Kitabı oxu: «Macht»
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[2][3]Niklas Luhmann
Macht
4. Auflage
UVK Verlagsgesellschaft mbH · Konstanz mit UVK/Lucius · München
[4]Die Originalausgabe erschien 1975 im F. Enke Verlag, Stuttgart
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4. Auflage
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UTB-Band Nr. 2377
EPUB-ISBN 978-3-8463-3714-1
[5]Inhalt
Einführung
I. Macht als Kommunikationsmedium
II. Handlungsbezug
III. Code-Funktionen
IV. Macht und physische Gewalt
V. Lebenswelt und Technik
VI. Generalisierung von Einfluß
VII. Risiken der Macht
VIII. Gesellschaftliche Relevanz von Macht
IX. Organisierte Macht
Anmerkungen
Literatur
Sachregister
[6][7]Einführung
Es gibt zahlreiche, widerspruchsreiche Versuche, das Phänomen der Macht auf einen theoretisch und empirisch erfolgreichen Begriff zu bringen. Angesichts dieser Lage kann eine Theorie der Macht sich nicht mit einer beschreibenden Deutung, mit einer Wesensanalyse begnügen, die mehr oder weniger voraussetzt, was sie als Resultat herausholt. Auch Versuche, den Begriff an sich selbst zu analysieren und in seine verschiedenen Bedeutungen auseinanderzulegen, führen nicht weiter – es sei denn zu Vorsicht und schließlich zu Resignation. Man wird unter diesen Umständen nicht punktuell vorgehen können, je schon voraussetzend, was Macht ist, sondern muß allgemeinere Konzepte zu benutzen versuchen, die auch sonst Verwendung finden, die dem Transfer bereits bewährter Fragestellungen und Begriffsbildungen dienen, Vergleiche ermöglichen und Anschlußforschungen in anderen Sachbereichen vermitteln.
Sucht man nach Angeboten dieser Art, so findet man zunächst die Vorstellung, Macht sei ein Bewirken von Wirkungen gegen möglichen Widerstand, sozusagen Kausalität unter ungünstigen Umständen; sowie neuerdings tausch- und spieltheoretische Konzepte, die die kalkulatorische Seite eines immer noch kausal begriffenen, aber alternativenreichen Prozesses herausstellen1. Deren Analyse kann verschiedene Wege gehen.
Es bietet sich zunächst an, solche Begriffsbildungen immanent auf ihre Schlüssigkeit, auf Verifikationsmöglichkeiten, auf Messungsschwierigkeiten und schließlich auf ihre begrifflichen Voraussetzungen hin zu untersuchen2. Dieser Weg hat, bisher jedenfalls, eher in die Zersplitterung als zur Konsolidierung einer Machttheorie geführt. Das scheint die Folge einer voreiligen Theoretisierung eines Einzelphänomens zu sein. Man könnte sich ferner einer seit Durkheim bewährten soziologischen Fragetechnik bedienen, um Prämissen von lebensweltlich fungierenden, immer schon interpretierten und verstandenen Einrichtungen zu [8]durchleuchten. Man könnte fragen: wenn Macht ein Kausalprozeß sein soll, nach den nicht-ursächlichen Grundlagen der Kausalität; wenn Macht als Tausch kalkuliert sein soll, nach den nichtvertauschbaren Grundlagen des Tausches; wenn Macht ein Spiel unter Gegnern sein soll, nach den nicht-verspielbaren Grundlagen des Spiels. Diese Fragetechnik führt zurück auf die Gesellschaft als Bedingung der Möglichkeit von Macht. Sie sucht eine Machttheorie auf dem Umweg über eine Gesellschaftstheorie.
Dieser Umweg soll im folgenden beschritten werden. Wir fassen dabei eine bestimmte makrosoziologische Systemreferenz ins Auge, nämlich die des umfassenden Gesellschaftssystems, und fragen primär nach der Funktion von Machtbildungen auf dieser Ebene3. Das schließt es nicht aus, auch auf experimentelle sozialpsychologische Forschungen zurückzugreifen. Wir können aber zusätzlich Leistungen symbolischer Generalisierung voraussetzen, die nicht in einzelnen Interaktionen, sondern nur durch die Gesellschaft im ganzen erbracht werden können – zum Beispiel Rechtsbildung. Vor allem aber können wir uns bei dieser Ausrichtung der Analysen auf die Ebene des Gesellschaftssystems zu nutze machen – und das führt über die bloße Bezeichnung der Macht als Ausdruck oder als abhängige Variable des sozialen Faktums Gesellschaft hinaus –, daß die neuere Gesellschaftstheorie mit drei verschiedenartigen, aber integrierbaren Konzepten arbeitet, nämlich (1) mit einer Theorie der Systembildung und Systemdifferenzierung; (2) mit einer Theorie der Evolution; und (3) mit einer erst in Ansätzen sichtbaren Theorie symbolisch generalisierter Medien der Kommunikation. Die Gegenstände dieser Theorien sind auf der Ebene gesamtgesellschaftlicher Systembildung als interdependent zu sehen in der Weise, daß die gesellschaftliche Evolution zu größeren, komplexeren, stärker differenzierten Gesellschaftssystemen führt, die zur Überbrückung eines höheren Differenzierungsgrades höher generalisierte und zugleich spezialisierte Medien der Kommunikation ausbilden und die gesellschaftlich prominenten Teilsysteme diesen Medien zuordnen. Dieser Zusammenhang kann hier nicht als ganzer ausgearbeitet [9]werden. Wir stellen uns die Teilaufgabe zu klären, was es besagen könnte, wenn man Macht als symbolisch generalisiertes Medium der Kommunikation behandelt und Machtanalysen auf diese Weise in einen gesellschaftstheoretischen Zusammenhang einordnet.
[10][11]I. Macht als Kommunikationsmedium
Die Theorie der Kommunikationsmedien bietet als Grundlage der Machttheorie den Vorteil, die Möglichkeit eines Vergleichs der Macht mit andersartigen Kommunikationsmedien an Hand identisch gehaltener Fragestellungen zu eröffnen – eines Vergleichs zum Beispiel mit Wahrheit oder mit Geld. Diese Fragestellungen dienen also nicht nur der Klärung des Phänomens Macht, sondern zugleich einem breiter orientierten Vergleichsinteresse und dem Austausch theoretischer Anregungen aus verschiedenen Medienbereichen. Die Machttheorie zieht daraus neben solchen Anregungen den Nutzen eines Überblicks über Formen des Einflusses, die außerhalb eines eingegrenzten Konzepts der Macht behandelt werden. Das ermöglicht es, eine oft zu beobachtende Überfrachtung des Machtbegriffs mit Merkmalen eines sehr breit und unbestimmt gefaßten Einflußprozesses zu vermeiden4.
Um einzuleiten, sind daher einige kursorische Bemerkungen zur Theorie der Kommunikationsmedien erforderlich5.
1. In ihren aus dem 19. Jahrhundert überlieferten Hauptbestandsteilen ist die Gesellschaftstheorie einerseits Theorie der sozialen Differenzierung nach Schichtung und nach funktionalen Subsystemen und andererseits Theorie der sozio-kulturellen Evolution. Beide Ausgangspunkte haben sich verbunden in der These, daß die sozio-kulturelle Evolution auf zunehmende Differenzierung hinauslaufe. In diesem Bezugsrahmen blieben Fragen der Kommunikation und Fragen der Motivation zur Annahme und Befolgung von Kommunikationen unterbelichtet. Sie wurden teils als bloß psychologische Tatbestände gesehen und den Individuen zugerechnet, so daß man sie bei einer makrosoziologischen Betrachtungsweise übergehen konnte; teils wurden sie unter Sonderbegriffe wie Konsens, Legitimität, informale Organisation, Massenkommunikation und Ähnliches gebracht. Beide Problembehandlungen führten auf Konzepte geringeren Ranges und geringerer [12]Reichweite im Vergleich zu den Begriffen Differenzierung und Evolution. Fragen der Kommunikation und der Motivation waren so aus der Gesellschaftstheorie zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen, aber sie waren nicht ebenbürtig mit den Hauptbegriffen. Dagegen konnte man dann im Namen eines vermeintlich humanen Interesses auftreten und die verlorene Menschlichkeit einklagen, ohne damit mehr zu erreichen als einen nicht niveaugerecht artikulierten Proteste6.
