Kitabı oxu: «Das Lachen der Yanomami»
Nina Hutzfeldt
Das Lachen der Yanomami
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Anmerkung
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Epilog
Leseprobe, Im Schatten der Lady Cumberland
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Impressum neobooks
Anmerkung
Samuel Bradford – Deckname, Jayden Garcĭa
Jean Cassin – Deckname, Tomas Sánchez
Clark Owen – Pseudonym, George Preston
1
Lübeck, 2014
Stille.
Eigentlich liebe ich die Ruhe. Sie breitet sich in meinem Körper aus und lässt meine Muskeln entspannen. Doch an diesem Tag machte mir die Stille Angst.
Ich musste mich zwingen, die letzten Stufen zur Wohnungstür hinaufzusteigen. Auf dem Klingelschild stand immer noch der Name Helene Grewe. Ich nahm den Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn ins Schlüsselloch. Wie damals, als ich noch ein kleines Mädchen war, musste ich mich gegen die Tür lehnen, um sie aufschließen zu können.
Doch an diesem Tag war alles ganz anders. Mein Herz hatte sich zu einem nassen Schwamm zusammengezogen und meine Knie zitterten, als ich in den Flur trat. Auf der kleinen Kommode stand ein Foto von mir. Es war bei meiner Einschulung von einem hektisch umherlaufenden Schulfotografen aufgenommen worden. Auf dem Bild lächele ich fröhlich. Doch als ich in den Spiegel über der Kommode schaute, blickte ich in ein von Trauer gezeichnetes Gesicht. Meine wilden Locken waren elektrisch aufgeladen und standen in alle Himmelsrichtungen ab. Ich brauchte dringend Schlaf, doch daran war nicht zu denken.
Mein Weg führte mich in die Küche, wo ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen neben der Arbeitsplatte stand. Der Aschenbecher mit drei Zigarettenstummeln stand noch auf dem Tisch. Ich atmete tief aus, bevor ich eine der Schubladen öffnete, eine Mülltüte abriss und den Aschenbecher leerte. Dabei füllten sich meine Augen mit Tränen. Jetzt begann die schlimme Zeit. Die Wohnung musste ausgeräumt werden, die nächsten Mieter standen schon mit einem Bein in der Tür.
Als ich die Schränke öffnete und mir einen Überblick verschaffte, riss mich ein Läuten an der Tür aus meinen Gedanken. Ich legte den Müllbeutel auf den Tisch, wischte mir die Tränen weg und öffnete die Tür.
»Du bist es«, sagte ich und legte mir die Hand aufs Herz.
»Mit wem hast du denn gerechnet?«, fragte Mareike und sah mich durch ihre runden Brillengläser an.
»Eigentlich mit niemanden«, gestand ich und atmete tief aus.
»Okay. Du, ich habe Brot gebacken und einen Dip gemacht. Hast du Hunger?«
Mareike und ich sind Kolleginnen in der Schule und wurden durch die Arbeit Freundinnen. Als sie eine Wohnung suchte, gab ich ihr den Tipp, sich für die freie Wohnung unter meiner Mutter zu bewerben, die sie auch bekam.
»Ja, etwas.«
»Na, also. Komm erst mal mit mir runter, danach helfe ich dir beim Aufräumen. Außerdem siehst du scheiße aus.« Sie strich mir über die Wange.
Ich presste die Lippen aufeinander, um die Tränen zurückzuhalten. »Können wir nachher essen? Bevor ich mich hinsetze, möchte ich wenigstens die Sachen geordnet haben.«
Es war ohnehin schon schwer genug.
»Okay.«
»Wirklich?«
»Ja, kein Problem. Soll ich dir jetzt helfen?« Sie zog die Ärmel ihres Pullovers hoch.
»Das ist lieb.« Wie konnte ich ihr erklären, dass ich jetzt Zeit für mich brauchte, ohne sie zu verletzten?
»Na, dann lass mich mal rein.« Mareike drängte sich an mir vorbei in den Flur.
Sprachlos schloss ich die Tür. Ich tat, als würde es mich freuen, dass Mareike mir beim Aussortieren half.
»Wo soll ich anfangen?« Sie klatschte in die Hände.
Mareike hatte kein Feingefühl, sonst hätte sie gemerkt, dass es mir wirklich nicht gut ging. Meine Mutter hätte sich im Grab umgedreht, wenn sie gesehen hätte, was Mareike gerade in Begriff war zu tun. Sie war sehr eigen und hasste es, wenn fremde Leute, ihre Sachen anfassten.
»Am besten in der Küche. Die Schränke müssen ausgeräumt werden. Ich glaube auf dem Dachboden sind noch einige Umzugskartons. Die hole ich nachher.«
»Das kann ich auch machen. Gib mir mal den Schlüssel.«
Ich dankte Mareike dafür, dass sie auf den Dachboden ging. So hatte ich für einige Minuten die Wohnung wieder für mich. Auch wenn ich Angst vor der Stille hatte, war ich noch nicht bereit für Mareikes Überschwänglichkeit. Wahrscheinlich meinte sie es gar nicht so, sondern wollte mich nur auf andere Gedanken bringen. Aber ich brauchte Zeit für mich, denn meine engste Verbündete, meine Mutter, war gestorben. Sie hatte die Welt verlassen und würde nie wiederkommen. Ich würde nie mehr ihre Stimme hören, nie mehr mit ihr Lachen können. Es waren die alltäglichen Dinge, die mir fehlen würden. Es würde keine Telefonate mehr geben, in denen ich die Sorgen einer Lehrerin mit ihr teilen oder sie mir von den Gerüchten in den Dörfern erzählen konnte.
In Gedanken versunken räumte ich im Wohnzimmer die vielen Bücher aus den Regalen. Über die Jahre hatte sich so einiges angesammelt. Ich zuckte zusammen, als die Tür ins Schloss fiel.
»Ich bin wieder da. Ich fange dann in der Küche an. Ich habe noch die Zeitungen aus den Briefkästen genommen. Damit können wir das Geschirr einpacken.«
»Du hast sie einfach genommen, ohne zu fragen?« Ich zog die Stirn kraus.
»Na, warum nicht?«
»Du hättest sie lieber aus der Papiertonne nehmen sollen. Die sind schließlich schon ausgelesen.«
»Mm, egal.« Mareike winkte ab und trabte in die Küche.
Den Nachmittag über ließ Mareike mich die meiste Zeit in Ruhe. Sie hatte genug in der Küche zu tun.
Das Wohnzimmer war so gut wie fertig, und ich ging ins Schlafzimmer. Mir wurde flau im Magen, als ich den Schrank öffnete und die Unterwäsche meiner Mutter inspizierte. Schnell schloss ich den Schrank wieder und hob mir »Schrank ausräumen« für später auf. Doch aufgeschoben war nicht aufgehoben. So oder so würde ich den Schrank ausräumen müssen.
Als ich die Matratze vom Bett genommen hatte, entdeckte ich unter dem Lattenrost einen Schuhkarton. Es war ein ganz gewöhnlicher Karton und wäre ich nicht im Flur mit Mareike zusammengestoßen, hätte ich ihn womöglich in den Müll gegeben. Er fiel mir aus der Hand und landete unsanft auf dem Teppich aus Schurwolle.
»Was zum Teufel ist das?« Mareike bückte sich und hob einen Brief auf.
»Ich weiß nicht.« Erschöpft rieb ich mir mit der Hand über den Mund. Ich hob den Karton auf und stellte ihn auf den Teppich. »Bitte gib mir den Brief. Ich tue ihn wieder zurück in den Karton.«
»Aber schau doch mal. Deine Mutter hat einem Clark Owen geschrieben. Der Brief ist zurückgekommen, mit der Aufschrift Absender verzogen.«
»Ich weiß nicht, wer das ist.« Ich zuckte mit den Achseln.
Mareike öffnete den Brief.
»Nein, bitte nicht. Du kannst doch nicht fremde Post öffnen.« Ich wollte nach dem Brief greifen, doch Mareike zog ihre Hand weg.
»Lass mich doch mal. Da ist ein Foto drin.«
»Lass mich sehen.« Ich nahm ihr das Foto ab.
Das Bild zeigte meine Mutter als Teenager. Sie wurde von einem großen Jungen im Arm gehalten, der sicher einige Jahre älter war als sie. Verliebt himmelte sie ihn an.
»Wer ist das?«, fragte ich und starrte das Foto wie in Trance an.
»Wahrscheinlich dieser Clark. Komm, wir lesen den Brief, dann wissen wir mehr.« Mareike war ganz aus dem Häuschen und auch ich verdrängte für einige Minuten meine Traurigkeit.
»Ich weiß nicht.«
»Ach, nun sei nicht so. Ich mach das.« Mareike faltete den Brief auseinander und fuhr mit der Hand über das edle Papier. »Deine Mutter hatte wirklich eine schöne Schrift.«
»Ja, Briefe schreiben war ein Hobby von ihr. Sie wollte kein Handy haben, obwohl ich es ihr so oft vorgeschlagen habe. Dann hätte sie SMS schreiben können.« Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als ich an das Gesicht meiner Mutter dachte.
Liebster Clark, Lübeck, den 01.10.1963
ich wollte dir zuerst nicht schreiben, doch ist es wichtig, dass du weißt, was ich dir zu sagen habe.
Ich war sehr enttäuscht von dir, weil du bei meinem Abschiedsfest nicht da warst. Ich hatte mich so auf dich und einen letzten Abend mit dir gefreut.
Weißt du noch, wie wir im Park gesessen und Kirschen gegessen haben? Die Sonne hatte uns aus dem Haus gelockt, aber die Angst, von deinen Eltern erwischt zu werden, war immer da. Aber etwas Verbotenes zu tun, ist auch aufregend!
Leider ist unsere Liebelei nicht ohne Folgen geblieben. Ich habe eine Tochter bekommen. Sie heißt Andrea. Ja, sie ist deine Tochter. Ein Kind sollte nicht ohne Vater aufwachsen, also hoffe ich inständig auf eine Nachricht von dir.
In Liebe,
Helene
Mareike gab mir den Brief. »Dein Vater hat endlich einen Namen.«
»Ja, sieht wohl so aus.« Meine Mutter hat nie ein Wort über meinen Vater verloren. Wenn ich als Kind nachgefragt habe, winkte sie immer lächelnd ab. Nicht mal als Erwachsene hat sie mir etwas über ihn erzählt. Und ich habe schon über die Hälfte meines Lebens gelebt. Ich bin jetzt im einundfünfzigsten Lebensjahr.
»Schau mal, Andrea. In der Kiste sind noch weitere Sachen. Ein Schlüsselanhänger und ein Ring.«
»Ein Ring?« Ich faltete den Brief und steckte ihn zusammen mit dem Foto in den Umschlag zurück. Ich fühlte mich schlecht. In den persönlichen Sachen meiner Mutter zu wühlen fühlte sich an, als würde jemand in meinen Kindertagebüchern lesen.
»Ich denke, wir sollten die Sachen wieder zurücklegen.«
»Wieso denn?« Mareike blickte mich mit großen Augen an.
»Das sind die Sachen meiner Mutter.«
»Ja, sie ist aber gestorben. Mein Beileid, aber es sind jetzt deine Sachen.« Mareike zuckte mit den Achseln. Sie hatte wirklich kein Feingefühl, denn schon wieder stieß sie mir einen Dolch ins Herz. Meine Mutter hatte Mareike gemocht, mir aber immer zur Vorsicht geraten. Wie bei jeder Freundin. Ich schüttelte den Kopf.
»Warum schüttelst du jetzt den Kopf? Es sind deine Sachen und dadurch, dass deine Mutter gestorben ist, besteht eine geringe Chance, deinen Vater zu finden.«
»Geh bitte.« Mit dem Zeigefinger wies ich zur Wohnungstür.
»Was, was ist denn jetzt los mit dir?« Mareike legte das Buch zurück und stand auf.
»Ich möchte, dass du gehst. Ich brauche Zeit für mich.« Mit der Hand wischte ich mir die feuchten Augen trocken.
»Du hast doch einen Knall! Ich wollte dir nur helfen.« Mareike verließ die Wohnung. Ich setzte mich von innen gegen die Tür und fing an, bitterlich zu weinen.
Nachdem alle Tränen vergossen waren und ich mich wieder gefangen hatte, robbte ich zum Karton zurück.
Es war schwer, die Sachen meiner Mutter zu durchwühlen. Ich atmete noch einmal tief aus. Kein Wunder, dass ich mir die Wohnung bis zum Schluss aufgespart hatte. Die Erinnerungen, die sich mit diesen Räumen verbanden, waren einfach zu stark und zu schmerzhaft. Ich stellte den Karton an die Wand und machte mich wieder an die Arbeit.
Als sich der Tag dem Ende neigte, die Sonne sich verabschiedete und der Wind allmählich zunahm, suchte ich meine Sachen zusammen und verließ die Wohnung. Morgen würde ich noch einmal mit dem Vermieter Rücksprache halten und einen Termin für die Wohnungsbesichtigung ausmachen. Außerdem hatte ich mir eine Firma aus dem Internet herausgesucht, die Möbel, Hausrat und Bekleidung abholte, um sie für wenig Geld an hilfsbedürftige Menschen zu verkaufen.
Natürlich hatte ich mir einige Erbstücke herausgesucht und einen kleinen Umzugskarton damit vollgepackt. Diesen aus dem zweiten Stock nach unten zu schleppen war schon ein ganz schönes Stück Arbeit und dann hatte ich noch nicht einmal einen Parkplatz vor der Tür. Ich stellte deshalb den kleinen Karton vorübergehend vor der Wohnungstür ab.
Als ich den Karton später holte, blieb ich vor Mareikes Wohnungstür stehen. Ich biss mir auf die Unterlippe. Sollte ich mich entschuldigen oder ihr lieber nachher eine WhatsApp schreiben? Kurzentschlossen klopfte ich zweimal und wartete nervös. Wie immer schrie Mareike von innen, dass sie kein D-Zug sei und schlurfte zur Tür. Als sie mich sah, sagte sie nichts, sondern blickte mich nur erwartungsvoll an.
»Hey«, sagte ich mit schlechtem Gewissen. Ich biss mir wieder auf die Unterlippe. Eine meiner schlechten Angewohnheiten.
Mareike legte den Kopf schief.
»Das vorhin, ich wollte das nicht, aber das ist alles noch so frisch, und ich weiß nicht, was ich machen soll.« Ich versuchte, die Tränen herunterzuschlucken, doch sie kamen unaufhörlich.
»Ach, Schätzchen. Komm.« Mareike breitete ihre Arme aus, und ich ließ mich hineinfallen.
Eine halbe Stunde später saß ich bei Mareike auf der Couch. Meine Hände um einen Becher heißen Kakao geschlungen und den Karton neben mir.
»Geht´s dir besser?« Mareike hatte es sich mir gegenüber auf einem Sessel bequem gemacht.
»Ja, danke. Ich bin im Moment voll neben der Spur.«
»Dann lass dich doch noch eine Woche krankschreiben. Du siehst auch nicht gut aus. Außerdem waren die Zeugniskonferenzen doch schon.« Mareike rückte ihre Brille auf der Nase zurecht.
»Ich weiß nicht. Ich habe noch so viel vorzubereiten. Sicherlich wurde schon über mich geredet.«
»Ich glaube, du hast Halluzinationen. Das stimmt nicht. Sie haben nach dir gefragt, aber das Lehrerkollegium hat Verständnis für deine Situation und wünscht dir alles Gute. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.«
»Ja, aber ich denke, dass mich die Schule etwas ablenkt. Ich muss für die Abschlussfahrt im August noch Vorbereitungen treffen. Eltern anrufen, mit dem Hotel in Northumberland telefonieren.«
»Ach ja, du fährst ja mit deiner Klasse nach England.« Mareike lächelte und streckte die Arme nach dem Karton aus. »Darf ich?«
»Ja.«
Ich beobachtete, wie Mareike den Brief für Clark Owen aus dem Karton nahm und mir die Vorderseite zeigte.
