.«
Ich blickte hoch und sah, dass er immer noch grinste. »Fein, dann gehe ich mal zu meinem Tisch zurück und warte auf das Blinken der Lampe.« Mir fiel etwas ein: »Ach ja, ich sitze an Tisch Nummer fünf.«
»Ich weiß«, sagte Mr Perfect. »Dein Freund war eben schon hier. Ich lasse euch wissen, wenn euer Essen fertig ist.«
Wow! Er war der Meinung, dass jemand wie ich mit jemandem wie Noah gehen könnte. Das war definitiv das Highlight des heutigen Tages. Ich hätte das so im Raum stehen lassen sollen, aber ich konnte nicht aus meiner Haut.
»Er ist nicht mein Freund, sondern ein Freund«, korrigierte ich und ging zurück zu Noah. Bereits am ersten Tisch, an dem ich vorbei musste, stolperte ich und fiel auf die Knie. Mit hochrotem Kopf und ohne mich umzusehen, stand ich auf und ging weiter, begleitet von dem hämischen Kichern der Mädchen, die meinen peinlichen Auftritt mitbekommen hatten.
>Und da schwand sie hin, die Hoffnung!<, sagte die Wächterin.
Ich entgegnete nichts, sondern knirschte nur mit den Zähnen.
Noah sah mir entgegen. »Ich hoffe, unser Essen ist gleich so weit, ich sterbe vor Hunger,« sagte er, ohne auf meinen Unfall einzugehen.
Wenig später leuchtete unsere Tischlampe auf.
»Du oder ich?«, erkundigte sich Noah.
»Beide«, schlug ich vor.
»Habe ich aus Versehen vier Mal gedrückt?«, fragte Mr Perfect, als wir angetrabt kamen. »Sorry, aber es ist nur der Hamburger fertig. Die Linsensuppe braucht noch ein paar Minuten.« Er reichte Noah den Teller, nahm das Geld entgegen und sagte zu mir, während er es in die Kasse legte: »Du kannst aber gerne hier warten. Dann habe ich Gelegenheit, ein bisschen Schönwetter zu machen.«
Noah sah mich fragend an.
Ich zuckte mit den Schultern. »Er ist einfach zu perfekt, um ihn zu mögen.«
»Aha!«, machte Noah, »ich gehe dann schon mal.«
Sobald er verschwunden war, wandte sich der Junge wieder an mich. »Fangen wir doch mit etwas Einfachem an«, meinte er. »Wenn du mir deinen Namen sagst, sage ich dir meinen.«
»Es wird dir zwar nichts nützen, aber einverstanden. Ich heiße Christina.«
Der Junge betrachtete mich einen Moment aufmerksam und nickte. »Passt zu dir. Macht es dir was aus, wenn ich dich trotzdem Tina nenne? Ich fasse mich gerne kurz.« Bevor ich antworten konnte, sprach er bereits weiter: »Ich nenne mich X.«
»Ex?«, fragte ich verwirrt.
»Genau. X, nur auf Englisch ausgesprochen. Hier, deine Suppe ist fertig.« Er reichte mir einen Teller. »Macht drei Euro fünfzig, bitte.«
Ich kramte nach dem Geld und reichte es ihm über den Tresen. »X passt überhaupt nicht zu dir. Ich hätte auf Rafael oder so was getippt. Ich würde meine Eltern verklagen, wenn sie mich nur mit einem einzigen Buchstaben bedacht hätten!« Wieder diese für mich ungewöhnliche Offenheit. Keine Ahnung, was heute mit mir los war, aber der Wächterin gefiel es definitiv. Und wenn ich ganz ehrlich war, mir auch.
Xs Gesicht verdüsterte sich einen Moment, dann sagte er: »Haben sie nicht, aber X gefällt mir besser als mein Geburtsname!«
Ich zuckte mit den Schultern. »Wenn du meinst. Es ist dein Name. Vielleicht erfahre ich ja irgendwann mal, wie du dazu gekommen bist.«
X sah mich an und nickte langsam. »Ja«, sagte er, »vielleicht.«
Kapitel 4• Wieder im Buchladen
Als ich zurück zum Tisch kam, hatte Noah seinen Hamburger schon verschlungen und machte sich nun über seine Pommes her.
»Scheint gut gewesen zu sein«, bemerkte ich grinsend.
»Unglaublich«, erwiderte Noah und schob sich noch eine Pommes in den Mund. »Als ich den Hamburger bestellt habe, hat mich der Mädchenschwarm am Tresen ...«,
»X«, sagte ich automatisch und stellte mein Tablett auf den Tisch.
Noah warf mir einen überraschten Blick zu, fuhr aber ohne Kommentar fort: »X hat mich gefragt, ob ich den Hamburger lieber mit Lammfleisch hätte, und das war die beste Idee des Tages.«
Ich probierte die Suppe und war überrascht. Sie schmeckte tatsächlich wie die meiner Großmutter. Das konnte nur bedeuten, dass ihr Rezept doch nicht so geheim und außergewöhnlich war, wie sie selbst immer behauptete. Ich grinste. Beim nächsten Familientreffen, wenn sie mich wieder mit irgendwas aufzog, würde ich das mal erwähnen.
»Und, wie ist die Suppe?«, fragte Noah.
»Wie die meiner Großmutter.« Ich nahm noch einen Löffel.
»Dann genieße sie, ich muss los«, sagte Noah und erhob sich. »Wir sehen uns später.« Er nahm seinen Teller, stellte ihn auf einen eleganten Geschirrwagen, winkte mir noch einmal zu und ging zum Ausgang.
Als ich fertig gegessen hatte, tat ich es ihm gleich und war schon auf dem Weg zur Tür, als ich ein fröhliches: »Ciao Tina!«, vernahm. Ich drehte mich um und sah etwa dreißig Augenpaare auf mich gerichtet. Einige verdutzt, die meisten aber empört und neidisch. Ich nickte in Richtung Tresen: »X!«
Dann verließ ich das Restaurant.
>Cooler Abgang!<, sagte die Wächterin zufrieden.
Dieser Tag hatte das Zeug, der bisher beste meines Lebens zu werden.
Wenig später saß ich im Bus und fuhr in die Innenstadt. Es war schon nach 14:00 Uhr und Jo würde mit Sicherheit sauer sein, dass ich so spät kam, aber wie hatte Noah so schön gesagt: Damit musste er leben. Als ich endlich am Jägerzaun stand, der den Buchladen und den dazu gehörenden Garten umgab, hatte ich das Gefühl, nach Hause zu kommen. Ich konnte es plötzlich gar nicht mehr erwarten, Mathilde und den Raum der Bücher wiederzusehen. Auch die Wächterin freute sich. Sie summte vor sich hin, was irritierend gewesen wäre, wenn es sich nicht um eins meiner Lieblingslieder gehandelt hätte. Ich öffnete die Gartenpforte, die noch immer leise quietschte, und schritt über den Kiesweg auf das alte Einfamilienhaus, mit dem merkwürdigen Türmchen zu, in dem sich der Buchladen befand. Oder vielleicht sollte ich sagen, in dem er sich versteckte. Das Äußere des Ladens wirkte eher abweisend und im Inneren war es staubig und leicht chaotisch. Ich war gespannt, was Jos Mutter dazu gesagt hatte, denn all das passte nicht wirklich in das wohlgeordnete Leben der Dräxlers.
Ich warf einen Blick auf den nun kahlen Apfelbaum, der bei meinem ersten Besuch voller Früchte gehangen hatte, und wäre fast ausgerutscht, da mir dadurch eine gefrorene Stelle auf dem Weg entgangen war. Es war eindeutig Winter. Wie zur Bestätigung fuhr ein eiskalter Windstoß durch die Tannen, die den Buchladen flankierten. Sie rauschten leise. Die Tannen schirmten den Buchladen zusätzlich vor den Augen ungebetener Gäste ab, und das waren alle, die nicht eingeladen worden waren, ihn zu betreten. Ich zog schaudernd den Reißverschluss meiner Winterjacke höher. Ich erreichte das Haus und sah ins Schaufenster, das die gesamte Vorderfront einnahm. Die verschnörkelte Schrift, die besagte <Mathildes Buchladen - Vergangenes und Modernes>, war noch an ihrem Platz, doch im Schaufenster selbst hatte jemand Ordnung geschaffen. Es war staubfrei, die dort ausgestellten Bücher wurden ordentlich präsentiert und die Spielzeuge waren verschwunden. Wahrscheinlich hatte Mathilde vermeiden wollen, dass Frau Dräxler schon vor Betreten des Ladens auf dem Absatz kehrtmachte und Jo wieder mitnahm.
Ich ging zur Eingangstür mit dem Glaseinsatz, der durch ein altmodisches Eisengitter geschützt wurde, und drückte auf die Klinke. Die Tür schwang nach innen auf und wie immer bimmelte das Glöckchen, das darüber angebracht war. Im Laden selbst hatte sich nichts verändert. Es war dämmerig, leise Musik erklang aus unsichtbaren Lautsprechern und es roch nach Staub, Leder, alten Büchern und noch etwas anderem, das ich immer noch nicht identifiziert hatte. Hinter dem Holztresen, rechts neben dem Eingang, auf dem sich außer einer altmodischen schwarzen Kasse auch unzählige Bücher und ein kleines Töpfchen mit Blumen, diesmal Astern, befanden, saß normalerweise Mathilde mit einem Buch in der Hand. Heute jedoch war der Platz leer.
Das war mehr als ungewöhnlich. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Ich wollte gerade mein Druidenmesser aus der Innentasche der Winterjacke ziehen, als Mathildes Stimme aus der Tiefe des Buchladens erklang: »Hallo Christina, wir sind im Sachbuchbereich, vierte Regalreihe rechts, ganz hinten.« Ich atmete erleichtert auf und machte mich auf den Weg. Inzwischen fragte ich mich nicht mehr, wie Mathilde wissen konnte, dass ich es war, die den Laden betreten hatte. Sie war ein magisches Wesen. Was genau sie war, hatte sie uns allerdings noch nicht erklärt, aber ich war mir sicher, dass sie es uns zu gegebener Zeit sagen oder herausfinden lassen würde. Der Moment war wohl einfach noch nicht gekommen. Der Buchladen war gefüllt mit Reihen von Regalen aus dunklem Holz, welche sich in der Tiefe verloren und die Gänge dazwischen wurden von runden Deckenlampen nur spärlich beleuchtet. Dafür gab es an jedem der Regale mehrere Leselampen, die man einschalten konnte, um sich die Bücher genauer zu betrachten. Auf dem Boden vor den Regalen lagen hin und wieder Bücherstapel. Ja, es war eindeutig, dass Mathilde Hilfe benötigte. Oder zumindest wollte sie den Eindruck erwecken. Ich wich einem Stapel mit dicken, alten Einbänden aus, den ich im Dämmerlicht fast nicht gesehen hatte und grinste.
Einmal mehr erinnerte mich das Innere des Ladens an den Bauch eines alten Holzschiffes, doch inzwischen fand ich es nicht mehr befremdlich, sondern eher heimelig. Ich hatte Jo und Mathilde schnell erreicht und bevor die Bibliothekarin wusste, wie ihr geschah, fiel ich ihr um den Hals. Mathilde war genauso groß wie ich, was bedeutete, dass ich in der Zeit, in der wir uns nicht gesehen hatten, einige Zentimeter gewachsen sein musste.
»Mathilde! Ich freue mich so, Sie wiederzusehen«, sagte ich enthusiastisch.
»Ehm«, machte sie und tätschelte mir unbeholfen den Rücken, doch als ich sie losließ, sah ich, dass ihre Augen vor Freude strahlten. »Ich habe Jo gerade erklärt, mit welchem Regal er beginnen soll«, erklärte sie, ohne weiter auf meinen Gefühlsausbruch einzugehen. »Hier befinden sich Sachbücher aus dieser Region, über diese Region und über unsere Stadt. Möchtest du Jo helfen oder willst du gleich in den Raum der Bücher?«
»Ich helfe ihm«, sagte ich. »Außerdem kommt Noah auch gleich, und dann können wir gemeinsam starten.«
»Einverstanden«, sagte Mathilde, »dann soll es für heute mal mit dem Sortieren gut sein, sobald Noah da ist. Jos Mutter hat sich nämlich nur mit viel Überredungskunst dazu bereit erklärt, Jo erst um 17:00 Uhr wieder abzuholen. Ich habe ihr erklärt, dass ich Jo zuerst den Laden zeigen und sein System erklären muss, bevor er anfangen kann, aber das klappt nicht jedes Mal! Jetzt müsst ihr euch was ausdenken.«
»Kein Problem, das schaffe ich«, sagte Jo und grinste. »Ich sage ihr einfach, dass der Laden unglaublich ist und ich gerne etwas öfter kommen und länger bleiben würde, um Schmökern zu können. Und davon ist kein einziges Wort gelogen.« Er strahlte uns an. »Hallo, Vulkanchen, übrigens!«
Ich lachte. »Hallo, Jo. Womit fangen wir an?«
Mathilde ließ uns alleine und wir wandten uns den Bergen von Büchern zu, die sich auf dem Boden vor zwei Regalen stapelten. Nach kurzem Überlegen einigten wir uns darauf, alle, die uns nicht interessant vorkamen, in das linke und alle anderen in das rechte Regal zu packen und sie dann nach den Kriterien „über die Region“ und „über unsere Stadt“ zu ordnen.
