Kitabı oxu: «Der Meermann»
Niels Brunse
Der Meermann
Roman
Aus dem Dänischen
von Ulrich Sonnenberg
Saga
Für Nila
1
Die Fischer, die mich aus dem Boot zogen, starrten mich mit kugelrunden Augen und gerunzelter Stirn an. Erst da wurde mir bewusst, wie ich aussah. Ich war vollkommen nackt; meine Körperbehaarung bestand nur noch aus Flaum und meine Finger- und Zehennägel waren zur Hälfte abgefallen. Einige Fingerspitzen bluteten. Ich fuhr mir über den Kopf. Auch dort waren lediglich Stoppel geblieben. Ich lachte – aus lauter Überraschung und überschäumender Freude, noch am Leben zu sein.
Sie lachten mit, aber wachsam. Sie waren zu dritt – zwei ältere Männer mit zerfurchten, rotfleckigen Gesichtern und einer, der höchstens ein großer Junge sein konnte, sechzehn, siebzehn Jahre alt. Der Kräftigere der Älteren öffnete den Mund und fragte mich etwas. Das Boot schaukelte. Ich verstand ihn nicht. Er wiederholte die Frage und ich begriff, dass es sich um Englisch handelte, allerdings sprach er einen Dialekt, den ich nie zuvor gehört hatte. Er wiederholte seine Frage und jetzt verstand ich ihn. Bist du ein Mensch?, wollte er wissen.
Art thou a man?
Ich sah ihn an. Seine kräftigen Hände hatten nach meinen Armen gegriffen und mich zum Vordersteven gezogen. Nun saß er ein paar Meter von mir entfernt und wagte nicht, mich noch einmal anzufassen.
»Yes, I am a man«, erwiderte ich.
Es beruhigte sie sichtlich, dass ich sprach. Derselbe Mann fragte nach meinem Namen. John, antwortete ich.
Er lächelte und deutete auf sich.
»Du hast denselben Namen wie ich«, sagte er.
Ich dankte ihnen für meine Rettung und Fischer John entgegnete etwas, das ich nicht verstand. Dann steckten sie die Köpfe zusammen und berieten sich, so vermutete ich jedenfalls, doch aufgrund meines aufgewühlten Gemütszustandes achtete ich nicht besonders darauf.
Das Glitzern der Sonne auf dem Wasser, der Geruch nach Salz und Teer, die Brise, die über die Küste strich, die Bewegungen des Boots, all das traf mich mit einer Kraft, als wären sämtliche Schleier des Gewohnten fortgerissen, als könnte ich mit jeder einzelnen Zelle meines Körpers empfinden. Ich fühlte mich ein wenig schwindelig und seltsam zerschlagen, allerdings konnte ich nirgendwo einen blauen Fleck feststellen; vor allem aber erfüllte mich eine vollkommen euphorische Freude darüber, am Leben zu sein, dieses Sonderbare überlebt zu haben, das mir gerade eben widerfahren war – oder war es schon vor einigen Stunden passiert? Ich hatte keinerlei Erinnerung, wie lange ich im Wasser gelegen hatte, ich erinnerte mich nur an den schwarzen Rumpf des Fischerbootes vor mir und an den unartikulierten Schrei, den ich ausstieß, während ich im Wasser auf der Stelle trat und mit den Armen winkte, so deutlich, wie es mir überhaupt möglich war. Und an die Erleichterung, als in dem Fischerboot zwei Riemen ausgelegt wurden und die Schläge begannen, zunächst etwas zögerlich, doch dann taktfest und zügig.
Nun saß ich auf der vordersten Ducht in Sicherheit und die Fischer im Achtersteven schienen einen Beschluss gefasst zu haben, denn sie nahmen ihre Arbeit wieder auf. Der Jüngste kam mit einem alten Fetzen Segeltuch und forderte mich mit Gesten auf, es mir wie einen Lendenschurz umzubinden. Er wagte offenbar noch nicht, mit mir zu sprechen. Später erfuhr ich, dass er Will hieß. Der andere der beiden Älteren, der sich Jock nannte, hisste das Segel und setzte sich an die Ruderpinne, und während das Boot nach einer Backbordhalse auf die Küste zusteuerte, machten sich Will und John daran, den Tagesfang, der in zwei Weidenkörben vor dem Mast lag, von Fischabfällen und Tang zu säubern.
Ich glaube, in diesem Moment begann ich, mich über das Boot und die Männer zu wundern. Es war ein geklinkertes, breites Holzboot von ungefähr zwanzig Fuß Länge, das relativ ruhig in der See lag. Alles war aus Holz, sogar die abgenutzten Ruderdollen. Das primitive Gaffelsegel war an einigen Stellen geflickt und das gesamte Tauwerk bestand aus geteerten Hanfseilen, genau wie das Vorstag, an dem ich mich mit einer Hand festhielt. Die Männer waren barfuß, sie trugen dunkle Hosen, die ihnen bis zur Wadenmitte reichten, und bauschige schmutzige Hemden aus gebleichtem Leinen, sonst nichts. Ihr halblanges fettiges Haar und der Backenbart um Jocks Kiefer hatten etwas undefinierbar Altmodisches, auch gab es keinerlei Hinweise auf einen Motor, auf Funk oder Navigationsinstrumente. Meine Verwunderung wurde allerdings durch vier, fünf kreischende Möwen abgelenkt, die vorbeischossen, um zwischen den Resten, die die Fischer über Bord warfen, etwas Essbares zu erwischen. Beim Anblick ihrer unbeschwerten Luftakrobatik und dem weißen Schimmer ihres Gefieders in der Sonne hatte ich wieder das Gefühl, innerlich jubeln zu müssen, mich erfüllte dieses Gefühl von Freiheit auf See, das ich schon immer beim Segeln empfand.
Als wir uns der Küste näherten, stieß Jock einen Warnruf aus, ging über Stag und legte das Ruder um, doch statt unsere Fahrt zu verlangsamen, wurden wir schneller, und ich begriff, dass er das Boot auf den Strand auflaufen lassen wollte. John kam in den Bug und ich stand auf und sprang backbord hinaus, so wie er es an Steuerbord tat, und half, das Boot den Strand hinaufzuziehen. In diesem Augenblick verlor ich meinen Lendenschurz, aber es gelang mir gerade noch, ihn mit der linken Hand festzuhalten; und während ich hinter mir Will lauthals lachen hörte, schaute ich auf und begegnete dem starren und entsetzten Blick eines sechsoder siebenjährigen Jungen, der offenbar zum Strand gekommen war, um uns zu empfangen.
»Ein Meermann! Ein Meermann!«, schrie der Junge und schoss auf einige Hütten zu, die ich ein Stück weit entfernt undeutlich erkennen konnte. Da stand ich nun am Strand, splitternackt, kahl und tropfend, und rascher, als ich geglaubt hätte, verbreitete sich das Gerücht über den Meermann.
Als ich mir den nassen Lumpen wieder auf eine einigermaßen vertrauenerweckende Weise um den Körper gebunden hatte, war der Junge bereits mit einer Frau an der Hand auf dem Weg zurück zu uns. Es war Johns Ehefrau Meg, der Junge war ihr Sohn Harry, und Will war ein Sohn von Jocks Schwager, aber all das erfuhr ich erst später. John beruhigte seine Frau, dass ich durchaus ein menschliches Wesen sei, und sie hieß mich willkommen. Wir gingen hinauf zu den Hütten, die dort standen, wo der Strand in dürren Bewuchs und kleine, flache Dünen überging. Von John erhielt ich ein Paar zerschlissene Hosen und ein fast neues Hemd. »Das ist alles, was wir haben«, erklärte Meg nüchtern, nahm ein Brot vom Tisch, hielt es an die Brust und schnitt mit einem kurzen, fast völlig heruntergeschliffenen Messer eine dicke Scheibe ab. Dann nahm sie einen Krug Wasser aus der Tonne und reichte ihn mir, entschuldigte sich, dass sie »sich um die Fische zu kümmern hätten«, und ging mit den Männern wieder hinunter zum Strand. Ich dankte ihr, aber die Worte schienen an ihrem Rücken abzuprallen.
Ich setzte mich vor die Tür, lehnte den Rücken an die Bretterwand und aß und trank. Nie hatten mir Wasser und Brot besser geschmeckt. Die Sonne schien noch immer und ich sah, wie die drei Männer und die Frau die Fische mit raschen, routinierten Bewegungen auf einem aus Bohlen gezimmerten, vor Alter silbergrauen Tisch ausnahmen, in eine Tonne legten und Salz zwischen die Lagen streuten. Ein paar glänzende Hornfische wurden in einen kleinen Eimer mit einem Strick als Henkel geworfen und mit etwas Meerwasser begossen, dann rief Meg den Jungen, der neben dem Boot stand und immer wieder aus den Augenwinkeln zu mir hoch schielte.
»Bring die dem Pastor«, befahl sie ihm so laut, dass ich es hören konnte, »und beeil dich!« Harry lief so schnell, wie es mit dem platschenden Eimer überhaupt möglich war, und bald war er hinter einer Düne verschwunden.
Ich blieb mir selbst überlassen – und dem Befremden, das mich mehr und mehr erschreckte und sich nun nicht mehr abschütteln ließ. Gern hätte ich geglaubt, dass ich mitten in einem historischen Rollenspiel gelandet sei, einer Kostümparty oder einer Filmaufnahme, aber alles um mich herum war so durchweg altertümlich, dass ich immer fieberhafter nach dem winzigen Detail Ausschau hielt, das den Betrug enttarnen würde: ein Stück Plastik, ein Zigarettenstummel, den Kronkorken einer Cola.
Es gab nichts. Die Möbel, die ich in der Fischerhütte gesehen hatte, waren grob gezimmert und primitiv: ein Tisch mit ein paar Hockern, zwei Bettgestelle, eine Kiste für die Kleider. Die offene Feuerstelle war verrußt und das Gestell mit Haken versehen, um Töpfe über das Feuer zu hängen; auf den Regalbrettern daneben standen Töpfe und Krüge aus Ton. Sogar die Hütten, die drei, vier, die hier standen, hatte man aus Treibholz und irgendwelchen Brettern gebaut; die Hälfte einer Hütte bestand aus zwei halben ausrangierten Booten, die offenbar durchgesägt und hochkant gegeneinander gestellt waren, so dass sich die zusammengefügten Vordersteven wie eine sonderbar recycelte Kuppel zum Himmel reckten. Auf dem Meer waren lediglich ein paar Fischerboote zu sehen, keine großen Schiffe; es gab keine Kondensstreifen am Himmel und keine Hochspannungsmasten am Horizont, nur einen viereckigen Kirchturm, der in der Ferne aufragte. Und so sehr ich auch mit der größten Anspannung und Aufmerksamkeit lauschte, ich konnte nichts hören, das auch nur annähernd an den Verkehrslärm einer Straße oder an eine Eisenbahn erinnerte. Weit entfernt muhte eine Kuh, dann und wann hörte ich einen Vogelschrei und das Summen von Fliegen und Bienen – sonst nichts. Die Landschaft atmete Frieden, unheilverkündenden Frieden.
Ich ging zu den Menschen am Strand. Sie hielten mit ihrer Arbeit inne und blickten auf; die Weidenkörbe waren beinahe leer.
»Entschuldigung«, sagte ich, »aber welchen Tag haben wir heute?«
»Mittwoch«, antwortete John.
»Ja gut, und welches Datum?«, präzisierte ich.
»Datum? Den Tag im Jahr? Es muss der …« John dachte nach. »Der zwölfte Juni, möchte ich meinen.«
Ich musste schlucken. »Und welches Jahr?«
Sie schauten sich an, als wäre es unbegreiflich, dass ich so etwas fragte. Dann antwortete John: »Sechzehnhundertsiebenundvierzig.«
Ich drehte mich um und ging. Ich brachte kein Wort heraus.
Planlos lief ich am Strand auf und ab, mehrere Stunden lang. Eine innere Lähmung hatte all meine Freude verdrängt. Wenn Johns Angaben richtig waren – und ich hatte unbedingt das Gefühl, dass er die Wahrheit sagte –, dann musste ich versuchen, es zu begreifen, nur wollte es mir nicht gelingen; mein Verstand stellte sich quer und mein Herz klopfte panisch. Schließlich entschied ich mich, nach der Gegenwart wie nach dem einzig vorhandenen Strohhalm zu greifen und zum Fischerdorf zurückzugehen.
Zwei weitere Boote waren gelandet und außer Meg säuberten nun sechs Männer und zwei Frauen auf dem Bohlentisch die Fische. John und Jock hatten ihre Netze auf einem kleinen Trockenplatz hinter dem Haus aufgehängt und bearbeiteten sie mit ein paar merkwürdig krummen Werkzeugen, deren Funktion sich mir nicht erschloss. Als ich mich den Booten näherte, richteten die Fischer sich auf und Meg sagte: »Das ist er.« Ich ging davon aus, dass inzwischen alle die Geschichte meiner Rettung gehört hatten. Meg von John, und die anderen sicherlich von ihr.
Ich grüßte mit einem stummen Kopfnicken und fragte, ob ich behilflich sein könnte. Sie akzeptierten, denn es war ein heißer Tag, wie einer von ihnen sagte, und der Fisch musste eingesalzen werden, bevor er schlecht wurde. Viel mehr Worte wurden nicht gemacht. Ich empfand eine gewisse Befriedigung, als ich ein paar volle Fässer in einen Schuppen hinauftrug, in dem bereits eine Reihe von Fässern stand. Sie waren schwer, aber ich konnte sie problemlos auf dem Rücken tragen, und die Männer warfen mir anerkennende Blicke zu.
Aus diesen Menschen, zu denen noch zwei kleine Kinder gehörten, die in den Hütten geschlafen hatten, bestand die gesamte Bevölkerung des kleinen Fleckens. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie die anderen hießen, aber John, Jock, Will, Meg und der sommersprossige kleine Harry haben sich unauslöschlich in meine Erinnerung eingebrannt. Sie waren die ersten Menschen, denen ich nach meinem verstörenden Sprung durch die Zeit begegnete; sie nahmen mich freundlich auf, obwohl ich mich bei ihnen in keiner Weise revanchieren konnte.
Später, als wir eine sehr einfache Mahlzeit aus gekochtem Fisch und Brot gegessen hatten, erschienen die anderen in der Hütte von John und Meg; die Luft vibrierte geradezu vor Neugierde. Die Arbeit lag hinter ihnen, nun sollte der merkwürdige Fremde erzählen.
Sie nickten, als ich berichtete, dass ich aus einem Land namens Dänemark käme. Sie kannten es gut, es lag auf der anderen Seite des Meeres. Nicht dass sie je dort gewesen wären, aber sie wussten, dass es Dänemark gab. Allmählich verstand ich ihre Aussprache immer besser. Den größten Teil der Zeit hörten sie zu, aber sie stellten auch Fragen, und ich versuchte, mich an Informationen zu halten, die sowohl für die Vergangenheit wie die Gegenwart galten – oder für die Gegenwart und die Zukunft, denn welche »Gegenwart« sollte ich wählen? Ich zermarterte mein Hirn, um ihnen nicht irgendetwas zu erzählen, mit dem ich dieses Erstaunen hervorrief, das nur ein weiterer Beweis dafür gewesen wäre, dass meine bangen Ahnungen Wirklichkeit waren. Aber als sie fragten, wie unser König heiße, musste ich mich entscheiden. Christian, sagte ich, und das war gleichsam der erste Schritt über eine gefährliche Schwelle.
Christian IV. starb 1648 – ich erinnerte mich an ein Buch, das wir neulich in unserem Programm am Samstag verwendet hatten. Er war also noch König. Im Übrigen erschien mir mein historisches Wissen als ein gähnend leeres Loch, aus dem ich keine Hilfe erwarten durfte. Hastig fuhr ich fort, von Kopenhagen zu erzählen, einer großen Stadt mit hübschen Kirchen und vielen Schiffen im Hafen. Ich berichtete von einem großen Schloss, von dem aus das Land regiert wurde, und einem schönen kleinen Schloss, das Rosenborg hieß und in einem Park lag. Sie hörten eifrig und aufmerksam zu und ich hatte das Gefühl, ich hätte ihnen erzählen können, was ich wollte; und doch waren sie in diesem Augenblick meine einzige Hoffnung und ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen, indem ich irgendetwas erwähnte, das sie als Hirngespinst oder Teufelswerk auffassen mussten.
Von ihnen erfuhr ich, dass ihr Fischerlager keinen eigenen Namen hatte, das ein Stück landeinwärts liegende Dorf aber Winterton hieß. Dort gäbe es eine Kirche, eine Schmiede und ein Wirtshaus. Dann fragten sie unermüdlich weiter, sie wollten wissen, wie ich hierhergekommen war, und ich erklärte, dass mein Boot plötzlich gesunken sei. Also ein Schiffbrüchiger, stellten sie mit gewichtigem Nicken fest, als ob für sie dadurch irgendetwas klarer würde. Und dann fragten sie, ob ich Frau und Kinder und Eltern hätte. Schließlich hatte mich mein mentaler Balanceakt so erschöpft, dass sich meine Zunge verknotete und ich nach den gewöhnlichsten Vokabeln suchte.
»Er ist müde«, sagte Meg umsichtig. »Lasst ihn jetzt schlafen.«
John bot mir eine der Bettstellen an, sie selbst wollten zu dritt in dem anderen Bett schlafen, aber ich entgegnete, es wäre ein zu großer Umstand und ich würde gern draußen schlafen. Es geschah nicht nur aus Höflichkeit – in der Hütte stand die Luft, es roch nach Fisch, schweißigen Körpern und ungewaschenen Kleidern. Nach ein paar weiteren freundlichen Aufforderungen gingen sie schließlich auf mein Angebot ein und ich bekam ein Stück Persenning, in das ich mich einrollen konnte und einen Wollpullover, um ihn mir unter den Kopf zu legen.
In der Nähe der Hütte fand ich eine Mulde zwischen den Dünen, in der der Sand noch warm war. Es war längst noch nicht dunkel, aber ich schlief auf der Stelle ein – und erwachte einige Stunden später, wie ich aufgrund des schwindenden Lichts vermutete. In den Hütten war es still, der leichte Wind hatte sich völlig gelegt, und ich lag sehr lange wach, sah auf zu den Sternen, die am diesigen Himmel schwach leuchteten, und dachte darüber nach, was geschehen war.
Am frühen Montagmorgen des 6. Juni 2005 war ich bei schönem Wetter mit meiner Fidelio aus Skagen losgesegelt, obwohl der Wind nicht ganz günstig stand, aber ich hatte reichlich Proviant und freute mich auf meinen ersten Einhand-Törn über die Nordsee. Mein Ziel war einer der Häfen an der englischen Ostküste, Grimsby, Lowestoft, je nachdem, wie es sich mit Wind und Wetter ergab. Ich rechnete damit, dass die Überfahrt einige Tage dauern würde. Die Fidelio war genau das richtige Boot für solch eine Tour, eine schwere zweiundzwanzig Fuß lange Hurley mit langem Kiel und so stabil, dass ich es allein laufen lassen konnte, wenn ich schlief. Ich hatte die Einhandsegelei ein wenig trainiert und wusste, dass ich mit jeweils drei, vier Stunden leichtem Schlaf auskommen würde, um mich dann im Hafen auszuruhen. Wie einer meiner Freunde sagte, lautet die Grundregel bei tagelangem Einhandsegelns: »Setz die Segel, bind die Pinne fest, schlaf wenig und hoffe das Beste.«
Von England aus wollte ich eventuell einen Abstecher an die französische Küste unternehmen. Es sollten meine Ferien sein. Ich hatte in diesem Jahr früh Urlaub genommen und fing an, mich zu erholen, zumal die beiden ersten Etappen von Kastrup nach Mølle und weiter nach Skagen gut gelaufen waren. Und hinter Skagen gab es nur noch Meer und Himmel.