»Ja? Was ist denn?« Ich zog unwissend die Augenbrauen hoch.
»Na, lies mal die Adresse.« Sie wedelte mit dem Umschlag.
»Halt doch still, so kann ich gar nichts lesen.« Ich griff nach dem Kuvert.
»Clark Owen, 21 A Soho Square, London W1D 4NR, United Kingdom«, las ich. »Und?« Was wollte sie von mir?
»Na ja, dein Vater wohnt in England.« Erneute wedelte sie mit dem Umschlag herum.
»Ja, das habe ich verstanden.« Langsam kam ich mir ein bisschen kindisch vor. Natürlich wusste ich, was Mareike mir damit sagen wollte.
»Du könntest ihn im August besuchen.«
»Natürlich. Er freut sich sicher sehr, mich zu sehen, wenn ich zwanzig Kinder im Schlepptau habe.« Ich musste schmunzeln. Langsam entspannte ich mich ein wenig.
»Mm, er soll dich doch so kennenlernen, wie du bist.« Mareike legte den Brief auf den Tisch, der zwischen Couch und Sessel stand und setzte sich bequem in den Schneidersitz.
»Nein, ich denke er möchte gar nichts von mir wissen. Außerdem ist der Brief zurückgekommen. Sicher ist dieser Clark weggezogen.«
»Stimmt. Aber was ist, wenn nicht. Vielleicht wollte er es einfach nur nicht wahrhaben.« Mareike malte sich wieder eine Geschichte aus. Eigentlich komisch, dass sie Mathematik und Sport unterrichtete. Diese Schulfächer fielen gar nicht in ihr Gebiet. Wahrscheinlich erfand sie deshalb so gerne spannende Geschichten.
»Mm, ich weiß nicht. Ich frage mich, wie sie ihn kennengelernt hat. Meine Mutter war noch nie in England.«
»Vielleicht weißt du nur noch nichts davon. Stille Wasser sind tief und deine Mutter war ein stilles Wasser.« Mareike presste die Lippen zusammen.
Ich spürte einen kurzen Stich in meiner Brust, als sie das Wort »war« benutzte.
»Ich weiß nicht. Das hätte meine Mutter mir sicher erzählt.«
»Das sehe ich anders. Irgendwas ist da im Busch. Wir müssen nur herausfinden, was es ist.«
Ein wenig neugierig hatte mich die Vergangenheit meiner Mutter schon gemacht. Sehr bald würden die Ferien beginnen und ich würde sechs Wochen Zeit haben. Warum sollte ich also nicht nach England fliegen? Ich könnte in dem Hotel wohnen, das ich mit meiner Klasse für den August gebucht hatte, und eine Spritztour nach London wäre auch noch drin.
»Was denkst du gerade?«, fragte Mareike.
»Ich überlege, ob ich nicht doch nach England fliege. Ich könnte in das Hotel einchecken, in dem ich mit meiner Klasse wohnen werde. So könnte ich es vorab testen.« Ich schmunzelte. »Und natürlich würde ich die Adresse aufsuchen.«
»Wow, das hört sich gut an. Ich glaube, du brauchst die Zeit auch der Trauer wegen. Einfach raus aus dem öden Alltag. Das tut dir sicher gut.«
2
Irgendwo über dem Atlantik, 1993
Der Wind peitschte gegen das Flugzeug.
Als die Stewardess die Passagiere bat, sich anzuschnallen, krallte Samuel sich in seinen Sitz. Er war noch nie geflogen. Nur weil er sein Versprechen seinem Vater gegenüber nicht brechen wollte, war er in das Flugzeug eingestiegen.
Neben dem unruhigen Samuel döste Jean Cassin friedlich im Sitz. Er war müde vom langen Flug und wollte fit sein, wenn die Maschine in Boa Vista landete.
»Jean, Jean, bist du wach?«, fragte Samuel.
»Mm«, brummte dieser.
»Wie lange dauert es noch?«
»Was denn?«, fragte Jean mit seinem starken französischen Akzent.
»Der Flug. Ich glaube, ich bin für das Fliegen einfach nicht gemacht.«
Jean öffnete die Augen und drehte sich zu Samuel. »Dein Vater hatte Recht.«
Samuel zog die Stirn in Falten. »Womit?«
»Damit, dass du ein Weichei bist.« Jean lächelte und ließ sich wieder in seinen Sitz sinken.
Samuel atmete tief aus. Warum hatte sein Vater so etwas über ihn gedacht? Vielleicht, weil Samuel lieber gemalt und mit Puppen gespielt hatte. Aber das machte ihn noch lange nicht zum Weichei.
Samuel blickte aus dem runden Fenster hinaus auf die weiße Wolkendecke, die sich wie Watte an das Flugzeug schmiegte. Wann würden sie endlich landen? Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er musste einfach zur Ruhe kommen, dann würde die Angst sicher bald verschwinden.
Jean öffnete die Augen und musterte Samuel. Er dachte darüber nach, dass es nun Samuel war, mit dem er nach Boa Vista flog. Eigentlich hatte Jean den Ausflug mit Samuels Vater, Joseph, machen wollen. Jean hatte Joseph im Zweiten Weltkrieg kennengelernt, doch sein Freund hatte diesen nicht überlebt.
Das Flugzeug begann zu sinken und schon bald konnte Jean aus dem Fenster Land erkennen. Vorsichtig klopfte er Samuel auf die Schulter. »Hey, aufwachen. Wir sind gleich da«, flüsterte er.
»Mm.« Samuel streckte die Arme in die Luft und gähnte. »Wie lange habe ich geschlafen?« Er rieb sich die Augen.
»Eine ganze Weile. Du, ich hab nochmal über das nachgedacht, was ich gesagt habe. Du bist kein Weichei. Es ist nur so, dass dein Vater...«
»Ist schon gut.« Samuel hob die Hand. »Ich weiß, dass mein Vater nach außen manchmal ziemlich herzlos wirkte, aber er hatte ein Herz.«
»Du bist sein einziger Sohn und er war stolz auf dich.« Jean starrte auf seine Füße. »Das waren seine letzten Worte.«
Beide schwiegen, bis das Flugzeug den Boden erreichte.
Boa Vista liegt im südlichen Teil des Berglandes Guayana. Es ist die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Roraima. Die Stadt liegt am rechten Ufer des Rio Branco. Das wusste Samuel, als er aus dem Flugzeug stieg und die Hand an die Stirn legte. Die Sonne stand hoch am Himmel und verstreute ihre heißen Strahlen in alle Himmelsrichtungen.
Samuel stellte schnell fest, dass hier alles etwas lockerer zuging als in England. Von der in England unvermeidlichen Hektik, war hier nichts zu spüren. Am Laufband standen sie gemütlich an, sicherlich hätten sie ein bis zwei Kaffee trinken können, bis ihr Gepäck zu sehen war.
»Ich hätte nicht gedacht, dass es hier so heiß ist«, sagte Samuel, als er seinen Rucksack schulterte.
»Das hatte ich dir gesagt.«
»Du hast etwas von einer anderen Wärme gesagt. Puh!«
»Komm, wir rufen ein Taxi und lassen uns in die Innenstadt fahren. Dort treffen wir uns mit den anderen Männern der Gruppe.«
Samuel war bei diesem Gedanken gar nicht wohl. In einem fremden Land nach Gold zu graben, schien ihm verkehrt. Aber Jean hatte alles bis aufs Kleinste geplant, was ihn ein wenig ruhiger stimmte. Er vermisste seine Frau Molly und die beiden Kinder Skye und Faith. Auch wenn es in seiner Ehe mehr schlechte als gute Zeiten gab, war seine Familie sein ganzer Stolz.
Jean hingegen hatte keine Familie mehr. Seine nahen Angehörigen waren im Zweiten Weltkrieg umgekommen. Zu dieser Zeit hatten sich Joseph und Jean kennengelernt. Sie waren schnell Freunde geworden und hatten Pläne für die Zukunft geschmiedet, wenn sie sich in brenzligen Situationen befanden. Einer dieser Pläne war die Goldsuche hier in Südamerika.
»Danke, dass du mit mir zusammen hier bist. Es bedeutet mir sehr viel«, sagte Jean, als auf das Taxi warteten.
»Du musst dich nicht bedanken. Das tue ich gerne.«
Ein silberner Opel Meriva parkte in der Haltezone und hupte.
»Wir kommen«, rief Jean auf Französisch und hob dabei die Hand.
Der Taxifahrer war so klein, dass er gerade über das Lenkrad blicken konnte. Samuel lächelte.
Die Autofahrt war rasant und schnell zu Ende. Gut für das Portemonnaie, dachte Samuel und tastete nach seiner Gesäßtasche. »Hier. Ich gebe dir etwas dazu.« Er zog einen Schein Cruzeiro aus der Geldbörse und reichte ihn Jean.
Eigentlich wollte dieser das Geld nicht annehmen, aber Samuel bestand darauf.
Der Taxifahrer faltete seine Hände zum Gebet und beugte sich nach vorne. Jean hatte ihm viel mehr gegeben, als er musste.
»Komm, los jetzt. Wir treffen uns in einem Pub hier irgendwo um die Ecke.« Jean holte seine Karte aus der Hosentasche und faltete sie auseinander. Mit dem Finger fuhr er die Strecke nach, die das Taxi vom Flughafen zurückgelegt hatte.
»Na dann komm. Worauf wartest du?« Samuel schulterte seinen Rucksack, den er aus dem Kofferraum geholt hatte und war im Begriff loszugehen.
»Okay, dann los.« Jean zögerte, irgendetwas bedrückte ihn.
Die beiden Männer stiegen drei Stufen hinab und standen dann in einer zwielichtigen Kneipe. Jean nickte dem Wirt zu, als sie an den Tresen gingen. Jean sagte etwas auf Französisch und dann folgten sie dem Wirt bis zu einer Hintertür. Jean und Samuel traten in einen Raum, der nur von nackten Glühbirnen beleuchtet wurde.
»Hallo«, sagte Samuel.
»Bonjour.« Jean nickte den Männern am Tisch zu.
Dieser Raum wurde sonst sicher für illegale Pokerspiele genutzt, vermutete Samuel.
Acht gut gebaute Männer saßen am Tisch und blickten die beiden Frischlinge an.
»Ihr müsst Jean und Samuel sein?«, fragte der Größte von ihnen in schlechtem Englisch.
»Ja, das ist Samuel und ich bin Jean.«
»Gut, dann kommt. Setzt euch.«
»Ich bin Diego. Mit den anderen könnt ihr euch nachher bekannt machen.« Er zeigte in die Runde. »Seid ihr durstig? Ich lasse euch etwas zu trinken bringen.«
»Ja, gerne.« Samuel legte seine Hände auf den Tisch. Sein dunkelbraunes Haar klebte ihm auf der Stirn.
Diego hob die Hand und einer der Männer stand auf. »Kommen wir zum geschäftlichen Teil.«
Auf dem Tisch lagen mehrere Pässe, was Samuel stutzig machte. Er blickte Jean an, der ihm auswich.
»Hier sind eure Pässe. Die Fotos sehen euch ziemlich ähnlich. Benutzt sie nur im äußersten Notfall. Einen Hubschrauber haben wir organisiert, und wenn wir erst einmal die Funai passiert haben, kann uns nichts mehr passieren.«
Samuel nahm einen der Pässe entgegen. »Jayden Garcĭa«, murmelte er. Eigentlich wollte er fragen, warum er einen neuen Pass brauchte, aber er traute sich nicht. Die Männer waren ihm unheimlich.
Die Getränke wurden auf den Tisch gestellt. Es gab Bier, was Samuel überhaupt nicht mochte. Vielleicht war er doch ein wenig verweichlicht, dachte er, während er an seinem Glas nippte.
»Morgen früh werden wir aufbrechen.«
»Dann sollten wir uns gleich hinlegen, damit der Jetlag uns nicht umhaut«, scherzte Samuel, doch niemand lachte.
Über der Kneipe befand sich eine kleine Pension. Samuel und Jean hatten ein Zimmer mit zwei Betten. Samuel stellte seinen Koffer neben einem der Betten ab und setzte sich. Vorsichtig strich er sich die Schuhe ab und krabbelte gleich unter die Bettdecke. Am liebsten hätte er jetzt mit Molly gesprochen, aber in England war es jetzt Nacht und Molly schlief sicher schon.
Als Jean aus dem Gemeinschaftsbad zurück ins Zimmer kam, sah er Samuel nicht an. »Hast du nicht ein paar Fragen?«, sagte er.
»Vielleicht solltest du mir erzählen, was hier vor sich geht.« Samuel drehte sich zu Jean. Natürlich schwirrten ihm gerade tausend Fragen durch den Kopf.
»Früher oder später würdest du es ja sowieso erfahren. Also, das Goldsuchen ist in diesem Gebiet verboten. Deshalb haben wir die gefälschten Pässe bekommen.«
»Wie interessant. Schön, dass mir das auch mal jemand erzählt.«
»Hätte ich dir das vor dem Flug erzählt, wärst du doch gar nicht mitgekommen.«
»Stimmt, da hast du recht. Warum sollte ich etwas tun, wenn es verboten ist?«
»Dein Vater liebte den Nervenkitzel. Ich dachte, er hätte etwas davon an dich weitergegeben.«
»Wahrscheinlich nicht«, grummelte Samuel. Er war enttäuscht von Jean. Warum hatte er ihn nicht eingeweiht?
Die Stille hing wie ein durchsichtiger Vorhang zwischen ihnen.
»Ich denke, du wirst dann morgen wieder zurückfliegen?«, setzte Jean irgendwann an.
»Ich weiß nicht.« Samuel hatte seine Hände ineinander verschränkt und ließ seine Daumen in der Luft kreisen. Eine innere Stimme drang an sein Ohr. Sie sagte ihm, dass er Jean nicht enttäuschen durfte. Es musste die Stimme seines Vaters sein.
»Okay, ich bleibe. Aber unter einer Bedingung.« Samuel wandte sich Jean zu.
»Und die wäre?«
»Ab jetzt möchte ich in jede Kleinigkeit eingeweiht werden.«
Jean schluckte.
Samuel ahnte, dass er noch mehr zu verbergen hatte.
»Sicher«, sagte Jean schließlich zögernd.
»Gut. Sag mal, können wir Diego vertrauen? Auf mich wirkt er nicht vertrauenswürdig.«
»Aber ja. Er war über Jahre Geschäftsführer. Dieser Mann weiß, wie man sich hocharbeitet. Nun ist er der Boss. Er arbeitet selbst nicht mehr.«
»Wir arbeiten für ihn?« Samuel fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
»Ja, für ein paar Wochen und dann bekommen wir unseren Anteil. Was dachtest du denn?« Jean setzte sich auf.
Samuel fühlte sich etwas unbehaglich. Er schlief mit einem Mann zusammen in einem Zimmer und vor dem Einschlafen sprachen sie über den Tag. So viel redete Samuel sonst nicht einmal mit Molly. »Ich dachte, dass wir beide zusammenarbeiten und jeder seinen Anteil bekommt. Du hast nichts von einem Boss erzählt, der uns einen kleinen Erlös gibt.« Wenn wir den überhaupt kriegen, wollte er noch sagen, doch diesen Satz verschluckte er lieber.
»Wie heißt du eigentlich?«, fragte Jean plötzlich.
Zuerst wusste Samuel gar nicht was Jean von ihm wollte, doch dann ging ihm ein Licht auf. »Jayden Garcĭa. Und du?«
»Ich heiße Tomas Sánchez. Das sind gute Namen.« Jean kratzte sich am Kopf. Sein Haaransatz glänzte leicht gräulich.
