Kitabı oxu: «Einsiedlerkrebs»

Patrick Budgen:
Einsiedlerkrebs
Lektorat:
Sophie Schagerl
Alle Rechte vorbehalten
© 2021 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover und Gestaltung: Isabella Starowicz
ISBN gedruckte Ausgabe 978-3-99001-476-9
ISBN E-Book 978-3-99001-477-6
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Für Mümi
Charlie Brown: Eines Tages werden wir alle sterben, Snoopy!
Snoopy: Stimmt, aber an allen anderen Tagen leben wir.
MONTAG, 2. NOVEMBER 2020
DIENSTAG, 3. NOVEMBER 2020
Wo könnte man einen Allerseelentag passender beginnen als am Friedhof? Noch besser, am zweitgrößten Friedhof Europas. Es ist 5.45 Uhr, als ich im Stockdunkeln vor dem imposanten »Tor 2« des Zentralfriedhofes am Stadtrand von Wien ankomme. Es nieselt, es ist kalt, neblig und irgendwie gruselig. Nachdem die Halloweenparty coronabedingt heuer ausgefallen ist, hole ich sie eben hier nach. Verkleidet habe ich mich allerdings nicht. Es ist eine ziemlich unchristliche Uhrzeit, um einen christlichen Feiertag zu begehen.
Aber ich habe ein Date. Besser gesagt, gleich mehrere. Mit Falco, Udo Jürgens, Beethoven und insgesamt sieben österreichischen Präsidenten. Zugegeben: Die Konversation bei dieser morgendlichen Zusammenkunft – ohne Kaffee, um diese Uhrzeit hat hier leider noch nichts geöffnet – werde ich allein am Laufen halten müssen. Aber das ist auch mein Job. Gemeinsam mit meinen Kollegen von Kamera und Ton melde ich mich gleich drei Mal live in unsere Frühstücks-TV-Sendung, um passend zum »Gedenktag an Verstorbene« von hier zu berichten. Meine Interviewpartnerin, eine junge Fremdenführerin, erzählt mir dabei viel Wissenswertes über den Friedhof und seine Bewohner. Etwa, dass er zu Beginn Imageprobleme hatte und man deshalb Promis aus anderen Friedhöfen der Stadt aus- und hier wieder eingegraben hat. Der Tod muss tatsächlich ein Wiener sein.
Mittlerweile ist es neun Uhr vormittags. Meine Reportagen für heute sind beendet, die nächsten für morgen früh müssen organisiert werden. Das Thema liegt auf der Hand: Corona. So wie schon die letzten Monate kommt auch unsere Sendung nicht ohne das Virus und seine Auswirkungen aus. Der Anlass diesmal heißt »Lockdown light« – Gewicht zunehmen wird man in dieser Zeit wohl trotz des an kalorienarme Produkte erinnernden Namen. Weil die Infektionszahlen massiv in die Höhe schießen, hat die Bundesregierung die Gangart wieder verschärft. Geschäfte dürfen zwar offen bleiben, doch es gelten ab morgen Ausgangsbeschränkungen. Das heißt konkret: Zwischen zwanzig Uhr und sechs Uhr früh darf man sein eigenes Zuhause nur verlassen, wenn man wirklich muss, um zur Arbeit oder zum Arzt zu gehen.
Für meine Freunde und Familie ist das eine echte Belastungsprobe. Schon wieder Lockdown. Schon wieder eingesperrt fühlen. Schon wieder so gut wie niemanden sehen. Ich bin wohl am gelassensten von allen. Denn mich kann so ein verordnetes Zuhausebleiben in diesem Jahr wahrlich nicht schrecken. Monatelang war ich quasi in meiner Wohnung eingesperrt. Ausgang hat es nur für Krankenhausbesuche gegeben. Dazu ständig die Gedanken daran, ob ich jemals wieder gesund werde, gepaart mit der optischen Verwandlung in einen glatzköpfigen Sumoringer – vermutlich dennoch ein leichtgewichtiger. Pah. Was kann mir da ein Lockdown schon anhaben? Und so bereite ich für den kommenden Morgen ein Gespräch mit einem Sprecher des Innenministeriums vor. Wann darf wer hinaus? Wie wird die Polizei das Ganze kontrollieren? Braucht man eine Bestätigung des Arbeitgebers? Alles Fragen, die mich und, so hoffe ich, auch das Publikum interessieren. Am frühen Nachmittag ist mein Arbeitstag vorbei. Das denke ich zu diesem Zeitpunkt zumindest. Tatsächlich wird es der längste meines Lebens gewesen sein.
Es ist kurz nach zwanzig Uhr, als ich mich gemütlich ins Bett kuschle. Herrlich. Bei diesen Frühdiensten werden Erinnerungen an die Kindheit wach. Während ich mich damals mit Händen und Füßen gewehrt habe, so zeitig schlafen zu gehen, genieße ich es heute umso mehr. Es bleibt mir auch keine Wahl. Wenn der Wecker um 4.15 Uhr läutet und ich halbwegs ausgeschlafen aussehen will, heißt es um spätestens 20.30 Uhr »Gute Nacht« sagen. Wie immer vorm Schlafengehen checke ich am Handy noch die Nachrichtenlage. Auch auf Twitter. Plötzlich, um exakt 20.13 Uhr, poppt auf dem Account eines bekannten heimischen Journalisten folgende Nachricht auf: »Heftige Schießerei am Schwedenplatz. Polizeigroßeinsatz«.
Okay. Was ist da los? Der Journalist in mir ist auf einmal überhaupt nicht mehr müde. Ganz im Gegenteil. Sofort rufe ich den Chef unserer Nachrichtensendung »Wien heute« an, um ihm von dem Vorfall zu erzählen. Nach einem kurzen Telefonat steht fest: Ich fahre in die Innenstadt, um mir das genauer anzusehen. »Dann kann ich das in der Frühsendung gleich authentisch schildern. Das wird wohl das Thema sein, statt der neuen Lockdown-Regeln«, sage ich ihm, während ich aus dem Bett steige und mir ein weißes Hemd und Jeans anziehe, Socken auch, ein bisschen schwierig mit dem Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt. Was mich in dieser Nacht erwartet, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Nicht einmal ansatzweise. Ich schnappe mir ein paar leere Blätter Papier, einen Kugelschreiber, werfe mir meinen Mantel über und rufe mir ein Taxi. In den Schlagzeilen um 20.30, die gerade im Radio laufen, als der Wagen mich Richtung Tatort bringt, ist noch nichts von einer Schießerei zu hören. In den sozialen Medien, die ich am Handy abrufe, tauchen aber immer mehr Bilder, Videos und Infos auf. Von großräumigen Absperrungen ist die Rede und auch von Menschen, die sich vor Schüssen in Lokale gerettet haben. Als ich diese Zeilen lese, merke ich, wie mein Puls steigt und Blut in meinen Kopf schießt.
Das klingt plötzlich nicht mehr nach einer Schießerei zwischen verfeindeten Banden, woran ich zuerst dachte, sondern offenbar nach einem Amoklauf oder Ähnlichem. Der Taxifahrer, der erst merkt, dass etwas nicht stimmt, als wir ständig von Einsatzfahrzeugen überholt werden, lässt mich vor einer Polizeiabsperrung neben dem Ringturm aussteigen. »Bringen Sie sich sofort in Sicherheit. Sie können hier nicht bleiben!«, schreit mich ein uniformierter, junger Beamter an, als ich mich nach meinem Kameramann umschaue. Er hatte Rufbereitschaft und sollte hier irgendwo bereits erste Aufnahmen machen. Als der Polizist merkt, dass ich beruflich hier bin, senkt sich seine Aufgeregtheit merklich. Die Anspannung ist ihm aber nach wie vor anzumerken.
Als ich meinen Kollegen gefunden habe, legen wir sofort los. Doch mehr als Aufnahmen von Absperrbändern, vorbeirasenden Einsatzfahrzeugen und Polizisten in Uniform bekommen wir hier nicht. Mein Handy läutet. Eine Regieassistentin der »Zeit im Bild«, der wichtigsten Nachrichtensendung des Landes, ist dran. »Es läuft gerade eine Sondersendung. Wir möchten zu dir schalten. Bist du bereit?«, fragt sie mich, während bei ihr im Hintergrund laute und aufgeregte Stimmen zu hören sind. Das war wohl eher eine rhetorische Frage. Noch bevor ich sie beantworten konnte, hatte ich auch schon die Stimme von Armin Wolf im Ohr. Der in Österreich bekannteste Nachrichten-Anchorman fasst gerade die wenigen Informationen zusammen, die es zu dem Zeitpunkt gibt, ehe ich schon meinen Namen höre. »Für uns in der Innenstadt ist Patrick Budgen. Was ist Ihr aktueller Wissensstand?«, höre ich durch meine Bluetooth-Kopfhörer, die mit meinem Handy verbunden sind. Zum Glück habe ich kurz davor einen Pressesprecher der Polizei erreicht, der mir erste Ermittlungserkenntnisse bestätigen konnte. Und so konnte ich Armin Wolf und den Zusehern zu Hause von »mehreren bewaffneten Tätern« und »einem Toten« berichten. Außer meinen persönlichen Eindrücken von der bedrückenden und aufgeladenen Stimmung in der Innenstadt war noch nicht viel mehr drin. Trotzdem habe ich gefühlt zwei Minuten lang gesprochen und geschildert, bis die Stimme am anderen Ende der Leitung mit einem »Danke, Patrick Budgen aus der Innenstadt« signalisiert, dass ich nicht mehr auf Sendung bin. Das wäre also geschafft.
Während ich meine mit ersten Notizen beschmierten Zettel zusammensammle, wird mir die Tragweite dieses Ereignisses langsam bewusst. Es handelt sich offenbar um einen Anschlag, auch wenn das Motiv zu diesem Zeitpunkt völlig unklar ist. Viele Städte weltweit haben so etwas schon erlebt. Nizza. Paris. Berlin. London. Madrid. Brüssel. Wien war diesbezüglich bisher eine Insel der Seligen. Bis heute. Ich stelle mich also auf eine lange Nacht ein. Nur: Wie soll ich hier vor den Absperrungen zu mehr Informationen kommen? Kurzerhand fasse ich einen Entschluss. Mein Kameramann, ein Kollege – er hatte uns zuvor per Motorrad die sogenannte Live-U gebracht, ein System für TV-Live-Schaltungen in Form eines Rucksackes – und ich gehen schnellen Schrittes den mittlerweile gespenstisch leeren Ring entlang. Unser Ziel: die Zentrale der Wiener Polizei, ein paar hundert Meter entfernt vom Tatort. Durch meine mittlerweile 15-jährige Arbeit im ORF-Landesstudio weiß ich, dass dort ein Einsatzstab mit Vertretern aller relevanten Organisationen tagt, wann immer es kleinere, oder wie heute, größere Katastrophen gibt.
Nach wenigen Minuten stehen wir vor verschlossenen Türen. Der Eingang der Landespolizeidirektion, wie sie hochoffiziell heißt, ist mit dicken Stahltüren verschlossen. Ob das immer so ist oder speziell heute, weiß ich nicht. Einladend sieht jedenfalls anders aus. Und erwartet werden wir hier wohl auch nicht. Trotzdem drücke ich einen der beiden Knöpfe auf der Gegensprechanlage, neben dem »Inspektion« steht. Nach wenigen Sekunden meldet sich eine sonore Männerstimme, die in breitem Wienerisch »Ja, bitte?« sagt. »Patrick Budgen vom ORF ist hier«, erwidere ich. Noch bevor ich erklären kann, warum ich hier bin und was ich möchte, ertönt ein lautes Surren und die große, graue Tür öffnet sich.
Etwas verwundert treten meine Kollegen und ich ein und sehen im neongrellen Licht des karg wirkenden Foyers bereits ein bekanntes Gesicht. Es ist der Bürgermeister der Stadt mit seinen engsten Beratern, der gerade in den Aufzug steigt, offenbar in Richtung Stabsleitung. »Hier bin ich richtig«, sagt mir meine innere Stimme. Hier kann und werde ich zu relevanten Informationen kommen. Davor muss ich aber wohl noch jede Menge Überzeugungskraft an den Tag legen. Vor allem bei der Pressechefin der Polizei. Der Portier hat sie offenbar über unsere Anwesenheit informiert und sie scheint nicht wirklich amüsiert darüber, als sie die Treppen zu uns herunterkommt. Noch bevor sie Luft holen kann, um etwas vermutlich Vorwurfsvolles zu sagen, erkläre ich ihr unseren unangekündigten Spontanbesuch. »Ich habe ungefähr fünfzig Mal bei diversen Pressesprechern angerufen. Es hat leider niemand abgehoben, deshalb sind wir hier. Wir brauchen dringend ein Statement von offizieller Seite. Es schwirren so viele Gerüchte herum, wir brauchen unbedingt Fakten«, sage ich, vermutlich etwas zu aufgeregt und in ziemlich hohem Tempo. Doch statt mich abzuwimmeln und vor die Tür zu komplimentieren, entgegnet die etwa Vierzigjährige, für die Verhältnisse freundlich: »Ich werde schauen, was ich tun kann«, dreht sich um und verschwindet wieder in Richtung ersten Stock. Nur zwei Minuten später läutet mein Handy, dessen Akku bereits jetzt fast leer ist. Die Sprecherin ist am Telefon. »In zehn Minuten bekommt ihr jemanden vom Innenministerium zum Interview. Ihr seid die Ersten«, sagt sie mit ganz ruhiger Stimme. »Vielen Dank fürs Organisieren«, entgegne ich, lege auf, um sofort darauf den Newsroom darüber zu informieren. »Sobald du einen Interviewpartner hast, schalten wir zu dir«, sagt die erfahrene Redakteurin mit ihrer tiefen Stimme, die in dieser Nacht plötzlich zur Chefin vom Dienst und verantwortlich für diese Sondersendung geworden ist.
Aus den zehn Minuten werden fünfzehn. Achtzehn. Zwanzig. Meine zahlreichen Anrufe bei der Sprecherin – den Akku kann ich dankenswerterweise im Pausenraum der Polizistinnen und Polizisten hier laden – bleiben unbeantwortet. Mindestens genauso oft ruft mich die Kollegin im ORF-Zentrum an. »Hast du schon wen? Alle warten auf dieses Interview! Wann ist es so weit?«, fragt sie mich freundlich, aber bestimmt. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit (in Wirklichkeit waren es wohl zwanzig Minuten) kommt der neue Pressesprecher des Innenministeriums die Stiegen herunter. Mit Hemd, Sakko, perfekt gestylter Frisur und ernstem Blick. Ich kenne den Mann in meinem Alter beruflich schon seit Jahren, er war davor bei der Polizei, so angespannt habe ich ihn allerdings noch nie gesehen. Viel Zeit für Smalltalk bleibt nicht. Wie begrüßen uns und während er sich den Kragen seines weißen Hemdes richtet, rufe ich am Regieplatz an. »Der Sprecher des Innenministeriums ist jetzt bei mir. Ihr könnt jederzeit zu uns schalten«, sage ich der Regieassistentin am anderen Ende der Leitung.
Keine sechzig Sekunden später sind wir live. Ich habe mir auf einem meiner mittlerweile zerknitterten A4-Blätter von daheim Notizen mit möglichen Fragen gemacht, doch die brauche ich gar nicht. Intuitiv frage ich meinen Interviewpartner nach und nach zu den schrecklichen Ereignissen ab. »Was sind die neuesten Erkenntnisse? Ist es ein Terroranschlag? War es ein Einzeltäter? Stimmt das Gerücht, dass der Mann einen Sprengstoffgürtel umgeschnallt hat? Wie viele Tatorte gibt es?« Souverän antwortet mein Gegenüber sachlich und ruhig auf jede einzelne meiner Fragen. Und auch ich fühle mich innerlich ruhig. Hochkonzentriert, aber ruhig. Vor ein paar Monaten wäre ich in diesem Moment wohl aufgeregt gewesen. Vielleicht sogar nervös. Doch die vergangenen Monate haben mich verändert. Die Herausforderungen, Ängste und Sorgen, mit denen ich konfrontiert war, haben mich irgendwie geerdet. Am Ende des rund zehnminütigen Gesprächs wissen die Zuschauer – es sind bereits über zwei Millionen zu dem Zeitpunkt – und ich wesentlich mehr. Vor allem gibt es nun valide Informationen, direkt aus dem Einsatzstab, und keine Gerüchte oder Mutmaßungen wie davor.
Kaum signalisiere ich dem Sprecher, dass unser Interview vorbei ist, verabschiedet er sich und verschwindet wieder in Richtung ersten Stock des alten Gebäudes. Die kommenden Stunden melde ich mich fast halbstündlich in die Sondersendung. Einmal mit dem Bürgermeister vor dem Mikrofon. Dann vom Burgtheater, wo Zuschauerinnen und Zuschauer seit Stunden ausharren und nicht hinausdürfen. Dann spreche ich mit dem Chef der Wiener Berufsrettung, der die Situation am Tatort schildert. Und kurz vor zwei Uhr früh schließlich nochmal mit dem Stadtchef, der die traurige Nachricht eines weiteren Todesopfers verkündet. Am Ende waren es insgesamt vier Zivilisten, die ihr Leben verloren haben.
Gegen halb drei Uhr früh ist mein Arbeitstag zu Ende. Fast 24 Stunden lang bin ich zu diesem Zeitpunkt schon auf den Beinen. Müdigkeit? Fehlanzeige. Viel zu aufgewühlt und voller Adrenalin bin ich, als mich mein Kameramann dankenswerterweise durch die leeren Straßen nach Hause bringt. Auf dem Weg dorthin schaue ich das erste Mal in meinen WhatsApp-Posteingang, auf Twitter und in meine Mailbox. Wow. Alles geht fast über. Ich habe dutzende Nachrichten bekommen. Von Freunden, Familie, ehemaligen Volksschulkolleginnen und -kollegen und auch Arbeitskolleginnen und -kollegen, die ich zu einem großen Teil gar nicht persönlich kenne. Sie alle gratulieren mir zu meiner Berichterstattung und zu den Interviews. Erst jetzt wird mir langsam bewusst, wie viele Menschen bei dieser Sendung zugeschaut haben müssen.
Zuhause angekommen wartet mein Freund Alex mit einem Glas Rotwein auf mich. Er ist auch die ganze Nacht aufgeblieben und hat die Sendungen im Fernsehen verfolgt. »Du warst großartig«, sagt er mir, als ich mich mit einem lauten Seufzer auf die Couch fallen lasse. Mein Job beeindruckt ihn sonst – zum Glück – relativ wenig. Viel Zeit zum Reflektieren und Austauschen haben wir aber nicht. Denn in einer Stunde muss ich wieder aufstehen. Die Frühstücks-TV-Sendung, für die ich ja eigentlich ein Interview zum Thema »Lockdown light« geplant hatte, fällt aus und macht Platz für eine stundenlange Sondersendung, die bereits um 5.45 Uhr beginnt. Und so verlasse ich frisch geduscht nach einer knappen Stunde Halbschlaf wieder das Haus, um an den Tatort zurückzukehren.
Alles ist weiterhin abgesperrt, allerdings nicht so großräumig wie noch in der Nacht. Und so kommen mein Kameramann, ein anderer Kollege, und ich deutlich näher zum Ort des Geschehens. Überall sind Einschusslöcher, neonfarbene Markierungen der Polizei und auch Blutflecken zu sehen. In weißen Schutzanzügen gekleidete Männer und Frauen der Tatortgruppe markieren vorsichtig Spuren und fotografieren jeden einzelnen Winkel. Es ist ein gespenstisches Bild. Nach und nach bekommen die Informationen der letzten Nacht ein trauriges Angesicht. Neben uns haben noch andere TV-Journalisten und Fotografen Aufstellung genommen. Bis elf Uhr Vormittag berichte ich hier über die neuesten Erkenntnisse. Über die Tatortarbeit. Darüber, dass die Polizei jetzt doch nur von einem Einzeltäter ausgeht. Und auch über die Zahl der Verletzten, die sich mittlerweile auf 24 erhöht hat.
Langsam spüre ich die Müdigkeit in meinen Knochen. Ich bin aber gleichzeitig stolz auf sie. Noch vor wenigen Monaten hat sich der Weg vom Bett ins Bad wie ein Marathon angefühlt. Jetzt bin ich seit fast dreißig Stunden auf den Beinen und im Einsatz und mein Körper spielt noch immer brav mit. Am Nachmittag bin ich noch als Gast in eine Talkshow eingeladen, um über meine Erlebnisse in der Nacht zu berichten. Um 19 Uhr bin ich dann endlich daheim und wirklich hundemüde. Kurz vor dem Schlafengehen schaue ich nochmal auf mein Handy. Nein, zum Glück keine Schreckensmeldung auf Twitter. Es ist eine SMS, die mich freut. »Habe bei der Wahl zu den Journalisten des Jahres gerade für dich gestimmt«, schreibt mir ein bekannter Pressesprecher. Waaaas? Ich kann es gar nicht glauben. Doch man hat mich für meine Berichterstattung in der Terrornacht offenbar tatsächlich nachträglich für den Preis nominiert. Und das ausgerechnet in dem Jahr, das für mich alles andere als preisverdächtig begonnen hat.
DIENSTAG, 4. FEBRUAR 2020
Corona liegt in der Luft. Genauer gesagt, die Angst davor. Und zwar in 10.000 Metern Höhe. Ich sitze im Flugzeug am Heimweg aus Thailand. Zwei Wochen Mutter-Sohn-Urlaub liegen hinter mir. Zum Glück ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was vor mir liegt. Meine knapp siebzigjährige Mum hat ihre Atemschutzmaske bereits nach zehn Minuten wieder abgelegt. »Ich krieg da doch überhaupt keine Luft. Das ist ein Blödsinn«, stellt sie entnervt fest. Ich lasse meine während des gesamten zehnstündigen Fluges aufgesetzt. Am Flughafen in Bangkok hat uns die Corona-Welle erfasst. Fast alle der Passagiere, nicht mehr nur asiatische, tragen einen Mund-Nasen-Schutz. Beim ewig langen Warten auf unsere Maschine – ich werde künftig nur noch direkt fliegen – schildere ich meinen Freunden per WhatsApp die für mich völlig irreale Situation: »Oida, in Bangkok am Flughafen schaut‘s aus wie auf einer Seuchenstation, alle haben eine Maske auf – ich auch ;)«. Gruppenzwang funktioniert auch am Beginn einer Pandemie. Denn bis zum Rückflug ist Corona bei uns während der vergangenen 14 Tage zwischen Sonne, Strand und Phat Thai kaum Thema gewesen. Ab und zu haben wir über chinesische Touristen gescherzt, die mit Mundschutz am Strand spazieren gegangen sind. Das war‘s aber auch schon.
Viel stärker hat mich etwas anderes beschäftigt: Meine »Dippel« am Hals, wie ich sie bis dahin genannt habe. Vor drei Monaten habe ich auf der linken Seite zum ersten Mal einen kleinen Knoten gespürt. Hypochonder wie ich bin, bin ich damit sofort zu meiner Hausärztin gegangen. »Nicht schlimm. Kommt nur von einem Infekt«, so ihre recht rasche Diagnose. Seitdem bin ich mit meinen angeschwollenen Lymphknoten – mittlerweile spüre ich vier davon ziemlich groß – beim Ultraschall gewesen, zwei Mal beim Blutbild und beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Das Fazit: kein Grund zur Sorge. »Die Schwellungen kommen höchstwahrscheinlich von einer bakteriellen Infektion«, so hat der Fachdoktor die hohen Entzündungswerte in meinem Blut beurteilt und mir Antibiotika verschrieben.
Mit ihnen und der Hoffnung im Gepäck, dass diese gesundheitliche Geschichte damit erledigt ist, bin ich also nach Kho Lanta gereist. Jeden Tag drücke ich an meinem Hals herum und rede mir ein, dass die Knoten kleiner werden. Leider Fehlanzeige. Es ändert sich genau gar nichts. Und mit jedem Tag am Traumstrand male ich mir den Albtraum weiter aus. Was ist, wenn das Ganze doch etwas Ernstes ist? Warum gehen diese verdammten Lymphknoten nicht weg? Meine Mutter versucht mich täglich mit ihrem gegoogelten Halbwissen aus dem Internet zu beruhigen. »Das ist ganz bestimmt nichts Schlimmes. Da spricht alles dagegen«, betet sie mir wie ein Mantra vor. Ich merke trotzdem, dass mit mir etwas nicht stimmt. Als ich im Pool meine abendlichen Bahnen ziehe, rede ich sogar laut mit mir selbst und stelle mir die Frage: »Was ist los mit dir? Warum bist du dauernd so müde und fühlst dich nicht gut?«. Eine Antwort auf diese Fragen bekomme ich in diesem Urlaub leider (oder zum Glück?) nicht mehr. Beim Landeanflug auf Wien beschließe ich schließlich, mich sofort gründlicher durchchecken zu lassen. Nachdem die Antibiotika nicht gewirkt haben, muss der Grund für die Knoten an meinem Hals schließlich irgendwo anders liegen.
Als meine Mutter und ich samt unseren Koffern – wir haben schon wieder viel zu viel mitgenommen – in die Empfangshalle des Flughafens kommen, wartet schon mein Vater auf uns. Er hat – so wie alle anderen hier am Flughafen – keine Maske auf, warum auch, und belächelt uns für unser »Mitbringsel« aus Thailand. Corona ist hier also noch nicht gelandet. Nicht einmal in den Köpfen. In meinem eigenen ist in den nächsten Tagen auch recht wenig Platz dafür …
MITTWOCH, 12. FEBRUAR 2020
Gerade noch bin ich gemütlich durchs Leben geschippert, plötzlich befinde ich mich mitten auf hoher See, die leider nicht vergleichbar ist mit dem warmen Meer in Thailand. Die Wellen peitschen mir kalt ins Gesicht, alles wackelt, dreht sich und macht es mir nicht einfach, fest am Boden zu stehen. Während weltweit (nur) etwas mehr als 45.000 Menschen an der neuen Lungenkrankheit COVID-19 erkrankt sind und das neue Virus in den Hauptnachrichten nicht einmal eine Kurzmeldung ist, bin ich seit heute mit einer völlig anderen Diagnose konfrontiert. Vor drei Tagen hat man mir de facto gesagt, dass ich Krebs habe. Krebs. Ein Wort, das ich schon so oft verwendet habe, das mir dabei aber immer ganz weit weg vorgekommen ist. Krebs, das trifft doch nur die anderen. Krebs, das haben alte Leute oder die, die ungesund leben, viel rauchen und trinken, sich nicht von der Couch bewegen. Aber jetzt bin ich es. 36, eigentlich kerngesund, mitten im Leben und bis jetzt unverwundbar, zumindest gefühlt.
Noch ist nicht klar, was genau da in meinem Körper schlummert. Eine bösartige Erkrankung der Lymphknoten nennt es der Arzt beim Gespräch nach den ersten Untersuchungen. Ein Gespräch, von dem man immer annimmt, dass man es selbst nie führen muss. Aber plötzlich sitze ich da in dem kleinen, eher schmucklos eingerichteten Büro des Ober-Krebs-Kapazunders und höre genau das, wovor ich mich mein Leben lang gefürchtet habe. Als Hypochonder hatte ich mir im Laufe der Jahre schon allerhand Krankheiten vorgestellt. Von Meningitis über mehrere Gehirntumore bis hin zu einer Blinddarmentzündung. Aber plötzlich ist es kein Hirngespinst mehr, plötzlich ist es wirklich da, ganz echt und es betrifft mich. In nur wenigen Tagen habe ich im Krankenhaus nun mehr Untersuchungen absolviert als in den 35 Jahren davor zusammen. Mir wurde gefühlt ein Liter Blut abgenommen, ich wurde von Kopf bis Fuß geröntgt und zuletzt hat man mich noch samt radioaktivem Material im Körper für dreißig Minuten in eine Röhre gesteckt. Das ist wohl nicht nur für einen ängstlichen Menschen wie mich ein absoluter Albtraum, einer, der aber nach dem Aufwachen in der Früh leider nicht aufhört.
Die genaue Diagnose steht in zwei Tagen fest. So wie es aussieht, dürfte es eine Form von Lymphdrüsenkrebs sein. »Unter Ärzten heißt es, wenn man sich einen aussuchen kann, dann den«, hat mir der Chefradiologe nach der Untersuchung gesagt. Und auch der Onkologe ist optimistisch, dass man die bösen Zellen in meinem Körper gut behandeln beziehungsweise sogar ganz heilen kann. Trotzdem macht mich die Ungewissheit wahnsinnig. Was kommt auf mich zu? Wie lange werde ich eine Chemotherapie brauchen? Fallen mir die Haare aus? Und die am meisten belastende Frage: Werde ich daran sterben? Zum ersten Mal in meinem Leben klopft der Tod an meine Tür. Zugegeben noch ganz leise, aber er verschafft sich zum ersten Mal Raum in meinem Leben und dieses Gefühl ist, ich kann es nicht anders beschreiben, scheiße.
Die Tage über versuche ich mich so gut es geht abzulenken. Meine Familie und meine Freunde kreisen seit der Diagnose wie eine Armee aus Schutzengeln um mich herum, sprechen mir Mut zu und sind für mich da. Ein wirklich schönes Gefühl. Auch weiter entfernte Freunde und Kollegen, die davon erfahren haben, melden sich plötzlich. Wobei sich manche SMS fast schon wie Nachrufe oder Kondolenzschreiben lesen, was nicht wirklich stimmungsaufhellend wirkt. Auch wenn ich rational weiß, dass die Chancen, diese Krankheit zu überleben, sehr hoch sind, bleibt die Angst in mir drinnen. Ich hoffe sehr, dass die genaue Diagnose und der Behandlungsplan diesen Zustand zumindest etwas ändern. Denn ich will leben, lachen und weiter die Welt sehen. Und mich nicht von einem Krebs, wie immer er auch heißt, davon abhalten lassen. Dass mich daran in nächster Zeit nicht nur der Krebs, sondern auch ein neuartiger Virus hindern wird, ahne ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht.
DONNERSTAG, 13. FEBRUAR 2020
Prack. Zack. Bumm. Früher als erwartet ist die endgültige Diagnose da. Per Telefon gibt es die erste Auskunft von einem überaus einfühlsamen Arzt, den ich ab jetzt wohl öfter sehen werde. Auch wenn man noch so sehr damit rechnet, es zu hören ist doch noch einmal etwas anderes: »Der Verdacht hat sich leider bestätigt, Sie haben eine bösartige Lymphdrüsenerkrankung«, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung. »Ist es ein Hodgkin?«, frage ich fast in seine letzte Silbe hinein. »Ja, ist es«, sagt er. Völlig absurderweise entfährt mir ein Jubelschrei. Denn der Hodgkin – ein Name, den ich davor noch nie gehört habe – gilt als der am besten heilbare unter den Lymphdrüsenkrebsarten mit einer Heilungschance von über neunzig Prozent, das hatte ich bereits im Vorfeld gegoogelt.
Dass ich mich einmal über eine »bessere« unter den Krebsarten freuen würde, hätte ich mir auch nicht gedacht. Sofort greife ich zum Telefon und rufe Familie und Freunde an, die die letzten Tage mit mir gezittert und gewartet haben. Voller Euphorie verkünde ich, dass es die harmloseste Version dieser Arschloch-Krankheit ist. Eine Euphorie, die meine geschockten Gesprächspartner etwas überfordert und verwundert. Denn das Wort Krebs löst wohl bei den meisten von uns nach wie vor den Gedanken aus, dass es mit den Betroffenen bald vorbei ist und man sich langsam verabschieden sollte.
Als Erstes rufe ich meinen Lebensgefährten Alexander an, der ebenso schockiert reagiert, da er wohl bis zuletzt gehofft hat, dass sich alles als einfache Virusinfektion herausstellt. Er lässt in seinem Büro alles liegen und stehen und kommt sofort nach Hause, um mit mir gemeinsam ins Spital zu fahren, um den Befund zu besprechen. In der Garderobe schnappe ich mir intuitiv eine Kappe und setze sie auf, irgendwie habe ich das Gefühl, dass meine Haare jetzt schon weg sind, obwohl das natürlich noch nicht der Fall ist.
Im Spital angekommen warten wir in einem recht schäbigen Gang, in der onkologischen Abteilung. Onkologie! Eine Abteilung, an der man in Krankenhäusern immer vorbeigeht und hofft, dass man dort nie landet. Jetzt bin ich hier und zwar nicht als Besucher, sondern als Patient. Mit einem breiten, freundlichen Lächeln begrüßt uns der Oberarzt, der sich extra schnell die Zeit freigeräumt hat, um mir alles zu erklären und den Fahrplan der nächsten Wochen und Monate zu besprechen. »Die gute Nachricht zuerst, es ist kein Todesurteil und Sterben ist absolut kein Thema«. Ein Satz, der mich sehr beruhigt, aber ganz stark nach einem »aber« klingt. »Bei der CT-Untersuchung haben wir festgestellt, dass in Ihrer linken Körperhälfte mehrere Areale von der Erkrankung betroffen sind, auch der Oberschenkel.« Ein Satz, der wie ein Fallbeil auf mich einschlägt. Im Knochen? Metastasen? Was bedeutet das? Der wirklich sympathische und besonnene Mediziner merkt meine Angst und setzt sofort nach. »Das hat nichts mit Metastasen zu tun, das sind die Lymphbahnen, das ist Teil dieser Hodgkin-Erkrankung«. Mein Puls verlangsamt sich unmerklich, aber es ist zumindest eine Entwarnung und die schlimmsten Bilder, die ich mir binnen Sekunden in meinem Kopf ausgemalt habe, verschwinden zumindest ein wenig.
Trotzdem haben es auch die nächsten Infos in sich, die der Doc für mich parat hat. »Wir müssen nächste Woche mit der Chemotherapie beginnen, die sechs Monate lang dauern wird.« Wow. Sechs Monate, ein halbes Jahr. Sofort tauchen in meiner Vorstellung leidende, glatzköpfige Menschen auf, die an einem Tropf hängen und aufs Sterben warten. Mitten in meine Gedanken hinein erklärt er mir den Zyklus, wie das bei Chemotherapien heißt. Am ersten Tag eine Infusion, dann sechs Tage lang Medikamente, am achten Tag wieder eine Infusion, danach zwei Wochen lang Pause – das Ganze insgesamt acht Mal. »Werden mir die Haare ausfallen?«, frage ich ihn, fast schon in einer Art Ruhe, die in den letzten Minuten in mir eingekehrt ist. »Ja, das werden sie. Auch die Augenbrauen. Aber die wachsen nach Ende der Therapie wieder nach«. Es sind fast zu viele Informationen für mich, mein Kopf kommt mit dem Denken und Verarbeiten nicht nach. »Sie werden sehen, Sie werden da gesund wieder herauskommen und eine ganz normale Lebenserwartung haben. Aber das nächste halbe Jahr wird hart«, erklärt mit der Arzt Anfang fünfzig.
Ich – ganz Journalist – will mir sofort ein Bild von dem machen, was mich da die kommenden Monate erwartet und frage ihn, ob ich mir die Station anschauen darf, die ich in der kommenden Zeit öfter sehen werde. Der Arzt, Alexander, der alles mitgeschrieben hat und mir ein großes Gefühl der Sicherheit in dieser schrecklichen Situation gibt, und ich gehen aus dem alten Pavillon ein paar Schritte weiter in ein ziemlich neues Gebäude. Viel Glas, hell und freundlich schaut es aus. Als wir auf die Station kommen, bestätigen sich meine Bilder, die ich vorher im Kopf hatte. Viele glatzköpfige Menschen, die an Infusionen hängen und alles andere als gesund ausschauen. Einzig ein älterer Herr, der ganz hinten an einem Holztisch sitzt, scherzt lebhaft mit einer Krankenschwester. Mit dem könnte ich es auch lustig haben, denk ich mir. Nach fünf Minuten beenden wir unseren Rundgang und der Arzt verabschiedet sich freundlich von uns. »Bis Montag, wir schaffen das schon«, sagt er.
Ich habe das dringende Bedürfnis, bei meiner Familie zu sein. Alexander und ich fahren vom Krankenhaus direkt nach Hause zu meinen Eltern, um sie über den Fahrplan und die genaue Diagnose zu informieren. Meiner stets optimistischen Mutter fällt es merklich schwer, ihre Zuversicht zu behalten, bei all den Informationen. Auch wenn es so gut wie sicher ist, dass ich nicht an dieser Krankheit sterben werde, ist die Aussicht auf sechs Monate Chemotherapie alles andere als ein Kindergeburtstag. Nach langen Gesprächen kommen wir aber zu dem Schluss: »Wir schaffen das. Gemeinsam«. Es ist ein gutes Gefühl, so starken Rückhalt in einer solchen Situation zu haben, auch wenn mir die Angst vor dem, was jetzt kommt, bereits tief in der Brust sitzt.
FREITAG, 14. FEBRUAR 2020
Es ist Valentinstag. Alle Zeitungen und Fernsehwerbungen sind voll von Blumen, Schokolade und Liebenden, die sich küssen und umarmen. Für mich hat der Valentinstag heuer einen Strauß voller Sorgen, Angst und auch Panik parat. Langsam verankern sich in mir die Gedanken daran, was in den nächsten Monaten auf mich zukommen wird. Wobei es nach dem Aufwachen immer ein paar Stunden dauert. Ist das wirklich alles passiert? Habe ich das nur geträumt? Diese Fragen stellen sich mir nur kurz, denn das riesige Pflaster auf meinem Hals, an jener Stelle, an der man mir einen der bösen Lymphknoten entfernt hat, gibt mir recht schnell eine klare Antwort. Das Gefühl in mir ändert sich fast stündlich und kommt und geht in Wellen. Abwechselnd denke ich: »Ich schaffe das schon. Es hätte mich noch viel schlimmer erwischen können«, und: »Ich habe keine Kraft für das alles und es wäre besser, einfach vor ein Auto zu laufen und sich das Ganze zu ersparen.«
Fast minütlich melden sich Freunde und Familie bei mir. Alle von ihnen haben natürlich das Wort »Hodgkin« gegoogelt. Ich merke, dass ihnen die Informationen, die sie bei Dr. Google gelesen haben, Zuversicht und Beruhigung geben. Ich habe mir das Recherchieren im Internet dazu ab sofort verboten. Ich kenne mich. Statt die vielen positiven Infos und guten Krankheitsverläufe zu lesen, würde ich mir das Schlimmste herauspicken und in meinem Hirn wie ein Postit festkleben. Deshalb lass ich es lieber. Ich habe heute aus dem Bauch heraus allerdings zwei Entscheidungen getroffen.
Erstens: Ich möchte meine Genesung nicht zu Hause absolvieren. Ich habe die letzten Monate dort zu oft zu schlecht geschlafen, mir zu viele Sorgen gemacht und nicht zuletzt auch die Diagnose sitzend an unserem gläsernen Esstisch erfahren. Ich muss da raus, brauche einen Tapetenwechsel. Eine Stunde von Wien entfernt haben meine Eltern seit zwanzig Jahren ein kleines Haus mit großem Garten. Viele schöne, unbeschwerte Stunden habe ich als Kind dort verbracht. Ostern ist nach wie vor ein Fixtermin, an dem sich die ganze Familie in Pitten trifft. Der Gedanke an diesen Ort, den Garten, die gute Luft und die Natur lässt in mir seit langem so etwas wie ein Wohlgefühl aufkommen. Hier möchte ich mich erholen, Kraft tanken und Freunde und Familie empfangen.
Die zweite Entscheidung setze ich gemeinsam mit Alexander gleich in die Tat um: Ich lasse mir die Haare abrasieren. Ich eitler Kerl, der täglich 15 Minuten vor dem Spiegel verbringt, um seine Frisur mit Haarwachs in die richtige Form zu bringen. Ich kann meinen Entschluss selbst nicht glauben. Aber es ist Intuition. Ich weiß, mir werden die Haare ausfallen, doch statt darauf zu warten möchte ich zumindest in diesem Punkt das Heft – beziehungsweise den Rasierer – selbst in der Hand haben. In unserem Badezimmer greift Alexander zum Bartschneider und legt los. Mit dem surrenden Geräusch im Hintergrund sehe ich nach und nach, wie meine pechschwarzen Haarsträhnen auf den Boden fallen. Ich sitze mit dem Rücken zum Spiegel und habe Angst vor dem Ergebnis. Leider sind unsere Bartschneider nicht besonders scharf, deshalb müht sich mein Aushilfsfriseur redlich damit ab, wirklich alle Haare zu erwischen. Beim richtigen Friseur wollte ich das nicht machen lassen, dieses Ritual schien mir dafür zu privat.
Nach etwa zwanzig Minuten ist meine »neue Frisur« fertig. Voller Aufregung in den Knochen schaue ich in den Spiegel und bin überrascht. So schlimm schaut es gar nicht aus. Gar nicht so krank, wie ich es mir ausgemalt habe. Mein Bart, den ich seit meinem 18. Lebensjahr trage, ist zu diesem Zeitpunkt noch da. Weil ich aber weiß, dass auch dieser ausfallen wird, greife diesmal ich zum Rasierer und mache kurzen Prozess. Mit viel Schaum und Wasser rasiere ich mir nach und nach mein Markenzeichen ab. Ich schaue in den Spiegel und blicke prüfend in mein »neues Gesicht«. Jünger schaut es aus, sehr ungewohnt, aber zum Glück nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich mache ein Selfie von mir und schicke es mit #newstyle in unsere WhatsApp-Familiengruppe. Binnen Minuten poppen die Antworten meiner Eltern und Brüder auf und alle sind sich einig: Ich schaue aus wie die junge Version meines Vaters. Da hätte mir wahrlich Schlimmeres passieren können.
MONTAG, 17. FEBRUAR 2020
Der kleine Koffer ist gepackt. Normalerweise verwende ich ihn für kurze Städtetrips oder Wellness-Wochenenden, die wir gerne machen. Diesmal ist es leider alles andere als ein Urlaub mit Sauna, Dampfbad und Massage, für den ich Trainingsanzug, Waschzeug und meinen Laptop einpacke. Heute wird es ernst. Um 8 Uhr haben mich die Ärzte auf die Abteilung für Onkologie des Kaiser-Franz-Josef-Spitals bestellt. 3. Medizinische Abteilung, Station D. Die Nacht war recht kurz, vor lauter Aufregung konnte ich wenig schlafen. Auch das Frühstück schmeckt mir nicht so richtig.
Kurz vor halb acht machen Alexander und ich uns auf den Weg. Hunderte Male bin ich diese Strecke schon gefahren. In die Richtung, in die wir heute abbiegen, allerdings noch nie. Als mit einem Druck auf den automatischen Öffner die Türe zur Station aufgeht, wiederholen sich die Bilder, die ich schon wenige Tage zuvor gesehen hatte. Hauptsächlich ältere, krank aussehende Menschen, die an einen Tropf angehängt durch den zwar modern gebauten, aber eher geschmacklosen Gang wandeln oder zusammengekrümmt in einem Bett liegen. Die äußerst sympathische und energisch wirkende Stationsschwester begleitet Alexander und mich zum »Tagesraum«, ein Abschnitt mitten am Gang mit einigen Tischen und Stühlen und einer kleinen Kaffeebar, an der es auch Obst gibt. Neben uns sitzen einige ältere Herren, ebenfalls mit gepackten Taschen. Die meisten von ihnen dürfen heute nach Hause gehen, erfahre ich durch ihre Gespräche, die sie in ziemlich hoher Lautstärke führen. Der Patient neben uns, ein Mann um die sechzig mit schütterem Haar, sorgt bei uns zumindest kurzzeitig für einen Lacher. Denn plötzlich legt er die kleine Boulevardzeitung, die er eben noch gelesen hatte, zur Seite und beginnt, sich mitten auf der onkologischen Station die Nägel zu schneiden. Seine abgezwickten Nägel wischt er mit dem Handrücken einfach auf den Boden. Alexander setzt schon an, sich darüber lauthals zu echauffieren, doch ich beruhige ihn und wir nehmen es mit Humor.
Nach zweistündigem Warten ist mein Zimmer fertig. Ein Einzelzimmer mit kleinem Tisch, zwei Sesseln, einem Bett und sogar einem kleinen Balkon. Die Sonderklassenversicherung, die ich jahrelang eingezahlt habe, hat sich ausgezahlt. Auch, wenn ich sie lieber für einen etwas »angenehmeren« Spitalsaufenthalt in Anspruch genommen hätte. Als wir meine Sachen auspacken und uns einrichten, wird mir alles plötzlich viel bewusster. Ich bin wirklich im Krankenhaus, ich habe wirklich Krebs und morgen beginnt eine kräftezehrende und anstrengende Therapie. Sowohl der Chefarzt der Onkologie, der mich seit meinem ersten Besuch hier betreut hat, als auch der Stationsarzt klären mich noch einmal über die möglichen Nebenwirkungen auf. Die Haare werden mir ausfallen, meine Haut wird empfindlich auf Sonne reagieren, meine Schleimhaut im Mund anfällig für Infektionen und mein Sperma unfruchtbar. Ein Rundum-Sorgenpaket, das mit der Chemotherapie frei Haus mitgeliefert wird.
Auch meine Heilungschancen sind wieder Thema. Sie liegen bei neunzig Prozent. Kein schlechter Schnitt eigentlich, aber wenn einen diese Möglichkeit, zu den übrigen zehn Prozent zu gehören, plötzlich selbst betrifft, fühlt sich das schon ganz anders an. Auch wenn ich weiß, dass es auch bei viel harmloseren Krankheiten eine ähnlich hohe Wahrscheinlichkeit zu sterben gibt, die Angst davor ist in mir nach wie vor groß.
Doch bevor der Kampf gegen die bösen Zellen beginnen kann, muss ich noch einen kleinen Eingriff über mich ergehen lassen. Ein sogenannter »Port-a-Cath« wird mir eingesetzt. Ein kleines, grau-weißes rundes Teil, das mir in der Brust unter die Haut eingepflanzt wird und durch das die heilenden, giftigen Flüssigkeiten in den nächsten Monaten direkt in meine Venen geschossen werden können, ohne dafür ständig in die Armbeuge stechen zu müssen. Da würden die Venen nämlich über kurz oder lang irgendwann den Geist aufgeben, hat man mir erklärt.
Ein nach Schweiß und Zigaretten riechender Bettenschieber holt mich aus meinem Zimmer und schiebt mich vor die Tür meiner Station. Per Kleinbus werde ich dann auf die Angiologie chauffiert. Ich habe ein kleines Déjà-vu-Erlebnis, denn so ähnlich war es auch vor einer Woche, als man mir den Lymphknoten entfernt hat. Zwei äußert herzliche und lustige OP-Schwestern bereiten mich auf den Eingriff vor, bis der Arzt plötzlich neben mir steht. Er ist Halb-Kroate mit kleiner Tochter, wie er mir während der Operation erzählt, er setzt mir mit viel Routine und Geschick den Port-a-Cath ein und schließt ihn an meine Venen an. Es ist ein seltsames Gefühl. Aber während der Eingriffe oder Behandlungen ist meine Laune am besten und der Schmäh mit dem Krankenhauspersonal rennt gut. Vielleicht einfach eine gute Ablenkung von all den schlechten Nachrichten, die in den letzten Tagen nur so auf mich eingeprasselt sind.
Nach dreißig Minuten ist der Eingriff vorbei und ich liege wieder in meinem Einzelzimmer. Meine beste Freundin Eva ist jetzt auch da, sie hat mir ihren herrlichen Apfelkuchen mitgebracht. Als Nachspeise zur Kartoffel-Fisolen-Mischmasch-Krankenhauskost gibt es zumindest eine kulinarische Freude an diesem Tag. Wir reden noch lang über das Schicksal, die kommenden Monate und die Frage, warum es mich getroffen hat. Eine Antwort darauf finden wir freilich nicht, vielleicht finde ich sie in den kommenden Monaten. Was ich auf jeden Fall bis jetzt in meinem Leben gefunden habe, sind echte und wirklich gute Freunde. Und für die bin ich sehr dankbar. Heute mehr als je zuvor.
DIENSTAG, 18. FEBRUAR 2020
Ab heute wird zurückgeschossen – und zwar ziemlich scharf. Nach zwei kurzen Voruntersuchungen, eine davon in einem anderen Krankenhaus, geht es mit der Therapie los. Das Wort »Chemo« nehmen hier im Krankenhaus die wenigsten Ärzte, Schwestern und Pfleger in den Mund, wohl weil sie wissen, welchen unguten Beigeschmack der Begriff hat. Um 14 Uhr hängt mir die ziemlich beleibte, aber genauso herzliche Schwester die Infusionen zur Vorbereitung an. »Wenn wir mit dem Christbaum fertig sind, dann geht’s los«. An diesem Christbaum, wie sie den Infusionsständer nennt, hängen leider keine Schokoschirme oder Kugeln, sondern drei prall gefüllte Beutel mit durchsichtiger Flüssigkeit. Gegen Übelkeit, gegen allergische Reaktionen, gegen Brechreiz – vor all dem sollen die Flüssigkeiten meinen Körper schützen und vorbereiten auf das, was ab jetzt auf ihn zukommt.
Nach etwa neunzig Minuten ist es so weit. »Jetzt wird es ernst«, sagt die Schwester und hängt mit einem gekonnten Handgriff die erste Chemotherapie-Infusion an meinen frisch implantierten Port-a-Cath. Es fühlt sich seltsam an. Beängstigend und beglückend zugleich. Denn endlich wird das, was seit Monaten in meinem Körper wütet, gezielt bekämpft. Als die ersten Tropfen durch den durchsichtigen Schlauch in meinen Körper tropfen, warte ich fast sekündlich auf die ersten Nebenwirkungen. Wann kommt der Brechreiz? Wann wird mir schwindlig? Aber solange die Flüssigkeit, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, in mich hineinfließt, passiert gar nichts. So wie es der Ober-Kapazunder, der mich täglich auf seinem Rundgang besucht, prophezeit hat.
Was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht weiß: Der viereckige, längliche Beutel ist nur der erste von vielen, die ich von nun an am Beginn eines Zyklus bekomme. Es gibt kleinere mit roter Flüssigkeit, noch kleinere mit durchsichtiger, dazu kommen die großen vom Beginn. Dazwischen, quasi als kleine Zwischenmahlzeit, wird mein Körper immer wieder mit Ringerlösung durchspült, damit die Nieren dieses seltsame Spiel mitspielen. Als ich diese Zeilen tippe, stehen mir noch zwei Ladungen bevor, einmal um 22 Uhr und einmal um zwei Uhr früh – an Schlafenszeiten hält sich so ein Therapieplan leider nicht. Ich fühle mich zwar etwas müde, ab und zu habe ich den Anflug einer leichten Hitzewallung, aber alles in allem geht es mir ganz gut – trotz der Chemie, die da gerade in mich gepumpt wird, oder vielleicht gerade deshalb. Denn mit heute, so mein fester Plan, hat die Genesung begonnen.
PS: Ich habe heute hier drin auch eine neue Verbündete gefunden. Sie heißt Ermine, kommt ursprünglich aus der Türkei und ist hier auf der Station immer wieder als Gehilfin im Einsatz. Sie bringt das Frühstück und Handtücher, schaut, dass die kleine Kaffee- und Teebar im Gangbereich immer gut gefüllt ist und sie sorgt bei mir für gute Laune. Als Einzige ist sie sofort per du mit mir, was ich als äußerst angenehm und entspannend in dieser belastenden Situation empfinde, und mit einem Lächeln von uns beiden ist klar, wir mögen einander. Sie erzählt mir von ihrer besten Freundin, »fast wie eine Schwester, weißt du«, die vor kurzem ebenfalls Krebs hatte und ihn besiegt hat. Solche Geschichten machen in meiner Situation wirklich Mut und Hoffnung. Auch ein paar Ernährungstipps hat sie für mich parat: Viel Rote-Rüben-Saft soll ich trinken, kein Cola, das sagt sie mit einem Blick auf eine Flasche, die auf meinem Tisch steht (sie gehört Alex). Gut gemeinte Ratschläge, die sich nach einem Gespräch mit dem Arzt als ziemlich nutzlos erweisen. »Essen Sie während der Chemo, was sie wollen und worauf sie Lust haben, danach ist ein gesunder Lebensstil wichtig«. Das sollte mir beides nicht so schwerfallen, vor allem zweiteres habe ich bereits vor meiner Krankheit täglich praktiziert. Den Hodgkin hat das leider nicht beeindruckt.
SONNTAG, 23. FEBRUAR 2020
Mein Laptop streikt. Vermutlich war ihm das, was ich ihm in den letzten Tagen gefüttert habe, ebenso zu viel wie mir. Auf einmal lässt er sich in meinem Zimmer im Krankenhaus nicht mehr einschalten, deshalb kann ich erst heute weiterschreiben. Eine kleine Pause von den Eindrücken und Erlebnissen der letzten Woche hat mir allerdings eh nicht geschadet. Nach einer Reihe von Infusionen durfte ich am Donnerstag das Spital verlassen. Die Ärzte haben mir gleich zwei gute Nachrichten nach Hause mitgegeben. Die Therapie dauert voraussichtlich »nur« bis Ende Mai, also gut zwei Monate kürzer, als ich zuerst gedacht habe. Ich bin mir dabei nicht ganz sicher, ob ich etwas falsch verstanden habe, oder die Ärzte die Therapie geändert haben. Und die noch viel bessere Nachricht: Schon nach den ersten paar Tagen sind die Entzündungswerte in meinem Blut massiv zurückgegangen. Als mir der Ober-Doc diese Nachricht überbringt, spüre ich zum ersten Mal so etwas wie Erleichterung. Wie aus dem Nichts heraus balle ich meine Hand zu einer Siegesfaust und stoße einen leisen Freudenschrei aus.
»Das Blutbild ist wirklich schön. Es ist alles so, wie es sein soll«, sagt der Herr Primar und gibt meiner Freude damit neuerlichen Aufschwung. So, jetzt erst einmal nach Hause. Meine Mutter ist gekommen, um mich abzuholen. Mit meinem kleinen Koffer und allerhand Mitbringsel, die mir Freunde ins Spital gebracht haben, machen wir uns auf den Weg. Kurz wollte ich in den Arztbrief hineinlesen, doch die ersten Worte und medizinischen Fachausdrücke haben mich gleich von der Idee abkommen lassen. Es ist zwar nicht so, dass da irgendetwas Neues drinstehen würde, aber alles nochmal schwarz auf weiß zu lesen dreht mir kurz den Magen um.
Zum Glück nur sprichwörtlich. Denn mein Appetit ist auch nach den Unmengen an Flüssigkeiten, die in den letzten Tagen durch meinen Körper geronnen sind, noch da. In der elterlichen Wohnung bekomme ich Palatschinken mit Marillenmarmelade. Eine herrliche Abwechslung zur Krankenhauskost. Kaum habe ich sie aufgegessen, überfällt mich eine Müdigkeit, die ich in diesem Ausmaß bisher kaum gekannt habe. Wie ein Kartoffelsack liege ich auf der weißen Eckbank und mir fallen die Augen zu. Auch als Alex kommt, um mich abzuholen, werde ich nicht munter und werde es an diesem Tag auch nicht mehr. Das Wochenende, so haben wir beschlossen, verbringen wir im Sommerhaus meiner Eltern in Pitten. Alex hat alles zusammengepackt und wir machen uns mit unserem Auto auf den Weg.
Kaum verlassen wir die Stadtgrenze, macht sich in mir ein Gefühl der Freiheit breit. Irgendwie spüre ich, wie der Druck, die Angst und die Bilder der letzten Tage hinter mir bleiben. Ich mache die Augen zu und lasse mir von der Sonne in meinem Gesicht das Blut durch meine Lider rot aufleuchten. Die einstündige Autofahrt vergeht wie im Flug, das Wochenende leider nicht. So sehr ich mich auf die Entspannung und Erholung gefreut habe, so sehr will und will sie nicht einsetzen. Die Gedanken in meinem Kopf drehen sich im Kreis, ich merke, wie mein sonst sehr fitter und starker Körper durch die Behandlung geschwächt ist. So soll das jetzt die nächsten Wochen weitergehen? Wie soll ich das schaffen?
Ich merke, wie sich Verzweiflung in mir breitmacht, die mir auch niemand in meiner Umgebung nehmen kann. Stundenlang liege ich auf der Couch oder im Bett und fühle mich wie ein überreifer Apfel, der nur noch mit einer Faser seines Stängels am Baum hängt und mit aller Kraft versucht, nicht auf den Boden zu fallen. Bisher gelingt es mir, auch durch das Schreiben dieses Tagesbuches.
DIENSTAG, 25. FEBRUAR 2020
Während der Karneval in Venedig wegen des Coronavirus (da war ja noch etwas, gefühlt allerdings noch ganz weit weg) abgesagt wurde, findet bei mir im Spitalszimmer eine Maskerade der etwas anderen Art statt. Es gibt sozusagen Chemo-Nachschlag in Runde eins. »Ende des ersten Zyklus« nennt sich das in der Medizinersprache. Nachdem mir zeitig in der Früh Blut abgenommen wurde und ich von Blutdruck bis Sauerstoffsättigung durchgecheckt wurde – das passiert von nun an vor jeder Behandlung – klopft es plötzlich an der Tür. Einer der Oberärzte öffnet sie, gefolgt von einer Entourage von Jungärztinnen und -ärzten sowie einer Krankenschwester. Sie alle sind maskiert. Allerdings nicht mit so kunstvollen, handgearbeiteten Masken wie in Venedig, sondern mit hellgrünen Spitals-Schutzmasken. »Wie wir es erwartet haben, ist die Anzahl Ihrer weißen Blutkörperchen durch die Therapie massiv gesunken. Deshalb müssen Sie ab sofort besonders vorsichtig sein. Das heißt, entweder Sie oder alle anderen müssen eine Maske tragen, um eine Ansteckung mit einem Virus oder einem Bakterium zu verhindern. Aber es läuft alles so, wie es sein soll.« Diesen letzten Satz höre ich fast nicht. Vielmehr manifestiert sich in mir der nächste Schock: Isolation. Maske. Immunsystem im Keller. Lauter Dinge, die ich vorher schon wusste, aber wie so oft in diesen Tagen: Wenn sie dann da sind, ist es noch einmal etwas anderes.
An die hellbraune Türe meines Zimmers wird ein folierter Zettel mit der Aufschrift »Schutzisolierung« geklebt, davor ein kleiner Wagen mit allerhand Hygieneartikel geparkt. Denn ab sofort darf das Krankenhauspersonal sowie Besuch nur noch mit Maske und Handschuhen zu mir ins Zimmer kommen. Ich fühle mich wie ein Aussätziger. Doch eine meiner Lieblingskrankenschwestern beruhigt mich gleich: »Das hat nichts damit zu tun, dass du krank bist, sondern ist dafür da, dass du nicht krank wirst.« Aber immerhin: Meine Blutwerte sind gut genug, damit wir mit der nächsten Infusionsrunde starten können. Der Chemo-Nachschlag ist im Gegensatz zur ersten Ladung fast ein »Portiönchen«. Zwei kleine Infusionen à zehn Minuten rinnen in mich hinein, fertig. Unglaublich, wie schnell ich mich an diesen Vorgang gewöhne, obwohl ich mein Leben lang bisher keine einzige Infusion bekommen habe.
Zur Sicherheit bleibe ich noch eine Nacht im Krankenhaus, um zu sehen, wie ich das Ganze vertrage. Zum Glück macht mein Körper ganz gut mit und so verbringe ich den Tag im Krankenhaus mit Herumgehen, Zeitunglesen und Fernschauen. Und egal wo ich hinschaue: Ohne Desinfektionsmittel und Schutzmaske komme ich nicht aus. Denn wie die Ironie des Schicksals es will, fällt meine Krankheit zeitlich genau mit dem Ausbruch des Coronavirus zusammen. Nie in meinem Leben habe ich mich mit Hygienemaßnahmen beschäftigt, jetzt tut es die ganze Welt. Wie geht richtiges Händewaschen? Welches Mittel tötet Bakterien und Viren ab? Soll man draußen eine Schutzmaske tragen? Wie gefährlich ist das neue Virus für Menschen? Auf letztere Frage gibt es immer eine Antwort: Vor allem Leute mit schwachem Immunsystem sollen aufpassen.
Bis vor wenigen Wochen hätte ich nicht zu dieser Gruppe gehört, jetzt ist das anders. Es ist ein komisches Gefühl, plötzlich derjenige zu sein, für den so etwas wirklich gefährlich werden könnte und nicht immer nur über »die anderen« zu sprechen. Nach einer kurzen Nacht im Spital darf ich endlich nach Hause. Die erste Runde ist geschafft und ich darf zum ersten Mal seit zehn Tagen – seitdem der Port-a-Cath in meine Brust operiert wurde – wieder richtig und ausgiebig duschen. Ich glaube, es ist die beste Dusche meines Lebens.
MITTWOCH, 26. FEBRUAR 2020
Zwei gute Nachrichten habe ich vor all der Aufregung fast verschwiegen: Die Entzündungswerte in meinem Blut sind weiter zurückgegangen. Laut meinem sympathischen Ober-Doc kamen die ganz eindeutig vom Hodgkin, was bedeutet, dass der Chemie-Anschlag schon Wirkung zeigt. Und einer der geschwollenen Lymphknoten an meinem Hals ist bereits weg. Ich kann es eigentlich gar nicht glauben, doch sooft ich mit meinen Fingern auch taste und suche, er ist nicht mehr da. Es ist ein richtig gutes Gefühl, zu merken, dass diese körperlich anstrengende Tortur bereits nach einer Woche Wirkung zeigt.
Apropos Wirkung: Die hat die Therapie auch auf meinen Appetit. Während ich mich die letzten Wochen eher zum Essen gezwungen habe und die Frage »Sag, hast du abgenommen?« auch schon gar nicht mehr hören konnte, schmeckt es mir plötzlich so richtig. Ob Schnitzel, Palatschinken, Paprikahendl oder einfach nur Schokolade, ich könnte essen ohne Pause. So oder so ähnlich muss sich das in einer Schwangerschaft anfühlen, denke ich mir oft. Aber nachdem die Ärzte davor gewarnt haben, dass ich keinesfalls Gewicht abnehmen soll und es beim Essen beinahe keine Einschränkungen für mich gibt, lange ich ordentlich zu. Und ich merke, wie mein Körper die Energie, die ich ihm zuführe, braucht. Übel ist mir zum Glück bisher kaum, trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Massen an Kalorien, die ich mir tagtäglich zuführe.
SAMSTAG, 29. FEBRUAR 2020
Es ist der 366. Tag des Jahres. Aber auch in einem Schaltjahr hat ein Tag nur 24 Stunden. Wobei das »nur« sehr relativ ist. Denn während in meinem »normalen Leben« die Zeit nur so verfliegt und ich gar nicht weiß, wie ich alles unterbringen und hineinpacken soll, können sich 24 Stunden zu Hause, in »Heim-Quarantäne«, wie eine Ewigkeit anfühlen. Was mache ich mit einem ganzen Tag ohne richtige Aufgabe? Für das Schreiben dieses Tagebuchs brauche ich maximal 45 Minuten. Bleiben immer noch 23 Stunden und 15 Minuten. Zieht man die Schlafenszeit von rund sieben Stunden ab, bleiben immer noch gute 16 Stunden zu füllen. Das ist viel. Weil ich die ersten Tage nach der Chemotherapie nicht allzu viele Menschen treffen sollte, um eine Ansteckung mit einem Virus – vielleicht sogar mit dem gefürchteten Coronavirus, der mich nach wie vor täglich in allen Medien begleitet – zu vermeiden, entscheide ich mich dafür, vorerst zu Hause zu bleiben und zwar in unserer Wiener Wohnung. Pitten, habe ich beschlossen, soll der Ort sein und bleiben, an dem ich direkt nach der Chemotherapie sein will, wenn ich mich besonders geschwächt fühle.
Ich probiere es zunächst mit Fernschauen. Auch wenn ich jetzt gegen mein eigenes Metier schreibe, tagesfüllend ist das leider nicht. Viel zu schnell wird mir langweilig, viel zu oft schweifen meine Gedanken ab und lassen sich nicht auf das, was sich da auf unserem riesigen Flatscreen abspielt, ein. Der nächste Versuch: Malen. Schon als Kind habe ich, neben meinen musikalischen Ausflügen zu Querflöte und Co, immer gerne gezeichnet und meine Eltern mit meinen Meisterwerken zwangsbeglückt. Vor ein paar Jahren hatte ich mir Malutensilien gekauft, die ich nun wieder zum künstlerischen Leben erwecken will. Ein, zwei Stunden mühe ich mich damit ab, einen bunten Kolibri nach einer Vorlage im Internet abzumalen. Das Ergebnis sieht nach dritter Klasse Volksschule aus, oder sagen wir, vielleicht nach vierter. Aber mir wird schnell klar, warum mein Weg mich in den Journalismus und nicht in die Kunstwelt geführt hat. Leben hätte ich davon nicht können. Immerhin knapp zwei Stunden des langen Tages hat mein Malausflug verbraucht.
Es ist Mittag, noch immer ist die Hälfte des Tages da. Sport? Wie wäre es mit Sport? Soll ich unbedingt machen, wenn es die Kraft zulässt, haben mir die Mediziner geraten. Nach einer ausgiebigen Laufrunde ist mir momentan nicht, dazu fehlt mir schlichtweg die Kraft. Aber eine Runde auf unserem neu angeschafften Hometrainer müsste doch drin sein. Vor meiner Krankheit war ich dem Sport fast verfallen. Täglich habe ich zumindest eine Stunde etwas für meine Fitness getan. Laufen, Radeln zu Hause, bis zu drei Mal die Woche habe ich Crossfit gemacht, ja, ich wundere mich auch noch über mich selbst. Doch während ich beim Radeln bis vor ein paar Wochen ein Hochintervall-Training abgespult habe, strengt mich heute allein der Gedanke daran an. Also werden es zwanzig Minuten auf der zweitniedrigsten Stufe sein, ganz gemütlich. Ein Opa-Fitness-Programm, das sich für mich in dieser Situation genau richtig anfühlt. Ich spüre, wie der Schweiß von meiner Stirn und meiner Brust perlt und es ist ein gutes Gefühl, einmal nicht von Medikamenten oder Behandlungen zu schwitzen, sondern von Bewegung.
Nach meinem Mini-Sportprogramm und einer kurzen Dusche ist noch immer relativ viel von diesem 29. Februar übrig. Was mache ich noch gerne? Telefonieren. Ich mache einen Rundruf durch meinen engen Freundes- und Familienkreis. Alle freuen sich, dass ich »so gut klinge« und sprechen mir Mut und Zuversicht zu. Vor allem, wenn wir über andere Dinge, über Alltägliches sprechen, so wie sonst, merke ich, wie gut sich diese »Normalität« anfühlt. Meine Telefonkonferenz ist beendet, der Abend ist noch immer nicht da. Zwischendurch lege ich mich einfach mal ins Bett, um etwas zu dösen, denk ich mir.
Doch ans Schlafen oder »Chillen« ist leider nicht zu denken. Viel zu aufgekratzt bin ich durch das Cortison, das ich täglich schlucken muss und auch durch die neue Situation, die ich zu Hause nach und nach erst so richtig begreife. Meine Gedanken kreisen um all die Worte, Bilder und Eindrücke, die in den letzten Tagen auf mich hereingeprasselt sind, um all die Höhen und Tiefen in dieser kurzen Zeit und um die Frage: Werde ich das überleben? Eine Frage, die ich mir in meinen bisherigen 36 Lebensjahren noch nie so konkret stellen musste, die Krankheit zwingt mich allerdings dazu. Ja, werde ich, das ist mein fester Beschluss. Auch wenn allein durch die Beschäftigung mit dem Tod in mir etwas zerbrochen ist. So fühle ich es zumindest. Die Zeiten der »Unsterblichkeit« sind vorbei und damit auch ein großes Stück Unbeschwertheit. Aber vielleicht ist das auch eine Chance, mehr Gelassenheit im Leben zuzulassen. Ich werde es herausfinden …
MONTAG, 2. MÄRZ 2020
Meine Haare und ich sind ein ganz eigenes Kapitel – nicht nur in diesem Tagebuch. Schon als Zehnjähriger wollte ich im gemeinsamen Italien-Urlaub mit meinen Eltern meinen Kopf oft nicht unter Wasser ins Meer tauchen, weil dadurch meine, zumindest für mich, stets perfekt gestylte Frisur zerstört worden wäre. Meine Familie hat meine mit viel Haargel und Wachs zurechtmodellierte pechschwarze Haarpracht stets »die Krone« genannt, natürlich nicht ohne genügend ironischem Unterton. Diese Krone ist zwar im Laufe der Jahre und Jahrzehnte etwas weniger geworden – Denkerstirn – aber im Gegensatz zu meinen beiden Brüdern darf ich das auf meinem Kopf auch mit Mitte dreißig noch als Frisur bezeichnen, ohne Haarsträhnen über irgendwelche kahlen Flächen frisieren zu müssen.
Auch beim täglichen Schminken fürs Fernsehen haben meine Haare stets eine wichtige Rolle gespielt. Sitzen sie gut und bin ich mit der Frisur zufrieden, war die halbe Miete schon gewonnen und das Selbstbewusstsein für die nächste Sendung da. Alle Maskenbildnerinnen, die mich im Laufe der Jahre geschminkt haben, haben relativ schnell gemerkt: Bei seinen Haaren greifen wir besser nichts an. Egal ob mit Spray, Kamm oder Fingern: Jeder Versuch, in meine Frisur einzugreifen, wurde nach wenigen Sekunden abgewehrt. Einige Kolleginnen haben sich darüber wohl geärgert oder gewundert, aber meine Frisur ist eben meine Frisur, an die nur ich ran darf – oder der beste Friseur der Welt, Mario, den ich die nächsten Monate aber leider nicht brauchen werde. Denn aus der »Krone« sind heute die ersten »Zacken« gefallen.
Kahlgeschoren bin ich ja schon seit kurzem, doch als ich mir heute durch die nachgewachsenen Haare fahre, halte ich plötzlich ein Büschel in der Hand. Zwanzig oder dreißig kurze schwarze Haare, wie von einem vertrockneten Malpinsel, der nach zu vielen Einsätzen seine Borsten lässt. Der Anblick lässt mich kurz erstarren. Binnen Sekunden laufen mir Tränen über die Wangen, obwohl ich die letzten Tage eigentlich ganz gut ohne zu weinen verbracht habe. Jetzt hat der Hodgkin wirklich einen wunden Punkt getroffen. Meine Haare. Etwas verquollen vom Weinen schaue ich in den Spiegel, rupfe an meinen kurzen Stoppeln herum und sehe, wie sich nach und nach weiße Flächen bilden. Da will ich nicht zuschauen.
Im Gegensatz zu uns verfügt meine Mutter als jahrelange Aushilfsfriseurin für meinen Vater über ein professionelles Haarschneidegerät. Nach einem kurzen Anruf steht sie auch schon in meinem Badezimmer und setzt zur Schur an. Aus dem, was noch da ist, wird leider kein wärmender Wollpullover mehr werden. Nach und nach spüre ich, wie meine Haare sich nun endgültig verabschieden. Bevor ich einen Blick in den Spiegel wage, fahre ich mir mit der Handfläche über die Glatze und spüre die kurzen Stoppeln. Es fühlt sich nackt an. Und fremd. Ganz im Gegensatz zu dem, was ich dann sehe, als ich mich schließlich traue, einen Blick in unseren Badezimmerspiegel zu werfen. Ich sehe aus wie mein jüngerer Bruder Daniel. Nachdem ihm mit Mitte zwanzig die ersten Haare ausgefallen sind, trägt er bereits seit langer Zeit Glatze und sie steht ihm ausgesprochen gut. Schon mit Haaren sind wir oft miteinander verwechselt worden. Jetzt wird uns das wohl öfter passieren.
Wieder mache ich ein Foto von mir und schicke es an meine engsten Freunde und Familie. Richtig geschockt scheint niemand zu sein. »Fesch schaust aus. Gefällt mir fast besser als vorher«, so lesen sich einige Reaktionen. So weit würde ich nicht gehen, aber ich muss gestehen, in meiner Vorstellung hat es ohne Haare viel schlimmer ausgesehen. Und ganz ehrlich: Pro Tag spare ich mir nun mindestens 15 Minuten, die das Styling meiner Frisur bisher in Anspruch genommen hat. Und auch der ein oder andere Blick in den Spiegel wird in den nächsten Wochen wohl überflüssig. Zeit, mit der ich wohl nicht nur während dieser Krankheit etwas Besseres anfangen kann.
DIENSTAG, 3. MÄRZ 2020
Für eine Rasierer-Werbung werde ich in nächster Zeit wohl nicht gebucht. Seit heute beginnt auch der Bart zu bröckeln und zu bröseln. Ich brauche keine scharfe Klinge, es reichen meine Finger, um die dunklen, dicken Haare ganz ohne Widerstand auszurupfen. Das tut weh. Nicht körperlich, aber emotional. Seit über 15 Jahren trage ich jetzt schon Bart, jetzt nur noch ein paar Tage. Ihn abzurasieren bringe ich noch nicht übers Herz, noch geht er als etwas lückenhaft und ungepflegt durch.
FREITAG, 6. MÄRZ 2020
Seit ich denken kann, muss ich meinen Nachnamen erklären. Dabei gibt es einen Ablauf, der fast bei jedem Gespräch ident ist und ungefähr so geht:
»Wie spricht man deinen Nachnamen aus. Budgen?«
»Nein, nicht so, wie man es schreibt, sondern ›Badschn‹, wie das Budget auf Englisch nur mit N.«
»Was, wirklich? So wie der Batschen, der Hausschuh?«
»Ja, so ähnlich, nur ist es halt Englisch und nicht Wienerisch.«
»Wieso Englisch? Du schaust so südländisch aus.«
»Ja, ich weiß. Aber mein Vater ist Engländer und der schaut genauso aus.«
»Ah. Das ist ja cool. Das heißt, du kannst bestimmt perfekt Englisch sprechen.«
»Nein, leider nicht. So wie alle anderen Wiener, die hier geboren und aufgewachsen sind.«
»Waaaaaaaas?! Du bist nicht zweisprachig aufgewachsen?!«
»Nein, bin ich nicht. Meine Eltern haben das bei meinem älteren Bruder versucht, es hat nicht so gut funktioniert und deshalb sind mein jüngerer Bruder und ich nur mit Deutsch aufgewachsen.«
»Na geh. Das ist aber schade.«
»Jo eh, ich weiß. Dafür habe ich zwei Pässe«.
Gefühlt tausend Male habe ich dieses Gespräch in meinem Leben geführt und mich genauso oft darüber geärgert. Und zwar über mehrere Dinge. Einerseits ist es wirklich erstaunlich, wie schnell man – auch von intelligenten und belesenen Menschen – in eine Schublade gesteckt wird. Dunkle Haare, braune Haut, Bart – der muss Südländer sein. Ich bin mir auch sicher, dass mir oft nicht geglaubt wird, dass mein Vater Engländer ist. Einmal bin ich sogar gefragt worden, warum ich denn so gut Deutsch könne und auch einer Schlägerei bin ich entgangen, weil ich ja »einer von uns« bin.
Andererseits bin ich auch verärgert darüber, dass ich nicht zweisprachig aufgewachsen bin. Wenn mich mein Vater schon mit einem Namen beschenkt hat, der nach so vielen Erklärungen verlangt, wäre es ganz cool, wenn man diesen fließend in seiner Vatersprache erklären könnte. What a pity. Ich schummle mich so wie viele andere in unserem Land mit meinem Schulenglisch durch die wenigen Gespräche und Mails, die ich in meinem Job und Privatleben nicht auf Deutsch verfassen oder führen muss. Als Telefonjoker dienen mir dabei stets meine Eltern, die mir bereits unzählige Male Interviewfragen oder Mails übersetzt haben. Natürlich nicht, ohne sich dabei jedes Mal meinen Vorwurf anzuhören, warum sie denn bei mir nicht mehr den Nerv dazu hatten, mir Englisch und Deutsch beizubringen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, auch mit 36.
Nachdem ich nach wie vor auf der Suche bin, meine Tage mit Sinnvollem zu füllen, habe ich beschlossen, mein Englisch aufzupolieren. Mein Vater, der jahrzehntelang als Banker gutes Geld verdient hat, hat sich in seiner Pension als Englischlehrer selbstständig gemacht. »The English Solution« heißt seine kleine Firma, mit der er vorwiegend Geschäftsleute aus der Immobilien- oder Bankerbranche schult. Jetzt bin ich dran. Nachdem wir uns kurzerhand auf zwei Einheiten pro Woche geeinigt haben, legen wir auch schon los. Mein Daddy ist dabei perfekt vorbereitet. Es gibt Listen mit Aufgaben, Arbeitsblätter und Hausübungen. Gesprochen wird in den neunzig Minuten ausschließlich auf Englisch. Anfangs ist es ein recht komisches Gefühl. Natürlich habe ich meinen Vater schon öfter Englisch sprechen gehört, aber nachdem er Deutsch perfekt beherrscht, haben wir es nie miteinander geübt.
Auch vom eigenen Vater »unterrichtet« zu werden fühlt sich irgendwie eigenartig an. Doch je länger die Einheit dauert, desto mehr lasse ich mich darauf ein und blamiere mich mit meinem gefährlichen Halbwissen zu Past Perfect Tense und Co. Unglaublich, wie viele Fehler man beim Englischsprechen macht, ohne es zu merken. Jetzt merke ich es, denn mein Vater macht mich schonungslos auf jedes falsche -ing oder has aufmerksam. Fehler, die für mich auch ein Ansporn sind. Ich kann und will die Zeit, in der mich der Hodgkin zur Quarantäne zwingt, nützen, um am Ende besser Englisch zu sprechen. Zwei Mal pro Woche werde ich ab jetzt daran feilen, auch wenn das zum ersten Mal nach der Studienzeit wieder Hausübungen bedeutet …
PS: Der Bart ist mittlerweile ab.
Pulsuz fraqment bitdi.