Dreihundertachtundfünfzig Jahre früher wurde ich am Mittwoch, den 12. Juni, an der Küste aufgefischt, die ich erreichen wollte – allerdings nicht auf diese Weise. Der Gedanke schien wahnsinnig. Nur war das Vorausgegangene nicht weniger wahnsinnig gewesen.
Gegen zehn Uhr abends dänischer Zeit, am zweiten Tag meiner Abreise aus Skagen, kam Land in Sicht. Schwache Lichter an der englischen Küste. Es wurde allmählich dunkel und ich wusste nicht ganz genau, wo ich war. Der Wind hatte aufgefrischt und kam jetzt mehr aus östlicher Richtung, und ich war in den letzten Stunden zügig vorangekommen und hatte genug damit zu tun gehabt, auf das Ruder und die Segel zu achten, so dass – abgesehen von den Informationen, die der Kompass mir gab – keine Zeit geblieben war, die Position zu bestimmen.
Kurz nach der Landkennung geschah es. Plötzlich öffnete sich direkt vor dem Boot im Wasser eine Art Kluft oder riesengroße Furche, die nach backbord schräg abfiel. Ihre Seitenwände wuchsen und weiteten sich zu einem Tunnel oder einem Loch – ich könnte nicht sagen, ob das Meer sich aufbäumte oder das Boot hinabstürzte, in jedem Fall aber wurde das Schiff mit einer geradezu unwiderstehlichen Kraft in diesen eigenartigen Hohlraum hineingesogen. Ich hatte das Gefühl, als stiege die Geschwindigkeit bis an die Grenze des Erträglichen, als säße ich in einem beschleunigenden Flugzeug, nur sehr viel extremer; die Gravitation des Körpers war auf eine sonderbare Weise nicht richtungsbestimmt, sondern kam wie ein Druck von allen Seiten gleichzeitig. Ich fühlte mich wie breitgetreten, das ist die beste Umschreibung, die mir dafür einfällt. Die Wände des Tunnels wogten, aber auf eine gelee- oder gummiartige Weise, es sah nicht mehr aus wie Wasser. Ich blickte nach oben – oder nach vorn oder in welche Richtung auch immer – und sah die Tunneldecke über mir wie einen glasklaren, schaukelnden Himmel; die Mastspitze zerschnitt ihn offensichtlich in einem rasenden Tempo, allerdings ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Das Licht wechselte vom Dämmerlicht in eine tiefblaue Farbe, die intensiv glühte und immer dunkler wurde, bis hin zu Indigo und weiter zu Violett, und mir schoss ein Gedanke durch den Kopf: Ist dies nun eine Halluzination oder der nahende Tod? Dann wechselte das Licht ohne Vorankündigung in ein blendendes, strahlendes Rot, danach kann ich mich an nichts mehr erinnern. Das rote Licht war ebenso erschreckend wie wunderbar lebendig, es zog mich an, nein, es verlangte nach mir mit einer Vehemenz, wie ich sie weder vorher noch später je wieder verspürt habe.
Und dann: das Gefühl von sanft schaukelndem Wasser, von Sonnenreflexen; ich trieb rücklings auf der Meersoberfläche und bewegte aus einem tiefverwurzelten Schwimmreflex die Arme und Beine ein wenig. Ich hätte ertrunken sein müssen, aber ich lebte.
Und etwas weiter entfernt entdeckte ich ein Fischerboot.
2
Ich muss mir alles ins Gedächtnis zurückrufen. Thurloe will alles wissen. Und es taucht mit verblüffender Deutlichkeit auf, als ob es einfach in meinem Hirn gelegen und darauf gewartet hätte, hervorgeholt zu werden.
Heute ist er beinahe zwei Stunden bei mir gewesen, und er hat mir erklärt, es wäre nur der erste von vielen weiteren Besuchen – jedenfalls so lange wir brauchten, um bis ans Ende dieser Geschichte zu gelangen. Eine etwas bedrohliche Bemerkung. Er unterbricht mich nicht, er macht sich auch keine Notizen, hört aber mit intensiver Aufmerksamkeit zu; ich bin sicher, dass er sämtliche Details, die er möglicherweise verwerten kann, erfasst und sich daran erinnern wird. Außerdem ist er geradezu versessen darauf, das Ganze aus meinem eigenen Mund zu hören. Der neutrale Blick seiner Augen wechselt bisweilen in Ungläubigkeit oder blankes Unverständnis, aber er hebt nicht einmal die Augenbrauen, er bittet lediglich um eine weitere Erklärung, wenn ich meinen Satz beendet habe.
Es bereitete mir einige Schwierigkeiten, ihm zu erklären, was ich einmal gewesen bin: Programmredakteur von Danmarks Radio. Gut, dass ich nicht beim Fernsehen war, dann wäre es noch komplizierter geworden. Der Idee einer Einrichtung, die Stimmen und Musik in die Luft schickt, so dass sie im ganzen Land mithilfe kleiner Kästen gehört werden können, gab ihm eine harte Nuss zu knacken. Elektromagnetische Wellen, unsichtbare Wellen in der Luft, sagte ich zu ihm. Wellen in der Luft, wiederholte er. Das musste vorerst als Erklärung reichen, aber ich sah ihm an, dass er diese Frage denen zuordnete, die eine genauere Erläuterung erforderten. Von anderen, nicht von mir.
Sein langes hellbraunes Haar fällt über die Schultern und den schneeweißen Kragen aus steifem feinen Leinen, der seine schwarze Samttracht abschließt. Seine Hände sind gepflegt, bisweilen faltet er sie vor sich auf dem Tisch, dann wieder streckt er sie aus, die Handflächen nach unten. Sein langes markantes Kinn bewegt sich auf und ab, wenn er, beinahe ohne jede andere Mimik, spricht. Er sieht dann aus wie eine dieser Marionetten, deren Mund sich mit einem Zug an der Schnur öffnen und schließen lässt. Seine Augen sind allerdings ganz und gar nicht die einer Puppe.
Er ist mein Feind und ich erwarte morgen seinen Besuch.
3
Nach einer Nacht, in der ich abwechselnd tief schlief und aus innerer Unruhe oder vor Kälte aufwachte, wurde ich am nächsten Morgen geweckt, als mich jemand sanft an der Schulter rüttelte. Ich schlug die Augen auf und sah, wie Will sich über mich beugte. Reflexartig schaute ich auf mein linkes Handgelenk, nachdem ich mich aufgerichtet hatte, aber meine Uhr war ja nicht mehr da, sie war zusammen mit meinen übrigen Habseligkeiten verschwunden.
»Da wartet ein Mann auf dich«, sagte Will. »Vom Pastor.«
Schlaftrunken und hungrig folgte ich ihm bis zu einem schmalen Pfad, auf dem tatsächlich ein breitschultriger Mann in Grau stand und mit Pferd und Karren auf mich wartete. Das Pferd ließ den Kopf hängen, auf dem Karren lag eine dünne Lage Stroh, und der Mann gab mir wortlos ein Zeichen, dass ich mich daraufsetzen sollte. Ich tat es, und während Will mir nachsah und erst eine Hand zum Gruß hob, als ich mich schon so weit entfernt hatte, dass ich seine Gesichtszüge nicht mehr erkennen konnte, wurde ich langsam in Richtung des Kirchturms gefahren, den ich am Vortag entdeckt hatte. Der Karren war hart und unbequem und der Weg holprig; es knarrte und rumpelte, eigentlich wäre es bequemer gewesen, selbst zu gehen, aber aus irgendeinem Grund sollte ich wie eine Ladung Brennholz oder ein Sack Kartoffeln zu diesem Pastor gefahren werden. Er musste ein mächtiger Mann im Dorf sein, da offenbar alle widerspruchslos, seinen Anordnungen Folge leisteten.
Wir hielten vor einem Steinhaus, das zurückgezogen in einem Garten mit großen Büschen und Hunderten von blühenden Rosen stand. Der Pfarrhof, dachte ich, und ganz richtig: Als die Haustür aufging, öffnete der Knecht endlich seinen Mund und sagte: »Da kommt der Pastor. Er heißt Jonathan Strongworth. Vergiss das nicht.«
Ich beobachtete Pastor Strongworth, als er über die Steinplatten des Gartenweges schritt. Er hatte einen schwankenden, humpelnden Gang, der auf ein steifes oder möglicherweise verkrüppeltes Bein hinwies, und stützte sich auf einen Stock mit einer Stockzwinge, die bei jedem zweiten Schritt einen kleinen Knall auf den Steinen verursachte. Sein Gesicht war hager und unrasiert. Unter einer Art langen Weste mit vielen Knöpfen, die nur vom Hals bis zur Mitte des Bauches zugeknöpft waren, trug er lediglich ein Hemd.
Als er den Karren erreicht hatte, musterte er mich eine Weile prüfend. »Das also ist der Meermann«, stellte er mit einer überraschend klangvollen Stimme fest.
»Ich bin kein Meermann«, erwiderte ich in meinem besten Oxford-Englisch. »Ich bin ein menschliches Wesen wie Ihr und alle anderen. Mein Name ist John Vivilt und ich komme aus Kopenhagen in Dänemark.«
Seine einzige Reaktion bestand darin, mit der Hand ein kleines silbernes Kruzifix aus der Tasche zu ziehen und es mir entgegenzustrecken, als wäre es ein Messinstrument. Da ich mich weder in Schmerzen wand noch heulte oder Feuer spie, schien er hinsichtlich meiner menschlichen Beschaffenheit zufrieden zu sein.
»Glaubst du an unseren Herrn Jesus Christus?«, fragte er und heftete seinen bohrenden Blick auf mich. Ich hielt es für das Ratsamste, alle Diskussionen und Einschränkungen zu ignorieren und ganz einfach mit Ja zu antworten.
Er nickte. »Hast du gegessen, master John?«, erkundigte er sich dann mit einer Anrede, aus der ich nicht klug wurde. War es höflich oder herablassend gemeint? Jedenfalls hatte ich nichts gefrühstückt, und außerdem spürte ich einigermaßen dringend, dass ich seit dem Vortag nicht auf der Toilette gewesen war. Ich bedankte mich für die Einladung zum Frühstück, erklärte aber auch auf eine etwas verklausulierte Weise, dass ich zuvor noch etwas anderes zu erledigen hätte.
»Ah, die Natur ruft«, sagte er. »Benutz den Stall.« Er deutete auf die halb geöffnete Tür eines Fachwerkgebäudes hinter dem Pfarrhaus.
Ich ging hinein. Der Stall verfügte über einige Viehboxen, aber nur das Pferd, das den Karren gezogen hatte, stand dort und wurde vom Knecht des Pfarrhofes gestriegelt. Der Bursche sah meinen suchenden Blick und zeigte stumm auf die Rinne vor den Boxen – Mistgang wird sie wohl genannt. Er entfernte sich nicht, sondern drehte mir lediglich den Rücken zu, während ich mir die Fischerhose herunterzog und mich in die Hocke setzte. Es sah aus, als wäre ich nicht der einzige Mensch, der erst kürzlich hier gehockt hatte. Hinterher wischte ich mich mit einem Büschel Stroh ab. »Wo kann ich mir die Hände waschen?«, fragte ich den Knecht, der mich verwundert ansah, so dass ich die Frage wiederholte. »In der Küche, würde ich meinen«, erwiderte er und machte eine unbestimmte Handbewegung in Richtung des Steinhauses.
In der Küche traf ich auf eine Dienstmagd, die bei meinem Anblick die Augen aufsperrte und die Hand vor den Mund hielt. Dennoch half sie mir mit einer Schüssel und einer Kanne Wasser und reichte mir ein dünnes Leinenhandtuch, als ich meine tropfenden Hände aus der Schüssel nahm. Sie musste von mir gehört haben, denn hinterher führte sie mich – mit vorsichtigem Abstand – in eine Stube, in der der Pastor und seine Frau an einem alten Eichenholztisch saßen.
An den Tisch kann ich mich sehr genau erinnern. Viele Stunden sollte ich daran sitzen, in Gesellschaft von Pastor Strongworth und seiner mageren Ehefrau Deborah, zusammen mit neugierigen Gästen des Pastors oder ganz allein mit meinen Kopierarbeiten. Es war ein schwerer, solider Tisch mit einer dicken, vom Alter gedunkelten Platte, die sich ein wenig gebogen hatte, so dass der Tisch nicht ganz eben war; er konnte gut mehrere hundert Jahre alt sein, der Stil war schwer zu bestimmen. Der Tisch wurde eine Art Ankerpunkt in meiner Zeit auf dem Pfarrhof, ein Ort, an dem ich mit einer fremden Welt konfrontiert wurde, einer fremden Gedankenwelt in all ihren unterschiedlichen Aspekten. Gleichzeitig aber auch der Ort, an dem ich etwas erhielt, um mich für das Tagwerk zu stärken, denn bereits nach dem ersten Tag wurde es zu einer festen Regel, dass ich mit am Tisch saß statt mit dem Knecht und der Magd in der Küche zu essen. Dies geschah nur, wenn der Pastor unterwegs war und Frau Deborah ihre Mahlzeiten sittsam allein einnahm.
Nach dem Tischgebet und den ersten Bissen der Mahlzeit – Grütze, Brot, Käse, gesalzene Heringe und dünnes selbstgebrautes Bier, kein Tee, wie ich anachronistisch erwartet hatte – begann der Pastor, mich auszufragen. Vor allem die Mitteilung, dass ich so gut Englisch sprach, weil ich es auf der Universität studiert hatte, interessierte ihn. Wieso unterrichtete man die Sprache eines fremden Landes auf der Universität von Kopenhagen und nicht nur Latein, Griechisch und Hebräisch? Meine Antworten wurden zunehmend unbestimmter und schließlich nahm ich meinen Mut zusammen und konfrontierte ihn mit meiner Vermutung: »Ich glaube – selbst wenn es Euch unverständlich erscheinen mag –, dass ich in der Zeit zurückgereist bin, mehr als dreihundertundfünfzig Jahre. Ich habe Dänemark im Jahr 2005 verlassen und nun schreiben wir 1647, soweit ich es verstanden habe …«
Er sah mich eine ganze Minute an, als wollte er den Gedanken begreifen oder meine mentale Gesundheit beurteilen. Dann sagte er: »Master John, man kann nicht durch die Zeit reisen. Gott hat bei der Erschaffung der Welt die Zeit eingerichtet, damit wir unsere Zeit leben und hinterher in das ewige Leben eingehen können, wenn wir es verdient haben. Die Zeit ist eine Eigenschaft, kein Land, in das man reisen und wieder zurückkommen kann. Möglicherweise wärest du beinahe ertrunken, als dein Boot unterging – und Menschen, die dem Tode nahe gewesen sind, können unter den merkwürdigsten Wahnvorstellungen leiden. Aber hab keine Angst, das gibt sich bald wieder.«
Nach diesen besänftigenden Worten aß er weiter. Und jedes Mal, wenn ich ihn in den Monaten danach mit einer sonderbaren Information über die Welt, die dereinst kommen würde, überraschte, beruhigte er mich wieder mit der gleichen felsenfesten Überzeugung, dass ich im Irrtum sei und er recht habe. Ich konnte ihn nicht einen Zoll davon abbringen.
Ebenso unwiderruflich war sein Beschluss, mich in sein Haus aufzunehmen. Die armen Fischer vom Strand könnten mich weder unterbringen noch ernähren, erklärte er, daher würde er mir ein Dach über dem Kopf, Kost und Kleidung anbieten – unter der Bedingung, dass ich bei ihm bliebe und für ihn arbeitete, wenn es etwas zu erledigen gab.
Ich sah die Fischer vor mir – ihre zerschlissene Kleidung, ihre engen Hütten – und mir wurde klar, dass er recht hatte. Ich akzeptierte. Damit hatte ich eine Art Job und Pastor Strongworth hatte seinen Haustand um ein Kuriosum erweitert.
Allerdings hätte ich wissen müssen, dass es tatsächlich immer etwas zu tun gab. Wenn ich nicht Brennholz für die Feuerstelle in der Küche zu hacken hatte, musste ich der Dienstmagd helfen, die zwei Kühe des Pastors zu melken und zu tränken – sie molk und ich trug die Eimer hin und her –, bevor das Vieh im Sommer auf die Weide kam. Und wenn im Stall nicht nach den Tieren (und Menschen) ausgemistet werden musste, war ein Zaun oder ein Gatter zu reparieren. Hatte ich nicht der Pastorengattin behilflich zu sein, wenn sie mit einer groben Schere im Garten umherging und ihre Rosen pflegte, so gab es zumindest ein Beet, das umzugraben oder zu jäten war.
Oft war ich vollkommen erschöpft, wenn ich mich auf mein Strohlager in der hintersten Box des Stalls legte. Der Knecht und das Mädchen hatten kleine Kammern im steinernen Hauptgebäude und zunächst fühlte ich mich gedemütigt, wie ein Tier in den Stall verwiesen zu sein – aber es hatte seine Vorteile. Ich war allein, die Menschen ließen mich in Ruhe, und das Pferd schnaubte leise und stampfte mit den Hufen auf den Boden, was sehr beruhigend klang. Sogar an das Rascheln der Mäuse im Stroh gewöhnte ich mich.
Darüber hinaus gehörte es zu meinen Pflichten, mich als Sehenswürdigkeit bereitzuhalten, wenn der Pastor Gäste empfing. Meist handelte es sich um Kollegen aus den Nachbargemeinden oder Adlige, die den Feudalherrn des Dorfes besuchten. An einem der ersten Tage, nachdem ich in den Stall des Pfarrhofes gezogen war, erschien der Gutsherr persönlich. Es war das einzige Mal, dass ich Pastor Strongworth unterwürfig erlebte. Es hieß »Mylord« hier und »Mylord« da, und der Baron wandte sich mit seinem feisten, rotfleckigen Gesicht jedes Mal an den Pastor, wenn er mich etwas fragen wollte, worauf der Pastor die Frage für mich zu wiederholen hatte, als wäre es unter Mylords Würde, mit einem Geschöpf meiner Art direkt zu sprechen.
Die Besucher stellten mir die sonderbarsten Fragen und völlig schwachsinnige Aufgaben – so sollte ich zwei und zwei zusammenzählen, die Frage beantworten, wie der erste Mensch hieß, oder spitzfindige naturwissenschaftliche Probleme lösen: Woher kommt das Wasser im Meer oder was lässt den Wind wehen. Einige wollten mehr über das Land hören, aus dem ich stammte, andere wollten meine Arme oder meine Zähne prüfen. Ich wurde entweder behandelt wie ein an Land gespülter Idiot, dessen Intelligenz man als zweifelhaft anzusehen hatte, oder als eine Art Fabelwesen, das ein übernatürliches Wissen besaß. Sehr bald schon war es nicht mehr lustig – jedenfalls nicht für mich.
Es gab eine Ausnahme. Eines Tages, kaum ein paar Wochen nach meiner Ankunft, wurde ich vom Feld geholt, weil wieder einmal ein Gast eingetroffen war. An diese Begegnung erinnere ich mich noch sehr gut, denn mit diesem Gast sollte ich später mehr zu tun bekommen. Es handelte sich um einen großen kräftigen Mann mit einer starken, dominanten Ausstrahlung – Hugh Peters, ein Feldgeistlicher im Heer des Parlaments. Strongworth saß neben ihm und schien auf der Hut zu sein. Peters nahm mich ernster und war offensichtlich besser informiert als die meisten, er unterzog mich geradezu einem Verhör über Dänemark und die dänischen Verhältnisse. In jenen Wochen hatte ich mir das Gehirn zermartert, um mich an alles über Christian IV. und die Zeit danach zu erinnern; viel war mir nicht eingefallen, aber von Hugh Peters fühlte ich mich provoziert und so berichtete ich das meiste. Um einen Trumpf zu landen, erzählte ich ihm, dass König Christian nächstes Jahr sterben und sein Sohn Frederik III. ihm auf dem Thron folgen werde, außerdem würde Dänemark bald einen Krieg mit Schweden beginnen und seine dominierende Position im Norden verlieren. Und wenn Peters von einem Mann namens Corfitz Ulfeldt gehört hätte, dann sollte er wissen, dass dieser Mann sich als ein Verräter erweisen würde.