»Wie hat deine Mutter auf den Buchladen reagiert?«, erkundigte ich mich und packte ein Buch nach kurzem Zögern in das Regal der interessanten Werke.
»Erstaunlich gut.« Jo lehnte sich vorsichtig an das Regal, dem er am nächsten war, um seine Arme zu entlasten. »Zuerst war sie etwas befremdet über das Chaos, das hier herrscht, aber Mathilde hat auf hilflose alte Frau gemacht, uns herumgeführt und immer wieder darauf hingewiesen, wie viel Arbeit es hier gäbe und wie sehr sie Hilfe benötige. Zum Abschluss hat sie meiner Mutter dann auch noch einen historischen Liebesroman aufgenötigt und ich glaube, das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, denn daraufhin hat mein Mutternator eiligst die Flucht ergriffen.«
Ich lachte schallend bei der Vorstellung und Jo stimmte ein. Es war gut, wieder zusammen zu sein. Ich merkte erst jetzt, wie sehr ich das vermisst hatte. Sicher, wir hatten uns täglich in der Schule gesehen, aber das hier war etwas ganz anderes.
»Das klingt weder nach Langeweile, noch nach Arbeit«, ertönte da Noahs Stimme hinter uns. Er grinste über das ganze Gesicht. »Was ist so witzig?«, erkundigte er sich.
Jo erklärte es ihm.
»Da wir jetzt vollzählig sind, sollten wir in den Raum der Bücher gehen. Wir haben nicht mehr viel Zeit«, schlug ich vor und hielt nach Mathilde Ausschau. Sie erschien wie aufs Stichwort mit ihrem Schlüsselring. Dieser war mit unzähligen Schlüsseln bestückt, die man alle benötigte, um die Tür zum geheimen Raum der Bücher zu öffnen. Mathilde ging vor und wir folgten ihr. Mit jedem Gang, den sie nahm, wurde ich verwirrter. Eigentlich war es unmöglich und trotzdem hatte ich das Gefühl, als befände sich der Raum plötzlich in einem anderen Teil des Buchladens.
»Mathilde, ich meine, es ist Ihr Laden und Sie kennen ihn garantiert wie Ihre Westentaschen, aber ich glaube trotzdem, dass wir in die falsche Richtung gehen«, sagte Jo vorsichtig und sprach damit aus, was ich gedacht hatte.
»Richtig, ich kenne ihn und jeden seiner Winkel ganz genau«, stimmte Mathilde ihm zu. »Daher ist es für mich unmöglich, mich zu verlaufen. Hier sind wir.« Sie hielt vor der hohen schweren Holztür und steckte den ersten Schlüssel in das Schlüsselloch.
Jo sah mich verblüfft an, doch ich konnte auch nur ratlos den Kopf schütteln. Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder Mathilde zu. Sie steckte gerade den nächsten Schlüssel des Rings ins Schloss. Um die Tür zu entriegeln, waren alle Schlüssel nötig, und wie immer bewegte Mathilde sie alle in unterschiedliche Richtungen. Als sie endlich fertig war, öffnete sich die Tür und wir betraten den Raum. In dem enormen, halbrunden Kamin, der sich direkt gegenüber dem Eingang befand und dessen Abzugsschacht im Dach verschwand, hing wie immer ein Kessel über den Resten eines erloschenen Feuers. In den verschiedenen Regalen und Glasvitrinen rechts von ihm, gab es alle möglichen (und unmöglichen) Gerätschaften, Kräuter, Tiegel und Flaschen. Der Rest der Wände war bis fast unter die Decke mit vollen Bücherregalen bedeckt. Es war heute schummeriger im Raum als sonst, denn durch die Buntglasfenster knapp unter dem Dach fiel kein Licht. Draußen wurde es bereits dunkel. Wir hatten nicht mehr viel Zeit.
Mathilde machte für uns das Licht an. »Bevor ihr anfangt ...« Sie kam mit uns in den Raum und schloss die Tür. Gespannt sah ich sie an, denn das tat sie nur, wenn es etwas Wichtiges gab, dass sie uns mitteilen wollte. Aus einem Grund, den wir auch noch nicht herausgefunden hatten, sagte sie es uns nie im Laden selbst. »Dieser Raum hat den Platz gewechselt«, erklärte sie, »weil Christina im Sommer von dem alten Standort aus in die Zwischenwelt gegangen ist. Nun ist es für die dunklen Wesen die dort lauern, und Christinas Ankunft vielleicht bemerkt haben, unmöglich ihr zu folgen, denn auch das Tor ist nicht mehr dort, wo es vorher war. Und nun lasse ich euch arbeiten. Ich gebe euch Bescheid, wenn Jos Mutter in der Nähe ist.« Sie lächelte uns noch einmal zu, verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich.
Ich sah ihr einen Augenblick nach und überlegte wieder einmal, warum sie uns solche Dinge nur hier im Raum der Bücher mitteilte. Er war zwar so isoliert, dass noch nicht einmal unsere Handys Empfang hatten, doch im Laden war niemand, der uns hätte belauschen können.
>Niemand, aber vielleicht etwas<, sagte die Wächterin nachdenklich.
Ich stutzte. Vielleicht war nicht nur der Raum der Bücher magisch, sondern der ganze Buchladen. Möglicherweise gab es wirklich etwas, das zuhörte. Ich beschloss, Mathilde irgendwann danach zu fragen, aber momentan hatten wir Wichtigeres zu tun.
Ich drehte mich zu Jo und Noah. »Auf geht's!«
Noah griff nach dem Karteikasten und Jo war bereits auf dem Weg zu dem großen Holztisch mit den Leselampen, der direkt unter dem gigantischen Kronleuchter stand, welcher an einer dicken Metallkette von der Decke hing. Jo machte die Lampen an, ließ sich auf einen der Stühle fallen und ich setzte mich neben ihn. Noah stellte den Karteikasten vor uns auf den Tisch und nahm neben mir Platz.
Ich zog eine Karte mit der Aufschrift „Dämonen“ aus dem Kasten und fragte: »Welches Ritual muss ich durchführen, um getarnte Dämonen zu erkennen?«
»Die Wächterin kann sie spüren«, erschien sofort auf der Karte.
»Das wissen wir bereits«, sagte Jo. »In diesem Fall kann sie es aber eben nicht.«
Ich ignorierte ihn, steckte die Karte wieder weg und nahm eine mit der Aufschrift „Allgemein“. Wahrscheinlich musste ich weiter vorne anfangen. »Welches Ritual muss ich durchführen, um meinen noch nicht aktivierten Sinn, zum Aufspüren von Dämonen, zu wecken?« Jo sah mich anerkennend an. Noah lächelte.
Wie immer erschien die Antwort postwendend: »Dieser Sinn aktiviert sich von selbst, aber bis es so weit ist, kann die Wächterin die Zeit mit einem Trank überbrücken. Die Wirkung des Tranks hält so lange an, bis der Sinn der Wächterin aktiv ist. Ritual zum Brauen des Tranks: Siehe Arbeitsbuch zur großen Dämonenenzyklopädie, erster Teil: Aufdecken des wahren Seins, 5. Regal links, 2. Brett, Seite 10 und folgende«, las ich laut.
Noah erhob sich, ging zu dem genannten Regal und kam mit dem Buch zurück. Er öffnete es und legte es vor mich hin. All das passierte automatisch, es war so, als wären wir erst gestern zum letzten Mal im Raum gewesen. Noah holte die Bücher, Jo machte seine Kommentare und ich, ja, was war mit mir? Ich hatte plötzlich keine Angst mehr davor, Rituale auszuprobieren. Im Gegenteil, ich freute mich darauf!
>Wurde auch Zeit<, bemerkte die Wächterin.
»Soll ich lesen?«, fragte Jo eifrig.
Ich nickte. »Wenn du willst.«
Jo zog das Buch zu sich herüber und räusperte sich. »OK, hier steht: Das Ritual zum Aufdecken des wahren Seins bewirkt, dass sich die Dämonen zeigen, ohne die Körper der betreffenden Menschen zu verlassen. Die Wächterin muss einen Durchsichtigkeitstrank brauen (siehe: „Hilfreiche Tränke und wie man sie braut“ Teil 1, 1. Regal links, 4. Brett, Seite 20 und folgende) und ihn dann trinken. Binnen kurzer Zeit wird sich das Ergebnis offenbaren. Sie wird bei Menschen, die von dämonischen Kreaturen besessen sind, die Pupillen neongrün aufleuchten und anschließend für ein paar Sekunden die Art des Wesens sehen. Bei Menschen, die Kontakt mit dämonischen Kreaturen hatten oder von diesen heimgesucht werden (Zum Beispiel: Poltergeister, Kobolde etc.), befinden sich neongrüne Flecken auf Stirn, Nase und Handrücken, die an Sommersprossen erinnern. Je mehr Flecken ein Mensch hat, desto intensiver war oder ist der Kontakt mit dem Wesen.« Er machte eine Pause, zog den Karteikasten zu sich, zog eine Karte mit der Aufschrift „Allgemein“ und fragte: »Da frage ich mich doch, ob die Helfer der Wächterin den Trank auch trinken können. Es wäre nämlich durchaus hilfreich, wenn auch wir die Wesen sehen könnten.«
Die Antwort kam prompt. Ich beugte mich nach vorne, um sie besser lesen zu können: »Der Trank ist einzig und allein für die Wächterin gedacht, denn das latente Gen der Helfer kann den potentiell giftigen Trank nicht umwandeln und er wäre für sie tödlich. Es ist auch völlig unnötig, dass die Helfer ihn trinken, denn sie sind mit der Wächterin verbunden und sobald diese ein Wesen oder seine Spuren wahrnehmen kann, können sie es auch.«
»Ehm.« Jo sah mich stirnrunzelnd an. »Potenziell giftig und den sollst du trinken?«
»Bist du sicher, dass es für dich wirklich ungefährlich ist, Christina?«, erkundigte sich Noah gleichzeitig. »Du bist noch nicht lange Wächterin, dein Gen ist vielleicht noch nicht ganz aktiviert.«
»Ich schätze, seit ich meine innere Wächterin hören kann, ist das Gen voll funktionsfähig«, entgegnete ich. »Außerdem ist es momentan die einzige Möglichkeit, dunkle Wesen aufzuspüren und wie wir wissen, ist damals beim Gewitter etwas angekommen.«
»Und wenn nicht?«, erkundigte sich Jo. »Ich meine, es ist lange her und nichts ist passiert. Vielleicht ist ja gar nichts angekommen.«
»Nicht jedes dunkle Wesen will auffallen«, erinnerte ich ihn. »Viele sind hier, um Luzifer zu unterstützen, den letzten Kampf zwischen Gut und Böse vorzubereiten.«
»Dann hole ich mal das Buch über die nützlichen Tränke.« Noah erhob sich. Er kam gerade damit zurück zum Tisch, als sich die Tür öffnete und Mathilde den Kopf hereinsteckte.