Der Versuch, eine allgemeine Theorie symbolisch generalisierter Kommunikation zu formulieren und sie mit dem Konzept der Gesellschaftsdifferenzierung sowie mit Aussagen über Mechanismen und Phasen der sozio-kulturellen Evolution zu verknüpfen, zielt darauf ab, diesen Mangel zu beheben. Dabei soll ein Rückgriff auf das »Subjekt« im Sinne der Transzendentalphilosophie ebenso vermieden werden wie der Anspruch, das organisch-psychisch konkretisierte Individuum zu behandeln. Der eine Ausweg wäre zu abstrakt, der andere zu konkret für soziologische Theorie7. Statt dessen gehen wir von der Grundannahme aus, daß soziale Systeme sich überhaupt erst durch Kommunikation bilden, also immer schon voraussetzen, daß mehrfache Selektionsprozesse einander antizipativ oder reaktiv bestimmen. Erst aus den Notwendigkeiten selektiver Akkordierung entstehen soziale Systeme, so wie andererseits solche Notwendigkeiten erst in sozialen Systemen erfahren werden. Die Bedingungen der Möglichkeit dieses Zusammenhanges sind Resultat der Evolution und ändern sich mit ihr. So wie Evolution die zeitliche und Differenzierung die sachliche, artikuliert Kommunikation die soziale Sinnhaftigkeit des Gesellschaftssystems.
Kommunikation kommt nur zustande, wenn man die Selektivität einer Mitteilung verstehen und das heißt: zur Selektion eines eigenen Systemzustandes verwenden kann8. Das impliziert Kontingenz auf beiden Seiten, also auch Möglichkeiten der Ablehnung von kommunikativ übermittelten Selektionsofferten. Diese Möglichkeiten der Zurückweisung können als Möglichkeiten nicht eliminiert werden. Eine Rückkommunikation von Ablehnung [13]und die Thematisierung der Ablehnung in sozialen Systemen ist Konflikt. Alle sozialen Systeme sind potentiell Konflikte; nur das Ausmaß der Aktualisierung dieses Konfliktpotentials variiert mit dem Ausmaß der Systemdifferenzierung und mit der gesellschaftlichen Evolution.
Bei diesen Konstitutionsbedingungen kann die Wahl zwischen Ja und Nein nicht allein durch die Sprache gesteuert werden, denn diese gewährt ja gerade beide Möglichkeiten; noch kann sie dem Zufall überlassen bleiben. Es gibt deshalb in jeder Gesellschaft Zusatzeinrichtungen zur Sprache, die in erforderlichem Umfange die Übertragung von Selektionsleistungen sicherstellen. Der Bedarf dafür steigt und die Form dieser Einrichtungen ändert sich mit der Evolution des Gesellschaftssystems. In einfachen Gesellschaften wird diese Funktion im wesentlichen durch lebensweltlichgemeinsame »Realitätskonstruktionen« erfüllt, die den Kommunikationsprozessen als Selbstverständlichkeiten zu Grunde liegen9. Die Sprache dient in hohem Maße der Vergewisserung solcher Selbstverständlichkeiten, ihre Informations- und Negationspotentiale werden nicht ausgeschöpft10. Erst in fortgeschritteneren Gesellschaften entwickelt sich ein Bedarf für eine funktionale Differenzierung des Sprach-Codes im allgemeinen und besonderer symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien wie Macht oder Wahrheit, die speziell die Motivation zur Annahme von Selektionsofferten konditionieren und regulieren. Durch diese Differenzierung können Konflikts- und Konsenspotentiale in der Gesellschaft miteinander gesteigert werden. Die evolutionären Mechanismen der Variation und der Selektion brauchbarer, sozial erfolgreicher, übertragbarer Selektionen treten auseinander, und das beschleunigt die soziokulturelle Evolution, da jetzt aus mehr Möglichkeiten unter spezifischeren Gesichtspunkten gewählt werden kann.
Historischer Anlaß für die Entwicklung besonders symbolisierter Kommunikationsmedien scheint die Erfindung und Verbreitung der Schrift gewesen zu sein, die das Kommunikationspotential der Gesellschaft über die Interaktion unter Anwesenden hinaus [14]immens erweitert und es damit der Kontrolle durch konkrete Interaktionssysteme entzogen hatte11. Ohne Schrift läßt sich der Aufbau komplexer Machtketten in politisch-administrativen Bürokratien nicht durchführen, geschweige denn eine demokratische Kontrolle politischer Macht. Ostrazismus setzt Schrift voraus. Das Gleiche gilt für die diskursive Entwicklung und Fortschreibung komplexerer Wahrheitszusammenhänge12. Die Sortierfunktion eines logisch schematisierten Wahrheits-Codes wird erst benötigt, wenn schriftlich formuliertes Gedankengut vorliegt. Aber auch die moralische Generalisierung eines Sonder-Codes für Freundschaft/ Liebe (philía, amicitia) in der griechischen Polis ist eine Reaktion auf städtische Schriftkultur, eine Kompensation für eine nicht mehr vorauszusetzende Interaktionsdichte der Nahestehenden (philói). Erst recht ist diese Schriftabhängigkeit beim Geld-Code evident. Erst die Zweit-Codierung der Sprache durch Schrift löst den gesellschaftlichen Kommunikationsprozeß so stark aus den Bindungen an soziale Situationen und an Selbstverständlichkeiten heraus, daß für Motivation zur Annahme von Kommunikationen derartige Spezial-Codes geschaffen werden müssen, die zugleich auch konditionieren, was erfolgreich behauptet und beansprucht werden kann.
2. Unter Kommunikationsmedien soll nach all dem verstanden werden eine Zusatzeinrichtung zur Sprache, nämlich ein Code generalisierter Symbole, der die Übertragung von Selektionsleistungen steuert. Zusätzlich zur Sprache, die im Normalfall die intersubjektive Verständlichkeit, das heißt das Erkennen der Selektion des je anderen als Selektion gewährleistet, haben Kommunikationsmedien mithin auch eine Motivationsfunktion, indem sie die Annahme fremder Selektionsleistungen nahelegen und für den Normalfall erwartbar machen. Kommunikationsmedien können sich demnach immer dann bilden, wenn die Selektionsweise des einen Partners zugleich als Motivationsstruktur des anderen dient. Die Symbole dieses Zusammenhangs von Selektion und Motivation übernehmen dann die Funktion einer Vermittlung [15]und machen den Zusammenhang beider Seiten deutlich, so daß er als antizipierbarer Zusammenhang die Selektivität verstärken und zusätzlich motivieren kann.
Dieses Konzept hat eine Reihe von Voraussetzungen und Implikationen, die auch für die Machttheorie gelten und sie in eine bestimmte Richtung lenken.
Die erste und wichtigste Voraussetzung ist, daß mediengesteuerte Kommunikationsprozesse Partner verbinden, die beide eigene Selektionsleistungen vollziehen und dies vom jeweils anderen wissen13. Wir werden von Alter und Ego sprechen. Alle Kommunikationsmedien setzen soziale Situationen mit Wahlmöglichkeiten auf beiden Seiten, also Situationen mit doppelkontingenter Selektivität voraus. Genau das gibt ihnen ihre Funktion, Prozesse der Übertragung von Selektionen in ihrer Selektivität von Alter auf Ego zu steuern. Insofern ist das Ausgangsproblem bei allen symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien identisch; für Macht gilt insofern nichts anderes als für Liebe oder für Wahrheit. In jedem Falle bezieht sich die einflußnehmende Kommunikation auf einen Partner, der in seinen Selektionen dirigiert werden soll14.
Übertragung von Selektionsleistungen heißt demnach genau genommen: Reproduktion von Selektionsleistungen unter vereinfachten, von Ausgangskonstellationen abstrahierenden Bedingungen. Für diese Vereinfachung und Abstraktion braucht man Symbole, die den konkreten Anfang, den Ausgangskontext der Selektionskette, ersetzen. Dafür entwickeln Kommunikationsmedien symbolisch generalisierte Codes für gemeinsame Orientierung. Jede weitere Phase des Prozesses bleibt gleichwohl selbst Selektion. Kommunikationsmedien kombinieren mithin Gemeinsamkeit der Orientierungen und Nichtidentität der Selektionen. Auch Macht fungiert als Kommunikationsmedium nur unter dieser Grundbedingung15. Sie ordnet soziale Situationen mit doppelter Selektivität. Also muß die Selektivität von Alter und die von Ego unterschieden werden, denn in bezug auf sie stellen sich gerade im Falle der Macht ganz verschiedene Probleme.