»Ulfeldt? The Lord Senechal?«, fragte Peters und hob die Augenbrauen. Ich konnte mich nicht mehr an Ulfeldts Titel erinnern, aber der Name war offenbar bekannt und die Information hinterließ Eindruck. Ich bestätigte es.
Peters blickte mich durchdringend an und wollte mich weiter befragen, als Pastor Strongworth sich einschaltete und erklärte, dass Master John an gewissen Wahnvorstellungen leide und sich einbilde, die Zukunft zu kennen, aber mit Gottes Hilfe würde er Master John schon wieder auf den rechten Weg bringen. Die angespannte Atmosphäre zwischen den beiden Geistlichen, die ich bereits bemerkt hatte, als ich eintrat, verschärfte sich, und nach einem weiteren Versuch und einer weiteren Einmischung von Strongworth brach Peters das Gespräch ab und verabschiedete sich kühl.
Als er fortgeritten war, packte Pastor Strongworth mich hart am Arm und fuhr mich an: »Du sollst nicht prophezeien, Master John, das kann dich das Leben kosten. Auf dem Scheiterhaufen.« Dann schickte er mich wieder hinaus aufs Feld.
Er hat ja recht, dachte ich unterwegs erschüttert. Im siebzehnten Jahrhundert wurden Hexen und Hellseher noch verbrannt.
Strongworth ehrte den Sonntag und heiligte ihn. Wenn wir am Sonntag den Besuch des Gottesdiensts hinter uns hatten, verlangte er nichts mehr von mir. Am ersten Sonntag war ich überrascht, als ich ihn und seinen Hausstand in die graue Kirche begleitete, deren mächtiger viereckiger Turm in der flachen Landschaft so weit zu sehen war. Der Innenraum der Kirche erschien mir nicht sonderlich groß, aber sie war bis zum letzten Platz gefüllt; ich hatte den Eindruck, als wäre die gesamte Gemeinde erschienen, in den Reihen erkannte ich auch meine Fischerfreunde. Nach dem Gottesdienst bemerkte ich Strongworth gegenüber, dass er ein bekannter Geistlicher sein müsse, wenn so viele Gläubige seine Kirche aufsuchten. Er erwiderte trocken, dass sie kämen, um Gottes Wort zu hören, nicht seines, und im Übrigen wäre es gesetzlich verboten, dem sonntäglichen Gottesdienst fernzubleiben.
Dass er der Worte mächtig war, erfuhr ich dennoch Sonntag für Sonntag. Wenn er auf die Kanzel humpelte und zu predigen begann, bekam seine ohnehin schon klangvolle Stimme ein noch größeres Volumen, er schmetterte die Konsonanten und ließ die tiefen Vokale in Worten wie »alMIGHty GOD«, »CHRIST the LORD«, »deVOURing FIRE« und »eternally DAMNed« zwischen den Steinwänden dröhnen. Es gab nicht eine Bibelstelle, die er nicht so interpretierte, dass sie von der Sünde aller irdischen Pracht und Herrlichkeit handelte; von der Strafe, die auf die Eitlen und diejenigen wartete, die Gottes Allgewalt über die eigene unbedeutende Macht hier auf Erden nicht anerkannten; und von der Belohnung der Seligen für ihre Demut und mäßige Lebensweise. Die Kirche war spartanisch und frei von jeglichem Bilderschmuck und die Lieder erklangen einstimmig und eintönig. Es gab nicht einmal eine Orgel.
Pastor Strongworth war Puritaner, zweifellos. Ich versuchte mich zu entsinnen, was ich in dem Semester, als ich den Kurs über Milton besuchte, über den Puritanismus gelesen hatte. Leider erinnerte ich mich am besten an einige von Miltons Versen; doch mir dämmerte, dass wir uns mitten im englischen Bürgerkrieg befinden mussten, in dem die Puritaner und das Parlament gegen den König und die Royalisten kämpften. Der König – Karl I.? – wurde hingerichtet und Cromwell übernahm die Macht als Lordprotektor, bis Karl II. sechzehnhundert und wasweißdennich zurückkehrte … Hätte ich den ganzen Stoff doch bloß besser gepaukt!
Wieder wurde mir das Absurde meiner Situation klar, während ich mich in der Dorfkirche zurechtzufinden versuchte, gestrandet in Zeit und Raum. Es gab keine andere sinnvolle Erklärung, und doch war es sinnlos und meine Einsamkeit fürchterlich. Die Männer auf den Bänken neben mir – denn die Gemeinde saß sittsam getrennt nach Männern und Frauen auf je einer Seite des Mittelganges – schauten mich verstohlen an und glaubten wahrscheinlich, mich hätten die Worten des Pastors ergriffen. Aber wenn ich die Augen zusammenkniff und nicht zu weinen versuchte, dachte ich nur an mich selbst.
Nach dem Gottesdienst aßen wir am ersten Sonntag im Pfarrhaus, und hinterher erklärte der Pastor mir, ich könne mich ausruhen oder spazieren gehen. Allerdings sollte ich am Abend wieder zurück sein, doch ein Gebet unter freiem Himmel wäre Gott ebenso genehm wie ein Gebet in der Kirche. Ich ging, aber ich betete nicht. Meine erste Wanderung führte mich zum Strand, um dem Fischer John die geliehenen Kleider zurückzugeben. Ich hatte vom Pastor zwei Hemden, ein Paar Hosen, vier Paar Strümpfe, ein Paar Schuhe und eine Art lange Jacke bekommen, alles abgenutzt, aber heil und sauber. Außerdem hatte er mir eine kleine alte Kiste gegeben, um die Kleider in meiner Box im Stall zu verwahren. Das war großzügiger, als mir zu diesem Zeitpunkt bewusst war, denn obwohl es sich um die ältesten Kleidungsstücke des Pastors handelte, hatte er seine Garderobe dadurch im Grunde halbiert. Alles war ein wenig zu klein und die Schuhe drückten – auf dem Weg zum Strand zog ich deshalb Schuhe und Strümpfe aus –, aber es war eindeutig eine Verbesserung.
Die Fischer freuten sich über unser Wiedersehen, fast hatte ich das Gefühl, nach Hause zu kommen, als ich ihre zusammengezimmerten Hütten sah. In den folgenden Monaten besuchte ich sie häufig und plauderte mit John und Meg über dieses und jenes oder erzählte dem kleinen Harry Geschichten – von den griechischen Göttern, von Hamlet und König Lear und von einer Zeit, in der die Menschen an Bord großer Schiffe gehen und bis zum Mond und den Sternen fliegen würden. Er hörte mit offenem Mund zu und auch die Erwachsenen lauschten mit gespitzten Ohren, während sie so taten, als wären sie damit beschäftigt zu nähen oder die Netze zu reinigen. Sie waren der Ansicht, dass der Ruhetag ausreichend eingehalten wäre, wenn sie nicht hinausfuhren.
Wenn es irgendwo einen Ort unter Menschen gab, an dem ich mich in diesen Monaten geborgen fühlte – ja, in all den zehn Jahren, die ich nun in meiner Zeitverschiebung zugebracht habe –, dann bei den Fischern in diesem namenlosen Weiler bei Winterton.
Die einzige Tätigkeit, die auch meinen Gedanken etwas Nahrung lieferte, waren die Kopierarbeiten, mit denen Pastor Strongworth mich beschäftigte. Irgendwann hatte er gefragt, ob ich lesen und schreiben könnte, und als ich es bejahte, hatte er mir einen Federkiel in die Hand gedrückt und mich gebeten, einen Satz zu kopieren, den er auf ein Stück Papier geschrieben hatte. Dies gelang mir problemlos, denn glücklicherweise verwendete er wie alle Engländer die leicht zu entziffernden lateinischen Buchstaben und nicht diese undurchschaubare Frakturschrift, die ich nur von den Furcht einflößenden Karteikästen der Älteren Sammlung in der Königlichen Bibliothek von Kopenhagen kannte. Ich hatte sie nie lernen müssen.
Pastor Strongworth lachte, als er bemerkte, welche Mühe ich mit etwas so Simplen wie dem Zuschneiden und Anspitzen eines Federkiels hatte, aber er half mir mit dem Federmesser. Und ich lernte auch rasch, die Feder rechtzeitig in die Tinte zu tunken und klare und deutliche Buchstaben zu schreiben. Er ließ mich bestimmte Abschnitte aus geliehenen Büchern abschreiben; nahezu alle waren in Latein verfasst und soweit ich es übersehen konnte, ging es darin um theologische Fragen. Ich verstand nicht viel von dem, was ich kopierte, und schon gar nichts von den griechischen Zitaten, die bisweilen in den Texten standen, aber ich malte die griechischen Buchstaben so sorgfältig ab, wie ich konnte, und alles war zu seiner Zufriedenheit.
Manchmal schrieb ich an dem alten Eichenholztisch bis weit in den Abend hinein – mithilfe einer Talgkerze, die mir die Magd brachte, bevor sie zu Bett ging. Ich hatte mit dem Papier sparsam umzugehen – der Pastor zählte die Bögen, die er mir überließ – und eng, aber leserlich zu schreiben. Diese penible Aufgabe und die verschwommene Ahnung über den Inhalt der Texte, die ich mir mithilfe meiner bescheidenen Lateinkenntnisse und des üblichen Vorrats an Fremdworten verschaffte, genoss ich in einer Weise, gegen die physische Arbeit keinerlei Chance hatte.
Eines Abends saß ich daher sehr lange mit Feder und Tinte am Tisch. Als ich endlich fertig war, ordnete ich die Bögen, pustete die Kerze aus und wollte gehen – doch draußen im Korridor bemerkte ich, dass die Tür zum Studierzimmer des Pastors nur angelehnt war und ein schwacher Lichtschein aus dem Zimmer fiel. Ich dachte, ich könnte ihm die fertige Abschrift ebenso gut gleich geben, holte die Papiere und ging auf den hellen Türspalt zu.
Noch bevor ich klopfte, konnte ich in das Studierzimmer blicken. Was ich sah, ließ mich innehalten. Der Pastor und seine Frau knieten zu beiden Seiten eines Stuhles und der Schein eines Kerzenleuchters an der Wand erhellte ihre Gesichter. Ich vermutete, dass er sein versehrtes Bein unbeholfen zur Seite ausgestreckt hatte; sie stützte wie er die Ellenbogen auf den Stuhl. Beide hielten die Augen geschlossen und sein sonst so strenger Gesichtsausdruck war in sich gekehrt und wehrlos. Und ihre Miene, normalerweise scharf wie eine Axt, war nun sanft und heiter.
Sie bewegten nur stumm ihre Lippen, vielleicht sprachen sie aber auch so leise, dass ich nichts hören konnte, obwohl ich nur wenige Meter entfernt stand. Sie beteten. Von Zeit zu Zeit schlugen sie die Augen auf und sahen sich mit einer ganz leisen Andeutung eines Lächelns an – und dann begann einer von ihnen mit einem neuen Gebet und wieder schlossen sie die Augen und bewegten die Lippen synchron. Entweder kannten sie die Worte auswendig oder diese beiden Menschen waren so eng miteinander verbunden, dass das leiseste Flüstern für ihren Einklang genügte.
Ich konnte mich nicht losreißen, lange blieb ich stehen und schaute sie an, obwohl ich das Schamlose und Verletzende durchaus spürte – als hätte ich sie beim Beischlaf überrascht. Der Anblick erfüllte mich mit einer merkwürdigen Sehnsucht und schließlich nahm ich mich zusammen, ging zurück in das dunkle Esszimmer, legte Buch und Papier auf den Tisch und schlich mich hinaus in meinen Stall.
Ich hatte sie tief versunken gesehen, in einer fremden Welt, an der ich nie Anteil haben würde, und vielleicht war es dieses Erlebnis, das mich ernsthaft den Entschluss fassen ließ, den Pfarrhof zu verlassen.
4
Thurloe ist gerade gegangen. Wieder diese Mischung aus berechtigter Furcht über seine Entscheidungen und paradoxer Freude über seine Aufmerksamkeit. Er ließ mich erzählen, was ich wollte und wie ich wollte. Heute hatte er nur zwei Fragen: Was Hugh Peters zu diesem Zeitpunkt in Norfolk machte – ich konnte nur antworten, dass ich es nicht wüsste –, und ob ich Frau und Kinder gehabt hätte, dort, wo ich herkam.
Auf die letzte Frage antwortete ich kurz. Nein, ich hatte nur eine Freundin. Er fragte nicht weiter nach. Und ich verspürte keine Lust, ihm von der Sehnsucht nach Christine zu erzählen, die in den ersten Monaten in meiner neuen Welt an mir genagt hatte und immer stärker geworden war, je eintöniger der Alltag wurde. Die Sehnsucht war auch ein Grund, warum ich fort wollte, hin zu aufregenderen Erlebnissen, die mich an etwas anderes denken ließen. Hin und wieder versuche ich noch immer mir vorzustellen, wie es ihr wohl ergangen ist? Sicher bin ich als vermisst gemeldet worden. Vermisste sie mich? Wie sehr? Trauerte sie? Biss sie die Zähne zusammen? Bekam sie den Job im Ministerium, den sie sich gewünscht hatte? Hatte sie einen Mann gefunden, der mehr war als nur ein Wochenendliebhaber wie ich? Hatte sie Kinder? Oder war sie noch immer »aus Prinzip Single«, wie sie es nannte?
Es gab Nächte, in denen ich wach lag und mich im raschelnden Stroh drehte und wälzte, weil ich es niemals erfahren würde. Es gab Nächte, in denen mich die Sehnsucht nach ihrem Körper heftig onanieren und den Samen ins Stroh spritzen ließ, wo er zu undefinierbaren Flecken eintrocknete, die zusammen mit all dem anderen organischen Mist ohnehin ausgekehrt wurden. Es gab Nächte, in denen ich von ihr träumte, aufwachte und erschrak, wenn ich mich daran erinnerte, wo ich war.
Wäre unsere Beziehung anders gewesen, hätte die Sehnsucht nach Christine möglicherweise ein starkes Seil werden können, an dem ich mich ins einundzwanzigste Jahrhundert hätte zurückhangeln können. Aber das Seil hielt nicht, es zerriss, zerfiel, zerbröselte mir unter den Händen …
Die kühle Distanz und Vorläufigkeit, die unsere Beziehung ebenso vereinfachte wie versüßte (nimm nichts als gegeben hin, nimm alles wie etwas Neues), machte sie auch zerbrechlich, das wussten wir genau. Und wenn es überhaupt eine vernünftige physische Erklärung für mein Erlebnis gäbe, hätte mein Sehnsuchtsbild von Christine selbstverständlich nichts mit der theoretischen Möglichkeit meiner Rückkehr zu tun.
Diese Möglichkeit verwarf ich nach den ersten Tagen zwischen Euphorie und totaler Verwirrung im Grunde sofort. Wieso eigentlich? Wenn ich wirklich zurück wollte, wieso glaubte ich nicht weiterhin hartnäckig an diese Möglichkeit? Gefiel es mir besser, all das, was mein Leben ausgemacht hatte, im rosaroten Schein des sicheren Abstands zu sehen? Als ich aus der Nordsee gezogen wurde, war ich fünfunddreißig. Jetzt bin ich fünfundvierzig. Ich habe es noch immer nicht herausgefunden.
Allerdings habe ich keine Lust, all dies dem Staatssekretär John Thurloe zu erzählen, dem Spionagechef von Oliver Cromwell.
Ich kann ja verstehen, dass er mir Informationen über die politischen Akteure seiner Welt entlocken will. Wie Hugh Peters. Aber er lässt mich einfach reden und tut sogar so, als interessiere er sich für meine Welt, die sich nirgendwo mit seiner deckt. Frau und Kinder, wo ich herkomme? Nur sehr wenige haben mir diese Frage gestellt. Meg fragte danach. Laetitia fragte danach. Jurij fragte, natürlich. Sonst haben die Menschen mich eher als Kuriosum betrachtet, als einen interessanten Fremden, und sich mit dem Äußeren begnügt.
Thurloe reicht das Oberflächliche nicht, er will mehr wissen. Was genau?
Ich gehe an das Fenster mit den vielen kleinen Scheiben und den Sprossen aus Blei. Der Garten ist leer. Es muss sich um die Themse handeln, die dort draußen hinter der Hecke so breit dahinfließt. Und nach dem Stand der Sonne zu urteilen, befinde ich mich am Nordufer. Näher kann ich den Ort, an dem ich mich aufhalte, nicht lokalisieren.
Wieso dauert es so lange, bis sie ein Urteil über mich fällen?
5
Meinen ersten Versuch, dem Pfarrhof zu entkommen, unternahm ich irgendwann im August. Ich erwachte sehr früh am Morgen. Kein menschliches Geräusch war zu hören, alles schlief noch, und der Himmel war gerade so hell, dass man sehen konnte, wohin man trat. Ich beschloss sehr schnell, dass jetzt der Moment gekommen sei.
Die Idee, Winterton heimlich zu verlassen, hatte mich mehrere Wochen beschäftigt. Ich war es leid, das Gefühl haben zu müssen, ausgenützt und ausgestellt zu werden, und ich war mir so gut wie sicher, dass der Pastor sich widersetzen würde, wenn ich ihm mitteilte, dass ich fort wolle. Ich war der Ansicht, dass ich hinreichend für ihn gearbeitet hatte und ihm nichts schuldete. Ich schlich in die Küche, nahm mir ein Brot, etwas kaltes Fleisch und eines von den Tüchern, die über die Milchkannen gelegt wurden. Das Essen wickelte ich in das Tuch und verknotete es zu einem Bündel. Ich besaß nichts, nicht einmal eine Tasche, um meine Sachen zu tragen, und die kleine Kiste für die Kleider war zu schwer. Der Pastor durfte die Kleider zum Wechseln gern behalten, ich hatte beschlossen, so wenig wie möglich mitzunehmen.
Dann brach ich auf.
Ich hatte nicht einmal eine klare Vorstellung davon, wohin ich wollte. London hatte ich mir gedacht, denn in einer großen Stadt gibt es mehr Möglichkeiten als auf dem Land, aber ich war mir nicht ganz sicher, welchen Weg ich einzuschlagen hatte. Also wählte ich die Richtung, die so aussah, als führte sie nach Süden, das Meer lag linker Hand. Ich hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde. Allerdings war mir bewusst, dass mein Vorhaben nicht ungefährlich war. Schließlich besaß ich nichts und musste mich darauf verlassen, dass sich unterwegs genügend Gelegenheiten böten, um mit anzufassen und dafür etwas zu essen und ein Obdach für die Nacht zu bekommen.
Im Laufe des Tages wurde es schwül, doch die Wolken, die sich zu einem Gewitter auftürmten, das niemals zu kommen schien, schirmten die Sonne ab, so dass ich nicht so schnell durstig wurde. Die Landschaft war flach und wechselte zwischen sumpfigen Marsch- und Moorgebieten und für Ackerbau geeigneteren Gegenden. Hin und wieder begegnete ich einem Reiter oder einem Wagen; die Leute sahen mich an, sagten aber nichts. Der Weg führte von Dorf zu Dorf und all diese Dörfer wirkten tot und verlassen, allerdings war Erntezeit und wahrscheinlich halfen die Einwohner draußen mit. Einige Male sah ich denn auch ein Stück entfernt Menschen auf den Feldern.
