Kitabı oxu: «Die Rettung des grauen Ponys»
Örjan Persson
Die Rettung des grauen Ponys
Deutsch von Angelika Kutsch
Saga
Plötzlich war es ganz still in der Klasse. Malin wand sich langsam in die richtige Haltung. Sie hatte halb heruntergerutscht auf dem Stuhl gesessen, den einen Ellenbogen auf den Tisch gestützt, den anderen locker überm Stuhlrücken. So saß sie eigentlich immer. Den Ahorn vorm Fenster betrachten, der ist so schön. Hoch und mächtig wölbte er seine Krone über den Schaukeln und hölzernen Klettergerüsten, auf denen die Schüler aus den unteren Klassen unermüdlich schaukelten und kletterten, Pause für Pause.
Es war verboten, im Ahorn herumzuklettern, denn die Schulleitung befürchtete einerseits, der Baum würde ruiniert, und andererseits, die Kinder könnten sich verletzen, wenn sie aus gefährlicher Höhe herunterfielen. Früher hatte Malin sich über das Kletterverbot geärgert, aber jetzt war sie froh darüber, denn sie konnte die Baumkrone betrachten, ohne daß ein Haufen Kinder da oben herumhingen und schrien. Heute waren nicht mehr viele von den Blättern da, die noch vor einigen Wochen rot und golden geleuchtet hatten. Aber Malin folgte gern der Form der Stämme von der Erde aufwärts hinauf zu den Zweigen, die sich in den Himmel, den Raum, die Freiheit reckten.
Sie riß den Blick von ihrem geliebten Baum los, um nachzuschauen, was in der Klasse vor sich ging.
Wie blaß hier drinnen alles war! Bläuliches Leuchtröhrenlicht gegen beigefarbene Wände und auf schmutziggrauem Boden. Trist! Trist! Trist!
Malin saß ganz vorn links, genau vorm Pult. Nachdem sie sich zurechtgesetzt hatte, sah sie die Schwedischlehrerin an, die sie eben angesprochen hatte. Das Gesicht der Lappenlisa, so nannten sie die Lehrerin, leuchtete wie eine reife Tomate im Treibhaus vor dem Hintergrund der grünen Tafel. Malin konnte sich das Lachen nicht verkneifen, als ihr der Vergleich mit der Tomate einfiel. Was für ein Bild, dachte sie, schade, daß ich keine Kamera habe!
„Hör auf zu lachen und nimm die Tüte weg!“ rief die Lehrerin. Sie stand so nah, daß Malin einen Speichelspritzer auf der Wange abbekam. „Nimm die Tüte weg, sonst gehst du raus!“
„Die gehört mir nicht!“ sagte Malin mit erzwungener Beherrschung. Nur Carina, die rechts von ihr am nächsten saß, bemerkte, daß ihre Hände zitterten, als sie die Tüte vom Tisch nahm und auf die Knie legte.
Aus einer der hintersten Reihen kam ein Kichern. Das Kichern verbreitete sich rasch noch vorn und ging bald in unterdrücktes Gelächter hinter vorgehaltenen Händen über.
„Die Tüte gehört mir nicht!“ wiederholte Malin.
„Du lügst! Das werd ich dem Direktor sagen, verlaß dich drauf, du! Daß es in dieser Klasse nicht möglich ist, Ordnung zu halten! Ihr redet während des Unterrichts, sitzt träge da, beteiligt euch nicht am Unterricht und seid aufmüpfig!“
Lappenlisa starrte Malin, die sich unwillkürlich zusammenduckte, entrüstet an.
„Ich lüge nicht!“ protestierte Malin beleidigt.
„Wer hat eine leere Bonbontüte auf Malins Tisch gelegt?“ Lappenlisa ließ ihren Blick über die Klasse schweifen, die jetzt still und unschuldig dasaß. „Niemand also! Jetzt gehe ich zum Direktor! Das lasse ich mir nicht gefallen!“ Die kleine, etwas dickliche Frau entfernte sich mit raschen Schritten zur Tür. Als das wütende Geklapper ihrer Holzschuhe erstarb, atmete die Klasse 8 C auf.
Malin spürte eine Hand auf ihrer Schulter.
„He, Malin!“ Es war Peter, der hinter ihr saß. „Toll, daß du die Alte rausgeekelt hast!“
„Gut, Malin! Spitze!“ Lob von allen Seiten.
„Wem gehört die Tüte?“ Malin bückte sich, sie hob den Gegenstand der Verärgerung auf und hielt ihn zur allgemeinen Betrachtung hoch.
„Das ist Sussis!“
„Ist sie nicht!“
„Ist sie doch! Ich hab gesehen, daß du in der Pause eine Tüte hattest. Also gib’s zu!“
„Ich hab’s auch gesehen. Wirklich gemein von dir, es nicht zuzugeben.“
Bei soviel geschlossener Einigkeit konnte Sussi nicht anders, sie mußte es zugeben. „Also, ich hab sie eben verloren“, sie zuckte die Schultern. „Das ist doch nicht so schlimm.“
„Ach, es macht nichts“, sagte Malin. „Die Lappenlisa kann mich so oder so nicht leiden. Sie kriegt schon die Wut, wenn sie mich nur sieht.“
„Da bist du nicht allein“, tröstete Peter. „Sie mag niemanden von uns. Auch in den anderen Klassen nicht.“
„Aber Malin hat sie am meisten auf dem Kieker“, sagte Carina. „Auf ihr hackt sie dauernd rum.“
„Hasse kommt!“
Innerhalb weniger Sekunden war die Ordnung wieder hergestellt. Nur ein paar Papierknäuel und zerschnittene Radiergummis sowie eine pornographische Zeichnung an der grünen Tafel zeugten von der Abwesenheit der Lehrerin.
Das anklagende Quietschen der Kreppsohlen des Direktors näherte sich schnell, und gleich darauf trat er ein, Hasse Ivarsson, und schloß die Tür hinter sich. Er stellte sich ans Pult und schaute über die ordentliche Klasse.
„Elisabet Fjällberg hat ernste Anschuldigungen gegen euch vorgebracht“, sagte er. „Ihr scheint euch in den Kopf gesetzt zu haben, ihr den letzten Nerv zu töten!“
„Schlimmer als in anderen Klassen ist es bestimmt nicht“, protestierte Carina. „Übrigens ist sie selbst schuld, nur in ihren Stunden gibt es Ärger.“
„Sie sagt aber, bei euch ist es am schlimmsten“, sagte der Direktor. „Na, sie ist jedenfalls nach Hause gegangen.“
„Jippiii!“ rief Anders von hinten.
Hasse Ivarsson warf ihm einen forschenden Blick zu.
„Na ja, sie ist wirklich verdammt anstrengend“, antwortete Anders auf die unausgesprochene Frage.
„Lest die Seiten 36 und 37 im Schwedischbuch“, sagte Hasse. „Ich hab keine Zeit, bei euch zu bleiben. Und haltet den Geräuschpegel in Grenzen. Denkt daran, daß ihr nicht allein im Haus seid.“
Er ließ die Tür offenstehen und quietschte auf seinen Kreppsohlen zum Sekretariat. In der Klasse brach Gemurmel los.
Walkman, Kaugummipakete, Zeitschriften mit Postern von Fußballmannschaften und Fotomodels tauchten aus den Taschen auf. Einige aus der Klasse verschwanden. Sie hatten Durst oder mußten zum Klo oder genossen nur allgemein die Möglichkeit, das zu tun, was sie wollten, da kein Lehrer sie daran hindern konnte.
Malin sank zurück in ihre gewohnte Haltung. Für einen Außenstehenden sah das unbequem aus, schräg auf einem normalen Schulklassenstuhl halb zu liegen, aber Malin war das so gewohnt und fühlte sich wohl. Wenn sie so dasaß, konnte sie von der Schule abschalten. Sie schaute hinaus zu ihrem Baum. Am liebsten hätte sie auf einem der obersten Äste gesessen. Hier drinnen war sie eingeschlossen, und die Luft war so stickig.
Malin hatte den Herbst gern. Besonders die klaren, sonnigen Tage, wenn es morgens kalt war und sie von ihrem Schlafzimmerfenster die Berge sehen konnte. Mehrmals in der Woche stand sie früh auf, vor sechs. Das Aufstehen selbst, sich von der kuschligen Bettwärme loszureißen und duschen zu gehen, war fast unerträglich. Aber an einem ruhigen, klaren Septembermorgen hinauszukommen, wenn noch niemand anders wach ist, belohnte sie für die Mühe. Natürlich regnete es manchmal, oder von Westen pfiff ein scharfer Wind, der auch durch die dickste Jacke drang.
Malin stand so früh auf, weil sie an mehreren Tagen der Woche die Pferde in Elofssons Stall fütterte.
Elofssons Stall war einige Kilometer von dem Dorf entfernt, in dem Malin wohnte. Gustav Elofsson war ein alter Junggeselle, der ein paar Traber hielt, die Halbblutstute Sara und das Welsh Pony Amie. Er hatte den früheren Kuhstall umgebaut, und außer seinen eigenen Pferden vermietete er sechs Boxen für Reitpferde, deren Besitzer im Dorf wohnten.
Im Preis, den die Mieter zahlten, waren das Futter und die morgendliche Versorgung enthalten. Aber damit er sich nicht um die Arbeit im Stall kümmern mußte, hatte Elofsson die Morgenfütterung mit Hilfe einiger Mädchen, die verrückt nach Pferden waren, organisiert. Und eins dieser Pferdemädchen war Malin. Dafür, daß die Mädchen Sara und Amie reiten durften, standen sie morgens abwechselnd sehr früh auf. Sie fuhren mit dem Fahrrad zum Stall oder gingen zu Fuß, wenn Winter war und sich keiner der Eltern erbarmte und sie hinbrachte. Sie versorgten die Pferde und brachten sie hinaus auf ihre Weideplätze, außer im strengen Winter.
Elofsson war mit dieser Abmachung zufrieden, und die Mädchen waren froh.
Malin hatte sich im Stall herumgetrieben, seit sie elf war und nach Hälledal gezogen war. Anfangs hatte sie nur manchmal zusammen mit den älteren Mädchen reiten dürfen, meistens hatte sie die Pferde geputzt und die Boxen ausgemistet. Eine ganze Woche war sie Tag für Tag im Stall gewesen und hatte auf den glücklichen Moment gewartet, wenn Amie plötzlich ohne Reiterin dastand, weil ihre Besitzerin krank geworden oder aus einem anderen Grund ausgeblieben war. Dann eilte Malin in die Sattelkammer, holte Sattel und Zaumzeug und stand mit der fertig gesattelten Amie auf der Stallgasse bereit, ehe die anderen überhaupt mit ihren Sachen herausgekommen waren.
Mit der Zeit war sie zur Pferdepflegerin mit Verantwortung aufgestiegen. Jeden Dienstagmorgen hatte sie Stalldienst, das ganze Jahr über, und manchmal noch öfter, ausgenommen einige Wochen im Sommer, wenn der Stall leer war, weil alle Pferde draußen auf der Weide waren.
Malin wuchs schnell; sie war die Größte unter den Mädchen in der Achten und wurde allmählich zu groß für das Pony Amie. Bald ritt sie dann Sara, aber Amie blieb Malins Liebling im Stall, auch nachdem sie über die kleine graue Ponystute hinausgewachsen war.
Malin hatte immer von einem eigenen Pferd geträumt. Sie wußte aber nach jahrelangen Diskussionen zu Hause, daß sie dafür in absehbarer Zukunft keine Chance hatte. Nicht mal Reitstunden in der Reitschule in der Stadt konnte die Familie sich leisten. Aber niemand konnte Malin daran hindern, so zu tun, als ob Amie ihr eigenes Pferd sei. Nach und nach waren die anderen Mädchen davon überzeugt, daß Malin die Hauptverantwortung für Amie hatte. Wenn Amie eine kleine Wunde am Bein hatte, wenn sie mal nicht fraß oder jemand fand, das Pony lahmte oder hatte Husten, dann sprach man mit Malin, die sich sofort um die Sache kümmerte.
Malin dachte an Amie, wenn sie hinaus zu ihrem Ahorn schaute. Vor genau zwei Wochen hatte sie Amie geritten, nur zum Spaß, um zu fühlen, wie das war. Eins der kleinen Mädchen, das sich nachmittags immer im Stall aufhielt, hatte Amie geputzt und sie sogar gesattelt und aufgetrenst, so daß Malin nur aufzusteigen und loszureiten brauchte. Die kleine Grauschimmelstute wirkte steif und klamm, und Malins erster Gedanke war, daß Amie einfach alt geworden war. Sie war sechzehn Jahre alt und hatte elf Fohlen gehabt, und natürlich war sie nicht mehr so geschmeidig und belastbar wie ein Jungpferd.
Fünfzig Meter vom Stall entfernt begann der Wald und mit ihm der „Galopp-Pfad“, eine Schleife von ungefähr einem Kilometer entlang der Forstwege im Tannenwald. Am Waldrand sprang Malin ab, ließ die Zügel auf dem Widerrist liegen und begann, das graue Pony zu untersuchen. Mit den Vorderbeinen fing sie an, sorgfältig tastete sie mit der Hand am linken Röhrbein entlang. Alles schien wie immer zu sein. Aber schon am Karpalgelenk reagierte Amie, indem sie das Bein zurückriß. Malin ließ sofort los, während die kleine Stute irritiert versuchte, sich von den neugierigen Mädchenhänden zu befreien: Sie schlug aus.
Malin richtete sich auf, und Amie stellte den Fuß wieder auf den Boden. Die Untersuchung des rechten Beins brachte das gleiche Resultat. Irgend etwas mußte mit Amie passiert sein! Obwohl ... wenn Malin genau nachdachte, hatte sie sich schon länger nicht mehr mit Amie beschäftigt. Sie war eine Woche erkältet gewesen, und außerdem hatten einige der jüngeren Mädchen die Pflege des Ponys übernommen, auch wenn Malin im Stall war.
Verflixte Mädchen! Daß sie nichts sagten! Wenigstens die Kleine, die sich eben noch um Amie gekümmert hatte, hätte merken müssen, daß etwas nicht in Ordnung war.
Malin führte Amie zurück zum Stall. Nachdem sie der zerknirschten Zehnjährigen, die Amie versorgt hatte, die Leviten gelesen hatte, ging sie über den Hofplatz zum Wohnhaus, in dem Gustav Elofsson wohnte.
Es dauerte eine Weile, ehe Elofsson herauskam, und als er in der Türöffnung stand, groß und dick, mit buschigen blonden Augenbrauen unter einem kahlen Schädel, roch Malin einen Hauch Essensdünste aus dem Haus. Elofsson wirkte gereizt, und Malin begriff, daß sie ihn beim Mittagessen gestört hatte.
„Amie lahmt auf einem Hinterbein“, sagte sie hastig. „Haben Sie mal Zeit, nach ihr zu sehen?“
Elofsson grunzte etwas Unverständliches und ging wieder ins Haus. Der Hofbesitzer war unverheiratet; er lebte allein und war kein besonders zuvorkommender Mann. Die kleineren Kinder fürchteten sich vor ihm. Die jüngeren Mädchen im Stall verzogen sich hinter Strohballen oder einen schützenden warmen Pferdekörper, wenn er sich im Stall zeigte. Er trainierte seine Traber nicht einmal selbst. Das machte ein junger Mann für ihn.
Nach einer Weile kam Elofsson heraus und tastete Amies Beine ab. „Es scheint im Röhrbein zu sitzen“, sagte er. „Das Gelenk ist geschwollen. Ist sie in den letzten Tagen viel gelaufen?“
„Nicht daß ich wüßte“, sagte Malin.
„Eva hat an mehreren Tagen viele Stunden lang Springen mit ihr geübt“, sagte eine dünne Stimme aus der Gruppe von Pferdemädchen, die sich vor Amies Box versammelt hatten.
„Eva, wer ist das?“ Elofsson starrte die Mädchen empört an.
„Eva Andersson, eben war sie noch da.“
Malin wußte, wer Eva war. Sie war das Mädchen, das Amie an diesem Tag versorgt hatte.
„Stimmt das?“ Elofsson sah Malin drohend an.
„Ich ... weiß nicht“, sagte Malin. „Ich bin nicht so oft hier gewesen. Ich war nämlich krank.“
„Eva ist furchtbar viel geritten“, sagte ein kleines Mädchen in hellgrauen Reithosen mit hoher Stimme. „Deswegen durfte ich fast überhaupt nicht reiten.“
„So geht das nicht“, brummte Elofsson mit seiner rauhen Stimme. „Die Stute ist überanstrengt!“
Das Mädchen, das zuletzt gesprochen hatte, versteckte sich erschrocken hinter den anderen.
Elofsson drehte sich zu Malin um. „Und ich hab gedacht, du kümmerst dich darum, wer Amie und Sara reitet“, sagte er. „Und du merkst, wenn mit den Pferden etwas nicht stimmt.“
„Ich?“ sagte Malin verdutzt. „Ich wußte gar nicht, daß ich dafür verantwortlich bin. Natürlich achte ich darauf ...“
„Man sollte doch meinen, daß du ein bißchen Verantwortung übernehmen kannst, nachdem du hier so viele Jahre reiten durftest“, sagte Elofsson. „Ich habe mich auf dich verlassen. Aber ich hätte mich wohl ein bißchen mehr darum kümmern müssen, wer sich hier rumtreibt. Schließlich hast du nichts fürs Reiten bezahlen müssen, oder? Da hättest du dich wirklich mehr einsetzen können! Außerdem dachte ich, daß du die Stute magst!“
Malin war so überrascht, daß sie einen Schritt rückwärts machte und eine Schaufel umriß, die gegen die Boxwand gelehnt stand. Rasch hob sie das Gerät wieder auf, und im gleichen Augenblick drängte sich Elofsson zwischen den versammelten Mädchen hindurch und ging zur Tür.
„Was ist denn nun mit Amie?“ rief Malin ihm nach. „Was sollen wir tun?“
„Gelenkschwellung“, antwortete Elofsson, ohne sich umzudrehen oder stehenzubleiben. „Sie muß absolute Ruhe haben. Und achte drauf, daß sie ordentlich frißt. Ich komme gleich zurück und mache ihr einen Umschlag.“
Malin hob Striegel und Hufkratzer auf, und auch die anderen wandten sich wieder ihren Beschäftigungen zu. Sie wischte sich eine Träne mit dem Jackenärmel ab und drehte dem Ausgang den Rücken zu, um den anderen nicht zu zeigen, wie traurig sie war. Blöder alter Kerl! Hätte er ihr nicht ein Wort sagen können! Noch nie hatte er geäußert, daß Malin die Verantwortung für Sara und Amie und alle Mädchen hatte, die seine Pferde hier ritten! Klar, sie hatte einen Großteil der Verantwortung übernommen, ohne daß sie jemand darum gebeten hatte, aber jetzt war sie schließlich krank gewesen! Wenn sie diese verflixte Eva erwischte! Die hätte unbedingt fragen müssen, bevor sie die arme Amie so hart rannahm! Das durfte sie gar nicht.
Malin war gekränkt und verletzt, aber mit dem grauen Pony hatte sie noch mehr Mitleid als mit sich selbst. Eine Gelenkschwellung war vielleicht nicht so gefährlich, aber sie tat bestimmt sehr weh. Amie konnte es ja kaum ertragen, wenn man ihr Bein nur streifte!
„Wirklich gemein von ihm“, sagte eine Stimme hinter Malins Rücken. „Du kannst doch nichts dafür!“
Malin schüttelte den Kopf, ohne sich umzusehen. Sie hörte ja, daß es Kattis war, der Silver gehörte, der New Forest Wallach.
„Mach dir nichts draus“, fuhr Kattis fort. „In ein paar Wochen ist Amie bestimmt wieder gesund. Vielleicht schon in ein paar Tagen.“
Der Tag, an dem Malin zu Unrecht beschuldigt worden war, daß sie eine leere Bonbontüte auf ihren Schultisch gelegt hatte, nahm endlich auch ein Ende. Nach der Schule fuhr sie mit dem Fahrrad direkt nach Hause, um sich umzuziehen und dann gleich weiter zum Stall zu fahren.
Die Familie wohnte in der ersten Etage eines der drei betongrauen vierstöckigen Mietshäuser nahe der beiden Supermärkte und dem Kiosk.
Malin rannte die wenigen Treppenstufen von der Haustür zur Wohnungstür hinauf, ließ den rosa Rucksack zwischen Stiefeln und Schuhen fallen, die links von den Jacken ordentlich aufgereiht standen. Ihre eigenen Turnschuhe warf sie mitten auf dem Fußboden von sich. „Hallo!“ rief sie. „Ist jemand zu Hause?“
Keine Antwort.
Von der Küche aus sah sie, daß die Tür zum Schlafzimmer der Eltern geschlossen war. Sie schlug die Tageszeitung auf und blätterte zerstreut. Mutter hatte also Migräne. Jetzt lag sie da drinnen hinter heruntergezogenem Rollo, ein Kissen auf dem Kopf, in den Ohren vielleicht die gelben Stöpsel aus der Apotheke. Die Familie Bergström-Johansson hatte dann trübe vierundzwanzig Stunden vor sich. Vielleicht zwei Tage lang. Ein Schleichen und Gezischel war das, keine Kassetten oder Radiomusik und die kleinen Geschwister, Emil und Karin, würden nicht drinnen spielen dürfen. Aus alter Gewohnheit blätterte Malin die Zeitungsseiten mit größter Vorsicht um, damit das Geraschel die Mutter nicht störte.
„Malin!“
Behutsam tappte Malin zur Schlafzimmertür. „Ja.“
„Komm ein bißchen herein.“
Vor dem Fenster hing eine Wolldecke.
„Hast du Migräne? Möchtest du etwas haben?“ fragte Malin.
„Nein.“
„Was wolltest du denn?“
„Der Direktor hat angerufen. Du hast also wieder mal etwas angestellt!“ Ein grauweißes Gesicht mit zwei blassen Augen, gepeinigt von Kopfschmerzen, wurde am Kopfende des Doppelbettes sichtbar.
„Aber Mama, ich hab nicht ...“
„Daß du nie erwachsen wirst! Der Direktor hat gesagt, du bist frech gegen eine Lehrerin gewesen. Du hast sie so beleidigt, daß sie nach Hause gehen mußte. Wie kannst du nur! Als ob man nicht schon genug Kummer hätte. Wenn du wüßtest, wie furchtbar das ist, Migräne zu haben, würdest du dich zusammenreißen.“
„Ja, aber Mama, ich hab wirklich nichts getan! Die alte Lappenlisa hat behauptet, ich hätte eine leere Bonbontüte auf den Tisch gelegt, so eine, die ordentlich knistert. Aber ich bin das nicht gewesen, Sussi hat sie aus irgendeinem Grund auf meinen Tisch gelegt. Und als ich klarstellte, wie es gewesen ist, drehte die Lappenlisa durch. Die spinnt doch. Ehrlich, ich hab die Wahrheit gesagt. Und was geht es übrigens sie an, ob da eine Tüte auf einem Tisch liegt? Aber die ist so, die kann nichts vertragen. Nie hört sie zu, wenn man was sagt, und sie wird schon verrückt, wenn man nur hustet. Das war so, sie hat gesagt ...“
„Ja, ja, hör auf mit den Ausreden, das ist jetzt zuviel für mich. Ich weiß ja, wie du bist. Und selbst wenn es diesmal zufällig nicht deine Tüte gewesen ist, hättest du sie ja trotzdem wegnehmen können. Dann wäre uns der Ärger erspart geblieben, und ich müßte nicht hier liegen. Manchmal ist es besser, wenn man den Mund hält, Malin, selbst wenn man im Recht ist. Um Unfrieden und Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Wenigstens das sollte man gelernt haben. Und wie ich dir hier zu Hause dauernd nachräumen muß, da kann ich mir schon vorstellen, daß du die in der Schule zur Weißglut reizt. Da läßt du wahrscheinlich auch alles einfach hinfallen, nehme ich an.“
„Aber ...“
„Ja, ja“, sagte Malins Mutter seufzend. „Es ist, wie es ist. Doch jetzt kann ich nicht mehr reden. Sei so nett und mach die Tür vorsichtig zu. Und klappere nicht mit dem Geschirr in der Küche. Meine Kopfschmerzen sind wirklich furchtbar!“
Malin blieb einige Sekunden stehen, ehe sie sich in die Küche zurückzog. Sie hatte Lust, die Wolldecke vom Fenster zu reißen, es zu öffnen und hinaus auf den Hof zu schreien, daß sie nicht schuld war, daß sie nichts getan hatte und alle Erwachsenen Idioten waren. Aber sie sagte nichts, sondern schlich aus dem Zimmer und machte die Tür vorsichtig hinter sich zu.
Malin wußte aus bitterer Erfahrung, daß es für sie selbst am schlimmsten wurde, wenn sie ihre Mutter noch weiter reizte. Die ganze Familie würde darunter leiden, wenn sie die Verlängerung der Migräne auslöste. Diese verdammte Schule! Man müßte auf alles pfeifen, einfach abhauen. Sollten die doch aneinander rummeckern, wie sie wollten!
Aber Amie! Amie konnte sie nicht verlassen.
Malin ging zu dem Verschlag im Keller, der zur Wohnung gehörte. Dort hatte sie ihre Reitsachen, und dort zog sie sich um. Beide Geschwister, Emil und Karin, acht und sieben Jahre alt, waren allergisch gegen Tierhaare, und deswegen mußte Malin sich im Keller umziehen, wenn sie aus dem Stall nach Hause kam. Und dann mußte sie duschen. Deswegen trug sie ihr Haar immer ganz kurzgeschnitten, damit es schneller trocknete.
Malins Haar hatte eine goldene Tönung, ihre Augen waren sehr blau. Sie war nicht aschblond, nicht weizenblond oder madonnaweiß. Ihr Haar hatte die gleiche Farbe wie der Verlobungsring ihrer Mutter. Malins richtiger Vater war schon verschwunden, als sie gerade geboren war, und als Malin sieben Jahre alt war, war Hans mit Malins Mutter zusammengezogen. Er war der Vater von Emil und Karin.
Malin wußte, daß ihr Vater in Stockholm wohnte, daß er irgend etwas mit Computern zu tun hatte, und eine neue Familie hatte er auch. Aber das war das einzige, was sie wußte. Wenn ihre Mutter mehr wußte, ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken. Sie sprach nie über Malins Vater.
Amie wartete. Sie brauchte Malin. Und deswegen fuhr Malin so schnell wie möglich wieder zu Elofssons Stall.
Das graue Pony stand in seiner Box. Sara und einige andere Pferde waren auf der Weide. Amie stand still und schonte das rechte Bein. Als Malin mit dem Putzzeug zu ihr ging, zuckte die Stute zusammen, als ob sie geschlafen hätte und plötzlich unsanft geweckt worden wäre. Bedrückt stellte Malin fest, daß das graue Pony nicht richtig auftreten konnte, obwohl die Schwellung nach dem Umschlag schon etwas zurückgegangen war.
Malin bürstete Amie gründlich, mit langen, gleichmäßigen und heute besonders sanften Strichen. Sie waren allein im Stall. Die Sonne durchdrang den Schmutz am Stallfenster, und die Schatten der altmodischen Sprossen, die das Fenster in kleine Vierecke teilte, zeichneten ein quadratisches Muster auf das Fell der Grauschimmelstute.
Die Ruhe im Stall, Amies Vertrauen zu Malin, ihre Vertrautheit und Freundschaft waren wie ein Pflaster auf Malins verwundeter Seele. Amie war ihre beste Freundin. Leise sprach sie mit der kleinen Stute.
Plötzlich wurde die Stille von einem Wagen gestört, der auf den Hof gefahren kam. Eine Autotür wurde zugeschlagen, und dann kam noch ein Wagen. Gleich darauf kam Gustav Elofsson herein, diesmal mit erstaunlich freundlicher Miene. Hinter ihm ging ein dunkelhaariger Mann, ein John-Lennon-Typ mit runden Brillengläsern und Drahtgestell und einem graugesprenkelten Vollbart. Er sah sich ein bißchen ratlos um, als er vor Malin stand.
„Wie schön, daß du da bist und dich um Amie kümmerst“, sagte Elofsson freundlich.
Überrascht von seinem milden Ton, ließ Malin die Bürste auf Amies Widerrist ruhen. „Ja?“ fragte sie erstaunt.
„Hier ist sie also“, sagte Elofsson, an den Besucher gewandt, der bei der Boxtür stehengeblieben war.
„So, das ist also Amie. Gut sieht sie aus.“
„Natürlich ist sie schon älter“, fuhr Elofsson fort und strich ihr über die Flanke. „Aber für ihre sechzehn Jahre ist sie noch ganz schön munter und frisch.“
Vorsichtig betrat der Mann die Box. Er streckte Malin die Hand hin. „Hallo, ich heiße Sten Andersson.“
Malin wischte sich die rechte Hand am Hosenbein ab und begrüßte den Mann. „Hallo“, sagte sie verlegen. Sie kam nicht auf die Idee, ihren Namen zu nennen.
Sten Andersson kratzte sich nachdenklich an der Wange. „Ja, ich versteh nicht viel von Pferden, aber das hier scheint ja ein gutes Pferd zu sein“, sagte er.
„Ja, sehr gut“, sagte Malin. „Aber eigentlich ist es kein Pferd, jedenfalls wenn man es genau nimmt.“
„Was? Das ist kein Pferd?“ fragte der Mann verwirrt.
„Nein, Pferde sind größer. Sie ist ein Pony“, erklärte Malin. „Aber die meisten nennen Ponys Pferde. Jedenfalls sind alle mit einsachtundvierzig oder kleiner Ponys.“
„Sie meint das Stockmaß!“ erklärte Elofsson.
„Ach so“, sagte Sten Andersson. Aber Malin hatte das Gefühl, als ob ihn die Erklärung auch nicht schlauer gemacht hätte. Wahrscheinlich hatte er keine Ahnung, was das Stockmaß eines Pferdes oder Ponys überhaupt war.
„Ja, wenn ihr nichts fehlt ...“, sagte Sten Andersson. „Ist die Stute denn gesund?“
Plötzlich zuckte es klar wie ein Blitz durch Malins Kopf. Er war hier, um Amie zu kaufen! Ihr Atem stockte. „Sie wollen Amie doch nicht verkaufen?“ fragte sie Elofsson tonlos.
„Doch“, antwortete Elofsson. „Sten ist interessiert. Und weil ich gerade noch eine Box an jemanden vermieten kann, fand ich, es sei eine gute Gelegenheit, sie zu verkaufen. Ich wollte sowieso keine Welsh Ponys mehr züchten.“
„Aber sie ist krank!“ rief Malin außer sich. „Sie können sie erst verkaufen, wenn sie wieder gesund ist!“
„Sie ist krank?“ fragte der Interessent Andersson mißtrauisch.
„Sie hat eine Gelenkschwellung“, sagte Malin. „Das wird einige Zeit dauern. Aber die letzten Wochen ist es ihr sehr schlecht gegangen, und sie ist noch lange nicht wieder gesund. Natürlich darf sie nicht geritten werden. Sie kann auch nicht auftreten!“ Ihre Stimme zitterte.
„Quatsch“, sagte Elofsson schnell. „Es ist nicht mehr schlimm, finde ich. Ich meine, sie geht schon wieder gut.“
Malin bückte sich und berührte Amie am Huf. Amie reagierte, indem sie den Fuß ganz schnell zurückzog. „Sehen Sie doch“, rief sie. „Man kann sie kaum am Bein berühren.“
„Das ist dumm“, sagte Sten Andersson und machte einen Schritt zurück, zur Box hinaus. „Dann lassen wir es lieber, Elofsson. Ein krankes Pferd ... oder Pony möchte ich nicht gern kaufen. Wir wollten Eva, meine Tochter, zum Geburtstag überraschen. Sie hat so viel von diesem Pferd erzählt. In diesem Herbst ist sie sehr oft hier geritten.“
„Eva Andersson!“ rief Malin.
„Ja, genau. Kennst du sie?“
„Eine kleine Blonde?“
„Ja, stimmt.“
„Das war ja sie, die Amie total überfordert ...“
„Genug geredet“, unterbrach Elofsson sie. „Du redest eine Menge Blödsinn, Malin.“ Seine Mundwinkel waren in ihre gewöhnliche Position zurückgerutscht. Er wandte sich zu Eva Anderssons enttäuschtem Vater um. „Es kann schon sein, daß die Stute im Augenblick nicht hundertprozentig fit ist. Aber ich garantiere dir, daß deine Tochter in wenigen Tagen mit ihr galoppieren kann, als ob nichts gewesen wäre.“
„Niemals!“ protestierte Malin erbittert.
„Jetzt hältst du aber den Mund, Mädchen!“ schrie Elofsson und machte einen drohenden Schritt auf sie zu. „Als ob du mehr von Pferden verständest als ich! Ich hab fünfzig Jahre meines Lebens mit Pferden verbracht. Was ist das überhaupt für ein Benehmen!“
Den möglichen Käufer hatte Gustav Elofssons Ausfall mehr erschreckt als Malin. Rasch zog er sich zum Ausgang zurück. „Ich habe kein Interesse mehr“, sagte er. „Schade, wir haben gerade einen kleinen Hof gekauft, auf dem Platz für ein Pferd wäre. Aber wir können ja wiederkommen, wenn die Stute wieder gesund ist.“
„Nur noch ein paar Tage“, versicherte Elofsson und folgte Sten Andersson hinaus.
Malin hörte, wie Elofsson seine Überredungsversuche draußen vor dem Stall lautstark fortsetzte.
Als eins der Autos gestartet und weggefahren war, wartete Malin zitternd darauf, daß Elofsson wiederkommen und sie beschimpfen würde. Sie stellte sich zwischen Amie und die Boxöffnung. Amie sollte nicht wie eine Art Schild vor ihr stehen. Sie hatte nicht direkt Angst, Elofsson könnte sie schlagen, aber er war so groß und breit, und wenn er wütend wurde, was er jetzt sicher war, dann konnte er sehr unangenehm sein, Malin wußte, daß sie die Wahrheit gesagt hatte, aber an diesem Tag schien die Wahrheit nicht besonders gefragt zu sein. Weder in der Schule noch zu Hause und auch nicht im Stall.
Elofsson kam aber nicht wieder. Und nach einer Weile fuhr Malin fort, die graue Stute zu putzen. Mit hängendem Kopf stand Amie da. Bestimmt hat sie Schmerzen, dachte Malin mitleidig. Da wäre diese schreckliche Eva also fast die Besitzerin von Amie geworden! Malin dachte, daß es ein Riesenglück gewesen war, daß sie zufällig im Stall war, als Evas Vater kam. Außer für Elofsson vielleicht. Doch was sollte aus Amie werden, wenn sie irgendwo hinkam, wo niemand das Geringste von Pferden verstand? Zu einem Mädchen, das ein Pony rücksichtslos trainierte, bis es überfordert war und krank wurde. Malins Kehle zog sich zusammen. Sie schmiegte das Gesicht an Amies dichte Mähne. Das durfte einfach nicht passieren. Sie legte das Putzzeug weg und gab ihrer Freundin einen halben Apfel. Amie nahm ihn zwar, aber sie kaute ohne Appetit.
Malin verließ den Stall. Sie wollte allein sein und ging zum Wald. Sie nahm einen Weg, der nach etwa einem Kilometer zu einigen Sennhütten führte. Vor langer Zeit hatten die Bauern Milch von den Sennhütten ins Dorf gebracht, in dem es eine kleine Meierei gegeben hatte. Immer noch waren die tiefen, schmalen Spuren von den eisenbeschlagenen Rädern der Milchkarren zu sehen.
Pulsuz fraqment bitdi.