[16]Eine fundamentale Voraussetzung aller Macht ist demnach, daß in bezug auf die Selektion des Machthabers Alter Unsicherheit besteht16. Alter verfügt, aus welchen Gründen immer, über mehr als eine Alternative. Er kann bei seinem Partner in bezug auf die Ausübung seiner Wahl Unsicherheit erzeugen und beseitigen. Diese Umleitung über Produktion und Reduktion von Unsicherheit ist Machtvoraussetzung schlechthin, ist Bedingung eines Spielraums für Generalisierung und Spezifikation eines besonderen Kommunikationsmediums – und nicht etwa eine besondere Machtquelle unter anderen.
Auch auf Seiten des machtbetroffenen Ego setzt Macht Offenheit für andere Möglichkeiten des Handelns voraus. Macht erbringt ihre Übertragungsleistung dadurch, daß sie die Selektion von Handlungen (oder Unterlassungen) angesichts anderer Möglichkeiten zu beeinflussen vermag. Sie ist größere Macht, wenn sie sich auch gegenüber attraktiven Alternativen des Handelns oder Unterlassens durchzusetzen vermag. Und sie ist steigerbar nur zusammen mit einer Steigerung der Freiheiten auf Seiten Machtunterworfener.
Macht ist daher zu unterscheiden von dem Zwang, etwas konkret genau Bestimmtes zu tun. Die Wahlmöglichkeiten des Gezwungenen werden auf Null reduziert. Im Grenzfall läuft Zwang auf Anwendung physischer Gewalt hinaus und damit auf Substitution eigenen Handelns für unerreichbares Handeln anderer17. Macht verliert ihre Funktion, doppelte Kontingenz zu überbrükken, in dem Maße, als sie sich dem Charakter von Zwang annähert. Zwang bedeutet Verzicht auf die Vorteile symbolischer Generalisierung und Verzicht darauf, die Selektivität des Partners zu steuern. In dem Maße, als Zwang ausgeübt wird – wir können für viele Fälle auch sagen: mangels Macht Zwang ausgeübt werden muß –, muß derjenige, der den Zwang ausübt, die Selektions- und Entscheidungslast selbst übernehmen; die Reduktion der Komplexität wird nicht verteilt, sondern geht auf ihn über. Ob dies sinnvoll ist, hängt davon ab, wie komplex und veränderlich die Situationen sind, in denen über Handeln entschieden werden muß.
[17]Nur in sehr einfachen Systemen ist die Anwendung von Zwang selbst zentralisierbar. Komplexere Systeme können nur die Entscheidungen (oder gar nur Entscheidungen über Entscheidungsprämissen von Entscheidungen) über die Anwendung von Zwang zentralisieren. Das bedeutet, daß sie Macht bilden müssen, um Zwang zu ermöglichen. Der von Max Weber eingeführte Begriff des »Erzwingungsstabes« bezeichnet diesen Sachverhalt.
Schon diese einfachen Ausgangsüberlegungen zeigen, daß eine genauere Bestimmung, Operationalisierung und Messung konkreter Machtbeziehungen ein außerordentlich kompliziertes Unterfangen wird. Es müßte auf beiden Seiten (bei Kettenbildung: für alle Beteiligte) ein mehrdimensionales Maß für die Komplexität der Möglichkeiten zu Grunde gelegt werden, aus denen sie ein Handeln auswählen können18. Die Macht des Machthabers ist größer, wenn er mehr und verschiedenartigere Entscheidungen zu machtmäßiger Durchsetzung auswählen kann; und sie ist außerdem größer, wenn er dies gegenüber einem Partner tun kann, der seinerseits mehr und verschiedenartigere Alternativen besitzt. Macht steigt mit Freiheiten auf beiden Seiten, steigt zum Beispiel in einer Gesellschaft in dem Maße, als sie Alternativen erzeugt.
Damit sind nicht nur wissenschaftliche und methodische Probleme bezeichnet19. Vielmehr folgt aus dieser Komplikation für die Gesellschaft selbst, daß sie Substitute für einen genauen Vergleich von Machtlagen entwickeln muß, und daß diese Substitute selbst zum Machtfaktor werden. Als Substitute dienen einmal Hierarchien, die eine asymmetrische Machtverteilung postulieren. Man nimmt an, daß ein Vorgesetzter mehr Macht hat als ein Untergebener (obwohl in bürokratischen Organisationen das Gegenteil normal sein dürfte)20. Ein anderes Substitut liegt in der Systemgeschichte: in Fällen erfolgreicher Durchsetzung in Konfliktslagen, die erinnert, normalisiert, als Erwartungen generalisiert werden. Mit dieser Funktion als Vergleichsgrundlage hängt die symbolische Brisanz von Statusfragen und von Einzelereignissen zusammen, die die wirkliche Machtlage zu deutlich beleuchten. Drittens liegen wichtige Substitutionsmöglichkeiten in vertragsartigen [18]Regelungen, mit denen ein übermächtiger Partner sich mit denen arrangiert, die sich zurückziehen oder illoyal sein könnten21. In all diesen Fällen wird der direkte kommunikative Rekurs auf Macht ersetzt durch Bezugnahme auf Symbole, die beide Seiten normativ verpflichten und zugleich dem unterstellten Machtgefälle Rechnung tragen.
Dies alles sind funktionale Äquivalente für Machtmessung und für Machttests als Entscheidungsvoraussetzungen in der gesellschaftlichen Realität. Die institutionelle Verankerung und Gebrauchsfähigkeit solcher Substitute macht exakte Feststellungen unnötig, ja sogar jeden Ansatz dazu problematisch. Dies hat zur Folge, daß die Wissenschaft, gelänge ihr eine Messung von Macht, die soziale Wirklichkeit verändern, nämlich Substitute zerstören, als falsche Annahmen entlarven würde. Eher liegt es allerdings im Bereich des Wahrscheinlichen, daß sie eigene Substitute für Machtmessung entwickeln wird, die in anderen Bereichen der Gesellschaft als lediglich wissenschaftliches Gedankengut behandelt werden.
3. Die Funktion eines Kommunikationsmediums liegt in der Übertragung reduzierter Komplexität. Die Selektion Alters schränkt dadurch, daß sie unter bestimmten, näher anzugebenden Bedingungen kommuniziert wird, die Selektionsmöglichkeiten Egos ein. Von allgemeinen Interferenzen und wechselseitigen Behinderungen – Alter hört Radio und Ego kann deshalb nicht einschlafen – heben Abhängigkeiten, die über Kommunikationsmedien laufen, sich dadurch ab, daß sie einen Prozeß der Kommunikation voraussetzen, der durch Symbole konditioniert werden kann. Sie sind dadurch kulturell formbar, evolutionär veränderbar und mit einer größeren Zahl von Systemzuständen kompatibel.
