Kitabı oxu: «Octave Mirbeau: Gesammelte Werke»

Şrift:

Octave Mirbeau

Octave Mirbeau: Gesammelte Werke

Der Garten der Qualen + Der Herr Pfarrer + Der billige Tod + Zeitgemäße Pantomine + Letzte Reise…


Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -

musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-0344-4

Inhaltsverzeichnis

Roman:

Der Garten der Qualen

Erzählungen:

Der Herr Pfarrer

Der billige Tod

Zeitgemäße Pantomine

Letzte Reise

Der Interviewer

Vor der Galavorstellung

Bauernmoral

Giborys Beichte

Ein Kind

Vor dem Begräbnis.

He, Vater Niklas!

Meine Hütte

Der alte Dugué

Warum Pitaut traurig war.

Der Gutsbesitzer.

Der Dieb

Der Streik Der Wähler

Der Garten der Qualen

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Einleitung

1. Theil: Die Forschungsreise

Einleitung

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

2.Theil: Der Garten der Qualen

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

Widmung

Inhaltsverzeichnis

Den Priestern, Soldaten, Richtern,

den Menschen, die Menschen erziehen,

leiten und beherrschen,

widme ich diese Blätter,

voll von Mord und Blut.

O. M.

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

Mehrere Freunde waren eines Abends im Hause eines unserer berühmtesten Schriftsteller vereint. Nachdem sie ein köstliches Diner genommen hatten, stritten sie über das Thema des Mordes, ich weiß nicht aus welchem Anlaß, wahrscheinlich ohne jeden Grund. Es waren alles Männer; Moralisten, Dichter, Philosophen, Ärzte, kurz ausnahmslos Leute, die sich frei aussprechen durften, wie es ihnen ihre Phantasie, ihr Tollpunkt oder ihr Widerspruchsgeist eingab, ohne befürchten zu brauchen, daß sie plötzlich jenes Entsetzen und Verblüfftsein zu sehen bekämen, das schon der geringste, ein wenig gewagte Gedanke auf dem bestürzten Gesicht eines Notars malt. – Ich sage Notar, wie ich Advokat oder Portier sagen könnte, durchaus nicht in verächtlichem Sinne, sondern um die mittlere Norm des französischen Denkvermögens anzuführen. Ein Mitglied der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften bemerkte mit vollkommener Seelenruhe, als ob es sich darum gehandelt hätte, seine Meinung über die Vorzüge der Zigarre, die er rauchte, zu äußern:

– Meiner Treu! ... ich glaube allerdings, daß der Mord am meisten die Menschheit in Anspruch nimmt und beherrscht und alle unsere übrigen Thaten davon abzuleiten sind ...

Man machte sich auf eine lange theoretische Begründung gefaßt. Er aber verstummte.

– Selbstverständlich! ... stimmte ein gelehrter Darwinianer bei ... Der Grundsatz, den Sie da aufstellen, mein Lieber, ist eine jener ewigen Wahrheiten, wie sie der sagenhafte Herr de La Palisse tagtäglich entdeckte ... Da Mord sogar die Basis unserer sozialen Einrichtungen, folglich auch die dringendste Nothwendigkeit des civilisierten Lebens ist ... Wenn es keinen Mord mehr gäbe, würden auch keinerlei Regierungen mehr bestehen, infolge der bewunderungwürdigen Thatsache, daß das Verbrechen im Allgemeinen, der Mord im besondern, nicht nur für sie eine Entschuldigung, sondern sogar ihre alleinige Daseinsberechtigung vorstellt ... Wir würden sonst in vollster Anarchie leben, in einem Zustande, den man sich gar nicht vorstellen kann ... Infolge dessen ist es unerläßlich, weit davon entfernt den Mord zu vernichten, ich sage, es ist unerläßlich ihn mit Verständnis und Ausdauer zu pflegen ... und ich kenne kein besseres Culturmittel als Gesetze.

Und als Jemand Einspruch erhob, äußerte der Gelehrte, in fragendem Tone:

– Aber ich bitte Sie! sind wir unter uns, und sprechen wir ohne Rückhalt und Heuchelei, oder nicht?

– Um des Himmelswillen! ... bemerkte der Hausherr beruhigend ... benutzen wir ausgiebig die einzige Gelegenheit, da es uns gestattet ist, unsere heimlichen Gedanken zum Ausdruck zu bringen, da ich in meinen Büchern und Sie in Ihren Collegien dem Publikum nur Lügen vorsetzen dürfen.

Der Gelehrte schob sich noch tiefer in die Polster seines Sessels, streckte die Beine aus, die ihm, da er sie zulange gekreuzt hatte, eingeschlafen waren und den Kopf zurückgebeugt, die Arme herabhängend, den Bauch von einer glücklichen Verdauungsthätigkeit geliebkost, blies er Rauchringe zur Decke empor und begann endlich von Neuem:

– Übrigens wird der Mord zur Genüge ganz von selbst gepflegt ... genauer ausgedrückt, ist er nicht das Resultat irgend einer Leidenschaft, auch nicht die pathologische Form der Entartung. Er ist ein Lebensinstinkt, der in uns wohnt ... der in allen organischen Wesen wohnt und sie gleich dem Geschlechtstriebe beherrscht ... Und dies ist so wahr, daß die längste Zeit sich diese beiden Instinkte so eng verbinden, so vollkommen ineinander aufgehen, daß sie gewissermaßen nur den einen und gleichen Instinkt bilden, daß man wirklich nicht mehr weiß, welcher von beiden uns dazu treibt, Leben zu geben, oder zu nehmen, welcher Mord und welcher Liebe ist. Ich habe die Beichte eines ehrenwerthen Mörders entgegengenommen, der Frauen tödtete, nicht um sie zu berauben, sondern um sie zu vergewaltigen. Sein Sport bestand darin, daß die Verzückung der Fleischeslust des einen, genau mit der Verzückung des Todes der andern zusammentraf: »In diesen Augenblicken, sagte er zu mir, stellte ich mir vor, ich sei ein Gott und schüfe die Welt.«

– Oho! rief der berühmte Schriftsteller ... wenn Sie Ihre Beispiele von den gewerbemäßigen Meuchelmördern herbeiholen!

Der Gelehrte entgegnete sanft:

– Wir sind eben alle mehr oder weniger Meuchelmörder ... Wir haben alle im Geiste analoge Gefühle gespürt, minder heftig, das will ich allenfalls glauben ... Der angeborene Drang nach Mord wird gezügelt und seine körperliche Heftigkeit gemildert, indem ihm gesetzlich gestattete Ausflüsse zur Verfügung stehen, die Industrie, der Colonialhandel, der Krieg, die Jagd, der Antisemittismus ... Weil es eben gefährlich ist, sich ihm ohne alle Mäßigung außerhalb der Gesetze zu überliefern, und weil die moralische Befriedigung, die man dadurch erhält, schließlich das doch nicht aufwiegt, daß man sich den gewöhnlichen Folgen dieser That aussetzt, der Verhaftung ... den Unterredungen mit den Richtern die stets ermüdend und jedes wissenschaftlichen Interesses bar sind ... schließlich der Guillotine ...

– Sie übertreiben, unterbrach ihn der Mann, der zu erst gesprochen hatte ... Nur für Mörder ohne Eleganz, ohne Geist, für impulsive und rohe Patrone, die keinerlei Art von Psychologie besitzen, ist Mord eine gefährliche That ... Ein intelligenter Mensch, der nachzudenken versteht, kann mit unantastbarer Ruhe jeden Mord, der ihm gutdünkt, begehen. Er ist der Straflosigkeit sicher ... Die Überlegenheit seiner Combinationen wird stets die Routine der polizeilichen Nachforschungen erfolgreich bekämpfen und sagen wir es frei heraus, auch die Armseligkeit der kriminalistischen Verhöre, in der sich unsere Untersuchungsrichter gefallen ... In dieser Hinsicht, wie in jeder andern, müssen eben die Kleinen für die Großen die Zeche bezahlen ... Nicht wahr, mein Lieber, Sie geben sicher zu, daß die Zahl der unaufgedeckten Verbrechen ...

– Und der geduldeten ...

– Und der geduldeten Verbrechen ... das wollte ich ja eben sagen, Sie geben sicher zu, daß diese Zahl tausendmal größer ist als die der entdeckten und bestraften Verbrechen, über die die Zeitungen mit seltsamer Weitschweifigkeit und einem widerlichen Mangel von Philosophie schwätzen? ... Wenn Sie dies zugeben, müssen Sie auch einräumen, daß der Gensdarm kein Abschreckungsmittel für die Intellektuellen des Mordes ist ...

Zweifellos. Aber darum handelt es sich nicht ... Sie verschieben die Frage ... Ich sagte: der Mord ist eine normale – und keineswegs eine außergewöhnliche – Function der Natur und jeglichen Lebewesens. Es ist folglich haarsträubend, daß die Gesellschaft unter dem Vorwande die Menschen zu regieren, sich das ausschließliche Recht, sie zu tödten angemaßt hat, zum Schaden der Individualitäten, denen allein dieses Recht inne wohnt.

– Sehr richtig! ... pflichtete ein liebenswürdiger, redseliger Philosoph bei, dessen Vorlesungen in der Sorbonne allwöchentlich ein auserlesenes Auditorium herbeiziehen ... Ich glaube meinerseits nicht, daß ein menschliches Geschöpf existirt, das nicht – wenigstens geistig – etwas von einem Mörder an sich hat ... Sehen Sie: mir macht es zuweilen Spaß, in Salons, in Kirchen, auf den Bahnhöfen, auf den Terrassen der Kaffeehäuser, im Theater, kurz überall wo Menschenmengen vorbeiziehen und sich ansammeln, vom Gesichtspunkt mörderischen Aussehens, die Physiognomien zu beobachten ... Sie tragen im Blicke, auf dem Nacken, in der Schädelform, an den Kinnbacken und den Wangen, kurz an irgend einer Stelle ihres Individuums, ausnahmslos sichtlich die Merkmale jenes physiologischen Factums, das man Mord nennt, an sich ... Das ist keine Verirrung meines Geistes, wenn ich Ihnen hier erkläre, daß ich keinen Schritt thun kann, ohne Mord zu streifen, ohne ihn unter den Augenlidern aufflammen zu sehen, ohne seine geheimnißvolle Berührung an den Händen, die sich mir entgegenstreckten, zu fühlen ... Vorigen Sonntag begab ich mich nach einem Dorfe, in dem gerade Jahrmarkt stattfand ... Auf dem großen Platze, der mit Laubwerk verziert war, mit blumengeschmückten Thriumphbogen und vielfarbenen Masten, konnte man aller Arten der bei diesen Volksunterhaltungen üblichen Belustigungen finden ... und unter der väterlichen Obhut der Behörden amüsirte sich eine Menge braver Leute ausgezeichnet ... Die Karoussels, die Rutschbahnen und Schaukeln übten nur sehr wenig Anziehungskraft auf die Menge aus. Vergebens quitschten die Leierkasten ihre lustigsten Weisen und verführerischen Melodien. Andere Vergnügungen fesselten diese Menge in Festesstimmung. Die Einen schossen mit dem Gewehr, oder mit Pistolen, ja mit der alten guten Armbrust auf Scheiben, die menschliche Gesichter darstellten. Andere brachten mit Ballwürfen Marionetten, die jämmerlich auf Holzbalken aufgestellt waren, zur Strecke; Andere schlugen mit Hämmern auf eine Platte, wodurch in patriotischer Weise ein französischer Seemann in Bewegung gesetzt wurde, der mit seinem Bajonett am Ende eines Balkens einen armen Hova oder einen bedauerlichen Dahomeyer durchbohrte ... Überall gab es unter den Zelten und in den kleinen beleuchteten Buden Darstellungen des Todes, Parodien von Metzeleien, Aufführungen von Hekatomben ... Und diese braven Leute waren überglücklich!

Jeder begriff, daß der Philosoph losgelassen war ... Wir richteten uns so gut es eben gieng ein, um die Lawine seiner Theorien und Anekdoten über uns ergehen zu lassen. Er fuhr fort:

– Ich habe sogar bemerkt, daß diese friedfertigen Vergnügungen seit einigen Jahren ansehnlich an Ausdehnung zugenommen haben. Die Freude am Tödten ist größer geworden und hat sich mehr verallgemeinert, in demselben Maaße wie die Sitten sanfter werden – denn die Sitten werden sanfter, das läßt sich nicht bezweifeln! ... Einstmals, als wir noch Wilde waren, zeigten diese Jahrmarktschießstände eine eintönige Armseligkeit, die jämmerlich anzusehen war. Es wurde nur auf Pfeifen geschossen, sowie auf ausgeblasene Eier, die auf einem Wasserstrahle tanzten. In den luxuriösesten Etablissements gab es allerdings Vögel, doch die waren aus Gips ... was für ein Vergnügen kann man daran finden, frage ich Sie? ... Heute hat sich der Fortschritt geltend gemacht, für jeden ehrenwerthen Mann ist es angänglich, sich für zwei Sous die köstliche und civilisatorische Aufregung eines Meuchelmordes zu verschaffen ... Und überdies kann man dabei auch noch bunte Schüsseln und Kaninchen gewinnen ... An Stelle der Pfeifen, der Eierschalen, der Vögel aus Gips, die in thörichter Weise zerbrachen, ohne uns eine blutige Vorstellung zu suggerieren, hat die Phantasie des fahrenden Volkes Gesichter von Männern, Frauen und Kindern gesetzt, die sorgfältigst ausgeführt und angezogen sind, wie es sich gebührt ... Darauf hat man diese Figuren mit Bewegungs- und Laufmechanismen versehen ... Durch eine geniale Maschinerie gehen sie glücklich hin und her, oder fliehen entsetzt. Man sieht sie einzeln oder in Gruppen, in Landschaften auftauchen, Mauern erklettern, in Burgthürme einsteigen, aus Fenstern springen und durch Fallthüren erscheinen ... Sie funktioniren gleich wirklichen Menschen, sie bewegen die Arme, die Füße und den Kopf. Einzelne scheinen zu weinen ... Einzelne gleichen armen Leuten ... einzelne sehen wie Kranke aus ... Es gibt auch welche, die mit Gold gleich märchenhaften Prinzessinnen bekleidet sind. Man kann sich wahrhaftig vorstellen, daß sie Vernunft, Willen und Seele besitzen ... daß sie lebend sind! ... Einige Figuren nehmen sogar pathetische, beschwörende Haltungen an ... Man glaubt sie sagen zu hören: »Gnade! ...Tödte mich nicht! ...« Folglich ist es ein entzückendes Gefühl, sich vorzustellen, daß man Wesen, die sich bewegen, die vorwärts schreiten, die Schmerz fühlen und um Gnade flehen, tödten kann! ... Und während mau auf sie das Gewehr oder die Pistole richtet, hat man im Munde einen Geschmack wie von warmem Blut ... Welche Lust, wenn der Ball diese scheinbaren Menschen enthauptet! ... Welcher Reiz liegt darin, wenn der Pfeil die Papierbrust durchbohrt, und die kleinen Leiber leblos zu Boden streckt, in der Lage eines Leichnams ... Jeder regt sich auf, wird mordlüstern und läßt sich Muth zusprechen ... Man hört nur noch Worte der Zerstörung und des Todes: »Gib' ihm nur den Rest! ... Ziel' auf sein Auge ... Ziel' auf's Herz ... Der hat sein Theil! ...« So gleichgültig diese braven Leute gegen Kreisscheiben und Pfeifen sind, so sehr begeistern sie sich, wenn das Ziel ein menschliches Bild vorstellt. Die Ungeschickten werden ärgerlich, nicht gegen ihre Ungeschicktheit, sondern gegen die Figur, die sie verfehlt haben ... Sie bezeichnen sie als einen Feigling, überhäufen sie mit gemeinen Beschimpfungen, wenn sie unverletzt hinter dem Thor des Burgthurmes verschwindet ... Sie fordern sie heraus: »Komm' nur, du elender Schuft!« und dann beginnen sie wieder darauf loszuschießen, bis sie sie getödtet haben ... Beobachten Sie nur diese braven Leute ... in diesem Augenblick sind es durchaus Mörder, Wesen, die von dem Gelüst zu tödten einzig und allein beherrscht werden. Die menschenmordende Bestie, die eben noch in ihnen schlummerte, ist vor der Illusion, daß sie ein lebendes Geschöpf vernichten könnten, erwacht! Denn das Männchen aus Pappe oder Holz, das vor der Coulisse hin- und hergleitet, ist für sie kein Spielzeug, kein Stückchen vernunftlosen Stoffes mehr ... Wenn sie die Figur hin- und hergleiten sehen, leihen sie ihr unbewußt eine Bewegungsfähigkeit, ein fühlendes Nervensystem, Gedanken und Vernunft, kurz all' das, was man so wollüstig gern vernichtet, mit so köstlicher Wildheit durch Wunden, die man ihm zugefügt hat, verbluten sieht ... Sie gehen sogar so weit, daß sie das Männchen mit politischen oder religiösen Meinungen ausstatten, die den ihren entgegengesetzt sind, daß sie ihm vorwerfen, ein Jude, Engländer oder Deutscher zu sein, um noch einen speziellen Haß zu diesem allgemeinen Haß gegen alles Leben hinzuzufügen und so durch eine persönliche, äußerst erquickliche Rache das instinktive Vergnügen am Tödten zu verdoppeln.

Hier legte sich der Hausherr ins Mittel, der aus Höflichkeit gegen seine Gäste, oder in der barmherzigen Absicht, unsern Philosophen und uns selbst ein wenig ausschnaufen zu lassen, lässig einwendete:

Sie sprechen nur von rohen Gesellen, von Bauern, die, wie ich zugeben will, im Banne ständiger Mordlust stehen ... Aber es ist nicht möglich, daß Sie dieselben Beobachtungen an »kultivirten Geistern«, an »polizeilich geschulten Naturen,« an Mitgliedern der guten Gesellschaft zum Beispiel, gemacht haben, die in jeder Stunde ihres Daseins Siege über den Urinstinkt und die wilden Gelüste des Atavismus davon tragen.

Darauf antwortete unser Philosoph lebhaft:

– Gestatten Sie ... Was sind denn eigentlich die Gewohnheiten und die bevorzugten Vergnügungen der Leute, die Sie »kultivirte Geister und polizeilich geschulte Naturen« nennen, mein Lieber? Das Fechten, das Duell, wilde Sports, das schändliche Taubenschießen, Stierkämpfe, die verschiedenen Übungen des Patriotismus, die Jagd ... alle diese Dinge sind in Wirklichkeit nur Rückschritte zur Epoche des antiken Barbarenthums, als der Mensch – wenn man sich so ausdrücken darf – im Punkte seiner moralischen Kultur mit den riesigen Raubthieren, denen er nachstellte, auf gleicher Stufe stand. Man braucht sich übrigens nicht darüber beklagen, daß die Jagd die ganze schlecht umgeformte Überlieferung alterthümlicher Sitten überlebt habe. Sie ist eine bedeutende Ableitung, durch die die »kultivirten Geister und polizeilich geschulten Naturen,« all' dem was in ihnen noch immer an Zerstörungslust und blutiger Leidenschaft besteht, ohne uns damit größeren Schaden zuzufügen, freien Lauf lassen. Sonst könnten Sie versichert sein, daß »die kultivirten Geister« statt den Hirsch zu hetzen, das Wildschwein abzufangen und unschuldiges Geflügel in den Kleefeldern niederzumetzeln, auf unsere Spuren ihre Meute hetzen und daß uns die »polizeilich geschulten Naturen« lustig mit Flintenschüssen niedermachen würden, welche Bethätigung sie nie verfehlen, wenn sie durch irgend eine Art und Weise zur Macht gelangt sind; sie thun dies mit mehr Entschlossenheit und – wir müssen das freimüthig anerkennen – mit weniger Heuchelei, als die auf niedrigerer Stufe stehenden ... Ach, hoffen und wünschen wir, daß das Wildpret nie aus unsern Haiden und Wäldern verschwände! ... Es ist unsere Schutzwache und gewissermaßen unser Lösegeld ... An dem Tage, da es plötzlich verschwinden würde, müßten wir rasch zu dem heiklen Vergnügen »der kultivirten Geister« seine Stelle einnehmen. Der Fall Dreyfus stellt uns ein bewunderungswürdiges Beispiel dafür vor, ich glaube: nie wurde die Lust am Morde und die Freude an der Jagd auf Menschen so vollkommen und cynisch offen gezeigt ... Unter den außergewöhnlichen Vorkommnissen und scheußlichen Thaten, zu denen sie täglich seit Jahresfrist Anlaß gaben, bleibt die Verfolgung des Herrn Grimaux durch die Straßen von Nantes der charackteristische Zug, der den »kultivirten Geistern und polizeilich geschulten Naturen« alle Ehre macht, die diesen großen Gelehrten, dem wir die hervorragendsten Untersuchungen in der Chemie verdanken, schmählichst beschimpften und mit dem Tode bedrohten ... Man muß sich stets daran errinnern, daß der Bürgermeister von Clisson, auch ein »kultivirter Geist«, in einem offenen Briefe Herr Grimaux das Betreten seiner Stadt verbot und sein Bedauern darüber aussprach, daß die modernen Gesetze ihm nicht gestatten, ihn »hoch und kurz zu henken« wie es Gelehrten in den schönen Zeiten der früheren Monarchien zukam ... Darin wurde der ausgezeichnete Bürgermeister von allem unterstützt, was Frankreich an entzückenden »Mitgliedern der guten Gesellschaft« zählt, die, wie unser Wirth sagt, in jeder Stunde ihres Daseins Siege über den Urinstinkt und die wilden Gelüste des Atavismus davontragen. Bemerken Sie übrigens auch, daß sich aus den Reihen der kultivirten Geister und polizeilich geschulten Naturen fast ausschließlich die Offiziere rekrutiren, daß heißt Leute, die weder schlechter noch dümmer als die andern sind und sich frei ihren – übrigens allgemein geachteten – Beruf wählten, bei dem die ganze geistige Anstrengung darin besteht, an einer menschlichen Person die verschiedensten Vergewaltigungen vorzunehmen, die vollständigsten, die sichersten Mittel für Raub, Zerstörung und Mord zu entfalten und zu vervielfachen ... Gibt es nicht Krigsschiffe, die man mit den durchaus loyalen und der Wahrheit entsprechenden Namen Devastation (Verwüstung) ... Furor ... Terror ... ausgestattet hat? ... Und ich selbst? ... Ja sehen Sie! ... ich habe die Gewißheit, daß ich kein Scheusal bin ... Ich glaube ein normaler Mensch zu sein, mit zärtlichen Neigungen, höheren Gefühlen, überlegener Kultur und dem Raffinement der Civilisation und Geselligkeit ... Na also, und wie oft habe ich in meinem Innern die gewaltthätige Stimme des Mordes knurren hören! ... Wie oft fühlte ich aus der Tiefe meines Lebens in einem Blutstrome nach meinem Hirn das Verlangen, das wilde, heftige und fast unbesiegliche Gelüst zu tödten, steigen! ... Glauben Sie nicht, daß dieses Gelüst sich in einer leidenschaftlichen Krise offenbart habe, von überlegtem Jähzorn begleitet worden sei, oder sich durch niedrige Habsucht entwickelt habe .... Nichts von alledem ... Dieses Gelüst entsteht plötzlich, kraftvoll, ohne Rechtfertigung in mir, aus keinerlei Ursache und bei keinerlei Anlaß ... Auf der Straße zum Beispiel, vor dem Rücken eines unbekannten Spaziergängers ... Ja, es gibt Rücken auf der Straße, die den Dolch herbeirufen ... Weshalb? ...