»Wer sind eigentlich die Funai? Diego hat sie vorhin erwähnt.«
Jean zuckte mit den Achseln. »Das kann ich dir nicht sagen. Fragen wir Diego morgen«, schlug er vor. »Aber jetzt sollten wir erstmal schlafen.«
Mit den ersten Sonnenstrahlen wachte Samuel auf. Im Bett neben ihm träumte Jean noch schnarchend vor sich hin. Schnell kroch Samuel aus dem Bett und schlich sich zu seinem Koffer. Dort suchte er sich passende Kleidung für die bevorstehende Reise heraus. Dabei fiel ihm ein, dass er seit Jahren einen Notgroschen im Koffer versteckt hielt. Das Geld hatte er damals für den Notfall hineingesteckt und er war froh, dass er das Geld noch hatte.
Die Dielen ächzten unter seiner Last, als Samuel über den Flur taperte und sich ins Bad einschloss. Gestern war er zu müde gewesen, um sich zu waschen. Doch als er sich umsah, hätte er am liebsten kehrtgemacht. Die Dusche war völlig verdreckt, und auf der Toilettenbrille waren Spuren von Urin erkennbar. Samuel hob den Deckel mit dem Fuß an und öffnete seine Hose.
Nachdem er sich erleichtert hatte, stellte er sich unter die Dusche.
Irgendwie fühlte er sich nach der Dusche dreckiger als vorher. Vielleicht, weil sich das Wasser hier anders anfühlte? Aber vielleicht lag es auch daran, dass sich zu Hause Dienstmädchen um die Sauberkeit im Badezimmer kümmerten. Nachdem er sich auch die Zähne geputzt hatte, ging er zurück ins Zimmer.
Jean stand angezogen und mit geschultertem Rucksack am Fenster und beobachtete das Treiben auf der Straße. Kein Autofahrer hielt sich an die Straßenmarkierungen. Jeder fuhr, wie es ihm beliebte und niemanden störte es, wenn wie wild gehupt wurde.
Samuel ging zu seinem Bett, packte die restlichen Sachen in den Rucksack und wartete darauf, dass Jean sich umdrehte.
»Ich musste gerade an meine Liebste denken. Sie mochte das Treiben auf den Straßen.« Jean senkte den Kopf.
»Vater hat mir in seinen Briefen geschrieben, was mit deiner Familie und der Familie deiner Freundin passiert ist.«
»Ja. Sie haben es nicht geschafft. Der Krieg war einfach zu brutal. Ich habe sie sehr geliebt und wollte mit ihr eine Familie gründen.«
»Das tut mir leid«, bekundete Samuel noch einmal sein Beileid.
»Ja, mir auch, und auch das mit deinem Vater. Ich habe im Krieg alles verloren.«
»Hast du nach dem Krieg keine andere Frau kennengelernt?«, fragte Samuel interessiert.
»Leider nein. Florence und ich waren Seelenverwandte. Ich hatte einige Verabredungen, aber ich verglich sie alle mit ihr.«
Samuel verstummte. Es tat ihm leid, wie einsam Jean war und dass er sich nicht früher bei ihm gemeldet hatte. Diese Reise bedeutete ihm sicher sehr viel.
»Wollen wir los? Bestimmt wartet Diego schon auf uns.«
»Ja, gerne.« Jean schloss hinter Samuel die Tür.
Die zehn Männer trafen sich auf dem Parkplatz hinter der Pension. Alle trugen große und zum Teil sicher sehr schwere Rucksäcke.
»Da seid ihr ja, Tomas und Jayden. Nennt euch am besten jetzt so, damit ihr die Namen nicht vergesst«, sagte Diego, der im Tageslicht noch ungepflegter aussah, als in der zwielichtigen Kneipe.
»Ja.« Tomas nickte.
»Das ist Luìz. Luìz wird nach mir euer Ansprechpartner sein. Wenn ihr euch an seine Anweisungen haltet, kann euch nichts passieren.«
Ein dunkelhäutiger Mann mit viel zu großer Kleidung stellte sich neben Diego und nickte. Er sagte irgendetwas auf Französisch, das Jayden nicht verstand.
Tomas lag die Frage nach den Funai auf der Zunge, aber irgendetwas hielt ihn davon ab, sie zu stellen.
»So, los jetzt.« Diego klatschte in die Hände und führte die Gruppe zu einem Kleinbus, der mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr durch den nächsten TÜV kommen würde. Diego und Luìz setzten sich nach vorne, während sich der Rest auf die hintere Bank quetschte. Jayden saß neben Tomas und einer riesigen Maschine, die aussah wie ein überdimensionierter Staubsauger.
»Was ist das?«, fragte Jayden und deutete auf das Ding neben ihm.
»Das ist einer unserer Sauger«, antwortete einer der Männer, der sich José nannte.
»Aha.« Jayden verstand so gut wie kein Wort, denn der Mann sprach ein so undeutliches Englisch, dass es ihm in den Ohren schmerzte. Als sich ihre Blicke erneut trafen, zauberte er ein Lächeln auf sein Gesicht. Doch Jayden musste sich unwillkürlich schütteln, weil dabei zwei verfaulte Zähne zum Vorschein kamen.
Das Auto fuhr durch die Straßen von Boa Vista, bis sie an einer großen Wiese stehenblieben.
»Komm, komm.« Der Mann, der gleich neben der Tür saß, hieß Franck. Er öffnete die Hintertür und ließ alle hinaus. Franck war der Aufpasser. Zeit war Gold. Jede Verzögerung brachte die Kolonne in Verzug.
Ein Helikopter stand schon mit offenen Türen bereit.
Diego reichte dem Piloten nach einigen Worten einen kleinen Sack und winkte die Männer zu sich. »Ich werde in ein paar Tagen nach euch sehen«, sagte er zu Luìz und verabschiedete sich ohne ein weiteres Wort.
Als sich alle übrigen Männer in den Hubschrauber gesetzt hatten, wurde die Tür geschlossen und der Pilot ließ die Maschine abheben.
Jayden wusste nicht, wie weit oder wie lange der Helikopter geflogen war, denn er war eingenickt. Erst als der Motor erstarb und Tomas ihn an der Schulter rüttelte, wachte er auf. Der Jetlag nagte doch mehr an ihm, als er zugeben wollte. Die Männer schulterten ihre Rucksäcke und machten sich für einen Fußmarsch bereit. Der Weg führte sie durch Wald, Geäst und Gestrüpp, bis sich ein Fluss wie ein dunkelblaues Laken vor ihnen ausbreitete.
Mehrere kleine Boote brachten sie weiter flussabwärts. Selbst als die Nacht hereinbrach, paddelte Luìz noch unermüdlich weiter. Es wurde in Etappen geschlafen, so dass immer zwei Männer die Augen aufhalten mussten. Jayden fühlte sich, als hätte er seit Tagen in diesem kleinen Boot gesessen. Seine Glieder wurden immer schwerer und seine Arme spürte er schon gar nicht mehr.
Tomas und Jayden waren froh, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren, nachdem Luìz das Boot endlich ans Ufer gesteuerte hatte. Jayden streckte sich. Er schwankte etwas und wollte sich auf einen umgestürzten Baumstamm setzen, aber Luìz schüttelte den Kopf. Müde lief er den anderen Goldsuchern hinterher. José lächelte erneut und winkte Jayden zu sich.
»Wir sind bald da. Keine Angst. Als ich das erste Mal dabei war, ging es mir genauso.«
Jayden richtete seinen Rucksack.
»Wir sind gleich da«, sagte auch José und lächelte erneut.
Doch offenbar war auf Josés Aussage kein Verlass, denn der Fußmarsch wollte einfach kein Ende nehmen.
3
London, 2014
Der graue Dunst legte sich wie eine dicke Wolke auf die Stadt und machte ihr das Atmen schwer. Ich liebte die graue Welt von London, obwohl es auch genügend sonnige Tage dort gab. Oft habe ich Klassenfahrten nach London organisiert und schon in vielen der eleganten Londoner Hotels gewohnt. Die Stadt war mir also bekannt.
Nie zuvor war es mir jedoch ein Anliegen gewesen, Clark Owen kennenzulernen. Mehr als tausend Fragen dazu verfingen sich wie ein Wollknäuel in meinem Kopf. In meiner Tasche brannte der Brief. Er war der Schlüssel zu meiner Herkunft.
Ich atmete noch einmal tief durch.
Natürlich kannte ich nicht jeden Winkel dieser wunderschönen Stadt, aber ich bemühte mich, allein zurechtzukommen. Unter dem Terminal 5 befand sich die Subway-Station von Heathrow. Dort stieg ich in die Piccadilly Line ein. Ich musste meinen Arm ganz lang machen, um an einen der Handgriffe an der oberen Stange heranzukommen. Links und rechts quetschten sich Männer und Frauen an mir vorbei. Viele Geschäftsleute mit Aktentaschen und hektischen Blicken auf ihre Uhren, schlossen sich bei jedem Halt der Subway dem Strom von Menschen an. Ich musste erst am Piccadilly Circus aussteigen und hatte daher Gelegenheit, noch einmal dem Treiben zuzusehen, bevor ich selbst ein Teil davon wurde.
»Zum Glück habe ich meinen Koffer in einem Schließfach auf dem Flughafen gelassen«, dachte ich, als ich mich aus den Klauen der Bahn befreit hatte. Meines Wissens befand sich diese Station fast einunddreißig Meter unter der Erde. Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass all dies von Menschen erschaffen wurde.
Auf der Rolltreppe stellte ich mich ziemlich weit nach rechts, denn für eilige Menschen war die linke Seite reserviert. Ununterbrochen gingen Geschäftsleute oder andere Reisende auf der linken Seite der Rolltreppe hinauf und hinunter.
Das Tageslicht begleitete mich auf den Straßen, bis die Häuser allmählich zu hoch wurden und die Sonne immer wieder für kurze Momente hinter den Mauern verschwand.
Als der Soho Square in Sicht kam, verkrampften sich meine Eingeweide. Meine Atmung wurde schwerer und ich hasste meine Mutter dafür, dass sie jetzt schon von mir gegangen war. »Warum?«, dachte ich und hätte am liebsten wieder losgeheult. Sie war meine engste Vertraute gewesen und hatte mich doch all die Jahre getäuscht.
Bevor ich zu dem Haus ging, in dem mein Vater gewohnt hatte, oder noch wohnte, machte ich noch einen Abstecher in den kleinen Park. Allerdings war hier alles viel größer als bei uns in Schleswig-Holstein. Ich schmunzelte, als ich die vielen Skulpturen von Bruce Denny auf den Grünflächen sah. Besonders »The Conversion of St. Paul« hatte es mir angetan. Ein Reiter auf einem steigenden Pferd. Die eine Hand hielt er in die Luft, als schütze er seine Augen vor der Sonne. Aber das war nur eine Vermutung meinerseits. Ich schlenderte weiter und traf auf die Statue »Charles II«. Er stand vor einem kleinen Knusperhäuschen. Sicher hätte es auch ein Toilettenhäuschen auf Sylt sein können, aber es passte in diesen Park, wie das Holstentor zu Lübeck.
Auf einer der Bänke in der Nähe versuchte ich zu entspannen. Die Reise nach Hamburg, der Flug und die Fahrt mit der Piccadilly Line hatten ihre Spuren hinterlassen. Hätte ich mich in diesem Moment zurückgelehnt, wäre ich eingeschlafen.
Ich holte den Brief aus der Tasche und nahm das Foto aus dem Umschlag. Vielleicht würde ich darauf irgendwelche Hinweise finden. Aber nichts. Es brachte kein Licht ins Dunkel.
Der Ring, den ich extra in eine Seitentasche getan hatte, musste ein Erbstück gewesen sein. Ein romantischer Ring, Silber oxydiert, mit einem herzförmigen roten Stein. Ich setzte ihn auf meinen Finger und hielt meine Hand ein Stück in die Luft.
»Wirklich hübsch«, murmelte ich und setzte ihn wieder ab. Wenn meine Mutter ihn nicht hatte tragen wollen, dann sollte ich ihn erst Recht nicht aufsetzen.
Es nieselte. Ich tat alles zurück in meine Tasche und machte mich auf den Weg zu den gegenüberliegenden Häusern. Ein kleiner Pub mit einer roten Reklametafel weckte meine Aufmerksamkeit. Auf dem Schlüsselanhänger war das gleiche Emblem abgedruckt wie auf dem Schild am Pub. Also musste eine Verbindung zwischen der Kneipe und meiner Mutter bestehen. Doch was sollte meine Mutter in einer Bar gemacht haben? Ich suchte nach der Hausnummer und begriff erst später, dass neben dem Pub eine Treppe zu einer Haustür hinaufführte. Ich nahm jede Stufe mit einem lauten Herzschlag.
Auf dem Klingelschild stand wirklich Owen.
Kurz bevor ich läutete, atmete ich noch einmal tief durch.
»Hallo«, sagte eine freundliche Stimme.
Dieser englische Dialekt war einfach zu entzückend.
Ich lächelte der jungen Frau entgegen. »Hallo.«
Als Englischlehrerin sollte mir das Sprechen dieser Sprache keine Schwierigkeiten bereiten, aber offenbar befanden sich gerade alle englischen Wörter auf Wanderschaft. Kurz gesagt, ich bekam keinen ganzen Satz zustande. Deshalb hielt ich ihr einfach den Brief unter die Nase.
»Hier.« Ich befahl mir, Ruhe zu bewahren, doch ich konnte sie kaum hören, so sehr pulsierte das Blut in meinen Adern.
»Was ist das? Was wollen Sie von mir?« Die junge Frau mit den großen Augen und dem dunklen Wuschelkopf zog die Augenbrauen merklich zusammen.
»Ich suche Clark Owen«, brachte ich mühsam hervor.
»Kenne ich nicht. Bitte gehen Sie«. Die Frau drückte mir den Brief wieder in die Hand und schloss ohne ein weiteres Wort die Tür.
Perplex blieb ich für einen Moment auf dem Podest vor der Tür stehen. Erst nach einer Weile stieg ich langsam die Treppe herab. Unten hielt ich an und blickte durch die dicken verdunkelten Gläser des Pub.
Drinnen war es schummrig, aber gemütlich. Frauen konnte ich nicht erkennen. Vielleicht kamen sie erst später. Einige Männer, die sicher schon seit dem Morgen am Tresen saßen, hielten ihr Bierglas fest in der Hand.
Sollte ich hineingehen und mich nach Clark Owen erkundigen? Oder lieber wieder gehen? Ein Blick auf die Uhr nahm mir die Entscheidung ab. Ich musste schleunigst zurück zur Piccadilly Line, mein nächster Flieger würde schon bald starten. Hektisch brach ich auf.
4
»Herzlichen willkommen in Newcastle!« stand auf der Ankunftstafel über dem Flughafenausgang. Jetzt musste ich mich nur beeilen, den Busbahnhof zu erreichen, damit der Bus nicht ohne mich losfuhr.
Der Bus brauchte länger als geplant. Mehrere Baustellen brachten den Verkehr ins Stocken, außerdem zählte ich drei Traktoren, denen wir hinterherschleichen mussten.
Es war schrecklich. Kein Fenster ließ sich öffnen und die Luft im Bus war drückend heiß. Mir lief der Schweiß über die Stirn. Dann, endlich hielt der Bus an und ich konnte aussteigen.
Ein Häuschen stand am Wegesrand. Es schien, als würde jemand darin wohnen. Vielleicht der Wachmann, wenn es einen gab. Ich nahm mein Gepäck und machte mich zu Fuß auf den letzten Rest des Weges.