Im Schatten einer kleinen Steinbrücke, die über einen Wasserlauf führte, aß ich etwas von dem Fleisch und dem Brot. Weil es nichts anderes gab, trank ich von dem Wasser, durchaus mit einer gewissen Sorge, aber es schmeckte frisch und gut. Dann ging ich weiter.
Von Weitem sah ich drei Reiter auf mich zu galoppieren. Hinter ihnen wirbelte der Staub zu Wolken auf, als würden ihre Pferde Feuer speien und die Straße in Brand setzen. Ich trat an den Straßenrand, drehte den Kopf zur Seite und hielt die Hand vor Mund und Nase, als sie vorüberritten – dann hörte ich plötzlich, wie einer von ihnen mit einem Ausruf sein Pferd zum Stehen brachte und wendete, die beiden anderen taten es ihm nach. Als der Staub sich gelegt hatte, blickte ich in ein Gesicht, das ich schon einmal gesehen hatte. Es war der rotfleckige Baron, der mich im Pfarrhof in Augenschein genommen hatte.
»Was haben wir denn hier?«, rief er. »Unser guter Meermann – auf Abwegen, he?«
»Guten Morgen, Mylord«, erwiderte ich ausgesucht höflich. »Ist dies die Straße nach London?«
»Das schon, aber dort hast du nichts zu suchen«, erklärte der Baron und befahl einem seiner Diener – dass sie Diener waren, sah ich an ihrer groben Kleidung, die sich von den Goldknöpfen des Herrn und seinen fein gearbeiteten Reitstiefeln deutlich unterschied –, mich auf sein Pferd zu setzen und dorthin zu bringen, wo ich hingehörte.
Ich protestierte, aber der Baron beugte sich vor und versetzte mir einen leichten Schlag mit der Reitpeitsche. Der Diener grinste. »Hoch mit dir!«, befahl der pausbäckige Adlige.
Ich sah mich rasch um. Ich hatte keine Chance. Ich konnte ihnen nicht entkommen, weder auf der Straße noch in dem übrigen Gelände, das aussah, als gäbe es dort festen Grund. Ich schäumte vor Wut, dass der Baron mich behandelte wie Pastor Strongworths rechtmäßiges Eigentum, wie ein entlaufenes Schaf; aber ich hatte keinen Zweifel, dass die Reitpeitsche mich beim nächsten Mal härter treffen würde, wenn ich weiterhin protestierte. Irgendwie gelang es mir, das linke Bein über den Pferderücken zu bringen. Der Diener griff hinter sich und half mit einem unsanften Ruck an meinem Hemd nach, im selben Augenblick gab er seinem Pferd die Sporen und setzte seinen Galopp auf dem staubigen Weg fort.
Ich konnte nicht reiten – ich lernte es erst später – und klammerte mich mit beiden Armen an den Leib des Dieners, um nicht herunterzufallen. Ich verlor meinen Schnappsack, während die Knochen des Pferdes und mein Steißbein zusammenprallten und ich mir die Schenkel an dem steifen, hohen Sattel aufschürfte. Wo Mylord und sein anderer Domestik blieben, weiß ich nicht – aber schließlich wurde ich am Pfarrhof abgesetzt, mürbe und wund, der Diener packte meinen Arm und führte mich ins Haus. Der Pastor kam aus seinem Studierzimmer und der Bursche meldete kurz: »Wir fanden ihn auf der Straße«, grüßte und ging.
»Master John«, sagte Strongworth, als wir im Studierzimmer allein waren, »du bist hier im Haus kein Gefangener und ich kann dir nicht verbieten zu gehen. Doch ich möchte dir sehr zuraten zu bleiben. Es sind schlechte Zeiten, es wird schwer für dich werden, eine Möglichkeit zu finden, dich selbst zu ernähren. Hier hast du zumindest Nahrung und Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Das Land ist in Aufruhr, der Krieg kann schon bald wieder aufflammen, und wenn du nicht zwangsausgehoben oder von einem Söldner, dem du im Wege stehst, getötet werden willst, dann bleib. Versteck dich hier und der Herr wird seine Hand über dich halten.«
Es hörte sich an, als würde mir die Gnade des Herrn nur dann zuteil, wenn ich auf dem Pfarrhof blieb statt mich in der Welt herumzutreiben. Ich antwortete nur kurz angebunden, als er fortfuhr, auf mich einzureden. Schließlich schickte er mich hinaus, jedoch ohne irgendein Zeichen von Zorn. Ich hatte den Eindruck, dass er mich gern behalten hätte, da ich unterhaltsam und obendrein ein billiger Sekretär war; allerdings konnte ich seinen Gesichtsausdruck nicht recht deuten.
Einige Tage später fragte ich ihn ganz direkt, ob er mir einen Empfehlungsbrief für irgendjemanden in London geben könne, dann würde ich selbst sehen, wie ich dorthin käme. Er lehnte es umgehend ab. Ich fragte warum, doch er erwiderte nur, so wäre es am besten.
Zumindest wusste ich nun, woran ich bei ihm war.
Lediglich den Fischern vom Strand konnte ich mich anvertrauen. Mittlerweile hatte ich das Gefühl, dass sie die Einzigen waren, die mich als einen Menschen und sogar als einen Freund ansahen. Ihre erste Furcht und Skepsis war völlig verschwunden, zumal mir die Haare auf meinem Kopf und am Körper wieder wuchsen. Obwohl es noch lange dauern sollte, bis ich die Langhaarfrisur vorweisen konnte, die die meisten Männer hier trugen, sah ich jedenfalls wieder mehr nach einem Mann als nach einem kahlen Fabelwesen aus. Fischer John half mir sogar jeden Sonntag bei der Rasur, denn ich besaß weder ein Rasiermesser noch hatte ich Geld, um den Schmied des Dorfes zu bezahlen, der neben seinem eigentlichen Beruf den Leuten auch Zähne zog und den Bart schabte.
Während einem meiner sonntäglichen Besuche bekannte ich, wie sehr ich es leid war, vorgezeigt zu werden, und erzählte von meiner Sehnsucht, etwas anderes zu sehen als das begrenzte Leben von Winterton. Sie hörten zu, und während John mir mit seinem sorgfältig geschliffenen Messer Wangen und Kinn rasierte und ich gezwungenermaßen still sitzen musste und den Mund zu halten hatte, hielt er einen kleinen Monolog.
»Doch, ich verstehe dich, mein Freund John. Als ich jünger war, verspürte ich auch diese Sehnsucht, ja, das tat ich. Ich wollte die Welt sehen, ich wollte Seemann werden und in ferne Länder reisen. Aber mein Vater war Fischer wie sein Vater vor ihm, und das Fischen hatte ich gelernt, Seemänner gab es genug. Und so übernahm ich sein Boot, dies da, das dort drüben steht …«, er wies mit dem Messer auf die Hütte, die aus halben Schiffsrümpfen gezimmert war, »… später bekam dann ich mein eigenes Boot, zusammen mit Jock, das war teuer genug, aber das alte leckte und so sehr wir es auch abdichteten, es half nichts. Aber gesehnt habe ich mich, damals, als ich jung war. Doch dann heiratete ich Meg, und mein Platz war hier, nun ja, wir beklagen uns nicht. Aber du bist ganz allein und das ist auch nicht gut für einen Mann; ich verstehe dich, mein Freund John. Ich wünschte, wir könnten dir helfen.«
»Wenn ich nur ein Boot hätte«, sagte ich, als John nach der Rasur das Messer zusammenklappte. »Ich kann nicht reiten und auf der Landstraße kann mich jedermann anhalten. Aber ich kann segeln. In einem Boot würde ich schon nach London kommen.«
»Ein Boot zu finden ist nicht so leicht«, warf Will ein, der auf einer Tonne saß und dem Gespräch zugehört hatte.
»Nein, das ist nicht leicht«, bestätigte Meg.
»Und ich habe kein Geld, ich kann nicht einmal bezahlen, um mir eines zu leihen«, sagte ich. »Also was soll’s.«
Wir versanken in grübelndes Schweigen.
»Erzähl mir eine Geschichte«, bettelte Harry.
Eines Abends, als wir nach dem Essen allein waren, bat ich Pastor Strongworth mir zu erklären, warum es im Land Unruhen gab und Kriegsgefahr bestand. Er ging bereitwillig darauf ein, doch mit einer derartigen Unmenge an Details, dass ich rasch den Überblick verlor und einfach nur versuchte, so viel wie möglich zu begreifen. Ich verstand, dass die Anhänger des Königs in der Defensive waren und der König selbst sich in einer Art Gefangenschaft des Parlamentsheeres befand. Außerdem hatten die Puritaner die Macht im Parlament, aber sie waren untereinander zerstritten. Und vor allem gab es ein theologisches Schisma zwischen Presbyterianern und Unabhängigen, das den Pastor sehr beschäftigte – obwohl beide Parteien die hochkirchlichen Laudianer hassten, die nach Laud benannt waren, dem erst kürzlich hingerichteten Erzbischof von Canterbury. Es folgte eine Unzahl weiterer Namen und Bezeichnungen von Gruppierungen, und allmählich begriff ich, dass das politische Leben in England zu der Zeit, in die ich geraten war, mindestens ebenso verworren erschien wie in einer modernen Demokratie. Sogar absolutistische Monarchen und mächtige Feldherren mussten vorsichtig agieren. Mir fiel auf, dass Strongworth mit keinem Wort den Namen Cromwell erwähnte, sondern von Fairfax als oberstem General des Parlamentsheeres sprach. Möglicherweise habe ich mich früher einmal besser erinnert, aber so weit habe ich seine Erklärungen noch im Gedächtnis behalten. Schließlich fragte ich ihn, welcher Fraktion der Kirche er angehöre.
»Das ist eine schwierige Frage«, antwortete er zögernd. »Die Presbyterianer sind Recht und Gesetz am nächsten, aber die Unabhängigen stehen möglicherweise Gottes Wille näher.« Er seufzte und als würde er plötzlich das Bedürfnis verspüren, sich jemandem anzuvertrauen, fügte er hinzu: »Mein Freund Hugh Peters suchte in ebendieser Sache meinen Rat, ebenso wie viele andere.«
Es wurde mir klar, dass die umfangreiche Korrespondenz des Pastors mit seinen Amtskollegen und das intensive Ausleihen von Büchern, aus denen ich zu kopieren hatte, nicht nur der Zeitvertreib eines Dorfgeistlichen war. Strongworth war offenbar eine Art Koryphäe, die in den heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Puritaner für Argumente sorgte. Damals verstand ich noch nicht, dass um nichts Geringeres als die Vollendung der englischen Reformation und damit um enorme soziale Konsequenzen gekämpft wurde. Auch war mir nicht ganz klar, obwohl ich gerade von Erzbischof Laud gehört hatte, dass dieser Streit um theologische Prinzipien für die Teilnehmer durchaus auf Leben oder Tod hinauslaufen konnte.
»Was hilft’s?«, erklärte ich nonchalant. »In einigen Jahren sitzt Karl II. als König auf dem Thron.«
»Halt den Mund!«, brüllte Strongworth und schlug auf den Eichenholztisch, dass die Zinnteller hüpften. »Wenn ich dich noch einmal prophezeien höre, werde ich dich verprügeln!«
Ich stand wortlos auf und ging. Er rief mich nicht zurück, es war das einzige Mal, dass er mir drohte.
Hätte ich an Zeichen des Himmels geglaubt, wäre ich wohl zu der Überzeugung gelang, dass es sich bei den beiden Vorfällen, die sich Ende September dicht nacheinander ereigneten, genau darum gehandelt haben musste. Eines Tages auf dem Rückweg von der Weide, auf die ich die Kühe getrieben hatte – ich hatte es inzwischen gelernt und brauchte die Hilfe der Magd nicht mehr –, erlaubte ich mir, ein bisschen auf der Landstraße nach Norden zu wandern, einfach so, ohne die Absicht davonzulaufen. Ich war völlig allein und sah plötzlich auf der Straße ein Bündel liegen. Es erwies sich als ein schwerer Leinenbeutel, in dem es klimperte, als ich ihn aufhob. Er enthielt einige Dutzend große glänzende Kupfernägel. Ich konnte es mir nur so erklären, dass der Beutel von einem Wagen oder einem Pferd gefallen sein musste und der Eigentümer längst weit weg war. Ich nahm den Beutel an mich und legte ihn in meine kleine Kiste im Stall. Am nächsten Sonntag brachte ich ihn den Fischern mit, zunächst um sie zu fragen, ob die Nägel etwas wert wären und ich sie verkaufen könnte, um so zum ersten Mal etwas Geld in den Händen zu haben, aber auf dem Weg zum Strand wuchs in mir die Überzeugung, dass ich ihnen die Nägel eigentlich schenken müsste, als Gegenleistung für alles, was sie für mich getan hatten.
Sie freuten sich sehr über mein Geschenk und erklärten, dass sie genau solche Nägel bräuchten, um ihre Boote zu reparieren. Ihre Freude bewies, dass die Nägel ziemlich wertvoll sein mussten, wenigstens für arme Leute, und beinahe bedauerte ich, nicht um Geld dafür gebeten zu haben. Aber ein Geschenk ist ein Geschenk und schließlich hatten sie mir das Leben gerettet, also konnte ich doch nicht einen Beutel Nägel zwischen uns kommen lassen, dachte ich beschämt.
In der Woche darauf wurde das Wetter herbstlicher und eine ganze Nacht lang heulte der Wind durch die Ritzen und schiefen Luken des Stalles. Es herrschte auflandiger Wind und ich lag wach und stellte mir vor, wie es am Strand aussehen musste: Die Dunkelheit, der aufwirbelnde Sand und die weißen Schaumzähne auf dem Meer nahe den Hütten, wo man die Boote über Nacht bestimmt besonders hoch auf den Strand gezogen hatte.
Als ich am Sonntag zusammen mit dem Pastor und seinem Hausstand in die Kirche ging, sah ich John und Jock in einer kleinen Gruppe von Menschen, die vor der Tür auf jemanden warteten. Sie warteten auf mich, und als wir uns begrüßt hatten und der Pastor mit seinem Gefolge hineingegangen war, flüsterte Jock mir zu: »Wir haben am Strand ein Boot gefunden. Möglicherweise ist es deins.«
An diesem Tag hörte ich nicht richtig zu, weder den Gebeten noch der Predigt. Die ganze Zeit kreisten meine Gedanken um das Boot, um die unwahrscheinliche Möglichkeit, dass es nach mehreren Monaten wieder aufgetaucht sein sollte, um die vielversprechenden Perspektiven, die sich eröffneten, wenn es tatsächlich mein Boot sein sollte. Und nachdem ich wie gewöhnlich im Pfarrhaus gegessen hatte, konnte ich gar nicht schnell genug aufbrechen.
John und Jock begleiteten mich, wir gingen eine gute halbe Stunde am Strand in nördliche Richtung. Schon von Weitem sah ich das Boot – und wusste, dass es nicht meins war. Kein weißer Glasfieberrumpf, kein Glitzern von blankem Metall, sondern eine geteerte Holzjolle wie ihre, nur kleiner und ein wenig anders in den Linien. Das Boot lag am Strand auf der Seite und es zeigte sich, dass an einer Bordwand einige der oberen Planken zerbrochen und beschädigt waren. Das Ruder fehlte und der Mast war knapp zwei Meter über dem Mastfuß gebrochen. Vom Segel gab es keine Spur und abgesehen von ein paar ausgefransten Tauenden war auch das Rigg verschwunden.
»Das ist nicht mein Boot«, sagte ich und konnte meine Enttäuschung kaum zurückhalten.
»Jetzt ist es deins«, sagte John. »Lass es uns instand setzen, dann kannst du damit nach London segeln.«
»Aber …«, wandte ich ein.
»Wir helfen dir«, versprach John.
Zusammen schleppten wir die Jolle in ein Versteck zwischen den Dünen und Jock verwischte die Schleifspuren mit einem großen Büschel Strandhafer, das er mit bloßen Händen ausriss; ich hätte es nicht tun können, ohne mich an den scharfen Blättern zu schneiden. In den folgenden Tagen brachte ich alle möglichen Entschuldigungen vor, um den Pfarrhof möglichst früh verlassen zu können und zum Strand zu gehen, und meine Fischerfreunde transportierten inzwischen in ihrem Boot Werkzeug, einen Eimer Teer und etwas Treibholz in das Versteck.
Tag für Tag wurde der havarierte Rumpf einem seetüchtigen Boot ähnlicher. Die beschädigte Bordwand wurde mit Brettern repariert, die eigentlich nicht zu den übrigen Planken passten, das Stück einer rot gestrichenen Tür, die passender Weise noch mit einem Scharnier versehen war, ließ sich als Ruder verwenden, und ein Riemen mit zerbrochenem Ruderblatt wurde abgesägt und zum Mastbaum ernannt. John hatte ein kleines dreieckiges Segel aus dem Stück Persenning genäht, unter dem ich in der ersten Nacht geschlafen hatte. Als schwierigstes Problem erwies sich der Mast. Will, der uns in den letzten Tagen geholfen hatte, stieg auf eine der flachen Dünen und hielt Ausschau.
»Lasst uns einen Baum fällen«, schlug er vor, als er zurückkam. Er hatte weit entfernt in der einsamen Landschaft eine Stelle gefunden, an der einige junge Pappeln standen, wahrscheinlich am Rand eines Wasserlaufs.
»Frisches Holz? Du musst verrückt sein«, sagte Jock.
»Was anderes haben wir nicht«, erwiderte Will.
Sie sahen mich an und ich nickte. Es kostete uns einige Stunden, um dorthin zu gelangen, den geradesten der schlanken Bäume zu fällen, ihn zu entrinden und zuzusägen – und ihn dann durch das sumpfige Gelände zurückzutragen, praktisch von einem kleinen Erdhügel zum nächsten. Doch als es dämmerte, stand der Mast, weiß, neu und sachkundig im Kielschwein verzapft. Jock umfasste ihn mit beiden Händen und versuchte ihn zu verdrehen. Er bewegte sich nicht.
»Das Rigg wird ihn schon halten«, meinte er.
Am nächsten Tag wurde das Boot getakelt – mit Vor- und Achterstag und Wanten an jeder Seite, alles aus zusammengebundenen alten Tauresten, die nicht einmal die gleiche Stärke hatten. Das Fall für das Segel bestand aus einem dünnen Hanfgarn, das doppelt geführt wurde. Das Boot war fertig. Der Anblick hätte jeden anständigen Bootsbauer zum Weinen gebracht – doch mein Herz klopfte vor Erwartung.
»Lassen wir es zu Wasser«, schlug John vor und zu viert schleppten wir das Boot hinaus, bis es genügend Wasser unter dem Kiel hatte. Es schwamm! Die Fischer brachten das Werkzeug an Bord ihres eigenen Bootes und wollten aufbrechen – doch Jock überlegte es sich anders. »Es ist besser, ich segele mit dir«, sagte er.
Wir legten ab. Ich saß wieder an der Ruderpinne eines Schiffes! Der Wind kam aus Südwest, so dass beide Boote kreuzen mussten, und ich stellte schon bald fest, dass wir nicht gerade ein Rennboot für mich gebaut hatten. Doch mit dem kleinen Segel ließ sich leicht manövrieren und der Pappelmast krümmte sich so graziös wie der Mast einer modernen Regattajolle, so dass das Boot sich beinahe selbst trimmte. Jock bemerkte es ebenfalls und schaute sich kopfschüttelnd und lachend den Mast an. Im Übrigen achtete er auf eventuelle Lecks; an vier, fünf Stellen sickerte Wasser ins Boot, aber nicht wirklich bedrohlich. Jock holte ein Büschel gerupftes Tauwerk aus der Tasche und stopfte es mit seinem Messer locker in die Ritzen.
»Ich bringe das morgen noch in Ordnung«, sagte er.