Nach diesem unvorhergesehenen Geständnis verstummte der Philosoph einen Augenblick lang und sah uns mit furchtsamer Miene an ... Dann begann er von Neuem:

– Nein, sehen Sie, die Moralisten können gut reden, der Drang zum Tödten wird im Menschen zugleich mit dem Drange zu essen geboren, und verschmilzt mit diesem ... Diesen instinktiven Drang, der der Motor aller lebenden Organismen ist, entwickelt die Erziehung, statt ihn einzuschränken, die Religionen heiligen ihn, statt ihn zu verfluchen; alles verbündet sich, um aus ihm die Achse zu machen, um die sich unsere bewunderungswürdige Gesellschaft dreht. Sowie der Mensch zum Bewußtsein erwacht, wird ihm der Geist des Mordes ins Hirn gehaucht, der Mord bis zur Pflicht erhoben, bis zum Heldenthum popularisiert, wird ihn durch alle Etappen seines Dasein's begleiten. Man wird ihn barocke Götter, tobsüchtige Götter anbeten lassen, die nur an Sündfluthen Gefallen finden und in reißender Wildheit Menschenleben verschlingen, Völker gleich Getreidefeldern niedermähen. Man wird ihn nur Helden achten lehren, diese ekelhaft rohen Kerle, die mit Verbrechen beladen und über und über roth von menschlichem Blute sind. Die Tugenden und Fähigkeiten, durch die er sich über seines Gleichen erheben und Ruhm, Vermögen und Liebe erringen kann, stützen sich einzig und allein auf Mord ... Er wird im Kriege die höchste Form des ewigen und allgemeinen Mordwahnsinnes finden, des regelmäßigen, in Regimenter eingetheilten obligatorischen Mordes, der eine nationale Pflicht ist. Wohin er auch geht, was er auch thut, stets wird er das Wort: Mord unsterblich auf dem Schilde dieses weiten Schlachthofes, der die Menschheit ist, angeschrieben sehen. Weshalb soll also dieser Mensch, dem man von frühester Kindheit an Nichtachtung des menschlichen Lebens eingeprägt hat, den man dem gesetzlichen Morde weihte, vor einem Todtschlag zurückschrecken, wenn er dabei Nutzen oder Zerstreuung findet? Im Namen welchen Gesetzes will die Gesellschaft Mörder verurtheilen, die in Wirklichkeit sich nur den menschenmordenden Gesetzen, die sie gegeben, anpassen, und den blutigen Beispielen, die sie ihnen geliefert, folgen? ... »Wie, könnten eines Tages die Mörder sagen, Ihr nöthigt uns einen Haufen von Leuten, gegen die wir keinerlei Haß spüren, die wir ja nicht einmal kennen, niederzumetzeln; je mehr wir tödten, in desto reicherem Maaße bedeckt Ihr uns mit Anerkennung und Ehren! ... Eines anderen Tages, Eurer Logik vertrauend, unterdrücken wir Wesen, die uns unbequem sind, und die wir verabscheuen, weil wir ihr Geld, ihr Weib, ihre Stellung begehren, oder auch einfach nur, weil es uns Freude bereitet sie zu unterdrücken: All' das sind genaue, annehmbare und menschliche Begründungen und da kommt uns der Gensdarm, der Richter und Henker in die Quere! ... Das ist eine haarsträubende Ungerechtigkeit, die sich mit dem gesunden Menschenverstande nicht vereinen läßt!« Was könnte darauf die Gesellschaft zur Antwort geben, wenn ihr auch nur das Mindeste an Logik gelegen wäre?

Ein junger Mann, der bisher noch keinen Ton von sich gegeben hatte, bemerkte nun:

– Ist dies wohl die richtige Erklärung der seltsamen Mordmanie, von der wir, wie Sie behaupten, ausnahmslos, von Natur aus und in der That befallen sind? ... Ich weiß es nicht und will es auch gar nicht wissen. Das befriedigt in höherem Grade meine geistige Faulheit, die davor zurückscheut soziale und menschliche Probleme zu lösen, die übrigens ja nie gelöst werden, und das bestärkt mich in dem Gedanken, in den ausschließlich poetischen Gründen, durch die ich alles, was ich nicht begreife, zu erklären oder vielmehr nicht zu erklären versucht bin ... Sie haben uns, verehrter Meister, soeben ein schreckliches Geständnis gemacht und uns Eindrücke beschrieben, die, wenn sie eine active Form annehmen würden, Sie weit führen könnten und mich desgleichen, denn ich habe diese Eindrücke auch oft genug erhalten und erst vor ganz kurzer Zeit unter folgenden, sehr banalen Verhältnissen ... Aber gestatten Sie mir vorher die Bemerkung, daß ich diesen abnormalen Geisteszustand vielleicht der Umgebung verdanke, in der ich aufgewachsen bin, sowie den täglichen Einflüssen, die ohne mein Wissen auf mich wirkten ... Sie kennen meinen Vater, den Doctor Trepan. Sie wissen, daß es keinen geselligeren, keinen liebenswürdigeren Menschen als ihn gibt. Es gibt aber auch keinen Menschen, aus dem sein Beruf einen rücksichtsloseren Mörder gemacht hätte ... Oft genug habe ich diesen wundervollen Operationen, die ihn in der ganzen Welt berühmt gemacht haben, beigewohnt ... Seine Verachtung des Lebens hat etwas wirklich Grandioses an sich. Einmal hatte er in meiner Gegenwart einen sehr schwierigen Schnitt in der Weichengegend einer Patientin ausgeführt, als er plötzlich die Kranke, die noch im Chloroformschlafe lag, nochmals genau untersuchte und vor sich hinmurmelte: »Diese Frau muß eine Affection am Magenmunde haben ... wie wäre es, wenn ich ihr den Magen öffnete ... Ich habe ja Zeit genug dazu.« Darauf nahm er die Operation vor; aber die Kranke hatte dort nichts. Da begann mein Vater die unnütze Wunde zuzunähen, während er bemerkte: »So habe ich mir wenigstens Gewißheit verschafft.« Diese Überzeugung war umso werthvoller, als die Patientin noch am selben Abend verschied ... Ein anderesmal besuchten wir in Italien, wohin er wegen einer Operation gerufen worden war, ein Museum ... Ich war begeistert. »Ach Du Dichter! ... Du Dichter, rief mein Vater, der sich keinen Augenblick lang für die Meisterwerke, die mich in wahres Entzücken versetzten, interressirte ... Die Kunst! ... die Kunst! ... Das Schöne! ... Weißt Du was das ist? ... Na also, mein Junge, das Schöne ist ein geöffneter, blutüberströmter Frauenbauch, mit Pinzetten darin! ...« Aber ich philosophire nicht, ich erzähle nur ... Sie können aus dem Bericht all die anthropologischen Folgen ziehen, die er enthält, wenn er überhaupt welche enthält ...

Der junge Mann hatte eine Sicherheit in seinem Auftreten, einen schneidenden Ton in der Stimme, der uns förmlich schaudern ließ.

– Ich kam aus Lyon zurück, begann er von Neuem, und befand mich allein in einem Coupé erster Klasse. In irgend einer Zwischenstation, ich weiß nicht mehr in welcher, stieg ein Reisender ein. Der Ärger darüber, in seiner einsamen Beschaulichkeit gestört zu werden, kann wohl eine geistige Verfassung von größter Heftigkeit veranlassen, und Einen zu bedauerlichen Thaten geneigt machen, das will ich gerne zugeben ... Aber ich empfand nichts dergleichen ... ich langweilte mich dermaßen allein, daß das zufällige Herbeikommen eines Gesellschafters mir anfänglich geradezu angenehm war. Er ließ sich mir gegenüber nieder, nachdem er behutsam sein kleines Gepäck in dem Tragnetz untergebracht hatte ... Er war ein dicker Mensch von gewöhnlichem Benehmen, dessen fette und glänzende Häßlichkeit mir ohne Verzug antipathisch wurde ... Nach Verlauf von wenigen Minuten fühlte ich, wenn ich ihn ansah, etwas wie unüberwindlichen Ekel ... Er war schwerfällig auf den Kissen niedergesunken und streckte die Beine auseinander, während sein riesiger Bauch bei jedem Stoß des Zuges gleich einem gemeinen Gelatinpacket zitterte und wogte. Da ihm augenscheinlich warm war, nahm er seinen Hut ab und wischte sich schmutzig die Stirn ab, eine niedrige, runzlige, knotige Stirn, die gleich Aussatz von kurzen, spärlichen, klebrigen Haaren zerfressen wurde. Sein Gesicht war nur eine Häufung von Fettklumpen; sein dreifaches Kinn, diese feige Kravatte weichlichen Fleisches, baumelte auf seine Brust herab. Um diesen unangenehmen Eindruck zu vermeiden, entschloß ich mich die Gegend zu betrachten und gab mir Mühe von der Gegenwart dieses peinlichen Gefährten vollkommen abzusehen. Eine Stunde verging ... und als die Neugierde, die stärker als mein Wille war, meine Blicke wieder auf ihn gerichtet hatte, sah ich, daß er in niedrigen, tiefen Schlaf versunken war. Er schlief, in sich selbst zusammengesunken, der Kopf hing herab und baumelte auf den Schultern, seine dicken aufgedunsenen Hände lagen offen auf den Beinen. Ich bemerkte, daß seine runden Augen unter den geschlossenen Lidern zitterten, in deren Mitte, wie in einem Riß, ein Stückchen bläulicher Pupille gleich einem Eitergewächs auf einem Fetzen welken Fleisches erschien. Welch' plötzlicher Wahnsinnsgedanke durchzuckte mir das Gehirn, ich weiß es wahrhaftig nicht ... Denn wenn ich mich auch oft zur Mordlust gereizt gefühlt hatte, blieb dies doch stets im keimartigen Zustande des Verlangens und hatte noch nie die bestimmte Form einer Geberde oder einer That angenommen ... Kann ich glauben, daß nur die niedrige Häßlichkeit dieses Menschen diese Geberde und diese That herausforderte? ... Nein, es lag noch ein tieferer Grund vor, dessen ich mir nicht genau bewußt bin ... Ich stand behutsam auf und näherte mich dem Schläfer mit ausgestreckten, verkrampften und gewaltthätigen Händen, als ob ich ihn erwürgen wollte ...

Darauf machte er als ein Erzähler, der mit seinen Wirkungen wohl hauszuhalten weiß, eine Pause ... Dann fuhr er mit sichtlicher Befriedigung fort:

– Trotz meiner unansehnlichen Gestalt bin ich mit bedeutender Kraft begabt, mit einer seltenen Geschicklichkeit der Muskeln, mit außergewöhnlicher Spannkraft, und in diesem Augenblicke verdoppelte eine seltsame Hitze die Wirkungfähigkeit meiner körperlichen Eigenschaften ... Meine Hände näherten sich ganz von selbst dem Nacken dieses Mannes, ganz von selbst, ich versichere Sie, eifrig und schrecklich ... ich fühlte in mir nur eine Leichtigkeit, eine Elastizität, einen Strom nervöser Wellen, etwas gleich dem starken Rausche geschlechtlicher Wollust ... Ja, ich kann das, was ich empfand, mit gar nichts besserem vergleichen ... In dem Augenblick, als meine Hände, gleich einer unlösbaren Zwinge, diesen fettigen Hals umschlingen wollten, erwachte der Mann ... Er erwachte mit Entsetzen im Blicke und stammelte: »Was denn? ... Was denn? ... Was? ...« Und das war alles! ... Ich sah wohl, daß er noch weiter wollte, aber er vermochte es nicht ... Sein rundes Auge zitterte gleich einem Flämmchen, das vom Winde bewegt wird. Dann starrte er mich unbeweglich, voll Entsetzen an ... Ohne ein Wort zu sagen, ohne eine Entschuldigung oder Erklärung zu suchen, durch die dieser Mensch beruhigt worden wäre, ließ ich mich ihm gegenüber nieder und entfaltete mit ruhiger Gewandtheit, die mich heute noch Wunder nimmt, eine Zeitung, die ich übrigens nicht las ... Mit jeder Minute wuchs das Entsetzen in den Augen des Menschen, die sich nach und nach verdrehten, ich sah wie sein Gesicht rothe Flecken annahm, sich dann bläulich färbte und starr wurde ... Bis Paris behielt der Blick des Mannes diese entsetzliche Starrheit ... Als der Zug anhielt, stieg der Mann nicht aus ...

Der Erzähler zündete eine Zigarette an der Flamme einer Kerze an, und erklärte, nachdem er den Rauch vor sich hingeblasen, mit phlegmatischer Stimme:

– Ich glaube es gern! ... Er war todt! ... Ich hatte ihn durch einen Gehirnschlag getödtet ...

Dieser Bericht rief ein großes Unbehagen unter uns hervor und wir sahen uns verblüfft an ... War der seltsame junge Mann aufrichtig, hatte er uns zum Besten haben wollen? ... Wir erwarteten eine Erklärung, einen Kommentar, einen Schnörkel ... aber er schwieg ... Er rauchte ernst und bedächtig weiter und schien jetzt an etwas anderes zu denken ... Die Unterhaltung wurde von diesem Augenblick an regellos, ohne Stimmung fortgesetzt und verweilte tändelnd bei tausend unnützen Dingen in erschlaffendem Tone ...

Da sagte ein Mann mit verwüstetem Gesicht, gekrümmtem Rücken, trüben Augen, vor der Zeit ergrautem Haar und Bart, mit zitternder Stimme, indem er mühsam aufstand:

– Sie haben bisher von allem gesprochen, außer von Frauen, was mir bei einer Frage, in der sie die größte Wichtigkeit besitzen, wirklich unbegreiflich erscheint.

– Sehr richtig! ... Wir wollen jetzt von den Frauen sprechen, stimmte der berühmte Schriftsteller bei, der sich nun wieder in seinem Lieblingselement befand, denn er galt in der Litteratur als jener merkwürdige Dummkopf, den man einen feministischen Meister nennt ... Es war wirklich die höchste Zeit, daß ein wenig Frohsinn diese blutigen Traumgebilde verscheuchte ... Sprechen wir von der Frau, meine Freunde, da wir in ihr und durch sie unsere wilden Instinkte vergessen, lieben lernen und uns bis zur höchsten Erkenntnis des Mitleids und Ideals erheben.

Der Mann mit dem verstörten Gesicht lachte kurz auf, in seinem Lachen kreischte Ironie, gleich einer alten Thür, deren Angeln verrostet sind.

– Die Frau als Erzieherin zum Mitleid! ... rief er ... ja ich kenne diese Melodie ... sie ist sehr im Schwunge in einer gewissen Litteratur und in den Collegien von Salonphilosophie ... Doch ihre ganze Geschichte und nicht allein ihre Geschichte, sondern auch ihre Rolle in der Natur und im Leben strafen diese durchaus romantische Behauptung Lügen ... Denn weshalb drängen sich sonst die Frauen zu blutigen Schauspielen, mit der gleichen Verzückung, wie beim Wollustrausche? ... Weshalb strecken sie, wie man sich stets überzeugen kann, auf der Straße, im Theater, in den Gerichtssälen und vor der Guillotine den Hals nach Folterscenen aus, reißen gierig die Augen auf und empfinden bis zum Ohnmächtigwerden, schändliche Freude am Tode? ... Weshalb läßt sie schon der Name eines großen Mörders bis in die tiefsten Tiefen ihres Leibes in einer Art von köstlichem Entsetzen erschaudern? ... Sie schwärmen alle, oder beinahe alle von Pranzini! ... Weshalb? ...

– Ach was! ... rief der berühmte Schriftsteller aus ... Das sind doch Dirnen ...

– Nicht im Geringsten, erwiderte der Mann mit dem verstörten Gesicht, auch große Damen und Bürgerfrauen ... Das kommt ganz aufs gleiche heraus ... In Bezug auf Frauen gibt es keine moralischen Kategorien, es gibt nur soziale Kategorien, es sind eben Frauen ... Die Frauen aus dem Volke, aus dem hohen und kleinen Bürgerstande, ja aus den höchsten Kreisen der Gesellschaft stürzen sich lüstern auf jene scheußlichen Todtenkammern und absurden Verbrechermuseen, die die Feuilletons des Petit Journal sind. Weshalb? ... Das kommt daher, weil die großen Mörder auch stets schreckliche Liebhaber waren ... Ihre geschlechtliche Kraft entspricht ihrer verbrecherischen Kraft ... Sie lieben wie sie tödten! ... Der Mord wird aus der Liebe geboren und die Liebe erhält ihre höchste Spannkraft durch den Mord ... Es ist dies die gleiche physiologische Erregtheit ... Es sind die gleichen erstickenden Geberden, die gleichen Bisse ... Und häufig fallen dabei auch die gleichen Worte in der identischen Verzückung..

Er sprach mühsam, während ein leidender Zug bei ihm bemerkbar wurde ... Je länger er sprach, desto trüber wurden seine Augen, desto deutlicher traten die Runzeln seines Gesichtes hervor ...

– Das Weib als Spenderin des Ideals und Mitleids! ... begann er vom Neuen ... Aber die schändlichsten Verbrechen sind fast stets das Werk des Weibes ... Das Weib denkt sie aus, entwickelt sie, bereitet sie vor und leitet sie ... Wenn die Frau diese Thaten nicht mit eigener, oft zu schwächlicher Hand ausführt, kann man doch in allen diesen Verbrechen ihren Charakter voll reißender Wildheit, ihre Unerbittlichkeit, ihre Geistesgegenwart, ihren Gedanken, ihr Geschlecht wiederfinden ... »Cherchez la femme!« sagt der weise Kriminalist ...

– Sie verleumden das Weib! ... widersprach der berühmte Schriftsteller, der eine entrüstete Geberde nicht zurückhalten konnte. Sie stellen uns hier als Grundsatz auf, was doch nur in sehr seltenen Ausnahmen der Fall ist ... Entartung, Neurose, Neurasthenie ... alle Wetter! ... Das Weib ist gleich dem Manne gegen seelische Krankheiten nicht gefeit ... Obwohl bei ihm diese Krankheiten eine reizende und rührende Gestalt annehmen, die uns nur noch besser die Zartheit seines köstlichen Gefühllebens begreifen läßt. Nein, mein Herr, Sie befinden sich in einem bedauerlichen, und wenn ich mich so ausdrücken darf, verbrecherischen Irrthume ... Was man am Weibe bewundern muß, ist im Gegentheil der große Sinn, die große Liebe, die es für's Leben hat, und die, wie ich vorhin sagte, ihren endgiltigen Ausdruck im Mitleid findet ...

– Litteratur! ... Das ist Litteratur, mein Herr! ... Und zwar die denkbar schlimmste.

– Das ist Pessimismus, mein Herr! ... Blasphemie!.. Unvernunft!

– Ich glaube, Sie täuschen sich alle beide, warf ein Arzt ein ... die Frauen sind weit raffinirter und verwickelter als Sie annehmen ... sie sind unvergleiche Virtuosen, großartige Künstler des Leidens und deshalb ziehen sie das Schauspiel des Schmerzes dem des Todes, die Thränen dem Blute vor. Und dies ist eine bewunderungswürdige amphibologische Thatsache, wobei jeder seine Rechnung findet, denn jeder kann daraus sehr verschiedene Schlußfolgerungen ziehen, das Mitleid der Frau übertreiben, oder ihre Grausamkeit verfluchen, gestützt auf gleich unangreifbare Begründungen kann ihr Jeder, wie er nun gerade im Augenblick gelaunt ist, Erkenntlichkeit oder Hatz zuwenden ... Und dann: wozu dienen denn alle diese unfruchtbaren Streitigkeiten? ... Da wir doch in dem ewigen Kampfe der Geschlechter stets die Besiegten sind und nichts dagegen thun können ... und da wir doch, ob wir nun Weiberfeinde oder Feministen sind, bis jetzt zur Wollust und zur Fortpflanzung kein vollkommeneres Vergnügungsinstrument und kein anderes Zeugungsmittel, als das Weib, gefunden haben? ...

Aber der Mann mit dem verstörten Gesichte machte eine heftig verneinende Bewegung:

– Hören Sie mich an, sagte er: Die Zufälligkeiten des Lebens – und was für ein Leben war das meine! ... haben mich nicht einer Frau ... sondern der Frau gegenübergestellt. Ich habe sie gesehen, frei von allem Kunstwerk, von all den Heucheleien, mit denen die Civilisation ihre wahre Seele, wie mit einen Lügenschmuck verhüllt ... Ich habe sie gesehen, ihrer Laune allein überlassen, oder wenn Sie das vorziehen, unter der alleinigen Herrschaft ihrer Instinkte, in einer Umgebung wo allerdings nichts sie zügeln konnte, wo sich im Gegentheil alles verschwor, um sie aufzuregen ... Nichts verbarg mir sie, weder Gesetze, noch Moral, noch religiöse Vorurtheile, noch soziale Convenienz ... Ich habe sie in ihrer ganzen Wirklichkeit, in ihrer ursprünglichen Nacktheit, zwischen Gärten und Qualen, zwischen Blut und Blumen gesehen ... Als sie mir erschien, war ich zur niedrigsten Stufe menschlicher Herabgekommenheit gesunken – wenigstens glaubte ich es. Da schrie ich vor ihren Augen voll Liebe, vor ihrem Munde voll Mitleid, hoffend auf, und glaubte ... ja ich glaubte, daß ich durch sie gerettet werden würde. Nun also, die Dinge nahmen einen fürchterlichen Verlauf! ... Die Frau hat mich Verbrechen kennen gelehrt, die ich noch nicht kannte, Schatten, in die ich noch nicht herabgestiegen war ... Sehen Sie meine erstorbenen Augen an, meinen Mund, der nicht mehr zu sprechen weiß, meine zitternden Hände ... weil ich sie gesehen habe! ... Aber ich kann ihr nicht fluchen, ebensowenig wie ich dem Feuer fluche, das Städte und Wälder verheert, dem Wasser, das Schiffe scheitern läßt, dem Tiger, der die blutige Beute in seinem Rachen nach der Tiefe des Dschungel schleppt ... Die Frau hat in sich die weltumspannende Kraft der Elemente, einen unüberwindlichen Zerstörungsdrang, gleich der Natur ... Sie ist ganz allein an sich schon die ganze Natur! ... Da sie die Gebärmutter des Lebens ist, ist sie auch gleichfalls die Gebärmutter des Todes ... Da durch den Tod, das Leben unablässig wiedergeboren wird ... Und da den Tod abschaffen auch das Leben in seiner einzigen Fruchtbarkeitsquelle tödten hieße ...

– Und was beweist das? ... bemerkte der Arzt, achselzuckend.

Jener antwortete einfach:

– Das beweist nichts ... Müssen denn die Dinge, um dem Leide oder der Freude anzugehören, bewiesen werden? ... Sie müssen gefühlt werden ...

Dann zog der Mann mit dem verstörten Gesicht schüchtern und – o, Allmacht der menschlichen Eigenliebe! – mit sichtlicher Befriedigung über sich selbst, eine Papierrolle aus der Tasche, die er sorgsam entfaltete:

– Ich habe den Bericht dieses Theils meines Lebens niedergeschrieben, sagte er.. Lange zauderte ich ihn zu veröffentlichen und zaudere heute noch. Ich möchte ihn aber Ihnen vorlesen, da Sie Männer sind und nicht in die ärgste Finsterniß menschlicher Geheimnisse einzudringen fürchten ... Ach, daß Sie dennoch den blutigen Schrecken dieses Berichtes ertragen könnten! ...