»Du solltest nach vorne kommen, Jo, deine Mutter ist gerade in den Vorgarten getreten.«
Jo erhob sich eilig und ich reichte ihm seine Krücken. »Damit bist du gerade noch darum herumgekommen, Gift zu trinken«, sagte er und fügte unsicher hinzu: »Ihr fangt doch nicht ohne mich an, oder?«
»Auf keinen Fall.« Ich schüttelte den Kopf. »Aber es wäre hilfreich, wenn wir morgen weitermachen könnten. Meinst du, das kriegst du hin?«
»Definitiv«, sagte Jo überzeugt. »Allerdings sollte sie euch vorerst nicht sehen.«
Wir verließen den Raum. Während Jo sich auf den Weg zum Verkaufstresen machte, verschloss ich die Tür zum Raum der Bücher, indem ich dreimal gegen das Metallschloss klopfte. Ich hörte, wie sich verschiedene Riegel vorschoben und metallene Zähne klickten, ohne sie sehen zu können. Obwohl ich dies schon häufig getan hatte, fand ich es immer noch faszinierend. Ich lächelte Noah zu und zeigte mit dem Kopf in die Richtung, in der ich die Ladentür vermutete. Noah sah mich ratlos an, nickte dann aber und wir machten uns auf den Weg. Wir mussten in die richtige Richtung gegangen sein, denn plötzlich konnte ich Jo hören. Er sprach mit sich vor Begeisterung fast überschlagender Stimme: »Mama, dieser Laden ist der Hit. Du glaubst nicht, was es hier alles an Büchern gibt, und ich habe heute nur mit den Sachbüchern über unsere Stadt angefangen. Wusstest du, dass wir nach dem Krieg fast Landeshauptstadt geworden wären und nur knapp gegen Bonn verloren haben? Und dass wir mal Königssitz waren? Stell dir vor, was ich hier noch alles lernen und entdecken kann, wenn ich mehr Zeit habe. Bitte, Mama, kann ich morgen wiederkommen? Mathilde kann wirklich Hilfe gebrauchen. Außerdem könnte ich nach dem Ordnen noch ein bisschen schmökern. Mathilde hat nichts dagegen. Bitte, Mama!«
»Es wäre wirklich schön, wenn Ihr Sohn öfter käme«, hörte ich Mathilde ruhig sagen. »Hier ist so viel zu tun, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, und seine Gesellschaft macht mir Freude.«
Für einen Moment herrschte Schweigen, dann sagte Jo: »Du kannst mich herfahren und wieder abholen, ich esse mittags auch zu Hause, wenn du es möchtest. Bitte!«
Ich hörte, wie Frau Dräxler tief Luft holte. »Dienstags, mittwochs und donnerstags, sonst hast du nicht genug Zeit, um für die Schule zu lernen. Ich fahre dich hin und hole dich ab«, sagte sie schließlich. »Wenn ich sehe, dass es deine schulischen Leistungen nicht beeinträchtigt, sprechen wir erneut darüber! Und nun komm, dein Vater kommt gleich nach Hause und wir wollen zusammen zu Abend essen.«
»Danke, Mama«, sagte Jo inbrünstig und dann etwas lauter als nötig, »bis morgen um 14:00 Uhr, Mathilde.«
»Bis morgen, Jo«, erwiderte Mathilde freundlich.
Ich hörte, wie die Tür sich öffnete, das Glöckchen bimmelte und die Tür wieder zufiel. Dann erst drehte ich mich zu Noah.
»High five auf Jo.« Noah hob die Hand. Ich klatschte ab und wir gingen nach vorne zu Mathilde.
»Jo und Sie sind ein unschlagbares Team«, sagte ich lachend. »Wir sehen uns morgen!«
»Bis morgen, ihr zwei«, erwiderte Mathilde und zwinkerte mir zu.
Kapitel 5• Kleinere und größere grüne Punkte
Als ich vor Kälte bibbernd nach Hause kam, stieg meine Mutter gerade aus dem Auto. Sie sah mich mit gerunzelter Stirn an.
»Hallo, Mama«, begrüßte ich sie, bevor sie etwas sagen konnte. »Du wirst es nicht glauben! Ich hatte dir doch erzählt, dass Jo Sozialdienst schiebt. Du rätst nie, wo er gelandet ist. In dem Buchladen, in dem wir den Sommer verbracht haben, um für unser Referat zu recherchieren! Er soll dort helfen, die Bücher zu sortieren und zu katalogisieren.« Ich strahlte sie an.
»Er katalogisiert Bücher in einem Buchladen?«, fragte meine Mutter, mit immer noch gerunzelter Stirn.
»Wir katalogisieren sie«, erklärte ich. »Zumindest dann, wenn ich zwischen den Tennistrainings Zeit habe, werde ich ihm helfen. Du glaubst nicht, wie interessant das ist. Wir haben heute mit der Sachbuchabteilung über unsere Stadt und Region angefangen. Wusstest du, dass wir nach dem Krieg fast Landeshauptstadt geworden wären? Das könnte meine Geschichtsnote echt aufpeppen. Ich meine, für das Referat über das Thorstensen Haus haben wir ja auch eine Eins bekommen!« Insgeheim dankte ich Jo für die Info über unsere Stadt.
»Wie oft hat Jo denn vor, dort zu arbeiten?«, erkundigte sich meine Mutter und rieb sich die Hände, während wir auf den Hauseingang zugingen. Anscheinend war ich nicht die Einzige, die fror.
»Frau Dräxler hat zugestimmt, dass er dienstags, mittwochs und donnerstags in den Buchladen darf«, antwortete ich wahrheitsgemäß. »Ich denke allerdings, dass ich dienstags und donnerstags nur kurz reinschauen kann, denn das sind die Tage, an denen das Tennisteam trainiert, ebenso wie die Fußballmannschaft, in der Noah ist. Übrigens hat Herr Dr. Katzhausen mich offiziell in der Klasse gefragt, ob ich ins Tennisteam eintreten möchte. Sylvia von Kastanienburg hatte einen schweren Unfall und fällt bis auf Weiteres aus.«
»Sylvia hatte einen Unfall?«, erkundigte sich meine Mutter, »das wusste ich nicht. Das erklärt, warum Wolfgang, ich meine, Herr von Kastanienburg, heute so durcheinander war und nur kurz im Museum vorbeigeschaut hat.«
»Wolfgang?«, erkundigte ich mich. »Ihr duzt euch?« Die Vorstellung gefiel mir irgendwie gar nicht.
Meine Mutter kramte nach dem Hausschlüssel und sagte: »Wir duzen uns alle im Museum. Außerdem ist er ein sehr netter Kerl. Völlig natürlich und überhaupt nicht überkandidelt.«
»Ja«, entgegnete ich, »so etwas erwähntest du schon mal.«
»Was hast du heute zu Mittag gegessen?«, wechselte meine Mutter das Thema und ich ging sofort darauf ein.
»Es gibt ein neues Café-Restaurant, nur zwei Querstraßen von der Schule entfernt«, berichtete ich ihr. »Es heißt "La Cuisine" und ist himmlisch. Ich habe „Großmutters Linsensuppe“ gegessen.«
>Und mit einem unglaublich gut aussehenden Typen geflirtet<, sagte die Wächterin und ich konnte sie regelrecht grinsen hören.
»Wohl kaum«, entgegnete ich wortlos, konnte es aber nicht verhindern, dass mir beim Gedanken an X warm wurde.
»Ich gehe davon aus, dass sie nur „Großmutters Linsensuppe“ hieß, aber nicht so lecker war, wie die deiner Oma«, sagte meine Mutter, die meinen inneren Austausch Gott sei Dank nicht mitbekommen hatte. Sie öffnete die Haustür und stieg die Treppen zu unserer Wohnung hinauf.
»Das Verrückte ist, dass sie nicht nur so hieß, sondern auch wirklich so schmeckte«, erwiderte ich, während ich ihr folgte. »Beim nächsten Familientreffen werde ich Oma damit aufziehen. Von wegen altes Familienrezept.«
Meine Mutter warf mir einen ungläubigen Blick zu. »Das kann ich kaum glauben.« Sie schloss die Wohnungstür auf.
Wie erwartet schoss Kleine ins Treppenhaus. So etwas machte sie nur, wenn meine Mutter und ich gleichzeitig ankamen. Ich vermutete, dass ihre Freude dann so überschäumend war, dass sie sich nicht entscheiden konnte, wen sie zuerst begrüßen sollte.
»Probiere die Suppe einfach irgendwann mal, dann weißt du, was ich meine«, schlug ich vor, während ich Kleine einfing und auf den Arm nahm. Sie schnurrte wie ein Rasenmäher.
»Das sollte ich wohl tun, denn ganz ehrlich, ich glaube es dir nicht.« Meine Mutter zog ihre Winterstiefel aus und öffnete den Schrank, um ihre Jacke reinzuhängen. Kleine erkannte die Chance, den Schal erneut zu attackieren, und sprang von meinem Arm, doch meine Mutter schloss den Schrank, kurz bevor die Katze ihn erreicht hatte. »Vergiss es«, sagte sie und tätschelte Kleine liebevoll den Kopf. Dann ging sie Richtung Küche. »Hast du nach der Suppe überhaupt noch Hunger?«, hörte ich sie fragen.
»Klar, es war ja nur ein Teller voll.« Ich hängte meine Jacke ebenfalls in den Schrank. Diesmal ohne Probleme, denn Kleine war meiner Mutter längst in die Küche gefolgt. Meine Boots stellte ich auf die Schuhbank unter der Heizung. Ich würde sie morgen eh wieder anziehen. Als ich in die Küche trat, saß Kleine neben der Kücheninsel und ließ meine Mutter nicht aus den Augen. Ich streichelte der Katze übers Köpfchen, gab ihr zu fressen und schaute meiner Mutter zu, die das Abendessen zubereitete.
»Ich habe kein Problem damit, dass du Jo im Buchladen hilfst«, sagte sie nach einer Weile und reichte mir Teller und Besteck. »Meine Bedingungen ändern sich dadurch aber nicht: Du spielst wieder Tennis und deine Hausaufgaben sind vor dem Abendbrot fertig.«
Ich nickte. »Das versteht sich von selbst!«
Als wir am nächsten Tag ins Klassenzimmer kamen, winkte mich Michel zu sich. Überrascht und auf der Hut näherte ich mich ihm.
»Wir akzeptieren«, sagte er ohne Einleitung. »Mit einer Kondition.« Seine Stimme wurde lauter. »Der Waffenstillstand für den Beckenrandschwimmer und den Hüftharry gilt nur bis zum Turnier. Wenn du gewinnst, bist du von der Liste, die beiden nicht.«
»Damit kann ich leben«, sagte Noah, bevor ich etwas erwidern konnte.
»Und ich bin eh nichts anderes gewohnt. Bis jetzt habe ich euch ja erfolgreich überlebt«, fügte Jo lässig hinzu. »Kein Grund zur Panik vorhanden.«
Dr. Katzhausens Eintreten enthob Michel einer Erwiderung. Bevor unser Klassenlehrer sich setzte, sah er mich fragend an. Ich wurde rot, holte aber tief Luft und sagte: »Am Montag mache ich die Aufnahmeprüfung für das Tennisteam.«
»Eine reine Formsache«, stellte Herr Dr. Katzhausen lächelnd fest und wandte sich dem Klassenbuch zu.
»Von wegen!«, murmelte Ramona und warf mir einen finsteren Blick zu.
Ich lächelte sie fröhlich an. Mir war klar, dass das Dreigestirn auch ohne Sylvia alles daran setzen würde, um zu verhindern, dass ich im Team aufgenommen wurde. Doch obwohl ich die Drei noch nicht hatte spielen sehen, war ich mir ziemlich sicher, dass sie chancenlos waren. Nach dem Unterricht holte Frau Dräxler Jo wie immer ab, um mit ihm zu Hause mittagzuessen, während Noah und ich uns auf den Weg zum "La Cuisine" machten.
»Wenn das Essen heute genauso gut ist wie gestern, hat der Laden gute Chancen unser Stammlokal zu werden, oder wie siehst du das?« Ich sah Noah an.
Er nickte. »Definitiv und es wird Zeit, dass Jo ihn kennenlernt.«
>Dass das "La Cuisine" zu eurem Stammlokal werden könnte, liegt natürlich nur am Essen. Is klar<, sagte die Wächterin und ich konnte sie förmlich grinsen hören.
Ich ignorierte sie, stellte aber zu meinem Unwillen fest, dass mein Herzschlag mit jedem Schritt, den wir uns dem Café näherten, schneller wurde. Als wir schließlich eintraten, sah ich, dass es bei Weitem nicht so voll war wie am Vortag. Mein Blick wanderte zum Verkaufstresen. Ein Mädchen stand dahinter und nahm die Bestellungen entgegen, von X war nichts zu sehen.
»Er hat wohl seinen freien Tag«, sagte Noah, der meinem Blick gefolgt sein musste.
»Das soll in den besten Familien vorkommen«, entgegnete ich.
>Schade!<, murmelte die Wächterin und insgeheim musste ich ihr recht geben.
Nach einem ebenso leckeren Mittagessen wie am Vortag machten wir uns auf den Weg zu Mathilde. Als wir in den Buchladen traten, saß sie wie gewohnt auf ihrem Platz am Empfangstresen und las. Jo stand in ihrer Nähe und las den Klappentext eines dicken Buches.