Schon jetzt war mir klar, dass hier nicht irgendjemand als Gärtner beschäftigt war. Die Rosen blühten in voller Pracht, und die Hecke, die mich zum großen Herrenhaus geleitete, war absolut exakt geschnitten. Kein Blatt lag unordentlich oder war zu lang. Ich folgte dem Kiesweg bis zu einem schmiedeeisernen Tor, das von zwei hohen Buchsbäumen eingerahmt war. Das Haus, im georgianischen Stil gehalten, lächelte mir ein Willkommen entgegen. Ich konnte den Wein riechen, der sich wie eine Schlange an der Fassade emporschlängelte. Die großen Schiebefenster und die breite Haustür spendeten genügend Licht für die prächtigen Räume. Ich hatte schon viele Hotels und Pensionen besucht, aber dieses Haus war eindeutig das prächtigste.
An der Tür fing mich die Hausherrin ab. »Guten Tag. Sie müssen Mrs. Andrea Grewe sein?« Sie zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen.
Ich nickte, dabei musterte ich die Frau. Sie musste in meinem Alter oder etwas älter sein, denn ihr Lächeln ließ Falten erkennen, die sie unter ihren Haaren zu verstecken versuchte.
»Ich hoffe, dass Sie gut hergefunden haben. Wir haben ein wunderschönes Zimmer für Sie hergerichtet. Sie sagten, dass Sie uns im August erneut mit Ihrer Schulklasse besuchen werden?« Die Dame ging zur Rezeption und blickte in ihr Buch.
»Ja.« Etwas anderes wagte ich im Moment nicht zu sagen. Wie hätte ich es ihr auch erklären können? Sie hätte sich kaum dafür interessiert, dass meine Mutter gestorben war und ich meinen Vater nicht kannte.
»Matthew wird Sie gleich auf ihr Zimmer bringen. Falls Sie etwas benötigen, zögern Sie nicht, nach Sophia zu fragen.« Sie legte ihre rechte Hand auf ihre vollbusige Brust. Mir fiel auf, dass sich an ihrem Ringfinger bis vor kurzem noch ein Ring befunden haben musste. Ein schmaler, weißlicher Streifen zeichnete sich auf der ansonsten gebräunten Haut ab.
»Danke.« Ich legte meine ausgedruckte Buchungsbestätigung auf den Tresen.
»Zum Datenabgleich bräuchten wir noch Ihren Personalausweis. Außerdem werden wir Ihr Konto mit 50 Pfund belasten.«
»Warum?« Ich zog die Stirn in Falten.
»Wegen der Minibar. Selbstverständlich werden wir Ihnen das Geld gutschreiben, wenn Sie nichts aus der Bar nehmen.«
»Ach so, natürlich, kein Problem.« Ich zog meine Kreditkarte aus dem Portemonnaie und gab sie Sophia.
»Danke.« Sophia nahm meine Karte und zog sie durch ein Lesegerät. Danach reichte sie sie mir zurück und lächelte kokett. »Bitte sehr. Haben Sie einen schönen Aufenthalt. Und falls sie etwas benötigen, lassen Sie es mich wissen.«
»Oh je«, dachte ich, »wie soll ich das bloß im August mit meiner Klasse überstehen?«
Sophia winkte einen jungen Mann heran und wies ihn an, mich auf mein Zimmer zu begleiten. Natürlich nahm er, wie es sich für einen Pagen gehörte, meinen Koffer.
Wir fuhren mit einem Fahrstuhl in den ersten Stock. Dabei hatte ich genügend Zeit, Matthew, so hieß der Page, wie sein Namensschild mir verriet, zu mustern. Er war ein Latino. Braungebrannte Haut, schwarzes Haar und ein charmantes Lächeln.
Er musste etwa halb so alt sein wie ich, denn er wirkte noch sehr kindlich. Vielleicht war er ein Adoptivsohn von Mrs. Sophia. Oder aber nur ein einfacher Arbeiter, der seine Frau und seine Kinder ernähren musste. Der Fahrstuhl hielt an und öffnete seine Türen. Matthew führte mich zu einem Zimmer im ersten Stock.
Der Ausblick war gigantisch. Eine wunderschöne Landschaft, an der ich mich nicht sattsehen konnte. Sophia musste mir das beste Zimmer gegeben haben, denn der Blick reichte bis zum Barmburgh Castle. Dort hatte ich für meine Klasse schon einen Besichtigungstermin vereinbart. Ich fragte mich, ob meine Mutter schon einmal hier gewesen war und strich mir durchs Haar. »Ähm, Matthew. Gibt es hier einen Internetzugang?«
»Ja, natürlich. Fragen Sie bei Miss Sophia nach dem WLAN-Schlüssel.«
»Ja, danke.« Ich griff nach meinem Portemonnaie und suchte etwas Kleingeld, um es Matthew zu geben. Danach schloss ich die Tür von innen und setzte mich auf das Korbsofa mit den cremefarbenen Kissen. Auf der Tapete waren zitronengelbe Blümchen abgebildet. Es passte alles perfekt zusammen!
Und ich war mittendrin. Es war kein Traum, ich war wirklich hier.
Nach dem Auspacken ging ich in die Dusche im angrenzenden Bad. Das heiße Wasser, das auf meinen Rücken prasselte, stimmte mich ruhiger. Nach der Dusche knetete ich meine Haare mit dem Handtuch trocken und genoss den Ausblick auf Northumberland.
Eine Stunde später ging ich zur Rezeption, um Sophia zu suchen.
»Hallo, Andrea. Was kann ich für Sie tun?« Sie lächelte.
»Ich wollte nach dem WLAN-Schlüssel fragen. Bei dem schönen Wetter möchte ich nach draußen auf die Terrasse.« Ich nickte mit dem Kopf Richtung Tür.
»Ja, warten Sie.« Sophia suchte in einem Buch nach dem Pin-Code und schrieb mir die Nummer auf.
»Danke.«
»Gern geschehen.«
Ich folgte dem Duft von Rosen, Lavendel und weiteren wunderschönen Blumen hinaus in den Garten. Eine schmiedeeiserne Bank stand unter einem breiten Apfelbaum. Genau der richtige Platz für mich. Mit drei großen Schritten war ich bei der Bank und machte es mir darauf bequem. Mein Blick glitt über den Rest des Grundstücks. Meine Mutter hätte sich hier nicht sattsehen können. Damals hatten wir einen kleinen Schrebergarten, den wir aber schon bald aus Zeitmangel aufgeben mussten.
Ihre Gemüsebeete und ihre Blumen hatte sie immer vermisst.
Bei diesem Gedanken verirrte sich eine Träne auf meiner Wange, die ich sofort wegwischte, als ich hinter mir ein Summen hörte. Neugierig drehte ich den Kopf, so gut es ging. Ein Mann, ich schätzte ihn auf Mitte fünfzig, fuhr mit einem Rasenmäher über den Kiesweg. Ich fand, dass der Rasen vorbildlich aussah und verstand nicht, warum er ihn mähen wollte. Bevor der Mann den Motor anstellte, schaute er sich um. Unsere Blicke trafen sich. Ich drehte mich wieder weg und wünschte mir, unsichtbar zu sein. Aber sofort näherten sich Schritte und meine Wangen begannen zu glühen.
»Hallo«, sagte der Gärtner
»Hallo.« Sei kein Kind, rügte ich mich und atmete tief durch, bevor ich mich ihm zuwandte. Was dachte er bloß über mich?
Er lächelte, bevor er mir die Hand reichte. »Christopher Collins.«
»Andrea Grewe.« Ein verlegenes Lächeln huschte mir über die Lippen.
»Sie kommen nicht aus England?«
»Nein, ich komme aus Deutschland.«
»Oh, wirklich? Ich war auch schon mal dort. Hat mir sehr gut gefallen.«
»Ja, es ist schön dort, aber hier ist es auch wunderschön. Ich liebe den Garten. Sind Sie hier der Gärtner?«
»Ja, schon.« Christopher legte sich vor Lachen die Hand auf den Bauch. »Eigentlich bin ich einer der Eigentümer, doch nach der Trennung von meiner Frau ...«
»Oh, das tut mir leid.«
»Das muss es nicht. Mir ist es nur ein Rätsel, warum Frauen im reifen Alter sich so oft jüngere Partner angeln.« Er kratzte sich an der Schläfe.
»Bestimmt aus dem gleichen Grund, aus dem Männer es tun«, antwortete ich unbekümmert.
»Mm.« Darauf wusste er nichts mehr zu sagen.
»Also sind Sie rein rechtlich immer noch der Eigentümer. Aber sicher denken viele, dass Sie nur der Gärtner dieses wunderschönen Anwesens sind.«
»Genau so sieht's aus.«
»Dann ist Sophia Ihre geschiedene Frau?«
Christopher schaute zum Haus zurück. Seine blaugrauen Augen wirkten traurig. »Wissen Sie, dass das Haus vor Jahren im Besitz eines Lords war?«
»Nicht schlecht. Ich muss Ihnen sagen, dass ich die Gartenanlage einmalig finde. Es ist ein Ort zum Entspannen. Wunderschön!«, betonte ich nochmals.
»Danke. In jungen Jahren habe ich eine Ausbildung im Garten-und Landschaftsbau gemacht. Erst danach habe ich beschlossen, noch eine weitere Ausbildung in der Gastronomie zu machen.« Er lächelte verschmitzt.
»Das finde ich toll. Ich bin Englisch- und Kunstlehrerin.«
»Das ist bestimmt anstrengend.«
»Manchmal. Aber solange es Spaß macht.« Ich rutschte auf der Bank an die Lehne. »Möchten Sie sich nicht setzen.« Mit der freien Hand, die nicht das Netbook festhielt, klopfte ich auf den Platz neben mir, als würde ich einen Hund ermutigen, auf die Bank zu hüpfen.
»Sehr gerne. Danke.« Er setzte sich, beugte sich etwas vor und verschränkte die Finger. »Sind Sie ganz alleine hier?«
»Ja, ich brauche ein bisschen Zeit für mich.« Ich klappte das Netbook zu und legte die Hände darauf. »Manchmal braucht man Zeit, um Dinge im Leben zu verarbeiten.« Ich musterte Christopher. Sein schwarzes Haar, das sich an den Seiten schon merklich grau färbte und die Ruhe, die er mir gegenüber ausstrahlte. Sofort hatte ich das Bedürfnis, ihm mitzuteilen, warum ich auf der Insel war. »Ich ...«
»Haben Sie ...«
Wir begannen gleichzeitig, weiterzusprechen und mussten unwillkürlich lachen.
»Sie zuerst«, sagte Christopher.
»Nein, bitte.«
»Okay, ich gebe mich geschlagen. Also, haben Sie auch eine Trennung hinter sich, wenn ich fragen darf?«
»Jein, also schon irgendwie.« Ich schniefte kurz, was Christopher bemerkte.
»Was ist geschehen?« Er wandte sich mir zu. Für einen kurzen Moment hoffte ich, dass er seine Arme um mich schlingen würde, doch das tat er nicht. Deshalb versuchte ich, meine Tränen schnell wegzuwischen.
Christopher legte eine Hand auf meine Schulter.
»Ich, ich habe ...« Ich bekam keinen Satz heraus. Ich räusperte mich, schluckte und begann die Worte zu sortieren. »Ich habe meine Mutter verloren. Sie ist vor drei Wochen gestorben.«
»Oh, mein Beileid.«
Ich spürte, wie schnell Christopher sich in meiner Gegenwart unwohl fühlte. Vielleicht konnte er mit solchen Nachrichten nicht umgehen. Womöglich hatte er Angst, die Menschen mit falsch gewählten Worten zu verletzen. »Unter ihrem Bett habe ich eine Kiste mit persönlichen Dingen gefunden«, sprach ich trotzdem weiter. »Unter anderem einen Brief, in dem sie damals meinem leiblichen Vater mitteilte, dass er eine Tochter hat. Aber der Brief kam mit der Aufschrift ›Empfänger verzogen‹ wieder zurück.«
»Oh, je. Und was wollen Sie jetzt tun?«
»Ich war bei der Adresse. Auf dem Klingelschild stand der Name Owen, der Nachname meines Vaters. Aber eine Frau war an der Tür. Mit ziemlicher Sicherheit wusste sie etwas, aber sie stellte sich unwissend.« So, jetzt war raus, was es zu sagen gab. Mir fiel ein Stein vom Herzen.
»Das klingt sehr interessant. Warum denken Sie, hat Ihre Mutter Ihnen den Vater vorenthalten?«
»Ich weiß nicht.« Ich zuckte mit den Achseln. »Vielleicht hat sie sich geschämt. Sie hat mir immer erzählt, dass mein Vater noch vor meiner Geburt gestorben ist.«
»Vielleicht wollte Ihre Mutter Sie aber auch schützen?« Christopher legte einen Finger an die Lippen.
»Keine Ahnung.« Erneut zuckte ich mit den Achseln.
»Ich könnte doch mal nach ihm googeln. Natürlich nur, wenn Sie es wollen.«
»Ja, das wäre sehr nett.«
Hatte ich ihm jetzt zu viel über mich verraten? Ich war mir nicht sicher, doch musste ich mich in meiner Trauer jemanden anvertrauen und dieser Christopher wirkte Vertrauenswürdig.
Euphorisch stand Christopher auf. »Aber vorher muss ich noch den Rasen mähen. Bis nachher.«
Ein interessanter Mann, dachte ich mir.
5
Amazonien, 1993
Erst die Laute des Regenwaldes, die an ihre Ohren drangen, verrieten Jayden und Tomas, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Von dem schönen Wald, in dem sie gerade noch über große Pflanzen gestiegen und über Baumwurzeln auf dem Boden gestolpert waren, war nichts mehr zu sehen. Es war, als wäre die Gruppe in eine fremde Welt eingetaucht. Eine abgeholzte Fläche kam zum Vorschein, am Wegesrand standen kleine Baracken und in der Mitte große Maschinen.
»So, Männer, wir sind da«, sagte Luìz stolz.
Worauf konnte man hier stolz sein, fragte sich Jayden und rieb sich das Kinn. Doch er war froh, angekommen zu sein.
»Wir werden euch schnell einarbeiten und schon bald seid ihr auch geschätzte Goldsucher.« Luìz klopfte Tomas auf den Rücken und winkte sie weiter. »Hier drin schlaft ihr. Dort drüben, hinter dem Hügel, ist der Fluss. Dort holen wir unser Trinkwasser und waschen uns. Unsere Arbeit hier dauert noch etwa ein bis zwei Wochen, dann ziehen wir weiter. Ihr könnt euch also überlegen, ob ihr bei der nächsten Grube wieder dabei seid oder ob ihr hier warten wollt, bis Diego kommt und euch euren Anteil gibt. Den Rückflug müsst ihr allerdings selbst bezahlen und Diego das Gold für den Hinweg geben.«
»Wieso müssen wir ihm etwas geben?«, fragte Jayden. Er nahm seinen Rucksack von den Schultern und stellte ihn zwischen seine Füße.
Luìz lachte. »Denkt ihr, Diego schenkt euch den Hinflug? Er hat fünfzehn Gramm Gold bezahlt. Das heißt, ihr müsst mindesten dreißig Gramm verdienen, um hier wegzukommen.« Er lächelte und entblößte dabei einen Goldzahn.
Die ersten Tage bei den Garimpeiros, so wurden die illegalen Goldsucher auch genannt, waren ziemlich anstrengend. Jayden war dafür zuständig, die Goldteppiche, die auf den selbstgebauten Holztreppenstufen liegen blieben, vorsichtig im Wasser auszuspülen. Dafür warf er eine Handvoll Schlamm mit etwas Wasser in einen V-förmigen Trog. Er schüttelte den Trog so stark hin und her, dass Sand und Wasser herausgeschleudert wurden und nur der schwere Goldstaub übrigblieb. Danach wurde das Gold mit Quecksilber vermischt. Das Gold verband sich mit dem Quecksilber. Mit dem Bunsenbrenner wurde dann die Gold-Quecksilber-Legierung erhitzt. Das giftige Quecksilber verdampfte und stieg in die Luft. Jayden wusste nicht, dass das Quecksilber schwerer war als Luft und irgendwann wieder auf die Erde zurückkam. Dabei zerstörte es die Natur und vergiftete das Wasser.