Er betitelt sich: Der Garten der Qualen...

Unser Wirth ließ noch Zigarren und Getränke herbeischaffen ...

1. Theil: Die Forschungsreise

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

Ehe ich eine der furchtbarsten Episoden meiner Reise nach dem äußersten Orient berichte, ist es vielleicht von Interesse, wenn ich kurz auseinandersetze, durch was für Verhältnisse ich zu diesem Unternehmen veranlaßt wurde. Es ist ein Stück zeitgenössischer Weltgeschichte.

Allen denen, die sich vielleicht darüber wundern, daß ich in allen Punkten, die mich betreffen, grundsätzlich und ausnahmslos keine Namen nenne ... im ganzen, weiteren Verlauf dieses wahrhaften und traurigen Berichtes, sage ich nur:

»Mein Name thut nichts zur Sache! ... Es ist der Name eines Menschen, der sich und Andern viel Unheil zufügte, sich noch mehr als den andern, und der, nachdem er nach mannigfaltigen Erschütterungen bis zur Tiefe menschlichen Gelüstes herabgestiegen ist, versucht, sich eine neue Seele in der Einsamkeit und im Dunkel zu schaffen. Friede der Asche seiner Sünde.«

I.

Inhaltsverzeichnis

Vor zwölf Jahren stellte ich meine Kandidatur zur Deputiertenwahl auf, da ich durchaus nicht mehr wußte, was ich anfangen sollte und durch eine Reihe von Schicksalsschlägen mich der harten Alternative, mich aufzuhängen oder in die Seine zu springen, gegenüber befand; diese Kandidatur – meine letzte Rettung – stellte ich in einem Departement auf, in dem ich keine Menschenseele kannte und in das ich nie den Fuß gesetzt hatte.

Es ist allerdings wahr, daß meine Kandidatur officiell von dem Kabinet unterstützt wurde, das nicht wußte, was es mit mir anfangen sollte und dadurch ein geniales und feinfühliges Mittel an der Hand hatte, um meine täglichen und dringlichen Quälereien los zu werden.

Bei diesem Anlaß hatte ich mit dem Minister, der mein Freund und früherer Schulkamerad war, eine gleichzeitig feierliche, sowie auch vertrauliche Unterredung.

– Jetzt siehst Du, wie nett wir zu Dir sind! ... sagte dieser mächtige und freigebige Freund zu mir ... Kaum haben wir Dich den Armen der Gerechtigkeit entzogen – was gar nicht so leicht durchzusetzen war – so wollen wir auch schon einen Deputierten aus Dir machen.

– Ich bin noch nicht dazu ernannt ... sagte ich in griesgrämigen Tone.

– Sehr richtig! ... Allein Du hast alle Chancen für Dich ... Du bist ein intelligenter Mensch und hast ein verführerisches, bestrickendes Äußere, Du kannst wahre Wunder verrichten, Du bist auch ein guter Kerl, wenn es Dir Spaß macht und besitzest die majestätische Gabe zu gefallen ... Die Männer, die auf die Frauen wirken, mein Lieber, sind auch stets Leute der großen Menge ... Ich bürge für Dich ... Es handelt sich jetzt nur darum die Lage wohl zu begreifen ... Übrigens ist sie äußerst einfach ...

Dann empfahl er mir:

Vor allem keinerlei Politik! ... Verpflichte Dich zu nichts ... Laß' Dir ja nicht vielleicht Dein Temperament durchgehen! ... In dem Wahlbezirk, den ich für Dich ausgewählt habe, überragt eine Frage an Wichtigkeit alle andern: die Runkelrübe ... Das Übrige zählt nicht und geht einzig und allein den Präfecten an ... Du bist rein landwirthschaftlicher Kandidat ... besser als das, ausschließlich Rübenkandidat ... Vergiß' dies nicht ... Was auch im Verlauf des Kampfes geschehen möge, halte Dich unentwegt auf dieser ausgezeichneten Basis aufrecht ... Kennst Du die Runkelrübe ein Bischen? ...

– Meiner Treu! nein, antwortete ich ... Ich weiß nur, wie jeder gebildete Mensch, daß daraus Zucker ... und Alkohol gewonnen werden.

– Bravo! das genügt, bemerkte der Minister mit beruhigender, herzlicher Würde, in beifälligem Tone ... Geh' ungescheut auf dieser Basis weiter ... Versprich ihnen wunderbare, märchenhafte Erträgnisse ... außerordentliche und kostenlose chemische Dungmittel ... Eisenbahnen, Kanäle und Straßen für den Verkehr mit diesem interessanten patriotischen Gemüse ... Kündige ihnen Steuerermäßigungen an, Prämien für Landwirthe, fürchterliche Abgaben auf concurrirende Stoffe ... kurz was Dir gerade einfällt! ... In dieser Hinsicht gebe ich Dir alle Machtvollkommenheit und werde Dich dabei nach Kräften unterstützen ... Aber laß' Dich nicht etwa in persönliche oder allgemeine Polemiken hineinreißen, die Dir gefährlich werden könnten und zugleich mit Deiner Wahl den Ruhm der Republik beschimpfen würden ... Denn unter uns gesagt, alter Junge – ich mache Dir keinen Vorwurf, ich stelle es nur fest – Du hast eine ziemlich belastende Vergangenheit ...

Ich war aber durchaus nicht zum Lachen aufgelegt ... Über diese Bemerkung geärgert, die mir zwecklos und beleidigend erschien, erwiderte ich lebhaft, indem ich meinem Freund geradewegs in's Gesicht sah, wobei er in meinen Augen alles lesen konnte, was darin an scharfer und kalter Drohung aufgehäuft war:

– Du könntest richtiger sagen: »wir haben eine Vergangenheit ...« Mir scheint, daß die Deine, mein lieber College, der meinen nichts nachzugeben hat ...

– O, ich! ... rief der Minister mit einem Ausdruck überlegener Nichtachtung und vornehmer Sorglosigkeit, das kommt doch nicht auf dasselbe heraus ... Ich ... mein Freundchen ... bin eben gedeckt, mein Freundchen ... bin eben gedeckt ... sogar durch Frankreich selbst!

Dann kam er auf meine Wahlkandidatur zurück und fügte seinen Rathschlägen noch Folgendes hinzu:

– Ich fasse also nochmals alles zusammen ... Runkelrüben, nichts als Runkelrüben, stets nur Runkelrüben! ... Dies sei Dein Programm ... Weiche ja nicht davon ab.

Dann steckte er mir verstohlen eine kleine Unterstützung zu und wünschte mir viel Glück.

Ich folgte diesem Programm, das mir mein mächtiger Freund vorgezeichnet hatte, getreulich und hatte Unrecht damit ... Ich wurde nicht gewählt. Die vernichtende Majorität, die sich meinem Gegner zuwendete, that dies wohl, abgesehen von einigen unloyalen Manövern, hauptsächlich deshalb, weil dieser verteufelte Kerl womöglich noch unwissender als ich und eine ausgemachte Canaille war.

Im Vorübergehen soll hier nur festgestellt werden, daß eine gut zur Geltung gebrachte Schufterei in unseren Zeitläuften alle möglichen guten Eigenschaften ersetzt und die Welt geneigt ist, einem Menschen, je schandbarer er sich benimmt, desto mehr Geisteskräfte und moralischen Werth zuzuerkennen.

Mein Gegner, der heute eine der unbestreitbarsten Zierden unserer Politik ist, hatte in verschiedenen Lebenslagen gestohlen. Doch seine Überlegenheit bestand darin, daß er dies nicht verbarg, sondern sich dessen mit dem widerwärtigsten Cynismus rühmte.

– Ich habe gestohlen ... ich habe gestohlen ... brüllte er durch die Gäßchen der Dörfer, auf den öffentlichen Plätzen der Städte, und längs der Landstraße in die Felder hinaus ...

– Ich habe gestohlen ... ich habe gestohlen ... verkündete er in seinen Glaubensbekenntnissen, den Wandanschlägen und vertraulichen Rundschreiben ...

Und in den Kneipen wiederholten seine Vertrauensmänner, auf den Tonnen sitzend, voll von Wein, und vom Alkohol geröthet, in trompetendem Tone die magischen Worte:

– Er hat gestohlen ... er hat gestohlen ...

Entzückt bejubelte die arbeitsame Bevölkerung der Städte, desgleichen das brave Landvolk diesen kühnen Mann voll Leidenschaft, der tagtäglich im Verhältnis zu dem Freimuth seiner Geständnisse wuchs.

Wie hätte ich gegen einen Gegner kämpfen sollen, der eine solche Leumundsnote besaß, während ich eigentlich noch nichts auf dem Gewissen hatte und schamhaft, nur kleine Jugendsünden, wie häusliche Diebstähle, Lösegelder für Maitressen, winzige Gaunereien durch falsches Spiel, Erpressungen, anonyme Briefe, Verleumdungen und Meineide verheimlichte? ... O, Reinheit jugendlicher Unwissenheit!

Ich wäre sogar eines Abends in einer öffentlichen Versammlung fast von den Wählern todtgeschlagen worden, die wüthend darüber waren, daß ich gegenüber den schandbaren Erklärungen meines Gegners, mit dem hervorragenden Rang der Runkelrübe zugleich für das Recht auf Tugend, Moral und Redlichkeit stritt und behauptet hatte, es sei dringend nöthig, die Republik von einigen schmutzigen Individuen, die sie entehrten, zu reinigen. Man stürzte sich auf mich, faßte mich an der Kehle; ich wurde von einem zum andern geworfen und gleich einem Ball hin- und hergetrieben ... Glücklicher Weise trug ich als Folge dieses Beredsamkeitanfalles nur eine verschwollene Backe, drei verletzte Rippen und sechs ausgeschlagene Zähne davon ...

Dies war alles was ich von diesem traurigen Abenteuer zurückbrachte, zu dem mich unglücklicher Weise die Gönnerschaft eines Ministers, der mein Freund sein wollte, verleitet hatte.

Ich war entrüstet.

Ich hatte umsomehr Ursache entrüstet zu sein, als plötzlich, im heißesten Schlachtgedränge, die Regierung mich im Stiche ließ, und mir keinen anderen Schutz, als die Runkelrübe als Amulet gewährte, während sie mit meinem Gegner verhandelte und sich mit ihm in's Einvernehmen setzte.

Der Präfekt der zuerst sehr demüthig gewesen war, wurde ohne Zeitverlust höchst unverschämt, in der Folge verweigerte er mir die zu meiner Wahl nöthigen Auskünfte; endlich verschloß er mir so ziemlich seine Thür. Selbst der Minister beantwortete meine Briefe nicht mehr, bewilligte nichts von alledem, um was ich ihn angegangen hatte, und die regierungsfreundlichen Zeitungen richteten manch versteckte Angriffe und peinliche Anspielungen in höflichen und verblümten Phrasen gegen mich. Man gieng nicht soweit, mich gerade offiziell zu bekämpfen, aber dies stand für alle Welt fest ... man ließ mich fallen ... Ach, ich glaube wirklich, nie ist soviel Galle in die Seele eines Menschen getreten!

Als ich nach Paris zurückgekehrt war, hatte ich den festen Entschluß gefaßt Radau zu schlagen; auf die Gefahr hin alles zu verlieren forderte ich Erklärungen von dem Minister, den mein schroffes Auftreten sofort nachgiebig und entgegenkommend stimmte ...

– Mein Lieber, sagte er mir, ich bedaure sehr, daß Dir dies passiert ist ... Mein Wort zum Pfande! ... ich bin wirklich ganz verzweifelt darüber. Aber was konnte ich thun? Ich bin doch nicht allein im Kabinet ... und ...

– Ich kenne aber nur Dich! unterbrach ich ihn heftig, indem ich einen Haufen Aktenstücke, der in Handweite auf seinem Schreibtisch lag, zu Boden schleuderte ... Die anderen gehen mich gar nichts an ... Mit den anderen habe ich nichts zu thun ... Ich habe mich nur an Dich zu halten ... Du hast mich verrathen; es ist niederträchtig! ...

– Aber, alle Wetter! ... So höre mich doch nur einen Augenblick an! beschwor der Minister. Und rege Dich nicht so sehr auf, ehe Du nicht alles weißt ...

– Ich weiß nur eines und das genügt mir. Du hast mich zum Besten gehalten ... Na also schön! Die Geschichte wird nicht so einfach verlaufen wie Du es Dir vorstellst ... Jetzt bin ich an der Reihe.

Ich gieng in dem Arbeitzimmer auf und ab, stieß Drohungen aus und warf Stühle um ...

– Aha! Du hast Dich über mich lustig gemacht! ... Da wird es also einen feinen Spaß geben ... Das Land soll endlich einmal erfahren was eigentlich ein Minister ist ... Auf die Gefahr hin das Land zu vergiften, werde ich ihm diesen zeigen und ihm diese Seele eines Ministers weit geöffnet vorlegen ... Du Dummkopf! ... Hast Du denn wirklich nicht begriffen, daß ich Dich in der Hand habe, Dich, Dein Vermögen, Deine Geheimnisse und Dein Ministerportefeuille! ... Also meine Vergangenheit ist Dir peinlich? ... Sie geniert Dein Schamgefühl und das Mariannens? ... Schön, dann warte einmal! ... Morgen, ja morgen schon wird man alles erfahren ...

Ich erstickte fast vor Wuth. Der Minister suchte mich zu beruhigen, nahm mich beim Arm und zog mich sanft wieder auf den Stuhl, von dem ich jählings aufgesprungen war ...

– Aber sei doch nur ruhig! sagte er zu mir, indem er seiner Stimme einen beschwörenden Ton gab ... Höre mich doch nur an, ich bitte dich darum! ... Na also, setz' Dich doch! ... Warum willst Du verteufelter Mensch denn gar nicht hören! Also Folgendes ist geschehen ...

Überrascht, in kurzen, abgehackten Sätzen erklärte er mir:

– Wir kannten Deinen Gegner eben noch nicht ... Er hat sich im Verlauf des Kampfes als ein sehr bedeutender Mann enthüllt ... als ein wirklicher Staatsmann! ... Du weißt wie beschränkt das Regierungspersonal ist ... Obwohl immer wieder dieselben Leute dazu kommen, müssen wir doch nothwendiger Weise von Zeit zu Zeit der Kammer und dem Lande ein neues Gesicht zeigen ... Dabei haben wir keine große Auswahl ... Kennst Du vielleicht Jemanden? ... Schön, das haben wir also überlegt, daß Dein Gegner ein solches Gesicht sein könne ... Er besitzt all' die Vorzüge, die einem provisorischen Minister, einem Minister während einer Krise, gebühren ... Schließlich war er ständigen Fußes käuflich und lieferbar, begreifst Du? ... Es ist ja sehr unangenehm für Dich, wie ich gerne zugeben will ... Aber vor allem andern kommen doch die Interessen des Landes ...

– Mach doch keine faulen Witze ... Wir sind hier doch nicht in der Kammer .... Es handelt sich hier nicht um die Interessen des Landes, auf die Du gerade so wie ich pfeifst ... Es handelt sich um mich ... Dank Dir befinde ich mich wieder einmal auf dem Straßenpflaster. Gestern Abend hat mir der Kassier meiner Spielhölle in unverschämter Weise fünf Francs verweigert ... Meine Gläubiger, die auf einen Erfolg gerechnet hatten, sind über meine Niederlage wüthend und verfolgen mich gleich einem Hasen ... Mir soll alles versteigert werden ... Heute habe ich nicht einmal genug Geld zum Diner ... Und Du bildest Dir so einfach ein, daß ich das ganz ruhig ertragen werde? ... Du bist also blödsinnig ... ebenso blödsinnig wie ein Mitglied Deiner Majorität geworden? ...

Der Minister lächelte, er klopfte mir vertraulicher Weise auf die Kniee, dann bemerkte er:

– Ich bin ja vollkommen damit einverstanden – aber Du läßt mich ja gar nicht zu Worte kommen – ich bin ja ganz einverstanden Dir eine Vergütung zu verschaffen ...

– Nein, eine Ent–schä–di–gung!

– Meinetwegen eine Entschädigung!

– Eine vollständige?

– Eine vollständige! Komme in einigen Tagen wieder ... dann werde ich ohne Zweifel in der Lage sein, sie Dir gewähren zu können. Vorläufig nimm hier hundert Louisd'or, das ist der ganze Rest meiner geheimen Fonds ...

Er fügte noch freundlich, mit vertraulicher Lustigkeit hinzu:

– Ein halbes Dutzend Schwerenöther wie Du ... und dann könnte man mit dem Budget überhaupt nicht mehr zu Stande kommen ...

Diese Freigebigkeit, die ich in allem Anfange nicht erhofft hatte, brachte es fertig, meine Nerven unverzüglich zu beruhigen ... Ich steckte – noch immer brummend, denn ich wollte mich weder besiegt, noch zufriedengestellt zeigen – die beiden Banknoten ein, die mir mein Freund lächelnd reichte ... dann zog ich mich würdig zurück ...

Die drei folgenden Tage verbrachte ich in den niedrigsten Ausschweifungen ...

II.

Inhaltsverzeichnis

Es sei mir noch vergönnt einen kurzen Rückblick abzuhalten. Vielleicht ist es nicht gleichgültig für meine Leser, wenn ich ihnen sage, wer ich bin und woher ich stamme ... Die Ironie meines Schicksals wird dadurch nur noch besser erklärt werden.

Ich bin in der Provinz in einer Familie des kleinen Bürgerthums geboren worden, dieses braven, haushälterischen und tugendhaften Kleinbürgerthums, von dem in offiziellen Reden behauptet wird, daß es die Seele Frankreich's sei ... Na wahrhaftig! ich bin trotzdem nicht gerade stolz darauf.

Mein Vater war Kornhändler. Er war ein rauher, grober Mensch, der sich aber ausgezeichnet auf das Geschäft verstand. Er stand im Rufe darin sehr geschickt zu sein, und seine große Geschicklichkeit bestand darin »die Leute hereinzulegen«, wie er sich ausdrückte. Jemanden über die Qualität der Waare und das Gewicht täuschen, sich zwei Francs für einen Gegenstand, der nur zwei Sous kostete, und wenn es ohne zu großen Skandal angieng, sich zweimal zahlen zu lassen, das waren seine geschäftlichen Prinzipien. Er lieferte zum Beispiel niemals Hafer, ohne ihn vorher ganz gehörig in's Wasser getaucht zu haben. Auf diese Weise ergaben die aufgeschwemmten Körner das doppelte im Litermaaß und auch an Gewicht; besonders wenn feiner Sand hinzu gethan worden war, ein Vorgang, den mein Vater stets nach bestem Wissen und Gewissen ausführte. Er verstand es auch richtig und gerecht, Kornbrand und andere giftige Samen in die Säcke zu mischen, die beim Schwingen des Getreides ausgeschieden worden waren. Kein Mensch wußte auch besser als er verdorbenes Mehl frischem zuzutheilen, denn beim Geschäft darf nichts verloren gehen und alles wiegt schwer.

Meine Mutter, die noch wüthender hinter schlechten Gewinnsten her war, unterstützte ihn in seinen genialen Betrügereien und hielt steif und mißtrauisch die Kassa, etwa wie man einen Wachposten vor dem Feinde bezieht.

Als eifriger Republikaner und aufrichtiger Patriot – er lieferte auch für das Heer – als unbeugsamer Mann der Moral, kurz als ehrenwerther Mensch im volksthümlichen Sinne dieses Wortes, zeigte sich mein Vater mitleidslos und unerbittlich gegen die Unredlichkeit anderer, besonders wenn sie ihm selbst Nachtheil brachte. Da legte er wild über die Nothwendigkeit von Ehre und Tugend los. Eine seiner großen Ideen bestand darin, daß man in einem gut geordneten Volksstaate diese Eigenschaften obligatorisch machen müsse, gleich der Erziehung, der Steuer und dem Loosziehen für den Militärdienst. Eines Tages bemerkte er, daß ihn ein Fuhrmann, der seit fünfzehn Jahren bei ihm im Dienste stand, bestehle. Er ließ ihn ohne Weiteres verhaften. Während der Verhandlung vertheidigte sich der Kärrner so gut er eben konnte.

– Aber beim gnädigen Herrn war immer nur davon die Rede jemanden »herein« zu legen. Wenn er einem Kunden »einen tollen Streich« gespielt hatte, rühmte sich der gnädige Herr dessen, wie einer guten That. »Es liegt alles daran Geld aus den Leuten zu ziehen, sagte er, es ist nebensächlich woher und in welcher Weise man es nimmt. Das ganze Geheimnis des Geschäftes besteht darin, ein altes Kaninchen für eine schöne Kuh zu verkaufen« ... Nun schön, ich habe es gerade so gemacht wie der gnädige Herr mit seinen Kunden ... Ich habe ihn herein gelegt ...

Dieser Cynismus wurde von den Richtern sehr schlecht aufgenommen. Sie verurtheilten den Fuhrmann zu zwei Jahren Gefängnis, nicht allein weil er einige Kilogramm Getreide unterschlagen hatte, sondern hauptsächlich, weil er eines der ältesten Kaufhäuser der Gegend ... ein Haus, das im Jahre 1794 gegründet worden war, verunglimpfte, dessen althergebrachte, stramme und sprichwörtliche Ehrbarkeit von Vater auf den Sohn die Stadt verschönte.

Ich erinnere mich noch deutlich, daß am Abend nach diesem hervorragenden Urtheilsspruch, mein Vater einige Freunde an seinem Tisch vereint hatte, die gleich ihm Geschäftsleute und von dem leitenden Grundsatz durchdrungen waren, daß »die anderen herein zu legen«, die Seele des Handels sei. Sie können sich lebhaft vorstellen, wie sehr man sich über die herausfordernde Haltung des Fuhrmannes entrüstete. Bis um Mitternacht wurde überhaupt von sonst anderem nicht gesprochen und unter dem Geschrei, unter den Geistesblitzen, dem Gezänk und den Gläschen Branntwein, durch die dieser denkwürdige Abend verziert war, blieb mir diese Vorschrift im Gedächtnis, die sozusagen die Moral dieses Abenteuer's und zugleich auch das Leitmotiv meiner Erziehung war:

– Jemandem etwas fortnehmen und es behalten, ist Diebstahl ... Jemandem etwas fortnehmen und es einem andern weitergeben, indem man dafür möglichst viel Geld eintauscht, das ist Handel ... Der Diebstahl ist umso dümmer, als er sich mit dem einfachen, häufig gefährlichen Nutzen begnügt, während der Handel zweifellos doppelte Früchte trägt ...

In dieser moralischen Atmosphäre wuchs ich heran und entwickelte ich mich, gewissermaßen allein, ohne einen andern Führer als das tägliche Beispiel meiner Eltern. Bei kleinen Handelsleuten bleiben die Kinder im Allgemeinen sich stets überlassen. Man hat nicht Zeit dazu, sich mit ihrer Erziehung zu befassen. Sie bilden sich wie sie können, je nach ihrer Natur und den verderblichen Einflüßen dieses gewöhnlich niederdrückenden und verdummten Milieu's. Aus eigenem Antriebe, ohne daß mich jemand dazu genöthigt hätte, betheiligte ich mich nachahmend, sowie auch dem eigenen Erfindungsgeiste folgend, an den Familienschwindeleien. Vom Alter von zehn Jahren an hatte ich keine andere Lebensauffassung als Diebstahl und war überzeugt – o, in recht naiver Weise, ich versichere Sie, – daß »die Leute hereinlegen« die einzige Basis aller sozialen Beziehungen bilde.

