Kitabı oxu: «Sterbewohl»

Şrift:

Olivia Monti

Sterbewohl

Kriminalroman

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Über die Autorin

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Zugabe

Impressum neobooks

Kapitel 1

Von einem Tag auf den anderen gefiel mir mein Gesicht nicht mehr.

Im Spiegel blickte ich in ein Gesicht, in dem ich mein früheres Ich nicht mehr erkannte. Die Haare klebten platt am Schädel, ihnen fehlte jede Energie. Wangen und Stirn wirkten wie verschoben. Mein Gesicht war zusammengeschnurrt.

Mir wurde erschreckend klar: Ich sah nicht mehr gut aus. Ich war geschrumpft. Es fiel schwer, es zuzugeben: Ich war alt.

Warum wurde einem so plötzlich bewusst, dass man alt war? Ohne jegliche Vorbereitung stieß einen irgendeine Winzigkeit darauf. Ein klitzekleines Etwas. Es war ein jähes Erwachen und man machte sich Vorwürfe, wie man es so lange hatte ignorieren können. Es war ja nicht über Nacht passiert, das Altern. Es war ein stetiger, langwieriger Prozess, den man irgendwie lange ausgeblendet hatte. Und dann brach die Wahrheit ganz unversehens über einen herein. Wie ein Unwetter aus heiterem Himmel, das alles verwüstet.

Zu der Zeit, als ich mein Altersgesicht entdeckt hatte, erhielt ich Post vom Gesundheitsministerium. Ich war vor einem Monat fünfundsechzig Jahre alt geworden. Ich sah zwar plötzlich alt aus, war aber noch nicht so alt, dass der Staat mich jetzt schon dazu auffordern durfte, Sterbewohl zu schlucken. Es musste sich um ein Versehen handeln.

Nach der Erreichung des Rentenalters waren die meisten weiter berufstätig, schoben ihre Rente auf und trugen dazu bei, die Sozialsysteme zu entlasten. Der Staat wurde normalerweise erst ab fünfundsiebzig auf dich aufmerksam. Zu diesem Zeitpunkt bekamst du die Einladung in ein Hotel in schöner Lage, etwa am Meer. Dort musstest du an einem Seminar teilnehmen. Im Seminar ging es darum, wie man der Gesellschaft einen unschätzbaren Dienst erweisen konnte, indem man Sterbewohl schluckte und so das Rentensystem entlastete. Natürlich wurde nicht nur an deinen Gemeinsinn appelliert. Sie machten dir auch Angst, wie schrecklich Hilflosigkeit und Dahinsiechen im Alter für dich sein würden, wenn du es zu lange hinausschobst.

Fünfundsechzig … Ich fühlte mich noch nicht alt. Auch wenn ich dieses alte Gesicht an mir entdeckt hatte, das eigentlich nicht zu mir passte. Ich war zwar müde von den vielen Jahren Grundschulunterricht. Vielleicht war ich sogar zermürbt. Aber ich wusste ganz genau: Jetzt, wo ich pensioniert war, konnte ich den ganzen Frust hinter mir lassen und langsam, Schritt für Schritt, wieder zu einer besseren Form finden. Ich hatte schon ein Programm für mich aufgestellt, das aus sportlichen Betätigungen, gesundem Kochen, kulturellen Veranstaltungen, Reisen bestand … Ich hoffte, so körperlich und auch seelisch wieder hochzukommen. Mein Ziel war es, dieses natürliche Wohlbefinden zu erreichen, an das ich mich noch aus meiner Kindheit erinnern konnte, als ich mich noch ganz fühlte.

Warum luden sie mich bloß jetzt schon zu dem Sterbeseminar ein? War es kein Versehen, dann war der Staat vielleicht in derartigen finanziellen Nöten, dass er meine Pension nicht mehr zahlen konnte. Er versuchte also, die Menschen loszuwerden, sobald er ihnen eine Pension zahlen musste. Ich hatte gerade mal meine erste Pensionszahlung erhalten … Die hatte der Staat nicht vermeiden können; es wäre unpassend gewesen, wenn sie einen schon angeschrieben hätten, solange man noch im Arbeitsprozess war …

Vor fünf Jahren war ich aus meinem Elternhaus in ein Mietshaus umgezogen. Es gab im Haus vier Wohnungen. Hier lebten, mich eingeschlossen, vier ältere Personen. Wir hatten uns zusammengetan, um uns im Alter gegenseitig zu unterstützen. Es war eine Art Alters-WG. Wenn man keine Angehörigen hatte, die einen pflegten, und den Heimen nicht traute, kam so etwas durchaus infrage. Die Älteren starben weg, Jüngere kamen hinzu, und die Jüngeren halfen den Älteren.

Es hatte über ein Jahr gedauert, bis wir vier uns zusammenfanden.

Um zu sehen, ob es klappen würde, verabredete man sich mit unzähligen Leuten ähnlichen Alters, und dann stimmte dies nicht und das nicht und man sah sich die Nächsten an. Als ich schon ziemlich verzweifelt war und damit rechnete, ich müsse später doch noch in ein Heim, fand ich zuerst Anna. Wir waren Klassenkameradinnen gewesen, hatten uns aber nach dem Abitur aus den Augen verloren. Als ich sie zufällig nach Jahrzehnten im Konzert traf, erzählte ich ihr von meiner Suche nach Mitbewohnern für eine Alters-WG. In der Schule war sie mir nicht sonderlich sympathisch gewesen. Sie hatte sich ständig benachteiligt gefühlt, sich hier beschwert, dort beklagt. Sie bekam ihrer Meinung nach immer zu wenig, wurde schlechter behandelt als alle anderen. Die Jahre schienen sie aber verändert zu haben. Sie wirkte auf mich nun ruhig und ausgeglichen. Wie jemand, der etwas erreicht hat und es auch zu schätzen weiß. Zu ihrer Selbstsicherheit passte die stämmige Figur. Bis zu ihrem fünfundsechzigsten Lebensjahr hatte Anna in der Altenpflege gearbeitet. Auch das konnte von Vorteil sein, sagte ich mir insgeheim. Anna kannte einen gewissen Fred; Fred hatte ein kleines Vermögen, aber nie richtig gearbeitet. Fred wiederum hatte einen engen Freund, Max, den Sparkassenangestellten. Beide fand ich auf Anhieb sympathisch. Sie waren gebildet und nicht vorlaut. Der Einzige von uns, der verheiratet gewesen war, war Max. Seine Frau, Irmgard, war vor zehn Jahren an Leukämie gestorben. Ich glaube, er ist nie darüber hinweggekommen. Es haftet ihm eine Traurigkeit an, die sogar durchscheint, wenn er lächelt. Kinder schien niemand von uns zu haben. Ich hätte mir welche gewünscht, habe lange gehadert, dass ich keine hatte. Woran lag es? Ich habe einfach nicht den richtigen Partner gefunden. Ich kannte Männer, aber mit keinem wollte ich ein Kind haben. Ich habe immer auf den Mann gewartet, mit dem ich dann eines wollen würde. Der kam aber nie.

Altersmäßig sind wir nur wenige Jahre auseinander. Wir gehören zur gleichen Generation. Das ist hilfreich. Man hat mehr oder weniger dieselbe Geschichte, äußerlich gesehen.

Da lag also der Brief des Gesundheitsministeriums vor mir auf dem Küchentisch. Er hatte mir noch keinen tiefen Schrecken versetzt; wenn etwas Schlimmes passiert, sind meine Reaktionen manchmal verzögert. Ich merke das Schlimme erst viel später. Und so machte ich mir zunächst einmal eine Tasse Kaffee, um ihn nochmal in aller Ruhe durchzulesen. Ich musste ganz sichergehen, dass ich auch nichts missverstanden hatte.

Einladung ins Hotel Paradies auf Fehmarn. Paradies ... Am 20. April ... Es wäre dann noch frisch, noch nicht warm genug für Fehmarn, überlegte ich unsinnigerweise, bis mir klar wurde, der 20. April war schon in zwei Wochen! In zwei Wochen wäre ich auf Fehmarn beim Sterbeseminar und, wie so mancher hinter vorgehaltener Hand flüsterte, kam man von dort nicht mehr nach Hause zurück.

Im zweiten Absatz stand, man hatte in den nächsten Tagen für alle Fälle einen Sachwalter zu benennen und dem örtlichen Gesundheitsamt mitzuteilen. Der musste sich gegebenenfalls um die Auflösung des Haushalts kümmern. Es stand nicht im Brief, dass er eventuell auch die Beerdigung organisieren musste. Das verstand sich aber von selbst. Der Staat wollte den Leuten nicht zu viel Angst einjagen. Es sollte so aussehen, als wäre die Veranstaltung freiwillig, als könnte man sich im Hotel die Vorteile des freiwilligen Todes anhören, ohne ihn wählen zu müssen, als dürfte man jederzeit wieder nach Hause zurückkehren, wenn man das wollte. Aber ich hatte, wie so einige, den starken Verdacht, der Staat gaukelte den Bürgern bloß vor, sie hätten eine Wahl.