Zwei Monate waren vergangen und Jayden verrichtete seine Arbeit mittlerweile im Schlaf. Während dieser Zeit hatten die Goldsucher mehrmals die Piste gewechselt, immer am Flussufer entlang.
Tomas half beim Baumfällen und beim Verbrennen. Gelegentlich durfte er auch mal den Hochdruckwasserstrahl bedienen, der das Erdreich aufriss. Während Tomas immer mehr Engagement zeigte, verlor Jayden langsam die Lust an der Goldsuche. Seine Arbeit war langweilig. Oft saß er nur herum und wartete, bis Luìz das Zeichen zum Teppichkehren gab. Dann begann er mit seiner Arbeit und schüttelte den Trog. Tomas machte ihm jede Nacht Mut. Er sagte, es gebühre nur wenigen Menschen, das Gold herauszuwaschen, aber Jayden hörte kaum noch zu. Nachts fand er keinen Schlaf, er musste immerzu an Molly und die Kinder denken. Vermissten sie ihren Vater schon? Seine Gedanken kreisten um seine Familie.
Wie jeden Morgen wurde Jayden vom Lärm des Lagers aus seinem leichten Schlaf gerissen. Er gähnte, streckte sich und machte sich langsam zum Flussufer auf. Dort traf er mittlerweile auf weitere Goldsucher. Von Grube zu Grube wurden es mehr. Mit einem kleinen Handtuch, das Luciano täglich wusch, ging Jayden in den Fluss und fuhr sich mit dem kalten Wasser über den Körper. Neben sich hörte er die Männer Portugiesisch sprechen. Sie lachten und Jayden wusste, dass sie über ihn sprachen. Nur wenige konnten hier Englisch oder Französisch. Tomas hatte ebenfalls Schwierigkeiten, sich zu verständigen, obwohl er einige Sätze Portugiesisch sprach.
Während sich die anderen Männer nach dem Frühstück an die Arbeit machten, ging Jayden etwas spazieren. Es war noch Zeit, bis der Goldteppich aufgekehrt werden musste. Schon lange hatte er nicht mehr den Duft des Dschungels in der Nase gehabt oder seine Geräusche gehört. Aber die lauten Motoren und der Ölgestank benebelten seine Sinne.
Jayden schlängelte sich zwischen den hohen Stämme einiger Amazonas-Zedern hindurch. Alte große Bäume streckten ihre Wurzeln aus dem Boden, so dass er oft aufpassen musste, wo er hintrat. Würde hier die nächste Grube sein, fragte er sich stumm und bücke sich, um mit der Hand über eine Wurzel zu streichen.
Ein fremdes Geräusch drang an sein Ohr. Es erinnerte ihn an seine Kinder, Skye und Faith, wie sie damals mit Wasserpistolen durch den Garten gelaufen waren. Ihr wunderbares, fröhliches Lachen hatte seinen Tag erhellt. In solchen Momenten wusste er, warum das Leben so lebenswert war.
Die Neugier ließ ihm keine Ruhe und Jayden beschloss, diesem Geräusch zu folgen. Vorsichtig schob er sich an fremdartigen Pflanzen vorbei, immer auf der Hut, denn welche Pflanzen giftig waren und welche nicht, hätte ihm nur ein Scout sagen können.
Als Jayden die letzten großen Blätter vorsichtig zur Seite schob, blieb ihm die Spucke weg. Die Sonne stand hoch am Himmel und tauchte den Fluss in goldene Diamanten. Sein Blick wanderte zum anderen Ufer. Dort stand eine Gruppe dunkelhäutiger Frauen. Von einigen war nur der Kopf über der Wasseroberfläche zu sehen. Die älteren Frauen trugen drei symmetrische Schmuckstifte in der Unterlippe. Alle trugen eine Art Ponyfrisur. Sie wuschen sich und spritzen sich nass. Die Gruppe hatte Spaß.
Jayden konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Aber wussten sie nicht, dass der Wald und die Tiere gefährlich waren? Er war drauf und dran, hinüberzuschwimmen, als ihm einfiel, dass er mal einen Artikel über die Ureinwohner Brasiliens gelesen hatte. Jayden ging einige Schritte zurück, da stolperte er über eine Wurzel und landete auf dem Boden. Er wollte laut »Aua« rufen, aber dann würden ihn die Frauen hören und wahrscheinlich die Krieger holen. Deshalb biss er sich auf die Unterlippe und stand leise mit einem schmerzenden Fuß auf. Er musste sich den Knöchel verstaucht haben, denn bei jedem Schritt schmerzte es fürchterlich. Jayden musste sich zusammenreißen.
Doch egal was er tat, die Männer würden wieder über ihn reden und ihn als »Mädchen« bezeichnen. Das hatte Tomas Jayden gestern vor dem Einschlafen gesteckt. Die Arbeiter meinten, er mache keine richtige Männerarbeit, denn den Krug schütteln könnten schließlich auch Frauen. Aber was dachten die hart arbeitenden Männer dann über Luciano?
Obwohl er nicht wusste, wo er war, fand Jayden schnell den Weg zurück ins Lager. Es war auch nicht zu verfehlen, denn Lärm und beißender Geruch von Maschinen und Öl hing in der Luft wie der Nebel am Morgen.
Pünktlich stand Jayden an seinem Platz und tat seine Arbeit. Immer unter Beobachtung von Luìz. Manchmal kam dieser ihm so nah, dass Jayden seinen Schweiß riechen konnte, und davon wurde ihm schlecht.
Nachdem er seine Arbeit beendet hatte, setzte sich Jayden in seine Baracke, die er sich mit Tomas, José, Franck und Luciano teilte. Die fünf kleinen Schlafplätze in der Hütte waren so unbequem, dass Jayden schon nach der ersten Nacht einen steifen Rücken gehabt hatte. Eigentlich war ihm nicht bewusst, dass er schon seit Monaten von der Zivilisation getrennt war. Anfangs hatte er geglaubt, dass Tomas und er abends wieder zurück ins Hotel fahren würden, doch die Illusion wurde ihm schnell genommen.
Er fühlte sich unwohl. Jeden Tag die gleiche Arbeit, der gleiche Geruch und die gleichen Menschen. Jayden war sich bewusst, dass ihn die Goldsucher nicht mochten, dann dachte er an seinen Vater und das Versprechen, welches er Jean gab.
Jedes Mal, wenn er einen Helikopter am Himmel sah, pochte sein Herz schneller.
Mehr Goldsucher - im Urwald-, bedeutenden bessere Geschäfte für die Piloten, daher überflogen sie täglich mehrmals den Regenwald.
»Wo warst du heute?«, fragte Tomas leise, als sich alle schlafen gelegt hatten.
Was sollte er seinem Freund sagen? Dass er doch verweichlicht war und sich aus dem Staub gemacht hatte? Oder sollte er ihm die Lüge auftischen, dass er den Dschungel erkundet hatte, um eine neue Stelle für eine Grube zu suchen. Egal was er sagte, Tomas würde ihm beide Varianten sowieso nicht glauben.
»Ich war ...« Jayden holte noch einmal tief Luft. »Ich war im Wald. Am Flussufer habe ich eine Entdeckung gemacht.«
»Aha, und die wäre?« Tomas drehte sich zu Jayden.
Während die beiden sich unterhielten, schnarchten die anderen Goldsucher.
»Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, dass ich die brasilianischen Ureinwohner gesehen habe.«
»Nein, das kann nicht sein«, gähnte Tomas. Seine Augen wurden kleiner und er war schon fast eingeschlafen.
»Ich habe mir das bestimmt nicht eingebildet«, murmelte Jayden und drehte sich auf den Rücken.
Am darauf folgenden Morgen verschlief Jayden und wurde von Luìz lautstark geweckt. Dabei standen die anderen Goldsucher um Jaydens Schlafplatz herum und lachten. Gähnend stand er auf und rieb sich die Augen.
»Entschuldigung.« Er kratzte sich am Hinterkopf.
»Alles in Ordnung?«, fragte José, während die anderen sich wieder ihrer Arbeit widmeten.
»Ja, klar.«
»Okay, das ist gut.« José klopfte ihm auf die Schulter. »Dann komm, es gibt genug zu tun.«
»Ja.« Jayden atmete tief durch.
Nachmittags, als die Sonne am höchsten stand, trat Tomas zu Jayden. Sein Hemd war von Schweiß durchtränkt. Schnaufend stemmte er in gebückter Haltung die Hände auf die Knie.
»Du, ich hab nochmal über das, was du mir gestern erzählt hast, nachgedacht.«
»Okay«, sagte Jayden und wartete.
»Ich glaube dir.«
»Ach, und warum auf einmal?«
»Ich habe Franck gefragt und der hat mir bestätigt, dass hier im Amazonasgebiet Indianer wohnen.«
Deshalb ist das Goldsuchen illegal, dachte Jayden und musste an die armen Menschen denken, deren Zukunft in ihren Händen lag.
»Führst du mich zu der Stelle, wo du die Indianer gefunden hast?«, fragte Tomas.
»Ich weiß gar nicht mehr genau, wo das war.« Natürlich wusste Jayden den Weg, aber er wollte das Wissen darüber für sich behalten. Es sollte ein Ort der Ruhe bleiben.
»Ach, komm schon.« Tomas legte eine Hand auf Jaydens Schulter. »Ich erzähle es auch keinem.«
Jayden haderte mit sich. Sollte er Tomas doch zu der Stelle bringen, wo er die Indianerfrauen beobachtet hatte? »Na, gut.« Was sollte denn Schlimmes passieren? Tomas war schließlich ein Freund seines Vaters.
Jayden ging, als wäre er nie einen anderen Weg gelaufen. Schnell und bestimmt nahm er jede Kurve, bis er die letzten Blätter der breiten Büsche zur Seite schob und der Fluss in Sicht kam.
Doch was die beiden sahen, verschlug ihnen den Atem.
6
Northumberland, 2014
Am nächsten Morgen setzte ich mich an einen kleinen runden Marmortisch auf der Terrasse hinter dem Hotel. Die ersten Sonnenstrahlen fielen auf die beigen Betonplatten, und die Vögel zwitscherten eine Frühstücksmelodie. Am Buffet lernte ich einige nette Gäste kennen, die schon seit ein paar Tagen im Hotel wohnten und mir Tipps für den Tag gaben. Als ich an meinen Tisch zurückkam, hatte ich eine Menge Sehenswürdigkeiten in der Tasche.
»Guten Morgen«, sagte eine bekannte Stimme.
Ich erschrak und verschluckte mich an meinem Cappuccino. Als ich zu Husten anfing, spürte ich eine Hand auf dem Rücken. Ich drehte mich um und blickte in die blaugrauen Augen von Christopher. »Oh, guten Morgen.« Ich bat ihn, neben mir Platz zu nehmen.
»Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen?« Christopher verschränkte die Arme auf dem Tisch und lächelte mich an.
»Ja, doch, sehr gut.« Kokett strich ich mir eine meiner Korkenzieherlocken aus dem Gesicht.
»Das ist gut, denn heute habe ich mir Zeit genommen, um Ihnen zu helfen. Ich brauche nur einige Informationen von Ihnen.«
»Okay.« Ich war sprachlos.
»Mm.«
»Sag etwas, sag etwas«, flüsterte mir meine innere Stimme zu. »Ein fremder Mann bietet dir seine Hilfe an und du sitzt hier herum und überlegst noch?« Meine Gedanken spielten verrückt.
»Ist alles in Ordnung?« Christopher legte den Kopf schief.
»Oh je, jetzt fragt er schon«, drehten meine Gedanken sich weiter. Warum konnte ich mich jetzt nicht entscheiden? Wollte ich überhaupt, dass mich jemand bei meinem Vorhaben unterstützte? Ich war mir nicht mehr sicher. Allerdings hätte ich mir diese Frage ebenso gut sparen können. Gestern hatte ich die Weichen in der Hand gehabt und nun stellten sie sich von selbst. »Was immer Sie wissen wollen.«
Ich verzog meine Lippen zu einem Lachen.
»Das ist gut. Ich dachte schon, Sie hätten Ihre Meinung geändert.«
»Aber nein.« Ich legte meine Hand auf die Brust und tat so, als hätte ich niemals daran gedacht, meine Meinung zu ändern. »Die Tasche und die Sachen meiner Mutter sind allerdings in meinem Zimmer.«
»Das macht doch nichts. Wir können uns in zwei Stunden an der Bank unter dem Apfelbaum treffen. Sie bringen die Sachen mit und ich schaue, wie ich Ihnen helfen kann.«
»Okay.« Ich nickte.
Zwei Stunden später sah ich mit klopfendem Herzen Christopher am Treffpunkt auf der Bank sitzen.
Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und seinen Kopf in die Wiege seiner Hand gelegt. Ich blieb stehen, um ihn genauer zu betrachten. Er sah wirklich gut aus, so wie er da saß und über den Rasen blickte.
»Hallo, entschuldigen Sie meine Verspätung«, sagte ich und setzte mich neben ihn auf die Bank.
»Kein Problem. Jetzt, da wir zusammen arbeiten, dachte ich, also ich bin Christopher.«
Er reichte mir die Hand.
»Ich bin Andrea.«
»Sehr erfreut. Also, dann zeig mal, was du hast.«
Ich reichte ihm den Karton, den er so behutsam öffnete, als wäre der Inhalt eine Bombe.
»Wunderschön«, sagte er, nachdem er den Umschlag herausgenommen hatte. »Das Briefpapier ist einfach schön. Überhaupt war die Zeit damals ganz anders. Wer zum Teufel schreibt heute noch Liebesbriefe oder Ansichtskarten aus dem Urlaub? Ich muss gestehen, dass ich es selbst auch nicht tue.«
»Lies ihn. Ich würde sagen, dass es nicht gerade ein Liebesbrief ist. Ich glaube, dass meine Mutter zu dem Zeitpunkt ziemlich sauer war.«
»Okay.« Christopher öffnete den Umschlag und nahm den Brief aus dem Kuvert. Dann faltete er ihn auseinander und begann zu lesen.
Angespannt saß ich neben ihm. Meine Hände waren triefend nass. Ich war neugierig auf seine Reaktion. Was würde Christopher über diesen Brief denken?
»Ich muss dir recht geben. Ich glaube, dass deine Mutter verletzt war, vielleicht auch überfordert und deshalb diesen Brief geschrieben hat.«
»Das könnte sein, denn ich war schon geboren. Eigentlich erzählt man dem Partner doch sofort von der freudigen Überraschung, oder?«
»Ja.« Christopher legte seinen Daumen unter das Kinn. »Das mit den Eltern finde ich auch sehr interessant. Wenn ich darf, würde ich den Brief gerne für zwei Tage behalten. Ich recherchiere etwas und in zwei Tagen treffen wir uns zur gleichen Zeit wieder hier unter dem Baum.«
»Okay.« Ich war etwas verwirrt. Was sollte ich in den zwei Tagen machen?
»Entspann dich und genieße die Ruhe«, antwortete Christopher, als hätte er meine Frage gehört. »Erhol dich von dem Stress zu Hause.« Er stand auf, legte mir kurz eine Hand auf die Schulter und verschwand dann.
Zwei Tage vergingen, in denen ich sämtliche Koppeln, Wege und jeden Winkel des Hotelgrundstücks erkundete. Ich hätte mich glatt als Fremdenführerin ausgeben können.