Die Schule entschied über die bizarre und gewundene Richtung, die ich in meinem Dasein haben sollte; denn dort lernte ich denjenigen kennen, der später mein Freund und der berühmte Minister Eugène Mortain wurde.

Als Sohn eines Schankwirths war er auf Politik dressirt worden, wie ich auf den Handel, durch seinen Vater, der der Hauptwahlagent der Gegend, der Vicepräsident der Gambettatreuen Vereine, der Gründer verschiedener Liguen, Widerstandsgruppen und Handwerksgenossenschaften war. Eugène bildete in sich, von der zartesten Kindheit an, die Seele eines »wirklichen Staatsmannes«.

Obwohl er eine Freistelle inne hatte, hatte er uns doch von aller Anfang an zu imponiren verstanden, sowohl durch seine sichtliche Überlegenheit in Bezug auf Frechheit und Schamlosigkeit, als auch durch eine Art von feierlicher, jedoch leerer Phraseologie, die unsere Begeisterung auf die Spitze trieb. Ferner hatte er von seinem Vater die einträgliche und beherrschende Manie des Organisierens geerbt. Im Verlaufe von wenigen Wochen hatte er die Schuljungen in alle möglichen Vereine und Untervereine, Gesellschaften und Untergesellschaften eingetheilt, zu deren Präsidenten, Sekretär und Schatzmeister er sich gleichzeitig ernannte. Es bestand da ein Verein der Ballspieler, Kreiseldreher, Bockspringer und Fußläufer, die Gesellschaft des Reckes, die Trapezliga, das Syndikat der Sackhupfer u.s.w. Jedes Mitglied dieser verschiedenen Vereinigungen war verpflichtet der Centralkasse, das heißt der Tasche unseres Kameraden, einen monatlichen Beitrag von fünf Sous zu liefern, der nebst anderen Vortheilen auch das Abonnement für ein vierteljährig erscheinendes Journal umschloß, welches Eugène Mortain zur Propaganda für die Ideen-und Interessenvertheidigung dieser zahlreichen »autonomen und solidarischen« Genossenschaften, wie er stolz erklärte, herausgab.

Schlechte Instinkte, die uns gemeinsam waren, sowie eine ähnliche Genußsucht, näherten uns beide rasch. Aus unserem engen Einvernehmen ergab sich eine wüste, beständige Ausbeutung unserer Kameraden, die stolz darauf waren, ein Syndicat an ihrer Spitze zu sehen ... Ich wurde mir darüber klar, daß nicht ich der Bedeutendere in diesem mitschuldigen Verhältnis war, aber gerade auf Grund dieser Erkenntnis klammerte ich mich nur noch fester an den Glücksstern dieses ehrgeizigen Genossen. Wenn wir auch nicht redlich theilten, so war ich doch stets sicher einige Brocken zu erhaschen ... Damals genügten mir diese vollständig. Leider habe ich aber immer nur Brocken von den Kuchen, die mein Freund verschlang, erhalten.

Ich traf Eugène später während einer schwierigen und schmerzlichen Periode meines Lebens wieder. Infolge des ewigen »Reinlegens der Leute« hatte sich mein Vater schließlich selbst hereingelegt, und nicht nur im bildlichen Sinne, wie er es in Bezug auf seine Kunden meinte. Eine unglückselige Lieferung, die, wenn ich mich genau erinnere, eine ganze Kaserne vergiftete, war der Anlaß dieses bedauerlichen Vorfalles, dem der vollständige Zusammenbruch unseres im Jahre 1794 gegründeten Geschäftes krönte. Mein Vater hätte vielleicht die Entehrung überlebt, denn er kannte wohl die unendliche Nachsicht seiner Zeitgenossen; er konnte aber den Ruin nicht überleben. Ein Schlaganfall raffte ihn eines schönen Abends dahin. Er starb und ließ die Mutter und mich mittellos zurück.

Da ich nun nicht mehr auf seine Unterstützung rechnen konnte, sah ich mich gezwungen, mich allein durchzuschlagen, entriß mich dem mütterlichen Jammer und eilte nach Paris, wo mich Eugène Mortain so liebenswürdig als nur möglich aufnahm.

Er gelangte nach und nach zu immer höheren Stellen; dank geschickt benützten parlamentarischen Protektionen, dank der Biegsamkeit seiner Natur, seiner vollkommenen Skrupellosigkeit begann er von sich in günstiger Weise, in der Presse, der Politik und der Finanzwelt reden zu machen. Von allem Anfang an benützte er mich zu schmutzigen Geschäften und wurde auch meinerseits, da ich ihm ständig wie sein Schatten folgte, gleich ihm ein wenig berühmt, woraus ich aber nicht wie ich es hätte thun sollen, Nutzen zu ziehen verstand. Aber die Consequenz in schlechten Dingen fehlt mir leider am allermeisten. Nicht daß ich vielleicht verspätete Gewissensbisse, Skrupel oder vorübergehende Anwandlungen von Ehrbarkeit fühlte; es liegt in mir eine verteufelte Phantasie, eine unberechenbare und unerklärliche Perversität, die mich plötzlich ohne sichtliche Ursache zwingt, die besteingefädelten Geschäfte aufzugeben und Kehlen, die ich schon ausgezeichnet würgte, loszulassen. Mit den praktischen Fähigkeiten erster Güte, meinem klaren, scharfen Sinn für das Leben, einer Kühnheit, die selbst das Unmögliche ins Auge faßte, einer außergewöhnlichen Promptheit und Geschicklichkeit das Unwahrscheinliche zu verwirklichen, verband ich nicht die einem Manne der That nothwendige Zähigkeit. Vielleicht ist ein entgleister Dichter in dem Schurken, der ich bin, verborgen? ... Vielleicht ein Trugbild, dem es Spaß macht sich selbst zu betrügen?

Trotzdem sorgte ich für die Zukunft vor, denn ich fühlte, daß mit tödtlicher Sicherheit ein Tag kommen würde, an dem mein Freund Eugène den Wunsch verspüre, sich meiner zu entledigen, da ich ihm ohne Unterlaß eine unbequeme Vergangenheit vorstellte ... In Hinsicht darauf war ich so geschickt, ihn in allerlei schmutzige Geschichten zu verwickeln, deren unanfechtbare Beweisstücke ich vorsorglich in Händen behielt. Bei der Gefahr, endgiltig gestürzt zu werden, mußte Eugène mich ständig, gleich einer Kette mit sich herumziehen.

In der Erwartung der höchsten Ehren, zu denen ihn die krumme, trübe Fluth der Politik trieb, sei hier, zwischen anderen ehrbaren Sachen, eine Probe seiner Kabalen und bevorzugten Beschäftigung angeführt.

Eugène hatte eine officielle Maitresse, damals hieß sie Gräfin Borska. Sie war nicht mehr allzu jung, doch noch hübsch und begehrenswerth und galt bald als Polin, bald als Russin, sowie auch häufig als Österreicherin, weshalb sie selbstverständlich als deutsche Spionin angesehen wurde. Infolge dessen wurde ihr Salon von unseren berühmtesten Staatsleuten stark besucht. Es war dort viel von Politik die Rede und inmitten eifriger Flirts wurden ansehnliche, verdächtige Geschäfte eingeleitet. Unter den eifrigsten Gästen des Salons war ein levantinischer Geldmann zu bemerken, der Baron K ..., eine schweigsame Persönlichkeit, mit einem fahlsilbernen Gesichte und todten Augen, der die Börse durch seine ungeheuren Unternehmungen in Aufruhr versetzte. Man wußte oder wenigstens erzählte man sich, daß hinter dieser undurchdringlichen und stummen Maske eines der mächtigsten Kaiserreiche Europa's thätig sei. Dies war natürlich nichts als eine romantische Erfindung, denn in diesen verderbten Sphären weiß man nie was man mehr bewundern soll, ihre Corruption oder ihre eitle Dummheit. Wie dem auch sei, die Gräfin Borska und mein Freund Eugène Mortain wünschten lebhaft sich an dem Spiele des geheimnißvollen Baron's zu betheiligen.

Umso lebhafter, als dieser dem vorsichtigen, doch bemerkbaren Entgegenkommen einige nicht weniger vorsichtige und bemerkbare Kälte entgegensetzte. Ich glaube sogar, daß diese Kälte sich bis zu einem boshaften Rath verstiegen hatte, der für unsere Freunde eine verhängnisvolle Pleite zur Folge hatte. Da waren sie denn auf den Gedanken gekommen, auf den widerspänstigen Bankier ein sehr hübsches junges Weib, die intime Freundin des Hauses, zu hetzen und mich gleichzeitig auf dieses hübsche, junge Weib loszulassen, das von ihnen bearbeitet war und durchaus nicht abgeneigt schien uns günstig aufzunehmen, den Bankier als den ernsthaften Freund und mich zum Vergnügen. Ihre Verechnung war einfach und ich hatte sie auf den ersten Blick begriffen: es galt mich auf den Platz zu begeben und durch das Weib die Geheimnisse des Baron's, die ihm in Augenblicken zärtlicher Selbstvergessenheit entschlüpfen würden, zu erfahren und meinen Freunden mitzutheilen! ... Man hätte dies Concentrationspolitik nennen können.

Leider brachte der Dämon der Perversität, der mich im entscheidenden Augenblick, gerade als ich handeln sollte, heimsuchte, es zu Stande, daß die Sache einen anderen Verlauf nahm, und der schöne Plan jämmerlich entgleiste. Bei dem Diner, das diese echt pariserische Vereinigung besiegeln sollte, benahm ich mich zu dem jungen Weibe so schuftig, daß sie thränenüberströmt, schamerfüllt und wüthend inmitten des öffentlichen Aufruhres den Salon verließ, und unserer beiden Liebesbezeigungen entbehrend, nach Hause zurückkehrte.

Das kleine Fest wurde dadurch merklich abgekürzt ... Eugène brachte mich im Wagen nach Hause. Wir fuhren in tragischem Schweigen durch die Champs-Elysées.

– Wo soll ich Dich abgeben? fragte mich der große Mann, als wir um die Ecke der Rue Royale bogen.

– In der Spielhölle auf dem Boulevard ... antwortete ich grinsend ... Mich eilt ein wenig reine Luft zu athmen, in Gesellschaft anständiger Leute ...

Und plötzlich klopfte mich mein Freund mit entmuthigter Geberde auf die Kniee und – o, ich werde mein ganzes Leben lang den sinstern Ausdruck seines Mundes und seinen haßerfüllten Blick vor mir haben – seufzte.

– Ach was! ... ach was! ... Aus Dir wird nie etwas Vernünftiges werden.

Er hatte Recht ... Und diesmal konnte ich ihm nicht vorwerfen, daß es seine Schuld gewesen, war ...

Eugène Mortain gehörte jener Schule von Politikern an, die Gambetta unter dem berühmten Namen die Opportunisten, gleich einer Bande verhungerter Freibeuter auf Frankreich loshetzte. Er strebte nur nach der Macht um des materiellen Genußes Willen, der damit verbunden ist und um des Geldes halber, das geschickte Leute wie er aus schmutzigen Quellen zu ziehen wissen. Ich weiß übrigens nicht weshalb ich Gambetta allein die historische Ehre belassen soll, diese wüste Vertheilung der Jagdabfälle an die Hunde erdacht und entfesselt zu haben, die noch heute trotz aller Panamaskandale im Gange ist. Sicherlich liebte Gambetta die Corruption; es gab in diesem redewüthigen Demokraten einen Wollüstling, oder vielmehr einen Dilettanten der Wollust, der sich an menschlichem Verwesungsgeruch entzückte; aber es muß zu seiner Entschuldigung und zum Ruhme seiner Freunde gesagt werden, daß diese, mit denen er sich umgeben hatte, und welche mehr der Zufall als eine vernünftige Auswahl an sein kurzes Glück geheftet hatte, daß alle diese Leute – sagen wir – wohl im Stande waren sich auf die ewige Beute aus eigenem Antriebe zu werfen, in die schon zahllose Kinnbacken ihre wüthenden Zähne geschlagen hatten.

Ehe Eugène Mortain in die Kammer gewählt wurde, war er durch eine ganze Reihe von Berufen gegangen – selbst durch die niedrigsten – die schändlichsten – die dunkelsten – des Journalismus. Man kann sich ja nicht immer seine ersten Versuche auswählen, man greift eben zu wo sich etwas findet ... Seine Einweihung ins Pariser Leben war gründlich und rasch – und dennoch wohlüberlegt – ich meine jenes Leben, das von den Redactionsräumen sich im Vorübergehen an der Polizeipräfectur, zum Parlament begibt. Da der brave Eugène von dringlicher Bedürfnis gequält wurde und kostspielige Genußsucht zeigte, wurde keine bedeutendere Erpressung oder sonstige unsaubere Geschichte in Scene gesetzt, deren geheimnißvolle und wüthende Seele er nicht in gewisser Weise gewesen wäre. Er hatte den Gaunerstreich fertig gebracht, einen großen Theil der Presse zu einem Syndicat zu vereinigen, das nunmehr gemeinsam zu Werke gieng. Ich kenne in der beschriebenen Art Combinationen von ihm, die echte Meisterwerke sind, und in dem kleinen Provinzler, der sich jedoch rasch abzuschleifen verstanden hatte, einen außerordentlichen Psychologen und einen bewunderungswürdigen Organisator der schlechten Instinkte der Entgleisten, enthüllte. Aber er besaß die Bescheidenheit sich nicht der Schönheiten seiner Kniffe zu rühmen und indem er sich geschickt anderer Leute bediente, seine Person in Stunden der Gefahr niemals auszusetzen. Mit ständiger Geschicklichkeit und prachtvollem Verständnis seines Manöverterrains wußte er stets den stinkenden Schmutzfleck des Strafgesetzbuches zu vermeiden, wobei so viele andere plump zu Falle kamen. Es ist wahr, daß meine Unterstützung – ich sage dies ohne falschen Stolz – ihm bei manch einem Anlaß von Nutzen war.

Im übrigen war er ein reizender Junge, ja wahrhaftig, ein reizender Junge. Man konnte ihm nur linkisches Benehmen zum Vorwurf machen, ständiges Durchleuchten seiner Provinzerziehung, und gewöhnliche Einzelheiten seiner all zu neuen Eleganz, die sich etwas protzenhaft aufdrängte. Aber all dies war nur äußerer Schein, der unzulänglichen Beobachtern alles verbarg, was sein Geist an seinen Fähigkeiten, verblüffendem Spürsinn und erstaunlicher Biegsamkeit besaß, sowie was seine Seele an wilder, schrecklicher Zähigkeit enthielt. Um seine Seele in ihrer ganzen Nacktheit zu überraschen, mußte man die beiden Falten gesehen haben – ach, wie oft bekam ich diese leider zu Gesicht? – die in gewissen Augenblicken die Mundwinkel herabfallen ließen und seinem Gesichte einen fürchterlichen Ausdruck gaben ... Ach ja! er war ein reizender Mensch!

Durch geschickt veranstaltete Duelle brachte er das Übelwollen, das sich um eine neue Persönlichkeit herum geltend macht, zum Schweigen und seine natürliche Lustigkeit, sein gutmüthiger Cynismus, den man willig als ein liebenswürdiges Paradox behandelte, nicht minder auch seine einträglichen Liebesabenteuer, die viel Aufsehen machten, errangen ihm vollends einen anfechtbaren Ruf, der jedoch für den künftigen Staatsmann, der noch ganz andere Existenzen sehen sollte, ausreichte. Er besaß die wundervolle Gabe fünf Stunden lang über irgend ein Thema zu reden, ohne aber dabei auch nur einen einzigen Gedanken zu ändern. Seine unerschöpfliche Beredsamkeit ergoß sich ohne Halt zu machen, ohne müde zu werden, in dem langsamen, eintönigen, zum Selbstmord treibenden Regen des politischen Wortschatzes, ebensowohl über Fragen der Marine, als über Schulreformen, Finanzen oder die schönen Künste, über Landwirthschaft sowohl, als auch über Religion. Die Parlamentsjournalisten erkannten in ihm ihre alles umfassende Incompetenz wieder, und spiegelten ihr geschriebenes Geschwätz in seinem gesprochenen Kauderwälsch. Er war diensteifrig, wenn ihn das nichts kostete, freigebig, sogar verschwenderisch, wenn ihm dies viel einbringen konnte, anmaßend und knechtisch, je nach den Ereignißen und Menschen, skeptisch ohne Eleganz, verderbt ohne Raffinement, enthusiastisch ohne spontane Begeisterungsfähigkeit, geistreich ohne zu verblüffen, was ihn aller Welt sympathisch machte. Folglich überraschte und entrüstete sein rascher Aufschwung Niemanden. Er wurde sogar günstig von den verschiedenen politischen Parteien aufgenommen, denn Engène galt nicht als wilder Sektirer, entmuthigte keine Hoffnung, keinerlei Ehrgeiz und man wußte sehr genau, daß man sich gegebenen Falles mit ihm einigen könnte. Es kam dann eben nur auf die Höhe des Preises an.

So beschaffen war der Mann, so »der reizende Mensch«, auf den ich meine letzten Hoffnungen gesetzt hatte und der thatsächlich Leben und Tod in Betreff auf mich in Händen hielt.

Man wird bemerken, daß ich mich, in diesem flüchtig hingeworfenen Bilde meines Freundes, bescheiden versteckt habe, obwohl ich ganz gehörig und durch oft merkwürdige Mittel an seinem Glück mitgearbeitet habe. Ich könnte eine ganze Menge Geschichten erzählen, die, wie Sie mir glauben werden, nicht gerade erbaulich sind. Wozu aber eine Generalbeichte, da man doch alle meine dunklen Thaten erräth, ohne daß ich sie deutlicher zu bezeichnen brauche? Und dann blieb meine Rolle im Verhältnis zu diesem kühnen und gewiegten Schufte stets – ich will nicht gerade sagen unbedeutend, o nein! ... auch nicht verdienstvoll, sonst würden Sie mir ja ins Gesicht lachen – aber sie blieb so ziemlich geheim. Gestatten Sie mir diesen Schatten zu bewahren, der doch gar nicht so diskret ist, und mit dem ich mich während der Jahre voll finsteren Kampfes und lichtscheuer Machenschaften umhüllte ... Eugène »gestand mich nicht ein« ... und ich selbst spürte durch einen Rest merkwürdigen Schamgefühl's zuweilen unwiderstehlichen Ekel davor, als »sein Strohmann« zu gelten.

Übrigens kam es oft vor, daß ich ihn monatelang aus dem Gesicht verlor, daß ich ihn »versetzte« wie man zu sagen pflegt, da ich in den Spielhöllen, an der Börse oder in den Toilettezimmern galanter Dämchen den nöthigen Lebensunterhalt fand, während ich mich müde fühlte die Politik auszusaugen, zumal dies meinem Geschmack für Faulheit und Unvorhergesehenes besser paßte ... Zuweilen wurde ich plötzlich von einer poetischen Stimmung ergriffen und verbarg mich in einem verlornen Winkel des Landes, athmete im Angesichte der Natur Reinheit, Schweigen und moralische Wiedergeburt ein, was leider nie von langer Dauer war .... Dann kam ich in Stunden schwieriger Krisen wieder zu Eugène zurück. Er nahm mich nicht stets mit der wohlwollenden Freundlichkeit, die ich von ihm verlangte, auf. Es war klar, daß er sich gerne meiner entledigt hätte. Doch mit einem kurzen, harten Zügelgriff rief ich ihn zur Wirklichkeit unserer gegenseitigen Lage zurück.

Eines Tages sah ich deutlich in seinen Augen eine mörderische Flamme aufleuchten. Ich beunruhigte mich nicht, legte ihm mit einer schweren Bewegung die Hand auf die Schulter, wie dies wohl der Gensdarm mit einem Diebe macht und erklärte mit ruhiger Unverschämtheit:

– Nun und dann? ... Wozu würde Dir dies dienen? ... Sogar mein Leichnam würde dich anklagen ... Sei doch nicht so dumm! ... Ich habe Dich alles erreichen lassen, was Du nur wolltest ... Niemals habe ich Dich in Deinem Ehrgeiz behindert ... Im Gegentheil ... ich habe für Dich gearbeitet ... soviel ich nur konnte ... in loyalster Weise ... nicht wahr? Glaubst Du denn, daß es mir Spaß macht, wenn ich Dich so hochgestellt sehe, wie Du Dich im Lichte brüstest, und mich, wie ich thöricht im Drecke wate? ... Und dennoch könnte ich durch ein Schnippchen dieses herrliche Vermögen, das so mühsam durch uns beide erworben wurde ....

– Oho! durch uns beide ... zischte Eugène ...

– Ja, durch uns beide, Du Schuft! ... wiederholte ich, außer mir über diese falschangebrachte Berichtigung ... Ja, durch ein Schnippchen ... durch einen Hauch ... kann ich, wie Du es wohl weißt, dieses wundervolle Vermögen vernichten ... Ich brauche nur ein Wort zu sagen, Du Schurke, um Dich von Deiner Macht herab in das Bagno zu stürzen und aus dem Minister, der Du bist – ach, das ist des Schicksals bittere Ironie! – den Galeerensklaven zu machen, der Du sein solltest, wenn es noch etwas Gerechtigkeit gäbe und ich nicht der gemeinste Feigling wäre ... Nun also! ... ich thue diese Bewegung nicht, ich spreche dieses Wort nicht aus ... Ich lasse Dich die Bewunderung der Leute und die Achtung der fremden Höfe entgegennehmen ... weil ich ... siehst Du ... weil ich dies ungeheuer komisch finde ... Nur will ich meinen Antheil haben ... verstehst Du! ... meinen Theil ... Und was verlange ich denn eigentlich von Dir? Es ist ja blödsinnig unbedeutend, was ich von Dir verlange ... Ein Nichts ... Brocken ... während ich alles fordern könnte ... alles ... alles ... alles ...! Ich bitte Dich, reize mich nicht noch mehr ... bringe mich nicht zum Äußersten ... zwinge mich nicht ein possenhaftes Drama aufzuführen ... Denn an dem Tage, an dem ich genug von diesem Leben habe, genug von dem Schmutze, von diesem Schmutze – von Deinem Schmutze ... – dessen unerträglichen Gestank ich stets um mich herum rieche ... nun wohl, an jenem Tage wird Seine Exellenz Eugène Mortain nicht gerade lachen ... das schwöre ich Dir, alter Junge!

Da sagte Eugène mit verlegenem Lächeln, während seine Mundwinkel herabsanken und seiner ganzen Physionomie den doppelten Ausdruck gemeiner Furcht und machtlosen Verbrechens gaben:

– Es ist doch wahnsinnig von Dir, mir alle diese Geschichten zu erzählen ... Und aus welchem Anlaß? ... Habe ich Dir denn irgend Etwas verweigert, Du Milchgesicht? ...

Und heiter, seine Geberden und Grimassen vermehrend, mit welchen er mich betäubte, fügte er in komischem Tone hinzu:

– Willst Du das Kreuz der Ehrenlegion?

Ja wahrhaftig, er war ein reizender Mensch.

III.

Inhaltsverzeichnis

Einige Tage nach dem heftigen Auftritt, der meiner jämmerlichen Niederlage gefolgt war, traf ich Eugène im Hause einer Freundin, der guten Frau G ..., wo wir alle beide zum Diner eingeladen waren. Unser Händedruck, den wir tauschten, fiel sehr herzlich aus. Man hätte glauben können, daß nichts Ärgerliches zwischen uns vorgefallen wäre.