Dass dies kein freies Land mehr war, wurde nur wenige Monate nach dem Wahlsieg der BP, die sich harmlos Bürgerpartei nannte, klar. Die BP hatte mit einer Zweidrittelmehrheit gewonnen, in wenigen Monaten Grundgesetz und Wahlrecht geändert und sich so ein Fortregieren ermöglicht in einer Demokratie, die nur noch eine Scheindemokratie war. Das war jetzt zehn Jahre her. Damals hatte es eine Weltwirtschaftskrise gegeben, ausgelöst durch die gigantischen privaten und staatlichen Schuldenberge. Der Euro war zerfallen, ein Brot hatte irgendwann eine Million Euro gekostet, und die BP tat damals so, als könne man mit einfachen Rezepten aus der Krise kommen. Unsere Nachbarländer hatten so viel mit sich selbst zu tun, dass sie kaum merkten, wie wir in einen Staat schlitterten, in dem der Bürger nur noch einen Dreck zählte. Es gab einen Währungsschnitt, die D-Mark wurde wieder eingeführt, der Staat brachte alle möglichen Konjunkturprogramme mit gedrucktem Geld auf den Weg. Es ging langsam besser, und so beklagte niemand den Verlust der Freiheit. Bald konnte man wieder alles kaufen, das Verhältnis zwischen Verdienst und den Preisen von Waren stimmte wieder, und nur darauf schien es anzukommen. Was vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch ein Problem war, und zwar Renten und Pensionen auszuzahlen, wurde allerdings auch im BP-Staat bald wieder zum Problem. In der klassischen Demokratie schien es dafür keine gute Lösung zu geben, die Renten- und Pensionskassen zahlten immer weniger und dann fast nichts mehr. In unserem neuen System gab es eine Lösung: Der Staat drängte einen, das Zeitliche zu segnen.

Im Fernsehen betonten sie, wie schön es war, rechtzeitig Abschied zu nehmen, bevor Demenz und Inkontinenz einsetzten, bevor wir unsere Angehörigen nicht mehr erkannten und ihnen und der Gemeinschaft unsere Hilflosigkeit und unser langsames Dahinsiechen aufbürdeten. Es gab sogar Filme über die Sterbehotels, in denen man die schönsten, weil letzten Tage seines Lebens so intensiv verbrachte wie noch keinen anderen Tag im Leben und sich sogar noch verliebte, um dann gemeinsam in den Tod zu gehen. Und die Bürger wurden in Seminaren, Vorträgen und Coachingveranstaltungen darauf getrimmt, ab einem bestimmten Alter gemeinnützig in den Tod zu gehen.

Solange das mit achtzig der Fall war, hatten nur wenige etwas dagegen. Insbesondere wenn man jung war, dachte man nicht so weit. Und da das frühzeitige Sterben angeblich freiwillig war, ließen sich tatsächlich viele davon überzeugen, dass es in der Tat angenehmer war, schnell zu gehen, solange man noch in Form war, statt jahrelang hilflos dahinzusiechen und selbst für die intimsten Verrichtungen Hilfe zu benötigen. Die Generation, die ihre Eltern jahrelang gepflegt hatte und nicht selbst so enden wollte, ließ sich am leichtesten gewinnen.

Der Staat gab sich ungemein Mühe, es uns schmackhaft zu machen, es hundertfach zu erklären und zu verbrämen. Was dann tatsächlich dazu führte, dass das geregelte Sterben zunächst weithin akzeptiert wurde. Besonders perfide war, dass der Staat sich dabei strikt von den Euthanasieprogrammen des Dritten Reichs abgrenzte. Damals hatte man lebensunwertes Leben vernichten wollen. Man tötete beispielsweise alte Menschen, wenn sie schwer erkrankten, oder verweigerte ihnen zumindest die Behandlung. Unwertes Leben gab es im neuen Staat natürlich nicht. Das frühzeitige Sterben stand allein im Zeichen des Gemeinwohls. Der Staat tat viel für den Bürger und der Bürger gab sich Mühe, etwas zurückzugeben, beispielsweise indem er starb, bevor er die Kassen und so die Allgemeinheit zu sehr belastete.

Seit sich die Altersgrenze aber immer weiter nach unten verschob, formierte sich Widerstand, wenn auch noch nicht offen.

Kapitel 2

Ich sah noch einmal auf den Brief auf meinem Küchentisch. Schlagartig wurde mir klar, ich hatte höchstens noch vier Wochen zu leben. In zwei Wochen musste ich auf Fehmarn sein und der Sterbeaufenthalt dauerte ebenfalls zwei Wochen. Erst jetzt erschrak ich bis ins Mark. Dass ich verzögert reagierte, geschah vielleicht zu meinem eigenen Schutz. Ein wenig hatte ich mich schon an die Hiobsbotschaft gewöhnen können, bis sie mich vollumfänglich traf.

Noch vier Wochen zu leben … und ich war noch gar nicht alt, wollte sogar gerade ein neues Leben anfangen, ein angenehmeres Leben ohne den ständigen Ärger in der Schule.

Eine Zeit lang war ich so unglücklich, dass ich einfach nur weinte. Mein Todesurteil schien mir unabänderlich. Dann kam mir der Gedanke, zu Anna rüberzugehen.

Ich klingelte nebenan, den Brief in der Hand. Anna öffnete. Ich war so erleichtert, dass sie da war, dass ich erneut in Tränen ausbrach.

Obwohl ich kaum mehr aus den Augen gucken konnte, bemerkte ich, dass mit Anna etwas nicht stimmte. Sie wirkte irgendwie hart, abweisend. Was war nur mit ihr los?

Sie bat mich stumm herein.

Auf dem Couchtisch lagen ein Blatt Papier und ein Couvert; ich erkannte von Weitem den Briefkopf des Gesundheitsministeriums.

„Du auch?“, brachte ich heraus.

Als sie begriff, dass ich denselben Brief bekommen hatte, entspannte sie sich ein wenig. „Ich habe gedacht, ich wäre die Einzige … Schon seit Stunden überlege ich, warum sie mich umbringen wollen. Ich bin doch erst siebenundsechzig. Halten die mich für eine Gegnerin? Meinen sie, ich wäre gegen den Staat? Gegen die Partei?“ All ihre Kräfte versagten, sie ließ sich auf die Couch fallen, die unter ihrem Gewicht wüst quietschte.

Ich fühlte mich ein klein wenig besser, weil ich mir sagte, ich muss jetzt Haltung bewahren, um sie zu trösten: „Der Staat ist womöglich wieder bankrott. Gelddrucken hat seine Grenzen. Ungestraft geht das nicht lange. Ich habe denselben Brief bekommen, obwohl ich immer vorsichtig war: Ich habe in der Öffentlichkeit nie was gegen den Staat gesagt. Meine Eltern haben mir schon in meiner Jugend eingebläut, wohin das führen kann. Die mussten noch das Dritte Reich miterleben.“

Anna sperrte die Augen weit auf, bog ihren Oberkörper langsam nach vorne: „Wir sollten Fred und Max fragen. Wenn die auch Briefe bekommen haben, dann könnte ein Bankrott wirklich der Grund sein.“ Sie sank wieder zurück in die Polster: „Oder alle von uns haben einen Brief bekommen, weil sie unser Haus als konspiratives Nest ansehen ...“

Ich kochte Anna zuerst einen Kamillentee, damit sie sich beruhigte. Dann gingen wir mit unseren Briefen ins Treppenhaus und klingelten bei den anderen.

Max hatte den Brief ebenfalls bekommen. Auch ihn schickten sie nach Fehmarn.

Fred öffnete in Tränen aufgelöst. Ich hatte ihn noch nie weinen sehen. „Sie schicken mich ins Hotel Tod. Und ich weiß ganz genau, warum“, eröffnete er uns noch auf der Türschwelle.

Fred wusste genau, warum? Er war achtundsechzig, sah aber aus wie achtundfünfzig. Wahrscheinlich, weil er nie gearbeitet hat.

„Weil ich nie gearbeitet habe“, echote er meinen Gedanken mit einem tiefen Schluchzer. „Jetzt zahlen sie es mir heim. Sie halten mich für wertlos. Ich bin für sie ein Parasit, den sie vernichten wollen …“

Tatsächlich wurden Bürger, die keiner geregelten Arbeit nachgingen, zunehmend ausgegrenzt. Und der Staat förderte das. In den Filmen im staatlichen Fernsehen wurden Bürger, die nicht arbeiteten, als faule Blutsauger bezeichnet, als gesellschaftsschädliche Vampire. So erschien es Fred nur als konsequent, dass sie solche wie ihn einfach aus dem Weg schafften.

Als er realisierte, dass wir alle den Brief erhalten hatten, beruhigte er sich sofort. Es war merkwürdig, dass er sich so schnell fasste. Er schien sich sogar zu freuen ... Vielleicht war es für ihn der größte Albtraum, ausgegrenzt zu sterben, als Einzelner von der Gesellschaft verschmäht und ausgespuckt zu werden. Der kleinere Albtraum war, mit anderen zusammen zu sterben, als Teil einer Gemeinschaft.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte er fast schon unternehmungslustig. Er alleine schien ein Quäntchen Mut gefasst zu haben, er wollte etwas tun.

Max biss sich auf die Lippen. Ich war mir sicher, er wollte sagen: Können wir überhaupt etwas tun, verkniff es sich aber.

Max hatte seit zehn Jahren resigniert. Ich hatte den Verdacht, er fühlte sich verantwortlich für den Tod seiner Frau. Er war so sehr mit Geldverdienen beschäftigt gewesen, dass er sich kaum noch um sie gekümmert hatte. Sie war einfach da, richtete sein Heim, funktionierte. Als sie wegstarb, wurde ihm mit einem Mal bewusst, wie unsinnig sein ganzes Leben war. Er schien zu glauben, er habe kein Recht mehr, sein Leben zu genießen, und tat nur noch das Nötigste, um die Maschine seines Körpers und seines Haushalts am Laufen zu halten. Er wurde immer dicker und wirkte auch leicht ungepflegt mit seinen fettigen grauen Haarwischen, die er quer über die Glatze kämmte. Er vertrat nirgendwo eine Meinung, nahm alles, was andere sagten, klaglos hin, hielt sich zurück. Als hätte er es verwirkt, eine selbstständige Person mit einem bestimmten Charakter und bestimmten Bedürfnissen zu sein.