Er sah auf, als das Glöckchen bimmelte. »Da seid ihr ja.« Es klang vorwurfsvoll.
»Hallo, ihr zwei«, sagte Mathilde gut gelaunt und nahm die Schlüssel zum Raum der Bücher aus der Schublade. »Heute ist ja der ungeplante Tag, also fällt Bücher sortieren aus und ihr könnt gleich loslegen.«
»Hallo, Mathilde«, sagten wir im Chor und ich fügte hinzu: »Je nachdem wie schnell wir im Raum fertig werden, sollten wir danach vielleicht doch noch ein bisschen sortieren, denn wir müssen morgen Sylvia im Krankenhaus besuchen. Sie hatte einen Unfall und etwas sagt mir, dass sie nicht nur einfach gestolpert ist.«
Mathilde sah mich nachdenklich an. »Das Büchersortieren läuft euch ja nicht weg. Es gibt Dinge, die wichtiger sind. Was nicht heißt«, fügte sie mit einem strengen Blick auf Jo hinzu, »dass du jetzt überhaupt nicht mehr sortieren musst. Ich habe nicht vor, deine Mutter zu belügen!«
»Und ich habe nichts anderes erwartet«, sagte Jo, strahlte sie an und stellte das Buch weg.
Mathilde lächelte und kam hinter dem Tresen hervor. »Dann los.« Sie machte sich auf den Weg zum Raum der Bücher und wir folgten ihr.
Diesmal war mir der Weg vertraut und plötzlich wusste ich, dass ich den Raum jetzt jederzeit wiederfinden würde, egal, wohin er sich das nächste Mal verkrümelte. Es war, als würde mich etwas am Bauchnabel in eine bestimmte Richtung ziehen.
>Erfreulich zu bemerken, dass deine Fähigkeiten doch ab und an zunehmen<, ließ sich die Wächterin vernehmen.
Als wir im Raum waren, suchten Jo und Noah die Zutaten zusammen, die ich für den Durchsichtigkeitstrank brauchte, während ich die Bewegung einstudierte, die ich mit dem Ritualmesser ausführen musste. Sie war recht einfach und nach ein paar Versuchen hatte ich sie drauf. Auch das Brauen des Trankes war nicht besonders kompliziert. Die einzige Schwierigkeit war, dass die Flüssigkeit jedes Mal exakt die gleiche Temperatur haben musste, wenn eine weitere Zutat hinzugefügt wurde, aber schließlich nahm der Trank die im Buch beschriebene neongrüne Farbe an und wurde dann schwarz. Ich schöpfte die vorgeschriebene Menge, mit dem dafür vorgesehenen silbernen Löffel in eine kleine Glasflasche und stellte sie auf den Tisch. Im Buch stand, dass der Trank farblos wurde, sobald es Zeit war, ihn zu trinken. Das Haarige war, dass ich nur 30 Sekunden hatte, bevor der Trank wieder schwarz und damit auch für mich tödlich wurde.
»Da, er ist durchsichtig«, sagte ich einen Augenblick später atemlos, griff nach dem Fläschchen und führte es zum Mund. »Auf uns!« Ich zog eine Grimasse und trank das Fläschchen leer.
Jo und Noah sahen mich besorgt an. Zuerst geschah nichts und dann fühlte ich mich, als ob mir jemand in den Magen geboxt hätte. Ich schnappte nach Luft, krümmte mich zusammen und schloss die Augen, die angefangen hatten, wie verrückt zu tränen. Ein fieser Schmerz schoss durch meinen gesamten Körper.
»Christina, oh Gott, was sollen wir tun? Jo, schau in das Buch, steht da was von einem Gegengift?«, hörte ich Noahs entsetzte Stimme wie aus weiter Ferne.
„Ich glaube, ich sterbe“, dachte ich überrascht, doch dann hörte der Schmerz auf. Allerdings hatte ich nun das Gefühl, über dem Tisch zu schweben. Ich konnte mich selbst kurz von oben sehen, raste dann aber wieder auf den Boden zu und landete mit einem wahrscheinlich nur für mich hörbaren Plumps erneut in meinem Körper. Vorsichtig öffnete ich die Augen und wischte mir mit zitternden Händen die Tränen von den Wangen. Als ich aufblickte, sah ich in Jos und Noahs entsetzte Gesichter, die mit vereinzelten neongrünen Punkten, die an Sommersprossen erinnerten, verziert waren. Ebenso wie ihre und auch meine Hände. Unser Kampf gegen den Dämon hatte Spuren hinterlassen.
»Neongrün steht euch nicht«, sagte ich krächzend.
»Musst du gerade sagen«, erwiderte Jo mit bebender Stimme.
»Ich habe mich gerade so gefühlt wie damals, als wir nicht wussten, ob du aus der Zwischenwelt zurückkommst.« Noah hatte noch nicht ganz seine Stimme wiedergefunden. Er ergriff meine Hand und sah mich an. »Und das ist ein Gefühl, das ich eigentlich nie wieder haben wollte.«
»Ich befürchte, daran müsst ihr euch gewöhnen«, erwiderte ich. »Ich denke, es wird nicht einfacher werden, Dämonen zu jagen. Aber vielleicht stumpfen wir wenigstens ein bisschen ab.«
»Glaube ich nicht«, entgegnete Jo. »Aber zumindest hat es funktioniert. Ich kann eure grünen Punkte gut sehen.«
»Ja, ich auch«, sagte Noah. »Was ist dir eben passiert?«, fragte er mich dann und ließ meine Hand los.
»Ach, ich glaube, ich bin kurz gestorben«, erklärte ich betont heiter. »Ich konnte mich und euch von oben am Tisch sitzen sehen und dann ging es im Affenzahn zurück in meinen Körper.«
Wir schwiegen eine Weile. Schließlich räusperte ich mich und griff nach einer Karteikarte mit der Aufschrift „Allgemein“.
»Gibt es Wesen, die sich so gut tarnen, dass ich sie trotz meiner Fähigkeiten nicht erkennen kann? Und wenn ja: Wie kann ich sie trotzdem bloßstellen?«, wollte ich wissen.
Jo und Noah rückten näher.
»Um die Art eines Wesens zu bestimmen, das ein Meister im Tarnen ist, muss man den Menschen, in dem es sich verbirgt, mit ein paar Tropfen Offenbarungssud bespritzen. Sobald der Sud die Haut des Menschen berührt, offenbart das Wesen für fünf Sekunden sein wahres ich. Ausnahmen: Schwarze Engel und der Schläfer, denn ihre Tarnung können nur sie selbst aufheben und alle Viruswesen. Bei Letzteren muss eine nahestehende Person den Trank mit Hilfe der Wächterin brauen und das Wesen damit bespritzen. Nur diese Person kann das Wesen danach sehen, womit sie sich aber in große Gefahr begibt. Siehe Buch: (Fast) unheilbarer Wesenbefall, Regal 4, Brett 10, Seite 155: Alles über die Rettung von Viruswesen.«
»Ich finde es stark, dass der Karteikasten jedes Mal genau weiß, wo sich die Bücher befinden«, sagte Jo begeistert.
»Vorausgesetzt, sie haben den Raum nicht verlassen«, erinnerte ich ihn.
Das Buch, das Cecile damals aus dem Raum mitgenommen hatte, „Bannrituale und wie man sie anwendet“, war immer noch verschwunden und konnte nicht ersetzt werden, da es noch irgendwo existierte. Wo es sich befand, wusste allerdings nicht einmal der Karteikasten.
»Wie spät ist es?«, erkundigte sich Noah.
»Sehr spät«, sagte Jo nach einem Blick auf seine Uhr und erhob sich. »Meine Mutter müsste gleich hier sein. Ich gehe deshalb schon mal vor und nehme ein paar Bücher zur Hand.«
»Jo«, hielt ich ihn zurück. »Sag deiner Mutter, dass wir morgen Nachmittag gerne Sylvia besuchen würden. Falls sie nicht möchte, dass wir den Bus nehmen, könntest du sie vielleicht auch gleich fragen, ob sie uns eventuell ins Krankenhaus bringen würde. Meine Mutter arbeitet leider. Ich werde sie aber heute Abend bitten, deine anzurufen und auch die Eltern von Noah, damit klar ist, dass wir uns das nicht ausdenken.«
»Welch eine Freude«, grummelte Jo. »Ok, ich versuche es!«
Als meine Mutter abends nach Hause kam, hatte ich es mir im Wohnzimmer gemütlich gemacht und las in dem Buch, das uns Herr Dr. Katzhausen aufgegeben hatte und über das wir in der nächsten Woche eine Klassenarbeit schreiben würden. Es handelte von dem Leben einer jungen Fixerin in Berlin und war erstaunlich interessant.
»Hallo, Tinchen, bist du schon lange zuhause?«, begrüßte mich meine Mutter.
»Eine Weile. Ich muss das Buch noch zu Ende lesen. Wir schreiben eine Klassenarbeit darüber und morgen Nachmittag wollen wir Sylvia im Krankenhaus besuchen. Ihr Vater hat uns allen über Dr. Katzhausen ausrichten lassen, dass sie ab morgen Besuch empfangen darf. Wir dachten uns, wir versuchen es mal auf dem normalen Weg, besser mit ihr auszukommen. Und das hat nichts mit Einschleimen zu tun«, fügte ich hastig hinzu.
»Ihr wollt Sylvia im Krankenhaus besuchen?«, fragte meine Mutter überrascht.
Ich nickte. »Da ich ja früher oder später mit ihr Tennis spielen muss, dachte ich, es wäre eine gute Idee zu versuchen, die Wogen etwas zu glätten. Meinst du, du könntest Frau Dräxler anrufen und ein gutes Wort für uns einlegen? Sie lässt Jo immer noch nicht ganz aus ihren Fängen. Vielleicht könntest du uns ja abholen.« Ich sah, wie sich das Gesicht meiner Mutter verzog und sagte schnell: »Oder wir fahren mit dem Bus. Das haben wir ja sonst auch getan. War nur so eine Idee, um Frau Dräxler zu beruhigen!«
Meine Mutter überlegte kurz. »Ich rede mit ihr. Kannst du schon mal den Tisch decken, ich ziehe mich nur um.«
Ich klappte das Buch zu und sprang von der Couch. »Klar, was gibt es denn?«
»Kommt darauf an. Hast du heute Mittag etwas Warmes gegessen?«, erkundigte sich meine Mutter, während wir gemeinsam Richtung Küche gingen.
»Ja, Noah und ich waren wieder im “La Cuisine“. Es gab Spaghetti Bolognese.«
»Dann schlage ich ein Club Sandwich à la Stahl vor«, sagte meine Mutter.
»Prima«, erwiderte ich und bog in die Küche ab. »Ich setze schon mal das Wasser für die Eier auf.«
Meine Mutter schaffte es tatsächlich, dass Jo nach dem Besuch im Krankenhaus mit dem Bus nach Hause fahren durfte, doch das war nicht alles. Frau Däxler erlaubte ihm auch, mit Noah und mir mittags im “La Cuisine“ zu essen, bevor sie uns ins Krankenhaus fuhr.
Kapitel 6• Die Komtesse lässt nicht bitten
Am nächsten Tag machten Noah, Jo und ich uns nach dem Unterricht auf den Weg zum “La Cuisine“.
>Vielleicht ist X ja heute wieder da<, überlegte die Wächterin gut gelaunt.
Ich ignorierte sie und beobachtete gespannt Jos Reaktion, als wir um die Ecke bogen und das Café in Sicht kam.
»Das ist ja der Hammer!«, sagte er begeistert und ließ den Blick über die Häuserwand und das Libellendach schweifen. Als er den getarnten Wasserspeier entdeckte, stutzte er. »Nur das Ding ist irgendwie fehl am Platz.«
»Ja, das finden wir auch«, bestätigte ich. »Aber jetzt lasst uns reingehen. Drin ist es bestimmt brechend voll und wir haben nicht viel Zeit.«
Im Restaurant waren diesmal alle Tische in der Mitte besetzt, so dass uns nichts anders übrig blieb, als eine Nische anzusteuern.
»Man könnte meinen, hier gibt es was umsonst«, sagte Jo kopfschüttelnd, während er versuchte, seine Krücken nicht in einem Stuhlbein oder einer der Schultaschen zu verhaken, die überall auf dem Boden standen.
»Gibt es ja auch. Einen einmaligen Anblick.« Noah wies mit dem Kopf zum Tresen. Jo und ich sahen gleichzeitig hin und meine Augen trafen die von X. Er grinste und nickte mir zu. Mir wurde heiß und ich hob kurz die Hand.