– Man sieht Dich ja garnicht mehr! ... warf er mir in jenem Tone gleichgiltiger Freundschaft vor, der bei ihm mit eine höfliche Form von Haß vorstellte ... Warst Du denn krank?

– Nicht im geringsten ... ich war nur auf der Reise nach Vergessenheit.

– Notabene ... bist Du vernünftiger geworden? Ich möchte gerne fünf Minuten mit Dir plaudern ... Nach dem Diner, nicht wahr?

– Hast Du mir denn etwas Neues mitzutheilen? fragte ich mit galligem Lächeln, wodurch ich ihm zeigen wollte, daß ich mich nicht wie ein unbedeutender Gegenstand »abfertigen«, lassen würde.

O, ich? meinte er ... nein; nichts ... ein noch gar nicht feststehender Plan ... Kurz, wir müssen davon sprechen ...

Ich hatte eine Unverschämtheit fertig auf der Zunge, als Frau G ..., ein enormes Packet von wiegenden Blumen, tanzenden Federn und lebenden Spitzen diesen Beginn einer Unterhaltung unterbrach. Sie seufzte: »Ach, mein lieber Minister, wann werden Sie sich von diesen scheußlichen Sozialisten befreien?« Dann zog sie Eugène mit sich fort, zu einer Gruppe junger Frauen, die nach der Art, wie sie in einer Ecke des Salons rangiert waren, mir den Eindruck machten, als ob sie gemiethet wären, wie im Tingltangl jene nächtlichen Geschöpfe, die mit ihrer überschwänglichen Dekolletirung und ihren geliehenen Roben den trügerischen Ausstattungsapparat verschönern.

Frau G ... stand in dem Rufe, eine bedeutende Rolle in der Gesellschaft und dem Staate zu spielen. Inmitten der unzähligen Comödien des Pariser Lebens erschien der Einfluß, den man ihr zuschrieb, nicht als einer der wenigst komischen. Die kleinen Geschichtsschreiber winziger Ereigniße unserer Zeit erzählten ernsthaft, indem sie glänzende Vergleiche mit der Vergangenheit anstellten, daß ihr Salon der Ausgangs- und Weihepunkt politischer Carrièren und litterarischen Ruhmes sei, folglich das Stelldichein jedes jungen Ehrgeizes und auch jedes alten. Wenn man ihnen Glauben schenkte, wurde dort die zeitgenössische Geschichte zusammengebraut, der Fall oder die Bildung von Kabineten beschlossen und zwischen genialen Intriguen und köstlichen Plaudereien – denn es war ein Salon wo man plaudern konnte – ebensowohl Bündnisse mit dem Auslande, wie Wahlen in die Academie Française verhandelt. Herr Sadi Carnot in eigener Person – der damals über die französischen Herzen herrschte, – war, wie man sich erzählte, zu geschickten Aufmerksamkeiten gegen diese so gefährliche Macht gezwungen und um sich dort in gutem Angedenken zu halten, schickte er ihr galant an Stelle seines Lächelns die schönsten Blumen aus den Gärten des Elysées und den Treibhäusern der Stadt ... Da Frau G ... in der Zeit ihrer oder deren Jugend, – über diesen chronologischen Punkt war sie sich nicht im Klaren – die Herren Thiers und Guizot, Cavour und den alten Metternich gekannt hatte, bewahrte diese alterthümliche Person einen Glorienschein, mit dem sich die Republik gerne schmückte wie mit seiner überlieferten Eleganz, und ihr Salon nahm an diesem glänzenden Nachruhm dieser berühmten Namen theil, die bei jeder Gelegenheit genannt wurden und sich dem Gedächtnisse der minderwertigen Wirklichkeiten der Gegenwart aufdrängten.

Man kam übrigens in diesen gewählten Salon wie auf einen Jahrmarkt, und nie habe ich – der ich doch viel gesehen habe – ein seltsameres soziales Gemisch und eine lächerlichere mondaine Maskerade erblickt. Entgleiste der Politik, des Journalismus, der Clubs, der Gesellschaft, der Theater, Kosmopoliten, sowie entsprechende Frauen wurden dort empfangen und zählten mit. Kein Mensch ließ sich durch diese Mystification reinlegen, aber jeder fand sich interessiert bei dem Gedanken, sich selbst aufzuregen, ein notorisch schandbares Milieu in Aufregung zu bringen, aus dem viele unter uns nicht nur schwer einzugestehende Einkünfte, sondern auch ihre alleinige Daseinsberechtigung zogen. Übrigens bin ich der Ansicht, daß die Mehrzahl der berühmten Salons aus früherer Zeit, wo in verschiedenen Formen der herumirrende Drang und die Gier nach Politik, sowie ungestillte Eitelkeit der Litteratur ihr Wesen trieben, dem vorliegendem ziemlich treu glichen ... Es ist mir übrigens auch nicht bewiesen worden, daß sich dieser Salon wesentlich von den anderen unterscheidet, deren entzückende moralische Haltung und der schwierige Zutritt in lyrischem Enthusiasmus bei jeder Gelegenheit gepriesen werden.

Die Wahrheit ist, daß Frau G ... wenn man sie von der poetischen Ausschmückung der Reklame und Märchen befreite, zu dem genauen Charakter ihrer gesellschaftlichen Individualität zurückführte, nichts als eine sehr alte Dame von alltäglichem Geiste und vernachlässigter Erziehung war; außerdem noch ungeheuer lasterhaft, pflegte sie die Blumen des Lasters, da sie sie nicht mehr in ihrem eigenen Garten ziehen konnte, in dem der anderen, mit ruhiger Schamlosigkeit, so daß man nicht wußte was man daran mehr bewundern sollte, die Frechheit oder die Ahnungslosigkeit. Sie ersetzte die gewerbsmäßige Liebe, auf die sie hatte verzichten müssen, durch die Manie außereheliche Verhältnisse und Scheidungen zustande zu bringen; es war ihre ganze Freude und Sünde, deren Verlauf zu folgen, ihn zu leiten, zu beschützen und zu bedecken und so ihr altes verschrobenes Herz durch die Berührung mit der verbotenen Glut neu zu erwärmen. Man war immer sicher im Hause dieser großen politischen Frau neben dem Segen der Herren Thiers, Guizot, Cavour und des alten Metternich, schwesterliche Seelen, vollständig vorbereitete Ehebrüche, fertig bespannte Gelüste zu finden, Liebeleien aller Art, frisch ausgestattet für eine Fahrt, für die Stunde, oder für den Monat: eine werthvolle Quelle im Falle sentimentalen Katers oder leerer Abende.

Weshalb war mir gerade an jenem Abend der Gedanke gekommen zu Frau G ... zu gehen ...? Ich weiß es nicht, denn ich war sehr melancholisch und keineswegs in der Stimmung mich zu zerstreuen. Mein Zorn gegen Eugène war wohl beruhigt, wenigstens für den Augenblick. Eine ungeheure Ermüdung, ein ungeheurer Ekel war an seine Stelle getreten, ein Ekel vor mir selbst, vor den Anderen, vor aller Welt. Seit dem Morgen hatte ich ernstlich über meine Lage nachgedacht und ich sah trotz der Versprechungen des Ministers, dem ich übrigens die Abrechnung nicht so leicht zu machen gedachte, keinen passenden Ausweg. Ich sah ein, daß es meinem Freunde sehr schwer fallen würde, mir eine dauernde offizielle Stellung zu verschaffen, etwas, was einem ehrenwerthen Schmarotzer passen kann, etwas wo man von Regierungswegen gut bezahlt wird, wodurch ich als allgemein geachteter Greis und Beamter in einer Sinécure friedlich meine Tage hätte enden können. Übrigens hätte ich mir wahrscheinlich eine solche Stellung rasch verdorben; dann wäre auch von allen Seiten im Namen der öffentlichen Moral und des republikanischen Anstandes Widerspruch durch eventuelle Concurrenten erhoben worden, auf die der Minister im Falle einer Interpellation keine Antwort gefunden hätte. Alles was er mir bieten konnte, war, durch vorübergehende Hilfsmittel, durch armselige Taschenspieler-Kunststücke mit dem Budget, die unausbleibliche Stunde meines Sturzes hinauszuschieben. Und dann konnte ich selbst nicht ewig auf diese winzige Gunst und Protektion rechnen, da Eugène gleichfalls nicht auf die ewige Dummheit des Publikums rechnen durfte. Zahlreiche Gefahren bedrohten damals das Kabinet, es gab mehrfach Skandale, hie und da machten Zeitungen, die mit ihrer Bezahlung aus dem Geheimfond unzufrieden waren, immer directere Anspielungen und vergifteten die persönliche Sicherheit meines Gönners ... Eugène erhielt sich nur durch verschiedene Angriffe auf unpopuläre oder besiegte Parteien auf seiner Machthöhe und dadurch, daß er Geld vertheilte, das, wie ich schon damals argwöhnte und wie später deutlich bewiesen wurde, aus dem Auslande kam und jedesmal gegen ein Pfund vom Fleische des Vaterlandes eingetauscht wurde! ...

Ich hatte wohl daran gedacht, an dem Sturze meines Kameraden zu arbeiten und mich geschickt bei seinem möglichen Nachfolger im Ministerium einzuschmeicheln und neben diesem neuen Mitarbeiter eine Art von sozialer Jungfräulichkeit wieder zu erringen ... Alles trieb mich dazu, meine Natur, mein Interesse und auch das furchtbar köstliche Vergnügen der Rache ... Aber je mehr Ungewißheit und Zufälligkeit diese Verwicklung begleitete, desto weniger Muth fühlte ich zu einem Versuch mich in solche Händel einzulassen. Ich hatte ja durch ähnliche Sachen meine Jugend zerstört. Ich war dieser gefährlichen, tollen Abenteuer müde, die mich zu nichts gebracht hatten .... Ich fühlte eine geistige Ermattung, eine förmliche Lähmung in den Gelenken meiner Thatkraft; alle meine Fähigkeiten schwächten sich, da sie durch Neurasthenie erschöpft waren. Ach! ich bedauerte aufrichtig, nicht den geraden Weg des Lebens eingeschlagen zu haben! In jener Stunde sehnte ich mich wahrhaft nur nach dem mittelmäßigen Frieden bürgerlicher Regelmäßigkeit; ich wollte, ich konnte diese Sprünge des Glücks und das abwechselnde Elend nicht mehr ertragen, die mir keinen Augenblick des Ausruhens ließen und mein Dasein mit ständiger, quälender Angst erfüllten. Was sollte denn aus mir werden? ... Die Zukunft erschien mir trauriger und verzweifelter als die Winterstimmung, die auf Krankenzimmer herabsinkt .... Und welch neue Schändlichkeit würde mir der schändliche Minister im nächsten Augenblick, nach dem Diner vorschlagen? ... In welche tiefe Schlammpfütze wollte er mich stoßen, aus der ich mich nicht mehr befreien könnte und nie wieder an die Oberfläche durchringen? ...

Meine Augen suchen ihn in dem Gewühl, er tändelt gleich einem Schmetterling um die Frauen herum. Nichts zeigt auf seinem Schädel oder auf seinen Schultern, welch schwere Last von Verbrechen er zu tragen habe. Er schien sorgenlos und lustig. Und als ich ihn so sah, vergrößerte sich meine Wuth gegen ihn noch durch die Gefühle der doppelten Ohnmacht, in der wir beide uns befanden, er mich aus Schande zu retten, ich ihn in Schande zu stürzen ... ach ja! ihn in Schande zu stürzen!

Durch diese vielfachen peinlichen Gedanken bestürmt, konnte es nicht Wunder nehmen, daß ich mein sonstiges Geschick verloren hatte und die schönen Geschöpfe, die von Frau G .... ausgewählt und ausgestellt waren, um ihre Gäste zu erfreuen, mir keinen Eindruck machten.. Während des Diners benahm ich mich recht unliebenswürdig und richtete kein Wort an meine weiblichen Nachbarn, deren schöne Brüste unter Edelsteinen und Blumen glänzten.

Man glaubte, daß mein Mißerfolg die Ursache dieser düsteren Stummung sei, da ich mich gewöhnlich fröhlich und galant zeigte.

– Lassen Sie sich darüber keine grauen Haare wachsen ... sagte man mir. Donnerwetter! ... Sie sind noch jung! ... Für die politische Carrière braucht man einen guten Magen ... Das nächste Mal wird es besser gehen.

Auf diese banalen Trostworte, auf das einladende Lächeln, die angebotenen Brüste antwortete ich hartnäckig:

– Nein ... nein ... Sprechen Sie mir nicht von Politik ... Das ist schandbar! ... Sprechen Sie auch nicht vom allgemeinen Wahlrecht ... Das ist blödsinnig! Ich will nicht ... ich will nichts mehr davon hören.

Und Frau G ... deren Blumen, Federn und Spitzen sich plötzlich neben mir erhoben, in vielfarbenen duftigen Wogen, hauchte mir mit gezierter Verzückung und den feuchten Koketterien einer alten Kupplerin ins Ohr:

– Es gibt doch nur noch die Liebe, sehen Sie ... Die Liebe ist das einzige! ... Versuchen Sie es mit der Liebe! ... Sehen Sie, heute Abend ist gerade eine junge Rumänin hier ... ein leidenschaftliches ... ach! ... und poetisches Geschöpf, mein Lieber ... dabei auch Gräfin! ... Ich bin überzeugt, daß sie ganz toll auf Sie ist ... Erstens sind alle Frauen ganz toll auf Sie ... Ich werde Sie ihr vorstellen ...

Ich lehnte diese roh herbeigeführte Gelegenheit ab ... und in grämlichem, nervösem Stillschweigen erwartete ich den Schluß dieses endlosen Abends ...

Eugène, auf den von allen Seiten Beschlag gelegt wurde, konnte sich mir erst sehr spät widmen. Wir benützten den Augenblick, da eine berühmte Sängerin die allgemeine Aufmerksamkeit erregte, um uns in eine Art von kleinem Rauchzimmer zu flüchten, das durch den diskreten Schein einer Lampe auf langem Ständer, der mit rosigem Crepp umhüllt war, erleuchtete. Der Minister setzte sich auf's Sopha, zündete sich eine Zigarette an und sagte in würdigem Tone zu mir, während ich nachlässig ihm gegenüber rücklings auf einem Stuhle Platz nahm und die Arme auf der Lehne kreuzte:

– Ich habe während der letzten Tage viel an Dich gedacht.

Zweifellos erwartete er eine Dankesäußerung, eine freundschaftliche Regung, eine Geberde, die Interesse oder auch nur Neugier verrieth: Ich blieb jedoch gleichgültig und gab mir Mühe den Ausdruck hochmüthiger Uninteressirtheit, der fast beleidigend war, zu bewahren; ich hatte mir nämlich ausdrücklich vorgenommen, in dieser Weise die heuchlerischen Vorschläge meines Freundes entgegen zu nehmen; mit förmlicher Wuth suchte ich mir einzureden, daß diese Vorschläge eben jedenfalls trügerisch wären. Frech that ich so, als ob ich das Portrait des Herrn Thiers anschaute, das hinter Eugène die Höhe des Paneels einnahm, wobei alle dünkleren Stellen unsichtbar blieben, da sie gegen die allzustark lackirte Oberfläche nicht ankämpfen konnten, mit einziger Ausnahme des weißen Schopfes, dessen birnförmige Gestalt der einzig vollkommene Ausdruck der verschwundenen Gesichtszüge war. ... Durch den dichten Vorhang gedämpft drang der Lärm des Festes nur wie ein fernes Summen an unser Ohr ... Der Minister begann, kopfschüttelnd, von Neuem:

– Ja ich habe viel an Dich gedacht ... Nun also! ... es ist schwierig ... sehr schwierig.

Von Neuem verstummte er und schien über tiefsinnige Dinge nachzudenken ...

Ich fand ein wahres Vergnügen daran, dieses Schweigen zu verlängern und mich über die Verlegenheit zu amüsiren, in die mein Freund durch diese stumme, spöttische Haltung zweifellos gebracht wurde ... Ich sollte also diesen theuren Gönner wieder einmal lächerlich und ohne Maske, vielleicht sogar flehend vor mir sehen! ... Er schien indeß ruhig und regte sich augenscheinlich in keiner Weise über die allzu sichtliche Feindlichkeit meiner Haltung auf.

– Du glaubst mir nicht? bemerkte er mit ruhiger, sicherer Stimme ... Ja, ich bin überzeugt, Du glaubst mir nicht ... Du bildest Dir ein, ich dächte daran Dich zu übertölpeln ... ganz wie die Anderen, nicht wahr? ... Na also, da irrst Du Dich gewaltig, mein Lieber ... Wenn Dich übrigens diese Unterhaltung langweilt ... so ist es ja ungeheuer leicht abzubrechen ...

Dabei machte er Miene sich zu erheben.

– Das habe ich ja nicht gesagt! ... widersprach ich, indem mein Blick von der Haartolle des Herrn Thiers auf das kalte Gesicht Eugènes zurück glitt ... Ich habe gar nichts gesagt ...

– So höre mich aber an.. Paßt es Dir, wenn wir ein für allemal mit allem Freimuth von unserer gegenseitigen Lage sprechen? ...

– Einverstanden! ich bin ganz Ohr! ...

Angesichts seiner Sicherheit verlor ich ein wenig von der meinen ... Im entgegengesetzten Verhältnis zu dem Benehmen, das ich eitel an den Tag gelegt hatte, gewann Eugène seine ganze Autorität über mich zurück ... Ich fühlte, daß er mir wieder einmal entschlüpft war ... Ich fühlte dies an seinen leichten, selbstbewußten Bewegungen, an der fast elegant zu nennenden Geschmeidigkeit seines Auftretens, an jener festen Stimme, kurz an jener Herrschaft über sich selbst, die er thatsächlich nur dann zeigte, wenn er über seine ärgsten Streiche brütete. Dann hatte er eine Art überwältigender Verführungskunst, eine Anziehungskraft, der man schwierig widerstand, selbst wenn man gewarnt war ... Ich kannte ihn doch durch und durch und habe oft genug, zu meinem Unglück, die Wirkungen dieses bösen Zaubers, der mir wahrhaftig keine Überraschung mehr bereiten konnte, erduldet ... Nun schön! Mein ganzer Kampfessinn ließ mich im Stich, mein Haß zerrann und wider Willen ließ ich mich verleiten, nochmals Vertrauen zu schöpfen und so vollkommen die Vergangenheit zu vergessen, daß ich diesen Mann, den ich bis in die verborgensten Winkel seiner schändlichen, stinkenden Seele kannte, willig wieder einmal als hochherzigen Freund, als gütigen Helden und Retter betrachtete.

Und nun – ach! ich möchte den Ausdruck von Kraft, von Verbrechen, von Ahnungslosigkeit und Grazie, den er in seine Worte legte, wiedergeben können – als er zu mir äußerte:

– Du hast das politische Leben nahe genug kennen gelernt um zu wissen, daß es eine Machtstufe gibt, wo sich auch der schändlichste Mensch, gegen sich selbst, durch seine eigenen Schändlichkeiten beschützt findet, um wie viel mehr gegen die Anderen durch die Machenschaften der Anderen ... Für einen Staasmann gibt es nur eine nicht wieder gut zu machende Eigenschaft: Ehrbarkeit! ... Die Ehrbarkeit ist thöricht und unfruchtbar, sie versteht nicht Gelüste und Ehrgeiz, die einzigen Willensänderungen, durch die etwas Dauerndes geschaffen wird, zur Geltung zu bringen. Als Beweis nenne ich Dir diesen Dummkopf von einem Favrot, der einzige ehrenwerthe Mann im Kabinet, dessen politische Laufbahn nach der allgemeinen Meinung vollständig und für alle Zeiten verpfuscht ist! ... Damit möchte ich nur sagen, mein Lieber, daß der Feldzug, der gegen mich geführt wird, mich vollständig gleichgiltig läßt ...

Auf eine unterdrückte Bewegung, die ich rasch machte, erwiderte er:

– Ja ... ja ... ich weiß ... man spricht von meiner Hinrichtung ... von meinem nahe bevorstehenden Sturz, ... von den Gensdarmen ... von Mazas!... »Tod den Dieben!« .... Sehr richtig! ... Wovon spricht man denn auch nicht? ... Und was folgt dann daraus? ... Ich lache ganz einfach darüber! ... Und selbst Du glaubst unter dem Vorwande, daß Du Dir einbildest an einigen meiner Privatgeschichten verwickelt zu sein – wobei Du doch, im Vorübergehen gesagt, nur eine Seite der Medaille kennst – unter dem Vorwande, daß Du einige unbedeutende Schriftstücke besitzest – wenigstens schreist Du es ja über alle Dächer – im übrigen, mein Lieber, kümmere ich mich den Teufel was darum! ...

Ohne sich zu unterbrechen, deutete er auf seine erloschene Zigarette, die er sodann in einem Aschenbecher zerquetschte, der auf dem kleinen Lacktischchen, neben ihm stand ...

– So wenig kümmere ich mich darum ... Ja selbst Du ... auch Du, glaubst mich durch Angstmachen beherrschen zu können ... und Erpressungen auf mich auszuüben wie auf einen schurkischen Bankier! ... Du bist ein Kind! ... Überlege doch nur ein Bischen ... Mein Sturz? ... Sage mir doch, bitte, wer in diesem Augenblicke die Verantwortlichkeit einer solch wahnsinnigen That auf sich zu nehmen wagte? ... Jeder weiß, daß mein Sturz zu viele Dinge mit sich fortreißen würde, zu viele Leute, an die man sich ebensowenig wie an mich heran machen darf, falls man nicht von der öffentlichen Meinung vernichtet, gewissermaßen zum Tode verurtheilt werden will .... Denn nicht ich allein würde zu Falle gebracht werden ... nicht ich allein würde eine Sträflingsjacke angezogen bekommen ... Nein, es wäre die ganze Regierung, das ganze Parlament, die ganze Republik, die, was sie auch thun und lassen, an meinen sogenannten Bestechlichkeiten, Durchsteckereien und Verbrechen betheiligt sind ... Sie glauben mich in der Hand zu haben ... dabei habe ich sie in der Hand! ... Sei unbesorgt, ich halte sie fest ...

Er machte eine Geberde, als ob er eine imaginäre Kehle zuschnürte ...

Der Ausdruck seines Mundes, dessen Winkel herabsanken, wurde scheußlich und auf seinen Augen erschienen purpurne Äderchen, die seinem Blick den unanfechtbaren Ausdruck des Mordes gaben ... Aber er nahm sich rasch wieder zusammen, zündete sich eine andere Zigarette an und fuhr fort:

– Das Kabinet kann man ja stürzen, einverstanden! ... ich würde sogar dabei behilflich sein ... Wir sind auch durch das Wirken dieses ehrenwerthen Favrot in eine Reihe von unmöglichen Fragen verwickelt, deren logische Lösung genau nur die ist, daß es eben keine Lösung gibt ... Eine Kabinetskrise wird nöthig, man erwartet ein nagelneues Programm ... Beherzige übrigens, bitte, daß ich diesen Schwierigkeiten fremd bin oder es wenigstens scheine .... Meine Verantwortlichkeit ist nur parlamentarisch vorgegeben ... In den Wandelgängen der Deputirtenkammer, in einem gewissen Theil der Presse löst man mich geschickt von meinen Collegen los, folglich bleibt meine persönliche Lage klar, selbstverständlich in politischer Hinsicht ... Ja noch besser ... von den Parteigruppen getragen, deren Führer ich für meinen Glückstern zu interessieren verstand, durch die Haute-finance und die großen Handelsgesellschaften gestützt, werde ich der nothwendige Mann der neuen Combination ... ich bin der Ministerpräsident, der morgen ernannt werden wird ... Und gerade in dem Augenblick, da man von allen Seiten meinen Sturz verkündet, erklimme ich den Gipfel meiner Laufbahn! ... Du mußt zugeben, mein Lieber, daß dies komisch genug ist und die Leute mein Fell noch lange nicht haben ...