Fred sah in die Runde. Er war der Einzige, der nicht den Mut sinken ließ. „Wir haben noch zwei Wochen“, rief er. „Eins muss klar sein: Sterben werden wir auf keinen Fall!“

„Wie willst du dich dem entziehen? Die holen uns ab, wenn wir nicht fahren“, wimmerte Anna.

„Wer sagt, dass wir nicht fahren? Wir fahren! Nur lassen wir uns nicht zum Sterben überreden“, frohlockte Fred.

Ich habe mich immer gewundert, dass keiner unserer europäischen Nachbarn je etwas gegen unsere Praxis des geförderten Sterbetourismus verlauten ließ. Wahrscheinlich waren alle zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Oder sie hielten es für ein gutes Modell und wollten es selbst in ihren eigenen Ländern einführen, um die Finanznöte zu lindern, in denen sie nach wie vor steckten.

Anna hatte offensichtlich andere Überlegungen: „Und wenn wir einfach abhauen? Ins Ausland?“

„Unsere Nachbarn nehmen doch niemanden mehr auf, seit es die EU nicht mehr gibt. Die weisen uns aus“, erwiderte Fred. „Und es ist noch schlimmer“, ergänzte er. „Selbst wenn du ein Land findest, das dich aufnimmt, bist du am A…, weil sie dir deine Rente nicht ins Ausland überweisen.“

„Für dich wär das doch unerheblich, du lebst vom Vermögen“, bemerkte Max.

„Stimmt. Ich habe jetzt nur mal allgemein gesprochen. Ich für meinen Teil könnte alles abheben und verschwinden. Wenn sie mich aber an der Grenze erwischen, dann nehmen sie mir das ganze Geld ab, seit es die scharfen Kapitalverkehrskontrollen gibt. Dann wäre ich mittellos. Apropos mittellos. Ich kann natürlich jederzeit ins Ausland, wenn ich mich darauf einlasse, dort mittellos auf der Straße zu leben. Dafür bin ich aber zu alt. Das halt ich nicht mehr aus. Da bist du nach einem Jahr spätestens tot.“

Wir sahen Fred betreten an. Unsere Chancen standen schlecht. Ins Ausland konnten höchstens die Reichen. Denen erlaubte man sogar, ihr Geld zu transferieren. Sie mussten aber eine sehr große Ablösesumme zahlen. Viele waren dennoch geblieben, wie man aus den Medien erfuhr. Ich hatte den Verdacht, weil für sie andere Regeln galten. Oder sie wollten hier gar nicht weg. Sie waren hier aufgewachsen, kannten hier alles, das war trotz allem noch ihr Land. Und wer wollte insbesondere im Alter noch ganz woanders hin? Man gewöhnte sich da doch gar nicht mehr ein. Man lief Gefahr, an Heimweh zu krepieren.

„Wir fahren also nach Fehmarn und machen den Zirkus mit“, fuhr Fred fort. „Und wir versuchen, jemanden von der Presse mitzunehmen. Eine Person, die den Mut hat aufzudecken, was in den Sterbehotels im Geheimen geschieht. Wenn das rauskommt, können sie damit nicht mehr weitermachen. Dann haben sie die gesamte Bevölkerung gegen sich. Und auch das Ausland wird reagieren.“

Das war eine gute Idee. Ob Fred aber wirklich jemanden von der Presse kannte und diese Person dann auch noch überzeugen konnte, mit uns zu fahren? Da war ich nicht ganz sicher. Fred war ein netter Kerl, er hatte aber ein Geschäft nach dem anderen verdorben. Er hatte ständig neue Projekte begonnen, seinen Geschäftspartnern große Hoffnungen gemacht, doch wenn es an die Realisierung und die mühsame Kleinarbeit ging, hatte er versagt und jedes Projekt war am Ende gescheitert. Um es kurz zu fassen: Fred verkaufte liebenswürdig leere Hoffnungen.

Kapitel 3

Ich stand vor dem Wandkalender in meiner Wohnung und blickte auf die Tage, die im April noch blieben, bis sie uns abholten. Im Dritten Reich hatten sie einen abgeholt, wenn man Jude war. Jetzt holten sie dich ab, wenn du alt warst. Statt allerdings wie damals in schmutzigen Baracken zusammengepfercht auf den Tod zu warten, bekamst du in einem Luxushotel nach einem Fünf-Gang-Essen bei Kerzenlicht in einer Suite die Pille serviert, die dich aus dem Leben beförderte. Leise Musik berieselte dich, du durftest deine Lieblingsmusik wählen und Sterbewohl mit einem Glas Champagner schlucken.

Im ersten Jahr wollten sie geistlichen Beistand zulassen. Die Kirche hatte sich aber geweigert, ebenso die anderen Glaubensgemeinschaften. Öffentliche Stellungnahmen gab es hierzu aber nicht. Solange sie vom Staat geduldet wurden, hielten sie den Mund.

Ich ging langsam durch meine zwei Räume, Wohnzimmer und Schlafzimmer, musterte die Dinge, die ich noch aus meinem Elternhaus behalten hatte, Erinnerungsträger. Jede Vase, jedes Kristallglas hatte meine Familie erlebt, spiegelte meine Eltern wider. Ich war froh, dass sie schon über zehn Jahre tot waren und das hier nicht mehr miterleben mussten. Irgendwann würde alles auf dem Müll landen. Eines Tages verlor man alles. Aber jetzt schon? Jetzt war ich dazu noch nicht bereit.

Ich hatte mit nichts abgeschlossen. Mir schien sogar, ich hätte noch gar nicht richtig gelebt. Nach dem Studium hatte ich sofort die Stelle als Grundschullehrerin angetreten. Seither war ich nicht mehr aus der Tretmühle herausgekommen. Ein Tag glich dem anderen. Morgens Unterricht, nachmittags Hefte korrigieren. Abends Elternsprechstunde. Weiterbildungen, Tagungen, selten Einladungen zu Kollegen. Die Zeit dazwischen brauchte ich, um meine Arbeitstüchtigkeit aufrechtzuerhalten und meinen Haushalt zu bewältigen. Die einzige Abwechslung boten die Ferien. Da war ich regelmäßig verreist und konnte Luft schöpfen in einer anderen Welt ohne Schulmief. Ja, es war noch nicht Zeit für mich. Eben erst hatte ich den Entschluss gefasst, endlich zu leben.

Kapitel 4

In der Nacht konnte ich natürlich nicht einschlafen. Wir waren in zwei Tagen bei Fred verabredet. Er wollte bis dahin eine Journalistin kontaktiert haben, die er von früher kannte. Woher sollte Fred eine Journalistin kennen, überlegte ich erneut. Und was für eine Journalistin? Vielleicht eine alte Freelancerin, deren Artikel niemand wollte? Fred war ein netter Kerl, und deshalb sagte niemand von uns, er sei ein Hochstapler. Aber das war er. Ich hatte wenig Hoffnung, dass Fred irgendetwas Positives für uns bewirken konnte. Und selbst war ich noch gar nicht in der Lage, mir Gedanken zu machen, ob es für uns einen Ausweg gab. Die Gefühle waren einfach noch zu frisch und zu stark. Sie verhinderten, dass ich klar denken konnte.

Einstweilen zog mein Leben in Bildern an mir vorüber. Sie hatten allesamt etwas Wehmütiges. Ich sah Szenen aus meiner Kindheit vor mir, ging die Reisen durch, die meine Eltern mit mir gemacht hatten, die Weihnachtsfeste und Geburtstage, die wir gefeiert hatten, musste an meine erste Liebe im Gymnasium denken, einen Jungen, der leider nichts von mir wissen wollte, sah mein Kaninchen Tilda im Garten umherspringen, fühlte noch einmal, wie unbändig ich mich über Tilda gefreut hatte, dieses kuschlige, sanfte Wesen mit den roten Augen. Und selbst meine Zeit des Unterrichtens an der Augustus-Schule erschien mir jetzt nicht mehr so schlimm. In meinen Augen bissen Tränen, während ich im Geist durch die Granitflure wanderte, in mein Klassenzimmer, die Pulte mit den PCs vor mir sah, den Pausenhof. Selbst die Schüler konnte ich mir ohne negative Gefühle vorstellen, laut, lebhaft, mit Ausdrücken in allen Sprachen um sich werfend, sich im Pausenhof prügelnd. Sie waren auf einmal schön, denn sie waren lebendig. Sie waren am Leben und ich wäre es vielleicht bald nicht mehr.

Draußen rollten dumpf Autos vorbei. Kalte Luft zog durch das aufgeklappte Fenster in mein Schlafzimmer. Mir wurde bewusst, dass ich selbst an der lärmigen, vierspurigen Straße hing, die viel zu nah vor dem Haus vorbeiführte, und an der Benzinluft. Ich verabschiedete mich in Gedanken von den Menschen, die mein Leben für einige Zeit geteilt hatten, von Nachbarn, Kollegen, Freunden, Verwandten, selbst von den Angestellten im Supermarkt nebenan, die ich jeden zweiten Tag beim Einkaufen sah. Ich verabschiedete mich von jedem Spazierweg, jedem Platz in der Innenstadt, jedem Blättchen und Grashalm im hinteren Garten. Sogar vom Treppenhaus und meiner Waschmaschine im Keller, bis mir endlich die Augen so wehtaten, dass ich noch einmal aufstehen musste, um Kamillen-Kompressen aufzulegen.

Es war klar, ich musste möglichst schnell zum Hausarzt, um mir Schlaftabletten zu besorgen, vielleicht auch Beruhigungsmittel oder besser Tabletten, die die Stimmung hoben. Diese Mittel bekam man viel leichter als früher. Es hatte Vorteile für den Staat: Die Leute blieben bei Laune und funktionierten.

Kapitel 5

Um weiterhin zu funktionieren, oder besser gesagt, um nicht durchzudrehen, suchte ich am nächsten Tag meinen Hausarzt Dr. Doppel auf.