Einige Zeit nach John und Will erreichten wir das Fischerlager. Mein kleines Boot wurde neben die anderen gezogen und ich machte mich eilig auf den Weg zurück zum Pfarrhof. Ich musste die Kleiderkiste mitnehmen, wenn ich aufbrach, ich hatte eingesehen, dass ich alles benötigen würde, was überhaupt von irgendeinem Wert war. Außerdem brauchte ich Tageslicht und einigermaßen vernünftigen Wind.
Es war bereits dunkel, als ich zurückkam, doch im Studierzimmer des Pastors brannte noch Licht. Ich schlich in den Stall und tastete mich vor, aber er musste mich kommen gehört haben, denn kurz darauf stand er mit einem Kerzenhalter in der Hand in der Stalltür.
»Master John!«, rief er.
Ich ging zu ihm, bereits halb ausgezogen, nur in meiner Hose und mit nackten Füßen.
»Ich muss morgen nach Norwich und werde erst übermorgen zurück sein«, sagte er. »Auf dem Tisch liegen drei Bücher mit Lesezeichen, außerdem habe ich Papier und Feder bereitgelegt. Schreib wie gewöhnlich die Stellen für mich ab.«
»Ja, natürlich.«
Er senkte das Licht. »Was hast du denn da auf deiner Hose? Teer?«
»Ich habe den Fischern geholfen«, erklärte ich.
Er hob die Kerze wieder, so dass er mir in die Augen sehen konnte – und ich in seine. Ich hatte das Gefühl, als würde ich eine ferne Trauer in seinem Blick aufkeimen sehen. Ich weiß es nicht, vielleicht war es auch nur die ungewohnte Beleuchtung.
»God speed thee«, wünschte er.
Ein zweideutiger Ausdruck. Viel Glück – oder gute Reise. Er schien zu ahnen, was ich vorhatte.
In der Tür wandte er sich um.
»Gute Nacht, Master John.«
Ich wünschte ihm ebenfalls eine gute Nacht und er schloss die Tür. Die Dunkelheit des Stalles umfing mich.
6
Ich kann den Wachwechsel draußen vor der Tür hören. Die schweren Schritte, die kurzen, leisen Befehle. Die Stimmen tauschen Informationen in einem nicht ganz so kommandoartigen Ton aus. Tag und Nacht steht ein Soldat dort draußen – natürlich nicht, um mich zu beschützen, sondern um aufzupassen, dass ich nicht flüchte. Bestimmt gibt es auch noch einen Posten am Haupteingang, und unten im Garten habe ich hin und wieder einen Dragoner mit Rock und einem breitkrempigen Hut auf und ab gehen sehen; allerdings gibt es auch längere Zeiten, in denen offensichtlich niemand da ist. Es wäre nicht unmöglich, das Fenster mit einem Stuhl einzuschlagen, aus dem ersten Stock zu springen und sich einen Weg durch die Hecke zu bahnen.
Die Wahrheit ist allerdings, dass ich einfach nicht in der Lage bin zu fliehen. Mein Schicksal liegt in anderen Händen und dort soll es liegen bleiben. Ich schaffe es nicht, mich zu verstecken, Angst zu haben, unruhig zu schlafen, mich im Verborgenen aufzuhalten und ständig die Orte zu wechseln, bevor jemand entdeckt, wer ich bin. Die einzige Hoffnung wäre, an Bord eines ausländischen Schiffes zu kommen und England zu verlassen, aber ich habe nicht einen Penny bei mir, was die Sache nicht einfacher macht. Ich ertrage den Gedanken nicht.
Heute Nacht träumte ich, dass ich im Hafen ein Schiff mit dem Danebrog am Achtersteven fand. Es sah aus wie die Fregatte im Tivoli. Glücklich lief ich die Gangway hinauf und sagte zu den Matrosen: »Nehmt mich mit nach Hause, nach Dänemark!« Doch sie sahen mich misstrauisch an und der Kapitän – er trug eine moderne Tarnuniform mit goldbestickter Baseballkappe – kam von der Brücke und richtete seine Pistole auf mich. »Förrädare! Spion!«, zischte er und die Matrosen riefen Ähnliches. Zu meinem Entsetzen erkannte ich, dass sie alle Schwedisch sprachen. Dann wachte ich auf.
Thurloe blieb heute nicht so lange, er schien in Eile zu sein. Dennoch fragte er diesmal detailliert nach den Büchern, aus denen ich für Pastor Strongworth Abschriften anfertigen musste. Die Autoren, Titel, Themen … Leider waren mir die meisten entfallen, ich hatte mich ja darauf konzentriert, korrekt abzuschreiben, aber ich versicherte ihm, dass es sich ausschließlich um theologische Themen gehandelt hätte. Er setzte mich unter Druck, ich sollte versuchen, mich an Namen zu erinnern, und mir fiel ein Name ein, weil Strongworth ungewöhnlich viel von diesem Autor kopiert haben wollte: Jacobus Arminius. Thurloe reagierte mit einem Achselzucken und der Bemerkung: »Nicht überraschend.« Dann ließ er es gut sein und fiel zurück in seine sphinxartige, geduldig zuhörende Rolle.
Ich habe keine Ahnung, worum es in Arminius’ Schriften geht, aber als ich mich an den Namen erinnerte, konnte ich mich auch daran entsinnen, dass der braune Ledereinband des dicken Buches speckig war und ein wenig nach Pferd roch. Und dass die Pastorin sich am Vormittag des Tages, an dem ich mit dem Buch begann, an einem Rosenstrauch die Hand blutig gerissen hatte. Die merkwürdigsten Dinge tauchen auf, wenn ich die Erinnerungen heraufbeschwöre.
Das ist die einzige Aufgabe, die ich im Augenblick zu bewältigen vermag. Mich zu erinnern.
7
Im Morgengrauen hörte ich, wie der Knecht das Pferd vor die kleine zweirädrige Kutsche des Pastors spannte, und ich hörte die Stimme des Pastors, als er aus dem Haus kam und auf den Bock stieg. Dann klapperten die Räder über die Steine des Hofplatzes, knirschten im Kies der Einfahrt und rollten über die Dorfstraße davon. Zwei Tage wollte er in Norwich bleiben, zwei Tage, an denen es auf dem Pfarrhof eine Person weniger gab, die mich im Auge behalten konnte. Ich streckte mich und stand auf.
Von meinem Schreibplatz am Tisch konnte ich verfolgen, was im Haus vor sich ging. Als ich eine Seite geschrieben hatte, kam Frau Deborah ins Zimmer, holte ein Buch und einen Brief und bat den Knecht, beides zum Pastor der Nachbargemeinde zu bringen. Ich ließ mir nichts anmerken, ermittelte aber auf meiner inneren Skala, dass er dazu mindestens einige Stunden brauchen würde, da der Pastor das Pferd hatte und der Knecht zu Fuß gehen musste.
Als ich gut drei Seiten geschrieben hatte, fingen die Pastorin und die Magd in der Küche an, Brot zu backen. Es handelte sich um ein größeres Unterfangen, denn es galt, mehrere Kilo Teig zu kneten und den Backofen anzufeuern, sie würden also fürs Erste ausreichend zu tun haben. Beinahe gleichzeitig brach die Sonne hinter den Wolken hervor und schien durchs Fenster, direkt auf meine Schreibhand.
Ich beendete den Satz, machte einen Punkt, nahm einen neuen Bogen und schrieb:
Lieber Pastor Strongworth. Ich danke Euch für Eure Freundlichkeit und Gastfreundschaft, aber ich kann nicht länger bleiben. Nun muss ich mein Schicksal in die eigenen Hände nehmen. John Vivilt
Ich setzte einen Strich unter meinen Namen, einen dicken, schwarzen Schlussstrich, denn ich wusste, dass ich diesen Namen zum letzten Mal benutzte. In London würde ich mich anders nennen. Ich wollte nicht noch einmal aufgespürt und hierher zurückgebracht werden.
Den kurzen Brief legte ich unter den Stapel der beschriebenen Bögen, klappte das Buch zu, verkorkte das Tintenfass und schlich mich aus der Haustür. Ich ging ums Haus herum, damit ich nicht am Küchenfenster vorbei musste. Kurz darauf trat ich mit meiner kleinen Kiste unter dem Arm durch eine Hintertür in den Pfarrgarten und lief die Hecke an dem kümmerlichen Feld des Nachbarn entlang, hinunter zum Fischerlager.
Die Männer waren auf See, aber Meg und Harry empfingen mich. »Ist es an der Zeit?«, fragte Meg. »Ja«, antwortete ich, »so schnell wie möglich.«
Sie gab mir etwas gesalzenen Fisch, reichte mir einen Tonkrug mit Trinkwasser und erklärte mir, dass er einem der anderen Fischer gehöre. Seinen Namen habe ich vergessen. Sehr ernst verabschiedeten wir uns voneinander und Harry klammerte sich einen langen Augenblick an mein Bein, aber auch er verstand, dass es jetzt darum ging, rasch zu handeln. Er fasste mit an, als wir mein kleines Boot ins Wasser schoben.
Der Wind stand nicht sonderlich günstig, aber es gelang mir, mit ein paar unbeholfenen Manövern abzulegen, dann nahm ich Fahrt auf. Weit entfernt sah ich ein Boot mit geborgenen Segeln und drei Männern an Bord – sie konnten mich zweifellos an meiner wunderlichen Takelage erkennen. Alle drei winkten mit ausladenden Armbewegungen, es mussten meine Freunde sein; der Mittlere von ihnen – der Statur nach zu urteilen, John – setzte die Hände vor den Mund und schrie irgendetwas, aber der Wind riss die Worte mit sich und ich hörte nichts als einen lang gezogenen Uuu-Laut. Der Sinn jedoch war nicht misszuverstehen: Viel Glück. Ich winkte zurück, musste mich aber gleich darauf wieder um Schot und Ruder kümmern.
Es war ein zähes Unterfangen, in dem unsteten Wind voranzukommen. Ich hatte keine Karte und steuerte mehr oder weniger von Küstenvorsprung zu Küstenvorsprung. Früher oder später musste die Themsemündung auftauchen, aber ich hatte nicht einmal eine klare Vorstellung davon, wie ich sie erkennen sollte. Ich segelte durch einen Regenschauer, der meine Kleider durchnässte und heftige Böen mit sich brachte, so dass ich die ganze Zeit höchst konzentriert agieren musste. Doch durch das kleine Segel und den niedrigen Mast konnte das Boot glücklicherweise nicht so leicht kentern und ich musste mich nicht einmal hinauslehnen, um es gerade zu halten. Nach dem Regen flaute der Wind etwas ab. Ich nutzte die Gelegenheit, zog mir das nasse Zeug vom Oberkörper und wechselte es mit dem trockenen Hemd aus der Kiste; dadurch wurde mir wieder warm.
Bei Einbruch der Dunkelheit hatte ich noch immer nichts gesehen, das auch nur im Geringsten an die Themse erinnerte. Ich segelte aufs Land zu und fand eine Stelle im Windschatten einer Landzunge. Dort zog ich das Boot ein Stück ans Ufer und aß zu Abend. Gesalzener roher Fisch und Wasser sind eine harte Kost, aber ich hatte Hunger und hätte auch einen Schuh verspeisen können. Dann legte ich mich ins Boot, um zu schlafen. Sollte es im Laufe der Nacht ins Wasser rutschen und abtreiben, wollte ich zumindest an Bord sein.
Ich erwachte bei Sonnenschein und einem lebhaften Nordwestwind. Nun ließ es sich problemlos segeln und kurz nach Mittag bot sich ein Anblick, der mir die Nähe des Flusses verriet, dass kein langer Weg mehr vor mir lag: Vier, fünf große Handelsschiffe, die dicht hintereinander vor Anker lagen und offensichtlich auf Hochwasser warteten. Es musste die Themsemündung sein, die sich hier öffnete.
Während ich näher kam, begannen die Schiffe Segel zu setzen, und schon bald schaukelten sie in Richtung Land davon. Der Wind und die Tide waren eindeutig mit ihnen und ich begleitete sie durch eine weite Bucht, die sich rasch verengte und mehr und mehr von größeren und kleineren Schiffen, Jollen mit Sprietsegeln und vereinzelten Schaluppen befahren wurde, die sechs oder acht Männer ruderten. Geräusche von knallendem Segeltuch und knarrendem Tau vermischten sich mit dem Glucksen und Rauschen des Wassers und den Kommandorufen der Bootsmänner; die Schiffe glitten vorüber wie große Seevögel mit ausgespannten Schwingen. Es war ein phantastischer Anblick, aber ich hatte keine Zeit, ihn zu genießen.
Der Wind hatte noch mehr auf Nord gedreht und die Schiffe und Jollen machten gute Fahrt. Ich hielt mich, so nah ich konnte, am Ufer zu meiner rechten Seite, um manövrierfähigeren Booten nicht in die Quere zu kommen. Und dann passierte es. Mit einem splitternden Geräusch kam mein Boot ruckartig zum Stehen und ich starrte auf das spitze Ende eines schräg abgebrochenen Pfahls, der sich direkt unter der Wasseroberfläche verborgen hatte und nun eine morsche Stelle am Bootsboden durchbohrte – Flusswasser drang durch das Loch. Durch den Wind und die Strömung begann mein Boot zu schwojen und die Drehbewegung ließ das Leck nur noch größer werden. Ich hatte keine Wahl, ich musste über Bord springen. Das Wasser war brackig und undurchsichtig. Ich hielt meine kleine Kiste über den Kopf und sprang aufs Geratewohl hinein. Glücklicherweise fand ich Grund unter den Füßen. Bis zu den Achseln stand ich im Wasser und die Strömung riss mich beinahe um, doch nach ein paar zappelnden Schritten kam ich dem Ufer näher.
Bald stand ich am sicheren Ufer, durchnässt und schlammiggrau, und sah zu, wie mein kleines Boot langsam kenterte und sank. Aber so aufgespießt wie es war, konnte es weder ganz untergehen noch abgetrieben werden, die Segel flatterten wirr im Wind. Ich war drauf und dran, mich noch einmal ins Wasser zu werfen, um sie zu bergen, sah aber ein, dass es sinnlos war. Stattdessen fiel mir ein, dass ich das Boot nie getauft hatte – und im Stillen gab ich ihm den Namen Spatz. Obschon kein richtiger Seevogel, war er doch tapfer geflogen und hatte mich beinahe bis London gebracht.
Das war das zweite Mal, dass ich ein Boot verlor. Nur gab es diesmal niemanden, der mich rettete; ich musste selbst zu der staubigen Straße finden und mit durchweichten, schmatzenden Schuhen in Richtung Stadt gehen, die ich nur als gelblichbraunen Dunst am Horizont ahnte – es war der Rauch der vielen Schornsteine. Die Sonne schien, aber sie hatte nicht die Kraft, um das nasse Zeug an meinem Körper zu trocknen, und die Schatten waren bereits lang geworden, als ich an einem Fachwerkhaus vorbeikam. Es war ein Haus mit zwei Stockwerken, in der Mitte gab es eine Toröffnung und über der Eingangstür hing ein Schild an einer Stange. Das Schild stellte einen Elefanten dar, eindeutig von jemandem gemalt, der ein derartiges Tier noch nie gesehen hatte. Ich vermutete, dass es sich um ein Wirtshaus handelte.
Ich blieb stehen und dachte: Warum soll ich es nicht versuchen? Ich war müde und hungrig, und die Kälte der klammen Kleider zog mir in die Knochen. Der Gedanke an eine weitere Nacht im Freien war unerträglich. Ich trat unter dem Elefantenschild ein und wurde von einem feisten Mann in einer schmutzigen Leinenschütze empfangen. Er sah ebenso unwirsch wie zuvorkommend aus und ich war ziemlich sicher, dass es sich um den Wirt handeln musste.
»Kann ich hier meine Kleider trocknen?«, war das Erste, was ich sagte.
Er musterte mein nicht sonderlich vertrauenerweckendes Äußeres und fragte: »Hast du Geld?«
»Mein Boot ist auf dem Fluss gesunken«, erwiderte ich. »Ich habe nur das hier.« Und stellte die Kiste auf einen Tisch.
Er öffnete sie und nahm die Sachen heraus. Die Strümpfe gab er mir sofort zurück, aber das Hemd interessierte ihn. Er befühlte den Stoff und suchte ihn nach abgenutzten Stellen ab; es störte ihn offenbar nicht, das es nach dem Regenguss auf dem Meer noch immer feucht war. Die Kiste wurde von allen Seiten begutachtet.
»Dafür kannst du heut Nacht ein Bett bekommen, Holz für den Kamin sowie Brot und Käse«, erklärte er und klopfte mit einem Finger auf die Kiste. »Und für das Hemd zehn Pence.«
Wahrscheinlich war es viel zu wenig, aber ich schlug ein. Später sollte ich mich noch oft genug mit Brot und Käse begnügen müssen, aber dort in der Wirtsstube schmeckte es zusammen mit einem großen Krug kühlen Wassers, das der Wirt gnädigerweise nicht berechnete, großartig.
Auch am Kaminfeuer der Kammer, die man mir anwies, war nichts auszusetzen. Als ich meine Mahlzeit beendet hatte, war bereits jemand dort gewesen und hatte angefeuert. Mir stand die Kammer zunächst allein zur Verfügung, obwohl sich drei Betten darin befanden; ich hängte meine noch immer klammen Sachen über ein paar Stuhllehnen vor das Feuer und kroch nackt zwischen die Laken.
Die Matratze war aus Stroh, aber es war eine Matratze. Und es gab Laken. Und eine Wolldecke. Und das Bettgestell stand auf dem Boden und bestand nicht nur aus einem Strohhaufen auf der bloßen Erde. Beinahe hatte ich vergessen, was für ein Gefühl es war, auf zivilisierte Weise zu schlafen. Vor Müdigkeit und Erleichterung schlief ich auf der Stelle ein.
Ich erwachte, als der Wirt mit einer Kerze in der Hand einen anderen Reisenden ins Zimmer führte. Da ich ja wusste, dass so etwas passieren konnte, war ich nicht sonderlich überrascht. Draußen war es dunkel, aber die Glut im Kamin leuchtete noch immer schwach, und so konnte ich erkennen, wie der Fremde Mantel und Stiefel auszog und neben dem Bett, das man ihm zugewiesen hatte, kniete. Er war einfach gekleidet und hatte, soweit ich sehen konnte, ein zerfurchtes Gesicht und graues schulterlanges Haar. Kaum ein gefährlicher Zimmergenosse, vielleicht ein älterer Kaufmann auf dem Weg nach London, so wie ich. Er betete ein unverständliches, von Räuspern und Husten durchsetztes Nachtgebet und kam danach nur mühsam auf die Beine, wobei er einen gediegenen Furz von sich gab. Bald schnaufte er still und friedlich in seinem Bett.