Eugène war förmlich übermüthig geworden ... Der Gedanke, daß es für ihn keine Zwischenstellung zwischen den beiden Polen: Ministerpräsident zu sein oder Mazas, gab, regte seine Laune an ... Er näherte sich mir, klopfte mich vertraulich auf die Kniee, wie er es in Augenblicken der Gutmüthigkeit und Lustigkeit that, und wiederholte:

– Nein ... gestehe, daß dies zu komisch ist!

– Außerordentlich komisch! ... stimmte ich bei ... Aber was wird bei alledem mit mir?

– Mit Dir? Na also, da sind wir ja bei der Sache! ... Du mußt Dich aus dem Staub machen, mein Kleiner, und ein Jahr ... zwei Jahre verschwinden ... Das ist ja nichts so Unmögliches, Du hast es auch dringend nöthig Dich vergessen zu lassen.

Da ich mich zum Widerspruche bereit machte, schrie Eugène:

– Aber zum Donnerwetter! ... Ist es denn meine Schuld, wenn Du thörichter Weise all die wundervollen Stellungen, die ich Dir in die Hand gab, verpfuscht hast? ... Ein Jahr ... zwei Jahre ... das geht doch rasch vorüber ... Dann kehrst Du mit einer neuen Jungfräulichkeit wieder, dann werde ich Dir alles geben was Du verlangst ... Doch von jetzt bis dahin kann ich gar nichts thun ... Mein Ehrenwort! ... ich kann wirklich nichts.

Ein Rest von Wuth knurrte in mir ... aber mit nachgiebiger Stimme widersprach ich nur:

– Ach was! ... Unsinn! ... Was soll das? ...

Eugène lächelte, da er begriff, daß mein Widerstand durch diese letzten Worte erschöpft war.

– Na also, höre mich an ... sagte er gutmüthig zu mir ... mach' kein so böses Gesicht ... Ich will Dir etwas sagen ... Ich habe viel darüber nachgedacht ... Du mußt wirklich Deiner Wege gehen ... In Deinem Interesse, für Deine Zukunft habe ich nichts anderes ausfindig machen können ... Überlege nur! ... Na also, was ich Dich fragen wollte ... Bist Du ... wie soll ich sagen? ... bist Du Embryolog?

Er las meine Antwort in dem verblüfften Blick, den ich ihm zuwarf.

– Nein! ... Du bist kein Embryolog ... Das ist unangenehm! ... sehr unangenehm! ...

– Weshalb frägst Du mich das? Was soll dieser schlechte Witz?

– Ich meine nur, ich könnte in diesem Augenblick einen bedeutenden Betrag, – natürlich relativ! – aber schließlich einen ganz netten Betrag für eine wissenschaftliche Forschungsreise bewilligt erhalten, mit deren Leitung man Dich sehr gerne betrauen würde ...

Und ohne mir Zeit zu einer Antwort zu lassen, setzte er mir in kurzen, komischen Sätzen, mit neckigen Geberden, den Fall auseinander.

– Es handelt sich darum, nach Indien zu gehen, nach Ceylon glaube ich, um dort im Meere herum zu kramen ... in den Golfen ... und dabei das, was die Gelehrten den Urschleim nennen, zu studieren, verstehst Du? ... und zwischen den Gasteropoden, den Korallen, den Heteropoden, den Madreporen, den Siphonophoren, den Holoturien und den Radiolären ... was weiß ich ... die Urzelle aufzufinden ... höre mir gut zu, ... den protoplasmatischen Beginn des organischen Lebens ... kurz irgend so eine Geschichte in dieser Art ... Das ist reizend – und wie Du siehst – äußerst einfach ...

– Äußerst einfach! in der That, murmelte ich mechanisch.

– Ja, aber das ist nur die faule Geschichte ... schloß dieser echte Staatsmann ... Du bist kein Embryolog ...

Er fügte noch mit trauriger Wohlwollenheit hinzu:

– Das thut mir leid! ...

Mein Gönner dachte noch einige Minuten lang nach ... Ich schwieg, da ich mich noch nicht ganz von der Verblüfftheit, die mir dieser unvorhergesehene Vorschlag verursacht hatte, befreien konnte ...

– Mein Gott! ... begann er von Neuem ... es gäbe vielleicht eine andere Forschungsreise ... denn wir statten jetzt viele Forschungsreisen aus ... man weiß gar nicht was man mit dem Geld der Steuerpflichtigen anfangen soll ... Es würde sich darum handeln, wenn ich recht verstanden habe, nach den Fidji-Inseln und nach Tasmanien zu gehen, um dort die verschiedenen im Gebrauche befindlichen Strafverwaltungssysteme zu studieren und ihre Anwendung auf unseren sozialen Staat ... Nur ist dies weniger heiter ... und ich darf Dir auch nicht verhehlen, daß die bewilligten Gelder nicht gerade bedeutend sind ... und die Einwohner dort sind noch Menschenfresser ... weißt Du! ... Du hältst das für einen schlechten Witz, wie? ... Du glaubst, ich er zähle Dir eine Operette? ... Aber, mein Lieber, alle Forschungsreisen sind nach diesem System ausgestattet ... Ja, gewiß! ...

Eugène begann boshaft, diskret zu lachen.

– Es gäbe wohl noch die geheime Polizei ... Ha! ha! ... dabei könnte man Dir vielleicht eine gute Stellung ausfindig machen ... was sagst Du dazu? ...

Bei schwierigen Verhältnissen bethätigen sich meine Geistesfähigkeiten und wirken kraftvoll, meine Energie verdoppelt sich; ich überlege blitzesschnell und habe eine Entschlußfähigkeit, die mich selbst Wunder nimmt und mir häufig gute Dienste geleistet hat.

– Ach was! rief ich ... Schließlich kann ich doch auch einmal im Leben Embryolog sein ... Was riskire ich denn dabei? ... Die Wissenschaft wird daran nicht sterben ... die hat schon ganz andere Dinge zu Gesicht bekommen! ... Also einverstanden! Ich trete die Forschungsreise nach Ceylon an.

– Da hast Du recht ... Bravo! applaudirte der Minister ... umso mehr, mein Kleiner, als die Embryologie, Darwin ... Haeckel ... Carl Vogt ... kurz alle die Geschichten im Grunde nichts als fauler Zauber sein dürften! ... Ja, mein Freundchen, Du wirst Dich da drüben nicht langweilen ... Ceylon ist herrlich. Es gibt dort dem Vernehmen nach ganz außergewöhnliche Weiber ... kleine Spitzenmacherinen von einer Schönheit ... und einem Temperament ... Das ist das Paradies auf Erden! ... Komme morgen ins Ministerium ... wir werden da die Geschichte offiziell zum Abschluß bringen ... Vorläufig brauchst Du das nicht gerade über alle Dächer, jedermann zuschreien ... zumal ich, wie Du weißt, dabei ein gefährliches Spiel spiele, das mich theuer zu stehen kommen kann ... Wir wollen gehen! ...

Wir standen auf. Und während ich am Arme des Ministers in die Salons zurückkehrte, sagte er, mit reizender Ironie:

– Nun und wie? ... wenn Du die Urzelle auffinden würdest? ... Man kann ja nie wissen? ... Berthelot würde ein Gesicht machen, glaubst Du nicht? ...

Diese Combination hatte mir wieder etwas Muth und Frieden gegeben ... Sie gefiel mir nicht allzusehr ... Dem Dekret eines berühmten Embryologen hätte ich eine schöne Steuereinnehmer-Stelle zum Beispiel ... oder einen gutbezahlten Sitz im Staatsrath vorgezogen ... Aber man muß sich zu bescheiden wissen; dieses Abenteuer konnte übrrigens recht unterhaltend werden. Wurde ich nicht aus einem einfachen Landstreicher der Politik, der ich eine Minute vorher noch gewesen war, durch eine Bewegung des ministeriellen Zauberstabes der angesehene Gelehrte, der Geheimnisse an den Quellen des Lebens ergründen sollte? Diese Wandlung gieng bei mir nicht ohne einen gewissen heuchlerischen Stolz und komische Einbildung vor ...

Der melancholisch begonnene Abend endete in hellem Frohsinn.

Ich näherte mich Frau G .... die außerordentlich angeregt, Liebesgeschichten in Scene setzte und den Ehebruch von Gruppe zu Gruppe, von Paar zu Paar, geleitete.

– Nun, und diese anbetungswürdige rumänische Gräfin, fragte ich sie ... ist sie noch immer toll nach mir?

– Noch immer, mein Lieber ...

Sie nahm meinen Arm ... Ihre Federn waren verworren, die Blumen welk, die Spitzen zerdrückt.

– Kommen Sie nur! ... sagte sie ... Sie flirtet in dem kleinen Salon Guizot, mit der Prinzessin Onane ...

– Wie, sie auch? ...

– Aber, mein Lieber, erwiderte die große Politikerin ... in ihrem Alter und bei ihrer poetischen Natur ... wäre es wirklich traurig, wenn sie sich nicht in allem versucht hätte!

IV.

Inhaltsverzeichnis

Meine Vorbereitungen waren rasch getroffen, ich hatte das Glück, daß die junge rumänische Gräfin, die außerordentlich von mir eingenommen war, mich mit ihren Rathschlägen und, ich sage es nicht ohne Scham, auch mit ihrer Börse, liebenwürdigst unterstützte.

Uebrigens gieng alles nach Wunsch.

Meine Forschungsreise wurde in günstigster Weise eingeleitet. Durch eine ungewöhnliche Abweichung von den bureaukratischen Sitten konnte ich acht Tage nach der entscheidenden Unterhaltung in den Salons der Frau G ..., ohne irgend welchen Zwischenfall oder Verzögerung, die bewilligten Beträge erheben. Sie waren reichlich genug bemessen, was ich garnicht erhofft hatte, denn ich kannte die »Knauserei« der Regierung in solchen Angelegenheiten und die armseligen Sümmchen, mit denen man karg Gelehrte zu Forschungsreisen ... die wirklichen Gelehrten ... ausstattete. Ich verdankte diese unverschämte Freigebigkeit zweifellos dem Umstande, daß ich keineswegs ein Gelehrter war und deshalb mehr als ein anderer, reiche Mittel benöthigte, um die Rolle eines Gelehrten zu spielen.

Man hatte mir zwei Sekretäre und zwei Diener bewilligt, den kostspieligen Ankauf anatomischer Instrumente, von Mikroskopen, photographischen Apparaten, zusammenlegbaren Kähnen, Taucherglocken, selbst Glasbehältnisse für wissenschaftliche Sammlungen, Jagdgewehre und Käfige, in denen ich lebend die gefangenen Thiere zurückbringen sollte. Warhaftig, die Regierung hatte freigebigst ihre Schuldigkeit gethan, ich konnte sie in dieser Beziehung nur loben. Selbstverständlich kaufte ich nichts von all diesem belastenden Material, beschloß keinen Menschen mit mir zu nehmen, da ich mich klug genug fühlte, um mich in Mitten der unbekannten Wälder der Wissenschaft und Indiens zurecht zu finden.

Ich benützte meine Mußestunden dazu, um mich über Ceylon, seine Sitten und seine Landschaften zu instruiren und mir ein Bild von dem Leben zu machen, das ich dort drüben, in den furchtbaren Tropen führen sollte. Selbst wenn ich das bei Seite ließ, was die Berichte von Reisenden an Übertreibung, Prahlerei und Lügen enthielten, entzückte mich alles was ich las, ganz besonders diese Einzelheit, die von einem ernsten deutschen Gelehrten mitgetheilt worden war: es existirt nämlich im Weichbilde von Colombo, inmitten märchenhafter Gärten, am Meeresstrande, eine prachtvolle Villa, ein Bungalow, wie man diese dort zu Lande nennt, in dem ein reicher und phantastischer Engländer eine Art von Harem untergebracht hat, wo in vollkommenen weiblichen Exemplaren alle Rassen Indiens enthalten sind, von den schwarzen Tamulen bis zu den schlangenartigen Bayaderen von Lahore und den dämonischen Bachantinen von Benares. Ich nahm mir fest vor ein Mittel ausfindig zu machen, um mich bei diesem polygamen Amateur einzuführen und meine Studien vergleichender Embryologie auf sein Haus zu beschränken.

Der Minister, von dem ich Abschied nahm, wobei ich ihm meine Pläne mittheilte, billigte alle meine Maßregeln und lobte sehr lustig meine hervorragende Sparsamkeit. Als er mir Adieu sagte, äußerte er noch mit gerührter Beredsamkeit, während ich selbst unter den Wogen seiner Worte mich weich werden fühlte, rein, erfrischend und herrlich weich werden, wie dies nur ein Ehrenmann vermag:

– Geh', mein Freund und komme uns gestärkt zurück ... als ein neuer Mensch, ein ruhmbedeckter Gelehrter ... Deine Verbannung wirst Du, wie ich überzeugt bin, zu großen Dingen verwenden und dabei Deine Energie für künftige Kämpfe stärken ... Sie wird Dich an dem Urquell des Lebens stärken, an der Wiege der Menschheit die ... der Menschheit der ... Geh' und wenn Du bei Deiner Rückkunft – was ich nicht annehmen kann – wenn Du bei Deiner Rückkunft, sage ich, noch immer die bösen Erinnerungen vorfindest ... Schwierigkeiten ... Feindseligkeiten ... kurz ein Hindernis für Deinen gerechten Ehrgeiz, ... dann sei eingedenk, daß Du über das Regierungspersonal genügend kleine Papiere besitzest, um im Handumdrehen zu triumphieren ... Sursum Corda! ... Auf mich kannst Du übrigens rechnen. Während Du Dich dort unten als ein muthiger Pionnier des Fortschritts, als ein Soldat der Wissenschaft aufhältst ... während Du die Golfe sondirst und die geheimnisvollen Zellen untersuchst für Frankreich, für unser theures Frankreich ... werde ich Dich nicht vergessen ... glaube mir ... Geschickt und unabläßig werde ich durch die Agence Havas und meine Zeitungen Deinen jungen Embryologennamen in Mode zu bringen suchen ... Ich werde bewunderungswürdige, pathetische Reclamen ausfindig machen ... »Unser großer Embryolog« ... »Wir erhalten von unserem jungen und berühmten Gelehrten, dessen embryologische Entdeckungen und so weiter ...« »– Während er zwanzig Faden unter Wasser eine noch unbekannte Holothurie studierte, wäre unser unermüdlicher Embryolog beinahe einem Haifisch zum Opfer gefallen ... Ein fürchterlicher Kampf ... u.s.w ....« ... Geh', geh' mein Freund ... arbeite furchtlos an der Größe des Vaterlandes. Heut zu Tage ist ein Volk nicht nur groß durch seine Waffen, es ist vor allem durch seine Künste ... durch seine Wissenschaften groß ... Die friedlichen Erroberungen der Wissen schaft dienen der Civilisation mehr denn Feldzüge u.s.w ... Cedant arma sapientiae ...

Ich weinte vor Vergnügen, vor Stolz, vor Freude und Aufregung, da sich mein Gewissen an diesen ungeheueren, überwältigend schönen Plänen begeisterte. Ich hatte mein eigenes »Ich« verlassen und befand mich, ich weiß nicht wo in diesen Augenblick; ich hatte eine andere Seele, eine fast göttliche Seele, eine schöpferische und aufopferungsfreudige Seele, die Seele eines strahlenden Helden, der das höchste Vertrauen des Vaterlandes genießt, auf dem der Menschheit ganze Hoffnung ruht.

Was den Minister, diesen Banditen von einem Eugène betrifft, so konnte auch er seine Rührung kaum zurückhalten. Echte Begeisterung lag in seinem Blicke, seine Stimme zitterte vor aufrichtiger Bewegung: Zwei kleine Thränen entquollen seinen Augen ... Er drückte mir krampfhaft die Hand ...

Einige Minuten lang waren wir alle beide der unbewußte und komische Spielball unserer eigenen Mystification ...

Ach, wenn ich daran denke!

V.

Inhaltsverzeichnis

Mit Empfehlungsbriefen an die »Behörden« von Ceylon ausgerüstet, schiffte ich mich endlich an einem prachtvollen Nachmittag in Marseille auf der Saghalien ein.

Sowie ich das Packetboot betreten hatte, empfand ich unverzüglich, wieviel ein officieller Titel ausmacht und wie durch seine Wunderkraft ein gestrandeter Mensch, wie ich es damals war, in der Achtung Unbekannter und vorübergehender Bekanntschaften, folglich auch in der seinen wuchs. Der Kapitain, »der meine bewunderungswürdigen Arbeiten kannte« behandelte mich in der aufmerksamsten Weise und umgab mich mit Ehren aller Art. Die comfortabelste Kabine war für mich reservirt worden, desgleichen der beste Platz am Tische. Da sich die Nachricht von der Anwesenheit eines berühmten Gelehrten an Bord rasch unter den Reisenden verbreitet hatte, beeilte sich jeder mir seine Achtung zu bezeugen ... Ich sah auf den Gesichtern nur die Blüthe der Bewunderung. Sogar die Frauen legten mir gegenüber Neugierde und Wohlwollen an den Tag, die eine diskret, die andere charakteristischer, durch ein tapfereres Gefühl. Ein Weib fesselte ganz besonders meine Aufmerksamkeit. Es war ein herrliches Geschöpf mit schwerem röthlichem Haar und grünen goldgesprenkelten Augen, die denen eines Raubthieres glichen. Sie reiste mit drei Kammerzofen im Gefolge, wovon eine Chinesin war. Ich erkundigte mich über sie bei dem Kapitain.

– Das ist eine Engländerin, sagte er mir ... Sie heißt Miß Clara ... Sie ist das ungewöhnlichste Weib, das man sich vorstellen kann ... Obwohl erst achtundzwanzig Jahre alt, kennt sie doch bereits den ganzen Erdball ... Gegenwärtig lebt sie in China ... Sie befindet sich schon zum vierten Male an Bord meines Schiffes ...

– Ist sie reich?

– O, unermeßlich reich ... Ihr Vater, der schon seit langer Zeit todt ist, war, wie man mir erzählt hat, Opiumverkäufer in Canton. Dort ist sie selbst geboren worden ... Ich glaube, bei ihr ist nicht alles im Kopfe richtig ... aber sonst ist sie eine reizende Person.

– Ist sie verheirathet?

– Nein ...

– Und ...?

Ich legte in dieses Bindewort eine ganze Reihe von intimen und selbst frivolen Fragen ...

Der Kapitän lächelte.

– Was das betrifft ... ich weiß nichts ... ich glaube nicht ... Ich habe nie etwas bemerkt ... wenigstens hier nicht.

So fiel die Antwort des braven Seemannes aus, der mir ganz im Gegentheil viel mehr zu wissen schien als er sagen wollte ... Ich drang nicht weiter in ihn, aber ich faßte in meinem Innern meine Meinung in dem eliptischen und vertraulichem Satze zusammen: »Du, liebe Kleine ... na selbstverständlich! ...«

Die ersten Reisenden, mit denen ich mich befreundete, waren zwei Chinesen von der Botschaft in London und ein normännischer Edelmann, der sich nach Tonkin begab. Letzterer weihte mich liebenswürdig gleich in seine Pläne und Intimitäten ein ... Er war ein leidenschaftlicher Jäger ...

– Ich fliehe Frankreich, erklärte er mir ... ich fliehe so oft ich nur kann ... Seit wir Republik haben, ist Frankreich ein verlorenes Land ... Es gibt zuviel Wilddiebe dort, sie sind ja geradezu die Herren ... Stellen Sie sich vor, ich kann überhaupt kein Wildpret mehr bei mir ziehen! ... Die Wilddiebe schießen es mir vor der Nase fort und die Gerichte geben ihnen Recht ... Das ist doch wahrhaftig zu toll! ... Ich rechne dabei gar nicht mit, daß sie den Rest durch Seuchen hinraffen lassen ... folglich reise ich nach Tonkin ... Welch ein wundervolles Land für die Jagd! ... Ja, mein lieber Herr, ich begebe mich schon zum vierten Male nach Tonkin ...

– So, so! In der That? ...

– Ja! ... In Tonkin gibt es aller Arten von Wildpret in überreichem Maaße ... Aber vor allem Pfaue ... Das ist doch noch ein Zielobject, mein Herr! ... und wahrhaftig, es ist eine gefährliche Jagd ... Man muß die Augen ganz gehörig dabei aufmachen.

– Es sind zweifellos reißende Pfaue? ...

– Mein Gott, nein ... aber die Geschichte verhält sich folgendermaßen ... Wo es Hirsche gibt, sind auch Tiger zu finden ... Und da wo es Tiger gibt, finden sich auch Pfaue ein! ...

– Ist das ein Aphorisma? ...

– Nein, Sie werden mich gleich begreifen ... Folgen Sie wohl meinem Gedankengang ... Der Tiger frißt den Hirsch ... und ...

– Der Pfau frißt den Tiger? ... bemerkte ich mit ernster Miene ...

– Sehr richtig ... das heißt ... die Sache verhält sich so ... Wenn der Tiger sich am Hirsche gütlich gethan, schläft er ein ... und wenn er dann wieder aufwacht ... erleichtert er sich ... und ... macht, daß er fort kommt ... Was thut nun der Pfau? ... Auf dem benachbartem Baume lauernd, wartet er vorsichtig auf das Verschwinden des Tigers ... dann steigt er zum Boden herab und frißt die Excremente des Tigers ... gerade in diesem Augenblick muß man ihn überraschen ...

Dabei streckte er beide Arme aus, als ob er ein Gewehr hielte und that wie wenn er auf einen imaginären Pfau zielte:

– Ach! und was für Pfaue! ... Sie können sich davon keine Vorstellung machen ... Denn, was Sie in unseren Vogelhäusern und Gärten für Pfaue halten, sind nicht einmal Truthähne ... Die sind überhaupt garnichts ... Mein werther Herr, ich habe alles geschossen ... ich habe selbst Menschen getödtet ... Ja schön! ... aber nie hat mir ein Flintenschuß eine so lebhafte Sensation verschafft, als wenn ich Pfaue schoß ... Die Pfaue ... wie soll ich das nur ausdrücken, mein Herr? ... sind prachtvoll zu schießen! ...

Dann kam er nach einer Pause zu folgendem Schluß:

– Reisen, das ist überhaupt die schönste Beschäftigung! ... Wenn man auf Reisen geht, sieht mau außergewöhnliche Dinge, die einen zum Nachdenken zwingen ...

– Zweifellos, stimmte ich zu ... aber man muß, wie Sie, ein großer Beobachter sein ...

– Das ist wahr! ... ich habe viel beobachtet ... antwortete der brave Edelmann, sich in die Brust werfend ... Ich habe alle Länder durchstreift – Japan, China, Madagaskar, Haïti und einen Theil Australiens – aber ich kenne nichts Unterhaltenderes als Tonkin ... So zum Beispiel glauben Sie doch wohl auch schon Hühner gesehen zu haben?