Die Sprechstundenhilfe begrüßte mich freundlich mit meinem Namen.

Im Wartezimmer entspannte ich mich; alles schien normal, so wie immer. Es saßen dort fünf Personen. Die Sprechstundenhilfe hatte mir gleich am Empfang angekündigt, dass es etwas länger dauerte.

Dr. Doppel war immer hilfsbereit gewesen. Hatte ich wieder mal einen Erschöpfungszustand, gab er mir Beruhigungsdrops, und wenn die nicht mehr halfen, Antidepressiva. Im letzten Schuljahr war ich mühsam wieder von den Antidepressiva heruntergekommen. Über Monate hinweg verringerte ich die Dosis geringfügig, bis ich es schaffte, ohne die Tabletten auszukommen. Das Leben war ohne sie eindeutig schwieriger, aber ich fühlte mehr, ich konnte besser denken, ich war lebendiger. Mit den Tabletten litt ich zwar weniger, denn sie wirkten wie ein Filter; sie siebten das Besorgniserregende einfach aus, es berührte mich kaum mehr. Ich fühlte mich oft ohne Grund heiter. Aber gleichzeitig stumpfte ich immer mehr ab. Ich hatte die Tabletten gebraucht, während ich unterrichtete, ich hätte es sonst einfach nicht mehr ausgehalten. Mit den Tabletten funktionierte ich. Erst in meinem letzten Schuljahr hatte ich es mir leisten können, die Drogen zurückzufahren, mit der nahen Pensionierung vor Augen. Ich war bald so weit, dass ich nicht mehr wie ein Rädchen im Getriebe funktionieren musste, ich war endlich frei.

Doppel hatte mir über die schwersten Zeiten hinweggeholfen. Dafür war ich ihm immer dankbar gewesen. Jetzt, da ich mein Leben sozusagen von hinten, vom Ende aus betrachtete, kamen mir jedoch Zweifel, ob sein großzügiges Verschreiben in Ordnung gewesen war. Eigentlich hatte er mir nicht nur alles verschrieben, was ich wollte, er war es gewesen, der mich auf all die Beruhigungsmittel und Antidepressiva erst aufmerksam gemacht hatte. Er hatte sie mir verkauft wie Süßigkeiten. Mich dazu verführt, mein Leben mit ihnen leicht und reibungslos zu gestalten. Ungeachtet irgendwelcher Nebenwirkungen. Vielleicht hatte Doppel Anweisungen vom Gesundheitsamt, möglichst viele der Tabletten an die Patienten zu bringen? Sie brachten den Vorteil, dass man in aller Ruhe seine Arbeit erledigte, dabei nicht unzufrieden war und gegen nichts rebellierte.

Ich schrak hoch, als Doppel im Türrahmen erschien und mich in sein Behandlungszimmer bat.

Doppel nahm ein Papier von seinem Schreibtisch, blickte kurz darauf und sagte dann ernst: „Aha, Sie fahren zum Sterbeseminar.“ Er pausierte einen Moment. „Nach Fehmarn.“

Ich schluckte, konnte nichts erwidern.

Doppels Miene hellte sich auf. Er grinste mich freundlich an; automatisch entspannte ich mich. „Da haben Sie das große Los gezogen. Schöne Insel. Sie brauchen keine Angst zu haben. Dort geht es ganz locker zu. Nur Wellness. Sie können auch jederzeit wieder abreisen, wenn es Ihnen nicht gefällt. Alles ist freiwillig.“

Ich war sofort auf der Hut. Unter normalen Umständen hätte ich Doppel gefragt, ob er das wirklich glaubte, unterließ meine Frage aber und versuchte, ihn möglichst ausdruckslos anzublicken.

Er lachte künstlich auf. „Die meisten haben eine völlig unsinnige Angst davor. Dabei ist es überhaupt nicht schlimm, sondern schön.“ Das Wort schön sprach er mit einer seltsam tiefen, vibrierenden Stimme. Ich bekam spontan Gänsehaut. Dann wurde er geschäftsmäßig, vielleicht um mich zu beruhigen. „Viele sind ängstlich und nervös, wenn sie zum Sterbeseminar fahren.“ Er stand auf, griff in einen Glasschrank und holte ein Päckchen heraus. „Ich empfehle da Rilax. Ein ganz leichtes Beruhigungsmittel. Es beruhigt nicht nur, sondern muntert Sie auch gleichzeitig auf.“

Ich blickte ihn nur an und versuchte ungezwungen zu lächeln.

„Sie können die Packung mitnehmen.“

Wollte er sie mir schenken? Ich war verblüfft. Ich streckte meine Hand aus, nahm sie und verstaute sie in meiner Handtasche. Dann krächzte ich: „Danke.“

Ehe ich mich’s versah, war ich wieder draußen. Die Sprechstundenhilfe wünschte mir noch viel Spaß auf Fehmarn. Auch sie wusste also, dass ich eine Sterbekandidatin war. Ich lächelte sie verzerrt an und stolperte zur Tür hinaus.

Kapitel 6

Vor unserer Abfahrt nach Fehmarn musste jeder von uns noch diesen Sachwalter bestimmen, der die letzten Angelegenheiten regeln sollte. Ich fand es äußerst verdächtig, dass man das jetzt schon tun musste. Das machte nur Sinn, wenn man tatsächlich nicht mehr zurückkehrte. Entschloss man sich, nach dem Seminar weiterzuleben, dann hatte man den Verwalter der letzten Dinge doch umsonst engagiert.

Fred ermahnte mich, nicht zu viel nachzudenken. Es würde mich nur schwächen. Wir müssten alle unsere Energie auf unser gemeinsames Projekt verwenden. Er hatte ja recht. Vielleicht fiel es ihm leichter, sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren; er war eben ein Mann. Männer konnten besser eingleisig fahren.

Mir gingen leider eine Menge beunruhigender Dinge durch den Kopf. Alle wiesen darauf hin, dass in den Sterbehotels für uns Endstation sein würde. Da waren zum Beispiel unsere Nachbarn, ein Haus weiter, die alten Lehmanns. Sie waren beide über 80 gewesen, aber noch unglaublich gut in Form. Der alte Herr Lehmann fuhr sogar noch Fahrrad. Und sie hatten Kinder und Enkel, die sie jeden Monat besuchten. Die Enkel spielten dann im Garten, wo Herr Lehmann für sie einen Spielplatz mit Rutsche, Kletterstange und Sandkasten eingerichtet hatte. Frau Lehmann organisierte regelmäßig die Enkelgeburtstage und verwöhnte die Kleinen mit selbst gebackenem Kuchen. Herr Lehmann briet für alle Würstchen auf dem Grill. Ab und zu übernachteten die Enkel auch bei ihnen. Und die Enkel genossen es. Das war ihnen anzusehen. Die Großeltern verwöhnen einen oft mehr als die Eltern, mit ihnen ist alles unkomplizierter. Letztes Jahr erzählte mir Frau Lehmann von der Einladung ins Sterbehotel. Wir hatten uns im Supermarkt getroffen. Ich weiß noch, wie wir vor dem Kühlregal standen und uns unterhielten. Frau Lehmann schien mir unnatürlich bleich. Ich dachte damals, es sei vielleicht die LED-Beleuchtung des Kühlregals, die ihre Gesichtshaut so fahl erscheinen ließ. Als wir mit unseren Einkaufstaschen rausgingen, war sie aber im hellen Tageslicht immer noch so blass. Und ihr kamen dann auch Tränen. Ich redete auf Frau Lehmann ein, sie dürfe die Einladung zu dem Sterbeseminar nicht so ernst nehmen. Sie könne ja jederzeit mit ihrem Mann wieder nach Hause zurück. Die würden sie nicht dortbehalten. Ganz wohl war mir dabei allerdings nicht, und ich klang auch sicher nicht sehr überzeugend. Frau Lehmann beruhigte sich dennoch und erzählte daraufhin freudig von ihren Enkeln. Der Große hatte den Fahrtenschwimmer gemacht und die Kleine übersprang vielleicht eine Klasse. Frau Lehmann wurde immer fröhlicher und bestimmter. Sie würde gebraucht. Es käme nie und nimmer infrage, dass sie ihre Kinder oder ihre Enkel im Stich ließe. Sie und ihr Mann wären immer für sie da, bis zum letzten Atemzug. Zumindest noch die nächsten zehn Jahre. Das konnte sie mit Gewissheit sagen, so gut wie sie sich noch fühlten.

Die Lehmanns waren dann abgereist. Eine Zeit lang hatte ich nicht mehr an sie gedacht. Und dann kam ich an ihrem Haus vorbei und stellte fest, dass andere Leute dort wohnten. Leute, die ich noch nie gesehen hatte. Erst zwei Tage später war ich so mutig, dort zu klingeln. Auf dem Klingelschild stand jetzt Buttic. Ich fragte die Frau, die aufmachte, nach den Lehmanns. Hinter der Frau stapelten sich im Korridor Umzugskartons. Sie und ihr Mann hatten die Wohnung von den Kindern der Lehmanns gemietet; die Frau war freundlich und mitteilsam. Die Umstände seien sehr traurig gewesen und es hätte ihr leidgetan, unter solchen Bedingungen hier einzuziehen. Die alten Lehmanns hätten sich zum Sterben entschlossen. Die beiden Kinder mussten aus einem Abschiedsbrief erfahren, dass beide Eltern nicht mehr lange zu leben hatten; sie waren schwer erkrankt und wollten gehen, bevor sie zu schwach für so eine Entscheidung wären und nur noch Schmerzen hätten. Er hatte ein Bauchspeicheldrüsenkarzinom, sie eine aggressive Leukämie. Ich schluckte und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich glaube, ich habe noch gemurmelt, sie möge den Kindern der Lehmanns mein Beileid ausrichten. Dann bin ich auf die Straße gestolpert.