Als ich in dem offenen Geräteschuppen nach einer kleinen Schaufel und einer Hacke Ausschau hielt, spürte ich wieder die Sehnsucht nach meiner Mutter. Wie oft hatte ich sie im Garten mit einer Schaufel erwischt. Sie konnte nicht genug von Blumen bekommen, besonders die Frühblüher hatten es ihr angetan. Immer wieder pflanzte sie neue Zwiebeln und erfreute sich an jedem Halm, der sich aus dem dunklen Gefängnis unter der Erde an die Oberfläche kämpfte.
»Hallo, Miss. Was machen Sie da? Besucher haben da keinen Zutritt«, rief mir jemand zu.
Als ich mich umdrehte, blickte Matthew mich aufgeregt mit großen Augen an.
»Oh, das tut mir leid«, sagte ich und legte die Schaufel zurück aufs Regal.
»Hey, Matthew. Ich mach das schon.« Christopher kam zu uns und schenkte mir einen vertrauten Blick.
Mein Herz schmolz dahin. Was war das? Hegte ich irgendwelche Gefühle für Christopher?
Matthew trat einen Schritt zurück und nickte Christopher zu. Vor wenigen Minuten hatte Matthew noch wie ein Mann gewirkt und nun war er wie ein kleiner Schuljunge, der von seinem Lehrer getadelt wurde.
»Matthew hat recht. Besucher haben hier keinen Zutritt.« Christopher stemmte die Hände in die Hüften.
»Ich weiß.« Ich senkte den Kopf. »Ich kann nicht den ganzen Tag herumsitzen und nichts tun. Die Erinnerungen an meine Mutter und all die Fragen zu meiner Vergangenheit machen mich verrückt. Außerdem kenne ich jetzt schon jeden Winkel dieser Gegend.«
»Na dann, komm mit mir. Ich zeige dir etwas.« Christopher schloss den Schuppen und ging voraus. Wir umrundeten das Hotel und gingen direkt auf das kleine Haus neben der Auffahrt zu.
»Sag mal, was ist das eigentlich für ein Gefühl, mit deiner getrennten Frau unter einem Dach zu leben?«, wollte ich wissen.
»Eigentlich wohne ich nicht mehr im Hotel. Hier drüben ist mein neues Zuhause.« Er deutete mit dem Finger auf das Häuschen. »Es tut schon weh, zu sehen, wie Sophia mit Matthew zusammenlebt. Als hätte es eine gemeinsame Zeit mit mir nie gegeben.«
»Wie bitte?« Ich verschluckte mich fast an meinem eigenen Speichel. »Sophia ist mit dem jungen Matthew zusammen? Sie ist doch bestimmt doppelt so alt wie er.«
»Ja, das könnte hinkommen.« Christopher kratzte sich am Kopf.
Ich merkte, wie unangenehm ihm das Thema war, und beschloss, nicht weiter nachzufragen.
»Aber was soll ich machen? Wenn ich jetzt von hier wegziehe, hat sie gewonnen. Ich möchte ihr das Hotel nicht kampflos überlassen. Was würdest du an meiner Stelle tun?«
»Ich weiß nicht. Ist es denn dein Haus?« Jetzt konnte ich nicht anders, um das Gespräch weiterzuführen.
»Ja. Ich habe es damals gekauft. Wie konnte ich so dumm sein und meine Frau mit ins Grundbuch nehmen?«
»Aber du konntest doch nicht wissen, dass eure Ehe sich so entwickeln würde.«
»Nein. Aber was hätte ich machen sollen?«
Er wirkte verzweifelt. Ich konnte nicht verstehen, warum er mir etwas so Persönliches anvertraute. Schließlich waren wir uns fremd. Anderseits dachte ich an meine eigenen Probleme. Er hatte mir ohne zu zögern seine Hilfe angeboten.
»Ich würde einen Anwalt einschalten, die Scheidung einreichen und den Kaufvertrag des Hauses heraussuchen. Anhand der Unterschrift kann man doch erkennen, wer das Haus gekauft hat. Geht es ihr um das Haus oder ums Geld?«
»Du meinst, ich könnte sie auszahlen?« Christopher zog einen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche.
»Ja, vielleicht.« Ich zuckte mit den Achseln.
»Möglicherweise. Sie hängt genau wie ich an dem Haus, aber vielleicht sollte ich einfach nochmal mit ihr reden.«
»Genau. Du solltest deinem Herzen folgen. Es wird dich auf den richtigen Weg bringen.« Als ich den Satz beendet hatte und Christopher in die Augen sah, schämte ich mich in Grund und Boden. Wie konnte ich ihm so etwas sagen. Romantische Schnulze. Wie unangenehm. Ich spürte, wie sich das Blut in meinen Wangen sammelte.
»Komm, ich zeig dir meine kleine Bleibe.« Christopher tat, als hätte er die Röte in meinem Gesicht nicht bemerkt, aber ich wusste, dass er sie gesehen hatte.
Der Flur glich einem Schlauch, der bis zu einer schmalen Treppe ins Obergeschoss führte. Es war dunkel. Christopher knipste das Licht an. Drei Türen führten in verschiedene Räume. Wahrscheinlich Küche, Bad und Wohnzimmer, dachte ich und folgte Christopher, bis wir zusammen im Bad standen.
»Geh du doch schon mal ins Wohnzimmer.« Er deutete zu einer der zwei anderen Türen. Wieder rötete sich mein Kopf wie eine Bombe.
Schnell verschwand ich im Wohnzimmer, das gleichzeitig als Büro diente. Ein großer kirschholzfarbener Schreibtisch aus Mahagoni stand eingezwängt in einer Ecke, was zu schade war, denn dort kam er gar nicht richtig zur Geltung. Außerdem war Christopher nicht gerade der Typ Mann, der die Ordnung liebte. Überall lagen Zettel, Zeichnungen und Fotos herum. Neugierig ging ich hinüber und hob eine der Zeichnungen auf. Es war ein Grundriss des Grundstücks. Das Hotel war darauf eingezeichnet, das Häuschen, in dem ich mich gerade befand, der Schuppen und noch ein weiteres Häuschen am Ende des Grundstücks. Ich hatte es bei meiner Erkundungstour wohl übersehen.
»Was machst du denn da?«
Erschrocken ließ ich die Zeichnung los, die daraufhin leise zu Boden schwebte. »Entschuldigung.« Verlegen fuhr ich mir durchs Haar. »Das wollte ich nicht.«
»Schon gut. Das sind alles Dokumente vom Grundstück und vom Haus. Ich habe hier auch noch irgendwo einen Grundriss des Hauses.« Christopher hob einige Blätter an, legte sie aber gleich wieder auf ihren Platz. »Vielleicht sollte ich erst mal aufräumen.« Er kratzte sich an der Nase.
»Ja, das wäre eine Maßnahme.« Ich lächelte. »Hast du dir den Grundriss denn schon einmal angesehen?«
»Ja, warum?«
»Na ja, ich meine ja nur. Ich habe dieses Haus gar nicht auf dem Grundstück gesehen.« Mit der Hand deutete ich auf das Häuschen, das mir fremd war.
»Ach ja, das Haus ist hinter den hohen Hecken versteckt.«
»Oh, warum das?«
»Keine Ahnung. Ich habe es erst kurz vor dem Kauf auf dem Grundriss entdeckt. Die beiden Bradford-Schwestern haben es uns bei der Führung gar nicht gezeigt und auch nicht erwähnt.«
»Und dir kam es nicht eigenartig vor?« Ich runzelte die Stirn.
»Setzen wir uns doch erst einmal.« Christopher wies auf die Couch. Sie schien ziemlich bequem zu sein. »Möchtest du etwas trinken?«
»Ja, gerne. Ein Wasser wäre nett.«
Einen kurzen Moment lang war ich allein und hätte mich am liebsten wieder auf den Schreibtisch gestürzt. Es war einfach zu verlockend für mich.
»Weißt du, ich bin gerade dabei, die vorigen Besitzer dieses Hauses ausfindig zu machen. Ich möchte mehr erfahren, um so Sophia vielleicht aus dem Haus zu bekommen.« Christopher kam mit einem Tablett in der Hand zurück ins Wohnzimmer.
»Und du meinst, das hilft?« Ich nahm das Glas Wasser entgegen.
»Keine Ahnung. Ich weiß so viel, dass der Lord aus welchen Gründen auch immer das Haus an eine Familie Bradford verkauft hat. Es war in deren Familienbesitz, bis wir kamen und es von den Schwestern kauften.«
»Wenn man ein so altes Gebäude verkauft, muss man echte Geldsorgen haben«, sagte ich und trank einen Schluck.
»Das kann ich gar nicht sagen. Ich glaube nicht, dass die Schwestern arm waren. Ich hatte das Gefühl, dass die beiden das Haus unbedingt loswerden wollten.«
»Wirklich? Mm, das ist echt komisch.«
»Aber wie dem auch sei. Jetzt zu dir. Ich wollte dir erzählen, was ich herausgefunden habe.«
»Okay, dann bin ich mal gespannt.« Aufgeregt biss ich mir auf die Unterlippe.
»Es war nicht einfach, aber mit etwas Hilfe von einigen Freunden habe ich herausgefunden, wer Clark Owen wirklich ist.«
Wollte ich es überhaupt wissen? In diesem Moment fragte ich mich, warum ich die Reise nach England überhaupt gemacht hatte. Hier saß ich mit einem fremden Mann in seinem Haus und suchte nach meinen Wurzeln. Vielleicht hatte ich auch einfach nur Angst, dass ich für immer allein sein würde. Ich war Einzelkind. Die Familie mütterlicherseits war schon lange fort. Wenn meine Mutter nicht gestorben wäre, würde ich immer noch glauben, dass mein Vater tot wäre. Was würde passieren, wenn sich Trauer und Wut miteinander verbänden? Ich wusste es nicht.
»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte Christopher. Er hatte seine Hand auf meine Schulter gelegt.
»Mir ist irgendwie schlecht. Ich weiß auch nicht.« Ich legte mir die Hände vor den Bauch.
»Sicher, das ist nur die Aufregung. Es ist auch wirklich interessant. Dein Vater Clark Owen ist Schriftsteller.« Christopher öffnete die Mappe auf seinem Schoß.
»Schriftsteller?« Ich traute meinen Ohren nicht.
»So ist es. Aber er schreibt nicht unter seinem richtigen Namen. Sein Autorenname ist George Preston.«
»George Preston?« Ich kratzte mich an der Stirn. Meine Gedanken fuhren Karussell. Alles begann sich zu drehen wegen der vielen Informationen: Schriftsteller, George Preston, Bücher. Ich liebte Bücher und besonders mochte ich die englischen Autoren, aber dieser Name war mir nicht bekannt.
»Ist er sehr berühmt?«, fragte ich und grub weiter in meinem Kopf.
»Allerdings. Er ist mit jedem Buch auf der Bestsellerliste weit oben. Die Frauen reißen sich um ihn.«
»Okay, ich lese viel, besonders englische Bücher. Komisch.« Ich zuckte mit den Achseln.
»Ich habe hier auch sein neuestes Buch. Es heißt ›Auf der Yacht nach Toronto‹«.
»Das hört sich interessant an.«
»Mich persönlich sprechen die Titel nicht an und auch die Buchcover sind immer schlicht gehalten. Aber wer einmal ein Buch von ihm gelesen hat, weiß, dass nicht die Schale wichtig ist, sondern der Kern.« Christopher legte mir das Buch auf den Tisch.
»Lies es, du wirst es nicht bereuen.« Er zwinkerte mir zu.
»Okay.« Ich nahm es und las den Klappentext. Es war ein Roman über eine junge Journalistin, die zur Hochzeit ihrer Freundin eingeladen war. Deren Vater war ein reicher Mann und lud alle auf eine Yacht ein, die die Hochzeitsgesellschaft nach Toronto bringen sollte. Doch auf der Überfahrt spielten sich mysteriöse Dinge ab. Ein Junge verschwand, und als die erste Leiche gefunden wurde, begann die Journalistin zu recherchieren. Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, nahm ich mir gleich den Prolog vor. Wie hypnotisiert saß ich auf der Couch. Christopher schenkte mir mein leeres Glas wieder voll.
Erst ein Räuspern ließ mich aufblicken.
»Oh, entschuldige. Ich ...«
»Kein Problem. Ich finde den Klappentext auch sehr interessant. Aber ich hatte noch keine Gelegenheit zu lesen. Die Informationen habe ich von Fans, Lesern und dem Verlag.«
»Darf ich mir das Buch ausleihen?«, fragte ich und hielt es fest in meinen Händen.
»Aber natürlich.«
»Das ist schön.«
Schweigen.
»Also, es gibt noch etwas Interessantes. George Preston ist nämlich gerade auf Lesereise und wird auch hier in Northumberland Halt machen. Es ist zwar in Alnwick, aber wieso solltest du dort nicht hin?«
»An welchem Tag soll die Lesung denn sein?«, fragte ich begeistert.
»Ich glaube...«, Christopher blätterte in seinen Unterlagen, »nächste Woche Montag.«
»Das ist ja toll.« Mein Herz begann lauter zu pochen. Der Gedanke daran, dass ich meinen Vater sehen würde, machte mich fast ohnmächtig. Also würde ich doch noch etwas länger in England bleiben, denn eigentlich hatte ich mit dem Gedanken gespielt, nächste Woche wieder nach Hause zu fahren. »Ich werde herausfinden, wie der Bus fährt.«
»Ich kann dir meinen Wagen leihen«, schlug Christopher vor.
»Das ist sehr nett. Aber ich bin noch nie im Linksverkehr gefahren.«
»Kein Problem, dann fahre ich dich hin. Schließlich hat deine Geschichte auch meine Neugier geweckt.«
»Das musst du nicht. Ich möchte nicht, dass du meinetwegen irgendwelche Umstände hast.«
»Ach wo. Ich mach das gerne.« Er winkte ab.
Gegen Abend verabschiedete ich mich von Christopher, um zurück zum Haus zu gehen. Doch meine innere Stimme erinnerte mich an das verborgene Haus hinter der Hecke. Sollte ich einfach mal nachschauen? Es würde mich sicher nicht umbringen und Christopher hatte mir nicht verboten, dort nachzusehen. Ein wenig eigenartig fand ich es trotzdem. Warum zeigte Christopher so viel Interesse, ja fast eine Euphorie, wenn es um meine Geschichte ging und ließ seine eigene links liegen? Ich an seiner Stelle hätte längst einen Abstecher zu der Hütte gemacht. Wer weiß, was man dort im Verborgenen fand?
Bei diesem Gedanken musste ich schmunzeln.
Ich folgte dem schmalen Pfad am Hotel vorbei und fand mich auf der Wiese mit dem Apfelbaum wieder. Entschlossen setzte ich meine Reise über das Grundstück fort. Zu beiden Seiten wurde ich von schönen Rosenbüschen begleitet, die sich bis zu der von Christopher erwähnten Hecke erstreckten. Von hier aus konnte ich nur noch das oberste Stockwerk des Hotels sehen, denn das Grundstück fiel hier ab.
Ein Dorn bohrte sich in meinen Finger. »Aua«, rief ich und legte meinen gestochenen Finger zwischen die Lippen. »So ein Mist.«
Wie sich später herausstellte, gehörte die Pflanze zur Familie der Rosengewächse. Ein Weißdorn oder auch Hagedorn. Ich war zu dicht an der Hecke gegangen und hatte sie unabsichtlich berührt. Immer noch mit meinen Finger beschäftigt, wanderte mein Blick die Hecke entlang.
Hinter dornigem Gestrüpp verborgen, so gut versteckt, dass es fast nicht zu sehen war, stand ein schmiedeeisernes Tor.