– Ja, das glaube ich allerdings.

– Da sind Sie im Irrthum, mein bester Herr ... Sie haben noch keine Hühner zu sehen bekommen ... zu diesem Zweck muß man nach Tonkin reisen ... und auch da sieht man sie nicht so leicht ... Sie halten sich in den Wäldern auf und verstecken sich in den Bäumen ... man sieht sie niemals ... Nur ich habe einen Kniff gefunden ... Ich fuhr die Flüsse in einem Sampang hinauf und hatte einen Hahn im Käfig mit mir ... Ich machte am Rande des Waldes Halt und befestigte den Käfig an einem Zweige ... Der Hahn krähte ... Da kamen aus all den Tiefen des Waldes die Hühner herbei ... sie kamen ... und kamen ... Sie kamen in unzähligen Schaaren ... Und ich schoß sie! ... Ich habe bis zwölfhundert an einem Tage geschossen! ...

– Das ist bewunderungswürdig! ... erklärte ich begeistert.

– Ja ... ja ... zwar nicht so sehr wie die Pfaue ... Ach, die Pfaue! ...

Aber dieser Edelmann war nicht allein Jäger; er war auch Spieler. Weit, ehe wir vor Neapel angelangt waren, hatten die beiden Chinesen, der Pfauentödter und ich eine ganz gehörige Parthie Poker arrangiert. Dank meiner Spezialkenntnisse in diesem Spiele hatte ich, als wir nach Port-Saïd kamen, die drei unvergleichlichen Persönlichkeiten um ihr Geld erleichtert und das Capital verdreifacht, das ich zu den Freuden der Tropen und den unbekannten Wundern fabelhafter Embryologien mit mir nahm.

VI.

Inhaltsverzeichnis

Zu jener Zeit wäre ich der kleinsten poetischen Schilderung unfähig gewesen, da mir die lyrische Begabung erst später, zu gleicher Zeit als die Liebe, kam. Sicherlich genoß ich wie jeder andere die Schönheiten der Natur, aber sie bestrickte mich nicht bis zur Verzückung; ich genoß sie in meiner Weise, wie dies eben einem gemäßigten Republikaner zukommt. Und ich sagte mir:

– Die Natur ist vom Fenster eines Eisenbahncoupés oder Durch eine Schiffsluke, stets überall gleich. Ihr hauptsächlichster Charakter besteht darin, daß sie nichts Neues bietet. Sie wiederholt sich ständig und da sie nur eine kleine Menge von Formen besitzt, finden sich dieselben Zusammenstellungen hier und dort beinahe gleich vor. In ihrer riesigen und schwerfälligen Einförmigkeit vertauscht sie nur die Töne, die kaum merklich und interesselos sind, höchstens fesseln sie die Dresseure kleinen Viehzeugs, wozu ich mich, obwohl ich Embryolog bin, nicht rechne, und die Leute, die Haare zu spalten pflegen ... Kurz, wenn man hundert Quadratmeilen eines Landes bereist hat, gleichgiltig wo, hat man alles gesehen und diese Canaille von einem Eugène hatte mir zugerufen: »Du wirst diese Natur, ... diese Bäume, diese Blumen staunend anblicken! ...« Mir gehen die Bäume auf die Nerven und Blumen kann ich nur bei Modistinen und auf Hüten leiden ... Was nun die Tropenwelt anbetrifft, so hätte mir Monte-Carlo für meinen Bedarf von ästhetischer Landschaft vollauf genügt, desgleichen meinen Träumen von weiten Reisen ... Ich verstehe nichts von Palmen, Kokusbäumen, Bananen, Manglebäumen, Citronenbäumen, Pandanus, außer wenn ich ihre Früchte in ihrem Schatten pflücken kann und mit hübschen Frauen tändeln, die etwas anderes als Betel zwischen ihren Lippen haben ... Der Kokusbaum: das ist in meinen Augen der Kokottenbaum ... Ich mag die Bäume nur in dieser echt pariserischen Auffassung ...

Ach, was für ein blinder und tauber Barbar ich damals war! ... Wie konnte ich mit so schändlichem Cynismus Blasphemien gegen die unendliche Schönheit der Form ausstoßen, die vom Menschen zum Thiere geht, vom Thiere zur Pflanze, von der Pflanze zum Berge, vom Berge zu den Wolken und von den Wolken zum Kiesel, auf dem sich all die Herrlichkeiten des Lebens wiederspiegeln! ...! ...

Obwohl wir erst October schrieben, war die Fahrt durch das Rothe Meer doch äußerst unangenehm. Die Hitze war so vernichtend, die Luft so schwer für unsere europäischen Lungen, daß ich oft erstickt zu sterben glaubte. Tagsüber verließen wir den Salon gar nicht mehr, wo der große indische Punka, der sich ohne Unterlaß bewegte, uns die rasch entschwindende Illusion einer frischen Brise gab. Die Nacht verbrachten wir auf dem Verdeck, wo wir übrigens ebenso wenig wie in unseren Kabinen schlafen konnten ... Der normännische Edelmann schnaufte wie ein kranker Ochse und dachte gar nicht mehr daran seine tonkingischen Jagdgeschichten zu erzählen. Von den Reisenden waren diejenigen, die vorher am meisten geprahlt und sich möglichst widerstandsfähig gezeigt hatten, am meisten herunter gekommen, ihre Glieder waren erschöpft, ihr Athem ging pfeifend, wie der eines übermüdeten Rindviehs. Man kann sich gar nichts Lächerlicheres vorstellen, als das Aussehen dieser Leute, die in ihre vielfarbigen Pidjamus versenkt waren ... Nur die beiden Chinesen schienen von dieser Feuertemperatur unberührt ... Sie hatten nichts an ihren Gewohnheiten oder all ihren Kleidungen geändert und verbrachten ihre Zeit mit schweigsamen Spaziergängen auf dem Deck oder Karten- und Würfelparthien in ihren Kabinen ...

Wir interessirten uns für nichts. Nichts konnte uns übrigens zerstreuen, da wir die Qual erlitten, mit der Langsamkeit und Regelmäßigkeit eines Ofentopfes gekocht zu werden. Das Packetboot fuhr mitten des Golfes: ober uns, rings um uns sahen wir nichts als den blauen Himmel und das blaue Meer, ein düsteres Blau, ein heißes, metallisches Blau, wie es manchmal in den Hochöfen zu erblicken ist, kaum konnten wir die Somaliküsten, die ferne rothe Masse unterscheiden, bedeckt mit jenen glühenden Sandhügeln, wo kein Baum, kein Kraut wächst, die wie ein unablässig brennender Feuerherd dieses schreckliche Meer umgürten, das einem ungeheuern Behältniß kochenden Wassers gleicht.

Ich muß sagen, daß ich während dieser Überfahrt großen Muth bewies und nichts von meinem, in der That sehr leidenden Zustand zeigte ... Ich erreichte dies durch Ergebenheit in mein Schicksal und durch Liebe.

Der Zufall – war es wirklich der Zufall oder nur der Kapitain? – hatte mir Miß Clara als Tischnachbarin gegeben. Ein Zwischenfall bei der Bedienung brachte es zu Stande, daß wir fast ohne Verzug genaue Bekanntschaft schloßen ... Übrigens berechtigte meine hohe Stellung in der Wissenschaft und die Neugierde, deren Gegenstand ich war, mich zu gewissen Abweichungen von den gewohnten Höflichkeitsformen.

Wie mir der Kapitain mitgetheilt hatte, kehrte Miß Clara nach China zurück, nachdem sie den Sommer abwechselnd in England, ihrer Geschäfte halber, in Deutschland um eine Kur durchzumachen und in Frankreich um sich zu unterhalten, verbracht hatte. Sie gestand mir, daß Europa sie immer mehr anwidere ... Sie könnte diese hektischen Sitten, diese lächerlichen Moden, diese frostigen Landschaften nicht länger ertragen ... Nur in China fühlte sie sich glücklich und frei! ... So wie sie war, mit ihrem entschlossenen Benehmen, mit ihrem höchst außergewöhnlichen Lebenswandel, plauderte sie zuweilen kreuz und quer, zuweilen auch mit einem lebhaften Verständnis für alle Dinge, mit fieberhafter und dem Fremdartigen zugeneigter, sentimentaler und philosophischer, unwissender und gebildeter, unreiner und keuscher, kurz geheimnißvoller Lustigkeit ... Sicher hatte sie Lücken in ihrem Wissen ... unverständliche Launen ... schreckliche Gelüste ... mit einem Worte, sie verwirrte mich im höchsten Grade, obwohl man doch von einer Engländerin jegliche Excentrizitäten erwarten muß. Ich zweifelte von allem Anfang nicht daran, ich, der ich in Bezug auf Frauen, nur pariser Kokotten und was noch ärger ist, politische und litterarische Weiber gekannt hatte, ich zweifelte nicht daran, daß ich Jene leicht verführen könnte und nahm mir vor, durch sie in unvorhergesehener und reizender Weise meine Reise zu verschönern. Ihr Haar war röthlich, ihre Haut glänzend, ein Lächeln schien stets bereit auf ihren schwellenden und rothen Lippen zu erklingen. Sie war in der That die Freude des ganzen Schiffes, die Seele dieses Fahrzeuges, das tollen Abenteuern, der paradiesischen Freiheit ursprünglicher Länder und feurigen Tropen entgegenzog ... Die Eva eines wundervollen Edens, selbst eine Blume, eine berauschende Blume und die köstliche Frucht ewiger Lust, streifte sie und sie sprang wie ich mir deutlich vorstellen konnte, zwischen den Blumen und den goldigen Früchten dieser paradiesischen Gärten herum, nicht mehr in diesem modernen Kostüme aus weißem Piquetstoff, das ihre biegsame Taille eng umschloß und das kraftvolle Leben ihrer fruchtartigen Büste einengte, sondern in dem übernatürlichen Glanze ihrer biblischen Nacktheit.

Ich erkannte nur allzubald, daß ich mich in meiner galanten Diagnose geirrt hatte und daß Miß Clara meine eitle Einbildung Lügen strafend, unantastbare Ehrbarkeit besaß ... Weit davon entfernt durch diese Feststellung enttäuscht zu werden, erschien sie mir nur noch hübscher und ich fühlte wirklichen Stolz darüber, daß dieses reine, tugendhafte Wesen mich, den niedrigen Wüstling, mit so einfachem und graziösem Vertrauen aufgenommen hatte ... Ich wollte auf die innere Stimme nicht hören, die mir zurief: »Dieses Weib lügt ... dieses Weib macht sich über Dich lustig ... Aber Du Dummkopf, so sieh' doch mal ihre Augen an, die alles erblickt haben, diesen Mund, der alles geküßt hat, diese Hände, die alles geliebkost haben, diesen Leib, der überoft in jedem Wollustrausch und jeglicher Umarmung erschauerte! ... Sie und keusch? ... Ach was! ... ach was! ... Und diese wissenden Geberden? Und diese Weichheit und Biegsamkeit, diese Bewegungen des Leibes, der all die Formen einer wollüstigen Umschlingung bewahrt hat? ... und diese geschwellte Büste, die einer von Pollen trunkenen Blume gleicht? ...« ... Nein, wahrhaftig, ich hörte auf diese Stimme nicht ... Und ich hatte ein köstlich keusches Gefühl, das aus zärtlicher Dankbarkeit und Stolz zusammengesetzt war, eine Regung moralischer Wiedergeburt, als ich so täglich mehr, in vertraulichem Verkehr mit diesem schönen, tugendhaften Weib kam, von dem ich im Vorhinein annehmen konnte, daß es mir nie etwas Anderes sein könnte, als eine seelische Freundin! ... Dieser Gedanke erhob mich und rehabilitirte mich in meinen eigenen Augen. Dank dieser täglichen, reinen Berührung gewann ich, ja wahrhaftig, gewann ich wieder Selbstachtung. Der ganze Schmutz meiner Vergangenheit verwandelte sich in leuchtenden Azur ... und ich sah die Zukunft durch den ruhigen, klaren Smaragdglanz geregelten Glückes ... Ach, wie weit waren Eugène Mortain, Frau G ... und Ihresgleichen von mir! ... Wie verrannen die Gesichter all dieser grinsenden Fantome jeden Augenblick mehr unter dem himmlischen Blick dieses strahlenden Geschöpfes, durch den ich mich mir selbst als ein neuer Mensch enthüllte, mit edlen Anwandlungen, zärtlichen Gefühlen und einer Begeisterungsfähigkeit, die ich noch nie an mir bemerkt hatte ...

O, Ironie dieses zärtlichen Liebesrausches! ... O, Komödie der Begeisterung, die im Menschenherzen ruht! ... Wie oft glaubte ich in Clara's Nähe an die große Aufgabe meiner Forschungsreise und war ich überzeugt, daß ich das Genie besaß, um all die Embryologien, all die Planeten des Weltalls in Aufruhr zu versetzen ...

Wir langten rasch bei vertraulichen Geständnissen an ... Dies geschah in einer Reihe von Lügen, die geschickt vorgebracht wurden, einerseits aus Eitelkeit, andererseits aus dem natürlichem Wunsche, mich in den Augen meiner Freundin nicht zu entwerthen; ich suchte mich also möglichst vortheilhaft in der Rolle eines Gelehrten zu zeigen, erzählte von meinen biologischen Entdeckungen und meinen Erfolgen an der Academie, ich sprach von all der Hoffnung, die die berühmtesten Männer der Wissenschaft auf meine Methode und meine Reise setzten. Dann verließ ich diese all zu steilen Höhen und beschäftigte mich mit halb gesunden, halb perversen Anekdoten aus dem gesellschaftlichen Leben und Bemerkungen über Litteratur und Kunst, die den Geist einer Frau zur Genüge intressieren konnten, ohne ihn zu verwirren. Und diese frivolen und leichten Unterhaltungen, denen ich einen geistreichen Anstrich zu geben bestrebt war, verliehen meiner ernsten Persönlichkeit eines Gelehrten einen seltsamen, vielleicht einzig in seiner Art dastehenden Charakter. Ich erwarb mir Clara's Zuneigung vollständig, während dieser Fahrt durch's Rothe Meer. Indem ich mein eigenes Unwohlbefinden unterdrückte, fand ich geschickte Aufmerksamkeiten und zarte Rücksichten gegen sie, die ihr Leiden einschläferten. Als die Saghalien in Aden vor Anker gieng, um Kohlen aufzunehmen, waren wir Beide vertraute Freunde geworden, erfüllt mit jener wunderbaren Freundschaft, die kein Blick, keine Geberde trübt, die keine schuldige Absicht in ihrer schönen Reinheit beflecken kann ... Und dennoch rief die innere Stimme ohne Unterlaß in mir: »Aber sieh' doch nur diese Nüstern, die mit schrecklicher Wollust das Leben in seiner Gänze einathmen ... Betrachte diese Zähne, die sich unzählige Male in die blutige Frucht der Sünde gegraben haben«. Heldenhaft gebot ich dieser Stimme Stillschweigen.

Es war eine unendliche Freudenstimmung, als wir in die Gewässer des indischen Ozeans einliefen; nach den tödtlichen, folternden Tagen, die wir auf dem Rothen Meere verbracht hatten, erschien mir dies wie eine Wiedergeburt. Ein neues Leben, ein Leben voll Freude und Thätigkeit entstand an Bord. Obwohl die Temperatur noch recht heiß war, konnte man doch köstlich athmen, es war als ob man den Duft von Pelzwerk, das eine Frau eben ausgezogen hat, einsöge. Eine leichte Brise, die, wie man annehmen konnte, mit all den Düften der tropischen Flora geschwängert war, erfrischte Leib und Seele. Um uns gieng ein förmliches Wunder vor. Der Himmel war von der Durchsichtigkeit einer Märchengrotte, goldgrün mit rosigen Flammen gefärbt; das Meer dehnte sich ruhig unter dem kraftvoll rythmischen Hauch des Monsum in weiter blauer Fläche aus, die hie und da mit smaragdfarbenen Lichtern geschmückt war. Wir fühlten thatsächlich körperlich etwas wie eine Liebkosung, als wir den magischen Erdtheilen nahten, den lichterfüllten Ländern, wo das Leben an einem geheimnißvollen Tage seine ersten Zuckungen gehabt. Und wir alle, selbst der normännische Edelmann, trugen auf den Gesichtern etwas von diesem Himmel, von diesem Licht.

Miß Clara zog – wie sich das von selbst versteht – die Blicke der Männer auf sich, die sie in Aufruhr versetzte; sie hatte stets einen ganzen Hof von leidenschaftlichen Verehrern um sich. Ich fühlte keine Eifersucht, da ich überzeugt war, daß sie diese Leute für lächerlich hielt und mich allen anderen vorzog, selbst den beiden Chinesen, mit denen sie sich häufig unterhielt, die sie aber nicht mit solchen Blicken wie mich ansah, mit diesen seltsamen Blicken, in denen ich mehrfach trotz aller erzwungenen Zurückhaltung eine gewisse geistige Mitschuld und ich weiß nicht welches geheime Einverständnis zu lesen glaubte ... Unter ihren leidenschaftlichsten Anbetern befanden sich ein französischer Forschungsreisender, der sich nach der malaiischen Halbinsel begab, um dort die Kupferbergwerke zu untersuchen, und ein englischer Offizier, der in Aden das Schiff bestiegen hatte und nach seiner Garnison Bombay zurückkehrte. Beide waren in ihrer Art grobe, doch unterhaltende Barbaren, die Clara mit Vorliebe zur Zielscheibe ihres Spottes machte. Der Forschungsreisende wurde nicht müde von seinen früheren Fahrten durch Central-Afrika zu erzählen. Was den englischen Offizier betrifft, der Hauptmann in einem Artillerieregimente war, so suchte er uns durch die Beschreibung aller seiner ballistischen Erfindungen zu verblüffen.

Eines Abends befanden wir uns nach dem Diner sämmtlich um Clara herum vereint, die graziös auf einem Rocking-chair ausgestreckt lag. Die einen rauchten Zigarretten, die anderen waren in Nachdenken versunken ... Wir alle trugen das gleiche Verlangen nach Clara in uns; wir alle folgten mit demselben Gedanken wilden Genußes den Bewegungen ihrer kleinen Füßchen, die in rosigen Pantoffeln steckten und bei dem Wiegen des Stuhles aus dem duftenden Kelch ihrer Röcke wie Staubfäden herauswuchsen ... Wir sprachen kein Wort ... Und die Nacht war voll von märchenhafter Wonne, das Schiff glitt wollüstig über das Meer wie über eine Seidenfläche. Clara wandte sich an den Forschungsreisenden ...

– Ist es also wahr? rief sie mit boshafter Stimme ... oder soll das vielleicht nur Scherz sein? ... Sie haben wirklich Menschenfleisch gegessen?

– Ja, selbstverständlich! ... antwortete er stolz und in einem Tone, der unbestreitbare Überlegenheit über uns markieren sollte ... Ich mußte wohl oder übel ... man ißt was man eben hat ...

– Und wie schmeckt das? ... fragte sie ein wenig angeekelt.

Er überlegte einen Augenblick lang ... dann bemerkte er mit einer ungewissen Geberde:

– Mein Gott! ... wie soll ich Ihnen dies definiren ... Stellen Sie sich vor, anbetungswürdige Miß ... stellen Sie sich Schweinefleisch vor ... Schweinefleisch, das ein wenig in Nußöl eingemacht ist ...

Nachläßig und resignirt fügte er hinzu:

– Es ist nicht gerade sehr gut ... man ißt es ja übrigens auch nicht aus Feinschmeckerei ... Ich ziehe jedenfalls Hammelkeule oder Beafsteak vor ...

– Das begreife ich wohl! ... stimmte Clara bei.

Und als ob sie aus Höflichkeit den Schrecken dieser Menschenfresserei hätte mildern wollen, spezialisirte sie:

– Zumal Sie doch zweifellos nur Negerfleisch gegessen haben! ...

– Negerfleisch? ... stieß er erschreckt hervor ... O, pfui! ... Glücklicher Weise, theuerste Miß, war ich zu dieser harten Nothwendigkeit nicht gezwungen ... Wir haben, Gott sei Dank, stets nur Weiße verzehrt! ... Unsere Eskorte enthielt eine große Anzahl von Männern, die meist aus Europäern bestanden ... Marseiller, Deutsche, Italiener ... von allem etwas ... Wenn der Hunger zu arg wurde, schlachtete man einen Mann aus der Eskorte ... mit Vorliebe einen Deutschen ... Der Deutsche, göttliche Miß, ist fetter als andere Rassen ... auch ausgiebiger ... Und dann für uns Franzosen ist es dann eben ein Deutscher weniger! ... Der Italiener ist seinerseits trocken und hart ... er hat zuviel Sehnen ...

– Und der Marseiller? ... warf ich ein ...

– Pfui! ... erklärte der Reisende kopfschüttelnd ... der Marseiller schmeckt sehr schlecht ... er schmeckt nach Knoblauch ... und außerdem, ich weiß nicht weshalb, nach ranzigem Fett ... Ich kann nicht gerade behaupten, daß er schmackhaft ist ... nein ... höchstens genießbar ...

Dann wandte er sich zu Clara, mit abwehrender Geberde, und erklärte in dringlichem Tone:

– Aber Negerfleisch ... nein niemals! ... ich glaube, ich würde es wieder erbrochen haben ... Ich kannte Leute, die welches gegessen hatten ... Sie wurden krank davon ... Der Neger ist ungenießbar ... Es gibt sogar welche, versichere ich Sie, die geradezu giftig sind ...

Und sorgfältig verbesserte er sich noch:

– Schließlich ... muß man sich eben darin auskennen wie in Bezug auf die Pilze. Vielleicht sind die indischen Neger eßbar? ...

– Nein! ... erklärte der englische Offizier in kurzem kategorischen Ton, der inmitten von schallendem Gelächter diese culinarische Unterhaltung, bei der mir schon übel zu werden anfieng,.. beendete ...

Der Forschungsreisende begann, ein wenig entmuthigt, von Neuem:

– Das hat nichts zu bedeuten! ... trotz dieser kleinen Unannehmlichkeiten bin ich glücklich darüber wieder auf Reisen gegangen zu sein. In Europa fühle ich mich krank ... ich lebe nicht ... ich weiß nicht wohin ich gehen soll ... Ich komme mir verdummt und gefangen in Europa vor, wie ein Thier in seinem Käfig ... Man kann dort nicht einmal die Ellenbogen ausstrecken, die Arme bewegen oder den Mund aufmachen, ohne auf thörichte Vorurtheile und blödsinnige Gesetze zu stoßen ... Diese Sitten sind widerlich ... Vergangenes Jahr, reizende Miß, ging ich in einem Kornfeld spazieren. Mit meinem Stocke schlug ich die Ähren rund um mich ab ... Das machte mir Spaß ... Ich habe doch wohl das Recht zu thun was mir gefällt, nicht wahr? ... Ein Bauer kam herbeigelaufen, begann zu schreien, mich zu beschimpfen und befahl mir sein Feld zu verlassen ... Man kann sich gar keine Vorstellung davon machen! Was hätten Sie an meinem Platz gethan? ... Ich verabfolgte ihm drei Stockschläge auf den Kopf ... Er stürzte mit gespaltenem Schädel nieder ... Was glauben Sie wohl, was daraufhin geschah? ...

– Sie haben ihn vielleicht gegessen? ... spottete Clara lachend ...