Konnte das sein? Waren die Lehmanns wirklich so krank? Wer hatte das festgestellt? Wieso hatte Frau Lehmann noch vor wenigen Wochen so heiter und gesund gewirkt? Und auch ihn hatte ich als gut gelaunt und robust in Erinnerung. Und nun waren sie auf einmal Todeskandidaten? Und dann noch beide? Hatten es ihre Kinder geglaubt? Ich blieb damals sehr verunsichert zurück. Und Annas Erklärung, es sei möglich, dass etwas so Gravierendes wie bei den Lehmanns diagnostiziert werde, solange es einem noch tadellos gehe, beruhigte mich kein bisschen.

Kapitel 7

Bevor ich noch einen Sachwalter für meine Angelegenheiten benennen konnte, lud mich eine Beamtin des Gesundheitsamts telefonisch zu einem Informationsgespräch ins Rathaus ein. Eigentlich war ich gerade dabei, die Adresse einer Großkusine ausfindig zu machen. Meine Eltern hatten den Kontakt zu den Verwandten nicht gepflegt und so stand ich nach ihrem Tod so da, als hätte ich gar keine Verwandten. An die Großkusine erinnerte ich mich aus meiner Kindheit. Sie war damals ein harmloses junges Mädchen gewesen, das Pharmazie studierte. Sicher war sie inzwischen Apothekerin. Ihr könnte ich vertrauen. Und ich konnte mir auch vorstellen, sie als Erbin einzusetzen.

Die Suche nach meiner Großkusine wurde durch das amtliche Telefonat unterbrochen. Die Frau am Telefon, die sich als Frau Winter vorstellte, lud mich auf den Nachmittag vor.

Ich empfand es nicht nur als unangenehm, dass mich die Behörde direkt anrief, statt mir zu schreiben, auch die Stimme dieser Frau Winter war mir sofort unsympathisch; sie schien keinen Widerspruch zu dulden.

Frau Winter hatte ein Vorzimmer. Ich befürchtete schon, sie ließe mich dort mit den anderen zehn dort sitzenden Personen warten. Die Vorzimmerdame winkte mich aber gleich weiter und schob mich durch eine Tür in ein leeres Büro. Dort setzte ich mich vor einen Schreibtisch. Eine Minute später erschien Frau Winter in einem, wie ich fand, unpassenden schwarzen Kostüm. Sie hatte straff nach hinten gekämmtes Grauhaar. Im Nacken war es zu einem Knoten gezurrt. Ihr Mund wirkte unangenehm spitz mit dem dick aufgetragenen dunkelbraunen Lippenstift.

Zuerst stellte sie mir eine ganze Menge Fragen. Ich fühlte mich rasch verwirrt. Sie wollte alles Mögliche über meine Hobbys, meine Vorlieben, meine Freunde wissen. Gingen diese Fragen nicht zu weit? Dann schlug sie mir einen amtlichen Sachwalter vor, einen Herrn Kundo. Als ich an dessen Stelle meine Großkusine vorschlug, fragte sie mich, ob ich diese denn gut kenne. Es war mir peinlich, das zu verneinen. Erst später wunderte ich mich, woher die Winter ahnen konnte, dass ich zu meinen Verwandten keinen Kontakt mehr hatte. Da ich mich irgendwie erschlagen fühlte, willigte ich ein, Herrn Kundo als meinen Sachwalter zu akzeptieren. Damit bliebe mir die mühsame Suche nach meiner Kusine, das leidvolle Wiederanknüpfen einer Beziehung nach so vielen Jahren erspart. Auch musste ich diesen Herrn Kundo nicht treffen, ihm keine Unterlagen aushändigen und nicht meinen Wohnungsschlüssel übergeben, wie ich eine Sekunde lang befürchtet hatte. Ich war also in dem Moment gar nicht so unzufrieden, wie die Dinge liefen. Dann aber machte Frau Winter einen Vorschlag, der mich zutiefst verstörte. Sie zog aus einer Schublade ihres Schreibtischs ein Papier und legte es mir zur Unterschrift vor: Ich sollte den Staat als Erben einsetzen!

Als ich anfing zu erklären, dass ich lieber eine Person meiner Wahl einsetzen würde, meinte die Winter emotionslos: „Wie wollen Sie so schnell jemanden aus dem Hut zaubern?“, sagte dann aber in einem fast einschmeichelnden Ton: „Das ist doch nur provisorisch. Angenommen, Sie entschließen sich, noch nicht zu sterben, wie so viele, dann können Sie den Wisch hier zerreißen. Es geht jetzt nur darum, Nägel mit Köpfen zu machen. Wir stehen unter Zeitdruck. Der Hotelaufenthalt auf Fehmarn hat sich für Sie kurzfristig ergeben, weil eine andere Person abgesagt hat.“ Sie räusperte sich, als ich nicht antwortete, und fuhr fort: „Es ist eine besondere Gunst, die der Staat Ihnen erweist, wenn er Sie kostenlos zum Seminar einlädt. Und ich versichere Ihnen, es wird Ihnen dort an nichts fehlen. Sie werden es genießen. Es werden Ihre schönsten bezahlten Ferien werden.“ Jetzt lächelte sie sogar.

Ich war durcheinander und müde. Um die Sache hinter mich zu bringen, unterschrieb ich einfach.

Im Nu war ich wieder auf der Straße. Sobald ich unterschrieben hatte, hatte diese Frau Winter mich so schnell verabschiedet und aus dem Büro geschoben, dass ich es fast nicht mitbekam. Es war genauso wie bei meinem Hausarzt.

Ich steuerte verwirrt auf die Bushaltestelle zu. Erst im Bus konnte ich meine Gedanken sammeln. Ich hatte tatsächlich eben den Staat als meinen Erben eingesetzt. Ich hatte eine Sache getan, die ich nie hatte tun wollen. Die mir bislang nicht einmal in den Sinn gekommen war. Vielleicht machten sie es mit den Alleinlebenden systematisch so. Der Trick war, sie setzten dich unter Zeitdruck – ich etwa hatte nur noch wenige Tage bis zur Abreise ins Sterbehotel – und da wollten viele nicht noch die Mühe auf sich nehmen, Erben zu suchen, und unterzeichneten einfach. Eine Rolle hatte vielleicht auch gespielt, dass die Winter mir eingeredet hatte, ich könne meine Entscheidung jederzeit wieder rückgängig machen. Ich wollte es glauben, als ich in ihrem Büro saß. Manchmal hat man einfach nicht die Kraft, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Die Wahrheit kann schrecklich sein wie ein Gorgonenhaupt: Man versteinert, wenn man es anblickt. Es kann besser für einen sein, die Wahrheit für eine Weile zu ignorieren, um funktionsfähig zu bleiben.

Kapitel 8

Als ich gegenüber von unserem Haus aus dem Bus stieg, gab es einen größeren Menschenauflauf vor einem der Blocks. Ein Polizeiwagen stand vor der Einfahrt zur Tiefgarage. Das Blaulicht auf seinem Dach blinkte noch. Dann sah ich auch einen Krankenwagen. Zwei Sanitäter trugen eine Person auf einer Bahre aus dem Haus. Sie schoben die Bahre aber nicht in den Krankenwagen, sondern … da war noch ein länglicher schwarzer Wagen mit getönten Scheiben … sie schoben sie ins Innere eines Leichenwagens. Die Tür des Wagens schloss sich mit einem dumpfen Plopp. Zwei Männer stiegen vorne ein und fuhren davon. Polizei- und Krankenwagen folgten. Die Menge löste sich schwätzend auf. Anna war in der Menge der Schaulustigen. Sie sah mich an der Bushaltestelle und kam zu mir herüber.

„Was ist passiert?“, fragte ich sie.

„Ein fünfzigjähriger Mann hat sich umgebracht. Er war seit Längerem arbeitslos.“ Anna fuchtelte mit den Händen. Das tat sie, wenn sie etwas besonders Wichtiges mitzuteilen hatte. „Stell dir vor, er hatte Frau und Tochter. Wie die sich fühlen müssen …“

Ich erschrak. „Weißt du, wie er hieß?“

„Jemand sagte so was wie Diedrichson.“ Anna runzelte die Stirn. „Ist schon rücksichtslos von einem verheirateten Familienvater, einfach so zu gehen …“

Ich sah hoch zum fünften Stock. Dort wohnten die Diedrichsons. Ich kannte die beiden vom Einkaufen im Supermarkt. Wir sprachen öfters miteinander. Herr Diedrichson wirkte seit einiger Zeit zunehmend verzweifelt. Ebenso war mir seine Frau die letzten Wochen sehr bedrückt vorgekommen. Und was neuerdings seltsam war: Wenn sie mich im Supermarkt sah, mied sie mich, ging schnell zur Kasse und verschwand. Zuvor hatten wir immer mindestens fünf Minuten miteinander gesprochen.