»Uff! Und plötzlich fühle ich mich noch kleiner und hässlicher als sonst.« Jo ließ sich auf die Bank der Nische sinken, die wir gerade erreicht hatten.
»Erzähl keinen Blödsinn.« Ich setzte mich neben ihn und erklärte ihm das System des Restaurants.
Wenig später stand ich am Tresen, um unsere Bestellungen aufzugeben.
»Hallo Tina, was darf es denn heute sein?«, erkundigte sich X und sah mir tief in die Augen.
Ich spürte, wie ich rot wurde. Das hatte mir gerade noch gefehlt. »Du könntest für den Anfang aufhören, mit mir zu flirten. Schon vergessen, du bist nicht mein Typ«, sagte ich gereizt.
»Upps, schlecht gelaunt?«, erkundigte sich X.
»Nein, aber ich hasse es, rot zu werden«, erklärte ich, mit der für mich so untypischen Offenheit, die mich immer nur dann überfiel, wenn ich mit ihm sprach.
»Ich finde es nett, wenn Mädchen rot werden«, erwiderte X mit einem Lächeln.
»Nett ist der Bruder von Scheiße«, brummelte ich, ohne ihn anzusehen, und sagte dann deutlicher: »Ich hätte gerne die Kartoffelpuffer mit Apfelmus, mein Freund Jo, der genauso “ein“ Freund ist wie Noah, bevor du wieder falsche Schlüsse ziehst, hätte gerne Kartoffelsalat mit Frikadelle und Noah nimmt noch mal den Hamburger mit Lammfleisch.« Als X nicht reagierte, sah ich irritiert zu ihm hinüber. Er stand da und hielt sich die Seite.
»Nett ist der Bruder von Scheiße«, japste er. »Das habe ich ja noch nie gehört!«
Ich musste gegen meinen Willen grinsen. »Da stellt sich mir die Frage, wo du aufgewachsen bist.«
»Kannst du mal fertig werden, andere wollen auch noch bestellen!«, beschwerte sich das Mädchen hinter mir. Ich warf einen Blick über meine Schulter. Es war eine blonde Oberstufenschülerin, mit einer Figur, wie ich sie nie haben würde, und einem Fotomodelgesicht. Wieder wurde ich rot. Mein Gott, war das peinlich.
»Wenn du es eilig hast, bist du hier falsch«, sagte X kalt zu der Blondine und dann zu mir: »Bis gleich, Tina. Und nett ist nicht immer der Bruder von Scheiße.« Er grinste über das ganze Gesicht.
Ich nickte und ging zurück zu Jo und Noah.
»Der Typ scheint auf dich zu stehen«, sagte Jo. Es klang eifersüchtig.
»Ach was! Er kommt nicht damit klar, dass es hier ein Mädchen gibt, das ihn nicht anhimmelt und er versucht, meine Meinung über ihn zu verändern. Ich habe ihm nämlich bei unserem ersten Besuch gesagt, dass er nicht mein Typ ist«, klärte ich ihn auf.
>Ich glaube, Jo hat recht<, sagte die Wächterin. >Du bist scheinbar die Einzige, mit der er länger spricht. Bei allen anderen nimmt er nur lächelnd die Bestellung entgegen.<
»Bis ich ihn anhimmele. Dann bin ich ebenso uninteressant wie der Rest! So etwas nennt man Jagdtrieb«, erwiderte ich lautlos.
>Dann himmele ihn einfach nicht an.<
»Habe ich nicht vor!«
»Wie willst du Sylvia eigentlich dazu kriegen, dir zu glauben oder noch wichtiger, uns zu erzählen, was ihr passiert ist, falls es wirklich etwas Ungewöhnliches war?«, fragte Jo und unterbrach damit meinen stummen Gedankenaustausch mit der Wächterin.
»Das entscheide ich dann. Vorausplanen bringt nichts. Sicher ist nur, dass wir, wenn wir erst mal wissen, was Sylvia heimsucht, zu ihr nach Hause müssen, um es zu vernichten.«
»Du erwartest nicht nur, dass Sylvia uns glaubt, sondern auch noch, dass sie uns zu sich nach Hause einlädt?« Jo sah mich ungläubig an. »Was hast du vor? Sie unter Drogen setzen?«
»Christina, das Essen ist fertig«, unterbrach uns Noah und wies auf die blinkende Tischlampe. »Ich gehe es holen. Habt ihr das Geld passend?«
»Schaffst du das? Drei Teller?«, fragte ich.
»Falls nicht, gebe ich dir Bescheid.« Noah nahm unser Geld entgegen.
»Ich denke, wenn wir sie erst mal davon überzeugt haben, dass sie von einem dunklen Wesen heimgesucht wird, dann ist die Einladung ein Kinderspiel«, wandte ich mich wieder an Jo. Dabei sah ich zum Tresen, um mich davon zu überzeugen, dass Noah auch wirklich mit den drei Tellern klarkam. Wieder traf mein Blick den von X. Er wirkte verwirrt und leicht verärgert. Ich musste ein Grinsen unterdrücken. Es schien ihm tatsächlich etwas auszumachen, dass Noah und nicht ich gekommen war, um das Essen abzuholen. Ich fühlte mich großartig und lächelte ihm kurz zu, damit er nicht dachte, ich sei sauer auf ihn.
»Wenn du das nächste Mal lieber alleine herkommen willst, lass es uns wissen«, sagte Jo, der meinem Blick gefolgt sein musste, beleidigt. »Wir wollen deinem Glück schließlich nicht im Wege stehen. Vielleicht geht Mr Schönling ja auch gleich mit dir Dämonen jagen, dann brauchst du dich nicht weiter mit uns abzugeben.«
Etwas machte „Klick“ in meinem Inneren und ich fuhr zu Jo herum. »Weißt du was, Jo, ich habe die Nase voll von deinem Gemaule. Wenn du etwas zu beanstanden hast, dann sprich nicht im Plural. Steh zu dem, was du sagst. Niemand hat vor, dich durch irgendwen zu ersetzen oder außen vor zu lassen, also komm über deinen Minderwertigkeitskomplex hinweg, der nervt nämlich. Wir sind nicht nur ein Team, wir sind Freunde! Und ja, das sagt die Richtige, aber ich versuche zumindest, an mir zu arbeiten.«
>Hart, aber herzlich<, bemerkte die Wächterin, >ich werde dich bei der nächsten Kleiderwahl daran erinnern.<
Jo starrte mich mit offenem Mund an.
»Was habe ich versäumt?«, erkundigte sich Noah vorsichtig, der mit einem voll beladenen Tablett zu uns getreten war.
Jo holte tief Luft und sagte ungewöhnlich ruhig: »Christina hat mir den Kopf gewaschen und wenn in ihrem Ausbruch nicht auch die Worte “Freunde“ und “Team“ vorgekommen wären, würde ich jetzt aufstehen und gehen.«
Ich spürte, wie ich rot wurde, hatte aber trotzdem nicht vor, auch nur ein Wort zurückzunehmen.
Noah stellte das Tablett auf den Tisch und setzte sich zu uns. »Ich weiß nicht, wer, was gesagt hat, und es ist mir auch ziemlich egal, aber ich weiß, dass wir unseren Gegnern in die Hände spielen, wenn wir uneins sind. Ich habe mich noch nie so getrennt von euch gefühlt, wie in diesem Moment. Das habe ich schon gespürt, als ich zum Tisch zurückkam.«
»Du meinst, jemand beeinflusst uns, um einen Keil zwischen uns zu treiben?«, erkundigte sich Jo.
»Das ist gut möglich, glaubt ihr nicht auch?«, erwiderte Noah.
»Das würde bedeuten, dass sich irgendwo hier ein dunkles Wesen befindet«, sagte ich leise.
Unbehaglich sahen wir uns um.
»Seht ihr irgendwo grüne Flecken?«
»Nein.« Noah schüttelte den Kopf.
»Und auch keine neongrünen Augen«, fügte Jo hinzu.
»Wir sollten essen und gehen.« Ich zog die Kartoffelpuffer zu mir herüber. Ich streute Zucker darüber, gab Apfelmus oben drauf und sah Jo an. »Ich stehe zu dem, was ich gesagt habe«, erklärte ich ruhig. »Auch wenn ich es netter hätte formulieren können!«
»Ja, das hättest du, Vulkanchen. Aber ich verspreche trotzdem, dass ich an mir arbeiten werde.«
»Und ich verspreche, nicht mehr so zu explodieren. Sonst muss ich irgendwann zugeben, dass mein Spitzname doch zu mir passt.« Ich zog eine Grimasse und reichte Jo die Hand. Er drückte sie kurz.
»Der Kartoffelsalat ist übrigens großartig«, sagte er kurz darauf.
»Mein Reden«, entgegnete Noah. »Der Hamburger ist immer noch so gut wie beim ersten Mal. Wie sind die Kartoffelpuffer, Christina?«
»Leider inzwischen lauwarm, aber immer noch sehr gut«, sagte ich abgelenkt. »Wieso finden wir das Wesen nicht, das Unfrieden gestiftet hat? Ich müsste es doch erkennen.«
»Entweder ist es ein Meister im Tarnen oder es war nur ganz kurz im Raum und hat das Restaurant sofort wieder verlassen, sobald ihr angefangen hattet, zu streiten«, schlug Noah vor.
Ich merkte auf. »Oder es arbeitet in der Küche. Das gesamte Personal können wir von hier aus nicht sehen.«
Wir sahen unsicher auf unsere Teller.
»Euer Streit war schon vorbei, bevor wir gegessen haben. Es kann also nicht am Essen liegen«, sagte Noah.
»Diesmal nicht, aber wenn das Wesen in der Küche arbeitet, dann könnte das nächste Essen schlecht für unsere Gesundheit sein«, gab Jo düster zu bedenken.
»Ich weigere mich, so ein geniales Essen aufzugeben, nur weil vielleicht ein Troll in der Küche arbeitet.« Noah sah mich an. »Das muss doch herauszufinden sein!«
»Wenn ich den Offenbarungssud herstelle, schauen wir auch gleich, ob es auch einen übersinnlichen Giftdetektor gibt«, schlug ich vor.
>Dein Amulett würde leuchten.< Die Wächterin seufzte.
Ich wurde wieder einmal rot. »Die Wächterin hat mich gerade darauf aufmerksam gemacht, dass mein Amulett bei Gefahr leuchtet. Und Gift ist eindeutig eine Gefahr, besonders wenn es uns von einem dunklen Wesen verabreicht wird«, sagte ich kleinlaut.
Jo schlug sich theatralisch vor die Stirn. »Wer denken kann, ist klar im Vorteil. Hätte uns echt auch selbst einfallen können, aber was soll es. Wozu hast du schließlich eine innere Wächterin.« Er grinste.
>Um dir bei Gefahr zu helfen, nicht als Babysitter<, sagte diese.
»Übertreibe es nicht!«, entgegnete ich lautlos, »Ich habe gerade einiges im Kopf!«
>Wie zum Beispiel X?<, erkundigte sich die Wächterin.
»Den nun gerade nicht!«, erwiderte ich bestimmt.
»Leute, wir müssen los! Meine Mutter ist eh fuchsteufelswild, weil mein Vater darauf bestanden hat, dass sie den Hausarrest weiter lockert. Wenn sie auch noch auf uns warten muss, nimmt sie das als Anlass, ihn zu erneuern.« Jo erhob sich und ich reichte ihm die Krücken. Noah stellte derweil die Teller auf das Tablett.
»Lass, ich bringe es weg«, sagte ich, nahm ihm das Tablett ab und stellte es auf den drei Schritte entfernten Geschirrwagen. Ich sah zum Tresen. X drehte mir den Rücken zu und ich wurde das Gefühl nicht los, dass er das absichtlich tat. Sein Problem. Noch jemanden, der herummaulte, brauchte ich nun echt nicht. Ich verließ das Café und meinte zu spüren, wie Xs Blicke mich nun doch verfolgten. Ich widerstand der Versuchung, mich umzudrehen und zu überprüfen, ob ich recht hatte.
Frau Dräxler fuhr uns schweigend zum Krankenhaus. »Um 18:00 Uhr gibt es Abendbrot«, war alles, was sie sagte, als wir ausstiegen.
Jo nickte. »Ich bin pünktlich«, versprach er.
»Danke fürs Fahren, Frau Dräxler«, sagte ich und Noah reichte ihr die Hand. Frau Dräxler ergriff sie kurz, nickte mir zu und legte den Gang ein.