7
Amazonien, 1993
Jemand schrie so laut, dass sich die Vögel aus den Bäumen in den Himmel verabschiedeten. Tomas und Jayden schlugen die Äste wie nervtötende Fliegen zur Seite. Sie sahen mehrere Männer, wahrscheinlich ebenfalls Goldsucher, sich zwei Ureinwohnerinnen gegriffen hatten und versuchten, sie mit Gewalt in den Wald zu schleifen. Am liebsten wäre Jayden in den Fluss gesprungen und ans andere Ufer geschwommen. Doch Tomas hüstelte plötzlich und verschwand hinter ihm im Dickicht.
»Hey, Tomas. Was machst du? Wo willst du hin?«, fragte Jayden und folgte Tomas. Mit schnellen Schritten holte er ihn ein und stellte Tomas zur Rede.
»Was ist denn?«
Jayden verspürte Zorn, der wie die Lava in einem Vulkan brodelte. »Tief durchatmen«, dachte er. »Wieso gehst du? Wie müssen doch etwas tun.«
»Was denn? Wie können wir etwas tun, wenn wir wissen, dass sich alle gegen uns stellen würden?«
»Woher willst du das wissen? Wir sollten mit Diego sprechen, wenn er das nächste Mal zu uns kommt. Oder ich spreche mit Luìz, wenn wir zurück im Dorf sind.« Jayden stemmte die Hände in die Hüften.
»Und was willst du ihm erzählen, warum du die Grube verlassen hast?«, fragte Tomas.
»Na ja, um Ausschau zu halten.« Er zuckte mit den Achseln. Jayden wusste selbst, dass er sich nicht glaubwürdig anhörte, doch was blieb ihm anderes übrig.
Am Abend, als Luìz auf einem der Baumstämme saß und zu Abend aß, machte Jayden sich auf den Weg zu ihm. »Hallo, was für ein anstrengender Tag«, sagte er und setzte sich neben Luìz.
»Mm«, knurrte dieser schmatzend.
»Weißt du, ich muss mal mit dir reden.«
»Willst du nach dieser Grube das Camp verlassen?«, fragte Luìz. Er warf den Knochen, an dem er genagt hatte, zu Boden und leckte einen Finger nach dem anderen ab. Jayden fand das recht unhygienisch, denn seine Finger waren nicht besonders sauber, aber das interessierte hier niemanden.
»Nein, darum geht es nicht.« Jayden zögerte, bevor er weitersprach. »Ich bin in den kurzen Pausen in den Wald gegangen und habe dort andere Menschen am Fluss entdeckt.«
»Du hast was?«, rief Luìz bestürzt aus.
»Ich war im Wald und habe dort Frauen beim Fischen und Waschen entdeckt. Es müssen die Ureinwohner von Amazonien sein.«
»Da bist du dir ganz sicher?«, fragte Luìz. Er hatte sich bereits gerade aufgesetzt.
»Mm, ich glaube schon. Aber ich erzähle es dir, weil fremde Goldsucher dort waren und sich zwei Frauen gegriffen haben.«
»Das ist ja unerhört«, murmelte Luìz.
Doch Jayden konnte ihm aus dem Gesicht lesen, dass es ihn nicht wirklich tief berührte.
»Am besten zeigst du uns die Stelle und wir werden mit ihnen reden. Wir werden ihnen sagen, dass sie sich in Acht nehmen und sich lieber bei ihren Hütten aufhalten sollten.«
»Okay, das ist gut. Wann brechen wir auf?«
»Wann warst du das letzte Mal da? Sie werden sich sicher nicht den ganzen Tag dort aufhalten.«
»Am späten Vormittag.« Vielleicht werden wir sie aber auch nicht antreffen, denn durch die Entführung könnten sie schon vorsichtiger geworden sein, sagte sich Jayden stumm.
»Okay, dann treffen wir uns auf dem Platz.« Luìz stand auf und wollte gehen. Dann drehte er sich noch einmal um. »Und dieses Mal pünktlich.«
Am darauffolgenden Vormittag wartete Jayden auf Luìz. Er war aufgeregt und wippte mit seiner Fußspitze zum Takt der lauten Motoren. José, Franck und Tomas schlossen sich Jayden und Luìz an.
Sie folgten Jayden ohne große Worte. Sie achteten nicht auf die Wurzeln, die sich aus dem Boden reckten oder die Pflanzen, die ihre Fühler auf die Pfade streckten. Es war eigentlich traurig, wie sehr die Gruppe die Natur verabscheute. Hauptsache, Gewinn machen, dachte Jayden und blieb kurz vor dem Flussufer stehen. Er lauschte und konnte die Strömung hören. Wie wild und treibend sie das Wasser aufforderte. Dann nahm er die letzten Zweige weg und stellte sich an die Seite, damit die übrigen Goldsucher etwas sehen konnten.
Wieder plantschten einige Kinder im Wasser, während andere dabei waren, Körbe in den Fluss zu lassen.
»Sind da auch Krieger bei?«, fragte José in seinem schlechten Englisch.
»Ich glaube nicht«, sagte Franck und trat direkt ans Ufer.
»Pass auf, die Strömung ist heute besonders stark.«
»Was macht ihr denn?«, fragte Jayden aufgebracht. Er wollte Franck am Hemd festhalten, doch dieser riss sich los.
»Was die anderen machen, können wir schon lange.« Luìz schubste Jayden ins Gebüsch, so dass dieser wie eine Schildkröte auf dem Rücken lag.
Wie betäubt blieb er liegen. Was sollte das? Er hatte nur einen Moment nicht aufgepasst oder nicht damit gerechnet, dass die Kameraden zu so etwas fähig wären. Er wollte doch nur, dass sie sich mit den Frauen unterhielten, damit sie vorsichtiger wären. »Hallo! Hallo!«, schrie Jayden und winkte mit den Armen, nachdem er sich aufgesetzt hatte. Die Frauen hatten die Männer bereits gesehen und waren dabei, sich zurückzuziehen.
Da griff Franck mit seinen langen Armen nach einer schmalen Frau, die nicht so schnell lief, und hielt sie fest. »Ich hab eine«, schrie er und zog sie an sich.
Danach ging alles ganz schnell. José, Luìz und der schüchterne Tomas, der sich dem Gruppenzwang anschloss, hielten die sich windende Frau fest und trugen sie zurück ins Lager. Dort wurde sie in eine der Hütten gebracht und auf eine Pritsche gelegt. Mittlerweile hatten sie ihr den Mund zugebunden und bei jeder Bewegung schlugen sie sie. Jayden, der sich an allem die Schuld gab, rannte hinter den anderen Goldsuchern her und war erschüttert, als er sah, was diese der jungen Frau antaten. Einer nach dem anderen verging sich an ihr. Am liebsten hätte er laut aufgeschrien, die Männer weggestoßen und die junge Frau genommen, damit sie wieder zu ihrer Familie in den Wald flüchten konnte. Doch natürlich hielten die Kameraden zusammen und versperrten den Weg zur Hütte, während einer von ihnen sie nahm.
Noch lange war das Gejohle der Goldsucher zu hören, aber Jayden hörte es nicht mehr.
Er war auf dem Weg zum Fluss. Dort würde er sich ein stilles Plätzchen suchen und sich rügen. Er ganz allein hatte eine Frau auf dem Gewissen. Sie würde nie mehr so wunderschön sein, nie mehr lachen können. Und das war alles seine Schuld. Wie konnte er jemals wieder in den Spiegel sehen?
Jayden blickte zum Himmel. Ob Molly noch schlief? Er hatte schon so lange nicht mehr mit ihr telefoniert oder ihr geschrieben. Dabei hatte er doch gar nicht so lange auf diesem Kontinent bleiben wollen. Aber er konnte Tomas nicht allein hier zurücklassen. Was seine Kinder wohl machten? Skye und Faith. Sie waren schon lange erwachsen, aber sie wohnten beide noch zu Hause. Was machte es schon, schließlich hatten sie genug Platz. Skye, die Älteste, mit ihren vielen Bekanntschaften. Seine jüngste, Faith, die mit ihren achtundzwanzig Jahren immer noch Jungfrau war. Zumindest vermutete er es, denn sie hatte immer gesagt, dass Sex vor der Ehe eine Sünde sei.
Er vermisste sie. Er vermisste sie alle drei.
8
Am nächsten Morgen wachte Jayden von seinem eigenen Niesen auf. Als er die Augen öffnete, entdeckte er über sich ein Blatt, das an einem Ast befestigt war und sich seiner Nase näherte. Erschrocken wandte er den Blick und sah einen kleinen Jungen, der ihn mit einem Blatt kitzelte und sich dabei freute wie ein Honigkuchenpferd.
»Hallo, du bist ja ein süßer Kerl«, sagte Jayden und wollte sich aufraffen.
Doch der Junge hielt im abwehrend das Blatt vor die Brust. Dabei sagte er etwas in einer Sprache, die Jayden nicht verstand. Dann sprang der Junge ins Wasser und schwamm flink wie ein kleiner Heuler auf die andere Seite. Ungläubig blickte Jayden ihm hinterher und als der Junge sich umdrehte und ihm zuwinkte, konnte Jayden nicht anders. Er watete ebenfalls ins Wasser. Er hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten, denn der Boden war schlickig.
»Warte auf mich«, rief Jayden, aber der Kleine flitzte in den Wald und versteckte sich hinter einem Baum. »Was mache ich hier überhaupt?«, fragte Jayden sich und blickte zurück zu seinem Schlafplatz. Kurz überlegte er, ob er nicht doch zurückgehen sollte. Er gehörte schließlich zu den Goldsuchern. Aber was hielt ihn da noch? Alle, bis auf Tomas, waren gegen ihn. Er war der Waschlappen zwischen den harten Kerlen. Aber konnte er den Freund seines Vaters zurücklassen? Die beiden waren zusammen im Krieg gewesen und Kameraden ließ man nicht zurück.
Während Jayden im Wasser stand, bemerkte er nicht, dass einige Fische auf ihn aufmerksam geworden waren. Der schmerzhafte Biss eines Piranhas ließ ihn aufschreien und flüchten. Da er den Fluss schon halb durchquert hatte, schwamm er auf die andere Flussseite, zu dem Jungen. Dieser hatte seine Finger in den Mund genommen und hüpfte aufgeregt am Wasser herum. Mit letzter Kraft zog Jayden sich aus dem Wasser. Der Piranha hatte ein Stück Fleisch aus seinem Unterschenkel gebissen. Blut tropfte aus der Wunde. Jayden brauchte dringend ärztliche Versorgung. Vor Schmerzen wurde ihm schwindelig und er legte sich hin. Der kleine Junge fühlte seine Stirn und lief davon.
Mehrere Minuten waren vergangen, als der kleine Junge mit einem großen Mann zurückkam. Dieser trug ebenfalls eine Ponyfrisur, wie Jayden später feststellte. Seine Oberarme waren mit Federn geschmückt und sein Penis war an einer Schnur hochgebunden. Der Mann trat näher und legte Jayden eine Hand auf die Stirn. Der kleine Junge zeigte dem Mann Jaydens aufgerissene Hose und folgte seinen schnellen Anweisungen. Jayden hatte Glück gehabt. Er hatte schnell reagiert, so dass der Piranha ihn nur leicht erwischt hatte. Trotzdem tropfte das Blut aus der Wunde. Ein Piranha fixiert zunächst seine Beute, schießt dann wie eine Kugel auf sie zu und beißt. Anschließend macht er eine Rüttelbewegung, mit der er ein Stück Fleisch entfernt. Jayden hatte sich zwischen Biss und Rüttelbewegung befreien können und so nur ein kleines Stück Fleisch verloren. Doch durch den Blutverlust war er sehr erschöpft. Er schloss die Augen.
Als Jayden die Augen wieder öffnete, lag er in einer Hängematte. Er erschrak, als er die vielen Ureinwohner sah, die ihn neugierig anstarrten. Die Männer standen um ihn herum, während die Frauen mit ihren Kindern auf dem Schoß saßen. Sein Blick glitt zu dem verwundeten Bein. Es war abgebunden und schmerzte höllisch.
Ein Mann, der Jayden bekannt vorkam, sagte etwas und kam auf ihn zu. Er hatte einen Krug mit Wasser und flößte Jayden etwas Flüssigkeit ein.
Die übrigen Männer traten dichter an sein Bett und hockten sich hin. Ein älterer Mann trug ein meterlanges Rohr, das er sich vor die Nase hielt. Jayden konnte an seinen kleinen, müden Augen erkennen, dass er durch das Rohr etwas zu sich nahm. Er fragte sich, ob es eine Droge war und schlief wieder ein.
Zwei Tage vergingen, in denen Jayden nicht aus den Augen gelassen wurde. Nachdem er sich etwas erholt hatte, konnte er die Rundhütte, in dem ein ganzes Dorf Platz fand, verlassen. Er nannte sie liebevoll sein »kleines Zirkuszelt«.
Die Baumstämme auf dem Dorfplatz bildeten einen Ort der Gemeinschaft. Er spielte mit den Kindern »Hoppe, hoppe Reiter«. Die Kleinen stellten sich immer wieder aufs Neue an, um es noch einmal zu spielen. Dabei zogen sie ihn an den Brusthaaren, denn da die Ureinwohner glatthäutig waren, kannten sie so eine Behaarung nicht. Alles Neue musste bestaunt, angefasst und lautstark diskutiert werden, auch wenn Jayden nicht ein einziges Wort verstand. Zu den Mahlzeiten bekam Jayden von den Frauen Bananenbrei in einer Kürbisschale gereicht. Es schmeckte süßlich und war eines der besten Gerichte, die Jayden in den letzten Monaten gegessen hatte. An den Abenden bemalten sich die Männer mit schwarzer oder roter Farbe. Entweder war ihre Haut mit Ringen verziert oder es zogen sich Wellen über den gesamten Körper. Federn schmückten die Oberarme und manchmal auch die Beine. Dann wurde wild getanzt, was manchmal mehrere Stunden dauerte. Jayden hatte noch Mühe, das Gewicht auf sein krankes Bein zu verlagern, so dass er als stiller Beobachter auf einem der Baumstämme saß.
Dabei beobachtete er die jungen Frauen und rief sich eine Szene aus seiner Vergangenheit ins Gedächtnis. Skye und Faith waren nach einem Fest von der Schule nach Hause gekommen. Sie trugen bunt bemalte Kleider, waren im Gesicht bemalt und ihr Kopf wurde von Federn geziert. Sie klingelten und als Molly öffnete, liefen sie mit wildem Geschrei durch das Haus auf Jayden zu. Er saß mit einem Glas Wein auf dem Sofa und war gerade dabei einzudösen, als er von zwei Indianerinnen attackiert wurde. Erschrocken schnellte er aus der Couch hoch und der Wein aus seinem Glas ergoss sich über Couch und Teppich. An diesen Moment klammerte Jayden sich fest, denn es war einer der wunderschönen Tage gewesen, an denen nichts wichtiger war, als mit der Familie vereint zu sein. Nicht einmal Molly hatte zu dem Weinfleck auf der Couch etwas gesagt. Sie setzte sich einfach neben ihren Mann und lachte, während die beiden Krieger ihre Gefangenen fesselten.
Ein junges Mädchen, holte ihn aus seiner Erinnerung in die Wälder von Amazonien zurück.
»Hallo«, sagte Jayden verblüfft und lächelte das Mädchen an. Sie musste sicher schon siebzehn oder achtzehn sein, wenn nicht älter. Vielleicht sogar verheiratet? Jayden wusste es nicht. Er spürte nur ihre Finger auf seiner Haut. Sie trug ihm rote Pflanzenfarbe auf, die als Schmuck oder auch als Schutz gegen Insekten diente. Jayden ließ die Einbalsamierung über sich ergehen. Die Farbe fühlte sich erst kalt auf der Haut an.
Jayden lächelte das Mädchen an. Sie war ziemlich klein und schmal für ihr Alter, dachte er und schmunzelte. »Ich heiße Jayden«, stellte er sich vor und legte seine Hand auf den Brustkorb. »Jayden«, wiederholte er seinen Namen.