Anna wirkte auf einmal nachdenklich. „Vor ein paar Jahren wurde eine meiner Kolleginnen, Stella Mancrallo, arbeitslos. Ihre Stelle wurde wegrationalisiert. Das Altersheim hat damals ein Drittel der Belegschaft entlassen und wir, die Zurückgebliebenen, mussten dann deren Arbeit einfach miterledigen. Wie das ging, fragte keiner. Ab und zu traf ich Stella noch auf einen Kaffee in der Stadt. Sie musste sich gleich am ersten Tag ihrer Freistellung bei der Agentur für Arbeit melden. Die teilten sie dann für einen neuen Job ein. Den lehnte sie zuerst ab. Dann musste sie wieder und wieder dort erscheinen, und schließlich nahm sie ihn an. Sie putzt jetzt Toiletten im Schlosshotel. Als diplomierte Pflegerin! Wer weiß, wie sie Diedrichson zugesetzt haben, zu was sie ihn drängen wollten?“

„Ich verstehe das nicht. Das macht für mich keinen Sinn. Stella hätten sie doch anders vermitteln können. Pflegekräfte sind gesucht.“

Anna blies hörbar Luft durch die Nase. „Je schneller du jemanden vermittelst, desto mehr Bonuspunkte kriegst du, die dann ausgezahlt werden. Wenn der Beamte gerade keine Pflegestelle auf dem Tisch hat, nimmt er, was er gerade dort liegen hat, egal, was es ist. Der sucht nicht extra eine passende Stelle, selbst wenn es massenhaft passende Stellen gibt. Das ist zu viel Aufwand.“

Mir wurde ein wenig schlecht. „Ja, tut denn gar niemand mehr was für den anderen?“

„Wer weiß, was sich der Beamte in der Agentur für Arbeit dabei gedacht hat … Er hat vielleicht an den gigantischen Flachbildfernseher gedacht, den er anschaffen möchte, an die Reise nach Sylt mit seiner Freundin ...“

„Das kann nicht lange gut gehen.“

„Es geht gut“, erwiderte Anna laut. „Denkst du, jemand wie Stella rebelliert? Einen Aufstand müssen sie nur von den oberen Zehntausend fürchten. Revolutionen gehen praktisch nie von den unteren Schichten aus. Die sind doch viel zu sehr damit beschäftigt zu überleben. Die Französische Revolution – das ist mir noch aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung geblieben, weil’s mich so gewundert hat –, die haben wohlhabende Bürger losgetreten, die neidisch auf den Adel waren.“

Wir gingen zu uns nach Hause und ich dachte traurig darüber nach, dass unser Staat seine Bürger wie Dreck behandelte. Wir waren in vergangene Zeiten zurückgefallen. Zeiten, in denen es keine Bürger gab, sondern nur Untertanen, die das Leben der oberen Stände finanzieren mussten und dann noch zu Kanonenfutter wurden. Das war doch kein moderner Staat! Ein moderner Staat stand im Dienst der Bürger und nicht umgekehrt. Der moderne Staat leistete Dienste, er beschützte unsere Freiheit und sorgte für uns. Der moderne Staat verdiente sogar Geld für seine Bürger. Und wenn die Regierenden das schlecht machten, wurden sie einfach abgewählt ...

Bevor wir uns im Treppenhaus verabschiedeten, wollte mich Anna noch trösten: „Nimm es nicht so schwer, Nadja.“

Ich sah sie an und unterdrückte die Tränen.

„Menschen sind anpassungsfähig. Unser oberstes Prinzip war immer schon das Überleben. Wir sind ein Teil der Natur. Und das bedeutet, man muss manchmal mit den Wölfen heulen.“

Ich machte nur „Hm“, steckte den Schlüssel ins Schloss meiner Wohnungstür und wollte jetzt nicht genauer darüber nachdenken, was sie damit meinte.

Kapitel 9

Fred hatte uns wie versprochen zum Abendessen eingeladen. Sobald ich im Kreis der anderen war, fühlte ich mich fast behaglich. Nichts schien mehr so schlimm zu sein, wie es einem beim alleine vor sich hinbrüten vorkam.

Fred machte sein übliches Abendessen, Toast Hawaii, in der Mikrowelle. Dazu gab es einen kühlen, fruchtigen Weißwein. Sein Alternativessen war Räucherlachs mit Zwiebeln, Senfsoße und Toast. Zum Nachtisch servierte es meistens Vanilleeis mit Whiskey. Ab und zu drückte er eine Schokoladensoße aus der Tube darüber.

Als wir bereits am Tisch saßen, klingelte es. Ich war sehr überrascht: Marwa kam dazu, Freds Journalistenfreundin. Hatte Fred doch tatsächlich sein Versprechen wahr gemacht! Sie war hager, elegant gekleidet und hatte ein intelligentes Gesicht. Sie hatte sich sogar schon auf Fehmarn angemeldet und es war völlig problemlos gewesen. War man, wie Marwa, über 65 und meldete sich auf eigene Initiative zum Sterbeseminar an, durfte man das Hotel frei wählen. Solche Leute mochte der Staat ganz besonders. Sie wurden bevorzugt behandelt.

Im weiteren Verlauf der Unterhaltung erfuhren wir, für welche Zeitungen Marwa Artikel geschrieben hatte. Es waren zwar nicht viele, dafür aber wichtige Zeitungen. Seit die BP am Ruder war und die Meinungsfreiheit eingeschränkt hatte, schrieb Marwa nur noch über unverfängliche Themen wie Käferplagen, Waldsterben, Mülltrennung ... Wobei die unverfänglichen Themen mit der Zeit immer weniger wurden. Je unfreier der Staat wurde, desto mehr Bereiche wurden politisch.

Was uns alle sehr erstaunt hatte: Bevor Marwa sich zu Tisch setzte, ging sie mit einem kleinen Gerät durch Freds Wohnung. Wie sie uns hinterher erklärte, prüfte das Gerät alle erdenklichen Frequenzbereiche und zeigte bestimmte Anomalitäten an. Sie tastete sogar Freds Esstisch von unten ab. „In den meisten Privatwohnungen sind noch keine Minispione installiert. Das wäre einfach zu aufwendig“, war ihr Fazit.

Ich war sehr beeindruckt von Marwa. Bei Anna hingegen bemerkte ich ein kleines Grinsen. Sie hatte ihren Mundwinkel verzogen, während sie Marwa den Tisch abtasten sah. Vielleicht glaubte sie ihr nicht. Vielleicht glaubte sie auch nicht, dass der Staat seine Bürger abhörte.

Obwohl Freds Wohnung abhörfrei zu sein schien, traute Marwa der Sache doch nicht ganz. Waren die Abhörspione abgeschaltet, konnte ihr Gerät sie nicht erkennen. Nur in Funktion sendeten sie Frequenzen aus. Daher sprachen wir nicht über das Wichtigste: wie wir im Sterbehotel auf Fehmarn vorgehen wollten, um den Staat zu entlarven. Wir diskutierten allerdings darüber, wie wahrscheinlich es war, dass aus den Sterbehotels niemand mehr lebend zurückkam.

„Ihr werdet sehen, wir fahren hin, haben auf Staatskosten unseren Spaß im Hotel und sind nach den zwei Wochen wieder zu Hause“, flötete Anna.

Mir war nicht ganz klar, worauf sich ihre harmlose Sicht der Dinge stützte, und ich erwähnte unsere Nachbarn, die Lehmanns.

„Das mit den Lehmanns war wirklich ein bisschen seltsam“, gab nun auch Anna zu. „Aber kennst du sonst noch Leute, die nicht mehr zurückkamen?“

Ich musste zugeben, außer den Lehmanns niemanden zu kennen.

Anna bezweifelte dann auch, dass wir überall ausspioniert würden.

Auf belebten Straßen und öffentlichen Plätzen waren zwar Überwachungskameras angebracht. Die stammten aber noch aus der Zeit vor der Regierung der BP und hatten mit den terroristischen Anschlägen zu tun, die das Land erleiden musste.

Marwa beurteilte es pragmatisch: „Jeder Staat, der gegen die Interessen der Bürger arbeitet, zum Beispiel ihre wichtigsten Rechte einschränkt, muss seine Bürger überwachen, um sich am Ruder zu halten. Der Bürger eines übergriffigen Staates ist immer ein potenzieller Staatsfeind, den der Staat in Schach halten muss.“

Anna zuckte nur mit den Schultern. Und Max murmelte dunkel: „Zum Glück muss das meine Irmgard nicht mehr miterleben.“

Kapitel 10

Die Zeit raste. Ich fühlte mich schwer unter Druck. Ich wollte noch alles tun, was mir wichtig war. Eine letzte Reise kam nicht mehr infrage. Dafür war die Zeit zu knapp. Aber ich ging an die Plätze in meiner Stadt, die wichtige Erinnerungen für mich bargen. Erinnerungen, die mich immer noch glücklich machten. Ich suchte den kleinen Schulpark auf. Die im Kreis angepflanzten Büsche standen noch an Ort und Stelle. Sie boten jetzt sogar ein noch besseres Versteck. Dort hatte ich zum ersten Mal einen Jungen geküsst. Oder besser, er hatte mich geküsst. Er war viel attraktiver gewesen als ich, und es kam für mich daher völlig unerwartet. Ich ließ mich ins Gebüsch ziehen, ließ ihn machen, stellte mich einigermaßen tollpatschig an. Der schönste Moment war, als ich danach noch eine Weile alleine dortblieb. Ich freute mich unbändig und ich triumphierte. Wenn man jung ist und man bekommt etwas so Schönes, Unerwartetes geschenkt, denkt man, man hätte es verdient und es ginge von nun an so weiter. Meistens korrigiert das Leben einen solchen Übermut sehr schnell. Ich vermute, jeder hat so einen frühen Moment des Triumphes erlebt. Und vielleicht hätten sich noch weitere Momente an den einen schönen Moment gereiht, wenn man nicht triumphiert hätte. Wenn man nichts weiter erwartet hätte. Wenn man einfach nur den Augenblick genossen hätte, ohne Rücksicht auf ein Morgen. Aber wie soll man in dem Alter wissen, dass das Leben kein Freifahrtschein ist?

