Kitabı oxu: «Puzzeln mit Ananas»

Şrift:

Puzzeln mit Ananas Menschen der Spitex erzählen

Der Verlag Hier und Jetzt wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016-2020 unterstützt.

Mit weiteren Beiträgen haben das Buchprojekt unterstützt:

Age-Stiftung

Ernst Göhner Stiftung

Eugen & Elisabeth Schellenberg-Stiftung

Eva Holzmann, Zürich

Fair World Foundation

Interfeminas Förderbeitrag

Katharina Strebel Stiftung

Paul Schiller Stiftung

Spitex Verband Aargau

Dieses Buch ist nach den aktuellen Rechtschreibregeln verfasst. Quellenzitate werden jedoch in originaler Schreibweise wiedergegeben. Hinzufügungen sind in [eckigen Klammern] eingeschlossen, Auslassungen mit […] gekennzeichnet.

Fotografie: Maurice K. Grünig, Zürich

Lektorat: Stephanie Mohler, Hier und Jetzt

Gestaltung: Simone Farner, Naima Schalcher, Zürich

Satz: Benjamin Roffler, Hier und Jetzt

Bildbearbeitung: Humm dtp, Matzingen

ISBN Druckausgabe 978-3-03919-477-3

ISBN E-Book 978-3-03919-950-1

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

© 2019 Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Baden, Schweiz

www.hierundjetzt.ch

Inhalt

Vorwort

Die Spitex

Ruth Meyer (1965) Pflegefachfrau

Lange zu Hause wohnen

Claudia Siebenhaar (1987) Pflegeexpertin

Mit allen Sinnen

Eliane Bettoli (1979) Pflegefachfrau Psychiatrie

Leiden lindern – Palliative Care

Flurina Chistell (1988) Pflegefachfrau und Claudia Pally (1962) Pflegefachfrau Onkologie und Palliative Care

Betreuende und pflegende Angehörige

Ton de Man (1964) Fachmann Gesundheit

Erinnern und Vergessen – mit Demenz daheim

Käthi Räber (1963) Hauswirtschaftliche Mitarbeiterin

Abschied nehmen

Fabia Hänni (1987) Pflegefachfrau

Grenzen der häuslichen Pflege

Ardian Deskaj (2001) und Parisa Abdulghani (1997) Lernende Fachangestellte Gesundheit

Anhang

Vorwort

Was die Spitex für das Leben bedeuten kann, erfuhr ich erstmals durch meine Eltern. Die Mutter war an Alzheimer erkrankt, der Vater an Krebs. Sie wohnten noch immer in dem abgelegenen Haus, wo ich vor dreissig Jahren ausgezogen war und wo ich mich eingeengt fühlte, weshalb ich sie selten besuchte. Ich konnte mir nicht vorstellen, irgendwann für meine Eltern zu sorgen, falls ihnen etwas zustossen würde. Als kurz nacheinander die beiden Diagnosen gestellt wurden, befürchtete ich, nicht geben zu können, was sie brauchen würden. An die Spitex dachte ich damals in keiner Weise.

Dann fügte sich manches besser als erwartet. Wir erfuhren, dass meine Eltern am richtigen Ort wohnten: In diesem kleinen Dorf hatten Arzt und Spitex neu den Fachbereich der Palliative Care aufgebaut, um Menschen mit einer unheilbaren Krankheit gut daheim begleiten zu können. Mein Vater, der auf keinen Fall ins Spital wollte, konnte im eigenen Schlafzimmer die Pflege annehmen und verstand sie als Zuwendung. Was die Fachpersonen einbrachten, öffnete meine Beziehung zu den Eltern. Indem ich die Pflegenden beobachtete und mich anleiten liess, wurde ich handlungsfähig, verlor die inneren Widerstände und konnte den sterbenden Vater und später die Mutter betreuen und pflegen.

Mein Vater vertraute den Frauen der Spitex. Er konnte sich zwar oft nicht an ihre Namen erinnern, spürte aber ihr aufrichtiges Interesse, wenn sie fragten, wie es ihm gehe. Eines Morgens erzählte er einer Pflegefachfrau den folgenden Traum, der diesem Buch schliesslich den Titel gab:

«Ich sass an einem runden Holztisch, auf dem ich gedörrte, dreieckige Ananasstücke zu einem grossen Puzzle zusammenfügte. Bevor mir klar wurde, welches Bild entstehen sollte, verlor ich die Geduld. Plötzlich habe ich ein Puzzleteil in den Mund genommen, war zuerst erstaunt, wie hart es war, dann beglückt, wie süss es schmeckte. Im Traum noch habe ich bemerkt, dass ich nun mein Puzzle nicht beenden konnte, weil ein Stück fehlte und ich zudem noch mehr davon essen wollte.»

Die Pflegefachfrau berichtete mir vom Ananastraum des Patienten erst, nachdem er gestorben war. Damit gab sie mir die Lösung für ein Rätsel, das mich beschäftigt hatte: Als mein kranker Vater noch gern gegessen hatte, wünschte er sich plötzlich und dringend gedörrte Ananasstücke. Nein, keine frische Ananas und auch keine Ringe aus der Konservenbüchse wie an Weihnachten. Er wusste genau, wonach ihn gelüstete. Wie der überraschend klare Wunsch entstanden war, hatte ich verpasst zu fragen. Ich brachte aus dem Dorfladen gedörrte Ananasstäbchen, doch er wies sie zurück, verlangte Stift und Papier und zeichnete kleine Dreiecke. Genau solche Ananasteile wolle er im Mund saugen, er könne sie jetzt schon schmecken. In der Stadt fand ich sie tatsächlich. Er strahlte, als ich ihm die Zellophantüte ans Bett brachte. Erst durch die Erzählung der Spitex-Pflegefachfrau erfuhr ich, dass er das Puzzle seines Traums, der in einer seiner letzten Nächte aufgetaucht war, vervollständigen wollte und deshalb Ananas bestellt hatte.

Nach Vaters Tod ging die Zusammenarbeit mit der Spitex weiter, da wir uns um meine Mutter kümmerten, deren Leben durch den Verlust ihres Mannes und durch ihre eigene Krankheit in Fragmente zerfiel. Zusammenhalten konnte sie diese einigermassen gut, solange sie in den vertrauten Räumen lebte. Dort wäre sie auch gern geblieben, aber wir gelangten mit der ambulanten Pflege an unsere Grenzen, hinter denen sich das Pflegeheim befand.

Während der letzten Lebenswochen des Vaters und der jahrelangen, engen Begleitung der Mutter erhielt ich viele unmittelbare Einblicke in die anspruchsvolle Pflegearbeit, die von Aussenstehenden selten richtig wahrgenommen und wertgeschätzt wird. Ich erfuhr in jener Zeit auch, dass der finanzpolitische Rückhalt der lokalen Spitex-Basisorganisation nicht gesichert war. Der Kontrast zwischen den eigenen Erfahrungen und dem mangelnden öffentlichen Bewusstsein für die Notwendigkeit der Nonprofit-Spitex mit ihren unverzichtbaren Leistungen veranlasste mich, dieses Buch zu konzipieren und zu schreiben. Es entstand aus eigener Initiative, basierend auf vierzig ausführlichen Gesprächen mit Menschen, die für Spitex-Organisationen arbeiten und sich für ein gutes Leben zu Hause einsetzen. Ihre für unsere Gesellschaft wertvolle Arbeit findet jederzeit und überall statt, auf diskrete Weise, weshalb sie kaum gesehen und häufig unterschätzt wird.

Im Buch erzählen Menschen, die bei der öffentlichen Spitex arbeiten, von ihren Beweggründen, diesen Beruf auszuüben, von dem, was sie beschäftigt und berührt und worauf es ankommt in einem Alltag, der kaum Routine kennt. Weil die Arbeit im privaten Umfeld stattfindet, erfahren die Menschen der Spitex viel über das Leben derer, die sie pflegen. Zu den meisten existenziellen Themen wie Autonomie, Würde oder Sterben und Tod haben sie einen direkten Bezug und reflektieren durch ihren Beruf bedeutsame Aspekte des Lebens. Aus den Gedanken und Ansichten der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner sind für das Buch acht thematische Kapitel entstanden. Jedes dieser Kapitel beginnt mit einer von mir persönlich erlebten Geschichte, geschrieben aus Sicht der Tochter, die ihre Eltern dank Spitex zu Hause betreuen konnte.

Die themenzentrierten Kapitel wechseln sich ab mit Porträts von Frauen und Männern, deren Aufgaben verschiedene Schwerpunkte haben. Mir war wichtig, bei der Wahl der Interviewpersonen möglichst viele Aspekte der Nonprofit-Spitex zu berücksichtigen, so beispielsweise nicht allein die somatische, sondern auch die psychiatrische Pflege, oder nicht nur die Pflege, Behandlung und Beratung, sondern auch die hauswirtschaftlichen Leistungen sowie den Stellenwert der Spitex als Ausbildungsort von Jugendlichen. Gefunden habe ich die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner über direkte Anfragen bei verschiedenen Spitex-Betrieben, nachdem ich bei meinen Recherchen auf besondere Angebote aufmerksam geworden bin, wie zum Beispiel in Ilanz, wo die Spitex mit dem Palliativen Brückendienst ein Tandem bildet, damit schwer kranke Menschen bis zum Tod daheim bleiben können. Oder wie in Zürich, wo Pflegeexpertinnen in besonders komplexen Situationen beigezogen werden. Dazu gehören auch die Übergänge zwischen Spital und zu Hause oder zwischen zu Hause und Pflegeheim, um die sich mancherorts, so in Balsthal, spezialisierte Teams kümmern.

Was ich damals im Dorf meiner Eltern von der Spitex kennengelernt habe, ist zweifellos aussergewöhnlich, aus Sicht der Tochter. Dass die berufliche Kompetenz und die Wertvorstellungen überall hoch sind, aber in einem Spannungsfeld von Ansprüchen und Abgrenzung stehen, dies erfuhr ich während meiner Arbeit an diesem Buch. Die vielen persönlichen Erfahrungen und Gedanken von Spitex-Mitarbeitenden zeigen, was es für das Leben bedeuten kann, auf den Wunsch nach Selbstbestimmung der Klientinnen und Klienten einzugehen.

Den Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern danke ich für ihre Offenheit und das Vertrauen. Ein erstes Puzzleteil zu diesem Buch trug jene Pflegende bei, die mir vom geträumten Geduldspiel mit den Ananasstücken erzählte. Seither fügen sich viele, unterschiedlich geformte Puzzleteile zu einem Bild der spitalexternen Pflege, zu dem auch die persönlichen Erfahrungen der Leserinnen und Leser weiter beitragen werden.

Pascale Gmür

Neben das Bett meiner damals noch jungen Mutter hatte die Gemeindekrankenschwester ein Taburettli, einen kleinen Hocker, gestellt. Darauf platzierte sie für mich, die Dreijährige, den Teller mit Honigschnittchen und die warme Ovomaltine. Immer morgens, vielleicht während einer Woche in jenem weit zurückliegenden April, als Frau Hofstetter nach meiner Mutter schaute und mich verwöhnte. Auf dem Bettrand zu sitzen und zu frühstücken, dabei zu sein, während die beiden Frauen miteinander sprachen, bedeutete Aussergewöhnliches. Ich erinnere mich an ein warmes Gefühl. Den am Fenster stehenden Stubenwagen, in dem mein kleiner Bruder lag, habe ich einzig von den vergilbten, quadratischen Fotos im Gedächtnis. Frau Hofstetter sahen wir später immer mal wieder, wenn sie zufälligerweise in der Nähe war und Zeit für einen kurzen Besuch hatte. Sie erwähnte jene kritischen Tage, als die Mutter nach der Hausgeburt hohes Fieber bekommen hatte, das sich nicht senken wollte. Die Sorgen hatten mich damals wohl nicht erreicht, aus meiner Sicht war es eine ruhige Zeit des Geborgenseins gewesen. Wann es ihr wieder besser ging, weiss ich nicht, nur, dass ich als Mädchen nie mehr im Elternschlafzimmer frühstückte.

Beinahe fünfzig Jahre vergingen bis zum nächsten Frühstück im selben Zimmer. Mein kranker Vater konnte kaum mehr aufstehen, klagte über die geschwollenen Füsse und Waden, zeigte aber jeden Morgen seine Freude über das knusprige Brot und den Kaffee mit Schäumchen. Er bemerkte auch die von seiner Frau liebevoll bestrichenen Schnitten, jede mit zwei verschiedenen Konfitüren. Der Farben wegen, sagte Sylvia, denn es sei ihr schon längst aufgefallen, dass ihr Mann mit den Augen esse. Bruno rückte im Bett etwas zur Seite, damit wir uns neben ihn hinsetzen konnten, das Tablett mit den Tellern und Tassen auf unseren Knien balancierend. Wir redeten kaum in diesen frühen, noch dunklen Stunden.

Erst wenn die Pflegefachfrau der Spitex klingelte, schienen wir zu erwachen. Schnell erhob sich Sylvia vom Bettrand und sagte bestimmt, sie habe das Motorengeräusch erkannt. Dann eilte sie die Treppen hinunter, um die Türe zu öffnen. Das Erwarten der Spitex-Frauen, wie sie meine Mutter nannte, zählte ab jetzt zu ihrem Leben, genauso wie der langsame Verlust ihres Mannes und ihre fortschreitende Alzheimerkrankheit.

Jedes Mal, wenn wir von Wolfhalden nach Heiden zum Einkaufen fuhren, hielt sie Ausschau nach dem Spitex-Wägeli, einem hellblauen Auto mit dem unverkennbaren Schriftzug. Lange war sie davon überzeugt gewesen, in diesem Auto sitze ihre persönliche Besucherin. Erst als wir eines Nachmittags in kurzem Abstand drei dieser Autos kreuzten, schien ihr klar zu werden, dass die Spitex-Frauen auch zu anderen Leuten im Dorf unterwegs waren.

Die Spitex

In jedem Dorf, in jedem Quartier sind Fachpersonen der öffentlichen Spitex unterwegs, um jüngere und ältere Menschen daheim zu pflegen und in ihrem selbstständigen Wohnen zu unterstützen. Wer ist die Spitex, wie hat sie sich entwickelt und mit welchen täglichen Herausforderungen ist eine der grössten Schweizer Arbeitgeberinnen konfrontiert?

Für die Spitex arbeiten mehr Frauen und Männer als für die SBB. Bei der spitalexternen Pflegeorganisation sind es insgesamt 38 000 Personen, bei den Schweizerischen Bundesbahnen 33 000 Personen.1 Damit würde die öffentliche Spitex2 eigentlich zu den zwanzig grössten Arbeitgeberinnen der Schweiz zählen. Aber sie tritt nicht als Grossunternehmen auf, sondern ist föderalistisch und lokal strukturiert, mit gegen sechshundert kleineren und grösseren Basisorganisationen. Ihnen gemeinsam sind der Name und die Angebote, welche häusliche Pflege und Behandlung sowie hauswirtschaftliche Hilfe gewährleisten. Die öffentliche Spitex nimmt alle Aufträge wahr, die ärztlich verordnet sind. Ihr Credo «Überall für alle» gilt wortwörtlich, basierend auf der gemeinnützigen Versorgungspflicht, die in den kantonalen und kommunalen Leistungsvereinbarungen definiert wird. Etwa 284 000 Menschen werden von den Mitarbeitenden der historisch gewachsenen Nonprofit-Spitex daheim gepflegt und unterstützt.

Von der Haus- und Gemeindepflege zur Spitex

Jede Spitex-Basisorganisation hat ihre eigene, lokal geprägte Vergangenheit, die sich vielerorts bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt.3 Wenn Familien damals in eine Notlage gerieten und sich zu wenig gut um kranke Angehörige kümmern konnten, wurden die private Pflege und Haushaltsarbeiten von protestantischen Diakonissen und Schwestern aus katholischen Ordenshäusern, von Spitalschwestern sowie von Frauen gemeinnütziger und karitativer Vereine geleistet. Besonders stark engagiert waren die fürsorglichen Frauen in den sich verdichtenden Städten mit ihren prekären hygienischen Bedingungen, wo die Ernährung mangelhaft und Krankheiten wie Tuberkulose oder Typhus verbreitet waren. Je nach Ort waren die Kirchen, der Frauen- oder Hauspflegeverein, der Samariterverein oder eine Sektion des Roten Kreuzes in der Hauspflege präsent, mancherorts schon damals beauftragt von der Gemeinde, deren Gesundheitswesen kantonal, kommunal oder kirchlich organisiert war. Man sprach bis in die 1960er-Jahre von Haus- oder Privatpflege, von Familienhilfe oder von Gemeindekrankenpflege, später dann von «Spitex», einer Abkürzung für «spitalextern». Zu Arbeiterfamilien kam in der Regel die Gemeindeschwester für kostenlose oder bescheiden vergütete Krankenbesuche. In bürgerlichen Familien, die genügend Platz und finanzielle Mittel hatten, wohnte eine Privatpflegerin so lange wie nötig und kehrte zwischen den Einsätzen entweder in ihr kirchliches Mutterhaus oder in das Schwesternheim des Berufsverbands zurück.

In der Schweiz begann die Professionalisierung der häuslichen Krankenpflege im Jahr 1859, als Valérie de Gasparin zusammen mit ihrem Mann die École normale de gardes-malades in Lausanne gründete, heute La Source genannt. Es war die erste nichtkirchliche Schule für häusliche Krankenpflegerinnen. Hier erwarben ledige, verheiratete oder verwitwete Frauen theoretische und praktische Pflegekenntnisse, um anschliessend freiberuflich in der häuslichen Pflege arbeiten zu können.

Vierzig, fünfzig Jahre nach der Schulgründung in Lausanne entstanden in Bern und Zürich – später auch in den Kantonen Luzern, Schwyz und Waadt – die ersten Krankenpflegeschulen, die einem Spital angegliedert wurden, teilweise subventioniert durch das Schweizerische Rote Kreuz (SRK). In ländlichen Regionen mit noch fehlenden Spitälern waren es manchmal Hausärzte und Hausärztinnen, die sich für die Ausbildung von Pflegerinnen und Gemeindeschwestern einsetzten. Viele Gemeindeschwestern, entlöhnt von der Kirche oder der Gemeinde, arbeiteten auch in den Arztpraxen mit und gingen zu den Patientinnen und Patienten nach Hause, um die verordneten Behandlungen auszuführen.

Bei manchen heutigen Spitex-Pflegefachfrauen noch immer bekannt ist die Schule für Gemeindekrankenpflege in Sarnen, die 1902 vom Arzt Julian Stockmann und seiner Frau gegründet wurde und bis 2010 Ausbildungsgänge für «Hilfe und Pflege zu Hause» durchführte. Zudem bot das SRK ab 1920 Weiterbildungskurse für Gemeindeschwestern an, die vor allem auch sozialmedizinische Aufgaben wahrnahmen und Familien über gesundheitsförderndes Verhalten aufklärten. Die freiburgische Sektion des SRK baute in Zusammenarbeit mit den Gemeinden und dem Kanton die erste gemeinnützige Spitex auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten Frauen die Möglichkeit, eine Schule für Hauspflegerinnen zu besuchen, vielerorts initiiert und geführt von Frauenorganisationen, wie zum Beispiel an der 1895 gegründeten Bündner Frauenschule in Chur. Die neu ausgebildeten Hauspflegerinnen waren sehr gefragt. In der Hochkonjunktur der Nachkriegszeit fehlten in vielen Branchen die Arbeitskräfte, so auch im Pflegebereich. Mit dem Bevölkerungswachstum und den medizinischen Fortschritten stiegen die Ansprüche an die Gesundheitsversorgung. Es wurden neue Spitäler gebaut, was mehr Personal erforderte, und auch die spitalexterne Pflege wurde immer mehr beansprucht. Kleinere Familien mit berufstätigen Eltern, für die Wohnen und Arbeiten immer seltener am gleichen Ort stattfanden, konnten für kranke und betagte Angehörige nicht mehr umfassend sorgen. Die häusliche Pflege erforderte mehr und mehr professionelle Hauspflegerinnen und Gemeindeschwestern. Konnte früher eine Gemeindeschwester die kranken Menschen eines ganzen Dorfs allein versorgen, entstand mit dem gesellschaftlichen Wandel ein immer dichteres, schliesslich flächendeckendes Versorgungsnetz mit kleineren und grösseren Spitex-Teams.

Als 1952 die Schweizerische Vereinigung der Hauspflegeorganisationen gegründet wurde, fühlten sich die diplomierten Krankenschwestern konkurrenziert und forderten, die Arbeitsbereiche zwischen Gemeindekrankenschwestern und Hauspflegerinnen aufzuteilen. Auch gegenüber Spitälern und Heimen stärkte die Gemeindekrankenpflege ihre Position, indem sie 1986 die Schweizerische Vereinigung der Gemeindekranken- und Gesundheitspflege-Organisationen gründete. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich in einigen Kantonen die beiden Berufsgruppen der diplomierten Gemeindeschwestern und der Hauspflegerinnen angenähert, andernorts gingen sie weiterhin getrennte Wege. 1995 jedoch konnten sich die beiden Organisationen darauf einigen, den Spitex Verband Schweiz zu gründen, mit den beiden Standbeinen der Pflege und der Hauswirtschaft. Ausschlaggebend für die Entstehung der heutigen Nonprofit-Spitex war die Einführung des Krankenversicherungsgesetzes, mit dem 1996 die für alle Personen obligatorische Krankenversicherung entstand und damit auch die Abgeltung der ärztlich verordneten Spitex-Pflege und -Behandlung durch die Krankenkassen. Für die erforderlichen Verträge wollten Bund und Krankenversicherer nicht mit zwei Organisationen verhandeln und hatten nun die vereinte Spitex Schweiz als Ansprechpartnerin.

In den letzten zwei Jahrzehnten entwickelte sich die Nonprofit-Spitex zur kompetenten Dienstleisterin des Gesundheitswesens, mit gut ausgebildeten Frauen und Männern, die sich dafür einsetzen, dass gesundheitlich beeinträchtigte und fragile Menschen möglichst lange und autonom daheim wohnen können.

Die Krux mit den Kosten

Die Finanzierung der Spitex-Leistungen wurde gesamtschweizerisch geregelt, als 2011 die neue Pflegefinanzierung eingeführt wurde. Bis dahin galten unterschiedliche kantonale Tarifverträge. Doch nun werden die ambulanten Pflegekosten – davon ausgeschlossen sind die hauswirtschaftliche Hilfe und die Betreuung – aufgeteilt zwischen Krankenversicherern, Kantonen, Gemeinden sowie den Patientinnen und Patienten. Der Bund hat für die an die Spitex gehenden Krankenkassenbeiträge drei Tarifstufen festgelegt. Sie richten sich nach dem zeitlichen Aufwand und der Tätigkeit der Pflegepersonen: Am wenigsten erhält die Spitex von den Versicherungen für die Grundpflege, die vor allem Körperpflege beinhaltet und die häufigste Tätigkeit ist. Besser vergütet werden Untersuchungen und Behandlungen, am höchsten eingestuft sind Abklärungen, Beratungen und Koordination.4

Die Klientinnen und Klienten müssen eine relativ geringe gesetzlich festgelegte Patientenbeteiligung5 übernehmen, welche an die Spitex geht. Weitere, verhältnismässig kleine Einnahmen der Spitex sind Spenden und Mitgliederbeiträge – viele Spitex-Basisorganisationen sind als Vereine strukturiert, mit ehrenamtlich engagierten Vorstandsmitgliedern. Für eine grosse Tranche der Lohn- und Betriebskosten, die genauso wachsen wie die Kundenzahlen und die gesellschaftlichen Ansprüche an die ambulante Pflege, kommen Kantone und Gemeinden auf, die gemäss der sogenannten Restkostenfinanzierung gesetzlich dazu verpflichtet sind. Im Jahr 2017 wurden die schweizerischen Nonprofit-Spitex-Betriebe insgesamt zu rund 47 Prozent durch die Kantone und die Gemeinden finanziert.

Für alle Leistungen geben die Krankenkassen zeitliche Durchschnittswerte vor, die begründet überschritten werden können. Die Tarife für die zu verrechnenden Spitex-Leistungen wurden seit Jahren nicht erhöht, im Gegenteil, die Kostenbeteiligung der Krankenversicherer wurde in einigen Bereichen reduziert.6 Damit steigen die Restkosten. Wenn Kantone oder Gemeinden die Restkosten nicht vollständig tragen, werden die Spitex-Betriebe finanziell belastet und zu Sparmassnahmen gezwungen – was sich unmittelbar auf das Personal und somit auf die Angebotsvielfalt und Versorgungsqualität im jeweiligen Einzugsgebiet auswirkt.

Max Moor, Geschäftsleiter des Spitex Verbands Aargau, betont: «Es wird woanders im Gesundheitssystem teurer, wenn die Spitex finanziell eingeschränkt wird. Erhält die Spitex-Versorgung nicht den ihr angemessenen gesundheits- und sozialpolitischen Rückhalt, müssen mehr Leute in ein Heim oder länger im Spital bleiben.» Die spitalexterne, ambulante Pflege arbeitet kostengünstig, da sie keine teuren Gebäude und keine aufwendige Infrastruktur benötigt: Die Spitex verursacht heute nur gerade zwei bis drei Prozent der gesamten Gesundheitskosten, die achtzig Milliarden Franken betragen. «Wenn die Aufwände der Spitex-Betriebe steigen, liegt es an der demografischen Entwicklung», sagt Max Moor. «Wir pflegen mehr und mehr ältere Personen, die wir drei Mal täglich und während einer langen Zeit besuchen. Auch Menschen mit chronischen Krankheiten oder einer Behinderung werden heute dank medizinischen Fortschritten älter und möchten von uns zu Hause begleitet werden, nicht in einer Institution.» Hinzu kommen vermehrt Patientinnen und Patienten, die nach einem kurzen Spitalaufenthalt oder ambulanten Eingriff daheim eine Nachsorge benötigen.

Patient, Klientin oder Kunde?

Die Mitarbeitenden der Spitex sprechen weniger von Patientinnen und Patienten als von Kundinnen oder Klienten. Das Marketing der spitalexternen Branche wie generell des Gesundheitswesens betont die Kundenorientierung, was missverständlich sein kann. Denn bei der öffentlichen Spitex lassen sich nicht einfach Leistungen und Waren einkaufen, wie dies der Kunde in einem Geschäft tut. Was die Spitex daheim schliesslich leistet, geschieht aufgrund medizinischer Diagnosen und zu Hause stattfindender Bedarfsabklärungen – stets mit dem Ziel, das selbstbestimmte und eigenverantwortliche Leben zu respektieren und zu fördern. Dennoch sind die Betroffenen in gewisser Weise auf die Dienstleistungen der Spitex angewiesen. Seit einiger Zeit verwendet die Spitex immer häufiger die Bezeichnung Klientinnen und Klienten.7

Ob Patient, Klientin oder Kunde, niemand möchte auf fremde Hilfe angewiesen sein. Dieser Aspekt spielt mit, wenn lokale Spitex-Organisationen diskutieren, ob die Mitarbeitenden für ihre Einsätze private Kleider oder aber Uniformen mit dem grün-blauen Logo tragen sollen: Einerseits sollte die allgemeine, diskrete Präsenz der Spitex sichtbarer werden, andererseits gibt es Reklamationen von Kunden, die verhindern wollen, dass die Nachbarschaft merkt, wer die Spitex braucht. Viele Autos und Fahrräder der Spitex sind beschriftet, andere nicht. Kleinere Stützpunkte können sich nur wenige Firmenautos leisten, weshalb die Mitarbeitenden mit dem privaten Fahrzeug unterwegs sind und die gefahrenen Kilometer verrechnen. Und dann gibt es auch Pflegefachpersonen, die sich selbst dazu entscheiden, unauffällig zu bleiben: zum Beispiel, wenn sie für beratende Gespräche zu einer Familie mit einem psychisch erkrankten Vater gehen.

Kritik an fehlender Kontinuität

Die gegenüber der Spitex am häufigsten geäusserte Kritik und Ablehnung reduziert sich auf einen Satz: «Es kommt immer wieder eine andere.» Die einen Kunden sprechen aus eigener Erfahrung, andere haben von der mangelnden Kontinuität nur indirekt gehört und zögern die Anmeldung bei der Spitex trotz Anratens der Hausärztin und Angehöriger hinaus, weil sie befürchten, sich an viele fremde Menschen gewöhnen zu müssen. Der Spitex selbst liegt viel daran, stabile und vertrauensvolle Pflegebeziehungen zu schaffen – nicht allein des zentralen Kundenbedürfnisses wegen. «Auch unsere Pflegewerte gewinnen mit der Kontinuität», sagt Peter Eckert, Leiter Fach- und Pflegeentwicklung der Spitex Zürich. «Wenn eine Pflegeperson ihre Kundinnen und Kunden regelmässig besucht und gut kennt, kann sie gesundheitliche Veränderungen früh beobachten, entsprechend reagieren und damit ihre professionelle Eigenverantwortung wahrnehmen. Vertrauensvolle Pflegebeziehungen bedeuten Arbeitsqualität.»

Peter Eckert betont, die Kontinuität der Kundeneinsätze könne und müsse verbessert werden, «indem wir kleine, teilautonome Pflegeteams bilden, wie wir sie bereits in den Fachbereichen wie der Psychosozialen Pflege oder der Palliative Care kennen, wo die spezialisierten Pflegefachpersonen für eine bestimmte Klientengruppe verantwortlich sind». Kleine Teams haben allerdings den Nachteil, dass Krankheitsabsenzen von Mitarbeitenden intern schwierig auszugleichen sind, weshalb andere Teams aushelfen müssen oder jemand seine Freizeit opfert. Die meisten Spitex-Pflegenden wählen eine Teilzeitanstellung und haben damit die Option, ihre Arbeitszeiten der Auftragslage anzupassen.

Trotz hoch motivierten Personals lässt sich in der alltäglichen ambulanten Grund- und Behandlungspflege nicht vermeiden, dass die vorgesehene Kontinuität aus den Fugen gerät. Denn es ist Pflicht der öffentlichen Spitex, alle Aufträge anzunehmen: Am Freitagnachmittag wird der Spitalaustritt des Patienten Huber8 gemeldet, der am nächsten Morgen zu Hause einen Verbandwechsel benötigt – von einer dafür qualifizierten, diplomierten Pflegefachperson des Spitex-Teams, denn eine Pflegehelferin oder ein Fachmann Gesundheit kann und darf die Wunde nicht versorgen. Wie kurz oder aufwendig der Ersteinsatz beim noch unbekannten Herrn Huber sein wird, lässt sich im Voraus kaum einschätzen. Dann ruft Frau Kramer an, die Parkinson hat. Es müsse sofort jemand kommen, denn sie wisse nicht mehr, welche der zahllosen Medikamente sie heute Abend schlucken müsse. Weil es um die Abgabe von Medikamenten geht, ist aus Sicherheitsgründen auch hier eine diplomierte Pflegefachperson gefragt. Gut möglich, dass die Klientin dreissig Minuten vom Spitex-Stützpunkt entfernt wohnt, der verrechenbare Einsatz aber schliesslich nur zehn Minuten dauert. Was in diesem Fall weit mehr zählt, ist die präventive Wirkung des Hausbesuchs: Würde die Klientin falsche oder falsch dosierte Tabletten schlucken, könnte dies den Gleichgewichtssinn beeinflussen und das Sturzrisiko erhöhen. Vorsorgend wirkt auch, dass die Klientin ernst genommen und darin bestärkt wird, sich erneut zu melden, sobald sie Hilfe braucht. Unvorhergesehenes und schwankende Kundenzahlen gehören zum Alltag der häuslichen Pflege. Es ist die anspruchsvollste Komponente der Budget- und Einsatzplanung und fordert von allen Mitarbeitenden ein hohes Mass an Flexibilität, Improvisationsfreude sowie Ausdauer. Wertgeschätzt wird ihr Engagement von den allermeisten Kundinnen und Kunden. Besonders von jenen, die schon seit Langem froh um die zuverlässige Unterstützung sind und es interessant finden, verschiedene Charaktere und Arbeitsweisen der Pflegenden kennenzulernen. Einfacher gestaltet sich die vergleichsweise langfristige Einsatzplanung für die hauswirtschaftlichen Mitarbeitenden, da hier nur selten akute Situationen auftreten. Wer am Donnerstagmorgen zwei Stunden im Haushalt von Frau Zogg hilft, tut dies im vereinbarten Turnus zur immer gleichen Zeit. Auch im hauswirtschaftlichen Aufgabenbereich muss die Spitex alle Aufträge ausführen, die ärztlich verordnet sind.

Keine Versorgungspflicht gegenüber der Bevölkerung haben privatwirtschaftliche, kommerziell orientierte Unternehmen und freiberuflich arbeitende Pflegefachpersonen, die seit etwa zehn Jahren die spitalexterne Branche mitprägen. Sie können Anfragen ablehnen und ökonomisch interessante Aufträge annehmen, indem sie sich beispielsweise auf längere, rentable Einsätze konzentrieren. Diese lassen sich gut planen, sodass die Kundin oder der Kunde morgens dieselbe Pflegeperson wie am Vortag erwarten kann.

Spitex für das Gemeinwohl

Die Nonprofit-Spitex versorgt in der Schweiz über achtzig Prozent aller Menschen, die zu Hause sozialmedizinische Unterstützung erhalten. Als weitaus grösste spitalexterne Pflegeorganisation ist sie in mancher Hinsicht zwar gesamtschweizerisch organisiert, doch jeder einzelne Betrieb hat seine Besonderheiten, bedingt durch die dort arbeitenden Menschen, die Unternehmensphilosophie und nicht zuletzt durch die lokalpolitischen Gegebenheiten. Wegweisend für die öffentlich mitfinanzierten Angebote eines Spitex-Betriebs ist die Leistungsvereinbarung mit den zu versorgenden Gemeinden oder mit dem Kanton. Wünschenswert ist, dass die Spitex durch die politischen Beschlüsse finanziell gestärkt wird, um die bedarfsorientierte ambulante Versorgung zu sichern und zudem Versorgungslücken zu schliessen. Franziska Ryser, Geschäftsleiterin der Spitex Oberes Langetental in Huttwil (BE), betont: «Mir ist wichtig, der Bevölkerung anzubieten, was sie tatsächlich braucht. Die Menschen, welche heute im Pensionsalter sind, entscheiden bewusst, wofür sie ihr Geld ausgeben wollen: für ambulante Leistungen und nicht für einen teuren, unpersönlichen Heimplatz. In Zukunft wird sich diese Haltung weiter verstärken.»

Vielerorts sind die Verantwortlichen der Spitex-Betriebe gefordert, innerhalb des Leistungsrahmens so gut wie möglich die steigende Nachfrage zu decken und sich zugleich für die Erweiterung der Leistungsaufträge zu engagieren. Besonders im Bereich der ambulanten Betreuung, die immer mehr Menschen benötigen. Viele alte Menschen sind nicht auf Pflege angewiesen, sondern auf Betreuung und Unterstützung im Alltag. Mehr als die Hälfte aller Spitex-Klientinnen und -Klienten sind zurzeit über achtzig Jahre alt. Doch der Anteil jener, die Pflegeleistungen beanspruchen, hat in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen – andere Formen der Unterstützung sind gefragter.

Gute Betreuung bedeutet würdevolles Altern

Wer Pflege erhält, wird oft auch betreut – für die Spitex-Mitarbeitenden eine Selbstverständlichkeit und einer der Gründe, weshalb sie ihren Beruf gewählt haben. Die Krankenkassen trennen aber die Pflege von der Betreuung, obwohl die Übergänge gerade bei Menschen mit einer Demenzerkrankung fliessend sind. Die explizite Betreuung ist keine verrechenbare Leistung. Franziska Ryser beschreibt eine alltägliche Situation: Laut Pflegeplanung für eine Frau, die manchmal verwirrt und desorientiert ist, geht es heute darum, sie beim Duschen zu unterstützen. Das will sie aber nicht und besteht darauf, mit der Pflegenden ein Fotoalbum anzuschauen und von Reisen mit ihrem verstorbenen Mann zu erzählen. Die Pflegende verbringt mit der Klientin eine wertvolle Betreuungszeit. Damit sie vergütet wird, trägt sie die Leistung als Grundpflege ein. «Wir werden immer wieder damit konfrontiert, dass die Krankenversicherer sich weigern, eine von uns begründete Leistung zu übernehmen, die sie als nicht kassenpflichtig einstufen», sagt Franziska Ryser. «Gerade mit Demenzbetroffenen sowie in psychiatrischen und onkologischen Situationen ist die Betreuung ein wichtiger Teil unserer Leistungen.»

Die erhöhte Lebenserwartung führt nach heutigem Wissensstand nicht zu längeren Phasen der Pflegebedürftigkeit. Aber es wird erwartet, dass es lange Phasen gibt, in denen der alte Mensch auf Unterstützung und Betreuung angewiesen ist.9 Vielleicht ist es morgens und abends notwendig, dass eine Pflegeperson hilft, die Stützstrümpfe an- und auszuziehen, doch tagsüber geht es in erster Linie um die Alltagsgestaltung mit sozialen Kontakten, Zuwendung, häuslichen Aktivitäten, Naturerlebnissen, mit sinnstiftenden Beschäftigungen. Dies sind nur einige wichtige Aspekte, welche die Betreuung umfassen sollte und die schon mit kleinen Gesten der Aufmerksamkeit beginnt. Familienangehörige leisten hier enorm viel, sind aber häufig ausgelastet. Eine privat bezahlte professionelle Betreuung können sich die meisten Menschen nicht leisten, weshalb viele zu früh und entgegen ihrem Wunsch in ein Alters- oder Pflegeheim ziehen müssen. Gute Betreuung bedeutet würdevolles Altern.10

Für Franziska Ryser und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen ist klar, dass in der Betreuung ein grosses Potenzial für die Spitex-Betriebe liegt, die vielerorts schon jetzt innovative Wege gehen und sich selbst um die Finanzierung von Angeboten kümmern, welche nicht im Leistungsvertrag aufgeführt sind. Franziska Ryser sagt: «Wir schaffen Betreuungsangebote, die unverzichtbar werden, und irgendwann ist die Zeit hoffentlich reif und die Politikerinnen und Politiker beschliessen, die Leistungen zu finanzieren.»

Die Spitex in Huttwil betreibt eine Tagesstätte, um Menschen, die während der übrigen Zeit von Angehörigen umsorgt werden, stundenweise professionell betreuen zu können. In der Tagesstätte arbeitet eine Fachfrau Betreuung, deren Beruf bei der Spitex noch selten zu finden ist. Franziska Ryser verdeutlicht mit ihrer Personalpolitik, wie wichtig qualifizierte Betreuungsarbeit ist. Die Geschäftsleiterin hat neben den Pflegepersonen und den hauswirtschaftlichen Mitarbeiterinnen auch zwei Sozialpädagoginnen für Klientinnen und Klienten, die psychiatrische Unterstützung benötigen, angestellt. Die Leistungen der Nichtpflegenden lassen sich bei den Krankenkassen über die Grundpflege abrechnen, weil sie eine pflegerische Ausbildung mitbringen. Nach Möglichkeiten, Betreuungsangebote zu schaffen oder bestehende zu erweitern, suchen in der Schweiz auch andere Spitex-Basisorganisationen.11

Wer arbeitet bei der Spitex?

Alle Frauen und Männer der Spitex benötigen neben ihrer grossen fachlichen Kompetenz eine ausgeprägte Begabung für den Umgang mit den vielen Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen. Bei der öffentlichen Spitex arbeiten vorwiegend diplomierte Pflegefachleute, Pflegehelferinnen, Fachangestellte Gesundheit sowie Haushelferinnen. Hinzu kommen die Fachleute in den Bereichen Betriebsleitung und Administration sowie viele Menschen, die eine Ausbildung oder ein Praktikum absolvieren. Bei einer Zunahme der Betreuungsangebote dürften Fachangestellte Betreuung und sozialpädagogisch qualifizierte Personen vermehrt in den Spitex-Teams zu finden sein.

Pflegende und hauswirtschaftliche Mitarbeiterinnen der Spitex sprechen vielfach von einem sozialen Beruf: Sie werden zu wichtigen Vertrauenspersonen, indem sie die Klientinnen und Klienten in der eigenen Umgebung kennenlernen, viel über ihr Leben und ihre Gewohnheiten erfahren, ihnen nahekommen und sie über eine längere Zeit begleiten. Die sozialen Aspekte machen den Beruf nicht weniger anspruchsvoll, sie bereichern ihn aber mit berührenden Begegnungen und Momenten, von denen die Menschen der Spitex oft erzählen.

Ruth Meyer


Diplomierte Pflegefachfrau HF, Spitex Thal (SO)


Von Weitem ist zu sehen, wo die Frühschicht begonnen hat. Hinter der nachtgrünen Wiese, im dritten Stock des höchsten Gebäudes, leuchtet ein Fensterband. Mitarbeiterinnen der Spitex Thal, einem Amtsbezirk des Kantons Solothurn, stimmen sich auf den Tag und ihre Touren ein. Das Wort «synchronisieren» ist da und dort zu vernehmen, inmitten der Begrüssungen und des munteren Austauschs von Erlebtem und Neuigkeiten. Die Daten von Computer und Tablet werden abgeglichen, unzählige elektronische Informationen müssen à jour sein, vor allem diejenigen der individuellen Pflegeplanung für die Klientinnen und Klienten. Ruth Meyer öffnet auf dem Tablet, ihrem ständigen Begleiter, die Morgentour und sieht, woran sie unbedingt denken muss: Sie hakt den Hausschlüssel von Frau Tobler12 an den Karabiner ihres Rucksacks und holt für Herrn Lanker die gefüllte Medikamentenbox aus dem Schrank. Alles weitere Material ist bereits vor Ort – würde unterwegs etwas fehlen, könnte es die Pflegefachfrau nicht einfach schnell im Büro holen gehen.

Im Tal zwischen den Höhenzügen des Solothurner Juras wohnen manche Menschen, die vorübergehend oder für unbestimmte Zeit auf Unterstützung angewiesen sind, weit auseinander. Die Region heisst Thal, ausgehend von Balsthal, dem Bezirkshauptort und Spitex-Stützpunkt. Der Leistungsauftrag für die ambulante Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner besteht für Balsthal und acht weitere Gemeinden: Aedermannsdorf, Gänsbrunnen, Herbetswil, Holderbank, Laupersdorf, Matzendorf, Mümliswil-Ramiswil und Welschenrohr. Bis zum kleinen Gänsbrunnen, das zuhinterst im Tal, auf der Nordseite des Weissensteinpasses liegt, sind es vom Spitex-Büro aus vierzig Autominuten.

Über dem Taleingang färbt sich der Himmel blaurot, als Ruth Meyer in ihr Auto steigt und zu Frau Tobler, der ersten Klientin, fährt. Sie ist um diese Uhrzeit bestimmt schon wach, kann jedoch nur mit Hilfe aufstehen, zu kraftlos sind ihre Beine. Anna Tobler ist 97 Jahre alt. Dank ambulanter Pflege lebte sie allein in Bern, bis ihre Tochter sie vor zehn Tagen zu sich holte und die Spitex Thal um Unterstützung für ihren Feriengast bat. Vorübergehend. Wie lange dieser Übergang dauern mag und wohin er führt, ist ungewiss. Zurück in die eigene Wohnung oder in ein Heim?

Ruth Meyer begleitet kranke und geschwächte Menschen, die sich aufgrund einer Veränderung neu orientieren müssen. Sie gehört zum spezialisierten, kleinen Übergangsteam, das gebildet wurde, weil einerseits die Spitäler die Aufenthaltszeiten verkürzen und andererseits die Patientinnen und Patienten möglichst bald nach Hause möchten. «Das sind Wechselwirkungen», stellt Ruth Meyer fest. «Die Spitäler entlassen Patienten nur deshalb frühzeitig, weil sie wissen, dass die Spitex die erforderliche Behandlung und Pflege weiterführt. Und wer selbst nach Hause drängt, kann nur gehen, wenn der nahtlose Wechsel zur ambulanten Pflege gewährleistet ist. Solche Überweisungen sind relativ häufig.» Im Übergangsteam arbeiten erfahrene diplomierte Pflegefachfrauen, «die sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, wenn es viele Neuanmeldungen hereinschneit». Das bedeutet: Am Morgen meldet das Spital oder ein Hausarzt manchmal mehrere Personen an, die an diesem Tag entlassen werden und bereits am Nachmittag oder am nächsten Tag von der Spitex besucht werden sollen, zum Beispiel, weil die Wunde nach einer Operation versorgt werden muss. Ruth Meyer lernt tagtäglich neue Klientinnen und Klienten kennen. Sie informiert sich im elektronischen Dossier über die Krankheitsgeschichte und die ärztlichen Verordnungen, erfährt Wesentliches jedoch erst vor Ort im persönlichen Gespräch: Was braucht es von der Spitex, damit das Alltagsleben trotz Einschränkungen gut gelingt? Wenn eine jüngere Frau nach einem Unfall die Schulter operieren lassen musste, erfährt Ruth Meyer im Abklärungsgespräch möglicherweise, dass die Klientin mit den Medikamenten problemlos zurechtkommt, für den Haushalt zwei hilfsbereite Nachbarinnen hat, die Spitex jedoch für die Körperpflege und das Lösen und Fixieren der Bandage benötigt. In dieser gut überschaubaren Situation entscheidet Ruth Meyer, die neue Klientin dem Pflegeteam zuzuteilen. Die nun folgenden, regelmässigen Einsätze können ohne Weiteres auch von Pflegehelferinnen oder Fachfrauen Gesundheit geleistet werden.


Frau Tobler hingegen wird in den ersten zwei Wochen morgens und abends von den diplomierten Pflegefachfrauen des Übergangsteams besucht, da sich jederzeit etwas verändern könnte und weil sie wenige, vertraute Menschen um sich haben sollte. «Für Demenzbetroffene finde ich das besonders wichtig», sagt Ruth Meyer. «Bei meinen ersten Besuchen wirkte die Klientin stark dement und verwirrt. Frau Tobler behauptete, am Bodensee zu sein und hart arbeiten zu müssen. Sie war missmutig und klagte viel. Es war wohl der Ortswechsel, der ihr zu schaffen gemacht hatte und eine Krise auslöste. Nun ist sie entspannter.» Ruth Meyer parkt vor dem Einfamilienhaus und startet auf dem Tablet die Einsatzzeit für Frau Tobler. «Nicht klingeln, eintreten, sich bemerkbar machen!» ist unter ihrem Namen speziell vermerkt. Vorgesehen sind fünfzig Minuten für die in der Pflegeplanung aufgeführten Leistungen: Ganzkörperpflege, Kompressionsverband, Hilfe beim Gehen vom Bett zum Rollstuhl, Verabreichung der Medikamente inklusive Inhalationstherapie. Wird Ruth Meyer ständig auf die Uhr schauen, um sich an die vorgegebene Zeit für die Pflegeschritte zu halten? «Ein Stück weit habe ich die Zeit im Gefühl, das mir sagt, wann ich bei der nächsten Klientin sein sollte. Doch wenn ich mal länger brauche, ist es begründet. Mit dieser Einstellung beginne ich jeden Einsatz.» Sollte sie mehrere Minuten verspätet sein, gäbe sie telefonisch Bescheid am nächsten Ort.

Anna Tobler liegt auf dem Rücken unter der Federdecke und hebt leicht den Kopf vom Kissen, als sie Ruth Meyers Stimme hört. «Ich bin schon lange wach. Die Sonne ist hinter der Haustüre, wo s’Liechtli brennt.» Im Zimmer ist die Schlafwärme zu spüren. Während Ruth Meyer die Hände desinfiziert und sich im engen Raum für die Arbeit einrichtet, unterhält sie sich mit der Frau.

«Nein, es tut mir nichts weh. Bin halt nicht wehleidig.»

«Das habe ich gemerkt, Frau Tobler.»

«Man muss lachen können. Es gibt sicher Patienten, die heulen. Warum? Sie sind ja hier, um mir zu helfen. Also muss ich es annehmen und das Möglichste daraus machen.»

«Das ist wunderbar», sagt Ruth Meyer.

«Dann bin ich das Wunder, und Sie sind bar», kommt es von Anna Tobler umgehend zurück.

«Eine schöne Antwort. So passt alles zusammen.»

Was die Pflegefachfrau tut, sagt sie vorher der Klientin. «Zuerst leere ich das Säckli. Sie können noch in der Wärme bleiben.» Frau Toblers Blase arbeitet nicht mehr selbstständig, weshalb sie einen Dauerkatheter braucht und morgens der Urinbeutel geleert wird. Als Ruth Meyer ins Badezimmer geht, wird sie von Anna Toblers Tochter angesprochen: «Wie steht es in Ihren Notizen wegen der Frotteewäsche? Sind die gelben Tücher für oben und die blauen für unten oder andersrum? Ach, spielt eigentlich keine Rolle, ich wasche sowieso häufig.» Geduldig erklärt Ruth Meyer, wohl nicht zum ersten Mal, sie verwende die helleren Farben für das Gesicht und den Oberkörper. Beginnen werde sie nun mit Dunkelblau. Sie legt das Frotteetuch über den linken Arm, lässt lauwarmes Wasser in ein Plastikbecken, legt einen dunkelblauen Lappen hinein und geht damit zu Frau Tobler ans Bett. «Ich bringe das Wasser, um Sie zu waschen, aber zuerst binde ich Ihre Beine ein. Dafür nehme ich Ihnen etwas von der Wärme.» Die Pflegefachfrau kniet sich am Fussende hin, schiebt das Duvet leicht zurück, greift blindlings nach rechts, wo sie zuvor die Körperlotion platziert hatte. «Ich massiere Ihnen die Füsse, die sollen Sie heute tragen.» Heute ist ein guter Tag. Die Wolken am Ferienort von Frau Tobler haben sich verzogen, ihre Stimme ist kräftig: «Ich mache alles mit, Sie müssen auch eine Freude haben.»

Nach der Fussmassage erhält sie einen Kompressionsverband, um den Kreislauf und die Gehkraft zu stärken. «Damit Ihnen nicht sturm wird, wenn Sie aufsitzen.» Von den Zehenwurzeln bis unter die Knie legt Ruth Meyer den Verband, nicht zu locker, nicht zu satt, mit routinierten Kreisbewegungen, die in ihrer Sorgsamkeit einmalig wirken. Anna Tobler macht wie versprochen mit, hebt das linke, dann das rechte Bein.

«Damit es ringer geht für Sie. Die Beine kann ich lange in der Luft halten. Ich übe im Bett halt immer.»

«Sie machen das gut. Können Sie die Zehen gut bewegen, drückt es nirgends?»

«Von hier oben aus gesehen, geht es gut.»


Zum Schluss stülpt die Pflegefachfrau erst dünne, beige Kompressionssocken, dann weiche, bunte Wollsocken über die Zehen. So wie es Frau Tobler seit Langem gewohnt ist. «Wichtig ist, jedes Mödeli der Leute zu kennen und beizubehalten», sagt Ruth Meyer. Deshalb berücksichtigt sie auch praktische Ideen von Angehörigen: Um den Kunststoffschlauch des Katheters wickelt die Tochter jeweils ein Leinentüchlein, das Frau Toblers empfindliche Haut schützen soll. Die Pflegefachfrau tut dies nun genauso. Sie hat blaue Einweghandschuhe angezogen und kontrolliert die heikle Eintrittsstelle des Katheters, bevor sie mit der Intimpflege beginnt.

«Ist die Wassertemperatur so recht?»

«Ja, ja, ich bin nicht heikel.»

«Das weiss ich, Frau Tobler. Nun gebe ich Ihnen ein Schüpfli, damit Sie sich auf die Seite drehen und ich das Gesäss waschen kann.»

«Manches möchte ich lieber nicht haben, aber ich reklamiere nicht. Wenn es ganz unangenehm wäre, würde ich es sagen.»

«Frau Tobler, Sie dürfen jederzeit sagen, wenn Sie etwas stört. Ich bin auch nicht heikel.»

«Das merke ich mir.»

Ruth Meyer denkt bereits weiter. Links, leicht oberhalb des Gesässes, hat die Klientin eine Druckstelle, die nicht wund oder gar entzündet werden darf. Um die Stelle zu kontrollieren, dreht sie Frau Tobler auf den Rücken zurück, umrundet das Bett und dreht sie nun auf die andere Seite.

«Das sieht besser aus, auftragen muss ich nichts. Aber diese Stelle müssen wir im Auge behalten.»

«So, so, ich sehe halt nicht um die Ecke.»

«Ich massiere das Gewebe um die gerötete Stelle. Das regt die heilende Durchblutung an.»

«Wovon kommt das denn?»

«Vom Druck. Sie liegen im Bett oft auf dem Rücken und sitzen im Rollstuhl darauf.»

«Aha. Und dann bin ich noch difficile.»

«Auf Druck reagieren wir alle empfindlich.»

Ruth Meyer zieht der liegenden Klientin eine weiche, bequeme Hose an, prüft, ob die Nähte nirgends drücken und bittet Frau Tobler, sich aufzurichten. Das geht heute gut, ohne Hilfe, genauso wie die drei kleinen Schritte bis zum Rollstuhl. «Mir ist nicht sturm, ich bin stark, habe schwer gelebt.» Der Rollstuhl passt knapp durch die Türöffnung des Badezimmers und vor das Lavabo.

«Für das Waschen von Gesicht und Oberkörper habe ich hier das Wasser schon bereit gemacht.»

«Bin ich sehr dreckig?»

«Ich glaube nicht», lacht Ruth Meyer und gibt der sitzenden Frau den feuchten, gelben Waschlappen in die rechte Hand. Anna Tobler schliesst die Augen und fährt sich langsam über das Gesicht. «Das ist schön. Wie wenn mich jemand streicheln würde.» Dann zeigt sie, wie gut sie heute den rechten Arm heben kann, der sie lange Zeit schmerzte. «Ich übe halt immer, und die Hand geht noch gut, das ist die Hauptsache.»

«Sie können noch viel machen, das ist wahr. Wenn Sie sich jetzt nach vorne beugen, wasche ich den Rücken.» Nach dem Abtrocknen reibt die Pflegefachfrau Kampfersalbe ein, weil das Anna Tobler ganz besonders mag.

«Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so verwöhnt worden.»

Während die munter gelaunte Frau in der Küche mit dem Inhalationsgerät ein- und ausatmet, räumt Ruth Meyer in Schlaf- und Badezimmer auf, lässt frische Luft herein und hört aus der Küche: «Das ist nur ein Spiel. Ich bin mich anderes gewohnt, weiss, was schwer arbeiten heisst.» Die Tochter hat die zahlreichen Medikamente auf einen Teller gelegt, und Frau Tobler schluckt sie blitzschnell mit Wasser. Ruth Meyer bringt die gereinigte Brille von Anna Tobler und überrascht damit die Tochter.

«Sie putzen sogar die Brille meiner Mutter? Kürzlich sagte ich zu ihr: Merkwürdig, deine Brille wird nie schmutzig.»

«Das gehört bei mir dazu. Ich sorge für einen klaren Blick.»


Frau Tobler blickt auf ihre Hände:

«Da sehen Sie, wie alt ich bin.»

«Genau, das sind Ihre Lebensspuren. Jetzt muss ich weiter.»

«Schade.»

«Ich komme morgen Früh wieder. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Adieu.»

Ruth Meyer bestätigt auf ihrem Tablet alle aufgelisteten Pflegeschritte, tippt eine Notiz zum Schmerzpflaster am Oberarm, das sie heute entfernt hat, und stoppt den Einsatz. Nach fünfzig Minuten. Erstaunlich, dass nicht mehr Zeit verstrichen ist während der vielen Handlungen, den Zwiegesprächen und ruhigen Zuwendungen. Während all dem, was die betagte Frau erhalten und was zur Entlastung der Tochter beigetragen hat. «Die Tochter hat eine schwierige Aufgabe übernommen», sagt Ruth Meyer. «Ich weiss nicht, wie lange sie das tragen kann. Demnächst findet wieder ein Standortgespräch statt. Im Übergangsteam haben wir den Vorteil, beweglich auf Veränderungen reagieren zu können.» Die Kolleginnen der anderen Pflegeteams haben ihre festen Touren – in der Region Thal sind es täglich 35 –, die Einsätze der Fachfrauen des Übergangsteams variieren aber. «Manchmal ist es anstrengend und die Tage können sehr lang sein.» Ruth Meyer ist für ein Pensum von achtzig Prozent angestellt. «Ich bin flexibel und setze laufend Prioritäten. Mein Pensum ist erreicht, wenn die Arbeit fertig ist. Für mich stimmt es so, aber wir dürfen das nicht allen Mitarbeitenden zumuten.»

Ruth Meyer ist Mutter von fünf nun erwachsenen Kindern und bewirtschaftete bis vor Kurzem mit ihrem Mann einen Bauernhof mit zwanzig Milchkühen und Kälbern, welche sie für die Aufzucht behielten. Den Hof führt heute ein Neffe weiter. Ruth Meyer lebt mit ihrem Mann und drei Kindern, die noch in Ausbildung sind, im Stöckli oberhalb des Hofs. «Nun bin ich Bienenfrau.» Sie imkert und hat eine Hühnerschar, ihr Mann hilft auf dem Hof aus. Als Mutter und Bäuerin gehörte es dazu, sich mit Unerwartetem anzufreunden und den Lebensstufen zu folgen – wie sie es schon von ihrem Beruf her kannte, den sie jung gewählt und an der Schule für Gemeindekrankenpflege in Sarnen erlernt hatte. «Die ambulante Pflege hat mich stärker begeistert als die stationäre. Weshalb, weiss ich eigentlich nicht, ich habe oft aus dem Bauch heraus entschieden.» Schule und Praktika auf verschiedenen medizinischen Gebieten wechselten sich ab, 1986 kam Ruth Meyer nach Balsthal als Praktikantin für Gemeindekrankenpflege, die damals der katholischen Kirche unterstellt war.

Nach der Diplomierung folgte das Pflichtjahr als Angestellte einer Gemeinde. Ruth Meyer wählte Wildhaus im Obertoggenburg und wusste wohl nicht, was auf sie zukommen würde, als einzige Krankenschwester für das weite Gebiet zwischen Säntis und Churfirsten. Sie arbeitete von zu Hause, holte das Pflegematerial bei den Landärzten, fuhr mit dem Auto und bei Schnee auf Skiern zu abgelegenen Häusern und Höfen. «Ich musste zu jeder Tages- und Nachtzeit los, vor allem wenn Menschen daheim starben, oder bei schweren Lawinen- oder Pistenunfällen. Dann musste ich beim Bergen helfen, und falls es Tote gab, sie für die Gerichtsmediziner vorbereiten. Wenn Menschen zu Hause verstorben waren, wurden sie jeweils von der Gemeindeschwester angekleidet – auch jene, die zuvor keine Pflege erhalten hatten. «Wir hatten das in der Schule gelernt. Heute tun wir es nur, wenn wir jemanden vorher gepflegt haben. Ansonsten sind jetzt die Bestattungsbeamten zuständig.»

Damals in Wildhaus war Ruth Meyer erst 21 Jahre alt. Wie kam sie damit zurecht, unbekannte, tote Menschen zu berühren? «Das Lebensende hat für mich schon immer auf positive Weise dazugehört.» Sie wuchs in einem Mehrgenerationenhaus auf, in einem kleinen Thurgauer Dorf. Die Grosseltern starben daheim, die Grossmutter war lange krank gewesen. «Früher sagte man bettlägerig. Sie wurde während Jahren von uns, vorwiegend von meiner Mutter, gepflegt. Ich hatte nie das Gefühl gehabt, es sei eine Belastung für sie. Vielleicht entschied ich mich deshalb für den Pflegeberuf.»

Wenn Ruth Meyer ihre Arbeit von vor dreissig Jahren mit heute vergleicht, stellt sie fest, dass die Leute damals weniger früh Pflege erhielten. «Und wenn sie Hilfe brauchten, waren sie ganz einfach dankbar, dass wir kamen, selbst wenn ich in Wildhaus oft erst am Nachmittag die Zeit fand, eine abseits wohnende Frau zu besuchen, um sie zu waschen. Das ist heute ganz anders. Besonders Leute, die nicht täglich die Spitex brauchen, äussern ihre Ansprüche. Ein Paradebeispiel: Sie wollen exakt um Viertel nach sieben geduscht werden, weil sie den Tag verplant haben, und begreifen nicht, dass wir frühmorgens zu jenen gehen, die ohne uns nicht aufstehen können.» Auch viele Diabetikerinnen und Diabetiker, die nicht selbstständig Insulin spritzen können, erwarten die Spitex: Sie dürfen erst frühstücken, nachdem die Pflegenden den Blutzucker gemessen und das korrekt dosierte Insulin verabreicht haben.


Frau Tobler sitzt inzwischen mit der Tochter beim Frühstück, und die Pflegefachfrau ist im nächsten Dorf angelangt, wo sie bei Frau Baumgartner klingelt. Deren Betreuerin öffnet und bittet sie, eine Viertelstunde zu warten, bis die Klientin fertig geduscht sei. Ruth Meyer bleibt freundlich und beschliesst, nachher direkt mit Frau Baumgartner über das verabredete Zeitfenster zu sprechen. Die sechzigjährige Geschäftsfrau erhielt vor einigen Monaten eine Krebsdiagnose, hat mehrere Spitalaufenthalte hinter sich, wird vom Onkologen und vom Übergangsteam der Spitex eng begleitet, möchte weiterhin im eigenen Haus bleiben, kann aber nicht mehr allein leben. An manchen Tagen fühlt sie sich beim Gehen selbst mit dem Rollator unsicher. Um in dieser veränderten Situation eine gute Lösung zu finden, organisierte Ruth Meyer ein Familiengespräch mit der Klientin und ihren beiden fürsorglichen Söhnen. Die Spitex-Einsätze und die Besuche der Söhne liessen sich intensivieren, doch es genügte nicht: Falls Frau Baumgartner stürzen sollte, wäre in diesem Moment wahrscheinlich niemand bei ihr. Die Söhne wandten sich an eine Vermittlungsstelle für Care-Migrantinnen, da Frau Baumgartner eine offene, kommunikative Persönlichkeit ist und über gute finanzielle sowie räumliche Voraussetzungen verfügt, damit jemand rund um die Uhr für sie da sein kann. Kürzlich traf die jetzige Betreuerin aus Kroatien ein.

Die Spitex kommt zurzeit zwei Mal wöchentlich für die vereinbarten Aufträge. «Was dazwischen geschieht, zählt zur Autonomie der Klientin», sagt Ruth Meyer. Beim heutigen Besuch misst sie den Blutdruck, bereitet die Medikamente für die nächste Woche vor und versorgt zwei offene Wunden, die bei Stolperstürzen entstanden sind. Frau Baumgartner sitzt seitlich am Küchentisch, mit dem rechten Bein auf dem Sitzbrett des Rollators.

«So müssen Sie sich nicht bücken, Frau Meyer. Haben Sie gesehen, es blutet!»

«Das ist gut, Frau Baumgartner. Damit das Wundsekret herauskommt, feuchte ich nochmals die Gaze an.» Dann massiert sie mit drei Fingern das Gewebe rund um die Verletzungen herum.

«Wie geht es Ihnen mit den neuen Tabletten?»

«Ich spüre gar keine Nebenwirkungen.»

«Da bin ich erleichtert. Ich dachte, hoffentlich meinen Sie nicht, es aushalten zu müssen, falls Ihnen übel wird. Dagegen hätten Sie ja Medikamente.»

«Die brauchte ich nicht.»

Aus dem antiken Bauernschrank holt Ruth Meyer die Plastikkiste mit den Medikamenten und stellt sie auf den Tisch. Auf ihren Schoss legt sie das Tablet, nimmt aus der ersten Schachtel eine Blisterreihe, vergleicht mit der Liste im Pflegedossier, öffnet eine Schachtel nach der anderen und ordnet die weissen, gelben, rosa, grün-weissen Pillen und Kapseln in die kleinen Fächer für morgens, mittags, abends, nachts. Es darf kein Fehler passieren. Frau Baumgartner weiss Bescheid, wofür sie welches Medikament nimmt, aber es sind zu viele und zu viele ähnlich aussehende, um sie selbst zu sortieren. Ruth Meyer nennt jedes einzelne mit seiner Dosierung und Wirkung, dazwischen beantwortet sie eine Frage der Klientin zum Antidepressivum, ohne die Konzentration zu verlieren. Nachdem sie das Dosett gefüllt hat, kontrolliert sie ruhig noch einmal jedes Fach, bevor sie die Tagesschieber schliesst. Wäre Frau Baumgartner weniger gut informiert, oder könnte sie die Medikation nicht nachvollziehen, würde am Nachmittag eine zweite diplomierte Pflegefachfrau kommen, um die von Ruth Meyer gerichtete Medikamentenbox nochmals zu kontrollieren. Die grosse Verantwortung und die Sorgfalt im Umgang mit Medikamenten erfordern mehrere Sicherheitsstufen. So dürfen Fachpersonen Gesundheit die Dispenser zwar vorbereiten, aber überprüft werden sie in jedem Fall durch diplomierte Fachpersonen.


Ruth Meyer ist immer in der häuslichen Pflege tätig gewesen, mit einer entscheidenden Ausnahme: Als junge Frau arbeitete sie als Freiwillige während sechs Monaten mit Mutter Teresa im Sterbehaus von Kalkutta. «Fünfzig Frauen und fünfzig Männer lagen auf Pritschen in zwei Räumen. Gesehen habe ich strube Dinge, hervorgegangen aus der Armut und dem indischen Kastensystem, was mich stärker belastete als die Pflege der Sterbenden.» Sie machte wertvolle Lebenserfahrungen: Weil es in ihrer Natur liegt, vorauszudenken, sorgte sie sich abends schon für den nächsten Tag, wenn das Essen auszugehen drohte. «Doch täglich trafen von irgendwoher Spenden ein, auch für Medikamente und Verbandsmaterial. Das war sehr besonders, und mit der Zeit lernte ich, darauf zu vertrauen.» Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz plante Ruth Meyer, bei der Gemeindekrankenpflege in Balsthal zu bleiben, bis sie das nötige Geld hätte, um nach Afrika zu reisen. Als Kind war sie fasziniert gewesen von Albert Schweitzer und seinem Spital in Lambaréné, nun wollte sie ihren eigenen Weg zur Unterstützung von afrikanischen Menschen finden. Der Zufall wollte es anders: Ruth Meyer lernte in Balsthal ihren zukünftigen Ehemann kennen, wurde fünffache Mutter und Bäuerin.

Als die Kinder grösser waren, stieg Ruth Meyer wieder in die ambulante Pflege ein, nun war es die öffentliche Spitex, nicht mehr die katholische Krankenpflege. «Es ist gut, dass ich immer dabeigeblieben bin, abgesehen von der Familienpause, und alle Entwicklungen der Spitex miterlebt habe. Aber als 2015 die elektronische Pflegeplanung eingeführt wurde, musste ich neu starten – obwohl mich der Computer eigentlich nicht abschreckte, da ich für den Hof die Buchhaltung führte.» Es gab Kolleginnen, die kündigten, als das handschriftlich geführte Pflegeheft durch das Tablet ersetzt wurde. Inzwischen ist der elektronische Begleiter genauso selbstverständlich geworden wie die hellgrünen Berufshosen und das dunkelblaue Shirt mit dem Logo. Wie in vielen Spitex-Regionen waren die Pflegenden auch in Thal jahrelang in Privatkleidern unterwegs und zogen bei den Klientinnen und Klienten einfach die Berufsschürze über.

Ruth Meyer arbeitet nicht nur mit grosser Flexibilität im Übergangsteam, sie leitet zudem den Pflegedienst der zur Spitex Thal gehörenden Tagesstätte für Menschen, die Betreuung benötigen. So können betreuende und pflegende Angehörige regelmässig für einige Stunden entlastet werden. «Es hat mich seit Langem beschäftigt, dass es viele und immer mehr Menschen gibt, die zwar keine Spitex-Pflege benötigen und eigentlich auch gut daheim wohnen können, aber im Alltag begleitet und betreut werden sollten. Angehörige können das nicht allein leisten.» In der neuen Tagesstätte arbeiten vorwiegend Personen, die speziell für Betreuungsaufgaben ausgebildet sind.

Als Ruth Meyer von ihrer Morgentour zurückkommt, erwartet sie eine dringende Neuanmeldung: Von einem Hausarzt, der die Spitex bittet, einem Patienten alle sechs Stunden Morphin zu spritzen. Die Pflegefachfrau hat ein mulmiges Gefühl, weil sie den neuen Klienten noch nie gesehen hat. «Ich möchte nicht einfach das Medikament verabreichen und wieder gehen.» Sie wird das Gespräch mit ihm und seiner Familie suchen, um herauszuhören, was die Spitex alles tun kann. Während Ruth Meyer den Rucksack erneut packt, bereitet sie sich innerlich auf eine Situation vor, zu der sie einzig die medizinischen Informationen hat. Vor Ort vertraut sie ihren Erfahrungen, um zu beurteilen, was sie ansprechen darf und wofür heute nicht der richtige Moment ist. Jeder Einsatz verläuft anders. «Schön ist in unserem Beruf, dass sich wesentliche Dinge nicht wiederholen.»

Von einem Tag auf den anderen war meine Mutter allein zu Hause. Über Nacht war sie Witwe geworden. Ihre Gefühle behielt sie weitgehend für sich, wie sie es schon früher getan hatte, als sie Verluste ertragen musste. Sie habe natürlich Heimweh nach Bruno, doch es gehe ihr gut, sie dürfe nun bloss nicht krank werden. Es klang traurig und tapfer. Mehr aufgeben als notwendig wollte sie auf keinen Fall, über einen möglichen Umzug vom gemieteten Haus in eine Alterswohnung war mit ihr nicht zu diskutieren. Sie überging jede Andeutung des Themas mit schablonenhaften Sätzen: «Ich bin nicht einsam. Langweilig war mir noch nie.»

Während der Pflege meines Vaters hatte das Spitex-Team auch meine Mutter kennengelernt und ihr nach seinem Tod vorgeschlagen, sie in der neuen Lebenssituation zu unterstützen. Ihre Alzheimerkrankheit hatte begonnen, sich zu zeigen. Die bald achtzigjährige Frau, die kaum je beim Arzt gewesen war, nur wenige Tage krank im Bett verbracht und keinerlei Ansprüche gestellt hatte, fand es freundlich, dass jemand zu Besuch kam und ihr zuhörte, nachdem sich wochenlang alles um ihren Mann gedreht hatte. Sie erzählte gern von ihren Reisen und meinte, es gebe noch vieles zu entdecken. Die regelmässigen Kontaktbesuche ermutigten sie. «Meine Spitex-Frau hat mich gelobt, ich würde mein Leben gut meistern», erzählte sie mir am Telefon freudig, ja stolz.

Tatsächlich ging sie täglich spazieren, achtete auf ihr Äusseres, auf farblich abgestimmte Kleider und frisch gewaschene Haare. Doch mit der Zeit drangen Abweichungen ihres Verhaltens nach aussen. Nachbarn meldeten mir, sie lasse nächtelang im ganzen Haus das Licht brennen. «Hör nicht auf das Geschwätz!», sagte sie unerwartet selbstbewusst. Gab sie früher viel darauf, was die Anderen denken könnten, so kümmerte sie sich jetzt nicht darum. «Ich lebe für mich, ich bin frei.» Als später das Verwirrtsein in ihren dunkelbraunen Augen lesbar wurde, wirkte sie einsam.

Dennoch, meine Mutter hätte nie etwas anderes gewählt, als weiterhin daheim zu leben. Es waren die verschobenen Vorgänge im Kopf, welche ihr die Autonomie nahmen. In den nächsten Monaten bildete sich ein Versorgungsnetz, um meine Betreuung und Hilfe zu erweitern. Die Spitex koordinierte den Mahlzeitendienst, die Haushaltshilfe und freiwillige Besucherinnen von Pro Senectute, die meiner Mutter Gesellschaft leisteten. Verwöhnt fühlte sich meine Mutter von der Podologin, die nicht nur ihre Füsse pflegte, sondern sich auch um orthopädische Schuheinlagen kümmerte. Das Gehen wurde trotzdem schwieriger, nicht der Füsse oder Beine wegen, sondern weil die Gehbewegungen im Kopf vergessen gingen. Manchmal stand sie unten an der Treppe zwischen Wohn- und Schlafräumen und fragte: «Wie komme ich dort hinauf?» Während ich vorausging und ihr die Schritte vorzeigte, hörte ich sie hinter mir, sich halblaut ermunternd: «Ich war schon immer eine gute Läuferin. Es braucht halt Übung.» – «Wir könnten in der Stube ein Schlafzimmer einrichten.» – «Nein.

Ich kann das. Oben ist die Aussicht vielversprechend. Du glaubst es nicht, aber ich schaue immer noch jeden Abend auf den See. Jedes Mal ist die Stimmung neu.» Auch gegen das Anbringen eines längst notwendigen Handlaufs wehrte sie sich vehement, das koste zu viel, zur Not rutsche sie auf dem Gesäss rauf und runter. Während Jahren wusste sich meine Mutter in den meisten, auch unerwarteten Situationen zu helfen und scheute keine Anstrengung, um ihr Bild der willensstarken, gesunden Frau zu wahren.

Lange zu Hause wohnen

Viele Menschen sind auf häusliche Pflege, Behandlung und Betreuung angewiesen. Die Mitarbeitenden der Spitex versuchen vor Ort herauszufinden, was eine sinnvolle Unterstützung beinhalten sollte. Oft stellen sie fest, dass Gespräche am wirksamsten sind. Wer gut umsorgt wird, fühlt sich besser, geht mit Beschwerden gelassener um und kann, falls nötig, mehr Hilfe annehmen. Aus Sicht der Fachleute liesse sich immer etwas optimieren, doch sie sind zurückhaltend und respektieren die Autonomie der Klientinnen und Klienten.

Das Zuhause ist immer ein persönlicher Ort. Keiner wie der andere, einmalig wie das hier stattfindende Leben, ausgeprägter im Alter, wenn die Bewegungen bedächtiger werden und den Radius verkleinern. Die selbst eingerichteten Räume und gewachsenen Gewohnheiten gehören zur eigenen Identität – genauso wie die Bezugspunkte draussen, die Birke vor dem Fenster, die vertraute Nachbarschaft, die Wege, die Läden oder das Café, wo man anderen begegnet. Wer wählen kann, wohnt bis ins hohe Alter und möglichst bis zum Lebensende daheim. Viele befürchten, in einem Spital oder Heim fremdbestimmt zu sein und buchstäblich den vertrauten, sicheren Boden unter den Füssen zu verlieren. Die Spitex nennt das Zuhause den «Ort der Würde».

Eine Studie,13 die auf Befragungen von über achtzigjährigen Spitex-Klientinnen und -Klienten beruht, besagt, dass ältere Menschen eine Bereitschaft zum Risiko zeigen, um wie gewohnt zu leben, selbst wenn sie geschwächt sind. Die Gefahr, zu stürzen, sich zu verletzen oder die eigenen Kräfte zu überfordern, zählt wenig gemessen am Wert der Autonomie und der Angst, nicht mehr sich selbst sein zu können. Lieber ein Risiko eingehen als die Würde aufgeben. In der erwähnten Studie wird von einem alten Mann berichtet, der darauf besteht, seine Kleider selbst zu waschen und zu bügeln, obwohl er unter Schmerzen leidet. Er schildert, wie er sich nach jedem gebügelten Hemd hinsetzen muss, um sich zu erholen. Niemand habe ihm gesagt, er müsse das tun, aber er wolle sich keinesfalls gehen lassen, um nicht so zu werden wie ein Kollege, der schmutzige Hemden trage. Auch wenn die täglichen Aktivitäten viel Energie kosten, bedeutet es Freiheit, sie selbst zu verrichten. Dafür entwickeln vor allem ältere, allein lebende Menschen überraschende Strategien und Tricks.

Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Älterwerden wird in der Schweiz wesentlich unterstützt durch unzählige neuere Wohnformen, beispielsweise Alterssiedlungen oder Mehrgenerationenhäuser, die sich durch eine hindernisfreie Architektur auszeichnen und wo gemeinschaftliche Aktivitäten und gegenseitige Unterstützung stattfinden oder sogar Betreuungs- und Pflegeangebote vorhanden sind.

Das reale Leben findet zu Hause statt, nicht im Heim

Die individuelle Unabhängigkeit zu respektieren und zu stärken, solange die Sicherheit der begleiteten Person nicht ernsthaft gefährdet wird, ist der Spitex ein grosses Anliegen und ein Grundsatz ihrer Arbeit. Wenn jemand seine Medikamente unbedingt selbstständig vorbereiten und einnehmen will, aber offensichtlich mit der Dosierung nicht klarkommt, bemühen sich die Pflegenden, dem Klienten zu erklären, weshalb Hilfe sinnvoll ist. Die betroffene Person zu überzeugen, gelingt am besten, wenn zu ihr bereits eine Beziehung besteht und sie weiss, wie bedeutsam die Spitex für das Leben in der vertrauten Wohnung ist.

Wie viel die Spitex, aber auch Angehörige, Freundinnen und Nachbarn anbieten oder gar übernehmen sollen, bleibt eine heikle Frage, wenn Menschen zwar beeinträchtigt, aber nicht im eigentlichen Sinn pflegebedürftig sind.14 «Wann sollen wir dazwischenfunken? Bei vielen Menschen könnte man einiges aufgleisen: Körperpflege, Haushaltshilfe, Mahlzeitendienst wären von aussen gesehen vielleicht angebracht, aber persönlich nicht erwünscht», stellt Regina Germann fest. «Wenn Leute zufrieden leben, wo sie seit ewig verwurzelt sind und sich trotz gesundheitlicher Einschränkungen gut arrangieren, dann müssen wir die Dinge einfach mal stehen lassen können.» Die diplomierte Pflegefachfrau arbeitet in einem Koordinationsteam der Spitex Zürich. Änderungspotenzial gebe es immer. Doch das Recht auf Selbstbestimmung gelte mehr. «Es kann in einem privaten Zuhause nicht nach unseren Vorstellungen ablaufen. Würden wir alles durchorganisieren und standardisieren, wäre es wie in einer Institution» – was der Aufgabe der Spitex, den Menschen ein gutes Leben in der selbst geschaffenen Umgebung zu ermöglichen, widersprechen würde.

Auszuloten, was jemanden entlasten oder aber überfordern könnte, ist für Regina Germann ein spannender und immer wieder lehrreicher Aspekt der Spitex-Arbeit. Indem sie die Menschen dort erlebe, wo sie sich aufgehoben und am sichersten fühlen, trete sie in ihr reales Leben ein und lerne ihre echten Bedürfnisse, Schwierigkeiten und Ressourcen kennen. Beim Zuhören und beim Beobachten der Gewohnheiten und der Risikobereitschaft lässt sich erkennen, was Würde für das Gegenüber bedeutet. «Von unzähligen Leuten habe ich wichtige Dinge mitgenommen, die ein selbstbestimmtes, gelungenes Leben kennzeichnen mögen.» Sie erzählt von einer Frau, die hundert Jahre alt wurde, viele ihrer Fähigkeiten verloren hatte, nicht aber ihre Lebensfreude. Auch wenn es umständlich, ja beschwerlich war, so ging sie immer noch regelmässig nach Pontresina in die Ferien. Die Bahnreise unternahm sie allein und sagte mehrmals: «Alles, was ich abgebe, kommt nie mehr zurück.» Wenn etwas nicht mehr möglich war, konnte sie es loslassen und sich stattdessen auf etwas anderes konzentrieren.

Der Respekt der individuellen Lebensweise gegenüber, so Regina Germann, stärke die Menschen, damit sie ihren Alltag meistern können. Die Besuche der Spitex sind für viele Menschen, die aufgrund ihrer eingeschränkten Mobilität oft zu Hause sind, der einzige regelmässige Bezug zur Aussenwelt. «Die meisten freuen sich, wenn sie mich sehen. Da wir viele Leute während Jahren begleiten, entstehen starke Beziehungen. Die meisten Klientinnen und Klienten habe ich gern.» Regina Germann spricht an, was für viele Pflegende zur Berufsethik gehört und zweifellos zum Wohl der Leute beiträgt, aber unter Zeitdruck verloren gehen kann: die Bezugspflege. Regina Germann erzählt von einer allein lebenden, älteren Frau, für die sie pflegerisch enorm viel überlegt, geplant, organisiert und ausgeführt hatte. Eines Tages habe die Frau zu ihr gesagt: «Ihr Besuch nützt mir mehr als all die Tabletten, die Sie mir bringen. Wenn ich einen Moment mit Ihnen reden kann, geht es mir nachher besser.» Das war ein Schlüsselerlebnis für Regina Germann. «Manchmal geht es mehr um Menschlichkeit, weniger um ausgeklügelte, wissenschaftlich begründete Pflege. Und ob diese Frau täglich geduscht und perfekt frisiert wird, ist zweitrangig.»

Spitex gehört zum Alltag von Einzelpersonen, Paaren und Familien

In vielen privaten Häusern und Wohnungen gehen Mitarbeitende der Spitex über Jahre mehrmals täglich ein und aus. Kinder, Jugendliche, jüngere und ältere Menschen mit einer chronischen Krankheit oder einer Behinderung können daheim leben, wenn die Spitex berät, pflegt, unterstützt. Sei es, weil eine querschnittgelähmte Frau allein lebt und Hilfe braucht für den Transfer zwischen Bett und Rollstuhl, oder weil Angehörige nicht alle Aufgaben übernehmen können und sollten. Manchmal ist es von Aussenstehenden schwer nachvollziehbar, wie jemand mit einem grossen Bedarf an Pflege zu Hause sein kann und vielleicht sogar die meiste Zeit allein verbringt. Besser verstehen lässt sich die Situation, wenn man diese Person und einige ihrer unverzichtbaren, persönlichen Gewohnheiten kennenlernt. Es entsteht eine individuelle Sicherheit durch die alltäglichen Rituale – mögen sie noch so klein sein wie beispielsweise ein Glas Tomatensaft und zimmerlaute Radiomusik zum späten Frühstück. Für viele Personen ist es unvorstellbar, sich in einer Institution, in einem grossen Haus mit identischen Räumen und fremden, nicht selbst gewählten Mitmenschen anpassen zu müssen.

Die Pflegepläne der Spitex sind individuell abgestimmt und werden veränderten Gegebenheiten angepasst. Gut möglich, dass es genügt, beim An- und Ausziehen der Kompressionsstrümpfe und manchmal bei der Körperpflege zu helfen, oder jedes Mal vor dem Essen den Blutzucker zu messen und Insulin zu spritzen. Während dieser regelmässigen Einsätze der somatischen Spitex oder auch während sporadischer, sogenannter präventiver Kontaktbesuche zeigen sich im Gespräch und beim Beobachten, wie eine angemessene Unterstützung der Klienten und der Angehörigen einen Spital- oder Heimeintritt verhindern oder hinauszögern kann. Dank der in der Schweiz überall und für alle präsenten öffentlichen Spitex und deren Vernetzung mit weiteren ambulanten Angeboten gelingt es häufig, die Situationen daheim zu beruhigen. Auch sozial nicht integrierte Menschen, die aufgrund einer körperlichen oder seelischen Erkrankung von der Ärztin oder vom Arzt bei der Spitex angemeldet wurden, können so unterstützt werden. Regula Fehr, diplomierte Pflegefachfrau der Spitex Bassersdorf, erzählt: «Wir haben eine sechzigjährige Klientin, bei der wir beim ersten Besuch merkten, dass sie verwahrlost lebt. Sie ist krank, musste deswegen ins Spital und kam nach einer Operation zurück in ihre Wohnung – weil sie es unbedingt so wollte, auch wenn sie allein nicht zurechtkommt. Diese Frau kann wirklich nur dank der Spitex zu Hause sein.»

Für die erwähnte Klientin bildet die Spitex zusammen mit der kommunalen Fachstelle für Altersfragen und der Nachbarschaftshilfe eine stabile Versorgungskette für alle Lebensbereiche. «Wir gehen zwei Mal täglich zu ihr, üben mit ihr Treppensteigen oder helfen dort, wo es gerade notwendig ist», erklärt Regula Fehr. «Solche Fälle sind komplex, und auch diese Menschen wachsen einem ans Herz. Oft denke ich schon morgens bei der Fahrt zur Arbeit an diese Frau.» Regula Fehr schätzt es, Leute über eine längere Zeit begleiten zu können. «Es ist mir wichtig, etwas beizutragen, das tatsächlich hilft, damit Menschen nicht von zu Hause fortmüssen. Von klein auf wollte ich jenen etwas geben, denen es nicht so gut geht. Wenn Anerkennung und Dankbarkeit zurückkommen, freut es mich.»

Wenn das Blumengiessen schwerfällt

Manche Spitex-Basisorganisationen haben ein psychiatrisches oder ein psychosoziales Team für seelisch und sozial belastete Menschen, die manchmal akute Hilfe benötigen, meist jedoch eine langzeitige Begleitung. «Morgens aufzustehen, den Tag zu strukturieren und in eine Handlung zu kommen, ist gerade für schwer depressive Menschen ein grosses Problem», sagt Andrea Hilfiker. Die diplomierte Pflegefachfrau arbeitete lange in psychiatrischen Institutionen und leitet heute bei der Spitex Aarau das psychosoziale Team. Sie erzählt von einer Frau, die sie regelmässig für eine bis anderthalb Stunden besucht, um sie im Alltag zu unterstützen. «Sie hat einen wunderschönen Garten, schafft es aber nicht, hinauszugehen, obwohl sie sagt, es täte ihr gut. Wenn sie weiss, dass ich sie besuche, ist sie motiviert, aufzustehen und sich anzukleiden.» Sie tut dann zwar nichts weiter, als auf dem Sofa sitzend auf die Besucherin zu warten, doch mit ihr zusammen ist es möglich, den Garten zu giessen, Blumen zu schneiden, Unkraut zu jäten. «Indem ich sie in den Alltagsfertigkeiten unterstütze, kommt sie in eine Handlung. In unseren Gesprächen thematisieren wir immer wieder solch kleine, aber mögliche Schritte.»

Andrea Hilfiker sagt, es sei wichtig, die Leute zu Hause zu stützen und durch eine Krise begleiten zu können. Werden sie aus dem vertrauten Umfeld herausgerissen, verlieren sie den seelischen Halt erst recht. «Sie sollen erleben dürfen, dass sie es mit Unterstützung der Spitex und von Therapeutinnen und Therapeuten schaffen, die Krise durchzustehen, und zwar im privaten, wirklichen Leben. Wir übergeben ihnen viel Eigenverantwortung, deshalb braucht es eine vertrauensvolle Beziehung zwischen den Klientinnen, Klienten und uns. Die ambulante Betreuung ist vorwiegend Beziehungsarbeit, die Zeit, Fachwissen, Verständnis, Toleranz und viel Geduld braucht. Klar, manchmal ist der schützende Rahmen einer Institution notwendig, wenn jemand zum Beispiel suizidal ist, einen Drogenentzug machen muss oder eine krank machende Situation verlassen sollte.»

Oft sind es gerade die in einer psychiatrischen Klinik gemachten Erfahrungen, die den Willen stärken, alles daran zu setzen, um nicht wieder eingewiesen zu werden. Die Spitex zu akzeptieren, gehört dazu. «Es gibt Menschen, bei denen es extrem lange dauert, bis eine tragende Beziehung aufgebaut ist. Andere sitzen da wie ein offenes Buch. Beides ist gut. Von der somatischen Pflege sind wir uns gewohnt, dass sich etwas verbessern muss. In der psychosozialen Pflege lässt sich nicht immer etwas bewegen, manchmal geht es einzig darum, den Ist-Zustand aufrechtzuerhalten.» Und vielleicht kann ein jüngerer Mann, der unter Schizophrenie leidet, ermutigt werden, wieder Kontakt zu einem Kollegen aufzunehmen. Die Krankenkasse davon zu überzeugen, dass solche Spitex-Einsätze sehr wohl wirksam sind, wenn auch subtil, kann schwierig sein. Obwohl die Begründung der Pflegefachfrau eigentlich nachvollziehbar ist: «Wir haben erreicht, dass dieser Mann, bei dem Schizophrenie diagnostiziert wurde, seit über drei Jahren nicht mehr in der Klinik war und sich wohnlich eingerichtet hat. Was ebenfalls zu bedenken ist: Ein Klinikaufenthalt kostet x-mal mehr als unsere Arbeit.»

Angehörige zu Hause pflegen, um Geld zu sparen

Die drohenden Kosten für einen Platz in einer Institution sind insbesondere für ältere Menschen und ihre Angehörigen ein Grund, möglichst lange daheim zu wohnen. Es ist selbstverständlich nicht der einzige Grund, aber doch einer, der mehr oder weniger ausgesprochen mitzählt. Wenn Herr Bänziger seine von Demenz betroffene Frau jahrelang pflegt und betreut, will er für sie sorgen, mit ihr zusammenbleiben und sie vor dem Heimleben bewahren. Er möchte aber auch selbst weiterhin in dem schönen Haus wohnen, das er von seinen Eltern geerbt hatte und wo seine eigenen Kinder gross geworden sind. Mit dem Begleichen der hohen Heimrechnungen seiner Frau würde sein Vermögen dahinschmelzen, und er wäre bald einmal gezwungen, das Haus zu verkaufen. In Pflegeheimen übernehmen Krankenversicherungen, Wohngemeinde oder -kanton nur einen Teil der Pflegekosten, die übrigen Kosten für die Pflege sowie die Betreuungs- und Pensionskosten müssen die Privatpersonen grundsätzlich selbst tragen.15 Heute hat Herr Bänziger bedeutend weniger Ausgaben mit seiner eigenen Betreuungsarbeit, mit der Hilfe seiner Töchter und Söhne und den täglichen Spitex-Einsätzen. Er kann sich sogar überlegen, sich weiter zu entlasten und für einzelne Tage eine private Betreuerin zu engagieren, deren Arbeit er allerdings selbst bezahlen müsste.

Im Gegensatz zur Pflege16 wird die ambulante sowie stationäre Betreuung nicht von den Krankenkassen und der öffentlichen Hand mitfinanziert (siehe Kapitel «Die Spitex»). Es gibt in der Schweiz zwar vereinzelte Gemeinden, die Angehörige finanziell entschädigen, wenn sie alte Menschen betreuen. Doch dieser Beitrag ist eher bescheiden und erfordert einen administrativen Aufwand, der manche abschreckt, ein Gesuch zu stellen. Einfacher ist es für die Angehörigen, wenn die lokalen Spitex-Organisationen neue Wege gehen, um Betreuungsleistungen, welche über die ärztlich verordnete Hilfe und Pflege hinausreichen, kostenlos anbieten zu können – beispielsweise dank der Finanzierung durch Spenden.

Eine gemeinnützige, ambulante Betreuungsstruktur, wie sie die Spitex für die Pflege gewährleistet, fehlt in der Schweiz. Heute kommt es vor, dass Menschen, die zwar Betreuung bräuchten, aber keine eigentliche Pflege, ihr Zuhause verlassen und zu früh in ein Heim ziehen müssen: Laut Statistik der sozialmedizinischen Institutionen weist ein Viertel der Pflegeheimbewohnerinnen und Pflegeheimbewohner einen nur geringen Pflegebedarf auf, wobei dieser Anteil in einigen Kantonen niedriger und in anderen weitaus höher ist.17 Erklärbar sind diese Unterschiede mit den regionalen Kapazitäten der Spitex und anderer ambulanter Dienste, mit deren Bekanntheitsgrad und der gesundheitspolitischen Haltung. Im Kanton Basel-Stadt zum Beispiel erfolgt die Anmeldung in ein Heim erst nach der obligatorischen Bedarfsabklärung durch eine Pflegeberaterin, die prüft, ob alle ambulanten Möglichkeiten an Pflege und Betreuung ausgeschöpft wurden.

Eine umfassende Betreuung stärkt nicht nur die Eigenständigkeit, sondern auch die Gesundheit: Wer gut umsorgt wird, fühlt sich besser, bleibt länger aktiv und braucht weniger Pflege. Für die Mitarbeitenden der Spitex ist es selbstverständlich, sich umfassend um ihre Klientinnen und Klienten zu kümmern und die erforderlichen Prioritäten zu setzen. «Erfahrene Pflegepersonen bewegen sich auf der Expertenebene, können innerhalb der Vorgaben und Standards variieren und wissen auch, dies zu begründen», sagt Max Moor, Geschäftsleiter des Spitex Verbands Aargau, und erwähnt ein alltägliches Beispiel: Die Pflegefachfrau kommt für die Körperpflege zu einer Frau, deren Beweglichkeit aufgrund ihres Rheumas eingeschränkt ist. Bei der Begrüssung merkt die Pflegefachfrau, dass es der Klientin allein um das Gespräch geht und entscheidet sich in eigener Verantwortung für das, was heute wichtiger ist. «Nur wenn wir diese Handlungsräume sinnvoll gestalten, können wir tatsächlich und wirtschaftlich effizient dazu beitragen, dass kranke und alte Menschen in ihrem Zuhause bleiben können.»

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9783039199501
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