Seufzend schloss Jo die Autotür. »Ich hoffe, sie kriegt sich bald wieder ein, sie ist gerade unausstehlich.« Er sah zum Krankenhaus. »Und wo wir gerade von unausstehlich sprechen: Wenn wir wirklich zu Sylvia wollen, lasst uns los, bevor mich der Mut verlässt.« Er zog eine Grimasse.
Im Eingangsbereich angekommen, gingen wir zum Informationsschalter, erkundigten uns nach dem Weg zu Station C und standen wenig später vor Sylvias Zimmer.
»Auf in den Kampf.« Jo verzog das Gesicht. »Schade, dass ich keine Kamera dabei habe. Das Gesicht, das Sylvia gleich machen wird, würde ich gerne für die Nachwelt festhalten.«
Ich kicherte, drückte die Türklinke runter und die Tür schwang lautlos auf. Sylvia blickte uns mit erwartungsvollem Gesichtsausdruck entgegen. Er verwandelte sich sofort in einen Ausdruck völliger Verblüffung, als sie uns erkannte. Auch die unzähligen neongrünen Punkte auf ihrer Nase konnten ihn nicht mindern, allerdings zeigten sie deutlich, dass sie von etwas heimgesucht wurde.
»Was wollt ihr denn hier?«, fragte sie angewidert.
»Ja, wir freuen uns auch, wenn wir dieses Zimmer wieder verlassen können«, entgegnete Jo und machte sich auf den Weg zu dem einzigen Stuhl im Raum.
Noah und ich folgten ihm. Ich schloss die Tür hinter mir.
»Was ihr hier wollt, habe ich gefragt!« Sylvias Stimme klang schrill und ich konnte sehen, wie ihr Blick zum Notknopf huschte.
»Na, da hat aber jemand ein schlechtes Gewissen«, meinte Jo, dem ihr Blick wohl auch nicht entgangen war.
»Keine Sorge, wir sind hier, um dir zu helfen, nicht um dir zu schaden«, beruhigte sie Noah.
»Sprich für dich«, murmelte Jo und ließ sich auf den Besucherstuhl sinken.
Wieder musste ich kichern und auch Jo verzog das Gesicht. Sylvia blickte verwirrt von einem zum anderen und sah dabei so unfreiwillig komisch aus, dass ich mir das Lachen echt verkneifen musste.
>Würdest du jetzt bitte mit dem Wesentlichen beginnen?<, erkundigte sich die Wächterin ungeduldig.
»Geht los«, entgegnete ich lautlos, stellte mich ans Fußende von Sylvias Bett und sagte: »Wir wissen, dass das, was dir passiert ist, kein simpler Unfall war. Was wir nicht wissen ist, was ihn verursacht hat. Was war es? Ein Kobold, ein Poltergeist? Hat das Wesen dich erschreckt oder hat es von dir Besitz ergriffen?« Ich sah Sylvia abwartend an.
Sie erstarrte für einen winzigen Augenblick, erholte sich aber schnell. »Kobold, Poltergeist? Habt ihr sie noch alle? Ha, ha, die Komtesse hat sich das Bein gebrochen und das Fußvolk hatte seine dreißig Sekunden um sich darüber lustig zu machen, aber jetzt reicht es. Raus hier oder ich rufe die Schwester!« Sie griff nach dem Notknopf, doch Noah, der am Kopfende ihres Bettes stand, war schneller und hielt ihn mit einem Lächeln außer Reichweite. Auch Sylvias Hände waren mit grünen Flecken gesprenkelt.
»Ich schreie!«, drohte sie.
»Sei nicht albern«, sagte ich gelassen und sie sah mich verblüfft an. »Das Wesen wird dich nicht in Ruhe lassen. Du wirst immer wieder Unfälle haben, bis es ihm endlich gelingt, dich umzubringen und danach oder vielleicht auch davor, deinen Vater. Denn wenn es nur deinen Körper haben wollte, würdest du jetzt nicht hier liegen, sondern wie eine Marionette durch die Gegend laufen. Glaube mir, es wird nicht eher ruhen, bis ihr beide tot seid. Ich weiß zwar noch nicht, was es ist und warum es hinter euch her ist, aber ich weiß, dass Jo, Noah und ich die Einzigen sind, die euch helfen können, es loszuwerden.«
Sylvia blickte von mir zu Jo und Noah und wieder zurück zu mir. »Ihr meint das tatsächlich ernst, oder? Ihr braucht dringend ärztliche Hilfe!«
Bevor jemand etwas erwidern konnte, öffnete sich die Tür und ein gutaussehender Mann mit rotbraunen Locken schaute ins Zimmer. Seine rechte Hand war notdürftig bandagiert. Auf seinem Gesicht und der gesunden Hand befanden sich neongrüne Punkte.
»Oh, du hast Besuch, wie schön«, sagte er zu Sylvia, trat in den Raum und wandte sich zu uns. »Ich bin Wolfgang von Kastanienburg, Sylvias Vater. Ich würde euch gerne die Hand geben, aber die tut zur Zeit gerade verflixt weh.«
»Ich bin Christina Stahl«, stellte ich mich vor, »und das sind meine Freunde Jo Dräxler und Noah Ahadi.«
Herr von Kastanienburg merkte auf. »Christina Stahl? Dann bist du Raquels Tochter! Ich freue mich, dich kennenzulernen. Deine Mutter ist eine außergewöhnliche Frau und ich bin froh, dass wir sie für unser Museum gewinnen konnten. Ich will euch auch gar nicht weiter stören. Ich wollte nur schnell vor dem Röntgen bei Sylvia vorbeischauen.« Er beugte sich über seine Tochter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich komme nachher noch mal wieder«, versprach er und wandte sich zum Gehen.
»Papa, warte«, bat Sylvia. »Deine Hand, wie ist das passiert?«
»Ach, das war ein dummer Unfall.« Herr von Kastanienburg winkte mit der gesunden Hand ab. »Ich war im Weinkeller, um eine Flasche heraufzuholen, und als ich zum Lichtschalter griff, fiel die Tür wieder zu. Es muss irgendwo ein Fenster offen gestanden haben. Gott sei Dank ist die Kellertür ja nur aus Holz. Wenn sie aus Eisen wäre, hätte das Ganze schlimm ausgehen können. Aber nun lasse ich euch wieder alleine. Viel Spaß noch, und bis nachher, Prinzessin. Mache dir keine Sorgen, die Hand ist bestimmt nur geprellt.« Mit einem Lächeln verließ er das Zimmer.
Eine ganze Weile sagte niemand etwas, dann flüsterte Sylvia: »Es war kein Kobold, es war ein Geist. Eine Frau.«
»Eine Frau?«, fragte Jo verblüfft, fing sich aber sofort wieder. »Warum überrascht mich das eigentlich? Schließlich wissen wir alle, wie gemein Frauen schon in jungen Jahren sein können.« Er schenkte Sylvia ein strahlendes Lächeln, was diese mit einem bitterbösen Blick quittierte.
»Erzähl uns bitte mehr von dem Geist«, sagte ich schnell.
Sylvia holte tief Luft und berichtete: »Ich war auf dem Weg zum Tennistraining und wollte gerade die Treppe unserer Eingangshalle runter, als plötzlich diese Frau auftauchte. Sie trug ein schlichtes, weißes Kleid und ich hätte sie wahrscheinlich für eine neue Angestellte gehalten, wenn das Kleid nicht lang und etwas altmodisch und ihre schwarzen, lockigen Haare offen gewesen wären. Sie stellte sich mir in den Weg und zischte: „Euer Hochmut und eure Habgier haben mein Leben zerstört, doch ich will nicht eher ruhen, bis der letzte Schönbrunn zerstört und vernichtet ist!“ Ich erinnere mich so genau an die Worte, weil ich ihr gerade klarmachen wollte, dass ich keine Schönbrunn bin, als sie sich vor meinen Augen verwandelte. Ihr Gesicht wurde zum Totenschädel, ihr Körper zu einem Skelett, das Kleid war plötzlich zerrissen und sie versuchte, nach mir zu greifen.« Hier machte Sylvia eine kurze Pause und krallte die Hände in ihre Bettdecke. Sie räusperte sich und sprach dann weiter: »Ich wich ihr aus, verpasste die erste Stufe, fiel die Treppe hinunter und verlor das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, lag ich hier im Krankenhaus. Wie ihr euch denken könnt, habe ich niemandem davon erzählt und ich werde jedes Wort bestreiten, solltet ihr die Geschichte verbreiten wollen.«
Ich ignorierte den letzten Teil des Satzes und fragte: »Kam dir der Geist bekannt vor? Hast du ihn vielleicht schon mal auf alten Familienfotos gesehen?«
»Was willst du denn damit sagen?«, erkundigte sich Sylvia beleidigt. »Dass es in unserer Familie Verrückte gegeben hat, die jetzt als Geister umgehen und versuchen, andere zu ermorden?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht und genau das ist das Problem. Ich muss so viel wie möglich über den Geist herausfinden. Das macht es einfacher, ihn wieder loszuwerden. Wenn du ihn nicht gerufen hast ...« Ich machte eine Pause und sah Sylvia an, die entrüstet den Kopf schüttelte. »Dann wird es wohl deine Urgroßmutter gewesen sein. Sie hat gerne mit Magie herumgespielt. Bist du sicher, dass der Geist, nennen wir ihn einfach die „wütende Dame“, bis wir den richtigen Namen wissen, nicht doch noch irgendwas gesagt hat, das uns weiterhelfen könnte?«
Sylvia sah mich mit offenem Mund an. »Cecile Schönbrunn hat den Geist gerufen? Natürlich. Kannst du mir mal verraten, warum sie das gemacht haben soll?«
»Glaub es mir einfach«, entgegnete ich. »Was ist nun, kannst du dich noch an etwas anderes erinnern?«
Sylvia schien etwas erwidern zu wollen, schloss aber nach einem Blick auf mein Gesicht den Mund. Sie wirkte irritiert. Schließlich sagte sie: »Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, als ich die Treppe runter gefallen bin, habe ich noch gehört, wie sie ein Amulett erwähnte, das niemand je finden würde.«
Ich nickte. »Das könnte wichtig sein«, sagte ich anerkennend und Sylvia schenkte mir das erste aufrichtige Lächeln, seit wir uns kannten. »Du musst uns gleich am Tag deiner Entlassung zu dir nach Hause einladen«, fuhr ich fort. Sofort erstarb das Lächeln auf ihrem Gesicht. Ich tat, als würde ich es nicht bemerken, und sprach weiter: »Du solltest der „wütenden Dame“ keine zweite Chance geben und auch deinen Vater warnen. Er muss vorsichtig sein. Lass dir was einfallen.«
Sylvia verzog das Gesicht. »Euch zu mir nach Hause einladen? Das kommt gar nicht in Frage. Was sollen denn meine Freunde denken?«
Ich ignorierte sie und kramte in meiner Schultasche nach einem Stück Papier. Schließlich riss ich ein Stück von einem Block ab. »Hier, das sind meine Telefonnummern. Ruf mich an, sobald du weißt, wann du entlassen wirst. Wir kommen dann zu dir. Wenn es dir peinlich ist, kannst du deinem Vater ja sagen, dass wir dir die Hausaufgaben bringen«, fügte ich hinzu.
»Mein Vater ist nicht das Problem«, erwiderte Sylvia und nahm zögernd den Zettel entgegen. »Wie spät ist es?«, fragte sie unvermittelt.
»Kurz nach drei«, sagte Noah. »Warum?«
»Oh.« Sylvia wurde blass. »Ihr müsst verschwinden, schnell!«
Kapitel 7• Geisterstunde
Ich nickte und drehte mich zur Tür, doch Jo schüttelte den Kopf.
»Nein, ich denke, wir bleiben noch«, sagte er.
»Bist du verrückt?«, fragte Sylvia und ich sah, wie ein leicht panischer Ausdruck in ihr Gesicht trat. »Meine Freundinnen werden gleich vorbeikommen.«
Jo nickte. »Ja, so etwas dachte ich mir.« Er machte es sich bequem.
»Ihr ruiniert meinen Ruf, geht das in deinen hohlen Schädel nicht rein?« Sylvia kreischte es fast.
»Du meinst den Ruf, ein mieses Miststück zu sein, das andere nur benutzt oder auf ihnen herumtrampelt wie auf einem Fußabtreter?«, erkundigte sich Jo, der keine Anstalten machte, sich zu erheben. »Ja, das ist ein Ruf, den man nur ungern verliert.«
Sylvia setzte zu einer Erwiderung an, doch sie kam nicht mehr dazu, etwas zu sagen, denn die Tür öffnete sich und Ramona, Michelle und Janine traten ins Zimmer. Als sie uns entdeckten, warfen sie Sylvia entsetzte Blicke zu.