Ich besuchte eine Menge Orte, an denen ich hing: das alte Hallenbad, in dem wir Schwimmunterricht gehabt hatten. Die Stimmen hallten in dem hohen Gewölbe merkwürdig nach. Das Plätschern des Wassers klang besonders. Alle Geräusche wurden verstärkt und gleichzeitig runder im Ton. Schwimmen war jedes Mal ein Fest gewesen in dem alten Gebäude. Ich setzte mich nochmal in die Bibliothek, in der ich oft Romane gelesen hatte, atmete den Geruch der alten Bücher ein, der mit Kaffeeduft vermischt war. Ich versuchte, meine liebsten Freundinnen und Freunde zu besuchen oder wenigstens anzurufen. Ich brachte es aber nicht fertig, mit ihnen über das Sterbehotel zu reden. Ich wollte sie unbeschwert treffen, so als sei alles in Ordnung. Wenn jemand schwer krank ist, erzählt er das auch nicht allen und genießt es, von denen, die es nicht wissen, für gesund gehalten zu werden.

Innerhalb einer Woche hatte ich das Wichtigste erledigt. Anna, Max, Fred und Marwa taten nichts dergleichen. Anna ging ganz normal ihren täglichen Beschäftigungen nach, als wäre nichts anders. Sie war ja auch davon überzeugt, wir kämen von Fehmarn wieder zurück. Mir war wirklich schleierhaft, weshalb sie unserem Staat vertraute. Fred und Marwa verbrachten ihre Zeit mit Planungen. Sie kundschafteten im Internet die Insel aus und Marwa stellte eine Ausrüstung zusammen. Ihnen fehlte schlicht die Zeit, ihrem vergangenen Leben nachzutrauern. Vielleicht wollten sie es auch gar nicht. Fred hatte endlich wieder ein Projekt, das war für ihn wichtiger als alles andere. Und Marwa schätzte ich als nüchtern und pragmatisch ein. Sie konnte völlig in einer Aufgabe aufgehen, wobei für sie rationale Lösungen an erster Stelle standen und Gefühle warten mussten. Max tat nur eine Sache, die meinem Tun ein bisschen ähnelte. Er besuchte das Grab seiner Frau, was er vordem nicht getan hatte. Es hatte ihn zu sehr deprimiert. Ich konnte mir vorstellen, dass er am Grab Zwiesprache mit seiner Irmgard hielt. Vielleicht teilte er ihr mit, er käme bald nach.

Kapitel 11

Es waren noch drei Tage bis zu unserer Abfahrt. Das Gesundheitsamt hatte uns mitgeteilt, wir würden vom Bus vor unserer Haustüre abgeholt. Von einem komfortablen Kleinbus für gerade mal sechs Personen.

Am Abend trafen wir uns wieder bei Fred. Auch Marwa war da. Niemand störte es, dass es wieder Toast mit Ananas und Schinken aus der Mikrowelle gab. Sogar die Sauerkirsche in der Mitte der Ananas fehlte nicht.

Fred und Marwa kannten inzwischen die gesamte Insel. Und das Beruhigende war, es gab ganz in der Nähe des Hotels eine Fähre der Scandlines, die nach Dänemark übersetzte. Sie fuhr die 18 km zwischen Puttgarden und Rödby jede halbe Stunde hin und her, immer 15 und 45, auch die ganze Nacht durch. Im Notfall konnten wir sie vom Hotel aus über den Strand erreichen. Es wäre ein zwanzigminütiger Fußmarsch. Man musste sich allerdings ranhalten. Mein Herz klopfte, meine Stimmung verbesserte sich schlagartig. Wahrscheinlich schüttete mein Gehirn Glückshormone aus. Unser Schicksal war also noch nicht endgültig besiegelt. Und ich würde in dieser Nacht ruhig schlafen können.

Sicher, die Dänen wiesen Deutsche ohne Geld wieder aus. Aber von dort könnte man weiterziehen und weiter …

Nicht nur ich war erleichtert, auch die anderen hoben die Gläser. Nur Max lächelte nicht. Er trank einen Schluck, verzog keine Miene und starrte vor sich hin ins Leere.

„Was überlegst du, Max?“, fragte ich ihn.

Er erschrak. Dann antwortete er: „Ich musste nur eben an Diedrichson denken. Er wohnt gegenüber. Hat sich umgebracht. Wusstet ihr das?“

Fred und Marwa hatten noch nichts davon gehört.

„Sie haben ihn in den Tod getrieben. Da bin ich mir sicher“, sagte Max leise.

Anna machte „Pffft“ und verdrehte die Augen. „Der Mann war letztlich ganz alleine dafür verantwortlich, was er tat.“

Max zuckte nur mit den Schultern. „Diedrichson ist nicht der einzige Arbeitslose, der sich umgebracht hat. Ich weiß das von meinem Cousin“, erklärte er eindringlich.

„Woher will dein Cousin so was wissen?“, blaffte Anna.

„Mein Cousin ist Bestatter.“

Alle schwiegen. Es war ein unbequemes Schweigen. Ein Erschrecken und Verdachtschöpfen lag darin.

Max fuhr unbeirrt fort. „Mein Cousin bekommt von den Hinterbliebenen meist die Geschichte der Verstorbenen zu hören. Und bei den Arbeitslosen ist die Selbstmordrate sprungartig angestiegen. Schon seit Jahren.“

„Und was soll das nun heißen?“, fragte Anna verunsichert.

„Man hat sie so lange drangsaliert, bis sie sich das Leben genommen haben. Und ich spreche jetzt nicht nur von den Behörden. In den letzten Jahren ist doch unsere gesamte Gesellschaft darauf getrimmt worden, Arbeitslose zu verachten. Fast jeder hält sie für Schmarotzer. Selbst in Fernsehserien werden sie vorgeführt.“ Max senkte den Blick, guckte auf seinem Teller herum, sah wieder auf. „Genau wie wir Alten. Du schämst dich mittlerweile, alt zu sein. Du verschweigst, dass du nicht mehr arbeitest. Denn darum geht es. Sobald du kein Geld mehr bringst, bist du ein Parasit. Du liegst der Allgemeinheit auf der Tasche. Andere müssen für dich arbeiten, damit du deine Rente bekommst oder deine Arbeitslosenunterstützung. Sie machen es wie mit Hennen, die keine Eier mehr legen, die wandern in den Suppentopf.“

Niemand machte mehr eine Bemerkung. Wir wussten alle, so war es. Auch Anna konnte sich dem nicht entziehen. Sie verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse.

Jedem von uns war es schon mindestens ein Mal passiert, dass uns eine wildfremde Person fragte, was wir davon hielten, rechtzeitig zu gehen, bevor wir der Gesellschaft zur Last fielen. Das konnte beim Frisör sein, da fragte einen plötzlich die Kundin, die neben einem saß, danach. Oder im Bus, da fragte einen die Sitznachbarin aus heiterem Himmel, ob man später, wenn man Rente bezog, auch ans freiwillige Sterben dachte. Dass Leute auch mal indiskrete Fragen stellten, war nichts Neues. Ich wurde etwa öfters gefragt, wie viel ich als Grundschullehrerin verdiente. Wahrscheinlich fragten mich die Leute danach, weil sie hören wollten, wie wenig ich verdiente, damit sie mit ihrem eigenen Verdienst zufriedener sein konnten. Wenn es um die Frage nach dem freiwilligen aus dem Leben Scheiden ging, hatte ich allerdings den Verdacht, der Staat bezahlte Leute, die einem diese unangenehme Frage stellten, um einen unter Druck zu setzen.

Kapitel 12

Je mehr wir tranken, desto lauter schimpften wir über den Staat. Bis es an Freds Tür läutete.

Die Türglocke war schrill. Fred hatte sie auf die höchste Lautstärke gestellt, da er leicht schwerhörig war, aber noch keine Hörgeräte tragen wollte.

Alle verstummten. Die Angst stand uns ins Gesicht geschrieben. Die einen erblassten, die anderen rissen die Augen weit auf. Nur Max’ Miene veränderte sich nicht.

Es läutete noch einmal.

Fred stand auf und wankte zur Eingangstür.

Er öffnete nicht sofort.

Es läutete ein drittes Mal. Es fuhr einem durch Mark und Bein.

Vorsichtig guckte Fred durch den Spion, so zögerlich, als hätte er Angst, dass die Person auf der anderen Seite der Tür ihm mit einer Nadel ins Auge stechen könnte. Plötzlich zuckte er zurück und drehte sich zackig zu uns um. Auf seinem Gesicht lag ein breites Grinsen. „Nur mein Sohn.“

Zuerst holte ich tief Luft, da ich vor Schreck ganz vergessen hatte zu atmen, erst dann wunderte ich mich, dass Fred einen Sohn hatte. Von einem Sohn hatte er uns noch nie erzählt.

Ein großer, breitschultriger blonder Mann um die vierzig trat ein.

Fred führte ihn zum Tisch, stellte ihn vor und wurde dabei leicht rot. „Tommy kümmert sich um meine letzten Angelegenheiten“, erklärte er uns.

Dann nahm er seinen Sohn an der Schulter und brachte ihn nach nebenan. Wenig später hielt Tommy ein DIN-A4-Couvert in Händen und ließ sich von seinem Papa zur Wohnungstür begleiten.

„Wir sehen uns da oben“, sagte Tommy noch zum Abschied, zeigte mit dem Finger hoch zur Decke und ging heiter grinsend.

Fred setzte sich mit einem Räuspern wieder zu Tisch und stürzte ein Glas Wein hinunter. Er blieb stumm.

„Warum hast du uns nichts von deinem Sohn erzählt?“, wollte Anna wissen.

Es dauerte eine Weile, bis Fred sich durchrang, über Tommy zu sprechen. Die Sache war die, Tommy genierte sich für seinen Papa. Er hatte gleich nach der Schule jeden Kontakt zu ihm abgebrochen und Geld verdient. Wahrscheinlich hatte er die Nase voll gehabt von Freds unzähligen Projekten, die allesamt scheiterten. Und von den großen Hoffnungen, die Fred jedes Mal schürte, von seinen leeren Versprechungen, dass es jetzt endlich klappen würde und er diesmal ganz groß rauskäme. Es war ärgerlich, einen Vater wie Fred zu haben. Ein solcher Vater musste einem wie ein Betrüger vorkommen.