Doch das junge Mädchen kniff nur die Augen zusammen. Sie öffnete leicht den Mund.
»Jayden«, sagte er erneut.
»Ja..y...d...en«, brachte das Mädchen hervor.
»Ja, ganz richtig. Ich heiße Jayden und wie heißt du?« Jayden zeigte mit dem Finger auf das Mädchen.
Aber sie verhielt sich nicht so, wie Jayden es erwartet hatte. Sie senkte den Kopf und wandte sich von ihm ab. Verstanden hatte sie ihn sicher nicht, denn niemand hier sprach seine Sprache.
Erst später sollte Jayden erfahren, warum sie so abweisend zu ihm gewesen war.
9
Northumberland, 2014
Die Nächte waren am schlimmsten.
Immer ließen Träume mich am Leben meiner Mutter teilhaben. Ich beobachtete sie, während sie ruhig in ihrem Bett schlief, wachte über sie, wenn sie krank war und tröstete sie, wenn sie Kummer hatte. Und nun, wo ich vor Trauer sterben wollte, kam sie nicht zurück. Und in der Nacht kamen die Dämonen der Vergangenheit und schlichen sich im Kreis um mein Bett herum an mich an. Ich spürte deutlich die Angst in meinen Gliedern und wünschte mich in die Arme meiner Mutter. Ich suchte sie und rief nach ihr, doch sie kam nie. Wenn ich dann aufwachte, musste ich traurig feststellen, dass sich nichts geändert hatte. Meine Mutter war immer noch verstorben und ich war immer noch im nördlichen England, um mich zu erholen. Eine Träne verlor sich auf meiner Wange.
Die Tage zogen wie ein immer wiederkehrender Zug an mir vorbei. Die Trauer hätte meinen Tag bestimmt, wenn nicht Christopher die Lücke in meinem Leben ein wenig erhellt hätte. Trotzdem fühlte es sich an, als wäre ich allein auf dieser Welt. Aber dem war nicht so, denn auch meine Freundin Mareike war immer für mich da.
Plötzlich schreckte ich hoch. Mareike! Ich hatte sie völlig vergessen. Die letzten Tage mit Christopher hatten mich so in Beschlag genommen, dass alles andere um mich herum nicht mehr wichtig war.
Gleich nach dem Frühstück versuchte ich, Mareike anzurufen, aber niemand hob ab. Ich schrieb ihr eine WhatsApp, damit sie auf dem Laufenden blieb. Schließlich hatte ich mich noch gar nicht bei ihr gemeldet. Eigentlich benutzte ich WhatsApp nur für Kurznachrichten, aber heute schrieb ich einen ganzen Roman. Es sollte nachher nicht heißen, ich hätte mich nicht bei Mareike gemeldet. Ich ging in den Garten und setzte mich auf die schmiedeeiserne Bank unter dem Apfelbaum und blickte zu der zugewachsenen Eisenpforte. Seit ich wusste, dass dort die Pforte stand, war meine Neugier kaum noch zu bändigen. Ich konnte meine Augen einfach nicht abwenden und stellte mir die grauenvollsten Dinge dahinter vor. Meine Phantasie war sehr lebhaft und ich konnte gute Geschichten erfinden, wenn ich wollte. Aber dies hier war keine meiner erfundenen Geschichten, dies war die Wirklichkeit und ich war mittendrin.
»Guten Morgen, Mrs. Grewe«, sagte eine Frauenstimme, die mich erstarren ließ.
Als ich mich umdrehte, sah ich in die wasserblauen Augen von Sophia.
»Oh, guten Morgen«, erwiderte ich ihren Gruß.
Sie sah aus, als hätte sie nicht gut schlafen.
»Ein herrlicher Morgen«, unterbrach ich die aufkommende Stille.
Sie stand einfach nur da und blickte mich strafend an. Ich war mir keiner Schuld bewusst. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung, warum sie zu mir gekommen war. Sicher nicht, um mir einen schönen Tag zu wünschen. Innerlich zuckte ich mit den Achseln und fragte mich, was ich für sie tun könnte.
»Das stimmt.« Sophia blickte zum Himmel. Langsam schritt sie um die Bank herum.
»Wissen Sie, diese Bank hat schon vieles mitansehen müssen.« Dabei strich sie mit ihrer glatten Hand über die kunstvolle Lehne.
»Aha«, murmelte ich. Was sollte ich sonst sagen.
»Wenn Sie reden könnte, dann wäre sie die Kronzeugin in einem Fall.«
»Warum erzählen Sie mir das Mrs. Collins?« Mein Herzschlag wurde lauter.
»Ich habe Sie mit meinem Ehemann gesehen. Es hat mir nicht gefallen.«
»Aber Sie sind doch gar nicht mehr zusammen.« Ich rutschte in die andere Ecke.
»Hat er Ihnen das erzählt?« Sie ging weiter und lachte höhnisch.
Bitte, warum kam mir keiner zur Hilfe? Mir lief ein Schauer den Rücken hinab.
»Wir haben uns vor Jahren das Eheversprechen gegeben. Wir haben glückliche Zeiten und auch die schlechten Zeiten miteinander geteilt. Wir teilen tolle Neuigkeiten und schmutzige Geheimnisse. Ich freue mich über jeden Gast, aber ich hasse es, wenn jemand auf dem Grundstück herumschnüffelt und sich in anderer Leute Angelegenheiten einmischt.«
»Um Gottes Willen. Ich möchte mich nicht einmischen«, sagte ich schnell, denn ich konnte die feurigen Flammen in ihren Augen sehen, den Augen, die so freundlich gewirkt hatten.
»Gut, dann wäre ja alles geklärt.« Danach stolzierte sie wie ein schwebender Schwan über den Rasen zum Haus zurück. Ich war verwirrt. Warum hatte sie mir erzählt, dass sie und Christopher noch ein Paar wären? Natürlich waren sie verheiratet und somit in einer Weise verbunden, die nur verheiratete Paare nachvollziehen können. Aber Christopher hatte klar gesagt, dass es für die beiden keine Zukunft mehr gebe.
Ich beschloss, aufzustehen und es mir in meinem Zimmer gemütlich zu machen. Das Wetter war viel zu schön dafür, aber es schien mir vernünftig zu sein. So konnte ich Christopher ausweichen, ohne ihn zu verletzen.
Die Tage vergingen viel zu schnell und die Lesung meines Vaters stand unmittelbar vor der Tür.
An diesem Tag verschlief ich und das Aufstehen fiel mir besonders schwer.
Beim Frühstück bekam ich keinen Bissen runter, denn in meinem Magen rumorte es wie auf einer Baustelle. Als ich zum Haus schaute, konnte ich Sophia sehen. Es sah aus, als würde sie mich beobachten, aber vielleicht sah sie auch einfach nur aus dem Fenster.
Die letzten Tage hatte zumindest ich einfach nur aus dem Fenster gesehen. Von meinem Zimmerfenster aus hatte ich einen wunderschönen Blick. Ich beobachtete Christopher, wie er die Blumen versorgte und den Rasen mähte. Ich machte mir Gedanken über unsere Beziehung. Hoffentlich war er mir nicht böse, denn ich hatte ihm viel zu verdanken. Ich konnte mir nicht ausmalen, was er über mich dachte. Urplötzlich war ich aus seinem Leben verschwunden. Doch heute war ich auf ihn angewiesen und musste wie ein räudiger Köter an seiner Tür kratzen.
Ich klopfte erst einmal und dann ein zweites Mal.
»Ist wohl keiner da, hä?«, sagte eine Stimme hinter mir.
»Sieht wohl so aus«, sagte ich und wandte mich um. Ein Lächeln umspielte meine Lippen.
»Tja, ich hatte mich schon gefragt, was ich verbrochen habe.« Mit der rechten Hand hielt Christopher die Harke, während er die andere in seine Hüfte stemmte.
»Ja, es tut mir auch sehr leid.« Ich kratze mich am Kopf. Was sollte ich sagen?
Unbewusst fühlte ich, dass die Wahrheit das Beste wäre.
»Vor ein paar Tagen hatte ich Besuch von Sophia.«
Christopher runzelte fragend die Stirn. »Und?«
»Sie bat mich, nicht herumzuschnüffeln und mich von dir fernzuhalten.«
»Das gibt es doch nicht. Hast du denn irgendetwas getan, was sie skeptisch gemacht haben könnte?«
»Na ja, es könnte sein, dass sie mich beobachtet hat. An dem Tag, als du mir die Karte von dem Grundstück gezeigt hast und dieser geheimnisvollen Hütte.«
»Oh je. Warst du bei der Hütte?« Christopher lehnte die Harke gegen die Hauswand und rieb sich die Stirn.
»Leider kam ich nicht weit, weil eine Rosenhecke mir den Weg versperrt hat«, sagte ich in einem Ton, den nur eine Vorgesetzte anschlagen konnte – oder eine Lehrerin wie ich.
Christopher runzelte wieder die Stirn. »Okay, hätte ich sie wegnehmen sollen?«
»Nein.« Ich winkte ab. »Ich war nur überrascht wegen der Pforte. Weißt du denn gar nicht, dass die dort ist?« Ich legte mir meine Hände auf den Bauch.
»Doch, natürlich. Als wir das Haus kauften, war die Hecke mehrere Jahre alt. Samuel Bradford war urplötzlich verstorben und seine beiden Kinder wollten das Haus ziemlich schnell verkaufen. Aber es gab familiäre Probleme und deshalb behielten sie es noch einige Jahre, bis wir den Kaufvertrag unterzeichnen konnten.«
»Also denkst du, die Kinder haben die Hecke gepflanzt?«
»Könnte sein. Es ist mir aber reichlich egal. Ich finde sie einfach wunderschön und würde sie um keinen Preis wegnehmen wollen. Wir würden ein Stück Natur beschädigen.«
Am liebsten hätte ich laut gelacht: ein Stück Natur beschädigen. Überall auf der Welt wird die Natur von den Menschen verletzt und es kümmert niemanden. Und ich wollte einfach nur eine Pforte passieren. »Okay«, willigte ich dennoch ein.
Christopher schaute auf seine Uhr. »Wir müssen bald los, wenn wir nicht zu spät bei der Lesung erscheinen wollen.«
»Ja, deswegen bin ich hier. Fährst du immer noch mit mir zur Lesung? Ich meine, jetzt da ich dich die letzten Tage nicht an meinem Leben teilhaben ließ?«
»Aber natürlich. Du kannst ja nichts für meine Frau. Sie möchte alles haben, aber sie merkt nicht, wie sehr sie die Menschen mit ihrem Verhalten verletzt.«
»Mich hat sie eher gegruselt«, gab ich zu und legte mir die Arme um den Körper.
»Na dann. Wie hat dir eigentlich das Buch gefallen?«
»Stimmt, das wollte ich dir noch sagen. Es war toll. Ich habe es in einem Rutsch durchgelesen. Ich konnte es nicht aus der Hand legen. Es ist noch in meinem Zimmer. Ich muss sowieso nochmal hoch, weil ich den Brief mitnehmen möchte.«
»Ja, das ist eine gute Idee.« Christopher ging zur Haustür und schloss sie auf. »Ich gehe mich jetzt frisch machen. Sagen wir, wir treffen uns in einer Stunde wieder hier. Dann fahren wir gemütlich los und können vor Ort noch etwas essen.«
»Das hört sich gut an.« Ein leichter Windhauch ließ meine Haare in alle Richtungen fliegen. Ich blickte Christopher nach, als er die Tür schloss und sein Umriss hinter dem milchigen Fenster in der Tür kleiner wurde, bis er in einem anderen Raum verschwand.
Als ich in meinem Zimmer angekommen war, wurde mir schnell klar, dass mir nicht viel Zeit blieb, denn eine Stunde hatte schließlich nur sechzig Minuten oder dreitausendsechshundert Sekunden. Ich zog mich rasch aus und schlüpfte in die Duschkabine. Das Wasser war so wunderbar warm, dass ich am liebsten einfach unter der Brause geblieben wäre. Doch da musste ich wieder an die Uhr denken. Die Zeit wartete nicht auf mich. Sie war der Grund, warum Menschen immer gehetzt und gestresst waren. Wie oft am Tag schaute man auf die Uhr? Ohne die Zeit würde unsere Welt im Chaos versinken. Früher gab es keine Uhren, da ging man nach dem Aufstehen zur Arbeit und machte sich erst beim Sonnenuntergang auf den Rückweg. Aber heute wäre ein Leben ohne Uhr nicht mehr vorstellbar.
Mit dem Handtuch rubbelte ich mir den Rücken trocken und begutachtete mich im Spiegel. Ein bisschen Rouge würde meiner fahlen Haut nicht schaden, dachte ich, und packte meine wenigen Schminksachen aus. Lippenstift, ein wenig Wimperntusche und Rouge. Fertig war mein Ausgehgesicht. Während ich in den Spiegel schaute, dachte ich an meine Schülerinnen. Ich hatte einige Mädchen in meiner Klasse, die schon mit vierzehn Jahren voll geschminkt waren. Sie trugen so dickes Make-up, dass man meinen könnte, sie wären im Kunstunterricht in den Tuschkasten gefallen.
Ich entschied mich für ein weißes Kleid mit roten Punkten darauf. Dazu farblich abgestimmt ein breiter Gürtel und Ballerinas. In eine kleine Tasche packte ich alle Sachen, die in dem Karton waren, inklusive dem Buch von George Preston. Aufregung pur stand mir ins Gesicht geschrieben.
Ich war als erste am Treffpunkt und drehte mich immer hin und her, so dass mein Kleid sich merklich in die Lüfte hob. Wenn jetzt ein starker Windhauch käme, dann könnte ich mich als eine neue Marilyn Monroe verkaufen.
Christopher führte mich zu einem Land Rover, der perfekt zu seinem legeren Outfit passte.
Während der Fahrt schwiegen wir. Ich blickte aus dem Fenster und staunte über die Weiten, die sich bis zum Meer hin erstreckten. Es war ein atemberaubender Anblick.
Als wir uns Alnwick näherten, kam das prächtige Alnwick Castle in unser Blickfeld.
In seiner beeindruckenden Größe und Schönheit reckte es sich uns entgegen. Ich war so fasziniert von diesem Schloss, dass ich am liebsten weitergefahren wäre, um es zu besichtigen. Aber diese Faszination und die Neugier auf das Innere wollte ich mir für die Klassenfahrt mit meinen Schülern in ein paar Wochen aufheben.
Wir hielten in einer schmalen Straße, in der sich die Autos dicht an dicht an den Straßenrand quetschten. Ein Laden schmiegte sich an den nächsten. In den meisten Schaufenstern hingen große, rote Rabattschilder, von denen die jeweiligen Prozente abzulesen waren.
»So, wir sind da.« Christopher drehte den Zündschlüssel und schnallte sich ab. »Bist du bereit?« Er lächelte mich an und dann spürte ich plötzlich seine Hand an meiner Wange. »Du schaffst das. Wir sind jetzt schon so weit gekommen.«
Christopher fand genau die passenden Worte zu meiner Situation. Mein Herz pochte so laut, dass ich nur hoffte, ich würde die kommenden Stunden überleben.
»Wollten wir nicht noch etwas essen gehen?«, fragte ich.
»Ja, aber natürlich.« Christopher war perplex. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ich die Situation so schnell beenden würde.
»Wo willst du denn essen gehen? Ich hätte Appetit auf Pizza.«
Wieso war mir diese Situation mit seiner Hand auf meiner Wange so unangenehm gewesen? Eigentlich sollte ich mich glücklich schätzen, dass ein netter Mann mir nahe sein möchte. Vielleicht war es die heranrollende Nervosität wegen meines Vaters.
Pulsuz fraqment bitdi.