Auch im Falle von Macht interessiert primär diese Übertragung von Selektionsleistungen und nicht etwa das konkrete Bewirken bestimmter Wirkungen. Macht liegt keineswegs nur in dem Grenzfalle vor, in dem Alter das Handeln Egos konkret festlegt – ihn etwa bestimmt, eine angegebene Schraube so fest [19]wie möglich anzuziehen. Typischer ist es und ausreichend, Macht wie jedes andere Kommunikationsmedium als Beschränkung des Selektionsspielraums des Partners zu sehen22. Die theorieleitende Kausalvorstellung23 darf nicht negiert, sie muß aber abstrahiert werden; sie bezeichnet nicht eine invariante Verknüpfung konkreter Weltzustände – Machtäußerungen und Verhalten – und beschränkt die Wirksamkeit von Macht auch nicht auf den Fall, daß das Verhalten Egos ohne die machtgetragene Kommunikation Alters anders abgelaufen wäre24. Dabei würde nämlich zu Unrecht vorausgesetzt werden, daß ein fertiger Willensentschluß, der dann gebrochen wird, immer schon vorliegt (und empirisch feststellbar ist). Faktisch macht jedoch die Existenz eines Machtgefälles und einer antizipierbaren Machtentscheidung es für den Unterworfenen gerade sinnlos, überhaupt einen Willen zu bilden. Und gerade darin besteht die Funktion von Macht: Sie stellt mögliche Wirkungsketten sicher unabhängig vom Willen des machtunterworfenen Handelnden – ob er will oder nicht. Die Kausalität der Macht besteht in der Neutralisierung des Willens, nicht unbedingt in der Brechung des Willens des Unterworfenen. Sie betrifft diesen auch und gerade dann, wenn er gleichsinnig handeln wollte und dann erfährt: er muß ohnehin. Die Funktion der Macht liegt in der Regulierung von Kontingenz. Wie jeder andere Medien-Code bezieht sich auch der Macht-Code auf eine mögliche (!) – nicht notwendig auf eine wirkliche – Diskrepanz der Selektionsleistungen von Alter und Ego, indem er sie »egalisiert«.
Die Macht des Machthabers ist demnach als Ursache und selbst als potentielle Ursache nicht ausreichend beschrieben. Eher läßt sie sich mit der komplexen Funktion eines Katalysators vergleichen. Katalysatoren beschleunigen (bzw. verlangsamen) den Eintritt von Ereignissen; sie verändern, ohne sich selbst dabei zu ändern, die Eintrittsrate bzw. Wahrscheinlichkeit, die bei zufälligen Beziehungen zwischen System und Umwelt zu erwarten wäre. Sie produzieren letztlich also Zeitgewinn – einen für den Aufbau komplexer Systeme immer kritischen Faktor. Dabei sind sie, und das werden wir in Anlehnung an Kant auch mit dem Begriff des [20]Schematismus ausdrücken, allgemeiner als ihr jeweiliges Produkt; sie verändern sich in der Katalyse nicht oder nicht in gleichem Maße, wie der beschleunigte (bzw. verlangsamte) Prozeß Wirkungen erzeugt oder verhindert.
Wenn man sich bewußt bleibt, daß damit eine reale Struktur (und nicht nur: eine analytische Zusammenfassung) gemeint ist25, kann man somit formulieren, daß Macht eine Chance ist, die Wahrscheinlichkeit des Zustandekommens unwahrscheinlicher Selektionszusammenhänge zu steigern26. Realen Wahrscheinlichkeiten wohnt eine Tendenz zur Selbstverstärkung inne: Wenn man weiß, daß etwas wahrscheinlich ist, rechnet man lieber mit dem Eintritt als mit dem Nichteintritt des Ereignisses, und je höher die Relevanz, desto niedriger die Schwelle, die einen solchen Prozeß ins Rollen bringt. Das Entsprechende gilt aber, wie jeder Autofahrer weiß, auch für Unwahrscheinlichkeiten. Es bedarf also jeweils einer Vorentscheidung, ob ein ungewisses Ereignis für (sehr/ziemlich/wenig) wahrscheinlich oder für (wenig/ziemlich/sehr) unwahrscheinlich angesehen wird. Dabei können rein psychologische Gesetzmäßigkeiten eine Rolle spielen27. Darüber hinaus werden soziale Situationsdefinitionen einwirken und die Wahrnehmung des Wahrscheinlichen bzw. Unwahrscheinlichen beeinflussen. Und diese Situationsdefinitionen können ihrerseits durch symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien modalisiert sein.
Die katalytische Funktion der Macht beruht nach all dem ihrerseits bereits auf sehr komplexen Kausalzusammenhängen. Eben deshalb ist Macht nur als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium zu begreifen. Durch Abstraktion in Richtung auf symbolisch kontrollierte Selektionszusammenhänge wird zugleich erreicht, daß die Macht nicht als abhängig gesehen wird von einer unmittelbar handelnden Einwirkung des Machthabers auf den Machtunterworfenen28. Vorausgesetzt ist nur Kommunikation überhaupt, also daß der Machtunterworfene auf welchen Umwegen immer von der Selektivität (nicht nur von der Existenz!)29 vergangener oder künftiger Machthandlungen des Machthabers [21]erfährt. Es ist geradezu eine Funktion der Generalisierung des Kommunikationsmediums Macht, solche Umwege zu ermöglichen, ohne damit die Identifizierbarkeit des Macht-Code und der Kommunikationsthemen aufzuheben.
4. Für alle Kommunikationsmedien ist typisch, daß ihrer Ausdifferenzierung eine besondere Interaktionskonstellation und in deren Rahmen eine spezifische Problemstellung zu Grunde liegt. Kommunikationsmedien heben sich nur dort aus den Selbstverständlichkeiten gemeinsamer Lebensführung heraus, wo Einfluß kontingent und dadurch zunächst einmal eher unwahrscheinlich ist. Nur wenn und soweit Güter knapp sind, wird der handelnde Zugriff des einen zum Problem für andere, und diese Situation wird dann durch ein Kommunikationsmedium geregelt, das die Handlungsselektion des einen in das Miterleben anderer überführt und dort akzeptierbar macht30. Im Horizont von Knappheit wird Einfluß in einer ganz besonderen Weise prekär, so daß sich an Hand dieser Sondersituation ein spezifisch generalisiertes Kommunikationsmedium bilden kann, das die Übertragung reduzierter Komplexität für diesen Fall, aber nicht für andere ermöglicht. Nicht anders entsteht Wahrheit. Auch hier muß es im Rahmen allgemeiner lebensweltlicher Selbstverständlichkeiten und Glaubwürdigkeiten zunächst zu einer gewissen Unwahrscheinlichkeit der Information kommen, bevor Prüfkriterien in Funktion treten und ein besonderer Code sich herausbilden kann, der die Feststellung von Wahrheiten und Unwahrheiten reguliert. Wahrheit ist überwundener Zweifel. Ihr Auslöser kann die schlichte Enttäuschung kognitiver Erwartungen sein, aber auch ein verschärft abstrahiertes Auflösungsvermögen kognitiver Instrumente.
Auch zur Ausbildung des Kommunikationsmediums der Macht ist ein solcher focus, ein Durchgang durch gesteigerte Kontingenz erforderlich. Nicht jede Ausführung einer zugemuteten Handlung wird problematisch. Man läßt nicht fallen, was einem gegeben wird, sondern nimmt es an, hält es fest usw. Aber in Sonderfällen, wenn der Zumuter sich sozusagen aufs Zumuten [22]beschränkt und sein eigenes Handeln darauf spezialisiert, das Handeln anderer vorzuschreiben, trägt der konkrete Kontext die Selektionsübertragung nicht mehr. Mit der Kontingenz der Selektion steigt auch die Verlockung zur Negation. Dann kommt eine Übertragung von Selektionsleistungen nur noch unter besonderen Voraussetzungen zustande, und diese Voraussetzungen rekonstruiert und institutionalisiert der Macht-Code. Sie werden erst mit Hilfe eines symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums Grundlage zuverlässiger Erwartungen.
Es ist schwierig, diesen Problembezug in eine Definition einzufangen, die eindeutig angibt, was Macht ist und was sie nicht ist. Der Problembezug generiert jedoch Zusammenhänge, und diese lassen sich beschreiben. Man kann sagen: Je stärker Einfluß kontingent wird, indem er sich als ein Handeln zu erkennen gibt, das die eigene Selektivität darauf spezialisiert, fremdes Handeln auszulösen, desto weniger kann eine natürlich-situative Interessenkongruenz unterstellt werden, desto problematischer wird die Motivation und desto notwendiger wird ein Code, der die Bedingungen der Selektionsübertragung und die Zuschreibung der entsprechenden Motive regelt. Dieser von Interaktionskonstellationen ausgehende Ansatz kann dann in die Theorie gesellschaftlicher Evolution übernommen werden mit der These, daß bei zunehmender gesellschaftlicher Differenzierung Situationen häufiger werden, in denen trotz so hoher Kontingenz und Spezialisierung Selektionsübertragungen stattfinden müssen, wenn ein erreichtes Entwicklungsniveau gehalten werden soll. In wichtigen Funktionsbereichen stellt sich situative Interessenkongruenz nicht mehr häufig und nicht mehr spezialisiert genug ein, daß damit auszukommen wäre. Dann wird die Entwicklung eines problembezogenen Sonder-Codes für Macht zum Engpaß weiterer Evolution.