– O, nein ... ich wurde vor, ich weiß nicht welche Richter geschleppt, die mich zu zwei Monate Gefängnis und zehntausend Francs Schadenersatz verurtheilten ... Eines dreckigen Bauers wegen! ... Und das nennt sich Civilisation! ... Möchte man so etwas glauben? ... Na danke schön! wenn ich in Afrika jedesmal in dieser Weise abgeurtheilt worden wäre, wenn ich Neger oder selbst Weiße getödtet hatte? ...

– Sie tödteten also auch Neger? ... bemerkte Clara.

– Ja gewiß, anbetungswürdige Miß! ...

– Aber weshalb denn, da Sie sie doch nicht essen wollten?

– Aber um sie zu civilisiren, das heißt, um ihnen ihre Elfenbein- und Gummivorräthe wegzunehmen ... Und dann ... was wollen Sie? ... wenn die Regierungen und die Gesellschaften, die uns diese civilisatorischen Missionen anvertrauen, erführen, daß wir Niemanden getödtet hätten ... was würden die dazu sagen? ...

– Sehr richtig! ... stimmte der normännische Edelmann bei ... Übrigens sind die Neger ja reißende Thiere ... Wilddiebe ... die reinen Tiger! ...

– So sollen die Neger sein? ... Da irren Sie sich sehr, mein bester Herr! ... Sie sind sanft und lustig ... sie sind wie Kinder ... Haben Sie schon einmal Abends, am Waldessaume, auf der Wiese, wilde Kaninchen spielen sehen? ...

– Zweifellos! ...

– Ihr Gebahren ist wirklich niedlich ... sie sind von toller Lustigkeit, streichen sich das Fell mit den Pfoten zurecht, springen und kugeln sich im Grase ... Nun also, die Neger sind wie diese jungen Kaninchen ... sie sind allerliebst! ...

– Dennoch steht es fest, daß sie Menschenfresser sind? ... bemerkte der Edelmann hartnäckig ...

– Die Neger Menschenfresser? widersprach der Forschungsreisende ... Nicht im mindesten! ... In jenen Landstrichen sind nur die Weißen Menschenfresser ... Die Neger nähren sich von Bananen und anderen Gewächsen. Ich kenne sogar einen Gelehrten, der allen Ernstes behauptet, daß die Neger Wiederkäuermagen haben ... Wie sollen sie also Fleisch, besonders Menschenfleisch essen können?

– Weshalb tödtet man sie also? warf ich ein, denn ich fühlte mich gerührt und mitleidsvoll gestimmt.

– Aber ich sagte es Ihnen ja schon ... um sie zu civilisiren. Und das war sehr amusant! ... Wenn wir nach Märschen, nach endlosen Märschen zu einem Negerdorf kammen ... waren die Bewohner starr vor Schreck! ... Sie stießen sogleich verzweifelte Schreie aus und versuchten nicht einmal zu entfliehen, so große Angst hatten sie; sie weinten, das Gesicht auf den Boden gebeugt. Man vertheilte Branntwein an sie, denn wir haben in unserem Gepäck stets starke Alkoholprovisionen ... und als sie betrunken waren, metzelten wir sie nieder! ...

– Ein dreckiges Zielobject! mit diesen Worten faßte der normännische Edelmann angeekelt seine Gedanken zusammen, der in diesem Augenblick im Geiste die Wälder von Tonkin durchstreifte und prachtvolle Pfauenflüge erblickte ...

Die Nacht war wundervoll; der Himmel stand in Flammen; rings um uns bewegten sich auf dem Ocean große Flecken phosphoreszirenden Lichtes ... Und ich war traurig, traurig über Clara, traurig über diese rohen Menschen und über mich selbst, sowie über unsere Worte, die das Schweigen und die Schönheit verletzten.

Plötzlich fragte Clara den Forschungsreisenden:

– Kennen Sie Stanley?

– Ja, gewiß kenne ich ihn ..., gab dieser zur Antwort.

– Und was halten Sie von ihm?

– O, der! ... bemerkte er kopfschüttelnd ...

Und als ob schändliche Erinnerungen sein Hirn durchkreuzten, vollendete er mit ernster Stimme:

– Er geht wirklich etwas zu weit! ...

Ich fühlte, daß der Hauptmann seit einigen Minuten zu sprechen verlangte ... Er benützte die Pause, die diesem Geständnis folgte und äußerte:

– Ich! ... ich habe viel Besseres geleistet ... Eure kleinen Metzeleien sind gar nichts im Vergleich zu denen, die man mir verdanken wird ... Ich habe ein Geschoß erfunden ... das geradezu beispiellos ist. Ich nenne es das Dum-Dum Geschoß, nach dem Namen eines Hindudörfchens, wo ich die Ehre hatte es zu erfinden.

– Tödtet es viel? ... mehr als die anderen? fragte Clara.

– O, liebe Miß, fragen Sie mich nicht! ... antwortete er lachend ... Das läßt sich gar nicht berechnen! ...

Und bescheiden fügte er hinzu:

– Dennoch ... ist es nichts ... es ist winzig klein! Stellen Sie sich ein ganz kleines Ding vor .... wie nennen Sie das doch gleich? ... eine kleine Haselnuß ... ja, das ist es! ... Stellen Sie sich eine ganz kleine Haselnuß vor ... Es ist wirklich reizend ...

– Und welch hübscher Name, Herr Hauptmann! ... äußerte Clara bewundernd.

– Er ist in der That sehr hübsch, stimmte der Hauptmann sichtlich geschmeichelt her ... sehr poetisch! ...

– Mau würde sagen, nicht wahr? ... man möchte sagen, es sei der Name einer Fee aus einem Shakespeareschen Lustspiel ... Die Fee Dum-Dum! ... das entzückt mich ... Eine lachende, leichte, hellblonde Fee, die hüpft, tanzt und im Moos zwischen Sonnenstrahlen herumspringt ... Nur immer los, Dum-Dum!

– Nur immer los! wiederholte der Offizier ... Ausgezeichnet! Sie geht übrigens sehr gut los, die kleine Patrone, anbetungswürdige Miß ... Und was das Eigenthümlichste dabei ist, glaube ich, bei ihr gibt es sozusagen keine Verwundeten mehr.

– Ach, wie denn? ...

– Es gibt nur noch Todte! ... In dieser Hinsicht ist sie wirklich unerreicht!

Er wandte sich mir zu und seufzte in bedauerndem Ton, in dem unsere beiderseitige Vaterlandsliebe sich vereinigte:

– Ach, wenn Sie diese in Frankreich zur Zeit der schändlichen Commune gehabt hätten! ... Welcher Triumph wäre dies gewesen! ...

Dann nahmen seine Gedanken plötzlich einen anderen Gang:

– Ich frage mich zuweilen ... ob das nicht nur eine Erzählung Edgar Poë's, ein Traumbild unseres Thomas de Quincey ist ... Aber nein, denn ich habe die göttliche, kleine Dum-Dum eigenhändig erprobt ... Die Geschichte ging folgender Maßen vor sich ... Ich ließ zwölf Hindu antreten ...

– Lebend?

– Natürlich! ... Der deutsche Kaiser nimmt seine ballistischen Experimente mit Leichen vor ... Sie müssen gestehen, daß das absurd und vollkommen unzugänglich ist ... Ich operiere mit Leuten, nicht nur mit lebenden, sondern mit solchen von robuster Constitution und vollkommener Gesundheit ... So sieht man wenigstens was man thut und verrichtet ... Ich bin kein Träumer ... ich bin Gelehrter! ...

– Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, Herr Hauptmann! ... fahren Sie doch in Ihrer Erzählung fort! ...

– Ich ließ also zwölf Hindus hintereinander in einer geometrisch geraden Reihe antreten, ... dann schoß ich ...

– Nun und? ... unterbrach Clara.

– Reizende Freundin, diese kleine Dum-Dum that ein Wunder ... Von den zwölf Hindus blieb kein einziger aufrecht! ... Das Geschoß war durch ihre zwölf Leiber gedrungen, die nach dem Schuß nur noch zwölf zerstückte Fleischhaufen und buchstäblich gebrochene Knochen waren ... Ist dies nicht wirklich wunderbar! ... nie hätte ich einen solch herrlichen Erfolg erhofft ...

– Es ist in der That erstaunenswerth und grenzt an ein übernatürliches Wunder.

– Nicht wahr? ...

Und nachdenklich fuhr er nach einigen Augenblicken stimmungsvollen Schweigens fort ...

– Ich suche, murmelte er vertraulich ... ich suche noch etwas Besseres, etwas Definitiveres ... ich suche ein Geschoß ... ein kleines Geschoß, das nichts von den Leuten, die es trifft übrig läßt ... nichts ... nichts ... gar nichts! ... Verstehen Sie mich?

– Wie das? wieso nichts?

– Oder doch nur sehr wenig! ... erklärte der Offizier ... kaum ein Häufchen Asche ... oder auch nur einen leichten röthlichen Dampf, der sich sogleich verzöge ... Das ist ganz gut möglich ...

– Eine automatische Verbrennung also?

– Sehr richtig! ... Bedenken Sie nur die zahlreichen Vortheile einer solchen Erfindung ... Auf diese Art unterdrücke ich die Wundärzte im Heere, die Krankenwärter, die Krankenträger, die Sanitätswachen, die Militärlazarethe, die Pensionen für Verwundete u.s.w., u.s.w. Man würde ungeheuer viel dadurch ersparen ... es wäre eine große Erleichterung für die Staatsbudgets ... geschweige denn für die Hygiene! Welche Errungenschaft für die Hygiene! ...

– Sie könnten dieses Geschoß ja, die Nib-Nib Patrone nennen ... rief ich.

– Sehr hübsch ... sehr hübsch! ... applaudirte der Artillerist, der, obwohl er nichts von dieser rothwelschen Unterbrechung verstanden hatte, geräuschvoll zu lachen begann; es war das brave und freimüthige Lachen, das die Soldaten aller Grade und aller Länder haben ...

Als er sich beruhigt hatte, äußerte er:

– Ich sehe voraus, daß Frankreich, wenn es von dieser prachtvollen Erfindung hören wird, uns wiederum durch alle seine Zeitungen beschimpfen wird ... Und dabei werden sich die wildesten Ihrer Patrioten hervorthun, dieselben Leute, die überlaut schreien, daß man nie genug Milliarden für den Krieg ausgibt, die nur vom Tödten und Bombardiren sprechen; diese Leute werden England wieder einmal dem Abschen aller civilisirten Völker preisgeben ... Aber, Donnerwetter! wir sind logischer in unserer blutumfassenden Barbarei ... Wie! ... man gestattet explosive Shrapnels und will nicht zulassen, daß Gewehrpatronen ebenso eingerichtet werden! ... Weshalb denn nur? ... Wir leben unter dem Gesetze des Krieges ... und worin besteht der Krieg? ... Er besteht darin, soviel Menschen, als man nur irgend kann, in der denkbar kürzesten Zeit niederzumetzeln ... Um den Krieg immer mörderischer und rascher endbar zu gestalten, handelt es sich darum, immer schrecklichere Zerstörungswerkzeuge ausfindig zu machen ... Das ist eine Frage der Humanität und auch des modernen Fortschrittes ...

– Aber Herr Hauptmann, wandte ich ein ... und was machen Sie mit dem Völkerrecht? ...

Der Offizier grinste ... hob die Arme zum Himmel auf und erwiederte:

– Das Völkerrecht! ... Aber dieses Recht besteht doch nur darin, die Menschen in Massen oder einzeln niederzumetzeln, mit Shrapnels oder Patronen, das ist doch Nebensache, vorausgesetzt, daß die Menschen nur ausgiebig niedergemetzelt werden! ...

Einer der Chinesen legte sich ins Mittel:

– Wir sind aber doch keine Wilden! sagte er.

– Keine Wilden? ... Was sind wir denn sonst? ... Wir sind schlimmere Wilde als die Ureinwohner Australiens, da wir das Bewußtsein unserer Wildheit haben und doch darin beharren ... Und da wir durch Krieg, das heißt durch Diebstahl, Raub und Metzelei unsere Streitigkeiten regeln, austragen und verfechten wollen, kurz unsere Ehre rächen ... Nun schön! da müssen wir eben die Unannehmlichkeiten dieses rohen Zustandes, in dem wir dennoch verharren, auf den Kauf nehmen ... Wir sind Wilde, zugegeben! ... dann wollen wir uns eben auch wie Wilde benehmen! ...

Da bemerkte Clara mit sanfter, tiefer Stimme:

– Und dann wäre es Heiligthumschändung gegen den Tod anzukämpfen ... Der Tod ist ja so schön!

Sie stand auf, schneeweiß und geheimnißvoll von dem electrischen Licht des Verdeckes beleuchtet. Ihr feiner langer Seidenshawl umgab sie mit bleichen Reflexen wechselnder Farben.

– Auf Wiedersehen, morgen! sagte sie noch.

Wir hatten uns alle angelegenlichst zu ihr gedrängt. Der Offizier nahm ihre Hand, die er küßte ... und ich haßte sein männliches Gesicht, seine beweglichen Lenden, seine kraftvolle Gestalt, sein ganzes Gebahren ... Er entschuldigte sich:

– Verzeihen Sie mir, daß ich mich zu einem solchen Gesprächsthema verleiten ließ und vergaß, daß man zu einer Frau wie Sie, stets nur von Liebe sprechen dürfe ...

Clara antwortete:

– Aber Herr Hauptmann, wer vom Tode spricht, spricht auch von der Liebe! ...

Sie nahm meinen Arm, ich geleitete sie bis zu ihrer Kabine, wo ihre Kammerzofen sie erwarteten, um ihr das Nachtkleid anzulegen ...

Während des ganzen Abends spukten Metzeleien und Zerstörungswerke in meinem Kopfe herum ... Ich schlief in dieser Nacht sehr unruhig ... Ich sah auf dem gerötheten Moose, in den Strahlen einer blutigen Sonne, blond, lachend und hüpfend die kleine Fee Dum-Dum vorübergleiten ... Die kleine Fee Dum-Dum, die Claras Augen, Mund und ihren ganzen unbekannten und entschleierten Leib besaß ...

VII.

Inhaltsverzeichnis

Meine Freundin und ich betrachteten einmal, über die Bordwand des Schiffes gelehnt, das Meer und den Himmel. Der Tag ging zur Neige, am Himmel folgten große Vögel, blaue Taucherkönige dem Schiff, indem sie sich in den entzückenden Bewegungen einer Tänzerin wiegten; auf dem Meere erhoben sich ganze Züge von fliegenden Fischen bei unserem Nahen und ließen sich, im Sonnenlichte glänzend, etwas weiterhin nieder, um drauf wiederum aufzufliegen, indem sie das Wasser ritzten und streiften, das an diesem Tage blau wie lebendiger Türkis gefärbt war ... Dann flutheten Schwärme von Quallen, rothen Quallen, grünen Quallen, purpurnen, rosigen und malvenfarbigen Quallen, gleich Blumenblättern auf der weichen Meeresfläche dahin; ihre Färbung war so prächtig, daß Clara jeden Augenblick, Rufe der Bewunderung ausstieß, während sie mir die Quallen zeigte ... Und plötzlich fragte sie mich:

– Sagen Sie mir doch? ... Wie heißen diese prächtigen Geschöpfe?

Ich hätte excentrische Namen erfinden und wissenschaftliche Benennungen improvisieren können. Ich versuchte es aber nicht einmal ... Von einem augenblicklichen, freiwilligen, heftigen Drange nach Aufrichtigkeit erfüllt, antwortete ich in festem Tone:

– Ich weiß es nicht! ...

Ich fühlte, daß ich mich verlor ... daß dieser ganze unsichere und entzückende Traum, der meine Hoffnungen gewiegt, meine Unruhe eingeschläfert hatte, unwiderruflich zerstört war ... daß ich durch einen noch tieferen Sturz in den unvermeidlichen Schlamm meines Paria-Daseins zurückfallen würde ... Ich fühlte dies alles ... Aber in mir wirkte ein überlegenes Gefühl, das mir befahl, mich von meinen Betrügereien, Lügen und diesem thatsächlichen Vertrauensbruch zu befreien, wodurch ich feige, in verbrecherischer Weise die Freundschaft eines Wesens, das meinen Worten Glauben schenkte, an mich gerissen hatte.

– Nein, wahrhaftig, ich weiß es nicht! ... wiederholte ich, indem ich dieser einfachen Verneinung einen Charakter dramatischer Überspanntheit gab, der in keinerlei Einklang mit ihr stand.

– Wie merkwürdig Sie dies sagen! ... Sind Sie denn ganz von Sinnen? ... Was haben Sie denn nur? ... rief Clara, erstaunt über den Klang meiner Stimme, über die unbegreifliche Sinnlosigkeit meiner Geberden.

– Ich weiß es nicht ... ich weiß es nicht ... ich weiß es nicht! ...

Und um diesen dreifachen »Ich weiß es nicht!« noch mehr Überzeugungskraft zu verleihen, schlug ich dreimal heftig mit der Faust auf die Bordwand.

– Wieso wissen Sie es nicht? ... Sie, ein Gelehrter ... ein Naturforscher? ...

– Ich bin kein Gelehrter, Miß Clara ... ich bin auch kein Naturforscher ... ich bin gar nichts, schrie ich ... Ein Elender bin ich ... ja ... ein elender Schurke bin ich! ... Ich habe Sie belogen ... schändlich belogen ... Sie müssen endlich einmal erfahren was für ein Mensch ich bin ... Hören Sie mich an ...

Athemlos und wild durcheinander gewürfelt, berichtete ich ihr meinen Lebenslauf ... Eugène Mortain, Frau G ..., den Betrug mit meiner Forschungsreise, alle meine schmutzigen Handlungen ... all' den Koth, in dem ich gewatet hatte ... Ich fand sogar eine wilde Freude daran mich anzuklagen, mich noch schändlicher, entgleister und schwärzer darzustellen, als es der Wahrheit entsprach ... Als ich diese traurige Geschichte beendet hatte, sagte ich unter einem Strom von Thränen zu meiner Freundin:

– Nun ist alles vorüber! ... Sie werden mich verabscheuen und gleich den anderen verachten ... Sie werden sich voll Ekel bei meinem Anblick abwenden ... Und Sie haben vollkommen Recht ... ich kann mich nicht einmal beklagen ... Das ist furchtbar! ... aber ich konnte so nicht weiter leben ... ich wollte diese Lüge zwischen Ihnen und mir nicht mehr ...

Ich schluchzte fassungslos und stammelte sinnlose Worte gleich einem verwirrten Kinde.

– Es ist schrecklich! ... Es ist schrecklich! ... Und ich ... denn schließlich ... das ist wahr, ich schwöre es Ihnen! ... ich, der ich ... Sie verstehen mich schon ... Das war wie eine Maschine, bei der ein Rad ins andere griff ... ja ein Räderwerk ... ein richtiges Räderwerk ... Ich wußte ja nichts davon ... Und dann Ihre Seele ... ach, Ihre Seele ... Ihre liebe Seele ... und Ihre Blicke voll Reinheit ... und Ihr ... ja kurz Ihr lieber ... Sie fühlen wohl ... Ihre freundliche Aufnahme ... Das war mein Heil ... meine Erlösung ... meine ... meine ... Es ist schrecklich! ... Es ist furchtbar! ... Und ich verliere dies nun alles ... Es ist furchtbar! ...

Während ich sprach und weinte, sah Miß Clara mich starr an. O, dieser Blick! Nie, niemals werde ich den Blick vergessen, den dieses anbetungswürdige Weib auf mich richtete ... einen außergewöhnlichen Blick, in dem sowohl Erstaunen als auch Freude, Mitleid, Liebe – ja, Liebe – selbst Bosheit und Ironie ... kurz alles, lag ... ein Blick, der in mich drang, der mich durchbohrte und durchsuchte und mir Leib und Seele verwirrte.

– Das ist ja nett! sagte sie einfach. Es wundert mich nicht allzusehr ... ich glaube wahrhaftig, daß alle Gelehrten Ihnen gleichen.

Ohne den Blick von mir abzuwenden, stieß sie ihr helles, hübsches Lachen aus, ein Lachen, das Vogelgezwitscher glich:

– Ich habe schon einmal Einen kennen gelernt, begann sie von Neuem. Er war auch Naturforscher ... in Ihrem Genre ... Er war von der englischen Regierung nach den Plantagen von Ceylon geschickt worden, um einen Parasiten der Kaffeepflanze zu studieren ... Nun wohl, drei Monate lang verließ er Colombo nicht ... Er verbrachte seine Zeit damit, Poker zu spielen und sich mit Champagner zu betrinken.

Und während ihr Blick noch immer auf mich geheftet war, dieser seltsame, tiefe und wollüstige Blick, fügte sie nach einigen Augenblicken des Schweigens in einem Tone des Vergebens, in dem ich all den Jubel der Verzeihung singen zu hören vermeinte, hinzu:

– Nein, diese kleine Canaille!

Ich wußte wirklich nicht mehr was ich sagen sollte, ob es besser wäre noch weiter zu schluchzen oder ihr zu Füßen zu fallen. Ich stammelte schüchtern:

– Also ... Zürnen Sie mir nicht? ... Sie verachten mich nicht? ... Sie verzeihen mir?

– Dummkopf! rief sie ... Nein, dieser kleine Dummkopf! ...

– Clara! ... Clara! ... Ist es denn nur möglich? ... schrie ich vom Glücke fast betäubt.

Da die Glocke zum Diner schon lange geläutet hatte und sich kein Mensch auf diesem Theil des Verdecks befand, näherte ich mich Clara noch mehr, so daß ich ihre Hüften zittern und ihre Brust wogen fühlte. Und indem ich ihre Hände ergriff, die sie den meinen überließ, während mein Herz in der Brust aufjubelte, rief ich:

– Clara! Clara! ... Lieben Sie mich? Ach, ich beschwöre Sie! ... lieben Sie mich? ...

Sie erwiderte schwach:

– Ich werde es Ihnen heute Abend sagen ... in meiner Kabine! ...

Ich sah in ihren Augen eine grüne Flamme, eine schreckliche Flamme aufleuchten, die mir Furcht einflößte ... Sie befreite ihre Hände aus dem Druck der meinen, plötzlich bildete sich eine harte Falte auf ihrer Stirne, ihr Nacken wurde schwer, sie verstummte und betrachtete das Meer ...

Woran dachte sie? ... Ich wußte es nicht ... Und auch ich dachte, während ich aufs Meer hinausblickte:

– So lange ich in ihren Augen ein regelmäßiger Mensch war, hat sie mich nicht geliebt ... hat sie mich nicht begehrt ... Aber von dem Augenblick an, da sie erfuhr, wer ich sei, da sie den thatsächlichen und unreinen Duft meiner Seele einsog, wurde sie von Liebe ergriffen – denn sie liebt mich! ... Nun also! ... ach was! ... Das Schlechte ist doch schließlich das einzig Wahre! ...

Der Abend war gekommen, dann ohne verbindende Dämmerung die Nacht. Eine unaussprechliche Milde fluthete durch die Luft. Das Schiff rauschte durch ein Gewoge phosphoreszirenden Schaumes. Scharfe glänzende Lichter leuchteten hie und da auf dem Meere ... Es war als ob sich Feen aus der See erhöben und lange Feuermäntel auf ihrer Oberfläche ausbreiteten und mit vollen Händen Goldperlen schüttelten und ins Meer würfen.

Pulsuz fraqment bitdi.

0,93 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
05 fevral 2026
Həcm:
420 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788027203444
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar