Kitabı oxu: «Sag mir, was du wirklich meinst»
Oren Jay Sofer
Sag mir, was du wirklich meinst
Die eigene Stimme finden, wahrhaftig sprechen und einfühlsam zuhören
Mit einem Vorwort von Joseph Goldstein
Aus dem Englischen von Lisa Baumann

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel: »Say what you mean. A Mindful approach to nonviolent communication« bei Shambhala Publications, Inc., Boulder, Colorado, USA.
Deutsche Erstausgabe
1. Auflage 2021
Copyright der deutschen Ausgabe © 2021 Arbor Verlag GmbH, Freiburg
Copyright der Originalausgabe © 2018 by Oren Jay Sofer
By arrangement with Shambhala Publications, Inc. Boulder
Lektorat: Ralf Lay
Umschlaggestaltung und Satz: mediengenossen.de
Alle Rechte vorbehalten

www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book: 978-3-86781-369-3
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Teil I: er erste Schritt
Mit Präsenz beginnen
1 Das Zentrum unseres Lebens
2 Die Kraft der Achtsamkeit
3 Gewahrsein in Beziehungen
Teil II: Der zweite Schritt
Die innere Haltung von wohlwollendem Interesse
4 Das Spiel der Schuldzuweisung
5 Die kulturellen Wurzeln
6 Lassen Sie den Kontakt nicht abbrechen
Teil III: Der dritte Schritt
Konzentration auf das Wesentliche
7 Sich auf das Wesentliche konzentrieren
8 Emotionale Flexibilität
9 Empathie und Resilienz fördern
10 Ein Thema ansprechen, ohne in Streit zu geraten
11 Wenn Sie etwas wollen, bitten Sie darum
Teil IV: Aus den Schritten wird ein Tanz
12 Der Gesprächsfluss
13 Stromschnellen
14 Schluss
Kurs aufnehmen
Dank
Anhang
Die Prinzipien im Überblick
Für die Lehrer und Freunde,
die mir den Weg wiesen.
Und für meine Mutter, meine erste Lehrerin,
die mir festen Boden unter den Füßen gab
und mich Schreiben lehrte.
»Das Fischnetz existiert, um Fische zu fangen;
hat man den Fisch erst einmal, kann man das Netz vergessen.
Die Kaninchenfalle existiert, um Kaninchen zu fangen;
hat man das Kaninchen erst einmal, kann man die Falle vergessen.
Worte existieren wegen ihrer Bedeutung.
Hat man die Bedeutung erst einmal verstanden, kann man die Worte vergessen.
Wo kann ich den Menschen finden, der die Worte vergessen hat,
sodass ich mich mit ihm unterhalten kann?«
Chuang Tzu
»Hass mit Hass zu begegnen vervielfacht den Hass
und lässt die ohnehin sternlose Nacht in noch tieferer Dunkelheit versinken.
Dunkelheit kann Dunkelheit nicht vertreiben. Nur Licht kann das.
Hass kann Hass nicht vertreiben, nur Liebe kann das.«
Dr. Martin Luther King jr.
Vorwort
Auf die eine oder andere Weise verbringen wir einen großen Teil unseres Lebens mit Kommunikation. Die meisten Menschen kommunizieren in erster Linie durch Sprache – mittels der Worte, die wir verwenden, und durch den emotionalen Tonfall hinter unseren Worten. Interaktion bildet die Basis all unserer Beziehungen, und unsere Kommunikationsmuster bestimmen unsere Lebensqualität beträchtlich. Darüber hinaus prägen unsere Kommunikationsgewohnheiten die Beziehung zu uns selbst und unsere Beziehung zur Gesellschaft.
In diesem wunderbaren Buch ergründet Oren Jay Sofer die vielen Nuancen unserer Art und Weise zu sprechen und beleuchtet dabei, welche Muster Wohlbefinden und Harmonie fördern und welche zu noch mehr Frustration und Stress führen. In den Perspektiven und Methoden, die in diesem Buch vorgestellt werden, liegt außerdem ein wesentlicher Schlüssel zu der Heilung und der radikalen Transformation, die so dringend gebraucht wird – nicht nur in unserem persönlichen, sondern auch in unserem kollektiven und globalen Leben. Aus seiner fundierten Erfahrung mit Achtsamkeitspraxis, somatisch orientierter Therapie und Gewaltfreier Kommunikation schöpft Oren sowohl die Weisheit als auch die Kompetenz, um durch Kommunikation mehr Nähe, Aufrichtigkeit und Mitgefühl zu schaffen und unser soziales Leben auf Gerechtigkeit und Frieden auszurichten.
Neben den theoretischen Hintergründen und zahlreichen Geschichten und Beispielen bietet dieses Buch viele nützliche Methoden, mit denen wir unser Bewusstsein für unsere Gewohnheitsmuster schärfen können, sowie zahlreiche konkrete Anregungen dazu, wie wir umsichtig und effektiv kommunizieren können. Oren beleuchtet, welche wesentliche Rolle Empathie beim Zuhören spielt, und gibt sehr präzise Empfehlungen dazu, wie man sie kultivieren kann. Denn bei der Praxis der Kommunikation »geht es nicht so sehr darum, was wir sagen, sondern darum, aus welcher inneren Haltung wir sprechen. Es geht um unsere Intention.«
Mit großer Klarheit beschreibt Oren, wie wir unsere Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühle erkennen und verstehen können und wie sie, oftmals unbewusst, unsere Worte und die dahinterliegenden Motivationen beeinflussen. Ohne dieses Verständnis verlieren wir uns nur allzu leicht in den Wirren unserer Konditionierungen, ohne einen Weg zu mehr Verbundenheit und innerer Freiheit zu sehen.
Dieses Buch ist nicht nur eine detaillierte und verständliche Anleitung zur Kultivierung von kluger Kommunikation, es finden sich darin auch viele kleine Kostbarkeiten und hilfreiche Erinnerungen für den Alltag. Zu meinen Favoriten gehört die schlichte Erkenntnis, dass wir »über mehr Klarheit und Kraft [verfügen], wenn wir möglichst wenige Worte verwenden und aufrichtig sprechen«.
Ein wichtiges Fundament dieses Buches ist die Tatsache, dass Kommunikation, wie jede andere Kunst auch, Übung erfordert. Haben wir uns erst einmal die grundlegenden Kompetenzen angeeignet, können wir in unseren Gedanken, Gesprächen und Begegnungen Sprache zu einem Katalysator für mehr Verbundenheit und Verständnis machen.
Ich kenne Oren seit vielen Jahren, seit den Anfangstagen seiner Meditationspraxis. Es erfüllt mich mit großer Freude zu sehen, wie er das tiefe Bewusstsein, das seinen meditativen Einsichten entstammt, mit seinem profunden Verständnis von Kommunikation in eine zugängliche Trainingsmethode integriert. Dieses Buch mit der ihm eigenen Wärme und Prägnanz ist ein großes Geschenk für alle, die sich mehr Verbundenheit, Klarheit und Mitgefühl in ihrem Leben wünschen.
Joseph Goldstein
Einleitung
Was wir sagen, ist bedeutsam. Wir alle haben schon einmal die Kraft der Worte gespürt, die uns heilen, beruhigen oder fröhlich stimmen kann. Selbst eine einzige warmherzige Bemerkung kann entscheiden, ob wir aufgeben oder ob wir die Kraft finden, uns den Herausforderungen des Lebens zu stellen.
Wir alle haben auch schon erlebt, welch großer Schaden durch Sprache angerichtet werden kann. Bissige Worte, mit Zorn oder Grausamkeit gespickt, können eine Beziehung zerbrechen lassen und jahrelang unheilvoll nachwirken. Sprache kann missbraucht werden, um Massen zu manipulieren und sie unter Druck zu setzen, um Ängste zu schüren, Unterdrückung auszuüben und zu Krieg, Terror und Völkermord aufzuhetzen. Wenige Dinge, die so mächtig sind, sind gleichzeitig so alltäglich.
Sprache ist in den Stoff unseres Lebens eingewoben. Die erste Liebe. Der erste Job. Die Abschiedsworte an einen geliebten Menschen. Unsere Anfänge und Enden und auch die unzähligen Momente dazwischen sind durchzogen vom Spiel der Worte, in dem wir unsere Gedanken, Gefühle und Wünsche miteinander teilen.
Meine Eltern erzählen, dass ich ein durchaus mitteilungsbedürftiges Kind gewesen sei. »Iss, Oren!«, ermahnten sie mich immer wieder eindringlich bei den Mahlzeiten in dem Versuch, den Strom von Fragen, der aus meinem kleinen Mund nur so hervorquoll, ins Leere umzulenken und mich daran zu erinnern, dass ich essen sollte. Meine Faszination für Worte begann schon früh. Ich kann mich noch gut an die Begeisterung erinnern, die ich verspürte, wenn ich die Bedeutung eines einfachen Kompositums wie etwa »Seegras« oder »Sonnenuntergang« entdeckte – diesen Aha-Moment, wenn abstrakte Bestandteile sich mit einem Mal in vertrautere Klänge verwandelten.
Worte sind gewissermaßen Magie. Zu leben und sich seiner selbst bewusst zu sein auf diesem bemerkenswerten Planeten mit seinen Wäldern und Seen, seinen Meeren und Bergen, in diesem weiten Universum mit Milliarden von Galaxien ist an sich schon mysteriös genug. Was für ein Wunder, sich einen Moment lang in die Augen blicken und Worte formen zu können, mit denen wir etwas von unserem Leben erzählen.
Die Schöpfungsmythen vieler Kulturen und Religionen aller Epochen, seien sie östlichen, westlichen oder indigenen Ursprungs, wissen seit jeher um die generative Kraft von Sprache und sprechen der Macht der Worte eine Schlüsselrolle in den Anfängen des Kosmos zu. In der Tat haben Worte die Kraft, unsere Realität zu formen. So wie wir denken, so nehmen wir wahr; so wie wir wahrnehmen, so handeln wir. Darüber hinaus spiegelt sich in den Lehren aller Weltreligionen ein universelles Verständnis der ethischen Implikationen von Sprache wider – ihr Potenzial, Gutes oder Schädliches zu bewirken –, weswegen sie moralische Vorgaben zur richtigen Wahl unserer Worte machen.
Meine kindliche Faszination für Sprache kristallisierte sich später zu dem festen Vorsatz, verstehen zu wollen, wie man Worte weise gebraucht, während ich an einem Meditations-Retreat mit dem vietnamesischen Zen-Meister, Dichter und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh teilnahm. Seine moderne Interpretation von Buddhas Leitlinien zum »rechten Sprechen« brachten eine Seite tief in meinem Inneren zum Schwingen und motivierten mich, so viel ich nur konnte, über Kommunikation zu lernen. Ich finde sie nach wie vor sehr inspirierend.
Im Bewusstsein des Leides, das durch unachtsame Rede und aus der Unfähigkeit, anderen zuzuhören, entsteht, bin ich entschlossen, liebevolles Sprechen und tief mitfühlendes Zuhören zu entwickeln, um meinen Mitmenschen Freude und Glück zu bereiten und ihr Leiden lindern zu helfen. Da Worte sowohl Glück als auch Leiden hervorrufen können, bin ich entschlossen, nichts Unwahres zu sagen und Worte zu gebrauchen, die Selbstvertrauen, Freude und Hoffnung wecken. Ich werde keine Nachrichten verbreiten, für deren Wahrheitsgehalt ich mich nicht verbürgen kann, und ich werde nichts kritisieren oder verurteilen, worüber ich selbst nichts Genaues weiß. Ich will Äußerungen unterlassen, die zu Zwietracht oder Uneinigkeit führen oder zum Zerbrechen von Familien oder Gemeinschaften beitragen können. Ich will mich stets um Versöhnung und Lösung aller Konflikte bemühen, seien sie auch noch so klein.1
Was wir sagen, zählt – vielleicht heute mehr als je zuvor.
Wir leben in Zeiten großer Umbrüche, in denen uns viel abverlangt wird. Es ist eine Zeit, in der wir in unserer Gesellschaft immer weniger in der Lage sind, zuzuhören und einander wirklich zu hören, eine Zeit, in der diejenigen mit anderen Meinungen, Überzeugungen oder Hintergründen (wieder einmal) einfach als »die anderen« abgetan werden. In dieser Zeit, in der die enormen Kräfte politischer, sozialer, ökonomischer und ökologischer Umschwünge über den Globus fegen und unsere gefühlte Trennung von uns selbst, den anderen und dem Leben noch verstärken, müssen wir lernen, auf eine neue Weise zu sprechen und zuzuhören. Wir müssen lernen, unsere Welt mit frischen Augen neu wahrzunehmen, jenseits von vererbten historischen und ökonomischen Strukturen, die auf Wettbewerb und Trennung ausgelegt sind und so leicht auch unsere Beziehungen beherrschen. Wahrer Dialog ist mehr als ein bloßer Austausch von Gedanken. Es ist ein transformativer Prozess, der auf Vertrauen und gegenseitigem Respekt beruht und in dem wir einander auf neue und genauere Weise kennenlernen. Der Theologe David Lochhead meint: »Es ist ein Weg, eine Wahrheit zu erkennen, die keine der beiden Parteien vor dem Dialog kannte.«2
Es kann einem schier das Herz brechen zu wissen, zu wie viel Gutem wir imstande sind, und dennoch so viel Zerstörung und Gewalt zu sehen. In Japan gibt es ein Sprichwort: Kirschblüten sind so schön, weil sie vergänglich sind. Wir alle haben die Möglichkeit, die uns gegebene Zeit und Energie mit Integrität zu nutzen. Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch auf seine eigene bescheidene Weise dazu beiträgt, unser menschliches Potenzial zum Guten zu verwirklichen, indem wir lernen, mehr Mitgefühl, Weisheit und Güte in jene Beziehungen zu bringen, die unser tagtägliches Leben ausmachen. Ich hoffe, dass es uns dabei hilft, die Mechanismen in unseren Gedanken und unserer Wahrnehmung, die Gewalt als plausible Strategie erscheinen lassen, zu transformieren. Möge es ein Schritt dazu sein, eine Welt zu erschaffen, in der alle gut leben können.
Ein Zusammenfluss verschiedener Strömungen
Gegen Ende eines zehntägigen Retreats saß ich, damals Mitte zwanzig, mit Dr. Marshall B. Rosenberg und seiner Frau beim Frühstück zusammen. Ich war Rosenberg, dem Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GFK), einige Jahre zuvor begegnet und wollte ihm gegenüber meine Dankbarkeit über die tiefgreifenden Veränderungen zum Ausdruck bringen, die ich durch seinen Kommunikationsansatz in meinem Leben erfuhr. Als jemand, der seit langer Zeit meditierte, wollte ich zudem gern meine Gedanken darüber teilen, wie Meditation dem Prozess der GFK zugute kommen könnte.
Das war zu Beginn der 2000er-Jahre, noch bevor die Achtsamkeit ihren großen Boom erlebte. Ich erklärte, wie man durch Achtsamkeitspraxis inneres Gewahrsein entwickelte, eine Voraussetzung dafür, Gefühle und Bedürfnisse zu erkennen und sich ihrer bewusst zu bleiben – das Herzstück der GFK –, und dass es sich daher um ein entscheidendes Puzzlestück handle, das im GFK-Modell bislang fehle. Ich war hocherfreut und ein wenig erstaunt, als er mir rundheraus zustimmte! Er erzählte etwas entmutigt, dass er seit einiger Zeit herauszufinden versuche, wie er den Leuten beibringen könne zu meditieren, unter anderem verwendete er dabei eine Kappe mit einem Giraffenbaby, eine Abwandlung der für seine Arbeit charakteristischen Handpuppen. Dann sah er mich über den Tisch hinweg mit einem verschmitzten Lächeln an und sagte: »Aber vielleicht ist das ja deine Aufgabe.«
Und so begann eine Reise von inzwischen fast zwei Jahrzehnten, während der ich daran arbeitete, mein Verständnis von buddhistischer Meditation und Gewaltfreier Kommunikation zu integrieren. Die Inhalte, die ich auf diesen Seiten mit Ihnen teile, sind eine Synthese aus drei verschiedenen Praxisströmen. Der erste grundlegende Strom ist die Achtsamkeitspraxis, so wie sie aus der buddhistischen Theravāda-Tradition hervorgegangen ist (insbesondere aus den Schriften und Praktiken des burmesischen Satipatthāna und der Thailändischen Waldtradition). Der zweite besteht in dem Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation, entwickelt von Dr. Rosenberg, dessen bahnbrechendes Buch Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens3 ein weltweiter Bestseller ist. Die GFK wird international zur Konfliktlösung und für gewaltfreie gesellschaftliche Veränderungsprozesse eingesetzt, sie wird für zwischenmenschliche Kommunikation und Mediation sowie auch für persönliches Wachstum und therapeutische Prozesse genutzt. Die dritte Methodologie, die dieses Buch prägt, beruht auf meiner Ausbildung in Somatic Experiencing, einer von Dr. Peter A. Levine entwickelten therapeutischen Technik, in der die Rolle der Regulation des Nervensystems bei der Verarbeitung von Traumata besonders betont wird.
Ich konnte feststellen, dass diese drei Ströme zusammen ein starkes Potenzial besitzen, unser Selbstverständnis zu vertiefen und unsere Kommunikationsgewohnheiten zu verändern. In den Anfangsjahren meiner Praxis entdeckte ich viele Synchronizitäten zwischen diesen Methoden und den ihnen zugrunde liegenden Theorien. In meiner Begeisterung vollführte ich einige geistige Verrenkungen in dem Versuch, die Methoden miteinander in Einklang zu bringen, auf der Suche nach einer kohärenten übergreifenden Systematik. Es dauerte seine Zeit, bis die verschiedenen Perspektiven sich in mir setzten und ich erkannte, dass es sich dabei schlicht um verschiedene Möglichkeiten handelte, menschliche Erfahrungen zu verstehen. Zwar überschneiden sie sich in einigen Bereichen, doch sie müssen nicht perfekt zusammenpassen, um nebeneinander zu funktionieren oder sich gegenseitig zu fördern.
Wenn mehrere Ströme zusammenfließen und einen Fluss bilden, lässt sich nicht mehr unterscheiden, woher das Wasser kommt. Und so können diese drei Ansätze und ihre jeweiligen Praktiken gewissermaßen als ein Fluss betrachtet werden, ein nahtloses Ganzes, in dem jeder Strom verschiedene Facetten der ganzheitlichen Erfahrung des Lebendigseins beschreibt und vertieft.
In diesem Sinne sind auch die Inhalte dieses Buches zu einem Ganzen zusammengefügt. Zwar spreche ich nicht explizit über die buddhistischen Lehren, aber jene Leser, die damit vertraut sind, werden ihre Weisheit durchscheinen sehen. Auch das Somatic Experiencing streife ich eher flüchtig (mit Ausnahme eines wichtigen Abschnitts zu herausfordernden Situationen in Kapitel 13). Statt zu versuchen, das Wasser des Flusses diesem oder jenem Strom zuzuordnen, konzentrierte ich mich darauf, ein möglichst verständliches Handbuch zu den Grundlagen der zwischenmenschlichen Kommunikation zu verfassen, das seinen Leser:innen dabei helfen soll, das eigene Leben ganz konkret in die Hand zu nehmen und positiv zu verändern.
Drei Schritte, drei Grundlagen
Menschliche Kommunikation ist komplex. In jeder Interaktion gibt es unzählige Faktoren. Unsere Emotionen, Gedanken und Überzeugungen beeinflussen sowohl die verbale als auch die nonverbale Ebene. Wir müssen eingefahrene Beziehungsmuster überwinden, sei es zwischen zwei Individuen oder zwischen den Gruppen und Gemeinschaften, denen wir angehören. Der hier dargestellte Ansatz besteht in drei Schritten, um eine gelingende Kommunikation zu ermöglichen. Die Schritte selbst sind denkbar simpel:
Mit Präsenz beginnen
Eine innere Haltung von wohlwollendem Interesse einnehmen
Sich auf das Wesentliche konzentrieren
Jeder Schritt ist Bestandteil einer weitaus umfassenderen und fundierteren Schulung. Ähnlich wie wenn man auf drei massiven Steinen einen schnell fließenden Fluss überquert, ist jeder Schritt nur so solide und sinnvoll wie das Fundament, auf das er gesetzt wird. Um uns also auf den Weg zu machen und ganz im Moment zu sein, müssen wir uns in der ersten Grundlage der achtsamen Kommunikation schulen: Präsenz. Eine innere Haltung von wohlwollendem Interesse wurzelt in unserer Intention. Bei der Konzentration auf das Wesentliche geht es darum, unsere Aufmerksamkeit zu verfeinern, sodass wir unsere Unterscheidungsfähigkeit stärken, uns im Klaren darüber sind, was wesentlich ist, und unseren Fokus flexibel und angemessen verlagern können. Die ersten drei Teile dieses Buches widmen sich der Praxis dieser drei Grundlagen, während es im vierten und letzten Teil darum geht, sie zusammenzufügen.
Wie Sie mit diesem Buch arbeiten können
Ein Buch über Kommunikation zu lesen ist ein bisschen so, als würde man eine Gebrauchsanleitung zum Schwimmen studieren. Ganz egal, wie klar und detailliert sie auch geschrieben sein mag, man kann nicht schwimmen lernen, ohne ins Wasser zu springen. Dieses Buch ist dazu konzipiert, im Leben angewandt zu werden. Sie können es als Leitfaden für Gespräche betrachten, als eine Karte, die die Landschaft abbildet, durch die Sie sich bewegen. Es wird Ihnen wahrscheinlich am besten dienen, wenn Sie langsam vorangehen und sich beim Lesen Zeit nehmen, jeden Abschnitt zu integrieren. Jedes Konzept, jede Analogie und jede Idee ist dazu da, dass Sie sie in Ihrem Leben auf die Probe stellen. Probieren Sie es aus, finden Sie heraus, was für Sie hilfreich ist, und basteln Sie daran herum.
In jedem Kapitel gibt es praktische Anregungen dazu, wie Sie die Methoden und Konzepte umsetzen können. Fangen Sie klein an, in Situationen, in denen nicht allzu viel auf dem Spiel steht. Um noch einmal auf die Analogie des Schwimmenlernens zurückzukommen: Man lernt nicht schwimmen, indem man sich an einem stürmischen Tag in die Fluten des Ozeans stürzt. Vielleicht überlebt man es, aber sicher nicht, ohne zu kämpfen und ziemlich viel Salzwasser zu schlucken. Und danach wird man wahrscheinlich nicht so bald wieder schwimmen gehen wollen! Es ist viel leichter, am flachen Ende eines Schwimmbeckens anzufangen, am besten an einem warmen Tag.
Genauso wenig empfehle ich Ihnen, die hier vorgestellten Methoden auf der Stelle und in dem schwierigsten Gespräch oder der problematischsten Beziehung Ihres Lebens auszuprobieren. Lernen Sie zuerst zu schwimmen, bilden Sie die entsprechenden Fähigkeiten aus. Wann immer möglich, halten Sie nach Situationen Ausschau, in denen Ihnen das Üben leichtfällt und in denen Sie experimentieren und lernen können, ohne auf allzu großen Widerstand zu treffen. Vielleicht möchten Sie dieses Buch auch mit jemandem zusammen lesen, sodass Sie einen Partner oder eine Partnerin für die Übungen haben. Oder Sie probieren die Methoden mit einem nahen Freund oder jemandem aus Ihrer Familie aus, der beziehungsweise die Ihnen humorvoll zur Seite steht, während Sie die unbeholfenen ersten Schritte beim Erlernen einer neuen Sprache machen.
Denn genau so ist es: Kommunikationsfertigkeiten zu erlernen hat bemerkenswerte Ähnlichkeiten damit, eine neue Sprache zu lernen. Es erfordert Wiederholung. Je öfter Sie üben, desto eher können Sie flüssig sprechen. Und selbst wenn Sie bloß ein paar Worte einer neuen Sprache kennen, wird Ihnen das dabei helfen zu sagen, was Sie meinen. Ich ermutige Sie also, jeden Tag ein wenig zu üben, sei es mithilfe der formalen Übungen oder in alltäglichen Unterhaltungen. Selbst fünf Minuten täglicher, absichtsvoller Übung werden mit der Zeit Wirkung zeigen.
Am Ende eines jeden Kapitels finden Sie eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte sowie eine Reihe von Fragen und Antworten. Viele dieser Fragen beruhen auf Transkripten von Workshops und Retreats. Sie sollen einige der häufigsten Fragen aufgreifen, die sich möglicherweise auch Ihnen auf dem Weg stellen. (Namen oder Details von Geschichten wurden zum Teil geändert, um die Privatsphäre der jeweiligen Personen zu wahren.) Die Schlüsselbegriffe im Zusammenhang mit achtsamer Kommunikation sind bei ihrer erstmaligen Erwähnung kursiv gesetzt, Sie können sie im Glossar am Ende des Buches nachschlagen. Die Anmerkungen, ebenfalls am Ende des Buches, enthalten weiterführende Informationen und Referenzen, die für Sie interessant sein könnten.
Schließlich möchte ich noch auf eine wichtige Unterscheidung hinweisen, die sich durch das Buch zieht. In jedem Kapitel finden Sie Prinzipien, die den zugrunde liegenden Ethos oder das Ziel eines bestimmten Kommunikationsaspekts wiedergeben. Außerdem finden Sie Übungen, die Ihnen dabei helfen sollen, die Methoden und Prinzipien auf konkrete Weise in Ihrem eigenen Leben umzusetzen. Ihnen werden Prinzipien begegnen, wie beispielsweise »Je bewusster wir sind, desto mehr Möglichkeiten haben wir«. Und Sie werden entsprechende Übungen finden – manche können Sie machen, während Sie lesen, andere können Sie in Ihre Kommunikation im Alltag mitnehmen. Zu besagtem Prinzip der Bewusstheit kann es zum Beispiel eine Anleitung zum achtsamen Atmen geben.
Die Gefahr bei jeglicher Art von Kommunikationstraining besteht darin, dass wir die Praxis mit dem Prinzip verwechseln und anfangen, rigide oder roboterhaft zu sprechen, in dem Versuch, uns an eine Art Dogma oder Systematik zu halten. Zwar sind Systematiken unglaublich nützlich (und die Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg hat einen wichtigen Stellenwert in diesem Buch), aber ich bin weniger daran interessiert, einem bestimmten System zu folgen, als vielmehr daran zu lernen, dem Augenblick verständnisvoll und dynamisch zu begegnen.
Mit anderen Worten, versuchen Sie nicht, sich sklavisch genau an irgendeine bestimmte Sprechweise zu halten. Um eine weitere Analogie anzubieten: Es ist ein wenig so, wie ein Instrument zu lernen. Es gehört zwar dazu, Tonleitern zu üben, aber das Ziel ist es schließlich, Musik zu machen. Die Methoden und Übungen hier sind sehr wertvoll, um neue Kommunikationsgewohnheiten zu etablieren, doch das Ziel besteht darin, sich entspannt in den Fluss eines Gesprächs begeben zu können.
Was Sie erwarten können
Das Feld der Kommunikation umfasst viele Bereiche: private und professionelle Beziehungen, Fähigkeiten auf höherer Ebene wie Gruppenmoderation oder Mediation sowie strategische Anwendungen wie Diplomatie und gewaltfreier Widerstand. Natürlich kann dieses Buch nicht all diese Felder abdecken, und das ist auch gar nicht beabsichtigt. Der Fokus liegt auf der interpersonellen Kommunikation in sozialen Kontexten und nahen Beziehungen. Sollten Sie darüber hinaus Interesse haben, sich weiterzubilden, werden die hier vorgestellten Methoden eine unentbehrliche Basis für weitere Anwendungsbereiche darstellen.
Dieses Buch ist unmittelbar von meiner eigenen Lebenserfahrung geprägt, was auch bedeutet, dass es in mancherlei Hinsicht durch diese Erfahrung begrenzt ist. Insbesondere Aspekte meiner Konditionierung als heterosexueller, jüdischer, weißer Mann aus der Mittelschicht haben zur Folge, dass ich schlecht gewappnet bin, die Vision zu verwirklichen, die Marshall Rosenberg für sein Werk artikuliert hat. Noch immer bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, was er im Jahr 2005 bei einem Retreat in der Schweiz sagte:
Wenn ich Gewaltfreie Kommunikation dazu benutze, dass Menschen freier und weniger deprimiert werden, dass sie besser mit ihren Familien auskommen, ich sie aber nicht gleichzeitig auch lehre, ihre Energie darauf zu verwenden, schnellstens die Systeme in dieser Welt zu transformieren, dann bin ich Teil des Problems. Im Wesentlichen beruhige ich die Leute dann, sorge dafür, dass sie zufriedener in den Systemen leben, so wie sie sind. Dann benutze ich Gewaltfreie Kommunikation als Betäubungsmittel.4
Etwas zu lehren macht bescheiden: Ich weiß, dass ich noch vieles zu lernen habe, insbesondere was die blinden Flecken meiner eigenen Privilegien5 betrifft. In dem Ausmaß, in dem es mir gelungen ist, über meine eigenen Konditionierungen hinauszusehen, wird der Text hoffentlich auch andere Menschen in verschiedensten sozialen Situationen dabei unterstützen, sich aus ihren eigenen Konditionierungen zu befreien und sich mehr und mehr auf den Tanz der Kommunikation einzulassen. Nichts würde mich mehr freuen. Und in dem Ausmaß, zu dem ich noch nicht über meine Konditionierung hinausgesehen habe, widme ich mich weiter der Praxis der achtsamen Kommunikation als einem lebenslangen Weg des Lernens und der Transformation.
Solch eine langfristige Selbstverpflichtung ist die hilfreichste Weise, sich dieser Praxis zu nähern. Gelingende Kommunikation ist nicht etwas, was wir an einem Wochenendworkshop meistern, genauso wenig wie durch einen sechswöchigen Kurs oder ein Buch mit vier Teilen. Es erfordert Geduld, Interesse, Engagement und Bescheidenheit. Es ist normal, sich in verschiedenen Phasen dieses Prozesses ganz und gar unfähig zu fühlen. Manchmal kann es einem sogar so vorkommen, als wäre man besser dran gewesen, bevor man diese Methoden ausprobierte!
All das muss Sie nicht überraschen. Was auch immer man lernt, es ist ein Prozess, in dem man Fehler macht. Rechnen Sie damit, ab und zu eine Bruchlandung hinzulegen. Es ist egal, wie oft Sie hinfallen, wichtig ist nur, dass Sie sich wieder aufrappeln. Denken Sie daran, dass jeder kleine Erfolg, jede Interaktion, in der es Ihnen gelingt, eine der Methoden oder eins der Prinzipien anzuwenden, Ihr Selbstvertrauen stärken und ein neues Muster in Ihrem Geist anlegen wird.
Wir können die Art, wie wir kommunizieren, nicht über Nacht verändern. Es hat gedauert, die Gewohnheiten zu lernen, die wir uns angeeignet haben. Es wird dauern, sie zu verlernen und eine neue Kompetenz zu erwerben. Doch jede Minute, in der Sie etwas dazulernen, lohnt sich. Es wird sich auszahlen in der Qualität Ihrer Beziehungen, im Ausmaß an Wohlbefinden in Ihrem Leben und in Ihrer Fähigkeit, sich wirkungsvoll in der Welt zu engagieren.
Fahrrad fahren lernen
Ich erinnere mich gut an meine Begeisterung und meine Neugier als Kind, aber ich erinnere mich auch daran, wie schwer es trotz meines Redebedürfnisses für mich war, in den schnellen, lebhaften Gesprächen an unserem Abendbrottisch zu Wort zu kommen. Noch heute sehe ich mich an dem schwarzen Küchentisch sitzen, mit einem Gefühl der Schwere in meiner Brust, einem festen Knoten im Hals und unter der Oberfläche brennenden Tränen der Frustration, während der Rest meiner Familie durch eine Unterhaltung preschte, in der es so gut wie keinen Raum für meine Stimme gab.
Die eigene Stimme finden, lernen, das zu sagen, was man meint, und tief zuhören – das gehört wohl zu den bereicherndsten Abenteuern, zu denen man aufbrechen kann. Wenn man die Fähigkeit entwickelt hat, weise zu sprechen und gut zuzuhören, verfügt man über eine unerschöpfliche Ressource, mit der man sich nicht nur in der Welt zurechtfinden, sondern sie sogar transformieren kann. Anstatt Ihren Gesprächen den faden, neutralen, »netten« Anstrich zu verpassen, werden die Anregungen in diesem Buch Ihnen helfen, sich lebendiger und wirklich beteiligt zu fühlen.
Als ich ein Kind war, besaß ich ein blaues Geländefahrrad mit einem roten Sattel und roten Lenkern. An Sommerabenden fuhr ich nach dem Abendessen oft mit meinem Fahrrad durch unsere Gegend in einem Vorort in New Jersey, sprang über Bordsteine und düste unter alten Eichen und Ahornbäumen auf dem Gehweg dahin.
Zu lernen, achtsam zu kommunizieren, hat auch mit dem Fahrradfahren einiges gemeinsam. Es dauert seine Zeit. Am Anfang, während man noch das Gleichgewicht sucht, sind Stützräder hilfreich. Jemanden zu haben, der einen ermutigt, ist meist sicherer, und es macht mehr Spaß. Und wenn man die Stützräder dann abnimmt, sollte man darauf gefasst sein, ein paar Kratzer abzukriegen und sich die Knie oder Ellbogen aufzuschürfen. Aber wenn man es erst einmal gelernt hat, vergisst man es nie wieder. Man kann große Distanzen überwinden, und es lohnt sich schon allein wegen der Aufregung und der Freude, unterwegs zu sein.
1 Nhat Hanh, Thich: Das Herz von Buddhas Lehre. Leiden verwandeln – die Praxis des glücklichen Lebens, Freiburg: Herder 1999, S. 87 (orig. The Heart of the Buddha’s Teaching: Transforming Suffering into Peace, Joy and Liberation, New York: Harmony Books 1998, S. 84).
2 In diesem Buch verwende ich immer wieder das Wort »Dialog« als Synonym für »Gespräch« sowie die Begriffe »wahrer Dialog« oder »echter Dialog«, wenn ich die transformative Art von Gespräch meine, auf die Lochhead und andere hingewiesen haben. Wenn die Atmosphäre für solch eine Begegnung nicht gegeben ist, können wir auf unsere innere Haltung zurückgreifen, um günstigere Umstände zu fördern. Die Autorin und Gewaltfreie-Kommunikation-Trainerin Miki Kashtan bezeichnet dies als die »Disziplin des Dialogs«, eine Ausrichtung auf Kooperation, die »in ihrem Herzen in dem Commitment besteht, ein Ziel anzustreben, das wirklich für jeden gut ist, selbst wenn die anderen bloß an ihre eigenen Interessen denken«. Siehe Lochhead, David: The Dialogical Imperative: A Christian Reflection on Interfaith Encounter, Eugene, OR: Wipf and Stock 1988, S. 51; Kashtan, Miki: Spinning Threads of Radical Aliveness: Transcending the Legacy of Separation in Our Individual Lives, Oakland, CA: Fearless Heart Publications 2014, S. 319.
3 Rosenberg, Marshall B.: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens, Paderborn: Junfermann, 12., überarbeitete und erweiterte Auflage 2016 (2001) (orig. Nonviolent Communication. A Language of Life, Encinitas, CA: PuddleDancer Press, 3rd Edition 2015 [1999]).
4 Rosenberg, Marshall B., zitiert nach Teilnehmern einer Sitzung während eines Workshops über GfK und sozialen Wandel, Schweiz, Juni 2005.
5 Siehe die Definition im Glossar. Ein Bürger der Vereinigten Staaten zu sein bringt beispielsweise in den USA wie auch in vielen anderen Ländern der Welt bestimmte Privilegien mit sich. Weiß, männlich, gebildet oder körperlich unversehrt und so weiter zu sein hat in unserer derzeitigen Gesellschaft ebenfalls bestimmte Vorteile. Vgl. McIntosh, Peggy: »White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack«, National SEED Project, 1989, https://nationalseedproject.org/Key-SEED-Texts/white-privilege-unpacking-the-invisible-knapsack, abgerufen am 19. 3. 2021; Kasthan, Miki: »You’re Not a Bad Person: How Facing Privilege Can Be Liberating«, The Fearless Heart, 26. 11. 2016, http://thefearlessheart.org/youre-not-a-bad-person-how-facing-privilege-can-be-liberating, abgerufen am 15. 3. 2021. Zu den Themen »Privilegien und Macht im Kontext der Gewaltfreien Kommunikation« vgl. Manning, Roxy, und Skinner, Janey: »NVC – Changing Consciousness, Relationships & Systems«, BayNVC, http://baynvc.org/nvc-changing-consciousness/, abgerufen am 12. 4. 2018.
Teil I
Der erste Schritt
Mit Präsenz beginnen
Gelingende Kommunikation beruht auf unserer Fähigkeit, präsent zu sein. Offenes und ehrliches Sprechen, tiefes Zuhören und das Navigieren durch die unvermeidlichen Drehungen und Wendungen eines Gesprächs erfordern ein hohes Maß an Selbstgewahrsein. Um zu sagen, was wir meinen, müssen wir zuerst einmal wissen, was wir meinen. Und um zu wissen, was wir meinen, müssen wir nach innen lauschen und herausfinden, was unsere Wahrheit ist.
Der erste Schritt der achtsamen Kommunikation besteht darin, mit Präsenz zu beginnen, also möglichst voll und ganz da zu sein. Wenn wir nicht da sind, sind wir wahrscheinlich im Autopilotmodus. Und in diesem Modus ist es weniger wahrscheinlich, dass wir uns an die Methoden erinnern, die wir gelernt haben, aus unseren besten Intentionen heraus sprechen und Zugang zu unserer Weisheit haben.
Mit Präsenz zu beginnen ist eine tiefe Praxis mit vielen Dimensionen. In Teil I erkunden wir diese erste Grundlage gelingender Kommunikation: unsere Fähigkeit, präsent zu sein. Wir betrachten die Natur der menschlichen Kommunikation, welche zentrale Rolle sie in unserem Leben einnimmt und welche Möglichkeiten wir haben, in uns selbst und in Gesprächen bewusster zu werden.
1
Das Zentrum unseres Lebens
»Sprache ist sehr mächtig. Sprache beschreibt die Realität nicht nur. Sprache erschafft die Realität, die sie beschreibt.«
Desmond Tutu
Wir kommen auf diese Welt verletzlich, vollkommen abhängig und bestens darauf vorbereitet, sprechen zu lernen. Von dem Moment unserer Geburt an steht Kommunikation im Zentrum unseres Lebens.
Ein Menschenkind wird mit dem Potenzial geboren, jede der rund siebentausend Sprachen auf dieser Welt zu lernen. In den ersten Wochen und Monaten haben wir jedoch nur zwei Mittel zur Verfügung, um unsere Bedürfnisse auszudrücken: Weinen und Lächeln. Das ist die Ausgangsbasis für unsere Gehirnentwicklung. Die Neuronen sind darauf angelegt, die menschliche Sprache nach Rhythmus, Klang, Ton und Lautstärke zu unterscheiden. Und in diesem frühen Alter lernen wir sehr schnell – unabhängig davon, in welche Sprache die Umstände (oder das Schicksal) uns hineinfallen lassen.
Mittels dieses Systems aus Klängen, Worten und Grammatik lernen wir, unsere Gefühle auszudrücken, um das zu bitten, was wir brauchen, und das zu bekommen, was wir wollen. Schließlich, wenn alles gut läuft, lernen wir, zu lesen und komplexere soziale Signale einzusetzen; wir lernen Metaphern, Idiome und Humor. Und all dies lernen wir durch Zuhören, Nachfragen, Beobachten und Wiederholen.
Wenn wir mithilfe der Sprache unseren Platz in der Menschenfamilie einnehmen, greifen wir ganz natürlich jene Kommunikationsmuster auf, die nun mal in unserer jeweiligen Herkunftsfamilie, ethnischen Gruppe, sozialen Schicht, Geschlechtszugehörigkeit, Gesellschaft und dominanten Kultur vorherrschen. Manche von uns lernen, dass es nicht sicher ist, Bedürfnisse auszudrücken, und versuchen dann zu bekommen, was sie brauchen, indem sie sich um andere kümmern. Andere lernen, gewaltsam zu bekommen, was sie wollen; also setzen sie sich durch und versuchen, als die Stärksten oder Klügsten dazustehen. Wieder andere lernen, dass ihre Bedürfnisse von der Gesellschaft nicht geschätzt werden, und werden dann innerlich hart und schneiden sich von ihrer Verletzlichkeit ab. Und manchmal lernen wir zum Glück auch, dass es Raum gibt, um das zu bitten, was wir brauchen, und dabei mit den anderen in Verbindung zu bleiben und gemeinsam eine Lösung zu finden.
Die meisten Menschen vereinen mehrere dieser Strategien, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen, doch egal, was wir gelernt haben, wir alle haben eine Kommunikationsschulung durchlaufen, wenn auch zumeist eine unbewusste. Der Kontext unseres sozialen Umfeldes und kulturellen Milieus bestimmt den Rahmen und prägt unsere Überzeugungen, und unsere Lebenserfahrung bestätigt und verstärkt diese. Zumindest geschieht dies so lange, bis etwas in unserem Inneren wach wird und sagt: »Das geht so einfach nicht!« Diese Erkenntnis mag durch eine gescheiterte Beziehung oder eine schwierige Ehe befördert werden, durch einen Streit, der in dem Verlust einer Freundschaft endet, oder durch ständige Kommunikationsprobleme bei der Arbeit, durch das Ringen ums Überleben in einem System, das nicht darauf angelegt ist, unsere menschlichen Bedürfnisse zu erfüllen, durch die missliche Lage unserer Welt – oder einfach dadurch, dass wir die Tyrannei der Stimme in unserem eigenen Kopf satthaben.
Die gute Nachricht bei alldem lautet: Da Sprache etwas Erlerntes ist, da unsere Kommunikationsmuster und die emotionalen Gewohnheiten, die sie am Laufen halten, angelernt sind, können sie auch verlernt und neu gelernt werden. Wir können lernen, auf eine neue Weise zu sprechen und zuzuhören, die dem Leben dient, das wir führen wollen, und der Gesellschaft, die wir schaffen wollen, zuträglicher ist.6 Wir können lernen, unsere Stimme zu finden, zu sagen, was wir meinen, und eine tiefere Art des Zuhörens entdecken.
Mein Weg aus der Sprachlosigkeit
Ich erreichte einen Wendepunkt, als ich Anfang zwanzig war. Nach so einigen gescheiterten Beziehungen, verlorenen Freundschaften und der Scheidung meiner Eltern wandte ich mich der buddhistischen Meditation zu, um Ordnung in mein inneres Chaos zu bringen. Nach dem College lebte und arbeitete ich in der Insight Meditation Society im ländlichen Massachusetts. Die buddhistischen Lehren halfen mir, besser klarzukommen und reifer zu werden. Und doch bemerkte ich, dass Qualitäten wie Klarheit, Güte und Mitgefühl, die ich so stark empfand, während ich meditierte, sich meist schnellstens in Luft auflösten, wenn es beispielsweise einen Konflikt mit einem Kollegen gab. Und noch weniger zugänglich waren sie mir, wenn ich mit meiner Familie sprach.
Ich erinnere mich an einen besonders wüsten Streit mit meinem älteren Bruder, der damit endete, dass ich, an der Grenze meiner Frustrationstoleranz angelangt, einen Stuhl nahm und ihn auf den Boden im Wohnzimmer meiner Großmutter schmetterte. Dramatisch, ich weiß – aber so war es.
Erst als ich an einem Kommunikationstraining für die Mitarbeiter des Meditationszentrums teilnahm, wurde mir klar, dass ich meine Sprechgewohnheiten genauer studieren und verbessern konnte. Nach diesem ersten halbtägigen Seminar hatte ich angebissen. Ich belegte einen achtwöchigen Kurs in einem nahegelegenen Städtchen, und es dauerte nicht allzu lange, bis ich auf Dr. Marshall B. Rosenberg stieß.
Als ich begann, die Schnittmengen von kontemplativem Gewahrsein und Kommunikation zu erkunden, stellte ich fest, dass die Jahre meiner Achtsamkeitspraxis einen fruchtbaren Boden bildeten, auf dem neue Kommunikationsgewohnheiten heranwachsen konnten. Als ich dann später mit dem Somatic Experiencing in Kontakt kam, einem von Dr. Peter A. Levine begründeten Ansatz der Traumatherapie, fügte das meinem Verständnis von menschlichem Verhalten eine neue Dimension hinzu. Ich fing an, Beziehungsmuster als Teil der natürlich in uns angelegten Mechanismen zum Selbstschutz, zum Überleben und zu sozialer Verbundenheit zu betrachten.7 Ich konnte differenzierter beobachten, wie diese elementaren evolutionären Mechanismen in Gesprächen zum Tragen kommen, und lernte, anderen Menschen zu helfen, Gewohnheitsmuster abzulegen, die ihnen nicht mehr dienlich waren. All dies hat mich zu einer viel tieferen Wertschätzung der Macht und der Komplexität menschlicher Interaktion und Kommunikation geführt.
Das Universum der Kommunikation
Kommunikation besteht aus viel mehr als nur Sprechen und Zuhören. Sie umfasst weitaus mehr als den bloßen Austausch vermeintlich objektiver Information. Ob es nun um ein strategisches Ziel geht (etwas Bestimmtes erreichen) oder um eine Beziehung (sich verbinden), Kommunikation hat immer mit einem bedeutsamen, auf Verständigung abzielenden Austausch zu tun.
Kommunikation ist ein Interaktions- oder Austauschprozess, der Verständigung schafft.
Das gilt nicht nur für uns Menschen. Die meisten (wenn nicht gar alle) Lebensformen haben irgendeine Art »Sprache«, ein System, mithilfe dessen sie Informationen austauschen. Wir Menschen haben die Fähigkeit, Botschaften auszusenden und zu empfangen, außerordentlich weit entwickelt. Das trägt dazu bei, dass wir auf solch erstaunliche Weisen kooperieren und Dinge erschaffen können, im Guten wie im Schlechten.
Und doch umfasst menschliche Kommunikation so vieles mehr als das, was wir sagen. Sie impliziert auch, wie wir sprechen – den Tonfall, die Lautstärke und die Geschwindigkeit –, wodurch wir eine ganze Fülle an Informationen darüber vermitteln, wie wir uns fühlen, was wir voneinander halten, wie viel Macht wir haben und so weiter. Dabei spielt auch eine Rolle, warum wir sprechen. Was wollen wir? Was ist unsere Motivation? Und natürlich geht es auch um das Zuhören: wie wir zuhören, warum wir zuhören und ob wir überhaupt zuhören.
Neben dem Sprechen und dem Zuhören ist Gewahrsein eine weitere grundlegende Komponente der Kommunikation. Gelingende Kommunikation hängt von unserer Fähigkeit ab, aufmerksam zu sein. Damit »Nachricht versendet« auch »Nachricht empfangen« bedeutet, brauchen wir Präsenz, müssen ganz da sein, unserer selbst und des anderen Menschen bewusst.
Das können wir in ganz alltäglichen Situationen erleben. Haben Sie schon mal mit jemandem gesprochen, der gerade gelesen oder ferngesehen und Sie einfach nicht gehört hat? Die Person spricht dieselbe Sprache, ihre Ohren funktionieren einwandfrei – aber ihre Aufmerksamkeit ist nicht auf das Zuhören gerichtet. Sie ist sich Ihrer Worte nicht bewusst, also findet auch keine Kommunikation statt.
Die Wahrheit ist so offenkundig, dass wir sie oft übersehen: Gewahrsein ist die erste Grundlage aller Kommunikation. Wenn es bei Kommunikation darum geht, Verständigung zu erreichen, geht es bei achtsamer Kommunikation darum, Verständigung durch Gewahrsein zu schaffen. Man könnte sagen, dass das Gegenteil davon achtlose Kommunikation ist – entweder befinden wir uns im Autopilotmodus, oder wir sind absorbiert von dem, was in unserem Geist vor sich geht: Urteile, Kritik, Planungen oder zerstreute Gedanken. Und das ist viel öfter der Fall, als wir zugeben möchten!
Präsenz gehört zu den Dingen, die sich in Worten nur schwer auf den Punkt bringen lassen, und doch macht sie im Hinblick auf unsere Lebensqualität einen riesigen Unterschied. Ich definiere Präsenz als das Erleben, im gegenwärtigen Moment vollkommen bewusst zu sein und den eigenen Körper zu spüren. Meiner Erfahrung nach ist Präsenz so wichtig für die Kommunikation, dass ich all meine Trainings damit beginne, das deutlich zu machen und den Teilnehmenden einen Geschmack davon zu vermitteln, wie es ist, im Gespräch präsent zu sein.
Präsenz ist das verkörperte Gewahrsein unseres unmittelbaren sinnlichen, mentalen und emotionalen Erlebens.
Bei einer der Übungen, die ich als Erstes anleite, lade ich die Teilnehmenden ein, einander eine kurze Geschichte zu erzählen. Wir beginnen mit einigen Minuten Stille, um zu spüren, wie es ist, ganz hier und sich des eigenen Körpers gewahr zu sein. Dann hört die eine Person zu, während die andere ihre Geschichte erzählt, beide in dem Versuch, im gegenwärtigen Moment präsent zu bleiben.
Nach etwa einer Minute läute ich eine Glocke und bitte alle innezuhalten – wo auch immer sie gerade sind, und sei es mitten im Satz. Ich lade sie ein, zu dem Gefühl von Präsenz zurückzukehren und wahrzunehmen, was in ihren Körpern geschieht. Nach einigen Momenten der Stille fahren sie fort und tauschen dann die Rollen, sodass alle Teilnehmenden die Gelegenheit bekommen, im Sprechen innezuhalten. Die meisten Menschen berichten hinterher zweierlei: (1) wie schnell sie den Kontakt zu ihrem Körper verloren haben und (2) wie aufgewühlt sie innerlich waren, als sie innehielten.
Einen Moment lang die Präsenz zu halten ist für die meisten Menschen machbar und einfach. Kontinuierlich mit der Präsenz in Kontakt zu bleiben ist viel schwieriger – offen gesagt, es erfordert einige Übung. In einem Gespräch die ganze Zeit über bewusst zu bleiben ist sogar noch anspruchsvoller. Wir neigen stark dazu, die Präsenz zu verlieren: Oft fallen wir schon aus ihr heraus, sobald wir nur die Augen öffnen. Und es ist kaum zu glauben, wie schwer es ist, hier zu bleiben, sobald wir den Mund öffnen!
Natürlich kennen wir alle auch Ausnahmen: Sei es die Intimität, die wir in romantischen Beziehungen erleben, oder Momente gesteigerten Gewahrseins in der Natur. In solchen Augenblicken fühlen wir oft eine tiefe Verbundenheit. Es ist genau die Kombination von tiefer Präsenz und der Beziehung zu einem anderen Menschen oder unserer Umgebung, die diese Erfahrungen so eindrücklich macht.
Präsenz in eine Beziehung zu bringen ist eine kraftvolle Praxis. Es bedeutet, dass wir wirklich da sind, für uns, für die andere Person und für das, was zwischen uns passiert. Doch es gibt einige Gründe, warum es schwer ist, präsent zu bleiben, während wir sprechen und zuhören:
Wir fühlen uns verletzlich, wenn wir von Angesicht zu Angesicht mit einem anderen Menschen sprechen.
Soziale Interaktion kann unser Nervensystem aktivieren und uns nervös machen.8
Wir neigen dazu, unsere Aufmerksamkeit entweder nach außen zu richten, auf die andere Person, oder nach innen, auf unsere Gedanken – und so das Gefühl für die Bezogenheit und die Verbindung zu verlieren.
Wir sind nicht geübt, im Gespräch präsent zu bleiben.
Bei Primaten kann Blickkontakt ein Ausdruck von Aggression sein. Und auch in uns Menschen wirkt noch immer und trotz der Größe unseres Gehirns diese alte Konditionierung, wenn wir einem anderen ins Angesicht schauen. In Sekundenschnelle schätzt unsere Biologie ein, ob wir in Sicherheit sind: »Ist das ein Freund, ein Feind oder ein potenzieller Partner?«
Obwohl diese Konditionierung meist unterhalb der Bewusstseinsschwelle wirkt, spielt sie doch zu Beginn der meisten Interaktionen eine gewisse Rolle. Wenn wir unsere Kommunikationsmuster transformieren wollen, so gehört dazu auch, dass wir diese grundlegende Verunsicherung in unserem Nervensystem erkennen und wissen, wie wir uns erden und beruhigen können. (In Kapitel 3 werde ich Ihnen einige Methoden vorstellen, die das begünstigen.)
Menschliche Stimme, Atem und Identität
Ein weiterer Grund, warum Kommunikation ein solch heikles Terrain ist, hat damit zu tun, wie sich unser Hören entwickelt hat. Unsere Ohren sind auf eine sehr spezifische Bandbreite an Klängen eingestellt und reagieren besonders sensibel auf einen engen Frequenzbereich: die menschliche Stimme. (Die Ohren vieler Tiere sind ebenfalls auf einen bestimmten Klangbereich eingestellt. Die Gesänge der Wale in den Meeren oder das tiefe Grummeln von Elefanten finden in Frequenzen statt, die für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind.) Kennen Sie das: Sie hören, wie jemand in lautes Gelächter oder auch in Schluchzen ausbricht, und verspüren einen unbestimmten, aber heftigen Drang herauszufinden, was los ist? Oder waren Sie schon einmal vom Geheul einer Herde Kojoten irritiert, das der menschlichen Stimme so ähnlich ist, dass man es kaum unterscheiden kann?
Hier sind zehntausende Jahre Evolution am Werk. Um für unseren Nachwuchs zu sorgen und unsere Sippe zu schützen, hat sich die Architektur unseres Innenohrs so entwickelt, dass es ganz präzise auf die menschliche Stimme eingestellt ist und den Klang eines Menschen in Not sofort erfasst.9 Erinnern Sie sich, dass Babys zunächst nur durch Lächeln oder Weinen kommunizieren? Die Konditionierung, auf diese Signale zu reagieren, ist tief in uns eingegraben.
Wenn wir einander zuhören, wird genau diese Architektur beansprucht, daher reagieren wir darauf in zwei potenzielle Richtungen. Das Hören der menschlichen Stimme kann die im Nervensystem angelegten Mechanismen Kämpfen, Flüchten oder Erstarren aktivieren oder aber das (nach Stephen W. Porges) sogenannte »Social Engagement System«,10 das bewirkt, dass wir uns beruhigen und uns verbunden fühlen.
Der physiologische Vorgang des Sprechens trägt seinerseits dazu bei, dass Worte so aufgeladen sein können. Wir Menschen erzeugen Sprache, indem wir einen Luftstrom über den Kehlkopf und die Stimmbänder lenken. Unsere Worte werden auf einer Atemwelle getragen, demselben Atem, der die Zellen unseres Körpers mit Sauerstoff versorgt, vom Moment unserer Geburt bis zum Augenblick unseres Todes. Lassen Sie das einen Moment auf sich wirken: Wir nutzen denselben physiologischen Vorgang zum Sprechen wie zum Aufrechterhalten unserer Lebensenergie.
Es geht sogar noch weiter. Unser Atem (und damit unser Sprechen) steht mit dem Nervensystem in einer engen wechselseitigen Beziehung: Verändert sich etwas auf der einen Seite, wirkt sich das auch auf die andere aus. Wenn wir aufgeregt, ängstlich oder aggressiv sind (verschiedene Arten sympathischer Aktivierung), beschleunigt der Atem. Sind wir entspannt, ruhig oder fühlen uns wohl (verschiedene Arten parasympathischer Deaktivierung), wird unser Atem langsamer und tiefer.
Das liegt zum Teil an der besonderen Rolle der Atmung im autonomen Nervensystem, das die grundlegendsten Funktionen unseres Körpers reguliert.11 Die Atmung vollzieht sich sowohl willentlich als auch unwillentlich; sie funktioniert automatisch, lässt sich aber auch durch den Willen steuern. Beim Sprechen manipulieren wir den Atem bewusst und absichtsvoll.
All das ist für unser Training in achtsamer Kommunikation bedeutsam. Wenn wir die Beziehung zwischen unserem Atem, unseren Worten und unserem mental-emotionalen Zustand verstehen, können wir unsere Erfahrung und unseren Selbstausdruck besser steuern. An einigen Stellen in unserer Erkundung werde ich Anregungen geben, wie Sie das bewusste Atmen dazu nutzen können, die Aufmerksamkeit eines Zuhörers zu halten, mit intensiven Gefühlen umzugehen und in angespannten Situationen inneren Halt zu finden.
Auf dieser Physiologie beruht die komplexe Verbindung zwischen dem Atem, der Stimme und unserem Identitätsgefühl. Unsere Stimme ist einer der intimsten und persönlichsten Aspekte unserer selbst. Für die meisten Menschen ist sie das wichtigste Ausdrucksmittel, eine Art akustische Unterschrift, an der man uns erkennen kann. Von all den Dingen, die sich im Laufe des Lebens wandeln – unser alternder Körper, unser verwitterndes, faltiges Gesicht –, ist es ab dem Erwachsenenalter die Stimme, die sich am wenigsten und am langsamsten verändert. Das Gefühl dafür, wer wir sind, hängt oft sehr eng mit unserer Stimme zusammen.
Überlegen Sie einmal, womit andere uns außer unserer Stimme typischerweise noch identifizieren: Eines der wichtigsten Erkennungsmerkmale ist der Vorname – ein Wort, das repräsentiert, wer ich bin. In Konflikten sind es oft die Angriffe auf unsere Identität oder unser Selbstbild, die uns besonders treffen und mit denen wir nicht gut umgehen können.
Zusätzlich zu diesen tief verwurzelten physiologischen und psychologischen Komponenten der Kommunikation spielen auch Gefühle, soziale Schicht, Kultur und weitere verborgene Variablen eine Rolle bei den so alltäglichen Aktivitäten des Sprechens und Zuhörens. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie viele Ebenen ein einfaches Gespräch hat, ist es kein Wunder, dass Kommunikation uns so nahegeht.
Ein multidimensionales, ganzheitliches Erleben
Menschliche Kommunikation ist mehr als der bloße Austausch von Worten. Es ist ein multidimensionales, verkörpertes, lebendiges Erleben, das unser gesamtes Sein umfasst: unsere Gefühle, Gedanken, Erinnerungen und unsere Geschichte. Es ist zugleich verbal, mental, emotional und somatisch.
Zur Kommunikation gehört die Art und Weise, auf die wir unsere Stimme gebrauchen – Tonfall, Lautstärke und Sprechgeschwindigkeit. Sie umfasst Körpersprache und Berührung. Wir kommunizieren auch durch unser Schweigen: durch das, was wir nicht sagen, oder durch die Pause zwischen den Worten. Sie umfasst unseren inneren Dialog: wie wir denken und mit uns selbst sprechen. Selbst unsere soziale Konditionierung und Kulturgeschichte sind in unseren Interaktionen präsent.
In der Kommunikation gibt es auch ein tief verwurzeltes somatisches Element: die Vibration der Worte und die Physikalität des subjektiven Erlebens. Kommunikation ist dynamisch und permanenter Veränderung unterworfen. Kommunikation erfordert, dass wir uns auf unsere innere und äußere Welt einstimmen und uns ständig neu auf den gegenwärtigen Moment einstellen.
Kommunikation ist ganzheitlich; sie überschreitet alle Grenzen in unserem Leben. Wir mögen unsere Zeit einteilen, unser Leben in private, soziale und berufliche Bereiche untergliedern, aber diese Unterscheidungen sind relativ. Wir haben nur ein einziges Leben. Die verschiedenen Rollen, die wir spielen – Elternteil, Kind, Freund, Lehrerin, Schüler, Angestellte –, sind miteinander verbundene Facetten eines einzigen, ganzen Menschen. Wir mögen in verschiedenen Situationen unterschiedlich sprechen oder handeln, aber die grundlegenden Programme, die dabei ablaufen, sind doch dieselben.
Wir können diese ganzheitliche Natur zu unserem Vorteil nutzen; Veränderungen in einem Bereich können sich auf die anderen Kontexte unseres Lebens übertragen. Viele meiner Workshop-Teilnehmer haben bei ganz einfachen Übungen bedeutsame Einsichten in grundlegende Muster in ihrem Leben. Bei einem Retreat wurde beispielsweise einer Frau in einer Übung zum Innehalten klar, wie sehr ihr Sprechen von einer subtilen Angst angetrieben war. Das Innehalten half ihr, ihre Worte sorgfältiger auszuwählen und sich nach ihren Beweggründen zu fragen.
Wenn wir neue Kommunikationsweisen erlernen, haben wir es mit diesem ganzen tiefgründigen, vielschichtigen Terrain zu tun, samt all der jahrelang angelegten Konditionierung, die wir in uns tragen. Um an diesen Kommunikationsgewohnheiten nachhaltig etwas zu verändern, ist es hilfreich, kleine schrittweise Veränderungen vorzunehmen, die wir auch beibehalten können.
Prinzip: Da Kommunikation ein sehr komplexes Phänomen ist, gelingt die Transformation am leichtesten durch kleine, aber stetige Veränderungen.
Menschen sind komplexe lebende Systeme. In komplexen Systemen kann eine kleine Veränderung weitreichende Wirkungen haben. Es ist vergleichbar mit der Steuerung eines Frachtschiffs auf dem Meer. Ein solch großes Schiff in voller Fahrt kann keine abrupten Wendemanöver vollziehen. Doch selbst eine Kurskorrektur von einem oder zwei Grad führt, wenn sie beibehalten wird, das Schiff mit der Zeit in eine völlig andere Richtung.
Unsere Sprache und unseren Geist schulen
Wenn man sich die enormen Dimensionen menschlicher Kommunikation vor Augen führt, kann das Vorhaben, sich neue Gewohnheiten zuzulegen, ziemlich einschüchternd wirken. Wie können wir effektiv auf etwas einwirken, das so elementar ist wie die grundlegenden Muster, mit denen wir der Welt begegnen?
Glücklicherweise haben wir alles, was wir brauchen, damit das gelingen kann: die Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaft und Psychologie, eine klare Methode und eine Stütze, um das Wissen in die Praxis umzusetzen. Die Methode besteht in unserem Drei-Schritte-Training in Präsenz, Intention und Aufmerksamkeit. Die Stütze ist Achtsamkeit, unsere Fähigkeit zu beständigem Gewahrsein und klarem Sehen.
Die Notwendigkeit, unsere Muster zu transformieren, steht außer Frage. Wenn wir sinnvoller leben und zusammenarbeiten wollen, um den radikalen Veränderungen zu begegnen, die sich auf der Erde abspielen, sei es in der Politik, der Wirtschaft oder der Umwelt, müssen wir lernen, einander wirklich zu hören und erfolgreicher zu kommunizieren.
Im Verlauf dieses Buches werde ich Sie ermutigen, Ihr Denken, Zuhören und Sprechen genauer zu untersuchen, mit dem Ziel, kleine Veränderungen in Ihrem Verständnis und Ihren Gewohnheiten zu erreichen. Und wenn es Ihnen gelingt, diese Veränderungen beizubehalten, werden sich Ihre Sprache, Ihre Beziehungen und Ihr Leben auf Dauer verwandeln.
Prinzipien
Da Kommunikation ein sehr komplexes Phänomen ist, gelingt die Transformation am leichtesten durch kleine, aber stetige Veränderungen.
Die wichtigsten Punkte
Im Gespräch präsent zu bleiben kann aus mehreren Gründen herausfordernd sein:
Wir sind nicht darin geübt.
Es bringt uns in Kontakt mit unserer Verletzlichkeit.
Es kann evolutionär bedingte Schutzmechanismen auslösen.
Bei Primaten kann Blickkontakt Aggression signalisieren.
Das Hören der menschlichen Stimme kann beruhigend oder auch bedrohlich wirken.
Verbale Kommunikation ist mit der Atmung, dem Nervensystem und dem Identitätsgefühl verbunden.
Kommunikation ist multidimensional und ganzheitlich. Sie umfasst:
einen sprachlichen Informationsaustausch,
nonverbale Kommunikation,
unseren inneren Dialog,
unser emotionales Erleben,
unser somatisches, verkörpertes Erleben und
persönliche, psychologische, soziale und kulturelle Konditionierung.
Fragen und Antworten
Mir fällt es leichter, präsent zu bleiben, wenn ich spreche, und schwerer, wenn ich zuhöre. Ist das normal?
Das ist bei jedem anders. Ich finde es faszinierend, dass sich Präsenz für manche Menschen im rezeptiven Modus natürlicher anfühlt, für andere hingegen im expressiven. Wenn Sie darauf achten, bemerken Sie vielleicht sogar, dass es unterschiedlich ist, je nachdem, mit wem Sie gerade sprechen. Betrachten Sie dies einfach als nützliche Information. Wir können an unsere Stärken anknüpfen und die Fähigkeit entwickeln, gleichermaßen präsent zu sein, wenn wir sprechen und wenn wir zuhören.
Sie haben vom Innehalten gesprochen. Ich glaube, dass ich das in den meisten Gesprächen nicht könnte. Ich fürchte, dann würde ich gar nicht mehr zu Wort kommen!
Das Vertrauen in unsere eigene Stimme, also das Vertrauen, dass wir Raum einnehmen und unsere Meinung sagen dürfen, ist sehr wichtig. Alle Kommunikationsmethoden sollten diese Art innere Gelassenheit fördern. Eine bewusste, längere Pause ist meist eher in Übungssituationen passend. Vielleicht gibt es bestimmte Gespräche oder Beziehungen, in denen es funktionieren würde, eine längere Pause zu machen, aber generell ist es hilfreich, die Pausen kurz und weniger offensichtlich zu halten.
6 Unsere sozialen Institutionen sind von den Gedanken- und Wahrnehmungsmustern geprägt, die unsere Kommunikation bestimmen (und verstärken diese zugleich). Daher muss ein zentraler Bestandteil der Arbeit an der Transformation dieser Institutionen parallel die innere Arbeit sein, mit der wir unser Bewusstsein transformieren. Anderenfalls laufen wir Gefahr, genau die Systeme zu reproduzieren, die wir eigentlich ändern wollen.
7 Menschen sind soziale Geschöpfe, die sich viele Bedürfnisse in Gegenseitigkeit erfüllen. Im Laufe der Evolution lebten wir in kleinen Gruppen, die gemeinsam dafür sorgten, die Bedürfnisse der Sippe nach Schutzraum, Nahrung und Sicherheit zu erfüllen. Diese Ursprünge drücken sich auf vielfältige Weise aus. Während eines Menschenlebens verändert sich das Bedürfnis nach sozialer Verbundenheit im Laufe der Zeit. Es ist wissenschaftlich klar belegt, dass Menschen nach der Geburt und in den ersten Lebensjahren ein physiologisches Bedürfnis nach Verbundenheit haben (sichere, gesunde menschliche Berührung und soziale Interaktion). Das Wachstum und die Entwicklung des menschlichen Gehirns und des Nervensystems hängen davon ab, dass wir kontinuierlichen Kontakt und soziale Interaktionen mit gesunden, gut regulierten Erwachsenen haben.Wenn wir älter werden, wird soziale Verbundenheit relevant für die Entwicklung von Empathie und emotionaler Intelligenz. Im Jugendalter zeigt sich dies psychologisch in der Herausbildung der Identität und der Entwicklung von Ich-Stärke sowie auch biologisch im Fortpflanzungstrieb. Im Erwachsenenalter bleibt die Relevanz des Bedürfnisses nach sozialer Verbundenheit in dieser Form bestehen (ergänzt durch die spirituelle Ebene, die Erkundung von Bewusstsein und der Subjekt-Objekt-Dualität) und führt zudem zu der Strategie zusammenzuarbeiten, um sich miteinander und gegenseitig weitere Bedürfnisse zu erfüllen, falls gewollt oder notwendig.
8 Als soziale Wesen haben wir feine Antennen für das, was unsere Nervensysteme uns über andere Menschen und über unsere Umgebung mitteilen. Soziale Interaktion kann das Nervensystem beruhigen oder aktivieren, je nach den Umständen und dem inneren Zustand der Beteiligten.
9 Schlüsselaspekte unserer Kommunikation werden vom vagalen System gesteuert (eine Nervenkonstellation, die den Vagus und den Trigeminus umfasst). Das Innenohr filtert irrelevante Geräusche heraus und stellt sich auf die menschliche Stimme ein; die Gesichtsmuskeln bringen Emotionen und andere Signale zum Ausdruck; der Kehlkopf steuert den Ton der Stimme und die Artikulation beim Sprechen. All das ist Teil des menschlichen Social Engagement System (SES), dem dritten Zweig des autonomen Nervensystem, einzigartig in seiner evolutionären Entwicklungsgeschichte wie auch in seiner neuronalen Architektur (siehe die beiden folgenden Anmerkungen).Diese Konzepte stammen aus der bahnbrechenden Polyvagal-Theorie von Stephen Porges. Siehe Porges, Stephen W.: Die Polyvagal-Theorie. Neurophysiologische Grundlagen der Therapie. Emotionen, Bindung, Kommunikation und ihre Entstehung, Paderborn: Junfermann 2010 (orig. The Polyvagal Theory. Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-Regulation, New York: W. W. Norton 2011).
10 Vgl. Porges, Stephen W.: »Neuroception: A Subconscious System for Detecting Threats and Safety«, Zero to Three 24 (5), 2004, S. 19–24. Siehe auch die vorangegangene und die folgende Anmerkung.
11 Ursprünglich hat man zwei Äste des autonomen Nervensystems unterschieden: den sympathischen Zweig, der für die grundlegende physiologische Homöostase und den Kampf-oder-Flucht-Mechanismus verantwortlich ist, und den parasympathischen Zweig, verantwortlich für die Körperfunktionen des Ausruhens und Verdauens. Sympathische Aktivierung leitet Energie in den Körper, um ihn handlungsfähig zu machen, reguliert Funktionen wie den Herzschlag und bereitet ihn darauf vor, Gefahren zu begegnen. Der parasympathische Zweig bremst den Fluss dieser Energie und unterstützt uns, uns zu entspannen, abzuschalten und die Erregung der sympathischen Aktivierung zu drosseln. (Porges’ Polyvagal-Theorie geht von einem dritten Zweig des autonomen Nervensystems aus: dem »Social Engagement System«, das ebenfalls zum Parasympathikus zählt.)
2
Die Kraft der Achtsamkeit
»Es ist etwas Mysteriöses und Heiliges daran, lebendig zu sein. Es ist ein Gewahrsein über etwas, was zu wichtig ist, um es zu vergessen.«
Christina Feldman
Mein Vater wuchs in den Vierzigerjahren in einer Hütte auf, die aus einem einzigen Raum bestand. In Palästina, damals unter britischem Mandat, züchtete seine Mutter Hühner, Ziegen und Hasen, während sein Vater Wände verputzte und einen Kiosk betrieb, in dem Zeitschriften, Süßigkeiten und frischer Saft angeboten wurden. Sie beide waren als Jugendliche in der Hoffnung auf ein besseres Leben aus Belarus und Polen gekommen. Als ältestes von drei Kindern wurde mein Vater mit dreizehn Jahren in einen Kibbuz geschickt, damit es in der Familie »ein Maul weniger zu stopfen« gab.
Erst kürzlich erzählte er mir, wie er in den ersten Wochen, die er im Kibbuz verbrachte, jeden Abend in seinem Zimmer stand und zusah, wie die Sonne über den Feldern unterging. Er erzählte, wie schön diese Sonnenuntergänge gewesen seien und wie friedlich er sich dabei gefühlt habe. »Ein paar Monate später schaute ich zufällig auf, als ich gerade in meinem Zimmer war, und stellte fest, dass die Sonne unterging. Ich hatte aufgehört, sie wahrzunehmen.« Er hielt inne und wurde still. »Das beschäftigt mich seither. Wie kommt es, dass ich aufgehört hatte, den Sonnenuntergang wahrzunehmen?«
Einen Großteil unserer Zeit sind wir nicht wirklich hier; wir sind nicht mit unseren Sinnen und der unmittelbaren Erfahrung unserer Lebendigkeit verbunden. Unsere Aufmerksamkeit ist woanders, wir denken an die Vergangenheit oder die Zukunft – planen, machen uns Sorgen, erinnern uns, bedauern. Die Geschichte meines Vaters erzählt von einem Schlüsselmoment, den wir in ähnlicher Form alle immer wieder erleben – wenn wir bemerken, dass wir nicht in voller Bewusstheit leben, was machen wir dann damit?
Den Boden für die zwischenmenschliche Verbindung bereiten
Achtsamkeit gibt uns unser Leben zurück. Sie lässt uns die Schönheit eines Sonnenuntergangs genießen, das Wunder eines alten Baums oder das Mysterium und das Glück, das in der Nähe zu einem anderen Menschen liegt. In solchen Erlebnissen sind wir mit ganzem Herzen anwesend. Die Kraft ihrer Intensität erzeugt einen Zustand natürlichen Gewahrseins, in dem wir ganz tief da sind, verbunden mit uns selbst und unserem Umfeld.
Dieser Zustand achtsamer Präsenz steht uns jederzeit offen. Er bereichert alltägliche Erlebnisse, sei es die Zubereitung einer Mahlzeit, ein Gespräch mit einem Familienmitglied oder das Gefühl von Morgenluft auf der Haut. Er lässt uns das Leben wertschätzen und die schwierigen Zeiten leichter durchstehen.
Wie ich bereits sagte, spielt achtsame Präsenz auch in der Kommunikation eine wichtige Rolle, und zwar schlicht und einfach deswegen, weil wir zuallererst einmal da sein müssen, um überhaupt etwas zu verstehen. Haben Sie schon einmal probiert, sich mit jemandem zu unterhalten, der gerade in Gedanken woanders war? Oder erlebt, wie jemand mitten in der Unterhaltung sein Smartphone zückte? (Oder sich selbst dabei ertappt, während eine Unterhaltung sich dahinschleppte?) Wie oft haben Sie sich gestritten, einfach nur, weil einer der Beteiligten nicht zugehört hat? Oder den Mund nicht halten konnte? Viele der Schwierigkeiten, die in Gesprächen entstehen, lassen sich schon allein dadurch vermeiden, dass wir entschleunigen und präsenter sind.
Gewahrsein ist natürlich noch sehr viel mehr als nur eine Voraussetzung für Verständigung. Präsenz schafft den Boden für die Verbindung von Mensch zu Mensch. Wir spüren es, wenn jemand bei der Sache ist und zuhört. Präsenz ist einladend. Sie gibt anderen Raum und öffnet ihnen die Tür, um sich auf uns einzulassen. Diese Art von Gewahrsein im gegenwärtigen Moment ist die Grundlage für gelingende, heilsame Gespräche. Ist es nicht vorhanden, funktionieren wir bestenfalls im Autopilotmodus, und es kann passieren, dass wir unbeabsichtigt Samen der Trennung säen. (Wenn wir nicht achtsam sind, sind wir wahrscheinlich achtlos.)
Prinzip: Präsenz schafft die Basis für die Verbindung von Mensch zu Mensch.
Die Ironie ist, dass es nicht mal unbedingt zusätzlicher Anstrengung bedarf, achtsam zu sein. Auf lange Sicht gesehen, stellen wir vielleicht sogar fest, dass Achtsamkeit unsere Energiereserven schont, verglichen damit, wie viel Energie wir vergeuden, wenn wir achtlos sind.
Wie oft nehmen wir uns die Zeit, ein Gespräch damit zu beginnen, dass wir der anderen Person mit Präsenz begegnen? Wir rasen durch den Tag, wir hetzen in eine Unterhaltung, und dann wundern wir uns, warum wir immer wieder aneinandergeraten. Wie wäre es stattdessen, von einem Ort des klaren, geerdeten Selbstgewahrseins aus zu beginnen? Gesammelt und respektvoll in den Kontakt mit einem anderen Menschen hineinzugehen?
Mit Präsenz zu beginnen ist der erste Schritt zu gelingenden Gesprächen; es ist eine reichhaltige und tiefe Praxis mit vielen Dimensionen. Das Wichtigste dabei ist, dass wir Gespräche aus der Einfachheit und Kraft unserer eigenen Präsenz initiieren.
Mit Präsenz zu kommunizieren, bedeutet auch, dass wir während des Gespräches das Gewahrsein aufrechtzuerhalten versuchen. Es ist ein fortwährender Prozess, in dem wir immer wieder zur Präsenz zurückkehren und so gut wie möglich bewusst zuhören und sprechen. Dazu in der Lage zu sein erfordert Übung, insbesondere in der Hitze eines schwierigen Gesprächs. Haben wir diese Fertigkeit erst einmal entwickelt, erinnert unser Nervensystem sich von selbst daran, gegebenenfalls in die Präsenz zurückzufinden. Wie ein Kreisel, der in sein Zentrum zurückkehrt, bemerken wir es schneller, wenn wir im Autopilotmodus oder in einer Reaktion stecken geblieben sind, und richten uns wieder neu aus.
Was also ist achtsame Präsenz? Einfach gesagt bedeutet Achtsamkeit zu erkennen, was jetzt gerade passiert, auf eine ausgeglichene und nichtreaktive Weise. Sie ist wie das scharfe, beobachtende Auge einer Naturwissenschaftlerin, die ihr Objekt geduldig, mit Klarheit, Interesse und Staunen studiert.
Achtsamkeit bedeutet, sich auf eine ausgeglichene, nichtreaktive Weise gewahr zu sein, was im gegenwärtigen Moment geschieht.
Achtsamkeit ist kein rein mentaler Vorgang. Es ist ein intimes, verkörpertes Gewahrsein der Fülle des Lebens: Empfindungen, Gefühle, Klänge, Bilder. Da die Tendenz besteht, Achtsamkeit mit einer mentalen Übung zu assoziieren, verwende ich den Begriff »Präsenz« zur Beschreibung der Erfahrung achtsamen Gewahrseins.12
Um Ihnen einen Geschmack davon zu vermitteln, wovon ich hier spreche, lassen Sie uns ein einfaches Experiment machen.
Übung: Den Körper spüren
Können Sie sich, genau jetzt, während Sie dies hier lesen, der Empfindungen Ihres Körpers gewahr sein? Vielleicht spüren Sie Schwere oder Druck an den Stellen, an denen Ihr Gesäß und Ihre Oberschenkel Kontakt zum Stuhl haben, oder die Berührung der Füße mit dem Boden. Bringen Sie Ihre Aufmerksamkeit zu diesen Kontaktstellen. Waren Sie sich vor einigen Augenblicken, bevor ich Sie dazu angeregt habe, dieser Empfindungen schon bewusst? Wie schwer oder leicht ist es Ihnen gefallen, sich Ihrer unmittelbaren Erfahrung in diesem Moment bewusst zu werden?
Achtsame Präsenz hilft uns auch dabei, unsere Erfahrung genauer zu untersuchen. Ähnlich einem Vergrößerungsglas ist sie ein Instrument, das wir dazu verwenden können, unsere Sehkraft zu verfeinern. Sie ermöglicht uns, den Prozess der Kommunikation präzise zu beobachten: unser Sprechen, unser Zuhören, ja selbst unsere innere Welt samt der darin enthaltenen Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühle.
Achtsamkeit beinhaltet auch eine gewisse Ausdauer, die Fähigkeit, das Gewahrsein aufrechtzuerhalten. Sie hilft uns, uns an die Methoden zu erinnern, die wir gelernt haben. Denn auch wenn wir alles Mögliche über gute Kommunikation wissen, wenn wir uns nicht daran erinnern, wird uns das nicht viel bringen!
Wie Sie sicherlich gerade erleben konnten, ist es leicht, einen Moment lang achtsam zu sein. Herausfordernd ist es hingegen, dieses Gewahrsein kontinuierlich werden zu lassen, es längere Zeit aufrechtzuerhalten. Sind Sie sich immer noch Ihres sitzenden Körpers bewusst? An dieser Stelle kommt die Praxis ins Spiel, mit der wir unsere Präsenz durch geduldige, freundliche Wiederholung aktiv stärken.
Auf unseren Stärken aufbauen
Wenn wir unsere Fähigkeit zu Präsenz vertiefen wollen, können wir uns zunächst darüber klar werden, wo unsere Stärken liegen und in welchen Bereichen wir uns noch weiterentwickeln wollen.
Übung: Reflexion über Präsenz
Was hilft Ihnen dabei, mit der Präsenz in Kontakt zu bleiben? Was führt dazu, dass Sie die Verbindung verlieren? Nehmen Sie sich Zeit, darüber nachzudenken und die einzelnen Punkte aufzuzählen.
Je länger Sie über diese Fragen nachdenken, desto mehr Überraschendes mag dabei auftauchen. Vielleicht stellen Sie fest, dass Sie bereits einiges über Präsenz wissen! Hier ein paar häufig genannte Beispiele:
Wodurch wir uns mit Präsenz verbinden können
verlangsamen
atmen
Zeit mit Freunden verbringen
in der Natur sein
Berührung
Musik
Sonne
Regen
Schönheit
Wodurch wir die Verbindung zur Präsenz verlieren können
Stress
Müdigkeit
Hunger
Eile
Angst
etwas wollen
Ungeduld
sich bedroht fühlen
Mangel an Sicherheit
Je genauer wir wissen, was uns mit der Präsenz verbindet oder von ihr trennt, desto leichter wird es, das auch in unserem Leben zu erkennen. Ich zum Beispiel verliere die Präsenz meist, wenn ich in Eile bin. Dann unterlaufen mir leichter Versehen: Mir fällt etwas herunter, ich vergesse mein Mittagessen, oder ich sage etwas Harsches.
Vor einigen Jahren musste ich dies auf schmerzvolle Weise erfahren. Ich war auf der Abschiedsparty für meine Freundin Evan, die gerade ein Jahr ehrenamtliche Arbeit in einem Meditationszentrum beendet hatte. Wir hatten geplant, nach der Party an der kalifornischen Küste entlang nach Norden zu fahren, und ich hatte einen Termin ausgemacht, um für diesen Ausflug ein Radio ins Auto einbauen zu lassen. Auf klassisch romantische Weise wollte ich, dass alles perfekt war.
Je näher unsere Abfahrt rückte, desto mehr geriet ich in Sorge, den Termin zu verpassen. Ohne große Abschiedsworte verkündete ich schließlich, dass wir bald aufbrechen müssten. Um uns nicht in Verlegenheit zu bringen, kam Evan meiner Aufforderung nach, aber als wir an der Autowerkstatt ankamen, war sie in Tränen aufgelöst. Sie war aufgebracht, dass ich ein für sie bedeutsames Erlebnis vorzeitig beendet hatte und dass sie sich nicht dagegen gewehrt hatte. In meiner Fixierung darauf, den »perfekten Ausflug« zu organisieren, hatte ich gar nicht mitgekriegt, dass sie bereits eine sehr schöne Zeit hatte.
Ich dachte viel über diesen Vorfall nach, über die unbeabsichtigten, schmerzhaften Konsequenzen dessen, dass ich meine Präsenz verloren hatte.13 Im Großen und Ganzen betrachtet, ist es natürlich ein relativ harmloses Beispiel. Dennoch: Da ich nun um den Preis der Eile weiß, bin ich wachsamer. Dieser innere Druck ist ein Signal, das mir sagt: »Pass auf – du verlierst gerade deine Präsenz!« Er dient mir als Erinnerung daran, auch in solchen Situationen ganz hier zu sein.
So gut wie alles in unserer Zivilisation zieht uns von der Präsenz ab. Der Druck, in der modernen Gesellschaft seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, fordert außerordentlich viel Zeit und Energie ein – eine Forderung, die nur wenig Raum lässt, um achtsames Gewahrsein zu kultivieren.
Unsere schnelllebige Touchscreen-Kultur bombardiert uns jeden Tag mit Botschaften, die in die Zukunft weisen, versucht uns zu überzeugen, dass unser Glück im schnellen Vergnügen, in einem neuen Gerät oder in der nächsten aufregenden Erfahrung wartet. Unsere Newsfeeds sind mit Algorithmen programmiert, die uns maximal in den Bann ziehen sollen, was zu noch mehr Ablenkung führt. In diesem Blitzlichtgewitter aus Information und Konsum nimmt die Interaktion von Angesicht zu Angesicht einen immer kleiner werdenden Teil des Lebens ein. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie viele Leute in der Öffentlichkeit auf ihre Handyscreens starren, sogar in Parks oder Restaurants? Doch egal, wie lange wir uns im Internet die Zeit vertreiben oder uns in Gedanken verlieren, wir alle kommen irgendwann wieder in die Präsenz zurück, hierher, in unseren Körper.
Präsenz erkennen
Unser natürlicher Seinszustand ist der einer entspannten, offenen Wachheit, gekennzeichnet durch Zufriedenheit und Wohlbefinden. Dies ist so in uns angelegt. Evolutionär bedingt haben wir die Anlagen dazu, auf zutiefst eingestimmte Weise zu leben. Selbst in unserer modernen Welt mit all ihrer Eile und ihren Ablenkungen muss Präsenz kein bloßer Zufall sein. Wir können unsere Fähigkeit stärken, in diesem ausgeglichenen Zustand zu ruhen, es zu bemerken, wenn wir ihn verlassen haben, und immer wieder zu ihm zurückzukehren.
Übung: Sich orientieren
Nutzen Sie die folgende einfache Übung, um in einen Zustand natürlicher Präsenz zurückzukehren.
Nehmen Sie sich einige Minuten Zeit, um sich in Ihrer Umgebung umzuschauen. Lassen Sie Ihre Augen umherwandern, und seien Sie neugierig, was Sie sehen. Entdecken Sie etwas Neues oder anderes? Lassen Sie Kopf und Nacken mit der Bewegung mitgehen, während Sie sich umsehen.
Nehmen Sie das Sehen als reine Erfahrung wahr: Formen, Farben, Licht, Linien. Was zieht Ihren Blick von ganz allein an? Falls es etwas gibt, was Sie interessiert, lassen Sie Ihren Blick dort verweilen. Führen Sie diese Erkundung in Ihrem eigenen Tempo fort.
Nehmen Sie wahr, wie Sie sich fühlen, nachdem Sie sich umgeschaut haben. Vielleicht spüren Sie, dass Sie einen spontanen, tiefen Atemzug nehmen, wenn Ihr Körper zur Ruhe kommt. Wenn wir die Augen, den Kopf und den Nacken auf diese Weise einsetzen, wird der ventrale Vagusnerv aktiviert, und den in uns angelegten Schutzmechanismen wird signalisiert, dass wir in der unmittelbaren Umgebung in Sicherheit sind. Probieren Sie diese Orientierungsübung in verschiedenen Situationen aus, und nehmen Sie wahr, welche Auswirkungen sie auf Ihren Geist und Ihren Körper hat.
Aufrichtigkeit: Präsenz bedeutet Authentizität
Wenn wir mit der Präsenz beginnen, bedeutet das nicht, dass wir nur in einer ganz bestimmten Weise empfinden sollen – so wären wir ziemlich eingeschränkt. Präsenz bedeutet, authentisch zu sein. Es ist die Bereitschaft, uns selbst gegenüber aufrichtig zu sein in Hinblick auf das, was wir erleben.
Manchmal sind wir sprichwörtlich »durch den Wind«. Wir reagieren nervös, ärgerlich oder gereizt. Die große Stärke von Achtsamkeit ist, dass es nicht darum geht, eine bestimmte Erfahrung zu machen. Vielmehr ist es die Fähigkeit, unmittelbar zu erkennen und zu fühlen, was vor sich geht, ohne sich in solchen Reaktionen zu verlieren – also nichtreaktiv. Präsenz in ein Gespräch zu bringen bedeutet, erst einmal alles zu akzeptieren, was in unserem Erleben auftaucht: »Das ist die Wahrheit. Das geschieht jetzt gerade.«
Das heißt nicht, dass wir abträgliche Handlungsweisen billigen oder immer alle einer Meinung sind. Es schließt nicht aus, dass wir kraftvoll handeln, und es heißt auch nicht, dass wir unbedingt alles aussprechen, was uns durch den Kopf geht. Es bedeutet lediglich, dass wir die Realität dessen anerkennen, was gerade geschieht. Wenn wir nicht uns selbst gegenüber ehrlich sein können, wie können wir dann erwarten, andere wirklich zu hören, geschweige denn, eine Lösung in einer schwierigen Situation zu finden?
Diese Art von Aufrichtigkeit gibt uns verlässliche Informationen dazu, was in uns und in unserem Umfeld geschieht. Wir lernen, unmittelbaren Zugang zu unseren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu finden und das Erleben der anderen besser einzuschätzen. Das hilft uns wiederum zu erkennen, was wir sagen müssen, um uns gehört zu fühlen, nach vorn zu schauen oder eine Differenz beizulegen.
Prinzip: Beginnen Sie mit Präsenz. Gehen Sie mit Gewahrsein in das Gespräch hinein, kehren Sie zu diesem Gewahrsein zurück, und versuchen Sie, es aufrechtzuerhalten und sich selbst gegenüber ehrlich zu sein in Hinblick auf das, was Sie gerade erleben.
Die Öllampe: Präsenz und Reaktivität
Eine Zeit lang leitete ich in Oakland Achtsamkeitskurse für Kinder im Grundschulalter. Sie erzählten mir oft Geschichten darüber, wie Achtsamkeit ihnen dabei half, mit heftigen Gefühlen umzugehen. Ein Junge berichtete von einer Situation, in der er so wütend wurde, dass er seine Schwester treten wollte. »Dann erinnerte ich mich an das achtsame Atmen, nahm ein paar Atemzüge und beruhigte mich.«
Wenn die Spannung groß ist, kann Präsenz uns erden. Je vertrauter wir mit dem Gefühl der Präsenz sind, desto eher nehmen wir Anzeichen einer Erregung wahr. Es ist ähnlich wie das Lämpchen im Auto, das auf einen niedrigen Ölstand hinweist. Wenn wir dieses frühe Warnsignal bemerken, können wir uns eine Menge Ärger ersparen. Was passiert, wenn Sie wütend, ängstlich oder verletzt sind? Beschleunigt Ihre Atmung? Pressen Sie den Kiefer zusammen? Wird Ihnen heiß oder kalt? Beginnen Sie, gedanklich abzudriften? Anstatt »Ihre Schwester zu treten«, können Sie Achtsamkeit nutzen, um diese Signale wahrzunehmen, sich innerlich Raum zu schaffen und bewusst zu entscheiden, wie Sie reagieren wollen.
Prinzip: Je bewusster wir sind, desto mehr Möglichkeiten haben wir.
Erregt zu sein ist nichts Schlimmes – ein normaler, gesunder Teil unseres Lebens. Es kann nur dann problematisch werden, wenn wir unsere Bewusstheit verlieren. Allerdings führt die Geschwindigkeit des modernen Lebens bei vielen Menschen dazu, dass sie die meiste Zeit über mit einem sympathisch aktivierten Nervensystem herumlaufen. Ob es der stressige Weg zur Arbeit ist, der Berg an zu bewältigenden Aufgaben oder sogar das Koffein, das wir konsumieren, mitunter leben wir ständig in einem Zustand leichter Panik, immer im Alarmbereitschaft. Wenn wir nichts dagegen unternehmen, kann das zu unnötigen zwischenmenschlichen Konflikten führen. Durch die Achtsamkeitspraxis lernen wir, die Unruhe zu besänftigen, die mit der Überaktivierung einhergeht. Selbst etwas so Einfaches wie langes, langsames Ausatmen kann dem Nervensystem schon helfen, sich zu beruhigen.
Achtsame Präsenz üben
Ich finde es wunderbar, dass die Achtsamkeitspraxis so ortsunabhängig und flexibel ist. Man kann jederzeit, überall und ohne besondere Ausstattung oder Umstände achtsam sein. Es muss noch nicht einmal jemand anders mitbekommen. Man kann Achtsamkeit inmitten des alltäglichen Lebens praktizieren – den Atem und den Körper spüren; Geräusche, Gedanken oder Gefühle wahrnehmen.
Für die Kommunikation ist es wichtig, ein einfaches Mittel wie Achtsamkeit zu haben, das man immer bei sich weiß. Ich empfehle Ihnen, sich jeden Tag etwas Zeit für die formale Achtsamkeitspraxis zu gönnen. Es ist ein bisschen so etwas wie ein Universalschlüssel, mit dem man die Türen des Herzens und des Geistes zu öffnen vermag. Selbst wenige Minuten Praxis können schon eine positive Auswirkung auf Ihren Tag haben und Ihnen frische Energie, Klarheit und ein Gefühl von Sinnhaftigkeit schenken.
Eine der verlässlichsten Methoden zur Kultivierung von Präsenz ist die Verankerung der Aufmerksamkeit in den Körperempfindungen. Während wir uns durch unseren Alltag bewegen und mit anderen Menschen in Kontakt sind, geht unsere Aufmerksamkeit meist schnell nach außen zu dem, was wir sehen und hören, oder sie wird von Gedanken über die Vergangenheit oder die Zukunft vereinnahmt. Wenn wir die Aufmerksamkeit im Körper verankern, setzen wir dieser Neigung etwas entgegen und geben unserem Bewusstsein einen Ruhepol. Empfindungen entstehen nur im Hier und Jetzt. Immer wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf eine Empfindung richten, sind Sie für diesen Moment präsent.
Ich möchte Ihnen vier einfache Methoden zur Kultivierung von Präsenz vorstellen. Jede nutzt ein bestimmtes Erleben durch die Sinne – genannt »Bezugspunkt« oder »Anker« –, um die Aufmerksamkeit im Körper zu erden: das Gewicht, die Körpermittellinie, den Atem und Berührungspunkte an den Händen oder Füßen.
Ein Anker ist ein Bezugspunkt, zu dem wir zurückfinden, um achtsame Präsenz zu stärken.
Es geht nicht darum, all diese Methoden meisterhaft zu beherrschen, sondern vielmehr darum, eine oder zwei zu finden, die Ihnen helfen, sich inmitten Ihres Alltags wacher und geerdeter zu fühlen. Experimentieren Sie mit den folgenden Anleitungen. Sie können jede Übung einzeln machen oder auch als Sequenz, bei der Sie fließend von einer zur nächsten übergehen. Achten Sie beim Üben darauf, was Ihnen am leichtesten fällt. Die beste Methode ist die, die Sie mit Ihrer Präsenz in Kontakt bringt.
Übung: Erdung durch den Körper
Methode 1: Die Schwerkraft spüren
Setzen Sie sich bequem hin. Nehmen Sie sich zunächst einige Augenblicke Zeit, um sich in Ihrer Umgebung zu orientieren und sich im Raum umzusehen. Finden Sie eine aufrechte Körperhaltung, die zugleich entspannt ist. Schließen Sie sanft die Augen, und atmen Sie einige Male tief ein und aus, um sich einzugewöhnen.
Spüren Sie, ob Sie Empfindungen von Gewicht und Schwere in Ihrem Körper wahrnehmen können. Vielleicht nehmen Sie den Kontakt des Körpers mit dem Stuhl wahr; spüren Sie, ob die Oberfläche, auf der Sie sitzen, eher hart oder weich ist. Vielleicht haben Sie auch ein Gefühl für Ihren gesamten Körper, wie er dasitzt, seine Gestalt oder Wärme. Lassen Sie Ihre Aufmerksamkeit in diesen Empfindungen ruhen. Können Sie die nach unten strebende Kraft der Schwerkraft spüren?
Falls Sie bemerken, dass Ihre Aufmerksamkeit zu etwas anderem gewandert ist, lassen Sie sanft davon ab, und bringen Sie sie zurück zu dem Gefühl von Gewicht oder Schwere in Ihrem Körper. Verankern Sie Ihre Aufmerksamkeit darin.
Methode 2: Die Körpermittellinie
Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Oberkörper. Spüren Sie, wie er sich von der Hüfte und dem Becken aus nach oben erstreckt. Können Sie den Rücken, die Schultern und den Nacken wahrnehmen? Probieren Sie aus, ob Sie die Mittellinie des Oberkörpers empfinden können. Versuchen Sie, Ihre Wirbelsäule zu spüren, vom Steißbein aus, den Rücken entlang bis zur Schädelbasis. Sie können sich auch eine Linie vorstellen, die durch die Mitte Ihres Torsos verläuft, genau in der Mitte zwischen der Vorder- und Rückseite und der Mitte zwischen der rechten und linken Seite.
Den Oberkörper sanft zu bewegen kann dabei helfen, die Mittellinie zu finden. Pendeln Sie leicht vor und zurück, bis Sie in der Mitte ausbalanciert sind. Machen Sie das Gleiche zur rechten und zur linken Seite. Lassen Sie dann die Schultern und den Oberkörper jeweils ein oder zwei Grad zu den Seiten rotieren. Können Sie die Achse spüren, um die herum der Körper sich dreht? Das ist die Mittellinie. Probieren Sie aus, ob Sie die Aufmerksamkeit hier ruhen lassen können, in der Mittellinie des Körpers. Können Sie die Aufrichtung des Körpers spüren?
Methode 3: Atmen
Sitzen Sie in Stille, und stimmen Sie sich auf die Empfindungen des Atmens ein. Probieren Sie aus, ob Sie die Aufmerksamkeit in der Empfindung des Einatmens und des Ausatmens ruhen lassen können. Sie müssen andere Empfindungen, Geräusche oder Gedanken nicht ausblenden. Stimmen Sie sich einfach auf den gleichmäßigen Rhythmus des Einatmens und Ausatmens ein, in etwa so, wie Sie Wellen zuhören würden, die am Strand aufschlagen. Lassen Sie den Atem ganz natürlich in den Vordergrund der Aufmerksamkeit treten.
Es ist normal, dass der Geist zu Gedanken, Geräuschen oder anderem schweift. Wann immer Sie das bemerken, bringen Sie Ihre Aufmerksamkeit zum Atem zurück, mit Wertschätzung für Ihre zunehmende Achtsamkeit.
Methode 4: Berührungspunkte
Erkunden Sie sehr empfindsame Bereiche Ihres Körpers. Bringen Sie die Aufmerksamkeit zunächst ganz in Ihre Hände. Spüren Sie, welche Empfindungen dort sind: Wärme oder Kühle, Kribbeln, Pulsieren oder Schwere, vielleicht auch Feuchtigkeit oder Trockenheit. Lassen Sie die Aufmerksamkeit in den Empfindungen der Hände ruhen. Vielleicht spüren Sie auch, wie die Hände sich berühren oder in Ihrem Schoß liegen.
Bringen Sie die Aufmerksamkeit nun zu den Füßen, und nehmen Sie die Empfindungen dort wahr: Temperatur, Gewicht, Beschaffenheit, den Kontakt zum Boden, den Druck der Schuhe. Lassen Sie Ihre Aufmerksamkeit in den Empfindungen der Füße ruhen.
Sie können diese Übung auch mit jedem anderen Bereich Ihres Körpers ausführen, der sehr empfindsam ist, zum Beispiel den Lippen, der Zunge oder den Augen. Wenn Ihr Geist umherwandert, bringen Sie ihn sanft zurück zu dem jeweiligen Bereich.
Den Aufmerksamkeitsfokus verschieben
Probieren Sie aus, den Aufmerksamkeitsfokus zwischen diesen vier Aspekten zu verschieben: Schwerkraft, Körpermittellinie, Atmung und einem Berührungspunkt (Hände, Füße, Lippen). Was fällt Ihnen am leichtesten? Was hilft Ihnen am meisten dabei, sich auf natürliche Weise mit der Präsenz zu verbinden, mit dem Gefühl, entspannt und körperlich anwesend zu sein?
Wenn Sie bereit sind, öffnen Sie die Augen. Schauen Sie sich im Raum um, und orientieren Sie sich nochmals in Ihrer Umgebung. Nehmen Sie sich etwas Zeit, um über die Übungen zu reflektieren. Welchen dieser vier Wege in die Präsenz möchten Sie in dieser Woche üben?
Jede Methode hat ihre eigene Stärke. Die nach unten ziehende Kraft der Schwerkraft hilft, die stimulierende Aufwärtsbewegung der Aufmerksamkeit auszugleichen, die in Gesprächen entsteht. Das Spüren der Mittellinie kann zum Gefühl von innerer Kraft und Klarheit beitragen. Das Atmen kann uns beruhigen, während der Fokus auf den Berührungspunkten die Intensität von Gefühlen abflauen lassen kann. Sie können natürlich auch kreativ werden und Ihre eigenen Wege finden, Ihre Präsenz zu stärken. So haben zum Beispiel einige Menschen immer einen glatten Stein in der Tasche und nutzen sein Gewicht und die Berührung seiner glatten Oberfläche als Erinnerungshilfe.
Präsenz ins Leben bringen
Sie haben die letzten Seiten wahrscheinlich innerhalb weniger Minuten durchgelesen, doch diese Praktiken ins Leben zu integrieren dauert seine Zeit. Wählen Sie eine Methode aus, mit der Sie beginnen wollen, und probieren Sie die Praxis auf drei verschiedene Weisen aus: allein (formale Meditation), bei Übergängen (in der Warteschlange, auf dem Weg zur Arbeit) und in Gesprächen (zunächst während Sie zuhören).
Wenn Sie allein sind, richten Sie Ihre Aufmerksamkeit hundertprozentig auf den Anker. Bei den Übergängen fokussieren Sie sich so sehr darauf, wie es Ihnen angebracht erscheint. Wenn Sie mit jemandem im Kontakt sind, richten Sie bloß zehn oder zwanzig Prozent Ihrer Aufmerksamkeit darauf. Zunächst mag Ihnen das in Gesprächen merkwürdig vorkommen. Es kann sich so anfühlen, als ob Ihre Aufmerksamkeit zwischen Ihrem Anker und dem Gespräch hin- und herspringt. Das ist ganz normal. Mit der Zeit wird Ihr Geist lernen, das, was von außen durch die Sinne hineinkommt, mit einer geerdeten inneren Präsenz auszugleichen, sodass Sie sich während eines Gesprächs nebenbei auch Ihres Körpers gewahr bleiben können.
Zu Beginn besteht die Arbeit vor allem darin, dass Sie sich daran erinnern, präsent zu sein. Eine Möglichkeit, sich darin zu unterstützen, ist es, sich jeden Morgen ein wenig Zeit zu nehmen, um eine Intention zu formulieren, und dann am Ende des Tages zu reflektieren, wie es gelaufen ist. Für diese Praxis reichen schon zwei Minuten. Sie können sich aber natürlich auch mehr Zeit dafür nehmen.
Übung: Den Tag bewusst beginnen und abschließen
Morgens: Nehmen Sie nach dem Aufstehen einige bewusste Atemzüge, um Ihren Geist zur Ruhe zu bringen und Ihren Körper zu spüren. Bringen Sie Ihre Aufmerksamkeit zu dem Bezugspunkt, mit dem Sie arbeiten wollen: Schwerkraft, Mittellinie, Atem oder ein Berührungspunkt. Nehmen Sie wahr, wie es sich jetzt gerade anfühlt, präsent zu sein. Formulieren Sie dann eine klare Intention, während des Tages zu diesem Bezugspunkt zurückzukehren, so oft es möglich ist, um Ihre Präsenz zu unterstützen. Stellen Sie sich die Situationen vor, in denen Sie praktizieren wollen: auf dem Weg zur Arbeit, in einer Besprechung oder im Beisein einer bestimmten Person.
Abends: Nehmen Sie sich am Ende des Tages etwas Zeit, um zu reflektieren. Haben Sie sich erinnert? Wann? Welche Wirkung hatte es? Machen Sie diese Reflexion in einer inneren Haltung von Neugier und Wärme, und achten Sie darauf, ob Sie sich selbst kritisieren. Was möchten Sie morgen anders machen? Haben Sie Ideen dazu, wie Sie sich daran erinnern können, mit Präsenz in den Tag zu starten?
Diese strukturierte tägliche Praxis kann enorm nützlich sein, um Ihren Geist zu schulen. Wenn Sie die Anregungen in diesem Buch ausprobieren möchten, können Sie diese Art von Reflexion für jede der drei Grundlagen der achtsamen Kommunikation und die dazugehörigen Methoden nutzen.
Resilient werden
Bei einem Workshop hob eine Teilnehmerin die Hand und fragte mit schmerzerfülltem Gesicht: »Was ist, wenn es wehtut, hier zu sein?« In die Präsenz zurückzukehren, kann sich manchmal so anfühlen, als ob man auf das falsche Ende einer Harke tritt: Völlig unerwartet bekommt man einen Schlag ins Gesicht. Wir sind die ganze Zeit mit Hochgeschwindigkeit unterwegs; wenn wir dann endlich entschleunigen und wieder mit uns selbst in Kontakt kommen, kann es sein, dass wir es erst mal mit einem Rückstau aus körperlichem Unwohlsein, Stress oder emotionalem Schmerz zu tun bekommen.
Oft versuchen wir, Schmerzhaftes oder Unangenehmes durch Ablenkung oder Vergnügen zu lindern. Tatsächlich kann das auch dabei helfen, ein überlastetes Nervensystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Gefahr besteht allerdings darin, dass die Suche nach Erleichterung zu einem chronischen Reflex auf alles Unangenehme wird. Dann kann es passieren, dass wir irgendwann nicht mehr in der Lage sind, auch nur den leisesten Schmerz auszuhalten, ohne sofort etwas zu tun, um es zu verändern.
Wenn man dem Schmerz jedoch mit authentischem Wohlwollen und Präsenz begegnet, kann etwas Tolles geschehen – nämlich Heilung. Geduldige, stete Aufmerksamkeit lindert emotionalen Schmerz. Denken Sie nur einmal daran, wie es sich anfühlt, wenn man Kummer hat und ein anderer Mensch einem mit Empathie und Präsenz begegnet.
Ich war neunzehn, als ich anfing, in einem Kloster am anderen Ende der Welt, in Indien, den Buddhismus zu studieren. Ich hatte ziemliches Heimweh, und der Leiter für Auslandsstudien ermutigte mich, mit einem der Meditationslehrer darüber zu sprechen, wie ich mich fühlte.
Godwin Samararatne war ein hochgewachsener Mann aus Sri Lanka mit sanften Augen und einem ausgelassenen Lachen. Seine tiefbraune Haut bildete einen deutlichen Kontrast zu seinem traditionellen weißen Gewand. Wir saßen einander in einem sonnigen Raum gegenüber, und Godwin hörte zu, während ich darüber sprach, wie sehr mir meine Familie und meine Freundin fehlten. Nach einer Weile neigte er leicht den Kopf und fragte: »Wo tut es denn weh?« Ich deutete auf die Mitte meiner Brust und fühlte den Schmerz nun ganz unmittelbar.
Die Tränen stiegen mir in die Augen, während der Schmerz von meinem Herzen in meinen Hals aufstieg. Godwin sah mir in die Augen und nickte langsam. Für einen Moment wurde der Schmerz noch intensiver, dann flaute er ab und verschwand. Ich strahlte ihn an und dankte ihm, in dem Glauben, er habe ein Wunder bewirkt. Es sollte noch lange dauern, bis ich verstand, was tatsächlich geschehen war: Sein Mitgefühl hatte mich in die Präsenz eingeladen, dazu, den Schmerz zu fühlen und ihn vorüberziehen zu lassen.
Wenn wir tiefer die Muster erforschen, die unsere Kommunikationsgewohnheiten antreiben, kann es sein, dass wir schwierige Gefühle oder schmerzhafte Erinnerungen entdecken. Präsenz ist eine essenzielle Ressource, um mit diesen Stellen umzugehen. Sie ist ein Weg in die Widerstandskraft, die Resilienz, und hilft uns, die uns innewohnenden heilsamen und selbstregulierenden Fähigkeiten von Geist und Körper zu aktivieren. So wie unsere Zellen wissen, wie sie einen Schnitt heilen, besitzt unsere Psyche die Intelligenz, emotionale Wunden heilen zu lassen. Mit Zeit, Unterstützung und liebevoller Präsenz können unsere Herzen genesen.
Eine positive Rückkopplung erzeugen
Während Sie dazu aufbrechen, mehr Präsenz in Ihr Leben zu bringen, bemerken Sie vielleicht, wie schwer das ist. Einer meiner ersten Meditationslehrer sagte gern: »Achtsamkeitspraxis ist einfach, aber nicht leicht.« Wir können einen ganzen Tag verleben, ohne uns auch nur ein einziges Mal daran zu erinnern, präsent zu sein! Und wenn wir uns doch erinnern, ist unsere Reaktion darauf oft selbstkritisch.
Mitunter haben wir so unrealistische Erwartungen an uns selbst, als ob wir von Tag eins an Experten sein müssten. Es ist völlig normal, es zu vergessen. Gehen Sie davon aus, dass Sie es sehr oft vergessen werden. Mit anderen Worten: Wenn Sie sich erinnern, ist das wirklich toll. Unsere Kommunikationsgewohnheiten haben viel Eigendynamik; denken Sie an die Metapher, ein Schiff auf hoher See zu wenden. Unsere Aufgabe ist es, das Ruder im »richtigen Winkel zu halten«. Selbst ein klein wenig mehr Präsenz in einem Gespräch wird mit der Zeit tiefgreifende Veränderungen nach sich ziehen.
Anstatt uns selbst dafür zu schelten, dass wir es vergessen haben, ist der Schlüssel zum Erfolg, es wertzuschätzen, wenn wir uns erinnern. Jeder Moment der Achtsamkeit stärkt das Gewahrsein. Das ist ein Anlass zum Feiern, nicht zum Verurteilen. Wir lernen mehr durch warmherzige Ermutigung als durch harsche Kritik. Wenn Sie einem Kind das Rechnen beibringen und jedes Mal wütend werden, wenn es einen Fehler macht, wie viel wird dieses Kind dann lernen? Wird es sich überhaupt mit Mathematik befassen wollen?
Wenn Sie sich diese Einsicht zu Herzen nehmen, werden Sie feststellen, dass die Achtsamkeit schneller und mit mehr Freude und Leichtigkeit zunimmt. Das Geheimnis ist geduldiges und freundliches Dranbleiben. Beginnen Sie mit Präsenz, sooft Sie sich daran erinnern, und lassen Sie sich den Rest natürlich entfalten.
Die Kraft der Präsenz
Wir können so wortgewandt sein, und doch reichen Worte oft nicht aus, um das auszudrücken, was in unserem Leben am bedeutsamsten ist. In Momenten tiefer Liebe und Intimität wie auch in Momenten großer Verluste und Tragödien sagt unsere einfache, beständige Präsenz am meisten.
Eine der schwierigsten Aufgaben in meinem Leben war es, mich von Safta zu verabschieden, der Mutter meines Vaters. Ich war vierzehn, als ihr Krebsleiden metastasierte. Ich begleitete meinen Vater auf seiner Reise zu ihr nach Israel.
Safta und ich hatten niemals die gleiche Sprache gesprochen, aber im Lauf der Jahre viele liebevolle Momente geteilt, während wir Karten spielten oder uns einfach an den Händen hielten und lachten. Sie hatte unglaubliche Hände. Sie waren klein und rau, Hände, die einem Huhn den Hals umdrehten, ebenso wie sie mir zärtlich übers Gesicht streicheln konnten. Die Haut an Saftas Händen schaffte es irgendwie, zugleich prall wie auch faltig zu sein. Ich kann die Lebendigkeit und Wärme dieser Hände noch heute spüren.
Mein Vater und ich besuchten sie jeden Tag im Pflegeheim. Bei unserem letzten Besuch verbrachten wir einige Zeit gemeinsam im Innenhof und gingen dann zurück in ihr Zimmer. Mir liefen die Tränen über die Wangen, als ich ihr in gebrochenem Hebräisch sagte, dass ich sie liebte und sie vermissen würde. Dann hielten wir uns für einen langen, stillen Moment an den Händen. Es war ein Abschied ohne Worte und der bedeutungsvollste, den ich mir je hätte wünschen können.
Manchmal ist es unsere Präsenz, die am meisten sagt.
Prinzipien
Präsenz schafft die Basis für die Verbindung von Mensch zu Mensch.
Beginnen Sie mit Präsenz. Gehen Sie mit Gewahrsein in das Gespräch hinein, kehren Sie zu diesem Gewahrsein zurück, und versuchen Sie, es aufrechtzuerhalten und sich selbst gegenüber ehrlich zu sein in Hinblick auf das, was Sie gerade erleben.
Die wichtigsten Punkte
Präsenz hat uns viel zu geben:
Sie gibt uns unser Leben zurück, sie macht uns wach für den gegenwärtigen Moment.
Sie hilft uns, uns daran zu erinnern, die erlernten Kommunikationsmethoden auch anzuwenden.
Sie liefert uns wichtige Informationen über uns und andere Menschen.
Sie gibt uns frühe Warnsignale, wenn wir erregt oder verärgert sind.
Sie gibt uns inneren Raum und Halt, um mit unseren Reaktionsmustern umzugehen.
Sie hilft uns, emotionale Schmerzen oder Verletzungen zu heilen.
Präsenz ist unser natürlicher Zustand. Wir können Präsenz entwickeln, indem wir:
uns auf wache und ausgeglichene Weise in unserer Umgebung orientieren,
erkennen, was uns dabei hilft, mit der Präsenz verbunden zu bleiben, und was uns davon trennt,
Achtsamkeit auf den Körper praktizieren und uns mithilfe eines Ankers erden: Schwerkraft, die Körpermittellinie, die Atmung, Berührungspunkte wie Hände oder Füße,
den Tag mit einer Intention beginnen und abschließen,
eine positive Rückkopplung erzeugen, indem wir es wertschätzen, wenn wir uns daran erinnern, präsent zu sein, anstatt uns zu verurteilen.
Fragen und Antworten
Manchmal fühle ich mich sehr präsent, wenn jemand anders spricht, aber ich bin mir dabei nicht unbedingt meines Körpers bewusst. Ist das trotzdem Präsenz?
Es gibt viele Möglichkeiten, präsent zu sein. Wir können mental und intellektuell im Hier und Jetzt sein, emotional mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen und somatisch mit unserem körperlichen Erleben. Wir versuchen, diese drei Bereiche zusammenzubringen. Wenn wir den Körper als Basis für unsere Präsenz nutzen, gibt uns das ein Gefühl der Ganzheit, und wir haben eine Grundlage, auf der wir andere Formen der Präsenz entwickeln können.
Ich habe versucht, präsenter und bewusster zu sein, wenn ich mit jemandem aus meiner Familie spreche. Aber das hat so viele Gefühle in mir ausgelöst, dass es mir schwerfiel, zu sprechen oder zuzuhören. Es schien fast so, als ob ich noch reaktiver würde. Was ist da los?
Es kann durchaus überfordernd sein zu fühlen, was in unserem Inneren los ist, besonders wenn es sich um ein schwieriges Gespräch handelt. Manchmal kann gesteigerte Präsenz Gefühle oder Dynamiken aufdecken, die bislang unter der Oberfläche verborgen waren. In anderen Situationen fühlen wir uns vielleicht eher offen und verletzlich. All das kann ein Gefühl der Desorientierung hervorrufen. Ich möchte Sie ermutigen, dennoch weiter möglichst präsent zu sein. Tun Sie Ihr Bestes, um im Gleichgewicht zu bleiben, egal, was hochkommt, denn die Alternative wäre, in den Autopilotmodus zu verfallen. Wenn Sie sich überfordert fühlen, können Sie jederzeit zu der anderen Person sagen: »Ich würde gern weitersprechen, aber ich bemerke, dass ich mich etwas überfordert fühle. Wäre es in Ordnung, wenn wir eine kurze Pause machen?«
Meistens fühle ich mich nicht sicher genug, um mich zu entspannen und präsent zu sein. Wie kann ich das üben, wenn ich mich nicht sicher fühle?
Es berührt mich sehr, diese Frage zu hören. Meiner Meinung nach verweist sie sowohl auf unsere Sehnsucht, uns von Mensch zu Mensch zu verbinden, als auch auf unsere Verletzlichkeit. So vieles in unserer Gesellschaft fördert nicht die Art von Entspannung, nach der sich unser Organismus sehnt: das Wohlgefühl warmer sozialer Kontakte und das Gefühl, einen Platz zu haben. Mir ist es wichtig, dass wir unsere individuelle Erfahrung im Kontext der größeren Strukturen unserer Gesellschaft verstehen, sonst neigen wir dazu, all unsere Herausforderungen zu persönlich zu nehmen und zu denken, dass wir irgendwie schuld daran seien.
Wenn wir bedenken, wie wenig unsere moderne Kultur durch ein Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit gekennzeichnet ist und wie wirtschaftlicher Druck die Zeit zum Aufbau einer gesunden Bindung zwischen Eltern und Kindern auf ein Minimum reduziert, ist es ganz klar, dass wir uns nicht entspannt und sicher fühlen! Vielleicht haben wir einen Mangel an Sicherheit aus negativen Erfahrungen internalisiert, die auf unserem Geschlecht, unserer sexuellen Orientierung, ethnischen Zugehörigkeit, sozialen Schicht oder einem anderen soziokulturellen Merkmal basieren. Es ist wichtig herauszufinden, an welchen Stellen wir Unterstützung brauchen, Ressourcen schaffen und daran arbeiten müssen, die strukturellen Ursachen dieser Probleme zu verändern.
Zudem ist es wichtig, unsere Annahmen zu überprüfen. Vielleicht suchen wir Sicherheit, indem wir uns an dem festklammern, was uns emotionale Geborgenheit vermittelt. Doch Sicherheit ist illusorisch. Wir können tun, was in unserer Macht steht, um Verletzungen zu vermeiden und eventuelle Misshandlungen zu beenden, und zugleich anerkennen, dass die Welt kein sicherer Ort ist, weder physisch noch emotional. Anstatt unsere Angst noch zu verstärken, kann diese Einsicht zu großer Lebendigkeit und Freiheit führen.
Die Methoden und Perspektiven, die ich hier mit Ihnen teile, können uns helfen, eine stabile Basis des Wohlbefindens und der Verbundenheit mit uns selbst zu schaffen, sodass unser Sicherheitsgefühl mehr von innen als von außen gestärkt wird. Hier ist das Prinzip, erst mal am »flachen Ende des Schwimmbeckens« zu üben, besonders wichtig. Halten Sie Ausschau nach Menschen oder Situationen, mit denen Sie sich eher sicher und eher entspannt fühlen, um mit dem Üben zu beginnen – und sei es mit Ihrem Haustier oder Ihrem Lieblingsbaum. Unser Nervensystem sehnt sich nach der beruhigenden Wirkung freundlicher sozialer Interaktion. Wir Menschen kennen sie seit Jahrtausenden, und unser Körper erinnert sich daran, wie wir uns untereinander verbinden, uns mitteilen und einander zuhören können, wenn wir nur die richtigen Umstände schaffen und alldem Gelegenheit geben.
12 Zwar unterscheiden viele Meditationsansätze zwischen den Begriffen »Achtsamkeit«, »Gewahrsein« und »Präsenz«, doch für unsere Zwecke gebrauche ich diese Begriffe synonym. Jede trägt eine etwas andere Konnotation der Erfahrung des bewussten Gewahrseins in sich.
13 Mir wurde auch klar, dass das unbewusste Ausleben der typischen Geschlechterrollen – der Mann hat das Sagen, die Frau fügt sich – zu der Situation beigetragen hatte.
3
Gewahrsein in Beziehungen
»Alles wahre Leben ist Begegnung.«
Martin Buber
Die Macht unserer Gewohnheiten und der soziale Druck in manchen Situationen kann es ausgesprochen schwierig machen, in Gesprächen präsent zu bleiben. Hier dient uns unsere innere Praxis als Basis. Wir betrachten das Gespräch als Übungsgelände für Präsenz, nutzen Techniken, um die Aufmerksamkeit zu verankern und mehr Gewahrsein in Beziehungen zu entwickeln.
Als ich nach fünf Jahren engagierter Achtsamkeits- zur Kommunikationspraxis kam, stellte ich fest, dass sich bestimmte Verhaltensweisen veränderten. Ich fing ganz natürlich an, bewusster zu sprechen und zuzuhören. Ich begann auch, kleine Veränderungen in meinem Sprechfluss vorzunehmen, Pausen zu machen oder die Geschwindigkeit ein wenig zu ändern, um mein Nervensystem zu regulieren. Schließlich lernte ich, mein Gewahrsein von meinem eigenen Körpergefühl ausgehend so weit werden zu lassen, dass es mein Gegenüber, unsere Verbindung und den Raum um uns herum umfasste.
Entscheidungspunkte: Sprechen oder zuhören?
Bewusst zu entscheiden, wann wir sprechen und wann wir zuhören, ist wesentlich für ein sinnvolles Gespräch. In mancherlei Hinsicht ist das die grundlegendste Kommunikationsfertigkeit. Wie oft haben Sie schon etwas gesagt und sich dann, nur wenige Augenblicke nachdem die Worte Ihrem Mund verlassen hatten, gewünscht, sie zurücknehmen zu können? Oder in einer E-Mail auf »Senden« gedrückt, obwohl es besser gewesen wäre, die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen? Und ebenso wichtig ist es, Mut zu fassen und zu sagen, was wir zu sagen haben. Wenn das unterbleibt, kann es sich so anfühlen, als hätten wir uns selbst oder die Menschen, die wir lieben, im Stich gelassen.
Ein Gespräch ist ein dynamisches Zusammenspiel zwischen der Entscheidung zu sprechen und der Entscheidung zuzuhören. Werden diese Entscheidungen bewusst und respektvoll getroffen, ist das Gespräch meistens produktiver und angenehmer. Fallen sie unbewusst oder impulsiv, ist das Gespräch weniger produktiv und stressiger.
Ich nenne diese Weggabelung den »Entscheidungspunkt«. Wenn wir präsent sind, gibt es in jedem Moment eine Entscheidungsmöglichkeit. Einer meiner Kollegen, der ebenfalls Gewaltfreie Kommunikation lehrt, verwendet das Akronym WAIT, um sich daran zu erinnern: »Warum spreche ich?« (»Why am I talking?«) – eine Frage, die darauf verweist, wie schnell und unüberlegt wir oft zu sprechen beginnen. Und mit der Frage »Was denke ich?« können wir uns den mentalen Prozess bewusst machen, der unsere Worte hervorbringt.
Ein Entscheidungspunkt ist ein Moment des Gewahrseins, in dem wir uns entscheiden, ob wir sprechen oder zuhören wollen.
Die Fähigkeit, an dem Entscheidungspunkt präsent zu sein, erfordert Übung. Manchmal fliegt er an uns vorbei wie ein Straßenschild, während wir mit Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn fahren. Der Impuls, uns mitzuteilen, kann so stark sein, dass er uns dazu treibt, etwas auszusprechen, bloß um inneren Druck abzulassen. Wenn wir hingegen eher zu den stilleren Gemütern gehören, mag es uns so vorkommen, als ob diese Gelegenheiten vorübergezogen sind, bevor wir unsere Stimme erheben konnten.
An dieser Stelle kommt Achtsamkeit ins Spiel. In der Meditation lernen wir, unangenehme Empfindungen zu beobachten (Knieschmerzen, Verspannungen im Rücken), ohne direkt darauf zu reagieren. Wir entwickeln die Fähigkeit, uns eines Impulses bewusst zu sein, ohne auf ihn zu reagieren.
Die Angst, die wir in Gesprächen empfinden, wurzelt meist in tieferliegenden Bedürfnissen, wie etwa gesehen oder gehört zu werden, Bedürfnissen nach Sicherheit, Akzeptanz, Zugehörigkeit und Ähnlichem mehr. Je weniger zuversichtlich wir sind, dass diese Bedürfnisse erfüllt werden, desto mehr Druck verspüren wir, etwas zu sagen beziehungsweise lieber weiter zu schweigen. Wenn wir nicht jetzt sofort etwas zur Sprache bringen, so fürchten wir vielleicht, werden wir nie mehr die Gelegenheit dazu haben. Oder aber: Wenn wir etwas sagen, wird darauf sicherlich eine Katastrophe oder eine Trennung folgen.
Je mehr Möglichkeiten wir finden, diese Bedürfnisse zu erfüllen (und gut mit ihnen umzugehen, wenn sie nicht erfüllt sind), desto weniger Druck verspüren wir, zu sprechen oder weiter zu schweigen; wir können uns in den Fluss einer Unterhaltung hinein entspannen. Es ist nicht gefährlich, wenn wir unsere Meinung sagen, und es gibt keine Eile, alles auf einmal mitteilen zu müssen. Wenn es wichtig ist, werden wir den richtigen Zeitpunkt und die richtige Art und Weise finden.
Diese Fähigkeit entwickelt sich langsam. Indem wir üben, unsere Bedürfnisse zu achten, lernen wir, uns selbst zu vertrauen. Wenn wir jedem noch so kleinen Erfolg Beachtung schenken, hilft das unserem Nervensystem, zur Ruhe zu kommen und sich neu auszurichten. Weil es sich an ein grundsätzliches Wohlbefinden gewöhnt, muss es nicht immerzu falschen Alarm schlagen, der uns dazu antreibt oder davon abhält zu sprechen, und wir können immer öfter eine bewusste Wahl treffen. Dann können wir entscheiden, was am hilfreichsten für den Fortgang des Gesprächs ist und wie die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt werden können.
Übung: Entscheidungspunkte nutzen
Wählen Sie zum Üben jemanden aus, in dessen Gegenwart Sie sich wohlfühlen. Vertrautheit macht es einfacher, etwas zu lernen. Nehmen Sie während des Gesprächs wahr, wann Sie sich zum Sprechen entscheiden. Falls Sie feststellen, dass Sie reden, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben, versuchen Sie, innezuhalten und der anderen Person Raum zu geben. Achten Sie darauf, wie es ist, sich bewusst dafür zu entscheiden, etwas zu sagen, anstatt dies automatisch zu tun. Achten Sie insbesondere auf Gefühle von Dringlichkeit, Widerstand oder innerem Druck. Nutzen Sie diesen Druck als Signal, eine bewusstere Entscheidung zu treffen.
Meetings
Im Zusammensein mit mehreren Menschen fühlt man sich meist freier, nichts zu sagen, als in einem Gespräch unter vier Augen. Wenn Sie das nächste Mal in einem Meeting sind, achten Sie darauf, wie der Impuls zu sprechen im Verlauf des Gesprächs stärker und schwächer wird. Wenn Sie etwas Wichtiges sagen möchten, entscheiden Sie sich, wann Sie das tun möchten. Sie können immer mit dem Satz beginnen: »Ich würde gern noch einmal auf etwas zurückkommen, worüber wir vorhin gesprochen haben.« Nehmen Sie wahr, wie Sie sich fühlen, nachdem Sie gesprochen haben. Verspüren Sie Erleichterung, Ängstlichkeit, Selbstzweifel?
Schriftliche Kommunikation
Experimentieren Sie damit, sich bewusst zu entscheiden, wann Sie Ihren Nachrichteneingang oder die sozialen Medien öffnen (also »zuhören«). Bevor Sie auf eine Nachricht antworten, halten Sie inne und überlegen, ob Sie »sprechen« möchten oder nicht. Ist es der richtige Zeitpunkt? Wäre es hilfreich, zu warten oder einfach gar nichts zu sagen?
Sinn dieser Übung ist es, unsere Muster kennenzulernen. Sprechen wir meistens entspannt und frei? Fällt es uns eher schwer, den anderen Raum zu lassen? Fühlen wir uns wohler, wenn wir zuhören können, und haben wir Schwierigkeiten, uns zu Wort zu melden?
Bei den meisten von uns liegt die Stärke auf der einen oder der anderen Seite. Umstände und Ereignisse, die mit unserem Geschlecht, unserer ethnischen Zugehörigkeit, unserer sozialen Schicht oder anderen soziokulturellen Merkmalen zu tun haben, prägen auch, wie wir uns in Beziehungen verhalten. Uns allen wurde vermittelt, welches Verhalten von uns erwartet wird – explizit und implizit, persönlich wie auch durch die Medien, verschiedene Narrative und unsere Kultur. Durch Signale der Anerkennung oder der Missbilligung, durch Zugehörigkeit oder Ausschluss lernen wir, basierend auf unserer Rolle und den Erwartungen der anderen, was das Sicherste ist.
Unsere Aufgabe besteht nun darin, diese Muster aufzudecken und eine authentische Freiheit im Ausdruck zu entwickeln. Es gibt dabei kein Ideal, nicht die eine Option, die unter allen Umständen zu wählen wäre. Das Ziel ist eher, durch Präsenz in eine dynamische Flexibilität zu finden, sodass wir entscheiden können, ob es gerade eher angebracht ist, zu sprechen oder zuzuhören.
Die Macht des Tempos: Innehalten
Wenn ich nur eine einzige Methode empfehlen könnte, um Präsenz zu üben, dann wäre es das Innehalten. Der Raum, der entsteht, wenn wir innehalten, kann eine gewaltige Optimierung bewirken. Einer meiner Kollegen bringt inhaftierten Jugendlichen Meditation bei. In seinen Kursen erzählt er eine Geschichte über seine Arbeit in Gefängnissen. Er fragte die männlichen Delinquenten, wie lange sie einsitzen müssen, und oft summierten sich ihre Strafen zu weit über hundert Jahren auf. Dann fragte er: »Wie lange habt ihr über das Verbrechen, das euch hierhergebracht hat, nachgedacht, bevor ihr es begangen habt?« Zusammengenommen waren es oft weniger als zwei Minuten. Angesichts dieser enormen Unverhältnismäßigkeit erklärt mein Kollege den Jugendlichen: »Achtsamkeit hilft euch, zwischen einem Impuls und eurer Reaktion innezuhalten, sodass ihr mehr Entscheidungsfreiheit habt, was ihr mit eurem Leben anfangen wollt.«
Das Innehalten ist reich an Möglichkeiten. In einem Atemzug können wir Gedanken, Gefühle und Impulse wahrnehmen und entscheiden, welchen davon wir folgen wollen. Es ist wie eine Meditation im Kleinformat, ein Tropfen Präsenz, der uns hilft, klar und ausgeglichen zu bleiben. Was im Raum des Innehaltens geschieht, ist offen. Wir können unsere Aufmerksamkeit im Körper erden oder innere Spannungen lösen, zu einer bestimmten Intention zurückkehren, mit unseren Gefühlen so umgehen, dass sie nicht auf ungünstige Weise aus uns hervorbrechen, oder uns im Hinblick auf den weiteren Verlauf des Gesprächs gedanklich sammeln.
Innehalten ist sowohl eine Unterstützung für als auch ein natürlicher Ausdruck von achtsamer Präsenz. Je mehr ich meines Körpers gewahr bin, desto eher kann ich Erregung in meinem Nervensystem und die damit einhergehenden Veränderungen in meinem Sprechtempo oder meiner Lautstärke wahrnehmen. Ich kann mit dieser Welle von Energie mitgehen (und zum Beispiel Begeisterung oder Frustration ausdrücken) oder auf die Bremse treten. Ähnlich wie bei den Entscheidungspunkten geht es nicht darum, monoton, flach oder immerzu ganz ruhig zu sprechen, sondern vielmehr Geschick und Kompetenz in vielen verschiedenen Situationen zu entwickeln.
Die Pause ist flexibel, die Länge ist von der Situation abhängig. Man kann auch eine Mikropause machen: eine kaum wahrnehmbare Lücke im Sprechfluss, die einem gerade genug Zeit gibt, die Aufmerksamkeit im Körper zu erden oder sich noch einmal auf die eigene Intention auszurichten.
Übung: Innehalten
Wenn Sie einen Übungspartner für dieses Buch haben, stellen Sie einen Timer auf fünf Minuten, und sprechen Sie über etwas, was Sie kürzlich getan haben und Ihnen Spaß gemacht hat. Versuchen Sie beide, einen Atemzug innezuhalten, bevor Sie anfangen zu sprechen. Probieren Sie aus, in einem Satz oder zwischen zwei Gedanken einen Atemzug lang innezuhalten. Bringen Sie während der Pause Ihre Aufmerksamkeit zu einem Bezugspunkt im Körper oder zu Ihrer gesamten Präsenz.
Dadurch wird sich das Tempo des Gesprächs deutlich verlangsamen, und wahrscheinlich wird es sich unnatürlich anfühlen. Es ist eine Übung, bei der Sie damit experimentieren, innezuhalten und bewusst in die Präsenz zurückzukehren, in etwa so, als würde man beim Tennis den Aufschlag in Zeitlupe üben.
Sie können auch damit experimentieren, in weniger wichtigen Gesprächen bewusste Pausen zu machen. Probieren Sie aus, einen Atemzug lang zu pausieren, bevor Sie sprechen oder antworten, und auf diese Weise Ihre Aufmerksamkeit zu sammeln und im Körper zu erden. Das heißt nicht, dass Sie sich seltsam benehmen oder lange, tiefe Atemzüge nehmen müssen! Verlangsamen Sie einfach ein wenig Ihre Rede, und halten Sie inne, um sich zu besinnen.
Probieren Sie das Ganze auch etwas weniger offensichtlich aus, und halten Sie einige Male inne – einen Moment lang, bevor Sie anfangen zu sprechen, oder einen Herzschlag lang zwischen zwei Gedanken. Wie wirkt sich das auf Ihren inneren Zustand aus? Und auf die Qualität des Kontakts?
Innehalten ist nicht immer leicht. Selbst wenn wir uns daran erinnern, kann es schwer sein, Raum in einem Gespräch zu schaffen, zumindest auf eine üblicherweise akzeptierte Art. Vielleicht machen wir uns Sorgen, dass wir dann nicht mehr zu Wort kommen oder desinteressiert wirken. Hier sind einige Möglichkeiten, wie Sie eine Pause einlegen und dies signalisieren können:
Nehmen Sie einen tiefen, hörbaren Atemzug (betonen Sie die Ausatmung).
Signalisieren Sie die Pause mit einem kurzen Laut, dass Sie nachdenken, etwa: »Hm …«
Signalisieren Sie die Pause mimisch, etwa indem Sie nach oben und zur Seite schauen oder die Stirn runzeln.
»Ich weiß es nicht genau. Ich würde gern darüber nachdenken.«
»Lass mich einen Augenblick darüber nachdenken.«
»Können wir eine kurze Pause machen? Ich würde gern meine Gedanken sammeln.«
»Ich würde wirklich gern genauer darüber nachdenken. Kann ich dich später noch mal darauf ansprechen?«
Falls alles andere nicht funktioniert, schaffen Sie eine Ablenkung. Wenn Sie in einem Restaurant oder in einer Besprechung sind, entschuldigen Sie sich, und gehen Sie auf die Toilette. Ich habe sogar von jemandem gehört, der seine Schlüssel oder etwas Kleingeld fallen lässt, um im Gespräch eine Pause zu erzeugen! Werden Sie so kreativ wie notwendig, um Zeit zu gewinnen und in die Präsenz zurückzukehren.
Manchmal brauchen wir eine längere Pause. Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass die Umstände nicht günstig für ein gelingendes Gespräch sind, können wir auch für einen Tag, eine Woche oder noch länger Pause machen. In diesem Fall ist es wichtig, wie wir das ankündigen. Wenn wir einfach nur sagen: »Ich kann gerade nicht darüber sprechen«, müssen unsere Gesprächspartner allein herausfinden, wie sie unser Verhalten interpretieren sollen. Vielleicht denken sie, dass es uns nicht interessiert, dass es uns egal ist oder dass wir ihnen aus dem Weg gehen. Um die Chancen zu erhöhen, dass die Pause produktiv ist, müssen wir mitteilen, welche Beweggründe wir haben. Hier sind einige Beispiele:
»Ich würde unser Gespräch gern fortführen, aber ich bin im Moment nicht in der besten inneren Verfassung dafür. Können wir eine Pause machen und … (morgen, das nächste Mal) darauf zurückkommen?«
»Ich möchte wirklich gern hören, was du zu sagen hast, aber ich fühle mich ein bisschen überfordert. Daher glaube ich nicht, dass ich gut zuhören kann. Lass uns eine Stunde Pause machen, okay?«
»Es ist mir wichtig, dass wir das gemeinsam klären, aber ich habe gerade nicht wirklich den Raum, um klar zu denken. Ich würde es gern bis … auf Eis legen. Wäre das in Ordnung?«
»Ich möchte dieses Gespräch gern zu Ende führen, aber ich glaube nicht, dass ich im Moment noch etwas Sinnvolles zu sagen habe. Wie wäre es, wenn wir hier eine Pause machen und später darauf zurückkommen?«
Schauen Sie sich diese Beispiele genau an. Was haben sie gemeinsam?
Zunächst einmal beginnen sie mit der Intention, in Kontakt zu kommen (der zweite Schritt zu einem gelingenden Gespräch). Dadurch verhindert man, dass die Pause als Zurückweisung oder Vermeidung interpretiert wird. Wir lassen die andere Person wissen, dass wir in unserem Wunsch nach einer Pause auf sie Rücksicht nehmen. Allerdings muss es authentisch sein. Finden Sie also Ihre eigenen Worte, um Ihre Wahrheit auszudrücken.
Außerdem übernehmen wir in allen Aussagen Verantwortung für unsere Begrenzungen und Wünsche. Wir machen deutlich, dass wir für unser eigenes Bedürfnis nach Raum handeln und nicht etwa die andere Person beschuldigen.
Und schließlich enden alle Aussagen mit der Bitte, das Gespräch später fortzuführen, was hilfreich ist, um die Angst davor zu verringern, wie es weitergeht. Je genauer wir sagen können, wann wir weitersprechen wollen, desto besser ist das.
Wenn wir wahrnehmen, wann wir Pausen machen (und wann nicht), stimmen wir uns auf das Tempo eines Gesprächs ein. Dies kann ein sehr reichhaltiges Forschungsgebiet sein und eine wirkungsvolle Möglichkeit, Präsenz zu üben. Da Sprache durch die Atmung entsteht und der Atem unmittelbar mit dem Nervensystem verbunden ist, spiegelt unser Sprechtempo oft ganz direkt unseren inneren Zustand wider. Es ist faszinierend, dass umgekehrt eine Veränderung in unserem Sprechtempo auch unseren inneren Zustand verwandeln kann.
Übung: Das Tempo regulieren
Nehmen Sie wahr, wann und wie die Geschwindigkeit in Gesprächen variiert. Bei welchem Tempo fühlen Sie sich am ehesten wohl, selbstsicher und entspannt? Wann ist es langsam und konstant? Wann wird es schneller oder eilig? Können Sie entscheiden, wie schnell oder langsam Sie sprechen? Wie wirkt sich Ihr Tempo auf den Ton der Unterhaltung aus?
Experimenten Sie bei einem Gespräch, bei dem es um nichts allzu Großes geht. Variieren Sie Ihr Sprechtempo. Werden Sie ein wenig schneller, und nehmen Sie wahr, welchen Effekt das auf Ihren Körper, Ihre Gedanken und Ihre Energie hat. Verlangsamen Sie etwas. Wie wirkt sich das auf den Zustand Ihres Geistes und Ihres Körpers aus? Und wie auf die Qualität des Kontakts zu Ihrem Gegenüber?
Selbst wenn wir nur ein wenig verlangsamen, hilft uns das für gewöhnlich dabei, mit Präsenz zu beginnen. Das gilt besonders in Konfliktsituationen, in denen das Tempo oft rasanter wird. Wenn wir die Geschwindigkeit in solchen Situationen wieder drosseln, wirkt das beruhigend auf unser Nervensystem.14
Wenn wir in einem entspannten Tempo sprechen, kann uns das auch dabei helfen, unseren Raum in einem Gespräch einzunehmen, und es macht es dem Zuhörenden leichter, das Gesagte auf sich wirken zu lassen. Wenn wir selbstsicher und selbstbewusst sind, sprechen wir für gewöhnlich in einem gemächlichen Tempo. Es gibt keine Eile; wir vertrauen darauf, dass das, was wir zu sagen haben, wichtig und es wert ist, gehört zu werden. Wir atmen natürlich und frei, wir nehmen uns Zeit. Im Allgemeinen haben unsere Worte mehr Gewicht, wenn wir auf diese Weise sprechen, sie können die Aufmerksamkeit der Zuhörenden anziehen und halten.
Beachten Sie aber: Die eine, »richtige« Geschwindigkeit gibt es nicht. Die ideale Geschwindigkeit fördert unsere Präsenz und hilft, Verbindung zu schaffen, und sie kann je nach Umständen oder Kultur sehr unterschiedlich sein.
Reifer werden: Gegenseitige Präsenz
Mit Präsenz zu beginnen ist ein mit der Zeit heranreifendes, vielfältiges Erleben. Entwickeln wir es in uns, scheint sein Licht auch auf die Existenz des anderen. Je mehr ich mich selbst spüre, desto mehr werde ich mir meines Gegenübers bewusst. Diese Beobachtung ist so grundlegend, dass wir sie mitunter ganz selbstverständlich nehmen: Beziehung heißt per Definition, dass wir zu zweit sind! Wirklich in einem Dialog zu sein bedeutet, dass wir die andere Person als ein eigenständiges Individuum betrachten, mitsamt ihren eigenen Hoffnungen, Ängsten, Träumen, Wünschen, Freuden und Sorgen.
Auf Zulu gibt es einen traditionellen Gruß: Sawubona (»Wir sehen dich«). Orland Bishop, Leiter der ShadeTree Multicultural Foundation, erläutert: »Diesen Gruß beantwortet man mit Yabo sawubona (›Ja, wir sehen dich ebenfalls‹). Wenn sich zwei Menschen mit der Sawubona-Geste begegnen, erkennen sie an: ›Wir sehen einander.‹ Es wird zu einer Übereinkunft. Es ist eine Einladung, am Leben des anderen Anteil zu nehmen.«15 Können wir diese einfache, tiefgreifende Anerkennung der Gegenwart des anderen in unsere Gespräche mit einbeziehen?
Wir alle haben es schon einmal erlebt, selbst nicht gesehen zu werden oder jemand anderen völlig zu übersehen. Es fühlt sich so an, als redete die andere Person »an einem vorbei« anstatt »mit einem« oder als spräche man selbst zu einer Wand. Mangel an Gegenseitigkeit bedeutet auch Abwesenheit von Präsenz; so wird der Dialog zum Monolog. Kennzeichen sind dieser leere Blick des Kassierers oder die mechanisch wirkende monotone Stimme der Frau vom Kundenservice.
Wir verlieren die Gegenseitigkeit aus vielen Gründen. Es kann passieren, wenn wir uns im Autopilotmodus befinden. Oder auch, wenn wir besonders leidenschaftlich für eine Sache brennen. Oder ängstlich, verärgert oder wütend sind. Tragischerweise verlieren wir die Gegenseitigkeit mit jenen Freunden und Angehörigen, die wir jeden Tag sehen. Sie werden uns so vertraut, dass wir sie nicht länger wahrnehmen.
Ohne gegenseitige Präsenz entsteht eine fundamentale Unverbundenheit. »Du« wird zu einem Objekt in Beziehung zu »mir«. Der andere wird zu einer mentalen Repräsentation aus der Vergangenheit, zu einem Mittel, wie ich das bekomme, was ich will, oder ein Hindernis auf meinem Weg. Wenn Menschen zu Objekten werden, statt Personen zu sein, gibt es nichts mehr, was wir nicht rechtfertigen könnten: von alltäglicher Geringschätzung bis hin zu den Gräueln von Sklaverei, illegalem Sexhandel und Völkermorden.
Präsenz hingegen öffnet die Tür zur Gegenseitigkeit. Wenn wir mit Präsenz beginnen, betreten wir ein Beziehungsfeld, in dem wir beide wichtig sind, einfach dadurch, dass wir existieren. Wir sehen den anderen dann nicht länger als ein Objekt, sondern vielmehr als ein Subjekt. Das ist der transformative Perspektivwechsel, den Martin Buber als die »Ich-Du-Beziehung« beschrieben hat: Alles wirkliche Leben sei Begegnung.16 Martin Buber war der Respekt für die Subjektivität, die dem Leben innewohnend, heilig.
Prinzip: Mit Präsenz zu beginnen hat mit Gegenseitigkeit zu tun, damit, die andere Person als eigenständiges Individuum zu erkennen, und mit Ungewissheit, also damit, das Unbekannte anzuerkennen und zu akzeptieren. Dadurch entstehen im Gespräch neue Möglichkeiten.
Wirkliche Lebendigkeit bedeutet, in diese Erfahrung von Gegenseitigkeit einzutreten, einander und das Mysterium des Daseins zu spüren. Präsenz in Beziehungen ist eine wahre Begegnung, in der ich dich sehe als die Person, die du bist, anstatt als die, die ich will oder brauche. Diese Gegenseitigkeit ist die Grundlage für wahren Dialog.
Für Fortgeschrittene: Gewahrsein in Beziehungen
In Gesprächen konzentrieren wir meist all unsere Aufmerksamkeit entweder auf uns selbst oder auf die andere Person. Gewahrsein in Beziehungen ist die Fähigkeit, sowohl mich als auch dich zu umfassen, das Außen und das Innen, und die Aufmerksamkeit dynamisch ins Gleichgewicht zu bringen. Die Basis bildet dabei unser verkörpertes Sein, von dem aus das Gewahrsein auf drei weitere Bezugspunkte ausgeweitet wird: die andere Person, unsere Verbindung und den Raum um uns herum. Dadurch wird unsere Flexibilität gestärkt, und wir können besser damit umgehen, wenn ein Gespräch sehr intensiv wird.
Gewahrsein in Beziehungen ist eine Praxis für Fortgeschrittene, und doch ergibt sie sich recht natürlich aus den Übungen, die wir bereits kennengelernt haben. Das Gewahrsein ist wie eine Taschenlampe, deren Lichtstrahl man regulieren kann. Man kann die Blende einstellen oder sie auf verschiedene Stellen richten. Probieren Sie die folgenden Übungen aus, um ein Gefühl dafür zu bekommen wie es ist, das Gewahrsein zwischen dem Innen und dem Außen hin- und herwechseln zu lassen.
Übung: Das Gewahrsein weit werden lassen
Machen Sie diese Übung allein. Setzen Sie sich bequem hin, schließen Sie die Augen, und lassen Sie Ihren Geist und Ihren Körper zur Ruhe kommen. Erden Sie Ihre Aufmerksamkeit in einem der vier inneren Bezugspunkte, die wir bereits kennengelernt haben: die Schwerkraft, die Mittellinie, der Atem oder die Berührungspunkte an den Händen oder Füßen. Lassen Sie sich Zeit, und spüren Sie diese konkreten, stetigen Empfindungen.
Lassen Sie dann den inneren Bezugspunkt los, und öffnen Sie die Augen. Werden Sie sich bewusst, was Sie um sich herum sehen und hören. Schauen Sie sich etwas um, wenn Sie möchten. Nehmen Sie wahr, wie es sich anfühlt, wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf etwas im Außen konzentrieren. Schließen Sie die Augen, und lassen Sie Ihre Aufmerksamkeit wieder auf einem inneren Bezugspunkt zur Ruhe kommen. Probieren Sie aus, die Augen zu öffnen und zu schließen und die Aufmerksamkeit zwischen innen und außen hin- und herpendeln zu lassen. Können Sie ein Gleichgewicht finden, bei dem ein Teil Ihrer Aufmerksamkeit mit Ihrem Körper verbunden ist und der andere Teil mit Ihrer Umgebung?
Beginnen Sie nun, mit geschlossenen Augen Ihr Gewahrsein weit werden zu lassen. Richten Sie die Aufmerksamkeit in Ihren gesamten Körper, und spüren Sie die verschiedenen Empfindungen darin: Wärme, Schwere, Pulsieren oder Kribbeln. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit dann auf die Oberfläche Ihrer Haut. Nehmen Sie wahr, welche Empfindungen hier spürbar sind: die Berührung Ihrer Haut mit der Kleidung, die Temperatur der Luft.
Weiten Sie Ihr Gewahrsein in den Ihren Körper unmittelbar umgebenden Raum aus. Können Sie den Raum direkt über der Oberfläche Ihrer Haut spüren? Um ihn besser wahrzunehmen, können Sie sich einen Moment lang vorstellen, Sie seien in einer vollen U-Bahn, in der sich andere Körper gegen den Ihren pressen. Dann bringen Sie Ihre Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt in den Raum um Ihren Körper herum. Können Sie die Abwesenheit von Druck spüren? Ein Gefühl von Weite?
Lassen Sie schließlich Ihr Gewahrsein noch weiter werden, sodass Sie den gesamten Raum umfasst. Sie können Ihre Augen öffnen oder die Geräusche wahrnehmen, um ein Gefühl für diese Offenheit zu bekommen. Können Sie des Raums um sich herum gewahr sein?
Bringen Sie zum Abschluss Ihre Aufmerksamkeit zurück in Ihren Körper, und nehmen Sie wahr, wie es sich anfühlt, hier zu sitzen.
In dieser Übungssequenz zeigt sich, wie fluide Gewahrsein ist. In der nächsten geht es darum, inneres und äußeres Gewahrsein ins Gleichgewicht zu bringen.
Pulsuz fraqment bitdi.