Auch diese Argumentation hat ihre Parallelen in anderen Medienbereichen und wird dadurch mitgestützt. Erst von einem gewissen Entwicklungsstande ab wird die tägliche Kommunikation so informationsreich, daß Wahrheit zum Problem wird. Erst von [23]einem gewissen Entwicklungsstande ab wird der Güterbestand so groß, daß es Sinn hat, ihn unter dem Gesichtspunkt der Knappheit für kontingenten Zugriff offen zu halten. Man könnte ferner sagen: Liebe wird als ein besonderer Kommunikations-Code erst nötig, wenn die Emotionen und Welt-Sichten anderer so stark individualisiert – und das heißt: kontingent geworden – sind, daß man ihrer nicht mehr sicher sein kann und deshalb nach Maßgabe kultureller Vorschriften selbst lieben muß. Und auch Kunst ist als Kommunikationsmedium abhängig von gesteigerter Kontingenz – nämlich von der Kontingenz offensichtlich hergestellter, aber vom konkreten lebensweltlichen Zweckkontext nicht mehr getragener Werke. Mit all dem sind spezialisierte Interaktionsproblematiken, nämlich Varianten des Problems der Selektionsübertragung, und zugleich evolutionäre Lagen des Gesellschaftssystems bezeichnet.
5. Die vielleicht wichtigste Veränderung gegenüber älteren Machttheorien liegt darin, daß die Theorie der Kommunikationsmedien das Phänomen Macht auf Grund einer Differenz von Code und Kommunikationsprozeß begreift und deshalb nicht in der Lage ist, Macht einem der Partner als Eigenschaft oder als Fähigkeit zuzuschreiben31. Macht »ist« eine codegesteuerte Kommunikation. Die Zurechnung der Macht auf den Machthaber wird in diesem Code geregelt mit weittragenden Folgen, was Verstärkung der Befolgungsmotive, Verantwortung, Institutionalisierbarkeit, Adressierung von Änderungswünschen usw. anlangt. Obwohl beide Seiten handeln, wird das, was geschieht, dem Machthaber allein zugerechnet32. Die wissenschaftliche Analyse darf sich durch die in ihrem Gegenstand selbst liegenden Zurechnungsregeln jedoch nicht irritieren lassen; solche Regelungen bewirken nicht, daß der Machthaber für das Zustandekommen von Macht wichtiger oder in irgend einem Sinne »ursächlicher« ist als der Machtunterworfene33. Zurechnungsregeln der Medien-Codes sind selbst noch ein möglicher Gegenstand wissenschaftlicher Analyse34. Man kann auch nach ihren Funktionen noch fragen. Dazu muß das analytische Instrumentarium von Vorentscheidungen über Zurechnungen [24]zunächst abstrahieren. Dieses Erfordernis liegt zugleich auf der Linie einer stärkeren Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems aus der Gesellschaft, in unserem Fall einer weitergehenden Differenzierung von Wissenschaft und Politik.
Die Unterscheidung von generalisiertem Code und selektivem Kommunikationsprozeß wird uns im Folgenden ständig begleiten. Die symbolische Generalisierung eines Code, nach dem Erwartungen gebildet werden können, ist Voraussetzung für die Ausdifferenzierung von Macht als eines spezialisierten Mediums, das auf bestimmte Problemkonstellationen bezogen werden kann, bestimmte Leistungen erbringt und bestimmten Bedingungen unterliegt. Im generalisierten Medien-Code liegen ferner die Ansatzpunkte für Steigerungsleistungen im Laufe der gesellschaftlichen Evolution. Unter diesen Gesichtspunkten ist Macht gesellschaftstheoretisch von Interesse. Damit soll nicht ausgeschlossen werden, daß Organisationstheorien oder Interaktionstheorien mit vereinfachten Konzepten der Macht arbeiten können, etwa mit solchen, die im Machtbegriff schon Statusdifferenzen oder ausreichende Informations und Kalkulationsmöglichkeiten voraussetzen. Im Rahmen derart verengter Prämissen wird man jedoch kein Urteil über die gesamtgesellschaftliche Tragweite von Macht gewinnen können.
6. In einer viel beachteten, umfangreichen Kritik des Werkes von Parsons und seiner Machttheorie insbesondere äußert Alvin Gouldner sein Erstaunen darüber, daß Parsons Macht durch ihre Behandlung als symbolisch generalisiertes Medium in so hohem Maße mit legitimer Macht, mit »establishment power« identifiziere und dies für den gesellschaftlichen Normalfall halte35. Diese Auffassung wird pauschal und in einzelnen ihrer Ausformulierungen als moralistisch, als intellektuell absurd, als utopistisch, als irreführend abgetan unter Hinweis auf die Brutalität und die Eigensüchtigkeit der Machthaber. Dies Erstaunen eines Soziologen müßte nun wiederum die Soziologen erstaunen; um so mehr, als es im Rahmen einer Soziologie der Soziologie formuliert wird. [25]Natürlich ist nicht zu bestreiten, daß die Soziologie sich für Phänomene des brutalen und eigensüchtigen Machtgebrauchs interessieren kann und sollte. Ein solches Interesse darf jedoch nicht zu einem in die Begriffe und Theorien eingebauten Vorurteil über die gesellschaftliche Realität auswachsen.
Es war gerade die Leistung der Parsons’schen Theorie, die Vorurteile der Soziologie als einer Krisen- und Oppositionswissenschaft durch eine relativ autonome (in sich selbst dann wieder kritisierbare) Begriffsarchitektonik zu ersetzen. Wie immer man über die Adäquität dieses Instrumentariums urteilt, man wird nicht bestreiten können, daß die Institutionalisierung durchsetzbarer legitimer Macht das Phänomen von größerer gesellschaftlicher Tragweite ist im Vergleich zu Brutalität und Eigensucht. Das Alltagsleben einer Gesellschaft ist in sehr viel stärkerem Maße durch Rekurs auf normalisierte Macht, namentlich auf Rechtsmacht, bestimmt, als durch brutalen und eigensüchtigen Machtgebrauch. Regional begrenzte Ausnahmefälle machen gerade diesen Sachverhalt deutlich36. Die Interferenz legitimer Gewalt ist größer; man kann sie nicht hinwegdenken, ohne daß fast das gesamte normale gesellschaftliche Leben gestört und transformiert würde. Brutalität und Eigensucht sind Vorkommnisse, die mit vielen gesellschaftlichen Zuständen kompatibel sind, so lange sie die Dominanz institutionalisierter Macht nicht untergraben. Natürlich rechtfertigt, wie man aus der Geschichte der Theodizeen und Wohlfahrtsrechnungen weiß, ein solches Argument keinen einzigen Akt der Brutalität, auch nicht ein Tolerieren oder In-Kauf-Nehmen. Aber ein solches Verrechnungsproblem stellt sich seinerseits erst sekundär – sowohl historisch als auch theoretisch. Es setzt voraus, daß ein binärer Schematismus schon eingeführt ist, der Soll und Haben, oder Recht und Unrecht oder konformes und abweichendes Verhalten differenziert.
Mit der Ausarbeitung einer Theorie der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien setzen wir dazu an, solche Kontroversen zu unterlaufen. Die Konstitutionsbedingungen einer Dichotomisierung von »herrschender Ordnung« und »Kritik« [26]gehen in die Theorie selbst ein. Sie behandelt derartige Disjunktionen als Elemente eines Kommunikations-Codes und fragt nach ihren genetischen Bedingungen, ihren Funktionen, ihren Folgen, ihren Komplementäreinrichtungen, ihren Entwicklungschancen. Auch eine solche Theorie läßt sich mit Gouldner dann wiederum als moralistisch und konservativ charakterisieren, wenn man unterstellt, daß sie die an ihrem Gegenstand entdeckten Merkmale bejaht; sie ist in dem Sinne konservativ, daß sie die Option bewahren und offen halten möchte, je nach Lage der Dinge für oder gegen eine Machtäußerung Stellung zu nehmen.
[27]II. Handlungsbezug
Von anderen Kommunikationsmedien unterscheidet Macht sich dadurch, daß ihr Code auf beiden Seiten der Kommunikationsbeziehung Partner voraussetzt, welche Komplexität durch Handeln – und nicht nur durch Erleben – reduzieren. Diese Kontrastierung von Handeln und Erleben hat, da das menschliche Leben beides in unentwirrbarer Verflechtung voraussetzt, etwas Künstliches37. Das wird nicht bestritten, kann aber der Theorie nicht zum Vorwurf gereichen. Die Künstlichkeit eines ganz speziell auf Handlungsketten-Bildung zugeschnittenen Mechanismus ist nämlich kein analytisches Kunstwerk der wissenschaftlichen Abstraktion, sondern eine Abstraktionsleistung der Gesellschaft selbst, ein Erfordernis evolutionär fortgeschrittener Gesellschaftssysteme. Eine Machttheorie, die als Theorie eines besonderen symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums ausgearbeitet wird, muß jedoch erklären können, wie eine solche Spezialisierung auf Übertragung von Handlungsreduktionen im gesellschaftlichen Leben überhaupt möglich ist und welche Folgeprobleme sie aufwirft. Spiegelbildlich würde sich das gleiche Problem für eine Theorie der Wahrheit stellen, die zu erklären hätte, wie eine Spezialisierung auf die Übertragung von erlebnismäßigen Reduktionen möglich ist, ohne daß die Interferenz von Handlungen und Handlungspräferenzen der Beteiligten die Sachverhalte verzerrt.
1. Von Handeln wollen wir dann und nur dann sprechen, wenn selektives Verhalten einem System (und nicht seiner Umwelt) zugerechnet wird38. Die Zurechnung bezieht sich auf die Selektion selbst, liefert gleichsam die Erklärung für das Wunder der Reduktion. Über die Zurechnung als Erleben bzw. Handeln kann und wird in vielen Fällen Dissens bestehen. Es besteht aber zugleich ein gesellschaftliches Interesse, diese Frage zumindest für Problemsituationen zu klären. Von der Umwelt- bzw. Systemzurechnung hängt nämlich ab, ob den übrigen Systemen in der Gesellschaft [28]gleiche Selektion zugemutet oder andersartige Selektion freigegeben wird. Erleben muß man gleich, handeln kann man auch anders. Diese Unterscheidung geht der Frage voraus, ob die Freigabe andersartigen Handelns dann wieder beschränkt wird – etwa durch Gebote der Moral oder des Rechts oder durch Macht. In bezug auf Erleben hätten diese Formen der Einschränkung von Kontingenz keinen Sinn. Fehlgriffe des Erlebens werden als Irrtümer behandelt und, wenn überhaupt, anders sanktioniert39. Handeln unterliegt dagegen besonderen sozialen Kontrollen, die mit seiner Ermöglichung zugleich ausgebildet werden. Das hohe Risiko der Ermöglichung von Handeln liegt auf der Hand. Es zeigt sich unter anderem an der erleichterten Negierbarkeit der Handlungsintention im Vergleich zum Erleben und, abhängig davon, an den Komplikationen der Behandlung des Negationsproblems in einer normativen Handlungstheorie oder gar -logik.
Die Kategorisierung von Selektion als Handeln muß deshalb gewürdigt werden als ein Mechanismus, der Systeme aus der Gleichheitszumutung entläßt und Differenzierungen möglich macht. Da dies nicht uneingeschränkt geschehen kann, muß das Handeln gleichsam wieder eingefangen und domestiziert werden. Die soziale Konstitution der Möglichkeit zu handeln und die Spezialisierung von darauf bezogenen Kontrollmechanismen haben ihre primäre Funktion in einem Produktionsumweg für höhere gesellschaftliche Komplexität, nämlich in der Erzeugung und Beschränkung der Möglichkeit ungleichartiger Selektionen in einer intersubjektiv konstituierten SinnWelt.
Dem Zurechnungs- und Etikettierungsinteresse folgen Kategorisierungen, die den Tatbestand des Handelns voraussetzen und erklären – also das Erleben eigenen bzw. fremden Handelns ordnen. Dazu zählt der Begriff des Willens (im Unterschied zu Vernunft), die Auffassung der Kontingenz des Selektionsaktes als Freiheit (im Unterschied zu Zufall) und in der neueren Zeit vor allem die Zuschreibung von Motiven40 und Absichten41. Freier Wille ist ein alteuropäisches, Motiviertheit ein neuzeitliches Attribut des Handelns – in jedem Falle kein primäres Faktum, etwa [29]gar eine »Ursache« des Handelns42, sondern eine Zuschreibung, die das sozial einhellige Erleben von Handeln ermöglicht. Motive sind kein Erfordernis des Handelns, wohl aber ein Erfordernis des verständlichen Erlebens von Handlungen. Auf der Ebene der Motivzuschreibungen wird eine Sozialordnung daher sehr viel stärker integriert sein als auf der Ebene des Handelns selbst. Verständnis von Motiven hilft dann rückläufig zur Erkenntnis darüber, ob überhaupt eine Handlung vorliegt43.
Die Funktion des Kommunikationsmediums Macht ist daher nicht ausreichend beschrieben, wenn man meint, es gehe nur darum, den Machtunterworfenen zur Annahme der Weisungen zu bewegen. Auch der Machthaber selbst muß zur Ausübung seiner Macht bewegt werden, und darin liegt in vielen Fällen die größere Schwierigkeit. Liegt es nicht gerade für ihn, der im Zweifel unabhängiger ist, näher, sich zurückzuziehen und die Dinge laufen zu lassen? Auch die Motivation dessen, der Selektionsleistungen überträgt, wird erst im Kommunikationsprozeß aufgebaut und zugeschrieben. Gerade dem Machthaber werden, ob er will oder nicht, auf Grund seiner Macht Erfolge und Mißerfolge zugerechnet und dazu passende Motive oktroyiert. Macht instrumentiert also nicht einen schon vorhandenen Willen, sie erzeugt diesen Willen erst und sie kann ihn verpflichten, kann ihn binden, kann ihn zur Absorption von Risiken und Unsicherheiten bringen, kann ihn sogar in Versuchung führen und scheitern lassen. Die generalisierten Symbole des Code, die Aufgaben und Insignien des Amtes, die Ideologien und Legitimationsbedingungen dienen der Artikulationshilfe; aber erst der Kommunikationsprozeß selbst legt mit der Machtausübung zugleich die Motive fest.
2. Vor diesem Hintergrund muß man die Spezialisierung eines Mediums begreifen, das die Übertragung von Handlungsselektionen auf Handlungsselektionen leistet, also beide Partner voraussetzt als Systeme, denen ihre Selektion als Handlung zugerechnet wird. Der Machtunterworfene wird erwartet als jemand, der sein eigenes Handeln wählt und darin die Möglichkeit der Selbstbestimmung [30]hat; nur deshalb werden Machtmittel, etwa Drohungen, gegen ihn eingesetzt, um ihn in dieser selbstvollzogenen Wahl zu steuern. Und auch der Machthaber nimmt in Anspruch, nicht einfach die Wahrheit zu sein, sondern seinem Willen gemäß zu handeln. Damit ist in der Beziehung beider die Möglichkeit zurechenbarer, »lokalisierbarer« Divergenz postuliert. Eine Übertragung reduzierter Komplexität kommt zustande, wenn und soweit Alters Handeln die Selektion von Egos Handeln mitbestimmt. Der Erfolg einer Machtordnung besteht in der Steigerung noch überbrückbarer Situations- und Selektionsdifferenzierungen.
Dazu ist ein Umweg über Negationen erforderlich, der gewisse Anforderungen an den Code der Macht stellt. Wenn Macht eine Kombination von gewählten Alternativen leisten soll und andere Möglichkeiten im Spiel sind, kann die Wahrscheinlichkeit dieser Kombination nur durch eine parallellaufende Koordination des Ausscheidens von Alternativen gewährleistet werden. Macht setzt voraus, daß beide Partner Alternativen sehen, deren Realisierung sie vermeiden möchten. Auf beiden Seiten muß es mithin über die bloße Mehrheit von Möglichkeiten hinaus eine Ordnung von Präferenzen geben, die unter dem Gesichtspunkt von eher positiver und eher negativer Bewertung schematisiert und für die andere Seite einsichtig sein muß44. Unter dieser Voraussetzung kann eine hypothetische Kombination von Vermeidungsalternativen beider Seiten hergestellt werden – am einfachsten durch Drohung mit Sanktionen, die der Machthaber selbst lieber vermieden sähe: »Wenn Du dies nicht tust, schlage ich Dich!«. Auch das allein genügt noch nicht. Zur Machtausübung kommt es erst, wenn die Beziehung der Beteiligten zu ihren jeweiligen Vermeidungsalternativen unterschiedlich strukturiert ist derart, daß der Machtunterworfene seine Alternative – in unserem Beispiel: die des physischen Kampfes – vergleichsweise eher vermeiden möchte als der Machthaber, und auch diese Relation zwischen den Relationen der Beteiligten zu ihren Vermeidungsalternativen für die Beteiligten erkennbar ist. Kurz gesagt: Der Macht-Code muß eine Relationierbarkeit von Relationen gewährleisten. Bei dieser Voraussetzung [31]entsteht die Möglichkeit einer konditionalen Verknüpfung der Kombination von Vermeidungsalternativen mit einer weniger negativ bewerteten Kombination von anderen Alternativen. Diese Verknüpfung motiviert die Übertragung von Handlungsselektionen vom Machthaber auf den Machtunterworfenen.
Sie gibt dem Macht, der darüber entscheiden kann, ob eine solche konditionale Verknüpfung von Möglichkeitskombinationen hergestellt wird oder nicht45. Macht beruht mithin darauf, daß Möglichkeiten gegeben sind, deren Verwirklichung vermieden wird. Das Vermeiden von (möglichen und möglich bleibenden) Sanktionen ist für die Funktion von Macht unabdingbar46. Jeder faktische Rückgriff auf Vermeidungsalternativen, jede Ausübung von Gewalt zum Beispiel, verändert die Kommunikationsstruktur in kaum reversibler Weise. Es liegt im Interesse der Macht, eine solche Wendung zu vermeiden. Macht ist damit schon strukturell (und nicht erst: rechtlich!) aufgebaut auf Kontrolle des Ausnahmefalles. Sie bricht zusammen, wenn es zur Verwirklichung der Vermeidungsalternativen kommt47. Daraus folgt unter anderem, daß hochkomplexe Gesellschaften, die weit mehr Macht benötigen als einfachere Gesellschaften, die Proportion von Machtausübung und Sanktionsanwendung ändern und mit einem verschwindend geringen Anteil an faktischer Realisierung von Vermeidungsalternativen auskommen müssen48.
Diese Angaben bedürfen im Hinblick auf das Verhältnis von negativen und positiven Sanktionen einer weiteren Klärung. Negative und positive Sanktionen unterscheiden sich – trotz logischer Symmetrisierbarkeit – in den Voraussetzungen, an die sie anknüpfen, und in ihren Folgen so wesentlich49, daß die Ausdifferenzierung und Spezifikation von Kommunikationsmedien diesen Unterschied nicht übergehen kann. Liebe, Geld und Überredung zu Wertkonsens lassen sich nicht als Fälle von Macht spezifizieren. Wir beschränken deshalb den Machtbegriff auf den Fall, der mit dem (allerdings erläuterungsbedürftigen) Begriff der negativen Sanktion gemeint war50. Macht wird nur dann angewandt, wenn gegenüber einer gegebenen Erwartungslage eine [32]ungünstigere Alternativenkombination konstruiert wird. Die Unterscheidung ungünstiger/günstiger ist erwartungsabhängig und damit auch zeitpunktabhängig51. Die Ausgangslage kann sehr wohl auf positiven Leistungen des Machthabers beruhen – etwa auf Schutzversprechen, Liebeserweisen, Zahlungsversprechen; sie wird in Macht aber nur dann transformiert, wenn nicht schon die Ausgangslage selbst, sondern ihr Entzug vom Verhalten des Unterworfenen abhängig gemacht wird. Staatliche Subventionen, die mit Auflagen verknüpft werden, sind als solche keine Machtäußerung ebenso wenig wie ein normaler Kauf; sie werden zur Machtbasis erst, wenn mit der Drohung der Streichung ein im Subventionsprogramm nicht vorgesehenes Verhalten (z. B. Unterlassen regierungskritischer Äußerungen) durchgesetzt werden soll. Der Unterschied liegt darin, daß bei vorheriger Konditionierung positiver Leistungen der Betroffene frei kalkulieren kann, daß er bei nachträglicher Konditionierung mit Entzugsdrohung dagegen Erwartungen schon gebildet hatte, sich schon eingerichtet hatte und deshalb stärkeren Schutz verdient. Deshalb unterscheidet sich auch der Legitimationsbedarf positiver und negativer Sanktionen. Und andererseits mag gerade dieser Weg, positive Leistungen in negative Sanktionen zu transformieren, dem Machthaber Motivquellen und Einwirkungschancen erschließen, an die er sonst nicht herankäme. Weitgehend beruht die durch Organisation gebildete Macht auf diesem Umweg.
Wir kehren nach diesen Klarstellungen zum Hauptthema zurück. Unter der Einwirkung einer so kompliziert gebauten, durch Negationen vermittelten Medienstruktur, die die Selektivität des Verhaltens beider Partner betont herausarbeitet und forciert, wird Handeln zum Entscheiden, das heißt zur bewußt selektiven Wahl. Die evolutionäre Unwahrscheinlichkeit eines solchen ausdifferenzierten, symbolisch generalisierten Codes spiegelt sich auf der Prozeßebene in Entscheidungszumutungen, die für den Machtunterworfenen, aber auch für den Machthaber selbst unbequem werden können. Man wird daher nicht überrascht sein können, wenn sich bei zunehmend komplexen Selektionsfeldern herausstellt, [33]daß Machtprobleme letztlich in Entscheidungsschwierigkeiten kulminieren.
3. Die Grundstruktur des Kommunikationsmediums Macht, jene – man kann es leider nicht einfacher formulieren – invers konditionalisierte Kombination von relativ negativ bewerteten und relativ positiv bewerteten Alternativenkombinationen, ist die Grundlage dafür, daß Macht als Möglichkeit (Potenz, Chance, Disposition) erscheint und auch als solche wirkt52. Auf dieser Grundlage kommt es zu einer Modalisierung kommunikativer Interaktionen unter dem Gesichtspunkt von Macht. Bei der Kommunikation über Sachthemen wird mit in Betracht gezogen, daß die eine Seite die Möglichkeit hat, ihre Auffassung durchzusetzen. Durch Generalisierung als Möglichkeit wird die Macht gegenüber Kontexten egalisiert und in gewissem Umfange unabhängig gemacht von einer nur bruchstückhaft und situationsweise gegebenen Wirklichkeit; die Projektion des Möglichen erlaubt, um mit Nelson Goodman53 zu formulieren, ein Auffüllen der Lücken des Wirklichen.
Aus einer solchen Modalisierung ergibt sich ein typisches Folgeproblem, das auch die Wissenschaft unter theoretischen wie unter methodischen Gesichtspunkten bereits beschäftigt hat54. Durch Modalisierung wird ein Überschuß an Möglichkeiten erzeugt. Macht, die eine ständig vorhandene Möglichkeit ist und dem Machthaber wie eine Fähigkeit oder eine Eigenschaft zugeschrieben wird, kann doch nicht ständig und vor allem nicht ständig über alle Personen und alle Themen des Machtfeldes ausgeübt werden. Die Erwartung, daß alle Macht immer auch ausgeübt werde, würde nicht nur den Machthaber überanstrengen; sie würde als Vorschrift des Macht-Code auch verhindern, daß nennenswerte Macht akkumuliert wird. Der Machthaber muß sich zu seiner eigenen Macht selektiv verhalten; er muß sich überlegen, ob er sie einsetzen will oder nicht; er muß sich selbst disziplinieren können. Für derartige Entscheidungen, die für ihn zwangsläufig sind, braucht der Machthaber zusätzliche Direktiven und Rationalisierungshilfen55; dafür versucht eine [34]neuere, ökonomische Fassung der Machttheorie, Kostenkalküle anzubieten56. Wie weit das gelingen kann, ist eine derzeit offene Frage. Jedenfalls zwingt das gesellschaftliche Faktum der Modalisierung des Mediums Macht die Machttheorie, zwei Ebenen simultan zu berücksichtigen: die genetischen und strukturellen Bedingungen der Konstitution von Macht als Potential und die strukturellen und situativen Bedingungen der Ausübung von Macht.
Diese Differenz von Potentialität und Aktualisierung bedeutet ein Doppeltes: Auf der Ebene des symbolischen Codes können Instruktionen, wann Macht anzuwenden ist, zwar angedeutet, aber nicht voll spezifiziert werden, denn das würde den disponiblen Überschuß an Potentialität eliminieren. Der Code muß, soll er eine durchgehaltene Möglichkeit symbolisieren, in dieser Richtung unterspezifiziert sein. Dies setzt vor allem einer Juridifizierung von Macht, die den Machthaber zum dauernden Einschreiten zwingt, Schranken. Oder anders formuliert: Juridifizierung macht Macht in gefährlicher Weise herausforderbar. Zum anderen kann auf der prozessualen Ebene faktischen Machtverhaltens eine Festlegung auf Anwendung von Macht Machtverlust bedeuten, nämlich Verzicht auf Unbestimmtheit, Offenheit, Liquidität des Möglichen57.
Zugleich wird Macht durch modale Generalisierung empfindlich gegen bestimmte Informationen über eine gegenteilige Wirklichkeit: Der Machthaber kann in dem Maße, als er von projektiver Informationsverarbeitung abhängig ist, sich keine Niederlage im Einzelfall mehr leisten. Er muß unter Umständen schon kämpfen, um die Façade seiner Macht zu halten58. Es findet zugleich mit der Kommunikation über das in Aussicht genommene Handeln oder Unterlassen eine Metakommunikation über Macht statt59. Sie kann die Form der stillschweigenden Vorwegverständigung annehmen, des erwartbaren Erwartens von Erwartungen; sie kann auch durch Andeutungen und unbeantwortbare Anspielungen aktualisiert und schließlich auch explizit formuliert 60 werden. Formulierte Macht nimmt im Kommunikationsprozeß den Charakter einer Drohung an. Sie setzt sich der Möglichkeit einer expliziten Negation [35]aus. Sie bildet schon einen ersten Schritt zur Realisierung der Vermeidungsalternativen, einen ersten Schritt zur Zerstörung der Macht, und wird daher nach Möglichkeit vermieden. Das kann zum Beispiel dadurch geschehen, daß man, statt die Gewalt direkt zu formulieren, auf einen gewaltgedeckten Rechtsanspruch Bezug nimmt.
Die Formulierung von Macht, die zur Klärung und zur Herstellung einer übereinstimmend modalisierten Situationsdefinition erforderlich erscheinen kann, ist vor allem in einfachen Systemen elementarer Interaktion schwierig und problematisch. In organisierten Sozialsystemen und auf der Ebene umfassender Gesellschaftssysteme gibt es dafür institutionalisierte Äquivalente – etwa anerkannte Kompetenzen oder geltende Rechtsnormen, auf die man sich berufen kann. Diese Äquivalente dienen dazu, Machtausübung in Interaktionssystemen zu erleichtern und zu entpersonalisieren, also Motive der Machtausübung bereitzustellen, obwohl auch in bezug auf sie Formulierungshemmungen auftreten können (wie jeder Vorgesetzte weiß, der sich einem schwerhörigen Untergebenen gegenüber explizit auf seine Befehlszuständigkeit berufen muß)61.
Die Einzelheiten der Formen, in denen Metakommunikation über Macht ablaufen kann, können hier nicht ins Detail verfolgt werden. Fürs weitere interessiert vor allem, daß die Differenzierung von Code und Prozeß die Form einer Modalisierung kommunikativen Handelns annimmt. Diese Modalisierung – und nicht etwa eine dem Machthaber innewohnende Fähigkeit, Kraft, oder Potenz und auch nicht seine bloße Ausstattung mit Mitteln – ist die Grundlage dafür, daß Macht auch ohne Einsatz der sogenannten Machtmittel als bloße Möglichkeit schon wirkt. Mit dem Begriff der Chance oder des Machtpotentials wird dieser Sachverhalt unzulänglich begriffen.
4. Darüber hinaus brauchen wir unsere Analyse der Modalisierung von Macht durch Kombination von relativ negativ bewerteten und relativ positiv bewerteten Alternativenkombinationen, [36]um gewisse Probleme der zeitlichen Struktur von Machtverhältnissen zu klären.
Wenn Macht als Möglichkeit gesichert ist auf der Basis von Handlungsmöglichkeiten, deren Aktualisierung man vermeiden möchte, können auf der Ebene interaktioneller Prozesse Entscheidungen zeitlich auseinandergezogen werden. Ein Sozialsystem, das über diese Möglichkeit verfügt, kann damit Zeit gewinnen, um Komplexität zu ordnen. Was nicht gleichzeitig sein kann, läßt sich in einem geordneten Nacheinander gleichwohl ermöglichen. Auf diese Weise läßt sich das Repertoire der integrierbaren, noch aufeinander beziehbaren Handlungen eines Systems erweitern.
Zunächst gibt es solche Zeitstrukturen im eigenen Handlungsbereich des Machthabers selbst. Er kann zuerst den gewünschten Handlungsverlauf gleichsam versuchsweise und unverbindlich skizzieren, wohl wissend, daß er Macht einzusetzen hat. Er kann probieren, ob schon dies genügt, weil der andere weiß, wo die Macht sitzt. Er kann sodann in dem Fall, daß sich Widerstand zeigt, deutlicher werden und implizit oder sogar explizit zur Kommunikation über Macht ansetzen, also drohen. Hier gibt es Schritte der Steigerung. Schließlich kann er entscheiden, ob er, wenn all das nichts nützt, die Sanktion ausführen, also die Vermeidungsalternative realisieren will oder nicht. Die Einheit einer solchen Kette ist einerseits durch das System vorgezeichnet, in dem sie stattfindet, andererseits durch den Macht-Code selbst, das heißt durch Rücksichten auf die Erhaltung oder Steigerung des Potentials. Es ist also nicht reiner Zufall, wenn ein Schritt auf den anderen folgt und sich Machtäußerungen in der angegebenen Weise steigern. System und Code fungieren in einem solchen Ablauf als begleitende Identitäten, die die Möglichkeit/Unmöglichkeit des Anschlusses der nächsten Schritte definieren. Gleichwohl bestehen solche Ketten aus Entscheidungen in jeweils neuen, veränderten Situationen. Ob der Machthaber seine Macht zu erwähnen beginnt, wenn seine Kommunikation nicht glatt abfließt, mag von ihm selbst und von der Situation abhängen; ebenso und erst recht, ob er eine angedrohte Sanktion auch ausführt. Das System und [37]die Potentialität seiner Macht überlassen ihm die Entscheidung, aber nicht zur Willkür, sondern mit mehr oder weniger scharf definierten Konsistenzbedingungen. Auch darin zeigt sich der oben (S. 33 f.) erörterte Möglichkeitsüberschuß. Es ist mithin eine wichtige Frage, welcher Verhaltensspielraum dem Machthaber selbst im Hinblick auf seine eigene Entscheidungskette gelassen wird, wie offen seine eigene Zukunft noch ist, wenn er einmal begonnen hat zu kommunizieren62. Die Größe und Sicherheit seines Machtpotentials dürfte hier ebenso wichtig sein wie der Grad an Ausdifferenzierung, also an möglicher Rücksichtslosigkeit in Bezug auf eigene andere Rollen, und schließlich auch die Art der Symbolisierung der Macht, zum Beispiel: ob eine normative Form der Legitimation oder gar eine juristische Durchformulierung der Macht den Machthaber verstärkt dazu zwingt, konsistent zu sein. Die Offenheit seiner Zukunft und die Elastizität in der Handhabung wird nicht zuletzt davon abhängen, ob dem Machthaber erlaubt wird, opportunistisch zu verfahren.
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