Als Fred uns mitteilte, seinem Sohn wäre es egal, wenn er stirbt, tat mir Fred dann doch leid. Fred hatte seinen Sohn nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder angerufen, um ihn als Sachwalter und Erben einzusetzen. Tommys erste Frage war gewesen: „Um wie viel handelt es sich denn?“ Als Fred ihm mitteilte, er wolle nächste Woche Sterbewohl schlucken, hatte Tommy nur bemerkt: „Na, wenn du das willst.“

„Dann hast du ihm nicht gesagt, dass wir gar nicht vorhaben zu sterben?“, wollte Marwa nun doch wissen.

Fred errötete wieder. Es wirkte merkwürdig auf mich, einen so alten Mann erröten zu sehen, und er tat mir erneut leid.

Fred wollte darauf nichts antworten.

Anna brachte es auf den Punkt. „Du vertraust ihm nicht.“

Fred verzog den Mund, ruckte auf seinem Stuhl hin und her. „Es wäre zu umständlich gewesen, ihm alles zu erklären“, brachte er schließlich hervor. Er hustete. „Wir haben nicht mehr so viel Zeit.“

Kapitel 13

Meine Wohnung erschien mir seltsam leer am Vorabend der Abfahrt. Ich hatte gepackt. Fast nur Sportliches und Laufschuhe. Fluchtkleidung. Die Beruhigungstabletten hatte ich natürlich auch dabei. Bisher hatte ich nur zwei davon geschluckt. Die machten einen stark benommen und man konnte nicht mehr klar denken. Man fand alles harmlos, ja sogar lächerlich. Gleichzeitig wuchs in einem ein großes Schlafbedürfnis. Es schwebten einem Betten in allen Formen und Größen vor. Kissen und Decken. Daunen und Matratzen. Sich schlafen zu legen wurde zur Sucht. Nur im äußersten Notfall wollte ich diese Pillen nehmen. Wenn ich mit den Nerven am Ende war.

Von der Bank hatte ich Bargeld abgehoben. Nicht alles, damit es nicht auffiel. Aber mehr, als ich auf eine Reise je mitgenommen hätte. Fred hatte uns das geraten. Die Kreditkarte konnten sie einem jederzeit sperren, wenn man im Ausland war.

Ich stellte den Koffer in die Diele und blickte mich um. Es war sehr still in meiner Wohnung. So still hatte ich meine Räume noch nie erlebt. Meine Wohnung hatte auf einmal etwas Unberührtes, wirkte, als wären gar keine Bewohner mehr da, als wäre ich schon fort. Meine Wohnung nahm womöglich vorweg, dass ich nicht mehr zurückkehrte. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Hier lauerte bereits eine tödliche Einsamkeit. Die Dinge gehörten schon niemandem mehr, waren herrenlos geworden …

Ich drehte den Fernseher laut auf, um mich zu wehren. Es kam eine Talentshow. Ein Mädchen sang poppig. Die Stimme füllte bald, wie helles Licht, meine Wohnung bis in alle Winkel und das Gespenstische verschwand.

Kapitel 14

Am 20. April um zehn Uhr morgens kam pünktlich der Kleinbus, um uns abzuholen. Es war ein Bus mit sechs Plätzen, außer uns vier kamen aber keine weiteren Reisenden dazu.

Der Fahrer war bester Laune und bot uns gleich Sekt aus dem Bordkühlschrank an, nachdem er unsere Koffer verstaut hatte.

Anna saß entspannt neben mir. Sie machte es sich bequem. Ich fühlte mich noch nicht sehr locker. Ich wollte zwar glauben, dass wir jederzeit das Hotel wieder verlassen konnten, um notfalls auch die Fähre nach Dänemark zu nehmen. Aber vielleicht wussten sie es zu verhindern. Vielleicht sperrten sie uns ein, sobald wir im Hotel ankamen. Konnte man wirklich wissen, was uns erwartete?

Der Bus fuhr nahezu geräuschlos. Die Landschaft flog vorbei. Es war ein sonniger Tag. Hier und da schwammen ein paar Wölkchen im Blau, die der Wind zerrupfte. Fred und der Fahrer hatten ein Gespräch begonnen.

„Bringen Sie viele Leute in die Sterbehotels?“, fragte Fred den Fahrer.

Der Fahrer kicherte. „Sterbehotels? Was ist denn das für ein Wort? Klingt ja wie in einem Horrorfilm.“

„Wie nennen Sie denn diese Hotels mit den Sterbeseminaren?“

Der Fahrer zögerte einen Moment lang. „Also Ihr Hotel auf Fehmarn heißt Hotel Paradies.“

„Und fahren Sie die Gäste hin und auch wieder zurück?“

Der Fahrer brauchte wieder einen Moment, bis er antwortete. „Ich fahr die Leute hin.“

„Sie fahren niemanden zurück?“

„Ich fahr nur drei Tage die Woche. Das sind immer die Hinfahrten.“

Fred räusperte sich. „Und wer holt uns wieder ab?“

Der Fahrer musste nachdenken. „Da müssen Sie sich an die Hotelrezeption wenden, denk ich.“

Der Fahrer fuhr die Leute nur hin, überlegte ich. Es gab keine Rückfahrt vom Sterbehotel. Das hier war eine One-Way-Fahrt. Eine Fahrt in die Sackgasse. In den Tod … Meine Gedärme rumorten. Ich musste den Fahrer bitten, dringend an der nächsten Raststelle anzuhalten. Zum Glück waren wir bereits auf der Autobahn, und es waren nur noch sechs Kilometer bis zur nächsten Toilette.

„Sie müssen jetzt schon? Wir sind doch eben erst weggefahren“, konnte der Fahrer sich nicht verkneifen zu bemerken. „Sind Sie krank?“, fragte er dann noch frech.

Ich stammelte: „Nein, nein. Es hat mir zu Hause nur nicht mehr gereicht.“

Ich hatte glatt Durchfall bekommen. Um ein Haar schaffte ich es auf dem Rastplatz noch auf die Toilette. Als ich mich wieder beruhigte und mein Blick über die weißen Kacheln wanderte, spürte ich auf einmal eine große Erleichterung bei dem Gedanken, jetzt durch den Hintereingang der Toilette einfach abzuhauen. Ich war hier drinnen noch ein freier Mensch. Niemand würde es verhindern, wenn ich jetzt floh … Aber wo sollte ich hin? Ohne Jacke, ich hatte meine Jacke im Bus gelassen. Nur mit meiner Handtasche …?

Als ich wieder im Bus saß, war ich frustriert. Als hätte ich eine Klausur nicht bestanden. Ich war eben niemand, der das Schwierige und fast Unmögliche in Angriff nahm.

Fred war mutiger. Sobald wir wieder auf der Autobahn waren, fragte er den Fahrer weiter aus: „Wie lange machen Sie das schon?“

„Was?“

„Die Leute in die Sterbehotels fahren.“

Der Fahrer kratzte sich im Nacken. „Seit drei Jahren ungefähr.“

„Gefällt Ihnen der Job?“

Der Fahrer zögerte wieder. Er antwortete unwirsch: „Ist ein Job wie jeder andere.“ Dann besann er sich: „Die Fahrten sind schon ganz schön. Man kommt über Land.“

„Wissen Sie denn, was in den Hotels so abläuft, in die Sie die Leute bringen?“

Der Fahrer hustete jetzt laut. Dann antwortete er ruppig: „Ich werde nicht dafür bezahlt, dass ich Sie unterhalte“, und drehte das Radio auf.

Lautes Musikgedudel ertönte. Und er stellte den unseligen Apparat nicht mehr ab, bis wir auf Fehmarn waren.

Die Fahrt dauerte viele Stunden. Ich konnte mich kaum auf die Landschaft konzentrieren. Meine Gedanken waren woanders. Ich bekam gerade mal mit, wie das Land irgendwann abflachte, wie sich der Horizont weitete und das Licht heller wurde. Erst als wir die Brücke zur Insel überquert hatten, wachte ich quasi auf und musterte ganz genau meine Umgebung.

Rechts und links waren weite Äcker, manche gesäumt von Blühstreifen. Wir fuhren an einer riesigen Mastanlage für Hähnchen vorbei. Es stank auf einmal nach Mist. Ein paar kleinere Fabriken gab es auch, mit schwarz rauchenden Schloten. Ansonsten wirkte alles wunderbar leer. Man sah keine Menschen und es gab auch keinen Gegenverkehr.

Da glitzerte die Landschaft vor meinen Augen unter einem weiten Himmel in einer Luft angereichert mit Salzkristallen.

Irgendwann verließen wir das Niemandsland und man sah auf der Seite die Inselhauptstadt in rotem Klinker.

Richtung Marienleuchte bogen wir von der Autobahn ab. Und da war es wieder, das Meer. Es erstrahlte silbern und träge im Abendlicht. Eine frisch geteerte Straße führte uns am Leuchtturm vorbei, und dort, zwischen Marienleuchte und Puttgarden, lag ein völlig neues Hotel, etwas zurückversetzt vom Strand, mitten in der Landschaft.

Der Strand hatte etwas Wildes. Es gab keine Restaurants oder Cafés, keine Promenade, es war einfach ein langer, naturbelassener Streifen. Man war mitten in der reinen Natur, wenn da nicht die riesigen Windräder gewesen wären. Die störten nicht nur optisch. Als wir vor dem Hotel ausstiegen, trug der Wind ein unheimliches Geräusch von ihnen herüber; es machte dumpf und in Staccato-Abständen wusch, wusch.

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