Nicht der neue Mitbewohner hielt mich wach. Es war ein in mir aufsteigender Gedanke, der mich am Einschlafen hinderte. Nun hatte ich mich so weit von Winterton entfernt und hatte so viel Neues gesehen, und doch gab es noch immer keinen, aber auch nicht den kleinsten Hinweis darauf, dass ich mich möglicherweise doch in meiner eigenen Zeit befand. Alles passte in »die Zeit der anderen«, und wenn ich noch eine winzig kleine Hoffnung gehabt hatte, einen Riss in dem Bild zu finden, so musste ich jetzt sogar diesen kleinen hypothetischen Vorbehalt abschreiben. Es war, als hätte das Schicksal – oder was auch immer es war – sich einen Spaß damit gemacht, meine Faszination für frühere Zeiten beim Wort zu nehmen und sie mich nun persönlich erleben zu lassen. Ich dachte an meinen Spitznamen im Gymnasium und auf der Universität – er war mir bis auf die Uni gefolgt, weil einer meiner Klassenkameraden sein Anglistikstudium gleichzeitig mit mir begann. John Gammeldags, John Altertümlich. Manchmal verdrehten meine Freunde die Augen zum Himmel, wenn ich mich über Holbergs Episteln, Shakespeares archaische Schurken oder Dickens’ Beschreibungen der merkwürdigsten, längst verschwundenen Milieus verbreitete. Und Milton, ganz ehrlich! Sie hätten sich eher einen Arm der Länge nach gebrochen, als sich mit Miltons Versen zu beschäftigen. Doch Milton hatte irgendetwas in mir angestoßen und plötzlich entdeckte ich, dass ich noch immer Bruchstücke seiner Gedichte auswendig konnte, obwohl ich nicht sonderlich viel dafür getan hatte. Leider war das aber auch schon alles, ich hatte mich überhaupt nicht mit seinem Hintergrund und seiner Zeit beschäftigt; jetzt hätte es mir wirklich nützen können … Waren all meine Erlebnisse hier nur ein langer Traum, eine mystische Visite all der Vorstellungen, die ich mir gemacht hatte? Aber wieso gerade England und warum diese Epoche? Und wenn es ein Traum war, hatte ich doch noch nie einen Traum erlebt, der so lang dauerte und sich physisch so lebendig präsentierte. Noch immer hatte ich Schrammen und blaue Flecken, weil ich für Pastor Strongworth schwere Lasten schleppen musste, und an den Fingern meiner rechten Hand waren noch immer die Spuren seiner Tinte zu erkennen …
Ich muss dennoch eingeschlafen sein, denn als ich erwachte, war es hell und der Kaufmann bereits fort. Meine Sache waren alle noch da, also zog ich mich an und bürstete notdürftig den eingetrockneten Schlamm heraus. Die Schuhe sahen schlimm aus, aber sie waren trocken; sie hatten sich sogar geweitet, weil ich so lange in ihnen gelaufen war, als sie noch feucht waren. Nun drückten sie endlich nicht mehr.
Als ich herunterkam, war die Wirtsstube leer. Da ich keine Lust hatte zu warten, machte ich mich einfach auf den Weg. Schließlich schuldete ich niemandem etwas und besaß lediglich, was ich am Körper trug und in den Taschen hatte: drei Paar Strümpfe und das klimpernde Kleingeld, das der Wirt mir für das Hemd des Pastors gegeben hatte. Geld in der Tasche, ein fast vergessenes Gefühl. Ich war guten Muts.
Ich weiß nicht, wie lange ich gelaufen bin und ich weiß auch nicht mehr, wie die Lichtverhältnisse waren, ich erinnere mich nur an das überwältigende Gefühl, als ich von einer Anhöhe der Straße das massive viereckige Gebäude mit den kleinen Ecktürmen erblickte, das ich sofort wiedererkannte. Der Tower, the Tower of London! Es war das erste Mal, dass ich in diesem fremden England etwas sah, das mir nicht unbekannt war. Den Tower hatte ich mit meinen Eltern besucht, ich war einmal allein dort gewesen und dann zusammen mit Christine auf einer Spritztour übers Wochenende. Oder richtiger, ich würde den Tower in dreieinhalb Jahrhunderten besuchen … oder wollte ich?
Es war eine sonderbare Mischung aus Wiedersehensfreude und Beunruhigung, die mich in diesem Augenblick erfasste. Es war nicht dieser bezaubernde, für die Touristen restaurierte Tower, den ich vor mir sah; das Gebäude sah eher heruntergekommen und düster aus, aber er war es unverkennbar. Ein Halt – und eine schwindelnde Fallgrube, denn gerade durch ihre Bekanntheit ließ die Burg mich bis ins Mark begreifen, womit ich eigentlich konfrontiert war.
Ich hatte London erreicht. Freitag, den 11. Oktober 1647.
8
Jetzt wird es dunkel. Thurloe ist nicht da gewesen. Vielleicht ist heute Sonntag, obwohl es meiner Ansicht nach Sonnabend sein müsste. Allmählich fange ich an, das Zeitgefühl zu verlieren. Ich habe den Wachsoldaten gefragt, der mir mein Essen brachte, aber er hat nicht geantwortet, er hat einfach an mir vorbei gesehen. So lauten wohl ihre Befehle. Nicht mit dem Gefangenen sprechen.
Ich habe Stunden damit verbracht, mir meine letzten Tage bei Pastor Strongworth und meine erste Zeit in London ins Gedächtnis zu rufen – es reicht ja, wenn ich Thurloe beim nächsten Mal davon erzähle. Bei dieser Erinnerungsarbeit taucht allerdings auch alles mögliche andere auf. Ein Segel draußen auf der Themse ließ mich plötzlich an die Fidelio denken, an den Druck der Ruderpinne in der Hand, an das sanfte Gefühl, wenn man bei einer leichten Brise vor dem Wind segelt und den Eindruck hat, als wäre es windstill, weil Boot und Wind die gleiche Geschwindigkeit haben … Der Name war mir als geschickte Lösung für das ewige Problem eingefallen, welches Geschlecht ein Boot hat: Fidelio, ein Männername, der auch das Weibliche abdeckt. Fidelio, ein Opernklassiker. Studienrat Nielsen spielte sie uns im Gymnasium vor, mit langen Erläuterungen und flatternden Armen, vor lauter Enthusiasmus spritzte ihm die Spucke aus dem Mund. Er war von Beethoven besessen.
Und jetzt sollte es noch anderthalb Jahrhunderte dauern, bis Beethoven seine Oper schreibt. Und noch länger bis zu den meisten Dingen, die meinen Alltag bestimmten, bevor ich hierherkam. Radio. Computer. Telefon. Selbst wenn die Wache mit mir reden dürfte, würde er nichts von all diesen Dingen verstehen.
Es gab nur einen einzigen Menschen, der es verstand …
Womit hatte ich begonnen? Es ist dunkel. Zeit zu schlafen. Wenn ich kann.
9
Wenn ich an jenen Herbst und Winter in London denke, sehe ich den Innenraum des Strawberry vor mir. Einige wenige Bohlentische mit blank gescheuerten Bänken, hoch angebrachte Fenster, die nicht sehr viel Licht einließen, an der Längswand ein Kamin, Kannen und Krüge, die ganz hinten im Lokal an Haken hingen, Bierfässer. Das Schild über der Tür zeigte nicht viel mehr als einen roten Klecks umgeben von ein paar grünen Blättern, einige Stammgäste sprachen von dem Schild und dem Wirtshaus als Mother Swottle’s Nose, wobei sie auf die Inhaberin anspielten, die das Lokal mit harter Hand leitete. In der Tat zeichnete sich ihre Nase dadurch aus, dass sie etwas mehr gerötet war als der Rest ihres Gesichts, doch im Übrigen war es insbesondere Mutter Swottles Statur, die sofort ins Auge fiel.
Sie war eine stattliche Frau, beinahe ebenso breit wie hoch. Wie ein Spinnaker beulte sich ihre Schürze über dem gewaltigen Bauch und den enormen Hüften, ihr Mieder hatte sie über einem Paar melonengroßer Brüste verschnürt und aus den aufgekrempelten Ärmeln ragten ihre Unterarme wie zwei weiße Schinken. Immer hingen ein paar verschwitzte Haarsträhnen unter ihrem Kopftuch hervor und ihre Augen saßen so tief zwischen den Fettpolstern, dass man normalerweise nicht sehen konnte, welche Farbe sie hatten. Ihre Hände waren groß und schrundig, aber dennoch so pummelig wie bei einem Kind. Doch die Wucht, die in diesen Fäusten steckte, war Respekt einflößend. Ich habe mal mit angesehen, wie sie einen aufsässigen Betrunkenen zu Boden geschlagen hat, der das Wirtshaus nicht verlassen wollte, als sie es von ihm verlangte. Keinerlei Umstände, nur eine klare Rechte aufs Kinn und bei dem Burschen ging das Licht aus. Seine Kameraden mussten ihn raustragen.
Henry Swottle, ihr Mann und eigentlicher Inhaber des Lokals, war einen Kopf kleiner als sie, ausgemergelt, trocken und zerrupft wie ein abgepulter Tannenzapfen. Gewöhnlich saß er am hintersten Tisch und rauchte Pfeife – an diesem Tisch herrschte ein ständiges Kommen und Gehen von Gästen, man tauschte Gerüchte und Klatsch aus, und wenn es etwas besonders Interessantes zu hören gab, rief Swottle seine Frau dazu, immer mit denselben Worten: »Bessie, komm und küss mich!« Und sie gab ihm einen kleinen Schmatz auf die Wange, der ihn zum Lächeln brachte. Dann wurde erzählt. Eine besondere Attraktion war es, Mutter Swottle zum Lachen zu bringen. Erzählte ein Gast etwas Komisches, brach sie in ein verblüffendes Jungmädchenlachen aus, klar und deutlich und in einer Lautstärke, die die Tabaksschwaden zum Beben brachte. Ihr Lachen war derart ansteckend, dass das ganze Wirtshaus mitlachte, ohne zu wissen, worum es bei dem Spaß eigentlich ging.
Es war an einem der ersten Tage nach meiner Ankunft in London, als mir die imponierende Bessie Swottle und ein junger Mann mit hellen Locken vor dem Wirtshaus auffielen. Ich hatte die Brücke überquert, war um ein paar Ecken in Southwark gebogen und blieb unwillkürlich stehen beim Anblick dieser gewaltigen Frau und des lockigen Jünglings, die gerade Bierfässer von einem Brauereiwagen luden. Das Hemd des Mannes war schweißnass und klebte an ihm, man sah, dass er einen Oberkörper wie ein griechischer Gott hatte. Mutter Swottle war zweifellos sein exaktes Gegenteil. Es dauerte nicht lange, bis sie entdeckte, dass ich sie beobachtete. »Was glotzt du denn so?«, schrie sie mir zu. »Hilf ihm lieber. Das hier ist keine Frauenarbeit.« Dann ging sie mit dröhnenden Schritten ins Wirtshaus und der junge Mann schaute mich mit hellbraunen Hundeaugen Hilfe suchend an.
Ich half ihm. Er reichte mir die schweren Fässer von der Ladefläche, ich nahm sie entgegen und stellte sie senkrecht auf das schmutzige Pflaster. Als wir fünfzehn, sechzehn Fässer abgeladen hatten, schnürte er ein Seil um die restlichen Fässer auf dem Wagen und sprang herunter; und der Kutscher, der die ganze Zeit teilnahmslos und zusammengesunken auf dem Bock gesessen hatte, weckte die ebenso apathischen Pferde mit einem Schlag auf die Zügel und rumpelte weiter zu der nächsten Kneipe. Der junge Mann fing an, die Fässer ins Strawberry zu rollen, und ich tat es ihm nach. Als wir sie an der Rückwand aufgestapelt hatten, bekam ich wie erhofft eine kleine Mahlzeit und einen Krug Bier für meine Mühe. Wir saßen am hintersten Tisch – Swottle war nicht da, ihn lernte ich erst später kennen – und Bessie stellte Hering, Schnittlauch und Bier auf den Tisch und fragte nach meinem Namen. John, antwortete ich nur. »Und das ist Mop«, sagte sie und tätschelte dem griechischen Gott übers Haar. »Er ist unser guter Junge.« Dann segelte sie mit geblähtem Spinnaker in den Hinterhof.
Mop schaute mich an und grinste. »Sie ist gut zu mir«, sagte er mit einer seltsam näselnden Stimme, und plötzlich verstand ich den Ausdruck seiner Augen. Er war ein fünfjähriges Kind in dem muskulösen Körper eines erwachsenen Mannes. Ich wusste in diesem Moment nicht, wie ich mit ihm umgehen sollte, doch darüber hätte ich mir gar keine Gedanken machen müssen, denn Mop hatte ganz einfach Vertrauen zu mir gefasst und dabei blieb es. Ich habe nie erfahren, wie er ins Strawberry kam, ob er ein Verwandter oder möglicherweise sogar der Sohn des Ehepaars Swottle war – ihr Alter war kaum zu bestimmen, allerdings sah er keinem von beiden ähnlich. Vielleicht war er ja genauso wie ich, durch einen Zufall, aufgetaucht und hängen geblieben.
»Sie lässt mich das machen«, erklärte Mop.
»Was machen?«
»Mit dem Stöckchen.« Er nickte vielsagend mit dem Kopf. »Und wenn ich das mit einer anderen Frau mache, dann schneidet sie mir das Stöckchen mit einem Messer ab.«
Beinahe hätte ich mich am Hering verschluckt. Ich spülte mit einem Schluck dünnem, lauwarmem Ale nach.
»Und woher weiß sie, ob du’s mit einer anderen Frau machst?«, wollte ich wissen, als ich mich geräuspert hatte.
Mop lehnte sich mit kugelrunden Augen über den Tisch. »Sie hat’s mir erzählt. Sie kann es hinter ihrem Silberlöffel sehen.«
»Ihrem Silberlöffel?«
»Sie hat so einen«, sagte er mit geflüsterten Nachdruck, als würde das alles erklären.
The Strawberry wurde in diesen Monaten zu meiner Freistatt. Wenn ich ein bisschen Geld verdient hatte, konnte ich bezahlen, was ich trank, manchmal sogar meine Schulden; und wenn ich kein Geld hatte, bekam ich bei Mutter Swottle Kredit, half ein wenig beim Schleppen der Bierfässer oder hackte Brennholz. Fand ich keinen anderen Ort zum Schlafen, durfte ich in einem kleinen dreieckigen Verschlag unter dem Dach übernachten, direkt am Schornstein. War der Kamin richtig angefeuert, wurde es manchmal erstickend heiß – es war allerdings besser, als zu frieren –, und bisweilen musste ich die dreckigen Säcke auf dem Boden mit einem anderen notleidenden Freund des Hauses teilen. Aber ich kam niemals vergebens dorthin.
So gut wie jeden Tag begab ich mich auf die Suche nach Arbeit. Die wenigen Pence, die ich in die Stadt mitgebracht hatte, reichten nicht lang, nur hatte ich nichts anderes anzubieten als meine Muskeln. Ich fragte Priester und ich fragte Diener, ob ihre Herrschaften nicht einen des Schreibens und Lesens kundigen Mann benötigten, aber ich hatte kein Glück. Ich beherrschte kein Handwerk, ich konnte nicht reiten, nicht einmal Pferde versorgen, ich fühlte mich wie ein vollkommen überflüssiges Produkt meines eigenen Jahrhunderts. Ich bekam eine Chance als Aushilfe in der Küche der venezianischen Botschaft, die plötzlich Leute brauchten, aber nach ein paar Stunden wurde ich gefeuert, weil ich die anderen Küchenhilfen behinderte und anrempelte. Die Arbeitsgänge in dem dunklen Raum mit der offenen Feuerstelle waren für mich einfach nicht durchschaubar. Einen Tag oder vielleicht auch mal eine ganze Woche hatte ich das Glück, Schiffe entladen zu dürfen, auf einem Bauplatz Steine oder Bretter zu einem Lager zu transportieren, Kornsäcke zu schleppen oder aus einem Weinkeller Fässer über eine Holzrampe zu rollen – es war harte und schlecht bezahlte Arbeit, die zusätzlich dadurch erschwert wurde, dass es überall Gilden, Zünfte, Vereinigungen und Cliquen zu geben schien, die Fremde von allem fernhielten, was nach einer festen Anstellung aussah. Die Buchhändler rund um St. Paul’s schauten misstrauisch auf meine dreckigen und aufgerissenen Hände, wenn ich sie fragte, ob sie einen Assistenten benötigten. Die Bootsmänner auf der Themse, die Passagiere hin- und herruderten, hatten in ihrer Verwandtschaft genügend eigene Leute. Sogar die Bettler achteten eifersüchtig auf ihre Plätze. Als ich ein einziges Mal aus Verzweiflung versuchte, mich an eine Hausmauer zu setzen und bettelnd die Hand auszustrecken, wurde ich von einem Invaliden, der neben mir hockte und plötzlich überraschend gesund und rüstig schien, regelrecht aus dem Weg getreten.
Die Stadt stank. Nach Pisse und Scheiße, nach Kohlenqualm und Brennholzmief, nach vergammeltem Abfall und Pferdeäpfeln. Das Pflaster war selten ganz trocken, nicht einmal, wenn die Sonne schien, denn Abwässer und undefinierbarer Dreck flossen in den Rinnsteinen und verteilten sich über die runden Rücken der Straßen – wenn das holprige Pflaster nicht ohnehin planlos eingesunken war und sich überall Pfützen und schlüpfrige Drecklachen bildeten. Wagen und Kutschen rollten vorüber, dazwischen zwängten sich Reiter: mal eine Standesperson zu Pferde, dann wieder ein reitender Bote. Fußgänger hielten sich meist an den Straßenrändern auf, bisweilen liefen sie in diesem chaotischen Verkehr aber auch quer über die Straße. Ich lernte die Straßen ziemlich gut kennen, denn ich durchstreifte sie beinahe täglich. Von anderen Tagelöhnern, die ich in den Docks oder auf den Bauplätzen traf, hörte ich Gerüchte, wo möglicherweise neue Arbeit zu finden war; und oft gingen wir mehrere Meilen, nur um herauszufinden, ob es stimmte.
Das größte Angebot gab es am Nordufer der Themse. Auf der Südseite hatte man noch nicht sonderlich viel gebaut, dort musste man nicht sehr weit laufen, bis man auf offene Felder mit grasenden Kühen stieß. Dennoch ging ich häufig auf die Südseite, nicht nur, weil The Strawberry dort lag, sondern auch, weil die Brücke einfach nicht aufhörte, mich zu faszinieren. Die einzige Brücke über den Fluss, London Bridge, mit ihren zwanzig Steinbögen, den massigen Strompfeilern und diesen unglaublichen Häusern, die man auf der eigentlichen Brücke gebaut hat – mit Anbauten und Lokushäuschen, die über dem Wasser hingen. Wenn man die Brücke überquerte, war es beinahe so, als ginge man durch eine Straße oder eine lang gezogene Torwölbung, denn vielfach waren die Häuser an den Giebeln zusammengebaut. Es gab nur wenige Stellen mit freier Sicht auf die Themse und in der Mitte hatte die Brücke eine Zugbrücke, damit größere Schiffe passieren konnten. Händler hatten kleine Buden aufgebaut, die Leute traten aus den Türen der Häuser direkt auf die Fahrbahn, und auf ein paar Stangen am Torgebäude des südlichen Endes der Brücke hatte man die Furcht einflößenden, geteerten Köpfe von enthaupteten Staatsfeinden gespießt.
Es kam vor, dass in Southwark Handlangerarbeiten gebraucht wurden. Einmal lud ich auf einem leeren Grundstück in der St. Tooley Street Bauholz ab, da ein Kaufmann sich dort ein dreigeschossiges Haus bauen wollte. Einige der Hölzer waren gebraucht, darunter einige schwere Eichenholzbalken, die rot bemalt und mit gelben Verzierungen versehen waren. Ich fragte den Zimmermeister, der neben mir stand, woher das Holz käme. Seine Gesellen nannten ihn heimlich »Beerless«, weil er nur Wasser trank und sich damit brüstete, dass ein hochgestellter Kunde ihn einmal den beispiellosen Baumeister genannt hatte, the peerless builder.
»Das da?«, fragte er. »Das ist vom Globe, diesem gottlosen Ort. Es wurde vor drei Jahren abgerissen, der Herr sei gepriesen. Aber das Holz ist noch gut.«
The Globe, Shakespeares Theater. Ich legte die Hand auf einen der roten Balken und dachte daran, was sie wohl erzählen würden, wenn sie reden könnten. Eine Ohrfeige des bier- und beispiellosen Baumeisters brachte mich allerdings rasch auf andere Gedanken. »Träumst du, du Köter!«, brüllte er. »An die Arbeit!«
Demütigungen. Kälte. Läuse. Häufig ein knurrender Magen. Erbärmliche Unterkünfte, aus denen ich mich einige Male nachts fortschleichen musste, weil ich sie nicht bezahlen konnte – der Dachboden im Strawberry war lediglich ein Nothafen, das hatte Mutter Swottle mir klar zu verstehen gegeben. Flöhe, die in meine Kleider zogen und dort ausharrten, selbst wenn ich meine Wäsche auf einem Hof in eiskaltem Wasser wusch und vor einem qualmenden Kamin trocknete, so dass ich am nächsten Tag roch wie ein Brandherd.
An guten Tagen war das Leben indes auszuhalten und ich lauschte ebenso begehrlich wie die anderen Tagelöhner dem Strom von Gerüchten und Neuigkeiten, von denen die Stadt die ganze Zeit schwirrte; nach und nach hatte ich mir ein Bild von der politischen Situation gemacht, die mir anfangs vollkommen unklar erschienen war. Das Parlament hatte die Macht, aber das Heer war nicht dessen gehorsames Werkzeug. König Karl, der den Kampf gegen das Parlament verloren hatte, hatte man in Hampton Court regelrecht gefangen gesetzt. Seine Anhänger organisierten sich im Westen – und auf dem Kontinent, wohin viele von ihnen geflüchtet waren. Der Bürgerkrieg war vorbei, doch manch einer war der Ansicht, dass er wieder aufflammen werde, wenn die Schotten ein Heer ausheben und gegen England marschieren würden. Und je größer die Bedrohung durch einen Krieg wurde und je länger das Parlament sich Zeit ließ, den unzufriedenen Soldaten ihren Sold zu zahlen, auf den sie seit Monaten warteten, desto größer war das Risiko, dass die militärischen Anführer die Macht in die eigenen Hände nahmen.
Im November überschlugen sich die Gerüchte, dass der König auf die Isle of Wight entkommen sei. Bald darauf wurde mehr bekannt: Seine Majestät war tatsächlich geflohen, aber der Kommandant der Burg Carisbrooke, die ihn hätte beherbergen sollen, hatte sich dem Parlament gegenüber als loyal erwiesen und den König verhaftet. Nun saß er dort. Einige amüsierten sich, andere bedauerten ihn, es gab sogar ein wenig Geschrei in den Straßen; aber das war nichts gegen die wütenden Unruhen, die am 25. Dezember in London begannen, weil das Parlament sämtliche traditionellen Weihnachtsscherze verboten hatte. Revolution oder nicht, gefeiert werden musste.
Meine beste Gerüchtebörse war und blieb jedoch der hinterste Tisch im Strawberry unter Swottles Nebelbänken aus Tabakrauch. Dort hörte ich auch eine Geschichte, bei der ich wirklich die Ohren spitzte. Ein Schreiber erzählte, dass man im Sommer bei Yarmouth einen Meermann aufgefischt hätte, der auf einem Kriegsschiff nach London gebracht worden sei. Vom Meeresgrund hätte er ein Wundermittel mitgebracht, das jegliche Schmerzen heilte, daher wurde er nun von Adligen, Geistlichen und den höchsten Führern von Heer und Parlament empfangen.
Der Meermann bin ich, dachte ich, und der Rest ist pure Erfindung. Es sollte mich lehren, nicht auf Gerüchte zu hören. So dachte ich damals.
Den Winter zu überstehen, war hart. Es schneite selten, aber es war fast schlimmer, wenn der schwere, kalte Regen meine Sachen durchweichte. Meine Strümpfe waren längst fadenscheinig und Pastor Strongworths Schuhe hielten sich kaum noch an meinen Füßen. Manchmal musste ich mir die Füße eine halbe Stunde und länger massieren, wenn ich unterwegs gewesen war.
Vielleicht ließ ich mich deshalb eines Abend von einem der Stammgäste im Strawberry überreden, ihm bei etwas zu helfen, das sich als widerwärtiger erwies, als ich gedacht hatte. Der Mann hatte einen schlechten Ruf, aber eine charmante Art. Er hieß Waring. Er kam zu mir, als ich einen Augenblick allein an meinem Tisch saß, und setzte sich mir gegenüber. Dann wies er mit den Augen auf einen Mann in einem Lederkoller und großen Stiefeln, der mit dem Rücken zu uns an einem anderen Tisch saß und seinen breiten Filzhut auf die Bank gelegt hatte. »Der da«, sagte Waring, »ist Leutnant und schuldet mir Geld, aber er will nicht bezahlen. Wenn du ihn hier rauslocken kannst, sobald ich gegangen bin, dann werde ich ihn draußen ein bisschen erschrecken. Sag ihm, was du willst, Hauptsache, du kommst mit ihm raus und dann rechts die Straße runter. Du bekommst fünf Schilling dafür.«
Fünf Schilling waren für mich der Lohn mehrerer Tage und ich schlug ein. Waring stahl sich hinaus, ohne dass der Leutnant ihn bemerkte, und ich setzte mich auf die Bank neben den Filzhut und hörte zunächst ein wenig zu. Der Leutnant erzählte von einer Wunde, die ihn bei schlechtem Wetter noch immer quälte, obwohl sie bereits seit langer Zeit verheilt sei. Das griff ich als Stichwort auf und begann, ihm von dem Meermann und seinem Wundermittel zu erzählen. »Ich weiß, wo er wohnt«, behauptete ich, »ich kenne ihn und kann ihn überreden, Euch etwas von seinem Elixier zu geben. Es ist ein wirklich mirakulöses Mittel, das kann ich beschwören.«
Der Leutnant hatte zunächst kein Interesse, doch dann biss er an. Wir standen auf und gingen hinaus, ich führte ihn nach rechts. Es war ziemlich dunkel und schon so spät, dass die Wirtshäuser ohnehin bald schlossen; ich sprach absichtlich laut, damit Waring uns kommen hörte.
Als wir an einer engen Gasse vorübergingen, sprang Waring plötzlich heraus und zog den Leutnant mit einem überrumpelnden Griff von hinten um den Hals mit sich. Ich hörte nur einige merkwürdig dumpfe Laute, eine Art Husten und das Geräusch eines Falls – und als ich mich umdrehte, sah ich den Leutnant in der Gasse auf dem Boden liegen; dunkles Blut strömte aus seinem durchgeschnittenen Hals. Waring hielt den zuckenden Körper fest, nahm ihm das Portemonnaie und den Degen ab und beugte sich dann über die Füße; er riss die Stiefel von dem sterbenden Mann und warf sie mir zu. »Nimm sie«, sagte er heiser, »du kannst sie gebrauchen, sie sind mehr wert als fünf Schilling.« Dann verschwand er am anderen Ende der Gasse.
Fassungslos blieb ich stehen, starr vor Schreck. Mitschuldig an einem Mord wegen eines Paars Stiefel – niemals würde ich die Füße hineinstecken können. Der Leutnant rührte sich nicht. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn, als ich strauchelnd in die entgegengesetzte Richtung davonstürzte, hinunter zum Fluss, zur Brücke, fort, fort, fort.
Waring zeigte sich in den nächsten Monaten nicht im Strawberry.
Als der Frühling kam, wurden die Tage natürlich länger und milder, aber der tägliche Kampf um die Arbeit noch schwieriger. Es hatte den Anschein, als ersticke die allgemeine Erwartung des Kriegs den größten Teil der Bautätigkeit und der Unternehmungslust bei den Leuten, die es sich leisten konnten, andere anzuheuern. Alle waren vorsichtig, wachsam und warteten ab. »Schlechte Zeiten«, war die Antwort, die ich nahezu überall zu hören bekam. Immer häufiger musste ich im Strawberry Zuflucht suchen. Mop freute sich jedes Mal, mich zu sehen, doch Mutter Swottle wurde zusehends unwilliger.
»John«, sagte sie eines Tages im April zu mir, »hier kannst du dich nicht länger herumtreiben, du wirst niemanden finden, der für dich bezahlt. Meld dich zum Heer, die bekommen bald wieder Geld, das Parlament kann auf sie nicht verzichten.«
»Meld dich lieber bei den Royalisten«, sagte Swottle mit einem bauernschlauen Gesichtsausdruck. »Der König kehrt bald zurück, dann ist es gut, auf seiner Seite zu stehen.«
»Das wird bei Gott nicht passieren!«, rief Bessie Swottle entrüstet. »Cromwell und Ireton sind viel zu stark für ihn, wart’s nur ab! Hast du nicht gerade gehört, wie sie die Lehrlinge und Lümmel abgewehrt haben, die Whitehall angreifen wollten? Sie haben die Reiterei geschickt. Zwei sind gestorben. Sie haben harte Fäuste, diese Herren. John, geh nach Whitehall und meld dich bei Oberst Barksteads Regiment, die haben Geld.«
»Ich kann nicht reiten.«
»Oberst Barksteads Regiment ist eine Infanterieeinheit, du Blödmann!«
Der Gedanke war neu für mich. Ich hatte keine Lust. Aber andererseits wusste ich nicht, wie ich mich weiterhin auf diese Weise durchschlagen sollte. Ich wusste, dass die Königstreuen schließlich den Sieg davontragen würden, doch bis dahin verging noch einige Zeit. Und das Parlamentsheer warb derzeit Leute an und hatte außerdem die Macht in London. Ich ging im Viertel spazieren und dachte nach. Ich hatte keinen besonderen Grund, eine Seite der anderen vorzuziehen, es ging darum, sich durchzulavieren und etwas zu finden, um seinen Lebensunterhalt zu sichern; außerdem vertraute ich Mutter Swottles politischem Instinkt mehr als dem ihres Mannes. Eine halbe Stunde ging ich immer wieder an denselben Fachwerkhäusern und stinkenden Toreinfahrten auf und ab, dann hatte ich einen Entschluss gefasst.
Vom Dachboden des Strawberry holte ich meinen kleinen Beutel mit der wenigen zusätzlichen Kleidung, die ich mir trotz allem beschafft hatte, und stieg die steile Treppe wieder hinunter. In der Schankstube sah ich, dass Mop wie ein gehorsamer Hund mit schräggelegtem Kopf dasaß, während Mutter Swottle prüfend auf die Rückseite eines blanken Silberlöffels starrte. Sie schaute mich an und hatte offensichtlich bemerkt, wie sehr mich dieser Anblick amüsierte, denn sie brach in ihr gellendes Jungmädchenlachen aus. Sämtliche Gäste des Wirtshauses lachten mit, ohne zu wissen warum.
Ich überquerte die Brücke und ging nach Westen, dann setzte ich meinen Weg über St. Paul’s und Ludgate Hill fort und lief an den großen Häusern und Gärten an The Strand und dem Kreuzmonument von Charing vorbei, bis ich Whitehall erreichte. Und die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, dass dies meine bisher wichtigste Wanderung durch London war.
In einem der labyrinthischen Seitengebäude des Palastes gab mir ein Regimentsschreiber den Bescheid, am nächsten Morgen wiederzukommen. Leicht fröstelnd schlief ich unter einem Busch in der Nähe.
Am Morgen trat ich zusammen mit einigen weiteren potenziellen Rekruten vor einen Offizier. Er taxierte mich mit den Augen und fragte: »Was kannst du?«
»Nichts«, antwortete ich.
»Wir schätzen ehrliche Soldaten«, erklärte er sarkastisch und reichte mir eine fünf Meter lange Lanze, die ich unbeholfen in die Hand nahm. »Beide Hände«, befahl er. Dann trat er einen Schritt zurück, als ob er mich beurteilen wollte – und mit einer so raschen Bewegung, dass ich sie gerade noch registrieren konnte, zog er sein Schwert und holte aus. Als ich die Klinge aufblitzen sah, parierte ich instinktiv mit der Lanze und ging in die Knie.
»Du kannst etwas«, sagte der Offizier.
Als der Schreiber kurz darauf nach meinem Namen fragte, gab ich ihm dieselbe Erklärung, die ich die ganze Zeit in London benutzt hatte: Dass ich aus Norwegen käme und John Gammeldags hieße.
John Gambledays of Norway, hielt der Schreiber sorgfältig auf seinem Papier fest. Ich war rekrutiert.
10
Wieso ich nicht nach Dänemark zurückgegangen bin, wollte Thurloe heute wissen.
Dänemark im siebzehnten Jahrhundert wäre mir ebenso fremd gewesen wie England, antwortete ich. Und schwieg.
Es war doch richtig. Ich hatte es mir oft überlegt: Wie würde es sein, in einem Kopenhagen anzukommen, in dem kein einziger der bekannten Türme aufragte, in dem keine Øresundbrücke und keine Windkraftanlagen im Meer mit kraftvollen Akzenten das Bild bestimmten; eine kleine Stadt innerhalb einiger Wälle, die ich nie gesehen habe; eine Stadt, in der die Menschen wahrscheinlich ein Dänisch sprachen, das ebenso seltsam klang wie das Englische in den ersten Monaten hier. Es war ja nicht ausgeschlossen, dass ich auf einem Schiff hätte anheuern können, das nach Dänemark segelte, aber wäre es tatsächlich dazu gekommen, wäre es keine Heimkehr gewesen, sondern nur eine Reihe neuer Rätsel, denen ich mich ausgesetzt hätte.
Doch das war nur die rationale Seite. Beinahe von Anfang an hatte es aber noch etwas anderes gegeben, eine Art erdrückende Gewissheit, dass irgendetwas mich hierher versetzt hatte und ich nichts daran zu ändern vermochte. Jedes Mal, wenn ich versuchte, mir zu überlegen, wie ich dieses England verlassen könnte, stieß ich auf diese Gewissheit wie auf eine Mauer – keine schmerzhafte Mauer, eher eine schützende und beruhigende Mauer. Ich kann es noch immer nicht erklären. Ich habe nie an höhere Mächte geglaubt und glaube noch immer nicht daran, aber es erschien mir unstrittig, dass ich hierzubleiben hatte, daran gab es nichts zu diskutieren.
Hatte es etwas mit Christine zu tun? Ich vermisste sie noch immer, manchmal sehr heftig, und noch heute ertappe ich mich dabei, dass ich ein Echo der damaligen Sehnsucht verspüre. Und doch war unsere Beziehung auf eine eigenartige Weise auf null gestellt worden. Es war kein Bruch, es war eine Zurücknahme, es war etwas passiert, was eigentlich niemals geschieht: Dass das Geschehene ungeschehen gemacht wird. Je mehr ich in meiner neuen Umgebung meinen Platz fand, desto mehr kam es mir vor, als hätte sie ihr Leben nicht weitergelebt, während ich meines fortsetzte; es war, als wäre sie annulliert, als wären sie und ich uns niemals begegnet, als wären wir noch nicht geboren, als würden wir es vielleicht auch nie. Unsere gemeinsamen Erlebnisse, gute wie schlechte, waren eine Geschichte, die ich mit mir herumtrug, keine Erinnerungen an etwas, das wirklich stattgefunden hatte. Bis dahin und nicht weiter konnte ich in meinen Gedanken gehen; wenn ich mich weiter vorwagte, wurde mir schwindlig und übel, so wie jetzt.
Das Brot und das kalte Fleisch auf meinem Zinnteller erinnern mich daran, dass Thurloe heute beinahe zur gleichen Zeit erschien, als mir das Mittagessen hereingestellt wurde. Jetzt habe ich keinen Appetit.
Zum ersten Mal wagte ich ihn zu fragen, wie lang es dauern wird, bis über meinen Fall entschieden ist.
»Das liegt nicht in meinen Händen«, antwortete er lakonisch.
»Nun ja, aber was glaubt Ihr?«
»Ich weiß es, wenn ich es erfahre.«
»Kommt Ihr morgen wieder?«, fragte ich und meine Stimme brach und verriet, wie sehr ich seine Besuche gleichermaßen wünsche wie fürchte.
Es entging seiner Aufmerksamkeit nicht. Vor Überraschung hoben sich seine Augenbrauen ein wenig. Ein kurzer, prüfender Blick, dann antwortete er: »Ja. Ich verspreche es.«
Fühlte ich mich getröstet oder bedroht? Es ist nahezu unmöglich, es zu unterscheiden …
11
Ich wurde mit dem Notwendigsten für einen pikeman ausgestattet: eine Lanze, ein klobiges Schwert mit Scheide, Hosen, Strümpfe, Hemden, Schuhe, eine rote Uniformjacke mit blauen Ärmelaufschlägen, ein unförmiger Rucksack aus grobem Stoff und ein Brust- und Rückenpanzer aus Eisen, der ziemlich schwer war und auf der Vorderseite die unübersehbare Beule einer Musketenkugel aufwies. Ich befühlte die Beule mit den Fingern. »Der ist wohl schon mal benutzt worden«, sagte ich zu dem Soldaten, der die Ausrüstung aus dem Depot des Regiments ausgab. Er lachte. »Der ist ganz neu«, erwiderte er, »das ist das Prüfsiegel.« Ich sah ihn verständnislos an. »Sobald so ein Panzer fertig ist, wird eine Kugel darauf abgefeuert«, erklärte er mir. »So kann man sehen, ob er hält.« Er nahm mir den Panzer ab und fuhr mit dem Finger über den kleinen Kegel, den die Kugel auf der Innenseite hinterlassen hatte. »Glatt«, sagte er. »Er hat gehalten. Du hast Glück!«
Helme gäbe es im Augenblick nicht, ich würde später einen bekommen, sagte der Soldat und bediente den nächsten Rekruten. Ein Schreiber saß an einem kleinen Tisch und notierte alles, was mir ausgehändigt wurde.
Nun war ich ausgerüstet und verschuldet. Die gesamte Ausrüstung, mit Ausnahme der Waffen, wurde mit meinem Lohn verrechnet, und selbst mit den acht Pence am Tag, die besser waren als viele meiner früheren Jobs, würde es lange dauern, bis ich alles abbezahlt hätte. Aber ich hatte sichere Kost und Logis in einem Bürgerhaus in der St. Martin’s Lane, in dem die Herrschaft und die Angestellten widerwillig zusammengerückt waren, um sechs einquartierte Soldaten unterzubringen und zu bedienen. Drei von uns waren Rekruten und drei Mitglieder von Oberst Barksteads Regiment, die sich schon länger in der Ausbildung befanden. Niemand von uns hatte bisher einen richtigen Kampf erlebt.
Jeden Tag hatten ich und die beiden anderen Rekruten auf einem Exerzierplatz am St. James’ Palace zu erscheinen. Wir waren ungefähr dreißig Mann, die wieder und wieder die gleichen Übungen mit den gleichen Kommandos durchhecheln mussten. Wir marschierten mit den Lanzen, wir schwenkten nach rechts und nach links mit den Lanzen, wir stellten uns mit den Lanzen in Reih und Glied auf, wir fällten die Lanzen, wir hoben die Lanzen, wir griffen an mit den Lanzen, wir blieben mit gefällten Lanzen stehen, wir blieben mit erhobenen Lanzen stehen, wir zogen uns mit gefällten Lanzen zurück (und gingen dabei rückwärts), wir zogen uns mit erhobenen Lanzen zurück (alle Mann kehrt marsch und nach dem Kommando »Halt!« wieder umdrehen, so dass die ursprüngliche Formation wieder gebildet wurde), wir wechselten die Lanzen in die linke Hand, gestützt gegen den rechten Fuß, zogen das Schwert und steckten es wieder in die Scheide. Wieder. Wieder. Wieder. »March! Halt! Charge!«, brüllte der Korporal mit einer Stimme wie ein verbeultes Nebelhorn, und der Trommler polterte die entsprechenden Signale. Die Frühjahrssonne brannte inzwischen kräftig und an Tagen mit Sonnenschein lief uns der Schweiß in Strömen über die Gesichter, die grau von dem Staub waren, den wir auf dem Exerzierplatz aufwirbelten.
Meine Stiefel waren ganz neu und durch das ständige Vor- und Zurückmarschieren der ersten Tage scheuerte sich die Haut auf und ich hatte Blut in den Strümpfen, wenn ich nach Hause kam. Dennoch war ich über die Stiefel glücklich wie ein Kind. Sie hatten keine Löcher, sie waren solide und man musste sie nicht mit Segelgarn zusammenbinden oder den Matsch ausleeren wie bei den abgelegten und inzwischen vollkommen zerschlissenen Schuhen des Pastors.
Immer neue Gerüchte lieferten uns reichlich Redestoff. Die Schotten wollten ein Heer aufstellen und gegen England ziehen, hieß es. Die Royalisten revoltierten in Wales. Es gab Aufstände und Demonstrationen für den König und gegen das Parlament in Essex, Surrey und Kent. Cromwell führte eine größere Einheit nach Westen, um die Unruhen niederzuschlagen, während Fairfax in London blieb und sich darauf vorbereitete, in den umliegenden Grafschaften mit aller Härte zurückzuschlagen. Mitte Mai versuchte eine größere Gruppe Königstreuer aus Surrey, ins Unterhaus vorzudringen; die Wachposten wurden mit Wurfgeschossen eingedeckt und antworteten mit Musketenfeuer, bei dem zehn Menschen getötet und ungefähr hundert verletzt wurden, erzählten die drei Ausgebildeten am Tisch der St. Martin’s Lane. Sie sollten zusammen mit ihrer Abteilung in den Tower verlegt werden, um dort die Garnison zu verstärken. Und wenige Tage später wurden auch wir drei frischgebackenen Lanzenträger verlegt.
Die beiden anderen, James Jackson und John Wright, waren Handwerkersöhne aus London und meinten es ernst mit ihrem Militärdienst. Sie sprachen vom Heer als The Saints, den Heiligen, und verabscheuten unsere Gegner, die »Kavaliere« und ihren gottlosen Anhang. Sie wechselten sich bei den langen Tischgebeten ab, die sie vor unseren gemeinsamen Mahlzeiten sprachen, während wir anderen nur die Köpfe senkten und mehr oder weniger so taten, als würden wir beten. In Größe und Breite glichen sie sich durchaus, beide waren schwere Männer mit breiten Gesichtern. John Wright habe ich vor nicht allzu langer Zeit in London wiedergetroffen, er sah aus wie immer, hatte nur etwas mehr Falten; und er erzählte, dass Jackson in der Schlacht bei Worcester gefallen war. Sonderlich unterhaltsam waren die beiden nicht, aber in den Monaten, in denen wir zusammen waren, erwiesen sie sich als zuverlässige Kameraden.
Zusammen mit einer Abteilung Rekruten aus einem anderen Regiment bekamen wir frisch Ausgebildeten von Barkstead den Befehl, als Verstärkung für Generalmajor Lambert nach Norden zu marschieren, um den Vorstoß des schottischen Heeres abzuwehren, sollte es zu einem Angriff kommen. Wir waren ein sonderbarer kleiner Haufen – siebzig, achtzig Männer, nicht einmal eine richtige Kompanie –, der sich auf gewundenen Landstraßen bewegte. Unsere Ausrüstung wurde auf ein paar Karren transportiert und an der Spitze stand ein Fähnrich, der den Weg nicht kannte und sich in jedem zweiten Dorf erkundigen musste. Ich glaube nicht, dass es üblich gewesen ist, so kleine Gruppen über so weite Entfernungen zu schicken, aber vielleicht konnte London zu diesem Zeitpunkt nicht mehr entbehren, da so viele Soldaten in der Stadt gebraucht wurden oder mit Cromwell nach Westen geschickt worden waren.
Es dauerte annähernd drei Wochen, um bis Durhamshire zu marschieren, während des Marschs passierte nichts. Erst als wir Lamberts Hauptstreitkräfte erreichten, hörten wir, dass die Kavaliere die Burg Pontefract – oder Pomfret, wie der Fähnrich sie nannte –, einen Tag, nachdem wir daran vorbeigekommen waren, erobert hatten. Die Burg lag direkt an unserem Weg. Ich kann mich erinnern, dass wir an jenem Tag einen reitenden Boten sahen, der in nördlicher Richtung an uns vorbeigaloppierte – vielleicht hatte er Lambert die Botschaft gebracht. Wir erfuhren jedenfalls nichts und stapften einfach nur weiter, so wie es uns befohlen war. Hätten die Heere Funk oder Telefone gehabt, wären wir vielleicht zurückbeordert worden, um Pontefract zu belagern, dann wäre möglicherweise für mich alles anders gekommen …
Unterwegs waren die Tage eintönig. Wir marschierten, schlugen das Nachtlager auf oder quartierten uns bei Bauern oder auf parlamentstreuen Herrenhöfen ein, brachen morgens auf, marschierten und schlugen das Nachtlager auf – und so weiter. Wir lebten im Wesentlichen von Brot und Käse. Der Käse wurde auf den Wagen mitgeführt und hin und wieder aufgefüllt, das Brot wurde unterwegs requiriert, wir hatten es in unseren Rucksäcken selbst zu tragen. Wasser wurde ausgeteilt, und hin und wieder boten uns unsere Wirtsleute mehr oder weniger notgedrungen dünnes, saures Bier an; ansonsten musste jeder in den Wirtshäusern oder auf den Höfen selbst kaufen, was er sich leisten konnte. Einige der Saints waren sich auch nicht zu schade, denen, die uns beherbergten, ein Huhn oder einen geräucherten Schinken zu stehlen. Ich wäre bestimmt auch in Versuchung gekommen, wenn ich nicht meist mit James und John zusammen gewesen wäre, die immer höflich um diese Art außergewöhnlicher Ration baten. In der Regel konnten die Leute nicht ablehnen, wenn James und John mit gedämpfter Stimme fragten, ob sie nicht etwas für ein paar »christliche Soldaten« entbehren könnten – und obwohl ich bei diesen Gelegenheiten nie den Mund aufmachte, sondern sie einfach nur begleitete, teilten sie unserer alten Bekanntschaft halber stets mit mir.
Wenn wir noch Zeit hatten, sobald ein Nachtquartier gefunden war, exerzierte der Fähnrich etwas halbherzig mit uns und den Bauernjungen, die sich aus Neugierde hatten werben lassen und in den Kleidern, die sie nun einmal besaßen, mit uns zogen – man versprach ihnen eine bessere Ausrüstung, sobald wir das Hauptheer im Norden erreicht hätten. Jeden Sonntag wurden wir in die Kirche des Dorfes geschickt, dem wir am nächsten waren. Durch unsere Gruppe waren die ohnehin gut besuchten Kirchen so voll, dass sie in ihren Grundfesten erzitterten, aber der Kirchgang war obligatorisch und man rückte zusammen. Auf diese Weise hörte ich auf unserem Weg nach Norden drei verschiedene Dorfpastoren das Evangelium auslegen, einer weihevoller als der andere, und alle drei nahmen die Gelegenheit wahr, um ein paar Worte über den tapferen Kampf für den Glauben einzuflechten und uns zu Ehren einige kriegerische Stellen aus den Psalmen Davids zu zitieren. Die Heiligen lauschten andächtig, die weniger Heiligen nutzten die langen Predigten zu einem kleinen Schlummer. Wir saßen so dicht gedrängt auf den Bänken, Schulter an Schulter, dass man nicht vornüberfallen konnte, wenn man schlief.
Anfang Juni erreichten wir das Lager am Fluss Wear. Der Fähnrich lieferte uns mit sichtbaren Zeichen der Erleichterung bei einem der hochrangigeren Offiziere ab. Wir wurden von einem neuen Schreiber erfasst und Teil eines Regiments, das von Oberstleutnant Crackton befehligt wurde. Es befanden sich mehrere tausend Mann im Lager und der tägliche Drill wurde komplizierter, wir exerzierten zusammen mit der Reiterei und den Musketenschützen; aber sonst war es dasselbe. Brot und Käse. Exerzieren. Am Sonntag Ruhetag und Gottesdienst bei einem Feldprediger, der sich bei längst nicht allen Gehör verschaffen konnte.
Es wurde unglaublich viel Zeit verschwendet. Wir warteten auf die Rationen. Wir warteten darauf, zum Exerzieren abkommandiert zu werden. Wir warteten auf besseres Wetter, wenn es regnete. Wir warteten auf irgendetwas Unbestimmtes, das die gesamte Maschinerie ernsthaft in Gang setzen sollte. Einige Soldaten stürzten sich in lange Diskussionen über Gott und Politik, anderen war alles egal. Ich hörte den Diskussionen zu, aber viele der Namen, die durch die Luft flogen, waren mir unbekannt und ich wusste nicht, welche Haltung ich einnehmen sollte. Nur eines blieb hängen: die Levellers. Das war eine Gruppierung, von der ich bisher noch nicht gehört hatte – ihr Anführer hieß John Lilburne und saß offenbar im Tower im Gefängnis. Sie wollten eine weitaus radikalere Änderung der Gesellschaft durchsetzen als die führenden Puritaner – etwas mit totaler Religionsfreiheit, der Aufhebung sämtlicher Monopole und einer Verfassung, die auf dem allgemeinen Stimmrecht und nicht auf der Monarchie basierte.
»Ihr wollt doch nur den Reichen das Geld nehmen, um es an alle zu verteilen, und dann haben alle gleich wenig!«, rief ein aufgebrachter Musketenschütze einem anderen zu, der offenbar diese Fraktion unterstützte.
»Nein, wollen wir nicht!«, schrie der andere zurück. »Wir wollen Gerechtigkeit und gleiches Recht für alle. Was du da behauptest, ist einfach nicht wahr!«
Sie waren kurz davor, sich zu prügeln, doch einige besonnenere Soldaten gingen dazwischen. Ich entsinne mich an diese Episode, weil ich spürte, dass irgendeine grundlose Wut in mir aufstieg. Wir waren alle kribbelig und gereizt von der Wartezeit, hatten Angst vor den Kämpfen, die kommen würden, und waren nervös, weil sie noch nicht gekommen waren.
Sogar die Nächte waren enervierend. Man schlief nicht gut in den Zelten des Lagers, die nicht größer waren als das Campingzelt meiner Kindheit, aber fünf, sechs Mann mit Rucksäcken und weiterer Ausrüstung aufnehmen sollten. Hin und wieder schlich ich mich raus, um ein wenig Ruhe zu haben vor den strampelnden, furzenden oder sich unruhig herumwälzenden Zeltkameraden. Eigentlich durfte man das Lager nicht verlassen, aber es wurde nicht weiter kontrolliert; solange der Feind sich noch nicht gezeigt hatte, gingen die Wachen ihre Runden nur in großen Abständen. Die übrige Zeit unterhielten sie sich und schauten ins Lagerfeuer – mit dem Ergebnis, dass sie nichts erkennen konnten, wenn sie hin und wieder pflichtschuldig ihren Blick den dunklen Rändern des Lagers zuwandten.
Das Lager lag an der Südseite des Flusses und ein Stück entfernt ragten ein paar Felsen aus einem Gebüsch; dorthin konnte man sich ein wenig zurückziehen und die Einsamkeit genießen. In trockenen Nächten hielt ich mich im Schutz der Dunkelheit häufig dort auf, es kam nie jemand – mit einer einzigen Ausnahme.
Ich hatte ziemlich lange mit dem Rücken an einen schrägen Stein gelehnt zwischen den Büschen gesessen, als ich nicht weit entfernt Schritte hörte. Ich dachte, es wären die Wachen, die eventuell nach mir suchten, und zog den Kopf ein. Durch die Zweige sah ich, wie zwei Soldaten sich näherten. Meine Augen hatten sich inzwischen an das schwache Licht des Himmels und der fernen Lagerfeuer gewöhnt und ich sah, dass sie unbewaffnet waren. Sie kamen leise und vorsichtig auf das Gebüsch zu, bogen aber an der Stelle, an der ich rechts gegangen war, nach links, so dass sie mich nicht bemerkten. Allerdings waren sie ohnehin nur daran interessiert, eine Stelle zu finden, wo sie allein waren. Sobald sie sich auf die andere Seite des größten Buschs gelegt hatten, der mich verbarg – sie waren ungefähr drei oder vier Meter von mir entfernt –, begannen sie ein aufgeregt flüsterndes Gespräch mit vielen Umarmungen und Küssen. Ich hörte alles. »Oh, mein Willie.« »Oh, meine Annie.« »Ich bin so froh, dich gefunden zu haben.« »Wie hast du mich gefunden?« »Ich habe die Sachen meines Bruders gestohlen und mich als Mann verkleidet, und dann bin ich dir gefolgt.« »Oh, Annie.« »Aber du bist ständig weitergezogen, also ließ ich mich als Soldat werben, um dich zu finden.« »Ich habe dich so vermisst.« »Oh, Willie.« »Aber es waren so viele Wochen …« »Ja, aber nun kann ich mit einer Muskete so gut schießen wie ein Mann!« Gekicher. »Liebste Annie, du kannst in die Schlacht geschickt werden.« »Ich weiß, aber ich wollte dich nicht allein kämpfen lassen. Ich wollte mit.« »Ach Annie, du hättest nicht kommen sollen. Ich bin so froh, dass du gekommen bist. Aber du hättest nicht kommen sollen.« »Ich will nirgendwo anders sein. Küss mich.«
Heftige Geräusche. Das Rascheln von Kleidung. Unzweideutiges Beischlafkeuchen und Stöhnen. Leises freudiges Wimmern und Schnaufen. Oh Annie. Oh Willie.
Ich lag mäuschenstill und versuchte, ihre Gesichter zu erkennen, als sie aufstanden und sich anzogen. Aber das Licht war zu schwach, ich konnte lediglich erkennen, dass sie jung und bartlos waren – was ja bei einem von ihnen zu erwarten war. Als sie sich leise zurückschlichen, bemerkte ich, dass sie zwar ein wenig kleiner war als er, in ihrer Uniform aber überhaupt nichts Weibliches an sich hatte. Ich blickte ihnen nach, bis sie unbehelligt das Lager erreichten und zwischen den Zelten verschwanden. Ich erkannte sie nicht wieder, so dass ich nicht weiß, wie es ihnen ergangen ist – ob sie überlebten oder in dieser Schlacht oder einem späteren Gefecht umkamen. Jedes Mal, wenn ich an sie denke, wünsche ich mir, dass sie zusammengeblieben sind, lebendig oder tot.
In der ersten Juliwoche hieß es dann endlich, das schottische Heer sei unter dem Herzog von Hamilton über die Grenze nach England marschiert. Die Neuigkeit breitete sich in kürzester Zeit im ganzen Lager aus, die nervöse Erwartung stieg spürbar. Nun würden wir wohl aufbrechen! Doch erst am kommenden Tag wurden wir zu einer Truppenparade auf einer abschüssigen Graswiese in der Nähe des Flusses zusammengerufen, auf der Generalmajor Lambert zu seinem gesamten Heer sprach. Er saß auf seinem braunen Pferd, das hin und wieder mit dem Kopf nickte und ungeduldig mit einem Huf auf den Boden stampfte, und sprach laut und deutlich – ein überraschend junger und hübscher Mann, fand ich. Ich sah ihn hier zum ersten Mal, denn unser Regiment unterstand ihm nicht direkt und er war nicht oft im Lager gewesen.
Wir werden den Feind nicht Hals über Kopf verfolgen, rief Lambert von seinem Pferderücken, wir wollen uns die Zeit und den Ort für unser Engagement selbst aussuchen, aber wenn wir zuschlagen, dann werden wir den Feind zerschmettern, der gerade jetzt irgendwo an der Küste im Westen herumkriecht, um uns aus dem Weg zu gehen. Aber derjenige, der kriecht, ist leicht zu treffen, Gott ist mit uns, wir werden siegen – und noch Einiges in der Art. Es war eine ansteckende und aufrüttelnde Rede, obwohl sie im Grunde völlig inhaltsleer war. Nachdem Lambert, gefolgt von seinen Obersten, die Truppe inspiziert und hier und da ein paar aufmunternde Bemerkungen hatte fallen lassen, verließ er das Lager wieder und galoppierte mit einigen Offizieren und einer kleinen Reitereiabteilung auf die Straße nach Durham. Und die nächsten Tage bestanden wiederum nur aus Warterei.
Es verging eine weitere Woche, dann kehrte eine Reiterabteilung mit einem verwundeten Offizier und einem toten Dragoner auf einem Packpferd ins Lager zurück. Sie hatten gegen einen Aufklärungstrupp aus Hamiltons Heer gekämpft. Nun bekamen wir endlich den Befehl zum Abmarsch, doch zum großen Erstaunen der meisten führte Lambert uns nicht nach Westen, sondern nach Süden zum Barnard Castle. Es gab einen Veteranen in unserer Kompanie, einen Mann aus Yorkshire, der an der Schlacht von Marston Moor teilgenommen hatte und sehr lebhaft davon erzählen konnte; er sagte, während er mit einer schmalen vierseitigen Drucksache wedelte, einer Zeitung, die er zusammengefaltet in seiner Tasche mit sich trug: »Hier steht, dass Oliver die Stadt Pembroke eingenommen hat. Er hat sie ausgehungert! Und nun marschiert er nach Norden. Ich bin sicher, dass der Lambert-Junge uns nach Süden führt, um ihn zu treffen, dann sind wir doppelt so stark und viermal so schlau.«
Seine Vermutung sollte sich als richtig erweisen – und seine Erwartungen an Oliver Cromwells Schläue ebenfalls. Wir stießen bei Wetherby auf Cromwells Heer, noch weiter im Süden als vermutet; nun wären wir über achttausend Mann, hörte ich jemanden sagen. Und dann wandten wir uns nach Westen. Nach einem harten Dreitagesmarsch über Berge und mit Heidekraut bewachsene Hügel, zum Teil in strömendem Regen, folgten wir dem nördlichen Ufer eines Flusses und schlugen unser Lager auf den Feldern eines Herrenhofes auf. Dort begann Cromwell, seine Truppen auf den Angriff vorzubereiten. Ich sah ihn zum ersten Mal mit eigenen Augen, als er zusammen mit ein paar Offizieren und Ordonanzen auf einem kleinen, kräftig gebauten Pferd heranritt und bei unserem Abschnitt des Lagers stehen blieb, um Oberst Crackton Befehle zu erteilen.
Cromwell war schlicht gekleidet, mit einem braunen Umhang über dem Lederkoller; das einzige Stück Rüstung, das ich an ihm sah, war der Eisenkragen um seinen Hals. Auf dem Kopf trug er einen breitkrempigen Filzhut, den er abnahm, um das Regenwasser abzuschütten; das Haar klebte ihm an der Stirn, aber ich erkannte ihn an der großen rotgeäderten Nase und den scharfen, merkwürdig traurigen Augen, die im Widerspruch zu seinem zusammengekniffenen Mund standen. Es war seltsam, mit anzusehen, wie ein Porträt aus einem Geschichtsbuch den Mund öffnet und zu reden beginnt, und bestimmt habe ich mit offenem Mund dagestanden, vielleicht acht oder zehn Meter entfernt, aber nahe genug, um das meiste zu verstehen, was gesagt wurde. Crackton bekam den Befehl, die Hälfte seines Regiments, vier Kompanien, umgehend in Marsch zu setzen und an der Straße nach Preston in Stellung zu gehen, hinter den Vortrupps. »Nehmt Eure besten Männer«, sagte der General, »und positioniert den Rest eine halbe Meile dahinter.« Crackton erwiderte irgendetwas, dass er Zeit bräuchte, um sich bereit zu machen. Cromwell sah ihn an, bellte nur das Wort »March!«, setzte den Hut auf den Kopf und ritt weiter, ohne irgendeine Antwort abzuwarten. Crackton hatte es nun eilig.
Preston. Ich hatte den Namen der Stadt nie zuvor gehört. Dort waren wir also.
Pulsuz fraqment bitdi.