Noah ging hinüber zu Jo, half ihm mit leichter Gewalt auf die Beine und bugsierte ihn zur Tür. Auf halbem Weg wandte er sich noch mal an Sylvia: »Wir sehen uns am Tag deiner Entlassung bei dir. Du hast ja Christinas Nummer. Ruf einfach durch, wenn du das genaue Datum weißt.« Er lächelte ihr freundlich zu und ging, am wie versteinert wirkenden Dreigestirn vorbei, zur Tür. Jo folgte ihm mit einem Grinsen.
Ich setzte mich ebenfalls in Bewegung. »Noch mal gute Besserung«, sagte ich ruhig zu Sylvia, die demonstrativ aus dem Fenster starrte.
Ich verließ den Raum, doch bevor ich die Tür hinter mir schließen konnte, steckte Jo noch einmal den Kopf ins Zimmer.
»Ich hoffe, ihr überlebt die Tatsache, dass Sylvia sich nicht umgebracht, sondern mit Christina gesprochen hat«, sagte er vergnügt.
Ehe Jo noch etwas hinzufügen konnte, zog Noah ihn zurück und schloss endlich die Tür. Die beiden klatschten lautlos ab, dann legte Jo das Ohr an die Tür. Noah und ich sahen ihn ungläubig an.
»Nun macht schon«, flüsterte Jo.
Ich sah mich kurz um. Der Korridor, in dem wir uns befanden, war leer. Ich zuckte mit den Schultern, grinste Noah an und beugte mich zur Tür. Noah tat es mir gleich. Im Zimmer war eine unterkühlte Unterhaltung im Gange.
»Was wollten die denn hier?«, erkundigte sich Ramona spitz.
»Was bitte sollte der blöde Spruch von Jo?«, entgegnete Sylvia und ignorierte Ramona völlig.
Einen Moment herrschte Schweigen, dann ergriff Michelle das Wort: »Als die Brillenschlange nach dir gefragt hat, habe ich ihr vor der ganzen Klasse gesagt, dass du lieber sterben würdest, als dich mit ihr abzugeben. Scheinbar habe ich mich getäuscht.« In ihrer Stimme klang ein gehässiger Unterton mit.
»Sei kein Idiot!«, fuhr Sylvia sie an. »Niemand zieht es vor, zu sterben, wenn er sich zwischen dem Tod und einer Unterhaltung mit ein paar Losern entscheiden muss. Macht nicht so eine riesige Sache daraus. Es reicht mir schon, dass ich, sobald ich hier rauskomme, einen ganzen Tag mit diesen absoluten Verlierern verbringen muss. Aber was tut man nicht alles, um seine Eltern glücklich zu machen. Ich werde es hinter mich bringen und das Ganze anschließend so schnell wie möglich vergessen. Und euch rate ich, das Gleiche zu tun. Sonst könnte ich nämlich vergessen, meinen Vater bei der nächsten Theaterpremiere zu bitten, auch Karten für euch zu besorgen«, fügte sie drohend hinzu.
»Du musst einen ganzen Tag mit denen verbringen?« Michelles Stimme klang angewidert. »Warum das, in aller Welt?«
»Irgend so ein Sozialprojekt meines Vaters«, sagte Sylvia mit resignierter Stimme. »Christinas Mutter arbeitet für ihn. Wahrscheinlich will er sie beeindrucken, damit er ihr Gehalt nicht erhöhen muss. Falls ich diese Brillenschlange in ihren furchtbaren Klamotten allerdings öfter treffen soll, kann er sich das abschminken. Auch meine Großzügigkeit hat Grenzen.«
Aus dem Zimmer klang zustimmendes Gemurmel. Jo hatte die Hand bereits an der Türklinke, doch ich schüttelte den Kopf und wies in Richtung Ausgang. Ohne seine Reaktion abzuwarten, ging ich los. Noah und Jo folgten mir. Schweigend erreichten wir die Eingangshalle und trafen dort noch einmal Herrn von Kastanienburg, der uns fröhlich zuwinkte.
»Ist wirklich nur geprellt«, rief er von weitem und wedelte mit seiner jetzt professionell bandagierten Hand.
Ich hob lächelnd den Daumen und wir verließen das Krankenhaus. Draußen machte Jo seiner Empörung Luft: »Wieso hast du mich nicht reingehen lassen?«, fragte er wütend. »Dieses Miststück! Du willst dein Leben riskieren, um ihr zu helfen, und sie hat nichts Besseres zu tun, als über dich herzuziehen, sobald du ihr den Rücken zudrehst.«
Ich sah ihn überrascht an. »Was hattest du denn erwartet? Wir sprechen hier von Sylvia von Kastanienburg. Abgesehen davon konnte sie gar nicht anders reagieren, selbst wenn sie gewollt hätte. Ihr Dreigestirn ist alles, was sie hat. Wenn die drei aufhören, sich um sie zu drehen, steht sie alleine da und was macht sie dann? Unserem Club beitreten und unsere beste Freundin werden? Wohl kaum.«
Jo starrte mich an. »Soll ich jetzt etwa Mitleid mit ihr haben?«, fragte er ungläubig.
Ich schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht, sie ist ja selbst Schuld. Was meint ihr, haben wir noch Zeit für einen kurzen Besuch bei Mathilde?«
»Kommt darauf an, was du unter kurz verstehst«, sagte Jo mit einem Blick auf seine Uhr. »Bis wir bei Mathilde sind, ist es vier und um kurz nach fünf muss ich dann zur Bushaltestelle, sonst komme ich zu spät zum Abendessen. Wenn das passiert, war meine Freiheit von kurzer Dauer.«
»Ich denke, dann lassen wir das heute lieber und fahren nach Hause.«
Wir waren bereits auf dem Weg zur Bushaltestelle, als ein Geländewagen neben uns hielt. Es war Herr von Kastanienburg.
»Hallo, ihr drei«, sagte er fröhlich. »Soll ich euch mitnehmen und irgendwo rauslassen?«
Fünfzehn Minuten später standen wir im Buchladen. Mathilde begrüßte uns mit einem Lächeln, legte ihr Buch beiseite und sagte dann: »Wusste ich doch, dass ihr noch vorbeikommt.« Sie nahm den Schlüsselring und ging sofort in Richtung Raum der Bücher.
»Es ist wirklich kein großes Ding, dass wir unsere Begegnung mit Sylvia gut überstanden haben, und sie uns sogar glaubt, also loben Sie uns bloß nicht«, rief Jo ihr hinterher.
»Hatte ich nicht vor«, erwiderte Mathilde. Ihre Stimme klang etwas gedämpft.
Ich folgte ihr kichernd. Hinter mir sagte Noah zu Jo: »Gegen Mathilde kommst du nicht an, aber versuch es ruhig weiter. Das hebt die Stimmung.«
»Und mir machen unsere kleinen Wortgefechte Spaß«, erklärte Mathilde, die uns an der offenen Tür erwartete.
Ich sah sie grinsend an und blickte dann Jo nach, der mit hoch erhobenem Kopf an uns vorbei in den Raum ging und dabei murmelte: »Mir fällt schon noch was ein! Wäre doch gelacht, wenn mir nichts einfallen würde.«
»Bis nachher, Mathilde«, sagte Noah und folgte Jo.
Auch ich nickte ihr noch einmal zu und schloss dann die Tür hinter mir. Wir setzten uns an den Tisch und ich zog eine Karteikarte. »Wir haben es eilig, also komme ich gleich zur Sache. Wie bekommen wir alle wichtigen Informationen über den Geist, der im Haus der von Kastanienburgs umgeht?«
Eine Zeitlang geschah nichts. Gerade, als ich es erneut versuchen wollte, bildete sich über dem Tisch eine Art phosphoreszierender Nebel, der immer dichter wurde und schließlich die durchscheinende Form eines jungen Mannes in altmodischer Kleidung annahm. Eine Aura hellen Lichtes umgab ihn wie eine zweite Haut.
»Man hat mich hierher geschickt, doch ich weiß nicht warum, noch was ihr begehrt«, sagte er. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern im Wind. Er sah uns nacheinander an und sein Blick blieb an mir hängen. Er wirkte irritiert.
Ich starrte ihn mit offenem Mund an. Schließlich räusperte ich mich. »Wir haben um Hilfe gebeten, um mehr über einen Geist zu erfahren, den höchstwahrscheinlich Cecile Schönbrunn heraufbeschworen hat.«
»Cecile hat einen Geist heraufbeschworen?« Der junge Mann schüttelte ungläubig den Kopf. »Mit so etwas hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Sie war zwar schon als kleines Mädchen kaum zu bändigen, aber einen Geist beschwören …« Er verstummte und fuhr sich mit den durchsichtigen Händen durch die Haare.
Ich bemerkte fasziniert, dass sich seine Frisur dadurch nicht im Geringsten veränderte.
»Cecile hätte einen Vater gebraucht, der sie richtig erzieht und nicht einen wie mich, der drei Jahre nach ihrer Geburt seinem Leben ein Ende setzte, weil er die Schmerzen seines gebrochenen Herzens nicht mehr ertrug.« Er sah mich entschuldigend an.
»Sie sind der Vater von Cecile Schönbrunn?«, fragte Jo verblüfft.
Der junge Mann nickte.
»Und Sie sind tot.«, fügte Jo hinzu.
»Ich denke, das ist offensichtlich«, erwiderte der Geist. »Entschuldigt bitte, ich habe es versäumt, mich vorzustellen, aber die Situation ist neu für mich. Man hat mich noch nie ... gerufen. Mein Name ist Kurt Schönbrunn. Wie kann ich euch zu Diensten sein?« Er sah mich aufmerksam an und wieder trat der verwirrte Ausdruck in sein Gesicht. Auch ich betrachtete ihn eingehender. Er sah selbst blass und durchscheinend noch gut aus, doch er wirkte trotz des hellen Lichts, das ihn umgab, unendlich traurig.
»Wir waren auch nicht höflicher«, sagte ich endlich. »Mein Name ist Christina Stahl und das sind meine Freunde Jo Dräxler und Noah Ahadi. Wir brauchen alle Informationen, die wir über den Geist bekommen können. Die „wütende Dame“, so nennen wir die Erscheinung, bis wir wissen, wer es ist, muss irgendwie mit den Schönbrunns verbunden sein, oder durch sie ein großes Unrecht erfahren haben. Als sie sich Sylvia von Kastanienburg zeigte, sagte sie etwas davon, dass der Hochmut und die Habgier der Schönbrunns ihr Leben zerstört hätten.«
»Von Kastanienburg? Was haben die von Kastanienburgs mit den Schönbrunns zu tun?«, wollte Kurt Schönbrunn wissen.
»Es sind Ihre Nachkommen«, klärte Jo ihn auf.
»Du willst mir doch nicht erzählen, dass Cecile mit dem Sohn dieses adligen Schnösels verheiratet wurde?«, erkundigte sich Kurt Schönbrunn aufgebracht.
»Ähm, scheint so«, sagte Jo. »Ich weiß zwar nicht, von wem Sie sprechen, aber sie hat einen von Kastanienburg geheiratet, das steht fest. Friedrich von Kastanienburg, um genau zu sein«, fügte er hinzu.
»Genau den meine ich.« Kurt Schönbrunn schwieg einen Moment und sagte dann mehr zu sich selbst: »Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Ich war nicht da, um sie zu erziehen, und Lucille, ihre Mutter, war schwach. Mein Vater hatte also ein leichtes Spiel.« Er wandte sich zu mir und fragte: »Entschuldige, was kannst du mir über den Geist erzählen? Ich brauche mehr Informationen, um euch helfen zu können.«
Ich nickte. »Nun, er ist weiblich und ziemlich wütend, was vermuten lässt, dass es sich um einen Poltergeist handelt. Außerdem hat er lange, wilde, schwarze Locken und trägt ein schlichtes weißes Kleid. Sylvia meinte, dass er etwas von einem Amulett gesagt hättet, das niemals jemand finden würde. Sagt Ihnen das etwas?«
Kurt Schönbrunn zuckte zusammen. »Maria«, flüsterte er heiser und eine durchsichtige Träne lief ihm über die Wange. »Die Liebe meines Lebens!«
Ich sah ihn überrascht an.
»Aber nicht die Mutter von Cecile«, stellte Noah fest.
Kurt Schönbrunn schüttelte den Kopf. »Nein. Maria war eines unserer Hausmädchen. Eine schwarzhaarige Schönheit mit spanischen Vorfahren, sonnigem Gemüt und südländischem Temperament. Sie fand immer einen Grund zum Lachen und eine Methode, den melancholischen Sohn des Hauses aufzumuntern. Mich. Es war nur eine Frage der Zeit, bis wir uns ineinander verliebten. Als sie ein Kind von mir erwartete, bat ich sie, meine Frau zu werden und gab ihr als Unterpfand meiner Liebe das Familienamulett der Schönbrunns, das einst meiner Mutter gehört hatte und nur an die Frauen der Familie weitergegeben wurde.«
Ein komisches Gefühl beschlich mich, doch Kurt Schönbrunn, gefangen in der Erinnerung, sprach bereits weiter: »Natürlich hatte ich die Rechnung ohne meinen Vater gemacht. Als ich ihm von Maria, dem Kind und dem Amulett erzählte, geriet er vollkommen außer sich. Er forderte mich auf, das Amulett sofort zurückzuholen, und drohte mir schließlich damit, mich zu enterben, sollte ich meinen Plan, Maria zu heiraten, in die Tat umsetzen.« Kurt Schönbrunn sah uns an. »Ihr müsst wissen, dass ich es bis zu diesem Gespräch nie gewagt hatte, meinem Vater zu widersprechen, deshalb stand es für ihn außer Frage, dass ich seinen Befehlen nachkommen würde. Doch diesmal bot ich ihm die Stirn. Ich sagte ihm, dass mir sein Geld vollkommen egal sei, erklärte ihm, dass ich Maria auch ohne seinen Segen heiraten würde und dass das Amulett somit rechtmäßig ihr gehöre. Zu meinem grenzenlosen Erstaunen lenkte mein Vater ein. Er klingelte nach unserer Haushälterin und bat sie, Maria zu holen. Immer noch völlig perplex willigte ich ein, als er mich bat, mit Maria alleine sprechen zu dürfen. Mein Vater versprach mir, dass er uns seinen Segen geben würde, wenn Maria einwilligte, mich auch ohne einen Cent zu heiraten. Er schickte mich aus dem Zimmer, noch bevor sie angekommen war. Ich hatte also keine Chance, vorher mit ihr zu sprechen, doch ich war nicht beunruhigt, denn ich war mir vollkommen sicher, dass Maria mich wirklich liebte.« Er holte tief Luft. »Was war ich für ein Idiot.«
»Wieso, was ist geschehen?«, fragte ich atemlos.
Kurt Schönbrunns Miene verfinsterte sich. »Mein Vater erklärte Maria, dass ich keinen Cent erben würde, sollte ich mich mit ihr vermählen. Er bot ihr eine Alternative. Wenn sie mich sofort verließe, wollte er ihr eine großzügige Apanage zahlen …«
»Eine was?«, fragte Noah verwirrt.
»Einen Unterhalt«, erklärte Jo.
Der Geist sah die beiden irritiert an.
»Entschuldigen Sie die Unterbrechung, bitte fahren Sie fort«, bat ich Kurt Schönbrunn und warf Jo und Noah warnende Blicke zu.
Der Geist räusperte sich und sprach weiter: »Er wollte ihr regelmäßig Geld zukommen lassen, damit es ihr und dem Kind an nichts mangelte. Maria willigte ein. Ich habe sie nie wieder gesehen.«
»Und das haben Sie ihrem Vater geglaubt?«, fragte ich empört.
»Da ist doch was faul«, sagte Jo im gleichen Moment.
»Haben Sie nie versucht, Maria zu finden und mit ihr zu sprechen?«, erkundigte sich Noah.
»Natürlich habe ich das!«, fuhr Kurt Schönbrunn ihn an. Noah zuckte zurück. Kurt Schönbrunn hob entschuldigend die durchsichtigen Hände und wischte sich über die Augen. »Entschuldige«, murmelte er, »ich habe Maria überall gesucht. Ich habe sogar einen Detektiv engagiert, doch sie war wie vom Erdboden verschluckt.«
>Was ist mit dem Amulett geschehen?<, wollte die Wächterin wissen, die bis eben geschwiegen hatte.
»Und das Amulett?«, erkundigte ich mich.
Kurt Schönbrunn sah mich überrascht an. »Was soll damit sein?«
»Genau das will ich wissen«, erwiderte ich. »Es schien Ihrem Vater doch sehr wichtig zu sein. Wenn Maria wirklich auf seinen Handel eingegangen ist, muss er es zurückgefordert haben. Er hätte es ihr doch nicht überlassen, oder?«
Kurt Schönbrunn starrte mich an und schüttelte den Kopf. »Nein, hätte er nicht. Er hätte es zurückgefordert und darauf bestanden, dass Lucille es bei unserer Hochzeit bekommt. Nachdem Maria mich verlassen hatte, war ich so zerstört, dass ich an das Amulett überhaupt nicht mehr gedacht habe.«
»Aber das kann doch nur bedeuten, dass Maria es ihm nicht wiedergegeben hat. Entweder aus Liebe, um wenigstens einen Teil von Ihnen bei sich zu tragen, oder aus Hass. Doch warum sollte Maria Sie hassen, wenn sie aus freien Stücken gegangen ist?«, überlegte ich laut.
Kurt Schönbrunn sah aus, als wäre ihm übel. »Sie hat mich nicht verlassen«, flüsterte er. »Mein Gott, was hat mein Vater ihr angetan? Er hätte sie das Amulett niemals behalten lassen. Warum habe ich nie daran gedacht?«, fragte er verzweifelt. »Wenn ihr sie trefft, sagt ihr bitte, dass ich meinem Vater die Stirn geboten, dass ich sie nie verlassen habe.« Er sah uns flehend an.
Ich nickte. »Eine letzte Frage habe ich noch: Das Amulett, war es wertvoll?«
Kurt Schönbrunn schüttelte den Kopf. »Nicht im eigentlichen Sinne. Das Amulett war aus Silber und zum Schutz gedacht. Es hatte zwar die Form eines silbernen Auges, durch das ein waagerechter, ebenfalls silberner Steg führte, doch es war so an einer Kette befestigt, dass es auf dem Kopf stand. Ich weiß allerdings nicht, wogegen es schützte. Meine Mutter wollte es mir nie sagen. Sie trug das Amulett übrigens immer zusammen mit einem silbernen Kreuz.«
»Wenn es so ausgesehen hat«, ich zog mein Amulett hervor, »dann schützt es vor allen Übeln, die man sich nur denken kann.«
»Woher hast du das?«, fragte Kurt Schönbrunn mit rauer Stimme.
Das Blut rauschte in meinen Ohren und meine Stimme zitterte leicht, als ich antwortete: »Ich habe es von meiner Urgroßmutter Carmen geerbt. Sie hinterließ es mir, weil es schon immer zu den Frauen unserer Sippe, den Wächterinnen, gehört hat.«
»Wer waren die Eltern deiner Urgroßmutter?«, wollte Kurt Schönbrunn wissen.
»Das weiß niemand. Uroma Carmen ist in Spanien in einem christlichen Armenhaus aufgewachsen. Ihre Mutter ist kurz nach der Geburt gestorben, doch sie hatte noch Zeit, ihr den Namen Carmen zu geben, das Amulett umzulegen und darauf zu bestehen, dass man es ihrer Tochter nie abnehmen sollte.«
Einen Moment lang sagte niemand etwas, dann räusperte sich Kurt Schönbrunn. »Ich denke, du und ich ahnen, wer Carmens Eltern waren. Dass sie in einem Armenhaus aufgewachsen ist, beweist außerdem, dass Maria den Vorschlag meines Vaters nicht angenommen hat. Falls es überhaupt jemals so etwas wie ein Angebot gab.«
»Immer vorausgesetzt, dass meine Urgroßmutter Ihre Tochter ist«, warf ich ein.
»Daran habe ich keinen Zweifel«, sagte Kurt Schönbrunn. »Ich muss dich nur ansehen, um zu wissen, dass es stimmt. Du hast Marias herrliche Haare und ihre wunderschönen Augen, aber meine Nase. Oder vielleicht sollte ich sagen, die, Gott sei Dank, durch Generationen verbesserte, weibliche Version davon!« Er zeigte auf seine eigene wohlgeformte, aber ziemlich große Nase und zog eine Grimasse. Dann wurde er wieder ernst. »Du hast mich vom ersten Moment an sie erinnert. Doch wenn du es sicher wissen willst, schau auf die Rückseite des Amuletts. Wenn es meiner Mutter gehörte, ist unterhalb der Anhängeröse, ein Stückchen unterhalb der Stelle, wo das Amulett mit der Öse verschweißt wurde, ein “S“ eingraviert.« Bevor ich etwas erwidern oder tun konnte, hielt Kurt Schönbrunn inne und lauschte auf etwas, das nur er hörte. Mit einem entschuldigenden Lächeln sagte er: »Sie rufen mich, meine Zeit hier ist um. Seid vorsichtig, wenn ihr euch dem Poltergeist stellt, und unterschätzt ihn nicht. Dieses Ding ist nicht Maria. Der Geist besteht aus jahrzehntelang aufgestauter Wut und Hass. Marias Seele ist unter den Aggressionen verborgen und sie benutzt diese wie ein Schutzschild.« Seine Form begann zu verschwimmen und seine Stimme wurde eindringlich, als er weiter sprach: »Du musst versuchen, Maria hervorzulocken, sie daran zu erinnern, wie es sich anfühlt zu lieben, damit sie für einen Moment vergisst, zu hassen. Nur so kannst du ihr helfen.« Inzwischen war nur noch sein Oberkörper zu erkennen. Er warf mir eine Kusshand zu, lächelte ein letztes Mal und verschwand.
Im Raum der Bücher herrschte Schweigen. Wie üblich war es Jo, der als Erstes etwas sagte: »Wow, ich schätze, Sylvia wird es nicht witzig finden, dass ihr halbe Cousinen vierten Grades seid.«
Ich zuckte zusammen und sah ihn an. »Das wissen wir überhaupt noch nicht«, entgegnete ich abwehrend.
>Klar wissen wir das!<
»Aber wir können es ganz einfach feststellen«, konterte Jo im gleichen Moment. »Außerdem: Du hast doch Kurt Schönbrunn gehört. Er musste dich nur ansehen, Vulkanchen, und es war ihm klar.«
»Ja, und das ist nun wirklich ein handfester Beweis!«
»Dann mach ihn handfest«, forderte Jo und sah mich abwartend an.
Ich warf einen Blick zu Noah, der mir aufmunternd zulächelte, und schluckte.
>Jetzt zier' dich nicht so<, sagte die Wächterin ungeduldig.
»Gut, aber was immer hierbei herauskommt, ihr erwähnt Sylvia gegenüber kein Wort davon. Versprecht es mir«, gab ich mich geschlagen. Ich sah erst Noah und dann Jo an.
Letzterer zog einen Flunsch, nickte aber.
»Wahrscheinlich würde Sylvia uns eh nicht glauben, aber es ist gut möglich, dass sie uns dann erst gar nicht ins Haus lässt, was bedeuten würde, dass wir uns der wütenden Dame ...«
»Maria«, unterbrach mich Jo, doch ich ignorierte ihn und fuhr fort: »... nicht stellen und weder Sylvia noch ihrem Vater helfen könnten.«
Jo seufzte. »Schön, ich werde schweigen wie ein Grab, damit wir Ihre Hoheit nicht verschrecken, aber würdest du jetzt bitte nachsehen?«
Ich warf einen Blick auf die fragliche Stelle des Amuletts und spürte, wie mein Mund trocken wurde. »Kein Wort zu niemandem!«, befahl ich noch einmal. »Es ist schlimm genug, dass ich mit Sylvia verwandt bin, es muss nicht auch noch die ganze Welt wissen.«
»Ich wusste es«, jubelte Jo. »Vulkanchen, ist dir klar, wie viel Geld dir zusteht? Du bist eine Schönbrunn.«
»Ich bin eine Stahl und ich habe genug Geld!«, erwiderte ich bestimmt.
>Da stimme ich dir ausnahmsweise mal aus vollem Herzen zu<, ließ die Wächterin mich wissen.
Jo starrte mich an. »Wie kannst du das nur so vollkommen cool wegstecken?«
Ich zuckte mit den Schultern und hoffte, dass Jo nicht auffiel, wie sehr meine Hände zitterten. In meinem Inneren herrschte Chaos. Dann fiel mir etwas ein: »Wie spät ist es eigentlich?«
Pulsuz fraqment bitdi.